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Samstag, 13. Januar 2024

Creative Minority Report Nr. 12

Es ist mal wieder Zeit für das Wochenbriefing, Freunde; und ich denke, es ist nur fair, dass ich euch vorwarne: Es ist (mal wieder?) eine Ausgabe geworden, in der ich an dem, was von der alten Volkskirche noch übrig ist, nicht besonders viele gute Haare lasse. Ich bitte jedoch darum, das nicht einfach als übellauniges Dampfablassen aufzufassen. Wäre ich zur MEHR gefahren, könnte ich jetzt vielleicht über ermutigende geistliche Aufbrüche berichten, die hierzulande vorrangig "an den Rändern" der verfassten Kirche stattfinden und bei diesem Event erfahrungsgemäß so etwas wie ein Familientreffen feiern. Ja, ermutigende geistliche Aufbrüche gibt es, wie es sie in der Geschichte der Kirche schon immer besonders dann gab, wenn in der verfassten Kirche sehr viel im Argen lag. Aber über diese Aufbrüche zu schreiben, muss ich im Moment Anderen überlassen. Das ins Auge zu fassen, was im Argen liegt, ist schließlich auch eine wichtige, wenn auch vielleicht undankbare Aufgabe. Dass mir die zurückliegende Woche, und insbesondere das vorige Wochenende, dafür so viel Stoff geliefert hat, habe ich mir wahrlich nicht ausgesucht. Aber mal der Reihe nach... 



Was bisher geschah 

Das vorige Wochenende war davon geprägt, den Abschluss der Weihnachtszeit gebührend zu zelebrieren: Am Samstag, dem Hochfest der Erscheinung des Herrn, gingen wir nachmittags zu einer Festmesse in der Spandauer Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen, die zugleich den Auftakt zum Neujahrsempfang der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland bildete; am Sonntag, dem Fest der Taufe des Herrn, gingen wir wieder "normal" in Siemensstadt zur Messe und hielten nachmittags bei uns zu Hause eine Wohnungssegnungs-Andacht ab. Auf all dies, wie auch auf den besagten Neujahrsempfang, wird weiter unten noch ausführlicher einzugehen sein. Am Montag ging die Schule wieder los, und ich durfte mit Freude und Erleichterung feststellen, dass der Wiedereinstieg in den Alltag recht problemlos gelang; am Nachmittag war "Omatag". Am Dienstag hatten meine Liebste und ich ein "Elterngespräch" an der Schule des Tochterkindes; und falls das nach Problemen u./o. Ärger klingt, kann ich sagen: Nö, ganz im Gegenteil. Es handelte sich vielmehr um ein Gesprächsangebot der "Mentorin" (an anderen Schulen würde man wohl "Vertrauenslehrerin" o.s.ä. sagen) unseres Tochterkindes zum gegenseitigen Kennenlernen und um abzuklären, ob es seitens der Eltern Fragen, Wünsche oder Anliegen gibt und inwieweit der Eindruck der Eltern davon, wie das Kind an der Schule klarkommt, sich mit dem der Mitarbeiter deckt. Und ich darf wohl sagen, die Ergebnisse des Gesprächs waren durchweg erfreulich. Am Mittwoch ging ich dann endlich mal wieder mit dem Jüngsten in Heiligensee zur Werktagsmesse und zum anschließenden Gemeindefrühstück; besondere Vorkommnisse gab es da aber nicht, obwohl der leitende Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd die Messe zelebrierte. Am Freitag, also gestern, hielt ich mit dem Jüngsten, nachdem wir die Große zur Schule gebracht hatten, endlich mal wieder eine Lobpreisandacht ("Beten mit Musik") in St. Joseph Tegel ab. Um die Geduld des Knaben – der schon auf dem Weg zur Kirche angemahnt hatte, danach wolle er aber nach Hause und Ritter Rost gucken (allerdings nennt er ihn "Ritter Horst") –, beschränkte ich mich dabei auf einen der drei Psalmabschnitte aus der Terz, aber auch so stellte ich fest, dass ich nach dieser Andacht den ganzen Rest des Tages ausgeglichener und zufriedener war. Wir müssen das wieder öfter machen. 


Was ansteht 

An erster Stelle auf der Liste der bevorstehenden Herausforderungen steht natürlich der Kinderwortgottesdienst in St. Joseph Siemensstadt am morgigen Sonntag. Ich habe dabei freiwillig die Aufgabe übernommen, das Evangelium dieses Sonntags (Joh 1,35-42) für die "kleineren" Kinder auszulegen, also die, die noch nicht zur Erstkommunionvorbereitung gehen. Was ich mir dazu so überlegt habe, konnten Abonnenten der Patreon-Seite "Mittwochsklub" schon vorab erfahren; im nächsten Wochenbriefing verrate ich dann, wie's gelaufen ist. Am Dienstag ist an der Schule des Tochterkindes "Elterncafé", ich bin mir aber noch nicht sicher, ob ich da hingehe; am Mittwoch ist zum ersten Mal seit den Weihnachtsferien JAM, ich denke mal, da wollen wir bestimmt hin. Und am nächsten Samstag findet in einer charismatischen Freikirche in Hohenschönhausen ein überkonfessioneller Gebetstag unter dem Motto "eins in Christus" statt – das verspricht spannend zu werden... 


Blüh im Glanze dieser gesellschaftlichen Relevanz (aber nicht mehr lange) 

Wie oben schon erwähnt, fand am Hochfest der Erscheinung des Herrn der erste Neujahrsempfang der Anfang des vorigen Jahres gegründeten Großpfarrei Heilige Familie statt; in meiner Eigenschaft als Wichtelgruppenleiter war ich dazu eingeladen worden, und natürlich nahm ich meine Familie dorthin mit. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob das eine gute Idee war, aber urteile selbst, Leser. 

Vor dem Empfang wurde, wie schon gesagt, erst einmal Messe gefeiert; dem Anlass angemessen stand der Pfarrer der Großpfarrei Heilige Familie der Messe vor, während ganze vier Pfarrvikare konzelebrierten. Die Predigt hielt indes weder der Pfarrer noch der unbestritten beste Prediger unter den Pfarrvikaren, sondern der Krankenhausseelsorger des Spandauer Vivantes-Klinikums, den wir zuvor erst einmal in einer Messe erlebt hatten. Ich denke, man darf sagen, die Predigt war nicht sonderlich bemerkenswert. Zu einem wesentlichen Teil war sie als Frage-und-Antwort-Spiel mit den Sternsingern gestaltet, die auch sonst eine gewichtige Rolle in der Messe spielten. Nicht zuletzt bei den Fürbitten, die unverkennbar aus den Materialien des Kindermissionswerks für die diesjährige Sternsingeraktion stammten und in denen es um die indigene Bevölkerung des Amazonasgebietes, um den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, um die Rodung des Regenwaldes, den Krieg um Rohstoffe und Naturkatastrophen, die durch  den Klimawandel verursacht werden. Kurz, es handelte sich um diese berüchtigte Sorte von Fürbitten, die sich bloß vorgeblich an Gott richtet und eigentlich darauf abzielt, bei der Gemeinde ein Bewusstsein für bestimmte Themen zu wecken. Darüber habe ich mich in anderem Zusammenhang schon mal ausgelassen: Gott wird in solchen Fürbitten behandelt wie eine Handpuppe im therapeutischen Rollenspiel. – Als ein ähnlich großes Ärgernis empfand ich die Ansage einer Sternsinger-Leiterin, nach der Messe könne man an den Ausgängen der Kirche "gegen eine großzügige Spende" Türaukleber mit der Segensaufschrift 20+C+B+M+24 erwerben. Für einen Segen bezahlen, erfüllt das nicht den Tatbestand der Simonie? Meine Liebste urteilte pragmatisch: So einen Aufkleber wollten wir auf jeden Fall haben, und den Kindern macht es Freude, wenn man ihnen Kleingeld in die Hand drückt, damit sie es in ein Spendenkörbchen werfen. 

Dann ging's rüber in den Pfarrsaal, wo ein üppiges Fingerfood-Büffet aufgetafelt war – an dem man sich aber vorerst noch nicht bedienen durfte, denn auf der Bühne am anderen Ende des Saales hatte ein Kammerorchester Platz genommen, und obendrein bat der Vorsitzende des Pfarreirats nachdrücklich um Gehör. Anders ausgedrückt ermahnte er die in Grüppchen herumstehenden und angeregt plaudernden Besucher der Veranstaltung wiederholt, sich hinzusetzen und ihre Gespräche einzustellen, "damit wir beginnen können". Als dieser Aufforderung endlich Folge geleistet wurde, gab's erst mal Musik und dann eine Ansprache, nämlich von ebendiesem Pfarreiratsvorsitzenden. 

Gleich eingangs erklärte er, dieser erste Neujahrsempfang der neuen Großpfarrei unterscheide sich wesentlich von den früheren Neujahrsempfängen der in ihr aufgegangenen Einzelpfarreien, bei denen es vorrangig um die Würdigung des Engagements der Ehrenamtlichen gegangen sei. So kannte ich's auch aus der Tegeler Pfarrei, und bei aller Kritik an dem darin zum Ausdruck kommenden Verständnis von oder Verhältnis zu ehrenamtlichem Engagement, die mir dazu durchaus einfiele, fand ich die Aussage, dass es darum hier und jetzt nicht gehen solle, doch gelinde gesagt interessant.  Es gehe vielmehr, so erläuterte der Pfarreiratsvorsitzende, darum, die Kirche innerhalb der Gesellschaft zu repräsentieren und sich als Pfarrei mit den lokalen politischen und gesellschaftlichen Institutionen zu vernetzen; aus diesem Grund waren auch der Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Spandau/Charlottenburg-Nord, der Bezirksbürgermeister und weitere Honoratioren, die ich mir im einzelnen nicht gemerkt habe, zu diesem Empfang eingeladen worden und tatsächlich erschienen.  – Als in der Ansprache allen Ernstes das Schlagwort "Sozialpartner" fiel, musste ich unwillkürlich an das Gedicht "Bildzeitung" von Hans Magnus Enzensberger denken, das ich in der 11. Klasse im Deutschunterricht interpretieren durfte und in dem es heißt: 

"Sozialvieh Stimmenpartner, 
du wirst stark sein". 

Es wurde aber noch bizarrer, denn den Hauptteil seiner Ansprache baute der Pfarreiratsvorsitzende auf dem fragwürdigen Einfall auf, die biblische Erzählung von den Sterndeutern auf dem Weg nach Bethlehem als Metapher für den "Pastoralen Prozess 'Wo Glauben Raum gewinnt'" und somit für die Pfarreienfusion auszudeuten, aus der die Großpfarrei Heilige Familie hervorgegangen ist. Ich empfand das als unangenehm bezeichnend dafür, in was für einem zutiefst ungesunden Maße der institutionelle Apparat der Kirche auf sich selbst fixiert ist: Selbst die biblische Heilsbotschaft wird nur noch als ein Narrativ verstanden, das der eigenen Selbstbespiegelung dient. Und offenbar ist das so sehr zur Normalität geworden, dass es kaum noch auffällt, geschweige denn Anstoß erregt. 

Dass der Redner am Ende seiner Ausführungen die Anwesenden dazu aufrief, miteinander ins Gespräch zu kommen, wirkte einigermaßen ironisch, wenn man bedenkt, wie energisch er ebendieses Miteinander-ins-Gespräch-Kommen zuvor unterbunden hatte; und erst recht angesichts des Umstands, dass auch jetzt noch keine Gelegenheit dazu war: Erst spielte die Musik noch einmal, dann musste auch der Pfarrer noch eine Ansprache halten, und ob es danach nochmals Musik gab, daran habe ich keinerlei Erinnerung mehr: Meine Gedanken waren inzwischen gänzlich auf das Büffet fixiert, das dann irgendwann auch wirklich eröffnet wurde. Immerhin, das Essen war lecker, und wir bedienten uns reichlich. Aber ob es sich dafür gelohnt hat...? 


Nun, sagen wir so: So bizarr diese Veranstaltung im Ganzen auch war, so illustrativ war sie andererseits auch, wenn man sie pars pro toto betrachtet: als verkleinertes Abbild von Tendenzen, die für den Zustand der institutionellen Kirche in Deutschland insgesamt bezeichnend sind. Da sonnt man sich im geborgten Glanz einer gesellschaftlichen Relevanz, von der man eigentlich wissen könnte oder müsste (Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, schon mal gehört?) , dass es mit ihr unweigerlich zu Ende geht; man feiert, als wüsste man nicht, dass die Titanic mit Volldampf auf einen Eisberg zusteuert. Tatsächlich weiß man es natürlich sehr wohl. Um es mal ein bisschen (aber wohl gar nicht so sehr) überspitzt auszudrücken: Der ganze Synodale Weg dient letztlich dem Zweck, dass die Kirchenfunktionäre weiterhin solche Empfänge geben können, mit Bundestagsabgeordneten und Bezirksbürgermeistern (oder, auf höheren Ebenen, dem Bundeskanzler und Helene Fischer) Lachsschnittchen essen und klassischer Musik lauschen. Dafür ist es notwendig, dass die Kirche als respektable und nützliche Partnerin der Zivilgesellschaft wahrgenommen wird und nicht als ein Haufen ewiggestriger, homophober religiöser Fundamentalisten. – In den Kategorien der "Fünf Phasen der Trauer" nach Elisabeth Kübler-Ross ausgedrückt, kann man vielleicht sagen, an der Basis befindet sich die institutionelle Kirche angesichts des Verlusts ihres gesellschaftlichen Ansehens vielerorts noch tief in Phase 1, Leugnen, während die Akteure des Synodalen Weges schon mit Phase 3, Feilschen bzw. Verhandeln, beschäftigt sind. Was mich betrifft, bin ich allmählich so weit, mich auf die Zeit zu freuen, wenn die Kirche diese Art von gesellschaftlicher Relevanz nicht mehr hat. Dann sucht sich ein Großteil der Verbandsfunktionäre und Gremienfuzzis vielleicht ein neues, prestigeträchtigeres Betätigungsfeld, und die Kirche kommt mal wieder dazu, sich darauf zu besinnen, was eigentlich von Jesus Christus her ihr Auftrag ist. 


Taufe des Herrn: Vermischte Eindrücke 

Eigentlich hatten wir den Besuch bei diesem Neujahrsempfang vorrangig mit der Hoffnung verbunden, es würde sich eine Gelegenheit ergeben, mit dem Pfarrer und/oder dem für Siemensstadt und Haselhorst zuständigen Pfarrvikar über Perspektiven für einen Ausbau unseres Engagements in der Pfarrei ins Gespräch zu kommen, aber wie sich zeigte, war dazu absolut keine Gelegenheit. Vielleicht hätte sich noch eine ergeben, wenn wir länger geblieben wären, aber dafür reichte die Geduld der Kinder, und ehrlich gesagt nicht nur ihre, nicht aus. Daher sagten wir uns, statistisch gesehen stünden die Chancen ja nicht schlecht, dass einer der beiden genannten Geistlichen tags darauf die Messe in St. Joseph Siemensstadt feiern würde. 

Wir hatten jedoch kein Glück: Die Messe wurde vom Krankenhausseelsorger zelebriert, der übrigens auch größtenteils wieder die gleiche Predigt hielt wie am Abend zuvor in der Pfarrkirche. Aber dazu später. Die musikalische Gestaltung dieser Messe lag in den Händen einer Band – mit Schlagzeug, E-Bass, zwei Gitarren und Saxophon. Die Band hieß, wie man auf dem Schlagzeug sowie auf den Polohemden der Musiker lesen konnte, "Exodus"; das war in den 70er Jahren nicht nur ein Song und Albumtitel von Bob Marley, sondern auch ein beliebter und häufiger Bandname in der NGL-Szene. Es gab damals zum Beispiel in Marl am Rande des Ruhrgebiets eine Band namens Exodus, die christlichen Prog-Rock machte – gar nicht mal uninteressant, aber damit hatte diese Band nicht viel gemeinsam. Die vier Herren und eine Dame spielten mit dem Elan einer Schülerband, leider aber auch mit den instrumentellen Fähigkeiten einer solchen, obwohl sie bestimmt seit rund 40 Jahren (einige Bandmitglieder mehr, andere weniger) aus der Schule raus sind. Und ein Mischpult gab es zwar, aber offenbar war es auf "gleichmäßig laut" eingestellt. Als jemand, der selbst mal Schlagzeug gespielt hat, sage ich es ungern, aber angesichts der Akustik des Kirchenraums hätte man das Schlagzeug lieber weglassen sollen – oder zumindest, anstatt es noch zu verstärken, die Bass Drum mit einem dicken Daunenkissen abdämpfen und die übrigen Trommeln und Becken nur mit Besen spielen sollen. Dann hätte man auch die anderen Instrumente, insbesondere die Gitarren, nicht so stark aufdrehen müssen und hätte vielleicht einen etwas differenzierteren Sound hingekriegt. So war das Ganze das akustische Äquivalent zur Faust aus der Kaffeetasse in der legendären Onko-Kaffee-Werbung

Was die Liedauswahl anging, war es wenig überraschend, dass die Gruppe bevorzugt Lieder spielte, die in ihrer Jugendzeit im kirchlichen Kontext als modern galten. Das begann beim Kyrie mit "Kyrie, guter Gott" (auch genannt "In Ängsten die einen") vom unvermeidlichen Peter Janssens – aus zeitgeschichtlicher Sicht ein durchaus interessantes Stück, denn Janssens hat es seinerzeit für den Evangelischen Kirchentag 1975 in Frankfurt am Main komponiert, der unter dem Motto "In Ängsten – und siehe, wir leben" stand. Wenn da nun die erste Strophe mit den Versen beginnt "In Ängsten die einen, und die anderen leben", dann darf man das wohl als eine gezielte Provokation gegen das Kirchentagsmotto auffassen. Inwieweit ein derart in seiner Zeit verwurzeltes Lied dazu taugt, ein halbes Jahrhundert später im Gottesdienst gespielt zu werden, sei indes mal dahingestellt. Zur Gabenbereitung gab es ein Lied neueren Datums,  "Wenn wir das Leben teilen wie das täglich Brot" von Hans Florenz und Michael Wackenheim (2001); danach ging es aber mit Oldschool-NGL weiter. Zum Sanctus wurde, aus liturgischer Sicht etwas weit hergeholt, "Singt dem Herrn, alle Völker und Rassen", wiederum von Peter Janssens, gespielt; ich hätte gedacht, das ist heutzutage wegen des R-Worts im Titel mindestens so ein No-Go wie Blackfacing bei den Sternsingern, aber ironischerweise fand ich dieses Lied von allen, die die Band vortrug, am besten (ums in aller Deutlichkeit zu sagen: sowohl in Hinblick auf Janssens' Komposition als auch auf die Performance der Band). Zum Agnus Dei gab's dankenswerterweise kein Lied, dafür aber während der Kommunion "Herr, deine Liebe ist wie Kraut und Rüben" (auch wieder mit dem R-Wort im Text: "Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen") und als Danklied nach der Kommunion "Lasst uns miteinander" – das fand ich als Kind schon Scheiße. Zum Auszug wurde "Herr, wir bitten: Komm und segne uns" (Peter Strauch, 1977) gespielt; Fun Fact: Das geht liturgisch gar nicht. Dazu ein kleiner Exkurs aus dem Nähkästchen: Als vor über 30 Jahren mein Firmkurs unter der Leitung meiner älteren Schwester einen Jugendgottesdienst in Herz Mariä Burhave gestalteten, wollten wir "Komm, Herr, segne uns" von Dieter Trautwein (1978) als Auszugslied nehmen; das wurde uns vom Pfarrer kurzerhand verboten, weil es liturgisch nicht geht. Warum nicht? Weil der Segen bereits erteilt wurde. Ein Lied, das vom Text her im Wesentlichen eine Segensbitte darstellt, zu singen, nachdem der Priester bereits einen Segen gespendet hat, erweckt den Eindruck, dass man die Vollmacht des Priesters, zu segnen, nicht so richtig ernst nimmt. An diese Beobachtung ließen sich übrigens so allerlei Reflexionen zu Themen wie "Segensfeiern für Paare, die sich lieben", "Kommunionempfang für alle" usw. anknüpfen, aber das würde hier und jetzt wohl zu weit führen. 

Eine Zugabe brachte die Band schließlich auch noch: "Stern über Bethlehem" (Alfred Hans Zoller, 1963), thematisch passend zur Mitwirkung der Sternsinger am Gottesdienst. Genau das Lied hatte ich in den Tagen zuvor auch auf der Gitarre eingeübt, um es zum Auftakt unserer privaten Wohnungssegnungs-Andacht (s.u.) spielen zu können; und eine interessante und etwas skurrile Geschichte hat das Lied auch: Es stammt aus dem Jahr 1964 und somit aus der Urzeit des NGL-Genres, aber 40 Jahre später kombinierte das Dance-Pop-Duo Groove Coverage die Melodie mit einem anderen Text ("She") und landete damit einen Top-20-Hit in den deutschen und österreichischen Single-Charts. 

Ich bin übrigens nach der Messe von mehreren Personen darauf angesprochen worden, wie mir die Musik gefallen hätte, und ich hatte den Eindruck, dass sie von mir ein positiveres Urteil erwartet hätten. Ich halte das für ein bezeichnendes Missverständnis. Erst vor ein paar Wochen habe ich hier die Idee in den Raum gestellt, auf mittlere Sicht in der Siemensstädter Gemeinde eine Lobpreisband aufzubauen; nun habe ich die Befürchtung, wenn ich diese Idee ins Gespräch zu bringen versuchte, würde ich zu hören bekommen, so etwas gäbe es in der Gemeinde doch schon. Dass zwischen NGL und Lobpreis Welten liegen, dürfte Leuten, für die beides lediglich in die Kategorie "Mal was anderes als Choräle mit Orgel" fällt, schwer zu vermitteln sein. – Nun aber genug zu diesem Thema! Kommen wir lieber mal dazu, was es über diese Messe sonst noch zu sagen gibt. 

In ähnlichem Ausmaß wie die Messe am Vortag in der Pfarrkirche war stand auch diese im Zeichen der Sternsingeraktion; es gab dieselben Fürbitten, und ein Kurzvortrag zum Spendenzweck der Aktion durfte auch nicht fehlen. Wir erinnern uns, dass bei den Siemensstädter Sternsingern eigentlich auch mein Tochterkind hätte mitmachen sollen; und ich hatte – auch wenn ich da nicht nachbohren mochte – ein bisschen den Eindruck, dass sie jetzt, als sie die Sternsinger in ihren farbenprächtigen Kostümen in den ersten Bankreihen sitzen sah, doch ins Grübeln kam, ob sie nicht gern dabeigewesen wäre. Die Chancen für nächstes Jahr stehen also vielleicht nicht schlecht; das Problem ist nur, dass ich mir angesichts der doch sehr ungeistlichen, NGO-mäßigen Ausrichtung des Kindermissionswerks nicht mehr so sicher bin, wie ich das finde. Ein klassisches Dilemma: An und für sich würde ich schon gern wollen, dass meine Kinder beim Sternsingen mitmachen – aber fürs Kindermissionswerk? – Ich schätze, dieses Problem wird uns auch in den kommenden Jahren noch weiter beschäftigen. 

Von der Predigt – genauer gesagt von dem Teil, der sich auf die Lesungstexte vom Tag bezog und sich somit von der Predigt vom Vortag unterschied – ist lediglich ein Detail bei mir hängengeblieben: Den Vers Jesaja 55,1 aus der 1. Lesung – "Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld und ohne Bezahlung Wein und Milch!" – versuchte der Prediger mit dem Hinweis zu veranschaulichen, manch einer habe wohl schon einmal die Erfahrung gemacht, im Supermarkt an der Kasse zu stehen und mit Schrecken festzustellen, dass man gar kein Geld dabei habe. Auffällig fand ich es, dass er offenbar nicht einmal in Erwägung zog, dass er Zuhörer vor sich haben könnte, die schon einmal die Erfahrung gemacht haben, zu einem gegebenen Zeitpunkt tatsächlich kein Geld zum Einkaufen zu haben, und nicht nur deshalb, weil sie ihr Portemonnaie zu Hause haben liegen lassen. Da war wohl wieder einmal ein Phänomen am Werk, das ich schon vor Jahren einmal anlässlich einer Predigt in Herz Jesu Tegel kritisiert habe: die stillschweigende Überzeugung, die Gemeinde bestehe aus einem gutbürgerlichen Juste Milieu. Anders ausgedrückt, ein Selbstverständnis "von Kirche", aus dem die Armen und die Bedürftigen prinzipiell ausgeschlossen sind. Eine Kirche der Bürgerlich-Gutsituierten, der Satten und Zufriedenen. Irgendwie passte das ja auch nur allzu gut in das Bild, das die Pfarrei am Abend zuvor beim Neujahrsempfang abgegeben hatte. 

Ein paar Pluspunkte sammelte der Zelebrant dadurch, dass er die Vermeldungen kurzerhand wegließ – die seien ja schließlich im Schaukasten ausgehängt –, aber im nächsten Moment verspielte er diese schon wieder mit einer jovial sein sollenden Bemerkung darüber, dass die Schulferien ja nun zu Ende seien und dass die Eltern darüber ja bestimmt froh seien. – Ja, ja, ich weiß, es ist in unserer Gesellschaft unheimlich verbreitet, es als normal und selbstverständlich darzustellen, dass Eltern froh und erleichtert sind, wenn sie die Verantwortung für ihre Blagen in fremde Hände abgeben können, und Witze darüber zu machen, was für eine Zumutung es für Eltern sei, sich mal für längere Zeit, und nicht nur für ein paar Stunden am späten Nachmittag bzw. frühen Abend, selbst um ihre Sprösslinge kümmern zu müssen. Die Sozialen Netzwerke sind voll davon. Aber so etwas in der Kirche zu hören, hat dann doch nochmal eine andere Qualität. – Die mehr oder weniger deutlich implizierte Annahme, die Kinder freuten sich im Gegensatz zu den Eltern nicht über das Ende der Ferien, relativierte der Priester immerhin gleich wieder, indem er zu den anwesenden Schulkindern sagte "Vielleicht habt ihr ja Freunde in der Schule und freut euch auf das Wiedersehen mit ihnen"; aber die Auffassung, grundsätzlich und an und für sich sei die Schule kein Ort, wo man gern hingeht, kam doch deutlich genug zum Ausdruck. Ich kann nur sagen, ich bin froh, dass mein Tochterkind eine Schule besucht, die in dieser Hinsicht (und nicht nur in dieser) anders ist. Gleichzeitig glaube ich auch sagen zu können, dass es sowohl den Kindern als auch den Erwachsenen in meiner Familie gut getan hat, in den Ferien mehr gemeinsame Zeit als ganze Familie verbringen zu können, als das im Schulalltag möglich ist. 


Haussegen prima selbermachen 

Immerhin hatte ich vor Beginn der Messe die Gelegenheit genutzt, zusammen mit dem Tochterkind etwas Weihwasser in ein Schraubglas zu zapfen, und ausgerüstet mit diesem, dem am Vortag erworbenen Sternsinger-Türaufkleber, einer aus einer vergangenen Osternacht mitgenommenen Kerze und meiner treuen Gitarre machten wir uns, als wir wieder zu Hause waren und die gesetzliche Mittagsruhezeit vorbei war, daran, eine Wohnungssegnungs-Andacht zu feiern. Die Vorlage dafür hatte ich im Internet gefunden, präzise gesagt auf der Seite des Bischöflichen Jugendamtes Augsburg, und ich kann diese Andacht wirklich nur empfehlen. Wir begannen sie im Treppenhaus vor unserer Wohnungstür, und ich fand es fast schade, dass keine Nachbarn vorbeikamen und sich wunderten, was wir da machten. Weitere Stationen der Wohnungssegnung waren das Wohnzimmer, die Küche, das Schlafzimmer, das Kinderzimmer und die Vorratskammer, theoretisch auch das Arbeitszimmer, aber ein solches gibt es in unserer Wohnung nicht. Der Abschluss, mit Vaterunser und Ave Maria, fand dann wieder im Wohnzimmer statt. Ich glaube, dass diese Andacht gerade auch für die Kinder eine tolle Sache war; dafür kann man auch schon mal auf den Besuch der Sternsinger verzichten... 




Outtakes 

Der Gliederungsentwurf für dieses Wochenbriefing sah an dieser Stelle zunächst noch zwei weitere Unterrubriken vor: Das Thema "Sternsingeraktion" wollte ich durch einen Blick auf die Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland abrunden, und außerdem wollte ich noch etwas über die jüngste Kritik des BDKJ-Vorsitzenden Gregor Podschun an "Fiducia Supplicans" schreiben. Aus Zeit- und Platzgründen habe ich mich jedoch entschieden, beides wegzulassen, und hoffe, dass ich es schaffe, im Laufe der Woche außerhalb der Wochenbriefing-Reihe darauf zurückzukommen. Vielleicht auch zuerst bei Patreon... 


Geistlicher Impuls der Woche 
Im Bau der Arche und im Kommen der Flut verbergen sich viele Mysterien. Zunächst einmal dieses: Wie der Herr selbst zeigt, weist die plötzliche Überschwemmung durch die Flut hin auf die nicht voraussehbare Stunde des Letzten Gerichts: "Wie es zur Zeit des Noach war, so wird es auch in den Tagen des Menschensohnes sein. Die Menschen aßen und tranken und heirateten bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche stieg; dann kam die Flut und vernichtete alle" (Lk 17,26.27). Der Bau der Arche bezeichnet die Zeit der ganzen Welt, in der die heilige Kirche aufgebaut und zur Vollendung geführt wird. Das Ende der Welt wird kommen, wenn alle in die Kirche eingetreten sind, die Gott zum ewigen Leben vorausbestimmt hat. Nach dieser Deutung bezeichnet die Arche offenbar die Kirche, Noach den Herrn, der seine Kirche aufbaut, die Flut das Ende der Welt oder das Letzte Gericht. Nach einer anderen Erklärung bedeutet die Arche die Kirche, die Flut das Wasser der Taufe, in dem die Kirche selbst in all ihren Gliedern abgewaschen und geheiligt wird, nach dem Apostel Petrus, der erklärt: "In den Tagen Noachs wartete Gott geduldig, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi" (1 Petr 3,20.21). 
(Beda Venerabilis, Auslegung zum Buch Genesis) 


Ohrwurm der Woche 

Tori Amos: Winter 

War's bei Euch auch so kalt in der letzten Woche? – Wie dem auch sei: Dieses Frühwerk von Tori Amos (von ihrem Solo-Debütalbum "Little Earthquakes", 1992) habe ich nicht allein aus jahreszeitlichen Gründen für den "Ohrwurm der Woche" ausgewählt. Dieses Lied hat mich von jeher stark berührt, auch schon, als ich noch nicht Vater einer Tochter war; und jetzt tut es das desto mehr, je größer und selbständiger das Tochterkind wird. 




Samstag, 6. Januar 2024

Creative Minority Report Nr. 11

Herzlich willkommen zum ersten Wochenbriefing des Jahres 2024! Ich bin zwar weder bei der MEHR noch in Rom und auch nicht beim Dreikönigs-Bloggertreffen in Köln, aber trotzdem hat das Jahr spannend begonnen – und es spricht alles dafür, dass es auch spannend weitergeht! Daher will ich mich auch gar nicht lange mit der Vorrede aufhalten... 

Prost Neujahr! 
(Wandgemälde/Halbrelief an einer Hauswand in Berlin-Tegel) 

Was bisher geschah 

Nach den im vorigen Wochenbriefing geschilderten Mißhelligkeiten am 4. Adventssonntag waren wir darauf gefasst, dass es auch am folgenden Sonntag zu liturgischen Komplikationen kommen würde; merke: Wenn Heiligabend auf den 4. Adventssonntag fällt, dann fällt Silvester auf den Sonntag in der Weihnachtsoktav (und mithin auf das Fest der Heiligen Familie). Immerhin waren wir aus Schaden soweit klug geworden, dass wir uns diesmal rechtzeitig über die Gottesdienstzeiten informierten und es so vermeiden konnten, am Sonntagvormittag erneut vor verschlossenen Türen zu stehen. Stattdessen schliefen wir erst mal aus, frühstückten in aller Ruhe und gingen am Nachmittag erst in die EFG The Rock Christuskirche und danach nach St. Stephanus – Näheres dazu unter "Auf der anderen Straßenseite" und "Predigtnotizen". – Nicht vorenthalten möchte ich meinem Lesern übrigens den Kommentar des Tochterkindes zum Thema Silvesterfeuerwerk: "Die, die nach was aussehen, sind toll. Aber die, die bloß Krach machen, sind langweilig wie eine leere Bananenschale." 

Wegen des Neujahrstags wurde der wöchentliche "Omatag" von Montag auf Dienstag verlegt, und statt eines "normalen" Oma-Besuchs gab es einen gemeinsamen Ausflug zum Holland-Park in Schwanebeck. Am Mittwoch fanden wir endlich mal die Muße, Plätzchen zu backen – wozu wir während der ganzen Adventszeit nicht gekommen waren. 



Am Donnerstag traf sich in St. Joseph Siemensstadt der KiWoGo-Arbeitskreis; auch dazu gibt's weiter unten Näheres. Später, als ich wieder zu Hause war, schauten wir mal in den kostenlosen Live-Stream vom Eröffnungsabend der MEHR-Konferenz rein, hatten aber Pech und gerieten lediglich an ein Moderations-Panel, das an ganz ganz schlechtes Teleshopping aus den Nuller Jahren erinnerte. Im Ernst gesagt finden wir es durchaus schade, dieses Jahr nicht bei der MEHR dabei zu sein, aber zum Ausgleich hielten wir gestern und heute jeweils nach dem Frühstück eine kleine Familien-Gebetszeit mit Lobpreismusik. Sollte man überhaupt öfter machen. 


Was ansteht 

Während dieses Wochenbriefing online geht, bin ich, sofern alles nach Plan läuft, beim Neujahrsempfang der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland, und ich hoffe und erwarte, dass es darüber nächste Woche allerlei zu berichten geben wird. Am Montag geht die Schule wieder los, was bedeutet, dass ich tagsüber wieder ziemlich viel Zeit mit meinem Jüngsten verbringen werde. Vielleicht (hoffentlich) machen wir ein paar Kirchen in der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd unsicher. Ansonsten steht noch nichts im Terminkalender... 



Auf der anderen Straßenseite 

Wie oben schon erwähnt, hatten wir uns diesmal rechtzeitig über die Gottesdienstzeiten in unserer Wahl-Pfarrei informiert, und nachdem wir festgestellt hatten, dass es am Sonntag in der Weihnachtsoktav morgens bzw. vormittags keine Messe in Siemensstadt oder Haselhorst gab, dafür aber um 18 Uhr eine "Jahresschlussmesse" in St. Stephanus Haselhorst, kam meine Liebste auf die Idee, dass wir dann ja vorher zum freikirchlichen Gottesdienst in der EFG The Rock Christuskirche gehen könnten – der fing nämlich um 15 Uhr an. Ich fand die Idee gut – zumal wir vor den Ferien zweimal nicht beim JAM waren und unsere religiöse Praxis als Familie insgesamt, ausgerechnet in der Adventszeit, einigermaßen darunter gelitten hatte, dass wir alle reihum krank gewesen waren. Da hatten wir nun einen gewissen Nachholbedarf. 

Wir machten uns also am frühen Nachmittag auf den Weg nach Haselhorst; unser Jüngster schlief auf dem Weg dorthin im Kinderwagen ein, darum blieb meine Liebste mit ihm im Foyer, während das Tochterkind und ich uns Plätze im Gottesdienstraum suchten. – Es mag ein Klischee über freikirchliche Gemeinden im Vergleich zu volkskirchlichen Gemeinden sein – Lothar Zenetti schilderte ein entsprechendes Erlebnis schon 1966 –, aber wahr ist es nun einmal trotzdem: Ich war beeindruckt von der Herzlichkeit, mit der die Gemeindemitglieder einander, und übrigens auch uns, vor Beginn des Gottesdienstes begrüßten. Leute, die wir maximal vom Sehen kannten, behandelten uns wie lange nicht gesehene alte Freunde, und einige, die wir tatsächlich ein bisschen besser kannten – hauptsächlich JAM-Mitarbeiter – betonten, wie sehr sie sich freuten, dass wir gekommen waren. 

Eröffnet wurde der Gottesdienst mit einem Lied ("Herr der ganzen Schöpfung"), dann folgten ein paar Worte zur Begrüßung, und dabei erfuhren wir auch, dass bei diesem Gottesdienst ein paar Dinge anders sein würden als "sonst". Zum Beispiel, dass es diesmal kein separates Kinderprogramm gab. Tatsächlich waren auch gar nicht so viele Kinder da, aber diese wenigen kannten wir alle vom JAM. – Eine weitere Besonderheit dieses Jahresend-Gottesdienstes war es, dass es, wie angekündigt wurde, anstelle einer Predigt mehrere "Zeugnisse" von Gemeindemitgliedern geben würde: Verschiedene Personen aus der Gemeinde würden davon erzählen, wie "ihr Weg mit Gott" im zurückliegenden Jahr verlaufen sei. 

Auf die Begrüßungsansprache folgte ein Gebet, und dazu wurde angesagt, wer könne, möge bitte aufstehen; daran schloss sich ein "Lobpreis-Block" an, und dazu setzte die Gemeinde sich wieder hin. Erst einmal folgte ich schlicht dem Herdentrieb und nahm auch wieder Platz, aber gleich darauf dachte ich: Moment mal. Es gibt Lobpreis, und alle setzen sich? Versteh' ich nicht. Als dann auch noch "So bist nur du" ("Our God") als erstes Lied gespielt wurde, hielt es mich nicht mehr auf meinem Sitz. Ich ließ mich nicht sonderlich davon verunsichern, dass ich der einzige war, der das Lied stehend und mit erhobenen Händen mitsang; aber irgendwie ironisch kam es mir doch vor, besonders wenn ich mich an meine erste MEHR-Konferenz erinnerte, wo mich ich als von Haus aus eher introvertiertes Nordlicht zunächst ziemlich schwer damit tat, aus mir herauszukommen. Und jetzt hatte ich hier plötzlich die Rolle des Ober-Charismatikers inne... Nach "So bist nur du" kamen zwei ruhigere Lieder, die ich zudem nicht kannte, da setzte ich mich wieder hin; aber dann kam "Zehntausend Gründe", und das konnte ich nun wirklich nicht im Sitzen anhören oder gar mitsingen. Tatsächlich standen diesmal auch noch vier oder fünf andere Gemeindemitglieder auf. Andererseits drehte sich, als ich ein paarmal einen Vers etwas anders rhythmisierte als die Vorsänger, eine ältere Dame in der Reihe vor mir zu mir um und musterte mich missbilligend. 

Nun wäre ich wohl nicht der Tobi, wenn mich diese Beobachtungen nicht zu einigen Reflexionen angeregt hätten. Oder sagen wir: dazu, einige bei früheren Gelegenheiten unvollendet liegengebliebene Gedankenstränge wieder aufzunehmen. Nämlich die folgenden: 

Auf der Basis meiner persönlichen Erfahrungen mit freikirchlichen Gemeinden, Gemeindekreisen oder Einzelpersonen neige ich dazu, das Evangelikale und das Charismatische als gegenläufige Tendenzen in der evangelisch-freikirchlichen Frömmigkeit zu betrachten; nicht als einander ausschließende Gegensätze, aber doch als Pole, zwischen denen es ein gewisses Spannungsverhältnis gibt. Ich weiß nicht, ob das eine Privattheorie von mir ist oder ob es womöglich gar kein so origineller Gedanke ist – recherchiert habe ich dazu nichts. Jedenfalls ist mein Eindruck, dass ein ausgeprägt evangelikales Glaubensverständnis – im Sinne einer starken Fixierung auf die reformatorischen solae, allen voran natürlich das sola scriptura – typischerweise mit einer Mentalität einhergeht, die ich an anderer Stelle mal als "linkshirnig" beschrieben habe: pedantisch, regelfixiert, sehr streng in moralischer Hinsicht, aber auch in Hinblick auf gesellschaftliche Konventionen. Demgegenüber ist charismatische Frömmigkeit, die das unmittelbare Wirken des Heiligen Geist im Leben des einzelnen Christen in den Fokus nimmt, in ihren Ausdrucksformen typischerweise spontan, emotional, individuell und unkonventionell. Ich würde sagen, die Spannung zwischen diesen Polen erklärt sich von selbst. Mein Eindruck von der EFG The Rock Christuskirche ist, dass hier eine verhältnismäßig große Ausgewogenheit zwischen diesen Polen herrscht – aber eine leichte Schlagseite in die streng-evangelikale Richtung nehme ich zuweilen doch wahr. Wobei ich mir bewusst bin, dass manch einer, wenn er diese Gemeinde kennenlernte, den genau gegenteiligen Eindruck hätte. Umso mehr, als ja auch das Ersetzen der Predigt durch persönliche Zeugnisse verschiedener Gemeindemitglieder in diesem Gottesdienst zu einem gewissen Grad ein "charismatisches" Element war. 

Diese Zeugnisse – sechs oder acht, ich habe nicht genau mitgezählt – waren in Inhalt und Vortragsstil sehr unterschiedlich, und, sagen wir mal so, die "Zeugnisgebenden" waren mir in recht unterschiedlichem Maße sympathisch; aber von einigen der Zeugnisse fühlte ich mich sehr bewegt und angesprochen. Und auch das Tochterkind war bemerkenswert gut bei der Sache: Der Gottesdienst dauerte insgesamt gut eineinhalb Stunden, und während dieser ganzen Zeit fragte meine Tochter mich nicht ein einziges Mal, wie lange es noch dauern würde. 

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es im Foyer noch alkoholfreien Punsch und Lebkuchen, und wir führten einige nette Gespräche; unser Jüngster war inzwischen auch wieder wach geworden. 


Predigtnotizen 

Anschließend hatten wir noch etwas Zeit, an der Gartenfelder Straße verfrühtes Silvesterfeuerwerk anzugucken, bis wir uns zur Heiligen Messe in der Kirche St. Stephanus einfanden. Wir waren früh dran, aber die kleine Kirche füllte sich ziemlich bald. Liturgisch war dies allerdings nicht die Messe vom Sonntag, sondern die Vorabendmesse zum Oktavtag von Weihnachten, dem Hochfest der Gottesmutter Maria. "Der Oktavtag führt uns noch einmal in den Stall zurück", stellte der Pfarrvikar mit Blick auf das Tagesevangelium (Lk 2,16-21) fest – und nahm diese Feststellung zum Ausgangspunkt für eine wieder einmal höchst bemerkenswerte Predigt: "Der Stall war die erste Pfarrei", lautete ihr Leitgedanke. Der Rückblick des Predigers auf das Jahr 2023 war somit auch und nicht zuletzt davon bestimmt, dass es ein Jahr war, "in dem der Stall größer geworden ist" – womit er auf Pfarreifusionen anspielte; und was er zu diesem Thema zu sagen hatte, ließ, wie auch schon manche Randbemerkungen in anderen Predigten des zurückliegenden Jahres, eine gewisse Frustration angesichts des Übermaßes an Bürokratie und Verwaltungsaufwand in der neuen Großpfarrei erkennen: "Es gibt viele Dinge in der Pfarrei, die technisch sind. Wir sind sehr kompliziert geworden nach der Pfarreifusion. Ich will Sie jetzt nicht quälen mit allen neuen Computer-, Software-Programmen und sonstigen Geschichten, die absolut unerträglich sind, die nichts bringen – oder vielleicht bringen sie etwas, aber wir sind noch nicht so weit, das zu entdecken. Wir werden mit Datenschutz, mit allen möglichen Sachen überschüttet, aber am Ende fragt man sich: Füttern wir nur die Bürokratie oder machen wir noch Seelsorge?" 

Letztlich war das jedoch nicht das Entscheidende an dieser Predigt; entscheidend war vielmehr die Feststellungen: "Der Stall bleibt der Stall. Die Kirche ist prinzipiell so gebaut, dass wir nicht das perfekte Schloss sind mit rotem Teppich, sondern dass wir letzten Endes eben ein Stall sind." Er arbeitete eine ganze Reihe von Analogien zwischen Stall und Pfarrei heraus, bis hin dazu, dass es "in einem Stall immer viel Mist" gebe; im Grunde wäre diese Predigt es – vielleicht abzüglich einiger Randbemerkungen – wert, in voller Länge wiedergegeben zu werden, aber ich beschränke mich mal auf ein paar Punkte, von denen ich denke, dass sie einigermaßen repräsentativ für das Ganze sind: 

  • "Der Stall ist offen. In den Stall kann jeder rein. Auch die Pfarrei ist offen für jeden. Keiner braucht Angst zu haben, rausgeschmissen zu werden, weil er ein bisschen stinkt. Es gibt nicht diese Hürde, perfekt sein zu müssen." 
  • "Wenn man in den Stall reingeht, steht man direkt vor den Tieren. Und auch die Hirten stehen sofort vor dem Jesuskind. Es gibt einen kurzen Weg, das ist die Seelsorge. Nutzen Sie diesen kurzen Weg. Der kurze Weg zum Herrn geschieht durch das Wort, durch die Sakramente, durch die Beichte, durch die Anbetung; und Er kann Ihnen auf mehr Fragen Antwort geben als der beste Seelsorger." 
  • "Der Stall ist einfach. Wir brauchen nicht viele große Dinge. Das Wichtige ist da. Oft verzetteln wir uns in Aktionismus, und dann verlieren wir das Kind Jesus. Glauben ist einfach: Es ist Vertrauen in den Herrn, und anzufangen Ihn zu fragen: Was möchtest du heute von mir?" 

Und abschließend: "Wenn der Herr mit dem Stall zufrieden ist – und das war Er, denn sls Kind hat Er sich da hineinlegen lassen –, dann können auch wir Vertrauen haben, dass das nächste Jahr, 2024, auch für uns das Jahr sein wird, das der Herr vorbereitet." Wenn das jetzt mal kein schönes Motto für den Start ins neue Jahr ist. 


Nachtrag: Krippenpilgern in Spandau und Havelland 


Was mir bis zu diesem Sonntag völlig entgangen war – obwohl es zu diesem Thema einen kleinen Artikel im Pfarrbrief gab –, war der Umstand, dass die Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland in dieser Weihnachtszeit einen "Krippenpilgerweg" veranstaltet (hat): Ziel dieser Aktion ist es, in allen Kirchen der Großpfarrei die Krippe zu besuchen; einschließlich der Kapelle des St.-Elisabeth-Seniorenheims sind das acht, und bei jeder Krippe findet der geneigte Krippenpilger einen Stempel in Gestalt einer Krippenfigur, sodass er sich in seinem Pilgerpass eine Krippenszene zusammenstempeln kann. In St. Stephanus war es der Esel. 

Um das Bild komplett zu kriegen, müsste man allerdings bis nach Dallgow-Döberitz fahren, und ich bezweifle stark, dass wir das bis zum Ende der Weihnachtszeit noch hinkriegen. Das Tochterkind hat dieses Problem derweil auf ganz eigene Art gelöst. 


 
Schwarzer Gürtel in KiWoGo 

Ich hatte es neulich schon erwähnt: Der nächste Kinderwortgottesdienst in St. Joseph Siemensstadt, der eigentlich erst am 28. Januar an der Reihe gewesen wäre, ist kurzfristig um zwei Wochen vorverlegt worden, folglich musste sich auch der Vorbereitungskreis früher zusammensetzen als gedacht. Das Gute daran ist, dass das Evangelium vom 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) – die Berufung der ersten Jünger nach Joh 1,35-42 – sich wirklich gut für eine kindgerechte Gestaltung eignet. Ich will hier allerdings gar nicht so viel darüber verraten, was wir uns inhaltlich dazu überlegt haben; lieber berichte ich im übernächsten Wochenbriefing darüber, "wie's gelaufen ist". 

Hier und jetzt festhalten möchte ich hingegen meine Freude über die offene, sympathische und kreative Atmosphäre in diesem Arbeitskreis, die einmal mehr unterstrichen hat, dass meine wiederholt geäußerte Überzeugung, in dieser Gemeinde laufe Vieles besser als woanders, mehr als nur eine Behauptung zur Selbstermutigung ist. Ein häufig anzutreffendes "typisch volkskirchliches Problem" ist es ja, dass in Gremien, Arbeitsgruppen usw. sehr überwiegend Leute sitzen, die seit ewig und drei Tagen in volkskirchliche Strukturen eingebunden sind und von klein auf mit volkskirchlichen Gewohnheiten aufgewachsen sind und die deshalb recht festgefügte Vorstellungen davon haben, wie die Dinge gemacht werden; und deshalb ändert sich nie was. Mehr noch: Wenn Leute, die vor Jahrzehnten selbst zur Zielgruppen volkskirchlicher Kinder- und Jugendkatechese gehörten, als Erwachsene immer noch (wohlgemerkt: nicht wieder, sondern immer noch) in der Kirche aktiv engagiert sind, sind das mit hoher Wahrscheinlichkeit Leute, die das, was man ihnen als Kindern geboten hat, gut fanden, also reproduzieren sie das. – Davon kann in diesem KiWoGo-Arbeitskreis glücklicherweise nicht die Rede sein. Vielmehr scheint hier ein recht ausgeprägtes Bewusstseins dafür zu herrschen, dass seine Aufgabe und Existenzberechtigung gerade darin besteht, nicht alles so zu machen, wie alle es schon immer machen

"Egli-Figuren mag ich nicht, die sehen einfach so total 'churchy' aus." – "Die haben wir sowieso nicht, wir nehmen Playmobil-Figuren."

Da wir gerade so gut in Schwung waren, legten wir auch gleich die Termine für die Kinderwortgottesdienste von Februar bis April fest und "brainstormten" auch dafür schon ein paar inhaltliche Ideen. Aber dazu zu gegenener Zeit...! 


Neues aus Synodalien (diesmal "nur" ein Linktipp) 

Wie man den bisherigen Abschnitten dieses Wochenbriefings wohl deutlich genug anmerkt, habe ich, kaum dass das neue Jahr begonnen hat, mit der Basisarbeit in Familie und Pfarrgemeinde mehr als genug zu tun, als dass ich mich noch ausgiebig mit der "großen" Kirchenpolitik befassen könnte; aber das Gute ist ja, man muss nicht alles selber machen. So hat sich Bloggerkollegin Anna von "Katholisch ohne Furcht und Tadel" mit der Jahresabschlusspredigt von Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, auseinandergesetzt  in der dieser wiederum auf die Ergebnisse der jüngsten "Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung" (KMU) eingeht. Und ihr Blogartikel zu diesem Thema ist so gut, dass ich nicht wüsste, was ich ihm noch hinzufügen sollte. Aber zitieren möchte ich hier ein paar Passagen. Ein zentraler Gedanke des Artikels ist es nämlich, dass Bischof Bätzings auf die Ergebnisse der KMU-Studie gestützte Aussage, ein Großteil der Menschen in Deutschland sei "religiös kaum noch ansprechbar", im Grunde ein Missverständnis sei – das letztlich ein schiefes und verengtes Verständnis von Religiosität verrate, oder genauer gesagt, eine Verwechslung von Religiosität mit Kirchlichkeit

"Religiosität boomt nämlich in Deutschland. Da sind einmal esoterische und pseudoreligiöse Phänomene: Traumfänger, Engelrufen, Tarot, Ausräuchern mit Salbei, frei schwebende 'Spiritualität'. Synkretistische Tendenzen: Buddhastatuen, ein weit verbreiteter Glaube an Wiedergeburt oder Karma. Und schließlich ersatzreligiöse Tendenzen: Es ist ganz erstaunlich, wie 'dogmatisch' in unserer an sich relativistischen Gesellschaft bestimmte Haltungen als moralisch einzig vertretbar und unumstößlich wahr erachtet werden – so wahr, dass jeder, der eine andere Meinung vertritt, dafür geächtet, verspottet und gehasst wird. Während der Pandemie etwa haben sich zwei 'Religionen' herausgebildet; die Angst vorm Klimawandel hat fanatische Züge entwickelt – die Jünger dieser Pseudoreligion haben das Gefühl, dazu berechtigt zu sein, Gesetze zu brechen, Kulturgut zu zerstören; manche opfern die Zukunft in der eigenen Nachkommenschaft zum Wohl des Planeten, viele sind davon überzeugt, für die Erlösung der Welt auf Genüsse und Annehmlichkeiten verzichten zu müssen: Während Christen den Gedanken der Sühne aufgeben, blüht er in der Klimareligion auf. 

[...] 

Die Straßen sind also voller Religiosität. Nur die Kirchen sind leer. Und nun erweist sich die ganze Tragik des bischöflichen Missverständnisses: Bätzing schließt irrtümlich aus der Engführung von Kirche und Religion, dass die Leute Religion nicht mehr wollen – also geben wir ihnen mehr Nichtreligion: Das, was Religion ausmacht, bietet die Kirche unter Bischöfen wie Bätzing so gut wie nicht mehr an! Sie verneint, eine universale Wahrheit zu lehren. [...] Jeder kann hier alles glauben [...]. Dass die Menschen intuitiv davon Abstand nehmen, ist nicht nur verständlich, es ist richtig so. Intuitiv verstehen sie, dass eine Kirche, die nicht für eine universale und absolute Wahrheit einsteht, die ihre eigenen Prinzipien verrät und lächerlich macht, [...] kein glaubwürdiges religiöses Angebot ist." 

Lest den Rest selber, Freunde! 


Geistlicher Impuls der Woche 

Epiphanie ist ein Fest des Lichtes. "Auf, werde licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir" (Jes 60,1). Mit diesen Worten des Propheten Jesaja beschreibt die Kirche den Inhalt des Festes. Ja, der ist in die Welt gekommen, der das wahre Licht ist und der die Menschen Licht werden läßt. Er schenkt ihnen die Macht, Kinder Gottes zu werden (vgl. Joh 1,9.12). Der Weg der Weisen aus dem Morgenland ist für die Liturgie nur der Anfang einer großen Prozession, die sich die ganze Geschichte hindurch fortsetzt. Mit diesen Menschen beginnt die Wanderung der Menschheit zu Jesus Christus – zu dem Gott, der im Stall geboren wurde; der am Kreuze starb und der als Auferstandener bei uns bleibt alle Tage bis zur Vollendung der Welt (vgl. Mt 28,20). Der Weg dieser Männer ist nur ein Anfang. Zuerst waren die Hirten gekommen – die einfachen Seelen, die näher bei dem Gott wohnen, der ein Kind wurde, und die leichter zu ihm "hinübergehen" (Lk 2,15) und ihn als Herrn erkennen konnten. Aber nun kommen auch die Weisen dieser Welt. Es kommen Große und Kleine, Könige und Knechte, Menschen aller Kulturen und aller Völker. Die Männer aus dem Morgenland sind die ersten, denen viele folgen alle Jahrhunderte hindurch. Sie eröffnen den Weg der Völker zu Christus. 

(Benedikt XVI., Predigt zum Hochfest der Erscheinung des Herrn, 2012


Ohrwurm der Woche 

Crosby, Stills, Nash & Young: Almost Cut My Hair 

Dieser Song ist für den Hippie in mir ein absolutes Muss zum Jahreswechsel. Vorsatz fürs neue Jahr: nicht die Haare schneiden lassen. "I feel like letting my freak flag fly / And I feel like I owe it to someone". Dieses Jahr hat der Song mich irgendwie besonders berührt. "Must be because I had the flu this Christmas", na ja, nicht genau zu Weihnachten, aber immerhin im Advent. 


Samstag, 30. Dezember 2023

Creative Minority Report Nr. 10

Frohe und gesegnete Weihnachten, Leser! Wie ich neulich auf Facebook las: Wenn du traurig bist, dass Weihnachten vorbei ist, komm zu uns Katholiken – bei uns hat die Weihnachtszeit gerade erst angefangen! – Wie meine Familie den Heiligabend und die Weihnachtstage verbracht hat, inklusive Pleiten, Pech und Pannen, wird naturgemäß das Hauptthema dieses Wochenbriefings sein; andere Themen müssen da mal zurückstehen oder bis nächste Woche warten. Auch nicht fehlen darf indes eine Jahresbilanz meines Blogs. Und nun aber genug der Vorrede! 


Nasse Weihnacht 

Vorweg sei eingestanden, dass der 24. Dezember bei uns ganz und gar nicht nach Plan lief. Dabei hatte ich mir alles so schön gedacht: Vormittags in eine Messe zum 4. Advent, dann zum Mittagessen entweder zu Würgerking oder wahlweise zu Köfte City und dann zur Krippenspielprobe, die um 14 Uhr beginnen sollte. Aufgeführt werden sollte das Krippenspiel ab 15:30 Uhr im Rahmen bzw. in Kombination mit einer Andacht, und danach, so dachte ich mir, hätten wir dann Zeit, uns zu Hause ein bisschen auszuruhen, die Kinder schon mal ein paar Geschenke auspacken zu lassen und ein bescheidenes Abendessen zu uns zu nehmen, bevor wir zur Christmette (22 Uhr in Siemensstadt) aufbrechen mussten. 

Soweit, wie gesagt, die Theorie

Dass in der Praxis alles ein wenig anders laufen würde, dämmerte und bereits, als wir kurz vor elf Uhr vor der Kirche St. Joseph in Siemensstadt standen und sie verschlossen vorfanden. – Ja, ich gebe zu, ich bin schon irgendwie selbst schuld: Ich hätte mich mal lieber vorher vergewissern sollen, ob die Sonntagsmesse zur gewohnten Zeit stattfand. Aber ich hatte mir einfach nicht vorstellen können, dass sie ausfiel. Gerade hatte ich mich noch darüber mokiert, dass es in St. Willehad in meinem Heimatstädtchen Nordenham keine Messe zum 4. Advent gab, und nun musste ich feststellen, dass die Verhältnisse in meiner so gern gelobten Berliner Wahl-Pfarrei in diesem Punkt sogar noch schlechter waren. Wie ich – unklugerweise erst im Nachhinein – im Pfarrbrief nachlas, gab es in der ganzen, von Siemensstadt bis Dallgow-Döberitz reichenden Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland am 4. Advent nur eine kroatischsprachige Messe in Siemensstadt (die war, als wir ankamen, schon vorbei), eine polnischsprachige in der Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen, dazu eine Messe im Seniorenheim St. Elisabeth und eine in St. Lambertus, beide im Ortsteil Hakenfelde gelegen; und in Dallgow-Döberitz eine Wort-Gottes-Feier. 

Okay, zugegeben, wie gesagt: Hätten wir uns rechtzeitig informiert, hätten wir immerhin  die Wahl gehabt, eine Messe auf Kroatisch zu hören oder nach Hakenfelde zu fahren; beides wäre im Rahmen des Möglichen ubd Zumutbaren gewesen. Inzwischen war es aber wohl zu spät, noch woanders zur Messe zu gehen. Oder? In St. Clemens am Anhalter Bahnhof sollte es noch eine Messe um 13 Uhr geben, in englischer Sprache, und wir waren schon fast entschlossen, da hinzugehen, als uns einfiel, dass wir es dann nicht rechtzeitig zur Krippenspielprobe schaffen würden. Was also tun? – Erst mal frühstücken. Eigentlich wollten wir das im Café Familia in der Nonnendammallee tun; da waren wir schon mal gewesen, und nicht nur das Frühstück war lecker und nicht zu teuer gewesen, sondern es gab auch eine schöne Kinderspielecke, die es uns wohl erlaubt hätte, einige Zeit in diesem Lokal zu verbringen. Leider hatte es gerade Betriebsferien. Also landeten wir im Frühstückscafé Kosgeroglu auf der anderen Straßenseite. Da war das Essen zwar auch gut und die Bedienung sehr freundlich, aber eine Kinderspielecke gab es nicht; die Kinder waren arg unruhig und auch nur wenig daran interessiert, etwas zu essen, und so kamen wir recht bald zu dem Schluss, wir müssten mal wieder mit ihnen an die frische Luft. 

Ein weiteres Problem, eigentlich sogar das Hauptproblem, war das Wetter. Zwar war es für Ende Dezember gar nicht mal so kalt, aber dafür war die Luft erfüllt von einem unaufhörlichen feinen Nieselregen, der in alle Ritzen kroch und alles durchweichte. Lange draußen aufhalten konnte bzw. wollte man sich bei diesem Wetter jedenfalls nicht – was auch in Hinblick auf das Krippenspiel ein Problem darstellte, das im Garten von St. Stephanus Haselhorst stattfinden sollte; aber noch war ich nicht soweit, die Teilnahme am Krippenspiel in Frage zu stellen. Aus ebendiesem Grund schien es mir auch keine Option zu sein, "erst mal nach Hause" zu gehen: Ich befürchtete nämlich, von dort aus kämen wir nicht rechtzeitig wieder los. Stattdessen schlug ich vor, in die Hallen am Borsigturm zu gehen und uns da ein bisschen aufzuwärmen. Aber ach: Die Hallen am Borsigturm waren ebenfalls geschlossen. Ich glaube, das habe ich noch nie erlebt, nicht einmal zu Corona-Zeiten. Also, dass die einzelnen Geschäfte geschlossen waren, das natürlich schon, aber in die Hallen selbst kam man eigentlich trotzdem immer rein – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, was ich ehrlicherweise nicht ausschließen kann. 

Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass wir weiter durch den Nieselregen gurkten, und allmählich bekam ich doch Zweifel hinsichtlich des Krippenspiels. Okay, im Garten von St. Stephanus gibt es so ein großes Pavillonzelt, da konnten möglicherweise sowohl die Mitwirkenden als auch das Publikum drunter Platz finden; aber die Nässe kam ja trotzdem überall hin, da nützte ein Zeltdach auch nicht viel. War es wirklich zumutbar, eineinhalb Stunden Probenzeit und dann noch die Aufführung und Andacht in diesem nasskalten Klima zuzubringen? Wäre es nicht die vernünftigere Lösung, das Krippenspiel in die Kirche zu verlegen? (Nur nebenbei sei erwähnt, dass meine Schwiegermütter eigentlich interessiert gewesen wären, sich das Krippenspiel anzusehen, jedoch abgesagt hatten, als sie erfahren hatten, dass es im Freien stattfinden sollte.) 

Als wir – etwas früher als 14 Uhr, da wir ja sowieso nicht wussten, wohin mit uns – beim Gemeindezentrum St. Stephanus ankamen, waren die Organisatoren des Krippenspiels gerade dabei, die Kulissen aufzubauen, und zwar natürlich im Garten unter dem Zeltdach. Mein Einwand, ich hielte es bei diesem Wetter sowohl für die Mitwirkenden als auch für die Zuschauer im Grunde nicht für zumutbar, das Krippenspiel draußen stattfinden zu lassen, und man solle es lieber nach drinnen verlegen, stieß auf kein nennenswertes Echo. Man habe das die letzten Jahre immer so gemacht, sogar bei noch schlechterem Wetter. Schließlich hieß es, man könne das ja entscheiden, wenn alle Mitwirkenden da seien; aber in der Zwischenzeit wurden die Aufbautätigkeiten fortgesetzt und somit Fakten geschaffen. Am Rande schnappte ich zu allem Überfluss das Argument auf, bei einer Veranstaltung habe man "wenigstens keine Corona-Gefahr". Ja nee, is' klar. Stundenlang im Nieselregen 'rumzustehen und sich nasse Füße zu holen ist bestimmt total gesund

Da also offenkundig wenig Aussicht auf Einsicht bestand, traten wir schließlich noch vor Beginn der Probe den Rückzug an – in einigermaßen verdrossener Stimmung. Ich hatte mich wirklich auf dieses Krippenspiel gefreut, gerade auch auf die Aussicht, dass meine Kinder da mitmachten – umso mehr, nachdem die Große sich ja nicht fürs Sternsingen hatte begeistern lassen. Aber ehe ich mich jetzt in meinen Ärger hineinsteigere, sage ich lieber noch ein paar Worte dazu, wie dieses Krippenspiel eigentlich hätte ablaufen sollen; denn der eine oder andere Leser fragt sich wahrscheinlich schon, wie es überhaupt möglich sein soll, ein Krippenspiel aufzuführen, das zuvor nur einmal, und zwar unmittelbar vor der Aufführung, geprobt wurde. Dazu kann ich nur sagen: Voriges Jahr hat das prima funktioniert. Der Trick ist, es simpel zu halten: Es gibt eine Erzählerin, sodass die Kinder keinen Text lernen müssen; der Großteil der mitwirkenden Kinder wird in zwei Gruppen eingeteilt, eine Hirten- und eine Engelgruppe, und im Prinzip müssen nur der "Oberhirte" und der "Oberengel" wirklich wissen, was wann zu tun ist – die anderen machen einfach mit. Ein sehr praktikables Konzept gerade für kleinere Kinder; wenn meine Kinder etwas größer sind, würde ich mir durchaus wünschen, dass sie bei einem etwas anspruchsvolleren Krippenspiel mitmachen, aber da kann ich dann ja vielleicht selbst Regie führen. Ich hab ja nicht umsonst mal Theaterwissenschaft studiert. 

Ob das Krippenspiel dieses Jahr überhaupt stattgefunden hat – sprich: ob sich trotz des miesen Wetters noch genug Mitwirkende eingefunden haben –, weiß ich nicht, aber ich muss schon sagen, dass die "Das haben wir schon immer so gemacht"-Einstellung, mit der der Vorschlag, das Krippenspiel nach drinnen zu verlegen, abgeschmettert wurde, mich ziemlich verstimmt hat. Am liebsten wäre ich nun spontan auf ein anderes Krippenspiel ausgewichen, wenigstens als Zuschauer; in St. Joseph Tegel gab's zum Beispiel eins, von dem ich vermutete, dass es von der benachbarten KiTa (mit-)gestaltet werden würde. Aber mit dieser Idee konnte ich bei Frau und Kindern nicht landen, die wollten einfach nur nach Hause. Also traten wir geschlagen den Rückzug an, und als wir zu Hause ankamen, durften die Kinder schon mal ihre ersten Geschenke auspacken. (Die Bescherung fiel bei uns dieses Jahr übrigens auch etwas schmaler aus als geplant, da drei DHL-Pakete mit im Internet bestellten Sachen auf dem Versandweg spurlos verschwunden waren.) Meine Laune besserte sich, als wir am Nachmittag alle zusammen ein Brettspiel spielten, das meine Liebste – nach dem Vorbild eines Spiels, das sie bei einem Besuch bei einer Freundin und deren kleinem Sohn kennengelernt hatte – mit ein bisschen Mitarbeit der Kinder selbst gebastelt hatte. 

Wir schafften es auch, unsere Wohnung rechtzeitig wieder zu verlassen, um es ohne Hast zur Christmette zu schaffen; und als wir im Dunkeln von der U-Bahn-Station Siemensdamm zur Kirche St. Joseph gingen, ging mir unwillkürlich durch den Kopf, wie ich erst kürzlich denselben Weg schon einmal im Dunkeln zurückgelegt hatte, zusammen mit dem Tochterkind – nämlich auf dem Weg zum Sternsinger-Vorbereitungstreffen. Plötzlich verspürte ich den Drang, auf dem Absatz kehrt zu machen. Das war natürlich ein völlig irrationaler Impuls, den ich schnell überwand, aber in gewissem Sinne betrachte ich diese Erfahrung als lehrreich: Sie macht deutlich, wie sich im eigenen Gehirn negative Erlebnisse mit bestimmten Orten (oder auch Personen) verknüpfen und dadurch verfestigen können. Verknüpft sich auf diese Weise eine Reihe negativer Erlebnisse mit einem Ort, kann es passieren, dass man da plötzlich instinktiv nicht mehr hin will. Das ist, wie gesagt, irrational und vielleicht – besonders, wenn für diese negativen Erlebnisse letztlich niemand etwas kann – ein bisschen albern, aber so funktioniert das menschliche Gehirn nun mal. Und genau deshalb war es wichtig, dass wir nach der Erfahrung mit der verschlossenen Tür am Vormittag dennoch hier zur Christmette gingen – denn die war gut. Sehr gut sogar. Eine richtig schöne, feierliche Messe, bei der erstmals so etwas wie Weihnachtsfreude bei mir aufkam. Der örtlich zuständige Pfarrvikar zelebrierte – ein paar Impulse aus seiner Predigt folgen weiter unten –, die Liedauswahl war geschmackvoll, und dass die Kinder – beide! – einen nicht ganz kleinen Teil der Messe verschliefen, trug in gewissem Sinne auch zur harmonischen Stimmung bei. 

"Wie Sie sehen, ist die Heilige Familie obdachlos. Ist aber ganz gut, weil: Der Himmel kommt in dieser Nacht herunter über die Heilige Familie."

Kaum hatten wir allerdings die Kirche verlassen, da fing es richtig an zu regnen – so sehr, dass wir auf dem kurzen Weg bis zur U-Bahn-Station Siemensdamm komplett bis auf die Haut durchnässt wurden... ein irgendwie passender Abschluss für diesen chaotischen Tag. 


Predigtnotizen 

"Heute ist der Himmel offen für jeden von uns. Das bedeutet, dass die Liebe Gottes Platz finden möchte, wohnen möchte in unseren Herzen." 

"Der Christ ist wie ein Kind, wie ein Säugling, der ein absolutes Vertrauen hat, dass der Himmel für ihn offen ist, das heißt, dass die Liebe des Vaters in jedem Moment für ihn da ist." 

"Man lernt zu lieben, wenn man Kinder hat. Kinder sind die besten Erzieher in der Liebe. Man braucht Geduld, man braucht Zärtlichkeit, man braucht Verständnis, man braucht viel Fürsorge." 

"Gott ist Kind geworden. Gott hat uns nicht von oben angeschaut, sondern zu Weihnachten legt Er sich in unsere Arme und blickt uns an und fragt uns: Liebst du schon? Liebst du mich schon?"

"Die Krippe ist ein Bild des christlichen Lebens. Wir brauchen nicht perfekt zu sein. Oft haben wir eine Vorstellung von Christentum, dass wir alles richtig machen müssen. Der Stall ist nicht perfekt. Unser Leben muss nicht perfekt sein. Aber echt." 


Was sonst noch so los war 

Den 1. Weihnachtstag verbrachten wir ab Mittag bei meinen Schwiegermüttern, das war schön und entspannend; am 2. Weihnachtstag gingen wir in den Zirkus. Den "Ostfrieslands Weihnachtscircus", um genau zu sein, auch wenn ich mir nicht recht erklären kann, was daran ostfriesisch sein sollte. Dieser Zirkus gastierte auf einer Wiese neben dem Schönfließer Pflanzenmarkt im Mühlenbecker Land, also "j.w.d.", wie der Berliner sagt; hin kam man mit dem Bus noch einigermaßen, nur zurück wurd's schwierig. Aber erst mal der Reihe nach: Nachdem ich buchstäblich jahrzehntelang in keinem Zirkus gewesen war, war dies mein zweiter Zirkusbesuch innerhalb von sieben Wochen, was natürlich zu Vergleichen einlädt. Die Manege war nicht größer als beim Circus Hopplahopp, vielleicht sogar kleiner; die Zahl der Mitwirkenden war allerdings erheblich größer (mindestens drei Männer, zwei Frauen und ein Kind). Ein Familienbetrieb schien indes auch dieser Zirkus zu sein, und ich muss sagen, dass dieser Aspekt – die spezifische Lebensweise von Zirkusfamilien – mich am Zirkusgewerbe besonders fasziniert. Was das Programm angeht, hatten insbesondere die Tiernummern erhebliche Ähnlichkeit mit denen des Circus Hopplahopp – da scheint es im Zirkusgewerbe gewisse "Standard"-Nummern zu geben –; aber in Sachen Akrobatik wurde hier erheblich mehr geboten, so gesehen ging auch der deutlich höhere Eintrittspreis in Ordnung. Am Circus Hopplahopp hatte ich es gerade reizvoll gefunden, dass alles so klein, überschaubar, schlicht und altmodisch gewesen war; hier im "Ostfriesland Circus" wirkte alles um einige Grade polierter und ausgefeilter, aber ein gewisses "Zirkus wie in alten Zeiten"-Flair fehlte dennoch auch hier nicht. 

Erwähnt sei übrigens noch, dass während der Wartezeit auf den Beginn der Vorstellung mindestens zehnmal "Last Christmas" lief, in der Originalversion und verschiedenen Coverversionen. Wozu ich anmerken möchte, dass ich den Hass, der diesem Lied alle Jahre wieder entgegenschlägt, zwar nachvollziehen, aber nicht ganz teilen kann. Ja, das Lied ist doof, aber doch auf eine nette und harmlose Art doof. Was, wie mir scheint, eine Aussage ist, die auch das Gesamtwerk der Gruppe Wham! ganz gut beschreibt. 

Die Buslinie, mit der wir gekommen waren, fuhr schon nicht mehr, als die Vorstellung zu Ende war; daher mussten wir bis Glienicke (Nordbahn) zu Fuß gehen – ca. 2 Kilometer –, um von dort aus einen anderen Bus zu nehmen. Fand ich aber gar nicht so schlimm, zumal das Wetter gut war. Die nächsten Tage verbrachten wir aber beschaulich zu Hause... 


Was ansteht 

Nach Neujahr mag zwar "weltlich" gesehen der Alltag und somit der Ernst des Lebens wieder losgehen, aber es ist immer noch Weihnachtszeit, unser Schulkind hat noch eine Woche Ferien und auch meine Liebste hat die Woche noch frei. Termine stehen trotzdem an: Am Donnerstag trifft sich der KiWoGo-Arbeitskreis in St. Joseph Siemensstadt, da der nächste Kinderwortgottesdienst, der ursprünglich auf den 28. Januar angesetzt gewesen war, spontan um zwei Wochen vorverlegt worden ist und nun natürlich noch vorbereitet werden muss. Und am nächsten Samstag findet in der Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen der erste Neujahrsempfang der Pfarrei Heilige Familie statt, da muss man sich wohl mal blicken lassen. Davon abgesehen steht noch die Idee einer selbstgemachten Wohnungstürsegnungs-Andacht zum Dreikönigstag im Raum (dafür müsste ich dringend noch etwas mehr Gitarre üben), und um neue Termine für die Wichtelgruppe muss ich mich auch mal kümmern. Langweilig wird es also bestimmt nicht...! 


"Huhn meets Ei"-Jahresrückblick 

Tja, Freunde: Wenn dieses Wochenbriefing pünktlich zum regulären Termin online geht, dann sind es noch 30 Stunden, bis das Kalenderjahr 2023 vorbei ist. In 30 Stunden könnte natürlich theoretisch noch allerlei Weltbewegendes passieren. Muss aber ja nicht unbedingt. Also schauen wir uns doch mal an, was das zu Ende gehende Jahr meinem Blog gebracht hat – oder umgekehrt. 

Zunächst: Dieses Wochenbriefing mitgerechnet, habe ich im Jahr 2023 ganze 81 Artikel veröffentlicht; das ist etwas weniger als 2015 und deutlich weniger als in den Jahren 2016, 2017 und 2019, aber mehr als in allen anderen Jahren seit Bestehen meines Blogs. Und das, obwohl ich in diesem Jahr erst am 11. März (wieder) mit dem Bloggen angefangen habe! Das würde ich mal als uneingeschränkten Erfolg bezeichnen; ebenso, dass ich die Wochenbriefing-Reihe "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim", die es bis dahin in mehreren Anläufen nur auf 20 Folgen gebracht hatte, mit 32 weiteren Folgen zum Abschluss gebracht habe und die Nachfolger-Reihe "Creative Minority Report" nun auch schon zum zehnten Mal in Folge pünktlich erscheint. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass ich mit dem Abarbeiten schon längst angekündigter Artikelthemen ziemlich stark im Rückstand bin. Na, da haben wir ja gleich einen guten Vorsatz dafür, was im neuen Jahr besser werden kann und soll. 

Betrachtet man die Zugriffszahlen der einzelnen Blogartikel, dann liegt "Ein neuer Priester für St. Willehad" (erschienen am 20. November) sehr deutlich vorn; auf Platz 2 liegt "Havels Gemüsehändler ist jetzt Tierarzt in Butjadingen" vom 11. März, also mein erster Artikel nach fast einem Jahr "Blogpause". Bronze geht an "Eine Klarstellung aus Vechta" vom 23. November – dem Update zum erstplatzierten Artikel. Auf Platz 4 haben wir dann erstmals einen Artikel, in dem es nicht um die Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland geht, nämlich "Auf einer Skala von Bischof Oster bis Maria 1.0: Wie dunkelkatholisch bist du?"(erschienen am 27. März), gefolgt von "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #28" vom 4. Mai. Dass dieser Artikel ein so deutlich über das übliche Niveau meiner Wochenbriefings hinausragende Resonanz gefunden hat, dürfte vor allem der darin enthaltenen Schilderung einer Diskussionsveranstaltung in Falkensee zu verdanken sein, bei der der Berliner Generalvikar P. Manfred Kollig über den Synodalen Weg sprach. Auf Platz 6 dann wieder ein Willehad-Artikel, "Einige Anfragen an die Pfarrei St. Willehad. Und ein Gebet" (erschienen am 12. März); Platz 7 geht an "Bloggen als unehrenhafte Form des Journalismus" vom 23. Juli, auf Platz 8 und 9 folgen, ziemlich Kopf an Kopf, "Bloß keine Fragen stellen!" (1. April) und "Hol dir deine Kirche zurück!" (3. Juni). Den letzten Platz in den Jahres-Top-10 hat sich, einigermaßen knapp vor einem weiteren Willehad-Artikel, "Der Traum von der erneuerten Gemeinde (Teil 1)" gesichert. 

Was lernen wir nun daraus? Vielleicht, dass ich, wenn's mir nur oder in erster Linie um Klicks ginge, noch mehr über Themen aus Nordenham und/oder Butjadingen schreiben sollte. Da habe ich offenbar ein dankbares Publikum, und an Stoff fehlt's auch nicht. Aber letztendlich verfolge ich mit meinem Blog eben doch (auch) andere Interessen. Was das angeht, würde ich schon sagen, dass die sechs Top-10-Artikel, in denen es um "andere Themen als St. Willehad" geht, einen recht guten Eindruck von dem Themenspektrum vermitteln, um das es auf meinem Blog vorrangig geht. Okay, um ein wirklich stimmiges Gesamtbild zu ergeben, fehlen eigentlich noch ein Artikel zum Thema Familienalltag, einer über Kinder- und Jugendliteratur und einer über Popmusik, aber mir ist schon klar, dass das Themen sind, mit denen ich – ebenso wie übrigens mit der Serie über die "eingekerkerte Nonne"! – jeweils nur eine Minderheit meines Publikums erreiche. Ich darf jedoch versichern, dass es sich dabei um Minderheiten handelt, die mir am Herzen liegen

Unabhängig davon möchte ich es in diesem Jahresrückblick aber, wie schon in der 100-Tage-Bilanz meines Blogger-Comebacks, erneut nicht unterlassen, einige Artikel zu benennen, von denen ich finde, sie hätten mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihnen bisher zuteil geworden ist. Ab erster Stelle möchte ich da den Artikel "Auf der Werft der Erneuerung?" vom 9. Mai nennen; der hat es nämlich nur auf Platz 28 der Jahrescharts geschafft, dabei ist er, da muss ich mich jetzt mal selber loben, sehr informativ und gut recherchiert. Mit anderen Worten, da steckt richtig Arbeit drin. Ähnliches gilt für "Der Traum von der erneuerten Gemeinde (Teil 2)", der sogar nur Platz 54 in der Jahreswertung erreicht hat. Abgesehen davon, dass zweite Teile von Artikelserien es erfahrungsgemäß  immer schwer haben, sehe ich eigentlich keinen plausiblen Grund, warum er in der Piblikumsresonanz so deutlich hinter dem ersten Teil zurückgeblieben ist. Etwas besser ist es dem Artikel "Der Geist und die Synodalen" ergangen – immerhin Platz 23 in den Jahrescharts –, aber auch da sehe ich noch reichlich Luft nach oben. Nicht ausgezählt habe ich, auf welchen Plätzen in der Jahreswertung die Artikel "Komm, lass uns kleben" und "Neues aus Synodalien: KMU steht für 'Kann meinetwegen untergehen'" gelandet sind, aber auch da finde ich, die könnten gern noch mehr gelesen werden. 

Was mich abschließend noch auf die Patreon-Seite Mittwochsklub bringt, die ich im November gemeinsam mit meiner Liebsten vom Stapel gelassen habe. Die läuft auch (noch) nicht so gut, wie wir uns das wünschen würden. Braucht's mehr Premium-Content? Zugegeben, in der zweiten Dezemberhälfte hat es auf der Seite nichts Neues gegeben – wir sind schlicht nicht dazu gekommen, erst waren wir reihum alle krank, dann kamen die Feiertage. Das wird im Januar wieder besser, versprochen; aber davon abgesehen werde ich ja nicht müde zu betonen, dass das Abonnement einer Patreon-Seite grundsätzlich und in erster Linie ein solidarischer Akt sein soll: Wer für die Patreon-Seite zahlt – und wir reden hier nicht von großen Summen, sondern von 5 bis 15 € im Monat –, der unterstützt damit indirekt diejenigen unserer Aktivitäten und Initiativen, mit denen wir kein Geld verdienen – wozu nicht zuletzt dieser Blog zählt. Der Premium-Content für die Abonnenten ist sozusagen nicht der eigentliche Gegenwert für den monatlichen Beitrag, sondern eher ein Dankeschön für die Unterstützer. Das habe ich mir nicht so ausgedacht, sondern das ist das Konzept von Patreon. Finde ich eigentlich ziemlich sympathisch, es müssten nur mehr Leute mitmachen. 


Geistlicher Impuls der Woche 
Freude war es, was mich zum Glauben gebracht hat, Freude über die Geburt meines Kindes vor 35 Jahren, und diese Freude wird beständig erneuert dadurch, dass ich täglich unseren Herrn in der Messe empfange. Anfangs dachte ich, den Gebeten der Messe zu folgen, würde, wenn man es Tag für Tag täte, eintönig werden und wäre nur etwas für die Priester, und das wäre der Grund, weshalb die Leute still und ohne Buch dasäßen. Ein Quäker, der mit mir zur Messe ging, sagte einmal zu mir: "Jetzt weiß ich, was die Messe ist – sie ist eine Meditation." Aber sie ist eine Handlung, ein Opfer, begleitet von Gebeten, und diese täglich wiederholten Gebete – der Anbetung, der Buße, der Danksagung, der Bitte – sind immer da. Das eine oder andere dieser Gefühle mag überwiegen, aber die Handlung, die vollzogen wird, ruft das Empfinden hervor, dass darin "das Werk unserer Erlösung" ereignet. 
(Dorothy Day, Weihnachten 1961; eigene Übersetzung) 

Ohrwurm der Woche

Veronika Lohmer & Band: Jesus ist kommen 


Man nehme den Text eines Kirchenliedes aus dem 18. Jahrhundert (gedichtet von Johann Ludwig Konrad Allendorf, 1693-1773), wähle aus den ursprünglich neun Strophen sechs aus, belasse diese aber weitgehend in ihrer spätbarocken Sperrigkeit; dann schreibe man einen Refrain und eine neue, rockige Melodie dazu – und fertig ist der Weihnachts-Lobpreis-Hit! Das Stück ist auch auf dem Studio-Album "So hoch der Himmel ist" von Johannes Hartl & Friends zu hören, aber ich finde, live kommt die Nummer erheblich besser rüber – erst recht in so einer All-Star-Besetzung wie hier! – Übrigens muss ich sagen, dass ich Veronika Lohmer am besten finde, wenn sie am letzten Abend der MEHR schon total erschöpft und ihre Stimme etwas kratzig ist. Und nebenbei, Leser: Hast du erkannt, wer die 2. und 3. Strophe singt? Das ist Thomas Enns, der einer breiteren Öffentlichkeit 2007 als Kandidat in der 4. Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" bekannt wurde. 

Ein bisschen wehmütig stimmt mich diese Live-Aufnahme indes angesichts der Tatsache, dass wir es aus verschiedenen Gründen diesmal nicht zur MEHR-Konferenz in der kommenden Woche schaffen werden. Online mitverfolgen kann man die Konferenz diesmal, soweit ich gehört habe, auch nur, wenn man ein Streaming-Ticket kauft. Da gibt es verschiedene Tarife: Tickets für 1-2 Personen, Kleingruppentickets für bis zu 10 Personen und dann noch welche für größere Gruppen – bis zu 50 Personen oder so. Tatsächlich gab es, wie mir zugetragen wurde, in Herz Jesu Tegel ein paar Leute, die ein gemeinsames MEHR-Gucken mit Beamer im Pfarrsaal organisieren wollten, aber das ist, was kaum sehr überraschen kann, an mangelnder Kooperationsbereitschaft des Pfarrers gescheitert. Eventuell komme ich darauf nächste Woche noch zurück...