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Montag, 16. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #11 (20. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Den Montag letzter Woche verbrachte ich praktisch zur Gänze im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde, mit meiner Familie und der Familie von Blogleserin Maren aus Bayern (bzw. Franken), deren zwei Söhne vom Alter her zwischen unseren Kindern liegen: Ihr Ältester ist etwa ein Jahr jünger als unsere Tochter, ihr Jüngster etwas über einen Monat älter als unser Sohn. Insbesondere die beiden "Großen" verstanden sich prächtig, es war eine Freude, zuzuschauen, wie sie zusammen herumrannten, kletterten und den 146 von Künstlern aus aller Welt gestalteten Buddy-Bären Namen gaben. 

Zur Lobpreisandacht am Dienstag ging ich diesmal wieder allein, da das große Kind lieber zu Hause bleiben und mit der Mama auf dem Kinderzimmerfußboden Memory spielen wollte und wir Eltern es beide nicht für gut hielten, sie gegen ihren Willen zum Mitkommen zu verdonnern. Übrigens hatte sich herausgestellt, dass mein Terminkalendereintrag, demzufolge am Mittwoch der Pfarrgemeinderat tagen sollte, doch stimmte: Die Einladung, einschließlich vorläufiger Tagesordnung, kam am Dienstagmorgen. Zum Inhalt der Sitzung kann und darf ich mich hier nicht äußern, aber was ich dennoch loswerden möchte, ist: Ohne dass ich es an etwas Konkretem festmachen könnte, was irgendein Teilnehmer der Sitzung gesagt oder getan oder nicht gesagt oder nicht getan hätte, hat dieser Abend bei mir insgesamt das Gefühl hinterlassen, ich sollte mir mal ganz grundsätzlich überlegen, ob ich mir Gremienarbeit in der Pfarrei weiterhin antun will. Oder ob das nicht letztlich doch nur vergebliche Liebesmüh und eine Verschwendung von Zeit und Nerven ist. Weil die Strukturen einfach stärker sind als der Einzelne, einfach aufgrund ihrer Massenträgheit. Man mag sich einbilden, man könnte hier und da mal einen Impuls einbringen, aber der institutionelle Apparat ist immun gegen Impulse. Der zieht unbeirrt sein Programm durch und verwaltet alles in Grund und Boden, bis es irgendwann nichts mehr zu verwalten gibt -- und selbst dann wird er vermutlich noch eine Weile damit weitermachen. 

Ehe jetzt wieder jemand beleidigt ist: Es liegt nicht an den einzelnen Leuten. Jedenfalls nicht in erster Linie. Ich sagte ja bereits, das Problem liegt gerade darin, dass die Strukturen stärker sind als der Einzelne. Den allermeisten Leuten, mit denen ich in der Institution Kirche zu tun habe, würde ich keinesfalls einen Mangel an guter Absicht unterstellen; eher ein Übermaß an Pragmatismus, das Bedürfnis, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe zu sein, statt zu hinterfragen, wohin die ganze Maschine überhaupt rollt. 

Vielleicht sollte ich bei zukünftigen Gremiensitzungen - in allen Gremien und Arbeitsgruppen, in denen ich vertreten bin - hartnäckig darauf bestehen, dass mein bereits vor über einem halben Jahr vorgelegtes Thesenpapier zur Gemeindeentwicklung (hier zum Download -- ich möchte behaupten, große Teile davon lassen sich unschwer auf andere Gemeinden übertragen) diskutiert wird. Vielleicht sollte ich für jede Sitzung einen thematisch passenden Abschnitt heraussuchen. Aber es ist eben auch schwierig, sich auf eine Sitzung vernünftig vorzubereiten, wenn man die Tagesordnung erst einen Tag vorher bekommt. 

Die Alternative wäre, es einfach zu lassen. Den Staub von den Füßen zu schütteln und, mit den unsterblichen Worten König Friedrich Augusts III. von Sachsen, zu sagen "Macht euren Dreck doch alleene". Aber was dann? Wenn man innerhalb der bestehenden Strukturen nicht fruchtbringend für das Reich Gottes arbeiten kann, wie kann man es dann außerhalb dieser Strukturen tun? Diese Frage dürfte, ganz unabhängig von den konkreten Verhältnissen vor Ort, noch erheblich an Dringlichkeit zunehmen, je konsequenter die institutionelle Kirche in Deutschland auf ihrem Schismatischen Weg voranschreitet. Ein paar Denkanstöße dazu gibt's in den Linktipps. 

Am Donnerstag machten das große Kind und ich uns ziemlich spontan und ungeplant einen ausgedehnten Vater-Tochter-Tag: Während meine Liebste mit dem Baby zu Hause blieb, erkundeten wir die Kinderbuchabteilung der Humboldt-Bibliothek, schauten bei der Kirche vorbei und trafen dort eins der Nachbarsmädchen, mit dem Bernadette eine Weile im Garten spielte; später schauten wir dann noch am Sportplatz des FC Arminia Tegel beim Fußballtraining zu, und als das Kind dann immer noch nicht nach Hause wollte, zockelten wir einfach noch eine Weile mit dem Bollerwagen durch die Gegend, bis ich fand, es sei Zeit, das Abendessen vorzubereiten. -- Zum Ausgleich hatte ich am Freitag mal einen Nachmittag für mich, während Frau und Kinder mit den Omas ins unlängst wiedereröffnete Strandbad Tegel gingen. 

Am Samstag erhielt ich eine Büchersendung vom Herder-Verlag; ich nahm an, es würde sich um ein Rezensionsexemplar von "Den ersten Schritt macht Gott" von Bischof Stefan Oster und meinem Freund Rudolf Gehrig handeln, aber tatsächlich war es ein Rezensionsexemplar von "Alfred Bengsch - Bischof im geteilten Berlin" von Stefan Samerski. Drei Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin. Sehr erfreulich, zumal ich das andere Buch wohl auch noch bekommen werde. Die Bengsch-Biographie nehme ich jedenfalls in Etappe 9 meines Lektüreplans für die "100-Bücher-Challenge" auf, und wenn ich das Buch ausgelesen habe, spende ich es dem Büchereiprojekt. 

Am frühen Samstagnachmittag brachen wir dann zu viert auf zum Linienstraßenfest. Bei dieser Veranstaltung handelte es allerdings, anders als der Name nahezulegen schien, nicht so sehr um ein Fest der Anwohner der Linienstraße insgesamt, sondern eher um eine Art Soli-Party für das Haus Linie 206, eine der namhaftesten Trutzburgen der Hausbesetzerszene. 

Symbolbild: Sommer in Berlin
(Innenhof der Linie 206) 

So sieht das Haus von außen aus... 

...und hier sieht man den Kontrast zum Nachbarhaus. Seh'n Se, dit is Berlin. 

Bereits auf dem Weg dorthin, an der Ecke Linienstraße/Rosenthaler Straße, erlebten wir eine recht skurrile Szene mit: Vom Hackeschen Markt her näherte sich eine kleine, aber dank Lautsprecherwagen dennoch geräuschvolle Querdenker-Demo, und hinter einer Polizeiabsperrung hatte sich eine Gruppe linker Aktivisten versammelt, die den Demonstrationszug mit antifaschistischen Slogans empfingen -- weil "Coronaleugner" dem offiziellen Narrativ zufolge schließlich "rechts" sind, na logisch. Gerade sinnierte ich noch leicht amüsiert darüber, dass die Teilnehmer der Querdenker-Demo vermutlich ebenfalls überzeugt waren, gegen den Faschismus auf die Straße gegangen zu sein -- da begann die Mikrofon-Inhaberin der Querdenker-Demo tatsächlich zu skandieren "Alle! Zusammen! Gegen den Faschismus!", und ich hatte den Eindruck, dass die Antifa-Gegendemonstranten vor lauter Verwirrung zumindest teilweise in diesen Sprechchor einstimmten. 

Ich fand diese Szene durchaus über die rein anekdotische Skurrilität hinaus bezeichnend. Denn was immer man inhaltlich von den Positionen der Querdenker halten mag, liegt es doch auf der Hand, dass sie derzeit erheblich konsequenter und glaubwürdiger den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse verkörpern als die Antifa. Und das, so möchte ich behaupten, verweist wiederum auf ein weit grundlegenderes Problem der radikalen Linken, das über die Frage der Compliance mit Corona-Vorschriften weit hinausgeht. 

Finde den Fehler. 

Damit meine ich das Problem, dass die rebellische Attitüde der Linksautonomen immer weniger authentisch wirkt, je mehr die Positionen, die sie vertreten, im Mainstream ankommen. Die Linke hat den Kulturkampf (bis auf Weiteres) gewonnen, inszeniert sich aber weiterhin als furchtlose Barrikadenkämpferin gegen die Übermacht von Gott, Staat und Patriarchat; ich kann nicht anders, als das ein bisschen albern zu finden. Okay, natürlich sind die Hausbesetzer nach wie vor gegen den Kapitalismus, aber große Teile ihrer sozialpolitischen Visionen sind vom Woke Capitalism aufgekauft worden, der sie, wie es dem Kapitalismus nun einmal eigen ist, billiger, schneller und in leuchtenderen Farben nachbaut. 

Dass sich mir solche Gedanken aufdrängen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich kürzlich endlich die vierte Folge (von sieben) von Darryl Coopers Podcast über Jim Jones und den People's Temple zu Ende angehört habe. Darin ist viel vom Niedergang linker Bewegungen in den USA die Rede -- wie etwa der Studentenvereinigung SDS (Students for a Democratic Society, nicht zu verwechseln mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der allerdings eine teilweise durchaus vergleichbare Entwicklung durchmachte), die sich in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren durch mehrere Radikalisierungswellen und ideologische Grabenkämpfe selbst zerlegte, wobri auch die Sexuelle Revolution eine durchaus destruktive Rolle spielte. Wenn man bedenkt, dass seither ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen ist, könnte man auf die Idee kommen, so ein linksautonomes Straßenfest sei nur graduell weniger anachronistisch als ein Mittelaltermarkt. 

Und dennoch ist mir die Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen grundsätzlich sympathisch, und die Leute, die man da trifft, ebenso; und die Linie 206 ist mir noch mal extra sympathisch, weil sie es schafft,  in einem ansonsten gnadenlos durchgentrifizierten Stadtteil voller Hipstercoffeeshops, Boutiquen und E-Scooter-fahrenden Yuppies zu überleben wie ein gallisches Dorf. -- Ein paar ehemalige Bekannte traf ich auch; kann man das eigentlich so sagen? Ehemalige Bekannte? Kann man jemanden, den man früher mal gekannt hat, irgendwann nicht mehr kennen? Nun ja, anscheinend geht das. Der Wirt einer Kneipe, in der ich bestimmt zehn Jahre lang Stammgast war, sieht inzwischen aus wie ein Studienrat an meinem alten Gymnasium, und das, obwohl er sich eigentlich gar nicht so sehr verändert hat. Das gibt zu denken, sagt aber vielleicht auch ein bisschen was über mein altes Gymnasium aus. 

Wie dem auch sei, beim Linienstraßenfest gab's preiswerte Getränke, leckeren Kuchen und sehr leckere Fritten, Livemusik und Akrobatik, und am Bücherstand der Anarchistischen Bibliothek Kalabal!k griff ich für schmales Geld einen Band mit Texten zur informellen Organisation 1845-1948 ab. Dürfte interessant werden! -- Nach ungefähr eineinhalb Stunden strichen wir aber doch die Segel und zogen weiter zu einem nahegelegenen Spielplatz. 

Am gestrigen Sonntag war Mariä Himmelfahrt, in Berlin allerdings zugleich auch der erste Sonntag seit Beginn des neuen Schuljahres, weshalb in unserer Pfarrkirche Familiengottesdienst mit Schulanfängersegnung auf dem Zelebrationsplan stand. Da wichen wir lieber aus auf die Allerheiligenkirche in Borsigwalde; dort gab es eine Kräutersegnung, und wir durften uns sogar ein vom Förderverein spendiertes Kräutertütchen mitnehmen. Außerdem erfuhren wir, dass das Singen im Gottesdienst ab sofort wieder erlaubt sei, und das wurde auch ausgiebig genutzt: Es gab ein gesungenes Kyrie, gesungenes Gloria, einen gesungenen Kehrvers im Antwortpsalm, ein gesungenes Vaterunser, gesungenes Sanctus, Agnus Dei und sogar einen gesungenen Entlassungssegen. Jetzt warte ich eigentlich nur noch darauf, dass die Mundkommunion wieder zugelassen wird... 


Was ansteht: Die aktuelle Woche sieht im Terminkalender noch einigermaßen entspannt aus; das wird nächste Woche ganz anders, aber dazu zu gegebener Zeit mehr. Natürlich bedeutet das auch, dass ich wohl ganz gut daran täte, mich frühzeitig darum zu kümmern, mich auf die ab nächster Woche anstehenden Termine gründlich vorzubereiten. Dazu gehört auch, an der nächsten Ausgabe der "Lebendigen Steine" zu arbeiten, denn der Redaktionsschluss wirft schon wieder seine Schatten voraus.

Gleichwohl erwäge ich wieder einmal, heute  erst einmal zum von meiner Liebsten organisierten kindergartenfrei-Familientreffen im Bürgerpark Pankow mitzukommen. Kann mich dann ja eventuell nach einer Weile wieder abseilen. Morgen ist natürlich wieder Lobpreis; der "Omatag", der üblicherweise meist mittwochs ansteht, fällt diese Woche wohl aus, da die Omas in Urlaub sind. Am Donnerstag ist der Gedenktag des Hl. Johannes Eudes, der, weil er ein großer Förderer der Herz-Jesu-Verehrung war, in "meiner" Pfarrkirche auf einem Buntglasfenster verewigt ist: 

Am Samstag laden wir - zum ersten Mal seit 17 Monaten! - wieder zum Krabbelbrunch ins Gemeindehaus von Herz Jesu Tegel ein. Natürlich unter Beachtung der aktuell gültigen Hygienevorschriften. In der Vergangenheit kamen zu dieser Veranstaltung zwar nie so viele Leute, dass Probleme mit der für den Saal zugelassenen Personenanzahl zu befürchten wären, aber vorsichtshalber bitten wir trotzdem um Anmeldung. Und am Sonntag, dem 22. August, findet ab 16 Uhr das erste "Maria 1.0"-Regionaltreffen für das Erzbistum Berlin statt. Als Zoom-Konferenz. Leser und besonders Leserinnen aus dem Hauptstadtbistum seien hiermit herzlich eingeladen, daran teilzunehmen (Anmeldung per Mail erforderlich, dann gibt's den Zoom-Link). Ich bin gespannt!  


Linktipps: 

Vorweg: Von der Existenz von Hanniel Strebels Blog habe ich ursprünglich durch Theóradár, den alten Westgotenhäuptling, erfahren, und wer meinen fast fünf Jahre alten Artikel über dieses Ranking-Datenbank-Projekt für christliche Blogs (oder was sich so nennt) nachliest, der wird feststellen, dass ich dort angemerkt habe, ich fände "Hanniel bloggt" "eher gruselig, ohne genau sagen zu können, woran das liegt". Nun ja: Ein erster Eindruck. Hanniel Strebel, ein studierter Betriebswirt, der seine Brötchen in der betrieblichen Erwachsenenbildung verdient, daneben aber auch einen US-amerikanischen Hochschulabschluss in Theologie hat, schien mir ein knallharter, knochentrockener Evangelikaler zu sein, sehr verkopft, verklemmt, verbissen -- sehr ähnlich jenen Evangelikalen, die vor jemandem wie Johannes Hartl warnen, weil der schließlich katholisch sei und darum alle möglichen "unbiblischen" Glaubenslehren vertrete. In diesem Punkt war dieser mein erster Eindruck nachweislich falsch, und in einigen anderen wohl auch. Dazu veranlasst, dem Hanniel-Blog sozusagen noch eine zweite Chance zu geben, wurde ich zunächst durch sehr nachdrückliche Empfehlungen, die aus dem christlichen Segment der kindergartenfrei- und Homeschooling-Szene an mich herangetragen wurden, und dann, ich gebe es zu, vor allem auch dadurch, dass er Rod Drehers "Benedikt-Option" sehr wohlwollend rezensierte. Mein absoluter Lieblingsblogger ist Hanniel nach wie vor nicht und wird es wohl auch nicht mehr werden, aber ich finde doch, dass er zuweilen Interessantes und Bedenkenswertes zu sagen hat. 

-- Da ich gerade seine #BenOp-Rezension erwähnte: Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich bei meiner Übersetzungsarbeit an die Stelle kam, an der Rod Dreher seinen Lesern ungerührt den Rat gibt, ihre eigenen Kirchen (bzw. wohl eher Kirchengemeinden) zu gründen, und wie ich dabei an das Stirnrunzeln denken musste, das dieser Vorschlag wohl bei vielen katholischen Lesern auslösen würde. Womit wir direkt beim Thema des hier zur Debatte stehenden Hanniel-Artikels wären: Sicherlich muss man beachten, dass Hanniel, wenn er über Gemeindeneugründungen spricht, von einem dezidiert protestantischen Kirchenverständnis (dazu äußere ich mich gleich noch genauer) und von freikirchlichen Organisationsstrukturen ausgeht; das schließt aber, wie ich finde, nicht aus, dass man auch aus katholischer Sicht "etwas damit anfangen kann" -- mutatis mutandis, versteht sich. 

Ich will Hanniels zehn Thesen zum Thema Gemeindeneugründung hier nicht Punkt für Punkt durchgehen - da bliebe für Dich, Leser, schließlich nichts mehr zum Selberlesen übrig -, aber so viel sei doch verraten, dass gleich der erste seiner zehn Punkte ein echtes Aha-Erlebnis für mich bereithielt. Ich zitiere: 

"Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann besteht sehr wohl genügend Platz für neue Gemeinden."

Was mich an dieser lakonischen Aussage so fasziniert, ist der fundamentale Gegensatz zur Denkstruktur großkirchlicher Pastoralstrategen; denn die würden ja wohl eher sagen: "Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann kann man die Kirche dort auch zumachen." Sich "aus der Fläche zurückziehen" wie die Deutsche Post oder neuerdings die Commerzbank. Hanniel hat da einen entschieden anderen Ansatz: Das Wort Gottes muss verkündet werden, muss zu den Leuten gebracht werden et pereat mundus, und wenn die bestehenden Kirchen das nicht gebacken kriegen, dann braucht es für diese Aufgabe eben neue Kirchen. Hier kommt nun allerdings das bereits angemerkte protestantische Kirchenverständnis zum Tragen; wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb:

"Protestantische Ekklesiologie geht - zugespitzt gesagt - vom Ansatz her eigentlich kaum über die jeweilige Ortsgemeinde als Versammlung von Gläubigen hinaus, größere organisatorische Einheiten haben da gewissermaßen nur eine rein verwaltungstechnische Funktion; es gibt demnach kaum überzeugende theologische Argumente dafür, warum eine Gruppe protestantischer Gläubiger, wenn sie sich innerhalb ihres Verbands nicht genügend repräsentiert sieht, nicht austreten und ihren eigenen Verein gründen sollte. Und genau das geschieht ja in der Geschichte des Protestantismus praktisch permanent." 

Für jemanden, der katholisch ist und bleiben will, stellt sich der Sachverhalt denn doch erheblich anders dar; denn der katholische Glaube besagt nun einmal, dass die "einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen [...], verwirklicht [ist] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird" (Lumen Gentium 8). Und diese Kirche ist nun einmal territorial organisiert -- was dazu führt, dass es, egal wo man hinkommt, selbst an Orten, an denen weit und breit keine katholische Kirche zu finden ist, immer schon eine zuständige Pfarrei gibt, und einen Ortsbischof, dessen kirchenrechtlicher Jurisdiktion man unterliegt. 

Was kann man aber dann tun? Zum Beispiel "Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt [...] gründen und [...] leiten" (can. 215 CIC) und "durch eigene Unternehmungen [...] eine apostolische Tätigkeit in Gang [...] setzen oder [...] unterhalten" (can. 216 CIC); das kann nämlich jeder, ohne dafür eine Erlaubnis von irgendwem zu benötigen. Gerade da in den deutschen Diözesen die Schaffung von Großpfarreien von zum Teil wirklich unüberschaubarer Fläche massiv voranschreitet, dürften sich allerlei Freiräume für diese Art von  Graswurzelinitiativen auftun. Und auf solche freien Vereinigungen von Gläubigen lässt sich - mutatis mutandis, wie gesagt - Manches von dem anwenden, was Hanniel über Gemeindeneugründungen sagt; ich denke dabei besonders an seine Punkte 7 ("Ein Kernstück im ent-kirchlichten Westen wird das gemeinsame Leben sein – also die Kunst eines christlichen Lebens in den beiden Ständen als Familien und Singles") und 8 ("Gastfreundschaft [...] über Generationen, Nationalitäten, soziale Schichten und Interessensschwerpunkte hinweg ist ein Schlüssel für Evangelisation und das Entfalten der Schönheit der von Christus wiederhergestellten Beziehungen"). 

Auch als Mitglied einer solchen freien Vereinigung von Gläubigen untersteht der Katholik natürlich immer noch der Autorität seines jeweiligen Ortsbischofs, und die Gemeinschaften werden gut daran tun, auch zu der für ihren Standort zuständigen Pfarrei ein möglichst gutes Verhältnis zu pflegen, zumal sie ja auch einen Priester benötigen, der ihnen die Sakramente spendet. Gleichwohl halte ich es für durchaus denkbar, dass aus solchen eher informellen Zusammenschlüssen von Gläubigen auf längere Sicht neue Gemeinden entstehen können, die irgendwann in Zukunft, wenn die Großpfarreien sich als Irrweg erwiesen haben werden, vielleicht auch den Status eigenständiger Pfarreien bekommen können. -- Ich schätze, zu diesem Thema wird man hier noch öfter etwas lesen. 

Auch den oder das Jugendleiter-Blog (den oder das es auch als App gibt, kein Scheiß) habe ich über Theoradar entdeckt; der Gründer und (laut Selbstbezeichnung) "Kopf hinter dem Jugendleiter-Blog", Daniel Seiler, ist ein Eigengewächs des BDKJ  Coburg und der Franziskanische Jugend Coburg St. Marien und kann auf über zehn Jahre "Erfahrung in der Leitung und Organisation von Gruppenstunden und Ferienlagern" zurückblicken, die er mittels seines Blogs weitergeben möchte. Soweit, so schön --oder auch unschön, je nachdem, was man so von der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit hält. Der zufälligerweise erste Artikel des Jugendleiter-Blogs, den ich je zu Gesicht bekommen habe, erscheint jedenfalls geeignet, meine schlimmsten diesbezüglichen Vorurteile zu bestätigen. 

"Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" Jede*r, der/ die das Dschungelcamp auch nur einmal geschaut hat, kann sich wohl an diesen Satz erinnern. Von unappetitlichen Dschungel-Buffets, über krabbelige Aufgaben, bis hin zu aufregenden Mutproben ist beim Dschungelcamp wirklich alles dabei. 

Äh ja. Und? 

Veranstaltet eurer eigens lustiges und vor allem verrücktes Dschungelcamp.

Ähm. Nö. Mal abgesehen davon, dass da statt eines Punkts ein Ausrufezeichen hingehört: Wieso sollte man so etwas tun? 

Weil, meint Daniel Seiler, "die Teilnehmer*innen" dabei lernen, "Ängste und Ekel zu überwinden". Aha. Also zum Beispiel den Ekel, den ich empfinde, wenn ich sowas lese? -- Zu der Frage, ob kirchliche Kinder- und Jugendgruppen gut daran tun, ihrer Klientel den Ekel abzutrainieren, würden mir so einige Anmerkungen einfallen, sarkastische wie bitterernste; aber die darfst Du, Leser, Dir selbst ausmalen, derweil ich mich auf den Hinweis beschränke: Wer den ausgesprochen entzückenden Pixar-Film "Alles steht Kopf" gesehen hat, der weiß, dass Ekel eine durchaus sinnvolle Funktion erfüllt -- nämlich vor Vergiftung zu schützen, und zwar körperlich wie auch mental. 

Womit wir beim Thema wären: mentale Vergiftung. Die Spielideen, die in diesem Blogartikel vorgestellt werden - mit verbundenen Augen verschiedene Lebensmittel am Geschmack erkennen, Wasser mit einem Löffel transportieren, einen Stein auf dem Fuß balancieren - sind an und für sich gar nicht mal so doof oder zumindest nicht besonders schändlich; ich könnte mir vorstellen, dass so etwas bei Kindergeburtstagen gut ankommt. Mit anderen Worten, als Zielgruppe für solche Spielideen stelle ich mir vorrangig Kinder im Grundschulalter vor. Ist das aber eine Zielgruppe, von der man annehmen sollte, dass sie das RTL-"Dschungelcamp" kennt? 

Nun, eigentlich sollte überhaupt niemand das RTL-"Dschungelcamp" kennen. Ich denke, diese Aussage sollte man nicht begründen müssen. Es ist ein Sendeformat, das alle, die daran beteiligt sind - einschließlich der Zuschauer, ja besonders die Zuschauer - beschmutzt, entwürdigt, entmenschlicht. Das Konzept "Dschungelcamp-Gruppenstunde" geht nun offensichtlich von der Voraussetzung aus, dass tatsächlich aber eben doch so ziemlich jeder diese Sendung kennt - was vermutlich eine einigermaßen realistische Einschätzung ist, aber wie der alte Hegel sagen würde: "Desto schlimmer für die Tatsachen!" -, und will sich diesen Umstand zunutze machen, um das eigene Angebot interessant zu machen. Was letztlich darauf hinausläuft, dass die kirchliche Jugendarbeit sich opportunistisch an die dekadente Massenkultur anbiedert, anstatt ihr etwas entgegenzusetzen. Denjenigen Teilnehmern, die schäbige RTL-Shows kennen und womöglich sogar anschauen, wird vermittelt, das sei ganz normal und völlig in Ordnung, und diejenigen, deren Eltern es bisher womöglich gelungen ist, sie davon fernzuhalten, werden auch noch neugierig darauf gemacht. -- Überraschen sollte einen derartige Zustände in der kirchlichen Jugendarbeit aber wohl nicht. "Engagierte Eltern können die moralische und geistliche Erziehung ihrer Kinder nicht einfach an die Kirche oder eine kirchennahe Organisation delegieren", stellt Rod Dreher in der "Benedikt-Option" fest -- und führt aus: 

In einer Reihe von Interviews, die ich im Zuge der Arbeit an diesem Buch mit einem breiten Spektrum von Christen geführt habe, hörte ich immer wieder Beschwerden darüber, dass kirchliche Jugendgruppen mehr danit beschäftigt sind, die Kinder zu bespaßen, als sie zu Jüngern Jesu zu erziehen. Eine evangelikale Jugendliche erzählte mir, sie sei aus ihrer kirchlich organisierten Jugendgruppe ausgestiegen, weil es ihr zunehmend gegen den Strich ging, wie die anderen Gruppenmitglieder rauchten, tranken und Sex hatten. "Ehrlich gesagt hänge ich lieber mit ungläubigen Kids ab", sagte sie mir. "Die akzeptieren mich, obwohl sie wissen, dass ich gläubig bin. Wenn ich mit denen zusammen bin, kriege ich wenigstens ein Gefühl dafür, was es heißt, Christ zu sein." (S. 206f.) 

Sicherlich gilt das nicht immer und überall. Im Einzelfall gibt es bestimmt auch in der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit Mitarbeiter, die nicht nur bek der Bespaßung der jungen Leute (denn dass diese auch ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist, soll hier nicht bestritten werden), sondern auch bei Evangelisierung, Katechese und Anleitung zur Jüngerschaft gute Arbeit leisten. Aber im Ganzen, so wage ich zu behaupten, ist die institutionelle Jugendarbeit der Volks- und Großkirchen darauf nicht ausgerichtet. Deren eigentliches Zielpublikum sind Leute, die sich der Kirche irgendwie (noch) verbunden fühlen, obwohl sie mit dem ganzen Glaubenskram eher nicht so viel anfangen können. Diesen Leuten - bzw. deren Kindern, als der nächsten Generation potentieller Beitragszahler - will man positive Erlebnisse im Zusammenhang "mit Kirche" bieten, um sie an die Institution zu binden. Em tasol, wie man in Papua-Neuguinea sagen würde. 

Aber vielleicht sollte ich mich nicht so sehr auf einen alles in allem doch eher banalen Jugendleiter-Blog-Beitrag einschießen. Schließlich geht es, wie wir gleich sehen werden, noch erheblich blöder: 

Vor Jahren schrieb ich mal über das oft recht peinlich anmutende Bemühen der Großkirchen, von der Massenwirkung medialer Großereignisse wie der Fußball-WM oder des Eurovision Song Contest ein paar Brosamen zu erhaschen, das sei "in etwa so, als hätte der Prophet Elija am Fuße des Bergs Karmel einen Kiosk eröffnet, um denen, die zum Baalskult pilgern, Popcorn in Tüten mit dem Logo seines Gottes zu verkaufen". Nun ist die Satire einmal mehr von der Realität überholt worden. Unter dem Motto "paradEIS" bietet das Erzbistum Berlin, finanziell gefördert u.a. vom Bonifatiuswerk (!), derzeit und noch bis zum 22. August kostenlos Eiscreme an. Okay, kann man machen, Eis mag  ja schließlich so ziemlich jeder. Der  Haken an der Sache ist, dass die Aktion partout eine irgendwie symbolische Ebene haben muss. Und da wird's dann mehr als nur peinlich. 

Die Begeisterung, die alle für Eis haben – die hätten wir auch gern für den Glauben. Der Glaube an sich ist schließlich etwas Sinnliches", erklärt Pastoralreferentin Carla Böhnstedt, die das neue Projekt "paradEIS" konzipiert hat. Dabei gehe es nicht um Missionierung --

Ja nee klar, natürlich nicht. Soll ich Dir mal was sagen, Leser? Ich wünsche mir eine Kirche, in der Aussagen wie "Wir wollen nicht missionieren" ein Grund für eine fristlose Kündigung sind. Aber keine Bange, es kommt noch ärger. Die "Citypastoral des Erzbistums" hat für diese Eiswagen-Aktion nämlich "fünf besondere Eissorten" kreiert: 

"Eden für jeden" weist etwa daraufhin, dass auch im Glauben jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Die Sorte "Trostgold" wird als "Sattmacher für die Seele" angepriesen. Und "Traute Nuss" soll mit ihrem erwartbar knackigen Geschmack Urvertrauen wecken. Als Topping gibt es etwa "Streuzweifel" oder "Fragsahne". Jeder Kunde soll - so die Idee - zunächst überlegen, was für seinen Glauben wesentlich ist und dann entsprechend wählen. 

Entwickelt wurden diese fünf Eissorten übrigens in Zusammenarbeit mit der Berliner Eismanufaktur "Süße Sünde". Im Ernst. Die Leute merken überhaupt nichts mehr, oder? "Ein Denkanstoß soll das Ganze sein, ein leichtes Augenzwinkern"; mich hingegen beschleicht der Eindruck, dass die "Citypastoral"-Leute vor lauter Augenzwinkern schon nicht mehr geradeaus gucken können. -- 

Mir geht da wirklich jeglicher Humor ab. Das Ganze ist für mich ein schauriger Einblick in die Gedankenwelt von Leuten, denen man niemals eine Position in der Kirche hätte geben dürfen. Weil sie nicht im Ansatz verstehen, was die Kirche ist und wozu sie da ist, geschweige denn, was die Kirche unter Glauben versteht. Ich zitiere mal, der Geschmeidigkeit halber, den YOUCAT: 

Der Glaube ist das Persönlichste eines Menschen, aber er ist dennoch keine Privatsache. [...] Der einzelne Gläubige gibt seine freie Zustimmung zum "Wir glauben" der Kirche. Von ihr hat er den Glauben empfangen. Sie war es, die ihn durch die Jahrhunderte zu ihm herübergetragen, vor Verfälschungen bewahrt und immer wieder zum Leuchten gebracht hat. Glauben ist daher Teilnahme an einer gemeinsamen Überzeugung. (YOUCAT, 24) 

Aber nicht bei der Citypastoral! Da kann, darf und soll jede*r glauben, wie und was und woran er*sie mag, und die Kirche lächelt fein dazu und sagt "Schön, das wir drüber  geredet haben". -- Ich finde es ziemlich traurig, dass "mein" Erzbischof, den ich persönlich durchaus schätze, bei sowas mitmacht. Man muss allerdings einräumen, dass das durchaus in das Gesamtkonzept von Öffentlichkeitsarbeit passt, das Heiner Koch verfolgt, seit er Erzbischof von Berlin ist (oder vielleicht auch schon vorher), und das im Wesentlichen darin besteht, "Kirche" in der Öffentlichkeit auf positive, d.h. sympathisch 'rüberkommende Weise sichtbar zu machen. Die gute Absicht kann ich durchaus anerkennen, aber ich halte diese Strategie dennoch für problematisch -- und dafür, was daran so problematisch ist, ist die Aktion "paradEIS" letztlich nur ein besonders illustratives Beispiel. 

Diesen Blogartikel hat meine Liebste auf Twitter entdeckt und dort mit dem lakonischen Kommentar "Weil isso" re-tweetet. Es geht darin, kurz und schlicht gesagt, um die Feststellung, dass ein Familienmodell, in dem sich beide Eltern zu ungefähr gleichen Teilen um die Kinder kümmern, schlechterdings nicht arbeitsmarktkompatibel ist: 

"Ich lese immer wieder, wie Frauen sich beschweren, dass sie in der Berufswelt nicht mehr ernst genommen werden, sobald sie Kinder haben. Gute Jobs werden ihnen verweigert, oder sie werden nach Ablauf der Elternzeit nicht weiterbeschäftigt, eben weil sie Mütter sind. 

Daneben haben Väter allerdings auch nicht viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. 

Wer nicht voll für den Arbeitgeber zur Verfügung steht, wird entsorgt."
Und weiter: 
"Eine Umfrage im örtlichen Radio vor etlichen Wochen ergab genau das, was wir auch schon herausfanden: Die Arbeitgeber wollen keine Halbtageskräfte. Entweder Vollzeit, voll zu ihrer Verfügung, oder gar nicht."

Obendrein stellt die Verfasserin fest, ein System, das darauf ausgerichtet sei, dass Eltern Vollzeit arbeiten und ihre Kinder zu diesem Zweck in Ganztagsbetreuung zu geben, benachteilige besonders "die, die an der Basis mit Menschen oder ihren eigenen Händen arbeiten" --
"denn diese Menschen haben häufig Schichtarbeit, oder eben Arbeitszeiten, für deren Zeit es keine Kinderbetreuung gibt."

Den Ansatz, dieses Problem durch "24h Kinderbetreuung" zu lösen, betrachtet die Verfasserin als "für die Kinder unzumutbar" -- und stellt zudem die Frage: "Wofür hat man dann Familie?" Tja.

Mir persönlich ist der Artikel zwar im Grunde noch nicht radikal genug - insofern, als er im Prinzip immer noch an der Vorstellung festhält, das Schlagwort von der "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" stehe für ein sowohl realisierbares als auch erstrebenswertes Modell und es hapere lediglich an der Umsetzung. Aber okay, was soll man machen, wenn man Familie und Beruf nun mal irgendwie unter einen Hut bekommen muss. So oder so ist der Artikel als auf persönlicher Erfahrung basierende Stellungnahme einer Mutter definitiv lesenswert. 

Ohrwurm der Woche: Kris Kristofferson, "To Beat the Devil" (1970) 

Ich werde wohl nie vergessen, wie ich in den Besitz des Albums kam, auf dem dieser Song erschienen ist: Eines Tages kam ich in einen kleinen Second-Hand-Plattenladen und fragte den Inhaber nach "bekifft klingendem Bluesrock". Er hatte ein paar Empfehlungen für mich, aber so richtig überzeugte mich nichts davon -- bis mir plötzlich auffiel: :Sag mal, was läuft da eigentlich gerade im Hintergrund?" -- "Das ist das Debütalbum von Kris Kristofferson", teilte mir der Ladeninhaber strahlend mit. "Gerade neu auf CD rausgekommen mit vier Bonustracks." 

Okay: Bluesrock war das nicht direkt , aber ich kaufte ihm die CD auf der Stelle ab und habe es nie bereut. Erstaunlich finde ich eigentlich , dass ich den Song "To Beat the Devil" nicht in meine "Sound der #BenOp"-Hitliste aufgenommen habe; er würde sich da stilistisch gut einfügen, und nicht nur der Titel ist entschieden #benOppig, sondern auch und vor allem der Text des zweiten Refrains. Übrigens auch sehr motivierend, wenn man mal wieder frustriert vom Kampf gegen institutionelle Windmühlen ist... 


Aus der Lesehore: 

Ich bitte dich, denk daran, dass unser Herr Jesus Christus dein Haupt ist und dass du eines deiner Glieder bist. Er will, dass alles, was in ihm ist, in dir lebt und herrscht: sein Geist in deinem Geist, sein Herz in deinem Herzen, alle Fähigkeiten seiner Seele in den Fähigkeiten deiner Seele, damit sich an dir das Wort erfüllt: "Verherrlicht Gott und tragt ihn in eurem Leib, damit das Leben Jesu an euch sichtbar wird" (1 Kor 6,20). 

 Sei eins mit Jesus wie die Glieder mit dem Haupt. Darum musst du einen Geist mit ihm haben, eine Seele, ein Leben, einen Willen, eine Absicht, ein Herz. Er muss dein Geist sein, dein Herz, deine Liebe, dein Leben und alles, was dein ist.  

(Hl. Johannes Eudes, "Über das bewundernswerte Herz Jesu")  


 

Dienstag, 20. Juli 2021

Eine Vorschule des Priestertums

Gestern Abend habe ich mich dazu verleiten lassen, mich in eine Diskussion auf der Facebook-Seite von häretisch.de einzuschalten. Sollte man eigentlich nicht machen, tja, das hab ich jetzt davon. Aufhänger für die Diskussion war ein Artikel darüber, dass die CSU-Politikerin Dorothee Bär, Digitalstaatsministerin im Bundeskanzleramt, früher mal Messdienerin werden wollte und nicht durfte und dass sie deshalb (?) der Meinung ist, "Bewegungen wie 'Maria 2.0'" sollten "nicht abgetan" werden, schließlich müsse die Kirche zusehen, dass sie nicht "den Anschluss an die Menschen des 21. Jahrhunderts verliere". Das Übliche also. In den Kommentaren äußerte eine Friseurmeisterin aus Brandenburg an der Havel, in ihrer Gemeinde seien Ministrantinnen "ungefähr ab 1990 erlaubt", und inzwischen stünden "[o]ft [...] ausschließlich Mädchen am Altar!!!". -- Die drei Ausrufezeichen hätte man nun natürlich so und so verstehen können, aber da darauf noch drei Applaus-Emojis folgten, musste man wohl davon ausgehen, dass die Dame den geschilderten Sachverhalt für etwas Gutes hält. Da konnte ich mich dann doch nicht zurückhalten, zu erwidern: 
"Und genau das ist das Problem." 
Die Reaktionen, die ich mit diesem Kommentar erntete, bestanden aus einer bunten Mischung von Lach- und Wut-Smileys und der indignierten Rückfrage, was daran denn wohl ein Problem sein solle. Ich erklärte daraufhin, ich hielte das für offensichtlich: 
"Wenn die Mädchen die Jungen aus dem Ministrantendienst verdrängen, braucht man sich über ausbleibenden Priesternachwuchs nicht zu wundern."
Weitere Lach- und Wut-Smileys waren die Folge, dazu ein paar Antwortkommentare, deren Verfasser mehr oder weniger subtil andeuteten, dass sie meine These (und somit mich) für dumm hielten. (Dunning-Kruger-Effekt, sag ich da mal nur.) Heute morgen erhielt ich dann erstmals einen sachbezogenen Antwortkommentar. Von einem Priester. Einem, der auf Facebook als "Top-Fan" von häretisch.de geführt wird, aber immerhin ein echter Priester, der auf seinem Profilbild sogar Kollar trägt. Und was schreibt der so? 
"[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig. Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein. Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht. Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Nun ja, sagen wir so: Immerhin eine sachbezogene Antwort. Immerhin ein Versuch, mit Argumenten auf Argumente zu antworten. Das ist, wie man am Gesamtverlauf der Diskussion ablesen kann, in diesem Forum schon selten und daher beachtlich genug -- und verdient daher auch eine entsprechende Antwort. 

Symbolbild: Messdiener in der Kirche St. Robert Bellarmin, Jones, Oklahoma, 2020 (Bildquelle und Lizenz hier).

Also, der Reihe nach: 

  • "[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig." 
Sicherlich sind sie das, und das ist auch gut so. Dennoch dürfte es auf der Hand liegen, dass manche Berufungswege, sagen wir mal, "typischer" sind als andere. Und wenn man solche typischen Berufungswege verbaut (oder jedenfalls erschwert), sollte man sich nicht darüber wundern, wenn es im Ergebnis weniger Berufungen gibt. 
  • "Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein."
Das nennt man anekdotische Evidenz. Um mal von meiner eigenen Fachrichtung zu sprechen: Es gibt auch Menschen, die als Kind nicht gern gelesen haben und später trotzdem Literaturwissenschaftler geworden sind. Solche Fälle sind exakt deshalb erwähnenswert, weil sie die Ausnahme sind. Das heißt, sie verweisen dialektisch darauf, dass es normalerweise anders ist. Es gibt sogar ein altes deutsches Sprichwort, das diesen Sachverhalt beschreibt; es lautet: "Ausnahmen bestätigen die Regel". 
  • "Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht." 
Das bin ich auch. In meiner Pfarrgemeinde (die natürlich nur insofern "meine" ist, als ich auf ihrem Gebiet wohne und in ihr ehrenamtlich tätig bin, auch wenn ich den Begriff "Ehrenamt" eigentlich verabscheue) herrscht chronischer Ministrantenmangel, in den Gremien der Gemeinde wird regelmäßig über Gründe und mögliche Abhilfen für dieses Problem diskutiert, aber dass es zu viele Mädchen gäbe, die ministrieren wollen, gehört eindeutig nicht zu den Gründen. Kirchenrechtlich spricht nichts dagegen, dass Mädchen ministrieren, sofern der zuständige Bischof es erlaubt (dazu weiter unten noch eine Anmerkung); persönlich habe ich überhaupt kein Problem damit, dass es Ministrantinnen gibt, und hätte z.B. auch nichts dagegen, wenn meine Tochter, sobald sie alt genug dafür ist, Ministrantin werden wollte. Problematisch wird es aus meiner Sicht erst, wenn - siehe oben - "oft ausschließlich Mädchen am Altar stehen". 
  • "Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester" -- 
Doch. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man das ernsthaft leugnen kann. Zumindest sollte sie das sein, und wenn sie es faktisch nicht ist, sollte man sich vielleicht mal überlegen, was mit der Messdienerausbildung falsch läuft. 
  • "und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Eine bemerkenswert sozialdarwinistische Argumentation, zu sagen, wenn jemand sich aus einer Position verdrängen lasse, sei er für diese Position wohl schlichtweg nicht geeignet gewesen. -- Dass jemand, der sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlt, "nicht unbedingt perfekt geeignet" für die Anforderungen des Priesterberufs ist, ist zweifellos richtig, ist im vorliegenden Kontext aber ein reines Strohmannargument. Immerhin kommen wir hier aber so langsam mal zum Kern der ganzen Debatte: Wieso meine ich, dass Jungen durch Mädchen aus dem Ministrantendienst "verdrängt" werden? 

Nun, zunächst einmal ist es einfach eine empirische Tatsache, die auch dadurch nicht weggeht, dass sie einem nicht gefällt bzw. nicht ins ideologische Konzept passt. In dem Kommentar, auf den ich ursprünglich geantwortet habe, liegt dieser Sachverhalt ganz offen zutage: In den 90ern wurden erstmals Mädchen zum Ministrantendienst zugelassen, heute sind die Mädchen dort deutlich in der Überzahl. Das betrifft nicht nur diese eine Gemeinde, das ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich auch statistisch nachweisen lässt. Und wenn man nur ein bisschen was von Pädagogik und/oder Kinder- und Jugendpsychologie versteht, ist das auch nicht besonders verwunderlich. 

Beachten wir die Altersgruppe, um die es hier geht: Ich wage mal zu behaupten, im Kern haben wir es hier mit Kindern und Jugendlichen zwischen Erstkommunion und Schulabschluss zu tun. Es geht also mit ungefähr zehn Jahren los und geht dann weiter bis ins Teenageralter. Mit anderen Worten, die Entscheidung, Messdiener zu werden oder nicht, findet in den allermeisten Fällen in einem Alter statt, in dem es vollkommen normal ist, seine sozialen Kontakte überwiegend unter Angehörigen des eigenen Geschlechts zu suchen und zu finden. Wo überwiegend Mädchen sind, da gehen auch überwiegend Mädchen hin -- und umgekehrt. 

Hinzu kommt, dass gerade in diesem Alter Mädchen typischerweise ordentlicher, disziplinierter, zuverlässiger und autoritätsbezogener sind als Jungen; und es liegt auf der Hand, dass das alles Eigenschaften sind, die ihnen beim Ministrantendienst zugute kommen. (Aber nicht nur da: In der Pädagogik und der Lehrerausbildung ist die Benachteiligung von Jungen in geschlechtsgemischten Gruppen seit mindestens 50 Jahren ein großes Thema, die Fachliteratur ist voll davon. Könnte man ruhig mal zur Kenntnis nehmen.) 

Die natürliche Folge daraus ist: Wenn man weiterhin auch Jungen im Ministrantendienst haben will, dann muss man sie besonders fördern. Aber vielleicht will man das ja gar nicht. Das würde Einiges erklären. Übrigens nicht nur den Priestermangel: Auch unter den sogenannten "Ehrenamtlichen" oder überhaupt unter den aktiven Gemeindemitgliedern grassiert in der Kirche ein Männermangel. Aber das wäre mal ein Thema für sich. 

Den Zusammenhang zwischen Ministrantendienst und Priesterberufung habe ich mir übrigens nicht ausgedacht, falls das jemand denkt. Schon in der Enzyklika "Mediator Dei" von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 wird die Förderung von Priesterberufungen als ein gewichtiges Argument dafür angeführt, "Knaben aus allen Gesellschaftsklassen [...] unter der wachsamen Aufsicht der Priester" zum Ministrantendienst auszubilden; im Zusammenhang mit der Zulassung von Mädchen zum Ministrantendienst betonte die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 15.03.1994, "dass es immer sehr angemessen sein wird, der edlen Tradition zu folgen, Jungen am Altar dienen zu lassen", da es "wohlbekannt" sei, "dass dies erfreulich zur Entwicklung priesterlicher Berufungen beiträgt"; und die Kongregation für das katholische Bildungswesen hielt noch 2012 in ihren "Pastoralen Leitlinien zur Förderung der Berufungen zum Priesteramt" fest, der Ministrantendienst könne "als ein echter Weg der Öffnung zum Priesterberuf angesehen werden". 

Abschließend, wie angekündigt, noch ein Wort dazu, dass es der Entscheidung des jeweiligen Bischofs obliegt, ob Mädchen ministrieren dürfen oder nicht. Schon bevor ich in der besagten Diskussion bei häretisch.de das Fass mit der "Verdrängung" der Jungen aus dem Ministrantendienst aufmachte, war mir ein Kommentar einer Mitarbeiterin des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" aufgefallen, die ich zwar ausschließlich via Facebook kenne, dort aber schon ein paarmal mit ihr aneinandergeraten bin. Sie schrieb, unter Kardinal Meisner - in seiner Berliner Zeit - hätten Mädchen auch nicht ministrieren dürfen, und seine einzige Begründung dafür sei gewesen "Weil ich das nicht wünsche". Dazu merkte ich an, das sei doch eine vollkommen ausreichende Begründung. Als Reaktion erntete ich diesmal ausschließlich Lach-Smileys. Ich meine das aber ernst. Es steht einem Bischof zu, diese Frage nach eigenem Gutdünken zu entscheiden; und wer das nicht akzeptieren kann oder will, dem fehlt es vielleicht einfach an Demut. Was, etymologisch betrachtet, übrigens nichts anderes bedeutet als "Bereitschaft zum Dienen". 

Aber diese Tugend scheint ja innerhalb der "häretisch.de"-Zielgruppe insgesamt nicht so en vogue zu sein. 

Sonntag, 20. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 3 von 3)

Herzlich willkommen zum Finale meiner kleinen Artikelserie über die kirchenbezogenen Aspekte meines jüngsten Familienurlaubs in Butjadingen! In Teil 2 war ich mit meiner Schilderung bis zum Donnerstag der 10. Woche im Jahreskreis gekommen; tags darauf war das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, und damit möchte ich meine Schilderung nun wieder aufnehmen. Teilweise bedingt durch unsere Aktivitäten in der Kirchengemeinde Herz Jesu in Berlin-Tegel hat die Herz-Jesu-Verehrung im Laufe der letzten Jahre einen besonderen Stellenwert im Glaubensleben meiner Familie gewonnen; es traf sich somit günstig, dass es - wie schon erwähnt - in der Nordenhamer St.-Willehad-Kirche am frühen Freitagabend eine Messe anlässlich des Herz-Jesu-Fests gab. Um daran teilzunehmen, fuhren wir mit dem Bus nach Nordenham. 

Dies ist leider nicht der Schaukasten der katholischen Kirche St. Willehad -- sondern derjenige der baptistischen Zoar-Kapelle, an der wir auf dem Weg nach St. Willehad vorbeikamen.

Ich hatte spekuliert, der Umstand, dass das Herz-Jesu-Fest in Nordenham besonders gefeiert wird, habe womöglich auch damit zu tun, dass es das Titularfest der inzwischen profanierten Kirche im Ortsteil Einswarden gewesen war; nicht im Blick gehabt hatte ich dabei, dass in St. Willehad auch allmonatlich eine Messe zum Herz-Jesu-Freitag (dem ersten Freitag des jeweiligen Monats) gefeiert wird. Insgesamt geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass die Herz-Jesu-Verehrung ein Refugium des eher "konservativ"-frommen bzw. traditionsorientierten Teils der Gemeinde darstellt; davon, wie dieser Gemeindeteil personell aufgestellt ist, vermittelte die Messe zum Herz-Jesu-Fest allerdings kein sehr ermutigendes Bild: Außer den Mitwirkenden (Pfarrer, Küsterin und eine Musikerin, die originellerweise nicht Orgel, sondern Geige spielte) und uns nahmen ungefähr fünf überwiegend sehr betagte Personen an der Messfeier teil.

Überrascht war ich, als vor Beginn der Messe die Küsterin auf mich zukam und mich fragte, ob ich den Vortrag der 1. Lesung (Hosea 11,1-9) und der Fürbitten übernehmen möge. Machte ich natürlich gern. Ob die Küsterin mich erkannt hatte oder bloß dachte "Junge Familie, die an einem Werktag in die Messe kommt, das werden schon Leute sein, denen man so eine Aufgabe anvertrauen kann", sei mal dahingestellt. 

Zum ersten Mal stutzen musste ich, als der Pfarrer nach dem Kyrie direkt zum Tagesgebet überging. Nanu, dachte ich: kein Gloria? Dabei ist doch Hochfest! Ich ahnte schon fast, dass es folgerichtig auch kein Credo geben würde, trotzdem wartete ich nach der (im Guten wie im Bösen nicht besonders bemerkenswerten) Predigt erst einmal ab, ehe ich zu den Fürbitten ans Ambo trat. Genauer gesagt wartete ich so lange, bis die Geigerin in der Bank hinter mir sich vernehmlich räusperte. -- Davon abgesehen, und vor allem verglichen damit, was ich bei anderen Gelegenheiten an diesem Ort (und durchaus auch woanders, z.B. in Stuttgart) schon so alles erlebt habe, hielten sich die liturgischen Fouls einigermaßen in Grenzen -- wobei ich mich in solchen Fällen immer frage, warum man sich diese Verstöße gegen die liturgische Ordnung dann nicht auch noch hat sparen können; aber der innere Drang, die Messe keinesfalls genau so zu zelebrieren, wie sie im Messbuch steht, scheint bei einigen Priestern schier unbesiegbar zu sein, und die Gemeinde weiß es oftmals schlicht nicht besser. Welchen Sinn soll es beispielsweise haben, den Antwortpsalm (Jesaja 12,2-6) und die zweite Lesung (Epheser 3,8-19) wegzulassen, nur um dann nach der Kommunion einen anderen Psalm (in diesem Fall Psalm 42) zu rezitieren? Nichts gegen Psalm 42, er ist wunderschön, aber was soll sowas? Und sollte es nicht einigermaßen einleuchtend sein, dass die erste Strophe von "Großer Gott, wir loben dich" zwar an und für sich gut und schön ist, aber trotzdem nicht dafür geeignet ist, anstelle des Sanctus gesungen zu werden? -- Meine Liebste ist der Meinung, mangelnder Sinn für Liturgie oder mangelnder Respekt gegenüber liturgischen Vorschriften seien Anzeichen für ein fundamentales Nichtverstehen oder Nicht-Akzeptieren-Wollen der göttlichen Ordnung der Dinge, die sich in der Liturgie widerspiegelt; und ich bin geneigt, ihr Recht zu geben. In besonderem Maße gilt das für die noch auf Pfarrer Bögershausen zurückgehende Unsitte, dass der zelebrierende Priester selbst erst am Ende der Kommunionausteilung kommuniziert. Im direkten Vergleich eher eine Kleinigkeit, aber dennoch auf ähnliche Weise bezeichnend ist der häufig zu beobachtende "kreative" Umgang mit den Interzessionen im Eucharistischen Hochgebet, namentlich mit der Formulierung "alle, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind": Unser Gemeindepfarrer in Berlin sagt an dieser Stelle gern "alle Frauen und Männer, die sich in der Kirche engagieren", was ja schon mal nicht zwingend dasselbe ist wie zum Dienst bestellt zu sein; aber der Pfarrer von St. Willehad legt in Sachen Inklusivität noch eine Schippe drauf, indem er sagt "alle, die sich in der Kirche oder im Sinne des Evangeliums in der Welt engagieren". Grönch. 

Aber konzentrieren wir uns mal aufs Positive: Nicht nur war es schön, an diesem Hochfest überhaupt eine Heilige Messe mitfeiern zu dürfen (und zwar dank niedriger Corona-Inzidenz sogar mit Gemeindegesang und mit der Erlaubnis, am Platz die Maske anzunehmen); zum Abschluss wurde sogar das Allerheiligste ausgesetzt, die Herz-Jesu-Litanei aus dem Gotteslob (Nr. 564) gebetet, das Tantum ergo gesungen (leider in der deutschen Nachdichtung von Friedrich Dörr, die ich ein bisschen kitschig finde) und ganz zum Schluss der Eucharistische Segen gespendet. Sehr schön! Entzückt war ich, dass meine dreieinhalbjährige Tochter sich während zur Wandlung und während der Aussetzung hinkniete, und zwar aus eigenem Entschluss; dass sie auch vor dem Verlassen der Kirche eine Kniebeuge vor dem Altar machte, trug uns ein huldvolles Lächeln seitens der Küsterin ein. 


*

Auf das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu folgte der Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens; zu diesem Anlass hatte ich, wie berichtet, eine Andacht vorbereitet, war mir bis zum Samstagmittag jedoch nicht so recht darüber im Klaren, was wir nun mit dieser Andacht machen sollten. Und dann saßen wir, wie einige Tage zuvor, wieder bei einem Mittagspicknick - diesmal nicht im Garten der Kirche, wo bereits Bänke aufgebaut worden waren, um die Vorabendmesse unter freiem Himmel feiern zu können, sondern im angrenzenden "Bürger-Obstgarten" -, und als wir unsere Snacks verspeist hatten und beide Kinder friedlich Mittagsschlaf hielten, fragte ich meine Liebste: 

"Wie machen wir's jetzt eigentlich mit unserer Guerilla-Andacht?" 
"Also, von mir aus können wir", entgegnete meine Liebste schlicht. 

"Jetzt gleich?" (Es war ungefähr 15 Uhr.) 

"Ja, ist wohl besser. Das vermindert das Risiko, dass wir den Vorbereitungen für die Abendmesse in die Quere kommen." 

Also gingen wir in die Kirche, stöpselten unsere mobile Lautsprecherbox ein und begannen unsere Andacht, zu der meine Liebste an den dafür vorgesehenen Stellen sehr schöne freie Gebete beisteuerte (sie ist einfach die größere Charismatikerin von uns beiden). Alles in allem dauerte die Andacht wohl etwa eine Dreiviertelstunde, und positiv ausgedrückt störte uns niemand dabei -- oder umgekehrt, wir störten niemanden damit. Erst während des letzten Liedes ("Zehntausend Gründe" -- zum Abschluss muss man immer einen Kracher bringen, das habe ich in meiner Zeit als DJ gelernt) kam eine Frau mittleren Alters herein, die vor der Marienfigur eine Kerze anzünden wollte. Falls sie sich über die Musik wunderte, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Nahezu unmittelbar nach dem Ende unserer Andacht kam der Küster herein und teilte uns mit, die Vorabendmesse werde draußen stattfinden - was wir allerdings schon gewusst hatten. 



Die Open-Air-Messfeier war durchaus gut besucht; dennoch senkten wir, ebenso wie tags zuvor in St. Willehad, den Altersdurchschnitt durch unsere Anwesenheit ganz erheblich, und zwar selbst dann, wenn man unsere Kinder nicht mitrechnete. Neben dem Diakon und dem Ministranten und Lektor waren wir eindeutig die einzigen Unter-50-Jährigen unter den Anwesenden, und die beiweitem meisten Mitfeiernden waren wohl jenseits der 70. Angesichts dieser Altersstruktur war es wohl einigermaßen folgerichtig, dass auf dem Liederzettel, der vor Beginn der Messe ausgeteilt wurde, ausschließlich Stücke des NGL-Genres vertreten waren. Das einzige nicht dieser Stilrichtung zugehörige Lied, das in dieser Messe gesungen wurde - "Maria, breit' den Mantel aus" - stand nicht auf dem Zettel und wurde als bekannt vorausgesetzt. Begleitet wurde der Gemeindegesang übrigens auf dem Akkordeon - von einer Frau, die schon in meiner Kindheit sehr aktiv in der Kirchengemeinde war und ihre Aktivität seither sukzessive ausgeweitet hat -- wie man diesem Presseartikel entnehmen kann, den ich mal gänzlich unkommentiert für sich selbst sprechen lassen will. Meine musikalische Schmerzgrenze wurde überschritten durch ein Lied, das ebenfalls nicht auf dem Zettel stand, weil es wohl als bekannt vorausgesetzt wurde; ein Lied, das ich schon als Kind innig verabscheut habe: "Lasst uns miteinander". Das wurde zum Gloria gesungen, und zu meinem Leidwesen kann man nicht einmal behaupten, dass es völlig unpassend gewesen wäre, denn es ließe sich durchaus argumentieren, dass der Text des Liedes auf einer Passage aus dem Gloria basiere ("Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit"). Trotzem: grässlich! 

Des Gedenktags des Unbefleckten Herzens Mariens wurde an ein paar Stellen der Messe durchaus gedacht - dazu gehörte das bereits erwähnte Marienlied sowie der Umstand, dass nach der Kommunion der Engel des Herrn gebetet wurde; im Großen und Ganzen wurde sie aber als Vorabendmesse zum 11. Sonntag im Jahreskreis gefeiert.  Das Evangelium vom Tag war somit Markus 4,26-34 - das Gleichnis vom Wachsen der Saat und das Gleichnis vom Senfkorn -, und man kann von Glück sagen, dass niemand auf die Idee gekommen war, dies zum Anlass zu nehmen, "Kleines Senfkorn Hoffnung" auf den Liederzettel zu setzen. Na ja, vielleicht auch nicht: Das hätte wenigstens gezeigt, dass die in dieser Gemeinde für die "Liturgie" Verantwortlichen sich irgend etwas bei der Liedauswahl denken. 

Und dann kam die größte Überraschung dieser Messe, nämlich die Predigt. Von der war ich wider Erwarten beeindruckt -- ja, es wäre tatsächlich eine Untertreibung,  hier ein schwächeres Wort als "beeindruckt" zu verwenden. Das lag nicht an ihrer rhetorischen Qualität; unter diesem Aspekt musste man die Predigt vielmehr als teilweise zerfahren und unausgegoren bezeichnen, was für Pfarrer Jasbinschek leider nicht untypisch ist. Aber wenn man diese Mängel wegdenkt, dann war das, was übrig blieb, tatsächlich die stärkste Predigt,  die ich seit einer ganzen Weile gehört hatte. Weichen und Zunder, kann man da nur sagen! 

Aufhorchen ließ zunächst, dass Pfarrer Jasbinschek Kardinal Marx' Amtsverzichts-Angebot kritisierte; nun gut, "kritisierte" ist vielleicht etwas zu viel gesagt, er drückte sich sehr zurückhaltend und etwas vage aus, aber wenn man seine Äußerungen ein bisschen zuspitzte, konnte man den Vorwurf heraushören, die Rücktrittsabsicht des Erzbischofs von München und Freising verrate ein defizitäres Amtsverständnis und ein fehlerhaftes Verständnis von Verantwortung. Im Gesamtkontext der Predigt blieb das allerdings eher eine Randbemerkung. Im Kern ging es in Pfarrer Jasbinscheks Auslegung des Gleichnisses vom Wachsen der Saat - so wie ich sie verstand, jedenfalls - darum, dass man, wenn man für das Reich Gottes wirken wolle, nicht auf schnelle Erfolge aus sein dürfe, oder andersherum ausgedrückt: dass man sich vom Ausbleiben unmittelbar augenfälliger Erfolge nicht entmutigen lassen solle. Und das ist ja ein ausgesprochen #BenOp-relevantes Thema. Der Pfarrer illustrierte dies mit einer angeblich wahren Geschichte über einen französischen Bauern, der in einer durch Bodenerosion verödeten Gegend in den Cevennen im Alleingang Hunderttausende Bäume pflanzte; diese Geschichte fand ich so großartig, dass ich wohl bei anderer Gelegenheit noch einmal darauf werde zurückkommen müssen. Abschließend sagte der Pfarrer noch: "Ich glaube, dass wir die Kirche nicht durch Pläne voranbringen, sondern in erster Linie durch das Gebet." Wow! 

Im Anschluss an die Messe kamen wir noch kurz mit einigen Gemeindemitgliedern ins Gespräch, die sich gebührend entzückt von unseren Kindern zeigten und ansonsten (abgesehen von der oben erwähnten Frau mit dem Akkordeon, die mich noch von früher her kennt) wohl einfach neugierig waren, was uns wohl in "ihren" Gottesdienst verschlagen hatte. Die "Takeaways" aus diesem Gespräch lauteten im Wesentlichen: Die katholische Kirche gelte ja im Allgemeinen als hoffnungslos rückständig,  aber so ganz langsam und allmählich bewege sie sich ja doch, und gerade diese Gemeinde sei "sehr fortschrittlich"; zudem sei hier die Gemeinschaft sehr gut. Dies unterstreichend, verriet eine grauhaarige Dame, sie sei "eigentlich evangelisch", habe aber Anschluss an die katholische Gemeinde gesucht und gefunden, da es in der evangelischen Kirche - aus pandemischen Gründen, versteht sich - schon seit Monaten keine Gottesdienste mehr gegeben habe. Auf Nachfrage präzisierte sie, Andachten gebe es in der örtlichen evangelischen Kirche durchaus, "aber man will ja auch mal zur Kommunion gehen" (sie sagte tatsächlich "Kommunion" und nicht "Abendmahl", das fand ich auffällig). Wir sagten zu alledem nicht viel. 

Kommentarwürdig finde ich aber doch, wie sich die Gemeinde von Herz Mariä Burhave verändert hat im Vergleich zu der Zeit, als ich noch dort gewohnt habe. Ich erinnere mich gut, dass ich vor rund 30 Jahren mal - mit dem begrenzen analytischen Instrumentarium, das mir als Teenager eben zu Gebote stand - den Versuch einer kritischen Darstellung der verschiedenen Fraktionen innerhalb der Pfarrgemeinde in mein Tagebuch gekritzelt habe; ich hoffe, ich finde dieses Tagebuch irgendwann mal wieder. Jedenfalls wurde das Erscheinungsbild der Gemeinde damals einerseits stark durch eine Anzahl betagter Schlesierinnen mit einem sehr traditionsorientierten Frömmigkeitsstil bestimmt, andererseits gab es auch damals schon eine eher NGL- und Batikhalstuch-orientierte Fraktion, deren Mitglieder ebenfalls überwiegend weiblich, aber im Durchschnitt etwa eine Generation jünger waren als die schlesischen Witwen und sich im Vergleich zu diesen durchaus mit einigem Recht als der "fortschrittlichere" Teil der Gemeinde empfinden durften. Dass sie sich 30 Jahre später immer noch so sehen, ist nicht unbedingt verwunderlich (ich erwähne es immer wieder gern: Auch im ZK der SED haben die alten Herren bis zuletzt voller Überzeugung gesungen "Wir sind die junge Garde des Proletariats"); und ebenso wenig muss man sich wundern, dass sie mangels solider Katechese bis heute nicht richtig mitbekommen haben, dass die esoterisch und universalistische angehauchte Spiritualität, die sie aus ihren bevorzugten NGL-Songtexten herausgehört oder -gelesen haben, nicht so ganz mit der Glaubenslehre der katholischen Kirche deckungsgleich ist. Anders als vor 30 Jahren haben sie heute allerdings niemanden mehr, gegen den sie opponieren könnten oder müssten: Zum einen, weil sie sich - wofür die Frau mit dem Akkordeon das Paradebeispiel ist - längst selbst an die Schlüsselstellen der Gemeinde gesetzt haben, und zum anderen, weil es außer ihnen schlichtweg niemanden mehr gibt. Die schlesischen Kriegswitwen sind längst ausgestorben, und ihre Enkel - so wie ich - sind weggezogen. Umgekehrt hat die Fraktion der "Boomer Catholics" - wie ich aus dem Umstand schließe, dass ich einen großen Teil der Gottesdienstteilnehmer bei dieser Vorabendmesse nicht kannte - Zuwachs durch Zugezogene erhalten, aber eben nur von Leuten, die im Wesentlichen so sind wie sie selber. Sicherlich trägt das dazu bei, dass sie die Gemeinschaft in dieser Kirchengemeinde so toll finden. Aber dass die Gemeinde mit einer solchen Mitgliederstruktur nicht besonders viel Zukunft hat, müsste eigentlich offensichtlich sein.  

Was also müsste sich ändern, damit die Kirche an diesem Ort die kommenden Jahrzehnte überlebt? -- Es mag ein naheliegender Gedanke sein, auf dieselbe oder ähnliche Weise, wie die liberalen "Boomer"-Katholiken im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in dieser und vielen anderen Gemeinden das Ruder übernommen haben, müsste es einer Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute möglich sein, das Ruder der Gemeinde wieder in eine andere Richtung zu drehen. Man könnte sogar der Meinung sein, das sei im Wesentlichen das, was meine Liebste und ich in unserer Berliner Pfarrei zu tun versuchen. Aber ich sehe das nicht ganz so, und das nicht nur, weil in unserer Gemeinde (im "Pastoralen Raum" insgesamt sieht das schon wieder anders aus) die engagierten Laien tendenziell eher weniger liberal sind als die Hauptamtlichen. Mein wesentlicher Einwand lautet vielmehr: Wenn man Gemeindeerneuerung als Machtkampf betrachtet und betreibt, dann liegt da kein Segen drauf. Dass die hypothetische "Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute" eine Menge dafür tun kann, dem kirchlichen Leben in einer Pfarrei oder Ortsgemeinde eine neue Richtung zu geben, ist sicherlich richtig und auch gut so; aber dabei darf nicht es nicht darum gehen, Schlüsselpositionen in der Gemeinde zu besetzen, um eigene Vorstellungen durchzudrücken und andere Interessengruppen innerhalb der Gemeinde an den Rand zu drängen. Das Ziel muss vielmehr sein, in erster Linie dem Wirken des Geistes Gottes in der Gemeinde Raum zu geben. Dafür ist es wesentlich, dem Gebet und dem Hören auf Gottes Wort Priorität einzuräumen. Und schließlich sollte uns gerade das oben angesprochene Gleichnis vom Wachsen der Saat daran erinnern, dass wir mit allem, was wir tun, letztlich nur Samen ausstreuen können; und dann müssen wir es Gott überlassen, was Er daraus wachsen lässt. 

Abschließend noch eine Bemerkung, die ich mir schlechterdings nicht verkneifen kann: Irgendwie finde ich es ja lustig, dass die - ihrer Selbstwahrnehmung zufolge - "fortschrittlichen" Boomer-Katholiken, wenn sie auf jüngere Gottesdienstbesucher treffen, meist quasi automatisch annehmen, diese müssten gerade aufgrund ihres Alters in "kirchenpolitischer" Hinsicht ganz auf ihrer Linie oder allenfalls noch "liberaler" als sie selbst sein. Diese irrige Annahme ist ihrer Auffassung von "Fortschritt" zwar in gewissem Sinne inhärent, aber genau das macht die Sache aus meiner Sicht nur umso lustiger. Unter diesem Aspekt finde ich es ja doch ein bisschen schade, dass die Gemeindemitglieder, mit denen wir im Anschluss an die Messe sprachen, nichts von unserer Andacht mitgekriegt haben. Ich vermute mal, sie hätten überhaupt nicht gewusst, wie sie die in ihrem kirchenpolitischen Koordinatensystem hätten einordnen sollen... 



Freitag, 18. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 2 von 3)

Willkommen zurück! Nachdem der erste Teil meines Berichts über den jüngsten Butjadingen-Trip meiner Familie zur Gänze mit allgemeinen Vorbemerkungen draufgegangen ist, wird es nun wohl Zeit, dass ich zur chronologischen Schilderung der kirchenbezogenen Erlebnisse und Aktivitäten komme, die unseren Aufenthalt dort geprägt haben. Wohlan denn: 

Weil uns die Kirche nicht Latte ist. (Symbolbild)

Bereits am ersten Tag nach unserer Ankunft - einem Dienstag - statteten wir der hübschen kleinen Kirche Herz Mariä in Burhave einen ersten Besuch ab. Genauer gesagt machten wir, nachdem wir uns bei einem nahe gelegenen Supermarkt mit Snacks eingedeckt hatten, erst einmal ein Mittags-"Picknick" im Garten der Kirche - der besonders bei Sonnenschein sehr idyllisch ist.

Anschließend probierten wir aus, ob die Kirche offen ist; das war der Fall, also gingen wir hinein - und beteten kurz entschlossen die Nachmittagshore aus dem Stundenbuch (die Non, d.h. "neunte Stunde" - gerechnet ab Sonnenaufgang). Wir blieben danach noch eine Weile in der Kirche, ohne irgendwem (seien es Mitarbeiter der Gemeinde oder spontane Kirchenbesucher wie wir) zu begegnen; aber dass die Kirche tagsüber offen gehalten wird, auch "unbeaufsichtigt", ist allemal zu begrüßen und zu loben (vgl. den Themenschwerpunkt "Offene Kirche" in der Nr. 2 der "Lebendigen Steine"). 


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Am dritten Tag unseres Aufenthalts, am Donnerstag also, fuhren wir gleich nach dem Frühstück mit dem Bus ins Nachbardorf Tossens, wo es - auch wenn ich das als alter Burhaver nicht gern sage - einen schöneren Strand (mit größerem und besser ausgestattetem Kinderspielplatz) gibt als in Burhave. Was es in Tossens außerdem gibt, ist das "Katholische Kommunikationszentrum OASE", das ich in der Vergangenheit auch schon mehrfach erwähnt habe; vor rund drei Jahren habe ich dort mal einen Vortrag gehalten, über die "Benedikt-Option". An dem Tag, an dem wir in Tossens am Strand waren, fand in der OASE um 15 Uhr ein Wortgottesdienst mit dem Diakon der Pfarrei statt, und anschließend ein Treffen der "Gruppe 60+" mit Kaffee und Kuchen sowie einem Vortrag des Diakons zum Thema "Der Jahreskreis der Kirche". Theoretisch hätten wir es durchaus zum Gottesdienst schaffen können, auch wenn meine Liebste meinte, sie hätte im Zweifel "eher Lust, zu diesem Omma-Kaffeeklatsch zu gehen, als zu einem Wortgottesdienst". Aber dann vertrödelten wir uns auf dem Weg vom Strand in den Ort ein wenig, aßen unterwegs noch ein Eis, und dann wachte unser Jüngster auf und musste gestillt werden. Und ehe wir einen dafür geeigneten Ort gefunden hatten und der Knabe sich so weit beruhigt hatte, dass wir unseren Weg fortsetzen konnten, war alles in allem eine Stunde vergangen. Folglich war der Wortgottesdienst längst vorbei, ehe wir die OASE erreichten, und der Vortrag des Diakons war schon in vollem Gange. Da wollten wir nun nicht hineinplatzen und betraten die OASE daher nur, um aufs Klo zu gehen und in echter Pilgermanier unseren Trinkwasservorrat aufzufüllen. Dabei drangen aus dem Saal Bruchstücke des Vortrags an unsere Ohren: Der Diakon sprach gerade über die liturgischen Farben im Kirchenjahr und ihre Bedeutung. "Es sagt schon viel über den Zustand der Katechese in Deutschland aus", murrte meine Liebste später, "wenn man vor einem Publikum von Über-60-Jährigen einen Vortrag zu so einem Thema halten und dabei davon ausgehen kann, dass man ihnen damit noch was Neues erzählt." Etwas Ähnliches hatte ich auch gedacht. Wahrscheinlich erzählt man den Leuten damit wirklich noch was Neues; und das, obwohl man doch davon ausgehen muss, dass sich nur ein verhältnismäßig "kirchennahes" Publikum überhaupt für solche Vorträge interessiert. Ich habe es auch in Berlin schon erlebt, dass die Pastoralreferentin vor Mitgliedern des Pfarrgemeinderats über die Zweiquellentheorie zu den synoptischen Evangelien referierte, und zumindest einige der Zuhörer fanden das alles enorm interessant und lehrreich -- während ich nur dachte: Das ist doch Lehrstoff für den Religionsunterricht in der 10. Klasse, und davon abgesehen längst nicht so unumstritten, wie es einem immer verkauft wird. Aber das mal nur nebenbei. 

Übrigens ahne ich, dass insbesondere kritische Leser (huhu, Jochen!) sich wundern werden, was ich - als jemand, der bekanntermaßen großen Wert auf Liturgie legt - eigentlich an dem Thema des Vortrags in der OASE auszusetzen habe. Sollte ich es nicht eigentlich gut finden, dass die liturgische Bildung der Gemeinde verbessert wird, und könnte man in Hinblick auf das Alter der Zielgruppe nicht sagen "Besser spät als nie"? -- Ja, könnte man vielleicht. Allerdings bin ich geneigt, anzunehmen, wer mit 60+ die Bedeutung der liturgischen Farben nicht kennt, der weiß vermutlich eine ganze Reihe wichtigerer Dinge über Glaubenslehre und -praxis der Kirche ebenfalls nicht, und vielleicht sollte man dann lieber erst mal darüber reden. Aber auch das bringt den Sachverhalt noch nicht so ganz auf den Punkt. Denn auch wenn Katechese natürlich viel mit Wissensvermittlung zu tun hat, bewirkt ein Mehr an Wissen allein noch kein Wachstum im Glauben, und deshalb bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn im kirchlichen Rahmen Vorträge gehalten werden, in denen hauptsächlich Wissen referiert wird, sei es historisches, kulturelles oder auch exegetisches. Bei manchen Priestern zieht sich das bis in die sonntägliche Predigt hinein. Ich habe dabei oft den Verdacht, die Konzentration auf das Referieren von Wissen diene nicht zuletzt dazu, nicht über etwas so Heikles wie Glauben sprechen zu müssen; der jeweilige Redner kann sich auf den sicheren Boden der Fakten zurückziehen und bleibt davor bewahrt, sich irgendwie positionieren zu müssen -- oder gar seinen Zuhörern eine Positionierung abzuverlangen. 

Natürlich muss man bedenken, dass ich den Vortrag, den Diakon Richter an jenem Donnerstagnachmittag in der OASE gehalten hat, bis auf einige Satzfetzen gar nicht gehört habe; es ist also möglich, dass er erheblich besser war, als ich ihn mir vorstelle. Ich habe auch gar kein Interesse daran, den Diakon persönlich schlecht zu machen -- eher im Gegenteil. Der 2009 zum ständigen Diakon geweihte Christoph Richter ist schon seit fast sieben Jahren in der Pfarrei St. Willehad tätig, hat sein Amt dort also ungefähr gleichzeitig mit Pfarrer Torsten Jortzick angetreten, und nahezu alles, was ich während Pfarrer Jortzicks von allerlei Konflikten überschatteter Amtszeit und in der auf seine Absetzung folgenden Übergangsphase von und über Diakon Richter wahrgenommen oder mitgeteilt bekommen habe, hat mir den Eindruck vermittelt, dass er "ein Guter" ist. Und wenn ich mir einmal eine positive Meinung über jemanden gebildet habe, lasse ich mir die nur ungern wieder ausreden. Auch persönlich ist er jemand, den ich ganz gern sympathisch finden möchte, auch wenn er mir das in letzter Zeit nicht ganz leicht macht. Letzteres hat natürlich in erster Linie mit der demonstrativ desinteressierten Haltung zu tun, die er an den Tag legt, wenn meine Liebste und ich ihm mit irgendwelchen Ideen kommen, wie man das Gemeindeleben und/oder die Urlauberseelsorge mit einigen unkonventionell-punkigen und zugleich... wie soll ich sagen... "glaubensintensiveren" Elementen aufmotzen könnte. Dabei ist es durchaus nicht so, dass wir nur Ideen hätten und die Mühen der Umsetzung Anderen (wie z.B. eben dem Diakon) überlassen würden; wir würden das schon selber machen, gegen eine geringe Aufwandsentschädigung -- also beispielsweise gegen freie Kost und Logos in einem der Gästehäuser der Pfarrei. -- Nun gut, zugegeben: Für jemanden, der von seinem Bistum dafür bezahlt wird, "ganz normale" Gemeindepastoral zu machen, und das in einer bekanntermaßen nicht ganz einfachen Gemeinde (wobei: gibt es überhaupt "einfache" Gemeinden?), müssen Leute wie meine Liebste und ich wohl ziemlich anstrengend sein, von daher sollten wir diese Ablehnung wohl nicht persönlich nehmen. 

Wobei die wesentlich in Diakon Richters Aufgabenbereich fallende Urlauberseelsorge ja schon so etwas wie ein "pet peeve" von mir ist -- wie nennt man das eigentlich auf Deutsch? "Lieblingsärgernis"? Ich habe diesem Thema ja schon in der Vergangenheit den einen oder anderen Artikel gewidmet und könnte Vieles von dem, was ich damals geschrieben habe, hier und jetzt novh einmal wiederholen, aber muss ja nicht sein. Lies es selber nach, Leser! -- Dass die Urlauberseelsorge für die Pfarrei St. Willehad ein wichtiges Thema, ja geradezu ein Prestigeprojekt ist, kann nicht überraschen, besonders wenn man bedenkt, dass diese Pfarrei neben St. Benedikt Jever (mit der Filialkirche St. Marien in Schillig) und der ebenfalls nach St. Willehad benannten Kirchengemeinde auf der Insel Wangerooge die einzige Pfarrei im Bistum Münster ist, auf deren Territorium es einen Strand gibt (bzw. sogar mehrere Strände). Im kürzlich erwähnten Pastoralplan von St. Willehad bildet das Thema Urlauberseelsorge folgerichtig einen von sechs thematischen Hauptabschnitten; darin heißt es u.a.: 

"In den beiden Kirchenzelten wird kinder- und familienfreundlich die Botschaft Jesu verkündet. Hier ereignet sich in unkomplizierter Weise der Auftrag Jesu: 'Verkündet allen Völkern das Evangelium' (Mk 16,15)." 

Ach. Und wie genau macht ihr das? Mit Bastelbögen und den kleinen Leuten von Swabedoo?  

Ohne Scheiß, Leser: Ehe ich die Materialienliste für die Teams der Urlauberkirche in Butjadingen zu Gesicht bekam, hätte ich nicht gedacht, dass es "Die kleinen Leute von Swabedoo" immer noch gibt -- will sagen: dass sie immer noch in der kirchlichen Kinderbespaßung (Katechese möchte ich das nicht nennen) zum Einsatz kommen. "Der kleine Prinz", ja, damit hatte ich gerechnet. Michael Endes "Momo"? Hätte ich in einem kirchlichen Kontext nicht unbedingt erwartet, ist davon abgesehen aber ein tolles Buch. Aber "Die kleinen Leute von Swabedoo"? Im Ernst? - Ja, im Ernst. Sie sind schlechthin nicht totzukriegen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann tauschen sie noch heute Pelzchen miteinander. Vielleicht sollte mal jemand PETA informieren, oder vielleicht lieber doch nicht. 

Aber halten wir uns nicht mit Details auf, sondern wenden uns lieber der zentralen Tatsache zu, die sowohl das Urlauberseelsorge-Konzept des Bistums Münster als auch meine tiefe Unzufriedenheit damit auf den Punkt bringt: Dieses Konzept ist - was immer der Pastoralplan auch Gegenteiliges behaupten mag - nicht missionarisch und will es auch gar nicht sein. Als Zielgruppe kommen daher, von zufälligen Schnupperkontakten abgesehen, nur solche Urlauber in Frage, die von sich aus ein Interesse mitbringen, am Urlaubsort kirchliche Angebote zu nutzen, weil sie es so gewohnt sind. (Es erscheint in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass der typische Butjadingen-Urlauber, statistisch gesehen, aus dem Ruhrpott oder vom Niederrhein kommt und folglich mit hoher Wahrscheinlichkeit katholisch ist -- mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit jedenfalls als die einheimische Bevölkerung.) Nun könnte man natürlich fragen: Wenn die Angebote der Urlauberseelsorge ohnehin nur von einem vergleichsweise kirchennahen Publikum in Anspruch genommen werden, warum sind diese Angebote dann in religiöser Hinsicht so substanzarm? -- Say it with me, Leser: Weil die Leut' es so gewohnt sind. Weil die kirchlichen Angebote bei ihnen zu Hause genauso aussehen. Wer heute Kinder im erstkommunfähigen Alter hat und selbst kirchlich sozialisiert wurde, der hat vor 25 oder 30 oder 35 Jahren selbst in der Kinderkirche die Geschichte von den kleinen Leuten von Swabedoo gehört und Mobiles gebastelt, und deshalb erwartet er genau das, wenn er kirchliche Kinderbetreuungsangebote in Anspruch nimmt. 

Und das betrifft nicht nur Angebote für Kinder. Es mag widersinnig klingen und ist es eigentlich auch, wird mir aber immer klarer, je länger und intensiver ich mich mit solchen Fragen befasse: Das System Volkskirche, oder genauer gesagt: Die ehemalige Volkskirche in ihrem Transformationsprozess zur Dienstleistungskirche ist auf ein Zielpublikum ausgerichtet, das nicht besonders religiös ist und sich auch nicht besonders für Religion interessiert; und wer in diesem System sozialisiert wird, der wird geradezu darauf konditioniert, Religion als uninteressant, unverständlich und ein bisschen peinlich wahrzunehmen. Es ist ein sich selbst erhaltendes Paradox -- wobei "sich selbst erhaltend" wohl nicht ganz stimmt, denn allmählich (wenn auch sehr viel langsamer, als man eigentlich annehmen sollte!) geht diesem Kirchenmodell wohl doch der Nachwuchs aus. 

Wir jedenfalls kamen während unseres Aufenthalts in Butjadingen gar nicht in die Verlegenheit, irgendwelche Angebote der Urlauberkirche zu nutzen: Es war noch zu früh im Jahr. Aus oben angedeuteten Gründen konzentriert sich das Angebot weitgehend auf den Zeitraum, in dem in Nordrhein-Westfalen Sommerferien sind. Wie man den Pfarrnachrichten von St. Willehad entnehmen konnte, war zwar am Fronleichnamswochenende eine Familie Fischer Emsdetten auf dem Campingplatz in Tossens und bot "im Rahmen der Urlauberkirche ein kleines Bastelangebot 'to-go'" an - "mehrere kleine Bastelsets zum Mitnehmen [...], die kostenfrei für Kurzweile im Campingwagen sorgen sollen"; aber das Fronleichnamswochenende war schon vorbei, als wir in Butjadingen ankamen, und langweilig war uns im Übrigen sowieso nicht. 

Hingegen waren wir während unseres Urlaubs zweimal in der Heiligen Messe: Freitag und Samstag. Und da gab es durchaus einige Überraschungen. Davon berichte ich aber im dritten und letzten Teil dieser kleinen Serie!