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Sonntag, 20. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 3 von 3)

Herzlich willkommen zum Finale meiner kleinen Artikelserie über die kirchenbezogenen Aspekte meines jüngsten Familienurlaubs in Butjadingen! In Teil 2 war ich mit meiner Schilderung bis zum Donnerstag der 10. Woche im Jahreskreis gekommen; tags darauf war das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, und damit möchte ich meine Schilderung nun wieder aufnehmen. Teilweise bedingt durch unsere Aktivitäten in der Kirchengemeinde Herz Jesu in Berlin-Tegel hat die Herz-Jesu-Verehrung im Laufe der letzten Jahre einen besonderen Stellenwert im Glaubensleben meiner Familie gewonnen; es traf sich somit günstig, dass es - wie schon erwähnt - in der Nordenhamer St.-Willehad-Kirche am frühen Freitagabend eine Messe anlässlich des Herz-Jesu-Fests gab. Um daran teilzunehmen, fuhren wir mit dem Bus nach Nordenham. 

Dies ist leider nicht der Schaukasten der katholischen Kirche St. Willehad -- sondern derjenige der baptistischen Zoar-Kapelle, an der wir auf dem Weg nach St. Willehad vorbeikamen.

Ich hatte spekuliert, der Umstand, dass das Herz-Jesu-Fest in Nordenham besonders gefeiert wird, habe womöglich auch damit zu tun, dass es das Titularfest der inzwischen profanierten Kirche im Ortsteil Einswarden gewesen war; nicht im Blick gehabt hatte ich dabei, dass in St. Willehad auch allmonatlich eine Messe zum Herz-Jesu-Freitag (dem ersten Freitag des jeweiligen Monats) gefeiert wird. Insgesamt geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass die Herz-Jesu-Verehrung ein Refugium des eher "konservativ"-frommen bzw. traditionsorientierten Teils der Gemeinde darstellt; davon, wie dieser Gemeindeteil personell aufgestellt ist, vermittelte die Messe zum Herz-Jesu-Fest allerdings kein sehr ermutigendes Bild: Außer den Mitwirkenden (Pfarrer, Küsterin und eine Musikerin, die originellerweise nicht Orgel, sondern Geige spielte) und uns nahmen ungefähr fünf überwiegend sehr betagte Personen an der Messfeier teil.

Überrascht war ich, als vor Beginn der Messe die Küsterin auf mich zukam und mich fragte, ob ich den Vortrag der 1. Lesung (Hosea 11,1-9) und der Fürbitten übernehmen möge. Machte ich natürlich gern. Ob die Küsterin mich erkannt hatte oder bloß dachte "Junge Familie, die an einem Werktag in die Messe kommt, das werden schon Leute sein, denen man so eine Aufgabe anvertrauen kann", sei mal dahingestellt. 

Zum ersten Mal stutzen musste ich, als der Pfarrer nach dem Kyrie direkt zum Tagesgebet überging. Nanu, dachte ich: kein Gloria? Dabei ist doch Hochfest! Ich ahnte schon fast, dass es folgerichtig auch kein Credo geben würde, trotzdem wartete ich nach der (im Guten wie im Bösen nicht besonders bemerkenswerten) Predigt erst einmal ab, ehe ich zu den Fürbitten ans Ambo trat. Genauer gesagt wartete ich so lange, bis die Geigerin in der Bank hinter mir sich vernehmlich räusperte. -- Davon abgesehen, und vor allem verglichen damit, was ich bei anderen Gelegenheiten an diesem Ort (und durchaus auch woanders, z.B. in Stuttgart) schon so alles erlebt habe, hielten sich die liturgischen Fouls einigermaßen in Grenzen -- wobei ich mich in solchen Fällen immer frage, warum man sich diese Verstöße gegen die liturgische Ordnung dann nicht auch noch hat sparen können; aber der innere Drang, die Messe keinesfalls genau so zu zelebrieren, wie sie im Messbuch steht, scheint bei einigen Priestern schier unbesiegbar zu sein, und die Gemeinde weiß es oftmals schlicht nicht besser. Welchen Sinn soll es beispielsweise haben, den Antwortpsalm (Jesaja 12,2-6) und die zweite Lesung (Epheser 3,8-19) wegzulassen, nur um dann nach der Kommunion einen anderen Psalm (in diesem Fall Psalm 42) zu rezitieren? Nichts gegen Psalm 42, er ist wunderschön, aber was soll sowas? Und sollte es nicht einigermaßen einleuchtend sein, dass die erste Strophe von "Großer Gott, wir loben dich" zwar an und für sich gut und schön ist, aber trotzdem nicht dafür geeignet ist, anstelle des Sanctus gesungen zu werden? -- Meine Liebste ist der Meinung, mangelnder Sinn für Liturgie oder mangelnder Respekt gegenüber liturgischen Vorschriften seien Anzeichen für ein fundamentales Nichtverstehen oder Nicht-Akzeptieren-Wollen der göttlichen Ordnung der Dinge, die sich in der Liturgie widerspiegelt; und ich bin geneigt, ihr Recht zu geben. In besonderem Maße gilt das für die noch auf Pfarrer Bögershausen zurückgehende Unsitte, dass der zelebrierende Priester selbst erst am Ende der Kommunionausteilung kommuniziert. Im direkten Vergleich eher eine Kleinigkeit, aber dennoch auf ähnliche Weise bezeichnend ist der häufig zu beobachtende "kreative" Umgang mit den Interzessionen im Eucharistischen Hochgebet, namentlich mit der Formulierung "alle, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind": Unser Gemeindepfarrer in Berlin sagt an dieser Stelle gern "alle Frauen und Männer, die sich in der Kirche engagieren", was ja schon mal nicht zwingend dasselbe ist wie zum Dienst bestellt zu sein; aber der Pfarrer von St. Willehad legt in Sachen Inklusivität noch eine Schippe drauf, indem er sagt "alle, die sich in der Kirche oder im Sinne des Evangeliums in der Welt engagieren". Grönch. 

Aber konzentrieren wir uns mal aufs Positive: Nicht nur war es schön, an diesem Hochfest überhaupt eine Heilige Messe mitfeiern zu dürfen (und zwar dank niedriger Corona-Inzidenz sogar mit Gemeindegesang und mit der Erlaubnis, am Platz die Maske anzunehmen); zum Abschluss wurde sogar das Allerheiligste ausgesetzt, die Herz-Jesu-Litanei aus dem Gotteslob (Nr. 564) gebetet, das Tantum ergo gesungen (leider in der deutschen Nachdichtung von Friedrich Dörr, die ich ein bisschen kitschig finde) und ganz zum Schluss der Eucharistische Segen gespendet. Sehr schön! Entzückt war ich, dass meine dreieinhalbjährige Tochter sich während zur Wandlung und während der Aussetzung hinkniete, und zwar aus eigenem Entschluss; dass sie auch vor dem Verlassen der Kirche eine Kniebeuge vor dem Altar machte, trug uns ein huldvolles Lächeln seitens der Küsterin ein. 


*

Auf das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu folgte der Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens; zu diesem Anlass hatte ich, wie berichtet, eine Andacht vorbereitet, war mir bis zum Samstagmittag jedoch nicht so recht darüber im Klaren, was wir nun mit dieser Andacht machen sollten. Und dann saßen wir, wie einige Tage zuvor, wieder bei einem Mittagspicknick - diesmal nicht im Garten der Kirche, wo bereits Bänke aufgebaut worden waren, um die Vorabendmesse unter freiem Himmel feiern zu können, sondern im angrenzenden "Bürger-Obstgarten" -, und als wir unsere Snacks verspeist hatten und beide Kinder friedlich Mittagsschlaf hielten, fragte ich meine Liebste: 

"Wie machen wir's jetzt eigentlich mit unserer Guerilla-Andacht?" 
"Also, von mir aus können wir", entgegnete meine Liebste schlicht. 

"Jetzt gleich?" (Es war ungefähr 15 Uhr.) 

"Ja, ist wohl besser. Das vermindert das Risiko, dass wir den Vorbereitungen für die Abendmesse in die Quere kommen." 

Also gingen wir in die Kirche, stöpselten unsere mobile Lautsprecherbox ein und begannen unsere Andacht, zu der meine Liebste an den dafür vorgesehenen Stellen sehr schöne freie Gebete beisteuerte (sie ist einfach die größere Charismatikerin von uns beiden). Alles in allem dauerte die Andacht wohl etwa eine Dreiviertelstunde, und positiv ausgedrückt störte uns niemand dabei -- oder umgekehrt, wir störten niemanden damit. Erst während des letzten Liedes ("Zehntausend Gründe" -- zum Abschluss muss man immer einen Kracher bringen, das habe ich in meiner Zeit als DJ gelernt) kam eine Frau mittleren Alters herein, die vor der Marienfigur eine Kerze anzünden wollte. Falls sie sich über die Musik wunderte, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Nahezu unmittelbar nach dem Ende unserer Andacht kam der Küster herein und teilte uns mit, die Vorabendmesse werde draußen stattfinden - was wir allerdings schon gewusst hatten. 



Die Open-Air-Messfeier war durchaus gut besucht; dennoch senkten wir, ebenso wie tags zuvor in St. Willehad, den Altersdurchschnitt durch unsere Anwesenheit ganz erheblich, und zwar selbst dann, wenn man unsere Kinder nicht mitrechnete. Neben dem Diakon und dem Ministranten und Lektor waren wir eindeutig die einzigen Unter-50-Jährigen unter den Anwesenden, und die beiweitem meisten Mitfeiernden waren wohl jenseits der 70. Angesichts dieser Altersstruktur war es wohl einigermaßen folgerichtig, dass auf dem Liederzettel, der vor Beginn der Messe ausgeteilt wurde, ausschließlich Stücke des NGL-Genres vertreten waren. Das einzige nicht dieser Stilrichtung zugehörige Lied, das in dieser Messe gesungen wurde - "Maria, breit' den Mantel aus" - stand nicht auf dem Zettel und wurde als bekannt vorausgesetzt. Begleitet wurde der Gemeindegesang übrigens auf dem Akkordeon - von einer Frau, die schon in meiner Kindheit sehr aktiv in der Kirchengemeinde war und ihre Aktivität seither sukzessive ausgeweitet hat -- wie man diesem Presseartikel entnehmen kann, den ich mal gänzlich unkommentiert für sich selbst sprechen lassen will. Meine musikalische Schmerzgrenze wurde überschritten durch ein Lied, das ebenfalls nicht auf dem Zettel stand, weil es wohl als bekannt vorausgesetzt wurde; ein Lied, das ich schon als Kind innig verabscheut habe: "Lasst uns miteinander". Das wurde zum Gloria gesungen, und zu meinem Leidwesen kann man nicht einmal behaupten, dass es völlig unpassend gewesen wäre, denn es ließe sich durchaus argumentieren, dass der Text des Liedes auf einer Passage aus dem Gloria basiere ("Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit"). Trotzem: grässlich! 

Des Gedenktags des Unbefleckten Herzens Mariens wurde an ein paar Stellen der Messe durchaus gedacht - dazu gehörte das bereits erwähnte Marienlied sowie der Umstand, dass nach der Kommunion der Engel des Herrn gebetet wurde; im Großen und Ganzen wurde sie aber als Vorabendmesse zum 11. Sonntag im Jahreskreis gefeiert.  Das Evangelium vom Tag war somit Markus 4,26-34 - das Gleichnis vom Wachsen der Saat und das Gleichnis vom Senfkorn -, und man kann von Glück sagen, dass niemand auf die Idee gekommen war, dies zum Anlass zu nehmen, "Kleines Senfkorn Hoffnung" auf den Liederzettel zu setzen. Na ja, vielleicht auch nicht: Das hätte wenigstens gezeigt, dass die in dieser Gemeinde für die "Liturgie" Verantwortlichen sich irgend etwas bei der Liedauswahl denken. 

Und dann kam die größte Überraschung dieser Messe, nämlich die Predigt. Von der war ich wider Erwarten beeindruckt -- ja, es wäre tatsächlich eine Untertreibung,  hier ein schwächeres Wort als "beeindruckt" zu verwenden. Das lag nicht an ihrer rhetorischen Qualität; unter diesem Aspekt musste man die Predigt vielmehr als teilweise zerfahren und unausgegoren bezeichnen, was für Pfarrer Jasbinschek leider nicht untypisch ist. Aber wenn man diese Mängel wegdenkt, dann war das, was übrig blieb, tatsächlich die stärkste Predigt,  die ich seit einer ganzen Weile gehört hatte. Weichen und Zunder, kann man da nur sagen! 

Aufhorchen ließ zunächst, dass Pfarrer Jasbinschek Kardinal Marx' Amtsverzichts-Angebot kritisierte; nun gut, "kritisierte" ist vielleicht etwas zu viel gesagt, er drückte sich sehr zurückhaltend und etwas vage aus, aber wenn man seine Äußerungen ein bisschen zuspitzte, konnte man den Vorwurf heraushören, die Rücktrittsabsicht des Erzbischofs von München und Freising verrate ein defizitäres Amtsverständnis und ein fehlerhaftes Verständnis von Verantwortung. Im Gesamtkontext der Predigt blieb das allerdings eher eine Randbemerkung. Im Kern ging es in Pfarrer Jasbinscheks Auslegung des Gleichnisses vom Wachsen der Saat - so wie ich sie verstand, jedenfalls - darum, dass man, wenn man für das Reich Gottes wirken wolle, nicht auf schnelle Erfolge aus sein dürfe, oder andersherum ausgedrückt: dass man sich vom Ausbleiben unmittelbar augenfälliger Erfolge nicht entmutigen lassen solle. Und das ist ja ein ausgesprochen #BenOp-relevantes Thema. Der Pfarrer illustrierte dies mit einer angeblich wahren Geschichte über einen französischen Bauern, der in einer durch Bodenerosion verödeten Gegend in den Cevennen im Alleingang Hunderttausende Bäume pflanzte; diese Geschichte fand ich so großartig, dass ich wohl bei anderer Gelegenheit noch einmal darauf werde zurückkommen müssen. Abschließend sagte der Pfarrer noch: "Ich glaube, dass wir die Kirche nicht durch Pläne voranbringen, sondern in erster Linie durch das Gebet." Wow! 

Im Anschluss an die Messe kamen wir noch kurz mit einigen Gemeindemitgliedern ins Gespräch, die sich gebührend entzückt von unseren Kindern zeigten und ansonsten (abgesehen von der oben erwähnten Frau mit dem Akkordeon, die mich noch von früher her kennt) wohl einfach neugierig waren, was uns wohl in "ihren" Gottesdienst verschlagen hatte. Die "Takeaways" aus diesem Gespräch lauteten im Wesentlichen: Die katholische Kirche gelte ja im Allgemeinen als hoffnungslos rückständig,  aber so ganz langsam und allmählich bewege sie sich ja doch, und gerade diese Gemeinde sei "sehr fortschrittlich"; zudem sei hier die Gemeinschaft sehr gut. Dies unterstreichend, verriet eine grauhaarige Dame, sie sei "eigentlich evangelisch", habe aber Anschluss an die katholische Gemeinde gesucht und gefunden, da es in der evangelischen Kirche - aus pandemischen Gründen, versteht sich - schon seit Monaten keine Gottesdienste mehr gegeben habe. Auf Nachfrage präzisierte sie, Andachten gebe es in der örtlichen evangelischen Kirche durchaus, "aber man will ja auch mal zur Kommunion gehen" (sie sagte tatsächlich "Kommunion" und nicht "Abendmahl", das fand ich auffällig). Wir sagten zu alledem nicht viel. 

Kommentarwürdig finde ich aber doch, wie sich die Gemeinde von Herz Mariä Burhave verändert hat im Vergleich zu der Zeit, als ich noch dort gewohnt habe. Ich erinnere mich gut, dass ich vor rund 30 Jahren mal - mit dem begrenzen analytischen Instrumentarium, das mir als Teenager eben zu Gebote stand - den Versuch einer kritischen Darstellung der verschiedenen Fraktionen innerhalb der Pfarrgemeinde in mein Tagebuch gekritzelt habe; ich hoffe, ich finde dieses Tagebuch irgendwann mal wieder. Jedenfalls wurde das Erscheinungsbild der Gemeinde damals einerseits stark durch eine Anzahl betagter Schlesierinnen mit einem sehr traditionsorientierten Frömmigkeitsstil bestimmt, andererseits gab es auch damals schon eine eher NGL- und Batikhalstuch-orientierte Fraktion, deren Mitglieder ebenfalls überwiegend weiblich, aber im Durchschnitt etwa eine Generation jünger waren als die schlesischen Witwen und sich im Vergleich zu diesen durchaus mit einigem Recht als der "fortschrittlichere" Teil der Gemeinde empfinden durften. Dass sie sich 30 Jahre später immer noch so sehen, ist nicht unbedingt verwunderlich (ich erwähne es immer wieder gern: Auch im ZK der SED haben die alten Herren bis zuletzt voller Überzeugung gesungen "Wir sind die junge Garde des Proletariats"); und ebenso wenig muss man sich wundern, dass sie mangels solider Katechese bis heute nicht richtig mitbekommen haben, dass die esoterisch und universalistische angehauchte Spiritualität, die sie aus ihren bevorzugten NGL-Songtexten herausgehört oder -gelesen haben, nicht so ganz mit der Glaubenslehre der katholischen Kirche deckungsgleich ist. Anders als vor 30 Jahren haben sie heute allerdings niemanden mehr, gegen den sie opponieren könnten oder müssten: Zum einen, weil sie sich - wofür die Frau mit dem Akkordeon das Paradebeispiel ist - längst selbst an die Schlüsselstellen der Gemeinde gesetzt haben, und zum anderen, weil es außer ihnen schlichtweg niemanden mehr gibt. Die schlesischen Kriegswitwen sind längst ausgestorben, und ihre Enkel - so wie ich - sind weggezogen. Umgekehrt hat die Fraktion der "Boomer Catholics" - wie ich aus dem Umstand schließe, dass ich einen großen Teil der Gottesdienstteilnehmer bei dieser Vorabendmesse nicht kannte - Zuwachs durch Zugezogene erhalten, aber eben nur von Leuten, die im Wesentlichen so sind wie sie selber. Sicherlich trägt das dazu bei, dass sie die Gemeinschaft in dieser Kirchengemeinde so toll finden. Aber dass die Gemeinde mit einer solchen Mitgliederstruktur nicht besonders viel Zukunft hat, müsste eigentlich offensichtlich sein.  

Was also müsste sich ändern, damit die Kirche an diesem Ort die kommenden Jahrzehnte überlebt? -- Es mag ein naheliegender Gedanke sein, auf dieselbe oder ähnliche Weise, wie die liberalen "Boomer"-Katholiken im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in dieser und vielen anderen Gemeinden das Ruder übernommen haben, müsste es einer Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute möglich sein, das Ruder der Gemeinde wieder in eine andere Richtung zu drehen. Man könnte sogar der Meinung sein, das sei im Wesentlichen das, was meine Liebste und ich in unserer Berliner Pfarrei zu tun versuchen. Aber ich sehe das nicht ganz so, und das nicht nur, weil in unserer Gemeinde (im "Pastoralen Raum" insgesamt sieht das schon wieder anders aus) die engagierten Laien tendenziell eher weniger liberal sind als die Hauptamtlichen. Mein wesentlicher Einwand lautet vielmehr: Wenn man Gemeindeerneuerung als Machtkampf betrachtet und betreibt, dann liegt da kein Segen drauf. Dass die hypothetische "Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute" eine Menge dafür tun kann, dem kirchlichen Leben in einer Pfarrei oder Ortsgemeinde eine neue Richtung zu geben, ist sicherlich richtig und auch gut so; aber dabei darf nicht es nicht darum gehen, Schlüsselpositionen in der Gemeinde zu besetzen, um eigene Vorstellungen durchzudrücken und andere Interessengruppen innerhalb der Gemeinde an den Rand zu drängen. Das Ziel muss vielmehr sein, in erster Linie dem Wirken des Geistes Gottes in der Gemeinde Raum zu geben. Dafür ist es wesentlich, dem Gebet und dem Hören auf Gottes Wort Priorität einzuräumen. Und schließlich sollte uns gerade das oben angesprochene Gleichnis vom Wachsen der Saat daran erinnern, dass wir mit allem, was wir tun, letztlich nur Samen ausstreuen können; und dann müssen wir es Gott überlassen, was Er daraus wachsen lässt. 

Abschließend noch eine Bemerkung, die ich mir schlechterdings nicht verkneifen kann: Irgendwie finde ich es ja lustig, dass die - ihrer Selbstwahrnehmung zufolge - "fortschrittlichen" Boomer-Katholiken, wenn sie auf jüngere Gottesdienstbesucher treffen, meist quasi automatisch annehmen, diese müssten gerade aufgrund ihres Alters in "kirchenpolitischer" Hinsicht ganz auf ihrer Linie oder allenfalls noch "liberaler" als sie selbst sein. Diese irrige Annahme ist ihrer Auffassung von "Fortschritt" zwar in gewissem Sinne inhärent, aber genau das macht die Sache aus meiner Sicht nur umso lustiger. Unter diesem Aspekt finde ich es ja doch ein bisschen schade, dass die Gemeindemitglieder, mit denen wir im Anschluss an die Messe sprachen, nichts von unserer Andacht mitgekriegt haben. Ich vermute mal, sie hätten überhaupt nicht gewusst, wie sie die in ihrem kirchenpolitischen Koordinatensystem hätten einordnen sollen... 



Freitag, 18. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 2 von 3)

Willkommen zurück! Nachdem der erste Teil meines Berichts über den jüngsten Butjadingen-Trip meiner Familie zur Gänze mit allgemeinen Vorbemerkungen draufgegangen ist, wird es nun wohl Zeit, dass ich zur chronologischen Schilderung der kirchenbezogenen Erlebnisse und Aktivitäten komme, die unseren Aufenthalt dort geprägt haben. Wohlan denn: 

Weil uns die Kirche nicht Latte ist. (Symbolbild)

Bereits am ersten Tag nach unserer Ankunft - einem Dienstag - statteten wir der hübschen kleinen Kirche Herz Mariä in Burhave einen ersten Besuch ab. Genauer gesagt machten wir, nachdem wir uns bei einem nahe gelegenen Supermarkt mit Snacks eingedeckt hatten, erst einmal ein Mittags-"Picknick" im Garten der Kirche - der besonders bei Sonnenschein sehr idyllisch ist.

Anschließend probierten wir aus, ob die Kirche offen ist; das war der Fall, also gingen wir hinein - und beteten kurz entschlossen die Nachmittagshore aus dem Stundenbuch (die Non, d.h. "neunte Stunde" - gerechnet ab Sonnenaufgang). Wir blieben danach noch eine Weile in der Kirche, ohne irgendwem (seien es Mitarbeiter der Gemeinde oder spontane Kirchenbesucher wie wir) zu begegnen; aber dass die Kirche tagsüber offen gehalten wird, auch "unbeaufsichtigt", ist allemal zu begrüßen und zu loben (vgl. den Themenschwerpunkt "Offene Kirche" in der Nr. 2 der "Lebendigen Steine"). 


*

Am dritten Tag unseres Aufenthalts, am Donnerstag also, fuhren wir gleich nach dem Frühstück mit dem Bus ins Nachbardorf Tossens, wo es - auch wenn ich das als alter Burhaver nicht gern sage - einen schöneren Strand (mit größerem und besser ausgestattetem Kinderspielplatz) gibt als in Burhave. Was es in Tossens außerdem gibt, ist das "Katholische Kommunikationszentrum OASE", das ich in der Vergangenheit auch schon mehrfach erwähnt habe; vor rund drei Jahren habe ich dort mal einen Vortrag gehalten, über die "Benedikt-Option". An dem Tag, an dem wir in Tossens am Strand waren, fand in der OASE um 15 Uhr ein Wortgottesdienst mit dem Diakon der Pfarrei statt, und anschließend ein Treffen der "Gruppe 60+" mit Kaffee und Kuchen sowie einem Vortrag des Diakons zum Thema "Der Jahreskreis der Kirche". Theoretisch hätten wir es durchaus zum Gottesdienst schaffen können, auch wenn meine Liebste meinte, sie hätte im Zweifel "eher Lust, zu diesem Omma-Kaffeeklatsch zu gehen, als zu einem Wortgottesdienst". Aber dann vertrödelten wir uns auf dem Weg vom Strand in den Ort ein wenig, aßen unterwegs noch ein Eis, und dann wachte unser Jüngster auf und musste gestillt werden. Und ehe wir einen dafür geeigneten Ort gefunden hatten und der Knabe sich so weit beruhigt hatte, dass wir unseren Weg fortsetzen konnten, war alles in allem eine Stunde vergangen. Folglich war der Wortgottesdienst längst vorbei, ehe wir die OASE erreichten, und der Vortrag des Diakons war schon in vollem Gange. Da wollten wir nun nicht hineinplatzen und betraten die OASE daher nur, um aufs Klo zu gehen und in echter Pilgermanier unseren Trinkwasservorrat aufzufüllen. Dabei drangen aus dem Saal Bruchstücke des Vortrags an unsere Ohren: Der Diakon sprach gerade über die liturgischen Farben im Kirchenjahr und ihre Bedeutung. "Es sagt schon viel über den Zustand der Katechese in Deutschland aus", murrte meine Liebste später, "wenn man vor einem Publikum von Über-60-Jährigen einen Vortrag zu so einem Thema halten und dabei davon ausgehen kann, dass man ihnen damit noch was Neues erzählt." Etwas Ähnliches hatte ich auch gedacht. Wahrscheinlich erzählt man den Leuten damit wirklich noch was Neues; und das, obwohl man doch davon ausgehen muss, dass sich nur ein verhältnismäßig "kirchennahes" Publikum überhaupt für solche Vorträge interessiert. Ich habe es auch in Berlin schon erlebt, dass die Pastoralreferentin vor Mitgliedern des Pfarrgemeinderats über die Zweiquellentheorie zu den synoptischen Evangelien referierte, und zumindest einige der Zuhörer fanden das alles enorm interessant und lehrreich -- während ich nur dachte: Das ist doch Lehrstoff für den Religionsunterricht in der 10. Klasse, und davon abgesehen längst nicht so unumstritten, wie es einem immer verkauft wird. Aber das mal nur nebenbei. 

Übrigens ahne ich, dass insbesondere kritische Leser (huhu, Jochen!) sich wundern werden, was ich - als jemand, der bekanntermaßen großen Wert auf Liturgie legt - eigentlich an dem Thema des Vortrags in der OASE auszusetzen habe. Sollte ich es nicht eigentlich gut finden, dass die liturgische Bildung der Gemeinde verbessert wird, und könnte man in Hinblick auf das Alter der Zielgruppe nicht sagen "Besser spät als nie"? -- Ja, könnte man vielleicht. Allerdings bin ich geneigt, anzunehmen, wer mit 60+ die Bedeutung der liturgischen Farben nicht kennt, der weiß vermutlich eine ganze Reihe wichtigerer Dinge über Glaubenslehre und -praxis der Kirche ebenfalls nicht, und vielleicht sollte man dann lieber erst mal darüber reden. Aber auch das bringt den Sachverhalt noch nicht so ganz auf den Punkt. Denn auch wenn Katechese natürlich viel mit Wissensvermittlung zu tun hat, bewirkt ein Mehr an Wissen allein noch kein Wachstum im Glauben, und deshalb bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn im kirchlichen Rahmen Vorträge gehalten werden, in denen hauptsächlich Wissen referiert wird, sei es historisches, kulturelles oder auch exegetisches. Bei manchen Priestern zieht sich das bis in die sonntägliche Predigt hinein. Ich habe dabei oft den Verdacht, die Konzentration auf das Referieren von Wissen diene nicht zuletzt dazu, nicht über etwas so Heikles wie Glauben sprechen zu müssen; der jeweilige Redner kann sich auf den sicheren Boden der Fakten zurückziehen und bleibt davor bewahrt, sich irgendwie positionieren zu müssen -- oder gar seinen Zuhörern eine Positionierung abzuverlangen. 

Natürlich muss man bedenken, dass ich den Vortrag, den Diakon Richter an jenem Donnerstagnachmittag in der OASE gehalten hat, bis auf einige Satzfetzen gar nicht gehört habe; es ist also möglich, dass er erheblich besser war, als ich ihn mir vorstelle. Ich habe auch gar kein Interesse daran, den Diakon persönlich schlecht zu machen -- eher im Gegenteil. Der 2009 zum ständigen Diakon geweihte Christoph Richter ist schon seit fast sieben Jahren in der Pfarrei St. Willehad tätig, hat sein Amt dort also ungefähr gleichzeitig mit Pfarrer Torsten Jortzick angetreten, und nahezu alles, was ich während Pfarrer Jortzicks von allerlei Konflikten überschatteter Amtszeit und in der auf seine Absetzung folgenden Übergangsphase von und über Diakon Richter wahrgenommen oder mitgeteilt bekommen habe, hat mir den Eindruck vermittelt, dass er "ein Guter" ist. Und wenn ich mir einmal eine positive Meinung über jemanden gebildet habe, lasse ich mir die nur ungern wieder ausreden. Auch persönlich ist er jemand, den ich ganz gern sympathisch finden möchte, auch wenn er mir das in letzter Zeit nicht ganz leicht macht. Letzteres hat natürlich in erster Linie mit der demonstrativ desinteressierten Haltung zu tun, die er an den Tag legt, wenn meine Liebste und ich ihm mit irgendwelchen Ideen kommen, wie man das Gemeindeleben und/oder die Urlauberseelsorge mit einigen unkonventionell-punkigen und zugleich... wie soll ich sagen... "glaubensintensiveren" Elementen aufmotzen könnte. Dabei ist es durchaus nicht so, dass wir nur Ideen hätten und die Mühen der Umsetzung Anderen (wie z.B. eben dem Diakon) überlassen würden; wir würden das schon selber machen, gegen eine geringe Aufwandsentschädigung -- also beispielsweise gegen freie Kost und Logos in einem der Gästehäuser der Pfarrei. -- Nun gut, zugegeben: Für jemanden, der von seinem Bistum dafür bezahlt wird, "ganz normale" Gemeindepastoral zu machen, und das in einer bekanntermaßen nicht ganz einfachen Gemeinde (wobei: gibt es überhaupt "einfache" Gemeinden?), müssen Leute wie meine Liebste und ich wohl ziemlich anstrengend sein, von daher sollten wir diese Ablehnung wohl nicht persönlich nehmen. 

Wobei die wesentlich in Diakon Richters Aufgabenbereich fallende Urlauberseelsorge ja schon so etwas wie ein "pet peeve" von mir ist -- wie nennt man das eigentlich auf Deutsch? "Lieblingsärgernis"? Ich habe diesem Thema ja schon in der Vergangenheit den einen oder anderen Artikel gewidmet und könnte Vieles von dem, was ich damals geschrieben habe, hier und jetzt novh einmal wiederholen, aber muss ja nicht sein. Lies es selber nach, Leser! -- Dass die Urlauberseelsorge für die Pfarrei St. Willehad ein wichtiges Thema, ja geradezu ein Prestigeprojekt ist, kann nicht überraschen, besonders wenn man bedenkt, dass diese Pfarrei neben St. Benedikt Jever (mit der Filialkirche St. Marien in Schillig) und der ebenfalls nach St. Willehad benannten Kirchengemeinde auf der Insel Wangerooge die einzige Pfarrei im Bistum Münster ist, auf deren Territorium es einen Strand gibt (bzw. sogar mehrere Strände). Im kürzlich erwähnten Pastoralplan von St. Willehad bildet das Thema Urlauberseelsorge folgerichtig einen von sechs thematischen Hauptabschnitten; darin heißt es u.a.: 

"In den beiden Kirchenzelten wird kinder- und familienfreundlich die Botschaft Jesu verkündet. Hier ereignet sich in unkomplizierter Weise der Auftrag Jesu: 'Verkündet allen Völkern das Evangelium' (Mk 16,15)." 

Ach. Und wie genau macht ihr das? Mit Bastelbögen und den kleinen Leuten von Swabedoo?  

Ohne Scheiß, Leser: Ehe ich die Materialienliste für die Teams der Urlauberkirche in Butjadingen zu Gesicht bekam, hätte ich nicht gedacht, dass es "Die kleinen Leute von Swabedoo" immer noch gibt -- will sagen: dass sie immer noch in der kirchlichen Kinderbespaßung (Katechese möchte ich das nicht nennen) zum Einsatz kommen. "Der kleine Prinz", ja, damit hatte ich gerechnet. Michael Endes "Momo"? Hätte ich in einem kirchlichen Kontext nicht unbedingt erwartet, ist davon abgesehen aber ein tolles Buch. Aber "Die kleinen Leute von Swabedoo"? Im Ernst? - Ja, im Ernst. Sie sind schlechthin nicht totzukriegen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann tauschen sie noch heute Pelzchen miteinander. Vielleicht sollte mal jemand PETA informieren, oder vielleicht lieber doch nicht. 

Aber halten wir uns nicht mit Details auf, sondern wenden uns lieber der zentralen Tatsache zu, die sowohl das Urlauberseelsorge-Konzept des Bistums Münster als auch meine tiefe Unzufriedenheit damit auf den Punkt bringt: Dieses Konzept ist - was immer der Pastoralplan auch Gegenteiliges behaupten mag - nicht missionarisch und will es auch gar nicht sein. Als Zielgruppe kommen daher, von zufälligen Schnupperkontakten abgesehen, nur solche Urlauber in Frage, die von sich aus ein Interesse mitbringen, am Urlaubsort kirchliche Angebote zu nutzen, weil sie es so gewohnt sind. (Es erscheint in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass der typische Butjadingen-Urlauber, statistisch gesehen, aus dem Ruhrpott oder vom Niederrhein kommt und folglich mit hoher Wahrscheinlichkeit katholisch ist -- mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit jedenfalls als die einheimische Bevölkerung.) Nun könnte man natürlich fragen: Wenn die Angebote der Urlauberseelsorge ohnehin nur von einem vergleichsweise kirchennahen Publikum in Anspruch genommen werden, warum sind diese Angebote dann in religiöser Hinsicht so substanzarm? -- Say it with me, Leser: Weil die Leut' es so gewohnt sind. Weil die kirchlichen Angebote bei ihnen zu Hause genauso aussehen. Wer heute Kinder im erstkommunfähigen Alter hat und selbst kirchlich sozialisiert wurde, der hat vor 25 oder 30 oder 35 Jahren selbst in der Kinderkirche die Geschichte von den kleinen Leuten von Swabedoo gehört und Mobiles gebastelt, und deshalb erwartet er genau das, wenn er kirchliche Kinderbetreuungsangebote in Anspruch nimmt. 

Und das betrifft nicht nur Angebote für Kinder. Es mag widersinnig klingen und ist es eigentlich auch, wird mir aber immer klarer, je länger und intensiver ich mich mit solchen Fragen befasse: Das System Volkskirche, oder genauer gesagt: Die ehemalige Volkskirche in ihrem Transformationsprozess zur Dienstleistungskirche ist auf ein Zielpublikum ausgerichtet, das nicht besonders religiös ist und sich auch nicht besonders für Religion interessiert; und wer in diesem System sozialisiert wird, der wird geradezu darauf konditioniert, Religion als uninteressant, unverständlich und ein bisschen peinlich wahrzunehmen. Es ist ein sich selbst erhaltendes Paradox -- wobei "sich selbst erhaltend" wohl nicht ganz stimmt, denn allmählich (wenn auch sehr viel langsamer, als man eigentlich annehmen sollte!) geht diesem Kirchenmodell wohl doch der Nachwuchs aus. 

Wir jedenfalls kamen während unseres Aufenthalts in Butjadingen gar nicht in die Verlegenheit, irgendwelche Angebote der Urlauberkirche zu nutzen: Es war noch zu früh im Jahr. Aus oben angedeuteten Gründen konzentriert sich das Angebot weitgehend auf den Zeitraum, in dem in Nordrhein-Westfalen Sommerferien sind. Wie man den Pfarrnachrichten von St. Willehad entnehmen konnte, war zwar am Fronleichnamswochenende eine Familie Fischer Emsdetten auf dem Campingplatz in Tossens und bot "im Rahmen der Urlauberkirche ein kleines Bastelangebot 'to-go'" an - "mehrere kleine Bastelsets zum Mitnehmen [...], die kostenfrei für Kurzweile im Campingwagen sorgen sollen"; aber das Fronleichnamswochenende war schon vorbei, als wir in Butjadingen ankamen, und langweilig war uns im Übrigen sowieso nicht. 

Hingegen waren wir während unseres Urlaubs zweimal in der Heiligen Messe: Freitag und Samstag. Und da gab es durchaus einige Überraschungen. Davon berichte ich aber im dritten und letzten Teil dieser kleinen Serie! 


Mittwoch, 16. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 1 von 3)

Wenn ich einmal ganz, ganz viel Zeit habe, schreibe ich einen wilden Mystery-Thriller über die Suche nach den in der Reformationszeit verloren gegangenen Reliquien des Hl. Willehad. Aber eigentlich ist das nicht das Thema dieses Artikels, und es ist auch nicht der Grund dafür, dass ich unseren spontanen frühsommerlichen Familienurlaub unter das Motto Camino de Willehado gestellt habe. Das hatte andere Gründe. 

Symbolbild: Backfisch in Jakobsmuschel-förmigem Brötchen (von "Micha's Räucherfisch", Fedderwardersiel) 

Es begann damit, dass meine Liebste sich im Vorfeld der Reise mit der nicht ganz undiffizilen Herausforderung befasste, wie wir unser für den Aufenthalt benötigtes Gepäck so organisieren konnten, dass wir mit zwei kleinen Kindern eine Bahnreise mit fünfmaligem Umsteigen (wenn man den Weg von unserer Wohnung zum Berliner Hauptbahnhof und den Bus vom letzten Bahnhof auf der Strecke bis zu unserer Unterkunft mitzählt) möglichst gut bewältigt bekommen, und dabei zu dem Schluss kam, am besten sollten wir alles in unsere Jakobsweg-Wanderrucksäcke packen, dann hätten wir die Hände frei für die Kinder. 

Unser gemeinsamer Jakobsweg ist bald fünf her, aber an meinem Wanderrucksack hängt immer noch eine Jakobsmuschel als Pilgerabzeichen. Als ich am Morgen des Reiseantritts aus der Dusche stieg, hing mein seinerzeit in einem kleinen Laden für Pilgerbedarf und Reiseandenken direkt neben der Kathedrale von Burgos gekauftes T-Shirt mit der Aufschrift "Camino de Santiago" sauber und trocken an der Wäscheleine, also zog ich es kurz entschlossen an. Meinen in Castrojeriz als Sonnenschutz gekauften Strohhut nahm ich nicht mit, da ich fürchtete, der kräftige Seewind würde mir ihn vom Kopf pusten; stattdessen nahm ich ein ebenfalls vom Jakobsweg mitgebrachtes und erst kürzlich beim Aufräumen wiedergefundenes Bandana mit, auf dem das Jakobsweg-Logo prangt: eine stilisierte Jakobsmuschel mit der Umschrift "Camino de Santiago". 


Schön war es auch, festzustellen, dass das Stundenbuch in der 2. Vesper vom 10. Sonntag im Jahreskreis - und somit am Vorabend unserer Abreise! - eine Fürbitte für Reisende "zu Wasser, zu Land und in der Luft" enthielt ("schenke ihnen eine glückliche Ankunft"); nicht ganz dasselbe wie ein persönlich erteilter Reise- oder Pilgersegen, aber immerhin. 

Für "Camino-Feeling" auf der Reise war also gesorgt; und der Namensbestandteil "Willehado" rührt natürlich daher, dass das Ziel unserer Reise die grüne Halbinsel Butjadingen war, wo der eingangs erwähnte Hl. Willehad wirkte und starb und wo die örtliche katholische Pfarrei seinen Namen trägt. -- Wer meinen Blog schon seit längerer Zeit verfolgt, dem wird bereits aufgefallen sein, dass die Pfarrei St. Willehad in Nordenham - deren Territorium sich auch über die ländlichen Gemeinden Butjadingen und Stadland erstreckt - hier immer wieder eine prominente Rolle spielt; und das aus mehreren Gründen. Zum einen bin ich in diesem Landstrich geboren und aufgewachsen und eben auch "kirchlich sozialisiert" worden und fühle mich der dortigen Kirche daher immer noch verbunden. Zum zweiten hatte ich schon oft den Eindruck, die dortige kirchliche Situation könne in vielfacher Hinsicht als Anschauungsbeispiel für die Malaise des "Systems Volkskirche" betrachtet werden. Und drittens schließlich - was in gewisser Weise eine Synthese aus den beiden vorgenannten Punkten darstellt - spiele ich immer mal wieder mit dem Gedanken, gerade dieser in religiöser Hinsicht weitgehend verödete Landstrich böte Potential für ein missionarisches Projekt im "Punkpastoral"-Stil - etwa in der Art, wie Katharina Fassler es im "Mission Manifest"-Unterkapitel "Der Traum vom lebendigen Pfarrhaus" beschreibt, aber zur Not könnte man statt eines ehemaligen Pfarrhauses auch einen Resthof, einen nicht mehr genutzten Wasserturm oder, noch radikaler, einen Bauwagen am Strand als Operationsbasis nutzen. In Anlehnung an die "Benedikt-Option" (kurz #BenOp) habe ich diesem Gedankenspiel den Namen "Willehad-Option" gegeben. 

All dies führt dazu, dass ich jedesmal, wenn ich in Nordenham und/oder Butjadingen bin, das Gefühl habe, nicht einfach in Urlaub zu sein, sondern auf einer Mission ("Sie können uns nicht aufhalten, wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!"). Gleichwohl ist es natürlich auch Urlaub, und ich denke mir, "Urlaub mit Kindern an der Nordsee unter zwar gelockerten, aber prinzipiell immer noch bestehenden Corona-Bedingungen" ist durchaus auch ein interessantes Thema, um drüber zu bloggen. Da aber die Schilderung unserer kirchenbezogenen Erlebnisse und Aktivitäten während dieses Urlaubs mitsamt den dadurch ausgelösten oder angeregten Reflexionen wohl schon allein ausreichend Stoff für eine dreiteilige Artikelserie bietet, denke ich mir, die touristischen Aspekte lagere ich lieber aus in einen separaten Artikel ("Camino de Willehado - Tourist Edition"). Punktuelle Überschneidungen werden sich allerdings wohl nicht ganz vermeiden lassen. 

*

Wenn ich über die "kirchliche Situation" im Gebiet der Pfarrei St. Willehad sprechen will, dann bietet sich vielleicht an, zunächst auf den lokalen Pastoralplan einzugehen, den die Gremien der Pfarrei in einem jahrelangen Prozess erarbeitet haben und der im vergangenen Jahr "am Fest des Pfarrpatrons St. Willehad", dem 8. November, veröffentlicht wurde. Diesen Pastoralplan gibt es auch online, es hat also jeder die Möglichkeit, persönlich zu überprüfen, ob er mit meiner Ansicht übereinstimmt, dass das Ergebnis in einem bizarren Missverhältnis zu dem Aufwand steht, der dafür betrieben wurde. 

Das ist indes - wieder einmal - nichts, was allein auf diese Pfarrei zuträfe. Über den ganz realen Irrsinn kirchlicher Organisationsentwicklungsprozesse im Allgemeinen und "lokaler Pastoralpläne" im Speziellen habe ich mich schon früher geäußert, daher hier nur soviel: Aus der Thermodynamik wissen wir, dass jede Form von Energie schließlich in nicht mehr nutzbare Wärmeenergie umgewandelt wird. Das ist ein natürlicher Prozess, den man eigentlich nicht noch künstlich forcieren müsste. Aber genau das passiert, wenn man Pfarreien dazu verpflichtet, einen lokalen Pastoralplan zu erarbeiten: Wertvolle und zumeist knappe Ressourcen an Arbeitszeit und -kraft, Kreativität und Motivation werden verheizt, um nichts anderes zu erzeugen als heiße Luft - oder oftmals wohl sogar nur lauwarme. 

Was nun konkret den Pastoralplan von St. Willehad angeht, kann man Manches daran auf den ersten Blick durchaus vielversprechend finden: Die Titelseite trägt als Motto das Jesuswort "Ihr seid das Salz der Erde" (Mt 5,13), den einzelnen thematischen Abschnitten ist jeweils ein biblisches Leitwort vorangestellt, und auf der rückwärtige Umschlagseite liest man ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry,  das ich sehr mag und das ich auch schon mal in einem Thesenpapier für den Lokalausschuss meiner Wohnortgemeinde verwendet habe: 

"Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." 

-- Nur dass von dieser Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer in diesem Pastoralplan nichts, aber auch gar nichts zu spüren ist. Stattdessen dominieren nichtssagende Worthülsen und ausgelutschte Gemeinplätze, und um die inhaltliche Dürftigkeit des Texts zu kaschieren, hat man ihn mit extra großem Zeilenabstand und einigen bunten Bildchen auf 20 Seiten gestreckt. Das Ganze kommt einem so vor, als hätte jemand einen Schulaufsatz zum Thema "Mein schönstes Ferienerlebnis" schreiben sollen, hätte aber in den Ferien leider nichts Schönes erlebt und darum notgedrungen bei seiner Banknachbarin abgeschrieben. Die Krönung ist dann der letzte Satz des Abschnitts "Epilog": "Durch diesen Pastoralplan konnten Sie sich einen Eindruck von unserer Pfarrei verschaffen, die wir Ihnen mit unseren Schwerpunkten vorgestellt haben." Nein, tut mir leid: Das konnte ich nicht. Nicht nur kann ich auf diesen Seiten nichts erkennen, was einer Vision für die zukünftige Entwicklung der Pfarrei ähnlich sähe; der Pastoralplan verrät mir auch nichts über die Motivation der Verantwortlichen, also darüber, was sie dazu bewegt, sich gerade in der Kirche zu engagieren und nicht im Bürgerverein oder bei den Kaninchenzüchtern. Zwar ist auf annähernd jeder Seite von der "Botschaft Jesu" und von "gelebtem Glauben" die Rede, aber das bleibt vage und formelhaft; man sollte denken, jemand, der wirklich von der Liebe Christi ergriffen und von dem Wunsch beseelt ist, andere für Christus und für die Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes zu begeistern, der müsste anders darüber reden. Gerade in einem so programmatischen Text, an dem, wie gesagt, jahrelang gearbeitet wurde. 

Dieser Mangel an Sprach- und Auskunftsfähigkeit über den Glauben ist ein Problem, das die Pfarrei St. Willehad gewiss nicht mehr und nicht weniger betrifft als zahllose andere Pfarreien auch. "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt", mahnte der Apostel Petrus (1 Petr 3,15); ich fürchte sehr, dass er mit dieser Aufforderung heutzutage und hierzulande bei vielen haupt- und ehrenamtlichen Kirchenfunktionären nur leere Blicke ernten würde. Wie ist es dazu gekommen? 

Recht aufschlussreich in Hinblick auf diese Frage finde ich ein Buch, das ich vor ungefähr 30 Jahren vom damaligen Pfarrer von Herz Jesu Einswarden und Herz Mariä Burhave zur Firmung geschenkt bekommen habe und das meine Mutter kürzlich wiedergefunden hat: 


Im Wesentlichen handelt es sich um einen Bildband, dessen Struktur sich am Apostolischen Glaubensbekenntnis orientiert: Zu jedem einzelnen Satz des Credo gibt es ein großformatiges Foto und einen "Impuls" von der Art, die durch den inflationären Einsatz von Zeilenumbrüchen irgendwie nach Lyrik aussehen sollen; zum Beispiel: "Gott / hat uns / die Erde gegeben / als Garten. // Seine Liebe / begegnet uns / in allen Geschöpfen. // Alle Geschöpfe / sind unsere / Geschwister". -- Mein Eindruck von diesem Buch war zwiespältig. Gemessen an den Ansprüchen, die Leute wie meine Liebste und ich an eine sinnvolle und nachhaltige Kinder- und Jugendkatechese stellen würden, sind die Texte entschieden zu schwammig, gefühlsduselig, vom Jargon der neuen Innerlichkeit angekränkelt und auf spirituelle Wellness ausgerichtet und bergen dadurch die Gefahr, die konkreten Glaubensaussagen des Credo eher zu vernebeln als zu verdeutlichen. Andererseits steht zu befürchten, dass das katechetische Niveau, das dieses erstmals 1986 erschienene Buch widerspiegelt, heutzutage in der landläufigen Erstkommunion- und Firmvorbereitung nicht einmal mehr annähernd erreicht wird. 

Ein Indiz hierfür mag man in einem Beitrag zum Thema Erstkommunion erkennen, den die Social-Media-Abteilung des Erzbistums Hamburg unlängst auf Instagram und Facebook veröffentlicht hat und der mir während des Urlaubs vor die Augen gekommen ist. Darin wird die Erstkommunion eines Mädchens aus Sicht ihrer Mutter kommentiert - "Dieses große Ritual in der Kirche. Einer Kirche, die uns manchmal ganz schön verzweifelt da stehen lässt. Wir machen es trotzdem. Geben das Kind zur Erstkommunion. Warum? Weil unsere Gemeinde klasse ist. Weil in unserer Kirche getanzt, gelacht und geklatscht wird." Ach so. Aha. Ist das alles? Nein, nicht ganz: 

"Aber auch, weil es ein Zeichen ist. All die religiösen Geschenke und der Blumenkranz im Haar sind eine Tür. Da gibt es noch was. Da ist diese Kraft. Diese Liebe. Das Göttliche. Ist da und liebt. Immer." 

Tanzen, lachen und klatschen, und irgendwie ist da dann noch eine Tür zu irgendwas Göttlichen -- darum geht's also bei der Erstkommunion? -- Gewiss: Wenn man davon ausgeht, dass dieser Text die authentischen Empfindungen und Wahrnehmungen einer Erstkommunion-Mutter widerspiegelt, dann ist er ein Dokument, das man zur Kenntnis nehmen sollte -- und das zu denken geben sollte. Wenn eine Bistumsredaktion diesen Text aber ohne jeden Kommentar, ohne jede Einordnung für ihre mediale Selbstdarstellung nutzt, ja geradezu zur Eigenwerbung einsetzt, muss man sich schon fragen, ob die eigentlich noch alle Latten am Zaun haben. 

Kritische Kommentare zu diesem Beitrag konnten daher nicht ausbleiben. "In Hinsicht auf die Erstkommunion Gott zu entpersonalisieren, in dem man von 'dem Göttlichen' spricht, das ist schon eine Schamlosigkeit, die alles toppt, was ich bisher an diözesanen Apostasien gelesen habe", merkte etwa ein befreundeter Netzkatholik an, und eine andere Freundin und Bloggerkollegin, die übrigens - was ich in diesem Zusammenhang durchaus irgendwie relevant finde - die Taufpatin meiner Tochter ist, warf die Frage auf, ob in der Erstkommunionvorbereitung "irgendwann, irgendwie nebenbei auch erwähnt" worden sei, "dass es sich bei der Eucharistie um den Herrn persönlich handelt und um die innigste Vereinigung mit Ihm". Die Redaktion reagierte, wie man es von Social-Media-Redaktionen deutscher Bistümer leider gewohnt ist, nämlich nassforsch und uneinsichtig. Die Kolumne, deren Abschluss der kritisierte Text darstelle, sei "bewusst 'etwas lockerer' geschrieben" und der "Anspruch dieses Formats" liege "nicht darin, theologische Abhandlungen zu verfassen". Es steht zu befürchten, dass die Verantwortlichen tatsächlich nicht kapiert haben, was die kritischen Kommentatoren an diesem Beitrag auszusetzen haben.

Es gab indes auch Kommentare, die den Beitrag verteidigten. "Kinder muss man genau da abholen", meinte beispielsweise eine mir nicht näher bekannte Facebook-Nutzerin: "sie begeistern, ihnen zeigen, dass sie ganz wichtig sind für Jesus" -- ja aber Moment mal, von Jesus war in dem Beitrag doch überhaupt keine Rede, und genau das war Gegenstand der Kritik! 

Offen gestanden kann ich mir kaum etwas Bizarreres vorstellen als die Auffassung, man könne oder müsse kirchenfern sozialisierte Menschen an den christlichen Glauben "heranführen", indem man alles explizit und spezifisch Christliche erst mal weglässt. Ein methodischer Griff ins Klo wie das berüchtigte "Schreiben nach Gehör", oder eigentlich noch schlimmer. Die in der pastoralen Praxis so allgegenwärtigen Metaphern vom "Abholen" und "Mitnehmen" ergeben nur dann einen Sinn, wenn derjenige, der die anderen abholen und mitnehmen will, selbst weiß, wo's langgeht. Heutzutage und hierzulande hat man aber immer öfter den Eindruck, der institutionelle Apparat der Kirche - auf allen ebenen, von den Ortspfarreien bis zu den Bistümern - sei voll mit Leuten, die das eben nicht wissen; und die womöglich gar meinen, es käme gar nicht so darauf an, wohin man "die Leute" mitnimmt, denn letztlich sei ja der Weg das Ziel. Anders ausgedrückt: Wenn man, offen oder insgeheim, der Auffassung ist, Gott sei bloß eine Metapher - ein Konzept, das den Menschen dabei helfen soll, ein Gefühl von Sinn (sense of purpose) in ihrem Dasein zu finden, nett zueinander zu sein und die Umwelt zu schonen, dann kommt es tatsächlich nicht so genau darauf an, in was für Begriffen oder Bildern wir von Gott sprechen, solange es den genannten Zwecken dient. Ganz anders verhält es sich natürlich, wenn man an einen persönlichen Gott glaubt, der wirklich in der Welt - und erst recht in der Kirche - lebt und herrscht. Deshalb werden Menschen, die in einer Weise von oder sogar mit Gott sprechen, als existierte Er tatsächlich, vom volkskirchlichen Mainstream oft als so lästig empfunden. 

-- So, lieber Leser. Du magst vielleicht denken, diese Exkurse über den Pastoralplan von St. Willehad, das Buch "Unsere Firmung" und den unsäglichen Erstkommunion-Beitrag des Erzbistums Hamburg (dabei gehört St. Willehad doch zum Bistum Münster!) führe vom eigentlichen Thema, nämlich unserem Trip nach Butjadingen, weg; ich aber sage: Ganz im Gegenteil, es führt zum Thema hin! Zur chronologischen Schilderung der Ereignisse werde ich trotzdem erst in der nächsten Folge kommen. Aber die kommt bald -- versprochen! 


Samstag, 5. September 2020

Das böse H-Wort

Freunde und aufmerksame Beobachter der im weitesten Sinne kirchlichen Medienlandschaft haben mich darauf hingewiesen, dass ich namentlich in einem aktuellen Beitrag der Eule, des Fachmagazins für postchristliche Zivilreligion, erwähnt werde; und zwar in der ersten Folge einer Reihe mit dem Titel "Die rechte Ecke", verfasst von Philipp Greifenstein. -- "Die rechte Ecke"? Nanu, wie komme ich denn da rein? Die Frage stellt sich umso mehr, als es in dem Beitrag primär um die von Klaus Kelle initiierte "5. Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz" geht; und wer mich ein bisschen kennt, wird wissen, dass mich von der nationalkonservativ-wirtschaftsliberalen Agenda des Kelle-Kreises Welten trennen (Näheres dazu z.B. hier und hier). Wie also kommt die Verbindung zustande? Schlichtweg dadurch, dass ich gelegentlich in der Tagespost publiziere und die Tagespost als einer von mehreren "Medienpartnern" der Schwarmintelligenz-Vollversammlung auftritt. Das ist auch schon alles. Dass der Greifenstein eine derart wacklige assoziative Brücke baut, nur um meinen Namen ins Spiel bringen zu können, kann man als Indiz dafür werten, dass ich - wie die Angloamerikaner sagen - mietfrei in seinem Kopf wohne, aber das passt insgesamt ganz gut zum verschwörungstheoretisierenden Duktus des Texts. Framing ist, wenn man aus den Brettern, die man vorm Kopf hat, einen Bilderrahmen baut; das ist ein Satz, der mir beim Lesen des Eule-Artikels in den Sinn kam, den man aber auch bei anderen Anlässen sicherlich noch wird gebrauchen können, und dafür sollte ich dem Greifenstein wahrscheinlich dankbar sein. 

Jetzt aber mal zur Sache: Was schreibt er denn nun über mich? Dies:
"Da passt es, dass Tagespost-Autor Tobias Klein das Internet-Magazin der Bischofskonferenz auf seinem Blog durchgängig als 'häretisch.de' diffamiert." 
Nun gut, dagegen ist nicht viel zu sagen, außer dass das Online-Portal, das hier gemeint ist, nicht "das Internet-Magazin der Bischofskonferenz" ist, auch wenn es gern so tut; zudem finde ich den Begriff diffamieren an dieser Stelle ein bisschen hart, aber jemandem, der selbst so gerne diffamiert, muss man es wohl durchgehen lassen, wenn er freigebig mit diesem Begriff umgeht. -- Übrigens ist es ein bemerkenswertes Phänomen des Internetzeitalters, dass man eine Formulierung nur oft und konsequent genug verwenden muss, um früher oder später als ihr Urheber zu gelten. So war es mit der Aussage "Jedesmal, wenn beim Vaterunser in der Messe der Embolismus weggelassen wird, stirbt irgendwo ein knopfäugiges Robbenbaby", und so ist es auch bei der Bezeichnung häretisch.de. In beiden Fällen glaube ich eigentlich nicht, dass ich das erfunden habe, aber alle Welt behauptet es; daher: Who am I to disagree. Wer mit "häretisch.de" gemeint ist, weiß inzwischen übrigens sogar schon Google: 

(Screenshot.) 

So. Jetzt haben wir alle mal kurz geschmunzelt, jetzt werden wir bitte wieder ernst. Ich weigere mich, "das umstrittene Portal der Firma APG" (P. Winnemöller) bei dem Namen zu nennen, den es sich anmaßt. Weil ich es empörend und in sträflichem Maße irreführend finde, dass eine Internetpräsenz, deren redaktionelle Linie darauf ausgerichtet ist, die Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche aktiv zu bekämpfen, sich "katholisch" nennt, ja sich sogar als das Sprachrohr der katholischen Kirche in Deutschland ausgibt.  

Wer sich auf Diskussionen über Glaubensfragen einlässt, sei es in den Sozialen Medien, bei Veranstaltungen kirchlicher Bildungsträger oder kirchennaher Verbände oder auch bei der von der Kolpingsfamilie ausgerichteten Kaffeetafel nach der Sonntagsmesse, der wird feststellen, dass es innerhalb der Kirche eine nicht geringe Zahl von Leuten gibt, die keinen Widerspruch darin sehen, sich selbst als gute Katholiken zu betrachten und gleichzeitig Ansichten über Gott, Jesus Christus, die Sakramente und allgemein über Gut und Böse zu vertreten, die der Lehre der Kirche dezidiert widersprechen. Im Allgemeinen wird man gut daran tun, diesen Leuten keine bösen Absichten zu unterstellen: Sie halten sich einfach nur an das, was sie in vermeintlich vertrauenswürdigen, weil amtskirchlich anerkannten Quellen lesen oder was sie in Veranstaltungen von Vereinen und Verbänden hören, die sich katholisch nennen; ja womöglich sogar an das, woran sie sich vom schulischen Religionsunterricht her erinnern; und es sagt ihnen schlichtweg keiner, was daran falsch ist. Wenn das doch mal einer wagt, werden seine Einwände mit Verweis auf das kleine Einmaleins des Relativismus abgeschmettert, demzufolge "wahr" und "falsch" subjektiv seien und jeder das Recht auf seine eigene Wahrheit habe; und wer dann immer noch darauf beharrt, das kirchliche Lehramt lege verbindlich fest, was Katholiken zu glauben haben, der wird ganz schnell als "ewiggestrig", als "vorkonziliar" oder "fundamentalistisch" abgestempelt, und in neuerer Zeit besonders gern als irgendwie "rechts". Kurz, im Kirchenvolk herrscht eine heillose Verwirrung darüber, was katholischer Glaube sei und was nicht; und häretisch.de ist ganz vorne mit dabei, diese Verwirrung zu fördern. Und dies dann eben doch mit voller Absicht, denn ohne diese Verwirrung wären solche fluchwürdigen Veranstaltungen wie der "Schismatische Weg", mit dem der aufgeblähte institutionelle Apparat der Kirche seine "gesellschaftliche Relevanz" zu retten versucht, gar nicht durchführbar. 

In diesem Sinne lässt sich auf häretisch.de das anwenden, was Max Goldt vor 20 Jahren über die BILD schrieb -- mit der Einschränkung, dass es sich bei diesem Online-Portal eben nicht um eine Zeitung handelt: 
"Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun."
Übrigens kann ich wirklich nicht verstehen, warum die Bezeichnung "häretisch.de" solche Empörung auslöst. Tatsächlich habe ich mich schon manches Mal gefragt, ob dieser Spitzname nicht eigentlich viel zu schmeichelhaft für diese Internetpräsenz ist. Richtige Häretiker glauben zwar an etwas Falsches, aber daran glauben sie immerhin wirklich, und das verdient einen gewissen Respekt. Dagegen ist häretisch.de ein Organ des Relativismus, und der ist kein Irrglaube, sondern die Negation von Glauben schlechthin. 

Nebenbei bemerkt hat sich irgendwer, ich weiß nicht wer, tatsächlich den Domainnamen häretisch.de gesichert, trotz des für den internationalen Gebrauch eher unpraktischen Umlauts. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn sich herausstellte, dass das die Betreiber eben jenes Portals waren, das sich offiziell nicht so nennt -- um zu verhindern, dass jemand anders mit der Domain Schabernack treibt... 

Mittwoch, 19. August 2020

Horrendum est -- oder: Wer hat Angst vorm Retrokatholizismus?

Am vergangenen Freitag, am Vorabend des Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (kurz "Mariä Himmelfahrt"), wurde in der Pfarrkirche Herz Jesu Berlin-Tegel eine Vigil anlässlich der Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens gefeiert -- mit Eucharistischer Anbetung, Lobpreis, Meditation und Fürbittgebet. Gemeinsam mit unserer Pastoralreferentin war ich wesentlich an der Planung dieser Vigil beteiligt; einzelne Andachtsabschnitte wurden von fünf verschiedenen Kreisen und Gruppen der Gemeinde sowie vom Pfarrer beigesteuert. Ich muss gestehen, dass ich im Vorfeld durchaus Bedenken wegen der (urlaubszeitbedingt) etwas knappen Vorbereitungszeit hatte und mir gewünscht hätte, es hätte genauere Absprachen zwischen den verschiedenen Mitwirkenden gegeben; aber im Nachhinein kann ich sagen, dass alles wunderbar geklappt hat und dass mir das eine Lehre sein sollte. Die unterschiedlichen Stile und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der einzelnen Beiträge haben sich zu einem durchaus stimmigen Gesamtbild ergänzt, und ich möchte sagen, die Veranstaltung hat gezeigt, was für ein Potential in dieser Gemeinde steckt. 

Herz-Jesu-Figur in der gleichnamigen Pfarrkirche in Berlin-Tegel (eigene Aufnahme) 

Aber spulen wir mal ein paar Wochen zurück: Die Ankündigung, dass Erzbischof Heiner Koch das Erzbistum Berlin dem Heiligsten Herzen Jesu und dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen wolle, hatte ich als durchaus überraschend empfunden, und da war ich zweifellos nicht der Einzige. Schließlich befanden wir uns (und befinden wir uns weiterhin) mitten in einer schwelenden Debatte darüber, ob (und wenn ja, wie) die Kirche eine geistliche Antwort auf die Coronakrise geben könne und solle, anstatt lediglich administrativ darauf zu reagieren. Ende März, auf dem Weg zum (ersten?) Höhepunkt der Corona-Infektionen in Deutschland, erregte etwa die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop Aufsehen mit ihrer Warnung vor einem "Retrokatholizismus", der, wie sie meinte, "fröhliche Urständ feiert", und äußerte in diesem Zusammenhang Zweifel, ob "ein täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Corona-Krise" seien. Wenn einige Wochen nach einer solchen Wortmeldung bekannt wird, dass das Hauptstadtbistum den Herzen Jesu und Mariens geweiht werden soll, dann sieht das nach einer deutlichen Positionierung aus -- die umso unerwarteter daherkam, als man den Berliner Erzbischof wohl kaum dem konservativen Flügel der deutschen Bischöfe zurechnen kann. Andererseits aber eben auch nicht der radikalen Abrissbirnen-Fraktion im Episkopat. Wie man hört, wurde Erzbischof Koch schon mehrfach zwar nicht direkt inkognito, aber doch in ausgesprochen unauffälliger Gewandung bei der Ewigen Anbetung im "Exerzitienzentrum der göttlichen Barmherzigkeit" in der Kreuzberger Hinterhofkirche St. Clemens gesehen, und in der Ankündigung des Weiheakts hieß es ausdrücklich, es habe "mehrfache Anregung aus den Reihen der Gläubigen" gegeben, das Erzbistum angesichts der Corona-Krise den Herzen Jesu und Mariens zu weihen. Mir scheint, mit einem Bischof, der betet und zuweilen auf einfache Gläubige hört, haben es die Katholiken Berlins, Brandenburgs und Vorpommerns nicht ganz schlecht getroffen. Dass ein solcher Hirte sich im "institutionellen Apparat" seiner Diözese nicht nur Freunde macht, ist allerdings auch kein Wunder. So bedarf es keiner großen Kaffeesatzleserei, um zu konstatieren, dass die Idee, das Erzbistum Berlin dem Heiligsten Herzen Jesu und dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen, im amtskirchlichen Establishment nicht unbedingt auf ungeteilte Begeisterung stieß. Schon zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu am 19. Juni, an dem das Weihe-Vorhaben des Erzbischofs öffentlich bekannt gegeben wurde (intern war es schon etwas länger bekannt, ich zum Beispiel habe am 17. Juni davon erfahren), gab es einige Wortmeldungen, die man durchaus als schlecht verhohlene Stänkerei auffassen konnte; exemplarisch sei hier auf einen Podcast des aus Funk und Fernsehen bekannten Dominikanerpaters Max Cappabianca mit der vielsagenden Überschrift „Ist das Herz-Jesu-Fest peinlich?“ verwiesen. Wie man sich vorstellen kann, kriegt der medienaffine Pater gegen Ende dieses Beitrags noch die Kurve, um die in der Überschrift gestellte Frage sinngemäß mit "nicht unbedingt" zu beantworten, aber bis dahin feuert er erst einmal allerlei negative "Buzzwords" ab, die sich dem Hörer besser einprägen (und wohl auch sollen) als die nachfolgenden Relativierungen: Von "toxischen Formen des Katholizismus" ist da die Rede, die "mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden" worden seien: "Kitschig, süßlich und von einem zweifelhaften Gottesbild geprägt". Irgendwie lustig finde ich ja das Eingeständnis, es seien "gerade ältere Katholiken", die mit der Herz-Jesu-Verehrung "nichts anfangen" können. Merken wir uns das mal für später. -- 

Die Strategie, sich zunächst einmal nach Kräften von der traditionellen Herz-Jesu-Frömmigkeit zu distanzieren, um dann mit einer auf erstaunliche Weise zugleich verkopft und banal wirkenden Neuinterpretation um die Ecke zu kommen, die die Herz-Jesu-Verehrung für den modernen, aufgeklärten Katholiken von heute wieder akzeptabel machen soll, zeichnete jedenfalls nicht allein Pater Cappabiancas Beitrag aus. Sogar die offiziellen Verlautbarungen des Erzbistums, einschließlich einer im RBB ausgestrahlten Radioansprache von Erzbischof Koch selbst, wirkten defensiv, ja vorauseilend entschuldigend: "Es geht nicht um das Heraufbeschwören einer magischen Weltsicht. Schon gar nicht darum, das Virus mit Gebet anstelle von Hygienemaßnahmen zu bekämpfen." #Sorrynotsorry, aber das ist ganz schlechte Pressearbeit. Wenn ich in meiner Zeit als Kundenberater bei einem Teleshopping-Kanal eines gelernt habe, dann, dass man Vorwürfe oder Verdächtigungen, die man unausgesprochen in der Luft liegend wähnt, keinesfalls selbst anspricht, auch nicht verneinend. Denn ähnlich wie im oben angesprochenen Podcast gilt auch hier: Die Verneinung bleibt im Bewusstsein des Adressaten nicht hängen, der ausgesprochene Vorwurf bzw. Verdacht aber sehr wohl. -- Auch sonst machte die Öffentlichkeitsarbeit des Erzbistums über Wochen hinweg eher den Eindruck, das Thema Herz-Jesu-Weihe nach Möglichkeit lieber totschweigen zu wollen. Es wurde zwar angeregt, die Weihe auf Pfarreiebene durch eigene Veranstaltungen "mitzufeiern", aber die versprochenen Materialien hierfür wurden erst ziemlich auf den letzten Drücker bereitgestellt und können beim besten Willen nicht gerade als großer Wurf bezeichnet werden. 

Nachdem die Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens nun aber trotz allem stattgefunden hat, legt häretisch.de, die hoch subventionierte Schismatikerpostille, noch einmal nach und veröffentlicht in der Rubrik "Standpunkt" einen Beitrag von Birgit Aschmann - ihres Zeichens Geschichtsprofessorin an der Humboldt-Uni und Mitglied im "ZdK" -, die sich bereits in der Überschrift "irritiert" über den Weiheakt zeigt. Frau Prof. Aschmann verweist auf die Geschichte des Herzens Jesu als "Kampfsymbol" der "Ultras unter den Royalisten und Katholiken", mit dem die "katholische Aufklärung [...] nichts anfangen konnte", das jedoch "auch im Ersten Weltkrieg" noch "eine wichtige Rolle" spielte: "versprach dessen Verehrung doch Sieg, Unversehrtheit oder zumindest einen würdigen Tod" -- Versprechen, von denen die Verfasserin meint, dass sie "unerfüllt blieben". 

Man kann häretisch.de für die Veröffentlichung dieses dümmlichen Elaborats im Grunde nur dankbar sein; besonders den letzten Satz - "Wenn wir aber nur die Kultformen einer fremd gewordenen Vergangenheit reaktivieren, steht es nicht gut um die Zukunftsfähigkeit der Kirche" - feiere ich ohne Ende ab, denn der erscheint mir geradezu als eine Art rückwirkende Steilvorlage für meinen unlängst in der Tagespost erschienenen Essay "Futur 2 - Die Zukunft ist schon vorbei", in dem ich mich mit den tieferen Beweggründen der "Retrokatholizismus"-Debatte befasst habe. Darin argumentiere ich, dass den (ihrem Selbstverständnis nach) "progressiven" Kreisen innerhalb der Kirche im Zuge der Corona-Krise der Glaube an die "Zukunftsfähigkeit" ihres eigenen Kirchenbildes - der Vision einer Kirche "als Anbieterin individuell bedarfsgerechter spiritueller Dienstleistungen", einer "moralistisch-therapeutische[n] Wellness-Spiritualität für Besserverdienende, eine[r] Kirche für die Soja-Latte-Bourgeoisie" - abhanden gekommen ist, und zwar zu Recht, weil sich immer deutlicher zeigt, dass die angepeilte Zielgruppe solcher Visionen "für ihre spirituellen Bedürfnisse, sofern sie überhaupt welche hat, schlichtweg keine institutionelle Kirche braucht". Und vor diesem Hintergrund des eigenen "Relevanzverlusts" reagieren die vermeintlich "zukunftsorientierten" Vertreter des Funktionärs- und Gremienkatholizismus so irritiert und aggressiv auf die unerwartete Vitalität einer längst totgesagten traditionellen Frömmigkeit. 

Wie ich in meinem Tagespost-Essay ebenfalls betont habe, wäre die Kritik am sogenannten "Retrokatholizismus" durchaus ernst zu nehmen, wenn und sofern sie als Warnung vor einem musealen Ästhetizismus, einem in Nostalgie erstarrten frommen Formalismus zu verstehen wäre. Im größeren Kontext aktueller "Reform"-Debatten in der Kirche ist aber recht unschwer zu erkennen, dass es darum letztlich nicht (oder höchstens nebenbei) geht. Schließlich wird aus derselben Richtung beispielsweise gegen die Praxis der Eucharistischen Anbetung auch und gerade dann polemisiert, wenn diese, wie etwa beim Nightfever, in einer Ästhetik daherkommt, die besonders Jugendliche und junge Erwachsene anspricht; und auch an der von großer stilistischer und konfessioneller Vielfalt geprägten Initiative "Deutschland betet gemeinsam" ließen einschlägig interessierte Kreise kein gutes Haar. Im Fokus der Kritik stehen nicht traditionelle und als "unzeitgemäß" empfundene Frömmigkeitsformen, sondern vielmehr das Gottesbild, das aus ihnen spricht. Wenn etwa Julia Knop im Zuge ihrer "Retrokatholizismus"-Polemik erklärt, "die Frage, ob Gott auf den krummen Zeilen dieser Monate am Ende wirklich gerade schreiben wird", ob also die Ereignisse im Zusammenhang mit der Corona-Krise "irgendeinen höheren Sinn hatten", müsse "offen bleiben", dann erscheint es durchaus folgerichtig, dass sie uneindeutige und zudem "deinstitutionalisierte und überkonfessionelle" Zeichen wie eine "Kerze im Fenster" bevorzugt. Ähnlich verhält es sich, wenn Frau Prof. Aschmann die "Bemühungen von Maria 2.0 um ein neues Marien- und Frauenbild" würdigt und folgerichtig an "Gebete[n] zum 'unbefleckten Herzen Mariens'" - man beachte die distanzierenden Gänsefüßchen! - Anstoß nimmt. 

Zugespitzt ausgedrückt verrät die Polemik gegen den "Retrokatholizismus" also letztlich nur das tiefe Unbehagen jener kirchlichen Apparatschiks, in deren Denken Gott bestenfalls als gedankliches Konstrukt vorkommt - als Metapher, als Personifikation irgendwelcher "Werte" oder "Haltungen", für die die Institution Kirche steht oder stehen sollte - gegenüber Gläubigen, die von oder womöglich sogar mit Gott sprechen, als gäbe es Ihn wirklich. Zum Teil mag dieses Unbehagen daher rühren, dass diese Leute den Gläubigen ihren Glauben, der ihnen selbst so zutiefst fremd ist, schlichtweg nicht abkaufen und daher argwöhnen, es müssten sich irgendwelche finsteren Absichten dahinter verbergen. Zum Teil mag es sich um die ehrliche Überzeugung handeln, ein solcher "unaufgeklärter", "fundamentalistischer" Glaube schade der Kirche und stehe ihrer eigentlichen Aufgabe im Wege (welche das auch immer sein mag; Immobilien verwalten vielleicht?). Aber meine persönliche Einschätzung ist, dass sich zuunterst, mehr oder weniger schlecht verborgen unter rational und intellektuell klingen sollenden Positionierungen, die nackte Angst regt, dass die geschmähten "Fundis" und "Retrokatholiken" Recht haben könnten. Dass es diesen Gott, den sich die liberale Theologie glücklich vom Hals geschafft zu haben wähnte, am Ende doch gibt. Häme ist hier wohlgemerkt unangebracht: Diese Angst ist nur allzu berechtigt. Horrendum est incidere in manus Dei viventis, heißt es in Hebräer 10,31: Furchtbar ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. 



Montag, 6. April 2020

Grüße aus dem Corona-Park #3 (Karwoche)

+++Was bisher geschah+++ 

Eine weitere Woche unter Ausgangsbeschränkung liegt hinter mir, und wieder war ich trotzdem fast jeden Tag ein bisschen draußen (oder sogar jeden Tag, wenn man unser "Gartenzimmer" als "draußen" wertet). Unsere Pfarrkirche ist nach wie vor tagsüber zum persönlichen Gebet und zur stillen Einkehr geöffnet, wie es die unverändert gültige Verordnung des Berliner Senats ja erlaubt und das Erzbistum Berlin es ausdrücklich befürwortet; und zu bestimmten Zeiten wird das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Damit haben wir es hier - das kann gar nicht deutlich genug betont werden - noch besser als viele andere Katholiken an anderen Orten. Gerade weil ich mich ja manches Mal eher ungnädig darüber geäußert habe, wie die Dinge in der örtlichen Gemeinde laufen, ist mir die Feststellung wichtig, dass hier im Rahmen des derzeit Möglichen wirklich das Beste aus der Situation gemacht wird, und das meine ich nicht zuletzt auch als uneingeschränktes Lob für den persönlichen Einsatz unseres Pfarrers. 

Was die angesprochene "Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin" übrigens auch ausdrücklich erlaubt, ist die "Ausübung [...] ehrenamtlicher Tätigkeiten, auch an wechselnden Einsatzstellen" (§ 14, Abs. 3 a), und folglich geht auch Foodsharing trotz Corona weiter. Meine Liebste hatte in der zurückliegenden Woche zwei Einsätze, einen in einem Biomarkt und einen in einer Bäckerei, und daraufhin konnten wir einiges an Gemüse, Obst und Brot an Freunde und Bekannte aus Kirchengemeinde und Krabbelgruppe weitergeben. 

Währenddessen hat meine unlängst festgehaltene Absicht, mein Gebetsleben zu intensivieren, in der zurückliegenden Woche immerhin graduelle Fortschritte gemacht; daneben habe ich einen Essay für die Tagespost geschrieben, der wohl am Gründonnerstag erscheinen soll, habe mich intensiv meinem Lektürepensum gewidmet, und in der verbleibenden Zeit male ich mit meiner Tochter Ausmalbücher voll, lese ihr Bilderbücher vor oder schaue mit ihr auf YouTube a-capella-Kinderlieder von "Eddi & Dän" (ehemals "Wise Guys"), "Die Sendung mit dem Elefanten", "Der Bär im großen blauen Haus" oder "Daniel Tiger's Neighborhood" -- letzteres ist zwar englisch, aber ich möchte behaupten, das Wesentliche daran versteht ein Kind auch ohne Sprachkenntnisse. Das Konzept der Sendung, ebenso wie der Großteil der Charaktere, basiert auf dem Klassiker "Mr. Rogers' Neighborhood", einer wohl unerreichten Spitzenleistung in der Geschichte des Kinderfernsehens; erstmals darauf aufmerksam wurde ich jedoch - fast ein Jahr vor der Geburt meiner Tochter - durch einen satirischen Beitrag des Online-Magazins The Federalist über hysterische Reaktionen der Linken auf die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Mysterious Ways, Freunde. 

Am Palmsonntag waren wir morgens in "unserer" Kirche zur Anbetung und schauten uns am späten Nachmittag per Livestream eine Messe aus dem Stift Heiligenkreuz an. Letzteres erwies sich mit Kind als nicht ganz unkompliziert, aber die gestreamte Messe war trotzdem schön, also werden wir während des Triduums voraussichtlich ebenso verfahren. 


+++Zitat der Woche+++ 
"Wir armen Nordländer! Wenn wir einmal den Wein der Freude in vollen Zügen kosten, so steigt er uns in den Kopf, und wir schlafen oder zanken und prügeln uns. Der Römer genießt ihn mit dem täglichen Brote, und je mehr er trinkt, desto besser er ihm schmeckt."  
(Wilhelm Müller: "Rom, Römer und Römerinnen", 15. Brief, 23.08.1818) 


+++Linktipps+++ 

Die sozialen Netzwerke sind derzeit voll mit Klagen von Eltern, die angesichts geschlossener KiTas und Schulen buchstäblich nicht wissen, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen. Andrea Tichy, selbst betroffene Mutter, versucht in ihrem Beitrag einen Kontrapunkt zu setzen. Auf mehr oder weniger humoristisch daherkommende Einlassungen nach dem Muster "Am liebsten mag ich meine Familie, wenn ich sie nicht so oft sehe" geht sie dabei gar nicht erst ein, sondern wendet sich explizit an diejenigen Eltern, die sich ernsthaft Sorgen machen, wie sie den Bedürfnissen ihrer Kinder ohne die Hilfe von Institutionen wie KiTa und Schule gerecht werden können. Diesen präsentiert sie eine Fülle von Indizien dafür, dass viel Zeit mit den Eltern und ohne Termindruck für viele Kinder exakt das ist, was sie brauchen und was ihnen in der Vor-Corona-"Normalität" gefehlt hat. So höre man etwa "von therapeutischer Seite", 
"dass Patientinnen mit Babys und Kleinkindern jetzt überrascht feststellen, dass ihre Kinder ausgeglichener werden. Dass zum Beispiel die Schrei- und Schlafstörungen abnehmen, seit die Krippen geschlossen sind. Seit der allgemeine Stress, die durchgetakteten Tage, der Freizeitstress aufgehört haben. Dass viele Babys und Kleinkinder jetzt entspannter sind und die Eltern dadurch auch." 
Weiter berichtet Andrea Tichy von Müttern, die in den Sozialen Medien schreiben "Wir genießen dieses Mehr an Familienzeit"; von Kindern, die morgens erwartungsvoll fragen "Mama, ist heut wieder so ein Urlaubstag? So wie gestern? Mit viel Spielen und nirgends hin müssen?"; und dergleichen Erfahrungsberichte mehr, bis hin zu einem Jungen im Grundschulalter, der in einer Fernsehreportage auf die sichtlich irritierte Frage des Interviewers, ob er "Homeschooling" etwa gut finde, unbefangen antwortet: "Ja, ich finde das sehr gut, am liebsten würde ich das immer so machen!" --- Natürlich ist nicht zu leugnen, dass die Corona-Krise eine Vielzahl sehr ernstzunehmender sozialer, ökonomischer und psychischer Probleme verursacht oder verschärft, und wenn jemand, der mit einer völligen Umwälzung seines gewohnten Tagesablaufs, massiven Verdienstausfällen und womöglich einem drohenden Zusammenbruch seiner gesamten beruflichen Existenz konfrontiert ist, inmitten all dieser Probleme die Notwendigkeit, seine Kinder zu Hause zu betreuen, nur als eine zusätzliche Belastung erlebt, ist es nicht unbedingt hilfreich, dem zu sagen "Aber sieh doch auch mal das Positive!" Das weiß auch Andrea Tichy und betont es mehrfach. Aber vielleicht sollte man - mit Blick auf eine früher oder später zu erwartende "Rückkehr zur Normalität" - die in diesem Artikel zusammengetragenen Beobachtungen zum Anlass nehmen, die in unserer Gesellschaft vorherrschenden Prioritäten zu hinterfragen. Und damit auch die vorherrschenden Vorstellungen darüber, was Kinder brauchen und was gut für sie ist: 
"Eine glückliche Kindheit entsteht nicht durch möglichst viel Action, Kurse, Attraktionen, Gruppen-Bespaßung oder ständige sogenannte Förderung. Eine glückliche Kindheit haben Kinder meistens genau dann, wenn sie spüren, dass ihre Eltern, die, die ihnen am nächsten und am wichtigsten sind, da sind. Einfach da sind und ihnen zeigen, dass sie sie lieben. Dass sie willkommen sind. Da braucht es dann nicht viel mehr, vor allem für die Kleinsten. So einfach gestrickt sind die Kinder, so genügsam. Und so weise."
Boah, ich wünschte, ich hätte das geschrieben. Und so etwas sage ich nicht oft.

Klar, das ist Satire. Aber der Beitrag wirft eine durchaus ernstzunehmende Frage auf: Was, wenn sich durch die Corona-bedingten Schulschließungen herausstellt, dass ein signifikanter Anteil der Schüler die Schule zum Lernen gar nicht braucht, ja ohne sie sogar besser lernt? (Noch bevor in Deutschland die Schulen geschlossen wurden, schrieb mir eine befreundete Mutter von vier Kindern, ein paar Wochen "Coronaferien" kämen ihr ganz recht, dann könnte sie nämlich endlich mal in Ruhe die Mathe-Probleme eines ihrer Söhne in Angriff nehmen -- die Schule sei da eher kontraproduktiv.) -- Sicherlich: Je nach häuslicher/familiärer Situation der Schüler (worin ich mal alle möglichen sozialen Faktoren nonchalant zusammengefasst wissen möchte) sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Zu-Hause-Lernen äußerst unterschiedlich, und wie man hört, ballern manche Lehrer ihre Schüler nach Kräften mit Aufgaben zu, damit sie die Zeit ohne Schule bloß nicht zu sehr genießen; aber man kann wohl doch zumindest davon ausgehen, dass das System "Schule" - besonders wenn die "Rückkehr zur Normalität" nicht schon nach den Osterferien erfolgt, wie es derzeit vielerorts noch in Aussicht gestellt wird - seine Selbstverständlichkeit verlieren dürfte. Und das ist für ein System, das im Wesentlichen davon lebt, für selbstverständlich gehalten zu werden, eine ernstzunehmende Bedrohung. 
Um auch mal wieder über etwas anderes zu reden als immer nur über die Corona-Krise: Dieser Artikel ist schon ein paar Jahre alt, aber ich bin erst jetzt durch einen Link auf Twitter auf ihn aufmerksam geworden und finde ihn ausgesprochen interessant. Es geht, wie man sich wohl schon denken kann, um konkurrierende "Narrative" zur Interpretation des II. Vatikanischen Konzils: Gleich einleitend stellt der Verfasser, ein Dominikanerpater und Hochschullehrer, die wesentlich von Küng und Schillebeeckx geprägte "progressive" Deutungstradition einer von Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger begründeten Interpretation gegenüber, die das Konzil in Kontinuität zur lehramtlichen Tradition der Kirche sieht. Okay, das hat man soweit auch schon woanders gehört oder gelesen. Spannend ist allerdings Whites These, die Deutung des Konzils als revolutionärer Bruch mit der Lehrtradition speise sich aus einer an Nietzsche geschulten Hermeneutik des "Willens zur Macht"; was übrigens einschließt - und das erscheint mir besonders interessant -, dass die Anhänger dieser Sichtweise auch die Position ihrer Gegner durch diese hermeneutische Brille betrachten: Nach einer vom Eigeninteresse des jeweiligen Interpreten unabhängigen Wahrheit wird nicht gefragt, es geht nur noch darum, den eigenen Positionen Geltung zu verschaffen. -- Dagegen empfiehlt White, das Konzil statt durch die Augen Nietzsches lieber durch diejenigen John Henry Newmans zu betrachten; dies erscheine umso plausibler, als Newmans Theologie Themen und Tendenzen des II. Vaticanums in einem solchen Maße vorweggenommen bzw. vorgeprägt habe, dass Papst Paul VI. von "Newmans Konzil" gesprochen habe. Vor dem Hintergrund von Newmans Verständnis von Lehrentwicklung, so White, erscheine das II. Vaticanum nicht etwa als Bruch mit der Lehrtradition der Kirche, sondern vielmehr als eine konsequente Fortsetzung von Tridentinum und I. Vaticanum. Ein umfangreicher und für Nichttheologen recht anspruchsvoller, aber allemal sehr lesenswerter Text!


+++Ohrwurm der Woche+++ 

Pearl Jam, "State of Love and Trust", 1992.


Einfach so, ohne Grund. 


+++Aus der Lesehore+++ 
"Aber beide, der Tempel und der Leib Jesu, scheinen mir gemäß einer der möglichen Auslegungen Bild der Kirche zu sein. Sie ist ja 'aus lebendigen Steinen erbaut', 'zu einem geistigen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft', 'gebaut auf das Fundament der Apostel und Propheten, der Schlussstein aber ist Christus Jesus selbst'; sie wird 'Tempel' genannt. Es heißt: 'Ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.' Auch wenn das Gefüge der Steine des Tempels sich aufzulösen scheint und in den Verfolgungen und Bedrängnissen alle Gebeine Christi scheinbar zerstreut werden [...], wird trotz der Verfolgungen durch die, welche die Einheit des Tempels bekämpfen, dieser doch wieder aufgebaut werden, und der Leib wird am dritten Tag auferstehen: nämlich nach dem bevorstehenden Tag des Greuels im Tempel* und dem darauffolgenden Tag der Vollendung**. Der dritte Tag aber wird dann im neuen Himmel und in der neuen Erde seinen Anfang nehmen." 
(Origines, Auslegung des Johannesevangeliums) 
* Vgl. Mk 13,14
** Vgl. 2 Petr 3,3.10.13