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Samstag, 31. Oktober 2026

Utopie und Alltag 49: Im Banne des Theorie-Praxis-Zirkels

Servus, Leser! Wenn dieses Wochenbriefing online geht, bin ich gerade in Braunlage am Harz beim 3. Kongress der Orthodoxen Jugend der russisch-orthodoxen Diözese von Berlin und Deutschland. Den Text des Vortrags, den ich dort heute Mittag gehalten habe, werde ich in Kürze auf Patreon und mit dem üblichen zeitlichen Abstand auch hier auf dem Blog veröffentlichen. Im aktuellen Wochenbriefing geht es, nachdem ich unserem Aufenthalt in der Pilgerherberge in Schwabach bereits einen Extra-Artikel gewidmet habe, schwerpunktmäßig um die Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn, an denen ich mit Frau und Kindern teilgenommen habe; und ich kann schon mal vorausschicken, dass das eine ziemlich zwiespältige Erfahrung war. Aber seht selbst! 

"Ist das ein XXL-Rosenkranz?" – "Ja, das ist ein XXL-Rosenkranz."


Weltmissionssonntag mit NGL 

Bei der Entscheidung, in welche der katholischen Kirchen Nürnbergs wir zur Sonntagsmesse gehen wollten, richteten wir uns nach der Checkout-Zeit des Hotels: Theoretisch hätten wir bis 12 Uhr bleiben können, und da wir in der Pilgerherberge in Schwabach frühestens um 14 Uhr einchecken konnten und außerdem schlechtes Wetter war, entschieden wir uns dafür, den Vormittag größtenteils noch im Hotel zu verbringen, noch einmal in den Spa-Bereich zu gehen, dann in aller Ruhe unsere Sachen zu packen und zur Messe mit der spätesten Anfangszeit zu gehen – um 11:30 Uhr in St. Elisabeth. Das war auch insofern irgendwie thematisch passend zu unserer bevorstehenden Reiseetappe, als St. Elisabeth am Jakobsplatz liegt, direkt gegenüber der evangelischen Jakobskirche mit dem Pilgerzentrum. Eine interessante Geschichte hat die Kirche auch: Ihr Vorgängerbau, die Hauskapelle der Nürnberger Deutschordenskommende, war die einzige Kirche Nürnbergs, die in der Reformationszeit katholisch blieb; das heutige Kirchengebäude, ein klassizistischer Kuppelbau, wurde ab 1785 errichtet, blieb allerdings infolge der Säkularisierung unvollendet. Erst 1885 erwarb das Erzbistum Bamberg die Immobilie und ließ den Bau bis 1903 fertigstellen. 


Einen Haken hatte die Entscheidung, dort in die Messe zu gehen, allerdings doch: In der Gottesdienstordnung des Seelsorgebereichs Nürnberg Mitte-Nord-West war diese Messe als "ad majorem"-Gottesdienst ausgewiesen, was zunächst recht vielversprechend klingen mochte – solange man nicht wusste, dass "ad majorem" der Titel eines vom Jesuitenorden herausgegebenen NGL-Liederbuches ist und die einmal monatlich stattfindenden "ad majorem"-Gottesdienste in St. Elisabeth sich dadurch auszeichnen, dass darin ausschließlich Lieder aus diesem Buch gesungen werden. 

Das Buch enthält neben typischen NGL durchaus auch Gesänge aus Taizé, Lieder der Fokolarbewegung und auch einige Lieder evangelikaler Herkunft; als mein Tochterkind und ich vor Beginn der Messe in dem Buch blätterten, entdeckten wir ein paar Lieder, die teilweise oder annähernd textidentisch mit uns bekannten Lobpreisliedern (z.B. aus der Reihe "Adonia Bibelvers-Songs") waren, bei genauem Hinsehen aber wohl doch nicht dieselben Lieder waren. Wie dem auch sei, für die musikalische Gestaltung der Messe wurde mit wenigen rühmlichen Ausnahmen – das Kyrie war von Peter Janssens, aber nicht das, das auch im Gotteslob steht, und auch nicht "In Ängsten die einen"; als Kehrvers im Antwortpsalm wurde ein Taizé-Gesang verwendet – ganz tief in die Klischeekiste gegriffen: Zum Einzug gab's mein absolutes Hass-Lied "Eingeladen zum Fest des Glaubens", zum Gloria "Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt", zum Credo "Ich glaube an den Vater". – Aufgewertet wurde das musikalische Programm indes durch die Gesangstimme der Kirchenmusikerin, die wiederum vor allem im Kyrie und im Antwortpsalm zur Geltung kam: Die klang so scharf geschliffen und hatte ein so pathetisches Tremolo wie eine Degenklinge, die in der Luft zitterte – und somit ganz so, wie auch die Solistinnen auf Peter Janssens' Kult-Alben aus den 70ern sangen. 

Noch etwas, was wir nicht bedacht hatten – was aber natürlich unabhängig davon war, wo wir zur Messe gingen – war der Umstand, dass an diesem 30. Sonntag im Jahreskreis Weltmissionssonntag war. Letztes Jahr um diese Zeit waren wir ja auf See, aber vor zwei Jahren waren wir am Weltmissionssonntag in Runding im Bayerischen Wald und hörten in der dortigen Kirche St. Andreas eine Predigt, in der es u.a. um Klimawandel auf Papua-Neuguinea ging. Jetzt in St. Elisabeth Nürnberg hielt der dortige Diakon die Predigt; wie schon bei der Begrüßung angekündigt wurde, ging er darin auch auf ein Förderprojekt des Seelsorgebereichs, eine Schule in Uganda, ein, aber in der Hauptsache drehte sich die Predigt doch um das im Tagesevangelium (Matthäus 22,34-40) angesprochene wichtigste Gebot ("Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken; [und] du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"). Was der Diakon zu diesem Thema zu sagen hatte, kann man nicht gerade als originell bezeichnen; seine Aussage, das Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" impliziere auch die Aufforderung zu einer gesunden Selbstliebe, begleitete er sogar explizit mit dem Hinweis, diese Lesart entspreche "der heute üblichen Auslegung dieses Textes". Abgesehen von einer gewissen Oberflächlichkeit und Banalität – und der ausgeprägt "liberalkatholischen" Ausstrahlung des Diakons – war an der Predigt nicht viel auszusetzen, aber man hätt' halt auch ganz gut auf sie verzichten können. 

Dass die Fürbitten teilweise von der Partnergemeinde in Uganda übernommen worden waren, war im Prinzip eine nette Idee, führte aber dazu, dass die Fürbitten arg wortreich gerieten und fast so viel Zeit in Anspruch nahm wie die Predigt. Was mich dann aber doch noch mehr befremdete, war der Umstand, dass vor dem Schlusssegen ein Unterstützungsaufruf von Amnesty International für eine im Iran inhaftierte kurdische Aktivistin verlesen wurde. "Unser Seelsorgebereich arbeitet mit Amnesty International zusammen", hieß es zur Erläuterung. Okay, Boomer. Macht ja nichts, dass Amnesty International ein Konzept von Menschenrechten vertritt, das z.B. auch die Forderung nach einem "Recht auf Abtreibung" umfasst, oder? 

Was übrigens die im vorigen Wochenbriefing angesprochene Frage angeht, wie man die Erstkommunionvorbereitung des Tochterkindes in den Ferien vertiefen könne, zeigte es sich, dass manche Dinge sich offenbar auch ganz einfach dadurch vertiefen, dass man sie sacken lässt. Unsere Große war in der Messe sehr aufmerksam bei der Sache, stellte fest, dass sie das oben zitierte wichtigste Gebot vom JAM her als Lied kennt, und bevor wir zur Kommunion gingen, fragte sie mich, ob sie sich eine Hand auf die Brust legen solle, um zu signalisieren, dass sie die Kommunion noch nicht empfängt. "Stimmt, der Priester hier weiß ja nicht, ob du schon Erstkommunion hattest", sagte ich. "Gut, dass du daran gedacht hast." 

Uns den Messbesuch im Erstkommunionkurs-Stempelheft des Tochterkindes bestätigen zu lassen, erwies sich als langwierige Angelegenheit, da der Priester und der Diakon nach dem allgemeinen Schlusssegen noch zum Einzelsegen bereit standen und damit eine Weile beschäftigt waren. Als wir trotzdem schon mal auf gut Glück den Kopf in die Sakristei steckten, trafen wir dort eine Frau an – vermutlich eine Küsterin oder Mesnerin oder wie das hier heißt –, die uns jedoch nicht weiterhelfen konnte: Solche Stempelhefte hätten sie hier nicht und folglich auch keine Stempel dafür, ließ sie uns wissen. Wir hatten daraufhin vor, auf den Pfarrer zu warten – dem würde schon eine Lösung einfallen –, aber noch ehe der mit dem Einzelsegen-Spenden fertig war, kam eine andere Laienmitarbeiterin der Pfarrei auf uns zu. Sie verriet, sie habe "so etwas" schon öfter für auswärtige Gäste gemacht, und füllte das entsprechende Kästchen des Stempelhefts mit dem Namen der Kirche und ihrer Unterschrift aus. Sowas hat nicht jedes Erstkommunionkind in seinem Heft. 

Auch noch erwähnen möchte ich, dass unser Jüngster, als wir auf dem Weg zur Messe waren, aus heiterem Himmel zu mir sagte: "Ach, Papa – beim Thema Kirche fällt mir ein, wir sollten mal wieder Straßenevangelisation machen!" (Er formulierte das tatsächlich so. Solche Sätze kann der Knabe mit seinen fünfeinhalb Jahren bauen, wenn er nicht gerade im "Böses-Baby-Modus" ist.) Also, darüber, wie's mit der religiösen Frühförderung unserer Kinder läuft, kann ich mich wohl wirklich nicht beklagen. 


Nachträge zu den anderen katholischen Kirchen in der Nürnberger Innenstadt 

Dass ausgerechnet die unserem Hotel am nächsten gelegene katholische Kirche, die Citykirche St. Klara, für unseren sonntäglichen Messbesuch nicht in Frage kam, hatte ich im vorigen Wochenbriefing bereits angemerkt, aber nicht besonders einlässlich begründet; nun gut, der Artikel war ja auch so schon lang genug. Tatsächlich könnte ich mich bequem auf einen ganz praktischen Grund berufen, nämlich den, dass es in der Citykirche sonntags lediglich eine "Spätmesse" um 20:30 Uhr gibt, und da waren wir schon in Schwabach und bemühten uns darum, die Kinder ins Bett zu kriegen. Aber auch wenn es in dieser Kirche eine Messe zu einer für uns passenden Zeit gegeben hätte, hätte es genug gegeben, was mich davon abgeschreckt hätte, diese zu besuchen; angefangen damit, dass die Kirche – von außen gotisch – von innen aussieht wie der multireligiöse Gebetsraum des Flughafens BER. 

Wobei man zugeben muss: Eine Marienfigur hat der BER nicht.

Ein Faltblatt, das ich mir mitnahm, vermittelte mir den Eindruck, dass die Citykirche insgesamt mehr auf Kulturprogramm setzt als auf Gottesdienste – und dass dieses Kulturprogramm weitgehend auf den Geschmack eines bildungsbürgerlichen Publikums aus der Baby-Boomer-Generation zugeschnitten ist; ich sag nur: Tango, Klezmer, keltische Folklore. Das meiste davon könnte genausogut in ländlichen Kulturzentren wie der Nordenhamer Jahnhalle oder der Seefelder Mühle laufen, aber hier hängt man dem Programm ein vage spirituell schimmerndes Mäntelchen um und nennt es "Citypastoral". Na herzlichen Dank. 

Auf der anderen Seite bedaure ich es im Rückblick ein wenig, dass wir nicht in der Frauenkirche oder in Herz Jesu in die Messe gegangen sind – wobei man natürlich nicht wissen kann, wie die Messe da gewesen wäre. Die Frauenkirche am Hauptmarkt ist jedenfalls sehenswert und historisch interessant: Mitte des 14. Jahrhunderts im Auftrag Kaiser Karls IV. als gotische Hallenkirche erbaut, wurde die Kirche in der Reformationszeit lutherisch, aber nachdem die Stadt Nürnberg 1806 an das Königreich Bayern gefallen war, bildete sich eine katholische Gemeinde, die das Gebäude 1810 erwarb. 




Die betont nüchtern-abstrakte Altarinsel ist zwar ein Fall von "Musste das sein?", stört den Gesamteindruck aber weniger als die ebenfalls betont nüchterne Bestuhlung (nicht im Bild).

Die Kirche Herz Jesu im Stadtteil Lichtenhof, südlich vom Hauptbahnhof, hatte ich mir noch am Samstag angesehen, während Frau und Kinder im Zoo waren; sie wurde in den Jahren 1899-1905 erbaut und war damit der erste Neubau einer katholischen Kirche in Nürnberg seit der Reformation. Im Jahr 1945 durch Luftangriffe schwer beschädigt, wurde sie nach Kriegsende wiederaufgebaut und 1950 neu geweiht. Die Kirche hat die Form einer dreischiffigen Basilika, die Innenausstattung ist eher "zeitlos"-geradlinig. 



Abgesehen von einigen noch aus der Zeit vor der Zerstörung im II. Weltkrieg stammenden Ausstattungsstücken wie dieser Schutzmantelmadonna.

Nun, wie neulich schon angemerkt, haben wir ja durchaus die Absicht, nochmal wieder nach Nürnberg zu kommen; vielleicht haben wir ja dann Gelegenheit, in einer dieser Kirchen – oder sogar in beiden – eine Messe mitzufeiern. 


Auf der Fränkisch-Schwäb'schen Eisenbahne 

...gibt's gar viele Haltstatione: Wicklesgreuth und Murrhardt, Böblingen und Oberndorf... Rulla rulla rullala... Okay, schon gut.

Den Montag – der übrigens nicht, wie im vorigen Wochenbriefing irrtümlich angegeben, der Festtag der Apostel Simon und Judas war; der war erst zwei Tage später – verbrachten wir zum größten Teil in der Bahn. Von der Pilgerherberge in Schwabach bis zum Kloster Heiligenbronn im Schwarzwald sind es Luftlinie etwa 250 Kilometer; mit dem Auto, wenn man eins hätte, würde man über Stuttgart und Heilbronn gut drei Stunden brauchen, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchten wir sieben. Von Schwabach mussten wir erst einmal zurück zum Nürnberger Hauptbahnhof; von dort aus ging es erst einmal mit einer Regionalbahn der Firma Arverio nach Stuttgart-Bad Cannstatt, dann mit der Stuttgarter S-Bahn nach Vaihingen, von dort wiederum mit der Regionalbahn nach Oberndorf am Neckar und zu guter Letzt mit dem Bus nach Heiligenbronn, einem Ortsteil von Schramberg. Zwischen Crailsheim und Schwäbisch Hall sammelte die Bahn, die uns nach Bad Cannstatt bringen sollte, einige Minuten Verspätung an, dann stand die S-Bahn nach Vaihingen minutenlang auf dem Gleis und wartete auf die Abfahrerlaubnis von der Leitstelle, und währenddessen fuhr uns unser Anschlusszug davon. Glück hatten wir hingegen in Oberndorf am Neckar, wo wir den Umstieg von der Bahn in den Bus in nur drei Minuten schafften – und dabei eine Mutter und ihren Sohn trafen, die ebenfalls zu den Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn unterwegs waren. Der Junge war ungefähr im Alter unseres Jüngsten, und die beiden freundeten sich praktisch sofort miteinander an, nicht zuletzt, weil unser Knabe einen Ninjago-Pullover trug und sein neuer Freund einen Ninjago-Rucksack hatte. Beim Kloster Heiligenbronn kamen wir schließlich eine Stunde später an als geplant, aber immer noch früh genug, um uns vor Beginn des Exerzitienprogramms in unserem Zimmer einzurichten. 


Im Reich der Gestalteten Mitte

Außer uns nahmen an Familienexerzitien acht weitere Erwachsene (zwei Paare, vier alleinerziehende Mütter) mit insgesamt neun Kindern teil; zusammen mit unseren beiden waren es also elf Kinder, für die es ein eigenes Betreuerteam gab, bestehend aus zwei jungen Grundschulpädagoginnen, die gerade kurz vor dem Referendariat standen. Das Programm für die Erwachsenen wurde geleitet von einem älteren Priester, der sehr freundlich und "locker" wirkte, zugleich aber auch die Ausstrahlung eines geheimnisvollen Weisen kultivierte, und einer Gemeindereferentin, die, auch wenn sie oberflächlich betrachtet ganz nett wirkte, leider sämtliche Klischees über "liberalkatholische" Pastoral- und Gemeindereferentinnen erfüllte. – Der zentrale Treffpunkt für das Exerzitienprogramm war das "Atrium" (bzw. der Lichthof) des Geistlichen Zentrums "Haus Lebensquell" (sic!), und schon bei unserer Ankunft registrierte ich, dass da ein Stuhlkreis mit Gestalteter Mitte aufgebaut war. 

Unser Jüngster identifizierte diese Gestaltete Mitte treffsicher als "Halloween-Deko".

Beim eigentlichen Programmauftakt, nach dem Abendessen, sollten die erwachsenen Teilnehmer sich aus einer Vielzahl von Fotos im Postkartenformat eins heraussuchen, das ihre Selbstwahrnehmung (ihrer aktuellen Lebenssituation, Stimmung oder psychischen Verfasstheit) ausdrückt, und eines, das ihre Sehnsucht ausdrückt (bzw. das, was sie von diesen Exerzitien erwarten oder erhoffen); dann sollte jeder ein paar Worte zur Erläuterung seiner Bildauswahl sagen und die Bilder in der Gestalteten Mitte ablegen. Abzüglich des Sehnsuchts-Teils war so ziemlich genau dasselbe auch in der Kennenlernrunde der Präventionsschulung gemacht worden, bei der ich vor ein paar Wochen gewesen war; da hatte ich mitgemacht, weil es eine Pflichtveranstaltung war, aber hier war ich freiwillig und nahm mir daher die Freiheit, nur so viel vom Exerzitienprogramm mitzumachen, wie ich wollte. Das kommunizierte ich auch ganz offen, und es wurde zunächst anscheinend recht problemlos akzeptiert; aber bezeichnend fand ich diese Methoden-Uniformität allemal, und mir drängte sich der Verdacht auf, diese rühre daher, dass die Leut' genau sowas im Religionspädagogik-Studium lernen. Ich selbst bin mit dem Studium dieser Teildisziplin ja noch nicht so weit gediehen, aber immerhin ist mir da schon mehr als einmal das Stichwort "Theorie-Praxis-Zirkel" begegnet; und auch wenn ich mir vorstellen kann, dass das, was mit dieser Bezeichnung eigentlich gemeint ist, etwas durchaus Sinnvolles und Vernünftiges sein könnte, kann ich mir jetzt den Gedanken nicht verkneifen, der "Theorie-Praxis-Zirkel" sei womöglich deshalb und insofern ein Zirkel, als er immer wieder am selben Punkt ankommt, und das sei der Grund, dass religionspädagogische Angebote in großkirchlichen Einrichtungen seit 30, 40 oder vielleicht sogar 50 Jahren immer und überall gleich aussehen. 

Du hast mein Klagen in Meditatives Tanzen verwandelt. 

"Na, das Gute ist ja, dass das Exerzitienprogramm größtenteils aus Stiller Zeit besteht", merkte ich an, als wir zurück zu unserer Unterkunft gingen. "Und selbst davon gibt es eine Pause", fügte meine Liebste grinsend hinzu. – Trotzdem war ich ganz froh, dass ich einen Rest von "Mannis Garagenbräu" mit ins Kloster genommen hatte, denn ich ging davon aus, dass ich das noch brauchen würde. 

Das bestätigte sich im Wesentlichen am nächsten Morgen beim gemeinsamen "Morgenlob" vor dem Frühstück; gemeinsam heißt, dass es für Eltern und Kinder war, und es bestand im Wesentlichen aus der Art von Bewegungs- und Körpererbewusstseinsübungen, die auch das RKW-Materialienbuch "Mensch, Mose, beweg dich" für die Morgenrunden vorgesehen hatte, die wir bei "unserer" RKF aber konsequent weggelassen bzw. durch etwas anderes ersetzt hatten. Da machte ich dann wieder "von meinem Recht auf Nichtteilnahme Gebrauch", wie es im "Club der toten Dichter" heißt. Dass die Gemeindereferentin beim Abschlussgebets des Morgenkreises die Trinitarische Formel zu "Gott, der uns Vater und Mutter ist, durch den Sohn in der Heiligen Geistkraft" verballhornte, ging mir dann aber doch über den Spaß. 

Nun, im Grunde war mir ja schon seit dem Ankunftsabend klar, dass ich mehr von diesem Klosteraufenthalt haben würde, wenn ich mir mein Exerzitienprogramm selbst zusammenstellte; deshalb war ich am Dienstagmorgen auch schon vor dem "Morgenlob" zum Chorgebet in der Hauskapelle des Klosters gegangen und hatte mit ungefähr 20 greisen Franziskanerinnen und zwei alten Damen aus einer Wohngruppe für Behinderte die Laudes gebetet. Bei der Gelegenheit hatte ich auch herausgefunden, zu welchen Zeiten es in der Hauskapelle Eucharistische Anbetung gab. Dort verbrachte ich am Dienstagnachmittag viel Zeit, zuerst allein, dann noch einmal zusammen mit meiner Liebsten; als die angekündigte Anbetungszeit zu Ende war, stellten wir fest, dass außer uns niemand in der Kapelle war, und waren etwas unschlüssig, was wir nun tun sollten. Während meine Liebste vor dem Tabernakel sitzen blieb, ging ich gucken, ob ich irgendwo im Gebäude eine der Schwestern anträfe, und hatte Glück: Ich traf eine im Treppenhaus. Nachdem ich ihr die Situation geschildert hatte, meinte sie, da werde wohl keiner mehr kommen und wir sollten den Tabernakel einfach zumachen. Na gut. Auch mal eine interessante Erfahrung. 

Im Übrigen hatte ich am Dienstagvormittag, etwas versteckt auf dem Gelände, eine Lourdes-Grotte entdeckt und dort einen Rosenkranz gebetet, und das machte ich in den folgenden Tagen noch mehrmals – einmal zusammen mit meiner Liebsten. Ausgerechnet da störten uns allerdings Laubbläser und –sauger in unserer Andacht. Das hatte ja auch irgendwie was Symbolisches – aber lassen wir das. 

Übrigens hat Heiligenbronn als Wallfahrtsort auch sonst eine gewisse Ähnlichkeit mit Lourdes – Insbesondere insofern, als es auch hier eine wundertätige Quelle gibt. Zu dieser Quelle, die bereits im 14. Jh. bekannt war, gelangt man durch die Krypta der Wallfahrtskirche St. Gallus, und auf dem Weg dorthin kommt man an einer Vielzahl von Votivtafeln vorbei. 

Über die Geschichte des Klosters und der mit ihm verbundenen Pflegeanstalt für Behinderte ließe sich noch mehr Interessantes sagen, aber ich schätze, das würde hier den Rahmen sprengen. Jedenfalls war die Krypta mit der Quelle einer meiner bevorzugten Rückzugsorte während dieser Tage – neben der Lourdes-Grotte, der Hauskapelle des Klosters (besonders zu den Zeiten der Eucharistischen Anbetung) sowie eines kleinen Meditationsraums im "Haus Lebensquell", den meine Kinder nur den "Heiligen Raum" nannten und in dem es auch einen Tabernakel gab. 

In diesem Meditationsraum wurde auch jeden Abend Eucharistie gefeiert, was grundsätzlich natürlich begrüßenswert war, liturgisch allerdings mit allerlei Zumutungen verbunden war (an dieser Stelle könnte ein Unterkapitel mit der Überschrift "Und täglich stirbt das Robbenbaby" stehen, aber aus Platzgründen überlasse ich das der Phantasie des geneigten Lesers). – Zum Singen in diesen Abendgottesdiensten wurde das "Benediktbeurer Liederbuch" der Salesianer Don Boscos – mit dem Slogan "God for You(th)" auf dem Einband – verwendet; erschienen 2020, ist es in der Liedauswahl spürbar moderner als das "ad majorem"-Liederbuch der Jesuiten (2. Auflage 2008) und enthält einen ganz ordentlichen Anteil an Lobpreisliedern, vor allem von Albert Frey, aber auch mindestens eins von Johannes Hartl ("Noch nie"), dazu auch internationale Worship-Klassiker wie "Zehntausend Gründe" und sogar "Blessed be Your Name". Aber was nützt das, wenn trotzdem zum Einzug "Gott gab uns Atem" und zum Kyrie "Meine engen Grenzen" gesungen wird? Womit ich sagen will, auch die Liedauswahl dokumentiert, wie eng die liberalkatholische Bubble ist, wie befangen in ihrem eigenen Theorie-Praxis-Zirkel. 

Dass in der Messfeier am Dienstagabend die Lesung weggelassen und gleich zum Evangelium übergegangen wurde, begründete der Zelebrant damit, dass wir "ja im Laufe des Tages schon verschiedentlich Schriftworte betrachtet" hätten, was mir als eine wenig überzeugende Ausrede erschien; ich vermutete, es gehe eher darum, die Messfeier kurz zu halten, damit die Kinderbetreuerinnen Feierabend machen konnten, aber als ich tags darauf im Schott nachsah, welche Lesung denn dran gewesen wäre, drängte sich mir der Verdacht auf, dass sie aus inhaltlichen Gründen weggelassen worden war: Es handelte sich nämlich um Epheser 5,21-33, wo in Vers 22-24 die Frauen aufgefordert werden, sich ihren Männern unterzuordnen; man weiß ja, auf wie viel Ablehnung diese Bibelstelle heutzutage in gewissen Kreisen stößt, und zu allem Überfluss waren ja bei diesen Exerzitien Frauen stark in der Überzahl. Gleichzeitig und andererseits fand ich, wenn man diese Lesung im Gesamtkontext betrachtete und sich nicht nur auf die zweieinhalb Verse konzentrierte, die den feministischen Theologinnen so gegen den Strich gehen, dann gäbe sie gerade einen dankbaren Predigttext für Familienexerzitien ab. Indem ich über diesen Punkt nachdachte, wurde mir etwas klar, was ich schon früher hätte bemerken können: nämlich dass die Bezeichnung "Familienexerzitien" für dieses Veranstaltungsformat so nicht gemeint ist. Gemeint ist, dass man zu diesen Exerzitien seine Kinder mitbringen kann und dass diese betreut werden; nicht jedoch, dass es inhaltlich um das Thema "Familie" geht. Das fand ich doch etwas enttäuschend.  

Was die Frage angeht, wer eigentlich die Zielgruppe für diese Art von Exerzitien ist, scheint mir neben dem augenfälligen Männermangel auch die Tatsache aussagekräftig, dass unter den teilnehmenden Frauen eine Pastoralreferentin, eine ehrenamtliche Katechetin und zwei evangelische Pfarrerinnen waren. Mir drängte sich da der Gedanke an die Kritik Erik Flügges an, die Kirche verwende 90% ihrer Ressourcen für 10% ihrer Mitglieder. Ich war eigentlich immer der Meinung (und sehe das prinzipiell immer noch so), wenn 90% der nominellen Kirchenmitglieder sich für die Angebote der Kirche nicht interessieren, ist das nicht unbedingt die Schuld der Kirche, und die Lösung besteht nicht darin, dass die Kirche eben andere Angebote machen müsste; wer nichts will, dem kann man auch nichts geben. Hingegen glaube ich, das gravierendere Problem ist, dass die Kirche innerhalb des von Flügge als "Heiliger Rest" angesprochenen Segments ihrer Mitglieder wiederum 90% der Ressourcen für 10% der Leute aufwendet. – Dass die beiden Exerzitienteilnehmerinnen, die nicht in der Kirchenbubble beschäftigt sind, zugleich die waren, die den frömmsten Eindruck machten (bei einer der beiden verspürte ich schon bei ihrem ersten Redebeitrag am Ankunftsabend den Wunsch, sie würde die Exerzitien leiten), erschien mir irgendwie folgerichtig, aber zugleich sagte ich mir, es sei doch irgendwie traurig, dass ich das so empfinde. 

Bei der Abschlussrunde verschwieg ich nicht – was durch meine von Tag zu Tag abnehmende Beteiligung aber wohl ohnehin offensichtlich genug war –, dass ich mit dem ganzen psycho-esoterischen Selbsterfahrungsgedöns (das ich in dieser Runde aber wohlgemerkt nicht so bezeichnete!) so gar nichts anfangen kann, bemühte mich aber, das nicht als Kritik zu formulieren, sondern eher unter dem Aspekt von "Für mich persönlich hätte ich mir etwas Anderes gewünscht bzw. erhofft". Das bewahrte mich indes nicht davor, dass die Co-Leiterin des Exerzitienprogramms mir beim Abschied, typischerweise in ein Lächeln verpackt, ordentlich eins reinwürgte: Wenn ich Gemeindereferent werden wolle, müsse ich aber offener für sowas werden, das gehöre nun mal zur Weite der Kirche. Ich schätze, darauf werde ich nochmal zurückkommen müssen – für heute geht mir allmählich der Platz aus –, aber jedenfalls finde ich es recht tragikomisch, dass solche Leute sich einbilden, sie würden für Vielfalt und Weite stehen, und gar nicht merken, wie klein und eng ihre Bubble ist. 


Fundstücke am Wegesrand 

Was man zu den Familieneinkehrtagen im Kloster Heiligenbronn auf jeden Fall lobend hervorheben muss, ist die Kinderbetreuung, die täglich ungefähr drei Stunden am Vormittag, dreieinhalb am Nachmittag und eine bis eineinhalb am Abend umfasste: Die Kinder – nicht nur unsere, sondern, soweit ich es mitbekam, alle teilnehmenden Kinder – fanden das Programm super und mochten die beiden Betreuerinnen sehr gern. Einmal kam ich an der Gruppe vorbei, als sie gerade draußen beschäftigt war, und hörte, wie eine der Betreuerinnen zu meiner Tochter sagte "Guck mal, da ist dein Papa – dem kannst du gleich mal zeigen, was wir hier machen." Was sie da machten, war, ein Legebild aus Naturmaterialien anzufertigen. 

Löwe und Lamm. Ganz gut, oder?

Gut gefiel mir auch, dass die Kinder in der Kinderbetreuung das Lied "Sei mutig und stark" von Mike Müllerbauer einübten und es – mitsamt Choreographie – beim Abschlussgottesdienst am Freitag vorführten; außerdem steuerten sie Fürbitten zu diesem Gottesdienst bei und ergänzten die Gestaltete Mitte um ein weiteres Löwenbild: 


Neben dem Kinderbetreuungsraum gab es ein Büchereizimmer mit einer gemütlichen Lesecouch; dort entdeckte ich im Regal eine Reihe von Bibel-Comics und vertiefte mich in den Band "Die Entstehung der Kirche" (über die Apostelgeschichte). Damit schlug ich gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe, denn einerseits konnte ich mir das als Lektürezeit für "Kirchengeschichte des Altertums" anrechnen und andererseits lieferte dieses Comicbuch mir Anregungen für die nächste RKF – darauf komme ich bei Gelegenheit zurück. 



Derweil entdeckte meine Liebste im "Wallfahrtsladen" des Klosters ein Heft mit Gratis-Leseproben aus fünf Neuerscheinungen des evangelikalen Gerth-Verlags, die natürlich einen interessanten Kontrapunkt zu dem ausgeprägt "liberalkatholischen" Profil des Exerzitienprogramms bildeten. Am meisten interessierte mich ein Auszug aus dem Buch "Heiliger Geist für Normalos" von Myriam R.J. Geister, und nachdem ich diese fünf Seiten gelesen habe, spiele ich sehr mit dem Gedanken, mir ein Rezensionsexemplar schicken zu lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich "als jemand, an dem schon mal ein Charismatiker vorbeigelaufen ist" (wie ich so gern sage), zur idealen Zielgruppe für dieses Buch gehöre... 

Was ich ein bisschen bedaure, ist, dass wir es nicht geschafft haben, in das nur zehn Autominuten entfernte, ohne Auto aber praktisch unerreichbare Aichhalden zu fahren, wo in der Josef-Merz-Halle das Adonia-Musical "Treffpunkt Brunnen – Jesus und die Frau aus Samarien" aufgeführt wurde. Dasselbe Musical war am Samstag zuvor in der Gemeinde auf dem Weg in Berlin-Tegel aufgeführt worden, aber da waren wir ja in Nürnberg. In Aichhalden wurde die Aufführung von einer katholischen Gemeinde ausgerichtet, aber okay, das Plakat für die Berliner Aufführung hatte ich ebenfalls in einer katholischen Kirche gesehen, nämlich in St. Joseph Tegel. 

Bildbeweis als Collage. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Christus gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen. 

(Epheser 4,11-13) 


Ohrwurm der Woche 

Bon Jovi: Livin' on a Prayer 


Ja, ja, da könnt' man nun denken, "Livin' on a Prayer" passe ja vom Titel her auf hübsch hintersinnige Weise zu einem Klosteraufenthalt; aber in erster Linie erscheint der Song deshalb in dieser Rubrik, weil ich ihn tatsächlich mehrere Tage lang als hartnäckigen Ohrwurm mit mir herumgetragen habe. An einem der letzten Tage unseres Aufenthalts in Nürnberg muss ich es irgendwo gehört haben – vielleicht im Restaurant zu den Goldenen Bögen? –, und seitdem bin ich es nicht mehr so richtig losgeworden. 

Zu Bon Jovi fällt mir im Allgemeinen immer eine Folge von Beavis & Butt-Head ein, in der die Protagonisten ein Video dieser Band anschauen und es mit dem brillanten Dialog kommentieren: 

"Remember when these guys were cool?" 
"Uhhhh... no! Hehehehehe." 

1986, als "Livin' on a Prayer" als erste Bon-Jovi-Single die deutschen Charts erklomm, sah ich das natürlich nicht so; da war das meine erste Begegnung mit Hard Rock, oder was ich damals halt für Hard Rock hielt. Heute würde ich sagen, "Livin' on a Prayer" ist ein früher Beleg dafür, dass John Bongiovi (die Schreibweise Bon Jovi ist, wie ich mal gelesen habe, an Van Halen angelehnt) im Grunde seines Herzens schon immer eigentlich Bruce Springsteen sein wollte. Nicht nur, weil es vom Text her (von dem ich mit zehn Jahren natürlich nicht viel verstand) ohne Weiteres ein Springsteen-Song sein könnte; auch musikalisch bliebe, wenn man sich den ganzen Bombast und Flitter des 80er-Jahre-Haarspray-Rock wegdenkt, etwas übrig, das gar nicht so viel anders klänge als "Born to Run". 


Vorschau/Ausblick 

Durch meine Abwesenheit von zu Hause verpasse ich heute eine Halloween-Gartenparty, in deren Rahmen die jüngere Tochter unserer Hausgenossin – die Schulfreundin unseres Tochterkindes – ihren Geburtstag nachfeiert; ein paar Worte zum Dauerbrennerthema "Dürfen/sollen/müssen Christen Halloween feiern?" werden im nächsten Wochenbriefing aber wohl allemal am Platz sein. Derweil bin ich noch bis morgen Mittag bei der orthodoxen Jugendkonferenz und beabsichtige dabei auch die Göttliche Liturgie mitzufeiern; morgen Abend sollte ich dann wieder zu Hause bei Frau und Kindern sein. Und dann geht es auch direkt ziemlich intensiv weiter: Am Dienstag beginnt für unseren Jüngsten der Vorschul-Unterricht an der KiTa, am Mittwoch feiert unsere Große ihren Geburtstag nach, am Donnerstag ist die Schul-Halloween-Feier und obendrein ein Vorbereitungstreffen der Erstkommunion-Katecheten für den bevorstehenden "Gemeinschaftstag". Und der nächste KiWoGo steht auch schon vor der Tür... Langweilig wird es also gewiss nicht! 


Mittwoch, 28. Oktober 2026

Ein Abstecher auf dem Fränkischen Jakobsweg

Wie im vorigen Wochenbriefing schon angekündigt, mussten wir am vergangenen Sonntag infolge unvorhergesehener Umstände zwischen unserem Hotelaufenthalt in Nürnberg und den Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn im Schwarzwald einen Übernachtungs-Zwischenstopp in der Pilgerherberge in Schwabach einlegen. Wir brachen dorthin auf, nachdem wir aus dem Hotel ausgecheckt hatten, in der Sonntagsmesse gewesen waren und beim Restaurant zu den Goldenen Bögen (wo wir noch Bonuspunkte aus der App einzulösen hatten) zu Mittag gegessen hatten. 

Kuschelhund Hubert sitzt hier nicht, wie man denken könnte, auf einer Spenden-, sondern auf einer Kaffeedose. 

Leider war es ein total verregneter Tag, andernfalls hätte zumindest ich durchaus Lust gehabt, die 15 Kilometer vom Nürnberger Jakobsplatz zur Pilgerherberge in Schwabach tatsächlich zu Fuß zurückzulegen. Was außer dem Wetter auch noch dagegen sprach, war indes der Umstand, dass wir unser Gepäck diesmal – eigentlich untypisch für uns – in Rollkoffern statt in Rucksäcken transportierten. So fuhren wir also vom Nürnberger Hauptbahnhof eine Station mit der Regionalbahn, und am Bahnhof in Schwabach wurden wir von einem ehrenamtlichen "Hospitalero" (so heißt das jedenfalls in Spanien) der Pilgerherberge in Empfang genommen. Manni. Ein Pfundstyp, wie man hier in der Gegend wohl sagt. Kurzer grauer Bart, schmaler Pferdeschwanz, Kreuzanhänger an einer dünnen Lederschnur um den Hals, breites Lächeln. Ich fühlte mich gleich in guten Händen. Manni zeigte uns die Pilgerherberge – die ich mir erheblich anders vorgestellt hatte, aber dazu gleich mehr –, erklärte uns, wie wir sie am nächsten Tag hinterlassen sollten, und dann fragte er mich unvermittelt: "Sag mal, trinkst du Bier? So grundsätzlich?" Ich bejahte, und Manni erklärte: "Ich brau' nämlich selber Bier, und da schenk" ich unseren Gästen immer eine Flasche, sofern sie mögen." Wir mochten, und so kamen wir in den Besitz einer 1-Liter-Bügelflasche Rotbier der Marke "Mannis Garagenbräu". Sehr lecker! 

Was die Herberge betrifft, hätte ich erwartet, dass es da einen Gemeinschaftsschlafsaal mit mindestens zehn Doppelstockbetten gäbe; tatsächlich gab es lediglich ein kleines Zimmer mit genau einem Doppelstockbett, dazu zwei Klappbetten, die man im Flur aufbauen konnte. Außerdem: Dusche und Toilette, Waschmaschine und Trockner, Küche, Aufenthaltsraum. Alles sehr schlicht, dafür aber besser mit Basics wie Kaffee und Tee, Zucker und Salz, Kaffeefiltern, Seife und Klopapier ausgestattet als so manche Ferienwohnung. Ein Plakat im Eingangsbereich informierte darüber, dass pro Jahr ungefähr 80 Pilger hier übernachten. 





Dieses Foto vom Pilgerdenkmal auf dem Alto del Perdón bei Pamplona war sogar auf die Bettwäsche aufgedruckt. 

Der Website kann man entnehmen, dass die Pilgerherberge in Schwabach eine Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Schwabach-St. Martin ist, aber in ökumenischer Zusammenarbeit mit dem Römisch-Katholischen Dekanat Schwabach betrieben wird; weitere Kooperationspartner sind die Gewobau der Stadt Schwabach GmbH und das Quartiersbüro Soziale Stadt für die Altstadt in Schwabach. Bei manchem Leser mag das die Frage aufkommen lassen, ob meine Dankbarkeit dafür, dass ich mit meiner Familie in dieser Einrichtung Unterkunft für eine Nacht gefunden habe, mich nicht etwas gnädiger gegenüber dem institutionellen Apparat der Großkirchen und seiner Verflechtung mit weltlichen Institutionen stimmen müsste. Meine Antwort lautet: Nicht unbedingt. Vielleicht wäre es so, wenn die Großkirchen ihre Mittel tendenziell mehr für solche Graswurzelprojekte einsetzten und weniger für "Citypastoral" oder Mitarbeiterschulungen in Sachen Gender- und Diversity-Sensibilität. Nicht umsonst zieht sich durch das Gästebuch der Schwabacher Herberge wie ein Roter Faden das freudige Staunen der Jakobspilger, "endlich mal eine richtige Pilgerherberge" gefunden zu haben: Solche von Ehrenamtlichen betreuten, spendenbasierten Herbergen in Trägerschaft der örtlichen Kirchengemeinden sind in Deutschland nämlich extrem selten. In Spanien, wo die Kirche viel ärmer ist, dafür aber auch keinen so aufgeblähten bürokratischen Apparat mit sich herumschleppt, findet man dergleichen viel häufiger. 

Nun aber zurück zum vergangenen Sonntag: Nachdem wir uns in der Herberge einigermaßen eingerichtet hatten, wollte ich mir – trotz nach wie vor ungemütlichem Wetter – ein wenig die Altstadt von Schwabach ansehen; Frau und Kinder wollten aber lieber in der Herberge bleiben, also ging ich alleine los. In unmittelbarer Nähe unserer Herberge stieß ich erst einmal auf die evangelische Spitalkirche; als ich sie betrat, bauten einige junge Leute gerade eine Musikanlage im Altarraum auf. 

Wie ich einem Aushang im Schaukasten der Kirche entnahm, sollte dort an diesem Abend ein sogenannter "TAU-Gottesdienst" stattfinden – und "Tau-Gottesdienst heißt ein Abend mit Musik, Gemeinschaft, Band, Gebet, Anbetung, Erfahrung, Freundschaft, Licht, Begegnung, Vielfalt", so habe ich's, allerdings erst im Nachhinein, im Internet gelesen. – Ich spazierte erst mal weiter zum ausgesprochen malerischen Marktplatz und zur evangelischen Stadtpfarrkirche St. Johannes und Martin. 

In der Kirche findet derzeit (noch bis zum 12. November) eine Ausstellung zum Thema "Häusliche Gewalt" statt, komplett mit Triggerwarnung; ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit jedoch lieber auf die diversen prachtvollen Altarretabeln in der Kirche: 





Dass eine doch eher kleine Stadt wie Schwabach eine derart prachtvoll ausgestattete Kirche besitzt, erklärt sich wohl nicht zuletzt daraus, dass diese Stadt von alters her ein Zentrum der Blattgoldherstellung ist ("Goldschlägerstadt"). Besonders eindrucksvoll ist der 1508 fertiggestellte Hochaltar aus der Werkstatt von Michael Wolgemut, dem Lehrer Albrecht Dürers: 


Auch interessant: Ein Prozessionsesel auf Rollen, vermutlich zum Mitführen bei Palmsonntagsprozessionen.

Anschließend wollte ich mal gucken, ob die katholische Stadtpfarrkirche St. Sebald ebenfalls noch geöffnet war; und auf dem Weg dorthin begegnete ich --- einem anderen Pilger. Es handelte sich um einen jüngeren, aber nicht mehr sehr jungen Mann – wohl so zwischen 30 und 40 – mit Bart, Regenkleidung und Rucksack, der wie aus dem Nichts auf mich zukam und mich ansprach: Er sei "auf Pilgerschaft", teilte er mir mit, worauf ich spontan erwiderte: "Ich auch, in gewisser Weise." Und schon waren wir mittendrin im Gespräch. Kurz beschlich mich der unbehagliche Gedanke, mit unserem Aufenthalt in der Schwabacher Pilgerherberge hätten wir diesem jungen Mann praktisch den Schlafplatz weggenommen, aber er machte eigentlich nicht den Eindruck, einen Schlafplatz zu suchen. Er verriet mir, er sei erst seit relativ kurzer Zeit gläubig, und aktuell versuche er, einfach dahin zu gehen, wohin Gott ihn führt: Mal führe Er ihn zur Begegnung mit Menschen – so wie jetzt mit mir –, dann wieder in die Natur. "Und du?", fragte er mich. "Bist du schon immer gläubig?" – "Das ist eine schwierige Frage", erwiderte ich. "Oder nein, die Frage ist nicht schwierig, aber die Antwort ist kompliziert." Auf meine Aussage hin, ich sei "schon in einer ziemlich gläubigen Familie aufgewachsen", erklärte mein Gesprächspartner, darum beneide er mich; er habe das Gefühl, viel verpasst zu haben, weil er erst so spät zum Glauben gekommen sei. – Zum Abschluss unseres Gesprächs wollte ich ihm eine Wundertätige Medaille schenken, die ich "zufällig" gerade in der Hosentasche hatte, aber er entgegnete, er wolle lieber nichts annehmen – er sei im Moment eher darauf aus, Dinge loszuwerden. Ein legitimes Ansinnen, fand ich. 

Die katholische Kirche St. Sebald besteht aus zwei in der Außenansicht deutlich voneinander zu unterscheidenden Gebäudeteilen, von denen der ältere – nachdem in Schwabach 1840 erstmals seit der Reformation wieder eine katholische Pfarrei gegründet worden war – von 1848-50 erbaut wurde und der neuere von 1923-26. Unschwer als katholische Kirche zu erkennen ist sie dadurch, dass man im Zuge der jüngsten Innenraumsanierung (2015/16) partout ein völlig unpassendes und potthässliches modernistisches Element in den Altarraum hineinklotzen musste: 

In diesem Fall einen Volksaltar, der aussieht wie eine Palette Pflastersteine.

Schön sind indes der Josefs- und der Marienaltar. 

Hier als Collage. 

Das war's dann auch so ziemlich mit meinem Sightseeing-Ausflug durch Schwabach. In der Herberge verbrachten wir einen entspannten Abend und schliefen gut; die Kinder sagten sogar, sie fanden es gemütlicher als im Hotel. Am nächsten Morgen zogen wir die Betten ab, fegten einmal durch, brachten Müll raus und verewigten uns im Gästebuch, dann brachen wir auf zur Weiterreise zum Kloster Heiligenbronn. Ich muss sagen, für mich war dieser unverhoffte Zwischenstopp in der Pilgerherberge ein Highlight unseres Herbsturlaubs; und diese spannende Erfahrung hätten wir nicht gemacht, wenn wir nicht zuerst einen Fehler bei der Hotelbuchung gemacht hätten und uns dann auch noch das Geld ausgegangen wäre. Woran man wohl mal wieder sehen kann, "dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient" (Römer 8,28)... 


Samstag, 24. Oktober 2026

Utopie und Alltag 48: Triumph des Chillens

Grüße aus der Reichs- und Kaiserstadt Nürnberg, Leser! Ja, wir sind in den Herbstferien; aber keine Bange, dieses Wochenbriefing wird trotzdem kein reiner Reisebericht werden – es spielen auch allerlei Themen mit hinein, die auch sonst charakteristisch für die Reihe Utopie und Alltag sind. Seht selbst! 

Ob diese Figur weniger bekifft aussähe, wenn sie ihre Nase noch hätte?

Unser Leben sei ein Fest: Erstkommunionvorbereitung in den Schulferien 

Am vergangenen Wochenende hatten wir Besuch im Haus, nämlich von einer Freundin unseres Tochterkindes mitsamt ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder. Diese Freundin war bis zu den Sommerferien auf dieselbe Schule gegangen wie unsere Große und ist auch mit der jüngeren Tochter unserer Hausgenossin gut befreundet; und da unsere Hausgenossin für ein paar Tage verreisen musste, hatte sie die Mutter dieser Freundin eingeladen, sich mit ihren Kindern solange bei ihr einzuquartieren und sich in dieser Zeit um ihre beiden Töchter und die Haustiere zu kümmern. Als wir nun am Sonntagmorgen zur Kirche losgehen wollten, entschied die Freundin, die zu Besuch war, spontan, sie wolle mitkommen – obwohl sie normalerweise nicht sonntags in die Kirche geht. Für mich wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, dass Evangelisierung durch Vorbild und Nachahmung auch schon unter Kindern gut funktionieren kann; ein anderes Beispiel dafür wäre, dass in der letzten Woche vor den Herbstferien diejenige Schulfreundin unserer Großen, die mit uns im Haus wohnt – also die jüngere Tochter unserer Hausgenossin – nach längerer Zeit mal wieder zum JAM mitkam. Aber bleiben wir mal beim vergangenen Sonntag: Der Gemeindereferent war aus dem Urlaub zurück und kümmerte sich darum, dass die anwesenden Erstkommunionkinder sich möglichst weit nach vorn setzten; und zelebriert wurde die Messe – endlich mal wieder – vom "örtlich zuständigen" Pfarrvikar, und der bestand darauf, dass alle anwesenden Erstkommunionkinder zusammen sitzen: "Sonst kann man keine Kinderkatechese machen, wenn es so auseinandergefächert ist." – Auf diese Weise zeigte sich, dass aus dem aktuellen Erstkommunionkurs nur sieben Kinder in der Messe waren – da wirkten sich offenbar die Schulferien aus. Als der Zelebrant jedoch erklärte, es dürften ruhig auch andere Kinder mit nach vorne kommen, setzte sich die Freundin unserer Großen kurzerhand dazu – und beteiligte sich in der Folge auch aktiv, d.h. sie beantwortete im Kinderkatechese-Teil der Predigt ein paar Fragen und kam zum Vaterunser gemeinsam mit den Erstkommunionkindern an den Altar. Hinterher verriet sie mir, sie habe den Gottesdienst "cool" gefunden. 

Das Evangelium vom Tag war Matthäus 22,15-21, die Frage nach der kaiserlichen Steuer; der Pfarrvikar gestaltete die erste Hälfte seiner Predigt zu einem Gespräch mit den Erstkommunionkindern, und ich war ausgesprochen angetan davon, wie er den Bezug zum Sakrament der Eucharistie herstellte, indem er die Kinder eine 1-Euro-Münze mit einer in Größe und Form durchaus ähnlichen Hostie vergleichen ließ. Die eine Münze, so erläuterte er, braucht man, um Dinge zu kaufen; die andere bekommt man und wird dadurch verwandelt. Hiervon ausgehend erschloss er den Kindern eine bis auf die Kirchenväter zurückgehende Auslegungstradition zur Perikope von der Steuermünze: Ebenso wie die Münze, die dem Kaiser gehört, das Antlitz des Kaisers trägt, soll der Christ das Antlitz Christi tragen und diese "Währung" durch sein Leben "in Umlauf bringen". 

Man sieht, der Pfarrvikar scheute sich nicht, den Kindern einen gewissen theologischen Anspruch zuzumuten, und ich fand, er mache das sehr gut. Übrigens war dies seit dem Vorstellungsgottesdienst der Erstkommunionkinder vier Wochen zuvor die erste Sonntagsmesse an diesem Ort, in der die Erstkommunionkinder vom jeweiligen Zelebranten gezielt angesprochen und aktiv einbezogen wurden. "Es wird ein großes Fest am Ende, aber jeden Sonntag feiern wir schon ein Stück von diesem Fest", erklärte der Pfarrvikar den Kindern. Ein bisschen schade ist es natürlich, dass gerade diesmal so viele Erstkommunionkinder nicht da waren; aber was will man machen. 

Bis zum nächsten Erstkommunion-Kurstreffen sind es derweil immer noch drei Wochen, aber die Vorbereitungen laufen; wie neulich schon mal angekündigt, soll es bei diesem Kurstreffen um biblische Grundlagen der Messe gehen, und der aktuelle Planungsstand sieht vor, zu diesem Thema einerseits den Zusammenhang zwischen dem Pessach und dem Letzten Abendmahl (Stichwort: Christus als das wahre Opferlamm) herauszuarbeiten und andererseits aufzuzeigen, wie viele Formulierungen in den liturgischen Texten der Messe geradewegs aus der Bibel entnommen sind (und was da jeweils der biblische Kontext ist). Die Frage der methodischen Ausgestaltung wird indes noch Arbeit erfordern. – Gleichzeitig muss ich gestehen, dass sich in der ersten Ferienhälfte noch keine gute Gelegenheit ergeben hat, die Erstkommunionvorbereitung mit dem eigenen Kind zu vertiefen. Aber vielleicht bietet die zweite Ferienhälfte dafür bessere Voraussetzungen, immerhin sind wir da in einem Kloster... (Genaueres dazu später.) 


Wessen Bild trägt diese Münze? Predigtnotizen zum 29. Sonntag im Jahreskreis 

Zum Evangelium vom Sonntag gibt es allerdings auch über das hinaus, was der Siemensstädter Pfarrvikar im Gespräch mit den Erstkommunionkindern dazu gesagt hat, noch Verschiedenes anzumerken. Man kann der geradezu sprichwörtlich gewordenen Antwort Jesu auf die Frage nach der kaiserlichen Steuer – "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" – ja durchaus unterschiedliche Aspekte abgewinnen; der Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd zum Beispiel nahm dieses Evangelium zum Anlass, in seiner Predigt in der Vorabendmesse in St. Joseph Tegel über die Kirchensteuer zu sprechen. Ich war nicht dabei, aber er hat das in seiner Ansprache bei der anschließenden Gemeindeversammlung erwähnt. Sieht ihm ähnlich, finde ich; und man kann sich auch ganz gut vorstellen, was er dazu zu sagen gehabt hat. – In der Reihe "Langweilig predigen für Anfänger" (bzw. "Impuls von Nils") auf dem Instagram-Auftritt der Pfarrei St. Klara ging es derweil um die Frage, ob "Kirche bzw. Religion und Staat zwei völlig voneinander getrennte Bereiche seien": 

"Viel wird also darüber geredet, ob Kirche politisch sein soll, ja sogar, ob sie politisch sein darf. Einige wünschen sich eine unpolitische Kirche, die stumm bleibt. Ich sage: Kirche muss politisch sein. Sie kann gar nicht anders –" 

– was in Wirklichkeit natürlich bedeutet: Ich, Mag. theol. Nils T., kann gar nicht anders, weil ich buchstäblich nicht weiß, worüber ich sonst reden sollte. Gähn. 

Währenddessen fand in Bad Gögging bei Regensburg die 10. GiG-Konferenz statt, zum Thema "St. Franziskus und die Charismen"; am Rande dieser Konferenz nahm Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung einen Impuls zum Sonntagsevangelium auf, den man sich auf YouTube anschauen kann und der die Überschrift "Das bisschen Geld" trägt. Ein Aspekt, der bei Pater Paulus deutlicher zum Ausdruck kam als bei den anderen hier angeführten Auslegern, war der, dass es bei der Frage nach der kaiserlichen Steuer letztlich um die Frage nach der Kollaboration mit einem als feindlich wahrgenommenen Staat geht: Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Jesus diese Frage stellen, wollen Ihm damit eine Falle stellen, sie hoffen, Ihm einen Aufruf zur Steuerverweigerung entlocken zu können. Pater Paulus argumentiert nun, die Antwort Jesu zeige, dass der Staat durchaus verlangen darf, dass man ihm "ein bisschen Geld" abgibt – "auch wenn's weh tut" –, "aber nicht die Seele. Nicht unsere Werte, nicht unseren Glauben. Und das ist sehr wichtig, diesen Unterschied zu machen: dass wir eben an unseren Werten, an unserem Glauben festhalten, obwohl der Staat vielleicht andere Wege geht." Dass Christen eine kritische Distanz zum Staat und den von ihm propagierten Wertvorstellungen halten sollten, zeige nicht nur die Geschichte – etwa die des Nationalsozialismus oder auch der DDR –, sondern das gelte genauso auch heutzutage. Letzteres würde Mancher bestimmt als übertrieben und alarmistisch bezeichnen, aber deutlich wird doch zumindest – so würde ich jedenfalls behaupten –, dass es arg weit hergeholt ist, aus diesem Evangelium ein Plädoyer für ein herzliches Einvernehmen zwischen Kirche und Staat ableiten zu wollen. 

Am überzeugendsten fand ich dann aber doch die Predigt des Siemensstädter Pfarrvikars, einschließlich der zweiten Hälfte, die sich an die Erwachsenen richtete. Darin setzte er – wiederum einer altkirchlichen Auslegungstradition folgend – die Frage Jesu, wessen Abbild die Steuermünze trage, zu der Aussage des Schöpfungsberichts in Beziehung, Gott habe den Menschen als Sein Abbild geschaffen – was nicht bedeutet, dass der Mensch aussieht wie Gott, sondern dass "Gott in uns wohnt". Und dieses Wohnen Gottes in uns verwirkliche sich in seiner ganzen Fülle in der Eucharistie: "Eucharistie bedeutet jeden Sonntag Neuanfang mit dem Herrn. Jeden Sonntag prägt Gott Sein Bild durch das Wort in unsere Seele ein und durch das Sakrament ist Er dreidimensional in uns da. Er möchte in uns wohnen." 

Übrigens enthielt diese Predigt auch zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Glaube und Politik einen Fingerzeig, nämlich mit Bezug auf die 1. Lesung (Jesaja 45,1.4-6): "Gott bewegt die ganze Weltgeschichte mit dem Perserkönig Kyros, um Israel zu befreien und ihm wieder ein Zuhause zu geben." Dass Kyros, der, wie Jesaja betont, Gott nicht kennt, dennoch von Ihm zum Vollstrecker Seines Heilsplans für das Volk Israel bestimmt wird, zeige, dass auf der "Ebene der Weltgeschichte" zwar Politik und Machtinteressen regieren, dass aber im Hintergrund doch Gott Seinen eigenen Plan verfolgt, um Gutes für die Seinen zu wirken. 

Zur namentlichen Erwähnung des Perserkönigs Kyros im Buch Jesaja muss ich aber auch noch etwas anmerken, und zwar etwas, das den Exegese-Anteil meines Studiums betrifft. Schon während meiner Einführungswoche in Paderborn hatte ein Dozent – noch dazu einer, in dessen Fachgebiet das gar nicht fällt – in der Absicht, zu verdeutlichen, wie wissenschaftliches Arbeiten in der Theologie funktioniere, kundgetan, man möge ja nicht glauben, das Buch Jesaja sei zur Gänze tatsächlich vom Propheten Jesaja verfasst. Der betreffende Dozent war mir ansonsten durchaus sympathisch, aber dass er die Einteilung des Buches Jesaja in mindestens drei unter ganz unterschiedlichen historischen Bedingungen entstandene Teile nicht nur als herrschende Meinung der exegetischen Forschung, sondern geradezu als feststehende Tatsache präsentierte, fand ich dann doch ärgerlich genug, um auf dem Heimweg Google nach Argumenten für die Auffassung zu befragen, das Buch Jesaja sei sehr wohl zur Gänze vom Propheten Jesaja verfasst. Spoiler: Es gibt sehr wohl Argumente dafür, und sie erscheinen mir durchaus diskussionswürdig. – Nun ist allerdings gerade die zweimalige namentliche Erwähnung des Perserkönigs Kyros im Buch Jesaja aus Sicht der historisch-kritischen Exegese geradezu "Beweisstück A" für die These, die betreffenden Teile des Buches könnten nicht von dem Propheten Jesaja verfasst sein, der rund zwei Jahrhunderte früher als Kyros gelebt habe. Der besonders von evangelikaler Seite vorgebrachte Einwand gegen diese Argumentation lautet, damit gäben die historisch-kritischen Exegeten ja geradewegs zu, dass sie nicht daran glauben, dass Gott Seinen Propheten zukünftige Ereignisse offenbaren könne. – Was mich betrifft, so muss ich gestehen, dass mir die Vorstellung, Gott habe Jesaja zwei Jahrhunderte im Voraus den Namen des Königs offenbart, der das Volk Israel aus der Babylonischen Gefangenschaft befreien werde, vom Bauchgefühl her durchaus gewisse Schwierigkeiten bereitet. Aber wäre es nicht denkbar, dass es sich zwar um eine echte Prophezeiung handelt, der Name Kyros aber nachträglich eingefügt wurde, um ex eventu auf die Erfüllung der Prophezeiung hinzuweisen? Ich habe sowohl Google als auch den neulich schon mal erwähnten, von einem Mitbegründer der The Rock-Gemeinde programmierten Bibel-Chatbot danach befragt, und ja, diese These wird von "moderat konservativen" Theologen durchaus vertreten. Ist natürlich eine Minderheitenmeinung, aber immerhin. 


Urlaub im Zeichen der Burg 

Am Dienstag nach dem Frühstück brachen wir ohne Hast zum Bahnhof Gesundbrunnen auf, von wo aus wir in einem Rutsch, ohne Umsteigen und in nur drei Stunden nach Nürnberg fuhren. Ich glaube, eine so unkomplizierte Fahrt in den Urlaub hatten wir überhaupt noch nie. Vom Bahnhof bis zu unserem Hotel hatten wir es dann auch nicht mehr weit, zudem lag (bzw. liegt) das Hotel praktisch am Rande der Altstadt – in der Marienvorstadt, um genau zu sein; wenn das mal kein Zeichen ist! 

Und die Heiligen Drei Könige waren auch schon mal da. Muss also wohl gut sein.

Wie sich zeigte, fiel unser Aufenthalt just mit den "Nürnberger Fischtagen" zusammen, einer Art Jahrmarkt, der allerdings abgesehen von einem Karussell und einem Bungee-Trampolin fast ausschließlich Fressbuden zu bieten hatte. Da gingen wir direkt am Dienstagabend hin, ich war allerdings weder von dem Speisenangebot besonders angetan noch von dem ältlichen Alleinunterhalter, der zu Keyboardbegleitung und Drum Machine Schlager und Oldies darbot. – Am Mittwoch war trübes und regnerisches Wetter, was wir zum Anlass nahmen, nach dem Frühstück erst einmal ins Museum der Deutschen Bahn zu gehen. Wir Eltern hatten eigentlich gedacht, dass insbesondere unser Jüngster es dort sehr interessant finden würde, aber tatsächlich verlor er schon nach rund einer Stunde das Interesse und war insgesamt in ziemlich motziger Stimmung, sodass ich mich schließlich bereit erklärte, mit ihm zum Hotel zurückzugehen (allerdings mit einem Abstecher durch die Altstadt), während die Damen der Familie noch im Museum blieben. Am Nachmittag machte ich mir dann mal einen "Spa-Tag" im Hotel – und hatte das Schwimmbad und die Sauna tatsächlich gut zwei Stunden lang für mich allein. So viel Glück hatte ich am nächsten Tag, als ich gleich früh morgens ins Schwimmbad wollte (die Sauna war ohnehin erst ab dem frühen Nachmittag geöffnet), leider nicht, und auch an den folgenden Tagen nicht mehr.

An historischem Sightseeing in der alten Reichsstadt hatten die Kinder, vielleicht verständlicherweise, tendenziell weniger Interesse als ich; daher schaute ich mir einige Sehenswürdigkeiten der Stadt allein an, so zum Beispiel die gotische Basilika St. Lorenz – die wahrscheinlich schönste Kirche der Stadt: Sie ist zwar, wie die meisten historischen Kirchengebäude Nürnbergs, seit 1525 eine evangelische Kirche, aber man sieht es ihr nicht an, was sehr wesentlich der Tatsache zu verdanken ist, dass die Nürnberger Patrizier der Reformationszeit sich der Zerstörung der von ihren Vorfahren gestifteten Kunstwerke widersetzten. 







Die andere der beiden evangelischen Hauptkirchen Nürnbergs, St. Sebald in der nördlichen Altstadt – ebenfalls eine gotische Basilika – verlangte für die Besichtigung fünf Euro Eintritt, kostenlos betreten durfte man sie ausdrücklich nur zum Gebet; ich honorierte diese Regel, indem ich in der Kirche betete, aber keine Fotos von der Innenausstattung machte. Die Kirche ist aber auch von außen sehr sehenswert: 





Derweil ließen sich die Kinder am Freitag (also gestern) immerhin zu einem Ausflug zur Burg überreden. Ich war zwar gesundheitlich etwas angeschlagen, es war kühl und der Aufstieg zum Burgberg durchaus anstrengend, aber Urlaub in Nürnberg zu machen und nicht die Burg zu besuchen, geht ja nun wohl gar nicht. 


Glücklicherweise fanden die Kinder es auf der Burg toll – nachdem der Jüngste, unmittelbar bevor wir los wollten, wieder einen seiner berüchtigten Bockigkeitsanfälle hatte und meinte, er hätte keine Lust. Da stand natürlich die Gefahr im Raum, dass er sich, ähnlich wie beim Eisenbahnmuseum, aus purer Übellaunigkeit ein potentiell tolles Erlebnis verderben könnte. Aber als wir dann erst mal da waren, war von "keine Lust" nichts mehr zu merken – besonders als wir im Burgmuseum zu den Ritterrüstungen und Waffen kamen: Da wollte der Knabe buchstäblich von jedem Helm und jedem Schwert wissen, wie die heißen. 

Es gab sogar einen Helm für ein Pferd.

Schön war auch die Kaiserkapelle – bei deren Betreten unser Jüngster den brillanten Kommentar abgab: "Hier haben die immer gebetet." 

Den Sinwellturm, ein Wahrzeichen der Stadt, bestiegen das Tochterkind und ich allein. 113 Stufen, aber für den Ausblick von dort oben über die Stadt lohnte sich die Mühe. 

Heute fuhren Frau und Kinder in den Zoo, aber da kam ich nicht mit, sondern zog es vor, mir einen weiteren Sightseeing- und Spa-Tag zu machen und natürlich dieses Wochenbriefing fertigzustellen – was mir knapp genug bis zur üblichen Veröffentlichungszeit gelungen ist. Festzuhalten ist jedenfalls, dass dies, so Gott will, nicht unser letzter Besuch in Nürnberg gewesen sein soll; es ist eine tolle Stadt, und es gibt hier zweifellos noch viel zu entdecken, wofür wir diesmal nicht genug Zeit und/oder Geld hatten... 


Powergirl, schon halb erwachsen 

Am Donnerstag, also vorgestern, hatte mein Tochterkind Geburtstag. Neun Jahre alt ist sie geworden, was bedeutet, dass sie – so unglaublich mir das auch scheint – die Hälfte der Zeit bis zur Volljährigkeit schon hinter sich hat. Schon seit einiger Zeit hatte ich mich – im Sinne der Maxime "Kümmere dich um die Sexualerziehung deines Kindes, ehe es die Falschen tun" – mit dem Gedanken getragen, der 9. Geburtstag könnte ein geeigneter Anlass sein, dem Tochterkind einen christlichen Pubertätsratgeber für Mädchen zu schenken; und ich erinnerte mich, dass in dem Buch "Empower – Mit Glaube und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung", das ich letztes Jahr zum Abschluss des Elternglaubenskurses in der Gemeinde auf dem Weg geschenkt bekommen hatte, mindestens ein solches Buch in den Literaturhinweisen genannt worden war. Das "Empower"-Buch hatte ich allerdings im Zuge des Umzugs verkramt, und der Versuch, ohne die Hilfe von Pastor Teichens Literaturtipps ein geeignetes Buch für meine Tochter zu finden, war eher so mittel-erfolgreich: "Das christliche Pubertätsbuch für Mädchen von 8-12 Jahren" von Eliana Monica wirkte schon rein vom Coverdesign her ein bisschen zu bieder auf mich, wohingegen "Der coole Vorpubertäts-Reiseführer für Mädchen von 9-12 Jahren" von Maria Wünsche zwar im Großen und Ganzen recht vielversprechend aussah, aber aus dem, was ich über dieses Buch in Erfahrung bringen konnte, war nicht recht ersichtlich, ob es nicht eher zufällig oder irrtümlich in die Ergebnisse zur Suchabfrage "christliche Pubertätsratgeber für Mädchen" hineingeraten war. Schließlich, kurz vor der Abreise nach Nürnberg, fand ich Teichens "Empower" doch wieder, fand darin den Hinweis auf das Buch "Wir Powergirls – Das schlaue Mädchenbuch" von Regula Lehmann und Pascal Gläser und sagte mir daraufhin, es dürfte ja wohl möglich sein, in Nürnberg eine Buchhandlung ausfindig zu machen, die dieses Buch im Sortiment hat oder zumindest innerhalb weniger Tage bestellen kann. 

Bei meinem ersten Altstadtbummel am Dienstagnachmittag – während Frau und Kinder das hoteleigene Schwimmbad testeten – hätte ich dann aber fast nicht mehr daran gedacht; wie es sich fügte, kam ich jedoch an der Buchhandlung der Paulusschwestern am Jakobsplatz vorbei, die mir vor allem deshalb ins Auge fiel, weil da ein ungefähr lebensgroßer Pappaufsteller von Papst Leo vor der Tür stand. 

Da ging ich natürlich hinein – und stellte fest, dass der Laden tatsächlich ziemlich gut sortiert war, gerade auch im Kinder- und Jugendbuchbereich. Dass das Buch, das ich suchte, einfach so im Regal stehen würde, erwartete ich dennoch nicht und war auch nicht der Fall, aber insgesamt machte der Laden einen hinreichend positiven Eindruck auf mich, um das Buch dort zu bestellen, statt zu einem evangelikalen Buchladen zu gehen (den es in der Nürnberger Altstadt durchaus auch gibt). Und tatsächlich war es schon am nächsten Tag da. Bei Gelegenheit des Kaufes durfte ich mir zudem einen Bibelvers aus einem Körbchen ziehen: 

"Erbarmen, Friede und Liebe seien mit euch in Fülle!" (Judas V. 2). – Rechts im Bild ein Weihebildchen des Bamberger Erzbischofs Herwig Gössl. 

Was nun das Buch selbst angeht, heißt es in der Verlagswerbung, es biete "[g]anzheitliche Aufklärung" in "fröhlichem Ernst", ohne "Gender-Gaga" oder "Barbie-Kult" – "[d]amit aus tollen Mädchen echt starke und beziehungsfähige Frauen werden!". Das Inhaltsverzeichnis verheißt thematische Abschnitte wie "Best Friends: Echt gute Beziehungen aufbauen", "Lästern, Meckern, Mobbing und mehr", "Schmetterlinge, Herzschmerz und Co." und "Verliebtheit, Liebe und Sexualität", aber auch "Total wertvoll– pass auf dich auf!" und "Bester Papa: Mit Gott auf Du!". Gleich im Einleitungskapitel, unter der Überschrift "Schön, dass es Dich gibt", liest man: 

"Dein Leben ist ein Geschenk – für dich und für andere. Alles beginnt damit, dass du das kapierst. Es ist kein Zufall, dass du da bist, sondern Teil eines Plans, den der große Schöpfergott schmiedet. Noch bevor deine Eltern wussten, dass es dich gibt, hat er sich über dich gefreut. Er hat dich liebevoll ausgedacht. Wundervoll geschaffen. Als etwas ganz Besonderes. Gut gemacht und perfekt ausgestattet mit allem, was du im Leben brauchen wirst. 

Versuche deshalb niemals, andere zu kopieren. Vergleiche dich nicht mit anderen Mädchen und probiere nicht, etwas zu sein, das gar nicht zu dir passt. Das hast Du nicht nötig! Es gibt einen Platz, den nur Du ausfüllen kannst. Die Welt braucht DICH, und zwar genau so, wie du bist!" 

Darüber, wie das Buch bei meiner Tochter ankommt, lässt sich noch nicht viel sagen, da sie vor lauter Action im Urlaub noch nicht die Muße gefunden hat, sich näher damit zu befassen (ihr Geburtstag war ja auch erst vorgestern). Ich hingegen habe schon ein bisschen in dem Buch kreuz- und quergelesen, und auf mich macht es einen sehr guten Eindruck; eine ausführliche Rezension folgt zu gegebener Zeit, vielleicht sogar auf der Familienseite der Tagespost. Wir werden sehen! 

Dass unsere Neunjährige trotz nahender Vorpubertät immer noch ein richtiges Kind ist, dokumentierte sie u.a. dadurch, dass sie an ihrem Geburtstag in den Playmobil Fun Park wollte – was durchaus auch im Interesse des kleinen Bruders lag; hingewollt hätten wir also in jedem Fall, und dafür den Geburtstag unserer Großen zu wählen, hatte den zusätzlichen Vorteil, dass Geburtstagskinder (bis 16 Jahre) dort freien Eintritt haben. 



Der Playmobil Fun Park hat von 9 bis 18 Uhr geöffnet, und wir nutzten diese Zeit tatsächlich komplett aus – und trotzdem stellten die Kinder hinterher fest, dass sie längst noch nicht alles gesehen hatten und dass wir folglich irgendwann nochmal hierherkommen müssen. Da ist es natürlich eine interessante Frage, ob unsere Große sich noch dafür interessieren wird, wenn sie zehn ist... 


Jakobspilger ist man fürs ganze Leben 

Auch etwas, was ich auf meinen Altstadtspaziergängen herausfand, war, dass Nürnberg am seit den 1990er Jahren wiederbelebten, zuvor weitgehend in Vergessenheit geratenen Fränkischen Jakobsweg liegt. Ob die Tatsache, dass es in Nürnberg eine Kirche St. Jakob gibt, in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Jakobspilger-Tradition steht, habe ich nicht verlässlich herausfinden können – die Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde in der Reformationszeit evangelisch, obwohl das Gebäude selbst noch bis zur Säkularisierung (mit einer Unterbrechung im 30jährigen Krieg) im Besitz des katholischen Deutschen Ordens verblieb –, aber jedenfalls beherbergt diese Kirche ein Pilgerzentrum, "das erste und einzige seiner Art in ganz Bayern!", wie die Website stolz betont. 



An diesem Wochenende fand in und um die Jakobskirche ein "Pilgerforum" statt, dessen Veranstaltungen skurrilerweise sogar im Programm der weiter oben schon erwähnten "Nürnberger Fischtage" aufgeführt wurden. Dass wir dem Pilgerbüro gestern einen Besuch abstatteten, hatte allerdings einen anderen Grund. Wie bereits angedeutet, sollte Nürnberg ja nur die erste Etappe unseres Herbsturlaubs sein, von hier aus wollten (und wollen) wir weiterreisen in ein Kloster im Schwarzwald, zu Familieneinkehrtagen. Für unseren Hotelaufenthalt in Nürnberg hatte meine Liebste auf einer einschlägigen Hotelsuche-Website ein besonders günstiges Angebot für fünf Übernachtungen gefunden, dabei aber nicht bedacht, dass wir eigentlich sechs Übernachtungen benötigten. Noch eine weitere Nacht im selben Hotel hätten wir so günstig nicht bekommen, also hatten wir die Frage, wo wir von Sonntag auf Montag übernachten sollten, erst einmal offen gelassen; irgendwie würde sich da schon eine Lösung finden, sagten wir uns. Dann kam jedoch als weiteres Problem hinzu, dass unser Budget für den Urlaub schneller als erwartet zur Neige ging; der Umzug – den wir noch nicht geplant oder vorausgesehen hatten, als wir diesen Urlaub buchten – hat halt einiges an Ressourcen verschlungen. Kurz gesagt, ein Familien-Hotelzimmer für eine weitere Nacht konnten wir uns eigentlich gar nicht leisten. Da brachte uns der Umstand, dass es in Nürnberg ein Pilgerzentrum gibt, auf den Gedanken, als gestandene Jakobsweg-Veteranen könnten wir vielleicht dort Hilfe bekommen. 


Ob der Playmobil-Jakobspilger wohl eine Spezialanfertigung ist? 

Der ältere Herr hinter dem Tresen war sehr freundlich und schenkte unseren Kindern Mini-Jakobsmuscheln; nachdem wir ihm unser Problem geschildert hatten, erklärte er, er wolle erst mal schauen, ob der Pfarrer im Haus sei, der könne uns vielleicht weiterhelfen. Da der Pfarrer jedoch nicht da war, rief der Pilgerzentrum-Mitarbeiter ihn an; und der Pfarrer hatte dann auch tatsächlich eine Idee für eine Lösung: Die Pilgerherberge in Schwabach könnte eventuell Platz für uns haben, und wir könnten uns dort auf seine Fürsprache berufen. Der freundliche Herr vom Pilgerzentrum rief daraufhin auch noch für uns bei der Herberge in Schwabach an, und schließlich erhielten wir die Zusage, dass wir von Sonntag auf Montag dort übernachten können. Ich würde sagen, das ist einmal mehr ein schönes Beispiel dafür, dass Gott die Seinen nicht im Stich lässt – gleichzeitig aber natürlich auch ein Anlass, allen Beteiligten ein herzliches "Vergelt's Gott!" für ihre Hilfsbereitschaft zu sagen!

Geistlicher Impuls der Woche

"Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!" (Mt 16, 24) Hart und schwer scheint, was der Herr befiehlt: Wer Ihm folgen will, soll sich selbst verleugnen. Aber es ist nicht schwer und hart, was Er befiehlt; denn Er selbst hilft uns, dass wir es vollbringen. Wahr bleibt das Wort des Herrn: "Mein Joch ist mild, und meine Bürde ist leicht" (Mt 11, 30). Was am Gebot schwer ist, das macht die Liebe leicht. – Was heißt: "Er nehme sein Kreuz auf sich"? Er trage, was Last ist, und so folge er mir. Wenn er anfängt, meinem Leben und meinen Geboten nachzuleben, werden ihm viele widersprechen, werden ihn viele hindern und viele ihm davon abraten, und das von seiten der Begleiter Christi. Die den Blinden am Schreien hindern, waren Begleiter Christi (vgl. Lk 18, 39). Wenn du folgen willst, dann sieh in den Drohungen, Schmeicheleien oder anderen Dingen Hindernisse für das Kreuz; nimm es auf dich, trag es und unterliege nicht! – In der Kirche, die Christus ganz nachfolgt, sagt Christus ganz allgemein: "Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst!" Das bedeutet nicht: Die Jungfrauen sollen es hören, die Verheirateten nicht, die Witwen sollen es hören, die in der Ehe nicht, die Mönche sollen es hören, die Ehemänner nicht, die Kleriker sollen es hören, die Laien nicht. Vielmehr die ganze Kirche, der gesamte Leib, alle Glieder, je nach ihren Aufgaben, sie alle sollen Christus nachfolgen.
(Augustinus, Sermo 96)


Ohrwurm der Woche

Bananarama: Robert de Niro's Waiting 

Am Mittwochabend waren wir in einer Pizzeria in der Nähe unseres Hotels; die Pizza war gut und günstig, aber im Hintergrund lief – vielleicht als Ausgleich dafür, dass die Betreiber offensichtlich keine Italiener, sondern wohl eher Türken oder Araber waren – die klischeehafteste italienische Schlagermucke lief, die man sich vorstellen kann. Ich musste da direkt an meinen alten Freund Robert denken, der zu sagen pflegte: "Italienische Popmusik? Kann ich mir nicht anhören. Da denke ich immer, ich müsste gleich 'ne Pizza bestellen." Er meinte damit allerdings eher seinerzeit aktuelle Interpreten wie Eros Ramazzotti, Zucchero oder Nek, und die liefen hier nicht – die wären für diese Pizzeria wohl schon zu rockig gewesen. Stattdessen: "Azzurro" von Adriano Celentano, "L'Italiano" von Toto Cotugno, "Ti amo" von Umberto Tozzi, "Felicità" und "Sharazan" von Al Bano & Romina Power... kurz gesagt, wenn man bei Google "Italienische Schlager, die typischerweise in deutschen Pizzerien laufen" in die Suchleiste eingibt, bekommt man so ziemlich die ganze Playlist. Das Problem bei diesen Songs ist nun, dass viele von ihnen tatsächlich unbestreitbare Ohrwurmqualitäten haben. Dagegen hilft in der Regel nur, sich vorsätzlich einen anderen Ohrwurm zuzufügen – und mir fiel zu diesem Zweck auf assoziativem Wege "Robert de Niro's Waiting" von Bananarama ein (wegen "Talking Italian").

Praktisch jedesmal, wenn ich dieses Lied längere Zeit nicht gehört habe und es dann mal wieder höre, wundere ich mich darüber, wie billig produziert es klingt. Aber ich glaube, das ist Absicht – das gehörte zum Image von Bananarama. Ein bisschen wie bei den Lassie Singers vielleicht, wenn auch in einem ganz anderen Musikstil. Was man mal wieder zum Anlass nehmen könnte, darüber zu philosophieren, was für ein vielgestaltiges Phänomen Post-Punk ist (oder war).

Jedenfalls ist es ein würdiger Ohrwurm der Woche. Ich habe mir die Nummer heute über Kopfhörer angehört, während ich durch die Fußgängerzone in der Nürnberger Altstadt spazierte, und dieser Soundtrack verlieh dem Gewimmel der Menschen um mich herum eine gewisse surreale Qualität. Besonders als ich an einer Kundgebung von Hare-Krishna-Jüngern vorbeikam. Gestern erst hatte ich an fast derselben Stelle, zusammen mit meiner Familie, eine estnische Metal-Band getroffen, die ihre CDs zu verkaufen versuchte – und später festgestellt, dass es im Internet heiße Diskussionen über diese Band und ihr Vertriebskonzept gibt, einschließlich sonderbarer Mutmaßungen, dass das gar keine richtige Band sei und dass da irgendeine Betrugsmasche dahinterstecken müsse. Aber das ist eine andere Geschichte und soll (vielleicht) ein Andermal erzählt werden...

Vorschau/Ausblick

Bis einschließlich morgen sind wir noch in Nürnberg, woraus es sich unter anderem ergibt, dass wir mal gucken müssen, wo wir am morgigen 30. Sonntag im Jahreskreis in die Messe gehen werden (und wie das dann wird); in die Citykirche St. Klara gehen wir jedenfalls nicht, der sieht man praktisch auf den ersten Blick (ins Innere) an, dass sie sich in Feindeshand befindet. Am liebsten würde ich ja in die Frauenkirche gehen, allerdings fängt die Messe da schon um 9:45 Uhr an; als Alternativen mit späteren Uhrzeiten kämen Herz Jesu oder St. Elisabeth in Frage – schauen wir mal. Ein Extra-Abenteuer dürfte es werden, uns den Messbesuch im Stempelheft für den Erstkommunionkurs des Tochterkindes beglaubigen zu lassen. Sodann bin ich ziemlich gespannt auf die Pilgerherberge in Schwabach; und spannend geht es dann auch weiter, denn am Montag – dem Gedenktag der Apostel Simon und Judas, einem markanten Datum in der Geschichte unseres Familienapostolats – beginnen dann unsere Familienexerzitien in einem Kloster im Schwarzwald. Ich habe ehrlich gesagt keine besonders präzise Vorstellung davon, was uns da erwartet, aber ich bin optimistisch, dass es eine bereichernde Erfahrung werden wird. Am Freitagabend wollen wir wieder zurück in Berlin sein; aber gleich am Samstag geht's für mich schon in aller Früh' los auf den nächsten Trip, diesmal nach Braunlage am Harz, wo ich auf einer russisch-orthodoxen Jugendkonferenz einen Vortrag halten will und soll. Das wird aber auf alle Fälle ein Thema für das übernächste Wochenbriefing...