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Mittwoch, 28. Oktober 2026

Ein Abstecher auf dem Fränkischen Jakobsweg

Wie im vorigen Wochenbriefing schon angekündigt, mussten wir am vergangenen Sonntag infolge unvorhergesehener Umstände zwischen unserem Hotelaufenthalt in Nürnberg und den Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn im Schwarzwald einen Übernachtungs-Zwischenstopp in der Pilgerherberge in Schwabach einlegen. Wir brachen dorthin auf, nachdem wir aus dem Hotel ausgecheckt hatten, in der Sonntagsmesse gewesen waren und beim Restaurant zu den Goldenen Bögen (wo wir noch Bonuspunkte aus der App einzulösen hatten) zu Mittag gegessen hatten. 

Kuschelhund Hubert sitzt hier nicht, wie man denken könnte, auf einer Spenden-, sondern auf einer Kaffeedose. 

Leider war es ein total verregneter Tag, andernfalls hätte zumindest ich durchaus Lust gehabt, die 15 Kilometer vom Nürnberger Jakobsplatz zur Pilgerherberge in Schwabach tatsächlich zu Fuß zurückzulegen. Was außer dem Wetter auch noch dagegen sprach, war indes der Umstand, dass wir unser Gepäck diesmal – eigentlich untypisch für uns – in Rollkoffern statt in Rucksäcken transportierten. So fuhren wir also vom Nürnberger Hauptbahnhof eine Station mit der Regionalbahn, und am Bahnhof in Schwabach wurden wir von einem ehrenamtlichen "Hospitalero" (so heißt das jedenfalls in Spanien) der Pilgerherberge in Empfang genommen. Manni. Ein Pfundstyp, wie man hier in der Gegend wohl sagt. Kurzer grauer Bart, schmaler Pferdeschwanz, Kreuzanhänger an einer dünnen Lederschnur um den Hals, breites Lächeln. Ich fühlte mich gleich in guten Händen. Manni zeigte uns die Pilgerherberge – die ich mir erheblich anders vorgestellt hatte, aber dazu gleich mehr –, erklärte uns, wie wir sie am nächsten Tag hinterlassen sollten, und dann fragte er mich unvermittelt: "Sag mal, trinkst du Bier? So grundsätzlich?" Ich bejahte, und Manni erklärte: "Ich brau' nämlich selber Bier, und da schenk" ich unseren Gästen immer eine Flasche, sofern sie mögen." Wir mochten, und so kamen wir in den Besitz einer 1-Liter-Bügelflasche Rotbier der Marke "Mannis Garagenbräu". Sehr lecker! 

Was die Herberge betrifft, hätte ich erwartet, dass es da einen Gemeinschaftsschlafsaal mit mindestens zehn Doppelstockbetten gäbe; tatsächlich gab es lediglich ein kleines Zimmer mit genau einem Doppelstockbett, dazu zwei Klappbetten, die man im Flur aufbauen konnte. Außerdem: Dusche und Toilette, Waschmaschine und Trockner, Küche, Aufenthaltsraum. Alles sehr schlicht, dafür aber besser mit Basics wie Kaffee und Tee, Zucker und Salz, Kaffeefiltern, Seife und Klopapier ausgestattet als so manche Ferienwohnung. Ein Plakat im Eingangsbereich informierte darüber, dass pro Jahr ungefähr 80 Pilger hier übernachten. 





Dieses Foto vom Pilgerdenkmal auf dem Alto del Perdón bei Pamplona war sogar auf die Bettwäsche aufgedruckt. 

Der Website kann man entnehmen, dass die Pilgerherberge in Schwabach eine Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Schwabach-St. Martin ist, aber in ökumenischer Zusammenarbeit mit dem Römisch-Katholischen Dekanat Schwabach betrieben wird; weitere Kooperationspartner sind die Gewobau der Stadt Schwabach GmbH und das Quartiersbüro Soziale Stadt für die Altstadt in Schwabach. Bei manchem Leser mag das die Frage aufkommen lassen, ob meine Dankbarkeit dafür, dass ich mit meiner Familie in dieser Einrichtung Unterkunft für eine Nacht gefunden habe, mich nicht etwas gnädiger gegenüber dem institutionellen Apparat der Großkirchen und seiner Verflechtung mit weltlichen Institutionen stimmen müsste. Meine Antwort lautet: Nicht unbedingt. Vielleicht wäre es so, wenn die Großkirchen ihre Mittel tendenziell mehr für solche Graswurzelprojekte einsetzten und weniger für "Citypastoral" oder Mitarbeiterschulungen in Sachen Gender- und Diversity-Sensibilität. Nicht umsonst zieht sich durch das Gästebuch der Schwabacher Herberge wie ein Roter Faden das freudige Staunen der Jakobspilger, "endlich mal eine richtige Pilgerherberge" gefunden zu haben: Solche von Ehrenamtlichen betreuten, spendenbasierten Herbergen in Trägerschaft der örtlichen Kirchengemeinden sind in Deutschland nämlich extrem selten. In Spanien, wo die Kirche viel ärmer ist, dafür aber auch keinen so aufgeblähten bürokratischen Apparat mit sich herumschleppt, findet man dergleichen viel häufiger. 

Nun aber zurück zum vergangenen Sonntag: Nachdem wir uns in der Herberge einigermaßen eingerichtet hatten, wollte ich mir – trotz nach wie vor ungemütlichem Wetter – ein wenig die Altstadt von Schwabach ansehen; Frau und Kinder wollten aber lieber in der Herberge bleiben, also ging ich alleine los. In unmittelbarer Nähe unserer Herberge stieß ich erst einmal auf die evangelische Spitalkirche; als ich sie betrat, bauten einige junge Leute gerade eine Musikanlage im Altarraum auf. 

Wie ich einem Aushang im Schaukasten der Kirche entnahm, sollte dort an diesem Abend ein sogenannter "TAU-Gottesdienst" stattfinden – und "Tau-Gottesdienst heißt ein Abend mit Musik, Gemeinschaft, Band, Gebet, Anbetung, Erfahrung, Freundschaft, Licht, Begegnung, Vielfalt", so habe ich's, allerdings erst im Nachhinein, im Internet gelesen. – Ich spazierte erst mal weiter zum ausgesprochen malerischen Marktplatz und zur evangelischen Stadtpfarrkirche St. Johannes und Martin. 

In der Kirche findet derzeit (noch bis zum 12. November) eine Ausstellung zum Thema "Häusliche Gewalt" statt, komplett mit Triggerwarnung; ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit jedoch lieber auf die diversen prachtvollen Altarretabeln in der Kirche: 





Dass eine doch eher kleine Stadt wie Schwabach eine derart prachtvoll ausgestattete Kirche besitzt, erklärt sich wohl nicht zuletzt daraus, dass diese Stadt von alters her ein Zentrum der Blattgoldherstellung ist ("Goldschlägerstadt"). Besonders eindrucksvoll ist der 1508 fertiggestellte Hochaltar aus der Werkstatt von Michael Wolgemut, dem Lehrer Albrecht Dürers: 


Auch interessant: Ein Prozessionsesel auf Rollen, vermutlich zum Mitführen bei Palmsonntagsprozessionen.

Anschließend wollte ich mal gucken, ob die katholische Stadtpfarrkirche St. Sebald ebenfalls noch geöffnet war; und auf dem Weg dorthin begegnete ich --- einem anderen Pilger. Es handelte sich um einen jüngeren, aber nicht mehr sehr jungen Mann – wohl so zwischen 30 und 40 – mit Bart, Regenkleidung und Rucksack, der wie aus dem Nichts auf mich zukam und mich ansprach: Er sei "auf Pilgerschaft", teilte er mir mit, worauf ich spontan erwiderte: "Ich auch, in gewisser Weise." Und schon waren wir mittendrin im Gespräch. Kurz beschlich mich der unbehagliche Gedanke, mit unserem Aufenthalt in der Schwabacher Pilgerherberge hätten wir diesem jungen Mann praktisch den Schlafplatz weggenommen, aber er machte eigentlich nicht den Eindruck, einen Schlafplatz zu suchen. Er verriet mir, er sei erst seit relativ kurzer Zeit gläubig, und aktuell versuche er, einfach dahin zu gehen, wohin Gott ihn führt: Mal führe Er ihn zur Begegnung mit Menschen – so wie jetzt mit mir –, dann wieder in die Natur. "Und du?", fragte er mich. "Bist du schon immer gläubig?" – "Das ist eine schwierige Frage", erwiderte ich. "Oder nein, die Frage ist nicht schwierig, aber die Antwort ist kompliziert." Auf meine Aussage hin, ich sei "schon in einer ziemlich gläubigen Familie aufgewachsen", erklärte mein Gesprächspartner, darum beneide er mich; er habe das Gefühl, viel verpasst zu haben, weil er erst so spät zum Glauben gekommen sei. – Zum Abschluss unseres Gesprächs wollte ich ihm eine Wundertätige Medaille schenken, die ich "zufällig" gerade in der Hosentasche hatte, aber er entgegnete, er wolle lieber nichts annehmen – er sei im Moment eher darauf aus, Dinge loszuwerden. Ein legitimes Ansinnen, fand ich. 

Die katholische Kirche St. Sebald besteht aus zwei in der Außenansicht deutlich voneinander zu unterscheidenden Gebäudeteilen, von denen der ältere – nachdem in Schwabach 1840 erstmals seit der Reformation wieder eine katholische Pfarrei gegründet worden war – von 1848-50 erbaut wurde und der neuere von 1923-26. Unschwer als katholische Kirche zu erkennen ist sie dadurch, dass man im Zuge der jüngsten Innenraumsanierung (2015/16) partout ein völlig unpassendes und potthässliches modernistisches Element in den Altarraum hineinklotzen musste: 

In diesem Fall einen Volksaltar, der aussieht wie eine Palette Pflastersteine.

Schön sind indes der Josefs- und der Marienaltar. 

Hier als Collage. 

Das war's dann auch so ziemlich mit meinem Sightseeing-Ausflug durch Schwabach. In der Herberge verbrachten wir einen entspannten Abend und schliefen gut; die Kinder sagten sogar, sie fanden es gemütlicher als im Hotel. Am nächsten Morgen zogen wir die Betten ab, fegten einmal durch, brachten Müll raus und verewigten uns im Gästebuch, dann brachen wir auf zur Weiterreise zum Kloster Heiligenbronn. Ich muss sagen, für mich war dieser unverhoffte Zwischenstopp in der Pilgerherberge ein Highlight unseres Herbsturlaubs; und diese spannende Erfahrung hätten wir nicht gemacht, wenn wir nicht zuerst einen Fehler bei der Hotelbuchung gemacht hätten und uns dann auch noch das Geld ausgegangen wäre. Woran man wohl mal wieder sehen kann, "dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient" (Römer 8,28)... 


Samstag, 24. Oktober 2026

Utopie und Alltag 48: Triumph des Chillens

Grüße aus der Reichs- und Kaiserstadt Nürnberg, Leser! Ja, wir sind in den Herbstferien; aber keine Bange, dieses Wochenbriefing wird trotzdem kein reiner Reisebericht werden – es spielen auch allerlei Themen mit hinein, die auch sonst charakteristisch für die Reihe Utopie und Alltag sind. Seht selbst! 

Ob diese Figur weniger bekifft aussähe, wenn sie ihre Nase noch hätte?

Unser Leben sei ein Fest: Erstkommunionvorbereitung in den Schulferien 

Am vergangenen Wochenende hatten wir Besuch im Haus, nämlich von einer Freundin unseres Tochterkindes mitsamt ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder. Diese Freundin war bis zu den Sommerferien auf dieselbe Schule gegangen wie unsere Große und ist auch mit der jüngeren Tochter unserer Hausgenossin gut befreundet; und da unsere Hausgenossin für ein paar Tage verreisen musste, hatte sie die Mutter dieser Freundin eingeladen, sich mit ihren Kindern solange bei ihr einzuquartieren und sich in dieser Zeit um ihre beiden Töchter und die Haustiere zu kümmern. Als wir nun am Sonntagmorgen zur Kirche losgehen wollten, entschied die Freundin, die zu Besuch war, spontan, sie wolle mitkommen – obwohl sie normalerweise nicht sonntags in die Kirche geht. Für mich wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, dass Evangelisierung durch Vorbild und Nachahmung auch schon unter Kindern gut funktionieren kann; ein anderes Beispiel dafür wäre, dass in der letzten Woche vor den Herbstferien diejenige Schulfreundin unserer Großen, die mit uns im Haus wohnt – also die jüngere Tochter unserer Hausgenossin – nach längerer Zeit mal wieder zum JAM mitkam. Aber bleiben wir mal beim vergangenen Sonntag: Der Gemeindereferent war aus dem Urlaub zurück und kümmerte sich darum, dass die anwesenden Erstkommunionkinder sich möglichst weit nach vorn setzten; und zelebriert wurde die Messe – endlich mal wieder – vom "örtlich zuständigen" Pfarrvikar, und der bestand darauf, dass alle anwesenden Erstkommunionkinder zusammen sitzen: "Sonst kann man keine Kinderkatechese machen, wenn es so auseinandergefächert ist." – Auf diese Weise zeigte sich, dass aus dem aktuellen Erstkommunionkurs nur sieben Kinder in der Messe waren – da wirkten sich offenbar die Schulferien aus. Als der Zelebrant jedoch erklärte, es dürften ruhig auch andere Kinder mit nach vorne kommen, setzte sich die Freundin unserer Großen kurzerhand dazu – und beteiligte sich in der Folge auch aktiv, d.h. sie beantwortete im Kinderkatechese-Teil der Predigt ein paar Fragen und kam zum Vaterunser gemeinsam mit den Erstkommunionkindern an den Altar. Hinterher verriet sie mir, sie habe den Gottesdienst "cool" gefunden. 

Das Evangelium vom Tag war Matthäus 22,15-21, die Frage nach der kaiserlichen Steuer; der Pfarrvikar gestaltete die erste Hälfte seiner Predigt zu einem Gespräch mit den Erstkommunionkindern, und ich war ausgesprochen angetan davon, wie er den Bezug zum Sakrament der Eucharistie herstellte, indem er die Kinder eine 1-Euro-Münze mit einer in Größe und Form durchaus ähnlichen Hostie vergleichen ließ. Die eine Münze, so erläuterte er, braucht man, um Dinge zu kaufen; die andere bekommt man und wird dadurch verwandelt. Hiervon ausgehend erschloss er den Kindern eine bis auf die Kirchenväter zurückgehende Auslegungstradition zur Perikope von der Steuermünze: Ebenso wie die Münze, die dem Kaiser gehört, das Antlitz des Kaisers trägt, soll der Christ das Antlitz Christi tragen und diese "Währung" durch sein Leben "in Umlauf bringen". 

Man sieht, der Pfarrvikar scheute sich nicht, den Kindern einen gewissen theologischen Anspruch zuzumuten, und ich fand, er mache das sehr gut. Übrigens war dies seit dem Vorstellungsgottesdienst der Erstkommunionkinder vier Wochen zuvor die erste Sonntagsmesse an diesem Ort, in der die Erstkommunionkinder vom jeweiligen Zelebranten gezielt angesprochen und aktiv einbezogen wurden. "Es wird ein großes Fest am Ende, aber jeden Sonntag feiern wir schon ein Stück von diesem Fest", erklärte der Pfarrvikar den Kindern. Ein bisschen schade ist es natürlich, dass gerade diesmal so viele Erstkommunionkinder nicht da waren; aber was will man machen. 

Bis zum nächsten Erstkommunion-Kurstreffen sind es derweil immer noch drei Wochen, aber die Vorbereitungen laufen; wie neulich schon mal angekündigt, soll es bei diesem Kurstreffen um biblische Grundlagen der Messe gehen, und der aktuelle Planungsstand sieht vor, zu diesem Thema einerseits den Zusammenhang zwischen dem Pessach und dem Letzten Abendmahl (Stichwort: Christus als das wahre Opferlamm) herauszuarbeiten und andererseits aufzuzeigen, wie viele Formulierungen in den liturgischen Texten der Messe geradewegs aus der Bibel entnommen sind (und was da jeweils der biblische Kontext ist). Die Frage der methodischen Ausgestaltung wird indes noch Arbeit erfordern. – Gleichzeitig muss ich gestehen, dass sich in der ersten Ferienhälfte noch keine gute Gelegenheit ergeben hat, die Erstkommunionvorbereitung mit dem eigenen Kind zu vertiefen. Aber vielleicht bietet die zweite Ferienhälfte dafür bessere Voraussetzungen, immerhin sind wir da in einem Kloster... (Genaueres dazu später.) 


Wessen Bild trägt diese Münze? Predigtnotizen zum 29. Sonntag im Jahreskreis 

Zum Evangelium vom Sonntag gibt es allerdings auch über das hinaus, was der Siemensstädter Pfarrvikar im Gespräch mit den Erstkommunionkindern dazu gesagt hat, noch Verschiedenes anzumerken. Man kann der geradezu sprichwörtlich gewordenen Antwort Jesu auf die Frage nach der kaiserlichen Steuer – "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" – ja durchaus unterschiedliche Aspekte abgewinnen; der Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd zum Beispiel nahm dieses Evangelium zum Anlass, in seiner Predigt in der Vorabendmesse in St. Joseph Tegel über die Kirchensteuer zu sprechen. Ich war nicht dabei, aber er hat das in seiner Ansprache bei der anschließenden Gemeindeversammlung erwähnt. Sieht ihm ähnlich, finde ich; und man kann sich auch ganz gut vorstellen, was er dazu zu sagen gehabt hat. – In der Reihe "Langweilig predigen für Anfänger" (bzw. "Impuls von Nils") auf dem Instagram-Auftritt der Pfarrei St. Klara ging es derweil um die Frage, ob "Kirche bzw. Religion und Staat zwei völlig voneinander getrennte Bereiche seien": 

"Viel wird also darüber geredet, ob Kirche politisch sein soll, ja sogar, ob sie politisch sein darf. Einige wünschen sich eine unpolitische Kirche, die stumm bleibt. Ich sage: Kirche muss politisch sein. Sie kann gar nicht anders –" 

– was in Wirklichkeit natürlich bedeutet: Ich, Mag. theol. Nils T., kann gar nicht anders, weil ich buchstäblich nicht weiß, worüber ich sonst reden sollte. Gähn. 

Währenddessen fand in Bad Gögging bei Regensburg die 10. GiG-Konferenz statt, zum Thema "St. Franziskus und die Charismen"; am Rande dieser Konferenz nahm Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung einen Impuls zum Sonntagsevangelium auf, den man sich auf YouTube anschauen kann und der die Überschrift "Das bisschen Geld" trägt. Ein Aspekt, der bei Pater Paulus deutlicher zum Ausdruck kam als bei den anderen hier angeführten Auslegern, war der, dass es bei der Frage nach der kaiserlichen Steuer letztlich um die Frage nach der Kollaboration mit einem als feindlich wahrgenommenen Staat geht: Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Jesus diese Frage stellen, wollen Ihm damit eine Falle stellen, sie hoffen, Ihm einen Aufruf zur Steuerverweigerung entlocken zu können. Pater Paulus argumentiert nun, die Antwort Jesu zeige, dass der Staat durchaus verlangen darf, dass man ihm "ein bisschen Geld" abgibt – "auch wenn's weh tut" –, "aber nicht die Seele. Nicht unsere Werte, nicht unseren Glauben. Und das ist sehr wichtig, diesen Unterschied zu machen: dass wir eben an unseren Werten, an unserem Glauben festhalten, obwohl der Staat vielleicht andere Wege geht." Dass Christen eine kritische Distanz zum Staat und den von ihm propagierten Wertvorstellungen halten sollten, zeige nicht nur die Geschichte – etwa die des Nationalsozialismus oder auch der DDR –, sondern das gelte genauso auch heutzutage. Letzteres würde Mancher bestimmt als übertrieben und alarmistisch bezeichnen, aber deutlich wird doch zumindest – so würde ich jedenfalls behaupten –, dass es arg weit hergeholt ist, aus diesem Evangelium ein Plädoyer für ein herzliches Einvernehmen zwischen Kirche und Staat ableiten zu wollen. 

Am überzeugendsten fand ich dann aber doch die Predigt des Siemensstädter Pfarrvikars, einschließlich der zweiten Hälfte, die sich an die Erwachsenen richtete. Darin setzte er – wiederum einer altkirchlichen Auslegungstradition folgend – die Frage Jesu, wessen Abbild die Steuermünze trage, zu der Aussage des Schöpfungsberichts in Beziehung, Gott habe den Menschen als Sein Abbild geschaffen – was nicht bedeutet, dass der Mensch aussieht wie Gott, sondern dass "Gott in uns wohnt". Und dieses Wohnen Gottes in uns verwirkliche sich in seiner ganzen Fülle in der Eucharistie: "Eucharistie bedeutet jeden Sonntag Neuanfang mit dem Herrn. Jeden Sonntag prägt Gott Sein Bild durch das Wort in unsere Seele ein und durch das Sakrament ist Er dreidimensional in uns da. Er möchte in uns wohnen." 

Übrigens enthielt diese Predigt auch zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Glaube und Politik einen Fingerzeig, nämlich mit Bezug auf die 1. Lesung (Jesaja 45,1.4-6): "Gott bewegt die ganze Weltgeschichte mit dem Perserkönig Kyros, um Israel zu befreien und ihm wieder ein Zuhause zu geben." Dass Kyros, der, wie Jesaja betont, Gott nicht kennt, dennoch von Ihm zum Vollstrecker Seines Heilsplans für das Volk Israel bestimmt wird, zeige, dass auf der "Ebene der Weltgeschichte" zwar Politik und Machtinteressen regieren, dass aber im Hintergrund doch Gott Seinen eigenen Plan verfolgt, um Gutes für die Seinen zu wirken. 

Zur namentlichen Erwähnung des Perserkönigs Kyros im Buch Jesaja muss ich aber auch noch etwas anmerken, und zwar etwas, das den Exegese-Anteil meines Studiums betrifft. Schon während meiner Einführungswoche in Paderborn hatte ein Dozent – noch dazu einer, in dessen Fachgebiet das gar nicht fällt – in der Absicht, zu verdeutlichen, wie wissenschaftliches Arbeiten in der Theologie funktioniere, kundgetan, man möge ja nicht glauben, das Buch Jesaja sei zur Gänze tatsächlich vom Propheten Jesaja verfasst. Der betreffende Dozent war mir ansonsten durchaus sympathisch, aber dass er die Einteilung des Buches Jesaja in mindestens drei unter ganz unterschiedlichen historischen Bedingungen entstandene Teile nicht nur als herrschende Meinung der exegetischen Forschung, sondern geradezu als feststehende Tatsache präsentierte, fand ich dann doch ärgerlich genug, um auf dem Heimweg Google nach Argumenten für die Auffassung zu befragen, das Buch Jesaja sei sehr wohl zur Gänze vom Propheten Jesaja verfasst. Spoiler: Es gibt sehr wohl Argumente dafür, und sie erscheinen mir durchaus diskussionswürdig. – Nun ist allerdings gerade die zweimalige namentliche Erwähnung des Perserkönigs Kyros im Buch Jesaja aus Sicht der historisch-kritischen Exegese geradezu "Beweisstück A" für die These, die betreffenden Teile des Buches könnten nicht von dem Propheten Jesaja verfasst sein, der rund zwei Jahrhunderte früher als Kyros gelebt habe. Der besonders von evangelikaler Seite vorgebrachte Einwand gegen diese Argumentation lautet, damit gäben die historisch-kritischen Exegeten ja geradewegs zu, dass sie nicht daran glauben, dass Gott Seinen Propheten zukünftige Ereignisse offenbaren könne. – Was mich betrifft, so muss ich gestehen, dass mir die Vorstellung, Gott habe Jesaja zwei Jahrhunderte im Voraus den Namen des Königs offenbart, der das Volk Israel aus der Babylonischen Gefangenschaft befreien werde, vom Bauchgefühl her durchaus gewisse Schwierigkeiten bereitet. Aber wäre es nicht denkbar, dass es sich zwar um eine echte Prophezeiung handelt, der Name Kyros aber nachträglich eingefügt wurde, um ex eventu auf die Erfüllung der Prophezeiung hinzuweisen? Ich habe sowohl Google als auch den neulich schon mal erwähnten, von einem Mitbegründer der The Rock-Gemeinde programmierten Bibel-Chatbot danach befragt, und ja, diese These wird von "moderat konservativen" Theologen durchaus vertreten. Ist natürlich eine Minderheitenmeinung, aber immerhin. 


Urlaub im Zeichen der Burg 

Am Dienstag nach dem Frühstück brachen wir ohne Hast zum Bahnhof Gesundbrunnen auf, von wo aus wir in einem Rutsch, ohne Umsteigen und in nur drei Stunden nach Nürnberg fuhren. Ich glaube, eine so unkomplizierte Fahrt in den Urlaub hatten wir überhaupt noch nie. Vom Bahnhof bis zu unserem Hotel hatten wir es dann auch nicht mehr weit, zudem lag (bzw. liegt) das Hotel praktisch am Rande der Altstadt – in der Marienvorstadt, um genau zu sein; wenn das mal kein Zeichen ist! 

Und die Heiligen Drei Könige waren auch schon mal da. Muss also wohl gut sein.

Wie sich zeigte, fiel unser Aufenthalt just mit den "Nürnberger Fischtagen" zusammen, einer Art Jahrmarkt, der allerdings abgesehen von einem Karussell und einem Bungee-Trampolin fast ausschließlich Fressbuden zu bieten hatte. Da gingen wir direkt am Dienstagabend hin, ich war allerdings weder von dem Speisenangebot besonders angetan noch von dem ältlichen Alleinunterhalter, der zu Keyboardbegleitung und Drum Machine Schlager und Oldies darbot. – Am Mittwoch war trübes und regnerisches Wetter, was wir zum Anlass nahmen, nach dem Frühstück erst einmal ins Museum der Deutschen Bahn zu gehen. Wir Eltern hatten eigentlich gedacht, dass insbesondere unser Jüngster es dort sehr interessant finden würde, aber tatsächlich verlor er schon nach rund einer Stunde das Interesse und war insgesamt in ziemlich motziger Stimmung, sodass ich mich schließlich bereit erklärte, mit ihm zum Hotel zurückzugehen (allerdings mit einem Abstecher durch die Altstadt), während die Damen der Familie noch im Museum blieben. Am Nachmittag machte ich mir dann mal einen "Spa-Tag" im Hotel – und hatte das Schwimmbad und die Sauna tatsächlich gut zwei Stunden lang für mich allein. So viel Glück hatte ich am nächsten Tag, als ich gleich früh morgens ins Schwimmbad wollte (die Sauna war ohnehin erst ab dem frühen Nachmittag geöffnet), leider nicht, und auch an den folgenden Tagen nicht mehr.

An historischem Sightseeing in der alten Reichsstadt hatten die Kinder, vielleicht verständlicherweise, tendenziell weniger Interesse als ich; daher schaute ich mir einige Sehenswürdigkeiten der Stadt allein an, so zum Beispiel die gotische Basilika St. Lorenz – die wahrscheinlich schönste Kirche der Stadt: Sie ist zwar, wie die meisten historischen Kirchengebäude Nürnbergs, seit 1525 eine evangelische Kirche, aber man sieht es ihr nicht an, was sehr wesentlich der Tatsache zu verdanken ist, dass die Nürnberger Patrizier der Reformationszeit sich der Zerstörung der von ihren Vorfahren gestifteten Kunstwerke widersetzten. 







Die andere der beiden evangelischen Hauptkirchen Nürnbergs, St. Sebald in der nördlichen Altstadt – ebenfalls eine gotische Basilika – verlangte für die Besichtigung fünf Euro Eintritt, kostenlos betreten durfte man sie ausdrücklich nur zum Gebet; ich honorierte diese Regel, indem ich in der Kirche betete, aber keine Fotos von der Innenausstattung machte. Die Kirche ist aber auch von außen sehr sehenswert: 





Derweil ließen sich die Kinder am Freitag (also gestern) immerhin zu einem Ausflug zur Burg überreden. Ich war zwar gesundheitlich etwas angeschlagen, es war kühl und der Aufstieg zum Burgberg durchaus anstrengend, aber Urlaub in Nürnberg zu machen und nicht die Burg zu besuchen, geht ja nun wohl gar nicht. 


Glücklicherweise fanden die Kinder es auf der Burg toll – nachdem der Jüngste, unmittelbar bevor wir los wollten, wieder einen seiner berüchtigten Bockigkeitsanfälle hatte und meinte, er hätte keine Lust. Da stand natürlich die Gefahr im Raum, dass er sich, ähnlich wie beim Eisenbahnmuseum, aus purer Übellaunigkeit ein potentiell tolles Erlebnis verderben könnte. Aber als wir dann erst mal da waren, war von "keine Lust" nichts mehr zu merken – besonders als wir im Burgmuseum zu den Ritterrüstungen und Waffen kamen: Da wollte der Knabe buchstäblich von jedem Helm und jedem Schwert wissen, wie die heißen. 

Es gab sogar einen Helm für ein Pferd.

Schön war auch die Kaiserkapelle – bei deren Betreten unser Jüngster den brillanten Kommentar abgab: "Hier haben die immer gebetet." 

Den Sinwellturm, ein Wahrzeichen der Stadt, bestiegen das Tochterkind und ich allein. 113 Stufen, aber für den Ausblick von dort oben über die Stadt lohnte sich die Mühe. 

Heute fuhren Frau und Kinder in den Zoo, aber da kam ich nicht mit, sondern zog es vor, mir einen weiteren Sightseeing- und Spa-Tag zu machen und natürlich dieses Wochenbriefing fertigzustellen – was mir knapp genug bis zur üblichen Veröffentlichungszeit gelungen ist. Festzuhalten ist jedenfalls, dass dies, so Gott will, nicht unser letzter Besuch in Nürnberg gewesen sein soll; es ist eine tolle Stadt, und es gibt hier zweifellos noch viel zu entdecken, wofür wir diesmal nicht genug Zeit und/oder Geld hatten... 


Powergirl, schon halb erwachsen 

Am Donnerstag, also vorgestern, hatte mein Tochterkind Geburtstag. Neun Jahre alt ist sie geworden, was bedeutet, dass sie – so unglaublich mir das auch scheint – die Hälfte der Zeit bis zur Volljährigkeit schon hinter sich hat. Schon seit einiger Zeit hatte ich mich – im Sinne der Maxime "Kümmere dich um die Sexualerziehung deines Kindes, ehe es die Falschen tun" – mit dem Gedanken getragen, der 9. Geburtstag könnte ein geeigneter Anlass sein, dem Tochterkind einen christlichen Pubertätsratgeber für Mädchen zu schenken; und ich erinnerte mich, dass in dem Buch "Empower – Mit Glaube und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung", das ich letztes Jahr zum Abschluss des Elternglaubenskurses in der Gemeinde auf dem Weg geschenkt bekommen hatte, mindestens ein solches Buch in den Literaturhinweisen genannt worden war. Das "Empower"-Buch hatte ich allerdings im Zuge des Umzugs verkramt, und der Versuch, ohne die Hilfe von Pastor Teichens Literaturtipps ein geeignetes Buch für meine Tochter zu finden, war eher so mittel-erfolgreich: "Das christliche Pubertätsbuch für Mädchen von 8-12 Jahren" von Eliana Monica wirkte schon rein vom Coverdesign her ein bisschen zu bieder auf mich, wohingegen "Der coole Vorpubertäts-Reiseführer für Mädchen von 9-12 Jahren" von Maria Wünsche zwar im Großen und Ganzen recht vielversprechend aussah, aber aus dem, was ich über dieses Buch in Erfahrung bringen konnte, war nicht recht ersichtlich, ob es nicht eher zufällig oder irrtümlich in die Ergebnisse zur Suchabfrage "christliche Pubertätsratgeber für Mädchen" hineingeraten war. Schließlich, kurz vor der Abreise nach Nürnberg, fand ich Teichens "Empower" doch wieder, fand darin den Hinweis auf das Buch "Wir Powergirls – Das schlaue Mädchenbuch" von Regula Lehmann und Pascal Gläser und sagte mir daraufhin, es dürfte ja wohl möglich sein, in Nürnberg eine Buchhandlung ausfindig zu machen, die dieses Buch im Sortiment hat oder zumindest innerhalb weniger Tage bestellen kann. 

Bei meinem ersten Altstadtbummel am Dienstagnachmittag – während Frau und Kinder das hoteleigene Schwimmbad testeten – hätte ich dann aber fast nicht mehr daran gedacht; wie es sich fügte, kam ich jedoch an der Buchhandlung der Paulusschwestern am Jakobsplatz vorbei, die mir vor allem deshalb ins Auge fiel, weil da ein ungefähr lebensgroßer Pappaufsteller von Papst Leo vor der Tür stand. 

Da ging ich natürlich hinein – und stellte fest, dass der Laden tatsächlich ziemlich gut sortiert war, gerade auch im Kinder- und Jugendbuchbereich. Dass das Buch, das ich suchte, einfach so im Regal stehen würde, erwartete ich dennoch nicht und war auch nicht der Fall, aber insgesamt machte der Laden einen hinreichend positiven Eindruck auf mich, um das Buch dort zu bestellen, statt zu einem evangelikalen Buchladen zu gehen (den es in der Nürnberger Altstadt durchaus auch gibt). Und tatsächlich war es schon am nächsten Tag da. Bei Gelegenheit des Kaufes durfte ich mir zudem einen Bibelvers aus einem Körbchen ziehen: 

"Erbarmen, Friede und Liebe seien mit euch in Fülle!" (Judas V. 2). – Rechts im Bild ein Weihebildchen des Bamberger Erzbischofs Herwig Gössl. 

Was nun das Buch selbst angeht, heißt es in der Verlagswerbung, es biete "[g]anzheitliche Aufklärung" in "fröhlichem Ernst", ohne "Gender-Gaga" oder "Barbie-Kult" – "[d]amit aus tollen Mädchen echt starke und beziehungsfähige Frauen werden!". Das Inhaltsverzeichnis verheißt thematische Abschnitte wie "Best Friends: Echt gute Beziehungen aufbauen", "Lästern, Meckern, Mobbing und mehr", "Schmetterlinge, Herzschmerz und Co." und "Verliebtheit, Liebe und Sexualität", aber auch "Total wertvoll– pass auf dich auf!" und "Bester Papa: Mit Gott auf Du!". Gleich im Einleitungskapitel, unter der Überschrift "Schön, dass es Dich gibt", liest man: 

"Dein Leben ist ein Geschenk – für dich und für andere. Alles beginnt damit, dass du das kapierst. Es ist kein Zufall, dass du da bist, sondern Teil eines Plans, den der große Schöpfergott schmiedet. Noch bevor deine Eltern wussten, dass es dich gibt, hat er sich über dich gefreut. Er hat dich liebevoll ausgedacht. Wundervoll geschaffen. Als etwas ganz Besonderes. Gut gemacht und perfekt ausgestattet mit allem, was du im Leben brauchen wirst. 

Versuche deshalb niemals, andere zu kopieren. Vergleiche dich nicht mit anderen Mädchen und probiere nicht, etwas zu sein, das gar nicht zu dir passt. Das hast Du nicht nötig! Es gibt einen Platz, den nur Du ausfüllen kannst. Die Welt braucht DICH, und zwar genau so, wie du bist!" 

Darüber, wie das Buch bei meiner Tochter ankommt, lässt sich noch nicht viel sagen, da sie vor lauter Action im Urlaub noch nicht die Muße gefunden hat, sich näher damit zu befassen (ihr Geburtstag war ja auch erst vorgestern). Ich hingegen habe schon ein bisschen in dem Buch kreuz- und quergelesen, und auf mich macht es einen sehr guten Eindruck; eine ausführliche Rezension folgt zu gegebener Zeit, vielleicht sogar auf der Familienseite der Tagespost. Wir werden sehen! 

Dass unsere Neunjährige trotz nahender Vorpubertät immer noch ein richtiges Kind ist, dokumentierte sie u.a. dadurch, dass sie an ihrem Geburtstag in den Playmobil Fun Park wollte – was durchaus auch im Interesse des kleinen Bruders lag; hingewollt hätten wir also in jedem Fall, und dafür den Geburtstag unserer Großen zu wählen, hatte den zusätzlichen Vorteil, dass Geburtstagskinder (bis 16 Jahre) dort freien Eintritt haben. 



Der Playmobil Fun Park hat von 9 bis 18 Uhr geöffnet, und wir nutzten diese Zeit tatsächlich komplett aus – und trotzdem stellten die Kinder hinterher fest, dass sie längst noch nicht alles gesehen hatten und dass wir folglich irgendwann nochmal hierherkommen müssen. Da ist es natürlich eine interessante Frage, ob unsere Große sich noch dafür interessieren wird, wenn sie zehn ist... 


Jakobspilger ist man fürs ganze Leben 

Auch etwas, was ich auf meinen Altstadtspaziergängen herausfand, war, dass Nürnberg am seit den 1990er Jahren wiederbelebten, zuvor weitgehend in Vergessenheit geratenen Fränkischen Jakobsweg liegt. Ob die Tatsache, dass es in Nürnberg eine Kirche St. Jakob gibt, in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Jakobspilger-Tradition steht, habe ich nicht verlässlich herausfinden können – die Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde in der Reformationszeit evangelisch, obwohl das Gebäude selbst noch bis zur Säkularisierung (mit einer Unterbrechung im 30jährigen Krieg) im Besitz des katholischen Deutschen Ordens verblieb –, aber jedenfalls beherbergt diese Kirche ein Pilgerzentrum, "das erste und einzige seiner Art in ganz Bayern!", wie die Website stolz betont. 



An diesem Wochenende fand in und um die Jakobskirche ein "Pilgerforum" statt, dessen Veranstaltungen skurrilerweise sogar im Programm der weiter oben schon erwähnten "Nürnberger Fischtage" aufgeführt wurden. Dass wir dem Pilgerbüro gestern einen Besuch abstatteten, hatte allerdings einen anderen Grund. Wie bereits angedeutet, sollte Nürnberg ja nur die erste Etappe unseres Herbsturlaubs sein, von hier aus wollten (und wollen) wir weiterreisen in ein Kloster im Schwarzwald, zu Familieneinkehrtagen. Für unseren Hotelaufenthalt in Nürnberg hatte meine Liebste auf einer einschlägigen Hotelsuche-Website ein besonders günstiges Angebot für fünf Übernachtungen gefunden, dabei aber nicht bedacht, dass wir eigentlich sechs Übernachtungen benötigten. Noch eine weitere Nacht im selben Hotel hätten wir so günstig nicht bekommen, also hatten wir die Frage, wo wir von Sonntag auf Montag übernachten sollten, erst einmal offen gelassen; irgendwie würde sich da schon eine Lösung finden, sagten wir uns. Dann kam jedoch als weiteres Problem hinzu, dass unser Budget für den Urlaub schneller als erwartet zur Neige ging; der Umzug – den wir noch nicht geplant oder vorausgesehen hatten, als wir diesen Urlaub buchten – hat halt einiges an Ressourcen verschlungen. Kurz gesagt, ein Familien-Hotelzimmer für eine weitere Nacht konnten wir uns eigentlich gar nicht leisten. Da brachte uns der Umstand, dass es in Nürnberg ein Pilgerzentrum gibt, auf den Gedanken, als gestandene Jakobsweg-Veteranen könnten wir vielleicht dort Hilfe bekommen. 


Ob der Playmobil-Jakobspilger wohl eine Spezialanfertigung ist? 

Der ältere Herr hinter dem Tresen war sehr freundlich und schenkte unseren Kindern Mini-Jakobsmuscheln; nachdem wir ihm unser Problem geschildert hatten, erklärte er, er wolle erst mal schauen, ob der Pfarrer im Haus sei, der könne uns vielleicht weiterhelfen. Da der Pfarrer jedoch nicht da war, rief der Pilgerzentrum-Mitarbeiter ihn an; und der Pfarrer hatte dann auch tatsächlich eine Idee für eine Lösung: Die Pilgerherberge in Schwabach könnte eventuell Platz für uns haben, und wir könnten uns dort auf seine Fürsprache berufen. Der freundliche Herr vom Pilgerzentrum rief daraufhin auch noch für uns bei der Herberge in Schwabach an, und schließlich erhielten wir die Zusage, dass wir von Sonntag auf Montag dort übernachten können. Ich würde sagen, das ist einmal mehr ein schönes Beispiel dafür, dass Gott die Seinen nicht im Stich lässt – gleichzeitig aber natürlich auch ein Anlass, allen Beteiligten ein herzliches "Vergelt's Gott!" für ihre Hilfsbereitschaft zu sagen!

Geistlicher Impuls der Woche

"Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!" (Mt 16, 24) Hart und schwer scheint, was der Herr befiehlt: Wer Ihm folgen will, soll sich selbst verleugnen. Aber es ist nicht schwer und hart, was Er befiehlt; denn Er selbst hilft uns, dass wir es vollbringen. Wahr bleibt das Wort des Herrn: "Mein Joch ist mild, und meine Bürde ist leicht" (Mt 11, 30). Was am Gebot schwer ist, das macht die Liebe leicht. – Was heißt: "Er nehme sein Kreuz auf sich"? Er trage, was Last ist, und so folge er mir. Wenn er anfängt, meinem Leben und meinen Geboten nachzuleben, werden ihm viele widersprechen, werden ihn viele hindern und viele ihm davon abraten, und das von seiten der Begleiter Christi. Die den Blinden am Schreien hindern, waren Begleiter Christi (vgl. Lk 18, 39). Wenn du folgen willst, dann sieh in den Drohungen, Schmeicheleien oder anderen Dingen Hindernisse für das Kreuz; nimm es auf dich, trag es und unterliege nicht! – In der Kirche, die Christus ganz nachfolgt, sagt Christus ganz allgemein: "Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst!" Das bedeutet nicht: Die Jungfrauen sollen es hören, die Verheirateten nicht, die Witwen sollen es hören, die in der Ehe nicht, die Mönche sollen es hören, die Ehemänner nicht, die Kleriker sollen es hören, die Laien nicht. Vielmehr die ganze Kirche, der gesamte Leib, alle Glieder, je nach ihren Aufgaben, sie alle sollen Christus nachfolgen.
(Augustinus, Sermo 96)


Ohrwurm der Woche

Bananarama: Robert de Niro's Waiting 

Am Mittwochabend waren wir in einer Pizzeria in der Nähe unseres Hotels; die Pizza war gut und günstig, aber im Hintergrund lief – vielleicht als Ausgleich dafür, dass die Betreiber offensichtlich keine Italiener, sondern wohl eher Türken oder Araber waren – die klischeehafteste italienische Schlagermucke lief, die man sich vorstellen kann. Ich musste da direkt an meinen alten Freund Robert denken, der zu sagen pflegte: "Italienische Popmusik? Kann ich mir nicht anhören. Da denke ich immer, ich müsste gleich 'ne Pizza bestellen." Er meinte damit allerdings eher seinerzeit aktuelle Interpreten wie Eros Ramazzotti, Zucchero oder Nek, und die liefen hier nicht – die wären für diese Pizzeria wohl schon zu rockig gewesen. Stattdessen: "Azzurro" von Adriano Celentano, "L'Italiano" von Toto Cotugno, "Ti amo" von Umberto Tozzi, "Felicità" und "Sharazan" von Al Bano & Romina Power... kurz gesagt, wenn man bei Google "Italienische Schlager, die typischerweise in deutschen Pizzerien laufen" in die Suchleiste eingibt, bekommt man so ziemlich die ganze Playlist. Das Problem bei diesen Songs ist nun, dass viele von ihnen tatsächlich unbestreitbare Ohrwurmqualitäten haben. Dagegen hilft in der Regel nur, sich vorsätzlich einen anderen Ohrwurm zuzufügen – und mir fiel zu diesem Zweck auf assoziativem Wege "Robert de Niro's Waiting" von Bananarama ein (wegen "Talking Italian").

Praktisch jedesmal, wenn ich dieses Lied längere Zeit nicht gehört habe und es dann mal wieder höre, wundere ich mich darüber, wie billig produziert es klingt. Aber ich glaube, das ist Absicht – das gehörte zum Image von Bananarama. Ein bisschen wie bei den Lassie Singers vielleicht, wenn auch in einem ganz anderen Musikstil. Was man mal wieder zum Anlass nehmen könnte, darüber zu philosophieren, was für ein vielgestaltiges Phänomen Post-Punk ist (oder war).

Jedenfalls ist es ein würdiger Ohrwurm der Woche. Ich habe mir die Nummer heute über Kopfhörer angehört, während ich durch die Fußgängerzone in der Nürnberger Altstadt spazierte, und dieser Soundtrack verlieh dem Gewimmel der Menschen um mich herum eine gewisse surreale Qualität. Besonders als ich an einer Kundgebung von Hare-Krishna-Jüngern vorbeikam. Gestern erst hatte ich an fast derselben Stelle, zusammen mit meiner Familie, eine estnische Metal-Band getroffen, die ihre CDs zu verkaufen versuchte – und später festgestellt, dass es im Internet heiße Diskussionen über diese Band und ihr Vertriebskonzept gibt, einschließlich sonderbarer Mutmaßungen, dass das gar keine richtige Band sei und dass da irgendeine Betrugsmasche dahinterstecken müsse. Aber das ist eine andere Geschichte und soll (vielleicht) ein Andermal erzählt werden...

Vorschau/Ausblick

Bis einschließlich morgen sind wir noch in Nürnberg, woraus es sich unter anderem ergibt, dass wir mal gucken müssen, wo wir am morgigen 30. Sonntag im Jahreskreis in die Messe gehen werden (und wie das dann wird); in die Citykirche St. Klara gehen wir jedenfalls nicht, der sieht man praktisch auf den ersten Blick (ins Innere) an, dass sie sich in Feindeshand befindet. Am liebsten würde ich ja in die Frauenkirche gehen, allerdings fängt die Messe da schon um 9:45 Uhr an; als Alternativen mit späteren Uhrzeiten kämen Herz Jesu oder St. Elisabeth in Frage – schauen wir mal. Ein Extra-Abenteuer dürfte es werden, uns den Messbesuch im Stempelheft für den Erstkommunionkurs des Tochterkindes beglaubigen zu lassen. Sodann bin ich ziemlich gespannt auf die Pilgerherberge in Schwabach; und spannend geht es dann auch weiter, denn am Montag – dem Gedenktag der Apostel Simon und Judas, einem markanten Datum in der Geschichte unseres Familienapostolats – beginnen dann unsere Familienexerzitien in einem Kloster im Schwarzwald. Ich habe ehrlich gesagt keine besonders präzise Vorstellung davon, was uns da erwartet, aber ich bin optimistisch, dass es eine bereichernde Erfahrung werden wird. Am Freitagabend wollen wir wieder zurück in Berlin sein; aber gleich am Samstag geht's für mich schon in aller Früh' los auf den nächsten Trip, diesmal nach Braunlage am Harz, wo ich auf einer russisch-orthodoxen Jugendkonferenz einen Vortrag halten will und soll. Das wird aber auf alle Fälle ein Thema für das übernächste Wochenbriefing... 


Donnerstag, 22. Oktober 2026

Das postsäkulare Zeitalter ist in Tegel noch nicht angekommen

Nachdem ich am vergangenen Montag beim Bürgeramt war, um endlich mal die Ummeldung unseres Wohnsitzes unter Dach und Fach zu bringen, könnte man ja denken, mit der Gemeinde Herz Jesu Tegel wäre ich, da wir jetzt auch offiziell nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen, endgültig fertig; allerdings nehme ich an, dass wir für die am 14./15. November anstehenden Gremienwahlen noch dort wahlberechtigt sind, und daher war ich am vergangenen Samstag auch bei der Gemeindeversammlung, bei der die Kandidaten für den Gemeinderat sich vorstellen sollten. In erster Linie wollte ich mit meiner Anwesenheit diejenige Kandidatin unterstützen, mit der ich im Frühjahr und Sommer – als noch die Möglichkeit im Raum stand, dass ich selbst für den Gemeinderat kandidieren könnte – ein paar konspirative Treffen hatte; die war dann allerdings gar nicht da. Interessant war es trotzdem, und ich habe auch eine relativ klare Vorstellung davon gewonnen, wen ich (unter der Voraussetzung, dass ich für diese Gremienwahl tatsächlich noch in meiner alten Wohnortgemeinde wahlberechtigt bin) wählen würde – und wen nicht. 

Disclaimer: Dieses mit Tesafilm geflickte Kruzifix dient hier nur als Symbolbild, es hängt nicht in einer Einrichtung der Gemeinde Herz Jesu Tegel oder überhaupt der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd.

Man könnte natürlich fragen, warum mich das eigentlich kümmert – nicht nur, weil es ja wie gesagt gar nicht mehr meine Gemeinde ist (diese Frage wurde mir tatsächlich gestellt, und zwar, wie ich denke, ohne böse Absicht von einer Frau, die mit mir am Tisch saß), sondern auch und vor allem, weil ich doch erst kürzlich (und nicht zum ersten Mal) die Überzeugung kundgetan habe, dass der ganze Gremienapparat in der Kirche nichts taugt. Aber ich schätze, dass ist wieder einmal ein Beispiel dafür, was ich an anderer Stelle mal als "pragmatische Inkonsequenz" bezeichnet habe: Man mag der Meinung sein, Adornos Maxime "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" treffe auf nichts so sehr zu wie auf Gremienarbeit, aber gleichzeitig sage ich mir auch, solange es diese Gremien nun mal gibt, sollte man sie nicht so ohne Weiteres den falschen Leuten überlassen. Und wenn ein paar gute Leute in einem Gemeinde- oder Pfarreirat schon nicht mehr erreichen können, als den anderen das Leben ein bisschen schwerer zu machen, ist das ja immerhin schon mal was. 

In besonderem Maße denke ich da natürlich an den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd, dem ich, wie es scheint, das Leben schon dadurch gebührend schwer mache, dass ich bei Veranstaltungen wie dieser Gemeindeversammlung auftauche. Dies gab er denn auch unmittelbar zu erkennen, indem er in seine Ansprache die Bemerkung einflocht, er wolle ja nicht hoffen, dass seine Ausführungen zur Situation der Gemeinde nachher "in irgendwelchen Blogs" nachzulesen sein würden. Worauf man natürlich erwidern könnte, so eine Gemeindeversammlung sei schließlich eine öffentliche und ihrer Natur nach für die Öffentlichkeit bestimmte Veranstaltung, auch dann, wenn da außer den Kandidaten, die sich vorstellen möchten, nur ungefähr 20 Leute hingehen; aber letztlich hätte es wohl wenig Sinn, überhaupt irgendwas dazu zu sagen. 

Bevor es an die Vorstellung der Kandidaten für den Gemeinderat ging, kamen erst einmal die Sprecher (m/w) des alten Gemeinderats zu Wort, um eine Art Rechenschaftsbericht über ihre Arbeit abzulegen und zugleich einen Überblick darüber zu geben, was der Gemeinderat tut, wofür er zuständig ist und wofür nicht. Dabei fiel insbesondere der Redebeitrag des männlichen Vertreters – der bezeichnenderweise nicht wieder kandidiert – derart desillusioniert und defätistisch 'rüber, dass der Sprecher von mehreren Teilnehmern der Versammlung ermahnt wurde, er solle doch die neuen Kandidaten nicht so demotivieren. Wozu ich sagen möchte: Dieser Redebeitrag wirkte vielleicht deshalb besonders düster, weil sich in ihm sehr authentisch auch die persönliche Frustration des Sprechers aussprach; aber die Grundhaltung, man könne ja im Grunde gar nicht viel mehr oder Anderes tun, als den Niedergang zu verwalten, prägte – mit ganz wenigen Ausnahmen, auf die ich noch gesondert zu sprechen kommen werde – so ziemlich die ganze Veranstaltung. Und zwar wohlgemerkt nicht nur die Redebeiträge auf dem "Podium" (tatsächlich saßen der Pfarrer, die Sprecher des alten Gemeinderats und die Kandidaten für den neuen gar nicht auf einem solchen, obwohl der Saal eine Bühne hat), sondern auch Äußerungen aus dem Publikum, zum Beispiel von Leuten, die mit mir zusammen an einem Tisch saßen und die ich aus meiner aktiven Zeit in der Tegeler Gemeinde ganz gut kenne. Mein Eindruck war, sogar Leute, die ich (gemäß der Kriterien des "Religions-Monitors") als persönlich durchaus "hochreligiös" einschätzen würde – ja vielleicht sogar besonders diese – stecken bis über beide Ohren im Niedergangs-"Mindset". Alles geht den Bach runter, niemand interessiert sich mehr "für Kirche". Haben die noch nichts vom "Quiet Revival" gehört, vom postsäkularen Zeitalter, von der wachsenden Aufgeschlossenheit insbesondere Jugendlicher und junger Erwachsener für religiöse Antworten auf ihre Lebensfragen? Vielleicht würden sie darauf antworten "Davon sehen wir hier aber nichts"; dann würde ich ihnen empfehlen, sich mal eine halbe Stunde am Tag in Herz Jesu in die Offene Kirche zu setzen, da würden sie staunen, was da für Leute reinkommen. Manche nur um "mal zu gucken", klar; aber viele tatsächlich zum Beten. Oder zur Einkehr, zur Besinnung, oder wie auch immer sie das für sich nennen. In den Strukturen der institutionellen Kirche tauchen diese Leute vielleicht nicht unbedingt auf, aber das liegt dann vor allem daran, dass diese Strukturen ihnen für das Stadium ihres persönlichen Glaubenswegs, in dem sie sich gerade befinden, nichts anzubieten haben. 

Ich wurde hellhörig, als der scheidende Gemeinderats-Sprecher Überlegungen oder Anregungen erwähnte, in der Gemeinde einen Alpha-Kurs zu veranstalten. Er meinte jedoch, das sei nicht durchführbar, denn dafür brauche man Leute, die nicht nur punktuell mal mitmachen, sondern Leute, die sich über Monate hinweg verbindlich engagieren, und solche Leute seien heute praktisch nicht mehr zu finden. Was mich daran ärgerte, war die implizite Behauptung, es sei ein allgemeines Zeitphänomen, dass Leute sich nicht mehr längerfristig für irgendwas engagieren wollen. Da mag aus soziologischer Sicht was dran sein, aber man kann es halt auch prima als Ausrede benutzen. Sicher, Klagen über einen Mangel an Ehrenamtlichen hört man aus vielen Gemeinden, aber wenn diese Klagen in einer Gemeinde geäußert werden, die bekannt dafür ist, dass engagierte und motivierte Leute da gezielt vergrault und weggemobbt werden, wirkt das schon recht tragikomisch. Umso mehr, wenn auch Leute in dieses Lamento einstimmen, die sich in der Vergangenheit aktiv an diesem Mobbing beteiligt haben. 

Der Pfarrer erwähnte, als er hier anfing – vor mittlerweile zwölf Jahren, wenn ich richtig informiert bin – habe es auf dem Gebiet der jetzigen Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd rund 15.000 Katholiken gegeben, jetzt seien es noch knapp 12.000; er beeilte sich jedoch hinzuzufügen, diese Tendenz sei "bistumsweit, das liegt nicht daran, dass der Pfarrer hier so böse ist". Was bei mir natürlich mal wieder zwanghaftes Augenrollen auslöste. Das Problem ist ja nicht, dass der Pfarrer böse wäre – sondern dass es ihm an Glaubenseifer, Mut und geistiger Klarheit mangelt und dass er charakterlich einfach ungeeignet sowohl für die Seelsorge als auch für die Leitung einer Gemeinde ist. Da passt es natürlich ins Bild, dass er die Ursachen für den schlechten Zustand der Kirche in seinem Verantwortungsbereich auf strukturelle Faktoren zu schieben versucht, auf bistumsweite Tendenzen oder darauf, dass die Zeiten nun mal so sind, statt in Erwägung zu ziehen, dass er vielleicht selber mal etwas ändern müsste. 

Gleichzeitig stimmt es natürlich auch, dass nicht an allem der Pfarrer persönlich schuld ist. Aber das habe ich ja schon öfter betont. Es gibt zweifellos so etwas wie ein toxisch-kodependentes Beziehungsgeflecht zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, und auch den bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht sichtbaren Einfluss "einfacher Geneindemitglieder" sollte man in diesem Zusammenhang keinesfalls unterschätzen. Und das alles gilt ganz gewiss nicht allein für diese Gemeinde oder diese Pfarrei – wäre das so, würde es sich ja kaum lohnen, dem Thema hier so großen Raum zu geben. Wahrscheinlich gibt es in ganz Deutschland mehr Pfarreien, die an derartigen Problemen laborieren, als solche, in denen das nicht der Fall ist. 

Ich denke daher, ich kann getrost darauf verzichten, näher auf Faktoren einzugehen, die für diese Gemeinde oder diese Pfarrei spezifisch sind (zumal ich davon ja seit einigen Jahren gar nicht mehr so viel mitkriege, es sei denn aus zweiter Hand). Der Kern der ganzen Misere scheint mir jedenfalls das völlige Fehlen einer missionarischen Einstellung zu sein. Tatsächlich fehlt diese so sehr, dass nicht einmal ein Bewusstsein dafür festzustellen ist, dass die Kirche eigentlich missionarisch sein müsste. Bezeichnend dafür war ein Satz des Pfarrers, der ihm so wichtig zu sein schien, dass er ihn sogar zweimal sagte: Im Zusammenhang damit, dass es angesichts des Immobilienentwicklungsprozesses des Erzbistums zweifelhaft erscheint, ob die Pfarrei auf längere Sicht alle ihre Kirchenstandorte wird erhalten können, verwies er auf die an einigen dieser Standorte doch sehr mageren Gottesdienstbesuchzahlen und merkte dazu an: "Wenn irgendwann keiner mehr kommt, tut's auch keinem mehr weh", wenn Standorte geschlossen werden. Und das ist so falsch, dass ich laut schreien könnte vor Frustration darüber, dass niemandem aufzufallen scheint, wie falsch das ist. Klar, man hofft – d.h. diejenigen, die noch nicht komplett aufgegeben haben, hoffen –, dass man es irgendwie schafft, wieder mehr Leute in die Kirchenbänke zu bekommen; warum? Weil man die Standorte erhalten will und dafür in der Lage sein muss, eine gewisse Nachfrage vorzuweisen. Dass die Gläubigen nicht dazu da sind, die Institution am Leben zu erhalten, dass vielmehr die institutionelle Gestalt der Kirche nur ein Mittel zu einem Zweck sein sollte und dass dieser Zweck das Heil der Menschen ist – und dass diese institutionelle Gestalt daher nur insoweit wertvoll und erhaltenswert ist, wie sie diesem Zweck dient –, kommt im Denken dieser Leute überhaupt nicht vor. 

Wenn ich's mir recht überlege, erklärt sich der oben angesprochene Umstand, dass auch die persönlich durchaus "hochreligiösen" Gemeindemitglieder im Modus der Klage über den Niedergang feststecken, statt mit Freude und Hoffnung darauf zu schauen, was der Heilige Geist für die Zukunft der Kirche vorbereitet hat, vielleicht nicht zuletzt daraus, dass auch sie diesen institutionsfixierten Blick haben. Denn die institutionelle Gestalt der Kirchensteuerkirche werden auch die Neubekehrten nicht retten – nicht nur, weil sie (noch, aber wohl auch für die absehbare Zukunft) zu wenige sind, um einerseits die Austrittszahlen und andererseits das allmähliche Abtreten der Baby-Boomer-Generation aufzuwiegen, sondern auch, weil sie daran gar kein Interesse haben; weil die Erwartungen, die sie an die Kirche haben, ganz andere sind. Insofern ist – wie ja auch bei der Veranstaltung im Kardinal-Bengsch-Saal anklang, über die ich berichtet habe – dieser junge Wein für die alten Schläuche der institutionellen Kirche weit eher eine Bedrohung als die Lösung ihrer Probleme. 

Aber das ist vielleicht eher mal ein Thema für sich; in Herz Jesu Tegel würde ich bis auf Weiteres eher nicht damit rechnen, dass Scharen von Neubekehrten die Türen einrennen und alles auf den Kopf stellen. Dies umso weniger, als zu befürchten steht, dass auch diejenigen, die noch motiviert sind, in dieser Gemeinde etwas auf die Beine zu stellen, diesen institutionsfixierten Blick haben und daher eher darauf aus sind, irgendwie "den Laden am Laufen zu halten", als auf eine spirituelle Erneuerung. Wobei ich da eigentlich gar nicht den Plural zu benutzen bräuchte, denn als wirklich motiviert aufgefallen ist mir nur einer der Gemeinderats-Kandidaten, die sich bei dieser Versammlung vorgestellt haben: ein mir bisher nicht bekannter Mann, ein paar Jahre jünger als ich, Vater von drei Kindern, und wie er erzählte, hat er in letzter Zeit am Standort St. Joseph Tegel einige Veranstaltungsformate für die Kinder- und Jugendarbeit entwickelt und ausprobiert – Breakdance-Workshops für Kinder ab 7 Jahre zum Beispiel, oder auch Kinderdisco-Nachmittage. Wenn ich richtig gehört habe, nahmen an einer seiner jüngsten Veranstaltungen 64 Kinder unter 14 Jahren teil – das ist schon eine sehr stolze Zahl. Natürlich drängt sich da einmal mehr die Frage auf, ob die Motivation hinter solchen Veranstaltungen eigentlich darüber hinausgeht, den Kindern "positive Erlebnisse im Zusammenhang mit Kirche" zu vermitteln, und wenn ja, ob es denn wenigstens ansatzweise Konzepte dafür gibt, wie man von Breakdance und Disco eine Brücke zu Evangelisierung und Katechese schlagen könnte. Aber vielleicht bin in diesem Fall ja ich es, der reflexartig in unangemessenen Pessimismus verfällt. Kinder durch Sport-, Spaß- und Spiel-Angebote mit der örtlichem Kirchengemeinde in Kontakt zu bringen, macht sie an und für sich noch nicht zu gläubigen und praktizierenden Christen, aber es kann ein erster Schritt dazu sein; und wenn jemand offensichtlich erfolgreich darin ist, solche ersten Schritte zu ermöglichen, und sich dieser Aufgabe mit Freude und Eifer widmet, ist das erst einmal etwas Gutes. Auch wenn die nächsten Schritte dann vielleicht (!) eher nicht so sein Ding sind und von anderen Leuten übernommen werden müssten. Im Übrigen fand ich den Umstand, dass sich bei dieser Gemeindeversammlung wenigstens ein Kandidat vorstellte, der wirklich was auf die Beine stellt, statt immer zu jammern, so erfrischend, dass ich mir sage: Ick werde diesen Mann wahrscheinlich wählen.