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Samstag, 18. April 2026

Utopie und Alltag 21: Im Epizentrum des "Quiet Revival"

Ich habe eine intensive Woche hinter mir, Freunde: Praktisch jeden Tag stand etwas an, was mir das Gefühl vermittelte, "im Auftrag des Herrn unterwegs" zu sein, und ich fühlte mich unglaublich motiviert. In den letzten Wochen war in meinen Wochenbriefings, wie aufmerksamen Lesern aufgefallen sein dürfte, immer wieder von Anzeichen dafür die Rede, dass eine in anderen Teilen der westlichen Welt, etwa in Frankreich und Großbritannien, schon etwas länger zu beobachtende religiöse Erweckungsbewegung, oder sagen wir "Aufbruchstimmung", allmählich auch in Deutschland und auch ganz konkret in Berlin ankommt. Möglicherweise könnte man sogar behaupten, dieses Thema sei das wesentlich Neue, das die Reihe Utopie und Alltag von meinen früheren Wochenbriefing-Reihen abhebt. Aber wie dem auch sei: Im Berichtszeitraum der vorliegenden Utopie und Alltag-Folge hatte ich ganz entschieden den Eindruck, dass sich in meiner unmittelbaren Umgebung die besagten Anzeichen für einen geistlichen Aufbruch verdichten. In einer spirituell derart aufgeladenen Atmosphäre entdeckt man plötzlich überall Zeichen – zum Beispiel darin, dass der Baum vor unserem Küchenfenster blüht. Ich nehme mal an, das tut er jedes Jahr um diese Zeit; es ist mir nur noch nie aufgefallen

Damit aber jetzt auch genug der Vorrede – zu berichten gibt's mehr als genug! 


Weißer Sonntag: Ein prophetisches Wort 

Die Messe am 2. Sonntag der Osterzeit feierten wir, wie schon angekündigt bzw. vorhergesehen, in St. Joseph Siemensstadt mit; der örtliche Pfarrvikar zelebrierte, und in seinen Begrüßungsworten hob er hervor, die Bezeichnung "Weißer Sonntag" für dieses Datum im Kirchenjahr rühre daher, dass in der frühen Kirche die Neugetauften bis zu diesem Tag ihr weißes Taufgewand getragen hätten. "Es wäre schön, wenn wir das im nächsten Jahr machen", regte er an – und fügte hinzu, in dieser Messe seien "so viele Neugetaufte da", dass man fast schon meinen könnte, es wären mehr "als der Rest der Versammlung. Fast, nicht so ganz. Das ist ein prophetisches Wort." Als er später die Neugetauften der Pfarrei in den Interzessionen des Hochgebets namentlich nannte, schien die Aufzählung schier kein Ende zu nehmen, ihm fielen immer noch ein paar Namen ein, die er vergessen hatte – am Ende waren es neun. – Ich weiß, ich habe es in den vergangenen Wochen schon mehrmals angemerkt, muss es aber noch einmal betonen: Die Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland gehört ganz entschieden zu jenen Orten, an denen man einen kleinen Teil jenes "Quiet Revival", von dem die medialen Sprachrohre des amtskirchlichen Establishments – allen voran häretisch.de – beharrlich in Zweifel zu ziehen versuchen, dass es das tatsächlich gibt, live miterleben kann, und ich finde das ausgesprochen spannend. 

St. Joseph Siemensstadt in österlichem Schmuck.

Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich auch und nicht zuletzt die Frage, was eigentlich konkret unternommen wird, um die Neugetauften und sonstigen Neuzugänge aktiv in die Gemeinde einzubinden. Eine Teilantwort auf diese Frage stellt der Infostand dar, der seit Anfang des Jahres einmal im Monat vor dem Kirchenportal aufgebaut wird und an dem für verschiedene Gruppen und Kreise der Gemeinde, vor allem aber für verschiedene Möglichkeiten der ehrenamtlichen Mitarbeit geworben wird; dazu gibt's belegte Brötchen sowie heiße und kalte Getränke vom Sozialdienst Katholischer Männer. Dieser Infotisch war auch an diesem Sonntag wieder am Start und stieß offenbar auf einiges Interesse. Unter anderem wurde ich zeitweilig in ein Gespräch zwischen dem Gemeindereferenten und einem jungen Mann aus Brasilien miteinbezogen, der sich nach Angeboten für Familien mit kleinen Kindern erkundigt hatte. Das fiel mir besonders deshalb auf, weil erst kürzlich – am Rande des jüngsten RKT in St. Stephanus – ein anderer Familienvater eine ähnliche Anfrage gestellt hatte. Das Beste wäre nun wohl – da bin ich mir mit dem Gemeindereferenten, wie ich glaube, im Grundsatz einig –, die interessierten Eltern dazu zu motivieren und darin zu unterstützen, ein entsprechendes Angebot selbst auf die Beine zu stellen. Man darf gespannt sein, wie die Dinge sich entwickeln. 

Aber noch einmal zurück zur Messe: Auch die Predigt hatte es wieder einmal in sich. Im Evangelium vom 2. Sonntag der Osterzeit hat der ungläubige Thomas seinen großen Auftritt, und wenn man sich so umschaut und umhört, kann man den Eindruck haben, dass viele Prediger sich darauf eingeschossen haben, an diesem Sonntag eine Art Lob des Zweifels zu verkünden, oder zumindest so etwas wie eine Rechtfertigung des Zweifels. Ich möchte mal unterstellen, sehr viel seltener wird an diesem Datum im Kirchenjahr über die biblische Grundlegung des Beichtsakraments gepredigt, obwohl die Perikope das auch hergibt ("Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert"). In der rund zwölf Minuten langen Predigt "unseres" Pfarrvikars klangen tatsächlich beide Aspekte an, aber der eigentliche Schwerpunkt dieser Predigt lag dann doch noch woanders. Was man leicht übersehen kann, wenn man sich allzu sehr auf die Gestalt des ungläubigen Thomas konzentriert, ist nämlich die Signifikanz des Umstands, dass Jesus eben gerade nicht diesem allein erscheint, sondern den versammelten Jüngern. Es handle sich, so betonte der Pfarrvikar, um "eine Erfahrung der gesamten Kirche, nicht nur eine Erfahrung von Einzelnen". Von dieser Feststellung ausgehend stellte er einen Bezug zwischen der im Evangelium geschilderten Erscheinung des Auferstandenen und der Liturgie der Heiligen Messe her: 

"Der normale Ort, wo Christus erscheint, ist die Gemeinschaft der Glaubenden. Wie macht Er das? Erstens durch das Wort. Im Wort Christi, das heißt im Wort der Lesungen, hörst du die Stimme Gottes. [...] Und das zweite ist, Seine Wunden zu berühren. Das ist das Sakrament. Dieses Brot wird gebrochen. Das zeigt uns, dass Christus Sein Leben hingegeben hat für uns, sich verwunden ließ, dass Er gestorben ist für uns. Warum hat Er das getan? Nicht um uns anzuklagen, sondern um uns zu sagen: Du bist mir so wichtig, dass ich dir mein Leben schenke." 


Auf der anderen Straßenseite 

Am vergangenen Montag gingen nicht nur nach zwei Wochen Osterferien Arbeit, Schule und KiTa wieder los, sondern am Abend fand außerdem das erste Treffen des Alpha-Kurses in der EFG The Rock Christuskirche in Haselhorst statt. Gleichzeitig fiel bei uns familienintern der reguläre "Omatag" aus, weil es am vorangegangenen Freitag einen "außerplanmäßigen Omatag" gegeben hatte. Mein indirekter Beitrag zum Alpha-Kurs bestand demnach darin, die Betreuung der Kinder – abzüglich der Zeit, die sie in der Schule resp. in der KiTa verbrachten – allein zu stemmen; dafür erwies es sich als hilfreich, dass das Tochterkind sich entschloss, außer der Reihe zum Kampfsporttraining zu gehen, und der Jüngste, in dessen Altersstufe montags kein Training stattfindet, einverstanden war, zum Zugucken mitzukommen. Insgesamt kriegten wir den Tag ganz gut rum. 

Der Alpha-Kurs-Abend sollte laut Ankündigung ungefähr bis 21 Uhr dauern; zu Hause war meine Liebste gegen dreiviertel Zehn. Wie sie verriet, war die erste Alpha-Kurs-Veranstaltung ausgesprochen gut besucht gewesen: Es waren rund doppelt so viele Leute gekommen, wie die Veranstalter erwartet hatten. Weiterhin merkte sie an, sie sei überrascht gewesen, wie sehr es schon gleich beim ersten Abend des Alpha-Kurses "ans Eingemachte" gegangen sei: Thema dieses Abends sei die Frage gewesen, ob es grundsätzlich sinnvoll sei, an einen Gott zu glauben, und meine Liebste meinte, die Art und Weise, wie dieses Thema angegangen worden sei, sei für Leute, die sich möglicherweise zum ersten Mal in ihrem Leben ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzten, doch recht herausfordernd gewesen. Das überraschte mich eher, denn ich hatte bisher immer gedacht, der Alpha-Kurs sei als niederschwelliges Angebot (aber im guten Sinne) angelegt. Da mag man sich jetzt fragen, ob es an den Leuten von der The Rock-Gemeinde liegt, dass sie "niederschwellig nicht können", oder ob das Konzept tatsächlich anspruchsvoller ist als ich es mir vorgestellt habe. Na, ich würde mal schätzen, dass die kommenden Wochen diesbezüglich noch weitere Erkenntnisse bringen werden. 


Nichts ist unmöglich – mit KiNC 

Aus der Predigt vom Sonntag möchte ich übrigens noch ein paar Sätze nachtragen, die mich aus einem besonderen Grund stark angesprochen haben: "Gott ist da und mit Ihm ist das Unmögliche möglich. Gruß des Engels an die Jungfrau Maria: Für Gott ist nichts unmöglich, und mit Gott zusammen ist nichts unmöglich." Ich empfand diese Sätze als eine sehr gute Einstimmung darauf, dass ich am Dienstagabend mit meiner Familie zu einer Veranstaltung in der Gemeinde auf dem Weg wollte, die unter dem Motto "Unmöglich ist keine Option" stand. Dabei muss ich allerdings gestehen, dass ich mir im Vorfeld gar keine großen Gedanken darüber gemacht hatte, was für eine Art von Veranstaltung das überhaupt sein sollte. Da angekündigt worden war, dass Ben Fitzgerald dabei wäre, den ich von der MEHR 2017 kannte, hatte ich mir im Wesentlichen einen Vortrag darunter vorgestellt und fand, auch der Titel lege das nahe. Dann hörte ich aber von meiner Liebsten, im Team-Chat des Alphakurses habe jemand angeboten, zwei "Konzertkarten" zu verschenken, und zwar just für dieses Event in der Gemeinde auf dem Weg am Dienstagabend. Das warf bei mir natürlich erst mal Fragen auf: Wieso Konzert, und wieso Karten verschenken? Kostet das etwa Eintritt? – Also zunächst einmal: Nein, Eintritt kostete die Veranstaltung nicht; man konnte (und sollte) zwar bei einem handelsüblichen Online-Ticketservice Eintrittskarten buchen, aber diese waren kostenlos. Was derweil den Charakter der Veranstaltung betraf, wurde diese auf der Veranstalter-Website als "Worshipnight" bezeichnet; dennoch spekulierte ich weiterhin darauf, dass Ben Fitzgerald oder sonst jemand mir im Rahmen dieses Events meine Rückenschmerzen wegbeten würde – aber dazu später. Für den musikalischen Teil des Programms sollte jedenfalls Timo Langner zuständig sein – ein Name, der mir zunächst gar nichts sagte, aber im Laufe des Dienstags machte ich mich kundig. Dabei stieß ich u.a. auf einen erst neulich, nämlich am 8. April, veröffentlichten Blogartikel über "Christliche Bands" – erschienen auf einem Blog namens "Dokumentieren gegen Rechts", der sich laut Selbstbeschreibung das Aufzeigen von "Strukturen und Vernetzungen von Abtreibungsgegner*innen, antifeministischen Gruppierungen, christlichen Fundis, Evangelikalen" usw. auf die Fahnen geschrieben hat. Meiner Wahrnehmung zufolge gehört "Dokumentieren gegen Rechts" zusammen mit "Fundi-Watch" zu denjenigen Ressourcen im Netz, die ein verschwörungstheoretisch verflachtes Verständnis des von Maria Hinsenkamp beschriebenen und benannten Phänomens KiNC ("Kingdom-minded Networking Christianity") vertreten, und davon ist auch der Artikel über "Christliche Bands" geprägt. Im Mittelpunkt des Interesses steht nicht die Musik als solche, sondern ihre Funktion im Rahmen der religiösen und evangelistischen Praxis charismatischer Gruppierungen: "[D]iese Bands/Künstler*innen haben einen großen Einfluss auf ein Festival/einen Gottesdienst als Event. Erweckung, die zelebriert wird, die emotionale Ergriffenheitszustände erzeugt, die eine gewöhnliche Predigt nicht erreichen kann." Als Beispiele erwähnt werden etwa die Gruppen O'Bros, Outbreakband und Koenige & Priester – und schließlich eben auch 

"Timo Langner, der seit 2008 die Lobpreisbewegung DMMK leitet und als Musiklehrer in seiner Gemeinde G5 arbeitet. G5 ist mittlerweile mit dem Verein 'Awakening Europe' verschmolzen. [...] In diesem Jahr wird der Künstler bei folgenden Gemeinden auftreten: LIGHTHOUSE EssenChristengemeinde FreiburgForum Hoffnung EFG Dresden, Gemeinde auf dem Weg Berlin, Neues Leben Augsburg, Awakening Church Nürnberg". 

Okay, gut zu wissen, dass die Veranstaltung, zu der ich mit meiner Familie zu gehen beabsichtigte, quasi unter Feindbeobachtung stand. – Aber mal im Ernst: Der zitierte Blogartikel ist in gewisser Hinsicht durchaus informativ, wenn man sich mal das unfreiwillig komisch anmutende Geraune darüber wegdenkt, wie schlimm und gefährlich das alles sei. Auf Bluesky, dem offiziellen Sozialen Netzwerk einer vermeintlich besseren Welt, wurde der Artikel bereits am 6. April häppchenweise vorveröffentlicht und erntete dort betroffene bis entsetzte Reaktionen, die sich mir absolut nicht erschließen. In meinen Augen hat die Art und Weise, wie das (zu Recht oder zu Unrecht so bezeichnete) "fundamentalistische" Christentum zum Feindbild im Kontext der allgemeinen "Gegen Rechts"-Hysterie gestempelt wird, etwas ausgesprochen Zirkelschlüssiges an sich: Findet man die Leute schlimm, weil sie schlimme Positionen vertreten, oder findet man die Positionen schlimm, weil sie von schlimmen Leuten vertreten werden? Ein echtes Chicken-Egg-Dilemma

Nun aber mal konkret zum Dienstagabend: Direkt nach dem Kampfsporttraining der Kinder machten wir uns auf den Weg zum "Rumpelberg" und ließen uns auch davon nicht verunsichern, dass die Kinder zunächst nicht sonderlich begeistert von unserem Plan für den Abend waren: Genauer gesagt erklärte der Jüngste geradeheraus, er wolle "da nicht hin", und die Große fügte etwas kleinlauter hinzu, sie habe "auch nicht so richtig Lust darauf". Ich darf aber schon mal verraten, dass am Ende doch beide Kinder ausgesprochen begeistert waren. Auf dem Weg zum Ort des Geschehens machten wir einen Zwischenstopp in der REWE-Snack-Ecke, da wir andernfalls kein Abendessen bekommen hätten. 

Man muss übrigens einräumen, dass schon die Anmoderationen – von einer Pastorin der Gemeinde auf dem Weg, einer Frau, die irgendwie zum Veranstalter-Team zu gehören schien, und schließlich von Timo Langner selbst – ganz guten Stoff für eine neue Enthüllungsreportage im Stil der "Hippen Missionare" geboten hätten; da war viel von geistigem Kampf die Rede, von der Waffenrüstung Gottes und davon, dass Berlin für den Aufbau des Reiches Gottes eine strategische Bedeutung habe. Teile des Publikums reagierten auf diese Ansprachen, dann aber auch und erst recht auf die Musik derart ekstatisch, dass ich es sicher befremflich gefunden hätte, wenn ich in den letzten Jahren nicht schon bei einigen charismatisch geprägten Events gewesen wäre; dazu gehörte etwa, dass einige Leute um mich herum in Zungen redeten, während andere in Tränen oder wahlweise in hysterisches Gelächter ausbrachen. 

Ein Blick ins Publikum: Von der Größenordnung her nicht mit der MEHR zu vergleichen, aber für Berlin-Tegel doch ganz beachtlich. 


Ben Fitzgerald war übrigens nicht da; im Nachhinein erfuhr ich, dass sein Flug ausgefallen war. Möglicherweise kann ich es auf seine Abwesenheit schieben, dass meine oben angedeutete Hoffnung, bei diesem Lobpreis-Event von meinen Rückenschmerzen geheilt zu werden, sich nur so halb erfüllte: Immerhin besserten sich meine Beschwerden so weit, dass ich mich in der Lage fühlte, meinen Jüngsten zur Musik durch die Luft zu schwenken, aber ich glaube, als Wunderheilung geht das noch nicht durch. – Ein besonders intensiver Moment des Abends war es, als der Schlagzeuger der Band, ein Australier, aus seinem Käfig herauskam und zum Publikum sprach: Er sei an diesem Morgen auf einen Bibelvers aufmerksam geworden, der ihm als ein prophetisches Wort erschienen sei, nämlich Josua 3,3f.
"Wenn ihr die Bundeslade des HERRN, eures Gottes, seht und die levitischen Priester, die sie tragen, dann sollt auch ihr von der Stelle, wo ihr seid, aufbrechen und ihr folgen [...]. So werdet ihr wissen, welchen Weg ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg ja früher noch nie gegangen." 

Er habe, so führte der Schlagzeuger aus, in diesem Vers die Verheißung erkannt, dass Gott die Kirche von Berlin auf Wege führen wolle, die sie bisher noch nicht gegangen sei. Dies untermauerte er mit Querverweisen auf verschiedene andere Bibelstellen, die ich mir auf die Schnelle nicht alle merken konnte, und richtete dann an das Publikum den Aufruf, wer sich berufen fühle, an diesem Aufbruch zu neuen Ufern mitzuwirken, der solle nach vorn kommen und für sich beten lassen, um für diese Aufgabe mit Heiligem Geist erfüllt zu werden. Auf diese Aufforderung hin bewegte ich mich wie an unsichtbaren Fäden gezogen in Richtung Bühnenrand und ging dort auf die Knie. – Ich will nun nicht unbedingt behaupten, dass ich mich während des nun folgenden Gebetes auf besonders spektakuläre Weise vom Heiligen Geist erfüllt gefühlt hätte; aber Gefühl ist nun mal (Fausts Antwort auf die Gretchenfrage zum Trotz) nicht alles, und andere für sich beten zu lassen kann auf keinen Fall schaden.

Auf dem Heimweg teilte meine achtjährige Tochter mir mit, sie habe im Laufe der Veranstaltung "dreimal still das Vaterunser gebetet, und danach jeweils ein Gegrüßet seist du, Maria". Fand ich sehr beachtlich, wenngleich ich den Gedanken nicht ganz unterdrücken konnte, dass es im Publikum bestimmt auch Leute gab, die auf das letztere Gebet nicht so positiv reagiert hätten. Ich selbst trug – nicht ganz zufällig und nicht ganz absichtlich – mein "Catholic Church"-T-Shirt und hatte ein paarmal das Gefühl, deswegen komisch angeguckt zu werden.


Währenddessen in Tegel

Am vergangenen Samstag, kurz vor der Fertigstellung von Utopie und Alltag Nr. 20, erhielt ich eine unerwartete eMail von einer alten Bekannten aus der Gemeinde von Herz Jesu Tegel – einer Frau, mit der meine Liebste und ich in unserer aktiven Zeit in dieser Gemeinde relativ viel Kontakt hatten und die in der Gemeinde einerseits recht aktiv ist, andererseits einen gewissen Außenseiterstatus hat, nicht zuletzt dank einer etwas charismatischer ausgerichteten Frömmigkeit, als sie in dieser Gemeinde sonst üblich ist. (Kaum habe ich dies geschrieben, fällt mir auf, dass diese Beschreibung auf mindestens drei ansonsten sehr verschiedene Frauen aus dieser Gemeinde zutrifft; daher verzichte ich mal auf eine genauere Beschreibung, um offen zu lassen, um welche von diesen es sich handelt.) Nun, jedenfalls teilte sie mir mit, sie denke darüber nach, bei den in diesem Jahr anstehenden Gremienwahlen für den Gemeinderat von Herz Jesu und/oder den Pfarreirat von St. Klara zu kandidieren – und fragte im selben Atemzug an, ob ich mir vorstellen könne, dasselbe zu tun. Im ersten Moment musste ich mir das Lachen verkneifen bei der Vorstellung, was der Pfarrer wohl für ein Gesicht machen würde, wenn ich meine Kandidatur anmeldete. Aber allein dafür ist es mir die Sache dann ehrlich gesagt doch nicht wert. Obwohl, auch das soll nicht unerwähnt bleiben, meine Liebste und ich erst vor einigen Wochen einen Brief vom Erzbischof erhalten haben, in dem er uns nahelegte, eine Kandidatur für die anstehenden Gremienwahlen in Erwägung zu ziehen.

Die Mail unserer Bekannten aus der Gemeinde Herz Jesu enthielt aber noch weitere interessante Punkte, darunter Neuigkeiten aus der zur benachbarten Großpfarrei St. Franziskus Reinickendorf-Nord gehörenden Gemeinde St. Martin im Märkischen Viertel – dazu vielleicht ein andermal mehr –, vor allem aber den Vorschlag bzw. die Idee, in Herz Jesu Tegel einen Alpha-Kurs zu veranstalten. Da wurde ich natürlich hellhörig; dass sie anregte, für dieses Vorhaben Pater Brody mit ins Boot zu holen, schien mir erst mal nicht so naheliegend, aber andererseits: Wenn man einen der Geistlichen dieser Pfarrei in das Projekt einbeziehen möchte, wer käme denn wohl sonst in Frage? (Theoretisch wäre in der Pfarrei St. Klara ja seit ca. Anfang des Jahres eine Stelle für einen Kaplan oder Pfarrvikar frei; bin ja mal gespannt, wann die besetzt wird und mit wem, aber das ist eigentlich ein Thema für sich.)

Jedenfalls fand ich diese Mail im Ganzen so spannend, dass ich der Verfasserin umgehend ein persönliches Treffen vorschlug. Wir verabredeten uns für Mittwoch vormittag, Treffpunkt: in der Herz-Jesu-Kirche. Kam mir herrlich konspirativ vor. 

Wir eröffneten unsere Unterredung mit einem gemeinsamen Gebet vor der Herz-Jesu-Statue in der Kirche, dann setzten wir uns in den "Christophorus-Raum" im Gemeindehaus, für das meine Gesprächspartnerin nämlich einen Schlüssel hat (ich glaube, auch dieses Detail grenzt den Kreis der Verdächtigen nicht weiter ein). – Dem konspirativen Charakter des Gesprächs entsprechend, werde ich hier über den Inhalt keine Details verraten, immerhin aber ein paar Grundlinien skizzieren; ich gehe davon aus, dass die Themen dieses Gesprächs mich auch zukünftig noch beschäftigen werden, hier im Blog und auch darüber hinaus. – Der grundsätzliche Befund lautet, um uns herum mehren sich die Hoffnungszeichen für einen geistlichen Aufbruch, aber die Pfarrei St. Klara droht diese Bewegung komplett zu verpennen oder sogar Samenkörner plattzutreten, ehe sie aufgehen können. Dabei hat gerade der Standort Herz Jesu Tegel eigentlich großes Potential, schon allein dank der offenen Kirche, die meiner Beobachtung zufolge durchaus stark frequentiert wird (vgl. dazu meine Podcast-Folge vom 18. Februar). Aber darauf, die Leute, die da hinkommen – zum stillen Gebet, zur Besinnung oder wie immer sie ihre Motivation selbst beschreiben würden –, irgendwie "abzuholen", wie es im pastoraltheologischen Jargon doch so gern heißt, ist die Gemeinde überhaupt nicht eingestellt. Und selbst wenn Leute von sich aus auf die Idee kämen, mal zu gucken, was die Gemeinde über die offene Kirche hinaus so zu bieten hat, würden sie nicht viel finden, was man als gesunde geistliche Nahrung bezeichnen könnte; dafür aber umso mehr, was geeignet wäre, ein eben erst erwachtes Interesse am christlichen Glauben nachhaltig wieder einzuschläfern. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass das nicht allein dem Pfarrer anzulasten ist, aber er hat natürlich seinen Anteil daran. Fest steht jedenfalls, dass sich in dieser Gemeinde eine Menge ändern müsste, wenn sie noch eine Zukunft haben soll; dieser Meinung war ich ja im Prinzip vor Jahren schon, aber in den letzten Jahren hat sich die Situation offenkundig nicht gerade verbessert

Die Frage, inwieweit ich selbst willens und in der Lage sein werde, mich (wieder) in der Gemeinde von Herz Jesu Tegel bzw. in der Pfarrei St. Klara zu engagieren, wird natürlich nicht unabhängig davon zu beantworten sein, wie es mit meinem Ausbildungsweg zum Gemeindereferenten weitergeht; ich schätze, ich sollte mich hüten, mir zu viele Baustellen auf einmal aufzuladen. Aber eine gewisse Verantwortung dafür, die Dinge in meiner Wohnortpfarrei nicht einfach "laufen zu lassen", spüre ich eben doch. Die Frage nach einer Kandidatur für den Gemeinde- und/oder Pfarreirat (eigentlich wollte ich so etwas ja nie wieder machen) ist da erst mal nicht vorrangig, die Wahlen sind ja erst Mitte November und um eine Kandidatur anzumelden, hat man bis zwei Monate vor der Wahl Zeit. Viel interessanter ist einstweilen die Frage, was man sonst tun könnte, und da ist das Stichwort Alpha-Kurs auf jeden Fall eines, das man im Auge behalten sollte. Auch mit Blick darauf, welche Erfahrungen meine Liebste im Laufe der nächsten Wochen in diesem Bereich noch sammeln wird. Mit meiner Gesprächspartnerin vom Mittwoch bleibe ich in dieser Angelegenheit jedenfalls in Verbindung. 

Update Bibelleseplan 

Ich freue mich, zu Protokoll geben zu können, dass ich mit der Mission "Altes Testament in einem Jahr" weiterhin auf Kurs bin – was übrigens beinhaltet, dass ich in der Abteilung "Geschichtsbücher" jetzt im gefürchteten Buch Leviticus angekommen bin. Die Psalmen habe ich fast zur Hälfte durch, und in der Abteilung "Weisheitsliteratur" habe ich bereits ganze drei Bücher geschafft, die im Bibelleseplan der EFG The Rock Christuskirche überhaupt nicht vorkommen – darunter zuletzt eines, das in vielen protestantischen Bibelausgaben gar nicht enthalten ist, nämlich das Buch der Weisheit. Soweit ich es dem ERF Bibleserver entnehmen konnte, gibt es dieses Buch außer in der katholischen Einheitsübersetzung auch in der Lutherbibel, der Menge-Bibel und, zu meiner Überraschung, auch in der Gute Nachricht Bibel; dasselbe gilt für das Buch Jesus Sirach, das ich als nächstes auf dem Zettel habe. Und dann bin ich mit der Weisheitsliteratur durch und kann mich den Großen Propheten widmen – die im The Rock-Bibelleseplan aus unerfindlichen Gründen ebenfalls nicht vorkommen... 


Geistlicher Impuls der Woche 

Frucht der vom Evangelium bewirkten Umkehr ist die Heiligkeit vieler Männer und Frauen unserer Zeit. Das gilt nicht nur für diejenigen, die von der Kirche offiziell zu Heiligen erklärt worden sind, sondern auch für jene, die mit Bescheidenheit im Alltag ihres Daseins von ihrer Treue zu Christus Zeugnis gegeben haben. Wie sollte man nicht an die unzähligen Söhne und Töchter der Kirche denken, die im Laufe der Geschichte des europäischen Kontinentes in der Verborgenheit des Familien- und Berufslebens eine hochherzige und glaubwürdige Heiligkeit gelebt haben? Sie alle haben, als lebendige Steine mit Christus, dem Eckstein, verbunden, Europa als geistiges und moralisches Bauwerk errichtet und den Nachkommen das kostbare Erbe hinterlassen. Jesus, der Herr, hatte es versprochen: "Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater" (Joh 14,12). Die Heiligen sind der lebendige Beweis dafür, dass dieses Versprechen in Erfüllung geht, und sie machen Mut zu glauben, dass das auch in den schwierigsten Stunden der Geschichte möglich ist. 

(Johannes Paul II., Nachsynodales Schreiben Ecclesia in Europa, Nr. 14) 

Ohrwurm der Woche 

Timo Langner: Ein Gott. Der das Meer teilt 


Nach dem eindrucksvollen Lobpreisabend am Dienstag hat Timo Langner es, wie ich finde, einfach verdient, dass er mit einem der Lieder, die er da gespielt hat, in der Rubrik Ohrwurm der Woche gewürdigt wird; und nicht von ungefähr ist meine Wahl auf das Lied gefallen, aus dessen Text der Titel der Tournee, Langners drittem Lobpreis-Album und seiner im vorigen Jahr erschienenen Autobiographie entlehnt ist. An der Aufnahme haben übrigens u.a. Veronika Lohmer sowie Markus und Joy Fackler vom Gebetshaus Augsburg mitgewirkt, die auch im Video zu sehen sind; gleichwohl muss ich sagen, live ist die Nummer noch um einiges mitreißender. – Wer sich übrigens dafür interessiert, was für Musik Langner gemacht hat, bevor er eine Bibelschule in Neuseeland besuchte und sich fortan dem Lobpreis widmete, kann sich ja mal seinen gut 20 Jahre alten Song "Umlaufbahn" – seinerzeit immerhin Platz 48 in den deutschen Single-Charts – anhören. Eigentümliche Mischung aus Schlager und Alternative Rock, würde ich dazu sagen; erinnert ein bisschen an "MMMBop" von Hanson und ist somit nicht direkt schlecht, aber man wird wohl nicht bestreiten wollen, dass Langner seither musikalisch wie auch persönlich gereift ist. 


Vorschau/Ausblick 

Dass ich in der zurückliegenden Woche praktisch ständig in action war, hat auch zur Folge, dass in diesem Wochenbriefing gar nicht genug Platz war, um über alles zu berichten, was ich so gemacht habe. Heute zum Beispiel habe ich den Großteil des Tages bei einem Männereinkehrtag im Kloster Neuzelle verbracht, und das ist auch der Grund, dass dieses Wochenbriefing mit etwas Verspätung online gegangen ist; inhaltlich werde ich im nächsten Wochenbriefing auf diesen Einkehrtag zurückkommen. Oben nicht erwähnt habe ich das JAM am Mittwoch – vielleicht wird es darüber nächste Woche wieder mehr zu berichten geben – sowie das Vorbereitungstreffen zum letzten Kinderwortgottesdienst vor der Erstkommunion in St. Joseph Siemensstadt, der am morgigen 3. Sonntag der Osterzeit ansteht. Darauf gedenke ich im nächsten Wochenbriefing zu sprechen zu kommen, wenn wir den KiWoGo hoffentlich gut über die Bühne gebracht haben werden. – Am Montag geht der Alpha-Kurs in Haselhorst in die zweite Runde, was für mich bedeutet, dass ich die Aufgabe, die Kinder ins Bett zu bringen, erneut allein werde bewältigen müssen. Unsere Große wird, sofern wir das zeitlich hinkriegen, in der kommenden Woche wohl ein paar zusätzliche Trainingsstunden beim Kampfsport einlegen, um, auf Wunsch ihres Trainers, schon möglichst bald zu ihrer ersten Gürtelprüfung antreten zu können; das könnte eventuell ein Anlass sein, mal den angedachten Artikel zum Thema "Was Kampfsport und Pfadfinderei uns für die Kinderkatechese lehren könnten" in Angriff zu nehmen. Neues von den Pfadfindern dürfte es demnächst auch mal wieder geben; im Übrigen hat mein Jüngster den Wunsch angemeldet, "mal wieder einen längeren Ausflug" mit mir zu unternehmen, aber an welchem Tag der Woche wir das machen werden, steht noch nicht fest. Es bleibt also spannend! 


Freitag, 17. April 2026

Vorlesestoff spezial: Indianerbücher

Zum Gedenktag der Hl. Kateri Tekakwitha 

"Deutscher sein, hieß auch Indianer sein... wir waren ja mit Indianerbüchern aufgewachsen". Diese Sätze stammen von keinem Geringeren als Heiner Müller (1929-1995), den Tante Wikipedia als "eine[n] der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" und eine der "bedeutendsten Schriftstellerpersönlichkeiten der DDR" rühmt; und ich kann nur sagen, auf meine Generation traf das noch weitgehend zu. Vor Jahren habe ich mal in einem Artikel zum Thema "was ich als Kind so alles gelesen habe" ein bisschen selbstironisch überspitzt behauptet, es koste mich "[b]is heute [...] Überwindung, Bücher lesen zu sollen, in denen weder Indianer noch Piraten noch Außerirdische vorkommen" ("Aber die gute Nachricht ist: Zu einer Promotion in Germanistik hat es auch so gelangt"); dort habe ich auch zu Protokoll gegeben, dass ich in meiner Kindheit und frühen Jugend "bestimmt so um die 20 bis 30 Bände Karl May" gelesen habe, und wenngleich das natürlich nicht alles Indianerbücher waren, machten diese doch einen bedeutenden Teil aus. – Wenn ich mir indes die Lektürevorlieben heutiger Kinder und Heranwachsenden ansehe, drängt sich mir doch massiv der Eindruck auf, dass Drachenreiter, paranormal begabte Waisenkinder und alle möglichen Arten von Gestaltwandlern den edlen Rothäuten von einst entschieden den Rang abgelaufen haben. 

‐- Wer an dieser Stelle den Zusatz "sofern Kinder heutzutage überhaupt noch lesen" erwartet, dem sei gesagt, dass ich diese spezielle Spielart von Kulturpessimismus nicht teile. Die Klage darüber, dass "die Kinder heutzutage" angeblich nicht mehr lesen, ist meiner Einschätzung zufolge nur wenig jünger als die, dass sie zu viel lesen, und mit beidem ist in aller Regel nur gemeint, dass sie das Falsche lesen. Das war in meiner Kindheit so, in der Kindheit meiner Eltern und wahrscheinlich auch schon in Heiner Müllers Kindheit. Tatsache ist, es gibt heute genauso wie früher Kinder, die viel lesen, und Kinder, die wenig (oder vielleicht auch, zumindest freiwillig und aus eigenem Antrieb, gar nicht) lesen. Das ist nicht in erster Linie ein Zeitphänomen; 's war immer so, 's war immer so. 

Da aber mein Jüngster mit seinen fünf Jahren noch nicht selber liest und auch die Achtjährige sich zum Schlafengehen immer noch gern vorlesen lässt, habe ich natürlich einen gewissen Einfluss auf den Lesestoff meiner Kinder und unternehme von Zeit zu Zeit behutsame Versuche, meine eigenen Lektürevorlieben sozusagen auf sie abfärben zu lassen. Mit Karl May bin ich ihnen bisher allerdings noch nicht gekommen, das hat vielleicht noch ein bisschen Zeit. Wenn ich mich richtig erinnere, war das erste Indianerbuch, das ich meinen Kindern vorgelesen habe, "Der Clan des Bären" von William Mayne – bitte nicht verwechseln mit Jean M. Auels Steinzeit-Softporno "Ayla und der Clan des Bären"! –, das meine Liebste mit in die Ehe gebracht hat. Maynes Buch (Originaltitel "Drift", erstmals erschienen 1985) hat mit klassischen Lederstrumpf- oder Winnetou-Abenteuer wenig gemein; es erzählt die Geschichte eines weißen Jungen, der gemeinsam mit einem Indianermädchen auf einer Eisscholle von seinem Zuhause weggetrieben wird, in der Wildnis von zwei erwachsenen Indianerinnen aufgelesen und nach einer gefahrvollen und entbehrungsreichen Wanderung schließlich nach Hause zurückgebracht wird. Das Bemerkenswerteste an diesem Buch ist seine Erzählstruktur: Zunächst wird die Handlung aus Sicht des weißen Jungen geschildert, und erst an dem Punkt, an dem man meinen könnte, das Buch könnte jetzt zu Ende sein, wird die Perspektive des zwischenzeitlich totgeglaubten Indianermädchens nachgeliefert – wodurch der Junge sich als "unzuverlässiger Erzähler" herausstellt, der entscheidende Teile der Handlung nicht mitbekommen oder falsch verstanden hat. Trotz dieses raffinierten "Twists" ist die Handlung des Buches über weite Strecken spröde, zäh und teilweise geradezu deprimierend, und es wundert mich nicht unbedingt, dass die Lektüre meine Kinder nicht unmittelbar zu Fans des Genres "Indianerbücher" gemacht hat. 

Neulich war uns allerdings – nachdem wir zuerst die Reihe "Die geheime Drachenschule" und dann auch die "Harry Potter"-Reihe zu Ende gelesen hatten – der aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Stadtteilbibliothek ausgeliehene Lesestoff vorübergehend ausgegangen, was uns veranlasste, erst mal zu schauen, was unsere eigenen Bestände noch so hergaben. Und da fiel nun die Wahl unserer Kinder unter mehreren Vorschlägen auf Anna Jürgens "Blauvogel, Wahlsohn der Irokesen" – neben Liselotte Welskopf-Henrichs "Die Söhne der Großen Bärin" wohl der klassische Indianerroman der DDR; dazu sei erwähnt, dass die spezifische DDR-Variante der Indianerthematik in Literatur und Film ein Spezialthema meines geschätzten Hochschullehrers Thomas Kramer ist, von dem ich einiges darüber gelernt habe, aber selbst gelesen hatte ich die entsprechenden Primärtexte bisher nie, und folgerichtig war ich nun auch sehr gespannt. Ich glaube übrigens, dass es vor allem unser Jüngster war, der es durchsetzte, "Blauvogel" auf die Leseliste zu setzen, aber letztlich gefiel das Buch dem Tochterkind besser als ihm. Wie das Leben manchmal so spielt. 

Die Handlung von "Blauvogel" ist vor dem historischen Hintergrund des in der US-amerikanischen Geschichtsschreibung als French and Indian War bezeichneten, aus europäischer Perspektive als Teilkonflikt des Siebenjährigen Krieges betrachteten Kolonialkriegs zwischen Engländern und Franzosen in Nordamerika von 1754-63 angesiedelt: Der neunjährige Sohn einer englischen Siedlerfamilie in Pennsylvania gerät auf einer Kundschaftermission in die Gefangenschaft von Indianern; statt jedoch, wie er befürchtet, am Marterpfahl hingerichtet zu werden, wird er von einem Häuptling der Irokesen als Ersatz für dessen verstorbenen Sohn adoptiert. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten (und einem Fluchtversuch) lebt er sich doch recht bald so gut bei den Irokesen ein, dass er, als nach dem Ende des Krieges die siegreichen Engländer von den Indianern die Auslieferung aller weißen Gefangenen fordern, gar nicht mehr zurück will. Als er dennoch zu seiner Familie zurückgebracht wird, zeigt sich, dass die Lebensweise der Weißen ihm zutiefst fremd geworden ist; daher läuft er schließlich davon und kehrt zu den Irokesen zurück. Im Nachwort betont die Autorin, dass es – auch wenn die Romanhandlung in den konkreten Einzelheiten fiktiv sei – ähnliche Fälle tatsächlich gegeben habe. 

Ich denke, man kann getrost sagen, dass die Stärke von "Blauvogel" weniger in einer mitreißenden Handlung liegt als in der Darstellung der Charakterentwicklung der Hauptfigur: Wie aus dem weißen Siedlerjungen nach und nach ein Indianer wird, das schildert die Autorin geschickt und überzeugend, und das macht das Buch auch zu einer emotional fesselnden und bewegenden Lektüre. – Jedenfalls veranlasste mich dieses Leseerlebnis, nicht in unmittelbarem Anschluss daran, aber doch ziemlich bald danach ein Buch aus dem Regal hervorzukramen, das vor ein paar Jahren als Spende für das Büchereiprojekt in meinen Besitz gelangt war: "Das Mädchen der Mohawks" von Franz Weiser – eine in Romanform gestaltete Biographie der Hl. Kateri Tekakwitha. Die Handlung spielt zwar rund ein Jahrhundert früher als diejenige von "Blauvogel" und um die 800 km weiter nordöstlich, aber immerhin auch bei den Irokesen, wodurch sich so allerlei Parallelen ergeben – was auch den Kindern aufgefallen ist. Was man aus den beiden Büchern etwa über die Bauweise und Einrichtung der Häuser der Irokesen, ihre Familienstruktur, über Feldbau, Jagd, Essenszubereitung usw. erfährt, stimmt nicht in allen Einzelheiten überein, weist aber ein hohes Maß an Übereinstimmung auf – was indes weniger auf gegenseitige Beeinflussung schließen lässt ("Blauvogel" erschien erstmals 1950, "Das Mädchen der Mohawks" 1970) als darauf, dass beide Autoren Geschichte und Kultur der Irokesen gründlich recheriert haben: Die "Blauvogel"-Verfasserin Anna Jürgen, bürgerlich Anna Müller-Tannewitz, war verheiratet mit dem Ethnologen Werner Müller, der umfangreiche Forschungen zur Kultur und Mythologie der nordamerikanischen Indianer betrieb; und Franz Weiser, ein Jesuitenpater, war 1938 von seinem Orden in die USA entsandt worden, um dort die Geschichte der jesuitischen Missionstätigkeit in Nordamerika zu studieren. 

Wo sich die beiden Bücher in ihrer Darstellung der Lebensweise der Indianer auffallend unterscheiden, hat dies in hohem Maße weltanschauliche Gründe. Dabei ist der ideologische Standpunkt von "Blauvogel" durchaus nicht so eindeutig, wie man das als ignoranter Wessi vielleicht von DDR-Literatur erwarten würde: Sicherlich kann man sagen, dass das positive Indianerbild in der DDR antiimperialistisch und antikapitalistisch motiviert war, und wohl auch, dass damit weltpolitisch gegen die USA Stimmung gemacht wurde (die es zur Handlungszeit von "Blauvogel" freilich noch nicht gab, aber der French and Indian War gehört durchaus in den Kontext ihrer Gründungs-Vorgeschichte). Andererseits zeigt sich in der "agrarromantischen" Idealisierung der im Einklang mit der Natur lebenden Indianer, denen die die Natur lediglich unter Nützlichkeitsgesichtspunkten betrachtenden und ausbeutenden weißen Siedler als Negativfolie gegenübergestellt wird, ein antizivilisatorischer Affekt, der sich kaum mit dem technokratischen Fortschrittskonzept des real existierenden Sozialismus vertragen haben dürfte. Ich könnte mir vorstellen, dass mein schon erwähnter Hochschullehrer Thomas Kramer zu diesen Ambivalenzen im Indianerbild der DDR-Populärkultur so allerlei anzumerken hätte. 

Dass die Indianer bei Franz Weiser erheblich weniger idealisiert dargestellt werden, erklärt sich wesentlich durch die Absicht des Autors, zu zeigen, dass die Indianer zu ihrem Heil der christlichen Mission bedürfen. Stellenweise zeigt er sich durchaus offen für das Argument, manches Schlechte, das man bei den Indianern finde, sei auf schlechten Einfluss der Weißen zurückzuführen; so etwa ihr Hang zur Trunksucht, der dadurch gefördert werde, dass die Holländer den Irokesen Schnaps verkaufen. In der Hauptsache bringt Weiser jedoch alles, was er an der Lebensweise der Irokesen kritisiert, mit ihrem heidnischen Götzendienst in Verbindung – die Trunksucht ebenso wie die grausame Hinrichtung von Gefangenen am Marterpfahl (die er als Menschenopfer für den Kriegsgott Areskoi erklärt) und sexuelle Ausschweifungen, von denen allerdings aus Rücksicht auf das jugendliche Lesepublikum nur andeutungsweise die Rede ist. – In "Blauvogel" spielt das Christentum nur ganz am Rande eine Rolle, aber interessant sind diese beiläufigen Erwähnungen doch. So spielt ein Indianermädchen namens Malia eine wichtige Rolle als Adoptivschwester des Protagonisten, der irgendwann einmal auf die Idee kommt, sich über ihren Namen zu wundern, der so ganz anders ist als die Namen der anderen Stammesmitglieder und offenbar nicht aus der Irokesensprache stammt; daraufhin erfährt er (und mit ihm der Leser), ein "Schwarzrock" habe dem Mädchen Wasser über den Kopf gegossen und ihm den Namen Malia gegeben – eigentlich "Maria", aber die Irokesen können das R nicht richtig aussprechen. Kurz vor Ende des Romans, im Zuge der zeitweiligen (erzwungenen) Rückkehr des Protagonisten zu den Weißen, gibt es eine Passage, in der der Pfarrer von Bedford bestürzt feststellt, dass der Junge seine christliche Erziehung fast vollständig vergessen und die Naturreligion der Irokesen angenommen hat. 

Im Unterschied dazu gibt es im Handlungskosmos von Franz Weisers "Das Mädchen der Mohawks" von Anfang an christliche Indianer, die entweder als Sklaven bei den heidnischen Irokesen leben oder in den Stamm eingeheiratet haben und die unbeirrbar an ihrem Glauben festhalten, auch wenn sie jahrelang keinen Priester zu sehen bekommen und die Sakramente nicht empfangen können; und die "Schwarzröcke" – womit hier explizit Jesuiten gemeint sind – erwerben sich durch ihre Weisheit, ihre Tapferkeit, Opferbereitschaft und Integrität den Respekt selbst der eingefleischtesten Heiden. 

Sprachlich sind beide Bücher, zum Teil schon durch ihr Alter, durchaus anspruchsvoll für heutige Kinder, "Das Mädchen der Mohawks" allerdings noch mehr als "Blauvogel"; auch der religiöse Gehalt macht Weisers Buch nicht gerade zu einer locker-leichten Lektüre. Umso bemerkenswerter fand ich es, dass meine achtjährige Tochter recht bald eine innige Zuneigung zur Protagonistin fasste. Als wir ans Ende der Lebensgeschichte der Hl. Kateri Tekakwitha gelangt waren, fragte das Tochterkind sogar, ob wir mal den Reliquienschrein der Heiligen besuchen könnten (der sich in Kahnawaka, einer Mohawk-Reservation am Rande von Montreal, befindet) – was wohl ein klassischer Fall von "theoretisch ja, aber ist halt 'ne Kostenfrage" ist. Gleich darauf fiel es dem Tochterkind ein, zu fragen, ob es vielleicht eine Novene zur Hl. Kateri Tekakwitha gebe. Die gibt's tatsächlich, aber online fand ich sie nur auf Englisch, und außerdem war es eigentlich schon zwei Tage zu spät, um damit anzufangen. Immerhin fand ich ein etwas unbeholfen ins Deutsche übersetztes Gebet zur Hl. Kateri, das wir an diesem Abend anstelle unseres üblichen Gutenachtgebets beteten. 

Angesichts des unerwartet großen Erfolgs des "Mädchens der Mohawk" bei meinen Kindern darf man es wohl als recht erfreulich betrachten, dass ich noch ein paar weitere Bücher mit Indianergeschichten von Franz Weiser im Regal stehen habe – ein Umstand, der ebenfalls dem Büchereiprojekt zu verdanken ist: Ich habe da mal einen ganzen Karton mit vom Freundeskreis Maria Goretti herausgegebenen Taschenbüchern zugesandt bekommen, und unter diesen finden sich Weisers Erzählungen "Watomika, der letzte Häuptling der Delawaren", "Ekom, der Schwarzrock" (über den Hl. Jean de Brébeuf) und "In den Bergen von Montana" (über den Missionar Pieter-Jan de Smet). Die werden dann wohl auch demnächst mal auf unserer Leseliste landen. Erst mal lesen wir jetzt aber ganz was anderes, nämlich ein DDR-Jugendbuch, das mir unlängst in einem Tausch- bzw. Verschenkeregal in die Hände gefallen ist: "Trampen nach Norden" von Gerhard Holtz-Baumert, der wohl hauptsächlich als Schöpfer der klassischen Lausbubenfigur Alfons Zitterbacke bekannt sein dürfte. In "Trampen nach Norden" – erschienen 1975, zwei Jahre später fürs DDR-Fernsehen verfilmt – geht es inhaltlich und stilistisch anders zu als in den Zitterbacke-Geschichten, aber interessant und unterhaltsam ist das Buch allemal; es erscheint durchaus möglich, dass ich auch darüber noch bloggen werde... 


Mittwoch, 15. April 2026

Im Herzen immer noch #kindergartenfrei

Wie ich unlängst erwähnt habe, hatte unser Jüngster am Tag vor seinem 5. Geburtstag einen an sich eher banalen Streit mit einem langjährigen Freund und Spielkameraden unserer Kinder, der infolge des Eingreifens der Mutter dieses Jungen in groteskem Ausmaß eskalierte. Das, was an diesem Streit "privat" ist, habe ich nicht vor hier breitzutreten, zumal ich ja gar nicht live dabei war; allerdings habe ich den Eindruck, dass in diesem Konflikt untergründig Motive eine Rolle spielen, die über den konkreten Fall hinaus relevant und kommentarwürdig sind. Und dazu möchte ich ein paar Gedanken festhalten – ohne dabei mehr als unbedingt nötig auf persönliche Details einzugehen. 

Erwähnt hatte ich ja bereits, dass wir den Jungen, mit dem mein Sohn sich beim gemeinsamen Spielen mit einer Autorennbahn in die Haare gekriegt hat, und seine Mutter über das #kindergartenfrei-Netzwerk kennengelernt haben; und in diesem Zusammenhang habe ich auch angedeutet, dass ich den Eindruck habe, sie nehme es uns in gewisser Weise übel, dass unser Sohn seit einiger Zeit doch in die KiTa geht. Diese Vermutung wurde genährt durch zwei Bemerkungen der Mutter, mit denen sie die Versuche meiner Liebsten, den Streit zu schlichten, abschmetterte. Die eine dieser Äußerungen war vergleichsweise trivial: Unser Knabe glaube wohl, da er in der KiTa neue Freunde gefunden habe, brauche er seine bisherigen Freunde nicht mehr. Mehr zu sagen wäre zu der Unterstellung, unser Sohn würde in der KiTa lernen zu lügen und/oder zu erwarten, dass man sich für Dinge entschuldigt, die man gar nicht getan hat, um nur keinen Ärger zu kriegen. 

Lassen wir das vorläufig mal im Raum stehen und halten zunächst einmal fest, dass meine Liebste, die der Streit ziemlich mitgenommen hatte, ein paar Tage später einer anderen Freundin davon erzählte – die ebenfalls einen fünfjährigen Sohn hat, diesen aber so früh wie möglich hat in die KiTa gehen lassen, um schnell wieder arbeiten gehen zu können. So hatte es wohl eine gewisse Folgerichtigkeit, dass diese Freundin – offenbar in der Absicht, meiner Liebsten zu signalisieren, sie sei auf ihrer Seite – vor allem über die radikale #kindergartenfrei-Gesinnung der anderen Mutter herzog: was die ihrem Kind alles vorenthalte an Möglichkeiten zum sozialen Lernen, da müsse man sich ja nicht wundern, wenn das Kind egoistisch, weinerlich und nicht konfliktfähig würde, und obendrein liege sie ja noch der Gesellschaft auf der Tasche, indem sie sich in Vollzeit um ihr Kind kümmere, statt arbeiten zu gehen. 

Und da dachte ich mir auf einmal: Bei allem Ärger über die besagte andere Mutter stehe ich ihr von der grundsätzlichen Einstellung her doch immer noch näher als dieser hier. 

Und damit bin ich beim zentralen Thema dieses Artikels. Ich habe es schon früher festgestellt: #kindergartenfrei zu leben, sich in der #kindergartenfrei-Community zu bewegen, ist eine Gratwanderung. Die Impfgegner und Esoteriker, die Sabine Rennefanz einst in der Berliner Zeitung als kennzeichnend für die #kindergartenfrei-Szene herausgestellt hat: die gibt es. (Von den fundamentalistischen Christen, die man uns in diesem Zusammenhang ebenfalls versprochen hat, haben wir hingegen weniger getroffen als uns lieb gewesen wäre; mag an Berlin liegen.) Extrem klammernde Muttis, die man schon nicht mal "Helikoptereltern" nennen kann, weil ein Helikopter ihnen schon zu weit weg wäre: die gibt es auch. Das alles ändert jedoch nichts daran, dass ich es grundsätzlich ganz natürlich, gesund und unterstützenswert finde, wenn jemand die Erziehung und Betreuung seiner Kinder – mindestens in den ersten drei Lebensjahren, aber zu einem gewissen Grad auch darüber hinaus – persönlich in der Hand behalten und nicht an Institutionen delegieren möchte. Dass, wie Teddy Roosevelt sagte und ich schon ein paarmal zitiert habe, jede soziale Bewegung ihren "verrückten Rand" ("lunatic fringe") hat, entwertet nicht das grundsätzliche Anliegen dieser Bewegungen – auch wenn im Falle der #kindergartenfrei-Szene dieser Rand womöglich etwas breiter ist als bei anderen. 

– Und warum ist das so? In der Tagespost schrieb ich zu dieser Frage einmal: "Dem gesellschaftlichen Druck zu widerstehen, der von Eltern erwartet, ihre Kinder möglichst früh an Betreuungseinrichtungen abzugeben, um wieder voll dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, fällt zweifellos leichter, wenn diese Entscheidung von einer tieferen Überzeugung getragen ist." Der Haken an der Sache ist, dass es sich dabei nicht um eine einzige, gemeinsame Weltanschauung handelt, die die Leute, die in der #kindergartenfrei-Szene unterwegs sind, miteinander verbindet, sondern um viele verschiedene, zum Teil sogar tendenziell gegensätzliche. Das macht es schon von vornherein schwierig, innerhalb dieser Szene stabile zwischenmenschliche Kontakte, oder gar Freundschaften, aufzubauen. Hinzu kommt, dass #kindergartenfrei lebende Eltern typischerweise so individualistisch und nonkonformistisch sind, dass sie sich mit festen Strukturen und regelmäßigen Verpflichtungen prinzipiell schwer tun. Diejenigen, die in dieser Hinsicht nicht so extrem sind, sind vielfach auch die, die nicht so sehr aus Überzeugung dabei sind als vielmehr deshalb, weil sie für ihr Kind keinen KiTa-Platz bekommen haben, der ihren Vorstellungen, Wünschen oder Bedürfnissen entspricht. Und wenn sie dann plötzlich doch einen solchen Platz bekommen, sind sie ganz schnell weg. Okay, das könnte manch einer vielleicht auch über uns sagen, seit unser Jüngster in die KiTa geht; aber darauf komme ich noch. Zunächst einmal will ich hier sagen: Wenn als Argument für KiTa-Betreuung immer wieder vorgebracht wird, es sei für die Entwicklung von Kindern (jedenfalls ca. ab dem 4. Lebensjahr; bei jüngeren Kindern darf man das eher bezweifeln) wichtig, regelmäßige soziale Kontakte außerhalb des engsten Familienkreises zu haben, wende ich gern ein, dafür brauche man keine KiTa. Wenn aber, wie in Berlin, über 90% der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren tatsächlich in der KiTa sind, wird es für die übrigen schon schwieriger, soziale Kontakte unter Gleichaltrigen zu finden. Meine Liebste hat über Jahre hinweg, vor allem während unsere Große im typischen Kindergartenalter war, diverse Anläufe unternommen, regelmäßige Gruppentreffen mit anderen #kindergartenfrei lebenden Familien zu etablieren, und immer wieder verliefen diese Versuche im Sande. Allmählich kristallisierte sich heraus, dass eigentlich nur eine einzige Mutter mit ihrem Sohn wirklich verlässlich immer wieder zu den von meiner Liebsten angeregten Treffen kam; und irgendwann sagte diese dann zu uns: "Wenn die anderen immer irgendwie nicht können oder nicht wollen, dann können wir uns ja eigentlich auch einfach so treffen." Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – bis jetzt. Ja, das waren genau die Mutter und der Sohn, mit denen wir aktuell Krach haben. – Ja, auch bei dieser Mami kam es immer mal wieder vor, dass sie bei Verabredungen kurzfristig Änderungen bezüglich Ort und Zeit vorschlug und dann manchmal nach mehreren solcher Planänderungen ganz absagte; aber bei anderen musste man darauf gefasst sein, dass sie nicht zu Verabredungen erschienen, ohne abgesagt zu haben. Eine Mutter sagte einmal kurzfristig die Geburtstagsfeier ihres Sohnes ab: Angeblich hatte er plötzlich keine Lust mehr gehabt zu feiern. Kann ja sein. Ich will damit nur sagen: Bedürfnisorientierte Erziehung wird in #kindergartenfrei-Kreisen zwar groß geschrieben, Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer Leute als der eigenen Kinder aber eher nicht

Kurz gesagt, das Problem mit der #kindergartenfrei-Community, so wie wir sie kennengelernt haben, besteht darin, dass sie keine "Community" ist. Weil man keine Community aus lauter Individualisten aufbauen kann. Über diesen Sachverhalt könnte man sich sicherlich tolle Witze ausdenken, nach dem Muster "Die Selbsthilfegruppe Prokrastination trifft sich --- morgen". Das weniger Lustige als vielmehr Ärgerliche daran ist, dass die #kindergartenfrei-Bewegung auf diese Weise ihrem eigenen Anliegen nicht gerecht wird, ja ihm in letzter Konsequenz sogar schadet. Denn dieses Anliegen – das ich, wie ich nicht müde werde zu betonen, grundsätzlich richtig und unterstützenswert finde – sollte ja nicht nur sein, eine familienorientierte, ohne institutionalisierte Fremdbetreuung auskommende Kindererziehung zu propagieren, sondern auch und vor allem, Familien konkret und praktisch darin zu unterstützen, diesen Weg zu gehen. Und damit komme ich so langsam zum Kern des Dilemmas. 

Der Punkt ist, es ist schon etwas Wahres dran an der Spruchweisheit "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen". Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass der Mensch seiner Natur nach eigentlich nicht für die Kleinfamilie geschaffen ist, und schon gar nicht dafür, als Einzelkind aufzuwachsen, womöglich obendrein mit einem alleinerziehenden Elternteil. – Ehe sich jetzt jemand auf die Füße getreten fühlt: Ich habe großen Respekt vor der Erziehungsleistung alleinerziehender Eltern. Ich gehe aber davon aus, dass diese selbst am besten wissen, dass ihre Lebenssituation – mit aller Vorsicht gesagt – nicht gerade ideal ist, weder für ihr Kind noch für sie selber. Ich will mich an dieser Stelle aber gar nicht so sehr auf das Einzelkind- oder das Alleinerziehenden-Thema einschießen: Auch wenn ein Kind mit beiden Elternteilen und einem oder zwei Geschwistern aufwächst, ist das immer noch ein ziemlich enger Kreis. Für den Säugling bedeutet gerade dieser enge Kreis Geborgenheit, und auch das Kleinkind findet in ihm vielleicht noch alles, was es braucht; aber recht bald weitet sich der Horizont des Kindes oder will sich weiten, und die Eltern brauchen ja auch mal Entlastung. Und hier kommt das sprichwörtliche "Dorf" ins Spiel. 

Die Idee des "ganzen Dorfes", das gemeinsam ein Kind großzieht, geht davon aus, dass Großeltern, Onkel und Tanten, Freunde und Nachbarn auf jeweils unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Ausmaß an der Betreuung und Erziehung mitwirken. Das ist heutzutage selbst in einem buchstäblichen Dorf nicht mehr unbedingt leicht zu verwirklichen, wozu neben anderen soziologischen Faktoren nicht zuletzt der Umstand beiträgt, dass die Zahl der Kinder pro Familie schon seit mehreren Generationen sinkt und die heutigen Kinder daher nicht nur weniger Geschwister, sondern auch weniger Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen haben als Kinder früherer Generationen. In einer Großstadt, in der man in engster Nachbarschaft mit Menschen lebt, die man nicht kennt und das unter Umständen auch gar nicht möchte, ist es natürlich noch erheblich schwieriger, seinen Kindern ein "Dorf" zu schaffen. 

Gleichwohl – und auch trotz der überwiegend positiven Erfahrungen, die wir mit der KiTa unseres Jüngsten gemacht haben – bin ich im Grundsatz nach wie vor nicht der Meinung, dass das System KiTa ein adäquater Ersatz oder eine wünschenswerte Alternative zur Idee des "ganzen Dorfes" ist. Es ist, so meine ich, einigermaßen offensichtlich, dass der politisch geförderte Ausbau der KiTa-Betreuung vorrangig von dem Interesse getragen ist, dass die Eltern dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen; somit liegt der Verdacht nahe, dass die Argumente dafür, dass KiTa-Erziehung die Sozialkompetenz der Kinder und die frühkindliche Bildung fördere und was noch alles, in erster Linie darauf abzielen, es den Eltern leichter zu machen, ihre Kinder abzugeben und dabei ein gutes Gewissen zu haben. – Aber kann es denn nicht trotzdem stimmen, dass es aus den genannten Gründen gut für die Kinder ist, in die KiTa zu gehen? – Das würde ich mit einem klaren Jein beantworten. Wie ich in dem weiter oben schon einmal zitierten Tagespost-Essay schrieb: 

"Betrachtet man die traditionelle Form der Kinderbetreuung und -erziehung im erweiterten Familienkreis als 'Dorf', so gleicht die institutionalisierte und professionalisierte Kinderbetreuung in Krippe, Kindertagesstätte und Hort eher einer 'Fabrik': Der Tagesablauf ist von standardisierten Abläufen geprägt, das Verhältnis der Kinder untereinander und zu ihren Erziehern ist eher funktional orientiert als auf persönliche Bindung ausgerichtet. Zyniker mögen argumentieren, gerade so würden die Kinder bestmöglich auf ein Berufsleben vorbereitet, in dem sie ebenfalls 'funktionieren' müssen, niemand unersetzlich ist und persönliche Bindungen in erster Linie ein Mobilitätshindernis darstellen." 

Unter diesem Aspekt empfinde ich die Äußerungen derjenigen Freundin meiner Liebsten, die ihr im Konflikt mit unserer #kindergartenfrei-Freundin den Rücken zu stärken beabsichtigte, als ein beklagenswertes Demonstrationsbeispiel dafür, wie sehr man der Pro-KiTa-Propaganda auf den Leim gehen kann. Insbesondere betrifft das die Vorstellung, es wäre irgendwie respektabler, verantwortungsvoller und für die Gesellschaft nützlicher, arbeiten zu gehen, als sich um die eigenen Kinder zu kümmern. Oder anders ausgedrückt, die Zeit und Energie, die jemand für die Betreuung und Erziehung der eigenen Kinder aufwende, fehle ihm für seine eigentliche Arbeit. Da kann man gar nicht eindringlich genug widersprechen: Es gibt keine Arbeit, die "eigentlicher" wäre als die Sorge für die eigenen Kinder, und auch keine wichtigere. Um's ganz deutlich zu sagen, ich bin überzeugt, dass stabile familiäre Bindungen nicht nur den Kindern zugute kommen, sondern in letzter Konsequenz auch der Gesellschaft als ganzer, und dass der Umstand, dass Politik, Wirtschaft und Medien seit Jahrzehnten die Auflösung familiärer Bindungen vorantreiben, der Gesellschaft eher früher als später gewaltig auf die Füße fallen wird. 

Aber wie steht es denn nun mit dem "sozialen Lernen" in der Gruppe, mit dem Einüben sozialer Kompetenzen durch den Umgang mit (ungefähr) Gleichaltrigen außerhalb des engsten Familienkreises? Da würde ich schon sagen: Ja, das brauchen Kinder. Vielleicht manche mehr als andere, und vielleicht in den ersten drei Lebensjahren noch nicht so sehr, aber grundsätzlich schon. Deshalb haben meine Liebste und ich uns auch "schon immer" bemüht, unseren Kindern solche Gruppenerfahrungen zu ermöglichen, zum Beispiel in Form von Krabbelgruppen oder Eltern-Kind-Spielgruppen wie der "Rumpelberggruppe" in der Gemeinde auf dem Weg und natürlich beim JAM, dem wöchentlichen Kinderprogramm der EFG The Rock Christuskirche in Haselhorst; in jüngster Zeit sind die Pfadfinder und der Kampfsport hinzugekommen. Und wenn ich mal darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass wir der Mutter, mit der und deren Sohn es unlängst diesen Streit gab, im Laufe der Jahre immer mal wieder vorgeschlagen haben, mit ihrem Sohn zu derartigen Aktivitäten mitzukommen, aber sie hat nie besonderes Interesse daran gezeigt. Seinerzeit habe ich mir nicht viel dabei gedacht, aber jetzt scheint mir, was sich darin offenbart, ist, dass diese Mutter nicht nur nicht bereit ist, die Aufsicht über ihr Kind auch nur für kurze Zeitspannen abzugeben – außer vielleicht an ihre eigene Mutter –, sondern ganz grundsätzlich nicht will, dass irgendjemand außer ihr selbst eine Autoritätsposition gegenüber ihrem Kind einnimmt. Da wittere ich eine – mit aller Vorsicht gesagt – nicht unbedingt gesunde "Du und ich gegen den Rest der Welt"-Dynamik, die sich dann eben beispielsweise auch darin niederschlagen kann, dass das Kind nicht in der Lage ist, Konflikte mit anderen Kindern selbst auszuagieren, sondern stattdessen zu seiner Mami rennt und sich beklagt, es sei ungerecht behandelt worden. 

Übrigens sind soziale Kontakte von Kindern außerhalb des eigenen Familienkreises auch deshalb wertvoll, weil sie auch die Eltern mit anderen Eltern in Kontakt bringen und also auch auf dieser Ebene "soziales Lernen" stattfinden kann; zu diesem Aspekt habe ich gerade einen Beitrag für die Elternkolumne der Tagespost verfasst, den es inzwischen auch online gibt

Um nun aber langsam mal zum Schluss zu kommen, wäre wohl noch die Ankündigung einzulösen, etwas zu dem eingangs protokollierten Vorwurf zu sagen, unser Sohn lerne in der KiTa das Lügen. Dabei gibt es tatsächlich mehrere Aspekte zu benennen, aber ich versuche mal, mich kurz zu fassen. Zum einen macht sich in der Überzeugung "Mein Kind sagt mir immer die Wahrheit, also muss euer Kind lügen" recht deutlich die oben angesprochene "Du und ich gegen den Rest der Welt"-Dynamik bemerkbar; man könnte hier einwenden (und das hat meine Liebste im vorliegenden Fall auch getan bzw. versucht), wenn ein fünf- und ein sechsjähriger Junge eine Situation unterschiedlich wahrgenommen haben und folglich auch unterschiedlich schildern, heißt das nicht zwingend, dass einer von beiden lügt; aber für solche Erwägungen lässt die besagte Dynamik wohl keinen Raum. Sodann mag es naheliegend, wenn auch etwas kurzschlüssig sein, aus der Beobachtung "Früher, als euer Sohn auch noch nicht in der KiTa war, haben die Jungs sich besser miteinander verstanden" zu folgern "Die KiTa ist schuld". Wenn man obendrein sowieso ständig das Gefühl hat, einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt zu sein, weil man sein Kind nicht in die KiTa gehen lässt, ist es umso verlockender, zu glauben und/oder zu behaupten, in der KiTa würden die Kinder alles mögliche Schlechte und Falsche lernen. Das ist erst einmal unabhängig davon zu betrachten, dass da von Fall zu Fall durchaus mal was dran sein kann. Eine größere Bandbreite sozialer Kontakte erhöht naturgemäß auch das Risiko unerwünschter Einflüsse. Wenn Eltern so etwas bei ihrem Kind beobachten, müssen sie sich überlegen, wie sie da gegensteuern können, aber die Kinder ganz und gar von unerwünschten Einflüssen abzuschirmen, wird auf Dauer nicht funktionieren. Dass es in einer KiTa Strukturen oder Dynamiken gibt, die Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit begünstigen, ist ebenfalls nicht ganz auszuschließen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass das in der KiTa unseres Sohnes der Fall ist. Allerdings war es für uns wichtig, dass er erst dann in die KiTa kommt, wenn er in der Lage ist, klar zu artikulieren, was er will und was er braucht, und auch zu kommunizieren, wenn ihm etwas nicht passt und nicht gefällt (z.B. mag er Yoga nicht und hat es den Erzieherinnen gegenüber durchgesetzt, dass er da nicht mitmachen muss). 

Beim Stichwort Kommunikation fällt mir übrigens ein, dass uns vor über einem Jahr mal eine Grundschullehrerin prognostiziert hat, das sprachliche Ausdrucksvermögen unseres Jüngsten würde sich, wenn er in die KiTa käme, eher verschlechtern. Man könnte im Alltag manchmal den Eindruck haben, sie habe damit Recht behalten, aber vielleicht täuscht dieser Eindruck auch: Vielleicht ist es auch einfach so, dass er, nachdem er in der KiTa stundenlang kommunizieren musste, nachmittags einfach keine Lust mehr dazu hat und möchte, dass seine Eltern ihn ohne Worte verstehen. Denn eins darf man nicht vergessen: In die KiTa zu gehen, ist für ein Kind Arbeit. Wenn man als Erwachsener von der Arbeit kommt und das Bedürfnis hat, erst mal die Beine hochzulegen und von aller Welt in Ruhe gelassen zu werden, sollte man dasselbe Bedürfnis wohl auch seinen Kindern zubilligen. 

Gleichwohl geht unser Sohn freiwillig und überwiegend gern in die KiTa. Zur Freiwilligkeit gehört wohlgemerkt auch: Wenn er mal einen Tag nicht in die KiTa will, dann muss er auch nicht. Dann unternehme ich an diesem Tag etwas mit ihm – sofern ich kann, d.h. sofern ich keine wichtigen, unaufschiebbaren Termine habe, zu denen ich ihn nicht mitnehmen kann. Wenn ich mich richtig erinnere, ist es in zehn Monaten nur einmal vorgekommen, dass er in die KiTa gehen "musste", obwohl er lieber bei mir geblieben wäre. 

Kurz und gut, es ist nicht alles schlecht in der KiTa, und es ist nicht alles besser in der #kindergartenfrei-Bubble. Für deren "verrückten Rand", wie ich ihn weiter oben in Anlehnung an Teddy Roosevelt genannt habe, könnte ich noch ganz andere Beispiele nennen als die eine Mutter, die den Anlass für diesen Artikel geliefert hat; die ist unter den Eltern, die wir in dieser Szene kennengelernt haben, eher noch eine der normaleren, nicht umsonst haben wir uns über Jahre hinweg überwiegend gut mit ihr verstanden. Und wenn ich jetzt wirklich mal zum Schluss kommen will, anstatt lediglich anzukündigen, ich wolle jetzt langsam mal zum Schluss kommen, dann aber noch weitere 6000 Zeichen zu schreiben, dann möchte ich die These wagen: die problematischen Ausformungen der #kindergartenfrei-Bewegung sind an sich bereits das Produkt derselben Missstände, auf die diese Bewegung zu reagieren versucht – der Fragmentierung der Gesellschaft, der Auflösung von Familien- und sonstigen Sozialstrukturen. Solange Politik und Zivilgesellschaft kein Interesse daran zeigen, Familien zu stärken und zu unterstützen, sondern im Gegenteil unter dem Label "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" lediglich die Unterordnung der Interessen der Familie unter die Interessen der Berufswelt verstehen, ist es nicht verwunderlich, wenn Familien sich radikalisieren. Im Übrigen gilt für mich hier wie bei vielen anderen Themen auch: Wenn ich mir die angeblich normalen Leute ansehe, werden mir die angeblich Durchgeknallten gleich viel sympathischer. 


Samstag, 11. April 2026

Utopie und Alltag 20: Christus ist auferstanden!

Frohes und gesegnetes Osterfest, o Leser! Zwar hat die Social-Media-Abteilung des Bistums Mainz schon am Dienstag die Fake News verbreitet, Ostern sei vorbei, aber wir wissen es besser und feiern durch bis Ende Mai – denn wie sagte doch der Hl. Johannes Paul II.: "Wir sind ein österliches Volk und Halleluja ist unser Lied"! Das schlägt sich natürlich auch in diesem Wochenbriefing deutlich nieder; ein paar Themen, die nicht unbedingt Anlass zum Jubeln geben, gibt es aber auch. Seht selbst! 

Das Grab ist leer, Halleluja!

Triduum 3: Ein Licht in der Nacht 

Am Karsamstag ging meine Liebste mit den Kindern zu einem "Ritterfest" auf dem Gelände der Zitadelle Spandau; da ich ja bekanntlich kein großer Fan von Mittelaltermärkten bin, verzichtete ich darauf, mitzukommen, und kümmerte mich lieber um den Einkauf für die Ostertage, um meinen Blog sowie darum, weitere 50 Flyer für den Alpha-Kurs der EFG The Rock Christuskirche unter die Leute zu bringen. Als wir uns am Abend, rechtzeitig vor der Entzündung des Osterfeuers, vor der Kirche St. Joseph in Siemensstadt trafen, sprudelten die Kinder geradezu über vor Begeisterung über das Ritterfest: Sie hatten Greifvögel – eine Schleiereule und einen Falken – auf die Hand nehmen dürfen (mit Falknerhandschuh, versteht sich), hatten sich schminken lassen und last not least hatte ihre Mami ihnen Trinkhörner gekauft. – Ich schätze, man kann von Glück sagen, dass die Lichtfeier, die den Auftakt der Osternachtliturgie bildete, die Kinder ausreichend in ihren Bann zog, um an Faszination mit den vorangegangenen Eindrücken mithalten zu können. – Unsere Freundin vom JAM ministrierte wieder, und ihr Vater und ihre kleine Schwester setzten sich nach dem Einzug in die Kirche mit uns zusammen in eine Bank. – Im Übrigen kann ich nur wiederholen, was ich schon vor zwei Jahren geschrieben habe, nämlich, "dass ich ein absoluter Fan der Osternacht-Liturgie bin":

"Das Entzünden der Osterkerze und des Weihrauchs am Osterfeuer, den Einzug in die dunkle Kirche, das Exsultet, die vielen Lesungen (wir hatten, wie schon letztes Jahr, fünf Lesungen aus dem Alten Testament; wer bietet mehr?), das pompöse Gloria, die Weihe des Taufwassers... Diese Feier ist wirklich in mehr als einer Hinsicht der Höhepunkt des Kirchenjahres." 

Die Taufwasserweihe nahm ich zum Anlass, mich mit meiner Großen einige Reihen weiter nach vorn zu setzen, wo, worauf der Pfarrvikar hingewiesen hatte, zahlreiche Plätze frei waren; bezogen auf meine Hoffnung, das Tochterkind werde das liturgische Geschehen aus größerer Nähe aufmerksamer und konzentrierter verfolgen, war das Ergebnis dieses Platzwechsels indes eher tragikomisch, da die kleine Schwester der Ministrantin uns nach vorn folgte und unaufhörlich plapperte, aber irgendwie war das ja auch ganz süß. Unser Jüngster schlief derweil mit dem Kopf auf der Kirchenbank ein.

Taufen gab es im Rahmen des Osternachtgottesdienstes in St. Joseph Siemensstadt übrigens keine – dafür aber, wie der Pfarrvikar erwähnte, drei in der Osternachtfeier in St. Marien am Behnitz und zwei weitere am Ostersonntag in St. Joseph –, wohl aber eine Konversion einschließlich Firmung. Wie ich auf dem Heimweg via Instagram erfuhr, war auch in St. Willehad Nordenham in der von Pastor Kenkel zelebrierten Osternacht eine Frau konvertiert und gefirmt worden. Willkommen zu Hause!

Über die Predigt wäre natürlich auch noch etwas zu sagen, auch wenn ich gleich vorweg feststellen muss, dass ich von diesem Priester schon bessere gehört habe; aber das ist ja auch eine ziemlich hohe Messlatte, jedenfalls im Vergleich zu vielen anderen Predigern, die ich in meinem Leben schon gehört habe. – Wie dem auch sei: Ein zentraler Satz, der in der Predigt mehrmals fiel, lautete "Glaube ist kein Gefühl, sondern Beziehung mit Jesus Christus." In diesem Zusammenhang wies der Pfarrvikar auch darauf hin, dass im Ritus der Erwachsenentaufe die Taufbewerber gefragt werden "Was erbittest du von der Kirche?", und die Antwort darauf lautet "Den Glauben". Das heißt, im Unterschied etwa zum Verständnis evangelikaler Freikirchen ist der Glaube nicht etwas, das der Einzelne sozusagen selbst mitbringen muss, um die Taufe empfangen zu können, sondern vielmehr etwas, das er in der Taufe von der Kirche empfängt. Der Glaube der Kirche geht dem des Einzelnen voraus, und dieser ist dazu aufgerufen, ihn anzunehmen (vgl. den Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1124). "Gerade an den Taufbewerbern sieht man, dass Christus lebendig ist und die Menschen sucht und zum Leben führt", fügte der Pfarrvikar hinzu. "Das hat Er auch mit jedem von uns gemacht, nur haben wir das oft vergessen."

Sehr eindrucksvoll war auch die musikalische Gestaltung der Feier durch Pfarreikirchenmusiker Toralf Hildebrandt, der zunächst das Exsultet und die Zwischengesänge nach den Lesungen intonierte und dann, ab dem Gloria, an der Orgel saß und ordentlich in die Tasten haute. Sogar der Pfarrvikar merkte zu Beginn der Predigt an, nach dem vorangegangenen "musikalischen Erdbeben" – nämlich dem Orgelnachspiel zum feuerlichen Halleluja –traue er sich fast gar nicht mehr, noch etwas zu sagen. 


Kein Ostern ohne Eier

Nachdem wir erst nach Mitternacht nach Hause und ins Bett gekommen waren, mussten insbesondere die Kinder am Sonntag erst einmal gründlich ausschlafen; aber danach stand das an, was ich gern die "säkulare Observanz des Osterfests" nenne – derjenige Teil von Ostern, der mehr mit Schokoladenhasen und bunten Eiern zu tun hat als mit der Auferstehung Christi. Ab dem frühen Nachmittag waren wir zu diesem Zweck bei meinen Schwiegermüttern eingeladen, zusammen mit der Cousine meiner Liebsten und ihrem Sohn, der am selben Tag geboren ist wie unser Jüngster. Es gab eine Ostereiersuche im Garten, ein paar kleine Geschenke und ein sehr leckeres Abendessen. 

Die Ohren des Osterhasen bilden ein "Victory"-Zeichen, anlässlich des Sieges über den Tod. Okay, ehrlich gesagt ist dies nur ein Gartenhandschuh.

Am Ostermontag gingen wir dann ins Labyrinth Kindermuseum in der Osloer Straße, wo wir uns mit der Mutter einer Schulfreundin unserer Großen verabredet hatten; diese Schulfreundin hat auch einen kleinen Bruder, der ungefähr im Alter unseres Jüngsten ist, das passte also gut. Ich selbst hatte zunächst den Eindruck, für mich sei das Kindermuseum eher ein Kopfschmerzmuseum, aber nach einer Weile hatte ich mich einigermaßen akklimatisiert und konnte durchaus würdigen, was den Kindern da so alles geboten wird. 

Hier eine thematische Übersicht.

Als besondere Attraktion kam an diesem Ostermontag übrigens der Osterhase ins Kindermuseum, und ich muss sagen, ich fand es in gewissem Sinne unfreiwillig komisch, dass eine Einrichtung, die sich offensichtlich ein an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen über Gehirnentwicklung orientiertes Konzept frühkindlicher Bildung auf die Fahnen geschrieben hat, gleichzeitig einem solchen Aberglauben huldigt. Na ja, Dialektik der Aufklärung, sach ich ma'. 

Übrigens, da wir gerade über die säkulare Observanz des Osterfests sprechen, möchte ich es nicht versäumen, auf zwei Artikel des Satiremagazins Der Postillon einzugehen, die zwar schon älter sind, aber aus jahreszeitlichem Anlass wiederveröffentlicht bzw. erneut in den Sozialen Medien verbreitet wurden. "Woke-Wahnsinn: Millionen Deutsche verehren anstelle des Osterhasen einen langhaarigen Hippie aus Nahost" hieß der Postillon-Oster-Artikel von 2025; darin wird beklagt, dass "ein Wanderprediger und antikapitalistischer Aktivist unseren geliebten Osterhasen ersetzen" solle: 

"Dabei handelt es sich bei 'Jesus Christus', wie der woke Osterhasen-Ersatz genannt wird, um einen rechtmäßig verurteilten Straftäter, der angeblich einst als Langzeitarbeitsloser vagabundierend durch die Gegend zog" – 

und dies als "ewige[r] Junggeselle [...] in inniger Gemeinschaft mit 12 Männern". Weiter heißt es "Aufsehen erregte er durch seine Freundschaften mit Prostituierten sowie wilde Randale im Stadtzentrum von Jerusalem", und schließlich: "Zur Krönung des Irrsinns soll 'Jesus' laut seinen Fans typische Gutmenschenwerte wie Toleranz, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe vertreten". Fazit: "Dieser Jesus ist durch und durch woke. Der passt [...] zum linksgrünen Establishment!" – Lustig? Nun ja: Auf 'ne Art. Während die offenkundige Intention des Artikels darin besteht, die rechtspopulistische Empörungskultur auf die Schippe zu nehmen, kann man ihn durchaus auch als treffende Karikatur des einseitig verzerrten Jesusbildes der PUU-Fraktion lesen. – Härteren Tobak hat der Postillon-Karfreitags-Artikel von 2013 zu bieten: "Folter, Kreuzigung, Kannibalismus: Gaga-Sekte feiert bizarres Splatter-Ritual". Da liest man dann beispielsweise, "eine obskure Kultvereinigung" feiere am Karfreitag "den blutigen Foltertod eines unschuldigen Menschen" – und das "[m]itten in Deutschland". Und "[d]amit nicht genug: Während der Splatter-Messe der Gruftie-Kirche behaupten die Gläubigen, das Blut des Opfers zu trinken, ja sogar, seinen Körper zu essen." – Was ich an diesem Artikel tendenziell interessanter finde als an dem anderen, ist der Umstand, dass das Christentum hier als zutiefst Fremdes und Befremdliches dargestellt wird – wobei man natürlich bedenken muss, dass der Witz als Witz nur funktioniert, weil und insofern der Leser einordnen kann, wovon da die Rede ist; der Witz setzt bei seinem Publikum eine zumindest oberflächliche und konventionelle Kenntnis christlicher Rituale voraus. Gleichzeitig präsentiert er aber das vermeintlich Bekannte in einem zutiefst fremden Licht – und das halte ich zumindest potentiell für etwas Gutes: Dem Leser wird bewusst gemacht, dass es da etwas gibt, was er nicht versteht, und das ist allemal besser, als wenn das Christentum lediglich unter dem Blickwinkel "Kenn ich schon, ist langweilig, brauch ich nicht" betrachtet würde. Zugespitzt gesagt, ein Christentum, das dem Mainstream der säkularen Gesellschaft als "Gaga-Sekte" und "obskure Kultvereinigung" erscheint, hat im Zweifel mehr missionarisches Potential als die undogmatisch-niederschwellige "seid nett zueinander"- Variante, die den Menschen ja letztlich nichts zu bieten hat, was sie nicht auch ohne den Glauben an Gott und an Jesus Christus haben könnten. – Letzten Endes laufen meine Gedanken hierzu natürlich wieder auf die schon öfter geäußerte Überzeugung hinaus, gerade die katholische Kirche sollte das, was an ihren Traditionen sperrig, schwer verständlich, "unzeitgemäß" oder schlichtweg weird erscheint, nicht als Ballast betrachten, den sie loszuwerden bestrebt sein müsste, sondern vielmehr als einen großen Schatz. Ich denke da zum Beispiel an so ein Meme, wo ein evangelikaler Megachurch-Anhänger sagt "Du musst mal in unsere Kirche kommen, wir haben echt motivierende und aufbauende Predigten, eine tolle Lobpreisband und eine Espressobar im Foyer", und ein Katholik erwidert ungerührt "Wir haben den Schädel von Maria Magdalena". 


Aus dem Reich der (geistlich) Toten 

Was war jetzt eigentlich mit dem "Pfarramtlichen Zeugnis", das ich noch für meine Bewerbungsunterlagen brauchte? Nun, das ist endlich doch bei mir eingetroffen, am Dienstag der Osteroktav und mithin eine Woche nach Ablauf der Bewerbungsfrist, in einem gebrauchten Briefumschlag. Bei unserer persönlichen Begegnung in der Woche vor Palmsonntag hatte der Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd ja bereits angemerkt, dass er mir kein durchweg positives Zeugnis ausstellen könne, könne ich mir ja wohl denken, und das stimmte auch; von der Mühe, die er sich beim Verfassen dieses Zeugnisses mit den Formulierungen gegeben haben will, merkt man hingegen nicht viel – aber ich will dem Urteil meiner Leser nicht vorgreifen. 

Symbolbild, aufgenommen während einer Predigt im Oktober 2018.

"Herr Tobias Klein [...] ist mir seit etwa 2017 bekannt, als er nach Tegel zog. [...] Er ist ein überzeugter Katholik, der seinen Glauben bewusst leben möchte." 

Geht ja erst mal ganz gut los, könnte man meinen; aber tatsächlich verweist der zuletzt zitierte Satz bereits auf den Kern des Problems, den er mit mir hatte (und ich mit ihm). 

"Er brachte sich mit Ideen in die Pastoral ein und gründete ein Treffen für Junge Erwachsene ('Mittwochsclub') und dann für junge Familien ('Krabbel-Brunch')." 

Dass der Pfarrer von all dem, was meine Liebste und ich in Herz Jesu Tegel so veranstaltet haben, an dieser Stelle nur die – oberflächlich betrachtet – eher "geselligkeitsorientierten" Veranstaltungsformate erwähnt, ist vermutlich nicht ganz zufällig; nebenbei bemerkt war das "Dinner mit Gott", das der Pfarrer hier unter der Bezeichnung "Mittwochsclub" meint, durchaus nicht als "Treffen für Junge Erwachsene" konzipiert, sondern als zielgruppenübergreifendes Begegnungsangebot, aber so etwas ist im post-volkskirchlichen Normalbetrieb wohl schlichtweg nicht vorgesehen. Egal, auf den unvoreingenommenen Betrachter dürfte dieser Satz des Zeugnisses wohl eher positiv wirken, also will ich mich mal nicht beklagen. 

"Dabei bringt er seine eigenen Frömmigkeitsvorstellungen deutlich ein." 

Merken wir uns diesen Satz. Darauf, inwieweit er aus Sicht des Pfarrers als Vorwurf gemeint ist, komme ich noch zurück, aber sich im Detail damit auseinanderzusetzen, wäre vielleicht eher Stoff für einen eigenständigen Artikel. 

"Er kandidierte 2019 für den damaligen Pfarrgemeinderat Herz Jesu/Tegel. Wir hatten nur so viele Kandidaten, wie zu wählen waren, und er wurde mit der mit Abstand geringsten Stimmenzahl gewählt." 

Sagen wir, das deckt sich nicht ganz mit meinen Erinnerungen. Zunächst mal gab es nicht "so viele Kandidaten, wie zu wählen waren", sondern zwei weniger; was das "mit Abstand" schlechteste Wahlergebnis angeht, würde ich sagen, das relativiert sich angesichts der notorisch niedrigen Wahlbeteiligung: Meiner Erinnerung zufolge hat von den Gemeindemitgliedern, die an der Wahl teilgenommen haben, rund ein Drittel für mich gestimmt, das finde ich jetzt nicht sooo schlecht. Die grundsätzlichere Frage lautet indes: Was spielt das überhaupt für eine Rolle? Warum ist es im Kontext dieses Zeugnisses erwähnenswert? Der nächste Satz gibt diesbezüglich einen Fingerzeig: 

"Ich weiß von einigen Gemeindemitgliedern, die ihn kannten, dass sie ihn bewusst nicht gewählt haben." 

Das würde ich ja nun für einen völlig normalen und im Grunde selbstverständlichen Vorgang halten. Oder sollte man es etwa als normal und erwartungsgemäß betrachten, dass die Wähler bei Pfarrgemeinderatswahlen für alle zur Wahl stehenden Kandidaten stimmen? Klingt für mich ein bisschen DDR-mäßig, dabei lag Tegel doch in Westberlin

"Nach der konstituierenden Sitzung tat er in seinem Internet-Blog seine Unzufriedenheit mit dieser Sitzung sehr deutlich kund." 

Link gefällig? Bittesehr! Im Übrigen finde ich ja, dass die Bezeichnung "Internet-Blog" einen ähnlichen Charme hat wie "Haarfrisur" oder "Jeanshose". Aber mal weiter: 

"Weil ihm unser Pfarrbrief nicht gefiel, veröffentlichte er einige Monate lang einen eigenen Pfarrbrief, um ihn bei uns auszulegen, was Pastoralteam und Pfarrgemeinderat allerdings ablehnten." 

Ich würde ja sagen, dass der Kausalsatz "Weil ihm unser [!] Pfarrbrief nicht gefiel" den tatsächlichen Sachverhalt arg übersimplifiziert; davon abgesehen habe ich sowohl aus dem Pastoralteam als auch aus dem Pfarrgemeinderat durchaus auch positives Feedback zu den "Lebendigen Steinen" bekommen. Aber lassen wir das alles mal beiseite und fragen uns: Wie wird dieser Absatz wohl auf einen unvoreingenommenen Betrachter wirken? "Da hat also jemand in eigener Regie einen alternativen Pfarrbrief herausgegeben, über mehrere Monate und auf eigene Kosten? Der muss ja ganz schön was drauf haben! Was mag da wohl schief gelaufen sein, dass die Pfarrei es nicht geschafft hat, einen so kompetenten und engagierten Mitarbeiter sinnvoll einzubinden?" 

"Auch andere Schriften legte er ungefragt aus." 

Potzblitz und dreimal sapperlot! 

"Als er merkte, dass sein Engagement und seine Spiritualität nicht mehrheitsfähig waren, zog er sich aus unserer Gemeinde zurück und ist nun in einer Nachbargemeinde aktiv."  einer Nachbargemeinde aktiv." 

Und da wird sein Engagement offenbar mehr geschätzt. Komisch, nicht? – Vielsagend ist auch die Formulierung "nicht mehrheitsfähig"; darauf komme ich gleich noch zurück, ebenso wie auf das Stichwort "Spiritualität", in dem erneut die weiter oben angesprochenen "eigenen Frömmigkeitsvorstellungen" anklingen. Erst mal weiter: 

"Er wird sicherlich Menschen finden, die seine Art anspricht." 

Ja, das glaube ich auch. 

"Ich habe aktuell allerdings Zweifel, ob er das vielfältige Miteinander in einer Pfarrei gut begleiten kann." 

Vielfältiges Miteinander, aha, so so. Hier sind wir zu guter Letzt an dem Punkt angekommen, der eigentlich einen eigenen Artikel verdient: Es war schon immer ein bevorzugtes Narrativ des Pfarrers, dass er als Pfarrer die "Vielfalt der Gemeinde" im Blick habe, während ich nur meine eigenen Vorstellungen durchsetzen wolle. Ich habe mich da immer gefragt, was das denn bitte für eine Vielfalt sein soll, wenn das Klima in der Gemeinde geprägt ist vom fragilen Waffenstillstand zwischen einer "volkskirchlich konservativen" Basis und einem eher liberalen Team von Haupt- und Ehrenamtlichen und alles, was in dieser Gemengelage "nicht mehrheitsfähig" ist, in die Ecke gedrängt wird, bis es quietscht. Was demgegenüber meine eigenen Vorstellungen angeht, hatte ich immer das Gefühl, der Pfarrer verüble es mir in erster Linie, dass ich überhaupt welche habe – während seine eigene Position eher von Mangel an Überzeugung geprägt ist. Mein Standpunkt in dieser Sache war übrigens stets, so "eigen" seien meine Vorstellungen gar nicht, sondern einfach nur katholisch. Besonders deutlich wurde dies im Konflikt um die "Lebendigen Steine", die mir der Pfarrer, wie man gesehen hat, ja immer noch schwer verübelt. Auf seinen Vorwurf, "die Zeitschrift 'Lebendige Steine' sei Ausdruck einer spezifischen Spiritualität (nämlich meiner)", antwortete ich seinerzeit – im Juli 2021 – in einer Mail, die ich glücklicherweise aufgehoben habe, wie folgt: 

"Jede Ausgabe der "Lebendigen Steine" enthält in nicht geringem Umfang Auszüge aus dem Katechismus bzw. YOUCAT, aus Dokumenten des kirchlichen Lehramts oder aus den Werken von Heiligen; mein wichtigstes (meistgenutztes) Hilfsmittel für die redaktionelle Arbeit ist das Lektionar zum Stundenbuch. Sicher ist es nicht ganz auszuschließen, dass bei der redaktionellen Auswahl dieser Texte eine gewisse Tendenz sichtbar wird, aber ich würde doch behaupten, dass diese Inhalte "katholisch" im besten Sinne des Wortes sind. Demgegenüber sind die von meiner Frau und mir selbst verfassten Beiträge sicherlich subjektiver gefärbt, aber auch da sehe ich eigentlich nicht, wieso das problematisch sein sollte [...]. Wenn Sie gegen konkrete Inhalte der bisher erschienenen Ausgaben der 'Lebendigen Steine' konkrete theologisch oder pastoral begründete Einwände haben, dann wäre ich sehr interessiert, diese zu erfahren." 

Darauf erfolgte charakteristischerweise keine Antwort. Hingegen hat der Pfarrer mir gegenüber wiederholt – zuletzt noch bei unserer Begegnung in der Woche vor Palmsonntag – betont, dass er grundsätzlich für Vieles offen sei, erkenne man ja auch daran, dass er meine Liebste und mich unsere Angebote in der Gemeinde habe machen lassen. Ich glaube, er meint das ernst: Er denkt wirklich, als Pfarrer verdiene er Anerkennung und Lob dafür, dass er ehrenamtliches Engagement zulässt und nicht aktiv unterbindet

Unterm Strich bleibt, wenn man alle unwahren Behauptungen, alle in erkennbar boshafter Absicht verzerrt dargestellten Sachverhalte und alles schlichtweg Irrelevante abzieht, von diesem "Zeugnis" nicht allzu viel übrig; aber zwischen den Zeilen ergibt sich doch deutlich genug das Bild einer Gemeinde, in der jemand, der neue Impulse zu setzen versucht, als Störenfried wahrgenommen wird, und eines Pfarrers, der sich in diesem Konflikt teils aus Opportunismus – einfach um seine Ruhe zu haben – und teils aus eigener Abneigung gegen neue Impulse auf die Seite der Alteingesessenen in der Gemeinde schlägt. Dabei erscheint es mir ausgesprochen bezeichnend für diesen Geistlichen, dass er offenbar nicht auf die Idee kommt, dieses Schreiben könnte ein erheblich schlechteres Licht auf ihn selbst werfen als auf mich. Nun, wie neulich schon mal angemerkt, im Erzbischöflichen Ordinariat kennen sie ihn ja auch und werden seine Äußerungen einzuordnen wissen. Ein bisschen erinnert mich das Ganze übrigens an eine Anekdote über den 99. Erzbischof von Canterbury, Geoffrey Fisher: Als dieser 1961 in den Ruhestand trat, oblag es dem Premierminister – damals Harold Macmillan –, seinen Nachfolger zu bestimmen, aber es war üblich, dass der scheidende Erzbischof den Premierminister bei der Auswahl seines Nachfolgers beriet. Fisher riet Macmillan nun entschieden davon ab, den damaligen Erzbischof von York, Michael Ramsey, auf den ranghöchsten Bischofssitz der Anglikanischen Kirche zu berufen, und versuchte seinem Urteil mit dem Hinweis Nachdruck zu verleihen, er kenne Ramsey, da er dessen Schulleiter an der renommierten Privatschule Repton gewesen sei. Premierminister Macmillan erwiderte darauf "Sie waren vielleicht Ramseys Schulleiter, aber nicht meiner" – und berief Ramsey. 


Leafletting-Fazit

Die 300 Flyer für den Alpha-Kurs in Haselhorst, die ich mir zu verteilen vorgenommen hatte, bin ich bis zum Redaktionsschluss fast vollständig losgeworden; die letzten sechs wollte ich heute eigentlich bei der Gemeinde auf dem Weg (auf dem "Rumpelberg") auslegen, habe dort aber erfahren, dass diese Gemeinde selbst einen Alpha-Kurs veranstaltet, im selben Zeitraum, lediglich donnerstags, während der in Haselhorst montags stattfindet. – Insgesamt würde ich meine Flyerverteilaktion jedenfalls als Erfolg betrachten; daher hier einige Erfahrungswerte zu Nutz und Frommen derjenigen Leser, die vielleicht auch mal solche Werbeaktionen unternehmen möchten: 

  • Die besten Chancen hat man meiner Erfahrung nach bei kleinen, selbständigen Geschäften bzw. Lokalen, in denen der Inhaber selbst am Tresen steht. ("Klein" bezieht sich hier eher auf die Unternehmensgröße als auf die Ladenfläche, denn Platz brauchen die Läden natürlich schon, um Flyer auslegen zu können.) Schlecht sind die Aussichten hingegen bei Filialen größerer Ketten, denn da haben die Mitarbeiter oft Anweisung "von oben", keinerlei Werbematerial zu akzeptieren. Allerdings gibt es bei Supermärkten wie Edeka und REWE häufig "Schwarze Bretter", an denen Kunden private Kleinanzeigen o.ä. hinterlassen können, und diese kann man i.d.R. auch für Flyer nutzen. 
  • Den meisten Ladenbetreibern bzw. –mitarbeitern ist es egal, wofür man wirbt: Entweder akzeptieren sie die Flyer unbesehen oder sie lehnen sie genauso unbesehen ab. Kommen doch Nachfragen, habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, zu betonen, es handle sich um eine nichtkommerzielle, will sagen: kostenlose Veranstaltung. Ein einziges Mal, nämlich bei einem Kindercafé unweit des U-Bahnhofs Alt-Tegel, habe ich es erlebt, dass die Alpha-Kurs-Flyer explizit deshalb zurückgewiesen wurden, weil es sich um "etwas Christliches" handelte. Ich nehme mal an, dass das auch in mehreren anderen Fällen der Grund dafür war, dass mir nach einem prüfenden Blick auf den Flyer beschieden wurde "Nee, das wollen wir hier nicht"; aber ausdrücklich gesagt wurde es mir nur in diesem einen Fall. 

Anekdotisch möchte ich hier noch erwähnen, dass ich auf einer meiner Leafletting-Touren ein kroatisches Restaurant betrat und dort die Chefin mit ihrem Laptop an einem Tisch sitzend antraf – wahrscheinlich machte sie gerade Buchhaltung oder sowas –, und das Laptop-Gehäuse war über und über mit Marienbildern bepflastert. Leider gehörte diese Wirtin zu denen, die das Auslegen von Flyern in ihrem Lokal pauschal ablehnte, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen; denn es hätte mich doch sehr interessiert, ob sie es gut gefunden hätte, dass es sich um "etwas Christliches" handelte, oder gerade nicht, weil es um eine Veranstaltung in einer freikirchlichen Gemeinde ging. Was mich nun wiederum darauf bringt, dass ich mich nach meinem vorigen Wochenbriefing durchaus darauf gefasst gemacht hatte, aus den Reihen meiner Blogleser Kritik daran zu ernten, dass ich auch in mehreren katholischen Kirchen Flyer für diese Veranstaltung einer freikirchlichen Gemeinde ausgelegt habe. Kommentare dieses Inhalts sind bei mir zwar (bisher) nicht bei mir eingegangen, aber ich schätze, das schließt nicht aus, dass der eine oder andere Leser im Stillen etwas derartiges denkt. Wozu ich darauf verweisen möchte, dass der Alpha-Kurs überkonfessionell angelegt ist. Entwickelt wurde das Konzept in einer anglikanischen Gemeinde; in meiner alten Heimat Butjadingen veranstaltet der katholische Pastor (so die ortsübliche Amtsbezeichnung; anderswo würde man "Pfarrvikar" sagen) Alphakurse und stößt damit offenbar auf große Nachfrage. Sicherlich liegt die Annahme nicht fern, dass die jeweiligen Veranstalter den Alphakurs auch zur Mitgliederwerbung für ihre eigene Gemeinde nutzen wollen, aber vorrangig geht es in diesem Kurs darum, die Teilnehmer überhaupt mit Grundfragen des christlichen Glaubens in Kontakt zu bringen; und unter diesem Aspekt denke ich mir: Wer selbst keinen Alpha-Kurs anbietet, sollte sich nicht beschweren, wenn jemand anderes es tut. Wobei: Selber nichts machen wollen, es aber zugleich (und in gewissem Sinne gerade deswegen) anderen zu verübeln, wenn sie etwas machen, ist ja beispielsweise – siehe oben – für den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd ausgesprochen typisch, und man muss wohl davon ausgehen, dass er mit dieser Einstellung nicht ganz allein dasteht. Na, ich will nicht wieder davon anfangen. 


Kurz notiert 

  • Nach dem altersbedingten Rücktritt von Erzbischof Nikola Eterović hat Papst Leo einen neuen Nuntius für Deutschland ernannt: Erzbischof Hubertus van Megen, 64, hat bereits eine längere Karriere im Diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls hinter sich; unter anderem war er schon Nuntius im Sudan, im Südsudan und in Eritrea. Mit Krisengebieten hat er also Erfahrung. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Der christliche Glaube steht und fällt mit der Wahrheit des Zeugnisses, dass Christus von den Toten auferstanden ist. Wenn man dies wegnimmt, dann kann man aus der christlichen Überlieferung zwar immer noch eine Reihe bedenkenswerter Vorstellungen über Gott und den Menschen, über dessen Sein und Sollen zusammenfügen – eine Art von religiöser Weltanschauung –, aber der christliche Glaube ist tot. Dann war Jesus eine religiöse Persönlichkeit, die gescheitert ist; die auch in ihrem Scheitern groß bleibt, uns zum Nachdenken zwingen kann. Aber er bleibt dann im rein Menschlichen, und seine Autorität reicht so weit, wie uns seine Botschaft einsichtig ist. Er ist kein Maßstab mehr; der Maßstab ist dann nur noch unser eigenes Urteil, das von seinem Erbe auswählt, was uns hilfreich erscheint. Und das bedeutet: Dann sind wir alleingelassen. Unser eigenes Urteil ist die letzte Instanz. Nur wenn Jesus auferstanden ist, ist wirklich Neues geschehen, das die Welt und die Situation des Menschen verändert. Dann wird er der Maßstab, auf den wir uns verlassen können. Denn dann hat Gott sich wirklich gezeigt. 

(Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, Bd. II) 


Ohrwurm der Woche 

The Zombies: Time of the Season 

Vor einiger Zeit entdeckte ich auf YouTube ein Video, das sich als eine Hitliste "in Vergessenheit geratener" 60er-Jahre-Bands präsentierte – was man indes nicht so wörtlich nehmen sollte, denn da waren auch so bedeutende Gruppen wie die Yardbirds, die Animals und die Hollies dabei; "Bands aus den 60ern, die heute nicht mehr ganz so bekannt sind wie die Beatles, die Rolling Stones oder die Beach Boys" wäre eine zutreffendere Bezeichnung gewesen. Jedenfalls landeten auf Platz 1 dieser Hitliste die Zombies – vorrangig dank ihres Psychedelic-Pop-Juwels "Time of the Season", das betrüblicherweise erst veröffentlicht wurde, als die Band sich bereits aufgelöst hatte (1968). Als ich die besagte YouTube-Doku sah, war allerdings noch tiefster Winter, sonst hätte ich diesen Song eventuell schon früher zum Ohrwurm der Woche erkoren. Aber so allmählich passt er zum Wetter...


Vorschau/Ausblick 

Heute haben Frau und Kinder einen Ausflug in den Zoo unternommen und ich hatte sozusagen "frei", abgesehen von häuslichen Verpflichtungen wie Wochenendeinkauf und Kaffeemaschine entkalken. Morgen ist Weißer Sonntag bzw. Barmherzigkeitssonntag, da werden wir wohl wieder "ganz normal" in St. Joseph Siemensstadt in die Messe gehen; und dann gehen Schule, Arbeit und KiTa wieder los (wenn ich richtig gezählt habe, sind es 58 Arbeitstage bis zu den Sommerferien). Am Montag beginnt in der EFG The Rock Christuskirche der Alpha-Kurs, für den ich so kräftig die Werbetrommel gerührt habe. Dabei sein werde ich zwar nicht, sondern unterstütze die Veranstaltung lediglich indirekt, indem ich meine Kinder allein ins Bett bringe; aber umso gespannter bin ich, was meine Liebste hinterher zu berichten haben wird. Am Dienstag findet in der Gemeinde auf dem Weg – auf dem "Rumpelberg", wie wir immer gern sagen – eine Veranstaltung unter dem Motto "Unmöglich ist keine Option" statt, mit Ben Fitzgerald von "Awakening Europe" als einem der Hauptredner. An Ben Fitzgerald habe ich sehr positive Erinnerungen von meiner ersten MEHR-Konferenz im Januar 2017; nebenbei bemerkt wird er zehnmal in Maria Hinsenkamps Dissertation "Visionen eines neuen Christentums" erwähnt und kann somit wohl als namhafter Vertreter der "KiNC"-Bewegung gelten. Am Mittwoch ist wohl wieder JAM; am Donnerstag hat meine Tochter Namenstag, in welcher Form wir diesen begehen werden, ist aber noch nicht ganz klar. Irgendwann in der kommenden Woche müsste man außerdem wohl eine Vorbesprechung für den nächsten KiWoGo einplanen, aber vielleicht kann man das auch per Mail oder Zoom erledigen. – Und am nächsten Samstag findet mal wieder ziemlich viel auf einmal statt: Die KPE-Wölflinge in Schöneberg haben ihr erstes Meutentreffen nach den Ferien, und da es insgesamt nur noch vier Treffen vor dem Frühlingslager sind, möchte ich gern, dass meine Tochter da hingeht; allerdings kann ich sie nicht hinbringen, da ich zu einem Männereinkehrtag im Kloster Neuzelle gehen will (das habe ich zuletzt vor sechs Jahren gemacht, unmittelbar vor dem ersten Corona-Lockdown). Gleichzeitig ist der Jüngste zum Geburtstag eines Freundes eingeladen (den er letztes Jahr beim Kinderfasching kennengelernt hat). Da müssen wir mal schauen, wie wir das alles unter einen Hut kriegen...