...mit gelegentlichen Abstechern nach Nordenham bzw. Butjadingen! Brainstorming für eine christliche Graswurzelrevolution - von Kneipenapostolat bis Punkpastoral, von "Benedict Option" bis Dorothy Day (und zurück). Nicht Sandsäcke auftürmen, sondern eine Arche bauen. Politik wird uns nicht retten.
Nachdem ich am vergangenen Montag beim Bürgeramt war, um endlich mal die Ummeldung unseres Wohnsitzes unter Dach und Fach zu bringen, könnte man ja denken, mit der Gemeinde Herz Jesu Tegel wäre ich, da wir jetzt auch offiziell nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen, endgültig fertig; allerdings nehme ich an, dass wir für die am 14./15. November anstehenden Gremienwahlen noch dort wahlberechtigt sind, und daher war ich am vergangenen Samstag auch bei der Gemeindeversammlung, bei der die Kandidaten für den Gemeinderat sich vorstellen sollten. In erster Linie wollte ich mit meiner Anwesenheit diejenige Kandidatin unterstützen, mit der ich im Frühjahr und Sommer – als noch die Möglichkeit im Raum stand, dass ich selbst für den Gemeinderat kandidieren könnte – ein paar konspirative Treffen hatte; die war dann allerdings gar nicht da. Interessant war es trotzdem, und ich habe auch eine relativ klare Vorstellung davon gewonnen, wen ich (unter der Voraussetzung, dass ich für diese Gremienwahl tatsächlich noch in meiner alten Wohnortgemeinde wahlberechtigt bin) wählen würde – und wen nicht.
Disclaimer: Dieses mit Tesafilm geflickte Kruzifix dient hier nur als Symbolbild, es hängt nicht in einer Einrichtung der Gemeinde Herz Jesu Tegel oder überhaupt der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd.
Man könnte natürlich fragen, warum mich das eigentlich kümmert – nicht nur, weil es ja wie gesagt gar nicht mehr meine Gemeinde ist (diese Frage wurde mir tatsächlich gestellt, und zwar, wie ich denke, ohne böse Absicht von einer Frau, die mit mir am Tisch saß), sondern auch und vor allem, weil ich doch erst kürzlich (und nicht zum ersten Mal) die Überzeugung kundgetan habe, dass der ganze Gremienapparat in der Kirche nichts taugt. Aber ich schätze, dass ist wieder einmal ein Beispiel dafür, was ich an anderer Stelle mal als "pragmatische Inkonsequenz" bezeichnet habe: Man mag der Meinung sein, Adornos Maxime"Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" treffe auf nichts so sehr zu wie auf Gremienarbeit, aber gleichzeitig sage ich mir auch, solange es diese Gremien nun mal gibt, sollte man sie nicht so ohne Weiteres den falschen Leuten überlassen. Und wenn ein paar gute Leute in einem Gemeinde- oder Pfarreirat schon nicht mehr erreichen können, als den anderen das Leben ein bisschen schwerer zu machen, ist das ja immerhin schon mal was.
In besonderem Maße denke ich da natürlich an den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd, dem ich, wie es scheint, das Leben schon dadurch gebührend schwer mache, dass ich bei Veranstaltungen wie dieser Gemeindeversammlung auftauche. Dies gab er denn auch unmittelbar zu erkennen, indem er in seine Ansprache die Bemerkung einflocht, er wolle ja nicht hoffen, dass seine Ausführungen zur Situation der Gemeinde nachher "in irgendwelchen Blogs" nachzulesen sein würden. Worauf man natürlich erwidern könnte, so eine Gemeindeversammlung sei schließlich eine öffentliche und ihrer Natur nach für die Öffentlichkeit bestimmte Veranstaltung, auch dann, wenn da außer den Kandidaten, die sich vorstellen möchten, nur ungefähr 20 Leute hingehen; aber letztlich hätte es wohl wenig Sinn, überhaupt irgendwas dazu zu sagen.
Bevor es an die Vorstellung der Kandidaten für den Gemeinderat ging, kamen erst einmal die Sprecher (m/w) des alten Gemeinderats zu Wort, um eine Art Rechenschaftsbericht über ihre Arbeit abzulegen und zugleich einen Überblick darüber zu geben, was der Gemeinderat tut, wofür er zuständig ist und wofür nicht. Dabei fiel insbesondere der Redebeitrag des männlichen Vertreters – der bezeichnenderweise nicht wieder kandidiert – derart desillusioniert und defätistisch 'rüber, dass der Sprecher von mehreren Teilnehmern der Versammlung ermahnt wurde, er solle doch die neuen Kandidaten nicht so demotivieren. Wozu ich sagen möchte: Dieser Redebeitrag wirkte vielleicht deshalb besonders düster, weil sich in ihm sehr authentisch auch die persönliche Frustration des Sprechers aussprach; aber die Grundhaltung, man könne ja im Grunde gar nicht viel mehr oder Anderes tun, als den Niedergang zu verwalten, prägte – mit ganz wenigen Ausnahmen, auf die ich noch gesondert zu sprechen kommen werde – so ziemlich die ganze Veranstaltung. Und zwar wohlgemerkt nicht nur die Redebeiträge auf dem "Podium" (tatsächlich saßen der Pfarrer, die Sprecher des alten Gemeinderats und die Kandidaten für den neuen gar nicht auf einem solchen, obwohl der Saal eine Bühne hat), sondern auch Äußerungen aus dem Publikum, zum Beispiel von Leuten, die mit mir zusammen an einem Tisch saßen und die ich aus meiner aktiven Zeit in der Tegeler Gemeinde ganz gut kenne. Mein Eindruck war, sogar Leute, die ich (gemäß der Kriterien des "Religions-Monitors") als persönlich durchaus "hochreligiös" einschätzen würde – ja vielleicht sogar besonders diese – stecken bis über beide Ohren im Niedergangs-"Mindset". Alles geht den Bach runter, niemand interessiert sich mehr "für Kirche". Haben die noch nichts vom "Quiet Revival" gehört, vom postsäkularen Zeitalter, von der wachsenden Aufgeschlossenheit insbesondere Jugendlicher und junger Erwachsener für religiöse Antworten auf ihre Lebensfragen? Vielleicht würden sie darauf antworten "Davon sehen wir hier aber nichts"; dann würde ich ihnen empfehlen, sich mal eine halbe Stunde am Tag in Herz Jesu in die Offene Kirche zu setzen, da würden sie staunen, was da für Leute reinkommen. Manche nur um "mal zu gucken", klar; aber viele tatsächlich zum Beten. Oder zur Einkehr, zur Besinnung, oder wie auch immer sie das für sich nennen. In den Strukturen der institutionellen Kirche tauchen diese Leute vielleicht nicht unbedingt auf, aber das liegt dann vor allem daran, dass diese Strukturen ihnen für das Stadium ihres persönlichen Glaubenswegs, in dem sie sich gerade befinden, nichts anzubieten haben.
Ich wurde hellhörig, als der scheidende Gemeinderats-Sprecher Überlegungen oder Anregungen erwähnte, in der Gemeinde einen Alpha-Kurs zu veranstalten. Er meinte jedoch, das sei nicht durchführbar, denn dafür brauche man Leute, die nicht nur punktuell mal mitmachen, sondern Leute, die sich über Monate hinweg verbindlich engagieren, und solche Leute seien heute praktisch nicht mehr zu finden. Was mich daran ärgerte, war die implizite Behauptung, es sei ein allgemeines Zeitphänomen, dass Leute sich nicht mehr längerfristig für irgendwas engagieren wollen. Da mag aus soziologischer Sicht was dransein, aber man kann es halt auch prima als Ausrede benutzen. Sicher, Klagen über einen Mangel an Ehrenamtlichen hört man aus vielen Gemeinden, aber wenn diese Klagen in einer Gemeinde geäußert werden, die bekannt dafür ist, dass engagierte und motivierte Leute da gezielt vergrault und weggemobbt werden, wirkt das schon recht tragikomisch. Umso mehr, wenn auch Leute in dieses Lamento einstimmen, die sich in der Vergangenheit aktiv an diesem Mobbing beteiligt haben.
Der Pfarrer erwähnte, als er hier anfing – vor mittlerweile zwölf Jahren, wenn ich richtig informiert bin – habe es auf dem Gebiet der jetzigen Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd rund 15.000 Katholiken gegeben, jetzt seien es noch knapp 12.000; er beeilte sich jedoch hinzuzufügen, diese Tendenz sei "bistumsweit, das liegt nicht daran, dass der Pfarrer hier so böse ist". Was bei mir natürlich mal wieder zwanghaftes Augenrollen auslöste. Das Problem ist ja nicht, dass der Pfarrer böse wäre – sondern dass es ihm an Glaubenseifer, Mut und geistiger Klarheit mangelt und dass er charakterlich einfach ungeeignet sowohl für die Seelsorge als auch für die Leitung einer Gemeinde ist. Da passt es natürlich ins Bild, dass er die Ursachen für den schlechten Zustand der Kirche in seinem Verantwortungsbereich auf strukturelle Faktoren zu schieben versucht, auf bistumsweite Tendenzen oder darauf, dass die Zeiten nun mal so sind, statt in Erwägung zu ziehen, dass er vielleicht selber mal etwas ändern müsste.
Gleichzeitig stimmt es natürlich auch, dass nicht an allem der Pfarrer persönlich schuld ist. Aber das habe ich ja schon öfter betont. Es gibt zweifellos so etwas wie ein toxisch-kodependentes Beziehungsgeflecht zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, und auch den bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht sichtbaren Einfluss "einfacher Geneindemitglieder" sollte man in diesem Zusammenhang keinesfalls unterschätzen. Und das alles gilt ganz gewiss nicht allein für diese Gemeinde oder diese Pfarrei – wäre das so, würde es sich ja kaum lohnen, dem Thema hier so großen Raum zu geben. Wahrscheinlich gibt es in ganz Deutschland mehr Pfarreien, die an derartigen Problemen laborieren, als solche, in denen das nicht der Fall ist.
Ich denke daher, ich kann getrost darauf verzichten, näher auf Faktoren einzugehen, die für diese Gemeinde oder diese Pfarrei spezifisch sind (zumal ich davon ja seit einigen Jahren gar nicht mehr so viel mitkriege, es sei denn aus zweiter Hand). Der Kern der ganzen Misere scheint mir jedenfalls das völlige Fehlen einer missionarischen Einstellung zu sein. Tatsächlich fehlt diese so sehr, dass nicht einmal ein Bewusstsein dafür festzustellen ist, dass die Kirche eigentlich missionarisch sein müsste. Bezeichnend dafür war ein Satz des Pfarrers, der ihm so wichtig zu sein schien, dass er ihn sogar zweimal sagte: Im Zusammenhang damit, dass es angesichts des Immobilienentwicklungsprozesses des Erzbistums zweifelhaft erscheint, ob die Pfarrei auf längere Sicht alle ihre Kirchenstandorte wird erhalten können, verwies er auf die an einigen dieser Standorte doch sehr mageren Gottesdienstbesuchzahlen und merkte dazu an: "Wenn irgendwann keiner mehr kommt, tut's auch keinem mehr weh", wenn Standorte geschlossen werden. Und das ist so falsch, dass ich laut schreien könnte vor Frustration darüber, dass niemandem aufzufallen scheint, wie falsch das ist. Klar, man hofft – d.h. diejenigen, die noch nicht komplett aufgegeben haben, hoffen –, dass man es irgendwie schafft, wieder mehr Leute in die Kirchenbänke zu bekommen; warum? Weil man die Standorte erhalten will und dafür in der Lage sein muss, eine gewisse Nachfrage vorzuweisen. Dass die Gläubigen nicht dazu da sind, die Institution am Leben zu erhalten, dass vielmehr die institutionelle Gestalt der Kirche nur ein Mittel zu einem Zweck sein sollte und dass dieser Zweck das Heil der Menschen ist – und dass diese institutionelle Gestalt daher nur insoweit wertvoll und erhaltenswert ist, wie sie diesem Zweck dient –, kommt im Denken dieser Leute überhaupt nicht vor.
Wenn ich's mir recht überlege, erklärt sich der oben angesprochene Umstand, dass auch die persönlich durchaus "hochreligiösen" Gemeindemitglieder im Modus der Klage über den Niedergang feststecken, statt mit Freude und Hoffnung darauf zu schauen, was der Heilige Geist für die Zukunft der Kirche vorbereitet hat, vielleicht nicht zuletzt daraus, dass auch sie diesen institutionsfixierten Blick haben. Denn die institutionelle Gestalt der Kirchensteuerkirche werden auch die Neubekehrten nicht retten – nicht nur, weil sie (noch, aber wohl auch für die absehbare Zukunft) zu wenige sind, um einerseits die Austrittszahlen und andererseits das allmähliche Abtreten der Baby-Boomer-Generation aufzuwiegen, sondern auch, weil sie daran gar kein Interesse haben; weil die Erwartungen, die sie an die Kirche haben, ganz andere sind. Insofern ist – wie ja auch bei der Veranstaltung im Kardinal-Bengsch-Saal anklang, über die ich berichtet habe – dieser junge Wein für die alten Schläuche der institutionellen Kirche weit eher eine Bedrohung als die Lösung ihrer Probleme.
Aber das ist vielleicht eher mal ein Thema für sich; in Herz Jesu Tegel würde ich bis auf Weiteres eher nicht damit rechnen, dass Scharen von Neubekehrten die Türen einrennen und alles auf den Kopf stellen. Dies umso weniger, als zu befürchten steht, dass auch diejenigen, die noch motiviert sind, in dieser Gemeinde etwas auf die Beine zu stellen, diesen institutionsfixierten Blick haben und daher eher darauf aus sind, irgendwie "den Laden am Laufen zu halten", als auf eine spirituelle Erneuerung. Wobei ich da eigentlich gar nicht den Plural zu benutzen bräuchte, denn als wirklich motiviert aufgefallen ist mir nur einer der Gemeinderats-Kandidaten, die sich bei dieser Versammlung vorgestellt haben: ein mir bisher nicht bekannter Mann, ein paar Jahre jünger als ich, Vater von drei Kindern, und wie er erzählte, hat er in letzter Zeit am Standort St. Joseph Tegel einige Veranstaltungsformate für die Kinder- und Jugendarbeit entwickelt und ausprobiert – Breakdance-Workshops für Kinder ab 7 Jahre zum Beispiel, oder auch Kinderdisco-Nachmittage. Wenn ich richtig gehört habe, nahmen an einer seiner jüngsten Veranstaltungen 64 Kinder unter 14 Jahren teil – das ist schon eine sehr stolze Zahl. Natürlich drängt sich da einmal mehr die Frage auf, ob die Motivation hinter solchen Veranstaltungen eigentlich darüber hinausgeht, den Kindern "positive Erlebnisse im Zusammenhang mit Kirche" zu vermitteln, und wenn ja, ob es denn wenigstens ansatzweise Konzepte dafür gibt, wie man von Breakdance und Disco eine Brücke zu Evangelisierung und Katechese schlagen könnte. Aber vielleicht bin in diesem Fall ja ich es, der reflexartig in unangemessenen Pessimismus verfällt. Kinder durch Sport-, Spaß- und Spiel-Angebote mit der örtlichem Kirchengemeinde in Kontakt zu bringen, macht sie an und für sich noch nicht zu gläubigen und praktizierenden Christen, aber es kann ein erster Schritt dazu sein; und wenn jemand offensichtlich erfolgreich darin ist, solche ersten Schritte zu ermöglichen, und sich dieser Aufgabe mit Freude und Eifer widmet, ist das erst einmal etwas Gutes. Auch wenn die nächsten Schritte dann vielleicht (!) eher nicht so sein Ding sind und von anderen Leuten übernommen werden müssten. Im Übrigen fand ich den Umstand, dass sich bei dieser Gemeindeversammlung wenigstens ein Kandidat vorstellte, der wirklich was auf die Beine stellt, statt immer zu jammern, so erfrischend, dass ich mir sage: Ick werde diesen Mann wahrscheinlich wählen.
Salvete, liebwerte Freunde und andere Leser! Ihr werdet's sicher auch schon bemerkt haben: Die Nächte werden länger und die Tage kühler, das Kirchenjahr neigt sich allmählich dem Ende zu und damit auch die Reihe "Utopie und Alltag". Aber gleichzeitig gibt es eben auch viel Neues, das, wie schon ein paarmal angedacht und angedeutet, nach einer neuen Form der Gestaltung strebt; wie das konkret aussehen wird, weiß ich im Moment selber noch nicht, aber wir werden es zu gegebener Zeit schon gemeinsam herausfinden! – Kommen wir erst mal zum Bericht über die zurückliegende Woche...
Bei den Wichteln ist der Wurm drin
Ich hatte es schon im vorigen Wochenbriefing protokolliert: Bei den KPE-Pfadfindern in Berlin-Schöneberg haben am vergangenen Samstag nicht nur die Wölflingsmädchen ihr Meutentreffen gehabt, sondern parallel dazu traf sich auch die Wichtelgruppe (für Kinder unter 7 Jahren). Diese Gruppe trifft sich ja insgesamt eher selten: regulär einmal im Monat, in den Schulferien jedoch nicht – da bleiben dann vielleicht noch acht oder neun Termine im Jahr, und wenn man da dann ein paarmal nicht kann, ist das Potential dafür, ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Gruppe zu entwickeln, doch sehr begrenzt. Wenn ich richtig sehe, war unser Jüngster insgesamt erst viermalbei den Schöneberger KPE-Wichteln, und ich sag mal: Das jüngste Wichtelgruppentreffen hat die Chancen, dass unser Jüngster da zukünftig öfter hingeht, nicht gerade erhöht.
Aber mal der Reihe nach: Wir fuhren erst einmal alle zusammen nach Schöneberg, und während ich unsere Große bei den Wölflingen "abgab", um sie später wieder abzuholen, und in der Zwischenzeit meiner eigenen Wege ging, begleitete die Liebste unseren Jüngsten zur Wichtelgruppe. Deren Gruppentreffen war um eine volle Stunde kürzer als das der Wölflingsmeute, weshalb Frau und Sohn sich schon wieder auf den Heimweg machten, bevor ich die Große abholte. Als ich meine Liebste per elektronischer Textnachricht fragte, wie's denn bei den Wichteln gewesen sei, erhielt ich zur Antwort ein Foto einer Bastelarbeit, die unser Sohn angefertigt hatte.
Als ich wieder am Ort des Meutentreffens ankam, waren die Wölflingsmädchen gerade noch dabei, aus Holzstämmen und Seilen sogenannte "Dreiböcke" zu bauen. Ich setzte mich auf eine Bank und wartete das Ende des Meutentreffens ab, und als meine Tochter nach der Abschlussrunde fröhlich auf mich zugelaufen kam und ich sie fragte "War's gut heute?", erwiderte sie nachdrücklich: "Sehr gut." Sie berichtete, außer dem Dreibock-Bauen hätten sie auch wieder das Winkeralphabet geübt, einige neue Gebete gelernt und ein Quizspiel über das Leben des Hl. Franz von Assisi gespielt. (In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass ein geschätzter Bloggerkollege, mit dem ich mich neulich in Paderborn zum Abendessen getroffen habe und dem ich bei dieser Gelegenheit von der Wölflingsmeute meiner Tochter erzählte, darauf mit den Worten reagierte: "Bei euch gibt's KPE-Pfadfinder? Das erwirbt dir die höchste Form meiner Anerkennung: meinen Neid!".)
Als wir wieder zu Hause waren und ich meinen Jüngsten fragte, wie es denn bei den Wichteln gewesen sei, erntete ich hingegen ein grimmiges Gesicht und einen Daumen nach unten; erläutern musste mir meine Liebste diese Reaktion. Dass der Knabe mit der Bastelaufgabe unzufrieden war, weil er lieber etwas anderes gebastelt hätte, kann man wohl noch darauf schieben, dass er in letzter Zeit insgesamt oft zu Eigensinn und niedriger Frustrationstoleranz neigt (sollte das etwa die gefürchtete"Wackelzahnpubertät" sein? Seine Zähne wackeln aber noch gar nicht!); das war aber noch nicht alles: Für weiteren Verdruss sorgte es, dass das beliebte Spiel "Feuer-Wasser-Sturm" bei der Wichtelgruppe mit anderen Regeln gespielt wurde, als unser Jüngster es aus der KiTa und vom Kampfsporttraining kennt, und auch bei einem weiteren Spiel war er der Meinung, die Regeln seien nicht eindeutig genug erklärt worden. Und wenn der Knabe etwas so macht, wie es seiner Erfahrung nach richtig ist, und man sagt ihm, das sei falsch, das kann er nun wirklich gar nicht ab. Verständlich, finde ich.
Es bleibt also dabei, dass unser Jüngster mit den Schöneberger KPE-Wichteln nicht so recht warm wird; etwas schade finde ich das schon, zumal ich denken würde, positive Erfahrungen bei den Wichteln könnten die Chancen erhöhen, dass er dann auch zu den Wölflingen geht, wenn er in das richtige Alter dafür kommt. Man könnt's natürlich nochmal bei der Wichtelgruppe in St. Afra versuchen, aber auf der Basis unserer bisherigen Erfahrungen bin ich nicht gerade überzeugt, dass es da besser liefe. Na, schauen wir mal – irgendwann werden wir bestimmt mal wieder nach St. Afra gehen...
Ja is' denn heut' scho' wieder Marathon?
Am 28. Sonntag im Jahreskreis gingen wir wie gewohnt in St. Joseph Siemensstadt in die Messe; unsere Große nahm wieder neben ihrer Freundin aus dem Erstkommunionkurs Platz, außer diesen beiden Mädchen nahmen noch sieben oder acht weitere Erstkommunionkinder an der Messe teil. Sie begann allerdings mit Verspätung: Einige Minuten nach der regulären Anfangszeit trat eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Gemeinde ans Ambo und erklärte, der Zelebrant – der Spandauer Krankenhausseelsorger – stecke "im Stau, weil ja heute Marathon ist". Schon wieder?, dachte ich. Der Berlin-Marathon war gerade zwei Wochen zuvor gewesen, in einen Halbmarathon war ich, wie sich Mancher erinnern wird, Anfang September auf dem Weg zum Gemeindefest in St. Stephanus geraten. Nun, da haben wir mal wieder was gelernt, nämlich dass Berlin zu dieser Jahreszeit ausgesprochen reich an Laufsportveranstaltungen ist: Im vorliegenden Fall handelte es sich offenbar um den Berliner Morgenpost Great 10K, der am Schloss Charlottenburg startete. "Die Berliner sind eben manchmal zu sportlich", merkte der Priester an (und das, wo er doch auch Sportpfarrer ist!). "Ich erkundige mich ja immer schon nach Marathon und allem möglichen, aber die sind so viel im Laufen unterwegs, und dann fahre ich da lang und dann kommt man nicht raus." – Jedenfalls kündigte er an, angesichts der Verspätung "auf die Predigt zu verzichten" – eine überraschende Entscheidung, die ich aber allemal besser fand, als die Liturgie an anderer Stelle zu kürzen.
Gleichwohl war es wohl nicht verwunderlich, dass er das Evangelium vom Tag – Matthäus 22,1-10, das Gleichnis vom Hochzeitsmahl des Königs – doch nicht ganz unkommentiert im Raum stehen mochte; allerdings beschränkte er sich auf einen nur rund drei Minuten langen Predigt-Impuls, in dem er sich auf einen Einzelaspekt der Perikope konzentrierte: nämlich darauf, dass die zur Hochzeit geladenen Gäste meinen, keine Zeit zu haben. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die verschiedenen Begriffe für "Zeit", die es im Altgriechischen gebe – chronos und kairos: "Chronos, das ist die bemessene Zeit, die ablaufende Zeit. Kairos, das ist der Moment. Die erfüllte Zeit, die Gott schenkt." Und er mahnte: "Es gibt den Moment, den man nicht verpassen darf, und die Einladung, die man nicht ausschlagen sollte. [...] Gott schenkt dir Zeit. Nimm dir Zeit für das, was wichtig ist, und für das, was zum Heile dient. Und schlage niemals die Einladung Gottes aus. Sie ist unwiderruflich sie geht an alle, aber es kann sein, dass der Moment verpasst wird." – Ich muss sagen, ich fand diesen kurzen Impuls deutlich gelungener, überzeugender und anregender als die meisten längeren Predigten, die ich von diesem Priester bisher gehört habe; man könnte den Eindruck haben, die "kleine Form" liege ihm mehr, weil die Notwendigkeit, sich aus Zeitgründen inhaltlich auf einen einzelnen Aspekt zu konzentrieren, ihn davor bewahrt, sich zu verzetteln. Womit ich nun nicht unbedingt sagen möchte, ich würde ihm wünschen, öfter im Stau zu stehen...
Am Ende der Messe stellten sich dann noch die Kandidaten für die Wahlen zum Gemeinderat, Pfarreirat und Kirchenvorstand vor, worauf ich gern verzichtet hätte. Zu den einzelnen Kandidaten will ich mich gar nicht näher äußern – es waren durchaus ein paar dabei, von denen ich mir hätte vorstellen können, ihnen meine Stimme zu geben, wenn ich in dieser Gemeinde bzw. Pfarrei wahlberechtigt wäre –, aber insgesamt geht das Thema der kirchlichen Gremienwahlen mir mehr und mehr auf den Keks. Nicht nur deshalb, weil das ganze Bohei, das um diese Wahlen gemacht wird, in einem so tragikomischen Missverhältnis zum tatsächlichen Gestaltungsspielraum dieser Gremien stehen; eher würde ich sagen, hätten die Gremien tatsächlich mehr mitzubestimmen, fände ich das noch schlimmer. – So oder so erscheint mir der ganze Gremienapparat als charakteristisch für ein Modell "von Kirche", dessen Zeit – Gott sei Dank! – im Wesentlichen vorbei ist; zukünftige Generationen werden, so hoffe ich, mit ungläubigem Kopfschütteln auf eine Zeit zurückblicken, in der die Kirche derart über-institutionalisiert und in Bürokratie erstarrt war, dass partout auch das ehrenamtliche Engagement von Laien in entsprechende Formen gezwängt werden musste. Schagwortartig zugespitzt würde ich sagen, die Kirche braucht weniger Gremienarbeit und mehr Gebetskreise. Das ist ein Gedanke, den ich schon seit einiger Zeit mit mir herumschleppe und über den ich schon längst mal außerhalb der Wochenbriefing-Reihe etwas schreiben wollte; ich schätze, ich sollte versuchen, den betreffenden Artikel bis zum Wahltermin in vier Wochen fertig zu bekommen.
Seltsame Leiden eines Theologiestudenten
In meinem vorigen Wochenbriefing nicht erwähnt habe ich den Umstand, dass am Freitag der dort besprochenen Woche, dem 9. Oktober, der Gedenktag des Hl. Dionysius war. Worin aber besteht die besondere Signifikanz dieses Umstands? – Diese Frage müsste man E.T.A. Hoffmann stellen, aber der ist ja längst tot. Irgend etwas wird er sich aber ja dabei gedacht haben, dass er seinen Dialog "Seltsame Leiden eines Theaterdirektors", an den ich meinen Rubrikentitel angelehnt habe, just "[a]m Tage des heiligen Dionysius, das heißt, am neunten Oktober" spielen lässt. Mit ein paar Tagen Verspätung gegenüber diesem historischen Datum habe ich jedenfalls den entsprechenden Band der antiquarischen Hoffmann-Werkausgabe herausgesucht, die in unserem heimischen Bücherregal steht, um gelegentlich darin zu lesen – zur Entspannung und als Gegengewicht dazu, was ich für mein Studium so alles lesen muss.
Dass ich ein solches Gegengewicht gut würde brauchen können, zeigte sich schnell. Zu den ersten Büchern von der Lektüreliste für mein Studium, die ich mir am vorigen Wochenende aus der Bibliothek besorgt habe, gehört ein utb-Taschenbuch mit dem Titel "Basiswissen Bibel: Lesen und Verstehen", und schon im Vorwort lässt der Autor, Klaus Dorn, sehr deutlich die böswillige Absicht durchblicken, aus der er das Buch verfasst hat. "Dieses Buch will dazu ermutigen, als Nichttheologe die Bibel einmal in die Hand zu nehmen" – so beginnt der erste Satz, und das klingt ja erst mal ganz gut, aber dann geht es so weiter: "und selbst zu versuchen, eine eher wissenschaftliche Betrachtung der Heiligen Schrift zu wagen" – und da denke ich mir: Um Himmels Willen, wieso das denn? Die Antwort lautet: Weil er den einfachen Gläubigen ihren nicht-wissenschaftlichen Zugang zur Bibel, den er denn auch prompt als "(Kinder-)Glauben" abqualifiziert, schlichtweg nicht gönnt. Ihm selbst hat das Studium diesen Zugang verbaut, und jetzt sieht er es als seine Aufgabe, ihn auch allen anderen zu verbauen. Wenn er sich in diesem Zusammenhang beschwert, die wissenschaftliche Exegese gerate zuweilen "fast schon in den Ruch der Ketzerei", ist das ein nur allzu durchsichtiger Fall von Schuldumkehr: Wenn Exegeten nicht der Ketzerei geziehen werden wollten, dann sollten sie halt keine Ketzerei betreiben, so einfach ist das. – Als ein Beispiel dafür, wie die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Exegese mit den naiven Vorstellungen des Pöbels in Konflikt geraten können, führt der Verfasser an: "Wie kann da jemand behaupten, es seien keine drei Könige gewesen, die da zum Kind gekommen sind, wo sie doch in Köln begraben liegen?" – was ja gar keine so dumme oder lächerliche Frage ist, wie Dorn es seinem Leser offenbar suggerieren will; und sein zweites Beispiel – "Wie kann jemand behaupten, das jüdische Volk sei gar nicht schuld am Tode Jesu? Das kennt man doch von früher ganz anders" – ist im Grunde eine noch größere Unverschämtheit, weil er damit insinuiert, wer nichts von wissenschaftlicher Exegese verstehe, sei quasi automatisch Antisemit, in letzter Konsequenz also Nazi.
Dabei ist Dorns Vorwort nur ein besonders krasses Beispiel für Tendenzen, die man in der akademischen Theologie auch sonst beobachten kann und die mir auch in der Einführungswoche in Paderborn gelegentlich aufgefallen sind: Den Studienanfängern wird zwar permanent gepredigt, wissenschaftlich zu arbeiten bedeute alles zu hinterfragen, aber gleichzeitig werden sie darauf trainiert, gerade das nicht in Frage zu stellen, was sie am gründlichsten hinterfragen sollten, nämlich das, was ihnen im Studium beigebracht wird. Da ist es wohl kein Wunder, dass so viele Leute so verkorkst aus dem Studium herauskommen.
– Ich hoffe, das klingt jetzt alles nicht zu negativ; im Großen und Ganzen habe ich nach zwei Wochen Fernstudium nämlich durchaus den Eindruck, dass ich mit den Anforderungen des Studiums einigermaßen zurechtkomme, und tatsächlich auch, dass ich – über den rein formalen Aspekt hinaus, dass ich den Abschluss als Qualifikation für eine Tätigkeit in der Pastoral benötige – von diesem Studium profitieren kann. Aber gerade dafür betrachte ich eine kritische Distanz nicht nur gegenüber einzelnen Inhalten des Studiums, sondern gegenüber der grundsätzlichen Ausrichtung der Ausbildung des pastoralen Personals als absolut notwendig. Das ist zweifellos ein Thema, über das es in Zukunft noch sehr viel mehr zu sagen geben wird, daher mache ich für diesmal erst einmal einen Punkt.
Übrigens verdichten sich die Anzeichen für einen Theologie-Boom in Deutschland. Okay, "Boom" ist vielleicht (noch) ein bisschen zuviel gesagt. Aber nachdem ich neulich schon die ungewöhnlich hohe Zahl von Studienanfängern im Bachelor-Studiengang Angewandte Theologie an der Katholischen Hochschule in Paderborn zu der Tatsache in Beziehung gesetzt habe, dass es auch für den Studiengang Religionspädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin im vergangenen Frühjahrssemester mehr Bewerber als Studienplätze gegeben hat, habe ich auf häretisch.de einen Artikel gesehen, der einen "Rekord bei Neueinschreibungen" für den "digitalen Bachelorstudiengang Theologie der Universitäten Passau und Eichstätt-Ingolstadt" meldet: "Mit 160 Neueinschreibungen habe sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt", erfährt man da, und ein "Sprecher des Departments für Katholische Theologie der Universität Passau" wird mit der Einschätzung zitiert: "Soweit uns dazu Daten vorliegen, ist dies im gesamten deutschsprachigen Raum aktuell die höchste Zahl an Erstsemestern in einem theologischen Studiengang". – Auch interessant ist, dass häretisch.de an diesen Artikel einen Verweis auf einen Bericht von vor knapp einem Jahr anhängt, in dem ebenfalls schon von einem erstaunlichen Zuwachs an Theologie-Studienanfängern an der Universität Passau die Rede war: "Dort hat sich die Zahl der Studienanfänger in den vergangenen drei Jahren auf mehr als 140 versiebenfacht." Seinerzeit wurde das als ein Wachstum "gegen den Trend" beurteilt; jetzt ist es der Trend.
Derweil wird die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main – an der ich mich ebenfalls für ein Fernstudium hätte bewerben können, wenn ich nicht Paderborn den Vorzug gegeben hätte – 100 Jahre alt. Ein diesem Jubiläum gewidmeter Artikel der Frankfurter Rundschau, den mir Google News unlängst präsentierte, trägt die vielsagende Überschrift "Noch 6 Priesteramtskandidaten, aber 250 Studierende". Was aus dem Artikel nicht hervorgeht, ist, dass die Zahl von 250 "Studierenden" tatsächlich einen Tiefststand markiert: Vor 15 Jahren waren es noch rund 100 mehr. An diesem langsamen, aber stetigen Niedergang hat auch die Einführung des neuen Bachelor-Studiengangs "Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft" im Wintersemester 2023/24 nichts ändern können. Alles in allem glaube ich, ich kann ganz froh sein, mich nicht in St. Georgen eingeschrieben zu haben. (Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle schreiben "auch deshalb, weil dort der durch das Wort zum Sonntag bundesweit bekannte Pastoraltheologe Wolfgang Beck Rektor ist", aber wie ich gerade festgestellt habe, ist der seit diesem Semester in Erfurt.)
Fortschritte in Haus und Garten
Seit ich aus Paderborn zurück bin, habe ich angefangen, für diejenigen meiner Aufgaben, die nicht zum Studium und nicht zu meiner publizistischen Tätigkeit gehören und auch nicht in den Bereich der täglichen Routine (Frühstück vorbereiten, Kinder wecken und zu ihren jeweiligen Bildungseinrichtungen begleiten, Küche aufräumen...) fallen, wöchentliche To-Do-Listen zu erstellen; und ein Punkt auf meinen Listen für die zurückliegenden zwei Wochen war es, pro Woche mindestens fünf Umzugskisten auszupacken. Diese Vorgabe habe ich bislang übererfüllt, aber so langsam wird es schwierig zu entscheiden, wo ich die Dinge, die ich den Umzugskisten entnehme, eigentlich hinräumen soll. Und solange es in der Wohnung nicht für alles einen klar definierten Platz gibt, besteht halt die Gefahr, dass man alles immer nur von einer Ecke in die andere räumt. Trotzdem: Dass nicht mehr so viele Kisten unausgepackt herumstehen, ist allemal ein Fortschritt.
Derweil hat sich in unserem Garten in der letzten Woche mehr getan, als ich es in so kurzer Zeit für möglich gehalten hätte: Mit Hilfe eines Handwerkers aus dem Bekanntenkreis unserer Hausgenossin wurde innerhalb nur eines Nachmittags der Fußboden für den Kaninchenstall fertig verlegt, der Stall aufgebaut und obendrein auch noch das Trampolin zusammengebaut.
Und da der Stall nun einmal steht, wurde er dann auch gleich am nächsten Tag mit Stroh, Heu und sonstigem Kaninchenbedarf ausgestattet, und noch einen Tag später zogen vier putzige Zwergkaninchen dort ein: Jedes der Kinder aus unserem "kuriosen Wohnprojekt" – also unsere beiden und die beiden Töchter unserer Hausgenossin – hatte sich bei der Züchterin ein persönliches Lieblingskaninchen ausgesucht. Ihre Namen: Mei, Schnüffel, Brownie und Olivia.
Für die Kinder sind die Kaninchen im Moment das Tollste auf der Welt, unsere Große hat in der Holzwerkstatt ihrer Schule – gemeinsam mit einem Mitarbeiter – sogar schon eine Kletterrampe für den Stall gebaut und plant als nächstes eine Hängematte. Auch sonst hat die Begeisterung der Kinder für die Kaninchen einige positive Nebeneffekte: Zum Beispiel beeilen sie sich neuerdings morgens beim Aufstehen und Anziehen mehr, damit sie noch Zeit haben, in den Stall zu gehen, bevor sie zur Schule bzw. zur KiTa müssen, und wir haben derzeit auch keinerlei Mühe damit, den Medienkonsum der Kinder regulieren zu müssen. – Ich fürchte nur, die Katzen fühlen sich ein bisschen vernachlässigt...
Bald haben wir zwei Schulkinder
Zu den Dingen, um die ich mich in der zurückliegenden Woche neben den fortlaufenden Anforderungen von Studium, Blog, Haushalt und Kinderbetreuung (und, wie schon angesprochen, dem Auspacken von Umzugskisten) noch kümmern musste, gehörte die Anmeldung unseres Jüngsten zur Einschulung. Es gehört zu den Mysterien des bürokratischen Staates, dass es in Deutschland zwar eine allgemeine Schulpflicht ab dem vollendeten 6. Lebensjahr gibt und für jede Meldeadresse eine zuständige Einzugsschule, die Kinder aber trotzdem nicht (sofern die Eltern sich nicht von sich aus um einen anderen Schulplatz, eine vorzeitige Einschulung oder Zurückstellung kümmern) "automatisch" für das nach ihrem 6. Geburtstag beginnende Schuljahr dort eingeschult werden und dies den Eltern lediglich mitgeteilt wird. Stattdessen müssen die Eltern es selbst beantragen – aber "müssen" eben auch in dem Sinne, dass sie Konsequenzen zu spüren bekommen, wenn sie es nicht innerhalb einer bestimmten Frist tun. Man wird mir wieder sagen, ich übertreibe, aber ich empfinde Zwang, der freiwillige Mitwirkung verlangt, als die entwürdigendste Form der Tyrannei.
Wie dem auch sei: Wir haben zwar die Absicht, unseren Sohn an derselben freien Alternativschule einzuschulen, auf die auch seine große Schwester geht – dazu weiter unten noch eine Anmerkung –, aber angemeldet werden muss die Einschulung trotzdem an der örtlich zuständigen Regelschule – und da sorgt nun unser Umzug für weitere Komplikationen, denn da der Termin, den wir beim Bürgeramt für dir zum Ummeldung unseres Wohnsitzes bekommen haben, noch in der Zukunft liegt, ist vorläufig noch die Einzugsschule unseres ehemaligen Wohnsitzes für uns zuständig. Man kann von Glück sagen, dass wir nur innerhalb desselben Stadtbezirks umgezogen sind, sonst wäre alles noch komplizierter. Na, jedenfalls habe ich es fristgerecht geschafft, die für die Anmeldung zur Einschulung erforderlichen Unterlagen im Sekterariat der formal dafür zuständigen Schule abzugeben; und jetzt schauen wir mal, wie's weitergeht.
Was ich übrigens noch zu dem Umstand anmerken wollte, dass wir die Absicht haben, unseren Jüngsten auf dieselbe Schule zu schicken wie das Tochterkind: Neulich auf dem Heimweg sinnierte unsere Große darüber, wie viele Geschwisterkinder es an ihrer Schule gibt. Gemeinsam zählten wir durch, wie viele Kinder uns einfielen, die Geschwister an derselben Schule haben, und das waren, gemessen an der sehr überschaubaren Gesamt-Schülerzahl, wirklich sehr viele. Natürlich tragen zu diesem Sachverhalt mehrere Aspekte bei. Einerseits gibt es bei der Vergabe der Schulplätze einen "Geschwisterbonus", das heißt, ein Kind hat schlichtweg bessere Chancen, an der Schule angenommen zu werden, wenn es bereits Geschwister an dieser Schule hat. Andererseits sagt es natürlich etwas über die Zufriedenheit der Eltern mit der Schule aus, wenn Eltern, die bereits ein Kind an dieser Schule haben, ihr nächstes Kind auch wieder dort anmelden. Hinzu kommt aber noch ein anderer Aspekt, nämlich der Anteil der Kinder an dieser Schule, die überhaupt Geschwister haben. Das ist ja heutzutage nicht gerade selbstverständlich. Ob die Elternschaft dieser Schule im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung tatsächlich überdurchschnittlich viele Kinder hat, kann ich ehrlich gesagt nicht mit Bestimmtheit behaupten, es ist eher ein Fall von "gefühltem Wissen"; sollte es aber stimmen, dann gäbe es durchaus verschiedene mögliche Erklärungen dafür. Meine Liebste etwa meint, bei Familien mit einer ausgeprägt "naturnahen" Lebenseinstellung – für die diese Schule mit ihrem Garten, ihrer Nähe zum Wald, ihrer Holzwerkstatt usw. besonders attraktiv sei – sei eher mit einer kritischen Haltung gegenüber künstlicher Empfängnisverhütung zu rechnen als bei der Mehrheit der Bevölkerung, und das könne eben auch zu mehr Kindern in der Familie führen; ich selbst würde eher darauf tippen, dass Leute, die ihre Kinder auf Alternativschulen schicken, häufig Leute sind, in deren Lebensplanung der Punkt "Kinder haben" generell einen höheren Stellenwert hat als bei vielen anderen. Beides schließt sich aber wohl nicht aus, und es können sicherlich auch noch ganz andere Faktoren hinzukommen.
Hl. Gerardo Maiella, bitte für uns!
Am gestrigen Freitag war der Gedenktag eines Heiligen, der mir überhaupt kein Begriff gewesen war, ehe er mir beim"Jahresheiligenziehen" auf der Website von Kirche in Not als mein persönlicher Jahresheiliger für 2026 "zugelost" wurde. Gerardo Maiella hatte in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag, sein Gedenktag ist jedoch, wie üblich, sein Todestag. Er stammte aus einem kleinen Ort in der süditalienischen Region Basilicata, war Sohn eines Schneiders und erlernte auch selbst dieses Handwerk; schon als Kind soll er den Spitznamen "der Heilige" gehabt haben. Sein Wunsch, in den Kapuzinerorden einzutreten, wurde ihm wegen seiner schwachen Gesundheit verwehrt; als junger Erwachsener erlebte er eine Volksmission der Redemptoristen in seinem Heimatort und verspürte die Berufung, sich dieser Gemeinschaft anzuschließen, wurde jedoch erneut zunächst abgewiesen. Daraufhin, so heißt es, habe er sich mittels zusammengeknoteter Bettlaken aus dem Fenster seines Zimmers abgeseilt, seiner Mutter die schriftliche Nachricht "Mama, vergib mir, ich werde ein Heiliger" hinterlassen und sei den Volksmissionaren 20 Kilometer weit nachgereist, um sie zu überreden, ihn als Laienbruder aufzunehmen. Fortan lebte und arbeitete er – bis zu seinem frühen Tod im Alter von 29 Jahren – als Gärtner, Schneider, Pförtner, Koch und Tischler im Redemptoristenkloster Materdomini bei Neapel und stand im Ruf, u.a. die Gaben der Levitation, der Bilokation und der Seelenschau zu besitzen. Als er beschuldigt wurde, Vater eines unehelichen Kindes zu sein, schwieg er zu den Vorwürfen und nahm eine strenge Buße auf sich, bis sich seine Unschuld herausstellte. Heute wird Gerardo Maiella als Patron der Mütter, der Schwangeren, der ungeborenen Kinder und als Fürsprecher bei Kinderwunsch verehrt; 1893 wurde er von Papst Leo XIII. selig- und 1904 von Papst Pius X. heiliggesprochen.
Geistlicher Impuls der Woche
Heilige dich: morgen stirbst du!
In unserem Herzen wäre mehr Himmel, wenn sich darin nicht so viel Erde befände.
Wohin unsere Werke nicht gelangen können, dahin sollen uns die Schwingen der Sehnsucht demütig und vertrauensvoll im Fluge tragen.
Nehmen wir uns der Sache Gottes an, dann wird auch Gott an uns denken.
Gott ist zufrieden, wenn du tust, was du kannst. Aber mit halben Maßnahmen machen wir die Sache schlechter.
Nicht nach der Menge der Erfolge, sondern nach der Größe der Opfer wird jedem der ewige Lohn zugemessen.
Wenn wir unsere Schwäche kennen, bauen wir unsere Hoffnung auf Gott.
Suche Gott, und du wirst ihn finden. Suche ihn in allen Dingen, und du wirst ihn überall finden. Suche ihn zu jeder Zeit, und du wirst ihn immer finden.
Es liegt wohl auf der Hand, dass dieses melancholische Lied gut zur Jahreszeit passt; aber der eigentliche Grund, weshalb es zu meinem Ohrwurm der Woche avanciert ist, ist dann doch ein anderer. Ich geriet nämlich unlängst auf Facebook in eine Diskussion über den Song "A New England" von Billy Bragg, den ich auch mal in der Rubrik Ohrwurm der Woche gewürdigt habe – als Paradebeispiel für den Sound meiner Abi-Partys vor gut 30 Jahren. Jedenfalls wurde in der besagten Facebook-Diskussion darauf hingewiesen, dass das faszinierend paradoxe Verspaar "I was 21 years when I wrote this song / I'm 22 now but I won't be for long", mit dem der Songtext beginnt, ein Zitat ist und eigentlich von Paul Simon stammt. Was mich an dieser Information so verblüffte, war, dass ich das eigentlich hätte wissen können oder müssen, aber mein Gehirn hatte bisher keine Verknüpfung zwischen diesen ansonsten so unterschiedlichen Songs hergestellt. Jedenfalls geht mir infolge dieser Erkenntnis der Song, aus dem diese Verse ursprünglich stammen, nicht mehr aus dem Kopf. – Nebenbei sei angemerkt, dass dies bereits mein fünfterOhrwurmderWoche aus der Feder von Paul Simon ist; das ist einsamer Rekord, und ich würde mal sagen, das spricht für sich.
Vorschau/Ausblick
Heute hatten die Wölflinge kein Meutentreffen, da praktisch gesehen bereits Ferien sind; jawohl wir haben, Herbstferien bis einschließlich Allerheiligen. Bis einschließlich Montag sind wir aber noch zu Hause, sodass die Kinder sich weiter um ihre heißgeliebten Kaninchen kümmern können. Und morgen geht's natürlich wieder in die Messe, aller Voraussicht nach wieder in St. Joseph Siemensstadt. Am Dienstag fahren wir dann für fünf Tage nach Nürnberg. Warum Nürnberg? Nun ja, das hat sich halt so ergeben. Ist eine schöne, geschichtsträchtige Stadt, es gibt dort das Museum der Deutschen Bahn und, im Vorort Zirndorf, den Playmobil Fun Park; außerdem und nicht zuletzt ist es ein geeigneter Zwischenstopp auf dem Weg zum geplanten Schauplatz unserer zweiten Ferienhälfte, aber darüber verrate ich nächste Woche mehr. – Ganz in der Nähe unserer Unterkunft in Nürnberg liegt übrigens eins der ältesten erhaltenen Sakralgebäude der Stadt, die ehemalige Klosterkirche St. Klara aus dem 13. Jh.; die weniger gute Nachricht ist, dass diese Kirche seit 1996 von der bzw. für die Katholische City-Seelsorge Nürnberggenutzt wird, und beim Stichwort "Citypastoral"kriege ich jabekanntlichdie Motten. Aber gucken wir mal!
Im ersten Teil meiner Erinnerungen an die Urlauberkirchen-Saison 1992 in Butjadingen hatte ich festgehalten, dass ich das Programm der katholischen Strandkorbkirche schon damals, "gerade unter dem Aspekt der religiösen Substanz", eher dürftig fand, aber auch, dass die Strandkorbkirche damals immerhin noch deutlich mehr auf die Beine gestellt hat, als die katholische Urlauberseelsorge in Butjadingen es heute tut. Um dies zu unterstreichen, möchte ich die nun folgende Fortsetzung mit dem Hinweis einleiten, dass in der Pfarrei St. Willehad unlängst die Herbstausgabe der neuen Quartalsschrift "Leuchtturm" erschienen ist, und darin findet sich auch ein Rückblick auf die diesjährige Urlauberkirchen-Saison, verfasst von Diakon Christoph Richter. Der geneigte Leser möge sich gern selbst ein Urteil bilden, aber mir drängt sich der Eindruck auf, da schreibt einer, der genau weiß, dass das gebotene Programm arg dürftig war, der aber krampfhaft versucht, es sich und dem Publikum schönzureden. Dies gerät ihm teils defensiv ("Das Nachmittagsprogramm mussten wir erst einmal testen: Was geht? Was geht nicht? Ist die Zielgruppe überhaupt offen und bereit für ein Angebot?"), teils trotzig ("Ein Riesenerfolg waren die Bingoabende [...]. Bingo hat 4× auf jedem Platz Menschen miteinander verbunden"); konsequent vermieden wird es hingegen, sich der Frage zu stellen, ob die Angebote der Urlauberkirche nicht auch inhaltlich gewissen – idealerweise katechetischen und/oder spirituellen – Anforderungen genügen sollten. Lediglich über das Kinoprogramm heißt es, dass die ausgewählten Filme "Spaßcharakter hatten und auch etwas mit dem christlichen Glauben zu tun hatten" – was ja nun auch wieder ziemlich defensiv klingt und im Übrigen so ziemlich alles Mögliche bedeuten kann.
Nun aber zurück zu meinen Aufzeichnungen aus dem Sommer '92! – Über das zweite Strandkorbkirchen-Team dieses Sommers hatte ich ja, wie erwähnt, schon am 5. Juli die Einschätzung festgehalten, im Vergleich zu den Wellenbrechern könne dieses "eigentlich nur besser werden"; noch ehe ich jedoch Gelegenheit hatte, diese Annahme einer Überprüfung zu unterziehen, traf erst einmal ein Team der eher evangelikal ausgerichteten "Strandmission" im Burhaver Gästehaus des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen ein, was mir Veranlassung zu einem Tagebucheintrag mit der vielsagenden Überschrift "Die andere Seite" gab. Dieser Eintrag trägt das Datum vom 15. Juli, einem Mittwoch, und an diesem Tag ging ich erstmals in diesem Sommer zum Teenie-Programm der Strandmission, das abends stattfand unter der Bezeichnung "Teestube" lief; wie ich notierte, war das Team der Strandmission einen Tag zuvor angereist. Zur "Teestube" am Mittwoch ging ich zusammen mit meiner Schwester, und "[a]uf dem Weg dorthin verriet ich" dieser "auf ihre Frage hin, was mir an Freikirchlern nicht gefiel" – was ausgesprochen interessantes Material für die "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" bietet, weshalb ich diesen Teil des Tagebucheintrags lieber an anderer Stelle würdigen möchte; hier genüge es erst einmal, festzuhalten, dass ich mich mit meinen 16 Jahren entschieden als katholischer Christ sah, unbeschadet der Tatsache, dass mich bestimmte Formen der Glaubenspraxis, wie ich sie in freikirchlichen Kreisen (oder eben bei den "Krelingern", die ja keine Freikirchler waren, was mir damals aber wohl nicht bewusst war) vorfand, stark ansprachen und ich "so etwas" in meiner eigenen Kirche eher vermisste.
Auf dem Weg zur Teestube trafen wir ein Mädchen aus dem Dorf, das ebenfalls zu dieser Veranstaltung wollte; dieses Mädchen war ungefähr in meinem Alter, war aber bisher (was sich nach diesen Sommerferien änderte) auf eine andere Schule gegangen als ich, und so hatten wir nicht sonderlich viel Kontakt zueinander; aber natürlich "kannte man sich", und als wir bei der Teestube ankamen, setzten wir uns zu dritt an einen Tisch – und nun passierte etwas Interessantes: "Zu uns gesellte sich ein Mädchen aus dem Team. Sie hieß witzigerweise Willi, was eine Abkürzung für Wiltrud war. Wir unterhielten uns sehr gut." Mir scheint, dass ich mir damals nicht besonders viel dabei gedacht habe, aber aus heutiger Sicht bin ich überzeugt, dass ich in diesen Zeilen ein sehr bewusstes und strategisch kluges Vorgehen des Teams festgehalten habe. Da kommen drei Leute rein, die sich untereinander offenbar schon kennen, und setzen sich zusammen an einen Tisch – was macht man da? Man setzt jemanden vom Team dazu, der ein Gespräch mit ihnen anfängt. So zeigt man Interesse, gibt den Neuankömmlingen das Gefühl, willkommen zu sein, und verhindert zugleich, dass sie zu sehr "unter sich bleiben" und damit in einer gewissen Distanz zum Geschehen verharren. Der Unterschied zur Strandkorbkirche, aber auch zu anderen Angeboten im post-volkskirchlichen Bereich, ist mit Händen zu greifen: Da fühlt man sich, wenn man zu einer Veranstaltung kommt, wo man (noch) niemanden kennt, ja eher wie jemand, der unbefugt in eine geschlossene Gesellschaft eingedrungen ist, und wird nicht selten auch so behandelt – "sogar da, wo die Kirche sich gezielt als jung und hip zu präsentieren sucht", wie ich im Februar 2025 aus seinerzeit gerade aktuellem Anlass notierte.
Im Gespräch mit "Willi" und/oder anderen Teammitgliedern stellte sich übrigens heraus, dass die Leute von der Strandmission angenommen hatten, die Strandkorbkirche wäre ab dem nächsten Tag nicht mehr da; wir informierten sie jedoch darüber, "dass das nur das erste Team war und dass morgen (zum Glück) ein neues Team kam". In diesem Zusammenhang hielt ich die Beobachtung fest, die "Krelinger" wirkten "dieses Jahr bemüht, die üblichen Querelen mit der Strandkorbkirche zu umgehen", und merkte dazu an:
"Meine Meinung zu dem Thema war: Lieber miteinander als gegeneinander. Wäre es so abwegig, wenn Strandmission und Strandkorbkirche mal das eine oder andere gemeinsam machen würden?"
Tatsächlich könnte man ja meinen, "so abwegig" dürfte es eigentlich nicht sein, aber gerade die Tatsache, dass ich mir diese Frage stellte, impliziert ja, dass es auf der Basis der Erfahrungen früherer Jahre wohl doch ziemlich undenkbar war. Folgerichtig fügte ich sogleich einschränkend hinzu: "Zumindest aber könnte man sich ja miteinander arrangieren, um sich nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen." – Darüber könnte man nun natürlich auch wieder ausgiebig philosophieren: Können ein vom Ansatz her nicht-missionarisches und ein missionarisches Projekt einander Konkurrenz machen? Man muss diese Frage gar nicht zwingend auf ein religiöses Verständnis von Mission zuspitzen, sondern könnte auch sagen: Das eine Projekt – die Strandmission – sucht aktiv ein Publikum für sein Angebot, das andere – die Strandkorbkirche – tut dies nicht, sondern verlässt sich darauf, dass die angestrebte Zielgruppe sich von allein einfindet. Damit ist schon mal klar, dass die Strandkorbkirche für die Strandmission keine Konkurrenz darstellt; umgekehrt müsste aber die Strandkorbkirche – insofern, als sie ohnehin nicht darauf ausgerichtet ist, über den engen Kreis ihrer "Stammkundschaft" hinaus zu wirken – die Strandmission eigentlich auch nicht als Konkurrenz fürchten, tut es aber in gewissem Sinne doch, möglicherweise deshalb, weil sie gerade das, was dort anders gemacht wird, als eine Art stillen Vorwurf empfindet; und man könnte sagen: durchaus zu Recht.
Dass ich es erwähnenswert (und "überaus positiv zu bewerten") fand, dass bei meinem ersten Besuch der Strandmissions-Teestube in diesem Sommer "keinerlei Katholikenfeindlichkeit auftrat", sagt sicher auch einiges aus, ist aber wohl eher ein Thema für die "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase". Zum inhaltlichen Programm des Abends notierte ich, zunächst sei "ein Sketch mit zwei Spinnen aufgeführt" worden, "der übrigens echt tiefsinnig war", und dann habe unsere neue Freundin "Willi" die Geschichte des Zöllner Zachäus mit Jonglierbällen dargestellt: "Es war super". An die Jongliernummer erinnere ich mich in Grundzügen tatsächlich heute noch, was ich von dem Spinnen-Sketch leider nicht im selben Maße behaupten kann.
Tags darauf, am 16. Juli, fand erneut ein Glaubensgespräch im Rat-Schinke-Haus statt, über das ich mich schon in meinem Artikel"Kirche wozu? Die schon fast nicht mehr erwartete Fortsetzung" geäußert habe; hier möchte ich mich daher auf die "urlauberkirchenrelevanten" Details beschränken, zu denen es gehört, dass meine Schwester und ich vor Beginn des Gesprächsabends "einen Teil des neuen Strandkorbkirchenteams" kennenlernten, nämlich "ein junges Ehepaar, Dirk und Erika Schumann, mit zwei kleinen Kindern. Der Rest des Teams sollte erst morgen kommen". – "Und dann war da noch ein junger Mann am anderen Ende des Tisches", von dem ich im Zuge der von meiner Seite recht polemisch geführten Debatte mit der eher "postchristlich" eingestellten Referentin den Eindruck hatte, dass er "eher auf meiner Seite stand, aber moderater, ruhiger argumentierte [...]. Er wirkte jedenfalls sehr gebildet, zum Beispiel behandelte er mit größter Genauigkeit das Problem, ob man ohne Gott glücklich sein könne." Wie ich in "Kirche wozu? Die schon fast nicht mehr erwartete Fortsetzung" bereits verraten habe, handelte es sich bei diesem jungen Mann um Kai-Uwe Schroeter, der später (von 2004-2007) Leiter des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen und noch später Pfarrer in Dortmund wurde; im Sommer 1992 war er Vikar in der evangelischen Kirche und Teamchef der Strandmission. Dass meine Schwester und ich ihn nicht schon am Abend zuvor kennengelernt hatten, muss man wohl als Zufall betrachten; jedenfalls stellte sich Kai-Uwe "nach der Diskussion unserem Pfarrer vor und sprach auch mit den Schumanns" – sowie mit meiner Schwester und mir, wobei er anmerkte, er habe "uns noch von vor ungefähr sechs Jahren in Erinnerung" (Man beachte: Da war ich zehn!). Recht offensichtlich erscheint es jedenfalls, dass Kai-Uwes Teilnahme an diesem Glaubensgespräch im Zusammenhang mit seinen Bemühungen stand, das schwierige Verhältnis zwischen den "Krelingern" und den örtlichen Kirchengemeinden zu verbessern – wobei es bemerkenswert ist, dass gerade das Verhältnis zur evangelischen Kirchengemeinde stark belastet war. "Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen evangelischer Gemeinde und den Krelingern war letztes Jahr der traditionelle Strandgottesdienst gewesen, der ohne Beteiligung der Krelinger stattfand. Grund: Die Krelinger waren gar nicht gefragt worden, ob sie sich beteiligen wollten." Wie Kai-Uwe verriet, hatte er eine volle Stunde mit dem örtlichen evangelischen Pastor reden müssen, um ihn einigermaßen versöhnlich zu stimmen.
Näheres über das neue Strandkorbkirchen-Team – über die beiläufige Erwähnung des Ehepaars Schumann hinaus – erfährt man im Tagebucheintrag vom kommenden Wochenende, dem 18./19. Juli: Am Samstagvormittag gab es im Rat-Schinke-Haus einen Termin zur Vorbereitung der Sonntagsmesse, und daran nahmen neben dem örtlichen Pfarrer, dem polnischen Gastpriester ("Woyzeck") und eben dem neuen Strandkorbkirchenteam auch meine Schwester und ich teil, was ja an sich schon mal ein ganz interessantes Faktum ist. "Zum Team waren inzwischen noch einige Mädchen gestoßen: Elisabeth, die wohl etwas älter als [meine Schwester] war, sowie zwei jüngere Mädchen, Nina und Ela. Ich hätte gedacht, dass die beiden etwa in meinem Alter wären, aber ich erfuhr, dass sie erst 14 waren." Von diesen jungen Damen wird in Folgenden noch ein paarmal die Rede sein; kommentarwürdig erscheint mir aus heutiger Sicht indes vor allem die folgende Passage zum Thema Gottesdienstgestaltung:
"Im Gegensatz zu den Wellenbrechern machten die neuen Strandkorbkirchler einen separaten Teil für die Kinder außerhalb der Kirche. So musste man den eigentlichen Wortgottesdienst nicht auf Kinderniveau bringen, und die Kinder hatten viel mehr davon. Außerdem störten die Kinder dann nicht."
Den letzten Satz finde ich ja entwaffnend ehrlich; im Übrigen möchte ich darauf verweisen, was ich in meinem Artikel"Gideon und Bernadette gehen nicht zur Kinderkatechese" von Anfang 2017 "zu dem Konzept [...], Kinder aus dem Gottesdienst 'rauszuholen, um ihnen ein Alternativprogramm zur Feier der Heiligen Messe angedeihen zu lassen", angemerkt habe. Inzwischen gestalte ich zwar selbst Kinderwortgottesdienste mit, aber zu meiner grundsätzlichen Kritik an diesem Format stehe ich im Großen und Ganzen auch weiterhin. Dass ich das mit 16 Jahren anders sah, finde ich im Rückblick allerdings verständlich: Nachdem ich dem Kindergottesdienst-Alter glücklich entwachsen war, hatte ich natürlich wenig Lust darauf, dessen Stilmittel auf dem Wege des "Familiengottesdienstes" in die "normale" Sonntagsmesse eindringen zu sehen.
Zum Inhalt der Gottesdienst-Vorbesprechung an diesem Samstag erfährt man an dieser Stelle erst mal nichts Näheres, weiter unten liest man dann aber:
"Das Thema dieses Gottesdienstes, in dem das Evangelium von Maria und Martha vorkam, war: 'Nimm dir Zeit für Gott!' Und das war ja genau das, was ich in diesen Ferien machte."
Diese letzte Anmerkung ist unter anderem wohl als Kommentar dazu zu verstehen, dass ich am selben Wochenende, nämlich am Samstagabend, zusammen mit meiner Schwester erneut auch die – wie an dieser Stelle ausdrücklich hervorgehoben wird – "täglich stattfindende Teestube" der Strandmission besuchte. Dies veranlasste mich, darüber zu reflektieren, "dass ich in diesen Ferien total auf dem religiösen Trip war. Krelinger, Strandkorbkirche – überall war ich voll dabei. Das gefiel mir, ich fühlte mich sehr wohl dabei"; und folgerichtig trägt der Tagebucheintrag über das Wochenende des 18./19. Juli die Überschrift "Voll auf dem Religionstrip".
Die Strandmissions-Teestube an diesem Samstagabend fand ich übrigens "mal wieder voll gut". Zentraler Programmbeitrag war eine mit Musik unterlegte Diashow, die zur Diskussion und/oder zum Nachdenken anregen sollte, "und zwischendurch einige Ausschnitte aus einer Umfrage 'Was ist ein Christ?'". – "Die Dias passten perfekt zur Musik, oder umgekehrt"; na, wer hätte das gedacht. Die Musik ordnete ich als "hauptsächlich harter Rock" ein, was wohl eine Definitionsfrage ist; ausdrücklich genannt wurden "Knocking on Heaven's Door" – offenbar die damals gerade ziemlich aktuelle Coverversion von Guns 'N Roses – sowie "I am the Six O'Clock News" von Larry Norman, von dem ich festhielt, dass ich es "bisher nicht gekannt hatte", dass es mir aber "besonders gut" gefiel. Wer Larry Norman war, wusste ich damals nicht und war einigermaßen überrascht, das Lied Jahre später im Zuge meiner Lektüre von Gregory Alan Thornburys Norman-Biographie "Why Should the Devil Have All the Good Music?" quasi "wiederzuentdecken". – Was ich damals jedenfalls vom Liedtext wahrnahm und verstand, war, dass es darin um "all das Elend" ging, "das einem durch die Nachrichten vermittelt wurde Die Dias dazu: Mehrere Bilder von Soldaten, zwischendurch ein Nachrichtensprecher, dann eine US-Flagge vor einer Gedenktafel, und schließlich ein Soldatenfriedhof."
Nicht minder interessant ist, dass meine Schwester und ich bei dieser Teestube mit einem jungen Mann ins Gespräch kamen, "der Markus hieß und Missionar werden wollte": "Er hatte vor einiger Zeit einen 'Einsatz' in der Mongolei mitgemacht und war davon völlig begeistert." – Und dann fanden sich "ein paar Jungs" bei der Teestube ein, von denen ich fand, dass sie "irgendwie nicht in das Milieu passten": "Sie trugen Heavy- Metal-T-Shirts und macht auch sonst einen dementsprechenden Eindruck." Dass ich Leute mit einem solchen Erscheinungsbild bei dieser Veranstaltung eher nicht erwartet hätte, ist wohl durchaus aussagekräftig; "[a]ber sie brachten Stimmung", und die Antwort auf die Frage "Wie hatten sie sich hierherverirrt?" lautete, "dass die Jungs zur Jugendfeuerwehr aus Holzminden gehörten, die zurzeit am Burhave" Strand kampierte– in der Nähe des Krelinger-Zeltes":
"Da hatten die Krelinger es sich nicht nehmen lassen, sie zur Teestube einzuladen. Und jetzt war es natürlich eine große Freude, dass die Feuerwehrler gekommen waren. Ihnen zuliebe wurde die Dia-Show noch einmal gezeigt, und da die Musik genau den Geschmack der Jungs traf, gefiel es ihnen ziemlich gut."
Diese Anekdote scheint mir recht illustrativ für den missionarischen "Spirit" der Strandmission, den man bei der Strandkorbkirche und erst recht bei ihren post-volkskirchlichen Nachfolgeprojekten vergeblich suchen würde; es folgt noch ein weiterer anekdotischer Beleg dafür, aber zunächst einmal wandte ich mich in meinem Tagebuch wieder dem neuen Strandkorbkirchenteam zu, das bis zu seinem ersten Sonntagsmessen-Einsatz noch einmal Verstärkung bekommen hatte: "Ansgar, ein alter Bekannter, und Gabi, eine schon nicht mehr ganz so junge Frau, die auch schon letztes Jahr dabeigewesen war, waren noch hinzugekommen." An diesen Ansgar erinnere ich mich tatsächlich recht gut, leider weiß ich seinen Nachnamen nicht und kann daher nicht Google befragen, was aus ihm geworden sein mag. Am Dienstag, dem 21. Juli, hielt ich jedenfalls fest, das neue Strandkorbkirchenteam gefalle mir "wirklich gut"; bezeichnend ist hier indes der Hinweis, "besonders Nina" sei "echt nett" – ehrlicherweise müsste man wohl ergänzen "und hübsch" –, "auch wenn sie nicht zu den Aktivsten gehörte". Im Klartext darf man das wohl so verstehen, dass ich, weil ich die 14jährige Nina einfach mochte, in ihrem Fall nicht so schlimm fand, was ich an anderen Strandkorbkirchen-Mitarbeitern scharf kritisiert haben würde – nämlich dass sie ihren Einsatz in erster Linie als billigen Urlaub betrachteten und nutzten und an der inhaltlichen Seite des Ganzen eher wenig Interesse zeigten. "Aktiv war dagegen Elisabeth (von Nina und Ela 'Betty' genannt), die auch ziemlich nett war" – von der ich indes auch zu Protokoll gab, meine Schwester sei "zunächst nicht so begeistert von ihr gewesen, aber mittlerweile hatte sich das geändert". Diese Bemerkung enthält einen subtilen Hinweis darauf, dass meine Schwester als junge Erwachsene nicht gerade der einfachste und umgänglichste Charakter war, aber ich kann versichern, dass sie seither erheblich entspannter geworden ist. – Der entscheidende Punkt des Tagebucheintrags vom 21. Juli ist jedoch, dass Strandkorbkirchen-Mitarbeitern Elisabeth am Abend "sogar mit zur Teestube der Krelinger" kam, die "[d]iesmal [...] im Zelt am Strand" stattfand. Zum Programmauftakt war dort "Gymnastik angesagt, geleitet von Kai-Uwes sehr sportlicher Frau. Ich beteiligte mich daran nicht", was wohl auch ziemlich typisch für mich war. "Es folgten die üblichen Gespräche und das Teetrinken, und dann kam der heutige programmatische Beitrag", den ich ausführlich genug geschildert habe, um meiner Erinnerung daran auf die Sprünge zu helfen. Es handelte sich um eine "gestellte Umfrage zum Thema Zukunft", das heißt, ein Mitarbeiter trat in der Rolle des Interviewers auf und befragte "Passanten", die jedoch ebenfalls zum Team gehörten und in die Rollen verschiedener etwas klischeehaft überzeichneter "Bevölkerungstypen" schlüpften, wie ich es damals formulierte – "Zum Beispiel: Öko-Freak. Oder: Fitness-Fanatiker. Markus spielte einen Sektenjünger, der meditierte, und Kai-Uwe einen Unternehmer, der in 2½ Minuten 50 Mark verdient. Der Typ Mode-Freak und der No-Future-Typ kamen auch vor. Alles sehr witzig. Natürlich war es eine völlige Verarschung all dieser Lebensstile" – oder anders ausgedrückt, eine in satirischer Form dargebotene Kritik daran, seine Hoffnungen für die Zukunft auf etwas anderes zu setzen als auf Jesus Christus. – Strandkorbkirchen-Mitarbeiterin Elisabeth "gefiel es offenbar recht gut", und dann kamen erneut einige Mitglieder der Jugendfeuerwehr-Gruppe vorbei:
"Diesmal waren es noch mehr, und es waren auch Mädchen dabei. Eine kurze Absprache unter den Teamern genügte, und schon wurde beschlossen, den Feuerwehrlern zuliebe den Programmteil zu wiederholen."
Was die Wiederholung des Interview-Sketchs für mich persönlich besonders spannend machte, war, dass Elisabeth mir heimlich den Vorschlag machte: "Misch' dich doch da mal unter die Passanten und sag' auch was!" Schon interessant, dass sie mir das zutraute; und mindestens ebenso interessant, dass die Strandmissions-Mitarbeiter so flexibel auf diese spontane Erweiterung ihrer Nummer reagierten. Da ich fand, ich müsse, wenn ich schon auf Elisabeths Anregung eingehe, "etwas Originelles bringen", und "fast alle 'Typen'" seien "schon vertreten", liefert ich eine Imitation des "Nationalhelden Bobbele Becker" ab, der kurz zuvor im Viertelfinale von Wimbledon gegen André Agassi ausgeschieden war. "Die Feuerwehrheinis fanden meine Darbietung offenbar gut, sie lachten lauthals." – Auch ein interessantes Detail dieses Tagebucheintrags ist es, dass Elisabeth im Anschluss an die Teestube "noch mit zu uns nach Hause" kam – zum Fernsehen.
Darüber, ob dieser einmalige Besuch einer Strandkorbkirchen-Mitarbeiterin beim Programm der Strandmission irgendwelche weiteren Auswirkungen gehabt hat, geht aus meinen Tagebuchaufzeichnungen leider nichts Konkretes hervor. Dokumentiert ist, dass ich am 25. Juli, einem Samstag, nochmals bei der Teestube der Strandmission war, zusammen mit meiner Schwester und diesmal auch ihrem Freund, meinem jetzigen Schwager; was es über diese Teestube zu berichten gibt, gehört aber eher in den Kontext der "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase". Der Besuch meines Schwagers bei uns an dem besagten Wochenende ist allerdings noch in anderer Hinsicht erwähnenswert: An dem Samstag wollten meine Schwester und ich nämlich wieder an dem Treffen zur Gottesdienstvorbereitung im Rat-Schinke-Haus teilnehmen, und er kam kurzerhand dorthin mit. "Und dabei geschah heute etwas unheimlich Revolutionäres" – nun gut, diese Wortwahl würde ich aus heutiger Sicht als etwas übertrieben bezeichnen, aber dass ich es damals so empfand, sagt wohl schon einiges aus. – Worum also ging's?
In der Gestaltung der betreffenden Sonntagsmesse sollte "besonderes Augenmerk auf das Vaterunser gelegt werden", und in diesem Zusammenhang machte Strandkorbkirchen-Mitarbeiterin Elisabeth "den Vorschlag, das Vaterunsergebet zu singen und gestisch zu begleiten – eine Art Tanz also". "Starke Idee", fand ich; wie sich zeigte, hatte Elisabeth "dazu sogar schon eine Vorlage", plädierte aber dafür, diese "noch zu vereinfachen". Ihre ältere Kollegin Gabi "war ebenfalls der Meinung 'weniger ist mehr'. Ich sah das aber anders" – und an diesem Punkt schaltete sich der Freund meiner Schwester in die Diskussion ein, "der zwar eigentlich nichts mit der Sache zu tun hatte, dafür aber mit ähnlichen Dingen praktische Erfahrung hatte": Er meinte, statt von der Vorlage "etwas wegzulassen, könne man sogar noch etwas hinzufügen. Elisabeth war da skeptisch", aber immerhin konnte man sich darauf einigen, in die Kirche zu gehen und die Choreographie dort "einfach mal auszuprobieren". "Die beiden Pfarrer – also der örtliche Pfarrer Kordecki und der schon erwähnte polnische Gastpriester Wojciech, von mir beharrlich "Woyzeck" geschrieben – "sahen zu"; eine durchaus wichtige Information, wie sich noch zeigen wird. Am Einüben der Choreographie beteiligten sich vom Strandkorbkirchen-Team außer Elisabeth "nur Erika, Ela und Gabi", und die letztere "stieg auch noch aus", als mein späterer Schwager "sich schließlich mit seinen Ideen durchsetzte"; wobei ich betonte, dass Gabi sich "nicht aus Protest" aus der Tanzgruppe zurückzog, sondern weil sie sich die anspruchsvollere Choreographie nicht zutraute. Elisabeth hingegen "ließ sich überzeugen, dass weniger eben doch nicht mehr war". – So war der Freund meiner Schwester, der, wie neulich schon erwähnt, einer Freien evangelischen Gemeinde angehörte, "auf gar wundersame Weise zum Chefchoreografen geworden. Er sagte später, er hätte nie gedacht, einmal so aktiv an einem katholischen Gottesdienst mitzuwirken".
Der Tagebucheintrag vom Folgetag, eben dem Sonntag, trägt indes die Unheil verheißende Überschrift "Musste das sein?" und beginnt mit dem Eingeständnis, dass "der Gottesdienst zum Thema Vaterunser [...] beiweitem nicht so revolutionär [wurde] wie geplant". Als Grund bzw. Ursache dafür identifizierte ich den Umstand, dass die Messe nicht vom Ortspfarrer Kordecki, sondern vom polnischen Gastpriester zelebriert wurde – und der "ließ unsere Vaterunser-Inszenierung geradezu in letzter Minute platzen". (Wir erinnern uns, dass derselbe Priester schon zwei Wochen zuvor, in einer musikalisch von der Gruppe Wellenbrecher gestalteten Messe, einen geplanten Vaterunser-Song kurzerhand durch ein normales gesprochenes Vaterunser ersetzt hatte – was allerdings vielleicht keine Absicht, sondern eher das Ergebnis mangelnderAbsprache gewesen war.) Wie ich notierte, begründete "Woyzeck" seinen Einspruch gegen die Vaterunser-Choreographie damit, "dass wir das Gesicht vom Altar abgewandt hätten" – nicht vielleicht eher vom Tabernakel? Aber das blieb sich im Endergebnis wohl gleich –, "und das sei aus liturgischen Gründen sehr schlecht".
Ohne hier eine Grundsatzdiskussion über das Für und Wider liturgischen Tanzes anstoßen zu wollen, würde ich den genannten Kritikpunkt aus heutiger Sicht als durchaus valide betrachten, muss meinem jüngeren Ich aber gleichwohl in der Ansicht zustimmen, der Priester "hätte [...] es uns auch eher sagen können, er hatte uns schließlich beim Proben zugesehen"; hätte er seinen Einwand da vorgebracht, hätte man die Choreographie, oder genauer gesagt die Positionierung der Tänzer im Altarraum, vielleicht noch entsprechend anpassen können. Die Proben unkommentiert laufen zu lassen und dann den fertig vorbereiteten Beitrag kurzerhand abzusagen, verrät dagegen eine Haltung, die ich nicht unbedingt als "klerikale Arroganz" bezeichnen möchte, aber wenn sie jemand so bezeichnet, würde ich nicht direkt widersprechen. Zumindest zeigt sich hier mangelnde Einsicht in die Tatsache, dass ehrenamtliches Engagement von Laien eine kostbare Ressource ist und dass man es sich eigentlich nicht leisten kann, damit derart verschwenderisch umzugehen, indem man die Aktiven unnötig frustriert und vor den Kopf stößt. – Insbesondere meine Schwester "ärgerte sich unheimlich über das abgesetzte Vaterunser-Gestenspiel" – beteiligte sich aber dennoch zusammen mit Elisabeth (die sie, da wiederhole ich mich, ursprünglich gar nicht mochte) an der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes: Sie :spielten einige Stücke mit Orgel und Querflöte, unter anderem 'Air' von Bach und 'Zünde an dein Feuer'", ein Lied, das, wie ich beflissen vermerkte, auf "die Melodie der israelischen Nationalhymne" gesungen wurde. Außerdem gab ich noch zu Protokoll, dass "nach der Messe [...] ein von den Damen der Gemeinde organisierter Basar" stattfand, "dessen Erlös einem Kinderheim in Litauen zugute kam. Der Basar hatte recht guten Erfolg."
Mit diesem Eintrag endet die Behandlung des Themas "Strandkorbkirche" in meinem Tagebuch aus dem Jahr 1992, obwohl die Sommerferien in Niedersachsen noch bis zum 5. August andauerten – und in Nordrhein-Westfalen, woher erfahrungsgemäß die meisten Butjadingen-Touristen kommen, sogar noch den ganzen August hindurch. Es ist somit eigentlich anzunehmen, dass es in diesem Sommer noch ein drittes Strandkorbkirchen-Team gab, aber darüber erfährt man ebenso wenig wie darüber, was das zweite Team in der dritten Woche seines Einsatzes noch so gemacht hat. Schade! – Noch "schader" finde ich es ehrlich gesagt, dass ich nicht noch mehr über die Teestube der Strandmission geschrieben habe bzw. dass ich da nicht noch öfter hingegangen bin; denn wenn man aus den hier ausgewerteten Tagebuchaufzeichnungen positive Impulse für die Kinder- und Jugendpastoral ableiten kann, dann sind diese ja wohl am ehesten bei der Strandmission zu finden und nicht bei der Strandkorbkirche. – Ich erinnere mich einigermaßen deutlich, dass ich auch in den folgenden zwei Sommern mindestens gelegentlich noch die Strandmissions-Teestube besucht habe, fürchte aber, die Quellenlage wird da nicht so gut sein wie im "Summer of '92" – weil ich nicht mehr so fleißig Tagebuch geführt habe, aber auch, weil sich meine "erste Fundi-Phase" im Schuljahr 1992/93 rapide dem Ende zuneigte. Dem letzteren Umstand wird in einem eigenständigen Artikel nachzuspüren sein; wie es mit der Reihe "Glanz und Elend der Urlauberkirche" weitergeht, ist demgegenüber weniger gewiss, aber mindestens ein Gesamtfazit wird es da wohl noch geben müssen...
Eigentlich, o Leser, hätte ich ganz andere Themen auf dem Zettel, über die ich mal außerhalb der Wochenbriefing-Reihe bloggen müsste und sollte; aber während diese Themenliste immer länger wird und ich nicht weiß, wann und wie ich sie jemals abgearbeitet bekommen soll, muss ich ein Thema wohl vorziehen, ehe es alt wird: nämlich die jüngsten, aus Sicht der auf Bundesebene regierenden Parteien – der führenden Parteien der alten Bundesrepublik – so desaströs ausgegangenen Landtagswahlen und die Frage, wie man mit diesen Wahlergebnissen nun umgehen soll.
Die Veröffentlichung meines Bestsellers "Endlich Nichtwähler!" wird jedenfalls noch länger auf sich warten lassen müssen, da ich bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus und zur Bezirksversammlung doch wieder meine Stimme abgegeben habe. Es ist, so scheint mir (und die vergleichsweise hohen Wahlbeteiligungsquoten scheinen mir da Recht zu geben) einfach gerade keine günstige Zeit dafür, sich das Wählen abzugewöhnen, ähnlich wie es nach dem 11. September 2001 keine günstige Zeit war, sich das Rauchen abzugewöhnen. – Einige skurrile Beobachtungen aus dem Berliner Wahlkampf habe ich ja bereits in meiner Tagespost-Kolumne "Klein.Kram" mitgeteilt; da ich mich hier anders als dort aber nicht an Formatvorgaben halten muss, möchte ich hier doch noch nachtragen, wie ich eigentlich an die dort besprochenen "lustvoll polarisierenden" Wahlkampfmaterialien der Grünen gekommen bin.
– Das war nämlich so: Ein paar Tage vor der Wahl ging ich die Buddestraße in Tegel entlang und kam an ein paar jungen Leuten vorbei, die Wahlkampfmaterial für die Grünen verteilten – in Papiertüten. Unmittelbar vor mir fragte eine Frau, was denn da drin sei in diesen Tüten, und erhielt zur Antwort: "Ein paar Flyer, ein Stift und ein Müsliriegel." Da schaltete ich mich ein und sagte: "Ich hätte ja gehofft, da wären vielleicht auch Samentütchen für den Garten drin." (Schließlich hatte ich solche erst kurz zuvor von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen zugeschickt bekommen.) Die Wahlkämpferin, die ich solcherart angesprochen hatte, stutzte kurz, sagte dann "Haben wir auch, glaube ich", hielt Rücksprache mit ihrem Kollegen, und kurze Zeit später hielt ich eine Papiertüte in den Händen, die zusätzlich zu den schon genannten Artikeln auch ein Tütchen mit Samen für honigbienenfreundliche Wildblumen enthielt. "Nehm' ich", sagte ich, "danke." – Dass zusammen mit diesem Samentütchen, einem Stift und einem Müsliriegel u.a. auch ein Sticker mit der Forderung "Weg mit § 218!" in der Tüte steckte – und das so kurz vor dem Marsch für das Leben! –, war natürlich nicht gerade geeignet, meine Wahlentscheidung zugunsten der Grünen zu beeinflussen; dasselbe galt für einige weitere in den Wahlkampfmaterialien in dieser Tüte enthaltene Parolen, von denen bereits in meiner Tagespost-Kolumne die Rede gewesen ist.
Im Zusammenhang damit, dass ich in ebendieser Kolumne argumentiert habe, eine CDU, die sich lediglich als kleineres Übel und goldenen Mittelweg zwischen "Rechtsruck" und "Linksrutsch" zu verkaufen versuche, habe offenbar nicht verstanden, dass viele Leute deshalb AfD wählen, weil für sie nicht mehr erkennbar ist, wofür die CDU eigentlich steht, möchte ich übrigens betonen, dass ich zwar auch diesmal wieder nicht die CDU gewählt habe, die AfD aber auch nicht. Und zwar deshalb nicht, weil es eins der fundamentalsten Prinzipien der Moraltheologie ist, dass man auch dann nicht etwas insich Schlechtes tun darf, wenn man hofft, dass daraus etwas Gutes hervorgeht. Das werden mir die AfD-Sympathisanten unter meinen Lesern jetzt übel nehmen, aber das nehme ich in Kauf: Ja, ich habe von Zeit zu Zeit Verständnis für die Versuchung, AfD zu wählen, aber ich betrachte es eben als eine Versuchung, der man widerstehen muss. Natürlich sehe ich da voraus, dass mir manch ein Leser entgegnen möchte, dasselbe müsse dann aber doch wohl auch für die BöSeWicht-Partei gelten, die ich, wie aufmerksame Leser aus meinen Bemerkungen zur jüngsten Bundestagswahl geschlussfolgert haben, sehr wohl schon mal gewählt habe (und vielleicht diesmal auch wieder? Wer weiß!). Wer das so sieht, der hat natürlich ein Recht auf seine Meinung. Ich persönlich sehe da jedoch einen qualitativen Unterschied, und der hat mit der folgenden Beobachtung zu tun: So fragwürdig ich die Einteilung politischer Positionen in die Kategorien "rechts" und "links" in vielfacher Hinsicht finde, nehme ich es doch als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen sich selbst als links bzw. rechts definierenden politischen Akteuren wahr, dass die Linken sich selbst, wenn auch irrtümlich, für die Guten halten, wohingegen die Rechten mit Absicht böse sind.
Nicht nur aus diesem Grund habe ich wenig Sympathie für die Forderung, jene, die ein paar Wochen zuvor Zeter und Mordio über den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt geschrien haben, sollten nun aber gefälligst auch den Wahlsieg der Linken in Berlin gebührend beklagen. Ich würde darauf erwidern, grundsätzlich gibt es überhaupt keine moralische Verpflichtung, sich über die Wahlentscheidung seiner Mitbürger zu empören. Weit eher könnte man im Gegenteil von einer staatsbürgerlichen Pflicht sprechen, demokratische Wahlergebnisse so zu akzeptieren, wie sie nun mal sind. Aus diesem Grund bin ich – auch wenn ich mir mit dieser Positionierung nun wahrscheinlich nirgendwo Freunde mache – angesichts der Wahlergebnisse, wie sie nun mal sind, sowohl der Meinung, dass in Sachsen-Anhalt die AfD die Regierung bilden sollte, als auch, dass in Berlin, auch wenn das Ergebnis da nicht ganz so eindeutig zugunsten einer Partei ausgefallen ist, eine Koalitionsregierung unter Führung der Linken gebildet werden sollte. So funktioniert nun mal unser politisches System. Und wenn man Demokratie will, muss man halt auch akzeptieren, dass andere Leute ihre Wahlentscheidung anders treffen, als man selbst es gerne hätte.
Schwierig wird das natürlich, wenn das politische Klima im Lande derart aufgeheizt und polarisiert ist, dass jede Wahl quasi zu einer Entscheidung über Leben und Tod hochstilisiert wird. Wenn das Schreckensszenario im Raum steht, wenn die falsche Partei ans Ruder käme, würde sie ein so katastrophales Unheil anrichten, dass auch zukünftige Regierungen es nicht wiedergutmachen könnten, dann können die Verlierer einer Wahl nicht einfach sagen "Okay, dann müssen wir halt in den nächsten Jahren gute Oppositionsarbeit machen und uns bemühen, die nächste Wahl zu gewinnen". Genau dies wäre aber den Spielregeln einer parlamentarischen Demokratie zufolge eine normale und angemessene Reaktion auf eine Wahlniederlage.
Unter diesem Aspekt kann man den Stefan-Evers-Slogan "Muss man wohl wieder CDU wählen", über den ich mich in der Tagespost lustig gemacht habe, durchaus dahingehend verstehen, dass es geradezu unverantwortlich wäre, etwas anderes als CDU zu wählen. Ich weiß aus Erfahrung, dass ich Leser habe, die das so sehen. Ich meine mich zu erinnern – auch wenn ich keine Quellen oder Belege dafür zur Hand habe –, dass im Bundestagswahlkampf 1980 (Schmidt gegen Strauß) ein Journalist, ich glaube vom Spiegel, undercover in Beichtstühle ging und die Priester fragte, was er denn wählen solle; und durch die Bank wurde ihm, teilweise angeblich geradezu als Bedingung für die Absolution, aufgetragen, CDU/CSU zu wählen. Manch einer wünscht sich diese Zeiten vielleicht zurück – ich persönlich aber nicht so. Wie ich neulich schon mal schrieb, bin ich "sehr wohl der Meinung, dass es zum Hirtenamt der Bischöfe gehört, darauf aufmerksam zu machen, dass bestimmte politische Positionen oder politische Forderungen im Widerspruch zum christlichen Menschenbild, zur christlichen Glaubens- und Sittenlehre stehen, und die Gläubigen zu ermahnen, dies bei ihrer Wahlentscheidung zu berücksichtigen"; aber was der einzelne Gläubige mit dieser Ermahnung anfängt, welche Schlüsse er daraus für seine tatsächliche Wahlentscheidung zieht, wird man ihm selbst und seinem Gewissen überlassen müssen, wenn das Bekenntnis zur Demokratie keine hohle Phrase sein soll.
Zum Abschluss dieses kontroversen Artikels möchte ich noch einmal auf den Workshop "Kirche und Politik – Wie geht das?" zurückkommen, an dem ich unlängst teilgenommen habe und zu dem ich bereits die Beobachtung festgehalten habe, "dass ein nicht ganz kleiner Teil der Anwesenden die Frage des gesellschaftspolitischen Auftrags der Kirche erheblich konservativer beurteilt[e], als es der offiziellen Linie des Erzbistums oder der Deutschen Bischofskonferenz entspräche"; der Workshopleiter, den man von seinem Auftreten und seiner ganzen Ausstrahlung her durchaus auch für den persönlichen Referenten eines Grünen-Abgeordneten hätte halten können (und das meine ich gar nicht unbedingt negativ), wusste sich darauf einzustellen. Positionen aus dem Plenum, mit denen ich mich identifizieren konnte, lauteten etwa, dass das Handeln der institutionellen Kirche, sobald es in den Raum des öffentlichen Lebens hinein wirkt, geradezu zwangsläufig auch eine politische Relevanz hat, dass ihre Kompetenz auf diesem Gebiet jedoch eher Grundsatzfragen politischer Ethik betrifft als tagespolitische Einzelfragen; dass die Kirche sich darum bemühen sollte, gesprächsbereit und sprachfähig gegenüber Vertretern aller politischen Richtungen zu sein; und schließlich, dass sie auch (und gerade?) für diejenigen ihrer Mitglieder, die problematische oder ganz und gar inakzeptable politische Positionen vertreten, eine seelsorgerische Verantwortung hat. In diesem Zusammenhang wurde an dem KNA-Interview mit Erzbischof Koch, in dem dieser die Frage, ob die Kirche es riskieren dürfe oder müsse, AfD-Anhänger zu verprellen, kurzerhand bejaht hatte, deutliche Kritik laut. Sogar der Referent räumte ein, dieses "Ja" des Erzbischofs sei "unglücklich" gewesen, und es sei im Grunde verwunderlich, dass das Interview in dieser Form freigegeben worden sei.