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Sonntag, 17. Juni 2018

#einfachkirche ist ganz schön kompliziert

Unlängst wurde ich auf einen Artikel des mir bis dahin unbekannten Blogs juhopma.de mit dem Titel "Ich wünsche mir runde Kirchen!" aufmerksam. Meine erste Assoziation zu dieser Überschrift lautete: "Aufgrund der Erfahrungen mit St. Hedwig in Berlin kann ich davon nur abraten." Ich schaute mir den Artikel dann aber doch mal etwas genauer an und stellte fest, dass die Idee einer Kirchenraumgestaltung, die auf ein Zentrum hin ausgerichtet ist - einschließlich entsprechender, auf diese Raumform abgestimmter Gottesdienstformen -, in den Kontext eines umfassenderen Konzepts gehört, das der Blogbetreiber #einfachkirche nennt. Okay, die Bezeichnung "Konzept" ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Tatsächlich ist #einfachkirche eher ein Bündel unausgegorener Ideen, und das meine ich überhaupt nicht abwertend: Ich halte unausgegorene Ideen prinzipiell für etwas potentiell Fruchtbares und habe, wie meine Leser wohl bestätigen können, selber eine ganze Menge davon. Der juhopma-Blogger selbst schreibt in seinem Einleitungstext zum Blog-Label Einfachkirche
"[I]ch bin mir bewusst: Ich habe nicht die ultimative Weisheit zu bieten. Viele meiner Beiträge werden zu diskutieren sein. Du sieht es vielleicht begründet anders als ich. Vielleicht hast du am Ende auch recht. Daher gilt: Reagiere auf meine Ideen, meine Träume. Meine Kritik. Meine Verbesserungsvorschläge.
Denk mit. Träum mit. Schreib mit." 
Challenge accepted, junger Padawan.

Nachdem ich mich jüngst mit den Thesen des Essays #TeamVolkskirche des Nordkirche-Pastors Philipp Kurowski auseinandergesetzt habe und diese Auseinandersetzung als anregender empfunden habe, als ich es selbst anfangs gedacht hätte, denke ich mir: Warum nicht als nächstes #einfachkirche unter die Lupe nehmen? So ziemlich jeder hat ja heute irgendwelche Ideen, Konzepte, Pläne oder Wünsche, "Kirche" (gern ohne bestimmten Artikel) "neu zu erfinden", und es stimmt ja auch, dass sich etwas ändern muss. Wenn man also nicht will, dass sich am Ende die blödesten Ideen (also sagen wir z.B. die von Erik Flügge) durchsetzen, dann kann es gewiss nicht schaden, sich mal verschiedene Entwürfe anzusehen und darauf zu untersuchen, was da womöglich Brauchbares und Wertvolles drin und dran ist. 

Was man schon auf den ersten Blick feststellen kann, ist, dass #einfachkirche jünger, wilder, radikaler daherkommt als das betont moderat und pragmatisch auftretende #TeamVolkskirche. Das müsste mir ja erst mal gefallen (und tut es zu einem gewissen Grad auch). Gemeinsam ist den Urhebern der beiden Konzepte, dass sie beide im Dienst der Nordkirche stehen: Philipp Kurowski als Gemeindepastor im ländlichen Schleswig-Holstein, juhopma-Blogger Jonas Goebel ist Vikar (das heißt im Sprachgebrauch der evangelischen Kirche: in der Ausbildung zum Pastor) in Hamburg. In einem offenbar nicht ohne Augenzwinkern als "Eine wirklich seriöse Selbstvorstellung" betitelten Text beschreibt er sich hinsichtlich seiner theologischen Ausrichtung als "reformiert-liberalen-evangelikal-charismatischen Lutheraner", der aber obendrein auch "dem aktuellen Papst" "sehr, sehr viel abgewinnen" kann. Somit erscheint sein "persönlicher Glaube" als eine ziemlich bunte Mischung - was mir einerseits gar nicht unsympathisch ist, andererseits aber natürlich auch seine Tücken hat. Gerade wenn, wie er betont, dieser sein "persönlicher Glaube" für ihn "ganz klar" die entscheidende "Motivation und Grundlage" für seine zukünftige Tätigkeit als Pastor ist. Müsste er als Pastor - also als Hirte - seiner Herde gegenüber nicht den Glauben der Kirche vertreten, in deren Dienst er steht? Das hat er, wie er an anderer Stelle ganz explizit bekennt, nicht vor: "Ich möchte nicht Pastor dieser Kirche werden. Ich möchte kein Verteidiger dieser Kirche sein. Ich möchte Anwalt der Frohen Botschaft sein. Ein Pastor für Menschen. Nicht irgendeiner Kirche." An Sendungsbewusstsein mangelt es ihm offenkundig nicht. Woher bezieht er das? Wenn er sich seinen Glauben aus unterschiedlichen Quellen selbst zusammengebastelt hat, müsste er dasselbe Recht nicht auch seinen Schäfchen zugestehen? Was will oder kann er sie dann aber lehren

Aber okay: Was für seine zukünftige Tätigkeit als Pastor ein Problem sein mag, hat für seine Tätigkeit als Blogger zweifellos seine guten Seiten. So zum Beispiel, dass Jonas Goebel keine ideologischen Scheuklappen bzw. Berührungsängste hat. Die hat er sogar so sehr nicht, dass er sich die Souveränität leisten kann, darüber Scherze zu machen. "Neulich war ich bei Pfingstlern zu Besuch", bekennt er beispielsweise zu Beginn des eingangs erwähnten Artikels über runde Kirchen. "Bei einer Richtung der evangelischen Kirche, die von der liberal-landeskirchlichen Front meistens kritisch beäugt wird. Bei den Pfingstlern wird nämlich der Heilige Geist meistens besonders betont. Und mit dem haben wir es in der Landeskirche nicht so." Dennoch geht der Jonas da "immer mal wieder gerne hin", und zwar unter anderem deshalb, "weil es dort Musik gibt, die mir gefällt". Völlig legitimer Grund, finde ich. Also, für den Anfang

Überhaupt gefällt mir an Jonas Goebel, dass er den Mut hat, Gedanken schon auszusprechen, bevor er sie zu Ende durchdacht hat. Das kann natürlich auch mal in die Hose gehen. Sein Artikel "Warum wir alle das Abendmahl katholisch feiern sollten" beispielsweise ist, bei aller erkennbar guten Absicht, eindeutig das Dümmste, was ich bisher zum Thema Interkommunion (bzw., aus protestantischer Sicht, "gemeinsames Abendmahl") gelesen habe. Das ist schade, vor allem um die wie gesagt sehr deutlich erkennbare und glaubwürdige gute Absicht; aber manchmal, wenn auch nur manchmal, ist "gut gemeint" eben tatsächlich das Gegenteil von "gut". Ich komme eventuell zu einem späteren Zeitpunkt noch auf diesen Artikel zurück. 

Stellen wir uns aber erst einmal die bzw. der Frage, was es allgemein und insgesamt mit #einfachkirche auf sich hat. "Kirche ist ein fettes, unsportliches Kind, das den ganzen Tag zuhause sitzt", beginnt der Jonas die Vorstellung seines Konzepts; und das finde ich erst mal cool. Ein starkes und amüsantes Bild. "Es wird Zeit, dass Kirche rausgeht und Sport treibt. Fit wird. Am Leben teilnimmt. Von dieser Kirche träume ich. Über diese Kirche schreibe ich."

Na denn man tau, wie der Norddeutsche so sagt.

Symbolbild: Sieht so die Kirche der Zukunft aus? (VitraHaus in Weil am Rhein, Bildquelle hier.)

Es folgen einige Eckpunkte (bei ihm als Fließtext, das bulletpoint-Layout stammt von mir):

"Ich schreibe über eine Kirche, 
  • die keine Kirchensteuer erhebt 
-- na, hossa. Wohlgemerkt, das schreibt ein angehender Pastor einer Landeskirche. Mutig. Tatsächlich hat er sogar einen ganzen Artikel darüber geschrieben, dass (und warum) er, der angehende hauptamtliche Pastor, sich eine Kirche ohne hauptamtliche Pastoren wünscht. Das wäre ein Thema für sich, aber jetzt mal ganz unabhängig von der Frage, was ich inhaltlich von dieser Forderung halte: Erst mal Respekt.  
  • und in der es keine Pastoren als Flaschenhälse gibt. 
"Flaschenhälse"?!? 
  • Eine Kirche, die demokratisch und ökumenisch ist. 
Na ich weiß ja nich'. Als ich ungefähr 17 und im Pfarrgemeinderat meiner heimatlichen Dorfpfarrei war und einmal etwas übellaunig anmerkte, die Kirche sei nicht sehr demokratisch strukturiert, widersprach mir der Pfarrer: "Doch, die Kirche ist sehr demokratisch strukturiert, aber sie ist keine Demokratie." Das habe ich damals natürlich nicht verstanden; heute verstehe ich es. Im Leben einer Kirchengemeinde gibt es eine Vielzahl von Abläufen und Entscheidungen, bei denen eine quasi-demokratische Mitbestimmung aller Mitglieder sinnvoll und wünschenswert ist, und ich zweifle im Großen und Ganzen nicht daran, dass die Strukturen, die dazu gedacht sind, eine solche Mitbestimmung zu ermöglichen bzw. zu fördern, verbesserungsbedürftig sind. Konkrete Beispiele oder gar Vorschläge habe ich dazu gerade nicht auf Lager, da ich mich im Allgemeinen nicht besonders für Gremienstrukturen innerhalb der Kirche interessiere. Oder allenfalls insofern interessiere, als ich gelegentlich ihre Ineffizienz bestaune, so wie man ein Rokoko-Jagdschlösschen bestaunen würde ("Hm, es ist total geschmacklos, aber irgendwie schon auch imposant"). -- Soweit es aber den Kern ihres Wesens und Auftrags betrifft, ist die Kirche eben keine Demokratie, sondern eine Monarchie. Christus Sieger, Christus König, Christus Herr in Ewigkeit. Sonst nichts. 

Was indes das Stichwort "ökumenisch" angeht: Gewiss, das "ut unum sint" aus Johannes 17,11 beschreibt einen göttlichen Auftrag, den die Kirche nicht einfach ignorieren oder als vermeintlich unrealisierbar beiseite schieben kann bzw. darf. Als angestrebtes Ziel ist die Einheit der Christen somit schlechthin unaufgebbar; über den richtigen Weg zu diesem Ziel dürften die Ansichten der verschiedenen Konfessionen (und auch innerhalb dieser) ebenso weit auseinandergehen wie die Vorstellungen darüber, wie so eine geeinte Christenheit denn im Ergebnis aussehen soll. Wie Jonas Goebel sich das vorstellt, wird wohl deutlicher werden, wenn man sich einige seiner unter dem Label #einfachkirche versammelten Artikel genauer ansieht.  
  • In deren Mittelpunkt das Abendmahl und die Botschaft eines am Kreuz gestorbenen Jesus steht. 
Das klingt nun wirklich vielversprechend, aber - und das ist das zentrale Problem, das ich insgesamt mit #einfachkirche habe - ich bin mir nicht so recht sicher, was er damit meint. Ich komme darauf weiter unten noch ausführlicher zurück. 
  • Eine Kirche, die aus ihren erstarrten Strukturen ausreißt 
Uff jed'n. Gib mir fünf, Keule. Oder gleich die Faust. Ka-pchiuh
  • und in der weniger Teilnahme wieder mehr ist. 
Also, das verstehe ich ja nun wieder gar nicht - bzw. verstünde es nicht, hätte ich nicht in den einen oder anderen der unter dem Label #einfachkirche versammelten Blogbeiträge schon mal reingeschmult. So habe ich zumindest eine vage Ahnung, in welche Richtung dieser Stichpunkt geht, und die gefällt mir nicht besonders; aber dazu (voraussichtlich) ein Andermal mehr. 
  • Eine Kirche, die Zeit hat in der Welt zu leben. 
Das ist jetzt lustig. Als wohl führender deutschsprachiger Apologet bzw. Interpret der "Benedikt-Option" würde ich ja sagen, die Kirche - verstanden nicht als Organisation bzw. Institution, sondern die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen - braucht mehr Zeit, abseits von der Welt zu leben (vgl. BenOp S. 41). Darüber könnte man sich prima bei 'nem Bier unterhalten, wenn ich mal wieder in Hamburg bin. Oder lieber Tee, Jonas? 
  • Und Menschen zu begegnen."

Uarrrgh. Da ist es wieder, dieses 70er-Jahre-Neue-Innerlichkeits-Pathos, das dem Pastoraltheologenjargon so hartnäckig anhaftet wie Fußpilz. Bist du für so etwas nicht eigentlich zu jung, Jonas? Bei Leuten, die so reden, frage ich mich immer, unter was für einem Felsen die eigentlich leben. Wenn ich Menschen begegnen will, kann ich in eine Kneipe gehen, mich an den Tresen setzen oder gegebenenfalls stellen und „Hi“ sagen. Klappt prima. Dafür brauche ich keine Kirche

Sagen wir's ganz deutlich: Die Kirche ist nicht dazu da, dass in ihr Menschen einander begegnen, sondern dazu, dass sie Christus begegnen. Durchaus auch und nicht zuletzt in der Gestalt des Nächsten, das wohl; das heißt, natürlich ist es ein notwendiger Bestandteil kirchlichen Lebens, dass Menschen einander begegnen, aber das ist nicht der Endzweck „von Kirche“.

Weiter unten legt Jonas Goebel erheblichen Wert darauf, dass
"eine erneuerte Kirche auch zu einer besseren Welt führt. Die Frohe Botschaft, von der ich in der Bibel lese, ist radikal. Revolutionär. Der Beginn einer besseren Welt. Aber die Kirche hat diese Botschaft weichgespült und zugeschüttet. These: Wenn Kirche wieder Kirche ist, dann kann sie auch (wieder) die Welt positiv verändern." 
Ich bin durchaus geneigt, ihm da zuzustimmen. Aber diese Zustimmung steht unter dem Vorbehalt, dass er diese Sätze zumindest ungefähr so meint, wie ich sie gerne verstehen würde. Und da bin ich  mir, wie oben schon angedeutet, unsicher. Das hat auch mit seiner unklaren theologischen Positionierung zu tun (die gleichzeitig aber ja auch gerade den Reiz seiner Perspektive ausmacht): Ist die "Frohe Botschaft, von der [er] in der Bibel [liest]", tatsächlich dieselbe, die beispielsweise ich da lese? Wie kann ich das wissen, ohne mich zunächst durch seinen ganzen, auf unterhaltsame, aber zugleich auch anstrengende Weise unsystematischen Textkorpus zu ackern? (Ich räume ein, dass manch ein Leser sich diese Frage auch bei mir stellen mag, und ich kann in solchen Fällen nur hoffen, dass er sich diese Mühe macht.) 

Zur ersten Orientierung helfen aber vielleicht schon ein paar Stichproben. -- Einige Stichworte in dem zuletzt zitierten Absatz (und nicht nur da) können ja den Verdacht aufkommen lassen, bei #einfachkirche gehe es ebenso wie bei vielen anderen ihrem Selbstverständnis nach "progressiven" Ansätzen zur Erneuerung der Kirche um den Versuch, die Kirche der 1970er-Jahre mit deren eigenen Mitteln zu überwinden. Also indem man die Impulse, mit denen die 68er damals gegen die alte Honoratiorenkirche angetreten sind, über sich selbst hinaus weitertreibt. Noch mehr Politisierung, noch weniger Liturgie (um's mal ganz holzschnittartig zu sagen). Aber dann steht da plötzlich dieser Satz, "im Mittelpunkt" müssten das Abendmahl und das Kreuz stehen. Das lässt aufhorchen. Tatsächlich war es hauptsächlich diese Passage, die mich motiviert hat, das Konzept #einfachkirche überhaupt eines zweiten Blickes zu würdigen. Nur - die Frage klang oben schon an - was meint Jonas Goebel überhaupt mit diesen wohklingenden Worten? 

Die einigermaßen problematische Antwort lautet: Man weiß es nicht. Womöglich weiß er es nicht mal selber. Zum Stichwort "Abendmahl" liest man etwa in dem bereits erwähnten Artikel "Warum wir alle das Abendmahl katholisch feiern sollten" (auf den ich hier und jetzt gleichwohl nicht näher einzugehen gedenke): 
"Ganz klar: Für mich verwandeln sich Brot und Wein nicht in Körper und Blut von Jesus."
Da frage ich mich nun (als Katholik natürlich; aber strenggläubige Lutheraner könnten ihn, der immerhin im Dienst einer lutherischen Landeskirche steht, im Prinzip dasselbe fragen): Wenn das so wäre - wenn Jesus Christus in der Eucharistie nicht leiblich anwesend wäre -, was genau wäre am Abendmahl dann eigentlich so wichtig? Diese Frage beschäftigt Jonas Goebel offenbar schon länger: Im zarten Alter von 25 Jahren hat er sogar ein Buch dazu veröffentlicht. Sollte ich vielleicht mal lesen, was? Na, vielleicht lieber nicht. Ich würde ja auch nicht auf der Basis von Jugendsünden beurteilt werden wollen, die ich mit Mitte 20 verzapft habe. Darf gar nicht dran denken. Im Blogartikel zum Buch jedenfalls erklärt der Verfasser: 
"Glaubt man wichtigen theologischen Nachschlagewerken, dann ist das Abendmahl 'der höchste Ausdruck der Einheit der Kirche' und 'der Höhepunkt und die Quelle der christlichen Glaubensgemeinschaft'. Doch die Realität in den Kirchen unseres Landes sieht häufig anders aus."
Und aus diesem Grund - weil er die Abendmahlspraxis so, wie er sie kennt, eher doof findet - bietet er in seinem Buch 
"sieben Anstöße. Für ein erneuertes Abendmahl, das in seinem Inhalt, seiner Form und seiner Atmosphäre mit dem ursprünglichen bzw. neutestamentlichen Abendmahl wieder vergleichbar wird."
Ich  weiß ja nicht: Letzteres klingt für mich irgendwie eher nach LARP. Wobei mir bewusst ist, dass eine solche Auffassung über Sinn und Funktion von Abendmahl bzw. Eucharistie heutzutage recht verbreitet ist. Zum Teil sogar unter Katholiken. Katechetisch mangelhaft gebildeten Katholiken natürlich, aber wer ist das heutzutage nicht

Halten wir also fest: Das Abendmahl soll im Rahmen von #einfachkirche eine irgendwie ganz doll wichtige Stellung einnehmen, nur welche, das ist irgendwie unklar. Und wie ist es nun mit dem Kreuz? Unter der "Botschaft eines am Kreuz gestorbenen Jesus" kann man schließlich auch eine ganze Menge Unterschiedliches verstehen. Nicht zuletzt auch in Abhängigkeit davon, ob man die Botschaft vom Kreuz von der Auferstehung her versteht oder eben nicht. Dass in der zitierten Passage des #einfachkirche-Minimanifests von Auferstehung keine Rede ist, muss freilich nichts zu bedeuten haben; könnte aber. Folglich habe ich mal "Auferstehung" in die Suchmaske des Blogs eingegeben, und der erste Treffer (von insgesamt nur zweien) war ein Artikel über die erste Beerdigung, der der junge Vikar vorzustehen hatte. Da heißt es: 
"Ich habe – wie ich finde – viel und deutlich über Jesus und die Auferstehung gesprochen. Was ich dabei tunlichst umgehe: Klare Aussagen über exakt den Verstorbenen zu machen. Wo ist er jetzt? Schon bei Gott? Oder noch nicht? Kommen alle Menschen zu Gott? Gibt es ein Gericht? Gibt es eigentlich Himmel und Hölle?
Ich habe eine klare theologische Meinung zu all diesen Themen. Aber hat das seinen Platz auf der Beerdigung? Ich merke: Es ist ein Spagat zwischen tröstenden Worten und theologischen Zweifeln oder Auffassungen." 
Nun wohl: Was den Spagat gegenüber den trauernden Beerdigungsgästen angeht, gebe ich ihm Recht. Aus der Perspektive des Bloglesers hingegen finde ich es, gelinde gesagt, unbefriedigend, dass der Verfasser zwar zu erkennen gibt, "eine klare theologische Meinung" zu haben, diese aber nicht mitteilt? (Ich hatte zuerst "verrät" geschrieben, dann aber festgestellt, dass das doppeldeutig klingt.) Soll so #einfachkirche funktionieren? Dass man sich zu schwierigen, sperrigen Glaubensfragen bedeckt hält und sich stattdessen lieber auf neue Formen des "Kirche-Seins" konzentriert? Es sieht ein bisschen danach aus. 

Trotz alledem habe ich den Eindruck, es könnte sich lohnen, sich mit einigen Aspekten von #einfachkirche näher zu befassen. Ich habe vor, an der Sache dranzubleiben, auch wenn es recht wahrscheinlich ist, dass ich erst nach meiner Reise in die Wesermarsch dazu kommen werde. Eins muss ich aber auf jeden Fall noch loswerden; wenn Jonas Goebel schreibt:
"Ich nenne diese Kirche einfachkirche. Weil sie einfach Kirche ist. Nichts besonderes. Kirche. Nicht mehr und nicht weniger. Einfach Kirche. Und weil Kirche – eigentlich – einfach einfach ist. Nicht kompliziert. Nicht schwer zu verstehen", 
dann muss ich ihm da schon mal widersprechen. Mir erscheint seine Vorstellung von #einfachkirche alles andere als einfach. Ich finde sie ziemlich kompliziert und sehr schwer zu verstehen. Allerdings kann ich vorläufig nicht ausschließen, dass das vielleicht nur daran liegt, dass ich mehr aus diesem Konzept rauszuholen versuche, als in Wirklichkeit drin ist. Wir werden sehen...



Samstag, 16. Juni 2018

Ein Nachmittag im Nirgendwo


Saludos! Der heutige Nachmittag stand für meine Liebste und mich (plus Kind) ganz im Zeichen von Punkpastoral-Feldstudien; denn in Friedrichshain war mal wieder Suppe & Mucke, jenes sympathische Festival, bei dem wir schon in den letzten Jahren mehrmals gewesen waren. Über Suppe & Mucke 2016 - das damals wesentlich später im Jahr stattfand und somit noch keine vollen zwei Jahre her ist - hatte ich schon seinerzeit gebloggt, da es eine nicht unbedeutende Inspirationsquelle für das Projekt "Punkpastoral" war. Die Grundidee des Friedrichshainer Suppenfestivals könnte ich auch heute nicht besser zusammenfassen, als ich es damals getan habe: 
Verschiedene Vereine und Initiativen stellen dort ihre Arbeit vor, aber eine unbedingte Teilnahmevoraussetzung besteht darin, dass jeder Infostand eine selbst zubereitete Suppe anbieten muss - gegen Spende.



Am Rande des Straßenfests gab es diesmal, anlässlich der zehnten Ausgabe des Festivals in nur neun Jahren, auch eine Ausstellung zur Geschichte von Suppe & Mucke







Die Ausstellung umfasste auch diverse Infotafeln, sodass ich mir weitere Erläuterungen zum Konzept des Festivals dankenswerterweise sparen kann. Natürlich können (und sollen!) die hier zusammengetragenen Informationen auch als Orientierungshilfe für mögliche zukünftige eigene Veranstaltungen dienen: 





Wir probierten übrigens an diversen Ständen drei verschiedene Sorten Suppe und gönnten uns außerdem veganes Gyros; und die Mucke war auch nicht zu verachten. Damit aber nicht genug, fand parallel auch der Lange Tag der Stadtnatur statt; da traf es sich günstig (und keineswegs zufällig), dass das Suppenfestival-Gelände unmittelbar an das GleisBeet angrenzte -- ein Permakultur-Gartenprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Wriezener Bahnhofs




(Der Lange Tag der Stadtnatur geht übrigens noch bis Sonntag Nachmittag weiter!)



Und innerhalb dieser Gartenanlage liegt das "Nirgendwo", ein - laut Eigenbezeichnung - Kiezkulturzentrum rund um einen ehemaligen Lokschuppen. Dort war es sehr schön und verhältnismäßig ruhig, mithin babyfreundlich, folglich hielten wir uns schwerpunktmäßig dort auf. 









Und sehr gutes Bier™ gab's auch!



Insgesamt war's also ein sehr gelungener Nachmittag; dem Punkpastoral-Pionier stellen sich angesichts solcher Erlebnisse aber natürlich ein bis zwei Fragen. Wo sind bei derartigen Events eigentlich die Christen? Und/oder: Wieso kriegen christliche Initiativen etwas so Cooles und Schönes nicht auf die Beine gestellt? -- Okay, die Herz-Jesu-Priester in Prenzlauer Berg machen auch Urban Gardening. Mir deren Gartenprojekt mal anzusehen habe ich immer noch nicht geschafft, also kann ich mir darüber vorläufig auch kein Urteil erlauben. Trotzdem frage ich mich so ein bisschen: Wenn die Berliner Herz-Jesu-Priester wirklich so cool sind, wie sie tun, wieso haben sie dann keinen Infostand bei Suppe & Mucke? Und/oder: Haben sie sich mit ihrem Garten wenigstens in irgendeiner Form am Langen Tag der Stadtnatur beteiligt? Nein? Warum nicht? Ich sehe da noch viel Luft nach oben.

Jedenfalls haben wir uns einiges an Infomaterial über Permakultur und dergleichen mitgenommen. Man kann ja nie wissen.



Freitag, 15. Juni 2018

#BenOp Goes Butjadingen!

Hurra: Nach fast einem Jahr ist es mal wieder Zeit für ein bisschen Heimaturlaub in der schönen Wesermarsch! Ein "reiner" Urlaub wird es allerdings, wie kürzlich schon mal angedeutet, nicht; aber was heißt das schon -- als freiberuflicher Aktivst ist man ja sowieso immer und überall im Dienst. 

Der primäre Anlass für diese Reise ist, dass meine Mutter einen runden Geburtstag feiert; auf meiner Seite der Verwandtschaft ist das die erste Gelegenheit seit meiner Hochzeit, dass mal die ganze Familie zusammenkommt -- was übrigens auch bedeutet, dass meine Geschwister und meine Neffen zum ersten Mal meine Tochter zu sehen bekommen werden. Das wird sicherlich eine große Freude! 

Da meine Frau und ich (plus Kind) allerdings von allen Beteiligten den längsten Anreiseweg haben, haben wir uns entschieden, ein bisschen länger - eine Woche nämlich - bei meiner Mutter zu bleiben; und daran wiederum schloss sich bei mir der Gedanke an, man könnte diesen Aufenthalt doch für eine #BenOp-Buchvorstellung nutzen. Womit wir zum aktivistischen Aspekt der ganzen Angelegenheit kommen. Tatsächlich ist es mir gelungen, nicht nur einen Buchvorstellungs-Termin klarzumachen, sondern sogar zwei - an verschiedenen Orten:


Donnerstag, 21. Juni, 19:30: OASE St. Sturmius und St. Benjamin, Butjadingen-Tossens 

Schön, nicht? (eigene Aufnahme) 
Bei der OASE, die ich hier schon ein paarmal erwähnt habe, handelt es sich um eine hauptsächlich der Urlauberseelsorge gewidmete Einrichtung der katholischen Pfarrei St. Willehad. Nachdem das Haus von Ende 2014 bis zum Frühjahr 2017 ungenutzt gewesen war, findet dort seit letztem Jahr jeweils von Mai bis August donnerstags abends eine Veranstaltungsreihe unter dem Reihentitel "Atempause - Zwischen Himmel und Erde" statt. Und im Rahmen dieser Reihe darf ich am Donnerstag der kommenden Woche etwas über Rod Drehers "Benedikt-Option" erzählen und Auszüge aus dem Buch vortragen. Ich wage zu prophezeien: Das wird spannend! 

-- Zur OASE sei nebenbei noch angemerkt, dass deren Programmangebot im Vergleich zum vorigen Sommer deutlich ausgebaut wird: In den Sommerferien (vom 28. Juni bis 8. August, also just wenn wir wieder weg sind) soll dort zusätzlich zur wöchentlichen "Atempause" jeden Nachmittag (!) zu Kaffee und "Klönschnack", wie das in Plattdeutschland heißt, eingeladen werden; das Angebot richtet sich gleichermaßen an Einheimische wie an Urlauber. Das finde ich ausgesprochen prima und hoffe, dass es gut angenommen wird! 


Nun aber zu meinem zweiten Termin: 

Montag, 25. Juni, 19:30 Uhr: Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Nordenham 

Angesichts der überkonfessionellen Ausrichtung des #BenOp-Konzepts freue ich mich sehr, dass auch die Nordenhamer Baptisten sich interessiert gezeigt haben, in ihren Räumen einen Buchvorstellungs-Abend auszurichten. In dieser Gemeinde, die ihren Sitz in der Friedirch-Ebert-Straße, ein Stück nördlich der Fußgängerzone, hat, bin ich schon in meiner Gymnasiastenzeit gelegentlich zu Gast gewesen, und wenn der eine oder andere meiner Leser schon mal bemerkt zu haben glaubt, dass ich tendenziell etwas größere Sympathien für evangelikale Freikirchler hege als mancher andere erzkatholische Dunkelblogger, dann kann ich sagen: Ja, zum Teil kommt das daher

Ich rechne mit einem durchaus unterschiedlich zusammengesetzten Publikum bei diesen beiden Veranstaltungen, aber da ich - z.T. auch aus genau diesem Grund - beabsichtige, bei den beiden Terminen unterschiedliche Auszüge aus der "Benedikt-Option" zu präsentieren, könnte es sich für besonders Interessierte sogar lohnen, beide Male dabeizusein. Der Eintritt ist frei. 


In der aktuellen Ausgabe der Pfarrnachrichten von St. Willehad ist eine Vorankündigung der Veranstaltung in der OASE erschienen; regelmäßigen Lesern meines Blogs wird sie inhaltlich nichts Neues verraten, aber für alle anderen - insbesondere sofern sie vor Ort sind, aber vielleicht noch nicht wissen, wieso sie sich für die hier angepriesenen Buchvorstellungen interessieren sollten - sei der Text hier auszugsweise wiedergegeben: 
Das Christentum verliert in der modernen Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Zunehmend geraten christliche Glaubensüberzeugungen ins gesellschaftliche Abseits. Der US-amerikanische Publizist Rod Dreher argumentiert in seinem Buch „Die Benedikt-Option“, gläubige Christen müssten sich auf eine Außenseiterrolle einstellen und bestrebt sein, das Beste daraus zu machen. Gestützt auf Grundgedanken der Ordensregel des Hl. Benedikt entwirft er ein Konzept dafür, wie jeder einzelne Christ in seiner Kirchengemeinde, in Familie und Freundeskreis, in der Schule und am Arbeitsplatz mit Freude und Kreativität dazu beitragen kann, den christlichen Glauben zu bewahren und an künftige Generationen weiterzugeben. Der gebürtige Nordenhamer Tobias Klein hat den Autor im vergangenen Jahr persönlich kennengelernt und die „Benedikt-Option“ ins Deutsche übersetzt.
Derweil hoffe ich, dass auch die örtliche Presse noch ein bisschen Vorberichterstattung bringt. Die Lokalredakteure der beiden vor Ort vertretenen Zeitungen kennen mich noch von früher her; ob das von Vorteil oder eher von Nachteil ist, sei mal dahingestellt... ;)

[UPDATE 16.06.: In der heutigen Ausgabe Nordwest-Zeitung gibt's einen Vorbericht.] 


Ach ja, und: Vielleicht können meine Liebste und ich den Aufenthalt an der Waterkant ja auch nutzen, um den zum Verkauf stehenden Wasserturm zu besichtigen! :D 
Ich werde berichten.




Überraschende Thesen: Ist das noch #TeamVolkskirche?

"Warum diskutieren wir nicht die sieben Thesen, die [Philipp] Kurowski am Ende seines Plädoyers aufstellt?", frug Daniel Fetzer vor knapp zwei Wochen im Eule-Magazin; und wie ich bereits angekündigt habe, bin ich gern bereit, mein Scherflein zu dieser Diskussion beizutragen. In einem Kommentar zu ebenjenem Blogartikel, in dem ich dies angekündigt habe, hat mein Leser Gerd Franken zwar bereits ein einigermaßen vernichtendes Gesamturteil zu Kurowskis Thesen gefällt, aber diesem Urteil möchte ich mich in dieser Schärfe und Pauschalität dann doch nicht anschließen. Ich halte die Debatte, die Philipp Kurowski - ein Mann der Praxis, Gemeindepastor der Nordkirche im ländlichen Schleswig-Holstein - mit seinen Thesen anstoßen möchte, nämlich tatsächlich für notwendig, und ebenso, dass sie über die Grenzen von Konfessionen und innerkonfessionellen "Lagern" hinweg geführt wird. Letzteres aus Gründen, die Kurowski selbst benennt: 
"Aber wenn Volkskirche einerseits doch erhaltenswert scheint, andererseits zum Untergang verdammt ist, wenn nicht entschieden gegengesteuert wird, was ist dann zu tun? Zunächst sollte in dieser Situation alles gedacht und versucht werden dürfen, wofür es Menschen gibt, die es mit Liebe zu ihrer Kirche tun. Keine Bewegung innerhalb der Kirche sollte von vorneherein verurteilt oder verdächtigt werden. Die wichtigste Erneuerung der Kirche kann nur durch Gottes Geist passieren, und der weht bekanntlich wo er will." 
Was die "Liebe zur Kirche" betrifft, möchte ich freilich darauf bestehen, dass diese Liebe, wenn sie diese Bezeichnung verdienen soll, auch beinhalten muss, Christus als den Herrn der Kirche anzuerkennen. Das sollte unter Christen zwar eigentlich selbstverständlich sein, aber ich sage es trotzdem lieber mal dazu. Denn wenn das nicht klar ist, kann sich auch eine bloße Anhänglichkeit an solche Aspekte und Erscheinungsformen "von Kirche", die mit ihrem göttlichen Auftrag bestenfalls sekundär etwas zu tun haben, als eine solche "Liebe zur Kirche" ausgeben. -- Nun aber genug der Vorrede und ran an die sieben Thesen! Ich erkläre gleich vorweg, dass meine Anmerkungen dazu ganz Brainstorming- und "work in progress"-mäßig daherkommen und keinerlei Anspruch auf Systematik,Vollständigkeit oder Schlüssigkeit erheben. Macht draus, was immer Ihr wollt, compañeros!

Frans Francken d.J. (1581-1642): Die sieben Werke der Barmherzigkeit (gemeinfrei

  • 1.) Bei aller nötigen Selbstkritik, und bei aller düsteren Zukunft: Wir dürfen ein kleines bisschen mehr Selbstbewusstsein risikieren. Wir haben nicht nur die beste Botschaft der Welt, wir haben auch eine sehr wichtige und derzeit unersetzbare Funktion in Staat und Gesellschaft. Machen wir uns deshalb nicht selber schlecht – so vermeiden wir übrigens auch Überforderung und Burnout. 
Also, über psychologische Maximen zum Thema Mitarbeitermotivation brauchen wir uns hier wirklich nicht zu unterhalten, Herr P'stoor. Klar, sich nicht unnötig selber schlechtzumachen, ist gewiss ein guter Rat. Dass die Kirche allerdings ihr Selbstbewusstsein gerade daraus beziehen soll, dass sie nützlich für "Staat und Gesellschaft" ist, finde ich eher schräg. Aber das hatten wir ja schon.

(Bildquelle mitsamt erläutendem Kontext hier.)
  • 2.) Krisenmodus heißt auch: Konzentration auf das Wesentliche. So sehr ich den Wert von einer sehr breit aufgestellten Volkskirche betont habe, ist ein Schrumpfungsprozess wie man so schön sagt: alternativlos. Aber hier muss genau gesehen werden wo und wie. Einfach in Rasenmähermanier alles linear kürzen ist die phantasieloseste und wohl auch dümmste Variante. Man muss wissen, wovon Kirche letztlich lebt. Worin sie lebt. Wofür sie lebt. Das bedeutet differenziertes Vorgehen. 
Ja klar. Totale Zustimmung. Ich sehe ehrlich gesagt nicht, was an dieser These strittig sein sollte. Bis auf das Wichtigste natürlich: Was ist es denn nun, "wovon Kirche letztlich lebt. Worin sie lebt. Wofür sie lebt"? Da dürften die Meinungen dann doch ganz erheblich auseinander gehen, jedenfalls wenn es konkret wird -- d.h. wenn es darum geht, wo gekürzt wird und wo nicht. Mit anderen Worten, in dieser so allgemein gehaltenen Formulierung ist der praktische Wert dieser These begrenzt. -- Aber mal ganz anders gefragt: Wenn es hier darum geht, einen unvermeidlichen Schrumpfungsprozess zu "steuern" - denn wenn er sich sozusagen "organisch"-naturhaft vollzöge, dann stellte sich die Frage ja wohl gar nicht - reden wir hier dann nur über Geld? Oder, etwas allgemeiner formuliert, nur über materielle und personelle Ressourcen? Ich wollte gerade schreiben "Das ist mir vom Ansatz her zu technokratisch", aber vielleicht habe ich einfach nur einen Moment lang vergessen (obwohl's drüber steht), dass diese Thesen immer noch im Rahmen des Systems "Volkskirche" operieren. Wobei: Schon Luhmann wusste um die Paradoxie eines "organisationsförmigen" Selbstverständnisses "von Kirche", die darin besteht, letztlich "das Unorganisierbare organisieren" zu wollen bzw. zu müssen. Viel mehr als die Frage, wie bzw. wofür der kirchliche Verwaltungsapparat seine knapper werdenden Ressourcen einsetzt, würde mich interessieren, wie er im Zuge seines Schrumpfens Freiräume schaffen bzw. hinterlassen kann, in denen Gottes Geist ohne quasi-behördliche Genehmigung (und womöglich sogar ohne Geld) wehen kann. Aber dazu kommen wir wohl noch.  
  • 3.) Auf dem platten Land: Die Flamme brennen lassen: Die dezentrale Präsenz nicht aufgeben, sondern so gut es geht vor Ort bleiben. Deshalb sollten wir Wege finden, wie wir kleine Andachten organisieren, die regelmäßig ein Licht in diesen Räumen anzündet. Auch ohne Pastor, auch ohne Liturgie. Vielleicht eine Art Hauskreis, in Decken gewickelt, aber am Ort, wo Glaube eine Geschichte hat. Und ab und zu kommt einer zu Besuch von der Kirche. 
Dieses war die erste These, die mich so richtig angesprochen hat. Vielleicht weil ich vom "platten Land" komme und das, obwohl ich mehr als mein halbes Leben in der Großstadt verbracht habe, immer noch ganz tief in mir steckt. "Die dezentrale Präsenz nicht aufgeben, sondern so gut es geht vor Ort bleiben": Da stimme ich ganz entschieden zu. Der Dissens steckt jedoch mal wieder im Detail. Also beispielsweise: "kleine Andachten [...] ohne Pastor, auch ohne Liturgie". Ohne Pastor: Na klar. Es ist ja jetzt schon so, dass Pfarrer bzw. Pastoren in ihren Gemeinden nicht überall gleichzeitig sein können, und wenn wir von einer von schrumpfenden Ressourcen, gerade auch personellen, geprägten Zukunft sprechen wollen, dann gilt das da natürlich erst recht. Wenn also nichts ohne den Pfarrer ginge, dann ginge insgesamt nur sehr wenig. So weit, so klar. Gerade im protestantischen Bereich sollte es eigentlich völlig unproblematisch sein, gottesdienstliche Feiern im weitesten Sinne auch ohne Pastor abzuhalten: Wo es neben dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen kein besonderes Weiheamt gibt, da ist die Funktion eines Pastors ohnehin relativ. Aber auch im katholischen Bereich ist gegen "kleine Andachten", die ohne die Anwesenheit eines Geistlichen gefeiert werden, überhaupt nichts einzuwenden. Jedoch: "ohne Liturgie"? Wieso? Dass eine Andacht nicht dieselbe liturgische Form haben muss und haben kann wie eine katholische Messe oder ein evangelischer Sonntagsgottesdienst, versteht sich von selbst; aber deshalb gleich ganz auf eine liturgische Form verzichten? Na, wahrscheinlich ist das so'n Protestanten-Ding: Dazu, dass es vermutlich eher schwer ist, den Wert liturgischer Formen zu ermessen, wenn man sie ausschließlich oder überwiegend in einer bereits sehr reduzierten, um nicht zu sagen rudimentären Form erlebt, und dass man dann leicht auf den Gedanken kommt, auf diese Rudimente könne man dann auch recht gut ganz verzichten, habe ich mich vor Jahren schon mal in Ansätzen geäußert; das ist ein bisschen so wie im Märchen von "Hans im Glück". Dazu, warum Liturgie dennoch wichtig ist und es wünschenswert wäre, wenn auch Christen aus eher liturgiefern bzw. -kritisch geprägten Konfessionen ein Verständnis dafür entwickeln würden, verweise ich auf das Unterkapitel "Den Sinn für Liturgie zurückgewinnen" von Rod Drehers "Benedikt-Option" (S. 171-184). Zitieren werde ich daraus hier und jetzt aber nicht. Kauft Euch das Buch, Leute!  -- Was man übrigens ganz prima, und zwar auch konfessionsübergreifend, ohne Pfarrer in der Kirche veranstalten kann, ist Stundengebet. Es spricht auch nichts dagegen, diese sehr traditionelle Gebetsform mit "modernen" Elementen zu kombinieren; etwa was die musikalische Gestaltung angeht. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Im Gebetshaus Augsburg habe ich unlängst eine Gebetszeit miterlebt, in der Invitatorium und Laudes mit Elektro-Beats unterlegt wurden; fand ich klasse. -- Zum Stichwort "Hauskreis": Finde ich gut. Aber wieso "in Decken gewickelt"? Sprechen wir jetzt von einer Kirche, deren Ressourcen derart geschrumpft sind, dass nicht mal mehr für Heizkosten Geld da ist? Oder geht es nur um das Indianer-Flair? Und überhaupt: Ist es für einen Hauskreis nicht eigentlich charakteristisch, dass er sich bei einem seiner Mitglieder zu Hause trifft? -- Aber ich sehe schon: deshalb das "aber" und der Hinweis auf den "Ort, wo Glaube eine Geschichte hat". Okay: Die frühen Christen versammelten sich an den Gräbern der Märtyrer, das ist eine ehrwürdige Tradition. Allerdings habe ich aus meinem katholischen Blickwinkel heraus den Verdacht, der Hinweis auf den "Ort, wo Glaube eine Geschichte hat" diene hier lediglich hilfsweise zur Beantwortung der tatsächlich gar nicht so leicht zu beantwortenden Frage, wofür die evangelische Kirche eigentlich Kirchengebäude braucht. Oder anders ausgedrückt: was einen evangelischen Kirchenraum eigentlich substantiell von irgend einem anderen, profanen Raum unterscheidet. Na ja, geschenkt. -- Der letzte Satz ist allerdings verräterisch: "Und ab und zu kommt einer zu Besuch von der Kirche"? Gehören die Leute, die da regelmäßig ihren Hauskreis, ihre Andacht oder was auch immer veranstalten. etwa nicht zur "Kirche"? Im katholischen Bereich würde man angesichts eines solchen Lapsus von "Klerikalismus" sprechen; der Begriff passt auf die evangelische Kirche nicht, weil es da keine Kleriker im eigentlichen Sinne gibt. Ich habe den bösen Verdacht, die Rolle des Klerus übernimmt da der Verwaltungsapparat. Der betrachtet sich selbst als die eigentliche "Kirche"; die einfachen Gläubigen sind nur Kunden
  • 4.) In der Stadt: Mehr Profilierung riskieren. Im städtischen Kontext macht es keinen Sinn, wenn in gefühlter Nachbarschaft an drei Orten Dienst nach Vorschrift angeboten wird. Stadtgemeinden sollen und müssen sich fragen: Was ist unser Beitrag den wir für unsere Stadt leisten? Warum sollen Leute ausgerechnet zu uns kommen? 
Das klingt vernünftig und gleichzeitig innovativ? Tja, das täuscht: In Wirklichkeit ist es keins von beidem, sondern kommt geradewegs vom Grünen Tisch der Pastoraltechnokraten, wo es allerdings schon eine ganze Weile herumgelegen hat. Und das aus gutem Grund, denn die Idee einer funktionalen Ausdifferenzierung von Kirchengemeinden steht im eklatanten Widerspruch zur Parochialstruktur, die gerade kennzeichnend für das Modell "Volkskirche" ist. Isolde Karle [*] merkt an: "Jede Kirchengemeinde ist so ähnlich wie eine andere, weil Kirche segmentär differenziert ist: ein Segment, eine Pfarrgemeinde existiert neben der anderen. Diese Struktur begrenzt die Möglichkeit von Arbeitsteilung und Spezialisierung" (S. 244f.). Gleichwohl hat etwa das EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit" (2006) das Ziel "einer deutlich erkennbaren Zentralisierung auf allen Ebenen und mit einer zunehmenden funktionalen Differenzierung" vorgegeben: "Durch die Zentralisierung werden sowohl Themen als auch Personen aus den Ortsgemeinden abgezogen. Dies bedeutet eine Aushöhlung und Relativierung der 'ganz normalen' Gemeinden und Gemeindepfarrstellen vor Ort [...]. Reformvorstellungen dieser Art wurden in ähnlicher Weise schon einmal in den 1970er Jahren propagiert" (S. 243f.). Ähnlich kritisch äußerte sich Hartmann Tyrell [**]: "Solche Differenzierung oder Diversifizierung der Angebotsstruktur, die unterschiedlichen Bedarfen und Nachfragen, eher niedrigschwellig entgegenkommen will, würde aber das Gesicht der Kirche – absehbar und absichtsvoll – zulasten der segmentären Struktur verändern: zulasten der Gemeindereligiosität" (S. 198).

Der diametrale Widerspruch zwischen den Thesen 3.) und 4.) lässt sich übrigens augenscheinlich nur dadurch erklären, dass Philipp Kurowski annimmt, für den städtischen Bereich hätten völlig andere Regeln zu gelten als für den ländlichen. Was in mancherlei Hinsicht stimmen mag, aber in genau dieser Hinsicht zweifle ich daran. (Disclaimer: Es ist möglich, dass ich hier zu sehr "von Berlin her" denke. Berlin ist strukturell gesehen ja eher eine Ansammlung von Dörfern als eine typische "Stadt".) 
  • 5.) Den Staat, die Kommunen einbinden: Der Staat muss seinerseits wissen, wie viel Volkskirche ihm bedeutet. Er muss dabei auf seine Neutralität achten. Wenn er zum Beispiel Gemeindehäuser erhält, weil Kirche das nicht mehr kann, muss er vielleicht auch Eigentümer werden. Oder darf er vorschreiben, dass sich dort auch nichtkirchliche oder sogar muslimische Gruppen treffen. Das ist eben Volkskirche, wir sind kein exklusiver Club, sondern haben einen Auftrag für die Gesellschaft. 
Kurz: . Aber da sind wir wieder an dem Punkt, an dem ich schon früher ausgiebig überkreuz mit Pastor Kurowski war. Dass die Kirche "einen Auftrag für die Gesellschaft" hat, dieser Aussage würde ich ja an sich gar nicht widersprechen wollen; wohl aber dem, was Kurowski allem Anschein nach unter diesem Auftrag versteht. Ich würde sagen, der Auftrag der Kirche gegenüber der Gesellschaft ist zuallererst ein missionarischer; damit unterscheidet er sich erheblich vom Auftrag des (seinem Selbstverständnis bzw. Anspruch nach) weltanschaulich neutralen Staates, und genau deshalb tut (oder täte) die Kirche gut daran, dem Staat gegenüber ein nicht zu geringes Maß an Distanz zu wahren. 
  • 6.) Dienste und Werke ausgliedern, wo es irgend möglich ist. Große Dienste und Werke haben längst eine Größe und ein Volumen, das sie besser alleine dastehen würden als einer Landeskirche, einem Kirchenkreis oder gar einer Gemeinde zugeordnet. Sie in eigene Körperschaften zu überführen (z.B. als gGmbH). Eine Kita oder eine Sozialstation machen heute ein x-faches an Umsatz im Vergleich zu einer Ortsgemeinde. Diakonische Werke können eine ganze Landeskirche ruinieren, wenn etwas schiefläuft. Wie kirchliches Profil auch ohne unmittelbare Trägerschaft funktioniert muss im Einzelnen geregelt werden. 
Hier bin ich mir unsicher. Genauer gesagt, ich habe hierzu zwei oder mehr verschiedene Meinungen, die einander tendenziell widersprechen. Aber meinen eigenen, weiter oben aufgestellten Regeln für diesen Beitrag zufolge macht das ja eigentlich gar nichts. Also, wohlan. Einerseits erschiene es mir durchaus sinnvoll, wenn die Kirche die Trägerschaft bestimmter Einrichtungen auf- bzw. abgäbe, die aufgrund von "Größe und [...] Volumen [...] besser alleine dastehen würden"; insbesondere dann, wenn ein spezifisch kirchliches Profil dieser Einrichtungen ohnehin nicht gewährleistet werden kann. Das kann für Schulen, Kindergärten oder Erwachsenenbildungs-Einrichtungen gelten, aber sicherlich auch noch für manches Andere. (Vermutlich hat Pastor Kurowski seine These zwar etwas anders gemeint, aber davon lasse ich mich jetzt einfach mal nicht stören.) Andererseits, und da hier ja (unter anderem) ausdrücklich von diakonischen Werken die Rede ist, muss ich anmerken, dass mir das Outsourcing von διακονία und caritas an professionelle Unternehmen, auch wenn diese Diakonie und Caritas heißen und sich in kirchlicher Trägerschaft befinden, ganz generell ein Dorn im Auge ist. Und dies nicht nur, weil dieses Outsourcing - wie auch Isolde Karle beklagt - zu einer Verarmung des Gemeindelebens beiträgt: "So besucht nicht mehr die Gemeindeschwester die diakonisch Bedürftigen und knüpft und pflegt dabei Kontakte. Es haben sich vielmehr eigene Diakonieorganisationen ausgebildet, die weitgehend unabhängig vom lokalen Netzwerk operieren. Die Themenvielfalt und Personenvielfalt des Gemeindelebens schränkt sich damit aber unweigerlich ein" (S. 248; freilich räumt sie ebd. ein, dass die "Ausdifferenzierung der Diakonie [...] sicherlich nicht mehr rückgängig gemacht werden kann"). Ein tendenziell noch größeres Problem sehe ich darin, dass auf diese Weise das Bewusstsein dafür getrübt wird, dass die Werke der Barmherzigkeit (die Hungrigen speisen, den Durstigen zu trinken geben, die Nackten bekleiden... vollständige Liste hier) jedem einzelnen Christen aufgetragen sind. Ich denke da an Peter Maurin, den Begründer des Catholic Worker Movement, der meinte, das Delegieren von Wohltätigkeit an Organisationen (ver)führe zu einer Haltung, in der sich "die Frage des ersten Mörders" wiederhole: "Bin ich meines Bruders Hüter?"

Das ist jetzt natürlich nicht sonderlich pragmatisch gedacht, aber das habe ich ja auch nie behauptet. Ich möchte hinzufügen, dass der letztgenannte Punkt aus meiner Sicht sehr eng mit einem grundsätzlichen Problem volkskirchlicher Strukturen korrespondiert: der Unterscheidung zwischen Mitarbeitern und ("einfachen") Mitgliedern. Weiter oben ist es schon einmal angeklungen: Es gibt eine Tendenz dazu, "Dienste" in und an der Kirche in erster Linie von den Hauptamtlichen her zu denken. Daneben gibt es natürlich noch Ehrenamtliche, die aber nicht selten als Lückenbüßer für diejenigen Aufgaben behandelt werden, für die keine hauptamtlichen Mitarbeiter bezahlt werden können. Derweil zahlt der Großteil der Mitglieder einfach Kirchensteuer und nimmt die "Angebote" der Kirche entweder als "Dienstleistungen" in Anspruch oder eben (zunehmend) nicht. In dem Maße, wie die Großkirchen mit schwindenden Ressourcen auskommen müssen, ist dieses Modell immer weniger tragfähig -- und wird auch dadurch nicht zu retten sein, dass man immer mehr Aufgaben von haupt- auf ehrenamtliche Mitarbeiter umverteilt. Vielmehr wird es notwendig werden, das kirchliche Verständnis von "Mitarbeit" bzw. "Dienst", "Beteiligung", ja letztendlich, wenn mir ein bisschen Pathos gestattet ist, von "tätigem Christsein" grundsätzlich neu zu denken. Und zumindest ich halte das für etwas Gutes
  • 7.) Entbürokratisierung. An viel zu vielen Stellen funktioniert Kirche immer noch wie eine Behörde, und zwar eine sehr rückständige Behörde. Es geht so vieles smarter, menschlicher, papierloser, wenn man Kirche von morgen denkt. Die Behördenstruktur ist ein preußisches Elend, dass Mitglieder und Mitarbeiter zu Untertanen degradiert, es ist so viel systemisches Misstrauen darin, dass es wirklich geeignet ist, Kirchliche Kernkompetenzen wie Liebe, Solidarität, Spontaneität und Spiritualität zu verdunkeln und zu ersticken. Und dabei mehr Kosten verursacht als spart. 
D'accord. Bin voll dabei. Nur eins frage ich mich dabei: Was genau bleibt denn von der Volkskirche als Volkskirche noch übrig, wenn man ihr die "Behördenstruktur" nimmt? Ist es nicht genau das, was sie ausmacht? Mir scheint, dieser letzte Punkt wirft sehr, sehr vieles von dem, was Philipp Kurowski zuvor über das Wesen und die Vorzüge des Modells Volkskirche gesagt hat - ich verweise nochmals auf meinen Artikel vom Mittwoch - mit Karacho und Anlauf aus dem Fenster. Was mir im Grunde nur recht sein kann. Aber es wirft halt Fragen auf... 


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[* Isolde Karle: Religion – Interaktion – Organisation. In: Jan Hermelink / Gerhard Wegner (Hg.): Paradoxien kirchlicher Organisation. Niklas Luhmanns frühe Kirchensoziologie und die aktuelle Reform der evangelischen Kirche. Würzburg 2008, S. 237-257.
** Hartmann Tyrell: Religion und Organisation: Sechs kirchensoziologische Anmerkungen. In: Hermelink/Wegner, a.a.O., S. 179-204.]




Donnerstag, 14. Juni 2018

Kann die Politik uns nicht vielleicht bitte doch retten?

Irgendwann musste das ja mal kommen: "Die Benedikt-Option" hat auf Amazon erstmals eine nicht uneingeschränkt positive Kundenbewertung bekommen. Mit "nur" 3 von 5 Sternen. Das ist an und für sich natürlich überhaupt nicht schlimm. Auch dass Rezensent "Kuddel" sich - obwohl er einleitend feststellt, das Buch enthalte "tatsächlich viele hilfreiche, bedenkenswerte und gute Ratschläge" - in seinen Ausführungen weitgehend auf die wenigen Punkte konzentriert, mit denen er nicht einverstanden ist, wodurch die Rezension negativer wirkt, als die Punktewertung es vermuten ließe, ist zunächst einmal sein gutes Recht. Da ich seine Kritikpunkte aber so bezeichnend - und zugleich über weite Strecken schlichtweg falsch - finde, denke ich, im Interesse der Sache sollte ich darauf antworten. 

"Ein Lebensrezept für überzeugte Christen - aber ist es auch anwendbar?" ist "Kuddels" Rezension überschrieben, und die in dieser Formulierung anklingenden Zweifel beziehen sich im Wesentlichen auf die zwei Teilaspekte der BenOp, bei denen solche Zweifel zu erwarten waren: Politik und Bildungswesen. Fangen wir mal mit dem "kleineren" der beiden Kritikpunkte an: 
"Ein 'Homeschooling' oder die Gründung eigener kleiner Schulen, in denen authentische Glaubensinhalte weitergegeben werden, ist in Deutschland mit der Pflicht, eine staatlich zugelassene Schule zu besuchen, schlichtweg nicht machbar. Damit entfällt ein ganzer Themenblock, dem Dreher in seinem Buch sehr viel Aufmerksamkeit widmet." 
An diesen Ausführungen ist einiges richtig und einiges falsch, und diese Mischung sorgt dafür, dass im Endergebnis auch das Richtige falsch wird. Richtig ist: "Homeschooling" ist in Deutschland (nicht aber in Österreich und großen Teilen der Schweiz) verboten; es gibt (seltene) Ausnahmegenehmigungen, aber prinzipiell gilt in Deutschland die Schulpflicht, und damit basta. Das (schon im Original recht überschaubare) BenOp-Unterkapitel zum Thema "Homeschooling" habe ich für die deutsche Ausgabe daher - in Absprache mit dem Autor - nochmals leicht gekürzt und mit einer Fußnote versehen, die auf die Rechtslage in Deutschland hinweist. Insgesamt sind in der deutschen BenOp-Ausgabe knapp 2 Seiten (von 398!) dem Thema "Homeschooling" gewidmet; die könnte man, wenn man das Thema als irrelevant betrachtet, getrost überblättern, statt sich zu beschweren. 

Was hingegen die "Gründung eigener kleiner Schulen" angeht, so ist diese in Deutschland wohl schwieriger als anderswo - eine Geschichte wie die von Marco Sermarini und seiner Frau Federica, die innerhalb von nur drei Monaten die Gründung einer Schule realisierten, die angangs nur von ihren eigenen und zwei weiteren Kindern besucht wurde (S. 276f.), wäre so in Deutschland sicher nicht möglich. Aber dass die Gründung Freier Schulen, "in denen authentische Glaubensinhalte weitergegeben werden", hierzulande "schlichtweg nicht machbar" sei, ist ja nun Quatsch. Dass Schulen "staatlich zugelassen" sein müssen, damit durch ihren Besuch die gesetzliche Schulpflicht erfüllt werden kann, heißt nicht, dass an Schulen in freier Trägerschaft alles genauso laufen müsste wie in der staatlichen Regelschule. Es gibt schließlich auch Waldorf- und Montessori-Schulen und andere alternative Schulmodelle; da sehe ich keinen Grund, warum nicht auch das klassisch-christliche Schulmodell, wie es in Kapitel 7 der BenOp ausführlich vorgestellt wird, in Deutschland realisiert werden könnte. Zum Beispiel an einer Schule in kirchlicher Trägerschaft. Die müssten sich das nur trauen. Da liegt wohl eher das Problem. (Genaueres zur Rechtslage in Bezug auf Ersatz- und Ergänzungsschulen siehe hier.) 

Davon abgesehen: Ganz allgemein würde ich behaupten wollen, wenn etwas unter den gegebenen Umständen "nicht machbar" ist, heißt das noch nicht zwingend, dass es sich nicht trotzdem lohnen könnte, sich damit gedanklich auseinanderzusetzen. Um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Dass es in Deutschland eine strikte Schulpflicht gibt - die in ihrer bis heute gültigen Form übrigens eine "Errungenschaft" der NS-Zeit ist, aber das mal nur am Rande -, heißt ja noch nicht, dass man das gut und richtig finden muss, und übrigens auch nicht,  dass das für immer so bleiben muss. Es gab deswegen schon Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.  

-- Das leitet nun allerdings zum nächsten, umfangreicheren Kritikpunkt über. Für eine Abschaffung der strikten Schulpflicht bzw. ihre Ersetzung durch eine weniger stark regulierte Unterrichtspflicht, wie es sie in anderen zivilisierten Ländern gibt, einzutreten, wäre ja eine politische Forderung. Und ist es nicht gerade eine zentrale These der Benedikt-Option, dass Christen sich aus der Politik zurückziehen sollen? 

Würden Sie diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen? - Äh, welchem von den beiden?
(Bildquelle hier.)
-- Spoiler: Nö, ist es nicht. Ehrlich gesagt ist es mir ein Rätsel, wieso sich dieses Missverständnis so hartnäckig hält, selbst bei Leuten, die das Buch gelesen haben und es daher besser wissen müssten. Leserrezensent "Kuddel" jedenfalls regt sich furchtbar auf über die Vorstellung, "die Christen zögen sich alle aus der Politik zurück"; das wäre "[g]eradezu fatal", ja "eine grauenhafte Vorstellung". 

Nur ist das ja wie gesagt gar nicht das, worauf die BenOp abzielt. In einem achteinhalb Seiten langen Unterkapitel mit der Überschrift "Traditionelle Politik: Was weiterhin getan werden kann" (S. 137-145) widmet sich Rod Dreher einlässlich der Feststellung, dass konventionelle Formen politischen Engagements nach wie vor möglich und auch notwendig sind; gleich im ersten Satz dieses Unterkapitels heißt es explizit: "Christen können es sich nicht leisten, sich vollständig aus dem öffentlichen Diskurs zurückzuziehen" (S. 137). "Die eigentliche Frage" sei "nicht, ob wir die Politik gänzlich aufgeben sollten, sondern wie wir politische Einflussnahme besonnen einsetzen" (ebd.). Und auf S. 161 betont er erneut: "Es geht nicht darum, dass wir aufhören sollten, wählen zu gehen oder uns anderweitig in der konventionellen Politik zu engagieren. Es geht vielmehr darum, dass das allein nicht mehr genügt."
Dieser letzte Satz ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis dessen, was die Benedikt-Option zum Gesamtbereich "Politik" zu sagen hat. Genauer führt Rod Dreher dies auf S. 146 aus:
"Die Politik der Benedikt-Option beginnt damit, anzuerkennen, dass die westliche Gesellschaft post-christlich ist und dass – wenn kein Wunder geschieht – keine Hoffnung besteht, dass sich dieser Zustand in der absehbaren Zukunft ändert. Das bedeutet, dass die Möglichkeiten für rechtgläubige Christen, auf dem Wege konventioneller Politik etwas zu erreichen, sich erheblich verringert haben."
Und nicht nur das; ganz grundsätzlich betont Rod Dreher:
"Gläubige müssen die gewöhnliche Falle meiden, zu glauben, Politik könne kulturelle und religiöse Probleme lösen. […] Die tiefgreifenden kulturellen Kräfte, die den Westen seit Jahrhunderten von Gott entfernt haben, werden nicht durch eine einzige Wahl aufgehalten oder zurückgedrängt werden – oder überhaupt durch Wahlen." (S. 161f.)
Demgegenüber  weist schon allein der Stellenwert, den "Kuddel" in seiner Kritik dem Thema Politik einräumt, auf genau den Umstand hin, den mein Freund Rod als "eine falsche Idolisierung, ja Vergötzung von Politik" (S. 135) kritisiert: dass nämlich ein bestimmter Typus von -- sagen wir nicht "konservativen Christen", sondern, um die Gewichtung deutlich zu machen, "christlichen Konservativen" dazu neigt, die Bedeutung und die Möglichkeiten von Politik massiv zu überschätzen. Zugespitzt bezeichnet Rod sie als "diejenigen konservativen Christen, die die Kirche als die Republikanische Partei beim Gebet betrachten oder mit mehr Überzeugung in die Wahlkabine gehen als zum Sonntagsgottesdienst" (S. 130). Wenn "Kuddel" fordert "Christen gerade HINEIN in die Parteien und sich dort engagieren!", dann wäre darauf zu erwidern: Mach das ruhig, und viel Erfolg dabei, aber glaub nicht, dass darin die Lösung aller Probleme zu finden wäre -- geschweige denn, dass das wichtiger wäre, als dass Christen sich der Aufgabe widmen, "in ihren kleinen Heimatgemeinden vor sich hinzuwurschteln".
"Christen müssen sich klar vor Augen halten, dass konventionelle amerikanische Politik das, was in unserer Gesellschaft und Kultur falsch läuft, nicht beheben kann. Sie ist dazu ungeeignet, weil sowohl ihr linker wie ihr rechter Flügel davon ausgeht, das eigentliche Ziel aller Politik sei es, die individuelle Entscheidungsfreiheit zu begünstigen und zu erweitern. Die Linke und die Rechte sind sich bloß darin uneinig, wo die Grenzen zu ziehen sind. Das Programm keiner Partei ist völlig vereinbar mit der christlichen Wahrheit.“ (S. 158)
Geradezu tragikomisch wird es, wenn "Kuddel" Rod Drehers Argumentation mit dem Einwand abschmettern zu können meint, das möge ja wohl für die USA - "mit ihrem recht undemokratischen Mehrheitswahlrecht und dem daraus resultierenden Zwei-Parteien-System" - gelten, nicht aber für Deutschland. Während die Auffassung, das "Mehrheitswahlrecht" in den USA sei, da es in einem "Zwei-Parteien-System" resultiere, "recht undemokratisch", wohl für eher geringe Sachkenntnis oder zumindest für ein sehr spezielles Demokratieverständnis spricht, scheint mir die Vorstellung, ausgerechnet in Deutschland ("In Deutschland haben wir [...] eine Vielzahl an Parteien, die sich ausdrücklich 'christlich' nennen, ein an christlichen Grundsätzen ausgerichtetes Programm aufweisen oder sich wesentlich den Schutz des christlich geprägten Abendlandes auf die Fahnen geschrieben haben") seien die Aussichten, die Politik im christlich-konservativen Sinne beeinflussen zu können, besser als in den USA, derart illusorisch, dass ich mich frage, unter was für einem Stein der Rezensent die letzten Jahre gelegen hat. Oh, ich vergaß: Söder lässt Kreuze in den bayerischen Amtsstuben anbringen! Jetzt wird alles gut! 

Aber mal im Ernst: Ich kann durchaus verstehen, dass und warum gerade der politische Teil der Benedikt-Option so viel ergrimmten Widerspruch hervorruft. Wir sind alle mehr oder weniger mit der Überzeugung aufgewachsen, die Demokratie löse alle Probleme. Festzustellen, dass das nicht stimmt, ist schmerzhaft -- zumal das für konservative Christen die Erkenntnis beinhaltet, dass ihre Anliegen in der Gesellschaft nicht mehrheitsfähig sind. Es kommt jedoch noch etwas anderes hinzu: Das Prinzip der repräsentativen Demokratie passt einfach so perfekt in unsere Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft, es appelliert an unsere Bequemlichkeit. Es wäre so schön, wenn man einfach nur wählen gehen müsste, und "die Politik" kümmert sich um alles Weitere. Und dann kommt ein Rod Dreher und sagt Dinge wie:
"Politik ist kein Ersatz für persönliche Heiligung. Das Beste, was rechtgläubige Christen heute noch von der Politik erhoffen können, ist, dass sie einen Freiraum schafft oder bewahrt, innerhalb dessen die Kirche ihre Werke der Nächstenliebe, des Kulturaufbaus und der Bekehrung betreiben kann." (S. 136)
Natürlich ist das eine Zumutung. Umso mehr, als man nicht damit rechnen kann, dass das eigene Bemühen um "Werke der Nächstenliebe, des Kulturaufbaus und der Bekehrung" im persönlichen Nahbereich unmittelbar sichtbare Früchte trägt. Aber da müssen wir durch. 

Noch ein paar Sätze extra muss ich zu "Kuddels" Einschätzung loswerden, in Deutschland gebe es im Unterschied zu den USA "migrationsbedingt auch eine ganz andere Bedrohungslage im Hinblick auf eine Verdrängung des Christentums". Da könnt' ich mich ja schon wieder aufregen. Ich will nicht leugnen, dass die Migrationskrise eine Reihe von gesellschaftlichen Problemen verursacht oder verschärft hat, aber die Gefahr einer "Verdrängung des Christentums" gehört sicherlich nicht dazu. Im Gegenteil würde ich hier tendenziell eher eine Chance für das Christentum in unserem Land sehen. Die Gefahr einer "Verdrängung des Christentums" geht hierzulande nicht von Zuwanderern aus, sondern vom Säkularismus in unserer eigenen Gesellschaft, und wenn das heimische Christentum nicht zu großen Teilen so müde, kraftlos und von der Tendenz zur Selbstsäkularisierung angekränkelt wäre, wäre es ausgesprochen albern, von ein paar Millionen Muslimen in der Bevölkerung eine "Islamisierung" zu befürchten. 

Aber nun gut: Zusammen mit dem betonten Bekenntnis, es gelte "für den Erhalt dessen zu kämpfen, was unsere Kultur und unsere Werte geprägt hat", und dem Umstand, dass die Politik der Regierung Ungarns als "leuchtendes Beispiel" herausgestellt wird, lässt der Hinweis auf die "migrationsbedingt[e] [...] Bedrohungslage" darauf schließen, dass "Kuddel" politisch irgendwo zwischen dem innerparteilich ins Abseits geratenen rechten Flügel der Union und der AfD zu verorten ist, und so gesehen finde ich es nicht nur folgerichtig, dass er mit der "antipolitischen Politik" der BenOp eher wenig anfangen kann, sondern bin im Grunde sogar ganz froh darüber. Es erspart einem Arbeit, wenn die Leute, von denen man sich abgrenzen müsste, das schon von sich aus tun. 



Mittwoch, 13. Juni 2018

Mittelmäßig (und/aber) brauchbar: #TeamVolkskirche revisited

Zu meiner Auseinandersetzung mit den im Online-Magazin Die Eule erschienenen "Links am Tag des Herrn" vom 3. Juni gibt es noch etwas nachzutragen -- auch etwas richtigzustellen, aber dazu später. In erster Linie soll es in meinem nun folgenden Beitrag um Philipp Kurowskis Blogartikel "#TeamVolkskirche" gehen, von dem ich ja bereits angemerkt hatte, ich hätte ihn "schon vor längerer Zeit mal zumindest überflogen"; erschienen ist der Text bereits am 5. Februar, aber Daniel Fetzers Anmerkungen dazu in den #LaTdH haben mich veranlasst, ihn mir noch einmal und genauer anzusehen. Und ich kann sagen, es hat sich gelohnt: Kurowskis Ausführungen erweisen sich auf den zweiten Blick als vielschichtiger, sperriger und damit auch interessanter, als ich es auf den ersten Blick gedacht hätte (und immer noch denken würde, wenn ich dem Impuls nachgegeben hätte, die Lektüre mittendrin entnervt abzubrechen). 

Symbolbild (eigene Aufnahme) 
Wir erinnern uns: Was mir an Fetzers Wiedergabe von Kurowskis Thesen am meisten ins Auge gefallen war, war die Aussage, zu den löblichen Funktionen des Systems "Volkskirche" gehöre die "Prävention religiöser Radikalisierung". Um mich kurz mal selbst zu zitieren: "Die Volkskirche als Garantin einer zahmen, sozialverträglichen Mittelklasse-Religiosität, das ist ja geradezu entwaffnend ehrlich." Tatsächlich handelt Philipp Kurowski diesen Aspekt ziemlich zu Beginn seines Essays und recht ausführlich ab, und abzüglich eines gewissen Maßes an polemischer Zuspitzung meinerseits meint er das allem Anschein nach wirklich so, wie ich es verstanden habe. Schauen wir uns das mal etwas näher an. 

Zur Einordnung von Kurowskis These, die Volkskirche schütze vor religiöser Radikalisierung, ist zunächst einmal die Feststellung wichtig, dass er damit auf die Kirchenkritik "Liberale[r] Humanisten" antwortet: 
"Leute wie Ali Utlu twittern es jeden Tag zu ihren 20.000 Followern: Weg mit den Privilegien, Privatisiert die Religion, schafft die Volkskirche ab. Sie fußen damit auf allgemeiner Religionskritik und konkretem Misstrauen [...]: Dass Religion als solches gefährlich ist." 
Dazu erst mal zwei kritische Anfragen. Erstens: Wer hat Philipp Kurowski gesagt, er müsse "Leute wie Ali Utlu" ernst nehmen, nur weil diese 20.000 Follower auf Twitter haben? Zweitens und viel gewichtiger: Was heißt "Religion als solches"? Inwieweit kann es überhaupt sinnvoll sein, verallgemeinernde Urteile über "Religion" zu fällen, ohne differenzierend darauf einzugehen, was verschiedene Religionen tatsächlich lehren? Ergibt der Ansatz, "Religion" quasi als ein "Gesamtphänomen" zu betrachten, nicht eigentlich nur aus atheistischer oder agnostischer Perspektive einen Sinn, ja streng genommen sogar nur dann, wenn man Atheismus oder Agnostizismus als die "Grundeinstellung" (im Sinne des englischen "default") des Menschen betrachtet, was ja schon empirisch-anthropologisch ziemlich fragwürdig wäre?

Philipp Kurowski stellt (sich) diese Fragen nicht, sondern gibt den "humanistischen" Kritikern tendenziell erst einmal Recht: "Da ist ja auch etwas Wahres dran". Ach, echt? Ja:
"Wir wissen es einfach: Religion kann aus dem Ruder laufen, kann zu fanatisierten und zum abscheulichsten Mord bereiten Massen führen. Verblendete, jeder vernünftigen Argumentation entzogene Eiferer, die bereit sind für eine Fabel, einen Messias, einen unsichtbaren Gott über Leichen zu gehen." 
Also, ich wäre ja gegenüber Dingen, die "wir" "einfach wissen", erst einmal skeptisch. Die nennt man nämlich auch Klischees, und nicht selten stellen sie sich bei näherem Hinsehen als (maximal) Halbwahrheiten heraus. Allerdings braucht Kurowski dieses dick aufgetragene Klischeebild für seine nun folgende Argumentation zugunsten des Systems Volkskirche:
"Vielleicht ist gerade das das entscheidende Argument für Volkskirche. Dass sie eine Art Containement [sic] für das Religiöse bietet. In ihrer pomadigen Behördenstruktur, in ihrer flächendeckenden Mittelmäßigkeit, in ihrer verkopften Ausbildung, in ihrer durch und durch lauwarmen Kompromissbereitschaft stellt sie einen unschätzbaren Puffer gegen Fanatismus und Gewalt dar. Im Gegenteil sorgt sie sich um sachlichen Pragmatismus und bleibt dennoch Heimat religiösen Denkens, Fühlens und Handelns für Millionen von Menschen." 
Das will, nein, das kann ich nicht weiter kommentieren; das spricht in ehrfurchterheischender Kraft und Schönheit für bzw. gegen sich selber, je nach Standpunkt. Da ich von meinem Standpunkt aus finde, es spreche gegen sich, gehöre ich offenkundig zu "[g]enau jene[n] Radikalen", deren Kritik am System Volkskirche sich Philipp Kurowski folgerichtig als nächstes zuwendet. Nun ja, so richtig gehöre ich wohl doch nicht dazu, denn Kurowski stellt sich unter diesen Radikalen, zumindest explizit und in erster Linie, Evangelikale vor:
"Die Volkskirche macht es den bibeltreuen Christen schwer. Mit den Entscheidungen Geschiedene wiederzuverheiraten, Frauen zu ordinieren, homosexuelle Paare zu segnen und zuletzt womöglich auch noch auf die Mission von Muslimen zu verzichten: Immer wieder stellt sich die (evangelische) Landeskirche gegen den Wortlaut der Heiligen Schrift." 
Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis. Weiterhin stellt er - wie es scheint, durchaus anerkennend - fest:
"Freikirchen sind kompromissloser, glaubensernster, moralischer, bibelfester als die Volkskirche. Hier wird noch etwas geglaubt, hier gibt es noch klare und verbindliche Maßstäbe für das Leben, hier gibt es noch inbrünstiges Gebet statt blutleerer Formeln, hier gibt es noch verbindliche Gemeinschaft statt einer Kartei mit Millionen Namen von Menschen, die man noch nie in der Kirche gesehen hat. Es sieht oft so fad und öde aus in der Volkskirche, dass Menschen ernsthaft zum Islam konvertieren, weil ihnen dort das alles geboten wird, was sie schmerzlich in ihrer Kirche vermissen." 
Und hier nun, bei diesem letzten Satz, müsste der Verfasser eigentlich selber merken, dass seine These, die Volkskirche verhindere religiöse Radikalisierung, nicht unbedingt immer und überall stimmt. Im Gegenteil kann sie offensichtlich gerade durch dieselben Eigenschaften, denen Kurowski die von ihm behauptete Wirkung zuschreibt, zur Radikalisierung beitragen -- nämlich zur Radikalisierung jener, die sich von ebendieser typischen Volkskirchlichkeit, wie Kurowski sie beschreibt, abgestoßen fühlen und deshalb woanders hingehen (cf. "ernsthaft zum Islam konvertieren"). Radikalisierung durch Langeweile ist besonders in Wohlstandgesellschaften ein Problem, das man keineswegs unterschätzen sollte.

Aber weiter: Wie antwortet Kurowski auf den Vorwurf der Lauheit, der - seinen eigenen Ausführungen zufolge ja durchaus naheliegenderweise - seitens eines "glaubensintensiveren" Christentums, wie er es vor allem in den Freikirchen verwirklicht sieht, an die Volkskirche herangetragen wird? Es wird erneut interessant:
"Was Volkskirche kann, ist eine gewissen Grundevangelisation der Bevölkerung erreichen. […] Und tatsächlich bauen auch die Freikirchen ganz massiv auf die religiöse Grundsozialisation durch die Volkskirchen auf. Es ist ihre Lebenslüge, dass volkskirch[l]iche Religiosität das Gleiche wie Unglaube wäre, dass die Kirchen mit ihrem verwässerten Evangelium der Evangelisation mehr schadeten als nützten. Im Gegenteil: Wer schon mal von Gott gehört hat, ist viel leichter ansprechbar, als Menschen, denen schon der Begriff fremd ist[.]" 
Und wieder frage ich mich: Stimmt das überhaupt, oder trifft nicht viel eher doch die den Freikirchlern in den Mund gelegte und von Kurowski zurückgewiesene Einschätzung zu, "dass die Kirchen mit ihrem verwässerten Evangelium der Evangelisation mehr schadeten als nützten"? Oder stimmt vielleicht in manchen Fällen das Eine und in anderen das Andere? Mir jedenfalls erscheint, auch aus persönlichen Erfahrungen heraus, die Annahme erheblich plausibler, dass Menschen, die die Botschaft des Evangeliums in einer verwässerten, lauwarmen, langweiligen Variante kennengelernt haben, eher schwerer zu erreichen und zu begeistern sind, weil sie eben denken: "Kenn' ich schon. Ist langweilig."

Aber vielleicht liegt es auch in der Natur der Sache, dass in dieser idealtypisch vereinfachten Gegenüberstellung von Frei- und Volkskirchlern beide Seiten von ihrem Standpunkt aus Recht haben. Bedenkt man das weiter oben zur Eindämmung religiöser Radikalität Gesagte, dann will "die Volkskirche", wie Kurowski sie versteht, bei ihren Anhängern vielleicht gar nichts Anderes erzeugen als eine wohltemperierte, zahme und dadurch sozial verträgliche Mittelklasse-Religiosität, und dafür ist die "Grundevangelisation der Bevölkerung", die die volkskirchlichen Strukturen leisten, womöglich genau das Richtige -- wohingegen sie für die feurige, wild entschlossene Gläubigkeit, auf die die idealtypischen "Freikirchler" es anlegen, gerade nicht dienlich ist.

Und das bringt uns nun zur Kernfrage: Wem nützt ein laues, mittelmäßiges Christentum? Nun, nach Kurowskis Auffassung wohl einerseits denjenigen Menschen, die darin "Heimat religiösen Denkens, Fühlens und Handelns" finden, ohne dafür besonders radikale Lebensentscheidungen treffen zu müssen; andererseits aber auch der Gesellschaft als Ganzer, die nämlich auch dann noch, wenn sie sich selbst nicht (mehr) als christlich definiert, dennoch weiterhin von den volkskirchlichen Institutionen profitiert. So weist Kurowski "[a]m Beispiel des Erzbistums Hamburg" darauf hin,
"dass Menschen auch ohne Kirchenzugehörigkeit Institutionen der Volkskirche wertschätzen, ja auch bereit sind, sich dafür zu engagieren. Auch wenn ihnen die Religion und ihre Institution nichts bedeutet, merken sie, dass beides doch etwas ist, was ihrer Stadt, was der Gesellschaft fehlen wird, wenn es einfach verschwindet."
Und etwas weiter unten folgert er, die Kirche habe "eine sehr wichtige und derzeit unersetzbare Funktion in Staat und Gesellschaft".  -- Wer mich ein bisschen kennt, und sei es nur aus meinen Blogartikeln der letzten Monate, den wird es nicht überraschen, dass ich mit einer solchen funktionalistischen Sicht auf den "Nutzen" der Kirche für die Gesellschaft eher wenig anfangen kann.  Und um zu begründen, warum ich ein größeres Maß an Abgrenzung der Kirche(n) von der postchristlichen Gesellschaft sinnvoller fände als allzu starke Anbiederung an sie, brauche ich diesmal - ausnahmsweise - gar nicht auf die Benedikt-Option zu verweisen; ich greife lieber mal auf Romano Guardini zurück:
"Je entschiedener der Nicht-Glaubende seine Absage an die Offenbarung vollzieht und je konsequenter er sie praktisch durchführt, desto deutlicher wird daran, was das Christliche ist. Der Nicht-Glaubende muß aus dem Nebel der Säkularisation heraus. Er muß das Nutznießertum aufgeben, welches die Offenbarung verneint, sich aber die von ihr entwickelten Werte und Kräfte angeeignet hat. Er muß das Dasein ohne Christus und ohne den durch Ihn offenbarten Gott ehrlich vollziehen und erfahren, was das heißt. Schon Nietzsche hat gewarnt, der neuzeitliche Nicht-Christ habe noch gar nicht erkannt, was es in Wahrheit bedeute, ein solcher zu sein."
(Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit. Mainz/Paderborn 1986, S. 88) 
Lassen wir das einfach mal so stehen und wirken. Bis hierher könnte man meine Anmerkungen zu Kurowskis Argumentation vielleicht einigermaßen treffend mit "Ja, kann ich nachvollziehen, halte ich aber für falsch" zusammenfassen. Ganz am Ende fügt er seinem Essay jedoch sieben "skizzenhaft[e] Ideen" für die Zukunft der Kirche, Reflexionen über "Modelle kirchlicher Präsenz vor Ort, bei weniger Geld und weniger Personal", hinzu, von denen Daniel Fetzer in den #LaTdH meinte: "Warum diskutieren wir nicht die sieben Thesen, die Kurowski am Ende seines Plädoyers aufstellt?" Und tatsächlich haben diese sieben Thesen, oder jedenfalls Teile davon, mich überrascht; überrascht auch insofern, als ich mich frage, ob eine Kirche, die sich gemäß der dort formulierten Grundgedanken organisieren würde, überhaupt noch "Volkskirche" in dem Sinne wäre, wie ich den Begriff verstehe und wie er mir auch aus Kurowskis bisherigen Ausführungen zu sprechen scheint. Jedenfalls gefällt mir Manches aus diesem Schlussteil des "#TeamVolkskirche"-Essays erheblich besser, als ich es bis zu diesem Punkt der Lektüre für möglich gehalten hätte. -- Aber ich bemerke, dass dieser Artikel schon wieder zu lang zu werden droht, und daher verschiebe ich meine Auseinandersetzung mit Kurowskis abschließenden sieben Thesen (oder mindestens dreien davon) lieber auf einen späteren Blogbeitrag. Damit bleibt zwar meine einleitende Ankündigung hinsichtlich des unerwartet Sperrigen und Interessanten am #TeamVolkskirche-Artikel zu einem wesentlichen Teil uneingelöst, aber hey. Cliffhanger und so.

Was ich hingegen noch einlösen muss, ist meine Ankündigung einer Richtigstellung zu meinem Artikel über die "Links am Tag des Herrn" des Eule-Magazins. Da hatte ich nämlich behauptet, dass "wohl die meisten Mitarbeiter der Eule ihre Brötchen in den volkskirchlichen Strukturen der EKD verdienen oder dies zumindest für die Zukunft anstreben". Nun teilt mir Eule-Redakteur Philipp Greifenstein allerdings mit, dass das nicht stimmt: "Kein_e Redakteur_in der Eule ist bei der Kirche angestellt oder im Vorbereitungsdienst". Okay, da zitiere ich mal einen Helden meiner Kindheit, nämlich ALF: Na gut, dann sag ich eben, ich hab mich geirrt. Tatsächlich wundert mich das. Meines Wissens ist die Gründung der Eule in gewissem Sinne aus dem Blog theologiestudierende.de heraus erfolgt, und ich hätte irgendwie nicht erwartet, dass von denjenigen Theologiestudierenden, die dann die Eule aus der Taufe gehoben haben, niemand den Weg zum Pfarramt eingeschlagen hat. Womit ich nicht sagen will, ich wäre der Meinung, sie hätten das tun sollen. Allerdings wurde mein Irrtum möglicherweise auch dadurch begünstigt, dass mir die Berufsbezeichnungen der Initiatoren in der "Über uns"-Rubrik etwas vage vorkamen. Kann es sein, dass sie - wenn auch auf eine indirektere Art, als ich angenommen hatte - irgendwie doch "ihre Brötchen in den volkskirchlichen Strukturen der EKD verdienen"? Aber ich will hier keine Haare spalten, nur um Recht zu behalten. Daniel Fetzer jedenfalls, der für die von mir besprochene Ausgabe der #LaTdH verantwortlich zeichnet, ist berufener Diakon einer evangelischen Landeskirche und nahm die Sache sportlich: Via Twitter sandte er mir "Liebe Grüße vom postchristlichen EKD-Jungfunktionär"...

So, das soll für diesmal reichen! Mehr zu #TeamVolkskirche, wie gesagt, demnächst.