Servus, Leser! Wenn dieses Wochenbriefing online geht, bin ich gerade in Braunlage am Harz beim 3. Kongress der Orthodoxen Jugend der russisch-orthodoxen Diözese von Berlin und Deutschland. Den Text des Vortrags, den ich dort heute Mittag gehalten habe, werde ich in Kürze auf Patreon und mit dem üblichen zeitlichen Abstand auch hier auf dem Blog veröffentlichen. Im aktuellen Wochenbriefing geht es, nachdem ich unserem Aufenthalt in der Pilgerherberge in Schwabach bereits einen Extra-Artikel gewidmet habe, schwerpunktmäßig um die Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn, an denen ich mit Frau und Kindern teilgenommen habe; und ich kann schon mal vorausschicken, dass das eine ziemlich zwiespältige Erfahrung war. Aber seht selbst!
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| "Ist das ein XXL-Rosenkranz?" – "Ja, das ist ein XXL-Rosenkranz." |
Weltmissionssonntag mit NGL
Bei der Entscheidung, in welche der katholischen Kirchen Nürnbergs wir zur Sonntagsmesse gehen wollten, richteten wir uns nach der Checkout-Zeit des Hotels: Theoretisch hätten wir bis 12 Uhr bleiben können, und da wir in der Pilgerherberge in Schwabach frühestens um 14 Uhr einchecken konnten und außerdem schlechtes Wetter war, entschieden wir uns dafür, den Vormittag größtenteils noch im Hotel zu verbringen, noch einmal in den Spa-Bereich zu gehen, dann in aller Ruhe unsere Sachen zu packen und zur Messe mit der spätesten Anfangszeit zu gehen – um 11:30 Uhr in St. Elisabeth. Das war auch insofern irgendwie thematisch passend zu unserer bevorstehenden Reiseetappe, als St. Elisabeth am Jakobsplatz liegt, direkt gegenüber der evangelischen Jakobskirche mit dem Pilgerzentrum. Eine interessante Geschichte hat die Kirche auch: Ihr Vorgängerbau, die Hauskapelle der Nürnberger Deutschordenskommende, war die einzige Kirche Nürnbergs, die in der Reformationszeit katholisch blieb; das heutige Kirchengebäude, ein klassizistischer Kuppelbau, wurde ab 1785 errichtet, blieb allerdings infolge der Säkularisierung unvollendet. Erst 1885 erwarb das Erzbistum Bamberg die Immobilie und ließ den Bau bis 1903 fertigstellen.
Einen Haken hatte die Entscheidung, dort in die Messe zu gehen, allerdings doch: In der Gottesdienstordnung des Seelsorgebereichs Nürnberg Mitte-Nord-West war diese Messe als "ad majorem"-Gottesdienst ausgewiesen, was zunächst recht vielversprechend klingen mochte – solange man nicht wusste, dass "ad majorem" der Titel eines vom Jesuitenorden herausgegebenen NGL-Liederbuches ist und die einmal monatlich stattfindenden "ad majorem"-Gottesdienste in St. Elisabeth sich dadurch auszeichnen, dass darin ausschließlich Lieder aus diesem Buch gesungen werden.
Das Buch enthält neben typischen NGL durchaus auch Gesänge aus Taizé, Lieder der Fokolarbewegung und auch einige Lieder evangelikaler Herkunft; als mein Tochterkind und ich vor Beginn der Messe in dem Buch blätterten, entdeckten wir ein paar Lieder, die teilweise oder annähernd textidentisch mit uns bekannten Lobpreisliedern (z.B. aus der Reihe "Adonia Bibelvers-Songs") waren, bei genauem Hinsehen aber wohl doch nicht dieselben Lieder waren. Wie dem auch sei, für die musikalische Gestaltung der Messe wurde mit wenigen rühmlichen Ausnahmen – das Kyrie war von Peter Janssens, aber nicht das, das auch im Gotteslob steht, und auch nicht "In Ängsten die einen"; als Kehrvers im Antwortpsalm wurde ein Taizé-Gesang verwendet – ganz tief in die Klischeekiste gegriffen: Zum Einzug gab's mein absolutes Hass-Lied "Eingeladen zum Fest des Glaubens", zum Gloria "Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt", zum Credo "Ich glaube an den Vater". – Aufgewertet wurde das musikalische Programm indes durch die Gesangstimme der Kirchenmusikerin, die wiederum vor allem im Kyrie und im Antwortpsalm zur Geltung kam: Die klang so scharf geschliffen und hatte ein so pathetisches Tremolo wie eine Degenklinge, die in der Luft zitterte – und somit ganz so, wie auch die Solistinnen auf Peter Janssens' Kult-Alben aus den 70ern sangen.
Noch etwas, was wir nicht bedacht hatten – was aber natürlich unabhängig davon war, wo wir zur Messe gingen – war der Umstand, dass an diesem 30. Sonntag im Jahreskreis Weltmissionssonntag war. Letztes Jahr um diese Zeit waren wir ja auf See, aber vor zwei Jahren waren wir am Weltmissionssonntag in Runding im Bayerischen Wald und hörten in der dortigen Kirche St. Andreas eine Predigt, in der es u.a. um Klimawandel auf Papua-Neuguinea ging. Jetzt in St. Elisabeth Nürnberg hielt der dortige Diakon die Predigt; wie schon bei der Begrüßung angekündigt wurde, ging er darin auch auf ein Förderprojekt des Seelsorgebereichs, eine Schule in Uganda, ein, aber in der Hauptsache drehte sich die Predigt doch um das im Tagesevangelium (Matthäus 22,34-40) angesprochene wichtigste Gebot ("Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken; [und] du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"). Was der Diakon zu diesem Thema zu sagen hatte, kann man nicht gerade als originell bezeichnen; seine Aussage, das Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" impliziere auch die Aufforderung zu einer gesunden Selbstliebe, begleitete er sogar explizit mit dem Hinweis, diese Lesart entspreche "der heute üblichen Auslegung dieses Textes". Abgesehen von einer gewissen Oberflächlichkeit und Banalität – und der ausgeprägt "liberalkatholischen" Ausstrahlung des Diakons – war an der Predigt nicht viel auszusetzen, aber man hätt' halt auch ganz gut auf sie verzichten können.
Dass die Fürbitten teilweise von der Partnergemeinde in Uganda übernommen worden waren, war im Prinzip eine nette Idee, führte aber dazu, dass die Fürbitten arg wortreich gerieten und fast so viel Zeit in Anspruch nahm wie die Predigt. Was mich dann aber doch noch mehr befremdete, war der Umstand, dass vor dem Schlusssegen ein Unterstützungsaufruf von Amnesty International für eine im Iran inhaftierte kurdische Aktivistin verlesen wurde. "Unser Seelsorgebereich arbeitet mit Amnesty International zusammen", hieß es zur Erläuterung. Okay, Boomer. Macht ja nichts, dass Amnesty International ein Konzept von Menschenrechten vertritt, das z.B. auch die Forderung nach einem "Recht auf Abtreibung" umfasst, oder?
Was übrigens die im vorigen Wochenbriefing angesprochene Frage angeht, wie man die Erstkommunionvorbereitung des Tochterkindes in den Ferien vertiefen könne, zeigte es sich, dass manche Dinge sich offenbar auch ganz einfach dadurch vertiefen, dass man sie sacken lässt. Unsere Große war in der Messe sehr aufmerksam bei der Sache, stellte fest, dass sie das oben zitierte wichtigste Gebot vom JAM her als Lied kennt, und bevor wir zur Kommunion gingen, fragte sie mich, ob sie sich eine Hand auf die Brust legen solle, um zu signalisieren, dass sie die Kommunion noch nicht empfängt. "Stimmt, der Priester hier weiß ja nicht, ob du schon Erstkommunion hattest", sagte ich. "Gut, dass du daran gedacht hast."
Uns den Messbesuch im Erstkommunionkurs-Stempelheft des Tochterkindes bestätigen zu lassen, erwies sich als langwierige Angelegenheit, da der Priester und der Diakon nach dem allgemeinen Schlusssegen noch zum Einzelsegen bereit standen und damit eine Weile beschäftigt waren. Als wir trotzdem schon mal auf gut Glück den Kopf in die Sakristei steckten, trafen wir dort eine Frau an – vermutlich eine Küsterin oder Mesnerin oder wie das hier heißt –, die uns jedoch nicht weiterhelfen konnte: Solche Stempelhefte hätten sie hier nicht und folglich auch keine Stempel dafür, ließ sie uns wissen. Wir hatten daraufhin vor, auf den Pfarrer zu warten – dem würde schon eine Lösung einfallen –, aber noch ehe der mit dem Einzelsegen-Spenden fertig war, kam eine andere Laienmitarbeiterin der Pfarrei auf uns zu. Sie verriet, sie habe "so etwas" schon öfter für auswärtige Gäste gemacht, und füllte das entsprechende Kästchen des Stempelhefts mit dem Namen der Kirche und ihrer Unterschrift aus. Sowas hat nicht jedes Erstkommunionkind in seinem Heft.
Auch noch erwähnen möchte ich, dass unser Jüngster, als wir auf dem Weg zur Messe waren, aus heiterem Himmel zu mir sagte: "Ach, Papa – beim Thema Kirche fällt mir ein, wir sollten mal wieder Straßenevangelisation machen!" (Er formulierte das tatsächlich so. Solche Sätze kann der Knabe mit seinen fünfeinhalb Jahren bauen, wenn er nicht gerade im "Böses-Baby-Modus" ist.) Also, darüber, wie's mit der religiösen Frühförderung unserer Kinder läuft, kann ich mich wohl wirklich nicht beklagen.
Nachträge zu den anderen katholischen Kirchen in der Nürnberger Innenstadt
Dass ausgerechnet die unserem Hotel am nächsten gelegene katholische Kirche, die Citykirche St. Klara, für unseren sonntäglichen Messbesuch nicht in Frage kam, hatte ich im vorigen Wochenbriefing bereits angemerkt, aber nicht besonders einlässlich begründet; nun gut, der Artikel war ja auch so schon lang genug. Tatsächlich könnte ich mich bequem auf einen ganz praktischen Grund berufen, nämlich den, dass es in der Citykirche sonntags lediglich eine "Spätmesse" um 20:30 Uhr gibt, und da waren wir schon in Schwabach und bemühten uns darum, die Kinder ins Bett zu kriegen. Aber auch wenn es in dieser Kirche eine Messe zu einer für uns passenden Zeit gegeben hätte, hätte es genug gegeben, was mich davon abgeschreckt hätte, diese zu besuchen; angefangen damit, dass die Kirche – von außen gotisch – von innen aussieht wie der multireligiöse Gebetsraum des Flughafens BER.
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| Wobei man zugeben muss: Eine Marienfigur hat der BER nicht. |
Ein Faltblatt, das ich mir mitnahm, vermittelte mir den Eindruck, dass die Citykirche insgesamt mehr auf Kulturprogramm setzt als auf Gottesdienste – und dass dieses Kulturprogramm weitgehend auf den Geschmack eines bildungsbürgerlichen Publikums aus der Baby-Boomer-Generation zugeschnitten ist; ich sag nur: Tango, Klezmer, keltische Folklore. Das meiste davon könnte genausogut in ländlichen Kulturzentren wie der Nordenhamer Jahnhalle oder der Seefelder Mühle laufen, aber hier hängt man dem Programm ein vage spirituell schimmerndes Mäntelchen um und nennt es "Citypastoral". Na herzlichen Dank.
Auf der anderen Seite bedaure ich es im Rückblick ein wenig, dass wir nicht in der Frauenkirche oder in Herz Jesu in die Messe gegangen sind – wobei man natürlich nicht wissen kann, wie die Messe da gewesen wäre. Die Frauenkirche am Hauptmarkt ist jedenfalls sehenswert und historisch interessant: Mitte des 14. Jahrhunderts im Auftrag Kaiser Karls IV. als gotische Hallenkirche erbaut, wurde die Kirche in der Reformationszeit lutherisch, aber nachdem die Stadt Nürnberg 1806 an das Königreich Bayern gefallen war, bildete sich eine katholische Gemeinde, die das Gebäude 1810 erwarb.
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| Die betont nüchtern-abstrakte Altarinsel ist zwar ein Fall von "Musste das sein?", stört den Gesamteindruck aber weniger als die ebenfalls betont nüchterne Bestuhlung (nicht im Bild). |
Die Kirche Herz Jesu im Stadtteil Lichtenhof, südlich vom Hauptbahnhof, hatte ich mir noch am Samstag angesehen, während Frau und Kinder im Zoo waren; sie wurde in den Jahren 1899-1905 erbaut und war damit der erste Neubau einer katholischen Kirche in Nürnberg seit der Reformation. Im Jahr 1945 durch Luftangriffe schwer beschädigt, wurde sie nach Kriegsende wiederaufgebaut und 1950 neu geweiht. Die Kirche hat die Form einer dreischiffigen Basilika, die Innenausstattung ist eher "zeitlos"-geradlinig.
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| Abgesehen von einigen noch aus der Zeit vor der Zerstörung im II. Weltkrieg stammenden Ausstattungsstücken wie dieser Schutzmantelmadonna. |
Nun, wie neulich schon angemerkt, haben wir ja durchaus die Absicht, nochmal wieder nach Nürnberg zu kommen; vielleicht haben wir ja dann Gelegenheit, in einer dieser Kirchen – oder sogar in beiden – eine Messe mitzufeiern.
Auf der Fränkisch-Schwäb'schen Eisenbahne
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| ...gibt's gar viele Haltstatione: Wicklesgreuth und Murrhardt, Böblingen und Oberndorf... Rulla rulla rullala... Okay, schon gut. |
Den Montag – der übrigens nicht, wie im vorigen Wochenbriefing irrtümlich angegeben, der Festtag der Apostel Simon und Judas war; der war erst zwei Tage später – verbrachten wir zum größten Teil in der Bahn. Von der Pilgerherberge in Schwabach bis zum Kloster Heiligenbronn im Schwarzwald sind es Luftlinie etwa 250 Kilometer; mit dem Auto, wenn man eins hätte, würde man über Stuttgart und Heilbronn gut drei Stunden brauchen, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchten wir sieben. Von Schwabach mussten wir erst einmal zurück zum Nürnberger Hauptbahnhof; von dort aus ging es erst einmal mit einer Regionalbahn der Firma Arverio nach Stuttgart-Bad Cannstatt, dann mit der Stuttgarter S-Bahn nach Vaihingen, von dort wiederum mit der Regionalbahn nach Oberndorf am Neckar und zu guter Letzt mit dem Bus nach Heiligenbronn, einem Ortsteil von Schramberg. Zwischen Crailsheim und Schwäbisch Hall sammelte die Bahn, die uns nach Bad Cannstatt bringen sollte, einige Minuten Verspätung an, dann stand die S-Bahn nach Vaihingen minutenlang auf dem Gleis und wartete auf die Abfahrerlaubnis von der Leitstelle, und währenddessen fuhr uns unser Anschlusszug davon. Glück hatten wir hingegen in Oberndorf am Neckar, wo wir den Umstieg von der Bahn in den Bus in nur drei Minuten schafften – und dabei eine Mutter und ihren Sohn trafen, die ebenfalls zu den Familienexerzitien im Kloster Heiligenbronn unterwegs waren. Der Junge war ungefähr im Alter unseres Jüngsten, und die beiden freundeten sich praktisch sofort miteinander an, nicht zuletzt, weil unser Knabe einen Ninjago-Pullover trug und sein neuer Freund einen Ninjago-Rucksack hatte. Beim Kloster Heiligenbronn kamen wir schließlich eine Stunde später an als geplant, aber immer noch früh genug, um uns vor Beginn des Exerzitienprogramms in unserem Zimmer einzurichten.
Im Reich der Gestalteten Mitte
Außer uns nahmen an Familienexerzitien acht weitere Erwachsene (zwei Paare, vier alleinerziehende Mütter) mit insgesamt neun Kindern teil; zusammen mit unseren beiden waren es also elf Kinder, für die es ein eigenes Betreuerteam gab, bestehend aus zwei jungen Grundschulpädagoginnen, die gerade kurz vor dem Referendariat standen. Das Programm für die Erwachsenen wurde geleitet von einem älteren Priester, der sehr freundlich und "locker" wirkte, zugleich aber auch die Ausstrahlung eines geheimnisvollen Weisen kultivierte, und einer Gemeindereferentin, die, auch wenn sie oberflächlich betrachtet ganz nett wirkte, leider sämtliche Klischees über "liberalkatholische" Pastoral- und Gemeindereferentinnen erfüllte. – Der zentrale Treffpunkt für das Exerzitienprogramm war das "Atrium" (bzw. der Lichthof) des Geistlichen Zentrums "Haus Lebensquell" (sic!), und schon bei unserer Ankunft registrierte ich, dass da ein Stuhlkreis mit Gestalteter Mitte aufgebaut war.
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| Unser Jüngster identifizierte diese Gestaltete Mitte treffsicher als "Halloween-Deko". |
Beim eigentlichen Programmauftakt, nach dem Abendessen, sollten die erwachsenen Teilnehmer sich aus einer Vielzahl von Fotos im Postkartenformat eins heraussuchen, das ihre Selbstwahrnehmung (ihrer aktuellen Lebenssituation, Stimmung oder psychischen Verfasstheit) ausdrückt, und eines, das ihre Sehnsucht ausdrückt (bzw. das, was sie von diesen Exerzitien erwarten oder erhoffen); dann sollte jeder ein paar Worte zur Erläuterung seiner Bildauswahl sagen und die Bilder in der Gestalteten Mitte ablegen. Abzüglich des Sehnsuchts-Teils war so ziemlich genau dasselbe auch in der Kennenlernrunde der Präventionsschulung gemacht worden, bei der ich vor ein paar Wochen gewesen war; da hatte ich mitgemacht, weil es eine Pflichtveranstaltung war, aber hier war ich freiwillig und nahm mir daher die Freiheit, nur so viel vom Exerzitienprogramm mitzumachen, wie ich wollte. Das kommunizierte ich auch ganz offen, und es wurde zunächst anscheinend recht problemlos akzeptiert; aber bezeichnend fand ich diese Methoden-Uniformität allemal, und mir drängte sich der Verdacht auf, diese rühre daher, dass die Leut' genau sowas im Religionspädagogik-Studium lernen. Ich selbst bin mit dem Studium dieser Teildisziplin ja noch nicht so weit gediehen, aber immerhin ist mir da schon mehr als einmal das Stichwort "Theorie-Praxis-Zirkel" begegnet; und auch wenn ich mir vorstellen kann, dass das, was mit dieser Bezeichnung eigentlich gemeint ist, etwas durchaus Sinnvolles und Vernünftiges sein könnte, kann ich mir jetzt den Gedanken nicht verkneifen, der "Theorie-Praxis-Zirkel" sei womöglich deshalb und insofern ein Zirkel, als er immer wieder am selben Punkt ankommt, und das sei der Grund, dass religionspädagogische Angebote in großkirchlichen Einrichtungen seit 30, 40 oder vielleicht sogar 50 Jahren immer und überall gleich aussehen.
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| Du hast mein Klagen in Meditatives Tanzen verwandelt. |
"Na, das Gute ist ja, dass das Exerzitienprogramm größtenteils aus Stiller Zeit besteht", merkte ich an, als wir zurück zu unserer Unterkunft gingen. "Und selbst davon gibt es eine Pause", fügte meine Liebste grinsend hinzu. – Trotzdem war ich ganz froh, dass ich einen Rest von "Mannis Garagenbräu" mit ins Kloster genommen hatte, denn ich ging davon aus, dass ich das noch brauchen würde.
Das bestätigte sich im Wesentlichen am nächsten Morgen beim gemeinsamen "Morgenlob" vor dem Frühstück; gemeinsam heißt, dass es für Eltern und Kinder war, und es bestand im Wesentlichen aus der Art von Bewegungs- und Körpererbewusstseinsübungen, die auch das RKW-Materialienbuch "Mensch, Mose, beweg dich" für die Morgenrunden vorgesehen hatte, die wir bei "unserer" RKF aber konsequent weggelassen bzw. durch etwas anderes ersetzt hatten. Da machte ich dann wieder "von meinem Recht auf Nichtteilnahme Gebrauch", wie es im "Club der toten Dichter" heißt. Dass die Gemeindereferentin beim Abschlussgebets des Morgenkreises die Trinitarische Formel zu "Gott, der uns Vater und Mutter ist, durch den Sohn in der Heiligen Geistkraft" verballhornte, ging mir dann aber doch über den Spaß.
Nun, im Grunde war mir ja schon seit dem Ankunftsabend klar, dass ich mehr von diesem Klosteraufenthalt haben würde, wenn ich mir mein Exerzitienprogramm selbst zusammenstellte; deshalb war ich am Dienstagmorgen auch schon vor dem "Morgenlob" zum Chorgebet in der Hauskapelle des Klosters gegangen und hatte mit ungefähr 20 greisen Franziskanerinnen und zwei alten Damen aus einer Wohngruppe für Behinderte die Laudes gebetet. Bei der Gelegenheit hatte ich auch herausgefunden, zu welchen Zeiten es in der Hauskapelle Eucharistische Anbetung gab. Dort verbrachte ich am Dienstagnachmittag viel Zeit, zuerst allein, dann noch einmal zusammen mit meiner Liebsten; als die angekündigte Anbetungszeit zu Ende war, stellten wir fest, dass außer uns niemand in der Kapelle war, und waren etwas unschlüssig, was wir nun tun sollten. Während meine Liebste vor dem Tabernakel sitzen blieb, ging ich gucken, ob ich irgendwo im Gebäude eine der Schwestern anträfe, und hatte Glück: Ich traf eine im Treppenhaus. Nachdem ich ihr die Situation geschildert hatte, meinte sie, da werde wohl keiner mehr kommen und wir sollten den Tabernakel einfach zumachen. Na gut. Auch mal eine interessante Erfahrung.
Im Übrigen hatte ich am Dienstagvormittag, etwas versteckt auf dem Gelände, eine Lourdes-Grotte entdeckt und dort einen Rosenkranz gebetet, und das machte ich in den folgenden Tagen noch mehrmals – einmal zusammen mit meiner Liebsten. Ausgerechnet da störten uns allerdings Laubbläser und –sauger in unserer Andacht. Das hatte ja auch irgendwie was Symbolisches – aber lassen wir das.
Übrigens hat Heiligenbronn als Wallfahrtsort auch sonst eine gewisse Ähnlichkeit mit Lourdes – Insbesondere insofern, als es auch hier eine wundertätige Quelle gibt. Zu dieser Quelle, die bereits im 14. Jh. bekannt war, gelangt man durch die Krypta der Wallfahrtskirche St. Gallus, und auf dem Weg dorthin kommt man an einer Vielzahl von Votivtafeln vorbei.
Über die Geschichte des Klosters und der mit ihm verbundenen Pflegeanstalt für Behinderte ließe sich noch mehr Interessantes sagen, aber ich schätze, das würde hier den Rahmen sprengen. Jedenfalls war die Krypta mit der Quelle einer meiner bevorzugten Rückzugsorte während dieser Tage – neben der Lourdes-Grotte, der Hauskapelle des Klosters (besonders zu den Zeiten der Eucharistischen Anbetung) sowie eines kleinen Meditationsraums im "Haus Lebensquell", den meine Kinder nur den "Heiligen Raum" nannten und in dem es auch einen Tabernakel gab.
In diesem Meditationsraum wurde auch jeden Abend Eucharistie gefeiert, was grundsätzlich natürlich begrüßenswert war, liturgisch allerdings mit allerlei Zumutungen verbunden war (an dieser Stelle könnte ein Unterkapitel mit der Überschrift "Und täglich stirbt das Robbenbaby" stehen, aber aus Platzgründen überlasse ich das der Phantasie des geneigten Lesers). – Zum Singen in diesen Abendgottesdiensten wurde das "Benediktbeurer Liederbuch" der Salesianer Don Boscos – mit dem Slogan "God for You(th)" auf dem Einband – verwendet; erschienen 2020, ist es in der Liedauswahl spürbar moderner als das "ad majorem"-Liederbuch der Jesuiten (2. Auflage 2008) und enthält einen ganz ordentlichen Anteil an Lobpreisliedern, vor allem von Albert Frey, aber auch mindestens eins von Johannes Hartl ("Noch nie"), dazu auch internationale Worship-Klassiker wie "Zehntausend Gründe" und sogar "Blessed be Your Name". Aber was nützt das, wenn trotzdem zum Einzug "Gott gab uns Atem" und zum Kyrie "Meine engen Grenzen" gesungen wird? Womit ich sagen will, auch die Liedauswahl dokumentiert, wie eng die liberalkatholische Bubble ist, wie befangen in ihrem eigenen Theorie-Praxis-Zirkel.
Dass in der Messfeier am Dienstagabend die Lesung weggelassen und gleich zum Evangelium übergegangen wurde, begründete der Zelebrant damit, dass wir "ja im Laufe des Tages schon verschiedentlich Schriftworte betrachtet" hätten, was mir als eine wenig überzeugende Ausrede erschien; ich vermutete, es gehe eher darum, die Messfeier kurz zu halten, damit die Kinderbetreuerinnen Feierabend machen konnten, aber als ich tags darauf im Schott nachsah, welche Lesung denn dran gewesen wäre, drängte sich mir der Verdacht auf, dass sie aus inhaltlichen Gründen weggelassen worden war: Es handelte sich nämlich um Epheser 5,21-33, wo in Vers 22-24 die Frauen aufgefordert werden, sich ihren Männern unterzuordnen; man weiß ja, auf wie viel Ablehnung diese Bibelstelle heutzutage in gewissen Kreisen stößt, und zu allem Überfluss waren ja bei diesen Exerzitien Frauen stark in der Überzahl. Gleichzeitig und andererseits fand ich, wenn man diese Lesung im Gesamtkontext betrachtete und sich nicht nur auf die zweieinhalb Verse konzentrierte, die den feministischen Theologinnen so gegen den Strich gehen, dann gäbe sie gerade einen dankbaren Predigttext für Familienexerzitien ab. Indem ich über diesen Punkt nachdachte, wurde mir etwas klar, was ich schon früher hätte bemerken können: nämlich dass die Bezeichnung "Familienexerzitien" für dieses Veranstaltungsformat so nicht gemeint ist. Gemeint ist, dass man zu diesen Exerzitien seine Kinder mitbringen kann und dass diese betreut werden; nicht jedoch, dass es inhaltlich um das Thema "Familie" geht. Das fand ich doch etwas enttäuschend.
Was die Frage angeht, wer eigentlich die Zielgruppe für diese Art von Exerzitien ist, scheint mir neben dem augenfälligen Männermangel auch die Tatsache aussagekräftig, dass unter den teilnehmenden Frauen eine Pastoralreferentin, eine ehrenamtliche Katechetin und zwei evangelische Pfarrerinnen waren. Mir drängte sich da der Gedanke an die Kritik Erik Flügges an, die Kirche verwende 90% ihrer Ressourcen für 10% ihrer Mitglieder. Ich war eigentlich immer der Meinung (und sehe das prinzipiell immer noch so), wenn 90% der nominellen Kirchenmitglieder sich für die Angebote der Kirche nicht interessieren, ist das nicht unbedingt die Schuld der Kirche, und die Lösung besteht nicht darin, dass die Kirche eben andere Angebote machen müsste; wer nichts will, dem kann man auch nichts geben. Hingegen glaube ich, das gravierendere Problem ist, dass die Kirche innerhalb des von Flügge als "Heiliger Rest" angesprochenen Segments ihrer Mitglieder wiederum 90% der Ressourcen für 10% der Leute aufwendet. – Dass die beiden Exerzitienteilnehmerinnen, die nicht in der Kirchenbubble beschäftigt sind, zugleich die waren, die den frömmsten Eindruck machten (bei einer der beiden verspürte ich schon bei ihrem ersten Redebeitrag am Ankunftsabend den Wunsch, sie würde die Exerzitien leiten), erschien mir irgendwie folgerichtig, aber zugleich sagte ich mir, es sei doch irgendwie traurig, dass ich das so empfinde.
Bei der Abschlussrunde verschwieg ich nicht – was durch meine von Tag zu Tag abnehmende Beteiligung aber wohl ohnehin offensichtlich genug war –, dass ich mit dem ganzen psycho-esoterischen Selbsterfahrungsgedöns (das ich in dieser Runde aber wohlgemerkt nicht so bezeichnete!) so gar nichts anfangen kann, bemühte mich aber, das nicht als Kritik zu formulieren, sondern eher unter dem Aspekt von "Für mich persönlich hätte ich mir etwas Anderes gewünscht bzw. erhofft". Das bewahrte mich indes nicht davor, dass die Co-Leiterin des Exerzitienprogramms mir beim Abschied, typischerweise in ein Lächeln verpackt, ordentlich eins reinwürgte: Wenn ich Gemeindereferent werden wolle, müsse ich aber offener für sowas werden, das gehöre nun mal zur Weite der Kirche. Ich schätze, darauf werde ich nochmal zurückkommen müssen – für heute geht mir allmählich der Platz aus –, aber jedenfalls finde ich es recht tragikomisch, dass solche Leute sich einbilden, sie würden für Vielfalt und Weite stehen, und gar nicht merken, wie klein und eng ihre Bubble ist.
Fundstücke am Wegesrand
Was man zu den Familieneinkehrtagen im Kloster Heiligenbronn auf jeden Fall lobend hervorheben muss, ist die Kinderbetreuung, die täglich ungefähr drei Stunden am Vormittag, dreieinhalb am Nachmittag und eine bis eineinhalb am Abend umfasste: Die Kinder – nicht nur unsere, sondern, soweit ich es mitbekam, alle teilnehmenden Kinder – fanden das Programm super und mochten die beiden Betreuerinnen sehr gern. Einmal kam ich an der Gruppe vorbei, als sie gerade draußen beschäftigt war, und hörte, wie eine der Betreuerinnen zu meiner Tochter sagte "Guck mal, da ist dein Papa – dem kannst du gleich mal zeigen, was wir hier machen." Was sie da machten, war, ein Legebild aus Naturmaterialien anzufertigen.
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| Löwe und Lamm. Ganz gut, oder? |
Was ich ein bisschen bedaure, ist, dass wir es nicht geschafft haben, in das nur zehn Autominuten entfernte, ohne Auto aber praktisch unerreichbare Aichhalden zu fahren, wo in der Josef-Merz-Halle das Adonia-Musical "Treffpunkt Brunnen – Jesus und die Frau aus Samarien" aufgeführt wurde. Dasselbe Musical war am Samstag zuvor in der Gemeinde auf dem Weg in Berlin-Tegel aufgeführt worden, aber da waren wir ja in Nürnberg. In Aichhalden wurde die Aufführung von einer katholischen Gemeinde ausgerichtet, aber okay, das Plakat für die Berliner Aufführung hatte ich ebenfalls in einer katholischen Kirche gesehen, nämlich in St. Joseph Tegel.
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| Bildbeweis als Collage. |
Geistlicher Impuls der Woche
Christus gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.
(Epheser 4,11-13)
Ohrwurm der Woche
Bon Jovi: Livin' on a Prayer
Zu Bon Jovi fällt mir im Allgemeinen immer eine Folge von Beavis & Butt-Head ein, in der die Protagonisten ein Video dieser Band anschauen und es mit dem brillanten Dialog kommentieren:
"Remember when these guys were cool?"
"Uhhhh... no! Hehehehehe."
1986, als "Livin' on a Prayer" als erste Bon-Jovi-Single die deutschen Charts erklomm, sah ich das natürlich nicht so; da war das meine erste Begegnung mit Hard Rock, oder was ich damals halt für Hard Rock hielt. Heute würde ich sagen, "Livin' on a Prayer" ist ein früher Beleg dafür, dass John Bongiovi (die Schreibweise Bon Jovi ist, wie ich mal gelesen habe, an Van Halen angelehnt) im Grunde seines Herzens schon immer eigentlich Bruce Springsteen sein wollte. Nicht nur, weil es vom Text her (von dem ich mit zehn Jahren natürlich nicht viel verstand) ohne Weiteres ein Springsteen-Song sein könnte; auch musikalisch bliebe, wenn man sich den ganzen Bombast und Flitter des 80er-Jahre-Haarspray-Rock wegdenkt, etwas übrig, das gar nicht so viel anders klänge als "Born to Run".
Vorschau/Ausblick
Durch meine Abwesenheit von zu Hause verpasse ich heute eine Halloween-Gartenparty, in deren Rahmen die jüngere Tochter unserer Hausgenossin – die Schulfreundin unseres Tochterkindes – ihren Geburtstag nachfeiert; ein paar Worte zum Dauerbrennerthema "Dürfen/sollen/müssen Christen Halloween feiern?" werden im nächsten Wochenbriefing aber wohl allemal am Platz sein. Derweil bin ich noch bis morgen Mittag bei der orthodoxen Jugendkonferenz und beabsichtige dabei auch die Göttliche Liturgie mitzufeiern; morgen Abend sollte ich dann wieder zu Hause bei Frau und Kindern sein. Und dann geht es auch direkt ziemlich intensiv weiter: Am Dienstag beginnt für unseren Jüngsten der Vorschul-Unterricht an der KiTa, am Mittwoch feiert unsere Große ihren Geburtstag nach, am Donnerstag ist die Schul-Halloween-Feier und obendrein ein Vorbereitungstreffen der Erstkommunion-Katecheten für den bevorstehenden "Gemeinschaftstag". Und der nächste KiWoGo steht auch schon vor der Tür... Langweilig wird es also gewiss nicht!







































































