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Samstag, 24. Oktober 2026

Utopie und Alltag 48: Triumph des Chillens

Grüße aus der Reichs- und Kaiserstadt Nürnberg, Leser! Ja, wir sind in den Herbstferien; aber keine Bange, dieses Wochenbriefing wird trotzdem kein reiner Reisebericht werden – es spielen auch allerlei Themen mit hinein, die auch sonst charakteristisch für die Reihe Utopie und Alltag sind. Seht selbst! 

Ob diese Figur weniger bekifft aussähe, wenn sie ihre Nase noch hätte?

Unser Leben sei ein Fest: Erstkommunionvorbereitung in den Schulferien 

Am vergangenen Wochenende hatten wir Besuch im Haus, nämlich von einer Freundin unseres Tochterkindes mitsamt ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder. Diese Freundin war bis zu den Sommerferien auf dieselbe Schule gegangen wie unsere Große und ist auch mit der jüngeren Tochter unserer Hausgenossin gut befreundet; und da unsere Hausgenossin für ein paar Tage verreisen musste, hatte sie die Mutter dieser Freundin eingeladen, sich mit ihren Kindern solange bei ihr einzuquartieren und sich in dieser Zeit um ihre beiden Töchter und die Haustiere zu kümmern. Als wir nun am Sonntagmorgen zur Kirche losgehen wollten, entschied die Freundin, die zu Besuch war, spontan, sie wolle mitkommen – obwohl sie normalerweise nicht sonntags in die Kirche geht. Für mich wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, dass Evangelisierung durch Vorbild und Nachahmung auch schon unter Kindern gut funktionieren kann; ein anderes Beispiel dafür wäre, dass in der letzten Woche vor den Herbstferien diejenige Schulfreundin unserer Großen, die mit uns im Haus wohnt – also die jüngere Tochter unserer Hausgenossin – nach längerer Zeit mal wieder zum JAM mitkam. Aber bleiben wir mal beim vergangenen Sonntag: Der Gemeindereferent war aus dem Urlaub zurück und kümmerte sich darum, dass die anwesenden Erstkommunionkinder sich möglichst weit nach vorn setzten; und zelebriert wurde die Messe – endlich mal wieder – vom "örtlich zuständigen" Pfarrvikar, und der bestand darauf, dass alle anwesenden Erstkommunionkinder zusammen sitzen: "Sonst kann man keine Kinderkatechese machen, wenn es so auseinandergefächert ist." – Auf diese Weise zeigte sich, dass aus dem aktuellen Erstkommunionkurs nur sieben Kinder in der Messe waren – da wirkten sich offenbar die Schulferien aus. Als der Zelebrant jedoch erklärte, es dürften ruhig auch andere Kinder mit nach vorne kommen, setzte sich die Freundin unserer Großen kurzerhand dazu – und beteiligte sich in der Folge auch aktiv, d.h. sie beantwortete im Kinderkatechese-Teil der Predigt ein paar Fragen und kam zum Vaterunser gemeinsam mit den Erstkommunionkindern an den Altar. Hinterher verriet sie mir, sie habe den Gottesdienst "cool" gefunden. 

Das Evangelium vom Tag war Matthäus 22,15-21, die Frage nach der kaiserlichen Steuer; der Pfarrvikar gestaltete die erste Hälfte seiner Predigt zu einem Gespräch mit den Erstkommunionkindern, und ich war ausgesprochen angetan davon, wie er den Bezug zum Sakrament der Eucharistie herstellte, indem er die Kinder eine 1-Euro-Münze mit einer in Größe und Form durchaus ähnlichen Hostie vergleichen ließ. Die eine Münze, so erläuterte er, braucht man, um Dinge zu kaufen; die andere bekommt man und wird dadurch verwandelt. Hiervon ausgehend erschloss er den Kindern eine bis auf die Kirchenväter zurückgehende Auslegungstradition zur Perikope von der Steuermünze: Ebenso wie die Münze, die dem Kaiser gehört, das Antlitz des Kaisers trägt, soll der Christ das Antlitz Christi tragen und diese "Währung" durch sein Leben "in Umlauf bringen". 

Man sieht, der Pfarrvikar scheute sich nicht, den Kindern einen gewissen theologischen Anspruch zuzumuten, und ich fand, er mache das sehr gut. Übrigens war dies seit dem Vorstellungsgottesdienst der Erstkommunionkinder vier Wochen zuvor die erste Sonntagsmesse an diesem Ort, in der die Erstkommunionkinder vom jeweiligen Zelebranten gezielt angesprochen und aktiv einbezogen wurden. "Es wird ein großes Fest am Ende, aber jeden Sonntag feiern wir schon ein Stück von diesem Fest", erklärte der Pfarrvikar den Kindern. Ein bisschen schade ist es natürlich, dass gerade diesmal so viele Erstkommunionkinder nicht da waren; aber was will man machen. 

Bis zum nächsten Erstkommunion-Kurstreffen sind es derweil immer noch drei Wochen, aber die Vorbereitungen laufen; wie neulich schon mal angekündigt, soll es bei diesem Kurstreffen um biblische Grundlagen der Messe gehen, und der aktuelle Planungsstand sieht vor, zu diesem Thema einerseits den Zusammenhang zwischen dem Pessach und dem Letzten Abendmahl (Stichwort: Christus als das wahre Opferlamm) herauszuarbeiten und andererseits aufzuzeigen, wie viele Formulierungen in den liturgischen Texten der Messe geradewegs aus der Bibel entnommen sind (und was da jeweils der biblische Kontext ist). Die Frage der methodischen Ausgestaltung wird indes noch Arbeit erfordern. – Gleichzeitig muss ich gestehen, dass sich in der ersten Ferienhälfte noch keine gute Gelegenheit ergeben hat, die Erstkommunionvorbereitung mit dem eigenen Kind zu vertiefen. Aber vielleicht bietet die zweite Ferienhälfte dafür bessere Voraussetzungen, immerhin sind wir da in einem Kloster... (Genaueres dazu später.) 


Wessen Bild trägt diese Münze? Predigtnotizen zum 29. Sonntag im Jahreskreis 

Zum Evangelium vom Sonntag gibt es allerdings auch über das hinaus, was der Siemensstädter Pfarrvikar im Gespräch mit den Erstkommunionkindern dazu gesagt hat, noch Verschiedenes anzumerken. Man kann der geradezu sprichwörtlich gewordenen Antwort Jesu auf die Frage nach der kaiserlichen Steuer – "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" – ja durchaus unterschiedliche Aspekte abgewinnen; der Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd zum Beispiel nahm dieses Evangelium zum Anlass, in seiner Predigt in der Vorabendmesse in St. Joseph Tegel über die Kirchensteuer zu sprechen. Ich war nicht dabei, aber er hat das in seiner Ansprache bei der anschließenden Gemeindeversammlung erwähnt. Sieht ihm ähnlich, finde ich; und man kann sich auch ganz gut vorstellen, was er dazu zu sagen gehabt hat. – In der Reihe "Langweilig predigen für Anfänger" (bzw. "Impuls von Nils") auf dem Instagram-Auftritt der Pfarrei St. Klara ging es derweil um die Frage, ob "Kirche bzw. Religion und Staat zwei völlig voneinander getrennte Bereiche seien": 

"Viel wird also darüber geredet, ob Kirche politisch sein soll, ja sogar, ob sie politisch sein darf. Einige wünschen sich eine unpolitische Kirche, die stumm bleibt. Ich sage: Kirche muss politisch sein. Sie kann gar nicht anders –" 

– was in Wirklichkeit natürlich bedeutet: Ich, Mag. theol. Nils T., kann gar nicht anders, weil ich buchstäblich nicht weiß, worüber ich sonst reden sollte. Gähn. 

Währenddessen fand in Bad Gögging bei Regensburg die 10. GiG-Konferenz statt, zum Thema "St. Franziskus und die Charismen"; am Rande dieser Konferenz nahm Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung einen Impuls zum Sonntagsevangelium auf, den man sich auf YouTube anschauen kann und der die Überschrift "Das bisschen Geld" trägt. Ein Aspekt, der bei Pater Paulus deutlicher zum Ausdruck kam als bei den anderen hier angeführten Auslegern, war der, dass es bei der Frage nach der kaiserlichen Steuer letztlich um die Frage nach der Kollaboration mit einem als feindlich wahrgenommenen Staat geht: Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Jesus diese Frage stellen, wollen Ihm damit eine Falle stellen, sie hoffen, Ihm einen Aufruf zur Steuerverweigerung entlocken zu können. Pater Paulus argumentiert nun, die Antwort Jesu zeige, dass der Staat durchaus verlangen darf, dass man ihm "ein bisschen Geld" abgibt – "auch wenn's weh tut" –, "aber nicht die Seele. Nicht unsere Werte, nicht unseren Glauben. Und das ist sehr wichtig, diesen Unterschied zu machen: dass wir eben an unseren Werten, an unserem Glauben festhalten, obwohl der Staat vielleicht andere Wege geht." Dass Christen eine kritische Distanz zum Staat und den von ihm propagierten Wertvorstellungen halten sollten, zeige nicht nur die Geschichte – etwa die des Nationalsozialismus oder auch der DDR –, sondern das gelte genauso auch heutzutage. Letzteres würde Mancher bestimmt als übertrieben und alarmistisch bezeichnen, aber deutlich wird doch zumindest – so würde ich jedenfalls behaupten –, dass es arg weit hergeholt ist, aus diesem Evangelium ein Plädoyer für ein herzliches Einvernehmen zwischen Kirche und Staat ableiten zu wollen. 

Am überzeugendsten fand ich dann aber doch die Predigt des Siemensstädter Pfarrvikars, einschließlich der zweiten Hälfte, die sich an die Erwachsenen richtete. Darin setzte er – wiederum einer altkirchlichen Auslegungstradition folgend – die Frage Jesu, wessen Abbild die Steuermünze trage, zu der Aussage des Schöpfungsberichts in Beziehung, Gott habe den Menschen als Sein Abbild geschaffen – was nicht bedeutet, dass der Mensch aussieht wie Gott, sondern dass "Gott in uns wohnt". Und dieses Wohnen Gottes in uns verwirkliche sich in seiner ganzen Fülle in der Eucharistie: "Eucharistie bedeutet jeden Sonntag Neuanfang mit dem Herrn. Jeden Sonntag prägt Gott Sein Bild durch das Wort in unsere Seele ein und durch das Sakrament ist Er dreidimensional in uns da. Er möchte in uns wohnen." 

Übrigens enthielt diese Predigt auch zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Glaube und Politik einen Fingerzeig, nämlich mit Bezug auf die 1. Lesung (Jesaja 45,1.4-6): "Gott bewegt die ganze Weltgeschichte mit dem Perserkönig Kyros, um Israel zu befreien und ihm wieder ein Zuhause zu geben." Dass Kyros, der, wie Jesaja betont, Gott nicht kennt, dennoch von Ihm zum Vollstrecker Seines Heilsplans für das Volk Israel bestimmt wird, zeige, dass auf der "Ebene der Weltgeschichte" zwar Politik und Machtinteressen regieren, dass aber im Hintergrund doch Gott Seinen eigenen Plan verfolgt, um Gutes für die Seinen zu wirken. 

Zur namentlichen Erwähnung des Perserkönigs Kyros im Buch Jesaja muss ich aber auch noch etwas anmerken, und zwar etwas, das den Exegese-Anteil meines Studiums betrifft. Schon während meiner Einführungswoche in Paderborn hatte ein Dozent – noch dazu einer, in dessen Fachgebiet das gar nicht fällt – in der Absicht, zu verdeutlichen, wie wissenschaftliches Arbeiten in der Theologie funktioniere, kundgetan, man möge ja nicht glauben, das Buch Jesaja sei zur Gänze tatsächlich vom Propheten Jesaja verfasst. Der betreffende Dozent war mir ansonsten durchaus sympathisch, aber dass er die Einteilung des Buches Jesaja in mindestens drei unter ganz unterschiedlichen historischen Bedingungen entstandene Teile nicht nur als herrschende Meinung der exegetischen Forschung, sondern geradezu als feststehende Tatsache präsentierte, fand ich dann doch ärgerlich genug, um auf dem Heimweg Google nach Argumenten für die Auffassung zu befragen, das Buch Jesaja sei sehr wohl zur Gänze vom Propheten Jesaja verfasst. Spoiler: Es gibt sehr wohl Argumente dafür, und sie erscheinen mir durchaus diskussionswürdig. – Nun ist allerdings gerade die zweimalige namentliche Erwähnung des Perserkönigs Kyros im Buch Jesaja aus Sicht der historisch-kritischen Exegese geradezu "Beweisstück A" für die These, die betreffenden Teile des Buches könnten nicht von dem Propheten Jesaja verfasst sein, der rund zwei Jahrhunderte früher als Kyros gelebt habe. Der besonders von evangelikaler Seite vorgebrachte Einwand gegen diese Argumentation lautet, damit gäben die historisch-kritischen Exegeten ja geradewegs zu, dass sie nicht daran glauben, dass Gott Seinen Propheten zukünftige Ereignisse offenbaren könne. – Was mich betrifft, so muss ich gestehen, dass mir die Vorstellung, Gott habe Jesaja zwei Jahrhunderte im Voraus den Namen des Königs offenbart, der das Volk Israel aus der Babylonischen Gefangenschaft befreien werde, vom Bauchgefühl her durchaus gewisse Schwierigkeiten bereitet. Aber wäre es nicht denkbar, dass es sich zwar um eine echte Prophezeiung handelt, der Name Kyros aber nachträglich eingefügt wurde, um ex eventu auf die Erfüllung der Prophezeiung hinzuweisen? Ich habe sowohl Google als auch den neulich schon mal erwähnten, von einem Mitbegründer der The Rock-Gemeinde programmierten Bibel-Chatbot danach befragt, und ja, diese These wird von "moderat konservativen" Theologen durchaus vertreten. Ist natürlich eine Minderheitenmeinung, aber immerhin. 


Urlaub im Zeichen der Burg 

Am Dienstag nach dem Frühstück brachen wir ohne Hast zum Bahnhof Gesundbrunnen auf, von wo aus wir in einem Rutsch, ohne Umsteigen und in nur drei Stunden nach Nürnberg fuhren. Ich glaube, eine so unkomplizierte Fahrt in den Urlaub hatten wir überhaupt noch nie. Vom Bahnhof bis zu unserem Hotel hatten wir es dann auch nicht mehr weit, zudem lag (bzw. liegt) das Hotel praktisch am Rande der Altstadt – in der Marienvorstadt, um genau zu sein; wenn das mal kein Zeichen ist! 

Und die Heiligen Drei Könige waren auch schon mal da. Muss also wohl gut sein.

Wie sich zeigte, fiel unser Aufenthalt just mit den "Nürnberger Fischtagen" zusammen, einer Art Jahrmarkt, der allerdings abgesehen von einem Karussell und einem Bungee-Trampolin fast ausschließlich Fressbuden zu bieten hatte. Da gingen wir direkt am Dienstagabend hin, ich war allerdings weder von dem Speisenangebot besonders angetan noch von dem ältlichen Alleinunterhalter, der zu Keyboardbegleitung und Drum Machine Schlager und Oldies darbot. – Am Mittwoch war trübes und regnerisches Wetter, was wir zum Anlass nahmen, nach dem Frühstück erst einmal ins Museum der Deutschen Bahn zu gehen. Wir Eltern hatten eigentlich gedacht, dass insbesondere unser Jüngster es dort sehr interessant finden würde, aber tatsächlich verlor er schon nach rund einer Stunde das Interesse und war insgesamt in ziemlich motziger Stimmung, sodass ich mich schließlich bereit erklärte, mit ihm zum Hotel zurückzugehen (allerdings mit einem Abstecher durch die Altstadt), während die Damen der Familie noch im Museum blieben. Am Nachmittag machte ich mir dann mal einen "Spa-Tag" im Hotel – und hatte das Schwimmbad und die Sauna tatsächlich gut zwei Stunden lang für mich allein. So viel Glück hatte ich am nächsten Tag, als ich gleich früh morgens ins Schwimmbad wollte (die Sauna war ohnehin erst ab dem frühen Nachmittag geöffnet), leider nicht, und auch an den folgenden Tagen nicht mehr.

An historischem Sightseeing in der alten Reichsstadt hatten die Kinder, vielleicht verständlicherweise, tendenziell weniger Interesse als ich; daher schaute ich mir einige Sehenswürdigkeiten der Stadt allein an, so zum Beispiel die gotische Basilika St. Lorenz – die wahrscheinlich schönste Kirche der Stadt: Sie ist zwar, wie die meisten historischen Kirchengebäude Nürnbergs, seit 1525 eine evangelische Kirche, aber man sieht es ihr nicht an, was sehr wesentlich der Tatsache zu verdanken ist, dass die Nürnberger Patrizier der Reformationszeit sich der Zerstörung der von ihren Vorfahren gestifteten Kunstwerke widersetzten. 







Die andere der beiden evangelischen Hauptkirchen Nürnbergs, St. Sebald in der nördlichen Altstadt – ebenfalls eine gotische Basilika – verlangte für die Besichtigung fünf Euro Eintritt, kostenlos betreten durfte man sie ausdrücklich nur zum Gebet; ich honorierte diese Regel, indem ich in der Kirche betete, aber keine Fotos von der Innenausstattung machte. Die Kirche ist aber auch von außen sehr sehenswert: 





Derweil ließen sich die Kinder am Freitag (also gestern) immerhin zu einem Ausflug zur Burg überreden. Ich war zwar gesundheitlich etwas angeschlagen, es war kühl und der Aufstieg zum Burgberg durchaus anstrengend, aber Urlaub in Nürnberg zu machen und nicht die Burg zu besuchen, geht ja nun wohl gar nicht. 


Glücklicherweise fanden die Kinder es auf der Burg toll – nachdem der Jüngste, unmittelbar bevor wir los wollten, wieder einen seiner berüchtigten Bockigkeitsanfälle hatte und meinte, er hätte keine Lust. Da stand natürlich die Gefahr im Raum, dass er sich, ähnlich wie beim Eisenbahnmuseum, aus purer Übellaunigkeit ein potentiell tolles Erlebnis verderben könnte. Aber als wir dann erst mal da waren, war von "keine Lust" nichts mehr zu merken – besonders als wir im Burgmuseum zu den Ritterrüstungen und Waffen kamen: Da wollte der Knabe buchstäblich von jedem Helm und jedem Schwert wissen, wie die heißen. 

Es gab sogar einen Helm für ein Pferd.

Schön war auch die Kaiserkapelle – bei deren Betreten unser Jüngster den brillanten Kommentar abgab: "Hier haben die immer gebetet." 

Den Sinwellturm, ein Wahrzeichen der Stadt, bestiegen das Tochterkind und ich allein. 113 Stufen, aber für den Ausblick von dort oben über die Stadt lohnte sich die Mühe. 

Heute fuhren Frau und Kinder in den Zoo, aber da kam ich nicht mit, sondern zog es vor, mir einen weiteren Sightseeing- und Spa-Tag zu machen und natürlich dieses Wochenbriefing fertigzustellen – was mir knapp genug bis zur üblichen Veröffentlichungszeit gelungen ist. Festzuhalten ist jedenfalls, dass dies, so Gott will, nicht unser letzter Besuch in Nürnberg gewesen sein soll; es ist eine tolle Stadt, und es gibt hier zweifellos noch viel zu entdecken, wofür wir diesmal nicht genug Zeit und/oder Geld hatten... 


Powergirl, schon halb erwachsen 

Am Donnerstag, also vorgestern, hatte mein Tochterkind Geburtstag. Neun Jahre alt ist sie geworden, was bedeutet, dass sie – so unglaublich mir das auch scheint – die Hälfte der Zeit bis zur Volljährigkeit schon hinter sich hat. Schon seit einiger Zeit hatte ich mich – im Sinne der Maxime "Kümmere dich um die Sexualerziehung deines Kindes, ehe es die Falschen tun" – mit dem Gedanken getragen, der 9. Geburtstag könnte ein geeigneter Anlass sein, dem Tochterkind einen christlichen Pubertätsratgeber für Mädchen zu schenken; und ich erinnerte mich, dass in dem Buch "Empower – Mit Glaube und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung", das ich letztes Jahr zum Abschluss des Elternglaubenskurses in der Gemeinde auf dem Weg geschenkt bekommen hatte, mindestens ein solches Buch in den Literaturhinweisen genannt worden war. Das "Empower"-Buch hatte ich allerdings im Zuge des Umzugs verkramt, und der Versuch, ohne die Hilfe von Pastor Teichens Literaturtipps ein geeignetes Buch für meine Tochter zu finden, war eher so mittel-erfolgreich: "Das christliche Pubertätsbuch für Mädchen von 8-12 Jahren" von Eliana Monica wirkte schon rein vom Coverdesign her ein bisschen zu bieder auf mich, wohingegen "Der coole Vorpubertäts-Reiseführer für Mädchen von 9-12 Jahren" von Maria Wünsche zwar im Großen und Ganzen recht vielversprechend aussah, aber aus dem, was ich über dieses Buch in Erfahrung bringen konnte, war nicht recht ersichtlich, ob es nicht eher zufällig oder irrtümlich in die Ergebnisse zur Suchabfrage "christliche Pubertätsratgeber für Mädchen" hineingeraten war. Schließlich, kurz vor der Abreise nach Nürnberg, fand ich Teichens "Empower" doch wieder, fand darin den Hinweis auf das Buch "Wir Powergirls – Das schlaue Mädchenbuch" von Regula Lehmann und Pascal Gläser und sagte mir daraufhin, es dürfte ja wohl möglich sein, in Nürnberg eine Buchhandlung ausfindig zu machen, die dieses Buch im Sortiment hat oder zumindest innerhalb weniger Tage bestellen kann. 

Bei meinem ersten Altstadtbummel am Dienstagnachmittag – während Frau und Kinder das hoteleigene Schwimmbad testeten – hätte ich dann aber fast nicht mehr daran gedacht; wie es sich fügte, kam ich jedoch an der Buchhandlung der Paulusschwestern am Jakobsplatz vorbei, die mir vor allem deshalb ins Auge fiel, weil da ein ungefähr lebensgroßer Pappaufsteller von Papst Leo vor der Tür stand. 

Da ging ich natürlich hinein – und stellte fest, dass der Laden tatsächlich ziemlich gut sortiert war, gerade auch im Kinder- und Jugendbuchbereich. Dass das Buch, das ich suchte, einfach so im Regal stehen würde, erwartete ich dennoch nicht und war auch nicht der Fall, aber insgesamt machte der Laden einen hinreichend positiven Eindruck auf mich, um das Buch dort zu bestellen, statt zu einem evangelikalen Buchladen zu gehen (den es in der Nürnberger Altstadt durchaus auch gibt). Und tatsächlich war es schon am nächsten Tag da. Bei Gelegenheit des Kaufes durfte ich mir zudem einen Bibelvers aus einem Körbchen ziehen: 

"Erbarmen, Friede und Liebe seien mit euch in Fülle!" (Judas V. 2). – Rechts im Bild ein Weihebildchen des Bamberger Erzbischofs Herwig Gössl. 

Was nun das Buch selbst angeht, heißt es in der Verlagswerbung, es biete "[g]anzheitliche Aufklärung" in "fröhlichem Ernst", ohne "Gender-Gaga" oder "Barbie-Kult" – "[d]amit aus tollen Mädchen echt starke und beziehungsfähige Frauen werden!". Das Inhaltsverzeichnis verheißt thematische Abschnitte wie "Best Friends: Echt gute Beziehungen aufbauen", "Lästern, Meckern, Mobbing und mehr", "Schmetterlinge, Herzschmerz und Co." und "Verliebtheit, Liebe und Sexualität", aber auch "Total wertvoll– pass auf dich auf!" und "Bester Papa: Mit Gott auf Du!". Gleich im Einleitungskapitel, unter der Überschrift "Schön, dass es Dich gibt", liest man: 

"Dein Leben ist ein Geschenk – für dich und für andere. Alles beginnt damit, dass du das kapierst. Es ist kein Zufall, dass du da bist, sondern Teil eines Plans, den der große Schöpfergott schmiedet. Noch bevor deine Eltern wussten, dass es dich gibt, hat er sich über dich gefreut. Er hat dich liebevoll ausgedacht. Wundervoll geschaffen. Als etwas ganz Besonderes. Gut gemacht und perfekt ausgestattet mit allem, was du im Leben brauchen wirst. 

Versuche deshalb niemals, andere zu kopieren. Vergleiche dich nicht mit anderen Mädchen und probiere nicht, etwas zu sein, das gar nicht zu dir passt. Das hast Du nicht nötig! Es gibt einen Platz, den nur Du ausfüllen kannst. Die Welt braucht DICH, und zwar genau so, wie du bist!" 

Darüber, wie das Buch bei meiner Tochter ankommt, lässt sich noch nicht viel sagen, da sie vor lauter Action im Urlaub noch nicht die Muße gefunden hat, sich näher damit zu befassen (ihr Geburtstag war ja auch erst vorgestern). Ich hingegen habe schon ein bisschen in dem Buch kreuz- und quergelesen, und auf mich macht es einen sehr guten Eindruck; eine ausführliche Rezension folgt zu gegebener Zeit, vielleicht sogar auf der Familienseite der Tagespost. Wir werden sehen! 

Dass unsere Neunjährige trotz nahender Vorpubertät immer noch ein richtiges Kind ist, dokumentierte sie u.a. dadurch, dass sie an ihrem Geburtstag in den Playmobil Fun Park wollte – was durchaus auch im Interesse des kleinen Bruders lag; hingewollt hätten wir also in jedem Fall, und dafür den Geburtstag unserer Großen zu wählen, hatte den zusätzlichen Vorteil, dass Geburtstagskinder (bis 16 Jahre) dort freien Eintritt haben. 



Der Playmobil Fun Park hat von 9 bis 18 Uhr geöffnet, und wir nutzten diese Zeit tatsächlich komplett aus – und trotzdem stellten die Kinder hinterher fest, dass sie längst noch nicht alles gesehen hatten und dass wir folglich irgendwann nochmal hierherkommen müssen. Da ist es natürlich eine interessante Frage, ob unsere Große sich noch dafür interessieren wird, wenn sie zehn ist... 


Jakobspilger ist man fürs ganze Leben 

Auch etwas, was ich auf meinen Altstadtspaziergängen herausfand, war, dass Nürnberg am seit den 1990er Jahren wiederbelebten, zuvor weitgehend in Vergessenheit geratenen Fränkischen Jakobsweg liegt. Ob die Tatsache, dass es in Nürnberg eine Kirche St. Jakob gibt, in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Jakobspilger-Tradition steht, habe ich nicht verlässlich herausfinden können – die Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde in der Reformationszeit evangelisch, obwohl das Gebäude selbst noch bis zur Säkularisierung (mit einer Unterbrechung im 30jährigen Krieg) im Besitz des katholischen Deutschen Ordens verblieb –, aber jedenfalls beherbergt diese Kirche ein Pilgerzentrum, "das erste und einzige seiner Art in ganz Bayern!", wie die Website stolz betont. 



An diesem Wochenende fand in und um die Jakobskirche ein "Pilgerforum" statt, dessen Veranstaltungen skurrilerweise sogar im Programm der weiter oben schon erwähnten "Nürnberger Fischtage" aufgeführt wurden. Dass wir dem Pilgerbüro gestern einen Besuch abstatteten, hatte allerdings einen anderen Grund. Wie bereits angedeutet, sollte Nürnberg ja nur die erste Etappe unseres Herbsturlaubs sein, von hier aus wollten (und wollen) wir weiterreisen in ein Kloster im Schwarzwald, zu Familieneinkehrtagen. Für unseren Hotelaufenthalt in Nürnberg hatte meine Liebste auf einer einschlägigen Hotelsuche-Website ein besonders günstiges Angebot für fünf Übernachtungen gefunden, dabei aber nicht bedacht, dass wir eigentlich sechs Übernachtungen benötigten. Noch eine weitere Nacht im selben Hotel hätten wir so günstig nicht bekommen, also hatten wir die Frage, wo wir von Sonntag auf Montag übernachten sollten, erst einmal offen gelassen; irgendwie würde sich da schon eine Lösung finden, sagten wir uns. Dann kam jedoch als weiteres Problem hinzu, dass unser Budget für den Urlaub schneller als erwartet zur Neige ging; der Umzug – den wir noch nicht geplant oder vorausgesehen hatten, als wir diesen Urlaub buchten – hat halt einiges an Ressourcen verschlungen. Kurz gesagt, ein Familien-Hotelzimmer für eine weitere Nacht konnten wir uns eigentlich gar nicht leisten. Da brachte uns der Umstand, dass es in Nürnberg ein Pilgerzentrum gibt, auf den Gedanken, als gestandene Jakobsweg-Veteranen könnten wir vielleicht dort Hilfe bekommen. 


Ob der Playmobil-Jakobspilger wohl eine Spezialanfertigung ist? 

Der ältere Herr hinter dem Tresen war sehr freundlich und schenkte unseren Kindern Mini-Jakobsmuscheln; nachdem wir ihm unser Problem geschildert hatten, erklärte er, er wolle erst mal schauen, ob der Pfarrer im Haus sei, der könne uns vielleicht weiterhelfen. Da der Pfarrer jedoch nicht da war, rief der Pilgerzentrum-Mitarbeiter ihn an; und der Pfarrer hatte dann auch tatsächlich eine Idee für eine Lösung: Die Pilgerherberge in Schwabach könnte eventuell Platz für uns haben, und wir könnten uns dort auf seine Fürsprache berufen. Der freundliche Herr vom Pilgerzentrum rief daraufhin auch noch für uns bei der Herberge in Schwabach an, und schließlich erhielten wir die Zusage, dass wir von Sonntag auf Montag dort übernachten können. Ich würde sagen, das ist einmal mehr ein schönes Beispiel dafür, dass Gott die Seinen nicht im Stich lässt – gleichzeitig aber natürlich auch ein Anlass, allen Beteiligten ein herzliches "Vergelt's Gott!" für ihre Hilfsbereitschaft zu sagen!

Geistlicher Impuls der Woche

"Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!" (Mt 16, 24) Hart und schwer scheint, was der Herr befiehlt: Wer Ihm folgen will, soll sich selbst verleugnen. Aber es ist nicht schwer und hart, was Er befiehlt; denn Er selbst hilft uns, dass wir es vollbringen. Wahr bleibt das Wort des Herrn: "Mein Joch ist mild, und meine Bürde ist leicht" (Mt 11, 30). Was am Gebot schwer ist, das macht die Liebe leicht. – Was heißt: "Er nehme sein Kreuz auf sich"? Er trage, was Last ist, und so folge er mir. Wenn er anfängt, meinem Leben und meinen Geboten nachzuleben, werden ihm viele widersprechen, werden ihn viele hindern und viele ihm davon abraten, und das von seiten der Begleiter Christi. Die den Blinden am Schreien hindern, waren Begleiter Christi (vgl. Lk 18, 39). Wenn du folgen willst, dann sieh in den Drohungen, Schmeicheleien oder anderen Dingen Hindernisse für das Kreuz; nimm es auf dich, trag es und unterliege nicht! – In der Kirche, die Christus ganz nachfolgt, sagt Christus ganz allgemein: "Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst!" Das bedeutet nicht: Die Jungfrauen sollen es hören, die Verheirateten nicht, die Witwen sollen es hören, die in der Ehe nicht, die Mönche sollen es hören, die Ehemänner nicht, die Kleriker sollen es hören, die Laien nicht. Vielmehr die ganze Kirche, der gesamte Leib, alle Glieder, je nach ihren Aufgaben, sie alle sollen Christus nachfolgen.
(Augustinus, Sermo 96)


Ohrwurm der Woche

Bananarama: Robert de Niro's Waiting 

Am Mittwochabend waren wir in einer Pizzeria in der Nähe unseres Hotels; die Pizza war gut und günstig, aber im Hintergrund lief – vielleicht als Ausgleich dafür, dass die Betreiber offensichtlich keine Italiener, sondern wohl eher Türken oder Araber waren – die klischeehafteste italienische Schlagermucke lief, die man sich vorstellen kann. Ich musste da direkt an meinen alten Freund Robert denken, der zu sagen pflegte: "Italienische Popmusik? Kann ich mir nicht anhören. Da denke ich immer, ich müsste gleich 'ne Pizza bestellen." Er meinte damit allerdings eher seinerzeit aktuelle Interpreten wie Eros Ramazzotti, Zucchero oder Nek, und die liefen hier nicht – die wären für diese Pizzeria wohl schon zu rockig gewesen. Stattdessen: "Azzurro" von Adriano Celentano, "L'Italiano" von Toto Cotugno, "Ti amo" von Umberto Tozzi, "Felicità" und "Sharazan" von Al Bano & Romina Power... kurz gesagt, wenn man bei Google "Italienische Schlager, die typischerweise in deutschen Pizzerien laufen" in die Suchleiste eingibt, bekommt man so ziemlich die ganze Playlist. Das Problem bei diesen Songs ist nun, dass viele von ihnen tatsächlich unbestreitbare Ohrwurmqualitäten haben. Dagegen hilft in der Regel nur, sich vorsätzlich einen anderen Ohrwurm zuzufügen – und mir fiel zu diesem Zweck auf assoziativem Wege "Robert de Niro's Waiting" von Bananarama ein (wegen "Talking Italian").

Praktisch jedesmal, wenn ich dieses Lied längere Zeit nicht gehört habe und es dann mal wieder höre, wundere ich mich darüber, wie billig produziert es klingt. Aber ich glaube, das ist Absicht – das gehörte zum Image von Bananarama. Ein bisschen wie bei den Lassie Singers vielleicht, wenn auch in einem ganz anderen Musikstil. Was man mal wieder zum Anlass nehmen könnte, darüber zu philosophieren, was für ein vielgestaltiges Phänomen Post-Punk ist (oder war).

Jedenfalls ist es ein würdiger Ohrwurm der Woche. Ich habe mir die Nummer heute über Kopfhörer angehört, während ich durch die Fußgängerzone in der Nürnberger Altstadt spazierte, und dieser Soundtrack verlieh dem Gewimmel der Menschen um mich herum eine gewisse surreale Qualität. Besonders als ich an einer Kundgebung von Hare-Krishna-Jüngern vorbeikam. Gestern erst hatte ich an fast derselben Stelle, zusammen mit meiner Familie, eine estnische Metal-Band getroffen, die ihre CDs zu verkaufen versuchte – und später festgestellt, dass es im Internet heiße Diskussionen über diese Band und ihr Vertriebskonzept gibt, einschließlich sonderbarer Mutmaßungen, dass das gar keine richtige Band sei und dass da irgendeine Betrugsmasche dahinterstecken müsse. Aber das ist eine andere Geschichte und soll (vielleicht) ein Andermal erzählt werden...

Vorschau/Ausblick

Bis einschließlich morgen sind wir noch in Nürnberg, woraus es sich unter anderem ergibt, dass wir mal gucken müssen, wo wir am morgigen 30. Sonntag im Jahreskreis in die Messe gehen werden (und wie das dann wird); in die Citykirche St. Klara gehen wir jedenfalls nicht, der sieht man praktisch auf den ersten Blick (ins Innere) an, dass sie sich in Feindeshand befindet. Am liebsten würde ich ja in die Frauenkirche gehen, allerdings fängt die Messe da schon um 9:45 Uhr an; als Alternativen mit späteren Uhrzeiten kämen Herz Jesu oder St. Elisabeth in Frage – schauen wir mal. Ein Extra-Abenteuer dürfte es werden, uns den Messbesuch im Stempelheft für den Erstkommunionkurs des Tochterkindes beglaubigen zu lassen. Sodann bin ich ziemlich gespannt auf die Pilgerherberge in Schwabach; und spannend geht es dann auch weiter, denn am Montag – dem Gedenktag der Apostel Simon und Judas, einem markanten Datum in der Geschichte unseres Familienapostolats – beginnen dann unsere Familienexerzitien in einem Kloster im Schwarzwald. Ich habe ehrlich gesagt keine besonders präzise Vorstellung davon, was uns da erwartet, aber ich bin optimistisch, dass es eine bereichernde Erfahrung werden wird. Am Freitagabend wollen wir wieder zurück in Berlin sein; aber gleich am Samstag geht's für mich schon in aller Früh' los auf den nächsten Trip, diesmal nach Braunlage am Harz, wo ich auf einer russisch-orthodoxen Jugendkonferenz einen Vortrag halten will und soll. Das wird aber auf alle Fälle ein Thema für das übernächste Wochenbriefing... 


Donnerstag, 22. Oktober 2026

Das postsäkulare Zeitalter ist in Tegel noch nicht angekommen

Nachdem ich am vergangenen Montag beim Bürgeramt war, um endlich mal die Ummeldung unseres Wohnsitzes unter Dach und Fach zu bringen, könnte man ja denken, mit der Gemeinde Herz Jesu Tegel wäre ich, da wir jetzt auch offiziell nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen, endgültig fertig; allerdings nehme ich an, dass wir für die am 14./15. November anstehenden Gremienwahlen noch dort wahlberechtigt sind, und daher war ich am vergangenen Samstag auch bei der Gemeindeversammlung, bei der die Kandidaten für den Gemeinderat sich vorstellen sollten. In erster Linie wollte ich mit meiner Anwesenheit diejenige Kandidatin unterstützen, mit der ich im Frühjahr und Sommer – als noch die Möglichkeit im Raum stand, dass ich selbst für den Gemeinderat kandidieren könnte – ein paar konspirative Treffen hatte; die war dann allerdings gar nicht da. Interessant war es trotzdem, und ich habe auch eine relativ klare Vorstellung davon gewonnen, wen ich (unter der Voraussetzung, dass ich für diese Gremienwahl tatsächlich noch in meiner alten Wohnortgemeinde wahlberechtigt bin) wählen würde – und wen nicht. 

Disclaimer: Dieses mit Tesafilm geflickte Kruzifix dient hier nur als Symbolbild, es hängt nicht in einer Einrichtung der Gemeinde Herz Jesu Tegel oder überhaupt der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd.

Man könnte natürlich fragen, warum mich das eigentlich kümmert – nicht nur, weil es ja wie gesagt gar nicht mehr meine Gemeinde ist (diese Frage wurde mir tatsächlich gestellt, und zwar, wie ich denke, ohne böse Absicht von einer Frau, die mit mir am Tisch saß), sondern auch und vor allem, weil ich doch erst kürzlich (und nicht zum ersten Mal) die Überzeugung kundgetan habe, dass der ganze Gremienapparat in der Kirche nichts taugt. Aber ich schätze, dass ist wieder einmal ein Beispiel dafür, was ich an anderer Stelle mal als "pragmatische Inkonsequenz" bezeichnet habe: Man mag der Meinung sein, Adornos Maxime "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" treffe auf nichts so sehr zu wie auf Gremienarbeit, aber gleichzeitig sage ich mir auch, solange es diese Gremien nun mal gibt, sollte man sie nicht so ohne Weiteres den falschen Leuten überlassen. Und wenn ein paar gute Leute in einem Gemeinde- oder Pfarreirat schon nicht mehr erreichen können, als den anderen das Leben ein bisschen schwerer zu machen, ist das ja immerhin schon mal was. 

In besonderem Maße denke ich da natürlich an den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd, dem ich, wie es scheint, das Leben schon dadurch gebührend schwer mache, dass ich bei Veranstaltungen wie dieser Gemeindeversammlung auftauche. Dies gab er denn auch unmittelbar zu erkennen, indem er in seine Ansprache die Bemerkung einflocht, er wolle ja nicht hoffen, dass seine Ausführungen zur Situation der Gemeinde nachher "in irgendwelchen Blogs" nachzulesen sein würden. Worauf man natürlich erwidern könnte, so eine Gemeindeversammlung sei schließlich eine öffentliche und ihrer Natur nach für die Öffentlichkeit bestimmte Veranstaltung, auch dann, wenn da außer den Kandidaten, die sich vorstellen möchten, nur ungefähr 20 Leute hingehen; aber letztlich hätte es wohl wenig Sinn, überhaupt irgendwas dazu zu sagen. 

Bevor es an die Vorstellung der Kandidaten für den Gemeinderat ging, kamen erst einmal die Sprecher (m/w) des alten Gemeinderats zu Wort, um eine Art Rechenschaftsbericht über ihre Arbeit abzulegen und zugleich einen Überblick darüber zu geben, was der Gemeinderat tut, wofür er zuständig ist und wofür nicht. Dabei fiel insbesondere der Redebeitrag des männlichen Vertreters – der bezeichnenderweise nicht wieder kandidiert – derart desillusioniert und defätistisch 'rüber, dass der Sprecher von mehreren Teilnehmern der Versammlung ermahnt wurde, er solle doch die neuen Kandidaten nicht so demotivieren. Wozu ich sagen möchte: Dieser Redebeitrag wirkte vielleicht deshalb besonders düster, weil sich in ihm sehr authentisch auch die persönliche Frustration des Sprechers aussprach; aber die Grundhaltung, man könne ja im Grunde gar nicht viel mehr oder Anderes tun, als den Niedergang zu verwalten, prägte – mit ganz wenigen Ausnahmen, auf die ich noch gesondert zu sprechen kommen werde – so ziemlich die ganze Veranstaltung. Und zwar wohlgemerkt nicht nur die Redebeiträge auf dem "Podium" (tatsächlich saßen der Pfarrer, die Sprecher des alten Gemeinderats und die Kandidaten für den neuen gar nicht auf einem solchen, obwohl der Saal eine Bühne hat), sondern auch Äußerungen aus dem Publikum, zum Beispiel von Leuten, die mit mir zusammen an einem Tisch saßen und die ich aus meiner aktiven Zeit in der Tegeler Gemeinde ganz gut kenne. Mein Eindruck war, sogar Leute, die ich (gemäß der Kriterien des "Religions-Monitors") als persönlich durchaus "hochreligiös" einschätzen würde – ja vielleicht sogar besonders diese – stecken bis über beide Ohren im Niedergangs-"Mindset". Alles geht den Bach runter, niemand interessiert sich mehr "für Kirche". Haben die noch nichts vom "Quiet Revival" gehört, vom postsäkularen Zeitalter, von der wachsenden Aufgeschlossenheit insbesondere Jugendlicher und junger Erwachsener für religiöse Antworten auf ihre Lebensfragen? Vielleicht würden sie darauf antworten "Davon sehen wir hier aber nichts"; dann würde ich ihnen empfehlen, sich mal eine halbe Stunde am Tag in Herz Jesu in die Offene Kirche zu setzen, da würden sie staunen, was da für Leute reinkommen. Manche nur um "mal zu gucken", klar; aber viele tatsächlich zum Beten. Oder zur Einkehr, zur Besinnung, oder wie auch immer sie das für sich nennen. In den Strukturen der institutionellen Kirche tauchen diese Leute vielleicht nicht unbedingt auf, aber das liegt dann vor allem daran, dass diese Strukturen ihnen für das Stadium ihres persönlichen Glaubenswegs, in dem sie sich gerade befinden, nichts anzubieten haben. 

Ich wurde hellhörig, als der scheidende Gemeinderats-Sprecher Überlegungen oder Anregungen erwähnte, in der Gemeinde einen Alpha-Kurs zu veranstalten. Er meinte jedoch, das sei nicht durchführbar, denn dafür brauche man Leute, die nicht nur punktuell mal mitmachen, sondern Leute, die sich über Monate hinweg verbindlich engagieren, und solche Leute seien heute praktisch nicht mehr zu finden. Was mich daran ärgerte, war die implizite Behauptung, es sei ein allgemeines Zeitphänomen, dass Leute sich nicht mehr längerfristig für irgendwas engagieren wollen. Da mag aus soziologischer Sicht was dran sein, aber man kann es halt auch prima als Ausrede benutzen. Sicher, Klagen über einen Mangel an Ehrenamtlichen hört man aus vielen Gemeinden, aber wenn diese Klagen in einer Gemeinde geäußert werden, die bekannt dafür ist, dass engagierte und motivierte Leute da gezielt vergrault und weggemobbt werden, wirkt das schon recht tragikomisch. Umso mehr, wenn auch Leute in dieses Lamento einstimmen, die sich in der Vergangenheit aktiv an diesem Mobbing beteiligt haben. 

Der Pfarrer erwähnte, als er hier anfing – vor mittlerweile zwölf Jahren, wenn ich richtig informiert bin – habe es auf dem Gebiet der jetzigen Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd rund 15.000 Katholiken gegeben, jetzt seien es noch knapp 12.000; er beeilte sich jedoch hinzuzufügen, diese Tendenz sei "bistumsweit, das liegt nicht daran, dass der Pfarrer hier so böse ist". Was bei mir natürlich mal wieder zwanghaftes Augenrollen auslöste. Das Problem ist ja nicht, dass der Pfarrer böse wäre – sondern dass es ihm an Glaubenseifer, Mut und geistiger Klarheit mangelt und dass er charakterlich einfach ungeeignet sowohl für die Seelsorge als auch für die Leitung einer Gemeinde ist. Da passt es natürlich ins Bild, dass er die Ursachen für den schlechten Zustand der Kirche in seinem Verantwortungsbereich auf strukturelle Faktoren zu schieben versucht, auf bistumsweite Tendenzen oder darauf, dass die Zeiten nun mal so sind, statt in Erwägung zu ziehen, dass er vielleicht selber mal etwas ändern müsste. 

Gleichzeitig stimmt es natürlich auch, dass nicht an allem der Pfarrer persönlich schuld ist. Aber das habe ich ja schon öfter betont. Es gibt zweifellos so etwas wie ein toxisch-kodependentes Beziehungsgeflecht zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, und auch den bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht sichtbaren Einfluss "einfacher Geneindemitglieder" sollte man in diesem Zusammenhang keinesfalls unterschätzen. Und das alles gilt ganz gewiss nicht allein für diese Gemeinde oder diese Pfarrei – wäre das so, würde es sich ja kaum lohnen, dem Thema hier so großen Raum zu geben. Wahrscheinlich gibt es in ganz Deutschland mehr Pfarreien, die an derartigen Problemen laborieren, als solche, in denen das nicht der Fall ist. 

Ich denke daher, ich kann getrost darauf verzichten, näher auf Faktoren einzugehen, die für diese Gemeinde oder diese Pfarrei spezifisch sind (zumal ich davon ja seit einigen Jahren gar nicht mehr so viel mitkriege, es sei denn aus zweiter Hand). Der Kern der ganzen Misere scheint mir jedenfalls das völlige Fehlen einer missionarischen Einstellung zu sein. Tatsächlich fehlt diese so sehr, dass nicht einmal ein Bewusstsein dafür festzustellen ist, dass die Kirche eigentlich missionarisch sein müsste. Bezeichnend dafür war ein Satz des Pfarrers, der ihm so wichtig zu sein schien, dass er ihn sogar zweimal sagte: Im Zusammenhang damit, dass es angesichts des Immobilienentwicklungsprozesses des Erzbistums zweifelhaft erscheint, ob die Pfarrei auf längere Sicht alle ihre Kirchenstandorte wird erhalten können, verwies er auf die an einigen dieser Standorte doch sehr mageren Gottesdienstbesuchzahlen und merkte dazu an: "Wenn irgendwann keiner mehr kommt, tut's auch keinem mehr weh", wenn Standorte geschlossen werden. Und das ist so falsch, dass ich laut schreien könnte vor Frustration darüber, dass niemandem aufzufallen scheint, wie falsch das ist. Klar, man hofft – d.h. diejenigen, die noch nicht komplett aufgegeben haben, hoffen –, dass man es irgendwie schafft, wieder mehr Leute in die Kirchenbänke zu bekommen; warum? Weil man die Standorte erhalten will und dafür in der Lage sein muss, eine gewisse Nachfrage vorzuweisen. Dass die Gläubigen nicht dazu da sind, die Institution am Leben zu erhalten, dass vielmehr die institutionelle Gestalt der Kirche nur ein Mittel zu einem Zweck sein sollte und dass dieser Zweck das Heil der Menschen ist – und dass diese institutionelle Gestalt daher nur insoweit wertvoll und erhaltenswert ist, wie sie diesem Zweck dient –, kommt im Denken dieser Leute überhaupt nicht vor. 

Wenn ich's mir recht überlege, erklärt sich der oben angesprochene Umstand, dass auch die persönlich durchaus "hochreligiösen" Gemeindemitglieder im Modus der Klage über den Niedergang feststecken, statt mit Freude und Hoffnung darauf zu schauen, was der Heilige Geist für die Zukunft der Kirche vorbereitet hat, vielleicht nicht zuletzt daraus, dass auch sie diesen institutionsfixierten Blick haben. Denn die institutionelle Gestalt der Kirchensteuerkirche werden auch die Neubekehrten nicht retten – nicht nur, weil sie (noch, aber wohl auch für die absehbare Zukunft) zu wenige sind, um einerseits die Austrittszahlen und andererseits das allmähliche Abtreten der Baby-Boomer-Generation aufzuwiegen, sondern auch, weil sie daran gar kein Interesse haben; weil die Erwartungen, die sie an die Kirche haben, ganz andere sind. Insofern ist – wie ja auch bei der Veranstaltung im Kardinal-Bengsch-Saal anklang, über die ich berichtet habe – dieser junge Wein für die alten Schläuche der institutionellen Kirche weit eher eine Bedrohung als die Lösung ihrer Probleme. 

Aber das ist vielleicht eher mal ein Thema für sich; in Herz Jesu Tegel würde ich bis auf Weiteres eher nicht damit rechnen, dass Scharen von Neubekehrten die Türen einrennen und alles auf den Kopf stellen. Dies umso weniger, als zu befürchten steht, dass auch diejenigen, die noch motiviert sind, in dieser Gemeinde etwas auf die Beine zu stellen, diesen institutionsfixierten Blick haben und daher eher darauf aus sind, irgendwie "den Laden am Laufen zu halten", als auf eine spirituelle Erneuerung. Wobei ich da eigentlich gar nicht den Plural zu benutzen bräuchte, denn als wirklich motiviert aufgefallen ist mir nur einer der Gemeinderats-Kandidaten, die sich bei dieser Versammlung vorgestellt haben: ein mir bisher nicht bekannter Mann, ein paar Jahre jünger als ich, Vater von drei Kindern, und wie er erzählte, hat er in letzter Zeit am Standort St. Joseph Tegel einige Veranstaltungsformate für die Kinder- und Jugendarbeit entwickelt und ausprobiert – Breakdance-Workshops für Kinder ab 7 Jahre zum Beispiel, oder auch Kinderdisco-Nachmittage. Wenn ich richtig gehört habe, nahmen an einer seiner jüngsten Veranstaltungen 64 Kinder unter 14 Jahren teil – das ist schon eine sehr stolze Zahl. Natürlich drängt sich da einmal mehr die Frage auf, ob die Motivation hinter solchen Veranstaltungen eigentlich darüber hinausgeht, den Kindern "positive Erlebnisse im Zusammenhang mit Kirche" zu vermitteln, und wenn ja, ob es denn wenigstens ansatzweise Konzepte dafür gibt, wie man von Breakdance und Disco eine Brücke zu Evangelisierung und Katechese schlagen könnte. Aber vielleicht bin in diesem Fall ja ich es, der reflexartig in unangemessenen Pessimismus verfällt. Kinder durch Sport-, Spaß- und Spiel-Angebote mit der örtlichem Kirchengemeinde in Kontakt zu bringen, macht sie an und für sich noch nicht zu gläubigen und praktizierenden Christen, aber es kann ein erster Schritt dazu sein; und wenn jemand offensichtlich erfolgreich darin ist, solche ersten Schritte zu ermöglichen, und sich dieser Aufgabe mit Freude und Eifer widmet, ist das erst einmal etwas Gutes. Auch wenn die nächsten Schritte dann vielleicht (!) eher nicht so sein Ding sind und von anderen Leuten übernommen werden müssten. Im Übrigen fand ich den Umstand, dass sich bei dieser Gemeindeversammlung wenigstens ein Kandidat vorstellte, der wirklich was auf die Beine stellt, statt immer zu jammern, so erfrischend, dass ich mir sage: Ick werde diesen Mann wahrscheinlich wählen. 


Samstag, 17. Oktober 2026

Utopie und Alltag 47: Trari-trara, der Herbst ist da

Salvete, liebwerte Freunde und andere Leser! Ihr werdet's sicher auch schon bemerkt haben: Die Nächte werden länger und die Tage kühler, das Kirchenjahr neigt sich allmählich dem Ende zu und damit auch die Reihe "Utopie und Alltag". Aber gleichzeitig gibt es eben auch viel Neues, das, wie schon ein paarmal angedacht und angedeutet, nach einer neuen Form der Gestaltung strebt; wie das konkret aussehen wird, weiß ich im Moment selber noch nicht, aber wir werden es zu gegebener Zeit schon gemeinsam herausfinden! – Kommen wir erst mal zum Bericht über die zurückliegende Woche... 


Bei den Wichteln ist der Wurm drin 

Ich hatte es schon im vorigen Wochenbriefing protokolliert: Bei den KPE-Pfadfindern in Berlin-Schöneberg haben am vergangenen Samstag nicht nur die Wölflingsmädchen ihr Meutentreffen gehabt, sondern parallel dazu traf sich auch die Wichtelgruppe (für Kinder unter 7 Jahren). Diese Gruppe trifft sich ja insgesamt eher selten: regulär einmal im Monat, in den Schulferien jedoch nicht – da bleiben dann vielleicht noch acht oder neun Termine im Jahr, und wenn man da dann ein paarmal nicht kann, ist das Potential dafür, ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Gruppe zu entwickeln, doch sehr begrenzt. Wenn ich richtig sehe, war unser Jüngster insgesamt erst viermal bei den Schöneberger KPE-Wichteln, und ich sag mal: Das jüngste Wichtelgruppentreffen hat die Chancen, dass unser Jüngster da zukünftig öfter hingeht, nicht gerade erhöht. 

Aber mal der Reihe nach: Wir fuhren erst einmal alle zusammen nach Schöneberg, und während ich unsere Große bei den Wölflingen "abgab", um sie später wieder abzuholen, und in der Zwischenzeit meiner eigenen Wege ging, begleitete die Liebste unseren Jüngsten zur Wichtelgruppe. Deren Gruppentreffen war um eine volle Stunde kürzer als das der Wölflingsmeute, weshalb Frau und Sohn sich schon wieder auf den Heimweg machten, bevor ich die Große abholte. Als ich meine Liebste per elektronischer Textnachricht fragte, wie's denn bei den Wichteln gewesen sei, erhielt ich zur Antwort ein Foto einer Bastelarbeit, die unser Sohn angefertigt hatte. 

Als ich wieder am Ort des Meutentreffens ankam, waren die Wölflingsmädchen gerade noch dabei, aus Holzstämmen und Seilen sogenannte "Dreiböcke" zu bauen. Ich setzte mich auf eine Bank und wartete das Ende des Meutentreffens ab, und als meine Tochter nach der Abschlussrunde fröhlich auf mich zugelaufen kam und ich sie fragte "War's gut heute?", erwiderte sie nachdrücklich: "Sehr gut." Sie berichtete, außer dem Dreibock-Bauen hätten sie auch wieder das Winkeralphabet geübt, einige neue Gebete gelernt und ein Quizspiel über das Leben des Hl. Franz von Assisi gespielt. (In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass ein geschätzter Bloggerkollege, mit dem ich mich neulich in Paderborn zum Abendessen getroffen habe und dem ich bei dieser Gelegenheit von der Wölflingsmeute meiner Tochter erzählte, darauf mit den Worten reagierte: "Bei euch gibt's KPE-Pfadfinder? Das erwirbt dir die höchste Form meiner Anerkennung: meinen Neid!".) 

Als wir wieder zu Hause waren und ich meinen Jüngsten fragte, wie es denn bei den Wichteln gewesen sei, erntete ich hingegen ein grimmiges Gesicht und einen Daumen nach unten; erläutern musste mir meine Liebste diese Reaktion. Dass der Knabe mit der Bastelaufgabe unzufrieden war, weil er lieber etwas anderes gebastelt hätte, kann man wohl noch darauf schieben, dass er in letzter Zeit insgesamt oft zu Eigensinn und niedriger Frustrationstoleranz neigt (sollte das etwa die gefürchtete "Wackelzahnpubertät" sein? Seine Zähne wackeln aber noch gar nicht!); das war aber noch nicht alles: Für weiteren Verdruss sorgte es, dass das beliebte Spiel "Feuer-Wasser-Sturm" bei der Wichtelgruppe mit anderen Regeln gespielt wurde, als unser Jüngster es aus der KiTa und vom Kampfsporttraining kennt, und auch bei einem weiteren Spiel war er der Meinung, die Regeln seien nicht eindeutig genug erklärt worden. Und wenn der Knabe etwas so macht, wie es seiner Erfahrung nach richtig ist, und man sagt ihm, das sei falsch, das kann er nun wirklich gar nicht ab. Verständlich, finde ich. 

Es bleibt also dabei, dass unser Jüngster mit den Schöneberger KPE-Wichteln nicht so recht warm wird; etwas schade finde ich das schon, zumal ich denken würde, positive Erfahrungen bei den Wichteln könnten die Chancen erhöhen, dass er dann auch zu den Wölflingen geht, wenn er in das richtige Alter dafür kommt. Man könnt's natürlich nochmal bei der Wichtelgruppe in St. Afra versuchen, aber auf der Basis unserer bisherigen Erfahrungen bin ich nicht gerade überzeugt, dass es da besser liefe. Na, schauen wir mal – irgendwann werden wir bestimmt mal wieder nach St. Afra gehen... 


Ja is' denn heut' scho' wieder Marathon?

Am 28. Sonntag im Jahreskreis gingen wir wie gewohnt in St. Joseph Siemensstadt in die Messe; unsere Große nahm wieder neben ihrer Freundin aus dem Erstkommunionkurs Platz, außer diesen beiden Mädchen nahmen noch sieben oder acht weitere Erstkommunionkinder an der Messe teil. Sie begann allerdings mit Verspätung: Einige Minuten nach der regulären Anfangszeit trat eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Gemeinde ans Ambo und erklärte, der Zelebrant – der Spandauer Krankenhausseelsorger – stecke "im Stau, weil ja heute Marathon ist". Schon wieder?, dachte ich. Der Berlin-Marathon war gerade zwei Wochen zuvor gewesen, in einen Halbmarathon war ich, wie sich Mancher erinnern wird, Anfang September auf dem Weg zum Gemeindefest in St. Stephanus geraten. Nun, da haben wir mal wieder was gelernt, nämlich dass Berlin zu dieser Jahreszeit ausgesprochen reich an Laufsportveranstaltungen ist: Im vorliegenden Fall handelte es sich offenbar um den Berliner Morgenpost Great 10K, der am Schloss Charlottenburg startete. "Die Berliner sind eben manchmal zu sportlich", merkte der Priester an (und das, wo er doch auch Sportpfarrer ist!). "Ich erkundige mich ja immer schon nach Marathon und allem möglichen, aber die sind so viel im Laufen unterwegs, und dann fahre ich da lang und dann kommt man nicht raus." – Jedenfalls kündigte er an, angesichts der Verspätung "auf die Predigt zu verzichten" – eine überraschende Entscheidung, die ich aber allemal besser fand, als die Liturgie an anderer Stelle zu kürzen. 

Gleichwohl war es wohl nicht verwunderlich, dass er das Evangelium vom Tag – Matthäus 22,1-10, das Gleichnis vom Hochzeitsmahl des Königs – doch nicht ganz unkommentiert im Raum stehen mochte; allerdings beschränkte er sich auf einen nur rund drei Minuten langen Predigt-Impuls, in dem er sich auf einen Einzelaspekt der Perikope konzentrierte: nämlich darauf, dass die zur Hochzeit geladenen Gäste meinen, keine Zeit zu haben. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die verschiedenen Begriffe für "Zeit", die es im Altgriechischen gebe – chronos und kairos: "Chronos, das ist die bemessene Zeit, die ablaufende Zeit. Kairos, das ist der Moment. Die erfüllte Zeit, die Gott schenkt." Und er mahnte: "Es gibt den Moment, den man nicht verpassen darf, und die Einladung, die man nicht ausschlagen sollte. [...] Gott schenkt dir Zeit. Nimm dir Zeit für das, was wichtig ist, und für das, was zum Heile dient. Und schlage niemals die Einladung Gottes aus. Sie ist unwiderruflich sie geht an alle, aber es kann sein, dass der Moment verpasst wird." – Ich muss sagen, ich fand diesen kurzen Impuls deutlich gelungener, überzeugender und anregender als die meisten längeren Predigten, die ich von diesem Priester bisher gehört habe; man könnte den Eindruck haben, die "kleine Form" liege ihm mehr, weil die Notwendigkeit, sich aus Zeitgründen inhaltlich auf einen einzelnen Aspekt zu konzentrieren, ihn davor bewahrt, sich zu verzetteln. Womit ich nun nicht unbedingt sagen möchte, ich würde ihm wünschen, öfter im Stau zu stehen... 

Am Ende der Messe stellten sich dann noch die Kandidaten für die Wahlen zum Gemeinderat, Pfarreirat und Kirchenvorstand vor, worauf ich gern verzichtet hätte. Zu den einzelnen Kandidaten will ich mich gar nicht näher äußern – es waren durchaus ein paar dabei, von denen ich mir hätte vorstellen können, ihnen meine Stimme zu geben, wenn ich in dieser Gemeinde bzw. Pfarrei wahlberechtigt wäre –, aber insgesamt geht das Thema der kirchlichen Gremienwahlen mir mehr und mehr auf den Keks. Nicht nur deshalb, weil das ganze Bohei, das um diese Wahlen gemacht wird, in einem so tragikomischen Missverhältnis zum tatsächlichen Gestaltungsspielraum dieser Gremien stehen; eher würde ich sagen, hätten die Gremien tatsächlich mehr mitzubestimmen, fände ich das noch schlimmer. – So oder so erscheint mir der ganze Gremienapparat als charakteristisch für ein Modell "von Kirche", dessen Zeit – Gott sei Dank! – im Wesentlichen vorbei ist; zukünftige Generationen werden, so hoffe ich, mit ungläubigem Kopfschütteln auf eine Zeit zurückblicken, in der die Kirche derart über-institutionalisiert und in Bürokratie erstarrt war, dass partout auch das ehrenamtliche Engagement von Laien in entsprechende Formen gezwängt werden musste. Schagwortartig zugespitzt würde ich sagen, die Kirche braucht weniger Gremienarbeit und mehr Gebetskreise. Das ist ein Gedanke, den ich schon seit einiger Zeit mit mir herumschleppe und über den ich schon längst mal außerhalb der Wochenbriefing-Reihe etwas schreiben wollte; ich schätze, ich sollte versuchen, den betreffenden Artikel bis zum Wahltermin in vier Wochen fertig zu bekommen. 


Seltsame Leiden eines Theologiestudenten 

In meinem vorigen Wochenbriefing nicht erwähnt habe ich den Umstand, dass am Freitag der dort besprochenen Woche, dem 9. Oktober, der Gedenktag des Hl. Dionysius war. Worin aber besteht die besondere Signifikanz dieses Umstands? – Diese Frage müsste man E.T.A. Hoffmann stellen, aber der ist ja längst tot. Irgend etwas wird er sich aber ja dabei gedacht haben, dass er seinen Dialog "Seltsame Leiden eines Theaterdirektors", an den ich meinen Rubrikentitel angelehnt habe, just "[a]m Tage des heiligen Dionysius, das heißt, am neunten Oktober" spielen lässt. Mit ein paar Tagen Verspätung gegenüber diesem historischen Datum habe ich jedenfalls den entsprechenden Band der antiquarischen Hoffmann-Werkausgabe herausgesucht, die in unserem heimischen Bücherregal steht, um gelegentlich darin zu lesen – zur Entspannung und als Gegengewicht dazu, was ich für mein Studium so alles lesen muss. 

Dass ich ein solches Gegengewicht gut würde brauchen können, zeigte sich schnell. Zu den ersten Büchern von der Lektüreliste für mein Studium, die ich mir am vorigen Wochenende aus der Bibliothek besorgt habe, gehört ein utb-Taschenbuch mit dem Titel "Basiswissen Bibel: Lesen und Verstehen", und schon im Vorwort lässt der Autor, Klaus Dorn, sehr deutlich die böswillige Absicht durchblicken, aus der er das Buch verfasst hat. "Dieses Buch will dazu ermutigen, als Nichttheologe die Bibel einmal in die Hand zu nehmen" – so beginnt der erste Satz, und das klingt ja erst mal ganz gut, aber dann geht es so weiter: "und selbst zu versuchen, eine eher wissenschaftliche Betrachtung der Heiligen Schrift zu wagen" – und da denke ich mir: Um Himmels Willen, wieso das denn? Die Antwort lautet: Weil er den einfachen Gläubigen ihren nicht-wissenschaftlichen Zugang zur Bibel, den er denn auch prompt als "(Kinder-)Glauben" abqualifiziert, schlichtweg nicht gönnt. Ihm selbst hat das Studium diesen Zugang verbaut, und jetzt sieht er es als seine Aufgabe, ihn auch allen anderen zu verbauen. Wenn er sich in diesem Zusammenhang beschwert, die wissenschaftliche Exegese gerate zuweilen "fast schon in den Ruch der Ketzerei", ist das ein nur allzu durchsichtiger Fall von Schuldumkehr: Wenn Exegeten nicht der Ketzerei geziehen werden wollten, dann sollten sie halt keine Ketzerei betreiben, so einfach ist das. – Als ein Beispiel dafür, wie die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Exegese mit den naiven Vorstellungen des Pöbels in Konflikt geraten können, führt der Verfasser an: "Wie kann da jemand behaupten, es seien keine drei Könige gewesen, die da zum Kind gekommen sind, wo sie doch in Köln begraben liegen?" – was ja gar keine so dumme oder lächerliche Frage ist, wie Dorn es seinem Leser offenbar suggerieren will; und sein zweites Beispiel – "Wie kann jemand behaupten, das jüdische Volk sei gar nicht schuld am Tode Jesu? Das kennt man doch von früher ganz anders" – ist im Grunde eine noch größere Unverschämtheit, weil er damit insinuiert, wer nichts von wissenschaftlicher Exegese verstehe, sei quasi automatisch Antisemit, in letzter Konsequenz also Nazi. 

Dabei ist Dorns Vorwort nur ein besonders krasses Beispiel für Tendenzen, die man in der akademischen Theologie auch sonst beobachten kann und die mir auch in der Einführungswoche in Paderborn gelegentlich aufgefallen sind: Den Studienanfängern wird zwar permanent gepredigt, wissenschaftlich zu arbeiten bedeute alles zu hinterfragen, aber gleichzeitig werden sie darauf trainiert, gerade das nicht in Frage zu stellen, was sie am gründlichsten hinterfragen sollten, nämlich das, was ihnen im Studium beigebracht wird. Da ist es wohl kein Wunder, dass so viele Leute so verkorkst aus dem Studium herauskommen. 

– Ich hoffe, das klingt jetzt alles nicht zu negativ; im Großen und Ganzen habe ich nach zwei Wochen Fernstudium nämlich durchaus den Eindruck, dass ich mit den Anforderungen des Studiums einigermaßen zurechtkomme, und tatsächlich auch, dass ich – über den rein formalen Aspekt hinaus, dass ich den Abschluss als Qualifikation für eine Tätigkeit in der Pastoral benötige – von diesem Studium profitieren kann. Aber gerade dafür betrachte ich eine kritische Distanz nicht nur gegenüber einzelnen Inhalten des Studiums, sondern gegenüber der grundsätzlichen Ausrichtung der Ausbildung des pastoralen Personals als absolut notwendig. Das ist zweifellos ein Thema, über das es in Zukunft noch sehr viel mehr zu sagen geben wird, daher mache ich für diesmal erst einmal einen Punkt. 

Übrigens verdichten sich die Anzeichen für einen Theologie-Boom in Deutschland. Okay, "Boom" ist vielleicht (noch) ein bisschen zuviel gesagt. Aber nachdem ich neulich schon die ungewöhnlich hohe Zahl von Studienanfängern im Bachelor-Studiengang Angewandte Theologie an der Katholischen Hochschule in Paderborn zu der Tatsache in Beziehung gesetzt habe, dass es auch für den Studiengang Religionspädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin im vergangenen Frühjahrssemester mehr Bewerber als Studienplätze gegeben hat, habe ich auf häretisch.de einen Artikel gesehen, der einen "Rekord bei Neueinschreibungen" für den "digitalen Bachelorstudiengang Theologie der Universitäten Passau und Eichstätt-Ingolstadt" meldet: "Mit 160 Neueinschreibungen habe sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt", erfährt man da, und ein "Sprecher des Departments für Katholische Theologie der Universität Passau" wird mit der Einschätzung zitiert: "Soweit uns dazu Daten vorliegen, ist dies im gesamten deutschsprachigen Raum aktuell die höchste Zahl an Erstsemestern in einem theologischen Studiengang". – Auch interessant ist, dass häretisch.de an diesen Artikel einen Verweis auf einen Bericht von vor knapp einem Jahr anhängt, in dem ebenfalls schon von einem erstaunlichen Zuwachs an Theologie-Studienanfängern an der Universität Passau die Rede war: "Dort hat sich die Zahl der Studienanfänger in den vergangenen drei Jahren auf mehr als 140 versiebenfacht." Seinerzeit wurde das als ein Wachstum "gegen den Trend" beurteilt; jetzt ist es der Trend. 

Derweil wird die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main – an der ich mich ebenfalls für ein Fernstudium hätte bewerben können, wenn ich nicht Paderborn den Vorzug gegeben hätte – 100 Jahre alt. Ein diesem Jubiläum gewidmeter Artikel der Frankfurter Rundschau, den mir Google News unlängst präsentierte, trägt die vielsagende Überschrift "Noch 6 Priesteramtskandidaten, aber 250 Studierende". Was aus dem Artikel nicht hervorgeht, ist, dass die Zahl von 250 "Studierenden" tatsächlich einen Tiefststand markiert: Vor 15 Jahren waren es noch rund 100 mehr. An diesem langsamen, aber stetigen Niedergang hat auch die Einführung des neuen Bachelor-Studiengangs "Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft" im Wintersemester 2023/24 nichts ändern können. Alles in allem glaube ich, ich kann ganz froh sein, mich nicht in St. Georgen eingeschrieben zu haben. (Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle schreiben "auch deshalb, weil dort der durch das Wort zum Sonntag bundesweit bekannte Pastoraltheologe Wolfgang Beck Rektor ist", aber wie ich gerade festgestellt habe, ist der seit diesem Semester in Erfurt.)


Fortschritte in Haus und Garten 

Seit ich aus Paderborn zurück bin, habe ich angefangen, für diejenigen meiner Aufgaben, die nicht zum Studium und nicht zu meiner publizistischen Tätigkeit gehören und auch nicht in den Bereich der täglichen Routine (Frühstück vorbereiten, Kinder wecken und zu ihren jeweiligen Bildungseinrichtungen begleiten, Küche aufräumen...) fallen, wöchentliche To-Do-Listen zu erstellen; und ein Punkt auf meinen Listen für die zurückliegenden zwei Wochen war es, pro Woche mindestens fünf Umzugskisten auszupacken. Diese Vorgabe habe ich bislang übererfüllt, aber so langsam wird es schwierig zu entscheiden, wo ich die Dinge, die ich den Umzugskisten entnehme, eigentlich hinräumen soll. Und solange es in der Wohnung nicht für alles einen klar definierten Platz gibt, besteht halt die Gefahr, dass man alles immer nur von einer Ecke in die andere räumt. Trotzdem: Dass nicht mehr so viele Kisten unausgepackt herumstehen, ist allemal ein Fortschritt. 

Derweil hat sich in unserem Garten in der letzten Woche mehr getan, als ich es in so kurzer Zeit für möglich gehalten hätte: Mit Hilfe eines Handwerkers aus dem Bekanntenkreis unserer Hausgenossin wurde innerhalb nur eines Nachmittags der Fußboden für den Kaninchenstall fertig verlegt, der Stall aufgebaut und obendrein auch noch das Trampolin zusammengebaut. 



Und da der Stall nun einmal steht, wurde er dann auch gleich am nächsten Tag mit Stroh, Heu und sonstigem Kaninchenbedarf ausgestattet, und noch einen Tag später zogen vier putzige Zwergkaninchen dort ein: Jedes der Kinder aus unserem "kuriosen Wohnprojekt" – also unsere beiden und die beiden Töchter unserer Hausgenossin – hatte sich bei der Züchterin ein persönliches Lieblingskaninchen ausgesucht. Ihre Namen: Mei, Schnüffel, Brownie und Olivia. 

Dies ist Mei – benannt nach der Protagonistin des Films "Mein Nachbar Totoro".

Für die Kinder sind die Kaninchen im Moment das Tollste auf der Welt, unsere Große hat in der Holzwerkstatt ihrer Schule – gemeinsam mit einem Mitarbeiter – sogar schon eine Kletterrampe für den Stall gebaut und plant als nächstes eine Hängematte. Auch sonst hat die Begeisterung der Kinder für die Kaninchen einige positive Nebeneffekte: Zum Beispiel beeilen sie sich neuerdings morgens beim Aufstehen und Anziehen mehr, damit sie noch Zeit haben, in den Stall zu gehen, bevor sie zur Schule bzw. zur KiTa müssen, und wir haben derzeit auch keinerlei Mühe damit, den Medienkonsum der Kinder regulieren zu müssen. – Ich fürchte nur, die Katzen fühlen sich ein bisschen vernachlässigt... 


Bald haben wir zwei Schulkinder 

Zu den Dingen, um die ich mich in der zurückliegenden Woche neben den fortlaufenden Anforderungen von Studium, Blog, Haushalt und Kinderbetreuung (und, wie schon angesprochen, dem Auspacken von Umzugskisten) noch kümmern musste, gehörte die Anmeldung unseres Jüngsten zur Einschulung. Es gehört zu den Mysterien des bürokratischen Staates, dass es in Deutschland zwar eine allgemeine Schulpflicht ab dem vollendeten 6. Lebensjahr gibt und für jede Meldeadresse eine zuständige Einzugsschule, die Kinder aber trotzdem nicht (sofern die Eltern sich nicht von sich aus um einen anderen Schulplatz, eine vorzeitige Einschulung oder Zurückstellung kümmern) "automatisch" für das nach ihrem 6. Geburtstag beginnende Schuljahr dort eingeschult werden und dies den Eltern lediglich mitgeteilt wird. Stattdessen müssen die Eltern es selbst beantragen – aber "müssen" eben auch in dem Sinne, dass sie Konsequenzen zu spüren bekommen, wenn sie es nicht innerhalb einer bestimmten Frist tun. Man wird mir wieder sagen, ich übertreibe, aber ich empfinde Zwang, der freiwillige Mitwirkung verlangt, als die entwürdigendste Form der Tyrannei. 

Wie dem auch sei: Wir haben zwar die Absicht, unseren Sohn an derselben freien Alternativschule einzuschulen, auf die auch seine große Schwester geht – dazu weiter unten noch eine Anmerkung –, aber angemeldet werden muss die Einschulung trotzdem an der örtlich zuständigen Regelschule – und da sorgt nun unser Umzug für weitere Komplikationen, denn da der Termin, den wir beim Bürgeramt für dir zum Ummeldung unseres Wohnsitzes  bekommen haben, noch in der Zukunft liegt, ist vorläufig noch die Einzugsschule unseres ehemaligen Wohnsitzes für uns zuständig. Man kann von Glück sagen, dass wir nur innerhalb desselben Stadtbezirks umgezogen sind, sonst wäre alles noch komplizierter. Na, jedenfalls habe ich es fristgerecht geschafft, die für die Anmeldung zur Einschulung erforderlichen Unterlagen im Sekterariat der formal dafür zuständigen Schule abzugeben; und jetzt schauen wir mal, wie's weitergeht. 

Was ich übrigens noch zu dem Umstand anmerken wollte, dass wir die Absicht haben, unseren Jüngsten auf dieselbe Schule zu schicken wie das Tochterkind: Neulich auf dem Heimweg sinnierte unsere Große darüber, wie viele Geschwisterkinder es an ihrer Schule gibt. Gemeinsam zählten wir durch, wie viele Kinder uns einfielen, die Geschwister an derselben Schule haben, und das waren, gemessen an der sehr überschaubaren Gesamt-Schülerzahl, wirklich sehr viele. Natürlich tragen zu diesem Sachverhalt mehrere Aspekte bei. Einerseits gibt es bei der Vergabe der Schulplätze einen "Geschwisterbonus", das heißt, ein Kind hat schlichtweg bessere Chancen, an der Schule angenommen zu werden, wenn es bereits Geschwister an dieser Schule hat. Andererseits sagt es natürlich etwas über die Zufriedenheit der Eltern mit der Schule aus, wenn Eltern, die bereits ein Kind an dieser Schule haben, ihr nächstes Kind auch wieder dort anmelden. Hinzu kommt aber noch ein anderer Aspekt, nämlich der Anteil der Kinder an dieser Schule, die überhaupt Geschwister haben. Das ist ja heutzutage nicht gerade selbstverständlich. Ob die Elternschaft dieser Schule im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung tatsächlich überdurchschnittlich viele Kinder hat, kann ich ehrlich gesagt nicht mit Bestimmtheit behaupten, es ist eher ein Fall von "gefühltem Wissen"; sollte es aber stimmen, dann gäbe es durchaus verschiedene mögliche Erklärungen dafür. Meine Liebste etwa meint, bei Familien mit einer ausgeprägt "naturnahen" Lebenseinstellung – für die diese Schule mit ihrem Garten, ihrer Nähe zum Wald, ihrer Holzwerkstatt usw. besonders attraktiv sei – sei eher mit einer kritischen Haltung gegenüber künstlicher Empfängnisverhütung zu rechnen als bei der Mehrheit der Bevölkerung, und das könne eben auch zu mehr Kindern in der Familie führen; ich selbst würde eher darauf tippen, dass Leute, die ihre Kinder auf Alternativschulen schicken, häufig Leute sind, in deren Lebensplanung der Punkt "Kinder haben" generell einen höheren Stellenwert hat als bei vielen anderen. Beides schließt sich aber wohl nicht aus, und es können sicherlich auch noch ganz andere Faktoren hinzukommen. 


Hl. Gerardo Maiella, bitte für uns! 

Am gestrigen Freitag war der Gedenktag eines Heiligen, der mir überhaupt kein Begriff gewesen war, ehe er mir beim "Jahresheiligenziehen" auf der Website von Kirche in Not als mein persönlicher Jahresheiliger für 2026 "zugelost" wurde. Gerardo Maiella hatte in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag, sein Gedenktag ist jedoch, wie üblich, sein Todestag. Er stammte aus einem kleinen Ort in der süditalienischen Region Basilicata, war Sohn eines Schneiders und erlernte auch selbst dieses Handwerk; schon als Kind soll er den Spitznamen "der Heilige" gehabt haben. Sein Wunsch, in den Kapuzinerorden einzutreten, wurde ihm wegen seiner schwachen Gesundheit verwehrt; als junger Erwachsener erlebte er eine Volksmission der Redemptoristen in seinem Heimatort und verspürte die Berufung, sich dieser Gemeinschaft anzuschließen, wurde jedoch erneut zunächst abgewiesen. Daraufhin, so heißt es, habe er sich mittels zusammengeknoteter Bettlaken aus dem Fenster seines Zimmers abgeseilt, seiner Mutter die schriftliche Nachricht "Mama, vergib mir, ich werde ein Heiliger" hinterlassen und sei den Volksmissionaren 20 Kilometer weit nachgereist, um sie zu überreden, ihn als Laienbruder aufzunehmen. Fortan lebte und arbeitete er – bis zu seinem frühen Tod im Alter von 29 Jahren – als Gärtner, Schneider, Pförtner, Koch und Tischler im Redemptoristenkloster Materdomini bei Neapel und stand im Ruf, u.a. die Gaben der Levitation, der Bilokation und der Seelenschau zu besitzen. Als er beschuldigt wurde, Vater eines unehelichen Kindes zu sein, schwieg er zu den Vorwürfen und nahm eine strenge Buße auf sich, bis sich seine Unschuld herausstellte. Heute wird Gerardo Maiella als Patron der Mütter, der Schwangeren, der ungeborenen Kinder und als Fürsprecher bei Kinderwunsch verehrt; 1893 wurde er von Papst Leo XIII. selig- und 1904 von Papst Pius X. heiliggesprochen.  


Geistlicher Impuls der Woche 

Heilige dich: morgen stirbst du! 

In unserem Herzen wäre mehr Himmel, wenn sich darin nicht so viel Erde befände. 

Wohin unsere Werke nicht gelangen können, dahin sollen uns die Schwingen der Sehnsucht demütig und vertrauensvoll im Fluge tragen. 

Nehmen wir uns der Sache Gottes an, dann wird auch Gott an uns denken. 

Gott ist zufrieden, wenn du tust, was du kannst. Aber mit halben Maßnahmen machen wir die Sache schlechter. 

Nicht nach der Menge der Erfolge, sondern nach der Größe der Opfer wird jedem der ewige Lohn zugemessen. 

Wenn wir unsere Schwäche kennen, bauen wir unsere Hoffnung auf Gott. 

Suche Gott, und du wirst ihn finden. Suche ihn in allen Dingen, und du wirst ihn überall finden. Suche ihn zu jeder Zeit, und du wirst ihn immer finden. 

(Vincenz Pallotti, Aphorismen) 


Ohrwurm der Woche 

Simon & Garfunkel: Leaves That are Green

Es liegt wohl auf der Hand, dass dieses melancholische Lied gut zur Jahreszeit passt; aber der eigentliche Grund, weshalb es zu meinem Ohrwurm der Woche avanciert ist, ist dann doch ein anderer. Ich geriet nämlich unlängst auf Facebook in eine Diskussion über den Song "A New England" von Billy Bragg, den ich auch mal in der Rubrik Ohrwurm der Woche gewürdigt habe – als Paradebeispiel für den Sound meiner Abi-Partys vor gut 30 Jahren. Jedenfalls wurde in der besagten Facebook-Diskussion darauf hingewiesen, dass das faszinierend paradoxe Verspaar "I was 21 years when I wrote this song / I'm 22 now but I won't be for long", mit dem der Songtext beginnt, ein Zitat ist und eigentlich von Paul Simon stammt. Was mich an dieser Information so verblüffte, war, dass ich das eigentlich hätte wissen können oder müssen, aber mein Gehirn hatte bisher keine Verknüpfung zwischen diesen ansonsten so unterschiedlichen Songs hergestellt. Jedenfalls geht mir infolge dieser Erkenntnis der Song, aus dem diese Verse ursprünglich stammen, nicht mehr aus dem Kopf. – Nebenbei sei angemerkt, dass dies bereits mein fünfter Ohrwurm der Woche aus der Feder von Paul Simon ist; das ist einsamer Rekord, und ich würde mal sagen, das spricht für sich. 


Vorschau/Ausblick 

Heute hatten die Wölflinge kein Meutentreffen, da praktisch gesehen bereits Ferien sind; jawohl wir haben, Herbstferien bis einschließlich Allerheiligen. Bis einschließlich Montag sind wir aber noch zu Hause, sodass die Kinder sich weiter um ihre heißgeliebten Kaninchen kümmern können. Und morgen geht's natürlich wieder in die Messe, aller Voraussicht nach wieder in St. Joseph Siemensstadt. Am Dienstag fahren wir dann für fünf Tage nach Nürnberg. Warum Nürnberg? Nun ja, das hat sich halt so ergeben. Ist eine schöne, geschichtsträchtige Stadt, es gibt dort das Museum der Deutschen Bahn und, im Vorort Zirndorf, den Playmobil Fun Park; außerdem und nicht zuletzt ist es ein geeigneter Zwischenstopp auf dem Weg zum geplanten Schauplatz unserer zweiten Ferienhälfte, aber darüber verrate ich nächste Woche mehr. – Ganz in der Nähe unserer Unterkunft in Nürnberg liegt übrigens eins der ältesten erhaltenen Sakralgebäude der Stadt, die ehemalige Klosterkirche St. Klara aus dem 13. Jh.; die weniger gute Nachricht ist, dass diese Kirche seit 1996 von der bzw. für die Katholische City-Seelsorge Nürnberg genutzt wird, und beim Stichwort "Citypastoral" kriege ich ja bekanntlich die Motten. Aber gucken wir mal!