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Samstag, 1. August 2026

Utopie und Alltag 36: Von einem Abenteuer ins nächste

Willkommen zum neuen Wochenbriefing, Leser! In der Rückschau habe ich den Eindruck, das letzte Drittel unseres diesjährigen Butjadingen-Sommerurlaubs sei in gewissem Sinne das "touristischste" gewesen; was zum Teil, aber nicht nur damit zu tun hatte, dass, wie neulich schon erwähnt, vom vorletzten Donnerstag bis Montagmorgen eine Schulfreundin unseres Tochterkindes und deren Mutter nach Burhave kamen und am Strand zelteten, und zusammen mit diesen nahmen wir z.B. an einer geführten Wattwanderung und an einer "Wattenmeerfahrt mit Netzfang" mit dem Ausflugsschiff Wega II teil – was wir beides auch letztes Jahr schon gemacht hatten, aber für die Kinder war es auch diesmal wieder ein tolles Erlebnis. In den letzten Tagen vor unserer Abreise gab's dann nochmal richtiges Badewetter, sodass wir ziemlich viel Zeit am Friesenstrand in Tossens verbrachten; und ein Besuch auf Hof Iggewarden (mit Grillabend!) musste auch noch sein – darüber wird weiter unten noch mehr zu sagen sein. Die Rückreise wurde dann – wieder einmal – ein Abenteuer für sich, aber man kann mit einigem Recht behaupten, dass das fast schon gewohnte Verspätungs- und Zugausfallchaos in Hannover sich in diesem Fall sogar zu unseren Gunsten auswirkte, denn dank dem Wegfall der Zugbindung konnten wir sogar eine frühere Verbindung nehmen als wir gebucht hatten, und wir erreichten diese nur, weil der betreffende Zug Verspätung hatte. 

Und kaum waren wir wieder in Berlin, hatten uns überzeugt, dass das Haus noch steht und die Welt sich auch sonst so einigermaßen weitergedreht hatte, erwartete die Hälfte der Familie, nämlich das Tochterkind und mich, auch schon das nächste Abenteuer, nämlich die Religiöse Kinderfreizeit zum Thema "Mensch Mose – Beweg dich!" in Plau am See. Der eine Tag, den wir zwischen diesen Reisen in Berlin verbrachten – nämlich Freitag, also gestern –, verging wie im Flug, da ich buchstäblich von morgens bis abends mit Vorbereitungen für die RKF beschäftigt war und zwischendurch noch ein paar Dinge im Zusammenhang mit meiner Immatrikulation in Paderborn organisieren musste. Aber dazu ein andermal mehr! 

Symbolbild: Abschied von Butjadingen


"Wer hat den denn eingeladen?" vs. "Wo sind die anderen?": Taufe im post-volkskirchlichen Kulturkatholizismus 

Wie bereits in der Vorschau-Rubrik des vorigen Wochenbriefings erwähnt, fand am vergangenen Samstag in der Herz-Mariä-Kirche zu Burhave vormittags eine Taufe statt, und da ging ich hin – schließlich ist eine Taufe stets ein freudiges Ereignis für die ganze Kirche. Jedenfalls sollte das meiner Auffassung nach so sein; aber auch wenn da in der Theorie wohl kaum jemand widersprechen würde, wird es in der Praxis nicht unbedingt so gelebt. Im vorliegenden Fall erschienen zur Taufe eines kleinen Mädchens außer den Eltern und Paten nur noch ein paar weitere Verwandte und/oder Freunde der Familie, insgesamt zwölf Personen – und eben ich. Dabei könnte man den Umstand, dass der Termin der Tauffeier in den Pfarrnachrichten veröffentlicht wurde, doch eigentlich als eine Einladung an die Gemeinde auffassen. Anscheinend war die Tauffamilie aber wohl nicht in nennenswertem Maße in die Gemeinde eingebunden; soweit ich es beurteilen konnte, hätten das genausogut Leute sein können, die gerade hier in Urlaub waren. 

Gespendet wurde die Taufe vom Diakon, aber wenn ich die Absicht hätte, die Schilderung der Feier zum "Bashing" gegen diesen Geistlichen zu nutzen, müsste man einräumen, dass sie dafür ziemlich wenig hergibt; jedenfalls wenn man davon absieht, dass er die Tauffeier in einem so saloppen und informellen Tonfall leitete, dass sie – obwohl liturgisch im Großen und Ganzen alles "stimmte", von der Weihe des Taufwassers über den Exorzismus und die Allerheiligenlitanei bis hin zum Effata-Ritus –, eigentümlich "unliturgisch" anmutete. Ich bezweifle nicht, dass es Familien gibt, die einen solchen lockeren Stil schätzen und als niederschwellig empfinden; das Problem ist aber, dass die Geistlichen, die sich gern so betont nonchalant geben, nie auf die Idee zu kommen scheinen, dass das nicht unbedingt jeder gut und angemessen findet. Nun kann man natürlich sagen, das Sakrament der Taufe hat an sich einen so hohen Wert, dass gegenüber der bloßen Tatsache, dass ein Mensch getauft wird, das Wie, also Fragen von Stil und Gestaltung, nicht sonderlich ins Gewicht fällt, sofern die Gültigkeit der Sakramentenspendung dadurch nicht infrage gestellt wird. Dennoch ist es wohl kaum unverständlich oder gar verwerflich, wenn Familien sich für dieses so wichtige Ereignis einen angemessen feierlichen und würdevollen Rahmen wünschen. Hinzu kommt, dass unter den Vorzeichen des post-volkskirchlichen Kulturkatholizismus der Wunsch nach einer "schönen Feier" eher einen umso höheren Stellenwert hat, je kirchenferner die Familie ist. Was man sich konkret unter einer "schönen Feier" vorstellt, kann natürlich individuell sehr unterschiedlich sein, aber ich sag mal, nicht jeder wünscht sich, dass sein Kind von Thomas Gottschalk getauft wird. 

Das Thema "individuelle Erwartungen an Tauffeiern" bringt mich übrigens darauf, dass ich kürzlich mal wieder über einen Beitrag von Alina Rafaela Oehler im Communio-Magazin gestolpert bin, in dem direkt unter der wenig aussagekräftigen Überschrift "Doppeltaufen" die Frage aufgeworfen wird: "Warum müssen Familien die Taufe ihrer Babys immer öfter mit Fremden feiern?" Und man denkt sich: Duh. Okay, man könnte sagen, Frau Oehler bleibt sich treu, und das kann man ja als eine schätzenswerte Eigenschaft betrachten; aber dieser Artikel ist dann doch noch blöder, als ich es nach den beiden anderen, die ich bisher von ihr gelesen habe, erwartet hätte. 

Als Aufhänger für ihren Artikel nutzt die Verfasserin die Beobachtung, dass manche Pfarreien bewusst und absichtlich gemeinsame Tauftermine für mehrere Familien ansetzt, statt jeder Familie einen eigenen zu geben. Soll angeblich "heute üblich" bzw. im Kommen sein; mir persönlich ist diese Praxis zwar noch nie begegnet, aber das muss ja nichts heißen. Frau Oehler jedenfalls findet diese Praxis nicht gut: Sie meint, "je seltener Menschen zur Kirche kommen, desto mehr sollte man ihnen das Gefühl geben, auch mit ihren Wünschen gesehen und willkommen zu sein", statt sie "mit Kompromissen vor den Kopf zu stoßen". Schließlich sollen sich "in ihrer Feier verwirklichen und wohlfühlen können". Den Einwand einer Pastoralreferentin, es sei "eigentlich nichts Neues", dass Familien keine privaten, individuellen Tauftermine nach Wunsch bekommen – sie selbst sei, vor "über 30 Jahren", "auch mit anderen Kindern aus der Gemeinde getauft worden. Ein Taufsonntag im Monat wäre normal gewesen" –, schmettert die Verfasserin ab: Das seien einfach "andere Zeiten" gewesen.

"Gemeinde war wirklich noch eine sonntägliche Versammlung der ortsansässigen Familien, man kannte sich, traf sich auch sonst im Alltag. Die Taufe war auch die Aufnahme in eine konkrete Gemeinschaft. Die Feier war zudem unaufgeregter und kein so stark individualisiertes Fest wie heute." 

Ja Moment mal – bekennt Frau Oehler sich nicht sonst so gern dazu, ein ausgesprochener Fan dieser "unaufgeregten" Volkskirchlichkeit zu sein? Und auf einmal räumt sie hier nonchalant ein, dass die Voraussetzungen, von denen das System Volkskirche gelebt hat, in der Breite schlichtweg nicht mehr gegeben sind. Dass sie auf diese Erkenntnis jedoch keine andere Antwort sieht als die Umwandlung der alten Volkskirche in eine "Angebots- beziehungsweise Servicekirche", wie Johann Baptist Metz sie schon vor über 40 Jahren diagnostizierte, passt auf eigentümliche Weise zu Frau Oehlers konservativem Gemüt: Wie ich erst kürzlich nachgelesen habe, sah Metz schon zu seiner Zeit – und da war Alina Oehler noch nicht mal geboren! – in dem beschriebenen Modell keineswegs die Zukunft, sondern war im Gegenteil der Überzeugung, diese Vision einer vermeintlichen Modernisierung der Kirche habe "ihren historischen Zenit und in diesem Sinn ihre gesellschaftliche Zukunft" im Großen und Ganzen bereits hinter sich

Alina Oehler nimmt durchaus wahr, dass die Zumutung, eine Kindstaufe "mit Fremden feiern" zu sollen, in der Regel erst dadurch zum Problem wird, dass die Familie des Täuflings "mit der Sonntagsgemeinde kaum noch Berührung hat"; holprig wird ihre Argumentation indes, wenn sie erklärt, der Moment, wenn eine ansonsten kirchenferne Familie nach einem Tauftermin frage, könne "ein wertvoller Moment für Akquise sein". Dass sie "Akquise" schreibt und nicht "Mission", ist ja schon recht vielsagend; wenn sie aber meint, eine Familie, die schon bei der Anmeldung des Tauftermins Wert darauf legt, unter sich zu bleiben und den Kontakt zur örtlichen Gottesdienstgemeinde zu meiden, könne man, wenn man ihr diesen Wunsch erfüllt, "bestenfalls [...] im Kindergottesdienst oder in der Krabbelgruppe" wiedersehen, mache ich ein Gesicht wie Marcia Brady in der Serie "Drei Mädchen und drei Jungen"

Dass es in der Realität vielfach anders läuft – "dass Menschen kurz nach einer Taufe oder Hochzeit austreten [...], weil man sich die Kirchensteuer künftig sparen will, aber dieses schöne Fest noch mitnehmen wollte" –, nimmt die Autorin zur Kenntnis, dringt aber nicht zu der Erkenntnis vor, dass dieses "Nutzerverhalten" dem Konzept einer Dienstleistungskirche zu einem gewissen Grad inhärent ist. Über Leute, die allmonatlich für die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio bezahlen, obwohl sie selten oder nie trainieren, macht man sich lustig, aber die institutionelle Kirche setzt ein solches Verhalten bei ihren Mitgliedern – zunehmend fälschlicherweise – als normal voraus. 


Von einem Grill zum anderen 

Während ich bei der Taufe war, war meine Familie an den Strand gegangen, und da ging ich dann anschließend auch hin – und stellte auf dem Weg fest, dass rund um das Atrium die Vorbereitungen für das Jubiläumskonzert zum 120-jährigen Bestehens des Männergesangsvereins Eintracht Burhave auf Hochtouren liefen: So waren bereits eine Hüpfburg und zwei Grills aufgebaut worden. – Zum Männergesangsverein Eintracht Burhave hatte ich, wie ich inzwischen nachgelesen habe, schon im vorigen Jahr anlässlich der Fedderwardersieler Krabbenkutterregatta festgehalten, in diesem Gesangsverein habe "so ziemlich meine gesamte ortsansässige männliche Verwandtschaft, angefangen von meinem Opa (mütterlicherseits), irgendwann mal mitgesungen": 

"Zwei Cousins meines Vaters waren noch dabei, als die Shanty-Sparte des Gesangsvereins in den 90er Jahren unter dem Namen Butjenter Blinkfüer voll auf maritimen Schlager umstieg und es damit zu ein paar Auftritten in Schlager- und Volksmusiksendungen im Fernsehen brachte." 

Inzwischen gilt Butjenter Blinkfüer als "die älteste Boygroup der Wesermarsch" und gibt so zwölf bis fünfzehn Konzerte pro Jahr, vorrangig natürlich in der Tourismussaison. Das Jubiläumskonzert war im örtlichen Maßstab ein ziemlich großes Event; der Landrat, der Bürgermeister und der Geschäftsführer der Tourismus-Service Butjadingen GmbH waren zugegen und hielten Lobreden auf den Chor. Im Rahmenprogramm gab es neben der schon erwähnten Hüpfburg auch einen Kinderschminkstand, außer Würstchen vom Grill gab es auch ein reichhaltiges Kuchenbüffet; insofern hatte die Veranstaltung Ähnlichkeit mit einem Pfarrfest, mit dem Unterschied, dass ich es bei einem solchen wohl kritikwürdig gefunden hätte, dass die Grillwurst 2,50 € und ein Stück Kuchen 2 € kosteten. Das eigentliche Konzert ging erst rund eineinhalb Stunden nach Beginn des Rahmenprogramms los und umfasste, Zugaben nicht mitgerechnet, zwei halbstündige Blöcke mit einer Pause dazwischen; geboten wurden teils Stimmungsschlager, teils traditionelle Shanties wie der "Hamborger Veermaster" oder der "Drunken Sailor", letztere in einigermaßen poppigen Arrangements, aber trotzdem war das der Teil des Programms, der mich tendenziell mehr ansprach. 

So richtig ergriffen war ich dann aber, als zum Abschluss des Programms ein Medley aus "Wo die Nordseewellen" und "Hurra Butjarland" gesungen wurde. Wenn ich das höre, werde ich sentimental, das kann ich nicht leugnen. 

Die schon im einleitenden Absatz erwähnte Schulfreundin unseres Tochterkindes und ihre Mutter fanden sich übrigens auch beim Rahmenprogramm des Konzerts ein, nachdem sie zunächst vorgehabt hatten, an diesem Tag nach Bremerhaven in den Zoo zu gehen, sich dann aber doch umentschieden hatten. Die Kinder beschäftigten sich daraufhin eigenständig, und wir Eltern kamen im Gespräch darauf, dass es am Abend ja noch eine weitere Grillveranstaltung geben würde, bei der die Wurst nicht 2,50 € kosten würde, sondern lediglich eine Spende in freiwilliger Höhe – nämlich das "gesellige Beisammensein" im Anschluss an die Vorabendmesse. Da unsere zeltenden Freunde auf dem Campingplatz keine Kochgelegenheit hatten und nicht einmal Essgeschirr im Gepäck hatten, zeigte die Mutter Interesse, dorthin mitzukommen; allerdings ist sie Vegetarierin, und auf die Mitteilung hin, dass die Veranstalter voraussichtlich keine vegetarische Alternative zur Grillwurst anbieten würden, kam sie auf die Idee, vor der Messe noch kurz zu Edeka zu gehen und Grillkäse zu kaufen. Bei der Vorstellung, wie das Urlauberkirchen-Team, das erwartungsgemäß am Grill stand, reagieren würde, wenn jemand mit selbst mitgebrachtem Grillgut ankam und das mitgegrillt haben wollte, musste ich ein bisschen grinsen, aber tatsächlich akzeptierten die Damen vom Grill das relativ unproblematisch. – Und dann war da noch ein Gottesdienstbesucher, der temporär in einer Obdachlosenunterkunft in Eckwarden wohnte, sein Handy dort vergessen hatte und nun Hilfe benötigte, um seine Rückfahrt mit dem (um diese Uhrzeit nur noch auf Anfrage fahrenden) Bürgerbus zu organisieren – und der sich zielsicher an meine Liebste um Hilfe wandte. Fand ich ausgesprochen faszinierend. 


Camino de Willehado '26 – Teil 5: Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz 

Nachdem wir den "harten Kern" der örtlichen katholischen Gemeinde – also diejenigen Gemeindemitglieder, die außer zu den Vorabendmessen auch zur Werktagsmesse und zum Friedensgebet kamen – fast vollzählig beim Jubiläumskonzert getroffen hatten, hatte meine Liebste schon die Ahnung oder Befürchtung, wir würden an diesem Abend die einzigen Gottesdienstbesucher sein; tatsächlich war die Vorabendmesse jedoch mit über 30 Teilnehmern ungewöhnlich gut besucht – woran sicherlich Urlaubsgäste einen nicht unwesentlichen Anteil hatten. Wie angekündigt, wurde die Messe von Pfarrer Fechtenkötter zelebriert, und wenn es bei der Beurteilung der liturgischen Qualität einer Messe nur darum ginge, "Boxen zu checken", dann hätte diese gegenüber den Messen der beiden vorangegangenen Wochenenden durchaus ein paar Pluspunkte zu verzeichnen: Es gab ein gesungenes Hochgebet, gesungenes Vaterunser, die Liedauswahl war erheblich weniger NGL-lastig und alle Lieder waren passend zu ihrer liturgischen Funktion ausgewählt. Auf der Negativseite ist zu vermerken, dass der Pfarrer in Albe und Stola zelebrierte – das ist fast immer ein ausgesprochen schlechtes Zeichen –, vor allem aber, dass die 2. Lesung (Römer 8,28-30) weggelassen wurde. 

Die Kinder saßen in der ersten Reihe und benahmen sich anständig – bis ihnen auffiel, dass am Altar ein Spinnennetz hing, in dem eine Raupe um ihr Leben zappelte. Insbesondere unser Jüngster war sehr aufgebracht, dass wir ihm nicht erlauben wollten, die Raupe zu retten, und schließlich erbot sich die Mutter der Schulfreundin unserer Tochter (für die ich in Zukunft wohl eine griffigere Benennung brauchen werde, da sie wohl noch häufiger in meinen Wochenbriefings eine Rolle spielen wird), mit den Kindern in den benachbarten Bürgerobstgarten zu gehen, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Eine weitere Raupe krabbelte übrigens an der Stola des Pfarrers hoch, und es war vielleicht ganz gut, dass die Kinder nicht mehr mitbekamen, wie mitten in der Predigt der Lektor vortrat, um das Tierchen zu entfernen. 

Und die Predigt? Wenn ich sage, sie hatte "Wort zum Sonntag"-Niveau, dann hat das den enormen Vorteil, dass diejenigen, die diese Art von Predigt gefällt, das wahrscheinlich als Kompliment auffassen würden, während solche, denen dieser Predigtstil nicht zusagt, diese Einordnung als Kritik verstehen dürften. Bei diesem ambivalenten Urteil könnte man es vielleicht belassen, aber ich möchte doch zu Protokoll geben, dass ich fand, der Pfarrer tue dem Bibeltext (Matthäus 13,44-52, die Gleichnisse vom Schatz im Acker, von der kostbaren Perle und vom Netz mit den guten und den faulen Fischen) ein bisschen viel Gewalt an, um eine sozialverträgliche Wellness-Message aus ihm herauszuquetschen. Gerade wenn man bedenkt, dass Jesus im Evangelium die Deutung des Gleichnisses vom Netz mit den guten und den faulen Fischen gleich mitliefert und es auf das Ende der Welt bezieht und darauf, dass die Engel "die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen", muss man sich schon sehr wundern, was Pfarrer Fechtenkötter daraus macht – nämlich die Aufforderung, 

"die Augen sehr gut geöffnet zu halten und zu unterscheiden: wovon kann ich mich nähren, aber was schmeckt auch nicht oder was ist vielleicht sogar giftig, unbekömmlich, tut mir nicht gut. Und da sagt Jesus auch ganz klar: Das legt zur Seite, das sortiert weg, das braucht ihr nicht mitnehmen auf eurem Lebensweg, auf eurem Glaubensweg." 

Angesichts dieser Predigtpassage darf man wohl konstatieren, dass Pfarrer Fechtenkötter, bei allen schätzenswerten Eigenschaften, die er ansonsten haben mag, theologisch eher auf dem Boden des Moralistisch-Therapeutischen Deismus steht. Irgendwie muss ich in diesem Zusammenhang daran denken, was ein Theologieprofessor aus Tennessee, mit dem ich mich mal traf, um Bier zu trinken und über die #BenOp zu diskutieren, im Zuge dieses Gesprächs über den politischen Kommentator David French sagte: "He's a really nice guy, but, you see, that's part of the problem." 

Auch den beiden anderen Gleichnissen dieses Sonntagsevangeliums erging es in der Auslegung des Pfarrers nicht besser. Gerade denjenigen Aspekt, den diese beiden Gleichnisse offensichtlich gemeinsam haben – dass da jeweils jemand alles, was er besitzt, aufgibt, um den Schatz im Acker beziehungsweise die kostbare Perle zu erwerben –, kam in der Predigt kaum zur Sprache; eher konnte man den Eindruck haben, die Predigt lenke von diesem Aspekt ab. Fand der Pfarrer es allzu offensichtlich, um noch Worte darüber zu verlieren – oder eher zu radikal

Immerhin haben mich gerade die Mängel dieser Predigt, oder hat mich das Reflektieren über diese Mängel, daran erinnert, dass es einen Essay von Dorothy Day mit dem Titel "The Pearl of Great Price" gibt, und mich motiviert, diesen nachzulesen. Einen Auszug gibt's weiter unten als Geistlichen Impuls der Woche


Nichts los im Rat-Schinke-Haus? 

Etwas, das mir im diesjährigen Butjadingen-Sommerurlaub auffallend gefehlt hat, war die Anwesenheit von Jugendgruppen im Rat-Schinke-Haus, dem ehemaligen Burhaver Pfarrhaus, das seit 1988 als "Gemeinde- und Bildungshaus" genutzt wird. Als ich über meinen Ideen zum Thema "Guerilla-Urlauberseelsorge" brütete, hatte ich die Vorstellung, man könnte die dort untergebrachten Jugendlichen zu Lobpreisandachten einladen und daran anknüpfend eventuell noch weitere spirituelle Angebote für sie bzw. mit ihnen zusammen entwickeln, z.B. auch mal ein "Dinner mit Gott" für sie und mit ihnen veranstalten. Und nun waren gar keine da! – Es kann natürlich sein, dass noch welche kommen, nachdem wir schon wieder weg sind: Letztes Jahr waren wir ein paar Wochen später in Butjadingen im Urlaub, da war es schon Anfang August, als wir erstmals Jugendlichen begegneten, die im Rat-Schinke-Haus einquartiert waren – da handelte es sich um eine Messdienerfreizeit aus Emsdetten, und aus Gesprächen mit Gemeindemitgliedern erfuhr ich, das Haus sei "den ganzen August ausgebucht". Kann ja sein, dass das dieses Jahr wieder so ist. Vielleicht wird das Haus sogar nur im August an Gruppen vermietet? Das würde ich ja als eine ziemliche Vergeudung von Potential halten, aber mich fragt ja mal wieder keiner. 

Jedenfalls halte ich das Rat-Schinke-Haus – unter dem Vorbehalt, dass ich das Obergeschoss, wo sich die Schlafzimmer und die Gruppenküche befinden, seit der umfassenden Renovierung vor einigen Jahren noch nicht wieder betreten habe, aber vor Jahrzehnten war ich da mal auf einem Jugendwochenende, und das war super – für eine im Grunde unschätzbare Ressource dieses Kirchenstandorts; und nur damit hier keine Missverständnisse entstehen: Mit "Ressource" meine ich nicht "Einnahmequelle", sondern "etwas, womit man arbeiten kann". Vom Erzbistum Berlin aus würde es sich wohl wegen der Anfahrtskosten nicht lohnen, dort eine Jugendfreizeit oder dergleichen zu veranstalten, aber ich habe ja auch Leser, die näher dran wohnen – und wie ich aus sicherer Quelle weiß, sind darunter sogar ein paar, die im Bistum Münster im pastoralen Dienst tätig sind. Also, falls Ihr mal eine Location für eine Jugendfreizeit – oder meinetwegen auch für Exerzitien, Einkehrtage, Retreats oder wie auch immer Ihr es nennen wollt – sucht, könnte das Rat-Schinke-Haus etwas für Euch sein. Und wenn Ihr in der Sommerferienzeit dort seid, gebt mir Bescheid – vielleicht bin ich dann auch gerade in der Gegend, dann machen wir was zusammen! 


Die Sache mit dem Sand 

Wie an anderer Stelle schon erwähnt, waren wir am Dienstag zum (für diesen Sommer) vorletzten Mal beim Kirchenzelt-Bastelprogramm, und da wurden Windlichter mit Muscheln und Sand gestaltet. Etwas später, als wir an der Bushaltestelle saßen, weil wir nach Tossens fahren wollten, fiel das Windlicht des Tochterkindes durch ein Missgeschick um und gut die Hälfte des Sandes kippte aus. Wir redeten unserer Großen zu, statt zu versuchen, den verschütteten Sand vom Straßenpflaster aufzuklauben, solle sie sich lieber in Tossens am Strand eine Handvoll neuen Sand holen. 

Unterwegs betrachtete ich den im Glas verbliebenen Sand und stellte, an meine Liebste gewandt, fest: "Die haben natürlich den teuren Bastelsand genommen. Bezahlen wir ja nur mit unserer Kirchensteuer. Also, wir natürlich nicht, weil: anderes Bistum. Aber wenn die schon so nah am Strand sind, wieso holen die den Sand dann nicht von da?" Im nächsten Moment fiel mir auf bzw. ein, dass es in Butjadingen ja keinen natürlichen Sandstrand gibt und der Sand also extra aufgeschüttet werden muss – und das zahlen letztlich die Urlauber mit ihrem Gästebeitrag. Eine ganz gute gedankliche Übung in Sachen "Follow the Money", wie ich fand: Irgendwer bezahlt am Ende immer für den Sand. 

Die Muscheln, mit denen die Windlichter dekoriert wurden, waren übrigens auch künstlich, und da muss ich dann schon sagen, dass es die Individualität des Endprodukts, besonders aber auch die Erlebnisqualität der ganzen Bastelaktion erheblich erhöht hätte, wenn man die Kinder erst mal an den Strand geschickt hätte, um eigenhändig echte Muscheln zu sammeln. Meine Tochter findet das auch. 


Überall hat Gott Seine Leute 

An unserem letzten ganzen Urlaubstag in Butjadingen – also Mittwoch, dem Tag vor unserer Rückreise – fuhren wir vormittags nach Iggewarden, wo die Kinder Tiere streichelten und fütterten, während wir Erwachsenen Kaffee tranken und den Charme der Ungebung genossen. Von dort aus wollten wir weiter nach Tossens zum Friesenstrand, bekamen aber gerade noch mit, wie der Hofbesitzer mit anderen Gästen darüber sprach, dass am selben Tag ein Grillabend auf dem Hof anstand. Das überraschte uns, denn wir hatten am Anfang unseres Urlaubs schon mal auf die Website geschaut des Hofes geschaut und dort nur einen Grillabend-Termin vorgefunden, der uns leider gar nicht passte; aber inzwischen waren weitere Termine hinzugekommenen, und einer davon war just an diesem Tag. – Nun, wie ich schon anlässlich unseres Sommerurlaubs vor zwei Jahren schrieb: "Wer in Butjadingen Urlaub macht und nicht wenigstens einmal zum Grillbüffet auf Hof Iggewarden geht, der ist selber schuld"; wir fackelten also nicht lange, entschlossen uns, nach unserem Strandtag in Tossens noch einmal wieder hierherzukommen, und meldeten uns für 18 Uhr zum Grillbüffet an. 

Als wir wieder auf Hof Iggewarden eintrafen, waren bereits einige andere Familien dort, unter denen mir auf den ersten Blick eine Drei-Generationen-Familie mit zwei Hunden ins Auge fiel. Besonders bei der "mittleren Generation" dieser Familie – einem jungen Mann und seiner schwangeren Frau – hatte ich den Eindruck: Die schauen uns so freundlich an, da wäre es doch gelacht, wenn wir mit denen nicht noch ins Gespräch kämen. Abgesehen von ein paar beiläufigen Wortwechseln bei Begegnungen am Büffet dauerte es dann aber doch eine Weile, bis es dazu kam. Schließlich unternahmen unsere Kinder einen Anlauf, das Eis zu brechen – vorrangig der Jüngste, der hoffte, sich mit den Söhnen der Familie anfreunden zu können, von denen einer wohl etwa in seinem Alter und der andere nur wenig älter war. Da holte er sich aber eine ziemliche Abfuhr, denn die Jungs erwiderten übellaunig "Wir haben schon Freunde." Daraufhin entschuldigten sich die Eltern für die Schroffheit ihrer Kinder: Sie hätten einen aufregenden Tag hinter sich und seien jetzt einfach müde. An dem Vater war mir schon von Weitem ein Anhänger an einem Lederhalsband aufgefallen, der sich aus der Nähe als Kreuz-Taube aus Taizé erwies; seine Frau trug ebenfalls einen solchen Anhänger – und schon hatten wir ein Gesprächsthema. Im Zuge des Austauschs von Urlaubserlebnissen berichteten wir unseren neuen Bekannten auch von unseren Erfahrungen mit der Urlauberkirche, und der junge Mann reagierte darauf mit der bemerkenswerten Frage, ob wir bei uns zu Hause auch [sic] in der Gemeindearbeit tätig seien. Ich erzählte daraufhin, ich hätte geradezu die Ausbildung zum Gemeindereferenten begonnen und würde demnächst ein Fernstudium antreten; das fanden sie interessant und gut. – Die Familie kam übrigens aus Erfurt. Und dann trifft man sich – of all places, wie der Angloamerikaner sagt – auf Hof Iggewarden. What are the odds? Ich fand diese Begegnung jedenfalls auf eigentümliche Weise ermutigend – und fühlte mich wieder einmal an das in der Zwischenüberschrift zitierte Lied von Manfred Siebald erinnert, das ich später am Abend meiner Liebsten vorspielte. Bemerkenswert ist hier übrigens nicht zuletzt der Anfang der zweiten Strophe: "Mancher findet Gottes Leute / nicht, wo er sich auf sie freute". Was ja irgendwie auch zur Pfarrei St. Willehad und zur Urlauberkirche passt. 


Unpopuläre Gedanken zum CSD-Anschlag 

Kann man eigentlich nicht Terrorismus und Hassverbrechen verurteilen, die Opfer betrauern und den Hinterbliebenen Mitgefühl bekunden, ohne sich deswegen gleich mit der "queeren Community" zu solidarisieren? Ja, ich meine mit dieser Frage insbesondere Repräsentanten der katholischen Kirche. Nicht nur, weil solche Solidaritätsadressen leicht als peinliche Anbiederei 'rüberkommen und den Verdacht erwecken, letztlich nur der eigenen Imagepflege dienen zu sollen (der CSD stehe für "genau jene Werte, die wir als Caritas teilen und leben", ließ die Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka verbreitenim Ernst?); es stellt sich auch die Frage, wie weit man diese Identifikation mit den Opfern zu treiben bereit ist. Angenommen, nächste Woche wird ein Anschlag auf eine Wahlkampfveranstaltung der AfD verübt – sind wir dann plötzlich alle pro-AfD? Das wohl eher nicht. Aber wo soll man da die Grenze ziehen? 

"Das hat man doch bei Charlie Kirk gesehen", wirft meine Liebste ein. 

Stimmt auch wieder


Geistlicher Impuls der Woche 

Der Grund für unser Dasein ist es, Gott zu preisen, Gott zu lieben und Ihm zu dienen, und das können wir nur tun, indem wir unsere Brüder und Schwestern lieben. Das ist die große Wahrheit, die uns Gott erkennen lässt. Große Verbrechen, das ist wahr, sind im Namen der Bruderschaft der Menschen begangen worden, und das mag dazu beitragen, diese Wahrheit zu verdunkeln; aber wir müssen trotzdem darauf beharren, sie zu sagen. Wir müssen darauf beharren, diese Wahrheit zu sagen, weil Liebe der Grund für unser Dasein ist. Sie ist das, wofür wir alle leben, ob wir ein Gammler auf dem Time Square sind oder das frömmste Mitglied einer Gemeinde. Wir suchen das, wovon wir glauben, dass es gut für uns sei. Wenn wir es nicht besser wissen, dann oft deshalb, weil Radio, Zeitung, Presse und Kanzel es versäumt haben, uns entsprechend zu informieren. Wir lieben das, was uns zu lieben angeboten wird, und Gott wird uns kaum angeboten. Es ist heutzutage genauso schwer, Jesus im respektablen Christen zu erkennen wie im Mann aus den Elendsvierteln. 

(Dorothy Day, The Pearl of Great Price, in: Catholic Worker Juli/August 1953. Eigene Übersetzung.) 


Ohrwurm der Woche 

Peter Menger & Königskinder Hüttenberg: Schreit vor Freude 

Ein Highlight meiner Kinder-Lobpreis-Playlist, das ich ehrlich gesagt sträflich unterschätzt hatte, ehe es, der Zufallsauswahl sei Dank, in der ersten Woche des Urlauberkirchen-Programms mehrmals im Kirchenzelt lief. Mit seinem mitreißenden Schlagzeugpart und seinem kraftvollen, prophetisch anmutenden Text würde das Lied durchaus auch als "erwachsener" Lobpreis durchgehen, aber mit wie viel Power und Ausgelassenheit die Königskinder Hüttenberg es interpretieren, soll diesem Kinderchor erst mal jemand nachmachen. 


Vorschau/Ausblick 

Ziemlich klar ist, dass die Woche, die vor mir liegt, ganz im Zeichen der Religiösen Kinderfreizeit stehen wird. Weniger klar ist, wann ich überhaupt dazu kommen werde, das nächste Wochenbriefing zu schreiben, aber das wird man sehen – schlimmstenfalls lege ich Nachtschichten ein. Auf jeden Fall verspricht es ein besonderes und auf besondere Weise interessantes Wochenbriefing zu werden, denn während ich aus Gründen der Diskretion gegenüber den teilnehmenden Kindern, aber auch gegenüber den Mitarbeitern bei der Schilderung der Ereignisse bei dieser RKF wohl nicht allzu sehr werde ins Detail gehen können, ist auf der anderen Seite zu erwarten, dass es viel Stoff für Reflexionen geben wird. Mein persönlicher Anspruch an die RKF ist übrigens, dass sie in Hinblick auf geistliche Tiefe mehr 'rüberbringt als die Urlauberkirche in Butjadingen. Lassen wir das mal auf uns zukommen! 


Freitag, 31. Juli 2026

Gast in Deinem Zelt 2026 – Fazit und Ausblick

Es hatte sich ja schon im Vorfeld abgezeichnet, dass die Urlauberkirche in Butjadingen ein prägendes Thema des diesjährigen Sommerurlaubs werden würde; nun ist der Urlaub vorbei, und es gilt Bilanz zu ziehen. Im vorigen Jahr habe ich dies im Rahmen meines Wochenbriefings getan, aber diesmal möchte ich diesem Thema etwas breiteren Raum geben – und zwar schon bevor das nächste Wochenbriefing fällig wird, das die letzten Tage unseres Aufenthalts in Butjadingen abdeckt. 

Meine Liebste hat mich darauf aufmerksam gemacht, wie bezeichnend es ist, dass selbst die KI sich das Kirchenzelt sakraler vorstellt, als es in Wirklichkeit aussah.

Setzen wir mal an der Stelle wieder ein, an der wir im jüngsten Wochenbriefing chronologisch stehengeblieben waren: Dass wir am ersten Kinoabend der Urlauberkirche in Burhave teilnahmen, war eher zufällig: Am selben Tag waren nämlich eine Schulfreundin unseres Tochterkindes und deren Mutter – mit denen wir, wie an dieser Stelle schon mal verraten sei, ab demnächst zusammen in einem Haus wohnen werden – ebenfalls in Burhave angekommen und hatten am Strand ein Zelt aufgeschlagen, da keine andere Übernachtungsmöglichkeit mehr zu haben war. Hinsichtlich der Frage gemeinsamer Unternehmungen am Nachmittag und/oder Abend war zunächst eine Fahrt mit dem Ausflugsschiff Wega II angedacht gewesen, aber das verschoben wir dann auf Sonntag; die nächste Idee war, nach Tossens zu fahren, wo in der Konzertmuschel ein "Bibi Blocksberg"-Film gezeigt wurde, aber dann fanden wir, den Weg könnten wir und eigentlich sparen, wenn auf dem Burhaver Campingplatz ebenfalls ein Film gezeigt wurde – auch wenn wir nicht wussten, welcher Film das war: Öffentlich angekündigt wurde das nicht, und als wir die Frauen vom Kirchenzelt-Team trafen, erklärten sie, sie hätten sich den Filmtitel nicht gemerkt, aber es sei jedenfalls ein Animationsfilm. 

Da die Filmvorführung im Kirchenzelt erst um 19 Uhr begann, gingen wir vorher noch Pizza essen im Beachclub (den ich im vorigen Jahr als einen "neue[n] Lieblingsort für mich" erwähnt habe, wohingegen es in Butjadingen durchaus auch Leute gibt, die diese Lokalität für einen Schandfleck halten). Als wir dann beim Kirchenzelt ankamen, war es ziemlich gut besucht, wenn auch nicht unbedingt sensationell gut – ich zählte 22 Kinder, dazu einige Erwachsene. Der Diakon moderierte die Veranstaltung an und verriet nun auch, welcher Film gezeigt werden sollte – nämlich der Pixar-Film "Coco", der in Mexiko am "Dia de los Muertos" spielt. Der Diakon gab einleitend ein paar Erläuterungen zum Brauchtum dieses Fests und zu dessen Zusammenhang mit Allerheiligen bzw. Allerseelen ab und erklärte, man habe diesen Film ausgewählt, um zu zeigen, wie Allerheiligen und Allerseelen anderswo auf der Welt gefeiert werden. Diese Begründung für die Filmauswahl fand meine Liebste, wie sie mir zuraunte, "gar nicht so blöd"; und als ich mit einem gedehnten "Na jaaa" zu einem Einwand ansetzte, fügte sie hinzu: "Man müsste dazu natürlich sinnvolle Arbeitsmaterialien bereitstellen. Das wäre dann eher meine Aufgabe." 

Tatsächlich gefiel mir der Film, den ich bisher nur vom Hörensagen gekannt hatte, ausgesprochen gut; ich will hier nicht ausführlich die Handlung nacherzählen, aber man kann jedenfalls sagen, dass "Coco" in schönen Bildern und einer dramaturgisch gekonnt aufgebauten Handlung durchaus tiefgründig und anrührend über die Frage "Was bleibt vom Menschen nach dem Tod?", über Familienzusammenhalt und die Verwirklichung von Lebensträumen reflektiert. Nicht umsonst enpfiehlt Vision Kino, eine Initiative zur Film- und Medienbildung in der Schule, "Coco" unter anderem für die Verwendung im Religionsunterricht. – Ich ahne hier Einwände, etwa der Art, dass man Brauchtum des Dia de los Muertos Überreste heidnischen Ahnenkults erkennen könne, und das stimmt natürlich; allerdings sind diese – auch wenn das im Film nur in Ansätzen deutlich wird – durchaus in einen christlichen Kontext eingeordnet und "inkulturiert". Übrigens gab es prinzipiell ähnliche Bräuche rund um Allerheiligen und Allerseelen bis in die Neuzeit hinein durchaus auch in Europa, und auch die Ursprünge von Halloween – einem Fest, mit dem die Kinder heutzutage ja nahezu unvermeidlicherweise konfrontiert werden – gehören in diesen Zusammenhang. Solche Bräuche und die darin zum Ausdruck kommenden Jenseitsvorstellungen zum christlichen Verständnis des Lebens nach dem Tod bzw. der Auferstehung der Toten in Beziehung zu setzen und, wo nötig, zu problematisieren, könnte und sollte durchaus ein Bestandteil der "Nachbereitung" sein, wenn man diesen Film mit Kindern anschaut. – 

Kurz und gut, ich könnte mir durchaus vorstellen, den Film "Coco" etwa im Rahmen eines Religiösen Kindertags (RKT) zu Allerseelen zu zeigen und katechetisch aufzuarbeiten, und für diese Anregung bin ich dankbar (es ist, wohlgemerkt, schon die zweite dieser Art, die mir das diesjährige Kirchenzelt-Programm beschert hat; die erste bezog sich auf einen RKT zum Thema Himmelfahrt). Den Film aber ohne eine solche katechetische Aufarbeitung, nur mit ein paar einführenden Worten, "einfach so" zu zeigen, finde ich für eine kirchliche Veranstaltung dann doch etwas schwach, ja fast schon fahrlässig. Aber es passt natürlich zu dem Eindruck von Lustlosigkeit und Halbherzigkeit, den das Urlauberkirchen-Programm – mit Ausnahme der von unseren Freunden aus der neuapostolischen Gemeinde gestalteten Woche – insgesamt macht. 

In diesem Zusammenhang scheint mir erwähnenswert, dass wir am nächsten Tag am Friesenstrand in Tossens waren und dort, als wir gerade an der Imbissbude ein paar Teller Fritten verputzten, eine Frau an uns vorbeikam, die einen Sweater mit dem Logo der Urlauberkirche trug und demnach offenbar zum Tossenser Kirchenzelt-Team gehörte. Wir sprachen sie darauf an, aber von ihrer Seite kam nicht mehr dabei rüber als ein bisschen freundlich desinteressierter Smalltalk, dann ging sie weiter. Okay, sie hatte um diese Uhrzeit offenkundig "frei", war nicht "im Dienst"; aber ich würde schon sagen, an dieser Begegnung wird exemplarisch deutlich, dass die Urlauberkirche keinen missionarischen Ansatz hat – denn andernfalls hätte die Mitarbeiterin sich eine solche Gelegenheit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die von sich aus Interesse zeigen, sicherlich nicht entgehen lassen. Man könnte noch weiter gehen und sagen, auch unabhängig von der Frage nach missionarischer Gesinnung sei diese freundlich-desinteressierte Haltung, die ja genauso auch beim Burhaver Kirchenzelt-Team der zweiten Ferienwoche zu beobachten war, ein Indiz dafür, dass die Tätigkeit für die Urlauberkirche den Mitarbeitern kein Herzensanliegen ist, aber wenn ich das sage, ist bestimmt wieder jemand beleidigt. 

Da wir am Sonntag nach Fedderwardersiel fuhren, um, wie weiter oben schon erwähnt, mit dem Ausflugsschiff Wega II eine "Wattenmeerfahrt mit Netzfang" zu machen, hatten wir erst am Montag Gelegenheit, uns einen Eindruck davon zu verschaffen, wie das dritte Team das Vormittagsprogramm im Kirchenzelt gestaltete. Der erste Eindruck lautete: Das neue Team – das wiederum aus einer jungen und einer nicht mehr ganz so jungen Frau bestand – wirkte netter und den Kindern zugewandter als das der Vorwoche, dafür war aber das Bastelangebot noch simpler und einfallsloser, und außer Basteln wurde weiterhin überhaupt nichts geboten – keine Begrüßungsrunde, keine Spiele, keine Geschichte, keine Musik. Dazu wird weiter unten – im Gesamtfazit – noch mehr zu sagen sein, aber sprechen wir erst mal über das Bastelangebot am Montag: In der Programmankündigung hatte es geheißen, es sollten "Papierboote und Segelschiffe" gebastelt werden; das "und" in dieser Formulierung ließ, ebenso wie die (vermutlich KI-generierte) Illustration dazu, die Hoffnung aufkommen, man könnte dort womöglich schwimmfähige Holzboote bauen, aber tatsächlich wurden nur Papierboote gefaltet – die man auf Wunsch mit einem Eisstiel als Mast und einem Segel aus Moosgummi ausstatten und ansonsten nach Herzenslust dekorieren konnte. Das war alles. 

Die Folge war, dass unser Jüngster schon nach der Hälfte der Zeit keine Lust mehr hatte und mich überredete, lieber mit ihm auf den Spielplatz zu gehen. Meine Liebste und das Tochterkind hielten etwa zwanzig Minuten länger durch. Insgesamt ließen sich in der Zeit, die wir an diesem Vormittag im Kirchenzelt verbrachten, vielleicht zwölf bis 15 Kinder dort blicken, von denen allerdings einige noch deutlich kürzer blieben als wir. 

Unsere Motivation, am selben Tag auch noch zum Nachmittagsprogramm zu gehen – das am Montag unter dem Motto "Ankommen. Durchatmen. Urlaub genießen" stand ("Den Alltag loslassen, zur Ruhe kommen, den Urlaub bewusst erleben") –, hielt sich daraufhin ziemlich in Grenzen, zumal wir ja wussten, dass dieses Nachmittagsprogramm von dem unsympathischsten Urlauberkirchen-Team gestaltet wurde, das wir bisher (letztes und dieses Jahr) erlebt hatten; dafür zeigte unser Tochterkind plötzlich Interesse, am Abend zum Bingo zu gehen, aber es gelang uns, das Thema auszusitzen. – Am Dienstagvormittag sollten laut Programmankündigung Windlichter mit Sand und Muscheln gestaltet werden; das Tochterkind hatte Lust darauf, der Jüngste nicht. Also teilten wir uns auf: Meine Liebste ging mit dem Jüngsten auf den Spielplatz am Strand und ich mit der Großen zum Kirchenzelt. Wir kamen etwas zu früh dort an, das Zelt war noch zu; trotzdem waren wir nicht die ersten, die sich dort einfanden. Während wir auf das Team warteten, hatte ich den Gedanken, es sei schade, dass ich unsere mobile Lautsprecherbox nicht dabei hatte, denn sonst hätte ich für uns und die anderen Wartenden schon mal Musik anmachen können. Tatsächlich brachten die Teamerinnen, als sie dann kamen, die zur Urlauberkirchen-Ausstattung gehörende Box mit und machten Musik an. Was für Musik? Nun, es ging los mit dem beliebten Kindergottesdienst-Lied "Wir feiern heut ein Fest", das auch während der ersten Kirchenzelt-Woche regelmäßig zu hören gewesen war, aber danach kamen erst mal nur noch KiTa-Klassiker wie "Aramsamsam", "Händewaschen, Händewaschen muss ein jedes Kind", "Die Tante aus Marokko" oder "Die Maus auf Weltraumreise", dazu ein paar "Greatest Hits" von Volker Rosin, dem König der Kinderdisco ("Fliegerlied", "Das Lied über mich" u.a.). Ich komme noch darauf zurück, aber erst mal war das besser als gar keine Musik – es sorgte unmittelbar für bessere Stimmung. Den sechs Kindern, die schon zu Beginn der Veranstaltung da waren, wurde eine Begrüßungsmoderation zuteil, in der auch (kurz und eher oberflächlich, aber immerhin) auf das Tagesmotto "Gott schenkt Licht im Sturm" eingegangen wurde; auch die später dazukommenden Kinder (es waren insgesamt wohl wieder zwölf bis fünfzehn) wurden freundlich und, soweit die Teamerinnen sie schon kannten, namentlich begrüßt; die Teamerinnen unterhielten sich auch einzeln mit den Kindern, ermunterten sie, etwas über sich zu erzählen, und das Windlichter-Gestalten machte offenkundig Spaß und erzielte sehenswerte Ergebnisse. 

Wenn ich sage, insgesamt erreichte dieser Kirchenzelt-Vormittag in etwa das Niveau der zweiten und dritten Ferienwoche des Vorjahres, ist das wohl kein besonders großes Lob, aber immerhin eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vortag und erst recht gegenüber der Vorwoche, und man soll ja auch für kleine Dinge dankbar sein. Das Tochterkind sagte sogar ungerührt zu der jüngeren der beiden Teamerinnen, es sei "doch kein Fehler" gewesen, hier herzukommen. 

Aber noch einmal zurück zur Musikauswahl: Schon letztes Jahr im Kirchenzelt, und dann z.B. auch beim Kinderfasching in St. Bernhard Tegel-Süd, ist mir eine irritierende Nähe bzw. unscharfe Abgrenzung zwischen kommerziellen Kinderliedern und Sauf-und-Bums-Schlagern à la Ballermann aufgefallen. In diesem Zusammenhang habe ich bereits zu Protokoll gegeben, dass Helene Fischers "Atemlos" auch in einer Coverversion von Simone Sommerland und den Kita-Fröschen auf dem Markt ist; was ich nunmehr um die Information ergänzen darf, dass Simone Sommerland und die Kita-Frösche auch "Cowboy und Indianer" von Olaf Henning gecovert haben. Du musst jetzt ganz tapfer sein, Leser: Im diesem Lied geht es um Rollenspiele beim Sex. Aber klar, wenn man keine Anspielungen versteht, kann man auch denken, der Text eigne sich für ein Kinderlied. Duh

Abgesehen von diesem Ausrutscher war die Playlist im Kirchenzelt aber harmlos – zu harmlos, könnte man geneigt sein zu sagen. Als ich mich mit meinem Tochterkind über die Musikauswahl unterhielt und dabei anmerkte, das sei halt "einfach eine Playlist mit KiTa-Liedern", bekam die ältere Teamerin das offenbar mit und verstand es wohl so, dass meiner Großen die Musik zu langweilig sei, jedenfalls wechselte sie kurz darauf zu einer Playlist mit eher HipHop-orientierten Liedern der Gruppe Giraffenaffen. Wir gingen trotzdem ziemlich bald, nachdem das Windlicht fertig war. 

Am Nachmittag hätte es im Kirchenzelt allen Ernstes einen "maritime[n] Beauty-Workshop" gegeben, bei dem man "Peeling, Fußbad und Gesichtspulver" selbst herstellen können sollte; das fand ich so bizarr, dass ich fast Lust gehabt hätte, da mal hinzugehen, aber wir fuhren dann doch lieber nach Tossens an den Strand. – Am Mittwoch war im Kirchenzelt zwar Pausentag, aber dafür sollte am Nachmittag vor oder hinter dem Atrium eine Geschichte vorgelesen werden – womit offenbar die Gutenachtgeschichte, die von den Anfängen der Strandkorbkirche (damals unter dem Namen "Sandmännchen") bis vor wenigen Jahren fester Bestandteil der kirchlichen Urlauberbetreuung in Butjadingen gewesen war, in veränderter Form wieder aufgegriffen werden sollte. Es hätte mich ja schon interessiert, was für eine Geschichte da wohl vorgelesen wurde, aber angesichts des hochsommerlichen Wetters gaben wir dann doch einem weiteren Strandtag in Tossens den Vorzug. 

Am Donnerstag war dann schon unser Rückreisetag, aber da wir zwischen dem Räumen der Ferienwohnung und dem Mittagessen bei meiner Mutter noch etwas Zeit zu überbrücken hatten, schickten wir dir Kinder erst mal allein ins Kirchenzelt, wo laut Programmankündigung "Anker-Schlüsselanhänger und Ankerbilder" gebastelt werden sollten, und setzten uns mit unserem schweren Gepäck in die Tourist-Info. Als ich nach rund einer halben Stunde mal beim Kirchenzelt nach dem rechten schaute, fand ich es so gut besucht, wie ich es diesen Sommer – außer beim Filmabend – noch nicht erlebt hatte: Ungefähr 20 Kinder waren da, dazu einige Erwachsene; es wurde eifrig gebastelt, und im Hintergrund liefen die Giraffenaffen. Als ich nach einer weiteren Stunde wiederkam, um zu schauen, ob den Kindern noch nicht langweilig ist, waren allerdings nur noch acht Kinder übrig, und nachdem die Giraffenaffen-Playlist zu Ende war, wurde wieder dieselbe KiTa-Lieder-Playlist abgespielt wie am Dienstag. Insgesamt also keine bahnbrechenden neuen Eindrücke. 

Insgesamt waren wir in diesen Sommerferien somit zehnmal zum Vormittagsprogramm im Kirchenzelt – fünfmal beim ersten Team, beim zweiten nur zweimal, beim dritten dreimal – und damit im Ganzen zweimal öfter als im vorigen Jahr; dagegen waren wir beim neu eingeführten Abendprogramm nur einmal und beim ebenfalls neuen Nachmittagsprogramm überhaupt nicht. Fragen wir uns auf dieser zugegebenermaßen lückenhaften empirischen Basis trotzdem: Was, abgesehen vom neuen Logo (meine Kinder fanden das alte übrigens "irgendwie netter"), hat sich bei der Urlauberkirche in Butjadingen denn nun seit letztem Jahr verändert? Wenn man mich fragt, ob das Angebot der Urlauberkirche heuer insgesamt besser oder schlechter fand als letztes Jahr, dann muss ich ehrlicherweise sagen: teils-teils. Das, was ich letztes Jahr schon gut fand, ist tendenziell noch besser geworden, manches Schlechte noch deutlich schlechter, auch wenn ich das vor einem Jahr kaum für möglich gehalten hätte. Und was an neuen Angeboten hinzugekommen ist, die es im vorigen Jahr noch nicht gab, war zum größten Teil verzichtbar bis ärgerlich. Dieses Urteil gilt es natürlich noch genauer auszudifferenzieren, aber erst einmal ist festzuhalten: Das Gefälle zwischen dem Guten und dem Schlechten ist größer geworden. 

Zum Teil mag dieser Eindruck natürlich auf Zufall beruhen, schließlich geht das Vormittagsprogramm im Kirchenzelt nach unserer Abreise noch vier Wochen weiter (das Nachmittags- und Abendprogramm indes nur noch eine Woche), und da wohl im Wesentlichen jedes Jahr dieselben Teams an der Programmgestaltung beteiligt sind, nur nicht unbedingt in derselben Reihenfolge, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Teams, die wir voriges Jahr in unserer zweiten und dritten Urlaubswoche erlebt haben, dieses Jahr auch noch kommen – umgekehrt jedenfalls waren das zweite und das dritte Team der diesjährigen Saison letztes Jahr auch schon da, nur eben außerhalb unserer Urlaubszeit. Indes wirft gerade der Umstand, dass jedes Jahr im Wesentlichen dieselben Teams bei der Urlauberkirche mitmischen – und dabei insbesondere der Umstand, dass gerade das Team, dessen Angebot eindeutig das schlechteste war, schon zum achten Mal in Folge dabei war – die Frage auf, ob es eigentlich gar keine interne Qualitätskontrolle gibt. – Es geht hier wohlgemerkt nicht nur darum, dass ich grundsätzlich einen anderen Anspruch an Urlauberseelsorge habe – dazu habe ich ja schon allerlei gesagt und werde auch nochmals darauf zurückkommen –; vielmehr war das, was insbesondere das zweite Kirchenzelt-Team im Vormittagsprogramm ablieferte, auch nach den Maßstäben der Veranstalter einfach schlecht. Wenn man sich anzuschaut, wie das Kirchenzelt-Programm im Leuchtturm-Magazin angekündigt wurde, und das mit der Realität der zweiten Ferienwoche abgleicht, ergibt sich folgendes Bild: 

"Im Kirchenzelt wird gesungen, gebastelt, Geschichten gehört, gespielt, geklönt, sich getroffen, neue Menschen kennen gelernt etc., eben alles, was den Urlaub bereichert."

Und in der dritten Woche war das auch nur graduell anders. – Sagen wir's zur Sicherheit noch einmal ganz deutlich: Dagegen, dass im Kirchenzelt gebastelt wird, ist – auch wenn ich persönlich schon als Kind nie besonders viel Lust zum Basteln hatte – grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden, die Kinder (also sowohl meine als auch die anderen, die ins Kirchenzelt kommen) finden das meistens durchaus gut. Die Probleme fangen aber schon damit an, dass das Bastelprogramm in der Regel nicht ausreicht, um die Dauer der Veranstaltung (zwei Stunden!) sinnvoll auszufüllen; in Verbindung damit, dass es oft keine förmliche Eröffnung und keinen förmlichen Abschluss des Programms gibt, führt das dazu, dass es keine Motivation gibt, die ganze Zeit dazubleiben; wenn die Kinder aber einfach irgendwann kommen, so lange bleiben, bis sie mit ihrer Bastelarbeit fertig sind, und dann wieder gehen, entsteht kein Gemeinschaftserlebnis. Damit ist der Großteil dessen, was das Kirchenzelt-Programm der oben zitierten Passage aus dem Leuchtturm-Magazin zufolge angeblich leisten soll, schon mal so ziemlich zum Scheitern verurteilt. Was natürlich umso mehr gilt, wenn das Team ersichtlich gar kein Interesse daran hat, mehr oder Anderes als "betreutes Basteln" anzubieten. 

Übrigens fällt es auf, dass außerhalb des Campingplatzes und seiner unmittelbaren Umgebung kaum für das Urlauberkirchen-Programm geworben wird – nicht einmal in der Kirche, etwa durch ein Plakat im Schaukasten oder Flyer im Eingangsbereich; könnte das vielleicht darauf schließen lassen, dass ohnehin nicht damit gerechnet wird, dass die Zielgruppe der Urlauberkirche in den Gottesdienst kommt? Das zieht natürlich die Frage nach sich, was für eine Zielgruppe das Angebot überhaupt hat. Diesbezüglich ist mir aufgefallen, dass verhältnismäßig viele Kinder, die wir schon im vorigen Jahr im Kirchenzelt getroffen hatten, wieder dabei waren und/oder dass die Teamer sie schon aus früheren Jahren kannten. Ein bisschen drängt sich da der Eindruck auf, die Teilnehmer rekrutierten sich ebenso wie die Teams aus einem recht überschaubaren "Pool" von Familien mit ähnlichen Vorstellungen und Interessen. Und dafür wird der ganze Aufwand betrieben? – Ein bisschen sarkastisch-polemisch zugespitzt könnte man sagen, gerade so sei die Urlauberkirche repräsentativ für den post-volkskirchlichen Normalbetrieb, für den es insgesamt alles andere als untypisch sei, dass der Löwenanteil der Ressourcen für die Interessen einer sehr eng eingegrenzten Zielgruppe aufgewendet wird – man frage nur mal Erik Flügge. Aber ein bisschen weh tut es schon, wenn extra ein neues Logo designt wird (woraufhin natürlich sämtliche Fahnen, Beachflags, Aufsteller, Autoaufkleber usw. ausgetauscht werden müssen), T-Shirts und Kapuzenpullis für die Teamer angefertigt werden und so viele Bastelmaterialien angeschafft werden, dass neben dem Veranstaltungszelt ein gleich großes Materiallager-Zelt aufgebaut werden muss, und am Ende bastelt man doch nur mit denselben Kindern wie im letzten Jahr denselben Tinnef wie im letzten Jahr. 

So gesehen ist es dann auch nicht verwunderlich, dass das Programm nicht besser ist, als es nun mal ist: Um den Zweck zu erfüllen, auf den es offenbar ausgerichtet ist, braucht es nicht besser sein. Oder andersherum ausgedrückt, wenn es bei unveränderter konzeptioneller Ausrichtung qualitativ besser wäre, wäre es trotzdem zu nichts anderem gut als dazu, den Kindern von Leuten, die sich der Institution Kirche noch irgendwie verbunden fühlen, an religiösen Inhalten aber eher mäßig interessiert sind, "positive Erlebnisse im Zusammenhang mit Kirche" zu ermöglichen. Im Idealfall trägt das dazu bei, dass diese Kinder, wenn sie groß sind, nicht aus der Kirche austreten und ihre eigenen Kinder auch wieder taufen und zur Erstkommunion gehen lassen. Das ist Bestandskundenpflege auf niedrigstem Niveau. 

Es ist wohl recht vielsagend, dass von den insgesamt fünf Urlauberkirchen-Teams, die wir in diesem und im vorigen Sommer erlebt haben, nur eins diesen konzeptionellen Rahmen überschritten und signifikant mehr als "betreutes Basteln" angeboten hat. Das betrifft einerseits die Überzeugung, dass ein Kinderprogramm, das sich explizit als kirchlich zu erkennen gibt, seinen Teilnehmern getrost katechetische Inhalte (in altersgerechter Darbietung natürlich) zumuten darf; es betrifft aber auch und nicht zuletzt die Struktur des Programms: Die Kinder bekommen Namensschilder, damit man sie namentlich ansprechen kann; es gibt eine allgemeine Begrüßung, Spiele, bei denen die Kinder miteinander interagieren "müssen", einen katechetischen "Erzählteil", in den die Kinder mit ihrem Wissen aktiv einbezogen werden, und dann wird gebastelt – wobei die jeweilige Bastelarbeit einen nachvollziehbaren Bezug zum Thema der Katechese hat und somit zu deren Vertiefung dienen kann. – Es war ein Glücksfall, dass gerade dieses Team sowohl letztes als auch dieses Jahr innerhalb unserer Urlaubszeit "im Dienst" war; und ich hatte den Eindruck, dass ihr Programm in diesem Jahr noch besser durchdacht und strukturiert war als im Vorjahr, obwohl es mir auch da schon gut gefallen hatte. Das war es hauptsächlich, was ich weiter oben mit der Einschätzung meinte, das Gute am Urlauberkirchen-Programm sei tendenziell noch besser geworden. – Jedenfalls sieht man hier, wie man den von den Veranstaltern vorgegebenen Rahmen inhaltlich füllen und ausgestalten kann, ohne ihn komplett zu sprengen; das ändert jedoch nichts an dem Gesamteindruck, dass eine katechetische und/oder spirituelle Ausrichtung der Urlauberkirchen-Angebote von Veranstalterseite gar nicht gewollt ist. Oder anders ausgedrückt – wie besonders das Nachmittagsprogramm zeigt, das ja vorrangig geeignet wäre, auch Jugendliche, junge Erwachsene und Familien anzusprechen –, wir haben es da mit Leuten zu tun, deren Vorstellung von "Spiritualität" nicht über Wellness-, Beauty- und Kreativangebote hinausgeht.  (Ich hatte diesen Artikel schon so gut wie fertig, da erreichte mich die Information, dass in der kommenden Woche im Nachmittagsprogramm in Burhave u.a. Qi Gong angeboten wird. Noch Fragen?)

Gleichzeitig muss man einräumen, dass auch unser "Gegenprogramm" – das intentional ja eigentlich gar kein Gegenprogramm sein sollte, sondern eine Ergänzung, aber angesichts des angesprochenen fundamentalen Gegensatzes zwischen "Bestandskundenpflege" und "Neuevangelisierung" letztendlich wohl doch ein Gegenprogramm war – ein paar Nummern kleiner ausgefallen ist, als ich es mir vorgestellt oder gewünscht hätte: Unterm Strich blieben da nur zwei Lobpreisandachten im Bürgerobstgarten und die Mitgestaltung der Musikauswahl in der ersten Kirchenzelt-Woche. Während ich diese Aktionen als durchaus gelungen betrachte, denke ich mir doch, es wäre eigentlich noch mehr drin gewesen – angedacht war ja z.B. "Kinderwortgottesdienst auf dem Spielplatz am Strand, ggf. mit Kinderlobpreisdisco". Hätte man wahrscheinlich mit wenig Aufwand hinbekommen können; dafür, dass es dazu trotzdem nicht gekommen ist, könnte man eine Reihe von Gründen anführen (zu denen ehrlicherweise auch gehört, dass wir ja schließlich auch Urlaub machen wollten), aber die Ideen, die wir dazu hatten, sind ja "nicht weg" und können zu einem späteren Zeitpunkt, mit besserer Planung und gründlicherer Vorbereitung, wieder aufgegriffen werden. Dass wir kaum eine Möglichkeit hatten, effektiv für unsere Angebote zu werben – außer über Facebook was recht gemischte Ergebnisse brachte –, ist auch ein Erfahrungswert, aus dem man fürs nächste Mal lernen kann. Man könnt' zum Beispiel Flyer erstellen (und ggf. ein paar Plakate, bei denen man dann gucken müsste, wo wir die aufhängen dürfen); drucken könnte man die natürlich einfacher und auch billiger in Berlin als vor Ort, aber wenn man die Veranstaltungstermine nicht so lange im Vorfeld festlegen will oder kann, kann man im Flyerdesign ja ein Feld freilassen, in das man Datum und Uhrzeit handschriftlich eintragen kann. Ein besseres Flyerdesign als die von der Urlauberkirche dafür verwendete KI kriegen wir allemal hin. Eine weitere gute Werbemaßnahme wäre es, meine Gitarre in den Urlaub mitzunehmen, aber das ist natürlich eine Frage der Transportkapazität. Und schließlich und vor allem müsste insbesondere ich wohl einfach mutiger werden und gezielt Leute ansprechen, die ich nicht kenne oder gerade erst kennengelernt habe. Damit tue ich mich immer noch etwas schwer, aber ich arbeite dran. 

Wenn man in Betracht zieht, dass wir nicht nur ohne institutionelle Unterstützung, sondern geradezu gegen institutionelle Widerstände arbeiten mussten, würde ich sagen, unter dem Strich war das, was wir abgeliefert haben, für einen ersten Versuch ganz ordentlich. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass wir es im nächsten Jahr weniger mit institutionellen Widerständen zu tun bekommen werden – vielleicht sogar eher im Gegenteil –, aber mit den Erfahrungswerten aus diesem Sommer im Rücken können wir die Aktion "Guerilla-Urlauberseelsorge" im nächsten Jahr besser planen und vorbereiten. Umso mehr, als ich bis dahin auch noch weitere Erfahrungen mit RKF, RKT usw. gesammelt und zwei Semester "Angewandte Theologie" im Fernstudium auf dem Buckel haben werde. Ich würd mal sagen: Es bleibt spannend! 


Dienstag, 28. Juli 2026

Dokumente meiner ersten Fundi-Phase (1): Glauben im Kreuzfeuer der Zeit

Im Sommer 1990 war ich 14 Jahre alt und hatte gerade das 8. Schuljahr hinter mich gebracht; was bedeutete, dass nach den Sommerferien das 9. Schuljahr auf mich wartete. Das mag banal klingen, aber damals war es – zumindest in meinem Heimatstädtchen, und zumindest für Gymnasiasten – üblich, in der 9. Klasse einen Tanzkurs zu belegen. Und vor den Ferien hatte ich meinen Mut zusammengenommen und die blondgelockte Klassenprinzessin gefragt, ob sie bei diesem Kurs meine Tanzpartnerin sein wolle. Ziemlich wagemutig von mir, zugegeben; aber aus Büchern und Filmen hatte ich gelernt, dass solcher Mut belohnt wird. Immerhin hatte ich keine direkte Abfuhr kassiert, sondern die Holde hatte mir gesagt, sie werde es sich überlegen. Rückblickend würde ich sagen, sie hielt mich hin, um ihre überlegene Position auszukosten; aber damals war alles, was ich verstand: "Es gibt also eine Chance!" Und was macht man da als gläubig und kirchennah aufgewachsener Jugendlicher? Man betet. Und zwar inständig

Ich habe nicht die Absicht, mich über mein 14-jähriges Ich lustig zu machen. Beim Wiederlesen meiner damaligen Tagebucheinträge drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die Nichterhörung meiner diesbezüglichen Gebete eine durchaus bedeutsame Wegmarke meiner persönlichen Glaubensbiographie darstellt. Unmittelbar bevor ich – am 18. August – das Girl meiner Träume anrief, um sie "noch einmal nach dem Tanzkurs zu fragen", war ich nämlich noch "ziemlich zuversichtlich", und zwar explizit deshalb, weil "ich so unablässig gebetet hatte". Dass ich bei diesem Telefonat dennoch eine ziemlich kaltschnäuzige und schmerzhafte Abfuhr erhielt, warf natürlich Fragen theologischer Natur auf: 

"Hatte ich nicht gebetet? Warum hatte es nicht geklappt? Doch auf einmal merkte ich: Verdammt nochmal, es war alles mein Fehler. Ich hatte [A.] völlig falsch eingeschätzt. Ich hatte geglaubt, sie wäre ein nettes Mädchen. Irrtum. Ich hatte geglaubt, sie zu lieben, aber dazu hätte ich sie erst mal richtig kennen müssen. Kurz gesagt: Nicht Gott hatte einen Fehler gemacht, weil er meine Bitte nicht erfüllt hatte, sonderl ich, weil ich um das Falsche gebeten hatte." 

Wie gesagt, ich war vierzehn; und den Film "Bruce Allmächtig", der mich über das Problem des Freien Willens hätte belehren können (schlicht gesagt: Gott erfüllt das Gebet eines Menschen nicht dadurch, dass er einen anderen Menschen gegen dessen Willen zu etwas zwingt), gab es noch nicht. Aber die Erkenntnis, dass Gott kein magischer Wunscherfüllungsautomat ist und Beten etwas anderes ist, als einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann zu schreiben, war zweifellos bedeutend für mich. Und der Eindruck, dass mein Glaube durch dieses Erlebnis nicht nur nicht erschüttert, sondern offenbar sogar gestärkt wurde, wird unterstrichen dadurch, dass ich in der darauffolgenden Woche sehr eifrig an einer Veranstaltungsreihe der Ostfriesischen Zeltmission unter dem Motto "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit" teilnahm, die, wie es sich fügte, just am Tag nach dem schicksalhaften Telefonat begann. 

(Symbolbild) 

Wie ich in einem früheren Beitrag schon erwähnt habe, unterhielt das Geistliche Rüstzentrum Krelingen damals ein Gästehaus in meinem Heimatdorf Burhave; ebenfalls bereits erwähnt habe ich in diesem Zusammenhang, dass "die Krelinger" bei den Dörflern im Verdacht standen, "eine Sekte" zu sein, dass meine Geschwister und ich aber in den Sommerferien gern zu dem von ihnen veranstalteten Kinderprogramm am Strand gingen. Bei der Veranstaltungsreihe "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit" im Sommer 1990 handelte es sich um eine Kooperation zwischen GRZ Krelingen und Ostfriesischer Zeltmission, und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hatten die Ostfriesen ihr großes Veranstaltungszelt nicht etwa am Strand, sondern im Garten des Gästehauses aufgebaut. 

Die erste Erwähnung dieser Veranstaltungsreihe in meinem Tagebuch dreht sich darum, dass meine Schwester, zusammen mit der Schwester einer Klassenkameradin von mir, die der Nordenhamer Baptistengemeinde angehörte, angeworben worden war, bei einigen Abendveranstaltungen Klavier zu spielen. Am ersten Abend der Veranstaltungsreihe war zwar "keine von beiden mit Spielen dran", sie gingen aber trotzdem hin, und ich kam mit. "Wir wurden von einem großen, freundlichen Mann in Empfang genommen, Hans-Eckart Barkholz, dem Leiter des Krelinger-Freizeitheims in Burhave." Anders als bei einigen anderen Protagonisten der Veranstaltungsreihe, die ich noch erwähnen werde, habe ich mit Hilfe von Google nicht herausfinden können, was aus diesem "großen, freundlichen Mann" geworden ist; erinnerlich ist mir indes, dass Barkholz (der sich allerdings möglicherweise "Bargholz" schrieb) ein oder zwei Jahre später von seinem Posten abgelöst wurde und dass man ihm nachsagte, er habe in dem ohnehin schwierigen Verhältnis zwischen den "Krelingern" und der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde "viel Porzellan zerschlagen"

Beim Programm des ersten Abends jedenfalls agierte Bark- oder Bargholz als Moderator, und "[e]in junger Mann namens Uwe gab Zeugnis", d.h. "er erzählte von seiner früheren Spielsucht und wie er zum Glauben gefunden hatte". Bei diesem jungen Mann handelte es sich um Uwe Heimowski, der später – von 2016 bis 2022 – Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz beim Bundestag und bei der Bundesregierung wurde. Damals hatte er gerade ein autobiographisches Buch mit dem Titel "Im Land der drei Sonnen – Mein Weg aus der Spielsucht" veröffentlicht, und ich weiß nicht mit Sicherheit zu sagen, ob er meiner Schwester, die von ihm zutiefst beeindruckt war, anlässlich der Zeltmissions-Veranstaltung ein Exemplar des Buches schenkte oder ob sie es sich kaufte. Woran ich mich hingegen noch sehr genau erinnere, ist, dass meine Schwester dieses Buch einige Zeit später unserem eher "liberalkatholischen" gemeinsamen Religionslehrer auslieh und dieser daraufhin einen Auszug daraus für eine Religionsklausur verwendete. 

Nicht mehr identifizieren kann ich den "auch noch recht junge[n] Mann namens Wolfgang", der an diesem Abend Klavier spielte und der, ebenso wie Uwe, in den Tagebuchaufzeichnungen der folgenden Tage noch weiterhin eine Rolle spielte; den Hauptvortrag des Abends hielt Pastor Johann Ubben – damals Mitarbeiter im GRZ Krelingen, später Leiter des Diakonissenmutterhauses Bad Harzburg – zum Thema "Wenn einer immer nur nimmt, hat der am Ende mehr?"; inhaltlich habe ich zu diesem Vortrag nichts festgehalten, aber man kann sich ja vorstellen, wie die im Titel gestellte rhetorische Frage beantwortet wurde. Jedenfalls notierte ich: "Die Predigt gefiel mir außerordentlich gut. Es wurde noch gesungen und gebetet, zum Schluss wurd den Gästen noch Tee angeboten" – wie es sich bei Ostfriesen gehört. 

Am nächsten Tag – dem 20. August, einem Montag – ging ich nicht zur Zeltmission, aber meine Schwester meinte, dies sei "ein großes Versäumnis" gewesen, also ging ich am Dienstag wieder hin. Ein bemerkenswertes Detail meines Tagebucheintrags lautet: "Wegen des Sturms war das Zelt gestern abgebaut worden, also fand die Veranstaltung im Haus statt." Nicht minder interessant ist, dass meine Schwester ein weiteres Mädchen aus der katholischen Gemeinde, das vom Alter her irgendwo zwischen ihr und mir lag, zum Mitkommen "überredete" – "und siehe da, es gefiel ihr. Mir sowieso." Am Ende des Eintrags findet sich indes der bezeichnende Hinweis, dieses Mädchen – das übrigens trotz des Altersunterschieds in meinem Firmkurs war; es gab einfach nicht genug Kinder und Jugendliche in der Gemeinde, um jedes Jahr Erstkommunion oder Firmung zu feiern – habe sich daran gestört, dass "so viel gebetet worden" sei, "aber sonst gefiel es ihr gut". Wieder gab es vor dem Hauptvortrag ein Zeugnis, diesmal von einem ortsansässigen Polizeibeamten ("Eigentlich merkwürdig, dass ich den Mann vorher gar nicht kannte"); Hauptredner dieses Abends war der Studienleiter des GRZ Krelingen, Dr. Joachim Cochlovius, den wir, wie schon mal erwähnt, aus früheren Jahren vom Kinderprogramm der Krelinger-Strandmission her kannten, und das Thema lautete "Ehe". Ich notierte: "Dr. Cochlovius fiel mir als guter Redner auf, auch wenn ich nicht allen seinen Aussagen zustimmen konnte" – schön wär's aus heutiger Sicht, ich hätte dies etwas präziser ausgeführt, denn über 30 Jahre später kann ich mich an keine Einzelheiten des Vortrags mehr erinnern. 

Interessant ist jedenfalls auch die Erwähnung des "schon etwas älteren, aber sehr fidelen 'Oberostfriesen' Onkel Klaas" – Klaas Aeilts, der Begründer der Ostfriesischen Zeltmission, der damals 65 Jahre alt war und sieben Jahre später verstarb. Mit dessen Sohn Matthias unterhielten meine Schwester uns nach dem Vortrag, und ich notierte, dieser sei offenbar "ein totaler Katholikengegner" – "z.B. warf er Katholiken mit Adventisten und Zeugen Jehovas in einen Pott", womit vermutlich gemeint war, dass er der katholischen Kirche ebenso wie diesen Sekten "unbiblische" Sonderlehren vorwarf. Das wäre ja ein Niveau von Antikatholizismus, das in evangelikal-pietistischen Kreisen nicht gerade ungewöhnlich ist, aber damals war es für mich offenbar eine neue und einigermaßen irritierende Erfahrung, Leuten zu begegnen, die meinen, Katholiken seien keine richtigen Christen. Darauf wird noch zurückzukommen sein. 

Über die Veranstaltungen vom Mittwoch und Donnerstag ist meinem Tagebuch nichts zu entnehmen, möglicherweise war ich also nicht da; aber übers Wochenende kam mein Bruder zu Besuch, der damals in Braunschweig studierte. Ohne in ungebührlichem Ausmaß Familien-Interna ausplaudern zu wollen, ist es doch für den Kontext wichtig zu erwähnen, dass er dort Anschluss an die seinerzeit (ob es heute immer noch so ist, weiß ich nicht) an der Braunschweiger TU sehr präsenten Baptisten gefunden hatte; insofern, als dieser Umstand dazu führte, dass in meiner Familie – in der bis dahin eher jene unaufgeregte Selbstverständlichkeit des volkskirchlichen Katholizismus geherrscht hatte, die beispielsweise Alina Rafaela Oehler vom Communio-Magazin so sehr schätztmehr und kontroverser über religiöse Themen debattiert wurde als zuvor, war dies zweifellos ein auslösender Faktor für meine "erste Fundi-Phase", wie ich sie im Rückblick so gern nenne. Dazu wird vermutlich noch mehr zu sagen sein; auf jeden Fall ist es vor diesem Hintergrund wohl wenig überraschend, dass mein Bruder am Samstag zum Programm der Zeltmission mitkommen wollte, das an diesem Tag zusätzlich zur Abendveranstaltung auch einen "Familiennachmittag" einschloss. Als wir uns dort zu dritt und "mit Buttermilchkuchen im Gepäck" einfanden, "spielte Barkholz mit kleinen Kindern, und sonst war nicht viel los"; meine Schwester wollte die Gelegenheit nutzen, meinem Bruder "das Haus", also das Gästehaus der "Krelinger", zu zeigen. Dabei trafen wir den Polizisten, der am Dienstagabend Zeugnis gegeben hatte, und dieser zeigte uns, "wo Uwe und Wolfgang wohnten". Wolfgang schlief allerdings gerade, aber Uwe freute sich über unseren Besuch, und es dauerte auch nicht lange, bis Wolfgang wach wurde und sich zu uns gesellte. "Die beiden machten Kaffee und Tee, tischten Kekse, Schokolade und Kuchen auf, wir sangen und beteten zusammen und unterhielten uns über religiöse Themen." Dabei geriet ich, wie ich es in meinem Tagebuch formulierte, "ins Kreuzverhör", als das Gespräch darauf kam, dass ich in meiner Kirchengemeinde einen Kurs zur Firmvorbereitung besuchte: "Ich sollte erklären, warum ich zur Firmung gegen wollte. In den Augen der anderen war Firmung ziemlich nutzlos." Typisch evangelikal halt; aber es war vielleicht auch ein bisschen viel verlangt von einem 14-jährigen Knaben, der das Sakrament der Firmung schließlich noch gar nicht empfangen hat, erwachsene Evangelikale über Sakramententheologie belehren zu sollen. Umso mehr, als ich gerade bei der Firmung bis heute den Eindruck habe, dass selbst studierte Theologen sich mit ihrer Sinngebung schwer tun: Irgendwo habe ich mal den Satz gelesen, die Firmung sei "ein Sakrament, das seine Theologie sucht". – Immerhin: "Ich argumentierte, so gut es ging, und als [mein Bruder] mich fragte, was ich denn mit dem Heiligen Geist machen wollte, erwiderte ich: 'Statt mich zu fragen, könntest du es mir vielleicht lieber erzählen.' Das quittierte Uwe mit der Bemerkung [...]: 'Jedenfalls ist dein Bruder nicht dumm.'" Meine Erinnerung sagt mir, auch wenn das nicht im Tagebuch steht, dass mein Bruder darauf erwiderte: "Das ist ja das Problem, er ist viel zu intelligent." – Gefirmt wurde ich übrigens knapp ein Vierteljahr später von Weihbischof Max Georg Freiherr von Twickel. Zu Uwe Heimowski fällt mir in diesem Zusammenhang noch ein, dass ich ihn Jahre später beim "Marsch für das Leben" wiedertraf und danach einige Zeit lang mit ihm auf Facebook befreundet war, bis ich ihn anno 2020 öffentlich dafür kritisierte, anlässlich des Reformationstags plumpe und dümmliche antikatholische Propaganda zu verbreiten, woraufhin er mir "Bösartigkeit" und "Hetze" vorwarf. Mit ein paar Jahren Abstand kann ich mir durchaus vorstellen, dass er seine Äußerungen gar nicht "böse gemeint" hatte, sondern es schlichtweg "nicht besser wusste", weil solche schlecht informierten Schmähreden gegen die katholische Kirche in seinem Umfeld einfach normal sind und er es nicht gewohnt ist, dass da mal jemand widerspricht, selbst von (liberal-)katholischer Seite nicht. 

Kehren wir aber erst einmal zurück zum letzten Tag der Zeltmissionswoche "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit" in Burhave! Zu unserer Gesprächsrunde in der von Uwe und Wolfgang bewohnten Gästewohnung gesellte sich schließlich auch "Hans Barkholz", und mein Bruder "bot ihm an, diesen Abend Zeugnis zu geben. Barkholz war einverstanden, und wir sollten um 18.15 Uhr wiederkommen – zum Beten und Organisieren." Letzteres empfinde ich im Rückblick als eine äußerst bezeichnende Formulierung: Beten und Organisieren werden als gleichwertige Tätigkeiten betrachtet, im Zweifel ist das Beten sogar vorrangig. So habe ich es seither und bis heute bei verschiedensten Veranstaltungen im evangelikalen und charismatischen Spektrum erlebt: Gemeinsames Gebet des Teams ist ein wesentlicher Bestandteil der Vorbereitung einer Veranstaltung. Über den Kontrast, den diese Erfahrung zu der "großkirchlichen" Praxis bildet, Gremiensitzungen u.a. mit einem "geistlichen Impuls" einzuleiten oder abzuschließen, um so den Arbeitsprozess pro forma "als 'geistlich' zu markieren", wollte ich schon längst mal einen eigenen Artikel schreiben; na, kommt vielleicht noch. – Am Rande notierte ich noch: "Inzwischen hatte man unseren Kuchen, den wir im Zelt gelassen hatten, verspeist" – nun gut, zu diesem Zweck hatten wir ihn ja wohl mitgebracht, aber anscheinend bedauerte ich es doch ein wenig, selbst nichts davon abbekommen zu haben. 

Als mein Bruder wie verabredet um 18.15 Uhr zur Teambesprechung ging, begleitete ich ihn, unsere Schweste hingegen nicht – zu den Gründen werden keine Angaben gemacht. An der Teambesprechung nahmen "Onkel Klaas, Barkholz, Uwe, Wolfgang, Siegfried und [ein] Mädchen namens Tabea" teil; wer dieser Siegfried war, weiß ich nicht mehr, aber offenbar war es jemand, den wir kannten. "Die Aufgaben wurden verteilt, und es wurde gebetet." 

Über das Programm des letzten Zeltmissions-Abends hielt ich fest, dass einige "Mitglieder des evangelischen Kirchenchores [...] ein Gastspiel gaben"; die weiter oben schon erwähnte Schwester einer Klassenkameradin von mir spielte Klavier, mein Bruder gab Zeugnis und den Hauptvortrag hielt Hans-Eckart Bark- oder Bargholz. Mein Gesamturteil über das Programm lautete: "Einfach super!" Bemerkenswert ist auch, dass nicht nur das Mädchen, das meine Schwester am Dienstag mitgeschleppt hatte, wieder dabei war, sondern auch noch ein weiteres Mädchen aus meinem Firmkurs, das ein paar Jahre in meiner Klasse gewesen war, inzwischen aber auf eine andere weiterführende Schule ging als ich. Über dieses Mädchen notierte ich, dass es nach dem Ende des Programms noch ein längeres Gespräch mit meinem Bruder führte, über sein Zeugnis, nehme ich an. – Dass dies "der letzte Abend der Zeltmission" war, kommentierte ich abschließend mit "Schade eigentlich". Kurz darauf waren dann auch die Sommerferien zu Ende. 

Abschließend möchte ich die These aufstellen, dass an meinem im Alter von 14 Jahren verfassten Bericht über die Zeltmissionswoche Tendenzen deutlich werden, die nicht nur für meine "erste Fundi-Phase" insgesamt charakteristisch sind, sondern auch meine weitere "Glaubensbiographie" bis heute beeinflusst haben und weiterhin prägen. Dazu gehört es insbesondere, dass ich den Kontakt zu evangelikalen und freikirchlichen Christen (ich sage "und", weil das GRZ Krelingen, wie an anderer Stelle schon mal betont, zwar evangelikal ausgerichtet ist, aber nicht zu einer Freikirche, sondern zur Evangelischen Landeskirche Hannovers gehört) einerseits als anregend und bereichernd erlebt habe, mich andererseits aber – anders als meine Geschwister, wenn ich das mal so sagen darf – durch die unvermeidlichen Auseindersetzungen über theologische Differenzen tendenziell eher in meiner Zugehörigkeit zur katholischen Kirche bestärkt gefühlt habe. Im Wesentlichen genauso geht es mir auch heute mit meinen Kontakten zur EFG The Rock Christuskirche oder zur Gemeinde auf dem Weg

Was die weitere Entwicklung meiner "ersten Fundi-Phase" angeht, nahm ich im Sommer 1991 – wie ich schon mal erwähnt habe – an einer vom BDKJ Vechta organisierten "Jugendpilgerfahrt" nach Rom und Assisi teil, die es auch wert wäre, ausführlicher geschildert und kommentiert zu werden; dafür müsste ich einen Teil meiner damaligen Aufzeichnungen allerdings erst mal wiederfinden. Einstweilen werde ich mich aber wohl, unter Missachtung der chronologischen Reihenfolge, in einer Fortsetzung der Reihe "Glanz und Elend der Urlauberkirche" erst einmal dem "Summer of '92" widmen, der einen, wenn nicht den Höhepunkt meiner Beteiligung an den verschiedenen Urlauberseelsorge-Angeboten in Burhave markierte. Seid gespannt, Leser!


Samstag, 25. Juli 2026

Utopie und Alltag 35: Im Epizentrum der Tourismussaison

Seid gegrüßt, Leser! Eine weitere Urlaubswoche in Butjadingen liegt hinter uns, und langweilig ist es uns dabei ganz und gar nicht geworden – im Gegenteil, es gibt so viel zu berichten, dass ich mich gar nicht lange mit der Vorrede aufhalten möchte. Also mitten hinein ins Vergnügen! 

 Dieses Kunstwerk, das in Eckwarderhörne am Deich steht, habe ich schon vor zwei Wochen fotografiert; es stammt von dem Oldenburger Künstler Ivo Gohsmann und trägt den Titel "Der Regenbogen – Bindung zwischen Himmel und Erde als Prinzip Hoffnung".

Camino de Willehado '26 – Teil 3: Ein Pott Püree

Am vergangenen Samstag verabschiedete sich das Sommerwetter bis auf Weiteres aus Butjadingen: Temperaturen um 18 Grad, bewölkter Himmel und gelegentlicher Nieselregen führten dazu, dass die Vorabendmesse in Herz Mariä Burhave, die bei freundlicherem Wetter wieder im Garten stattgefunden haben würde, in die Kirche hinein verlegt wurde. Dagegen hätte ich an sich nichts einzuwenden gehabt, ärgerlich war hingegen, dass – wie Pastor Kenkel, der die Messe zelebrierte, gleich in seinen Begrüßungsworten mitteilte – wegen des Wetters auch das eigentlich vorgesehene Grillen gestrichen wurde. – Im Übrigen hatte ich den Eindruck, die Messe sei etwas besser besucht als eine Woche zuvor, und vor allem waren mehr jüngere Leute da; darunter war ein Mann mit zwei kleinen Kindern, von denen ich mich insgeheim fragte, ob wir sie wohl in den folgenden Tagen im Kirchenzelt wiedersehen würden, womöglich sogar als das neue Team der Urlauberkirche. – Der Küster verteilte, bevor die Messe losging, Fürbitten an die Gemeinde und wollte auch mir eine geben, aber als ich sah, dass es sich um eine Fürbitte für das Finale der Fußball-WM handelte, gab ich sie ihm zurück. Die anderen Fürbitten waren übrigens auch nicht besser, aber dazu später. – Im Übrigen fiel mir auf, dass Pfarrer Fechtenkötter, in Zivilkleidung, in einer der hinteren Bänke Platz nahm; und wie schon einmal in einem ähnlichen Fall fragte ich mich: Wenn er schon da ist, warum konzelebriert er dann nicht oder assistiert wenigstens? Ich finde diese Frage keineswegs banal, ich würde sagen, da hängen grundsätzliche Erwägungen zum Amtsverständnis dran, aber das zu vertiefen, ist hier wohl nicht ganz der richtige Ort. 

Die Liedauswahl in der Messe war abermals sehr NGL-lastig, teilweise waren es dieselben Lieder wie am Donnerstag, nur eben jetzt mit schleppender Orgelbegleitung. Insgesamt war es auffällig, dass so viele Lieder gesungen wurden, dass die Liednummern gar nicht alle an die Tafel passten; und zum Teil passten sie auch nur so pi mal Daumen zu ihrer liturgischen Funktion. Ich bin da vielleicht ein bisschen streng, aber ich betrachte es als Zeichen eines empfindlich mangelnden Sinnes für Liturgie, wenn man meint, jedes Lied, in dessen Text irgendwas mit Lob und Preis vorkommt, eigne sich als Gloria-Lied, jedes Lied, dessen Text mit "Ich glaube" oder "Wir glauben" beginnt, eigne sich als Credo-Lied – und beim Agnus Dei hört es dann völlig auf: Da habe ich es ja schon befremdlich oft erlebt, dass der Kirchentagsschlager "Da berühren sich Himmel und Erde" gesungen wurde, diesmal war's "Da wohnt ein Sehnen tief in uns". Also ehrlich mal, was soll sowas. 

Dass zum Credo das Lied "Ich glaube, Gott, mit Zuversicht" gesungen wurde, hatte für mein Empfinden bei der allem Anschein nach so liberalen Ausrichtung dieser Gemeinde schon etwas Ironisches: Während ich das Lied angesichts der Tatsache, dass im Text keine konkreten Glaubensinhalte benannt werden, nicht gerade ideal dafür geeignet finde, die Stelle des Credo in der Messe zu vertreten, ist es in anderer Hinsicht doch ein sehr starker Text, und die Verse "Ich glaube, Gott, mit Zuversicht / Was Deine Kirche lehret" hätte geradezu eine Steilvorlage dafür liefern können, an das Gespräch anzuknüpfen, das ich am Samstag zuvor mit dem Küster geführt habe – nur dass zusammen mit dem Grillen eben auch das ganze "gesellige Beisammensein" nach der Messe wegfiel. Tja, schade. 

Aber wo ich schon mal dabei bin, die chronologische Reihenfolge zu missachten, kann ich mich wohl auch gleich noch an den Fürbitten abarbeiten, bevor ich zu Pastor Kenkels Predigt komme, über die es sicherlich am meisten zu sagen geben wird, auch wenn sie wieder einmal nur rund fünf Minuten lang war. – Neben der schon erwähnten Fürbitte für das Finale der Fußball-WM ("für die Spieler und Trainer, die sich für Geduld in Rückschlägen und Demut im Erfolg bemühen; für die Fans und Zuschauer, die Begeisterung, Gemeinschaft und ein friedliches Miteinander suchen; für die Schiedsrichter, die sich für Fairness und Toleranz einsetzen") gab es auch eine "für die Menschen, die besonders unter der anhaltenden Hitze und Trockenheit leiden" (wobei hervorzuheben ist, dass darin nicht explizit vom Klimawandel die Rede war), eine zum Gedenken an die Ahrtal-Flutkatastrophe vor fünf Jahren, aber auch eine für "alle, die in den Ferien Erholung suchen" – eine wilde Mischung. Nicht umsonst hatte der Zelebrant in der Einleitung zu den Fürbitten auf den Vers "Wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen" (Röm 8,26) aus der zweiten Lesung verwiesen. – Spaß beiseite: Ich schätze, es ist sowas wie ein pet peeve von mir, aber ich kann und kann es nicht leiden, wenn Fürbitten den Eindruck erwecken, die darin angesprochenen Anliegen seien geradewegs der Tageszeitung oder der Tagesschau entnommen. "Wer nicht weiß, wofür er beten soll, der lese die Zeitung", das hat, so oder so ähnlich, Jörg Zink mal geschrieben – das habe ich als Jugendlicher mal gelesen, vielleicht im Religionsunterricht, und schon da hat mich intuitiv irgend etwas daran gestört. Heute würde ich sagen, darin offenbart sich ein vom Ansatz her verfehltes Streben nach Aktualität und Relevanz, das charakteristisch für eine Tendenz ist, die ich an anderer Stelle mal als "eine Art 'Bitterfelder Weg' der Pastoraltheologie" bezeichnet habe. Sehr zu meinem Verdruss hatte auch die Predigt so begonnen. "Wenn ich die täglichen Nachrichten lese, sehe oder höre, ärgere ich mich fast immer", so lautete wortwörtlich der Einstieg, und dann ging der Prediger erst einmal tagesaktuell auf den Rücktritt Jens Spahns als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein. Leihmutterschaft sei in Deutschland verboten – "wir Christen sagen: durchaus zurecht"; das wurde nicht weiter erläutert oder begründet, der Fokus lag vielmehr auf der Arroganz der Macht, sich selbst etwas zu erlauben, was dem Normalbürger verboten sei. Eigentlich, so fuhr Pastor Kenkel fort, habe er bei diesem Thema eher "an Trump oder Putin gedacht", und ich dachte: ächz. Ohne jetzt näher auf die zahlreichen möglichen Argumente dafür eingehen zu wollen, dass man Trump und Putin, bei aller berechtigten Kritik an beiden, nicht kurzerhand auf eine Stufe stellen sollte, möchte ich doch anmerken, dass Trump-und-Putin-Bashing wohl so ziemlich die billigste, dümmste und überflüssigste Form des politischen Predigens ist, die es derzeit gibt. Man bestärkt die Leute damit nur in dem, was sie sowieso schon aus der Tagesschau zu wissen und verstanden zu haben glauben, und das ist nun wirklich nicht die Aufgabe einer Predigt. Als ich schon drauf und dran war, innerlich abzuschalten, kriegte Pastor Kenkel aber doch noch die Kurve. Er setzte die drei Gleichnisse des Tagesevangelium – das Unkraut unter dem Weizen, das Senfkorn,  der Sauerteig (Matthäus 13,24-43) – zur 1. und 2. Lesung in Beziehung und arbeitete auf diese Weise heraus, dass wir, wenn wir am Ende der Tage zum guten Weizen gehören wollen, der in die Scheuer gebracht wird, und nicht zum Unkraut, das verbrannt wird, uns nicht auf unsere eigene Kraft verlassen dürfen, sondern auf Gottes "Milde" und "Schonung" (Weisheit 12,18) sowie nicht zuletzt auf den Beistand des Heiligen Geistes (Römer 8,26f., wie gesagt) angewiesen sind. In diesem Zusammenhang bemerkte er: "Ich hab nicht die Kraft, die Welt zu retten oder auch nur Butjadingen und Nordenham zu bekehren" – woraus ja immerhin das Bewusstsein spricht, dass Butjadingen und Nordenham Bekehrung nötig haben und dass es prinzipiell in seinen Aufgabenbereich fällt, darauf hinzuarbeiten. Und weiter: 

"Aber ich kann meine kleine Kraft, meinen kleinen Samen aussäen, einpflanzen. Ein jeder von uns kann sich mit seinen Talenten, mit seinem kleinen Samen einbringen. Und ist mein Beitrag auch so klein wie ein Senfkorn – mit Gottes Hilfe kann daraus ein großer Baum erwachsen, wo andere sich einnisten." 

Ein schön griffiges Mission Statement für das Prinzip "Christliche Graswurzelrevolution", ob man es nun unter dem Label #BenOp oder Punkpastoral oder unter einem ganz anderen Namen betreibt; und somit durchaus auch für das Projekt "Guerilla-Urlauberseelsorge"

Nach den Fürbitten kam Pastor Kenkel – ganz spontan, wie es schien – auf die Idee, die anwesenden Kinder könnten ihm bei der Gabenbereitung assistieren; unsere Große zierte sich zunächst ein bisschen, aber nach etwas gutem Zureden meinerseits übernahm sie dann doch die Aufgabe, dem Zelebranten die Kännchen mit Wein und Wasser zu bringen, und kehrte danach freudestrahlend in die Bank zurück. 

Insgesamt hinterlässt diese Messe somit einen recht bunt gemischten Gesamteindruck, aber dass es für das wetterbedingt ausgefallene Grillen keine "Indoor-Alternative" gab und somit das gesellige Beisammensein nach der Messe komplett wegfiel, war schon recht ärgerlich – auch deshalb, weil Pastor Kenkel ab Montag in Urlaub war und wir ihn somit an diesem Abend zum letzten Mal in diesem Sommer, und aller Voraussicht nach auch zum letzten Mal in diesem ganzen Jahr, sahen. 


Zu Gast in Deinem Zelt – Teil 2: Betreutes Basteln 

Am Sonntagmorgen regnete und gewitterte es; zum Kirchenzelt wollten wir trotzdem, da wir neugierig auf das neue Team waren, und tatsächlich hörte der Regen rechtzeitig auf, ehe wir los mussten. Als wir am Zelt ankamen, waren außer dem Team – das aus zwei Frauen unterschiedlichen Alters bestand; wie sich herausstellte, waren sie Mutter und Tochter – bereits drei Kinder in Begleitung ihrer Mutter da, etwas später kam eine sehr junge Mutter mit einem vielleicht etwa sechsjährigen Knaben dazu, der allerdings relativ bald die Lust verlor und wieder gehen wollte, und noch später ein Mädchen, das schon in der vorigen Woche regelmäßig dabei gewesen war. Das war alles. Wie neulich schon mal angemerkt: ein bisschen wenig dafür, dass theoretisch die Hauptsaison begonnen haben sollte. – Was die Programmgestaltung anging, hatte ich in der Vorschau-Rubrik des vorigen Wochenbriefings ja die Hoffnung formuliert, vielleicht würde es ja besser werden als erwartet; tatsächlich war es aber noch schlechter als erwartet, und dieser Eindruck ergab sich nicht nur durch den Kontrast zum wirklich guten Programm der Woche davor. Einen solchen Kontrast hatte es letztes Jahr von unserer ersten zur zweiten Urlaubswoche nämlich tendenziell auch gegeben: Da hatte ich angemerkt, der Umstand, dass unter der Leitung des zweiten Kirchenzelt-Teams "tatsächlich nur gebastelt wurde", sei "zwar mehr oder weniger das, was ich im Vorfeld vom Kinderprogramm der Urlauberkirche erwartet hatte, aber das Programm in der vorangegangenen Woche war eben so viel besser gewesen als erwartet, dass meine Erwartungen dadurch nun gestiegen waren". Abgesehen vom gänzlichen Fehlen eines katechetischen Anspruchs hatte ich dort kritisiert, dass es "keinen gemeinsamen Anfang und [...] auch keinen gemeinsamen Abschluss" gab und dass die Bastelideen schlichtweg nicht ausreichten, um "zwei Stunden Veranstaltungsdauer" zu füllen – was beides zusammen dazu führte, "dass bei den teilnehmenden Kindern ein permanentes Kommen und Gehen herrschte". Das war auch diesmal wieder der Fall, mit dem Unterschied, dass es diesmal insgesamt viel weniger Kinder waren. Möglicherweise trug schon dies allein wesentlich dazu bei, dass nicht so richtig Stimmung aufkam – am Montag, als es immerhin zwölf Kinder waren (allerdings wieder nicht alle gleichzeitig), war die Stimmung nämlich schon spürbar besser. Aber es lief auch keine Musik – nicht mal "nur so Quatschlieder wie 'Der Gorilla mit der Sonnenbrille'", wie meine Tochter im Vorjahr kritisiert hatte, sondern überhaupt keine, und die beiden Frauen, die das Team bildeten, wirkten auch ziemlich lustlos und wenig interessiert an den Kindern. Als meine Liebste sie fragte, ob dies ihr erster Einsatz als Kirchenzelt-Team sei, erfuhren wir, dass sie schon das achte Jahr in Folge dabei sind. Finde ich ja ehrlich gesagt eher beunruhigend. Im weiteren Verlauf des Vormittags brauchte meine Liebste mehrere Anläufe, um wenigstens ein bisschen Smalltalk mit den Teamerinnen zustande zu bringen; mit ihnen über etwas Interessantes sprechen zu wollen, schien ziemlich aussichtslos, da sie den Eindruck machten, einfach keine interessanten Menschen zu sein. Das Bastelprogramm gefiel den Kindern gleichwohl gut, also "mussten" wir am nächsten Tag wieder hin. 

An diesem zweiten Tag war, wie schon erwähnt, die Beteiligung und damit auch die Stimmung besser, was sich auch auf die Gesprächigkeit der älteren der beiden Teamerinnen auszuwirken schien. Mehrmals wies sie darauf hin, dass es am Abend im Kirchenzelt Bingo gebe, so als wäre das was Tolles; daneben kam sie auch auf das Nachmittagsprogramm zu sprechen, und ich wurde hellhörig, als sie sagte, da solle "auch etwas für die Seele" geboten werden. Was damit gemeint war, geriet in den Bereich des Erahnbaren, als sie erwähnte, sie habe mal eine "Kinesiologie-Ausbildung" gemacht und sich überlegt, das könne man da einbringen. Musste daraufhin erst mal heimlich "Kinesiologie" googeln. Das Ergebnis war sozusagen zwiespältig: Einerseits ist das einfach der "wissenschaftsgriechische" Fachbegriff für die Wissenschaft von der Bewegung, andererseits aber auch der Name einer esoterischen Parawissenschaft, bei der es darum geht, das Qi freizusetzen. Und nun darf man mal raten, was davon hier wohl gemeint ist. Hinsichtlich der Frage, was beim Kirchenzelt-Nachmittagsprogramm sonst noch so "für die Seele" geboten wird, schnappte ich das Stichwort "Fußbäder" auf. Ich fand das alles sehr bezeichnend und komme gegebenenfalls nächste Woche darauf zurück. – Mir fiel in diesem Zusammenhang aber noch etwas anderes auf: Sollte das Nachmittagsprogramm im Burhaver Kirchenzelt, anders als in dem in Tossens, nicht erst nächste Woche beginnen? Und wenn diese Teamerin daran beteiligt ist, heißt das dann, dass ausgerechnet dieses Team zwei Wochen lang "im Dienst" ist? Frustrierende Vorstellung! Später fanden wir allerdings heraus, dass dieses Team zwar nächste Woche für das Nachmittagsprogramm zuständig ist, für das Bastelprogramm am Vormittag aber ein neues kommt. Da besteht also noch Hoffnung auf Verbesserung. 

Zum Bingo gingen wir jedenfalls nicht, konnten aber tags darauf auf Instagram Fotos von der Veranstaltung bewundern, die verrieten, dass der Diakon höchstpersönlich sie moderiert hatte. Nicht zu erkennen war auf den Bildern, wie gut oder wie schlecht der Bingoabend besucht war. – Am Dienstag fuhren wir, statt zum Kirchenzelt-Programm zu gehen, morgens nach Fedderwardersiel, um an einer Aquariums-Führung im Nationalparkhaus-Museum teilzunehmen, und am Mittwoch war im Kirchenzelt Pausentag. Diesen nutzten wir, um die Kinder mal versuchsweise zur kommunalen Ferienbetreuung zu schicken, die in einem separaten Bereich der Spielscheune stattfand – und da gefiel es ihnen so gut, dass sie auch an den folgenden Tagen lieber dorthin wollten als zum Kirchenzelt. Unter anderem stellten sie dort Seife her – wie bei Fight Club, na ja, ganz so wohl doch nicht. Jedenfalls wäre das Thema Kirchenzelt damit für diese Woche für uns gegessen gewesen, wenn wir uns nicht am Donnerstag relativ spontan dazu entschlossen hätten, zum Abendprogramm zu gehen – da wurde ein Film gezeigt, welcher, wurde im Vorfeld nicht verraten, aber wir ließen uns überraschen. Diesen dann tatsächlich unerwartet bemerkenswerten Filmabend zu schildern, verschiebe ich aber auf das fällige Gesamtfazit zu unseren diesjährigen Erfahrungen mit der Urlauberkirche in Butjadingen; ob diese im nächsten Wochenbriefing Platz findet oder vielleicht sogar einen separaten Artikel abgibt, 0dürfte sich u.a. in Abhängigkeit davon entscheiden, ob wir in unserer verbleibenden Urlaubszeit noch ein-, zweimal zum Bastelprogramm und/oder vielleicht sogar mal zum Nachmittagsprogramm gehen... 


Camino de Willehado '26 – Teil 4: Liturgisches Strandgut 

Am Montagmorgen ging ich, wie an anderer Stelle schon erwähnt, ohne Frau und Kinder zum ökumenischen Friedensgebet in der Herz-Mariä-Kirche; ich war ein bisschen früh dran und betete erst einmal leise Invitatorium und Laudes, wobei es mir angesichts meiner etwas klischeehaften Vorstellungen davon, was mich wohl bei einem Friedensgebet in dieser Gemeinde erwartete, etwas ironisch vorkam, dass in den Laudes das Canticum Jesaja 42,10-16 drankam – mit Versen wie "Der Herr zieht in den Kampf wie ein Held, * er entfacht seine Leidenschaft wie ein Krieger. / Er erhebt den Schlachtruf und schreit, * er zeigt sich als Held gegenüber den Feinden". Wozu diese Verse indes umso besser passten, war der Umstand, dass ich mit meinem Versuch, meinen Bibelleseplan wieder "einzuholen", immer noch nicht über das Buch Josua hinausgekommen bin – und ebenso, dass wir als Gutenachtlektüre derzeit das aus dem Bücherregal in der Tourist-Info ausgeliehene "Ich zog mit Hannibal" von Hans Baumann am Wickel haben, aber das ist ein Thema für sich. 

Am Friedensgebet nahmen außer mir ungefähr zehn ältere Leute, weit überwiegend Frauen, teil, die ich fast alle auch schon bei den Vorabendmessen der beiden vorangegangenen Samstage und/oder bei der Werktagsmesse am Donnerstag gesehen hatte, und der Küster spielte wieder Gitarre. Wie ich schon im Vorfeld gehört hatte, wechseln sich mehrere der regelmäßigen Teilnehmerinnen mit der Gestaltung der Andacht ab, und so ist es "jedesmal ganz verschieden"; insofern ist es wohl nur ein sehr punktueller, nicht verallgemeinerbarer Eindruck, dass die Gestaltung der Andacht, an der ich teilnahm, erheblich "konservativer" war, als ich es von dieser Gemeinde erwartet hätte. Das fing damit an, dass die Frau, die die Andacht leitete, ausführlich die Tagesheilige – die Hl. Margareta von Antiochien – würdigte und dabei auch die im Zusammenhang mit ihrem Martyrium überlieferten Wunder nicht aussparte oder irgendwie zu relativieren versuchte. Es folgte eine Evangelien-Perikope, nämlich Markus 8,10-13, die Verweigerung eines Zeichens. Die Andachtsleiterin wies darauf hin, dass es auch eine parallele Stelle bei Matthäus (16,1-4) gebe, sie habe aber die Markus-Version als die kürzere und schlichtere gewählt. Interessant fand ich das nicht zuletzt deshalb, weil ich erst kurz zuvor auf Facebook einen Beitrag mit religions- oder jedenfalls christentumskritischer Tendenz gesehen hatte, in dem die beiden Versionen der Verweigerung eines Zeichens miteinander verglichen wurden: Bei Matthäus spricht Jesus an dieser Stelle nämlich vom Zeichen des Jona, was schon ein paar Kapitel zuvor, in Mt 12,39f., als Vorausdeutung auf Seine Auferstehung gedeutet wurde; im Markusevangelium, das die historisch-kritische Bibelwissenschaft als das ältere ansieht, fehlt dieser Hinweis auf das Zeichen des Jona, und daraus leitete der besagte Facebook-Beitrag Zweifel an der Historizität der Auferstehung Jesu ab. Dazu wäre vielleicht an anderer Stelle mehr zu sagen; im Rahmen dieser Andacht bestand die gesamte Auslegung zu dieser Evangelienstelle hingegen in den schlichten Sätzen "Ich glaube, dass Jesus damit sagen wollte, er lässt sich nicht herausfordern. Er setzt sich durch und geht dann einfach." Hatte was. 

Deutlich zu bemerken war, dass bei der im Vergleich zur Heiligen Messe eher offenen Form die eingeübten liturgischen Reflexe der Gemeinde nur so mehr oder weniger funktionierten: Beim Evangelium blieb die Gemeinde sitzen, bei den Fürbitten stand sie auf. Die Fürbitten waren übrigens erheblich allgemeiner, "zeitloser" wenn man so will, formuliert als die in der Messe am Samstag andererseits wurden in der Fürbitte für die Kranken und in der für die Verstorbenen einige Geneindemitglieder namentlich genannt; das fand ich gut. Zum Abschluss der Andacht wurde nicht nur ein Vaterunser, sondern auch ein Gegrüßet seist du, Maria gebetet, und nachdem der Küster, wie neulich schon erwähnt, als Schlusslied "Ein Licht in dir geborgen" von Gregor Linßen gespielt hatte, äußerten einige Frauen aus der Gemeinde den Wunsch nach einem Marienlied zum Abschluss – woraufhin der Küster, ausgerechnet, "Segne du, Maria" spielte. Normalerweise empfinde ich das als eine arge Kitschgranate, aber mit der leichtfüßigen Gitarrenbegleitung des Küsters gefiel es mir unerwartet gut. 

"Unerwartet gut" fasst auch meinen Gesamteindruck von dieser Andacht zusammen: Unter der Bezeichnung "Friedensgebet" hätte ich mir etwas erheblich "Boomermäßigeres", um nicht zu sagen "'68er-Mäßigeres" vorgestellt, und es ist wohl auch nicht auszuschließen, dass das Format – je nachdem, wer jeweils gerade für die Gestaltung und Leitung zuständig ist – zuweilen tatsächlich etwas mehr in die von mir imaginierte Richtung geht als diesmal. Aber das grundsätzliche Konzept einer wöchentlichen Andacht, die von verschiedenen Geneindemitgliedern im Wechsel gestaltet und geleitet wird, wobei jeweils eigene formale und inhaltliche Akzente gesetzt werden können, finde ich prima – und als Beitrag von Laien dazu, einen Gottesdienststandort geistlich am Leben zu erhalten, an dem nur noch selten Messe gefeiert wird, sogar vorbildlich. – Wenn man sich die Altersstruktur der Teilnehmer ansieht, kann man freilich auf die Idee kommen, die Entscheidung, diese Andacht montags morgens abzuhalten – was mehrere Teilnehmerinnen mir gegenüber damit begründeten, dass sie einen geistlichen Einstieg in die neue Woche bilden solle –, schließe berufstätige Menschen, wenn sie nicht gerade Urlaub haben, von vornherein aus; aber abgesehen davon, dass man dasselbe auch über die Mehrzahl der Werktagsmessen in mir bekannten Pfarreien in Berlin sagen könnte, scheint mir das größere Problem in dieser Gemeinde zu sein, dass auch zu den Vorabendmessen am Samstagabend nur sehr vereinzelt jüngere Leute kommen. Wenn ich mir die Erstkommunionzahlen der letzten Jahre ansehe, ergibt sich der Eindruck, dass der Anteil junger Familien in der Gemeinde im Vergleich zu meiner Kindheit eigentlich gestiegen sein müsste; da fragt man sich nun natürlich: Wo sind die alle, wenn nicht gerade Erstkommunion ist? – Aber das ist wohl ein Thema für sich. 


Krankenhaus-Feedback 

Mein Artikel über die angekündigte Schließung des katholischen Krankenhauses in Brake hat zwar innerhalb kurzer Zeit viele Leser gefunden, aber meine Hoffnung, durch Leserkommentare weiterführende Informationen über die Vorgänge rund um die Klinik zu erhalten, erfüllte sich zunächst nicht: Das Kommentarfeld unter dem Artikel blieb leer; über Social Media erntete ich einige Leserreaktionen, von denen sich allerdings ein unverhältnismäßig großer Teil auf das Vorschaubild des Artikels bezog. Ich hatte da nämlich zunächst irrtümlich ein Pressefoto eines anderen Krankenhauses verwendet, das zufällig auch "St.-Bernhard-Hospital" heißt; nachdem ich darauf aufmerksam gemacht worden war, nahm ich das Bild aus dem Artikel 'raus, in der Vorschauansicht blieb es aber trotzdem stehen und zog weitere Kommentare à la "Was ist denn das für ein Krankenhaus? Das in Brake ist es jedenfalls nicht!" auf sich. Ächz. Immerhin bekam ich eine interessante Mail von einem befreundeten Lokalblogger, der anmerkte, er sei darüber gestolpert, dass in der Presse mehrfach die Rede davon gewesen sei, das St.-Bernhard-Hospital werde "nach 146 Jahren geschlossen": Er habe irgendwie die Ahnung gehabt, dass etwas daran nicht stimme, und habe daher etwas recherchiert. Er hatte nämlich "von früher her" noch in Erinnerung, dass es in Brake mal zwei Krankenhäuser gab, ein Kreiskrankenhaus und eben das katholische; das Kreiskrankenhaus wurde 1986 nach fast 100jährigem Bestehen geschlossen und das St.-Bernhard-Hospital im Gegenzug vergrößert. Der Erinnerung meines Bloggerkollegen zufolge gab es seinerzeit "Streit um die Trägerschaft eines Braker Krankenhauses": Der Landkreis habe eine gemeinsame Trägerschaft mit der katholischen Krankenhausstiftung angestrebt, das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta habe das aber abgelehnt. Einem an diese Mail angehängten Zeitungsartikel aus dem Jahr 1986 war indes zu entnehmen, dass die damalige CDU-FDP-Mehrheitsgruppe im Kreistag bestrebt gewesen sei, den Kreishaushalt von den Kosten des Krankenhauses zu entlasten. An der Erinnerung meines Bloggerkollegen wird wohl dennoch etwas dran sein; auch aus den letzten Jahren erinnere ich mich daran, dass im Zuge der Bemühungen, die Krankenhausstandorte in Nordenham und in Brake zu erhalten, immer wieder die Idee einer Kooperation zwischen den beiden Trägern ins Spiel gebracht wurde, und stets hieß es, die katholische Krankenhausstiftung verweigere sich solchen Überlegungen. Inwieweit dieses Narrativ vom tiefsitzenden Antikatholizismus in der Bevölkerung befördert wird, sei mal dahingestellt. 

Beim Stichwort "Antikatholizismus in der Bevölkerung" drängt sich mir übrigens der Gedanke auf, dass ein tieferes Einsteigen in die Geschichte des St.-Bernhard-Hospitals auch unter dem Aspekt interessant sein könnte, die Gründung dieses Krankenhauses im Kontext der (wohl noch unter dem Eindruck der Kulturkampfzeit stehenden) Bemühungen der katholischen Minderheit zu betrachten, sich in dieser erz-evangelisch geprägten Gegend ihre eigene Infrastruktur zu schaffen; das hat ja vom Ansatz her durchaus etwas #BenOppiges. In demselben Kontext ist auch ein Beitrag in der aktuellen Quartalschrift des Rüstringer Heimatbundes zur Geschichte der 1911/12 gegründeten und 1973 geschlossenen katholischen Volksschule in Einswarden interessant. Darauf wird also vielleicht noch in einem Extra-Artikel zurückzukommen sein. Zum katholischen Krankenhaus in Brake sei noch angemerkt, dass dort – wie aus dem Zeitungsartikel hervorgeht, den mein Bloggerkollege mir geschickt hat – anno 1986 noch acht Ordensschwestern tätig waren, nachdem es "einstmals" ganze 16 gewesen waren. Heute gibt es im St.-Bernhard-Hospital keine Ordensschwestern mehr, aber wie lange schon nicht mehr, habe ich noch nicht in Erfahrung bringen können. 


Ein neuer Kaplan für Reinickendorf-Süd 

Mitten im Urlaub erreichten mich via Instagram wichtige Neuigkeiten aus meiner (Noch-)Wohnsitzpfarrei: Die Personalabteilung des Erzbistums Berlin hat der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd einen weiteren Geistlichen zugewiesen, allerdings nur mit einer 50%-Stelle, womit die durch den Weggang eines langjährigen Pfarrvikars Anfang des Jahres entstandene personelle Lücke vorerst lediglich zur Hälfte geschlossen wird. Kam der besagte Pfarrvikar aus Nigeria, so kommt der neue Kaplan aus Ghana – und soll, ehe er in der Seelsorge eingesetzt wird, erst einmal seine Deutschkenntnisse aufpolieren. Mehr als diese Notiz in den Vermeldungen der Pfarrei St. Klara war vorerst nicht über diese Personalie in Erfahrung zu bringen, auch nicht auf den Seiten des Erzbistums Berlin; aber spannend finde ich das allemal und hoffe, Näheres herauszufinden, wenn ich wieder in Berlin bin. Wie immer gilt: Hier erfährst du es zuerst, Leser! 


Geistlicher Impuls der Woche 

Wenn das schwache Herz wegen guter Taten das schmeichelnde Säuseln menschlicher Gunst zu spüren bekommt, gleitet es oft ab zu äußeren Freuden. Was es innerlich wünscht, stellt es zurück und ist ohne Hemmung dem hingegeben, was es draußen hört. Es hat mehr Freude daran, glücklich genannt zu werden, als es in Wirklichkeit zu sein. Weil es begierig auf die Stimmen hinhört, die ihm Lob spenden, verlässt es den Weg, den es zu beschreiten angefangen hat. So wird es eben dadurch von Gott getrennt, weswegen es in Gott des Lobes wert erschienen war. Manchmal widmet sich der Geist einem guten Werk, wird aber vom Spott der Menschen bedrängt. Er vollbringt erstaunliche Dinge, empfängt aber Schmähung. Lobsprüche lockten ihn nach draußen, von Schmähung getroffen, zieht er sich wieder in sich selbst zurück. Um so stärker verbindet er sich innerlich mit Gott, je weniger er draußen einen Ruheplatz findet. All seine Hoffnung klammert sich an den Schöpfer, und in allem Spott und Gezänk ruft er den inneren Zeugen an. Der Geist des Bedrängten kommt Gott um so näher, je mehr er der Gunst der Menschen abgeneigt ist. 

Die Einfalt des Gerechten wird verlacht; denn dies ist die Weisheit der Welt: das Herz listig verstecken; die Gesinnung hinter Worten verschleiern; was falsch ist, als wahr, und was wahr ist, als falsch hinstellen. Das ist dagegen die Weisheit der Gerechten: nichts durch bloßen Anschein vorspielen; die Gesinnung im Wort offenbaren; lieben, was wahr ist, und Falschheit meiden; uneigennützig Gutes tun; lieber Böses leiden als tun; für Unrecht keine Vergeltung suchen; Schmähung um der Wahrheit willen als Gewinn betrachten. Aber diese Einfalt verlacht man. Lauterkeit gilt bei den Weisen dieser Welt als Torheit. Denn alles, was in Unschuld geschieht, hält die Welt mit Gewissheit für dumm. Was immer die Wahrheit an einer Tat für gut hält, gilt der irdischen Weisheit als töricht. 

(Gregor der Große, Auslegung zum Buch Ijob) 


Ohrwurm der Woche 

Them: Gloria 

Von diesem oft gecoverten Song lief hier im Küchenradio kürzlich eine Version, die ich nicht kannte, also befragte ich meine Shazam-App und erhielt zur Auskunft, dass sie von Santa Esmeralda sei – einer Gruppe, von der ich bisher nur ihre Coverversion von "Don't Let Me Be Misunderstood" kannte, und ungefähr so wie dort war der qualitative und stilistische Abstand zwischen Original und Coverversion auch hier. Natürlich musste ich meiner Familie daraufhin erst einmal das Original vorspielen. "Das ist im Grunde Proto-Punk", merkte ich an, und meine Liebste stimmte dieser Einschätzung zu. Urteile selbst, o Leser! 


Vorschau/Ausblick 

Die aktuelle Ausgabe des Pfarrblatts "Willehad aktuell" hat uns verraten, dass heute in der Kirche Herz Mariä Burhave eine Taufe und eine Trauung stattfanden; zur Taufe ging ich – ohne Frau und Kinder – und werde im nächsten Wochenbriefing sicher ein paar Anmerkungen dazu haben. Am Nachmittag wollten wir allerdings – und zwar eigentlich zusammen mit meiner Mutter, die dann aber krankheitsbedingt absagen musste – zu dem zeitgleich mit der Trauung stattfindenden Jubiläumskonzert anlässlich des 120-jährigen Bestehens des Männergesangsvereins Eintracht Burhave; ein Event, auf das ich wohl im nächsten Wochenbriefing noch werde zurückkommen müssen, ebenso wie auf die Gründe dafür, dass wir da unbedingt hin mussten. Heute Abend, kurz nachdem dieses Wochenbriefing online gegangen sein wird, ist jedenfalls wieder Vorabendmesse in Herz Mariä, die laut "Willehad aktuell" von Pfarrer Fechtenkötter zelebriert wird; die Wetterlage gibt Grund zur Hoffnung, dass im Anschluss an die Messe diesmal wieder gegrillt werden kann. – Danach bleiben uns, den Rückreisetag nicht mitgerechnet, noch vier Urlaubstage in Butjadingen. Morgen wollen wir mit dem Ausflugsschiff Wega II ab Fedderwardersiel eine Fahrt ins Wattenmeer machen, Montag und Dienstag gäbe es nochmals die Gelegenheit, beim Kirchenzelt vorbeizuschauen, und die Frage, ob wir noch eine dritte Lobpreisandacht im Bürgerobstgarten veranstalten, steht ebenfalls noch im Raum. Darüber hinaus haben wir für die letzten Urlaubstage nicht sonderlich viel "Programm", aber bald nach unserer geplanten Rückkehr nach Berlin steht schon das nächste Abenteuer bevor: die Religiöse Kinderfreizeit zum Thema "Mose"...