Willkommen zum neuen Wochenbriefing, Leser! In der Rückschau habe ich den Eindruck, das letzte Drittel unseres diesjährigen Butjadingen-Sommerurlaubs sei in gewissem Sinne das "touristischste" gewesen; was zum Teil, aber nicht nur damit zu tun hatte, dass, wie neulich schon erwähnt, vom vorletzten Donnerstag bis Montagmorgen eine Schulfreundin unseres Tochterkindes und deren Mutter nach Burhave kamen und am Strand zelteten, und zusammen mit diesen nahmen wir z.B. an einer geführten Wattwanderung und an einer "Wattenmeerfahrt mit Netzfang" mit dem Ausflugsschiff Wega II teil – was wir beides auch letztes Jahr schon gemacht hatten, aber für die Kinder war es auch diesmal wieder ein tolles Erlebnis. In den letzten Tagen vor unserer Abreise gab's dann nochmal richtiges Badewetter, sodass wir ziemlich viel Zeit am Friesenstrand in Tossens verbrachten; und ein Besuch auf Hof Iggewarden (mit Grillabend!) musste auch noch sein – darüber wird weiter unten noch mehr zu sagen sein. Die Rückreise wurde dann – wieder einmal – ein Abenteuer für sich, aber man kann mit einigem Recht behaupten, dass das fast schon gewohnte Verspätungs- und Zugausfallchaos in Hannover sich in diesem Fall sogar zu unseren Gunsten auswirkte, denn dank dem Wegfall der Zugbindung konnten wir sogar eine frühere Verbindung nehmen als wir gebucht hatten, und wir erreichten diese nur, weil der betreffende Zug Verspätung hatte.
Und kaum waren wir wieder in Berlin, hatten uns überzeugt, dass das Haus noch steht und die Welt sich auch sonst so einigermaßen weitergedreht hatte, erwartete die Hälfte der Familie, nämlich das Tochterkind und mich, auch schon das nächste Abenteuer, nämlich die Religiöse Kinderfreizeit zum Thema "Mensch Mose – Beweg dich!" in Plau am See. Der eine Tag, den wir zwischen diesen Reisen in Berlin verbrachten – nämlich Freitag, also gestern –, verging wie im Flug, da ich buchstäblich von morgens bis abends mit Vorbereitungen für die RKF beschäftigt war und zwischendurch noch ein paar Dinge im Zusammenhang mit meiner Immatrikulation in Paderborn organisieren musste. Aber dazu ein andermal mehr!
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| Symbolbild: Abschied von Butjadingen |
"Wer hat den denn eingeladen?" vs. "Wo sind die anderen?": Taufe im post-volkskirchlichen Kulturkatholizismus
Wie bereits in der Vorschau-Rubrik des vorigen Wochenbriefings erwähnt, fand am vergangenen Samstag in der Herz-Mariä-Kirche zu Burhave vormittags eine Taufe statt, und da ging ich hin – schließlich ist eine Taufe stets ein freudiges Ereignis für die ganze Kirche. Jedenfalls sollte das meiner Auffassung nach so sein; aber auch wenn da in der Theorie wohl kaum jemand widersprechen würde, wird es in der Praxis nicht unbedingt so gelebt. Im vorliegenden Fall erschienen zur Taufe eines kleinen Mädchens außer den Eltern und Paten nur noch ein paar weitere Verwandte und/oder Freunde der Familie, insgesamt zwölf Personen – und eben ich. Dabei könnte man den Umstand, dass der Termin der Tauffeier in den Pfarrnachrichten veröffentlicht wurde, doch eigentlich als eine Einladung an die Gemeinde auffassen. Anscheinend war die Tauffamilie aber wohl nicht in nennenswertem Maße in die Gemeinde eingebunden; soweit ich es beurteilen konnte, hätten das genausogut Leute sein können, die gerade hier in Urlaub waren.
Gespendet wurde die Taufe vom Diakon, aber wenn ich die Absicht hätte, die Schilderung der Feier zum "Bashing" gegen diesen Geistlichen zu nutzen, müsste man einräumen, dass sie dafür ziemlich wenig hergibt; jedenfalls wenn man davon absieht, dass er die Tauffeier in einem so saloppen und informellen Tonfall leitete, dass sie – obwohl liturgisch im Großen und Ganzen alles "stimmte", von der Weihe des Taufwassers über den Exorzismus und die Allerheiligenlitanei bis hin zum Effata-Ritus –, eigentümlich "unliturgisch" anmutete. Ich bezweifle nicht, dass es Familien gibt, die einen solchen lockeren Stil schätzen und als niederschwellig empfinden; das Problem ist aber, dass die Geistlichen, die sich gern so betont nonchalant geben, nie auf die Idee zu kommen scheinen, dass das nicht unbedingt jeder gut und angemessen findet. Nun kann man natürlich sagen, das Sakrament der Taufe hat an sich einen so hohen Wert, dass gegenüber der bloßen Tatsache, dass ein Mensch getauft wird, das Wie, also Fragen von Stil und Gestaltung, nicht sonderlich ins Gewicht fällt, sofern die Gültigkeit der Sakramentenspendung dadurch nicht infrage gestellt wird. Dennoch ist es wohl kaum unverständlich oder gar verwerflich, wenn Familien sich für dieses so wichtige Ereignis einen angemessen feierlichen und würdevollen Rahmen wünschen. Hinzu kommt, dass unter den Vorzeichen des post-volkskirchlichen Kulturkatholizismus der Wunsch nach einer "schönen Feier" eher einen umso höheren Stellenwert hat, je kirchenferner die Familie ist. Was man sich konkret unter einer "schönen Feier" vorstellt, kann natürlich individuell sehr unterschiedlich sein, aber ich sag mal, nicht jeder wünscht sich, dass sein Kind von Thomas Gottschalk getauft wird.
Das Thema "individuelle Erwartungen an Tauffeiern" bringt mich übrigens darauf, dass ich kürzlich mal wieder über einen Beitrag von Alina Rafaela Oehler im Communio-Magazin gestolpert bin, in dem direkt unter der wenig aussagekräftigen Überschrift "Doppeltaufen" die Frage aufgeworfen wird: "Warum müssen Familien die Taufe ihrer Babys immer öfter mit Fremden feiern?" Und man denkt sich: Duh. Okay, man könnte sagen, Frau Oehler bleibt sich treu, und das kann man ja als eine schätzenswerte Eigenschaft betrachten; aber dieser Artikel ist dann doch noch blöder, als ich es nach den beiden anderen, die ich bisher von ihr gelesen habe, erwartet hätte.
Als Aufhänger für ihren Artikel nutzt die Verfasserin die Beobachtung, dass manche Pfarreien bewusst und absichtlich gemeinsame Tauftermine für mehrere Familien ansetzt, statt jeder Familie einen eigenen zu geben. Soll angeblich "heute üblich" bzw. im Kommen sein; mir persönlich ist diese Praxis zwar noch nie begegnet, aber das muss ja nichts heißen. Frau Oehler jedenfalls findet diese Praxis nicht gut: Sie meint, "je seltener Menschen zur Kirche kommen, desto mehr sollte man ihnen das Gefühl geben, auch mit ihren Wünschen gesehen und willkommen zu sein", statt sie "mit Kompromissen vor den Kopf zu stoßen". Schließlich sollen sich "in ihrer Feier verwirklichen und wohlfühlen können". Den Einwand einer Pastoralreferentin, es sei "eigentlich nichts Neues", dass Familien keine privaten, individuellen Tauftermine nach Wunsch bekommen – sie selbst sei, vor "über 30 Jahren", "auch mit anderen Kindern aus der Gemeinde getauft worden. Ein Taufsonntag im Monat wäre normal gewesen" –, schmettert die Verfasserin ab: Das seien einfach "andere Zeiten" gewesen.
"Gemeinde war wirklich noch eine sonntägliche Versammlung der ortsansässigen Familien, man kannte sich, traf sich auch sonst im Alltag. Die Taufe war auch die Aufnahme in eine konkrete Gemeinschaft. Die Feier war zudem unaufgeregter und kein so stark individualisiertes Fest wie heute."
Ja Moment mal – bekennt Frau Oehler sich nicht sonst so gern dazu, ein ausgesprochener Fan dieser "unaufgeregten" Volkskirchlichkeit zu sein? Und auf einmal räumt sie hier nonchalant ein, dass die Voraussetzungen, von denen das System Volkskirche gelebt hat, in der Breite schlichtweg nicht mehr gegeben sind. Dass sie auf diese Erkenntnis jedoch keine andere Antwort sieht als die Umwandlung der alten Volkskirche in eine "Angebots- beziehungsweise Servicekirche", wie Johann Baptist Metz sie schon vor über 40 Jahren diagnostizierte, passt auf eigentümliche Weise zu Frau Oehlers konservativem Gemüt: Wie ich erst kürzlich nachgelesen habe, sah Metz schon zu seiner Zeit – und da war Alina Oehler noch nicht mal geboren! – in dem beschriebenen Modell keineswegs die Zukunft, sondern war im Gegenteil der Überzeugung, diese Vision einer vermeintlichen Modernisierung der Kirche habe "ihren historischen Zenit und in diesem Sinn ihre gesellschaftliche Zukunft" im Großen und Ganzen bereits hinter sich.
Alina Oehler nimmt durchaus wahr, dass die Zumutung, eine Kindstaufe "mit Fremden feiern" zu sollen, in der Regel erst dadurch zum Problem wird, dass die Familie des Täuflings "mit der Sonntagsgemeinde kaum noch Berührung hat"; holprig wird ihre Argumentation indes, wenn sie erklärt, der Moment, wenn eine ansonsten kirchenferne Familie nach einem Tauftermin frage, könne "ein wertvoller Moment für Akquise sein". Dass sie "Akquise" schreibt und nicht "Mission", ist ja schon recht vielsagend; wenn sie aber meint, eine Familie, die schon bei der Anmeldung des Tauftermins Wert darauf legt, unter sich zu bleiben und den Kontakt zur örtlichen Gottesdienstgemeinde zu meiden, könne man, wenn man ihr diesen Wunsch erfüllt, "bestenfalls [...] im Kindergottesdienst oder in der Krabbelgruppe" wiedersehen, mache ich ein Gesicht wie Marcia Brady in der Serie "Drei Mädchen und drei Jungen":
Dass es in der Realität vielfach anders läuft – "dass Menschen kurz nach einer Taufe oder Hochzeit austreten [...], weil man sich die Kirchensteuer künftig sparen will, aber dieses schöne Fest noch mitnehmen wollte" –, nimmt die Autorin zur Kenntnis, dringt aber nicht zu der Erkenntnis vor, dass dieses "Nutzerverhalten" dem Konzept einer Dienstleistungskirche zu einem gewissen Grad inhärent ist. Über Leute, die allmonatlich für die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio bezahlen, obwohl sie selten oder nie trainieren, macht man sich lustig, aber die institutionelle Kirche setzt ein solches Verhalten bei ihren Mitgliedern – zunehmend fälschlicherweise – als normal voraus.
Von einem Grill zum anderen
Während ich bei der Taufe war, war meine Familie an den Strand gegangen, und da ging ich dann anschließend auch hin – und stellte auf dem Weg fest, dass rund um das Atrium die Vorbereitungen für das Jubiläumskonzert zum 120-jährigen Bestehens des Männergesangsvereins Eintracht Burhave auf Hochtouren liefen: So waren bereits eine Hüpfburg und zwei Grills aufgebaut worden. – Zum Männergesangsverein Eintracht Burhave hatte ich, wie ich inzwischen nachgelesen habe, schon im vorigen Jahr anlässlich der Fedderwardersieler Krabbenkutterregatta festgehalten, in diesem Gesangsverein habe "so ziemlich meine gesamte ortsansässige männliche Verwandtschaft, angefangen von meinem Opa (mütterlicherseits), irgendwann mal mitgesungen":
"Zwei Cousins meines Vaters waren noch dabei, als die Shanty-Sparte des Gesangsvereins in den 90er Jahren unter dem Namen Butjenter Blinkfüer voll auf maritimen Schlager umstieg und es damit zu ein paar Auftritten in Schlager- und Volksmusiksendungen im Fernsehen brachte."
Inzwischen gilt Butjenter Blinkfüer als "die älteste Boygroup der Wesermarsch" und gibt so zwölf bis fünfzehn Konzerte pro Jahr, vorrangig natürlich in der Tourismussaison. Das Jubiläumskonzert war im örtlichen Maßstab ein ziemlich großes Event; der Landrat, der Bürgermeister und der Geschäftsführer der Tourismus-Service Butjadingen GmbH waren zugegen und hielten Lobreden auf den Chor. Im Rahmenprogramm gab es neben der schon erwähnten Hüpfburg auch einen Kinderschminkstand, außer Würstchen vom Grill gab es auch ein reichhaltiges Kuchenbüffet; insofern hatte die Veranstaltung Ähnlichkeit mit einem Pfarrfest, mit dem Unterschied, dass ich es bei einem solchen wohl kritikwürdig gefunden hätte, dass die Grillwurst 2,50 € und ein Stück Kuchen 2 € kosteten. Das eigentliche Konzert ging erst rund eineinhalb Stunden nach Beginn des Rahmenprogramms los und umfasste, Zugaben nicht mitgerechnet, zwei halbstündige Blöcke mit einer Pause dazwischen; geboten wurden teils Stimmungsschlager, teils traditionelle Shanties wie der "Hamborger Veermaster" oder der "Drunken Sailor", letztere in einigermaßen poppigen Arrangements, aber trotzdem war das der Teil des Programms, der mich tendenziell mehr ansprach.
So richtig ergriffen war ich dann aber, als zum Abschluss des Programms ein Medley aus "Wo die Nordseewellen" und "Hurra Butjarland" gesungen wurde. Wenn ich das höre, werde ich sentimental, das kann ich nicht leugnen.
Die schon im einleitenden Absatz erwähnte Schulfreundin unseres Tochterkindes und ihre Mutter fanden sich übrigens auch beim Rahmenprogramm des Konzerts ein, nachdem sie zunächst vorgehabt hatten, an diesem Tag nach Bremerhaven in den Zoo zu gehen, sich dann aber doch umentschieden hatten. Die Kinder beschäftigten sich daraufhin eigenständig, und wir Eltern kamen im Gespräch darauf, dass es am Abend ja noch eine weitere Grillveranstaltung geben würde, bei der die Wurst nicht 2,50 € kosten würde, sondern lediglich eine Spende in freiwilliger Höhe – nämlich das "gesellige Beisammensein" im Anschluss an die Vorabendmesse. Da unsere zeltenden Freunde auf dem Campingplatz keine Kochgelegenheit hatten und nicht einmal Essgeschirr im Gepäck hatten, zeigte die Mutter Interesse, dorthin mitzukommen; allerdings ist sie Vegetarierin, und auf die Mitteilung hin, dass die Veranstalter voraussichtlich keine vegetarische Alternative zur Grillwurst anbieten würden, kam sie auf die Idee, vor der Messe noch kurz zu Edeka zu gehen und Grillkäse zu kaufen. Bei der Vorstellung, wie das Urlauberkirchen-Team, das erwartungsgemäß am Grill stand, reagieren würde, wenn jemand mit selbst mitgebrachtem Grillgut ankam und das mitgegrillt haben wollte, musste ich ein bisschen grinsen, aber tatsächlich akzeptierten die Damen vom Grill das relativ unproblematisch. – Und dann war da noch ein Gottesdienstbesucher, der temporär in einer Obdachlosenunterkunft in Eckwarden wohnte, sein Handy dort vergessen hatte und nun Hilfe benötigte, um seine Rückfahrt mit dem (um diese Uhrzeit nur noch auf Anfrage fahrenden) Bürgerbus zu organisieren – und der sich zielsicher an meine Liebste um Hilfe wandte. Fand ich ausgesprochen faszinierend.
Camino de Willehado '26 – Teil 5: Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz
Nachdem wir den "harten Kern" der örtlichen katholischen Gemeinde – also diejenigen Gemeindemitglieder, die außer zu den Vorabendmessen auch zur Werktagsmesse und zum Friedensgebet kamen – fast vollzählig beim Jubiläumskonzert getroffen hatten, hatte meine Liebste schon die Ahnung oder Befürchtung, wir würden an diesem Abend die einzigen Gottesdienstbesucher sein; tatsächlich war die Vorabendmesse jedoch mit über 30 Teilnehmern ungewöhnlich gut besucht – woran sicherlich Urlaubsgäste einen nicht unwesentlichen Anteil hatten. Wie angekündigt, wurde die Messe von Pfarrer Fechtenkötter zelebriert, und wenn es bei der Beurteilung der liturgischen Qualität einer Messe nur darum ginge, "Boxen zu checken", dann hätte diese gegenüber den Messen der beiden vorangegangenen Wochenenden durchaus ein paar Pluspunkte zu verzeichnen: Es gab ein gesungenes Hochgebet, gesungenes Vaterunser, die Liedauswahl war erheblich weniger NGL-lastig und alle Lieder waren passend zu ihrer liturgischen Funktion ausgewählt. Auf der Negativseite ist zu vermerken, dass der Pfarrer in Albe und Stola zelebrierte – das ist fast immer ein ausgesprochen schlechtes Zeichen –, vor allem aber, dass die 2. Lesung (Römer 8,28-30) weggelassen wurde.
Die Kinder saßen in der ersten Reihe und benahmen sich anständig – bis ihnen auffiel, dass am Altar ein Spinnennetz hing, in dem eine Raupe um ihr Leben zappelte. Insbesondere unser Jüngster war sehr aufgebracht, dass wir ihm nicht erlauben wollten, die Raupe zu retten, und schließlich erbot sich die Mutter der Schulfreundin unserer Tochter (für die ich in Zukunft wohl eine griffigere Benennung brauchen werde, da sie wohl noch häufiger in meinen Wochenbriefings eine Rolle spielen wird), mit den Kindern in den benachbarten Bürgerobstgarten zu gehen, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Eine weitere Raupe krabbelte übrigens an der Stola des Pfarrers hoch, und es war vielleicht ganz gut, dass die Kinder nicht mehr mitbekamen, wie mitten in der Predigt der Lektor vortrat, um das Tierchen zu entfernen.
Und die Predigt? Wenn ich sage, sie hatte "Wort zum Sonntag"-Niveau, dann hat das den enormen Vorteil, dass diejenigen, die diese Art von Predigt gefällt, das wahrscheinlich als Kompliment auffassen würden, während solche, denen dieser Predigtstil nicht zusagt, diese Einordnung als Kritik verstehen dürften. Bei diesem ambivalenten Urteil könnte man es vielleicht belassen, aber ich möchte doch zu Protokoll geben, dass ich fand, der Pfarrer tue dem Bibeltext (Matthäus 13,44-52, die Gleichnisse vom Schatz im Acker, von der kostbaren Perle und vom Netz mit den guten und den faulen Fischen) ein bisschen viel Gewalt an, um eine sozialverträgliche Wellness-Message aus ihm herauszuquetschen. Gerade wenn man bedenkt, dass Jesus im Evangelium die Deutung des Gleichnisses vom Netz mit den guten und den faulen Fischen gleich mitliefert und es auf das Ende der Welt bezieht und darauf, dass die Engel "die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen", muss man sich schon sehr wundern, was Pfarrer Fechtenkötter daraus macht – nämlich die Aufforderung,
"die Augen sehr gut geöffnet zu halten und zu unterscheiden: wovon kann ich mich nähren, aber was schmeckt auch nicht oder was ist vielleicht sogar giftig, unbekömmlich, tut mir nicht gut. Und da sagt Jesus auch ganz klar: Das legt zur Seite, das sortiert weg, das braucht ihr nicht mitnehmen auf eurem Lebensweg, auf eurem Glaubensweg."
Angesichts dieser Predigtpassage darf man wohl konstatieren, dass Pfarrer Fechtenkötter, bei allen schätzenswerten Eigenschaften, die er ansonsten haben mag, theologisch eher auf dem Boden des Moralistisch-Therapeutischen Deismus steht. Irgendwie muss ich in diesem Zusammenhang daran denken, was ein Theologieprofessor aus Tennessee, mit dem ich mich mal traf, um Bier zu trinken und über die #BenOp zu diskutieren, im Zuge dieses Gesprächs über den politischen Kommentator David French sagte: "He's a really nice guy, but, you see, that's part of the problem."
Auch den beiden anderen Gleichnissen dieses Sonntagsevangeliums erging es in der Auslegung des Pfarrers nicht besser. Gerade denjenigen Aspekt, den diese beiden Gleichnisse offensichtlich gemeinsam haben – dass da jeweils jemand alles, was er besitzt, aufgibt, um den Schatz im Acker beziehungsweise die kostbare Perle zu erwerben –, kam in der Predigt kaum zur Sprache; eher konnte man den Eindruck haben, die Predigt lenke von diesem Aspekt ab. Fand der Pfarrer es allzu offensichtlich, um noch Worte darüber zu verlieren – oder eher zu radikal?
Immerhin haben mich gerade die Mängel dieser Predigt, oder hat mich das Reflektieren über diese Mängel, daran erinnert, dass es einen Essay von Dorothy Day mit dem Titel "The Pearl of Great Price" gibt, und mich motiviert, diesen nachzulesen. Einen Auszug gibt's weiter unten als Geistlichen Impuls der Woche.
Nichts los im Rat-Schinke-Haus?
Etwas, das mir im diesjährigen Butjadingen-Sommerurlaub auffallend gefehlt hat, war die Anwesenheit von Jugendgruppen im Rat-Schinke-Haus, dem ehemaligen Burhaver Pfarrhaus, das seit 1988 als "Gemeinde- und Bildungshaus" genutzt wird. Als ich über meinen Ideen zum Thema "Guerilla-Urlauberseelsorge" brütete, hatte ich die Vorstellung, man könnte die dort untergebrachten Jugendlichen zu Lobpreisandachten einladen und daran anknüpfend eventuell noch weitere spirituelle Angebote für sie bzw. mit ihnen zusammen entwickeln, z.B. auch mal ein "Dinner mit Gott" für sie und mit ihnen veranstalten. Und nun waren gar keine da! – Es kann natürlich sein, dass noch welche kommen, nachdem wir schon wieder weg sind: Letztes Jahr waren wir ein paar Wochen später in Butjadingen im Urlaub, da war es schon Anfang August, als wir erstmals Jugendlichen begegneten, die im Rat-Schinke-Haus einquartiert waren – da handelte es sich um eine Messdienerfreizeit aus Emsdetten, und aus Gesprächen mit Gemeindemitgliedern erfuhr ich, das Haus sei "den ganzen August ausgebucht". Kann ja sein, dass das dieses Jahr wieder so ist. Vielleicht wird das Haus sogar nur im August an Gruppen vermietet? Das würde ich ja als eine ziemliche Vergeudung von Potential halten, aber mich fragt ja mal wieder keiner.
Jedenfalls halte ich das Rat-Schinke-Haus – unter dem Vorbehalt, dass ich das Obergeschoss, wo sich die Schlafzimmer und die Gruppenküche befinden, seit der umfassenden Renovierung vor einigen Jahren noch nicht wieder betreten habe, aber vor Jahrzehnten war ich da mal auf einem Jugendwochenende, und das war super – für eine im Grunde unschätzbare Ressource dieses Kirchenstandorts; und nur damit hier keine Missverständnisse entstehen: Mit "Ressource" meine ich nicht "Einnahmequelle", sondern "etwas, womit man arbeiten kann". Vom Erzbistum Berlin aus würde es sich wohl wegen der Anfahrtskosten nicht lohnen, dort eine Jugendfreizeit oder dergleichen zu veranstalten, aber ich habe ja auch Leser, die näher dran wohnen – und wie ich aus sicherer Quelle weiß, sind darunter sogar ein paar, die im Bistum Münster im pastoralen Dienst tätig sind. Also, falls Ihr mal eine Location für eine Jugendfreizeit – oder meinetwegen auch für Exerzitien, Einkehrtage, Retreats oder wie auch immer Ihr es nennen wollt – sucht, könnte das Rat-Schinke-Haus etwas für Euch sein. Und wenn Ihr in der Sommerferienzeit dort seid, gebt mir Bescheid – vielleicht bin ich dann auch gerade in der Gegend, dann machen wir was zusammen!
Die Sache mit dem Sand
Wie an anderer Stelle schon erwähnt, waren wir am Dienstag zum (für diesen Sommer) vorletzten Mal beim Kirchenzelt-Bastelprogramm, und da wurden Windlichter mit Muscheln und Sand gestaltet. Etwas später, als wir an der Bushaltestelle saßen, weil wir nach Tossens fahren wollten, fiel das Windlicht des Tochterkindes durch ein Missgeschick um und gut die Hälfte des Sandes kippte aus. Wir redeten unserer Großen zu, statt zu versuchen, den verschütteten Sand vom Straßenpflaster aufzuklauben, solle sie sich lieber in Tossens am Strand eine Handvoll neuen Sand holen.
Unterwegs betrachtete ich den im Glas verbliebenen Sand und stellte, an meine Liebste gewandt, fest: "Die haben natürlich den teuren Bastelsand genommen. Bezahlen wir ja nur mit unserer Kirchensteuer. Also, wir natürlich nicht, weil: anderes Bistum. Aber wenn die schon so nah am Strand sind, wieso holen die den Sand dann nicht von da?" Im nächsten Moment fiel mir auf bzw. ein, dass es in Butjadingen ja keinen natürlichen Sandstrand gibt und der Sand also extra aufgeschüttet werden muss – und das zahlen letztlich die Urlauber mit ihrem Gästebeitrag. Eine ganz gute gedankliche Übung in Sachen "Follow the Money", wie ich fand: Irgendwer bezahlt am Ende immer für den Sand.
Die Muscheln, mit denen die Windlichter dekoriert wurden, waren übrigens auch künstlich, und da muss ich dann schon sagen, dass es die Individualität des Endprodukts, besonders aber auch die Erlebnisqualität der ganzen Bastelaktion erheblich erhöht hätte, wenn man die Kinder erst mal an den Strand geschickt hätte, um eigenhändig echte Muscheln zu sammeln. Meine Tochter findet das auch.
Überall hat Gott Seine Leute
An unserem letzten ganzen Urlaubstag in Butjadingen – also Mittwoch, dem Tag vor unserer Rückreise – fuhren wir vormittags nach Iggewarden, wo die Kinder Tiere streichelten und fütterten, während wir Erwachsenen Kaffee tranken und den Charme der Ungebung genossen. Von dort aus wollten wir weiter nach Tossens zum Friesenstrand, bekamen aber gerade noch mit, wie der Hofbesitzer mit anderen Gästen darüber sprach, dass am selben Tag ein Grillabend auf dem Hof anstand. Das überraschte uns, denn wir hatten am Anfang unseres Urlaubs schon mal auf die Website geschaut des Hofes geschaut und dort nur einen Grillabend-Termin vorgefunden, der uns leider gar nicht passte; aber inzwischen waren weitere Termine hinzugekommenen, und einer davon war just an diesem Tag. – Nun, wie ich schon anlässlich unseres Sommerurlaubs vor zwei Jahren schrieb: "Wer in Butjadingen Urlaub macht und nicht wenigstens einmal zum Grillbüffet auf Hof Iggewarden geht, der ist selber schuld"; wir fackelten also nicht lange, entschlossen uns, nach unserem Strandtag in Tossens noch einmal wieder hierherzukommen, und meldeten uns für 18 Uhr zum Grillbüffet an.
Als wir wieder auf Hof Iggewarden eintrafen, waren bereits einige andere Familien dort, unter denen mir auf den ersten Blick eine Drei-Generationen-Familie mit zwei Hunden ins Auge fiel. Besonders bei der "mittleren Generation" dieser Familie – einem jungen Mann und seiner schwangeren Frau – hatte ich den Eindruck: Die schauen uns so freundlich an, da wäre es doch gelacht, wenn wir mit denen nicht noch ins Gespräch kämen. Abgesehen von ein paar beiläufigen Wortwechseln bei Begegnungen am Büffet dauerte es dann aber doch eine Weile, bis es dazu kam. Schließlich unternahmen unsere Kinder einen Anlauf, das Eis zu brechen – vorrangig der Jüngste, der hoffte, sich mit den Söhnen der Familie anfreunden zu können, von denen einer wohl etwa in seinem Alter und der andere nur wenig älter war. Da holte er sich aber eine ziemliche Abfuhr, denn die Jungs erwiderten übellaunig "Wir haben schon Freunde." Daraufhin entschuldigten sich die Eltern für die Schroffheit ihrer Kinder: Sie hätten einen aufregenden Tag hinter sich und seien jetzt einfach müde. An dem Vater war mir schon von Weitem ein Anhänger an einem Lederhalsband aufgefallen, der sich aus der Nähe als Kreuz-Taube aus Taizé erwies; seine Frau trug ebenfalls einen solchen Anhänger – und schon hatten wir ein Gesprächsthema. Im Zuge des Austauschs von Urlaubserlebnissen berichteten wir unseren neuen Bekannten auch von unseren Erfahrungen mit der Urlauberkirche, und der junge Mann reagierte darauf mit der bemerkenswerten Frage, ob wir bei uns zu Hause auch [sic] in der Gemeindearbeit tätig seien. Ich erzählte daraufhin, ich hätte geradezu die Ausbildung zum Gemeindereferenten begonnen und würde demnächst ein Fernstudium antreten; das fanden sie interessant und gut. – Die Familie kam übrigens aus Erfurt. Und dann trifft man sich – of all places, wie der Angloamerikaner sagt – auf Hof Iggewarden. What are the odds? Ich fand diese Begegnung jedenfalls auf eigentümliche Weise ermutigend – und fühlte mich wieder einmal an das in der Zwischenüberschrift zitierte Lied von Manfred Siebald erinnert, das ich später am Abend meiner Liebsten vorspielte. Bemerkenswert ist hier übrigens nicht zuletzt der Anfang der zweiten Strophe: "Mancher findet Gottes Leute / nicht, wo er sich auf sie freute". Was ja irgendwie auch zur Pfarrei St. Willehad und zur Urlauberkirche passt.
Unpopuläre Gedanken zum CSD-Anschlag
Kann man eigentlich nicht Terrorismus und Hassverbrechen verurteilen, die Opfer betrauern und den Hinterbliebenen Mitgefühl bekunden, ohne sich deswegen gleich mit der "queeren Community" zu solidarisieren? Ja, ich meine mit dieser Frage insbesondere Repräsentanten der katholischen Kirche. Nicht nur, weil solche Solidaritätsadressen leicht als peinliche Anbiederei 'rüberkommen und den Verdacht erwecken, letztlich nur der eigenen Imagepflege dienen zu sollen (der CSD stehe für "genau jene Werte, die wir als Caritas teilen und leben", ließ die Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka verbreiten – im Ernst?); es stellt sich auch die Frage, wie weit man diese Identifikation mit den Opfern zu treiben bereit ist. Angenommen, nächste Woche wird ein Anschlag auf eine Wahlkampfveranstaltung der AfD verübt – sind wir dann plötzlich alle pro-AfD? Das wohl eher nicht. Aber wo soll man da die Grenze ziehen?
"Das hat man doch bei Charlie Kirk gesehen", wirft meine Liebste ein.
Geistlicher Impuls der Woche
Der Grund für unser Dasein ist es, Gott zu preisen, Gott zu lieben und Ihm zu dienen, und das können wir nur tun, indem wir unsere Brüder und Schwestern lieben. Das ist die große Wahrheit, die uns Gott erkennen lässt. Große Verbrechen, das ist wahr, sind im Namen der Bruderschaft der Menschen begangen worden, und das mag dazu beitragen, diese Wahrheit zu verdunkeln; aber wir müssen trotzdem darauf beharren, sie zu sagen. Wir müssen darauf beharren, diese Wahrheit zu sagen, weil Liebe der Grund für unser Dasein ist. Sie ist das, wofür wir alle leben, ob wir ein Gammler auf dem Time Square sind oder das frömmste Mitglied einer Gemeinde. Wir suchen das, wovon wir glauben, dass es gut für uns sei. Wenn wir es nicht besser wissen, dann oft deshalb, weil Radio, Zeitung, Presse und Kanzel es versäumt haben, uns entsprechend zu informieren. Wir lieben das, was uns zu lieben angeboten wird, und Gott wird uns kaum angeboten. Es ist heutzutage genauso schwer, Jesus im respektablen Christen zu erkennen wie im Mann aus den Elendsvierteln.
(Dorothy Day, The Pearl of Great Price, in: Catholic Worker Juli/August 1953. Eigene Übersetzung.)
Ohrwurm der Woche
Peter Menger & Königskinder Hüttenberg: Schreit vor Freude
Ein Highlight meiner Kinder-Lobpreis-Playlist, das ich ehrlich gesagt sträflich unterschätzt hatte, ehe es, der Zufallsauswahl sei Dank, in der ersten Woche des Urlauberkirchen-Programms mehrmals im Kirchenzelt lief. Mit seinem mitreißenden Schlagzeugpart und seinem kraftvollen, prophetisch anmutenden Text würde das Lied durchaus auch als "erwachsener" Lobpreis durchgehen, aber mit wie viel Power und Ausgelassenheit die Königskinder Hüttenberg es interpretieren, soll diesem Kinderchor erst mal jemand nachmachen.
Vorschau/Ausblick
Ziemlich klar ist, dass die Woche, die vor mir liegt, ganz im Zeichen der Religiösen Kinderfreizeit stehen wird. Weniger klar ist, wann ich überhaupt dazu kommen werde, das nächste Wochenbriefing zu schreiben, aber das wird man sehen – schlimmstenfalls lege ich Nachtschichten ein. Auf jeden Fall verspricht es ein besonderes und auf besondere Weise interessantes Wochenbriefing zu werden, denn während ich aus Gründen der Diskretion gegenüber den teilnehmenden Kindern, aber auch gegenüber den Mitarbeitern bei der Schilderung der Ereignisse bei dieser RKF wohl nicht allzu sehr werde ins Detail gehen können, ist auf der anderen Seite zu erwarten, dass es viel Stoff für Reflexionen geben wird. Mein persönlicher Anspruch an die RKF ist übrigens, dass sie in Hinblick auf geistliche Tiefe mehr 'rüberbringt als die Urlauberkirche in Butjadingen. Lassen wir das mal auf uns zukommen!








