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Samstag, 4. Juli 2026

Utopie und Alltag 32: Wind of Change

Was für eine Woche, Freunde: Deutschland ist aus der Fußball-WM ausgeschieden, die Piusbruderschaft hat sich die Tatstrafe der Exkommunikation zugezogen – beide Themen werden in diesem Wochenbriefing durchaus eine gewisse Rolle spielen, wenn auch eher indirekt und um die Ecke gedacht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass mindestens eins dieser Themen mich noch weiter beschäftigen wird; seien wir also mal gespannt, welches das wohl sein wird. Auf jeden Fall erwartet euch ein vergleichsweise reflexionslastiges Wochenbriefing, und ziemlich umfangreich ist es auch wieder geworden – daher spare ich mir mal weitere Vorbemerkungen... 


Eure engen Grenzen

Über das eindeutige Highlight im Berichtszeitraum dieses Wochenbriefings – die Bundeswallfahrt der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) – habe ich ja bereits einen separaten Artikel veröffentlicht; aber ich muss darauf doch noch einmal zurückkommen, und zwar speziell und zunächst auf die Messe in der Klosterkirche am Sonntag. Der betont "hochkirchliche" Stil dieser Messe stand nämlich in einem so augenfälligen Kontrast zu der Messe in der Seitenkapelle von St. Karl Borromäus in Berlin-Grunewald, an der ich am vorangegangenen Freitag teilgenommen hatte, aber auch zu allerlei anderen Messen, die ich in diversen eher liberal geprägten Pfarreien miterlebt habe, dass sich mir der Gedanke an etwas aufdrängte, was mein Freund Rod im Liturgie-Unterkapitel der #BenOp schreibt: 

"Stell Dir vor, Du besuchst eine katholische Messe in einer öden vorstädtischen Kirche aus den 70ern, die aussieht wie eine umfunktionierte Pizza-Hut-Filiale. Am nächsten Sonntag nimmst Du an einem Hochamt in der St.-Patricks-Kathedrale in New York City teil. Die Schriftlesungen sind an beiden Orten dieselben, und Jesus ist in der Eucharistie in 'Unserer Lieben Frau von der Pizza Hut' genauso real präsent wie in der Kathedrale. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass Du in der vorstädtischen Kirche größere Mühe haben wirst, eine Empfindung für die Heiligkeit der Messe in Dir zu wecken, als in der Kathedrale" (S. 173/Paperback-Ausgabe S. 185).

Darüber hinaus musste ich an eine Diskussion denken, in die ich ein paar Tage zuvor in der App Formerly Known As Twitter gestolpert war und in der es um den bemerkenswerten Umstand ging, dass der 1886 von Papst Leo XIII. eingeführte Brauch, am Ende der Heiligen Messe das Gebet zum Hl. Erzengel Michael zu sprechen, im jüngster Zeit eine Renaissance zu erleben scheint. Die Meinungen darüber, ob das begrüßenswert oder eher befremdlich sei, waren ausgesprochen geteilt. Der Blogger John Monaco, von dem ich schon vor Jahren mal ein paar Artikel auf meinem Blog empfohlen und verlinkt hatte, brachte im Blick auf diese Debatte den von dem Philosophen Charles Taylor geprägten Begriff der "sozialen Vorstellungswelt" ("social imaginary") ins Spiel und merkte an, der Umstand, dass es Katholiken gebe, die das Gebet zum Hl. Erzengel Michael als irritierend oder anstößig empfinden, illustriere, wie sehr sich die soziale Vorstellungswelt des Katholizismus in den letzten Jahrzehnten verändert habe. Das erscheint mir als eine recht profunde Feststellung, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Situation in Deutschland, wo es ja – auch und gerade innerhalb des institutionellen Apparats der Kirche – eine Menge Leute gibt, die bedeutende Teile der Glaubens- und Sittenlehre als überholt und damit teils als schockierend, teils als schlicht lächerlich betrachten, gleichzeitig aber überzeugt sind, sie seien die wahren Katholiken und diejenigen, die immer noch an den betreffenden Lehren festhalten, seien gefährliche Fanatiker und Extremisten. Was sich ja, wie schon vor Jahren festgestellt, unter anderem auch in der Haltung der im BDKJ organisierten Jugendverbände, einschließlich des Pfadfinderverbands DPSG, gegenüber der KPE niederschlägt. 

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass ich am Samstagabend im Klosterhof einem Seniorenpaar begegnete, dessen männlicher Teil gerade dabei war, seiner Frau einen Text von seinem Smartphone vorzulesen, der wahrscheinlich aus dem Wikipedia-Artikel über die KPE oder einem darauf basierenden Artikel stammte und in dem es hieß, die KPE werde "dem katholischen Traditionalismus zugeordnet" und ihr würden "radikale Tendenzen vorgeworfen". Für mich war nicht ganz klar zu erkennen, ob es sich bei diesen Senioren um Wallfahrtsteilnehmer handelte, die den betreffenden Online-Text eher unter dem Aspekt "Guck mal, was andere über uns schreiben" rezipierten, oder ob sie sich aus ganz anderen Gründen auf dem Klostergelände aufhielten, sich gewundert hatten, wo all diese Leute herkommen, und sich daher im Internet darüber informieren wollten, was das eigentlich für Leute sind. Intuitiv tippe ich allerdings auf Letzteres. Ich erzählte meiner Liebsten davon, und als ich später am Abend ein Foto vom Abendgebet der Wölflinge auf dem Vorplatz der Klosterkirche machte, merkte sie an: "Wenn wir das den Omas schicken, lesen die sich auch bald gegenseitig Wikipedia-Artikel über die KPE vor." 

Hier das gemeinte Foto.

Übrigens gibt es auf dem Klostergelände auch eine evangelische Kirche, und als die hitzebedingt gekürzte Fußwallfahrt – kurz vor Schluss, auf dem Weg zur Klosterkirche – an dieser vorbeikam, war da gerade der Sonntagsgottesdienst zu Ende, sodass die Gemeinde samt Pfarrerin beim Verlassen der Kirche die KPE-Wallfahrer an sich vorüberziehen sah. Die machten vielleicht Augen! 

Aber lassen wir mal die Anekdoten und fragen geradeheraus: Was ist denn nun tatsächlich dran an der Zuordnung der KPE zum "Traditionalismus"? – Je nachdem, wie weit oder wie eng man den Traditionalismus-Begriff fassen will, würde ich diese Frage mit "nicht viel" oder mit "überhaupt nichts" beantworten. Sieht man als definitorisches Merkmal der Traditionalistischen Bewegung im Katholizismus eine kritische bis ablehnende Haltung zum II. Vatikanischen Konzil an, dann kann man mit leichter Mühe – selbst wenn man nur den besagten Wikipedia-Artikel liest – feststellen, dass sich die KPE seit ihrer Gründung klar zum Konzil bekennt. Ordnet man als "traditionalistisch" all jene Gemeinschaften ein, die bevorzugt oder ausschließlich nach den "vorkonziliaren" liturgischen Büchern zelebrieren, dann möchte ich zu Protokoll geben, dass alle Messen, die ich bisher im Rahmen von KPE-Veranstaltungen mitgefeiert habe, in der ordentlichen Form des Römischen Ritus, also in der "nachkonziliaren" Liturgie, zelebriert worden sind – dabei allerdings im Rahmen der Gestaltungsspielräume, die diese Form des Ritus gewährt, zugegebenermaßen "traditioneller" aussahen als das, was die soziale Vorstellungswelt liberaler Katholiken als "normal" zu betrachten gewohnt ist. Gerade dafür ist die Jubiläumsmesse in der Klosterkirche von Schöntal ein illustratives Beispiel: Da trugen zwar zwei der Konzelebranten sogenannte "Bassgeigen", aber in der vorkonziliaren Liturgie war Konzelebration insgesamt unüblich; und da wurde das Eucharistische Hochgebet zwar in lateinischer Sprache gebetet, aber es ist gerade ein besonders auffälliges Merkmal der vorkonziliaren Liturgie, dass der Messkanon überhaupt nicht für die Gemeinde hörbar gesprochen wird. Kurz gesagt, wer eine Liturgie wie die der KPE-Jubiläumsmesse im Kloster Schöntal für "traditionalistisch" hält, hat von Traditionalismus überhaupt keine Ahnung. – Eine weitere Erinnerung, die da bei mir aufpoppt, betrifft eine Messe in der Stuttgarter Konkathedrale St. Eberhard, nach der ich mich beim Zelebranten über zahlreiche grobe liturgische Missbräuche beschwerte und dieser mir daraufhin beschied, ich könne ja zu den Piusbrüdern gehen. Ich sag mal: Auf die Idee, jemandem, der lediglich will, dass die ordentliche Form des Römischen Ritus ordnungsgemäß zelebriert wird, eine Gemeinschaft zu empfehlen, die ebendiese Form des Ritus dezidiert ablehnt, muss man erst mal kommen. 

Insgesamt bin ich geneigt zu sagen: Wenn eine, wie ich es oben genannt habe, "hochkirchliche" Liturgie gleich als "traditionalistisch" wahrgenommen wird, ist im Prinzip derselbe Mechanismus am Werk, der ein Ernstnehmen der Glaubenslehre bis in persönliche Lebensentscheidungen hinein als Fanatismus und geistliche Gemeinschaften, die ihre Mitglieder für mehr als ein paar Stunden pro Woche in Anspruch nehmen, als "sektenartig" beurteilt: Die "soziale Vorstellung" davon, was "normal katholisch" sei, ist über Jahrzehnte hinweg, nach innen wie nach außen, vom linksliberalen "Boomer Catholicism" geprägt worden. Und ich spreche gewiss nicht nur für mich, wenn ich sage, dass ich das soziale Imaginarium des "Boomer Catholicism" in seiner biederen linksbürgerlichen Beschränktheit ausgesprochen öde finde. Ganz zu schweigen von der schon früher angesprochenen Tragikomik der Tatsache, dass für liberale Katholiken "Vielfalt" zwar ein entschiedenes "Hochwertwort" ist, sie gleichzeitig aber keinerlei Sympathie für die real existierende Vielfalt katholischer Frömmigkeitsformen haben und damit im Grunde überhaupt nicht umgehen können... 


Nachträge zum "Mission is Possible"-Kongress 

Wenn ich auf mein voriges Wochenbriefing zurückschaue, drängt sich mir der Eindruck auf, dass das, was ich da über den "Mission is Possible"-Kongress geschrieben habe, ein bisschen unfertig und lückenhaft wirkt; in gewissem Sinne hatte ich schon beim Schreiben selbst den Eindruck, dass es mir sowohl an Zeit als auch an Platz mangele, diesen thematischen Abschnitt richtig "rund zu kriegen". Obendrein habe ich von Leserseite den Hinweis erhalten, dass man die Vorträge des Kongresses in der Mediathek von Radio Horeb nachhören könne. Diesem Hinweis bin ich nachgegangen und habe dort 23 Beiträge vom "Mission is Possible"-Kongress mit einer Gesamtlaufzeit von rund viereinhalb Stunden gefunden, mir bisher allerdings nur die Zeit genommen, mir die Eröffnungsansprache des Augsburger Bischofs Meier und Johannes Hartls Vortrag "Warum wir heute einen missionarischen Aufbruch brauchen" anzuhören – das ist der mit der heiß diskutierten Passage über das Restaurant, in dem es nichts zu essen gibt, und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Eine Passage, die mich sehr bewegt hat – gerade auch mit Blick auf die Gemeinde von Herz Jesu Tegel (mehr dazu weiter unten) – möchte ich hier zitieren: 

"Ich hab manchmal das Gefühl, oder manchmal so die Frage: Warum schickt Gott nicht noch mehr noch nicht glaubende Menschen zu uns? Ich hab manchmal das Gefühl, diese Menschen sind das Kostbarste, was Er hat. Für den Herrn sind die Menschen, die Ihn noch nicht kennen, die kostbarsten. Warum sollte Er die jemandem anvertrauen, der für die überhaupt kein Herz hat, der für die überhaupt keine Zeit hat? Der für die zwei Leute, die das letzte Mal geschickt wurden, keine Zeit fand?" 

Aber auch auf ein paar Details aus dem Communio-Artikel von Alina Rafaela Oehler möchte ich noch zurückkommen. Da wäre zunächst einmal der schon im vorigen Wochenbriefing zitierte Satz "Nach außen wirken will der Kongress nicht", von dem ich denke, dass er zumindest missverständlich ist: Ich würde sagen, der Kongress war einfach auf eine andere Art von Wirkung ausgerichtet als auf ein großes Medienecho. In verschiedenen Berichten über den Kongress war von 850 bis 1000 Teilnehmern die Rede; verglichen mit der MEHR ist das natürlich wenig, und auch die Adoratio in Altötting oder die kommt & seht-Konferenz in Köln erreichen locker doppelt so hohe Teilnehmerzahlen. Aber wenn man davon ausgeht, dass es sich bei diesen Teilnehmern größtenteils um Leute handelt, die in ihren jeweiligen Ortsgemeinden aktiv sind, dann können die Impulse zur Gemeindeerneuerung, die sie von dem Kongress mitnehmen, an der Basis tatsächlich eine sehr beträchtliche Wirkung entfalten. Wie ich neulich schon mal anmerkte, liegt es nun einmal "in der Natur von Graswurzelarbeit, dass ihre Ergebnisse, aus der Distanz betrachtet, in der Regel eher klein und unauffällig sind". – Ein weiteres interessantes Detail von Frau Oehlers Artikel ist der Hinweis auf die konfessionelle Zusammensetzung des Publikums beim "Mission is Possible"-Kongress: "etwa 60 Prozent Katholiken" seien unter den Teilnehmern gewesen, "25 Prozent zählten sich zu Freikirchen, 15 zur evangelischen Landeskirche. Einzelne orthodoxe Christen waren auch da." Man wird wohl behaupten dürfen, dass der starke Katholikenanteil – auch wenn die Veranstaltung dezidiert als ökumenisch ausgerichtet beworben wurde – von Veranstalterseite durchaus so gewollt war, wofür schon die Beteiligung mehrerer katholischer Bischöfe am Programm spricht; dagegen ist das Zahlenverhältnis zwischen evangelisch-freikirchlichen und evangelisch-landeskirchlichen Teilnehmern einigermaßen auffällig, wenn man es zu den Mitgliederzahlen dieser Gemeinschaften in Deutschland ins Verhältnis setzt: Während die in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen trotz hoher Austrittszahlen immer noch über 17 Millionen Mitglieder haben, bringen es die bedeutendsten freikirchlichen Gemeindeverbände zusammen auf gerade mal 300.000. Nun ist es grundsätzlich wohl keine besonders neue oder überraschende Erkenntnis, dass bei dem missionarischen Aufbruch, den wir derzeit (wenn auch hierzulande, verglichen mit anderen Ländern um uns herum, bisher nur in Ansätzen) erleben, die evangelischen Landeskirchen kaum mitspielen; in der von Maria Hinsenkamp beschriebenen "deutschsprachigen KiNC-Landschaft" findet viel Kooperation und Vernetzung zwischen katholischen und freikirchlichen Akteuren statt (wofür das Gebetshaus Augsburg ein prominentes Beispiel und wohl auch ein Vorreiter ist), während die evangelischen Landeskirchen dieser Bewegung insgesamt eher fern stehen. Insofern bin ich auch eigentlich nicht überrascht, dass unter den Teilnehmern des "Mission is Possible"-Kongresses "nur" 15% evangelisch-landeskirchliche Christen waren; wenn überhaupt, überrascht es mich eher, dass es nicht noch weniger waren. Man kann ja manchmal versucht sein, daran zu zweifeln, dass es in den evangelischen Landeskirchen überhaupt noch gläubige Christen gibt. Tatsächlich gibt's die durchaus, aber sie haben's halt schwer in ihren Kirchen und mit ihren Kirchen. Es gibt deswegen schon Websites mit interaktiven Landkarten, die gläubigen Protestanten dabei helfen sollen, im Sinne ihrer jeweiligen Konfession rechtgläubige Gemeinden zu finden. Ich denke manchmal, so eine Karte könnten gläubige Katholiken – und solche, die es werden wollen – hierzulande auch gebrauchen. Aber das ist wohl ein Thema für sich... 


Wie geht es weiter in Herz Jesu Tegel? 

Kaum zurück in Berlin, wartete schon wieder die Graswurzelarbeit auf mich: Ich hatte für Montagvormittag ein erneutes konspiratives Treffen mit einer meiner Kontaktpersonen aus der Gemeinde Herz Jesu Tegel verabredet, um Möglichkeiten eines zukünftigen Engagements in dieser Gemeinde zu sondieren. Wir hatten abgesprochen, uns beim Rosenkranzgebet zu treffen, das montags im Anschluss an die 9-Uhr-Messe in Herz Jesu stattfindet; zur Messe selbst glaubte ich es nicht pünktlich schaffen zu können, da ich ja erst noch die Kinder zur Schule und zur KiTa bringen musste, aber als ich feststellte, dass an diesem Montag das Hochfest Peter und Paul war, nahm ich mir vor, es wenigstens zu versuchen, und tatsächlich kam ich dann doch ganz knapp rechtzeitig. Außer mir und meiner Gesprächspartnerin fanden sich noch sieben oder acht ältere Damen in den Kirchenbänken ein; zelebriert wurde die Messe vom leitenden Pfarrer von St. Klara, der – wie so oft in Werktagsmessen – statt einer Predigt einen Zwei-Minuten-Impuls an die Begrüßung der Gemeinde anschloss. Diesen Impuls fand ich in mehrfacher Hinsicht recht bezeichnend: zunächst einmal, weil der Pfarrer es wieder einmal nicht lassen konnte, sich wichtig zu machen, indem er einleitend erwähnte, "vor einigen Jahren" sei er mal eingeladen worden, "in der Katholischen Akademie zum Fest Peter und Paul zu predigen", und daraufhin habe er sich überlegt, da müsse er wohl "ein bisschen was Anspruchsvolleres sagen"; dann aber auch, weil ich mir angesichts der Ausführungen, die er auf diese Einleitung folgen ließ, sagen musste: Wenn er das als "ein bisschen anspruchsvoller" betrachtet, na auweia. Die Apostelfürsten Petrus und Paulus als idealtypische Vertreter unterschiedlicher, ja gegenläufiger Tendenzen im Selbstverständnis und im Handeln der Kirche herauszustellen, ist als Predigtansatz ja nun nicht gerade originell, ja eher schon ein Klischee – wobei natürlich auch hier gilt, dass Klischees in der Regel einen wahren Kern haben: Wie der Pfarrer hervorhob, ist auch in der Präfation zum Hochfest Peter und Paul ausdrücklich die Rede davon, dass die beiden Apostel "auf verschiedene Weise der einen Kirche dienten". Kann man demnach mit einigem Recht Petrus und Paulus als Repräsentanten des hierarchischen und des charismatischen Aspekts der Kirche betrachten, so fand ich es nur allzu charakteristisch für den Pfarrer von St. Klara, wie er diese beiden Aspekte zu einem bloßen "Ordnung muss sein, Innovation muss aber auch sein" verflachte. Dass er dafür das Bild einer Küche heranzog, die, damit man in ihr vernünftig arbeiten könne, eine gewisse Ordnung und Struktur und eingespielte Abläufe brauche, in der man deswegen aber trotzdem nicht immer nur dieselben Gerichte kochen müsse, fand ich als Bild durchaus reizvoll, aber gerade auch in Hinblick auf die Grenzen seiner Anwendbarkeit auf die Kirche vielsagend: Es verriet nämlich einen rein auf organisatorische Abläufe fixierten Blick, dem die geistliche Dimension (wieder einmal) völlig fehlt. Davon, dass Hierarchie und Tradition in der Kirche dazu da sind, das unveräußerliche Glaubensgut zu bewahren, war ebenso wenig die Rede wie davon, dass sich Erneuerung in der Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes vollzieht. Man könnte diesen Mangel natürlich mit dem Hinweis zu entschuldigen suchen, dass es diesem Pfarrer nun mal bekanntermaßen nicht liegt, über geistliche Dinge zu reden (was für einen Geistlichen [!] indes wohl schon bedenklich genug wäre), aber ich glaube eigentlich nicht, dass es sich hier lediglich um ein Problem des sprachlichen Ausdrucksvermögens handelt, sondern dass hier tatsächlich von dem, wovon der Mund nicht spricht, auch das Herz nicht überfließt (vgl. Lk 6,45). Und das ist nicht nur eine Eigenart dieses einen Priesters, auch wenn es bei ihm besonders auffällig sein mag. 

Bezeichnend fand ich es in diesem Zusammenhang auch, wie es im Anschluss an die Messe weiterging: Während sechs ältere Damen (und ich) den Rosenkranz beteten, fingen zwei andere ältere Damen ungerührt an "abzuküstern", wozu es nicht zuletzt gehört, den Altarraum aufzuräumen, und ließen sich von der gleichzeitig stattfindenden Andacht nicht im geringsten bei ihrer Arbeit stören; sie schalteten sogar das Licht in der Kirche aus, ehe wir mit dem Rosenkranz zu Ende waren. So etwas ist sicher keine böse Absicht, zeigt aber recht deutlich an, wo die Prioritäten liegen. Dispensare necesse est, orare non est necesse. Das ist natürlich genau verkehrtherum, dürfte aber, nicht nur in dieser Gemeinde, einigermaßen typisch für den post-volkskirchlichen Normalbetrieb sein. Immerhin konnte ich dieses Erlebnis gleich als Anschauungsbeispiel in mein "konspiratives Gespräch" mitnehmen, in dem ich nämlich gleich zu Beginn darlegte, dass ich nach reiflicher Überlegung eine Kandidatur für den Gemeinderat nicht als zielführend ansehe: Wie neulich schon angedeutet, hat mich mein Besuch einer Sitzung dieses Gremiums davon überzeugt dass man auch da so sehr auf das operative Tagesgeschäft fixiert und damit auch so sehr ausgelastet ist, dass für Fragen von Neuevangelisierung und/oder Gemeindeerneuerung kaum Platz auf der Tagesordnung ist. Aus diesem Grund unterbreitete ich meiner Gesprächspartnerin den Vorschlag, lieber den vor einigen Jahren – nach meinem Ausstieg und der Versetzung der Pastoralreferentin – eingeschlafenen Arbeitskreis Neuevangelisierung wiederzubeleben; eine Idee, die mir spontan während des Rosenkranzgebets gekommen war, lautete, um das Reizwort "Neuevangelisierung" zu vermeiden und auch Gemeindemitglieder anzusprechen, die mit diesem Begriff womöglich nichts anfangen können, könnte man diese Gruppe auch gleich "Arbeitskreis Offene Kirche" nennen. Sicherlich wäre es nicht schlecht, wenn dieser Arbeitskreis auch einen Vertreter oder eine Vertreterin im Gemeinderat hätte, der oder die dafür Sorge tragen könnte, dass ein "Bericht aus dem Arbeitskreis Offene Kirche" regelmäßig auf die Tagesordnung kommt, aber das muss ja nicht unbedingt ich sein, und davon abgesehen habe ich ja neulich schon angemerkt, dass man ja nicht unbedingt gewähltes Mitglied im Gemeinderat sein muss, um an dessen Sitzungen teilzunehmen, da diese ja in der Regel öffentlich sind. Wenn meine Gesprächspartnerin sich zur Kandidatur entschließt, werde ich das gleichwohl gern unterstützen. Im Übrigen teilte ich ihr meine Ideen für die drei "Sofortmaßnahmen" mit, die ein Arbeitskreis Offene Kirche in Angriff nehmen könnte und die ich hier neulich schon mal skizziert habe: Willkommensflyer für Besucher der offenen Kirche, Werbung für die spirituellen und katechetischen Angebote der Gemeinde, Angelusgebet. Ich stellte zudem in Aussicht, meine Ideen zu diesen Punkten schriftlich auszuarbeiten und ihr zuzuschicken; am gestrigen Freitag bin ich nun endlich dazu gekommen, diese Ankündigung in die Tat unzusetzen. Hier der Link für diejenigen Leser, die mal einen Blick darauf werfen mögen; keine Sorge, es sind nur zwei Seiten. 

Eine ganz eigene Frage ist es derweil natürlich, in welchem Umfang ich mich persönlich noch am irgendwelchen Neuevangelisierungs-Bestrebungen in Herz Jesu Tegel beteiligen werde, wenn ich – wie neulich schon angedeutet – schon bald gar nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen werde. Aber darauf werde ich ein andermal näher eingehen... 


Nationalismus, Demokratie usw. 

Am Mittwoch entdeckten das Tochterkind und einige Schulfreundinnen während eines erlaubten Ausgangs vom Schulgelände bei Edeka Umhänge in den Farben der deutschen Nationalflagge, die – offenbar bedingt durch das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM – zu ermäßigten Preisen angeboten wurden, und kauften sich je einen solchen von ihrem Taschengeld (eigentlich hatte das Tochterkind mich am Morgen zu dem Zweck um Taschengeld gebeten, sich ein Eis kaufen zu können, aber die Eisdiele hatte zu). Zurück im der Schule, wurden die Mädchen prompt von einem Mitarbeiter gefragt, warum sie denn Deutschlandflaggen trügen, wo Deutschland im Fußball doch gerade ausgeschieden sei. "Das ist ja nicht nur wegen Fußball", erwiderten die Mädchen arglos, woraufhin der Mitarbeiter ausrief: "Das ist ja noch schlimmer!" Kurz darauf begegneten die Mädchen einer weiteren Lehrkraft, die sie ebenfalls fragte "Wieso tragt ihr Deutschlandflaggen, Deutschland ist doch ausgeschieden". – "Da hat's uns echt gereicht", berichteten sie mir später. 

Tatsächlich ist es ja ein ziemlich interessantes Phänomen, dass es in Deutschland – anders als etwa bei unseren nördlichen Nachbarn, die, wie ich habe erzählen hören, sogar ihre Weihnachtsbäume mit dem Danebrog schmücken – nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit Sportereignissen, und zwar vorrangig Fußball-Länderspielen, üblich und akzeptiert ist, die Landesfarben zu zeigen. Mein fünfjähriger Sohn etwa identifiziert die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold mit größter Selbstverständlichkeit als "Fußballfarben"; dass diese Farben auch eine vom Thema Fußball unabhängige Bedeutung bzw. Funktion haben, kommt in seiner Vorstellungswelt nicht vor. Bei der Großen ist das schon etwas anders, schon dank ihrer Pfadfinderlager-Erfahrung, denn im Lager werden neben der Verbandsfahne stets die Deutschland- und die Europafahne gehisst. – Was mich betrifft, bin ich zwar – auch wenn mir Benedict Andersons Buch "Die Erfindung der Nation", das ich im Zuge meines Promotionsstidiums gelesen habe, eine erheblich differenziertere Sicht auf die Ideologiegeschichte des Nationalismus vermittelt hat, als ich sie vorher hatte – kein besonderer Fan des deutschen Nationalgedankens, aber das Ausmaß der Ablehnung, das dem Zeigen der deutschen Farben im eigenen Land oft entgegenschlägt – außer eben im Fußball –, finde ich dann doch teils albern und teils irritierend. Umso mehr übrigens, als die schwarz-rot-goldene Flagge sich nun wirklich deutlich nachvollziehbar aus der demokratischen Tradition der deutschen Nationalbewegung herleiten lässt. Dass es zwischen Nationalismus und Demokratie in der Neuzeit einen engen Zusammenhang gibt, wäre übrigens auch etwas, was man von Benedict Anderson lernen könnte; man könnt' natürlich auch ohne seine Hilfe drauf kommen, schließlich heißt Demokratie "Volksherrschaft", und wenn man will, dass das Volk herrscht, dann muss man sich auch darüber verständigen, wer dieses Volk eigentlich ist und nach welchen Kriterien jemand dazugehört oder eben nicht

Was ist des Wauzen Vaterland? 

Dazu fällt mir übrigens noch eine weitere Anekdote ein: Unlängst entdeckte unser Tochterkind in einer Bücher-Verschenkekiste das Buch "Der blaurote Methusalem" von Karl May (Radebeuler Ausgabe, in Fraktur) und nahm es mit. Da wir das Buch nun mal zu Hause hatten, mussten wir es auch lesen, d.h. ich musste es vorlesen – und es kam bei den Kindern überraschend gut an. Gegen Ende der Handlung planen die Hauptfiguren, einem aus Deutschland stammenden, in China reich gewordenen, aber heimwehkranken Fabrikbesitzer ein Überraschungs-Geburtstagsständchen zu bringen, und zwar "Was ist des Deutschen Vaterland?" von Ernst Moritz Arndt. Ehe ich beim Vorlesen zu der Stelle kam, an der dieses Lied dann tatsächlich gesungen wird, wollte ich es mir auf YouTube anhören, um es gegebenenfalls auch vorsingen zu können, und stellte fest, dass alle Versionen, die ich fand, mir zu pompös und zu pathetisch waren. Daraufhin fragte ich Google Gemini, ob die KI im Netz eine Version im Folk-/Liedermacherstil mit Klampfe ausfindig machen oder gegebenenfalls selbst eine solche Version erstellen könne. Die App machte sich an die Arbeit, brach dann aber plötzlich ab und teilte mir mit, sie wolle doch lieber keine Version dieses Liedes erstellen, und zwar wegen politisch-Ideologischer Bedenklichkeiten. Daraufhin erkundigte ich mich erst einmal, ob das Lied etwa verboten sei; dies wurde verneint, weshalb ich nachhakte: "Wenn das Lied nicht verboten ist, wieso kann ich mir dann keine Folk-Version davon erstellen lassen?" Daraufhin erklärte mir Google Gemini, die "Moderations-Algorithmen von KI-Plattformen" würden "automatisch bestimmte Begriffe" blockieren, die "als potenzieller Rechtsextremismus oder 'Hate Speech'" eingeordnet würden: "Die KI kann dabei nicht zwischen dem historischen Kontext von 1813 und moderner Hate Speech unterscheiden." Muss einem ja mal gesagt werden. Zu guter Letzt half mir die KI doch noch dabei, auf YouTube eine schöne Gitarrenversion des Liedes zu findenohne Gesang und folglich frei von ideologieverdächtigen Textstellen. 

Derweil hat – was ja irgendwie auch zum Thema passt – die Identitäre Bewegung das Hermannsdenkmal besetzt, um gegen den geplanten Bau von Windrädern in dessen Nähe zu protestieren. Auf der App Formerly Known As Twitter hieß es, der geplante Windradpark würde "diese zentrale deutsche Kulturstätte" – auf den ersten Blick habe ich "Kultstätte" gelesen und nehme an, so war es auch gemeint – "entweihen [!] und unsere Geschichte mit Füßen treten". Wozu mir spontan nicht viel mehr einfällt als: Die haben sie doch nicht alle. 


Geistlicher Impuls der Woche 

"Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter" (Lk 1,46f.). Mit diesen Worten preist Maria zunächst zwar die besonderen Gaben, die ihr geschenkt wurden, dann aber zählt sie auch die allgemeinen Wohltaten auf, mit denen Gott unaufhörlich und auf ewig für das Menschengeschlecht sorgt. Ihre Seele preist den Herrn, der alle Regungen ihres inneren Menschen für das Lob und den Dienst Gottes gefangen nimmt, weil sie durch die Beobachtung der göttlichen Gebote zeigt, dass sie stets an die Macht und Majestät Gottes denkt. Darum hat sich in der Kirche der gute und heilbringende Brauch eingebürgert, dass alle jeden Tag beim Abendlob mit der Psalmodie auch ihren Hymnus singen. So sollen die Herzen der Menschen immer wieder an die Menschwerdung des Herrn denken und dadurch zu liebender Hingabe entbrennen, und die häufige Erinnerung an das Beispiel der Gottesmutter soll die Herzen in der Tugend festigen. 

(Beda Venerabilis, Homilie zu Ehren der Gottesmutter) 


Ohrwurm der Woche 

Counting Crows: Mr. Jones 

Als dieser Song rauskam, war ich 17, und für eine Weile war es mein absoluter Lieblingssong, ohne jede Konkurrenz. Ich habe ihn mir sogar mal sechsmal hintereinander angehört, nur um zu testen, ob ich ihn danach immer noch so toll finden würde, und das Ergebnis lautete: und ob. Dazu trägt neben dem folkrockigen Gitarrengeschrammel nicht zuletzt auch der Text bei – in dem es oberflächlich betrachtet zwar "nur" um zwei Typen geht, die sich schwer damit tun, hübsche Frauen anzusprechen, und neidisch darauf schauen, dass das anderen leichter fällt; aber gleichzeitig ist der Text eben "very, very meaningful". Ich würde sagen, ich kenne kaum einen anderen Songtext, der so vollgestopft mit "meaning" ist wie dieser; höchstens noch "American Pie" von Don McLean, und vielleicht "All Along the Watchtower"


Vorschau/Ausblick 

Heute Mittag hatten wir (nach dem "Probelauf" vor zwei Wochen) unseren "richtigen" Einsatz bei der "Outreach"-Straßenevangelisation in der Spandauer Altstadt; was wir da so erlebt haben, wird natürlich ein Thema für das nächste Wochenbriefing werden. Am morgigen Sonntag ist in St. Joseph Siemensstadt im Anschluss an die Messe ein Kuchenbasar zur Mitfinanzierung der Religiösen Kinderfreizeit, und dazu wollte ich mindestens einen Kuchen, nach Möglichkeit zwei, beisteuern; das wird organisatorisch noch eine Herausforderung, zumal heute auch noch eine meiner beiden Schwiegermütter ihren 70. Geburtstag nachfeiert. – Und dann trennen uns nur noch wenige Tage von den Sommerferien! Diese Tage sind allerdings noch ziemlich vollgestopft mit "Programm": Am Montag trifft sich das Alpha-Kurs-Team der EFG The Rock Christuskirche zum Abschluss-Grillen, und ich gehe mal davon aus, dass meine Liebste da dabei sein will; am Dienstag gibt's eine weitere Grillparty, nämlich mit dem Lehrerkollegium der Schule, an der meine Liebste arbeitet; und am Mittwoch schließlich ist an der Schule des Tochterkindes Sommerfest zum Schuljahresabschluss. Tags darauf soll's dann direkt losgehen nach Butjadingen. Ob wir da in den paar Tagen, bis das nächste Wochenbriefing fällig wird, viel Blogrelevantes erleben werden, muss vorerst dahingestellt bleiben, aber einen Ausblick darauf, was uns in den kommenden Wochen in Butjadingen erwartet, dürfte es mindestens geben...! 


Donnerstag, 2. Juli 2026

Eine Wallfahrt die ist lustig, eine Wallfahrt die ist schön

Als ich am Samstag gegen 6 Uhr die Kinder weckte, teilte meine achtjährige Tochter mir mit: "Ich hab geträumt, meine ganze Schule würde zu der Wallfahrt mitkommen." Eine lustige Vorstellung vielleicht besonders bei dieser Schule, zugleich aber wohl auch ein Indiz dafür, mit welcher Selbstverständlichkeit, oder sagen wir Unbefangenheit, das Tochterkind sich im Spannungsfeld zwischen doch sehr unterschiedlichen Milieus bewegt. 

Aber was für eine Wallfahrt überhaupt? Wer meine Wochenbriefings regelmäßig verfolgt, wird es bereits wissen, aber neu hinzugekommenen oder nur gelegentlichen Lesern sei verraten: Wir hatten uns als ganze Familie zur Teilnahme an der Jubiläums-Bundeswallfahrt der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) angemeldet. Und das am heißesten Wochenende seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, jedenfalls gefühlt. Eine Reihe anderer für dieses Wochenende geplanter Veranstaltungen war wegen der Hitze abgesagt bzw. verschoben worden, so z.B. das Gemeindesommerfest der evangelischen Kirchengemeinde, zu der die KiTa unseres Jüngsten gehört, der Messdienertag des Bistums Münster und auch eine Veranstaltung zum Thema "Kochen und Essen nach Hildegard von Bingen" auf dem Achorhof; dagegen kam von dem Veranstaltern der KPE-Wallfahrt noch zwei Tage vor dem Termin eine Mail mit der Versicherung, man werde sich bemühen, das Wallfahrtsprogramm an die Witterungsbedingungen anzupassen und für eine ausreichende Getränkeversorgung zu sorgen, aber stattfinden werde die Veranstaltung definitiv. – Tatsächlich bin ich geneigt zu sagen, wir konnten uns glücklich schätzen, dass wir einen beträchtlichen Teil des Samstags und des Sonntags in einem klimatisierten Reisebus (mit dem schön pfadfinderisch tönenden Namen "Zugvogel") verbringen durften, den die KPE-Stämme aus Berlin und Brandenburg für die gemeinsame An- und Rückreise organisiert hatten. 

Nach ein paar kurzfristigen Absagen war der Bus mit 35 Personen, einschließlich der Leiterinnen, besetzt; acht Wölflingsmädchen waren dabei (einschließlich unseres Tochterkindes), vier Wölflingsjungen (die man ansonsten selten zu sehen bekommt, da gemeinsame Unternehmungen für Jungen und Mädchen bei der KPE eher die Ausnahme sind), einige Pfadfinder der "Grünen Stufe" (12-16 Jahre) und auch einige Ranger und Rover der "Roten Stufe" (ab 17 Jahre); Eltern waren nur verhältnismäßig wenige dabei. Bevor die Fahrt losging, erhielt die ganze Gruppe noch einen Reisesegen von einem Priester – wenn ich mich nicht irre, war es derselbe, der beim Waldadvent die Messe zelebriert hatte. – Während der Fahrt sangen im hinteren Teil des Busses vor allem die Mädchen eifrig Pfadfinderlieder zur Gitarre; ich muss sagen, genauso hatte ich mir eine Busreise mit Pfadfindern vorgestellt. – Zur Mittagspause fuhren wir eine Raststätte mit dem Namen Teufelstal an. Kein Witz. 

Als wir dort ausstiegen, sprach mich ein Seniorenpaar – das anscheinend ebenfalls mit einem Reisebus dort Station machte – an: "Seid ihr Pfadfinder?" Sie wirkten auf sehr wohlwollende Art interessiert daran, wo wir herkamen, wo wir hinwollten und um welchen Pfadfinderverband es sich handelte. Fand ich ausgesprochen ermutigend. 

Ziel unserer Fahrt war das ehemalige – 1153 als Filialkloster von Maulbronn gegründete, 1802 säkularisierte – Zisterzienserkloster Schöntal, und was die Frage "Ist das eigentlich in Franken oder in Schwaben?" angeht, muss man sagen: Es ist kompliziert. Schöntal liegt in der Region Hohenlohe, die kulturell und sprachlich zu Franken gehört, politisch aber seit 1806 zu Württemberg. Aus Sicht eines großen Teils der KPE-Stämme Deutschlands kann man das als eine zentrale Lage bezeichnen, und so begann das Veranstaltungsprogramm des Wallfahrtswochenendes bereits am Samstagvormittag. Zu den Programmpunkten, die wir infolge des langen Anreisewegs verpassten, gehörten u.a. ein großes, auf eine Gesamtdauer von sechs Stunden angelegtes Geländespiel für die Wölflinge sowie im Erwachsenenprogramm ein Vortrag über das richtige Verhältnis zwischen Führen und Loslassen in der Kindererziehung. – Was die Übernachtungssituation betraf, hatten wir für meine Liebste, den Jüngsten und mich ein Dreibettzimmer im "Knechtsbau" des Klosters gebucht (der heute von der Forstverwaltung als Waldschulheim genutzt wird, aber ich finde, "Knechtsbau" klingt einfach cooler), während unsere Große natürlich zusammen mit ihrer Wölflingsmeute schlafen sollte. Dem Lageplan zufolge, den wir vorab erhalten hatte, sollte der Zeltplatz der Wölflingsmädchen in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft liegen, was für unsere Tochter, die mit dem "woanders (und ohne ihre Eltern) Übernachten" ja zuweilen noch so ihre Schwierigkeiten hat, eine große Ermutigung darstellte. Folgerichtig gab es eine kleine Krise, als sich herausstellte, dass die Veranstaltungsleitung einigen Mädchenmeuten, und darunter ausgerechnet "unserer", ein anderes Nachtquartier zugewiesen hatte, nämlich eine Turnhalle im Nachbarort Berlichingen. (Ja, das ist das Berlichingen, wo der Götz herkommt. Der soll übrigens im Kloster Schöntal bestattet sein, allerdings habe ich sein Grab nicht gesehen.) Ich bemühte mich, dem Tochterkind zu versichern, bei dieser Hitze sei eine Turnhalle sicherlich ein angenehmerer Schlafplatz als ein Zelt, außerdem sei es ja nur für eine Nacht und wir seien ja auch nicht weit weg, jedenfalls längst nicht so weit weg wie neulich beim Himmelfahrtslager; aber es dauerte eine Weile, bis meine Große sich mit dem Gedanken an die Turnhallenübernachtung angefreundet hatte. Der Rest der Familie hatte derweil das Problem, dass wir bei unserer Ankunft auf dem Klostergelände erst mal jemanden ausfindig machen mussten, der uns unsere Zimmernummer verraten und vor allem den Zimmerschlüssel aushändigen konnte. Das erwies sich als gar nicht so einfach, was bei uns eine gewisse Nervosität auslöste; aber da so ziemlich unmittelbar nach unserer Ankunft die Ausgabe des Abendessens begann, konzentrierten wir uns erst einmal darauf, ein paar warme Leberkässemmeln zu erbeuten. Nach einigem Herumfragen fanden wir schließlich auch die Frau, die für die Zimmervergabe zuständig war. Unser Zimmer lag direkt unterm Dach und war daher ganz schön warm, aber wir erhielten den Tipp, zur Abkühlung ein nasses Handtuch vors Fenster zu hängen, und das funktionierte tatsächlich ganz gut. Aus einem Fenster auf dem Flur konnte man tatsächlich den Zeltplatz der Wölflingsmädchen sehen; wären "unsere" Wölflingsmädchen nicht woanders einquartiert worden, hätten wir unserem Tochterkind zum Gutenachtsagen zuwinken können. – À propos zuwinken: Da die Wölflinge praktisch die ganze Zeit "Programm" hatten, während die Wallfahrtsteilnehmer aus der Kategorie "Familie & Freunde" erheblich mehr Zeit zur freien Gestaltung hatten, sahen wir unsere Große während des größten Teils unseres Aufenthalts maximal von Weitem. Tags zuvor hatte sie an der Verabschiedungsfeier für die Vorschulkinder an der KiTa des kleinen Bruders teilgenommen und hatte sich da eine blaue Strähne ins Haar färben bzw. tönen lassen, die über Nacht grün geworden war; so richtig pfadfindermäßig war das wohl nicht, führte aber dazu, dass man sie trotz einheitlicher Kluft auch über größere Entfernungen hinweg gut von anderen Wölflingsmädchen ihrer Größe und Haarfarbe unterscheiden konnte. 

Auch beim gemeinsamen Programm – das eine Lichterprozession am Samstagabend mit anschließender Eucharistischer Anbetung in der Klosterkirche, eine Fußwallfahrt am Sonntagvormittag und schließlich die Heilige Messe in der Klosterkirche umfasste – dackelte die Abteilung "Familie & Freunde" immer irgendwie als Anhängsel hinter den nach Altersstufen und Geschlecht geordneten Abteilungen der Pfadfinder her; wenngleich das zu einem gewissen Grad wohl in der Natur der Sache lag und daher von mir nicht als Kritik an den Veranstaltern gemeint ist, wird man wohl doch sagen dürfen, dass unser Wölflingskind insgesamt mehr vom Programm hatte als der Rest der Familie. Als ich meine Tochter auf dem Heimweg fragte, was ihr am ganzen Wochenende am besten gefallen habe, sagte sie "die Lichterprozession"; das fand ich eher überraschend, zumal es zum Zeitpunkt dieser Prozession noch gar nicht richtig dunkel gewesen war, was für die Atmosphäre zweifellos vorteilhaft gewesen wäre. 


An der Nachtanbetung, die laut Programm tatsächlich bis zum nächsten Morgen um 7 Uhr andauerte, nahmen die Wölflinge nicht teil, sondern hatten ein separates Abendgebet auf dem Vorplatz der Klosterkirche und wurden dann ins Bett (bzw. in ihre Schlafsäcke) gesteckt; die Pfadfinder der Grünen Stufe blieben bis 22 Uhr bei der Anbetung, während die Rote Stufe die Erlaubnis hatte, die ganze Nacht hindurch anzubeten. Was meine Liebste und mich betraf, hätten wir die Gelegenheit zur Nachtanbetung wohl gern ausgiebiger genutzt, wenn wir nicht so erschöpft von der langen Anreise gewesen wären und keinen fünfjährigen Knaben bei uns gehabt hätten, der dringend ins Bett musste. 

Angesichts der anhaltenden Hitze wurde die Fußwallfahrt am Sonntag, die ursprünglich als rund 5 km langer Rundweg geplant gewesen war, auf eineinhalb Kilometer gekürzt und auf eine schattigere Strecke verlegt. (Überhaupt muss man der Veranstaltungsleitung ein Kompliment dafür machen, wie es ihr gelang, den Witterungsbedingungen Rechnung zu tragen und dafür zu sorgen, dass es immer genug zu trinken und genug Möglichkeiten gab, sich im Schatten aufzuhalten.) Für das seit einem Fahrradunfall vor elf Jahren schwer ramponierte Sprunggelenk meiner Liebsten war allerdings schon die Lichterprozession am Vorabend zu anstrengend gewesen, deshalb ging sie, während ich an der Fußwallfahrt teilnahm, lieber mit dem Jüngsten in der Jagst baden. 

Ein Highlight war jedenfalls die Messe in der prachtvollen barocken Klosterkirche, musikalisch gestaltet von einer Choralschola; die Predigt hielt der Bundeskurat der KPE, Pater Markus Christoph SJM, und obwohl diese Predigt über weite Strecken eher den Charakter einer Festrede anlässlich des 50jährigen Bestehens des Pfadfinderverbands hatte, fehlte es ihr durchaus nicht an geistlicher Tiefe. Einleitend nannte der Bundeskurat einige Beispiele dafür, wie sich in der Geschichte der KPE immer wieder das Wirken Gottes gezeigt habe: So habe vor 25 Jahren einmal ein Mädchen eine Schulfreundin eher "notgedrungen" – nämlich mangels Heimfahrgelegenheit – nach dem gemeinsamen Flötenunterricht noch zur Meutenstunde begleitet und daraufhin den staunenden Eltern am Abendbrottisch mitgeteilt "Jetzt bin ich Wölfling". – "Und heute, 25 Jahre später, ist dieses Mädchen unsere Bundesmeisterin." In einem anderen Fall habe ein Unwetter eine Wölflingsmeute gezwungen, ihr Lager abzubrechen und bei in der Nähe des Lagerplatzes wohnenden Familien Unterschlupf zu suchen, und die Kinder dieser Familien seien von der Begegnung mit den Wölflingen so beeindruckt gewesen, dass sie daraufhin die Gründung eines eigenen KPE-Stammes an ihrem Wohnort anregten. – Im Zusammenhang damit, was Kinder bei den Pfadfindern so alles "fürs Leben lernen" können, landete der Prediger einen großen Lacherfolg mit dem Satz "Ihr wisst gar nicht, was eure Kinder alles essen, wenn sie es nur selbst gekocht haben." 

Unmittelbar nach der Messe folgte die Abschlussrunde, dann gab es Mittagessen in Form von heißen Würstchen und/oder Käsebrötchen, und dann ging es auch schon auf die Rückfahrt. Was bleibt noch zu sagen? – Alles in allem freue ich mich sagen zu können, trotz mancher Mühen und Unbequemlichkeiten, auch trotz der schon angesprochenen Tatsache, dass es für "Familie & Freunde" tendenziell weniger Spannendes zu erleben gab als für die Pfadfinder selbst, war die Teilnahme an dieser Bundeswallfahrt eine tolle Erfahrung; es war beeindruckend, die Atmosphäre mitzuerleben, die bei einem Treffen so vieler Pfadfinder aus ganz Deutschland (wobei die meisten, soweit man es anhand der Ärmelaufnäher an ihrer Kluft erkennen konnte, aus Franken, Schwaben oder aus dem Allgäu kamen) herrschte. Schön fand ich auch die phantasievoll gestalteten Meutenstäbe der verschiedenen Wölflingsmeuten; ein paar Exemplare, die mit besonders gut gefallen haben, habe ich fotografiert. 


Was meine Tochter angeht, fand ich es recht vielsagend, dass sie auf der Hinfahrt im Bus unbedingt neben mir sitzen wollte und sich erst nach dreimaliger Aufforderung dazu bewegen ließ, in den hinteren Teil des Busses zu den anderen Wölflingsmädchen zu gehen, sich auf der Rückfahrt jedoch sofort und ohne Diskussion zu ihrer Meute setzte. Im Übrigen ist mir, wie schon öfter, auch diesmal wieder aufgefallen, dass sie, wenn sie einige Zeit bei den Pfadfindern verbracht hat, danach für eine Weile viel fokussierter, aufmerksamer und umsichtiger ist als sonst; ich habe sie darauf angesprochen, und sie sagt, sie selbst empfindet das auch so. Und unser Jüngster? Als ich den am Montag aus der KiTa abholte und ihn fragte, ob er in der KiTa etwas darüber erzählt habe, was er am Wochenende gemacht habe, sagte er "ein bisschen". Als ich dann aber nachhakte, was genau er denn erzählt habe, lieferte er einen so umfangreichen und detaillierten Bericht, dass ich staunte, was er alles mitbekommen und sich gemerkt hatte. – Soweit ich gehört habe, gibt es Bundeswallfahrten bei der KPE alle drei Jahre; demnach wäre beim nächsten Mal unser Jüngster auch schon im Wölflingsalter und die Große stünde vermutlich kurz vor dem Übertritt in die Grüne Stufe. Man darf gespannt sein... 


Samstag, 27. Juni 2026

Utopie und Alltag 31: Im Epizentrum des Sommers

Ist euch heiß, Freunde? Ich sitze, während ich diese Zeilen schreibe, glücklicherweise in einem klimatisierten Reisebus – auf dem Weg zum Kloster Schöntal im fränkischen Teil Schwabens (oder im schwäbischen Teil Frankens, je nachdem wie man will), wo ich mit der ganzen Familie an der Jubiläums-Bundeswallfahrt der Katholischen Pfadfinderschaft Europas teilnehme. Das wird naturgemäß ein Thema fürs nächste Wochenbriefing, aber auch über die zurückliegende Woche gibt es allerlei Spannendes zu berichten. Daher ohne weitere Vorrede hinein ins Vergnügen! 

Auf dem Friedhof Grunewald-Forst. Was mich dorthin verschlagen hat, erfahrt ihr weiter unten.

Getanzt wie gesungen: Eine Schule voller Talente 

Ich hatte es ja schon angekündigt: Am vorletzten Freitag, dem 19. Juni, waren wir zum dritten Mal bei einer von der Schule unseres Tochterkindes ausgerichteten Talentshow, und dazu muss ich hier noch ein bisschen was loswerden, nachdem im vorigen Wochenbriefing nicht so richtig Platz dafür war. Werfen wir mal einen Blick zurück: Seit wir ein Kind an dieser Schule haben, hat es solche Talentshows dort einmal pro Schuljahr gegeben, und ich sehe das als ein aussagekräftiges Beispiel dafür, wie viel Wert diese freie Alternativschule auf kreative Ausdrucksformen und insbesondere darauf legt, dass die Schüler ihre eigenen Interessen und Neigungen pflegen und weiterentwickeln. Vor zwei Jahren, am Ende ihres ersten Schuljahres, trat unsere Tochter bei der Talentshow zwar nicht auf, aber ich bemerkte, dass sie die Choreographien zweier auf der Bühne präsentierter Tanznummern komplett beherrschte und im Zuschauerraum mittanzte, weshalb ich hinterher zu ihr sagte "Eigentlich hättest du auch mit auf die Bühne gehen können". Im Jahr darauf fand die Talentshow schon vor den Osterferien statt, da hatte es kurz zuvor eine Schulaufführung von "Peter Pan" gegeben, in der unsere Tochter eine Rolle als Mond hatte, und zusätzlich auch noch etwas für die Talentshow einzustudieren, wäre ihr wohl zu viel geworden. In diesem Jahr stand die Frage, ob sie etwas aufführen wollte, naturgemäß erneut im Raum, wurde aber u.a. durch Streitigkeiten im Kreis ihrer Freundinnen, von denen hier neulich schon ansatzweise die Rede war, verkompliziert; am Morgen vor der Show war der Stand der Dinge noch, dass sie sich Gedanken darüber machte, was sie beim nächsten Mal zum Programm beitragen könnte, diesmal jedoch noch nicht. Umso überraschter war ich, als ich im Laufe des Vormittags, während ich beim Elternbesuchstag an der KiTa meines Jüngsten war, eine Sprachnachricht von meiner Tochter auf mein Handy bekam, in der sie mir hochgradig aufgeregt mitteilte, sie werde nun doch auftreten. Wie das? Zwei ihrer Freundinnen hatten zusammen mit einer dritten eine Gesangs- und Tanznummer einstudiert, aber die besagte Dritte war nun nicht da – woraufhin mein Tochterkind sich spontan bereit erklärt hatte, für sie einzuspringen. Damit blieb ihr gerade noch genug Zeit, diese Nummer einmal zu proben. Ich war durchaus beeindruckt von der Unerschrockenheit, mit der sie sich dieser Aufgabe stellte. 

Insgesamt dauerte das Programm der Talentshow fast zwei Stunden; wie schon in den letzten Jahren handelte es sich bei den meisten Programmbeiträgen um Gesangs- und Tanznummern von der Art, die man in meiner Jugend als "Jazztanz" bezeichnet hätte, aber einige Schüler zeigten auch Zaubertricks, erzählten Witze oder spielten Klavier, und es gab auch eine Akrobatik- und eine Clownsnummer. Die Qualität dee verschiedenen Beiträge war naturgemäß sehr gemischt: Ein vielleicht 13- oder 14-jähriges Mädchen legte eine Solo-Tanzperformance hin, die technisch so perfekt war, dass es im Rahmen einer Schul-Talentshow fast schon deplatziert wirkte; ein Junge tanzte zu Michael Jacksons "Billie Jean", imitierte dabei gekonnt einige typische "Moves" des Meisters und überspielte die Tatsache, dass er selbstverständlich nicht ganz so gut war wie das Original, mit souveräner Selbstironie. Verglichen damit war die Nummer, die meine Tochter mit ihren Freundinnen aufführte, zugegebenermaßen eher schlicht, aber das war ja auch ganz gut so, denn sonst hätte sie wohl kaum nach nur einer Probe bei der Aufführung mitmachen können. Das eigentlich Entscheidende an dieser Schul-Talentshow ist ja ohnehin – wie weiter oben schon angemerkt –, dass die Kinder ermutigt werden, verschiedene kreative Ausdrucksformen auszuprobieren und zu zeigen, was in ihnen steckt. Und unter diesem Aspekt darf man mit dem Ergebnis mehr als zufrieden sein. 


Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind... 

Als wir neulich in der EFG The Rock Christuskirche im Sonntagsgottesdienst waren, haben wir uns ja, wie berichtet, auf Anregung des Tochterkindes als ganze Familie für einen Straßenevangelisations-Einsatz in der Spandauer Altstadt gemeldet. Der Termin, für den wir uns in die Liste der Freiwilligen eingetragen haben, ist zwar erst am nächsten Samstag – dem 4. Juli –, aber da wir "so etwas" ja noch nie gemacht hatten, fanden wir, es könne nicht schaden, vorher schon mal bei dieser Aktion vorbeizuschauen und je nach Bedarf ein bisschen mitzumachen. Als geeigneter Termin dafür bot sich eigentlich nur der vergangene Samstag, der 20. Juni an, und zwar nicht obwohl, sondern weil wir da am Nachmittag noch einen weiteren Termin ganz anderer Art hatten: eine Einladung zum traditionellen Geburtstagspicknick einer langjährigen Künstlerfreundin. Wegen dieser Einladung mussten wir nämlich die Teilnahme am "Stammestag" der Schöneberger KPE-Pfadfinder anlässlich des Gedenktags ihres Stammespatrons St. Thomas Morus absagen, und infolgedessen hatten wir auch den Vormittag "frei". 

(Wer nun zu Recht darauf hinweisen möchte, dass der Gedenktag des Hl. Thomas Morus erst am 22. Juni war, dem sei zu bedenken gegeben, dass ein Montag sich schlecht für einen Pfadfinder-Stammestag eignet. Schade fand ich es durchaus, da absagen zu müssen, sagte mir angesichts des Umstands, dass wir am darauffolgenden Wochenende – also diesem – mit den KPE-Pfadfindern auf Wallfahrt gehen wollten, lasse sich das verschmerzen.) 

Meine Liebste wandte sich also an den Gesamt-Koordinator der "Outreach"-Aktion, einen Gemeindeältesten der The Rock-Gemeinde – wobei ich immer finde, dass das eine etwas irritierende Bezeichnung ist, denn so alt ist der gar nicht; jedenfalls deutlich jünger als ich –, und der signalisierte uns, er freue sich über unsere Bereitschaft zur Mitarbeit und am besten wäre es, wir wären am Samstag um 11 Uhr am Start, dann könnten wir nämlich beim Aufbau helfen. Also machten wir es so; aufzubauen gab es ein Pavillonzelt vor der Spandauer Stadtteilbibliothek sowie an der gegenüberliegenden Straßenseite, vot dem Karstadt, einen Schriftenstand. 


Mit dabei waren außer uns und dem besagten Gemeindeältesten noch vier oder fünf weitere Helfer, darunter eine junge Frau aus dem Alpha-Kurs, die am vorangegangenen Sonntag in Falkensee getauft worden war. Eine mir bislang nicht bekannte Frau brachte eine Gitarre mit und spielte und sang Lobpreislieder auf Deutsch und Polnisch; offenbar spontan und ungeplant gesellte sich ein Mann zu uns, den ich auf um die 60 schätzen würde und der ein T-Shirt mit der Aufschrift "Tut Buße und glaubt an Jesus Christus" und eine Halskette mit einem auffallend großen Kreuzanhänger trug. Er erzählte uns allerlei von seinen Erfahrungen mit – sagen wir mal – Alltagsevangelisation und gab uns im Zuge dessen einen Leitgedanken mit auf den Weg, den ich als ausgesprochen hilfreich empfand: Es gehe nicht darum, zu versuchen, die Leute argumentativ zu überzeugen oder ihnen etwas zu beweisen, sondern darum, Zeugnis von der eigenen Glaubenserfahrung abzulegen und für die Leute (oder gegebenenfalls mit ihnen) zu beten

Derweil entwickelten die Kinder einen bemerkenswerten Eifer, Flyer, Traktate und in einigen Fällen sogar Bücher an Passanten zu verteilen, und ließen sich dabei auch durch negative Reaktionen nicht verunsichern. Solche gab es durchaus, aber gemessen an der Gesamtmenge der Passanten eher vereinzelt. In ein paar Fällen schnappte ich gemurmelte Bemerkungen auf, die darauf schließen ließen, dass einige Leute es irgendwie unanständig fanden, Kinder für "sowas" einzuspannen; da musste ich ein bisschen schmunzeln und mich fragen, was diese Leute wohl denken würden, wenn sie wüssten, dass die Initiative zu unserer Teilnahme an dieser Aktion von unserer achtjährigen Tochter ausgegangen war... 

Ich hielt mich überwiegend am Schriftenstand auf, bemühte mich, die Kinder im Auge zu behalten, und nutzte das Karstadt-Kunden-WLAN, um mein Wochenbriefing fertigzustellen; Gespräche mit Passanten, die über ein paar Worte im Vorbeigehen hinausgingen, hatte ich nur zwei, aber die waren beide ziemlich interessant – auf ganz unterschiedliche Weise. In dem einen Fall fragte mich ein (im Vergleich zu mir) etwas älterer Mann, von was für einer Gemeinde oder Konfession wir denn kämen, und verriet, er selbst sei evangelisch getauft und konfirmiert, sei aber in letzter Zeit zunehmend unzufrieden mit der Kirche als Institution – da sie sich zwar um "Ausländer, Pädophile und Transsexuelle" kümmere, aber nichts für "normale Deutsche" übrig habe und beispielsweise AfD-Wähler ausgrenze und diffamiere. Ich erklärte ihm, wenn er etwas Zeit habe, würde ich über diesen Punkt gern ausführlicher mit ihm reden, aber er wollte offenbar nur seinem Ärger Luft machen und ging dann ziemlich schnell weiter. Ein anderes Gespräch ergab sich mit einem jungen Ukrainer, der gerade vom Stand-Up-Paddling auf der Havel kam; mein Sohn hatte ihm ein Traktat in die Hand gedrückt, und da er einen interessierten und aufgeschlossenen Eindruck machte, ergriff ich die Gelegenheit, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. In der Hauptsache drehte sich dieses Gespräch um die Frage, warum man angesichts einer Fülle unterschiedlicher religiöser, spiritueller oder philosophischer "Sinnangebote" ausgerechnet und ausschließlich an Jesus glauben sollte. Dabei schien mir, dass sich die Zusage Jesu "der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen müsst" (Lk 12,12) unmittelbar bestätigte; jedenfalls wunderte ich mich selbst, wie leicht und ohne großes Nachdenken mir die Worte über die Lippen kamen. Im Nachhinein sagte ich mir zwar, ich hätte vielleicht mehr und konkreter über meine persönlichen Glaubenserfahrungen sprechen können, aber das mache ich dann wohl nächstes Mal. Am Ende blieb mein Gesprächspartner zwar bei einer eher pantheistischen Auffassung ("Gott ist wie ein Ozean, und jeder von uns ist ein Tropfen darin"), aber es war ein spannendes, unterhaltsames und sympathisches Gespräch, und ich bin doch recht optimistisch, dass er den einen oder anderen Impuls daraus mitgenommen hat. – Übrigens machte ich die Beobachtung, dass man zuweilen schon allein dadurch, dass man Leute einfach freundlich anschaut, interessante Reaktionen erntet; wohl weil das, gerade in Berlin, nicht unbedingt eine alltägliche Erfahrung ist. 

Insgesamt verbrachten wir rund drei Stunden bei der Straßenevangelisation, dann machten wir uns auf den Weg zum Geburtstagspicknick, das auf einer Wiese im Hansaviertel stattfand. Letztes Jahr hat mich diese Veranstaltung zu allerlei Reflexionen über das Thema "Ideologische Verwerfungen in der linken Szene und wie sie sich in den Kreisen meiner alten Bekannten auswirken" veranlasst; dieses Jahr gab es dazu weit weniger Anlass, obwohl, was wohl nicht sehr überraschend ist, zum Teil wieder dieselben Leute da waren. Dazu gehörte etwa der in meinem Bericht vom Vorjahr als "Rockabilly-Grillmeister, awopbop aloobop alopbamboom" gewürdigte Hamburger, den wir seit Jahren immer wieder auf dieser Veranstaltung, aber auch nur dort treffen und der uns mit der Bemerkung begrüßte, er kenne unsere Kinder ja noch als Babys, hätte aber eigentlich angenommen, wir hätten inzwischen mindestens fünf davon. Später, als irgendwie das Gespräch auf die Kneipe "Bandito Rosso" kam und ich beiläufig erwähnte, ich hätte da Hausverbot, fragte er mich: "Hast du da Weihwasser verspritzt?" – "Sowas Ähnliches", erwiderte ich lachend. Ich kann mir nicht helfen, ich mag den Kerl. 

Hier nur ein Teil des Picknicks, da kam später noch mehr dazu.

Deutlich gestiegen war im Vergleich zum Vorjahr der Anteil von Gästen, die erheblich jünger als 50 waren; das hatte wohl u.a. damit zu tun, dass die Gastgeberin einen neuen, bedeutend jüngeren Mitbewohner hat und dieser ebenfalls kürzlich Geburtstag hatte. Zu den "jungen Leuten" auf der Party gehörte eine Journalistenkollegin, die, wie sich herausstellte, für die Zeitschrift "Freundin" arbeitet und mir vor allem dadurch auffiel, dass sie unironically Vokabeln wie lowkey, bigoted oder legit in ansonsten deutsche Sätze einbaute. Ich sage das aber nicht, um sie zu dissen, es fiel mir einfach nur auf. Interessant fand ich, dass sie erzählte, sie habe für die "Freundin" eine Social-Media-Aktivistin interviewt, deren Schwerpunktthemen Queerfeindlichkeit und Rassismus seien, und die Redaktion habe von ihr verlangt, den Begriff "queer" zu vermeiden und auch das Thema Rassismus nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen, da die Leserinnen nicht ständig mit diesem Thema behelligt werden wollten. Nun hatte ich zwar "schon immer" den Eindruck, die "Freundin" sei innerhalb des Spektrums der klassischen Frauenzeitschriften eher konservativ, aber das hat mich dann doch überrascht. 

Auch noch erwähnt sei, dass die Gastgeberin, mit der ich in den Nuller und Zehner Jahren nicht nur eine Reihe von gemeinsamen Bühnenprogrammen veranstaltet, sondern auch an mehreren Hörspielen und Kurzfilmen mitgewirkt habe, mich auf die Idee angesprochen hat, in nicht allzu ferner Zukunft mal eine Retrospektive unserer gemeinsamen Arbeiten zu veranstalten. Ich bin ja sehr dafür und werde Bescheid geben, wenn's soweit ist... 


Zwischen Spandau und Augsburg 

Am Sonntag gingen wir mal wieder "ganz normal" in St. Joseph Siemensstadt in die Messe, die vom leitenden Pfarrer der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland zelebriert wurde. Das Evangelium vom Tag – Matthäus 10,26-33 – fand ich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert; zunächst fiel mir Vers 27 auf: "Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!" Das könnte, so sagte ich mir, ein ganz gutes Motto für meinen Blog sein; denn so sehr ich bestrebt bin, mit Informationen, die ich "ins Ohr geflüstert" bekomme, diskret umzugehen (nicht zuletzt auch, um zu vermeiden, dass meine Informanten sich irgendwann sagen "Dem erzählen wir mal lieber nichts mehr"), kommt es doch immer mal wieder vor, dass mir vorgeworfen wird, auf meinem Blog Dinge auszubreiten, die nicht in die Öffentlichkeit gehören, und ich denke mir dann meistens: Und ob die in die Öffentlichkeit gehören, Muchachos. – Nicht weniger bemerkenswert waren natürlich die Verse 32f.: "Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen." Das passte natürlich ausgezeichnet zu unserem Straßenevangelisations-Einsatz am Vortag, und tatsächlich zitierte der The Rock-Gemeindeälteste, der die Aktion leitete, genau diese Verse, als er sich ein paar Tage später per WhatsApp-Sprachnachricht bei uns für unsere Mitwirkung bedankte; insofern darf man es wohl als ein bisschen tragikomisch empfinden, dass der Pfarrer von Heilige Familie in seiner Predigt sagte "Zeugnis geben bedeutet nicht, dass wir mit Plakaten durch die Straßen gehen, und wir haben es auch nicht nötig, Heftchen zu verteilen", aber persönlich nehmen muss man das wohl nicht. Von diesem Detail abgesehen war das, was der Pfarrer in seiner Predigt zum Thema "Zeugnis geben" sagte, aber durchaus nicht zu verachten. Einleitend wies er – der auch Kustos der Reliquien im Erzbistum Berlin ist – darauf hin, dass üblicherweise jeder Altar einer katholischen Kirche ein Reliquiengrab enthalte; davon ausgehend sprach er über die Märtyrer der ersten Jahrhunderte nach Christus, dann darüber, dass es blutige Christenverfolgungen nicht nur in der Antike gab, sondern in globalem Maßstab heute womöglich mehr als je zuvor gibt, nicht zuletzt aber auch darüber, dass ein öffentliches Bekenntnis zum christlichen Glauben auch dann eine Herausforderung sein kann, wenn man damit nicht direkt Leib und Leben riskiert. "Selbst in unserer Gesellschaft, die sich ja so liberal wähnt", höre vielfach "beim Christentum die Toleranz auf", stellte er fest, und: "Viele Menschen haben überhaupt keinen Bezug mehr mit jemandem, der glaubt und der zu diesem Glauben steht." Diese Einschätzung untermauerte er mit einem persönlichen Erlebnis und folgerte, Zeugnis zu geben bedeute, "einem anderen Menschen das Kostbarste nicht vorzuenthalten, was unser Herz erfüllt: Jesus. Wir müssen Ihn dieser Welt bringen. Das will Er." 

Übrigens lagen in der Kirche Faltblätter mit dem Programm des Kirchen- und Kulturfestivals "48 Stunden Spandau" aus, was mich daran erinnerte, dass dieses Event im Wesentlichen bereits vorbei war und ich es somit verpasst hatte. Wobei "verpasst" vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, wenn ich mir das Programmangebot rückblickend so ansehe. Okay, durchaus interessiert hätte mich die "Erklärmesse" in St. Marien am Behnitz – ein Format, mit dem die Liturgie der Heiligen Messe "mit eingestreuten Erklärungen für Gäste und Neugierige" verständlich gemacht werden sollte. Allerdings stellte ich erst am Sonntag fest, dass die bereits am Freitag gewesen war, und am Freitag hätte ich auch gar keine Zeit gehabt. Immerhin konnte ich mir die "Erklärtexte" aber in schriftlicher Form beschaffen und kann sagen, dass ich sie von der Gesamttendenz her ziemlich gut fand; ein Leitgedanke des ganzen Konzepts lautete: "Wenn wir Gottesdienst feiern, dann sind wir nicht allein, es ist nicht unsere Liturgie, die wir selber geschaffen haben, sondern wir haben Anteil an der himmlischen Liturgie." Da gibt's bestimmt Leute, auch innerhalb der Spandauer Pfarrei, denen das zu "konservativ", zu mystisch und/oder zu abgehoben von der "Lebensrealität" ist, aber ich find's gut. – Der Absicht, in den Beiträgen der Pfarrei Heilige Familie zu diesem im Wesentlichen von der evangelischen Kirche ausgerichteten Festival das spezifisch katholische Profil herauszustellen, war es offenbar auch geschuldet, dass der Pfarrer – ebenfalls am Freitag in St. Marien am Behnitz – einen Vortrag über sein Spezialthema "Reliquien" hielt. Derweil boten die evangelischen Gemeinden des Kirchenkreises Spandau neben Musik aller Sparten – was ja etwas ist, worauf der landeskirchliche Protestantismus in Deutschland zu Recht stolz ist – Veranstaltungen wie "Beten mit dem Körper: Yoga in der Kirche", "Talk & Live Coding: Games & Malerei" und eine "Gaming Night" (alles in der Nikolaikirche); in dee Jugendtheaterwerkstadt im Ortsteil Falkenhagener Feld gab es ein "ArtCamp" für Jugendliche und junge Erwachsene ("Bring aktuelle Themen mit Kunst, Theater, Poetry, Comedy, Musik, Tanz, Film & Artivismus [sic] auf die Bühne"), in der Dorfkirche Alt-Staaken eine "Prozessuale Rauminstallation mit skulpturaler Intervention" unter dem Motto "ZWISCHEN/WELTEN"; in der Wichernkirche in Hakenfelde wurde der Film "Chocolat" gezeigt ("mit Buffet im Anschluss"). Während des gesamten Wochenendes gab es auf dem Reformationsplatz eine "Picknick Area" zum "Chillen & Essen"; am Freitagnachmittag veranstaltete das "Netzwerk Demokratie" dort ein "Dinner der Vielfalt", und später am Abend gab es dort "Holy Aperoly mit Glitzer, Glamour & DJ" – das nennt man wohl Citypastoral, schätze ich. – Alles in allem glaube ich, ich kann ganz zufrieden sein, dass ich stattdessen bei der Straßenevangelisation in der Altstadt und dann beim Picknick im Hansaviertel war. 

Auch von dem vom Gebetshaus Augsburg ausgerichteten Kongress "Mission is Possible" konnte ich mir nur im Nachhinein und hauptsächlich anhand von Reaktionen in Sozialen und anderen Medien ein Bild machen. Mehrere meiner Facebook- und Instagram-Kontakte teilten Fotos, kurze Statements sowie Zitate oder auch Video-Ausschnitte aus den Vorträgen von Bischof Stefan Oster, Johannes Hartl und Alpha-Kurs-"Erfinder" Nicky Gumbel; die katholische Nachrichtenagentur KNA brachte einen im Guten wie im Bösen nicht gerade sensationellen Bericht, der u.a. bei häretisch.de und Kirche + Lesben erschien; im Übrigen hielt sich das Presseecho in Grenzen, was, einem Bericht in der Herder-Zeitschrift Communio zufolge, möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass es sich im Wesentlichen um "ein Treffen für Insider" handelte, "die Jesus gefunden haben und ihren Glauben bezeugen wollen": "Nach außen wirken will der Kongress nicht, Journalisten von säkularen Medien kann ich nicht entdecken", bemerkt die sich selbst in der Titel-Unterzeile ihres Artikels als "Zaungast beim Klassentreffen der Bekenner" einordnende Autorin Alina Rafaela Oehler, und so kommt es, dass dieser Communio-Artikel selbst der interessanteste Bericht über den "Mission is Possible"-Kongress ist, den ich in den klassischen Medien habe finden können – obwohl (oder in gewissem Sinne vielleicht gerade weil) er sowohl stilistisch als auch vom Reflexionsniveau her den Charme eines besseren Schulaufsatzes ausstrahlt. Die Autorin hatte ich vor über einem Jahr schon mal am Wickel, damals ohne ihren Namen zu nennen – zweifellos ein Akt der Rücksichtnahme, da ich ihren Beitrag zum Thema "Glaube als Event?" als "dummdreist und tantig" qualifizierte. Auch in ihrem aktuellen Artikel präsentiert sich Frau Oehler erneut als das junge Gesicht eines akut vom Aussterben bedrohten Segments von Gläubigen, das ich versuchsweise mal als "gemütskonservative Volkskirchen-Nostalgiker" bezeichnen möchte; sie selbst attestiert sich "eine große Sympathie für den eher unaufgeregten volkskirchlichen Glauben, wie man ihn noch vor 20 Jahren in der breiten Masse erleben konnte. Wo man zur Messe ging und es dann wieder hat gut sein lassen." – Unter diesem Aspekt ist es natürlich eine interessante redaktionelle Entscheidung des Herder-Verlags, gerade diese Autorin über diese Veranstaltung berichten zu lassen. Nicht minder interessant ist, dass die 1991 geborene Autorin sich durchaus bewusst zu sein scheint, einer aussterbenden Art anzugehören, und daher zuweilen Ansätze dazu zeigt, ihren eigenen Standpunkt durch die Begegnung mit einer eher charismatischen Frömmigkeit in Frage stellen zu lassen. Letztendlich steht ihre Borniertheit ihr dabei aber inmer wieder im Weg. 

In praktisch allen Berichten über den "Mission is Possible"-Kongress, die ich zu Gesicht bekommen habe, wird eine markige Passage aus einem Vortrag von Johannes Hartl erwähnt, in der dieser die Kirche mit einem Restaurant vergleicht, dessen Mitarbeiter so sehr mit interen Abläufen beschäftigt sind, dass es sie komplett auf dem falschen Fuß erwischt, wenn tatsächlich mal jemand kommt und etwas zu essen bestellen will. Nicht auf sich sitzen lassen konnte dies Dirk Bingener, seines Zeichens Präsident von missio Aachen und des Kindermissionswerks "Die Sternsinger", der in der Standpunkt-Rubrik auf häretisch.de unter der Überschrift "Wer die Kirche mitträgt, verdient Respekt, nicht Herabsetzung" zu erkennen gibt, wie sehr er sich von dieser Kritik getroffen fühlt. –Vor Jahren, als Bingener noch Bundespräses des BDKJ war, habe ich mal ein Doppelinterview mit ihm und Johannes Hartl gelesen, und da gab der Verbandsfunktionär gegenüber dem Gebetshausleiter eine ausgesprochen schwächliche Figur ab. Ich schätze, das nimmt er ihm bis heute übel. Seine Einrede gegen Hartls Vortrag beim "Mission is Possible"-Kongress geht inhaltlich jedenfalls nicht über die Klage "Diese Charismatiker sind voll gemein zu uns!" hinaus, und dass das führende Organ des deutschsynodalen Amtskatholizismus sich nicht zu schade ist, diesen kläglichen Text abzudrucken, riecht schon nach Verzweiflung. Wenn Bingener indes im letzten Satz seines Beitrags dazu auffordert, "[d]en anderen in seiner Art, zu glauben und Zeugnis zu geben, gelten zu lassen", ist das allerdings bezeichnend, denn es ist ja gerade der zentrale Kritikpunkt der charismatischen Szene, dass der Verbands- und Funktionärskstholizismus zwar gesellschaftspolitisch immer und überall mitspielen will, mit dem Glauben aber eher nicht so viel anfangen kann. Neenee, sagt Bingener, so ist das nicht, wir glauben schon auch, nur eben auf unsere eigene Weise. Aha, soso. Na herzlichen Dank. 


Ein (angehender) Gemeindereferent aus Kurpfalz, der wandert durch den Grunewald 

Am gestrigen Freitag war ich in meiner Eigenschaft als Mitglied des "Bewerbendenkreises" des Erzbistums Berlin für die Ausbildung in pastoralen Berufen unterwegs; allerdings rechnete ich praktisch bis zur letzten Minute damit, dass die Veranstaltung – die in der Hauptsache in einer rund elf Kilometer langen Wanderung durch den Grunewald bestehen sollte – abgesagt werden würde, um die Götter des Klimas zu besänftigen. Tatsächlich hätte eine solche Absage uns als Familie Manches leichter gemacht, denn in organisatorischer Hinsicht war dieser Freitag der Super-GAU: Während ich von mittags bis abends mit dem "Bewerbendenkreis" unterwegs war, musste meine Liebste erst an der Zeugnisverleihung ihrer Abiturienten teilnehmen und hatte abends auch noch Abi-Ball, und an der KiTa unseres Jüngsten fand die Abschiedsfeier für die Vorschulkinder statt. Um das alles unter einen Hut zu bringen, hatten wir meine Schwiegermütter für die Kinderbetreuung eingespannt, und nachdem bis gegen Mittag keine Absage meiner Veranstaltung erfolgt war, machte ich mich wohlgemut auf den Weg zum S-Bahnhof Grunewald, wo sich die Gruppe der Auszubildenden treffen sollte. 

Geleitet wurde die Veranstaltung von einer jungen Frau vom Erzbischöflichen Ordinariat, die schon beim "Bewerbendentag" im Februar dabei gewesen war und mit der ich danach noch ein Orientierungsgespräch gehabt hatte; der Regens stieß später dazu, da er noch einen Termin mit dem Erzbischof hatte. Außerdem war noch ein älterer Mann dabei, der sich als Franziskanerpater und Geistlicher Begleiter entpuppte. Außer mir nahmen zehn Auszubildende des Erzbistums an der Veranstaltung teil, darunter eine einzige Frau; diese hohe Männerquote war wohl auch dadurch bedingt, dass die meisten Teilnehmer Priesteramtsanwärter waren, und davon wiederum kamen die meisten vom neokatechumenalen Priesterseminar Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf. Eigentlich hatte ich darauf gehofft, den einen oder die andere von den Leuten wiederzutreffen, die mit mir zusammen den "Bewerbendentag" absolviert hatten, aber von denen war niemand dabei; hingegen kannte ich einen der Seminaristen "mindestens vom Sehen", und im Gespräch kamen wir dann auch darauf, woher: Er war vor Jahren bei den Haselhorster Pfadfindern gewesen und gleichzeitig auch Oberministrant in St. Stephanus. Und jetzt ist er im Priesterseminar in Biesdorf. Spannend! Einige der anderen Biesdorfer Seminaristen zeichneten sich durch ein bemerkenswerten einheitliches Erscheinungsbild aus: sportlicher Körperbau (man hätte sie auch für eine Fußballmannschaft halten können), sauber getrimmter Vollbart und "more on top"-Haarschnitt. Ich sag mal, früher™️ hätte man sich Priesteramtskandidaten wohl anders vorgestellt. – Die meisten Teilnehmer der Veranstaltung kannten sich untereinander offenkundig schon länger, was es mir als Neuling zunächst etwas erschwerte, mich in die Gruppe zu integrieren; aber das gab sich ziemlich bald. Einerseits kam ich mit einem anderen "Neuling" ins Gespräch, der zwar nicht wie ich zum ersten, aber immerhin auch erst zum zweiten Mal bei einer Veranstaltung des Bewerbendenkreises dabei war, und andererseits zeigten sich auch die erfahrenen Gruppenmitglieder durchaus interessiert und bemüht, die "Neuen" kennenzulernen. 

Während die Grunewaldwanderung also unter "socializing"-Gesichtspunkten ausgesprochen erfreulich war, hätte ich mir vom spirituellen Teil der Veranstaltung ehrlich gesagt mehr versprochen – oder sagen wir: "versprochen" vielleicht nicht, aber erhofft. An zwei Punkten der Wanderung – gleich zu Anfang am Mahnmal Gleis 17, das daran erinnert, dass von diesem Bahnsteig des Bahnhofs Grunewald in den Jahren 1941-45 Tausende Juden zunächst vor allem in Ghettos in den besetzten Gebieten im Osten, später dann auch in Vernichtungslager deportiert wurden, und dann auf dem Friedhof Grunewald-Forst, der auch Friedhof der Namenlosen oder Friedhof der Selbstmörder genannt wird, weil er ursprünglich für die Bestattung von Wasserleichen aus der Havel angelegt worden war – gab es jeweils eine kleine Andacht mit biblischer Lesung und Fürbitten; die Lesungstexte waren gut ausgewählt, aber die Fürbitten und die Impulse zum eigenständigen Weiterdenken gingen mir stilistisch wie inhaltlich ein bisschen zu sehr in Richtung Boomer Catholicism, und insgesamt empfand ich es einfach als ein bisschen wenig an spirituellem "Input". Der Regens bemühte sich zwar, in einer Meditation zum Auftakt der Heiligen Messe, die er am Ende der Wanderung in einer Seitenkapelle der Kirche St. Karl Borromäus zelebrierte, die Impulse zu diesen beiden Orten aufzugreifen und zu vertiefen, aber ein bisschen vage und wolkig kamen sie mir auch so noch vor. 

Nach der Messe ging es noch auf Kosten des Kirchensteuerzahlers in ein italienisches Restaurant mit Biergarten; leider herrschte dort ein solcher Betrieb, dass es extrem lange dauerte, bis unser Essen kam – was mich vielleicht weniger gestört hätte, wenn ich es nicht eigentlich eilig gehabt hätte, nach Hause zu meinen Kindern zu kommen. Lecker war das Essen dann allerdings, und als ich endlich nach Hause kam, hatte meine Schwiegermutter die Kinder bereits ins Bett gebracht, eingeschlafen waren sie allerdings noch nicht. – Alles in allem fällt mein Fazit dieses Tages ausgesprochen positiv aus; so positiv, dass ich mich schon jetzt auf zukünftige weitere Unternehmungen mit dem "Bewerbendenkreis" freue und gespannt darauf bin, den einen oder anderen der Leute, die ich da kennengelernt habe, auch mal in anderen Zusammenhängen wiederzutreffen. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Die unreine Liebe steckt das Herz des Menschen in Brand; sie ruft das vergängliche Herz auf, das Irdische zu begehren und hinter dem Vergänglichen herzujagen. Sie versenkt es in den Abgrund und stürzt es in die Tiefe. Dagegen hebt uns die heilige Liebe zur höchsten Höhe und entflammt uns für das Ewige, für das, was nicht vergeht und nicht stirbt. Sie macht die Seele wach und hebt sie aus der Tiefe empor zum Himmel. Jede Liebe hat ihre eigene Kraft, und die Liebe kann im Herzen des Liebenden nicht ohne Wirkung bleiben, sondern übernimmt notwendig die Führung. Willst du die Art der Liebe erkennen, sieh zu, wohin sie führt. Wir ermahnen euch nicht, nicht zu lieben, sondern wir ermahnen euch, nicht die Welt zu lieben, damit ihr in Freiheit den lieben könnt, der die Welt erschaffen hat. Durch die irdische Liebe ist das Herz gebunden. Es hat gleichsam Vogelleim an den Flügeln und kann nicht fliegen. Ist es aber von trüber weltlicher Liebe gereinigt, dann spannt es die Flügel aus, seine Fittiche sind frei von Behinderung, und es fliegt, getragen von den beiden Geboten der Gottes- und der Nächstenliebe. 

(Augustinus, Auslegung zu Psalm 122) 


Ohrwurm der Woche 

Peter's Barque: Heaven Held Its Breath (The Annunciation) 

Eine Entdeckung meiner Liebsten: In den Weiten der Sozialen Netzwerke ist sie auf Peter's Barque gestoßen, ein Projekt des Katecheten Justin West, dessen Konzept es ist, Katechese und Apologetik in Form von Rock-Pop-Songs mit Manga-inspirierten Musikvideos zu präsentieren – auf einem mehr als beachtlichen theologischen Niveau und fest auf dem Boden der katholischen Glaubenslehre, gerade auch in Auseinandersetzung mit in evangelikalen Kreisen gepflegten antikatholischen Vorurteilen, Missverständnissen und Irrtümern. Meine Liebste ist extrem begeistert und hat mich so ziemlich damit angesteckt. Von den fünf oder sechs Songs von Peter's Barque, die sie mir vorgespielt hat (darunter ist, sehr zum Entzücken unserer Tochter, auch einer über die Erscheinungen von Lourdes), finde ich das hier verlinkte über die Verkündigung an Maria am eingängigsten, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass ich es öfter gehört habe als die anderen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Peter's Barque zukünftig noch öfter in der Rubrik "Ohrwurm der Woche" auftauchen wird... 


Vorschau/Ausblick 

Wie weiter oben bereits notiert, befinde ich mich, während dieses Wochenbriefing online geht, gerade mit der ganzen Familie auf der KPE-Bundeswallfahrt zum Kloster Schöntal anlässlich des 50jährigen Bestehens des Verbands, und darüber wird es zweifellos allerlei zu berichten geben. Wenn wir wieder zurück in Berlin sind, steht uns die letzte "ganze" Schul- und Arbeitswoche vor den Sommerferien bevor, am Mittwoch ist zum letzten Mal in diesem Schuljahr JAM, und da soll zum Abschluss gegrillt werden. Am nächsten Samstag, dem 4. Juli, haben wir dann von 12 bis 13 Uhr unseren "offiziellen" Einsatz bei der "Outreach"-Straßenevangelisation in der Spandauer Altstadt; ich gehe davon aus, dass dieser Einsatz sich wieder zwischen Bibliothek und Karstadt abspielen wird, also wenn Ihr in der Nähe seid, kommt gerne mal vorbei!