Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Samstag, 3. Oktober 2026

Utopie und Alltag 45: Oh, wie schön ist Paderborn

Aus aktuellem Anlass habe ich unlängst aus dem Kinderzimmer-Bücherregal ein schmales Bändchen hervorgekramt, das meine Liebste dereinst mit in die Ehe gebracht hat: "Schnuddelbuddel baut ein Haus" von Janosch. Neben der Titelgeschichte enthält dieses Taschenbuch noch eine weitere Geschichte mit Schnuddelbuddel und Schnuddelpferdchen, und in dieser will Schnuddelpferdchen einen "Wandertag nach Paderborn" unternehmen. Schnuddelbuddel ist zunächst jedoch nicht begeistert von der Idee: "Paderborn ist so weit und ich kenne niemanden in Paderborn. Das macht mich immer so einsam, wenn ich keinen kenne." Schließlich kann Schnuddelpferdchen ihn aber doch umstimmen, doch dann ergeht es den Freunden mit ihren Wanderplänen im Wesentlichen so wie Ringelnatz' zwei Ameisen, die nach Australien reisen wollten. 

Ich dagegen habe es in der zurückliegenden Woche sehr wohl nach Paderborn und auch wieder zurück geschafft, wenn auch nicht zu Fuß oder zu Pferde, sondern mit der Bahn; und einsam gefühlt habe ich mich auch nicht, wiewohl ich Frau und Kinder durchaus vermisst habe. – Ehe ich meine Woche in Paderborn schildere, gibt es aber auch aus Berlin noch allerlei zu berichten. Seid gespannt, Leser! 


Neues von den Wölflingen 

Wie aus meinen Wochenbriefings der vergangenen Wochen ersichtlich ist, haben in letzter Zeit allerlei Terminkollisionen, die sich an den Wochenenden und besonders an den Samstagen ballten, dazu geführt, dass unser Tochterkind mehrmals nacheinander nicht zu den Meutentreffen der KPE-Wölflingsmädchen gehen konnte; und das ausgerechnet so kurz vor dem Herbstlager! – Eine unwillkommene Nebenwirkung dieses Umstands war, dass unsere Große auf der Rückfahrt von der Gemeindefreizeit plötzlich Zweifel anmeldete, ob sie überhaupt zum Herbstlager mitwollte. Aber dann trafen wir am vorletzten Samstag die Wölflingsleiterin ("Akela") beim Marsch für das Leben, und diese erzählte meiner Tochter, die anderen Mädchen hätten schon gefragt, wann sie denn mal wieder käme. Obendrein verriet sie, nach dem Übertritt von vier Mädchen aus der Wölflingsmeute in die Pfadfinderinnengilde müssten die vier Rudel der Meute neu eingeteilt werden, und auch das gab der Motivation meiner Tochter neuen Auftrieb, nachdem sie schon ein paarmal darüber geklagt hatte, dass sie sich mit ihren Rudelführerinnen nicht gut verstehe. 

Jedenfalls ging sie am vergangenen Samstag wieder frohgemut zur Meutenstunde – ich begleitete sie wie üblich hin und holte sie wieder ab –, sie berichtete mir hinterher fröhlich, was sie alles gemacht hatten, z.B. Knoten üben (Weberknoten und Strickleiterknoten), und plötzlich war es überhaupt keine Frage mehr, dass sie zum Herbstlager mitwollte. "So kenn' ich mein Tochterkind", sagte ich mir. 

Wie sich zeigte, war das allerdings ein bisschen "zu freu gefrüht", wie ich gern sage. Ich hatte die Auswirkungen der Tatsache unterschätzt, dass ich in der Woche vor dem Herbstlager nicht da war und auch nicht früh genug zurückkam, um sie hinzubringen. Nicht dass meine Liebste nicht auch dazu in der Lage gewesen wäre, aber es kam halt so einiges zusammen: Dadurch, dass ich bei der Einführungswoche in Paderborn war, musste meine Liebste diejenigen Aufgaben im Familienalltag, für die normalerweise ich zuständig bin – wozu es vorrangig gehört, die Kinder zur Schule, zur KiTa und zum Sport zu bringen und wieder abzuholen –, zum Teil selbst übernehmen und zum Teil anderweitig delegieren, dazu kam noch die Wohnungsübergabe, dann konnte der Jüngste wegen Bauchweh und Erbrechen ein paar Tage nicht zur KiTa, kurz, das Chaos- und Stresslevel im Familienalltag war deutlich erhöht, und als dann noch das Kuscheltier unauffindbar war, das das Tochterkind ins Lager hatte mitnehmen wollen, war der Ofen erst mal aus. Das hätte man vielleicht wieder hinbiegen können (das besagte Kuscheltier ist inzwischen auch wieder aufgetaucht), aber als unserer Großen dann on top of it all auch noch klar wurde, dass sie ihren lieben Papi, wenn sie ins Wölflingslager führe, noch ca. 1½ Tage länger würde entbehren müssen als sowieso schon, ging gar nichts mehr. – Schade ist das nun natürlich schon, schließlich sind Fahrten und Lager die absoluten Höhepunkte im Pfadfinderleben und die nächste Gelegenheit kommt erst in rund einem halben Jahr; und wer weiß, ob das dann klappt oder ob da ihre Erstkommunion oder gar meine nächste Präsenzwoche in Paderborn dazwischen kommt! – Andererseits kann man sich aber ja damit trösten, dass meine Tochter noch gut drei Jahre Zeit hat, bis ihr Übertritt von der Wölflingsmeute in die Pfadfinderinnengilde fällig wäre, sie hat also noch reichlich Zeit, alle Wölflingsabzeichen zu machen, die es gibt. (Und wenn sie nicht alle macht, die es gibt, bin ich ihr auch nicht böse, aber freuen würde ich mich, wenn sie bis zur Leise-Pfoten-Prüfung nicht mehr wesentlich länger brauchen würde als bis zur Erstkommunion.) 


Schwarzer Gürtel in KiWoGo: Vom Versprechen und Halten 

Ehe ich am Montag in aller Früh' nach Paderborn abdampfen konnte, musste ich am Sonntag – dem 26. Sonntag im Jahreskreis – in St. Joseph Siemensstadt noch den ersten Kinderwortgottesdienst der neuen Saison über die Bühne bringen, nicht allein natürlich, sondern mit dem bewährten Team. Das Evangelium dieses Sonntags war Matthäus 21,28-32, das Gleichnis vom willigen und vom unwilligen Sohn; zu diesem Gleichnis gibt es eine humorvoll illustrierte freie Nacherzählung in dem Buch "Jesus erzählt von Schafen, Perlen und Häusern" von Nick Butterworth und Mick Inkpen, die man vielleicht hätte verwenden können, allerdings sagte ich mir, das sei vielleicht eher etwas für kleinere Kinder (das Buch ist empfohlen ab 3 Jahren), und da die Hauptzielgruppe unserer KiWoGos doch eher Kinder im Erstkommunionalter sind, müsse man vielleicht ein bisschen was Anspruchsvolleres bringen. Gerade rechtzeitig vor dem Vorbereitungstreffen am vorletzten Mittwoch fiel mir ein, die Geschichte "Gretchen Plappermaul" aus dem Buch "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg, das ich dereinst von meiner Oma zu meiner Erstkommunion geschenkt bekommen habe, zum Evangelium dieses Sonntags passt; und ich konnte auch meine Teamkollegen davon überzeugen, diese Geschichte als Einstieg zu verwenden. Eine Teamkollegin steuerte die Idee bei, zum Zwecke der Visualisierung ein Handtäschchen und eine Anzahl Kieselsteine mitzubringen und, wie es in der Erzählung geschieht, die Steine (die nicht eingelöste Versprechen symbolisieren) nach und nach in das Handtäschchen einzusammeln. 

Die Steine sind auf diesem Teppich ziemlich gut getarnt.

Auf die Geschichte sollte ein Auswertungsgespräch mit den Kindern folgen ("Kennt ihr das auch? Habt ihr vielleicht auch so Freunde, die einem immer ganz viel versprechen und es dann doch nicht halten? Oder ist euch das vielleicht selbst schon mal passiert, dass ihr jemandem etwas versprochen habt und dann gar nicht mehr daran gedacht habt?"), und dann galt es zum Evangelium vom Tag überzuleiten – dessen Auslegung dem Gemeindereferenten überlassen werden sollte. 

Zwölf oder dreizehn Kinder nahmen an diesem KiWoGo teil, von denen mindestens neun zum neuen Erstkommunionkurs gehörten; und ein erfreulich großer Teil von ihnen beteiligte sich aktiv, sowohl am Gespräch über die "Gretchen Plappermaul"-Geschichte als auch an dem über die Auslegung des Evangeliums: Für wen steht der Vater im Gleichnis? Na klar, für Gott. Für wen stehen dann die Söhne? Für uns. Wenn Jesus sagt, es geht darum, den Willen des Vaters zu tun, was heißt das für uns – was will Gott, dass wir tun sollen? Da kamen einige gute Antworten zusammen. Am Ende wurde sogar die Zeit knapp, aber insgesamt würde ich doch sagen, es war ein ziemlich gelungener Saisonauftakt. Der nächste KiWoGo – in dem es um die Klugen und Törichten Jungfrauen gehen soll – steht allerdings erst Anfang November an, am Sonntag vor dem dritten Erstkommunion-Kurstreffen. Für mein Empfinden unterstreicht das die Notwendigkeit, darüber nachzudenken, ob man im Oktober nicht irgendwie noch ein zusätzliches Angebot für die Erstkommunionkinder aus dem Hut zaubern könnte und sollte... 


Bye, bye Tegel 

Zu behaupten, unser Umzug wäre abgeschlossen, wäre angesichts der Anzahl noch nicht ausgepackter Umzugskartons zweifellos eine Übertreibung, aber aus der alten Wohnung sind wir jedenfalls raus und können somit getrost behaupten, unseren Tegeler Lebensabschnitt hinter uns gelassen zu haben. War ja auch eine ganz schön lange Zeit: Schon als meine Liebste und ich vor gut zehn Jahren vom Jakobsweg zurückkamen – da waren wir noch nicht mal verheiratet –, machten wir Pläne, nach Tegel zu ziehen, und fingen in diesem Zusammenhang auch an, dort zur Kirche zu gehen; in die Wohnung, aus der wir jetzt ausgezogen sind, zogen wir im Sommer 2017 ein, da war unser erstes Kind noch nicht geboren. Das heißt natürlich auch: Während der aktuelle Umzug für mich bereits der fünfte meines Lebens ist (wie oft meine Liebste schon umgezogen ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht genau), ist es für die Kinder der allererste. Anders ausgedrückt, ich war bei meinem ersten Umzug schon 20 Jahre alt, meine Kinder machen diese Erfahrung schon erheblich früher. Scheint ihnen aber zu gefallen, oder jedenfalls gefällt ihnen die neue Wohnung. Unser Jüngster hat schon gesagt, er will da nie wieder ausziehen. 

Wenn ich nun also zurückblicke auf gut neun Jahre Berlin-Tegel – zehn, wenn man die Zeit mitrechnet, in der wir noch nicht dort wohnten, uns aber bereits "dorthin orientierten" –, dann war das schon ein ziemlich intensiver Lebensabschnitt: Wir haben in dieser Zeit zwei Kinder bekommen, haben die Corona-Zeit durchgestanden, ich habe Kochen gelernt und noch manches Andere, in alltagspraktischer wie in geistlicher Hinsicht... Die Frage, ob ich Tegel vermissen werde, würde ich trotzdem eher verneinen. Klar, die Nähe zum See und zum Wald war toll, die vielen Einkaufsmöglichkeiten, auch die vielen Spielplätze in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung – wobei die inzwischen, da unser Tochterkind im vierten Schuljahr und der Kleene in der KiTa ist (und nächstes Jahr ebenfalls in die Schule kommt), nicht mehr die großen Anziehungspunkte sind. In der ersten Hälfte unserer Tegeler Zeit haben wir auch die Nähe zur Pfarrkirche Herz Jesu als einen Pluspunkt betrachtet, but that turned sour, wie der Angloamerikaner sagt. – Was mich an Berlin-Tegel übrigens schon lange gewundert hat: Gut 40 Jahre lang stand diese Ecke Berlins unter französischer Besatzung, aber bei der alteingesessenen Bevölkerung scheint in Sachen savoir vivre nicht sonderlich viel hängen geblieben zu sein. Französisches Flair findet man eigentlich nur in der Fußgängerzone Alt-Tegel und deren Verlängerung zum See hin. Da dann allerdings immerhin schon. 

Dass unsere neue Wohnung gar nicht so weit von der alten entfernt liegt, habe ich ja schon erwähnt; der Weg zur Schule, zur KiTa, zur Sonntagsmesse in Siemensstadt und zum JAM verlängert sich somit durch den Umzug um nicht viel mehr als zehn Minuten. Allerdings haben wir mit unserem Umzug – auch das habe ich schon mal erwähnt – knapp die Pfarreigrenze zwischen St. Klara Reinickendorf-Süd und St. Franziskus Reinickendorf-Nord überschritten, womit sich der zwischenzeitlich aufgetauchte Gedanke, in der Gemeinde von Herz Jesu Tegel ein Comeback anzustreben, so ziemlich erledigt haben dürfte. Andererseits steht nun natürlich die Option im Raum, sich am Kirchenstandort St. Nikolaus zu engagieren, solange diese Kirche noch nicht geschlossen und profaniert ist... 

Diese Begrüßungspostkarte haben nicht wir bekommen – wir kriegen voraussichtlich auch noch eine, wenn wir amtlich umgemeldet sind –, sondern unsere Hausgenossin. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass sie katholisch ist.

Drei Hasen für ein Halleluja 

Am Montag brach ich dann also in aller Früh' nach Paderborn auf, wo ich am späten Vormittag ankam und, da bis zur ersten Veranstaltung im Rahmen der Einführungswoche an der Katholischen Hochschule noch etwas Zeit war, erst einmal ein bisschen Sightseeing in der Altstadt zu machen beschloss. Fast in letzter Minute hatte ich festgestellt, dass es für mich praktischer war, nicht zum Hauptbahnhof zu fahren, sondern am Bahnhof Kasseler Tor auszusteigen; und kaum war ich aus der Bahn gestiegen, stand ich erst mal direkt vor dem Mutterhaus der Schwestern der Christlichen Liebe. 


Wahrscheinlich hätte es da auch ein Gästehaus gegeben, in dem man hätte unterkommen können, aber ich hatte mir eine private Übernachtungsmöglichkeit organisiert – bei einem altgedienten Paderbörner Domministranten, den ich dank einer gewissen Ähnlichkeit in Physiognomie und Haarfarbe gern den Ed Sheeran des ostwestfälischen Katholizismus nenne und dessen Vater übrigens einer der Gründerväter der Blogoezese ist. Aber das nur nebenbei! – Meinen ersten Eindruck von der Paderbörner Altstadt möchte ich mal in die Worte kleiden: Was ist aus katholischer Sicht der Unterschied zwischen Berlin und Paderborn? Berlin ist Sitz eines Erzbischofs, weil es eine bedeutende Stadt ist; Paderborn ist bedeutend, weil es Sitz eines Erzbischofs ist. 















Wenn ich sagen wollte, was das katholische Flair betrifft, komme man sich in der Altstadt von Paderborn fast vor wie auf dem Jakobsweg, wäre das "fast" und das "wie" übrigens unzutreffend; denn tatsächlich trafen sich im Mittelalter sogar zwei Routen von Jakobspilgern in Paderborn. 


Zu den Stichworten "Paderborn" und "Jakobsweg" fällt mir übrigens auch die Casa Paderborn in Pamplona ein, in der ich mal zusammen mit meiner Liebsten übernachtet habe. Diese Pilgerherberge wird vom Verein "Jakobusfreunde Paderborn" betrieben, und ihr Pilgerstempel zeigt das Motiv des berühmten Dreihasenfensters, eines Wahrzeichens der Stadt. Was Wunder, dass ich mich gleich nach meiner Ankunft in Paderborn auf die Suche nach diesem Fenster machte; ich fand es im Innenhof des Domkreuzgangs. 

In den folgenden Tagen begegneten mir noch verschiedene Variationen dieses berühmten Motivs: 



Dank der Tatsache, dass mein Gastgeber nicht nur Domministrant, sondern auch zertifizierter Kirchenführer ist, kam ich am Dienstag in den Genuss einer Privatführung durch den Hohen Dom zu Paderborn, mit allerlei Hintergrundinformationen zur Baugeschichte sowie zu künstlerisch und historisch bedeutenden Ausstattungsgegenständen wie dem Margarethenaltar... 



...und dem Epitaph des Fürstbischofs Dietrich IV. von Fürstenberg. 


Außerdem zeigte mein Gastgeber mir die Bartholomäuskapelle, den Quellkeller in der Kaiserpfalz sowie das ehemalige Benediktinerkloster Abdinghof – jetzt eine evangelische Kirche – mit der Krypta des Bischofs Meinwerk. 

Zu einem persönlichen Lieblingsort in Paderborn avancierte für mich indes die schon seit 1967 täglich geöffnete Anbetungskapelle in der direkt gegenüber vom Dom gelegenen Gaukirche St. Ulrich: Dort verbrachte ich an jedem Tag meines Aufenthalts zwischen einer Viertel- und einer halben Stunde, und ich denke mal, wenn ich das nächste Mal in Paderborn bin, gehe ich da auch wieder hin. 

Die als Brennender Dornbusch gestaltete Tabernakelsäule von Egino Weinert fand ich sehr eindrucksvoll. Wegen der starken Innenbeleuchtung des Tabernakels kaum zu sehen ist die ebenfalls sehr schöne Monstranz, auch von Egino Weinert.


Seltsame Leiden eines Theologiestudenten 

Ehe sich jemand wegen dieses neuen Rubrikentitels Sorgen macht: In erster Linie ist das eine Anspielung auf E.T.A. Hoffmanns Dialog "Seltsame Leiden eines Theaterdirektors". Dass ein Theologiestudium, selbst wenn es "nur" ein Bachelor-Studium in Angewandter Theologie ist, auch etwas ist, woran oder worunter man leiden kann, steht zu vermuten, aber vorläufig geht's mir noch ganz gut. Wir sind 41 Erstsemester im Studiengang Angewandte Theologie, davon 27 im Fernstudium; das dürfte die höchste Zahl sein, die dieser Studiengang je hatte. In Kombination mit der Tatsache, dass der Studiengang Religionspädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin-Karlshorst, als ich mich im vergangenen Frühjahr dort bewerben wollte, bereits überbelegt war, könnte man auf die Idee kommen, auch das habe etwas mit dem Quiet Revival zu tun; aber ich bin da eher vorsichtig, denn nach dem ersten Tag der Einführungswoche hätte ich gesagt, besonders fromm wirkten meine neuen Kommilitonen im Großen und Ganzen nicht unbedingt auf mich, oder sagen wir, sie machten nicht unbedingt den Eindruck, sich deshalb für dieses Studium entschieden zu haben, weil sie besonders fromm wären. Das war natürlich ein oberflächlicher Eindruck, der sich im Laufe der folgenden Tage in einigen Fällen verfestigte, in anderen relativierte oder sogar ganz und gar auf den Kopf gestellt wurde (mit ein paar Kommilitoninnen habe ich mich in den Pausen z.B. sehr angeregt über Stundengebet, Rosenkranz, Eucharistische Anbetung und Wallfahrten nach Lourdes unterhalten); insgesamt mag mein Ersteindruck demnach mehr oder weniger falsch sein, auf jeden Fall wären aber einige Differenzierungen angezeigt. So ist es wohl nicht sehr überraschend, dass, auch wenn die Studenten grundsätzlich aus ganz Deutschland kommen, die westdeutschen Diözesen – Paderborn selbst, aber auch Münster, Aachen und Essen – zahlenmäßig überrepräsentiert sind; und die Leute von dort kommen im Schnitt doch deutlich "liberalkatholischer" 'rüber als die aus dem Bewerbendenkreis des Erzbistums Berlin. Ich würde sogar sagen, selbst die, die innerhalb des Berliner Bewerbendenkreises eher liberal wirken, sind nicht so liberal, wie die aus Aachen oder Essen mir mehrheitlich vorkommen; Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine "kohortenübergreifende" Kennenlernveranstaltung hat mir zudem den Eindruck vermittelt, dass die Zusammensetzung des neuen ersten Semesters sich in mehrfacher Hinsicht auffallend von den älteren "Kohorten" unterscheidet: So fällt es auf, dass das Verhältnis zwischen Männern und Frauen bei den Erstsemestern ziemlich ausgewogen scheint, während unter denen, die schon länger dabei sind, ein deutlicher Frauenüberschuss herrscht; darüber hinaus und davon unabhängig machen – was natürlich wiederum nur ein oberflächlicher Eindruck ist, der auch falsch sein könnte – die Studentinnen und Studenten aus dem dritten und fünften Semester auf mich im Durchschnitt deutlich mehr als die aus dem ersten den Eindruck, genau so zu sein, wie ich mir liberale Theologiestudenten immer vorgestellt habe. Die spannende und nicht so einfach zu beantwortende Frage ist nun natürlich, ob es tatsächlich etwas mit dem Quiet Revival zu tun hat, dass unter den ungewöhnlich zahlreichen neuen Erstsemestern auch Leute sind, die anders drauf sind als der typische liberalkatholische Theo-Studi, oder ob dieser Eindruck vielmehr dadurch entsteht, dass den "Neuen" ihre Ecken und Kanten noch nicht abgeschliffen worden sind, und man also damit rechnen muss, dass sie im Laufe des Studiums stromlinienförmiger werden. 

Die Dozenten wirkten auf mich fast alle sehr nett und humorvoll, aber eben auch eher liberal – was ich indes kaum anders erwartet hätte. Die erste eigentliche Lehrveranstaltung war eine gemeinsame Vorlesung zweier Professoren (für Dogmatik und Fundamentaltheologie) zum Thema "KI in Theologie und Seelsorge" unter Bezugnahme auf die Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV.; das hätte ich mir theoretisch als ganz interessant vorstellen können, aber es war nun mal eine Veranstaltung für Studienanfänger, und da wurden erst mal sehr kleine Brötchen gebacken. Zum Beispiel wurde einem da erst mal erklärt, was eine Enzyklika ist und dass die Kirche seit Augustinus eine Lehre vom Gerechten Krieg hat; und auch sonst kam in der Vorlesung praktisch nichts vor, was ich nicht schon mal woanders gehört oder gelesen hätte. Einerseits vielleicht ein ganz gutes Indiz dafür, dass das Studium mich nicht überfordern wird, andererseits aber eben auch nicht sonderlich motivierend. 

Deutlich aufwärts ging es mit meiner Motivation jedoch am Dienstag, als wir in mehreren Informationsveranstaltungen erste Einblicke in Aufbau und Ablauf des Studiums erhielten. Zu den Erkenntnissen, die ich da mitnahm, gehörte es einerseits, dass im ersten Semester nur eine einzige Prüfung abzulegen ist – nämlich über das propädeutische Modul "Einen Anfang machen. Einführung in das Studium einer angewandten Theologie" –, andererseits aber auch, dass man schon im ersten Semester Lehrveranstaltungen in allen Arbeitsfeldern des Studiengangs (Biblische Theologie, Kirchengeschichte, Systematische Theologie, Philosophie, Praktische Theologie, Religionspädagogik) belegen kann und soll. – Noch interessanter wurde es ab Mittwoch Nachmittag, denn da ging es los mit den Einführungen in die einzelnen Arbeitsfelder. In der Einführung in die Arbeitsfelder Religionspädagogik und Systematische Theologie wurde ein Film gezeigt – genauer gesagt, eine Folge der Serie "Der Tatortreiniger" mit dem Titel "Anbieterwechsel". Da hatte der Titelheld in einer Agentur für spirituelle Sinnsuche zu tun, und sein Dialog mit der Geschäftsführerin dieses Unternehmens war nicht nur ausgesprochen witzig, sondern auch überraschend tiefsinnig und vielschichtig; daher schauten wir uns die Folge in sieben Abschnitte zerlegt an, und dazwischen wurde darüber reflektiert und/oder diskutiert, inwieweit die Inhalte dieses Dialogs für Fragestellungen der Religionspädagogik und/oder der Systematischen Theologie relevant sind. Das war ausgesprochen ergiebig und machte Spaß; tatsächlich könnte ich mir sogar vorstellen, dass man aus dieser "Tatortreiniger"-Folge ein ganzes Seminar mit zwei Semesterwochenstunden stricken könnte, wenn nicht mehr. – Auch die Einführungsveranstaltungen zu den anderen Teildisziplinen bzw. Arbeitsfeldern hatten ihre Highlights; auf einige davon komme ich vielleicht bei späteren Gelegenheiten noch zurück. Jedenfalls bin ich guten Mutes, dass das Studium mir Spaß machen könnte, auch wenn bereits absehbar ist, dass ich nicht immer mit meinen Dozenten einverstanden sein werde. 

Manche Dinge muss man indes wohl einfach ertragen, und dazu gehörte der sogenannte Gottesdienst zum Auftakt der Immatrikulationsfeier am Mittwoch: 

Mehrfach wurde dieses halbstündige Vorspiel zum Immatrikulations-Festakt als "Wortgottesdienst" bezeichnet, aber mit dem Wortgottesdienst-Teil einer Heiligen Messe oder auch mit den "Wort-Gottes-Feiern", die ich bisher an verschiedenen Orten miterlebt hatte, hatte es nur entfernte Ähnlichkeit. Es gab eine biblische Lesung – aus Psalm 27 –, Fürbitten, ein Vaterunser und sogar einen Segen, alles andere war moralistisch-therapeutisches Wortgeklingel. Bezeichnend fand ich auch die Liedauswahl: einmal Peter Janssens ("Unser Leben sei ein Fest"), einmal Taizé ("Meine Hoffnung und meine Freude"), einmal Siegfried Fietz ("Von guten Mächten"); kleinster gemeinsamer Nenner, könnte man sagen. Bedenken muss man natürlich, dass es eine gemeinsame Immatrikulationsfeier der Fachbereiche Sozialwesen und Theologie war, und auch wenn der Fachbereich Theologie, wie schon gesagt, in diesem Semester außerordentlich viele Studienanfänger hat, sind es im Fachbereich Sozialwesen doch ungefähr viermal so viele, und denen meinte man vielleicht trotz der Tatsache, dass sie nun mal an einer Katholischen Hochschule studieren, nicht zu viel Religion zumuten zu dürfen. Ich meine etwas Derartiges aus einem Gespräch zwischen einer Kommilitonin und einer Dozentin auf dem Flur herausgeholt zu haben, aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. 

Am Donnerstagabend gab es dann noch einen Gottesdienst in der Hauskirche des Priesterseminars – eine "Wort-Gottes-Feier"; eine Heilige Messe gibt es, wie ich erfuhr, nur in der Präsenzwoche zum Beginn des Sommersemesters, warum auch immer. Verglichen mit dem Immatrikulationsgottesdienst war die Gestaltung dieser Wort-Gottes-Feier erheblich liturgischer, aber in gewisser Weise trug wohl gerade das dazu bei, dass die in der Tradition des postkonziliaren Liberalismus (vulgo "Boomer Catholicism") stehenden Stilmittel, die diesen Gottesdienst prägten, mir nur umso mehr auf die Nerven gingen. Danach hatte ich auch nicht mehr so richtig Lust zum Socializen: Es gab die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Abendessen in der Cafeteria des Priesterseminars, dazu hätte man sich aber anmelden müssen; das hatte ich versäumt und mochte nun nicht darauf spekulieren, ob das Essen womöglich auch noch für einen unangemeldeten Teilnehmer reichte. Da aß ich lieber in einem Döner-Pizza-Burger-Imbiss, trank anschließend zwei Pints im Auld Triangle Irish Pub und fuhr dann mit dem Bus zu meiner Unterkunft. 

Was noch erwähnt werden sollte: Es dauerte bis zum Donnerstagabend, bis mich jemand auf meinen Blog ansprach, nämlich ein Seminarist, der meinen Blog nicht selbst gelesen hatte, sondern von einer ungenannten dritten Person erfahren hatte, es gebe da jemanden aus Berlin, der gerade ein Studium in Angewandter Theologie an dieser Hochschule beginne und darüber blogge. Wieder mal ein anekdotischer Beleg für die Richtigkeit des legendären Satzes "Sie werden mehr gelesen, als Sie denken"... 


Währenddessen in Fulda 

Praktisch zeitgleich mit meiner Einführungswoche in Paderborn fand zwei Autostunden weiter südlich, in Fulda, die Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz statt. Das erste, was ich von dieser Versammlung mitbekam, war ein Social-Media-Post über die Wahl der Kommissionsvorsitzenden; und als ich die Namen und Gesichter der Gewählten sah, drängte sich mir spontan die Frage auf: Was darf Satire? Kommission "Glaube und Wissenschaft": Bischof Overbeck. Okay, der hatte den Vorsitz der Glaubenskommission schon seit 2021 inne, aber das macht die Sache ja nicht weniger fragwürdig. Kommission "Liturgie und Kultur": Bischof Ackermann. Nun gut, Trier ist Sitz des Deutschen Liturgischen Instituts, und zudem laufen da vermutlich schon die Vorbereitungen zur Heilig-Rock-Wallfahrt im "Heiligen Jahr der Erlösung" 2033, also geschenkt. Kommission "Missionarische Pastoral und kirchliche Dienste": Bischof Kohlgraf. Derselbe Bischof Kohlgraf, der sich vor noch gar nicht so langer Zeit skeptisch bis ablehnend über Neuevangelisierung geäußert hat. Und der wohl dickste Hund, Kommission "Familie, Jugend und Erziehung": Erzbischof Heße aus Hamburg, das ist der mit dem berühmt-berüchtigten "Rahmenkonzept für sexuelle Bildung". Kritik an dieser Wahl ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Im Ernst, sowas passiert einem doch nicht aus Versehen, das haben die doch mit Absicht gemacht! – Auch noch erwähnenswert: Die Medienkommission übernimmt Bischof Bätzing. Eigentlich sollte der sich ja für jedes auch nur einigermaßen repräsentative Amt gründlich disqualifiziert haben, aber ausgerechnet Medien, wo er doch mit seinem öffentlichen Auftreten als Bischof von Limburg wiederholt Maßstäbe in Sachen Peinlichkeit gesetzt hat? – Zur Bonifatiusvesper am Mittwochabend hielt Bischof Bätzing eine Predigt, in der er allem Ernstes den alten Germanenmissionar zum "Gewährsmann" für "den Sinn mühsamer Arbeit an Strukturen und Rahmenbedingungen" heranzog: "Erneuerung braucht Strukturen. Evangelisierung braucht Strukturen" – und dies meint er explizit als Erwiderung auf den Vorwurf, "wir kümmerten uns so sehr um Strukturen und Reformvorhaben, dass wir unter der Hand die Verkündigung des Evangeliums vernachlässigten". Mir fällt da spontan ein, wie der Freiburger Theologiedozent Daniel Bogner vor Jahren die "Entweltlichungs"-Thesen Benedikts XVI. mit dem Argument verwarf, es gebe "auch so etwas wie ein institutionelles, amtliches Zeugnis der Kirche", und dafür brauche es eben "Manpower, große Stäbe und Management". – Jedenfalls verfestigt sich da, auch vor dem Hintergrund dessen, was ich vorige Woche unter dem Stichwort "Untergrundkirche" angemerkt habe, einmal mehr der Eindruck, dass gerade die Leute, die so gern von den "Zeichen der Zeit" als Offenbarungsquelle reden, beim Thema Neuevangelisierung komplett den Schuss nicht gehört haben. Die sitzen in ihrem Loch und sind eifrig damit beschäftigt, es tiefer zu schaufeln. – Das ist natürlich ein Thema, das dringend mal über das im Rahmen eines Wochenbriefings mögliche Maß hinaus vertieft werden müsste. Vielleicht wird da also mal ein eigenständiger Blogartikel draus, vielleicht aber auch eine Hausarbeit im Modul für Pastoraltheologie oder so – man wird sehen... 


Geistlicher Impuls der Woche 

Einmal war ich auf Reisen und fern von daheim und einsam, und ich wachte nachts auf und war nahe daran, loszuheulen, weil mir alles so sinnlos erschien und ich mich ungeliebt und unerwünscht fühlte. Und plötzlich überkam mich das Bewusstsein meines Wertes als Tochter Gottes, als Tochter eines Königs, und ich spürte eine Gewissheit der Liebe Gottes und im selben Moment die Überzeugung, es gehöre zum größten Unrecht – wenn man das überhaupt so sagen kann –, das man Gott antun kann, dass man Seiner Liebe misstraut, Seine Liebe nicht wahrnimmt. So sehr hat Gott mich geliebt, dass Er Seinen einzigen Sohn gab. "Selbst wenn eine Mutter ihre Kinder vergäße, ich vergesse dich nicht" (vgl. Jesaja 49,15c). Solch eine Zärtlichkeit. Und mit welch einer Undankbarkeit vergessen wir den Vater und Seine Liebe! 

(Dorothy Day, On Pilgrimage, Juli/August 1948. Eigene Übersetzung.) 


Ohrwurm der Woche 

Foster the People: Pumped up Kicks 

Damit bloß keiner auf die Idee kommt, ich hätte dieses Lied aus inhaltlichen Gründen ausgewählt: Dieses Lied ging mir schon öfter recht hartnäckig im Kopf herum, nachdem ich es in der Kampfsportschule der Kinder und wohl auch noch an anderen Orten (Einkaufszentren oder so) gehört hatte; aber ich hatte keine Ahnung, von wem das ist, und verstand auch nie genug vom Text, um mir zusammenreimen zu können, wie das Stück wohl heißt. Aber dann war ich am Dienstag mit meinem Gastgeber und seinen Eltern essen im "Ausspann'" in Paderborn, und da lief eine Coverversion dieses Stücks, die, wie mir meine Shazam-App verriet, von jemandem namens Colin stammte. Nun war es mir ein Leichtes, die Originalversion auf YouTube ausfindig zu machen, und übrigens kam ich auch erst jetzt dahinter, worum es in dem Lied geht. Nebenbei verriet mir Tante Wikipedia, musikalisch sei das Stück inspiriert von "Dreams" von Fleetwood Mac. Wäre ich ehrlich gesagt von allein nicht drauf gekommen, aber wenn man's weiß, kann man es durchaus ein bisschen 'raushören. 


Vorschau/Ausblick 

Nachdem ich infolge diverser Störungen im Betriebsablauf der Bahn letzte Nacht erst sehr spät nach Hause gekommen bin, war heute Vormittag erst mal ein gemütlicher Start in den Tag angesagt; der Nachmittag stand dann im Zeichen der Arbeit an der Wohnungseinrichtung (Kisten auspacken, Lampen aufhängen usw.). Am morgigen 27. Sonntag im Jahreskreis darf ich im Anschluss an die Messe in St. Joseph Siemensstadt den monatlichen Infotisch auf dem Kirchenvorplatz betreuen, da der normalerweise dafür zuständige Gemeindereferent Urlaub hat. Danach folgt, wenn der Schein nicht trügt, zur Abwechslung mal wieder eine "ganz normale" Schul- und Arbeitswoche, wenn man davon absieht, dass am Donnerstag nach der KiTa ein informelles Treffen der Elternvertreter (ich bin einer!) geplant ist und am Freitag der Schornsteinfeger kommt. Und natürlich werde ich in dieser Woche studieren müssen (und wollen). Ich gehe mal davon aus, dass das dann auch Stoff zum Bloggen abgeben wird – mehr als der Besuch des Schornsteinfegers allemal... 


Samstag, 26. September 2026

Utopie und Alltag 44: Dickes B, Rom an der Spree

Schon wieder liegt eine enorm ereignisreiche Woche hinter mir, Freunde; so ereignisreich, dass ich mal wieder gar nicht alles in diesem Wochenbriefing untergekriegt habe und zusehen muss, dass ich ein paar "übriggebliebene" Themen an anderer Stelle anspreche. Damit steht also weiterhin die unlängst schon mal ins Spiel gebrachte Überlegung im Raum, den Zuschnitt des Artikelformats "Wochenbriefing" zukünftig anders zu gestalten; aber dazu zu gegebener Zeit. Nicht auf "ein Andermal" verschieben wollte ich jedenfalls diejenigen Themen, die als verbindenden Roten Faden den Kontrast zwischen post-volkskirchlichem Normalbetrieb und geistlichen Aufbrüchen haben, die sich eher unter dem Radar der Institution oder jedenfalls außerhalb ihrer Strukturen vollziehen. Und damit genug der Vorrede! 

Horch, was kommt von draußen rein!

Ein Glücksmoment 

Eigentlich hätte dies chronologisch noch ins vorige Wochenbriefing gehört, aber da war ja aus bekannten Gründen "kein Platz", und deshalb kommt es jetzt: Am vorletzten Donnerstag, als meine Liebste bei der Arbeit und die Kinder in der Schule und in der KiTa waren, hatte ich ganz unverhofft einen intensiven Glücksmoment. Ich war im Garten, die Sonne schien, die Katzen spielten um mich herum – eine von ihnen war, wie vorige Woche schon erwähnt, kurz zuvor nach mehr als 24 Stunden Abwesenheit unversehens wieder aufgetaucht –, und plötzlich kam mir der Gedanke: Dass ich jetzt hier bin und diesen Moment erlebe, das ist die Summe meiner Lebensentscheidungen. Alles, was ich in meinem Leben getan und nicht getan habe, hat mich im Endergebnis hierher geführt. Einfachstes, greifbarstes Beispiel: Wir würden jetzt nicht in diesem Häuschen mit Garten wohnen, wenn unsere Tochter sich nicht mit der gleichaltrigen Tochter unserer jetzigen Hausgenossin angefreundet hätte; das wiederum war aber nur möglich, weil wir unsere Tochter an genau dieser Schule eingeschult haben, von deren Existenz wir gar nichts gewusst hätten, wenn sie uns nicht ein Nachbar empfohlen hätte; und immer so weiter. – Ich kann es nur empfehlen, wenn man mal einen besonders glücklichen Moment erlebt, ein wenig über die Kette der Ereignisse zu sinnieren, die einen dort hingeführt hat. Das hilft dabei, den eigenen Lebensweg – mit all seinen Irrungen und Wirrungen – wertzuschätzen. 


Erstkommunionkatechese und ich: Es bleibt kompliziert

Als wir am vorletzten Sonntag in Herz Jesu Tegel in der Abendmesse waren, war dort unter anderem auch die Rede davon, dass in der dortigen Gemeinde gerade "der erste Elternabend für den neuen Sakramentenkurs" stattgefunden habe – womit dasselbe gemeint ist, was anderswo Erstkommunionvorbereitung heißt, aber der dortige Pfarrer nennt es gern "Sakramentenkurs", denn: "Wir bereiten die Kinder ja auch noch auf ein zweites Sakrament vor, nicht nur auf die Erstkommunion, sondern auch auf die Erstbeichte." Dürfte man unter diesem Aspekt in der Benennung des Kurses als "Sakramentenkurs" ein Signal dafür sehen, dass der Fokus tatsächlich auf Sakramentenkatechese gelegt wird statt auf irgendwelchen Ringelpiez, dann wäre das sicherlich zu begrüßen, aber wenn man den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd kennt,  drängt sich doch der Verdacht auf, dass er hier lediglich eine Gelegenheit gesehen hat, seiner Profilneurose und seinem Hang zur Besserwisserei zur Abwechslung mal ein fromm wirkendes Mäntelchen umzuhängen. – Noch mehr als darüber ärgerte ich mich jedoch, als die Caritas-Direktorin Ulrike Kostka, die in dieser Messe "predigte", einleitend auf die Erwähnung des "Sakramentenkurses" zurückgriff und dabei auf die Erinnerung an ihre eigene Erstbeichte einging: Sie habe damals nicht so recht gewusst, was das Ganze eigentlich soll, habe sich daher "ziemlich krampfhaft überlegt hab, was ich da vielleicht sagen könnte", und habe auf ihrem "kleinen Zettel" schließlich "irgendwas aufgeschrieben, wo ich meiner Mutter nicht geholfen habe oder irgend sowas". Meiner Tochter, die neben mir saß, hätte ich an dieser Stelle am liebsten die Ohren zugehalten. Man sieht hier, die Vertreter des post-volkskirchlichen Establishments sind so sehr daran gewöhnt bzw. setzen voraus, es mit einer desinteressierten und unmotivierten Zielgruppe zu tun zu haben, dass sie gar nicht merken, was für einen Schaden sie mit dieser Haltung bei jungen Menschen anrichten, die möglicherweise doch Interesse und Motivation mitbringen. 

Dass Frau Kostka als Kind mit dem Sakrament der Versöhnung so wenig anfangen konnte, führte sie darauf zurück, dass "damals [...] die Vorbereitung nicht allzu sehr intensiv oder [...] an Äußerlichkeiten geknüpft" war; das schien mir nun auch wieder so ein typisch liberalkatholisches Narrativ zu sein: Früher™️ war in der Kirche alles ganz furchtbar, heute machen wir alles besser. Andererseits muss man bedenken, dass Frau Kostka, ihrem Geburtsjahrgang nach zu schließen, vermutlich um 1980 herum zur Erstkommunion gegangen ist, und es kann durchaus sein, dass die Krise der Katechese da gerade auf einem Höhepunkt war. – Wie dem auch sei: Ich muss gestehen, dass mir gerade der Punkt mit der Konzentration auf Äußerlichkeiten erneut in den Sinn kam, als ich am vergangenen Samstag mit meinem Tochterkind erstmals zum Erstkommunionkurs für die Gemeinde St. Joseph Siemensstadt/St. Stephanus Haselhorst ging. 

Which Way, Western Girl? 

Eigentlich war es bereits das zweite Kurstreffen; das erste hatten wir ja verpasst, weil wir da auf Gemeindefreizeit waren. Jedenfalls hatte sich die Teilnehmerzahl seit dem Elternabend noch einmal signifikant erhöht, 21 Kinder erschienen zum Treffen, ungefähr vier weitere waren entschuldigt. Die inhaltliche Planung für Gesamtablauf des Kurses sah für dieses Treffen zwei thematische Einheiten vor, zu den Themen "Bibel" und "Gebet", und diese beiden Themenblöcke fand ich durchaus nicht schlecht, wenn auch ausbaufähig; aber ehe ich darauf näher eingehe, möchte ich mich zunächst einmal darauf konzentrieren, was ich am Konzept dieses Erstkommunionkurses als problematisch und ärgerlich empfunden habe. Und das hat sehr viel mit dem bereits genannten Stichwort "Konzentration auf Äußerlichkeiten" zu tun. Oder zumindest würde ich sagen, das Verhältnis zwischen dem, was den Kindern beigebracht werden soll, und dem, was als bekannt oder selbsterklärend vorausgesetzt wird, stimmt nicht. 

Vorausgesetzt wird ein gewisser "kulturkatholischer" Hintergrund – was insofern vermutlich realistisch ist, als die Kinder immerhin aus Elternhäusern kommen, die Wert darauf legen, dass sie zur Erstkommunion gehen, auch wenn die meisten von ihnen ansonsten eher wenig Kontakt zur Kirche haben. Das Problem ist, dass – jedenfalls meiner Wahrnehmung zufolge – ein allzu großer Anteil des Kurses darauf ausgerichtet ist, die Kinder in diesem Kulturkatholizismus zu bestärken: Sie werden darauf trainiert, die äußeren Abläufe zu beherrschen – böse könnte man sagen: so weit zu beherrschen, dass sie in der Kirche nicht negativ auffallen –, aber inwieweit sie Grundlagen des christlichen Glaubens kennen und verstanden haben, wird dabei kaum hinterfragt. 

Wohlgemerkt, ich bin durchaus der Meinung, dass die Kinder im Laufe des Erstkommunionkurses die äußeren Abläufe der Messe erlernen sollten – aber das sollte für mein Empfinden nicht gleich am Anfang des Kurses stehen. Wenn man den Kindern nicht zuerst einen Kontext vermittelt, der ihnen begreiflich macht, warum sie sich für die Abläufe der Messe interessieren sollten, kommt bei ihnen nur an "Wir müssen das lernen, damit wir zur Erstkommunion gehen können", und dann ist es kein Wunder, wenn sie, sobald die Erstkommunion vorbei ist, jedes Interesse daran verlieren. 

Kommen wir aber lieber mal zu den wie gesagt doch relativ gut gelungenen thematischen Einheiten "Bibel" und "Gebet". Zum Thema "Bibel" stellten die Katecheten der Gruppe verschiedene Bibelausgaben vor, von Bibel-Bilderbüchern für kleine Kinder über eine Comic-Bibel und die YouCat-Jugendbibel (die hatte ich mitgebracht) bis hin zu "erwachsenen" Bibelausgaben mit exegetischen Fußnoten; diese wurden zu einer "gestalteten Mitte" des Stuhlkreises arrangiert (ein Stilmittel, über das ich mich ja normalerweise gern lustig mache, aber was will man machen), und dann wurden die Verse Apostelgeschichte 2,1-6 – über das Pfingstwunder – in verschiedenen Sprachen vorgetragen. 

Nun bin ich zwar der Meinung, man hätte da durchaus noch mehr draus machen können – wenn ich etwa daran denke, wie unlängst beim JAM "Fakten zur Bibel" in interaktiver und spielerischer Form präsentiert wurden –, und vor allem scheint mir im Rückblick, dass die Frage, warum wir uns eigentlich dafür interessieren sollten, was in der Bibel steht, etwas kurz kam; aber direkt schlecht fand ich diese thematische Einheit wie gesagt nicht, und das ist ja schon mal was. Beim Thema "Gebet" ging es zunächst um verschiedene Formen bzw. Intentionen des Gebets, und dafür wurde die "Gestaltete Mitte" noch einmal umgestaltet: 


Anschließend durften die Katecheten Zeugnis von ihren persönlichen Gebetserfahrungen geben. Mein Beitrag dazu lautete ungefähr wie folgt: 

"In den Sommerferien war ich mit meiner Familie in einer Ferienwohnung, die gehörte einer ganz alten Frau, und da gab es kein Internet – also kein WLAN –, aber was es gab, war ein altes Radio. Das Gerät war bestimmt so 40, 50 Jahre alt. Und so ein Radio kann natürlich alle möglichen Sender empfangen, auf manchen kommen ganz viele Nachrichten, auf anderen hauptsächlich Musik, aber vielleicht nicht unbedingt die Musik, die man hören möchte. Und bei so einem alten Gerät, da kann man nicht einfach einen Knopf drücken oder irgendwas eingeben und dann kommt der Sender, den man hören möchte, sondern da gibt es so einen Drehknopf, und da muss man den Sender einstellen. Und wenn man ein bisschen zu weit dreht, dann kommen Störgeräusche, oder man hört plötzlich zwei Sender gleichzeitig, also durcheinander. – Warum erzähle ich euch das? Weil ich finde, dass das auch etwas mit dem Beten zu tun hat. Das Wichtigste am Beten ist gar nicht unbedingt, was man Gott sagen möchte: Es stimmt zwar, dass man Gott im Gebet alles sagen kann, was einen gerade beschäftigt und was einem wichtig ist, und es ist auch gut, das zu tun – aber es ist ja nicht so, dass man Gott damit etwas erzählen würde, was Er nicht schon wüsste. Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, das eigentlich Wichtige am Beten ist, dass ich dabei mein inneres Radio auf Gottes Sender einstelle – und dabei die ganzen Störgeräusche und die ganzen anderen Stimmen, die mir alles Mögliche erzählen wollen, abstelle." 

Man sieht, Akzente zu setzen ist im Rahmen des Kursprogramms durchaus möglich, aber ich bin durchaus noch nicht überzeugt, ob das reicht – ob man das Konzept des Kurses nicht lieber komplett über den Haufen werfen sollte. Für ein eindeutiges Urteil in dieser Frage ist es aber auch sicherlich noch zu früh. Ich hatte ja schon erwähnt, dass beim ersten Katechetentreffen der Ablaufplan für die beiden ersten Kurstreffen aus pragmatischen Gründen praktisch unverändert aus dem Vorjahr übernommen wurden, während für das dritte Kurstreffen bereits allerlei Änderungsvorschläge und –wünsche seitens der Neulinge im Katechetenteam geäußert wurden. So gesehen ist es vielleicht von Vorteil, dass bis zum dritten Kurstreffen noch Zeit ist, diese Änderungen gründlich auszuarbeiten; aber dass es ganze acht Wochen sind, bis der Erstkommunionskurs sich das nächste Mal trifft, ist so vorteilhaft dann wohl doch nicht: Wenn man nach zwei Kurstreffen, von denen das erste größtenteils aus Kennenlernspielen bestand, erst mal acht Wochen Pause macht, kann man danach im Grunde wieder bei Null anfangen. Mit einer gewissen Portion Zynismus könnte man sagen, das sei vielleicht ganz gut so; aber für eine solche Einstellung sind es insgesamt zu wenige Kurstreffen, und der Terminplan hält noch weitere Katastrophen bereit: Mal folgen zwei oder sogar drei Kurstreffen rasch aufeinander, dann ist wieder wochenlang Pause. Von der Papierform her soll wohl dadurch eine gewisse Kontinuität hergestellt werden, dass die Kinder auch in den Wochen, in denen samstags kein Kurstreffen ist, sonntags in die Messe gehen sollen, aber da sag ich mal: Viel Glück. – Im Grunde bräuchte man für diejenigen Kinder, die wirklich motiviert sind und die Erstkommunionvorbereitung nicht nur als Pflichtprogramm absitzen wollen, mehr freiwillige Zusatzangebote. Was unser Tochterkind betrifft, stehen meiner Liebsten und mir natürlich alle Möglichkeiten offen, in den Wochen zwischen den Kurstreffen eigene Angebote zur Erstkommunionvorbereitung zu machen, zumal wir allerlei Material dafür zu Hause haben; aber es wäre schon schade, dabei nicht auch andere Kinder "mitzunehmen". Die Frage ist, wo die Motivation herkommen soll, denn von dem Kurstreffen am vergangenen Samstag kann ich mir ehrlich gesagt eher nicht vorstellen, dass es den Kindern Lust auf mehr gemacht hat. Nun gut, seit ein paar Tagen gibt es eine Eltern-WhatsApp-Gruppe, vielleicht kann man die nutzen, um mal ein Treffen "außer der Reihe" anzuregen. 

Zu erwähnen wäre noch der Vorstellungsgottesdienst der Erstkommunionkinder, der am Sonntag in St. Joseph Siemensstadt gefeiert wurde; die Vorstellung der Kinder war tags zuvor am Ende des Kurstreffens unter Leitung des Gemeindereferenten geprobt worden, der Zelebrant – Padre Ricardo – gestaltete sie dann aber doch ganz anders. Gut fand ich immerhin, dass, wie schon im Vorjahr, Gemeindemitglieder Gebetspatenschaften für die einzelnen Erstkommunionkinder übernahmen; drei Kinder trugen Kyrie-Rufe vor, eins die 1. Lesung, drei weitere je eine Fürbitte – da war auch mein Tochterkind dabei. Schon ein stolzer Moment für einen Vater. 


Theorie und Praxis: Vom Erstkommunionkurs zum Marsch für das Leben 

Aber noch einmal zurück zum Samstag: Das Erstkommunion-Kurstreffen hätte bis 13 Uhr gehen sollen, dauerte tatsächlich aber etwas länger; direkt im Anschluss brach ich jedenfalls mit dem Tochterkind zum Marsch für das Leben auf, der mit einer Kundgebung auf dem Washingtonplatz am Hauptbahnhof begann. Letztes Jahr war der Marsch ja auf das Wochenende gefallen, an dem wir bei der Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche waren, und in den beiden Jahren zuvor war ich allein hingegangen, nicht zuletzt aufgrund der Überlegung, möglicherweise sei es nicht ratsam, Kinder dorthin mitzunehmen. Diesmal jedoch hatte ich – wie letzte Woche schon erwähnt – im Vorfeld erfahren, dass die Schöneberger KPE-Pfadfinder ihre Zeremonie zum Übertritt von vier Mädchen aus der Wölflingsmeute in die Pfadfinderinnengilde eigens dazu an diesem Samstag und auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit abhielten, um anschließend am Marsch für das Leben teilnehmen zu können, und daher dachte ich, da könnte man ja nach dem Erstkommunionkurs noch dazustoßen. Ich hatte mit meiner Großen darüber gesprochen, und sie wollte, also machten wir es so. 


Die ersten bekannten Gesichter, die wir bei der Kundgebung auf dem Washingtonplatz sahen, waren allerdings Gemeindemitglieder der EFG The Rock Christuskirche; wenig später entdeckte ich dann aber auch ein paar Pfadfinderhalstücher in der Menge. Nachdem es dem Tochterkind und mir gelungen war, uns zu ihnen durchzudrängeln, zeigte es sich, dass es sich tatsächlich um einige Mädchen aus den KPE-Stämmen aus Berlin-Schöneberg und Teltow handelte, die wir kannten; also schlossen wir uns ihnen an. Im Laufe des Marsches trafen wir auch noch allerlei andere Bekannte, zum Beispiel den in diesem Jahr geweihten Diakon, der früher mal regelmäßiger Gast bei unserem "Dinner mit Gott" gewesen war, und mehrere Teilnehmer des Männereinkehrtags in Neuzelle im vergangenen Frühjahr. Zeitweilig marschierte der Passauer Bischof Stefan Oster ganz in unserer Nähe, ins Gespräch kam ich mit ihm aber nicht. Bloggerkollegin Claudia war, wie aus ihrem Bericht zu ersehen ist, ebenfalls da, wir haben uns aber nicht gesehen. 


Was die Gegenproteste angeht, die ja irgendwie doch ein wesentlicher Bestandteil des Gesamterlebnisses Marsch für das Leben sind, fand ich sie dieses Jahr ausgesprochen dürftig. Okay, das habe ich sinngemäß auch 2023 und '24 schon geschrieben, aber diesmal kam es mir so vor, als seien die Gegenproteste noch erheblich weiter zusammengeschrumpft. Nur hier und da standen an Straßenecken versprengte Häuflein oftmals maskierter Gegendemonstranten, die mit schrillen Stimmen die altbekannten Parolen brüllten; es kam mir vor, als wären es insgesamt nicht einmal 100 Personen, aber ich bin zugegebenermaßen schlecht im Schätzen. – Nachdem meine Tochter mehrfach aus verschiedenen Mündern die Aussage gehört hatte, in früheren Jahren seien die Gegendemonstranten deutlich aggressiver gewesen, wollte sie schließlich wissen, was genau die denn gemacht hätten. Als ich daraufhin erklärte, früher sei es beispielsweise vorgekommen, dass Störer in den Demonstrationszug eingedrungen seien und Demonstranten ihre Schilder oder Plakate entrissen und zerstört hätten, oder dass der Marsch mit Gegenständen beworfen worden sei – u.a. mit Stinkbomben –, machte sie große Augen und merkte an: "Ich trau mich kaum das zu sagen, aber die verhalten sich ja wie Nazis." Tja – Kindermund, sag ich mal. 

Wie dem auch sei: Das Tochterkind war mit Begeisterung bei der Sache, sprach von sich aus davon, beim nächsten Mal auch wieder mit dabei sein zu wollen, und deckte sich an den Infoständen auf dem Washingtonplatz ausgiebig mit Giveaways ein, zum Beispiel mit Stickern, mit denen sie ihre Meerjungfrau-Umhängetasche dekorierte. 


Angesichts der Begeisterung meiner Tochter für das Anliegen des Lebensschutzes fand ich es dann allerdings ratsam, sie am Montag auf dem Schulweg darauf vorzubereiten, dass sie, wenn sie in der Schule vom Marsch für das Leben erzähle, damit rechnen müsse, nicht nur positive Reaktionen zu ernten. Ich habe ihr wohlgemerkt nicht gesagt, sie solle in der Schule nicht darüber reden, sondern nur, dass sie sich, wenn sie es tut, auf negative Reaktionen gefasst machen solle. In der zurückliegenden Schulwoche ist mir in dieser Hinsicht allerdings nichts zu Ohren gekommen, weder vom Tochterkind selbst noch von anderer Seite, womöglich gar von Mitarbeitern der Schule. Wir werden sehen, ob es dabei bleibt... 


Konspirativer Kellerabend 

Nach einer kurzen Verschnaufpause am Hauptbahnhof brachen das Tochterkind und ich direkt zur nächsten Veranstaltung auf, bei der dann auch die "andere Hälfte der Familie", also meine Liebste und unser Jüngster, zu uns stieß: Im Kardinal-Bengsch-Saal im Keller der St.-Elisabeth-Kirche in Tempelhof fand eine Diskussionsveranstaltung unter dem Motto "Quiet Revival – Gibt es eine Rückkehr des Christentums?" statt, mit Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung und zwei prominenten katholischen YouTubern, Margarete Strauss ("MagStrauss") und Pastor Oliver Dembski ("Konsequent katholisch"). Margarete Strauss, mit der ich früher schon mal auf elektronischem Wege Kontakt gehabt hatte, hatte ich auf dem Marsch gesehen und ein paar Worte mit ihr gewechselt; Pastor Dembski hingegen, der zwar Diözesanpriester im Erzbistum Hamburg ist, dessen Herz aber, wie er selbst sagt, "für die Tradition" schlägt ("die alte lateinische Messe in Verbundenheit mit der alten Theologie und vor allem auch der alten Morallehre"), war mir bislang kein Begriff – was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass das Tradiversum, wie ich es mal nennen will, nicht so ganz meine Welt ist. Ich fand es – auch wenn ich mir damit jetzt vergreife – auch irgendwie folgerichtig, dass der Tradi-Pastor die Ausgangsfrage der Diskussion, nämlich ob wir derzeit die Anfänge einer "Rückkehr des Christentums" erleben, deutlich zurückhaltender bis skeptischer beurteilte als die anderen Teilnehmer: Mit Optimismus in die Zukunft zu schauen, passt halt nicht so recht zum Tradi-Naturell. 

Ein Blick aufs Podium: Margarete Strauss, Pastor Dembski, Pater Paulus, Jan-Philipp Görtz (v.l.n.r.) 

Bevor ich aber näher auf den Inhalt der Podiumsdiskussion eingehe, die auch auf YouTube übertragen wurde, möchte ich noch anmerken, dass die Veranstaltung ausgezeichnete Networking-Gelegenheiten bot. Dazu gehörte, dass ich mich schon vor Beginn der Gesprächsrunde mit Pater Paulus unterhielt, der andeutete, er habe ein Projekt in petto, bei dem ich ihm eventuell helfen könne; aber auch, dass der Moderator der Veranstaltung, Jan-Philipp Görtz – Mitinitiator des Exerzitienzentrums der Göttlichen Barmherzigkeit in der Kreuzberger Kirche St. Clemens – mit den Worten "Pfarrer W. hat gesagt, Sie sind wichtig" auf mich zukam. Ich erwiderte, wir seien uns doch schon mehrfach in St. Clemens und mindestens einmal auch in Neuzelle begegnet, woraufhin er erklärte, das könne wohl sein, aber er habe meinem Gesicht bisher keinen Namen zuordnen können. 

In seiner Anmoderation der Gesprächsrunde bezeichnete Görtz Deutschland etwas augenzwinkernd als das "härteste Missionsgebiet der Welt – aber mit enormem Potential" und würdigte die Pfarrei St. Matthias, zu der der Veranstaltungsort gehörte, als eine der rechtgläubig katholischen Pfarrgemeinden Berlins; speziell in diesem Kellerraum fänden, oft in Kooperation zwischen der Pfarrei St. Matthias und dem Exerzitienzentrum in St. Clemens, "sehr viele katholische Veranstaltungen statt; wir nennen das auch die Freie Katholische Akademie, im Gegensatz zu anderen Katholischen Akademien. – Die Untergrundkirche, die ist lebendig, die wächst", fügte er hinzu. – Zum Stichwort "Untergrundkirche" passte es auch, dass Pater Paulus, der ja aus Sachsen stammt, die institutionellen Strukturen der Kirche mit denen der DDR verglich und in diesem Zusammenhang einen Witz aus DDR-Zeiten zitierte, in dem es hieß, im Staate gehe es zu wie in einer Champignonzucht: "Alles geschieht im Dunkeln, und sobald sich helle Köpfe zeigen, werden diese abgeschnitten." Gerade im Vergleich mit seinen Erfahrungen aus anderen Ländern beschrieb Pater Paulus seine Erlebnisse mit der institutionellen Kirche in Deutschland mit den Worten: "Man wird gebremst, man wird gestoppt, es gibt auch richtige Hetzkampagnen von oben. [...] In den USA, in England gibt's das praktisch überhaupt nicht, dass die Bischöfe eigentlich gegen die Kirche arbeiten." 

Trotz dieses harten Urteils war von Resignation bei ihm nichts zu spüren – im Gegenteil: Es gelte, das alles "jetzt durchzuhalten, diesen ganzen Quatsch und diese Entmutigung" – und dann zu sehen: 

"Die jungen Leute kommen in die Kirche, irgendwie völlig ungeplant. Wir haben gedacht, wir haben alles unter Kontrolle. Jetzt auf einmal kommt die neue Erweckung, irgendwoher, aus dem Nichts." 

Jan-Philipp Görtz merkte an, es habe in diesem Jahr "dreihundert Taufen in Berlin zu Ostern" gegeben, "und ich hab meinen Freunden damals schon gesagt, wir werden in fünf Jahren dreitausend haben und in zehn Jahren dreißigtausend. Und das ist, glaube ich, noch eine konservative Schätzung." Aus dieser Erwartung heraus prognostiziert er, "wir werden ganz andere Themen bekommen in den Gemeinden in den nächsten zehn Jahren in unseren Gemeinden": 

"Wenn ich mir vorstelle, was das bedeutet, wenn 30.000 Neukatholiken in zehn gute Gemeinden geraten, das wird uns tendenziell überfordern." 

Dafür Sorge zu tragen, dass "der junge Wein in den alten Schläuchen" sich nicht "zerstörerisch" auswirke, werde "für die normalen Kirchen, auch für so eine Gemeinde wie St. Matthias hier, echt die Herausforderung" der kommenden Jahre werden: "Vielleicht denkt man schon mal ein bisschen darüber nach, wie wir damit umgehen werden." Da kann ich nur sagen, ich bin dabei – und ich freue mich auf diese Herausforderung. 


Neues vom Bewerbendenkreis 

Allüberall geht die Sommerpause zu Ende, so auch im institutionellen Apparat des Erzbistums Berlin; und für mich schlägt sich das darin nieder, dass allerlei Termine im Zusammenhang mit meiner angestrebten Ausbildung zum Gemeindereferenten in meinem Kalender aufpoppen. Als erstes musste ich am Dienstag und Mittwoch zu einem Intensivkurs "Prävention gegen sexualisierte Gewalt", der in einem Bildungszentrum des Erzbistums in einem Nebengebäude der Liebfrauenschule im Westend stattfand. Nun kann man wohl sagen, dass eine Präventionsschulung nicht unbedingt die Art von Veranstaltung ist, auf die man Lust hat; aber ich fand sie dann doch überraschend gut. Inhaltlich und auch methodisch wiederholte sich Manches, was ich schon von meiner Basisschulung für Ehrenamtliche vor drei Jahren kannte, aber die Inhalte wurden gründlicher, ausführlicher und intensiver behandelt, ich fand die Referentin sehr gut, die Vermittlung von Präventions- und Interventionsrichtlinien sehr praxisnah und nachvollziehbar, und auch das Klima in der Gruppe war angenehm: Wir waren 15 Teilnehmer, eine bunte Mischung von Leuten, die in ganz unterschiedlichen Positionen oder Berufen in verschiedenen Einrichtungen des Erzbistums tätig sind; zwei der Teilnehmer waren Anfang des Jahres beim selben "Bewerbendentag" gewesen wie ich, eine dritte kannte ich vom Sehen aus der Gemeinde in Siemensstadt, eine ihrer Töchter ist in "meinem" Erstkommunionkurs. Damit nicht genug, kam während des Mittagessens jemand in den Speisesaal, der der Bildungseinrichtung Getränke liefern wollte und nun im Haus jemanden suchte, der dafür zuständig war; und dieser Getränkelieferant war der junge Mann mit dem Hipsterbart und den Tunnel-Ohrringen, der den Alpha-Kurs der EFG The Rock Christuskirche mitgemacht hatte und vor den Sommerferien getauft worden war. Ich empfand das als einen feinen Fingerzeig des Himmels in Sachen "Überall hat Gott seine Leute"... 

Am Freitagnachmittag ging es dann weiter mit einer Semesterauftakt-Veranstaltung für den Bewerbendenkreis des Erzbistums Berlin; daran nahmen – abgesehen vom Regens, einem geistlichen Begleiter, einigen Mitarbeiterinnen der Ausbildungsabteilung des Erzbischöflichen Ordinarists sowie dem Geschäftsführer des Diözesanrats, der einen Workshop zum Thema "Kirche und Politik" leitete – wiederum ungefähr 15 Personen teil, darunter zwei, die ich in dieser Woche schon bei der Präventionsschulung getroffen hatte, ein weiterer, der mit mir zusammen im Februar beim Bewerbendentag gewesen war, und vier oder fünf, die ich Ende Juni beim Wandern im Grunewald kennengelernt hatte. Auch mit einigen Teilnehmen, die ich bisher noch nicht gekannt hatte, hatte ich gute Gespräche; unter dem Aspekt der sozialen Vernetzung innerhalb des Bewerbendenkreises darf man die Veranstaltung demnach als vollen Erfolg betrachten, und leckeres Essen auf Kosten des Kirchensteuerzahlers gab es auch. 

Als ich das letzte Mal hier war, war der Innenhof noch nicht gepflastert.

Auf den dreistündigen Workshop "Kirche und Politik" hatte ich mich eigentlich noch weniger gefreut als auf die Präventionsschulung, aber auch der war besser als erwartet. Man hatte dabei übrigens den Eindruck, dass ein nicht ganz kleiner Teil der Anwesenden die Frage des gesellschaftspolitischen Auftrags der Kirche erheblich konservativer beurteilt, als es der offiziellen Linie des Erzbistums oder der Deutschen Bischofskonferenz entspräche; aber über diese allgemeine Feststellung hinaus will ich hier gar nicht unbedingt näher auf den Inhalt des Workshops eingehen – das ist eher mal ein Thema für sich. 

Schöne Sofakissen übrigens!

Wie schon bei der Grunewaldwanderung Ende Juni waren übrigens auch bei dieser Veranstaltung Seminaristen des neokatechumenalen Priesterseminars Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf stark vertreten. Man kann es nur immer wieder betonen: Das Erzbistum Berlin, das ja von der Mitgliederzahl her ein eher kleines Bistum ist, steht in Sachen Priesternachwuchs vergleichsweise besser da als andere deutsche Bistümer, aber das verdankt sich praktisch ausschließlich der Tatsache, dass die "Neos" in Berlin ein Seminar haben. Ich habe es bestimmt schon öfter, zumindest andeutungsweise, angesprochen, aber ich bin gespannt, wie die wachsende Zahl von Priestern aus dem Neokatechumenat das Erzbistum auf mittlere Sicht verändern wird. Im Moment hat man noch den Eindruck, dass – wenn auch vielleicht nicht im selben Ausmaß wie in manchen westdeutschen Diözesen – der institutionelle Apparat des Erzbistums stark mit liberalen Katholiken durchsetzt ist, die sich auf ihre Liberalität etwas zugute halten. Aber auch dazu vielleicht lieber ein Andermal mehr...! 


Geistlicher Impuls der Woche 

Mein Apostel, wieviel forderst du von uns, um den Namen eines Christen mit Recht zu tragen! Es soll aus unserem Leben das Leben Christi hervorleuchten; es sollen alle unsere Gedanken, Gebärden und Handlungen Jesu Christi Gedanken, Reden und Handlungen sein! Das ist freilich viel. Aber nachdem der heilige Paulus aus dem Geiste Gottes geredet hat, lässt sich dagegen nichts einwenden. Und lernen wir’s vielleicht nicht vom göttlichen Heiland selbst? Dass er eine so geraume Zeit unter den Menschen wandelte, wo doch wenige Augenblicke genügt hätten zur Erlösung der Welt; dass er nicht mit Worten lehrte, was er nicht selbst vorher in der Tat ausgeübt hatte; wie es Johannes bezeugt, dass er nicht nur unser Wegweiser sein, sondern der Weg selbst werden wollte: "Ich bin der Weg" (Joh 14,6); dass er so manche ausdrücklich zur Nachfolge einlud: "Folge mir nach!" (Mk 2,14); und dass er endlich den allgemeinen Ausspruch tat: "Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig" (Mt 10,38). Was bedeutet das anders, als dass er Schüler verlangt, die in seine Fußstapfen genau eintreten und seinen Beispielen genau folgen. Nun aber sind wir Christen diese Schüler; denn es ist ein und dasselbe Ding, ein Christ und ein Schüler Christi zu sein. Man verdient den Namen Christ nicht, wenn man ihm nicht nachfolgt. 

(Sigismund von Storchenau, Geistliche Reden auf alle Sonntage des Jahres) 


Ohrwurm der Woche 

Abstürzende Brieftauben: Paderborn 


Warum mir dieses Lied in letzter Zeit immer mal wieder durch den Kopf geht, dürfte ja offensichtlich sein; dazu, warum ich es gerade in diesem Wochenbriefing zum Ohrwurm der Woche ernannt habe, wird in der Rubrik Vorschau/Ausblick Näheres zu sagen sein. – Bekannt ist das von Routinier Christian Bruhn ("Marmor, Stein und Eisen bricht") komponierte und von seiner Frau Erika in Zusammenarbeit mit einem weiteren Schlager-Veteranen, Joachim Relin ("Frag' den Abendwind"), getextete Lied natürlich vor allem durch den Film "Kein Pardon" mit Hape Kerkeling; ich hatte aber immer die Vorstellung, das Lied müsse es sozusagen "schon vorher gegeben haben" – und offenbar soll auch genau dieser Eindruck erweckt werden, nicht zuletzt durch die Anmoderation ("Ihr kennt das Lied ja alle"). Tatsächlich ist das Lied aber wohl doch eigens für den Film geschrieben worden; schade finde ich indes, dass die mit "Ich schrieb ihr Briefe und Ansichtskarten" und "Ich kaufte Ringe und auch Champagner" beginnenden Strophen des Liedes im Film gar nicht vorkommen, daher gibt's hier eine vollständige Version ohne Hape Kerkeling. Von den Refrainzeilen mit den nicht in Ostwestfalen oder im Bergischen Land gelegenen Ortsnamen und den Reimen darauf nehme ich indes an, dass die Abstürzenden Brieftauben sie auf dem Wege der Improvisation hinzugedichtet haben. 


Vorschau/Ausblick 

Heute Vormittag habe ich mein Tochterkind wieder zum Meutentreffen der KPE-Wölflingsmädchen in Schöneberg begleitet, nachdem wir da in den letzten drei Wochen nicht hatten teilnehmen können und somit seit den Sommerferien überhaupt erst einmal dort gewesen waren. Auf dieses Meutentreffen wird also nächste Woche zurückzukommen sein. Am morgigen 26. Sonntag im Jahreskreis ist in St. Joseph Siemensstadt Kinderwortgottesdienst, der erste der Saison; bin mal gespannt, wie viele der neuen Erstkommunionkinder daran teilnehmen. Und dann bin ich so ziemlich für den Rest der Woche in der Metropole des ostwestfälischen Katholizismus, d.h. in Paderborn – um an der Einführungswoche der dortigen Katholischen Hochschule teilzunehmen. Es ist wohl anzunehmen, dass dies ein dominierendes Thema des nächsten Wochenbriefings werden wird. Jedenfalls bin ich ausgesprochen gespannt!