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Samstag, 27. Juni 2026

Utopie und Alltag 31: Im Epizentrum des Sommers

Ist euch heiß, Freunde? Ich sitze, während ich diese Zeilen schreibe, glücklicherweise in einem klimatisierten Reisebus – auf dem Weg zum Kloster Schöntal im fränkischen Teil Schwabens (oder im schwäbischen Teil Frankens, je nachdem wie man will), wo ich mit der ganzen Familie an der Jubiläums-Bundeswallfahrt der Katholischen Pfadfinderschaft Europas teilnehme. Das wird naturgemäß ein Thema fürs nächste Wochenbriefing, aber auch über die zurückliegende Woche gibt es allerlei Spannendes zu berichten. Daher ohne weitere Vorrede hinein ins Vergnügen! 

Auf dem Friedhof Grunewald-Forst. Was mich dorthin verschlagen hat, erfahrt ihr weiter unten.

Getanzt wie gesungen: Eine Schule voller Talente 

Ich hatte es ja schon angekündigt: Am vorletzten Freitag, dem 19. Juni, waren wir zum dritten Mal bei einer von der Schule unseres Tochterkindes ausgerichteten Talentshow, und dazu muss ich hier noch ein bisschen was loswerden, nachdem im vorigen Wochenbriefing nicht so richtig Platz dafür war. Werfen wir mal einen Blick zurück: Seit wir ein Kind an dieser Schule haben, hat es solche Talentshows dort einmal pro Schuljahr gegeben, und ich sehe das als ein aussagekräftiges Beispiel dafür, wie viel Wert diese freie Alternativschule auf kreative Ausdrucksformen und insbesondere darauf legt, dass die Schüler ihre eigenen Interessen und Neigungen pflegen und weiterentwickeln. Vor zwei Jahren, am Ende ihres ersten Schuljahres, trat unsere Tochter bei der Talentshow zwar nicht auf, aber ich bemerkte, dass sie die Choreographien zweier auf der Bühne präsentierter Tanznummern komplett beherrschte und im Zuschauerraum mittanzte, weshalb ich hinterher zu ihr sagte "Eigentlich hättest du auch mit auf die Bühne gehen können". Im Jahr darauf fand die Talentshow schon vor den Osterferien statt, da hatte es kurz zuvor eine Schulaufführung von "Peter Pan" gegeben, in der unsere Tochter eine Rolle als Mond hatte, und zusätzlich auch noch etwas für die Talentshow einzustudieren, wäre ihr wohl zu viel geworden. In diesem Jahr stand die Frage, ob sie etwas aufführen wollte, naturgemäß erneut im Raum, wurde aber u.a. durch Streitigkeiten im Kreis ihrer Freundinnen, von denen hier neulich schon ansatzweise die Rede war, verkompliziert; am Morgen vor der Show war der Stand der Dinge noch, dass sie sich Gedanken darüber machte, was sie beim nächsten Mal zum Programm beitragen könnte, diesmal jedoch noch nicht. Umso überraschter war ich, als ich im Laufe des Vormittags, während ich beim Elternbesuchstag an der KiTa meines Jüngsten war, eine Sprachnachricht von meiner Tochter auf mein Handy bekam, in der sie mir hochgradig aufgeregt mitteilte, sie werde nun doch auftreten. Wie das? Zwei ihrer Freundinnen hatten zusammen mit einer dritten eine Gesangs- und Tanznummer einstudiert, aber die besagte Dritte war nun nicht da – woraufhin mein Tochterkind sich spontan bereit erklärt hatte, für sie einzuspringen. Damit blieb ihr gerade noch genug Zeit, diese Nummer einmal zu proben. Ich war durchaus beeindruckt von der Unerschrockenheit, mit der sie sich dieser Aufgabe stellte. 

Insgesamt dauerte das Programm der Talentshow fast zwei Stunden; wie schon in den letzten Jahren handelte es sich bei den meisten Programmbeiträgen um Gesangs- und Tanznummern von der Art, die man in meiner Jugend als "Jazztanz" bezeichnet hätte, aber einige Schüler zeigten auch Zaubertricks, erzählten Witze oder spielten Klavier, und es gab auch eine Akrobatik- und eine Clownsnummer. Die Qualität dee verschiedenen Beiträge war naturgemäß sehr gemischt: Ein vielleicht 13- oder 14-jähriges Mädchen legte eine Solo-Tanzperformance hin, die technisch so perfekt war, dass es im Rahmen einer Schul-Talentshow fast schon deplatziert wirkte; ein Junge tanzte zu Michael Jacksons "Billy Jean", imitierte dabei gekonnt einige typische "Moves" des Meisters und überspielte die Tatsache, dass er selbstverständlich nicht ganz so gut war wie das Original, mit souveräner Selbstironie. Verglichen damit war die Nummer, die meine Tochter mit ihren Freundinnen aufführte, zugegebenermaßen eher schlicht, aber das war ja auch ganz gut so, denn sonst hätte sie wohl kaum nach nur einer Probe bei der Aufführung mitmachen können. Das eigentlich Entscheidende an dieser Schul-Talentshow ist ja ohnehin – wie weiter oben schon angemerkt –, dass die Kinder ermutigt werden, verschiedene kreative Ausdrucksformen auszuprobieren und zu zeigen, was in ihnen steckt. Und unter diesem Aspekt darf man mit dem Ergebnis mehr als zufrieden sein. 


Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind... 

Als wir neulich in der EFG The Rock Christuskirche im Sonntagsgottesdienst waren, haben wir uns ja, wie berichtet, auf Anregung des Tochterkindes als ganze Familie für einen Straßenevangelisations-Einsatz in der Spandauer Altstadt gemeldet. Der Termin, für den wir uns in die Liste der Freiwilligen eingetragen haben, ist zwar erst am nächsten Samstag – dem 4. Juli –, aber da wir "so etwas" ja noch nie gemacht hatten, fanden wir, es könne nicht schaden, vorher schon mal bei dieser Aktion vorbeizuschauen und je nach Bedarf ein bisschen mitzumachen. Als geeigneter Termin dafür bot sich eigentlich nur der vergangene Samstag, der 20. Juni an, und zwar nicht obwohl, sondern weil wir da am Nachmittag noch einen weiteren Termin ganz anderer Art hatten: eine Einladung zum traditionellen Geburtstagspicknick einer langjährigen Künstlerfreundin. Wegen dieser Einladung mussten wir nämlich die Teilnahme am "Stammestag" der Schöneberger KPE-Pfadfinder anlässlich des Gedenktags ihres Stammespatrons St. Thomas Morus absagen, und infolgedessen hatten wir auch den Vormittag "frei". 

(Wer nun zu Recht darauf hinweisen möchte, dass der Gedenktag des Hl. Thomas Morus erst am 22. Juni war, dem sei zu bedenken gegeben, dass ein Montag sich schlecht für einen Pfadfinder-Stammestag eignet. Schade fand ich es durchaus, da absagen zu müssen, sagte mir angesichts des Umstands, dass wir am darauffolgenden Wochenende – also diesem – mit den KPE-Pfadfindern auf Wallfahrt gehen wollten, lasse sich das verschmerzen.) 

Meine Liebste wandte sich also an den Gesamt-Koordinator der "Outreach"-Aktion, einen Gemeindeältesten der The Rock-Gemeinde – wobei ich immer finde, dass das eine etwas irritierende Bezeichnung ist, denn so alt ist der gar nicht; jedenfalls deutlich jünger als ich –, und der signalisierte uns, er freue sich über unsere Bereitschaft zur Mitarbeit und am besten wäre es, wir wären am Samstag um 11 Uhr am Start, dann könnten wir nämlich beim Aufbau helfen. Also machten wir es so; aufzubauen gab es ein Pavillonzelt vor der Spandauer Stadtteilbibliothek sowie an der gegenüberliegenden Straßenseite, vot dem Karstadt, einen Schriftenstand. 


Mit dabei waren außer uns und dem besagten Gemeindeältesten noch vier oder fünf weitere Helfer, darunter eine junge Frau aus dem Alpha-Kurs, die am vorangegangenen Sonntag in Falkensee getauft worden war. Eine mir bislang nicht bekannte Frau brachte eine Gitarre mit und spielte und sang Lobpreislieder auf Deutsch und Polnisch; offenbar spontan und ungeplant gesellte sich ein Mann zu uns, den ich auf um die 60 schätzen würde und der ein T-Shirt mit der Aufschrift "Tut Buße und glaubt an Jesus Christus" und eine Halskette mit einem auffallend großen Kreuzanhänger trug. Er erzählte uns allerlei von seinen Erfahrungen mit – sagen wir mal – Alltagsevangelisation und gab uns im Zuge dessen einen Leitgedanken mit auf den Weg, den ich als ausgesprochen hilfreich empfand: Es gehe nicht darum, zu versuchen, die Leute argumentativ zu überzeugen oder ihnen etwas zu beweisen, sondern darum, Zeugnis von der eigenen Glaubenserfahrung abzulegen und für die Leute (oder gegebenenfalls mit ihnen) zu beten

Derweil entwickelten die Kinder einen bemerkenswerten Eifer, Flyer, Traktate und in einigen Fällen sogar Bücher an Passanten zu verteilen, und ließen sich dabei auch durch negative Reaktionen nicht verunsichern. Solche gab es durchaus, aber gemessen an der Gesamtmenge der Passanten eher vereinzelt. In ein paar Fällen schnappte ich gemurmelte Bemerkungen auf, die darauf schließen ließen, dass einige Leute es irgendwie unanständig fanden, Kinder für "sowas" einzuspannen; da musste ich ein bisschen schmunzeln und mich fragen, was diese Leute wohl denken würden, wenn sie wüssten, dass die Initiative zu unserer Teilnahme an dieser Aktion von unserer achtjährigen Tochter ausgegangen war... 

Ich hielt mich überwiegend am Schriftenstand auf, bemühte mich, die Kinder im Auge zu behalten, und nutzte das Karstadt-Kunden-WLAN, um mein Wochenbriefing fertigzustellen; Gespräche mit Passanten, die über ein paar Worte im Vorbeigehen hinausgingen, hatte ich nur zwei, aber die waren beide ziemlich interessant – auf ganz unterschiedliche Weise. In dem einen Fall fragte mich ein (im Vergleich zu mir) etwas älterer Mann, von was für einer Gemeinde oder Konfession wir denn kämen, und verriet, er selbst sei evangelisch getauft und konfirmiert, sei aber in letzter Zeit zunehmend unzufrieden mit der Kirche als Institution – da sie sich zwar um "Ausländer, Pädophile und Transsexuelle" kümmere, aber nichts für "normale Deutsche" übrig habe und beispielsweise AfD-Wähler ausgrenze und diffamiere. Ich erklärte ihm, wenn er etwas Zeit habe, würde ich über diesen Punkt gern ausführlicher mit ihm reden, aber er wollte offenbar nur seinem Ärger Luft machen und ging dann ziemlich schnell weiter. Ein anderes Gespräch ergab sich mit einem jungen Ukrainer, der gerade vom Stand-Up-Paddling auf der Havel kam; mein Sohn hatte ihm ein Traktat in die Hand gedrückt, und da er einen interessierten und aufgeschlossenen Eindruck machte, ergriff ich die Gelegenheit, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. In der Hauptsache drehte sich dieses Gespräch um die Frage, warum man angesichts einer Fülle unterschiedlicher religiöser, spiritueller oder philosophischer "Sinnangebote" ausgerechnet und ausschließlich an Jesus glauben sollte. Dabei schien mir, dass sich die Zusage Jesu "der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen müsst" (Lk 12,12) unmittelbar bestätigte; jedenfalls wunderte ich mich selbst, wie leicht und ohne großes Nachdenken mir die Worte über die Lippen kamen. Im Nachhinein sagte ich mir zwar, ich hätte vielleicht mehr und konkreter über meine persönlichen Glaubenserfahrungen sprechen können, aber das mache ich dann wohl nächstes Mal. Am Ende blieb mein Gesprächspartner zwar bei einer eher pantheistischen Auffassung ("Gott ist wie ein Ozean, und jeder von uns ist ein Tropfen darin"), aber es war ein spannendes, unterhaltsames und sympathisches Gespräch, und ich bin doch recht optimistisch, dass er den einen oder anderen Impuls daraus mitgenommen hat. – Übrigens machte ich die Beobachtung, dass man zuweilen schon allein dadurch, dass man Leute einfach freundlich anschaut, interessante Reaktionen erntet; wohl weil das, gerade in Berlin, nicht unbedingt eine alltägliche Erfahrung ist. 

Insgesamt verbrachten wir rund drei Stunden bei der Straßenevangelisation, dann machten wir uns auf den Weg zum Geburtstagspicknick, das auf einer Wiese im Hansaviertel stattfand. Letztes Jahr hat mich diese Veranstaltung zu allerlei Reflexionen über das Thema "Ideologische Verwerfungen in der linken Szene und wie sie sich in den Kreisen meiner alten Bekannten auswirken" veranlasst; dieses Jahr gab es dazu weit weniger Anlass, obwohl, was wohl nicht sehr überraschend ist, zum Teil wieder dieselben Leute da waren. Dazu gehörte etwa der in meinem Bericht vom Vorjahr als "Rockabilly-Grillmeister, awopbop aloobop alopbamboom" gewürdigte Hamburger, den wir seit Jahren immer wieder auf dieser Veranstaltung, aber auch nur dort treffen und der uns mit der Bemerkung begrüßte, er kenne unsere Kinder ja noch als Babys, hätte aber eigentlich angenommen, wir hätten inzwischen mindestens fünf davon. Später, als irgendwie das Gespräch auf die Kneipe "Bandito Rosso" kam und ich beiläufig erwähnte, ich hätte da Hausverbot, fragte er mich: "Hast du da Weihwasser verspritzt?" – "Sowas Ähnliches", erwiderte ich lachend. Ich kann mir nicht helfen, ich mag den Kerl. 

Hier nur ein Teil des Picknicks, da kam später noch mehr dazu.

Deutlich gestiegen war im Vergleich zum Vorjahr der Anteil von Gästen, die erheblich jünger als 50 waren; das hatte wohl u.a. damit zu tun, dass die Gastgeberin einen neuen, bedeutend jüngeren Mitbewohner hat und dieser ebenfalls kürzlich Geburtstag hatte. Zu den "jungen Leuten" auf der Party gehörte eine Journalistenkollegin, die, wie sich herausstellte, für die Zeitschrift "Freundin" arbeitet und mir vor allem dadurch auffiel, dass sie unironically Vokabeln wie lowkey, bigoted oder legit in ansonsten deutsche Sätze einbaute. Ich sage das aber nicht, um sie zu dissen, es fiel mir einfach nur auf. Interessant fand ich, dass sie erzählte, sie habe für die "Freundin" eine Social-Media-Aktivistin interviewt, deren Schwerpunktthemen Queerfeindlichkeit und Rassismus seien, und die Redaktion habe von ihr verlangt, den Begriff "queer" zu vermeiden und auch das Thema Rassismus nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen, da die Leserinnen nicht ständig mit diesem Thema behelligt werden wollten. Nun hatte ich zwar "schon immer" den Eindruck, die "Freundin" sei innerhalb des Spektrums der klassischen Frauenzeitschriften eher konservativ, aber das hat mich dann doch überrascht. 

Auch noch erwähnt sei, dass die Gastgeberin, mit der ich in den Nuller und Zehner Jahren nicht nur eine Reihe von gemeinsamen Bühnenprogrammen veranstaltet, sondern auch an mehreren Hörspielen und Kurzfilmen mitgewirkt habe, mich auf die Idee angesprochen hat, in nicht allzu ferner Zukunft mal eine Retrospektive unserer gemeinsamen Arbeiten zu veranstalten. Ich bin ja sehr dafür und werde Bescheid geben, wenn's soweit ist... 


Zwischen Spandau und Augsburg 

Am Sonntag gingen wir mal wieder "ganz normal" in St. Joseph Siemensstadt in die Messe, die vom leitenden Pfarrer der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland zelebriert wurde. Das Evangelium vom Tag – Matthäus 10,26-33 – fand ich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert; zunächst fiel mir Vers 27 auf: "Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!" Das könnte, so sagte ich mir, ein ganz gutes Motto für meinen Blog sein; denn so sehr ich bestrebt bin, mit Informationen, die ich "ins Ohr geflüstert" bekomme, diskret umzugehen (nicht zuletzt auch, um zu vermeiden, dass meine Informanten sich irgendwann sagen "Dem erzählen wir mal lieber nichts mehr"), kommt es doch immer mal wieder vor, dass mir vorgeworfen wird, auf meinem Blog Dinge auszubreiten, die nicht in die Öffentlichkeit gehören, und ich denke mir dann meistens: Und ob die in die Öffentlichkeit gehören, Muchachos. – Nicht weniger bemerkenswert waren natürlich die Verse 32f.: "Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen." Das passte natürlich ausgezeichnet zu unserem Straßenevangelisations-Einsatz am Vortag, und tatsächlich zitierte der The Rock-Gemeindeälteste, der die Aktion leitete, genau diese Verse, als er sich ein paar Tage später per WhatsApp-Sprachnachricht bei uns für unsere Mitwirkung bedankte; insofern darf man es wohl als ein bisschen tragikomisch empfinden, dass der Pfarrer von Heilige Familie in seiner Predigt sagte "Zeugnis geben bedeutet nicht, dass wir mit Plakaten durch die Straßen gehen, und wir haben es auch nicht nötig, Heftchen zu verteilen", aber persönlich nehmen muss man das wohl nicht. Von diesem Detail abgesehen war das, was der Pfarrer in seiner Predigt zum Thema "Zeugnis geben" sagte, aber durchaus nicht zu verachten. Einleitend wies er – der auch Kustos der Reliquien im Erzbistum Berlin ist – darauf hin, dass üblicherweise jeder Altar einer katholischen Kirche ein Reliquiengrab enthalte; davon ausgehend sprach er über die Märtyrer der ersten Jahrhunderte nach Christus, dann darüber, dass es blutige Christenverfolgungen nicht nur in der Antike gab, sondern in globalem Maßstab heute womöglich mehr als je zuvor gibt, nicht zuletzt aber auch darüber, dass ein öffentliches Bekenntnis zum christlichen Glauben auch dann eine Herausforderung sein kann, wenn man damit nicht direkt Leib und Leben riskiert. "Selbst in unserer Gesellschaft, die sich ja so liberal wähnt", höre vielfach "beim Christentum die Toleranz auf", stellte er fest, und: "Viele Menschen haben überhaupt keinen Bezug mehr mit jemandem, der glaubt und der zu diesem Glauben steht." Diese Einschätzung untermauerte er mit einem persönlichen Erlebnis und folgerte, Zeugnis zu geben bedeute, "einem anderen Menschen das Kostbarste nicht vorzuenthalten, was unser Herz erfüllt: Jesus. Wir müssen Ihn dieser Welt bringen. Das will Er." 

Übrigens lagen in der Kirche Faltblätter mit dem Programm des Kirchen- und Kulturfestivals "48 Stunden Spandau" aus, was mich daran erinnerte, dass dieses Event im Wesentlichen bereits vorbei war und ich es somit verpasst hatte. Wobei "verpasst" vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, wenn ich mir das Programmangebot rückblickend so ansehe. Okay, durchaus interessiert hätte mich die "Erklärmesse" in St. Marien am Behnitz – ein Format, mit dem die Liturgie der Heiligen Messe "mit eingestreuten Erklärungen für Gäste und Neugierige" verständlich gemacht werden sollte. Allerdings stellte ich erst am Sonntag fest, dass die bereits am Freitag gewesen war, und am Freitag hätte ich auch gar keine Zeit gehabt. Immerhin konnte ich mir die "Erklärtexte" aber in schriftlicher Form beschaffen und kann sagen, dass ich sie von der Gesamttendenz her ziemlich gut fand; ein Leitgedanke des ganzen Konzepts lautete: "Wenn wir Gottesdienst feiern, dann sind wir nicht allein, es ist nicht unsere Liturgie, die wir selber geschaffen haben, sondern wir haben Anteil an der himmlischen Liturgie." Da gibt's bestimmt Leute, auch innerhalb der Spandauer Pfarrei, denen das zu "konservativ", zu mystisch und/oder zu abgehoben von der "Lebensrealität" ist, aber ich find's gut. – Der Absicht, in den Beiträgen der Pfarrei Heilige Familie zu diesem im Wesentlichen von der evangelischen Kirche ausgerichteten Festival das spezifisch katholische Profil herauszustellen, war es offenbar auch geschuldet, dass der Pfarrer – ebenfalls am Freitag in St. Marien am Behnitz – einen Vortrag über sein Spezialthema "Reliquien" hielt. Derweil boten die evangelischen Gemeinden des Kirchenkreises Spandau neben Musik aller Sparten – was ja etwas ist, worauf der landeskirchliche Protestantismus in Deutschland zu Recht stolz ist – Veranstaltungen wie "Beten mit dem Körper: Yoga in der Kirche", "Talk & Live Coding: Games & Malerei" und eine "Gaming Night" (alles in der Nikolaikirche); in dee Jugendtheaterwerkstadt im Ortsteil Falkenhagener Feld gab es ein "ArtCamp" für Jugendliche und junge Erwachsene ("Bring aktuelle Themen mit Kunst, Theater, Poetry, Comedy, Musik, Tanz, Film & Artivismus [sic] auf die Bühne"), in der Dorfkirche Alt-Staaken eine "Prozessuale Rauminstallation mit skulpturaler Intervention" unter dem Motto "ZWISCHEN/WELTEN"; in der Wichernkirche in Hakenfelde wurde der Film "Chocolat" gezeigt ("mit Buffet im Anschluss"). Während des gesamten Wochenendes gab es auf dem Reformationsplatz eine "Picknick Area" zum "Chillen & Essen"; am Freitagnachmittag veranstaltete das "Netzwerk Demokratie" dort ein "Dinner der Vielfalt", und später am Abend gab es dort "Holy Aperoly mit Glitzer, Glamour & DJ" – das nennt man wohl Citypastoral, schätze ich. – Alles in allem glaube ich, ich kann ganz zufrieden sein, dass ich stattdessen bei der Straßenevangelisation in der Altstadt und dann beim Picknick im Hansaviertel war. 

Auch von dem vom Gebetshaus Augsburg ausgerichteten Kongress "Mission is Possible" konnte ich mir nur im Nachhinein und hauptsächlich anhand von Reaktionen in Sozialen und anderen Medien ein Bild machen. Mehrere meiner Facebook- und Instagram-Kontakte teilten Fotos, kurze Statements sowie Zitate oder auch Video-Ausschnitte aus den Vorträgen von Bischof Stefan Oster, Johannes Hartl und Alpha-Kurs-"Erfinder" Nicky Gumbel; die katholische Nachrichtenagentur KNA brachte einen im Guten wie im Bösen nicht gerade sensationellen Bericht, der u.a. bei häretisch.de und Kirche + Lesben erschien; im Übrigen hielt sich das Presseecho in Grenzen, was, einem Bericht in der Herder-Zeitschrift Communio zufolge, möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass es sich im Wesentlichen um "ein Treffen für Insider" handelte, "die Jesus gefunden haben und ihren Glauben bezeugen wollen": "Nach außen wirken will der Kongress nicht, Journalisten von säkularen Medien kann ich nicht entdecken", bemerkt die sich selbst in der Titel-Unterzeile ihres Artikels als "Zaungast beim Klassentreffen der Bekenner" einordnende Autorin Alina Rafaela Oehler, und so kommt es, dass dieser Communio-Artikel selbst der interessanteste Bericht über den "Mission is Possible"-Kongress ist, den ich in den klassischen Medien habe finden können – obwohl (oder in gewissem Sinne vielleicht gerade weil) er sowohl stilistisch als auch vom Reflexionsniveau her den Charme eines besseren Schulaufsatzes ausstrahlt. Die Autorin hatte ich vor über einem Jahr schon mal am Wickel, damals ohne ihren Namen zu nennen – zweifellos ein Akt der Rücksichtnahme, da ich ihren Beitrag zum Thema "Glaube als Event?" als "dummdreist und tantig" qualifizierte. Auch in ihrem aktuellen Artikel präsentiert sich Frau Oehler erneut als das junge Gesicht eines akut vom Aussterben bedrohten Segments von Gläubigen, das ich versuchsweise mal als "gemütskonservative Volkskirchen-Nostalgiker" bezeichnen möchte; sie selbst attestiert sich "eine große Sympathie für den eher unaufgeregten volkskirchlichen Glauben, wie man ihn noch vor 20 Jahren in der breiten Masse erleben konnte. Wo man zur Messe ging und es dann wieder hat gut sein lassen." – Unter diesem Aspekt ist es natürlich eine interessante redaktionelle Entscheidung des Herder-Verlags, gerade diese Autorin über diese Veranstaltung berichten zu lassen. Nicht minder interessant ist, dass die 1991 geborene Autorin sich durchaus bewusst zu sein scheint, einer aussterbenden Art anzugehören, und daher zuweilen Ansätze dazu zeigt, ihren eigenen Standpunkt durch die Begegnung mit einer eher charismatischen Frömmigkeit in Frage stellen zu lassen. Letztendlich steht ihre Borniertheit ihr dabei aber inmer wieder im Weg. 

In praktisch allen Berichten über den "Mission is Possible"-Kongress, die ich zu Gesicht bekommen habe, wird eine markige Passage aus einem Vortrag von Johannes Hartl erwähnt, in der dieser die Kirche mit einem Restaurant vergleicht, dessen Mitarbeiter so sehr mit interen Abläufen beschäftigt sind, dass es sie komplett auf dem falschen Fuß erwischt, wenn tatsächlich mal jemand kommt und etwas zu essen bestellen will. Nicht auf sich sitzen lassen konnte dies Dirk Bingener, seines Zeichens Präsident von missio Aachen und des Kindermissionswerks "Die Sternsinger", der in der Standpunkt-Rubrik auf häretisch.de unter der Überschrift "Wer die Kirche mitträgt, verdient Respekt, nicht Herabsetzung" zu erkennen gibt, wie sehr er sich von dieser Kritik getroffen fühlt. –Vor Jahren, als Bingener noch Bundespräses des BDKJ war, habe ich mal ein Doppelinterview mit ihm und Johannes Hartl gelesen, und da gab der Verbandsfunktionär gegenüber dem Gebetshausleiter eine ausgesprochen schwächliche Figur ab. Ich schätze, das nimmt er ihm bis heute übel. Seine Einrede gegen Hartls Vortrag beim "Mission is Possible"-Kongress geht inhaltlich jedenfalls nicht über die Klage "Diese Charismatiker sind voll gemein zu uns!" hinaus, und dass das führende Organ des deutschsynodalen Amtskatholizismus sich nicht zu schade ist, diesen kläglichen Text abzudrucken, riecht schon nach Verzweiflung. Wenn Bingener indes im letzten Satz seines Beitrags dazu auffordert, "[d]en anderen in seiner Art, zu glauben und Zeugnis zu geben, gelten zu lassen", ist das allerdings bezeichnend, denn es ist ja gerade der zentrale Kritikpunkt der charismatischen Szene, dass der Verbands- und Funktionärskstholizismus zwar gesellschaftspolitisch immer und überall mitspielen will, mit dem Glauben aber eher nicht so viel anfangen kann. Neenee, sagt Bingener, so ist das nicht, wir glauben schon auch, nur eben auf unsere eigene Weise. Aha, soso. Na herzlichen Dank. 


Ein (angehender) Gemeindereferent aus Kurpfalz, der wandert durch den Grunewald 

Am gestrigen Freitag war ich in meiner Eigenschaft als Mitglied des "Bewerbendenkreises" des Erzbistums Berlin für die Ausbildung in pastoralen Berufen unterwegs; allerdings rechnete ich praktisch bis zur letzten Minute damit, dass die Veranstaltung – die in der Hauptsache in einer rund elf Kilometer langen Wanderung durch den Grunewald bestehen sollte – abgesagt werden würde, um die Götter des Klimas zu besänftigen. Tatsächlich hätte eine solche Absage uns als Familie Manches leichter gemacht, denn in organisatorischer Hinsicht war dieser Freitag der Super-GAU: Während ich von mittags bis abends mit dem "Bewerbendenkreis" unterwegs war, musste meine Liebste erst an der Zeugnisverleihung ihrer Abiturienten teilnehmen und hatte abends auch noch Abi-Ball, und an der KiTa unseres Jüngsten fand die Abschiedsfeier für die Vorschulkinder statt. Um das alles unter einen Hut zu bringen, hatten wir meine Schwiegermütter für die Kinderbetreuung eingespannt, und nachdem bis gegen Mittag keine Absage meiner Veranstaltung erfolgt war, machte ich mich wohlgemut auf den Weg zum S-Bahnhof Grunewald, wo sich die Gruppe der Auszubildenden treffen sollte. 

Geleitet wurde die Veranstaltung von einer jungen Frau vom Erzbischöflichen Ordinariat, die schon beim "Bewerbendentag" im Februar dabei gewesen war und mit der ich danach noch ein Orientierungsgespräch gehabt hatte; der Regens stieß später dazu, da er noch einen Termin mit dem Erzbischof hatte. Außerdem war noch ein älterer Mann dabei, der sich als Franziskanerpater und Geistlicher Begleiter entpuppte. Außer mir nahmen zehn Auszubildende des Erzbistums an der Veranstaltung teil, darunter eine einzige Frau; diese hohe Männerquote war wohl auch dadurch bedingt, dass die meisten Teilnehmer Priesteramtsanwärter waren, und davon wiederum kamen die meisten vom neokatechumenalen Priesterseminar Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf. Eigentlich hatte ich darauf gehofft, den einen oder die andere von den Leuten wiederzutreffen, die mit mir zusammen den "Bewerbendentag" absolviert hatten, aber von denen war niemand dabei; hingegen kannte ich einen der Seminaristen "mindestens vom Sehen", und im Gespräch kamen wir dann auch darauf, woher: Er war vor Jahren bei den Haselhorster Pfadfindern gewesen und gleichzeitig auch Oberministrant in St. Stephanus. Und jetzt ist er im Priesterseminar in Biesdorf. Spannend! Einige der anderen Biesdorfer Seminaristen zeichneten sich durch ein bemerkenswerten einheitliches Erscheinungsbild aus: sportlicher Körperbau (man hätte sie auch für eine Fußballmannschaft halten können), sauber getrimmter Vollbart und "more on top"-Haarschnitt. Ich sag mal, früher™️ hätte man sich Priesteramtskandidaten wohl anders vorgestellt. – Die meisten Teilnehmer der Veranstaltung kannten sich untereinander offenkundig schon länger, was es mir als Neuling zunächst etwas erschwerte, mich in die Gruppe zu integrieren; aber das gab sich ziemlich bald. Einerseits kam ich mit einem anderen "Neuling" ins Gespräch, der zwar nicht wie ich zum ersten, aber immerhin auch erst zum zweiten Mal bei einer Veranstaltung des Bewerbendenkreises dabei war, und andererseits zeigten sich auch die erfahrenen Gruppenmitglieder durchaus interessiert und bemüht, die "Neuen" kennenzulernen. 

Während die Grunewaldwanderung also unter "socializing"-Gesichtspunkten ausgesprochen erfreulich war, hätte ich mir vom spirituellen Teil der Veranstaltung ehrlich gesagt mehr versprochen – oder sagen wir: "versprochen" vielleicht nicht, aber erhofft. An zwei Punkten der Wanderung – gleich zu Anfang am Mahnmal Gleis 17, das daran erinnert, dass von diesem Bahnsteig des Bahnhofs Grunewald in den Jahren 1941-45 Tausende Juden zunächst vor allem in Ghettos in den besetzten Gebieten im Osten, später dann auch in Vernichtungslager deportiert wurden, und dann auf dem Friedhof Grunewald-Forst, der auch Friedhof der Namenlosen oder Friedhof der Selbstmörder genannt wird, weil er ursprünglich für die Bestattung von Wasserleichen aus der Havel angelegt worden war – gab es jeweils eine kleine Andacht mit biblischer Lesung und Fürbitten; die Lesungstexte waren gut ausgewählt, aber die Fürbitten und die Impulse zum eigenständigen Weiterdenken gingen mir stilistisch wie inhaltlich ein bisschen zu sehr in Richtung Boomer Catholicism, und insgesamt empfand ich es einfach als ein bisschen wenig an spirituellem "Input". Der Regens bemühte sich zwar, in einer Meditation zum Auftakt der Heiligen Messe, die er am Ende der Wanderung in einer Seitenkapelle der Kirche St. Karl Borromäus zelebrierte, die Impulse zu diesen beiden Orten aufzugreifen und zu vertiefen, aber ein bisschen vage und wolkig kamen sie mir auch so noch vor. 

Nach der Messe ging es noch auf Kosten des Kirchensteuerzahlers in ein italienisches Restaurant mit Biergarten; leider herrschte dort ein solcher Betrieb, dass es extrem lange dauerte, bis unser Essen kam – was mich vielleicht weniger gestört hätte, wenn ich es nicht eigentlich eilig gehabt hätte, nach Hause zu meinen Kindern zu kommen. Lecker war das Essen dann allerdings, und als ich endlich nach Hause kam, hatte meine Schwiegermutter die Kinder bereits ins Bett gebracht, eingeschlafen waren sie allerdings noch nicht. – Alles in allem fällt mein Fazit dieses Tages ausgesprochen positiv aus; so positiv, dass ich mich schon jetzt auf zukünftige weitere Unternehmungen mit dem "Bewerbendenkreis" freue und gespannt darauf bin, den einen oder anderen der Leute, die ich da kennengelernt habe, auch mal in anderen Zusammenhängen wiederzutreffen. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Die unreine Liebe steckt das Herz des Menschen in Brand; sie ruft das vergängliche Herz auf, das Irdische zu begehren und hinter dem Vergänglichen herzujagen. Sie versenkt es in den Abgrund und stürzt es in die Tiefe. Dagegen hebt uns die heilige Liebe zur höchsten Höhe und entflammt uns für das Ewige, für das, was nicht vergeht und nicht stirbt. Sie macht die Seele wach und hebt sie aus der Tiefe empor zum Himmel. Jede Liebe hat ihre eigene Kraft, und die Liebe kann im Herzen des Liebenden nicht ohne Wirkung bleiben, sondern übernimmt notwendig die Führung. Willst du die Art der Liebe erkennen, sieh zu, wohin sie führt. Wir ermahnen euch nicht, nicht zu lieben, sondern wir ermahnen euch, nicht die Welt zu lieben, damit ihr in Freiheit den lieben könnt, der die Welt erschaffen hat. Durch die irdische Liebe ist das Herz gebunden. Es hat gleichsam Vogelleim an den Flügeln und kann nicht fliegen. Ist es aber von trüber weltlicher Liebe gereinigt, dann spannt es die Flügel aus, seine Fittiche sind frei von Behinderung, und es fliegt, getragen von den beiden Geboten der Gottes- und der Nächstenliebe. 

(Augustinus, Auslegung zu Psalm 122) 


Ohrwurm der Woche 

Peter's Barque: Heaven Held Its Breath (The Annunciation) 

Eine Entdeckung meiner Liebsten: In den Weiten der Sozialen Netzwerke ist sie auf Peter's Barque gestoßen, ein Projekt des Katecheten Justin West, dessen Konzept es ist, Katechese und Apologetik in Form von Rock-Pop-Songs mit Manga-inspirierten Musikvideos zu präsentieren – auf einem mehr als beachtlichen theologischen Niveau und fest auf dem Boden der katholischen Glaubenslehre, gerade auch in Auseinandersetzung mit in evangelikalen Kreisen gepflegten antikatholischen Vorurteilen, Missverständnissen und Irrtümern. Meine Liebste ist extrem begeistert und hat mich so ziemlich damit angesteckt. Von den fünf oder sechs Songs von Peter's Barque, die sie mir vorgespielt hat (darunter ist, sehr zum Entzücken unserer Tochter, auch einer über die Erscheinungen von Lourdes), finde ich das hier verlinkte über die Verkündigung an Maria am eingängigsten, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass ich es öfter gehört habe als die anderen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Peter's Barque zukünftig noch öfter in der Rubrik "Ohrwurm der Woche" auftauchen wird... 


Vorschau/Ausblick 

Wie weiter oben bereits notiert, befinde ich mich, während dieses Wochenbriefing online geht, gerade mit der ganzen Familie auf der KPE-Bundeswallfahrt zum Kloster Schöntal anlässlich des 50jährigen Bestehens des Verbands, und darüber wird es zweifellos allerlei zu berichten geben. Wenn wir wieder zurück in Berlin sind, steht uns die letzte "ganze" Schul- und Arbeitswoche vor den Sommerferien bevor, am Mittwoch ist zum letzten Mal in diesem Schuljahr JAM, und da soll zum Abschluss gegrillt werden. Am nächsten Samstag, dem 4. Juli, haben wir dann von 12 bis 13 Uhr unseren "offiziellen" Einsatz bei der "Outreach"-Straßenevangelisation in der Spandauer Altstadt; ich gehe davon aus, dass dieser Einsatz sich wieder zwischen Bibliothek und Karstadt abspielen wird, also wenn Ihr in der Nähe seid, kommt gerne mal vorbei! 


[Hinweis: Aus technischen Gründen erscheint dieses Wochenbriefing vorerst ohne eingebettete Links. Ich werde diese nachtragen, sobald ich dazu komme, und dann diesen Hinweis entfernen.] 


Samstag, 20. Juni 2026

Utopie und Alltag 30: Keine Zeit für Langeweile

Salvete, liebwerte Freunde und andere Leser! Neulich habe ich die Prognose gewagt, bis zu den Sommerferien werde mir der Stoff zum Bloggen wohl nicht ausgehen, und es sieht danach aus, dass sich das bewahrheitet: In der zurückliegenden Woche war schon wieder mehr los, als in ein Wochenbriefing passt, ich musste also wieder Themen auslagern und die Liste der separaten Artikel, die noch zu schreiben sind, wird länger und länger. Ob ich wohl in den Ferien dazu komme, das aufzuarbeiten? – Nun, das wird sich zeigen. Schauen wir uns erst mal an, was es über die zurückliegende Woche zu berichten gibt. 

Das Brötchen kam so, wie man es hier sieht, vom Bäcker – keine Sonderanfertigung, nicht eigens so bestellt. Aber offenbar lag Segen drauf.


Alt-Reinickendorf trifft Jung-Reinickendorf 

Am vergangenen Samstag waren wir in der Kirche St. Marien in der Klemkestraße in Alt-Reinickendorf zur Vorabendmesse; dafür gab es mehrere Gründe, unter denen der wichtigste war, dass ein aus der dortigen Gemeinde stammender, am Vormittag desselben Tages zum Diakon geweihter Bekannter von uns dort anschließend die Vesper feiern wollte. Dass die Messe vom leitenden Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd zelebriert wurde, nahmen wir dabei notgedrungen in Kauf; ich sagte mir, so schlimm werde es schon nicht werden, aber das erwies sich leider als Irrtum. Zunächst einmal erwies sich die Ankündigung aus den Vermeldungen, der neu geweihte Diakon werde in dieser Vorabendmesse assistieren, als falsch: Wie der Pfarrer in seinen Begrüßungsworten richtigstellte, fand die Erstassistenz des neuen Diakons tatsächlich erst am folgenden Tag in Köpenick statt, in derjenigen Gemeinde, in der er bisher als Praktikant tätig gewesen war. Gut für ihn, schätze ich mal. – Die Ärgernisse der Messe begannen damit, dass der Pfarrer die Verlesung des Evangeliums (Matthäus 9,36-10,8, Die große Ernte und die wenigen Arbeiter / Die Aussendung der Zwölf Apostel) allen Ernstes an der Stelle, an der die namentliche Aufzählung der Zwölf Apostel beginnt, unterbrach, um die Gemeinde zu befragen, ob sie denn wohl alle zwölf zusammen bekäme. (Das Ergebnis, nebenbei bemerkt, offenbarte eine durchaus erwartungsgemäße Unsicherheit unter deb Anwesenden darüber, wer zu den Zwölf Aposteln gehörte oder nicht – Paulus? Markus? Lukas? –, aber ich vermute mal, das wäre in einer beliebigen anderen Gemeinde nicht wesentlich anders gewesen, wahrscheinlich nicht mal in einer evangelikalen.) Und dann die Predigt! Nachdem ein paar Anmerkungen zum Evangelium schon in den Begrüßungsworten des Pfarrers enthalten gewesen waren, konzentrierte er sich in seiner knapp neun Minuten langen Predigt auf die 2. Lesung aus dem Römerbrief (5,6-11) – und hier vorrangig auf Vers 7: "Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen." Er begann mit der Bemerkung, er denke bei diesem Vers an Bodyguards bzw. Personenschützer, die sich vielleicht auch manchmal fragen, ob die Person, zu deren Schutz sie abgeordnet sind, es eigentlich wert ist, das eigene Leben für sie einzusetzen. Na gut, sagen wir so: Als induktiven Einstieg kann man das durchaus nehmen, warum nicht; nur müsste man dann halt irgendwie die Kurve kriegen, um über den geistlichen Sinn dieses Verses zu sprechen. Stattdessen wurde die Predigt, wie man in Österreich sagt, "länger wie blöder". Als der Pfarrer anmerkte, er persönlich würde "kein Personenschützer für Putin oder für Trump sein wollen", dachte ich noch: Gähn. Damit aber nicht genug, zog er Vergleiche zwischen Söldnertruppen im 30jährigen Krieg und dem Umstand, dass "Putin ja jetzt auch seine Soldaten teuer einkaufen" müsse, "weil das auch keiner freiwillig machen will", im Unterschied zu den Ukrainern, "die sagen: Wir verteidigen unser Land, wir verteidigen unsere Souveränität". Daran anknüpfend referierte der Pfarrer etwas, was er von einer befreundeten Religionslehrerin gehört habe: Diese habe berichtet, unter ihren Schülern seien die Pläne zur Wiedereinführung der Einberufung von Wehrpflichtigen (die Wehrpflicht selbst wurde ja, entgegen landläufiger Annahmen, nie abgeschafft) begreiflicherweise ein heiß diskutiertes Thema, allerdings mit der Tendenz, dass die Schüler sagen "Nö, wollen wir nicht". Daraufhin habe die Lehrerin ihre Schüler gefragt, ob sie eigentlich gern in Deutschland leben, und auf die erwartungsgemäß bejahende Antwort hin die Frage aufgeworfen, wer denn wohl ihre bzw. unsere Freiheit verteidigen solle, "wenn Putin Deutschland angreift". Im Ernst. Mir drängen sich da Erinnerungen an "Im Westen nichts Neues" auf, aber dass ausgerechnet eine Religionslehrerin ihren Schutzbefohlenen solche Kriegspropaganda auftischt, macht mich dann doch besonders fassungslos. – Gleichzeitig muss man wohl einräumen, dass das in gewisser Weise in eine Zeit passt, in der sogar Robert Habeck und Campino sagen, heutzutage würden sie nicht mehr den Wehrdienst verweigern. Mir fällt dazu immer ein Zitat aus Sir John Retcliffes Roman "Biarritz" ein: 

"Die Welt kehrt sich um, mein lieber Freund, [...] und was heute Rechts, ist morgen Links!'" 

Das schrieb der alte Fuchs Retcliffe im Jahr 1870, und ja, er meinte "Rechts" und "Links" tatsächlich im Sinne politischer Lager. – Jenseits der konkreten politischen Tendenz war das Ärgerlichste (und zugleich Bezeichnendste) an dieser Predigt aber wohl doch, dass sie so konsequent vom eigentlichen Kern des Schriftworts, von seiner geistlichen Dimension wegführte. Ich kann an dieser Stelle nur empfehlen, die Passage aus dem Römerbrief, auf die sich die Predigt bezog, noch einmal im Kontext zu lesen: Da muss man sich dann schon sehr am Kopf kratzen angesichts der Frage, wie jemand auf die Idee kommen kann, darauf eine Predigt aufzubauen, in der mit keinem Wort vom Erlösungshandeln Jesu die Rede ist, sondern ausschließlich vom Handeln des Menschen in Staat und Gesellschaft. Aber so ist es eben oft bei (sicherlich nicht nur) diesem Priester: Wenn man über den christlichen Glauben nicht sprechen kann oder will, weicht man auf sogenannte "christliche Werte" aus. – Mit dem Hinweis, es gebe ja auch Möglichkeiten, sich für etwas einzusetzen, ohne dass es gleich "auf Leben und Tod" gehe, baute er kurz vor Schluss auch noch einen Hinweis auf die Gremienwahlen im November in seine Predigt ein. 

Die Fürbitten rundeten dieses Bild effektvoll ab: Da wurde u.a. "für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer", "für die Mieterinnen und Mieter" und "für die Rentnerinnen und Rentner" gebetet, jeweils ohne irgendwelche konkreteren Aussagen dazu, was man denn nun eigentlich für diese Personengruppen erbittet; das sollte Gott offenbar selber wissen, und sicherlich tut Er das auch – aber kann und sollte man sich derart nichtssagende Fürbitten dann nicht lieber gleich ganz sparen? 

Immerhin gab's ein Ausmalbild zum Sonntagsevangelium.

Als ich während der (sehr langen) Vermeldungen meinen Jüngsten zur Toilette begleiten musste und am Handwaschbecken einem jungen Mann in Soutane und mit einem wie mit dem Lineal gezogenen Scheitel begegnete, dämmerte es mir, dass die anschließende Vesper einen effektvollen Kontrast zu dieser Boomer-Messe bilden würde. Wohlgemerkt: Der Mann am Waschbecken war nicht der Diakon, der die Vesper feierte – den kannten wir schließlich; aber der war ebenso präzise gescheitelt und trug ebenfalls Soutane, bei der Zelebration der Vesper aber, wie es sich gehört, Dalmatika und diagonale Stola drüber. Was ich an dieser Stelle eigentlich sagen wollte: Nachdem die Vorabendmesse sehr überwiegend von grauen Häuptern besucht gewesen war, kamen zur Vesper auffallend viele junge Erwachsene und Familien mit kleinen Kindern. Natürlich kann man da jetzt sagen, das waren eben friends & family des frisch geweihten Diakons, die waren nur des besonderen Anlasses wegen da, wohingegen die Besucher der Vorabendmesse zur örtlichen Kerngemeinde gehören und auch nächstes Wochenende wieder ihre Plätze in den Bänken einnehmen werden. Gleichwohl hatte ich – anders als es etwa bei Erstkommunionen oder Taufen oft der Fall ist – den Eindruck, dass es sich bei den persönlichen Gästen des Diakons überwiegend um Leute handelte, die sonst auch zur Kirche gehen, wenn auch vielleicht woanders. Insofern hatte es durchaus etwas Peinliches, dass der Pfarrer – der die Vesper sozusagen "anmoderierte" – den zu diesem Anlass in die Kirche gekommenen Personen auf seine dröge Art erklären zu müssen glaubte, was eine Vesper eigentlich ist und aus welchen Teilen sie besteht. 

Unterstützt von einem Organisten, den meine Liebste noch aus ihrer Zeit als Domministrantin an der Hedwigskathedrale kannte (in St. Marien steht die Orgel nicht auf der Empore, sondern seitlich im Kirchenschiff, dadurch saß der Organist ganz in unserer Nähe), gestaltete der Diakon die Vesper schön und feierlich und würdigte dabei auch den Umstand, dass gerade der Gedenktag des Unbefleckten Herzen Mariens war; in der Messe, die ja als Vorabendmesse zum Sonntag gefeiert worden war, war davon nicht die Rede gewesen. Der neue Diakon baute nun das Evangelium vom Samstag – Lukas 2,41-51, der zwölfjährige Jesus im Tempel – als Lesung in die Vesper ein und hielt eine kurze Predigt dazu. Er begann diese mit ein paar persönlichen Worten dazu, welche Rolle die Gottesmutter für seinen Berufungsweg gespielt hatte, und würdigte dabei insbesondere das wöchentliche Rosenkranzgebet in St. Marien; in der Hauptsache drehte die Predigt sich aber – ausgehend von dem Satz "Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen" (V. 51) – darum, das Verlieren und Wiederfinden des Jesusknaben als Vorausdeutung auf Seine Passion und Auferstehung zu betrachten. Was man aus diesem Evangelium lernen könne "für ein gelingendes Leben nach dem Bild Gottes", sei, "dass der Herr unsere Herzen vorbereitet auf das, was in unserem Leben auf uns zukommt". 

Kurz und gut, sowohl liturgisch als auch homiletisch lagen Welten zwischen der Messe und der Vesper, und es war kaum zu verkennen, welche dieser verschiedenen Erscheinungsformen "von Kirche" der Vergangenheit angehört und welche Zukunft hat. Ein Gedanke, der mir im Zuge der Nachbetrachtung dieses Abends kam, den ich aber über den konkreten Einzelfall hinaus wesentlich finde, lautet: Diejenigen, die die "gesellschaftliche Relevanz" der Kirche vorrangig in Stellungnahmen zu sozialen und politischen Tagesfragen ausgedrückt sehen möchten, verkennen häufig, dass die Kirche schlichtweg keine andere Autorität hat als die, die ihr von Jesus Christus verliehen ist. Das heißt, die Relevanz ihrer Äußerungen steht und fällt mit dem Glauben an Jesus Christus. Wenn also nicht das Bekenntnis zu Christus im Mittelpunkt ihrer Verkündigung steht, ist alles andere, was die Kirche zu sagen hat, maximal irrelevant. Es ist daher einigermaßen folgerichtig, dass die Vorstellung, die Kirche müsse sich im gesellschaftspolitischen Diskurs profilieren, vorrangig in den Resten der alten Volkskirche zu Hause ist, die noch von der Erinnerung an Zeiten zehren, in denen der gesellschaftspolitische Einfluss der Institution Kirche noch nicht in Frage stand. Die Jüngeren dagegen kommen entweder gar nicht mehr zur Kirche oder wenn doch, dann deshalb, weil sie da etwas suchen, was politisch-soziales Engagement ihnen nicht bieten kann: die Begegnung mit Christus. –

Im Anschluss an die Vesper wechselten wir auf dem Kirchenvorplatz noch ein paar Worte mit dem frischgebackenen Diakon, und dabei ergab sich wieder einmal so eine "Sie werden mehr gelesen als Sie denken"-Situation: Der Diakon verriet mir, vor ein paar Wochen habe ein Kollege aus seinem Pastoralkurs ihn darauf aufmerksam gemacht, dass seine bevorstehende Weihe in einem Blogartikel erwähnt worden sei. Das war dann wohl mein Blog. Immer wieder spannend, wie der sein Publikum findet. 


Paulus schrieb an die Komantschen... 

...erst kommt die Taufe, dann das Plantschen, dichtete einst Robert Gernhardt; und so war es im vorigen Jahr beim Sommer-Taufgottesdienst der EFG The Rock Christuskirche, der in einem privaten Garten in Falkensee stattfand, auch tatsächlich: Da war, wie berichtet, ein Swimmingpool als Taufbecken zum Einsatz gekommen, in dem – bei herrlichstem Sommerwetter – im Anschluss an den Gottesdienst noch gebadet wurde. Dieselbe Location war auch für den diesjährigen Sommer-Taufgottesdienst vorgesehen, nur leider zeigte sich das Wetter heuer erheblich weniger freundlich: Auf unserem Weg nach Falkensee wechselte es mehrfach von "grau, kalt und ungemütlich" zu "na, vielleicht kriegen wir ja doch noch Badewetter"; und just als wir zu Fuß vom Bahnhof Falkensee zum Ort des Geschehens unterwegs waren, erwischte uns ein richtig heftiger Gewitterschauer. Als wir unser Ziel erreicht hatten, erfuhren wir durch einen Aushang, dass der Gottesdienst wegen der Wetterlage in die benachbarte Dorfkirche Falkenhagen verlegt worden war, eine denkmalgeschützte evangelische Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Der zuständige Pfarrer hatte die Nutzung durch die Freikirchler spontan erlaubt, und ich wage mal zu spekulieren, dass das Kirchenschiff schon lange nicht mehr so voll gewesen war: Rund 120 Leute drängten sich in die engen Holzbänke. 


Nachdem es letztes Jahr beim Sommer-Taufgottesdienst der EFG The Rock Christuskirche nur einen einzigen Täufling gegeben hatte und beim Herbst-Taufgottesdienst (im Rahmen der Gemeindefreizeit) zwei, waren es diesmal nicht weniger als sechs; ein recht beachtlicher Mitgliederzuwachs für eine so kleine Gemeinde – man fragt sich unwillkürlich, ob sich auch hier die Spuren eines "Quiet Revival" bemerkbar machen. – Einen beträchtlichen Teil des Gottesdienstes nahmen die Zeugnisse der sechs Täuflinge ein; es waren zwei junge Männer (darunter der Mann mit dem Hipsterbart und den Tunnelohrringen, der mir zwei Wochen zuvor bei der Kaffeetafel ins Auge gefallen war), zwei ebenfalls noch recht junge Frauen und zwei Jugendliche, die ihre Zeugnisse in Form von Interviews mit der Jugendleiterin der Gemeinde (die wir vom JAM kennen) präsentieren durften. Die Taufzeugnisse waren durchweg sehr eindrucksvoll, gerade auch hinsichtlich der Unterschiedlichkeit der Lebenswege, die diese sechs Menschen dazu geführt hatten, sich taufen zu lassen; besonders bemerkenswert fand ich in dieser Hinsicht die Zeugnisse der beiden Jugendlichen. Bei der einen von diesen handelte es sich um ein 13-jähriges Mädchen (was ich schon deshalb interessant fand, weil ich bisher dachte, das Mindestalter für "Erwachsenen"-Taufen sei 14, aber das gilt offenbar nicht überall und ausnahmslos) aus nicht-religiöser Familie, das nach der Trennung seiner Eltern in einer betreuten Wohngruppe lebt und durch diese in Kontakt mit der Gemeindejugend gekommen ist; die andere Jugendliche war dagegen ein typisches "Gemeindekind", die Tochter einer Mitarbeiterin. Im direkten Vergleich konnte man den Eindruck haben, das "Gemeindekind" habe den schwierigeren Glaubensweg gehabt; und ich glaube, das ist über den konkreten Einzelfall hinaus lehrreich und beachtenswert. Vertiefen müsste man das vielleicht mal an anderer Stelle, hier und jetzt habe ich leider nicht die Zeit und den Platz dafür. 

Auf die Taufzeugnisse folgte ein Lobpreis-Block, dann eine (für evangelikal-freikirchliche Verhältnisse eher kurze) Predigt und eine Gebetsgemeinschaft (was man "bei uns" wohl als "freie Fürbitten in besonderen Anliegen" bezeichnen würde, nur dass das "bei uns" im Sonntagsgottesdienst eher unüblich ist, erst recht in diesem Umfang); insgesamt dauerte der Gottesdienst wohl gut eineinhalb Stunden, die eigentliche Taufe noch nicht mitgerechnet, denn die fand – weil sie in dieser Konfession zwingend durch Untertauchen vollzogen werden muss – dann doch in dem Garten mit dem Swimmingpool statt. Das Wetter hatte sich inzwischen auch etwas stabilisiert. 

Was ich voriges Jahr über die aus meiner Sicht doch arg dürftige Tauftheologie der Evangelikalen gesagt habe, brauche ich hier wohl nicht zu wiederholen; es stimmt aber immer noch. Was ich dabei auch diesmal wieder bemerkenswert fand, war, dass die Gottesdienstleiter es offenbar nicht lassen können, diese Dürftigkeit dezidiert herauszustellen, also immer wieder zu betonen, die Taufe sei lediglich eine symbolische Handlung, mit der der Täufling sein Bekenntnis zu Christus dokumentiere. Da scheint mir das Missverhältnis dazwischen, wie viel Wert einerseits auf die Taufe gelegt wird und wie wenig echte Bedeutung ihr zuerkannt wird, besonders augenfällig, aber wie gesagt, im Grunde habe ich das alles letztes Jahr schon festgestellt. 

An die sechs Taufen schloss sich eine Gartenparty mit Grillwurst, Salat- und Kuchenbüffet an; es waren einige Leute da, wie wir vom JAM kannten, und meine Liebste kannte dank ihrer Mitarbeit im Alpha-Kurs noch mehr der Anwesenden. Während wir am Büffet anstand, erwies mein Tochterkind sich einmal mehr als exzellente Foto-Beraterin für meinen Blog, indem sie zu mir sagte, ich müsse unbedingt die Torte fotografieren – und dann, als ich mein Handy zückte, präzisierte: "Nein, von dieser Seite!" Warum? – Darum: 

Auch noch erwähnenswert: Als die Kinder ihre Grillwurst aufgegessen hatten und noch eine wollten, sagten wir ihnen, sie könnten ruhig allein zum Grill gehen und nach Wurst fragen, und wenn sie mit irgendetwas Hilfe bräuchten, sollten sie "einfach irgendjemanden fragen – die sind hier alle nett". Gleich darauf fiel mir auf, dass ich das am Sonntag zuvor in Maria, Hilfe der Christen wohl nicht zu meinen Kindern gesagt hätte. Das ist nicht böse gemeint, sondern einfach eines von vielen Fallbeispielen dafür, dass die The Rock-Gemeinde in Hinblick auf das Jesuswort "An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid" (Johannes 13,35, Hoffnung für Alle) wirklich Maßstäbe setzt.

Und übrigens möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass meine Kinder es sich tatsächlich auch diesmal wieder nicht nehmen ließen, ein Bad im Taufbecken zu nehmen. Angesichts des wechselhaften Wetters waren sie diesmal allerdings die einzigen, die sich das trauten...


Neues aus Nigeria (und aus Tegel)

Bei der Vesper in St. Marien Alt-Reinickendorf am Samstagabend hatten wir auch den Priester aus Nigeria wiedergetroffen, der Anfang des Jahres als Pfarrvikar in der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd verabschiedet worden war und nun gerade zu Besuch in Berlin war; er verriet uns, er feiere am Sonntag eine Messe in der Allerheiligenkirche in Borsigwalde und am Montag in Herz Jesu Tegel, mit anschließender Kaffeetafel im Pfarrsaal. Am Sonntag waren wir ja nun schon anderweitig verplant, und die Messe in Herz Jesu am Montag begann um 9 Uhr, was für mich ziemlich knapp war, da ich vorher ja die Kinder zur Schule und zur KiTa bringen musste; aber ich nahm mir trotzdem vor, es zu versuchen. Tatsächlich erreichte ich die Kirche um 9:10 Uhr und kam damit gerade noch rechtzeitig zur Lesung von Nabots Weingarten (1. Könige 21,1-16). Die Kirche war auffallend gut besucht für eine Werktagsmesse; der Priester hielt eine kurze Predigt ("zwei Minuten" kündigte er an, es waren dann aber wohl doch ein paar mehr), in der er das Jesuswort "Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand,
sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin" (Mt 5,39) zu der Situation der Christen in Nigeria in Beziehung setzte. Die Kommunion wurde in beiderlei Gestalt gereicht, jedoch nicht mit Selbstintinktion; vielmehr legte der Priester den meisten Kommunikanten die in den Wein eingetauchte Hostie direkt auf die Zunge, nur einige wenige bestanden darauf, sie in die Hand zu nehmen. 

Üblicherweise wird in Herz Jesu Tegel montags im Anschluss an die 9-Uhr-Messe der Rosenkranz gebetet; da es an diesem Montag aber nach der Messe eine Kaffeetafel im Pfarrsaal geben sollte, bei der der frühere Pfarrvikar darüber berichten wollte, wie es ihm in den zurückliegenden Monaten in Nigeria ergangen ist, wurde der Vorschlag gemacht, statt des "normalen" Rosenkranzes den Barmherzigkeitsrosenkranz zu beten, da der weniger Zeit in Anspruch nimmt. – Dabei ging mir wie schon öfter wieder einmal der Gedanke durch den Kopf, dass die fleißigen Rosenkranzbeterinnen (es sind weit überwiegend Frauen) erheblichen Anteil daran haben, dass diese ganze Gemeinde noch nicht mit Schwefeldampf und Theaterdonner im Erdboden versunken ist. Um so bedauerlicher ist es, dass es ihnen offenbar an Nachwuchs mangelt. Was mich wieder auf die im vorigen Wochenbriefing angesprochene "Sofortmaßnahmen"-Idee eines Flyers für die verschiedenen spirituellen Angebote der Gemeinde bringt. Auch ein Workshop "Einführung ins Rosenkranzgebet" oder so ähnlich könnte wahrscheinlich nicht schaden. 

Bei der anschließenden Kaffeetafel im Pfarrsaal gab es neben gekauftem Kuchen auch selbstgemachte Schwarzwälder Kirschtorte, und der ehemalige Pfarrvikar erzählte hauptsächlich von der Schule in Owerri, die er mit Hilfe von Spenden aus Deutschland aufbaut, aber auch von der allgemein angespannten Sicherheitslage in Nigeria, gerade für Christen – sowie von der Pfarrei, in der sein Erzbischof ihn seit Ostern als Aushilfe einsetzt: Es handelt sich um eine Dorfpfarrei mit zwei Priestern (mit ihm zusammen jetzt drei), die jeden Tag die Messe feiern und sonntags zweimal – um 6 Uhr und um 9:30 Uhr. Auf die Erwähnung der 6-Uhr-Sonntagsmesse reagierten einige der Anwesenden mit ungläubigem Staunen und sogar Gelächter, dabei hätte ich gedacht, due müssten alt genug sein, um sich an Zeiten zu erinnern, als dergleichen auch hierzulande noch nicht unüblich war. Mein nächster Gedanke war, dass manche berufstätige Gläubige es vielleicht begrüßen würden, wenn Werktagsmessen um 6 statt um 9 Uhr angesetzt würden. 

Was übrigens mein weiteres Engagement in der Tegeler Gemeinde angeht, habe ich mich für den übernächsten Montag (nach dem Rosenkranz) zu einem erneuten konspirativen Treffen verabredet, bin aber inzwischen annähernd sicher, dass ich nicht für den Gemeinderat kandidieren werde – nicht zuletzt deshalb, weil es im Moment danach aussieht, dass ich zum Zeitpunkt der Wahl gar nicht mehr in Tegel wohnen werde. Große Neuigkeiten, ich weiß; aber im Interesse der Spannungssteigerung möchte ich hier und jetzt erst mal nicht näher darauf eingehen. Die neulich hier angedachte Wiederbelebung des Arbeitskreises Neuevangelisierung würde ich trotzdem gern ins Gespräch bringen, mitsamt meinen Ideen für "Sofortmaßnahmen"; in welchem Umfang ich mich persönlich an deren Umsetzung werde beteiligen können, muss erst einmal dahingestellt bleiben. 


Wenn der Vater mit dem Sohne: Lobpreis verbindet 

Im vorigen Wochenbriefing nicht erwähnt hatte ich, dass am Freitag der dort geschilderten Woche die KiTa unseres Jüngsten wegen krankheitsbedingten Personalmangels Notbetreuung ausgerufen hatte, weshalb wir unseren Knaben freiwillig zu Hause ließen; bzw. "zu Hause" im wörtlichen Sinne eigentlich nicht: Vielmehr ging ich mit ihm zunächst zur "Rumpelberggruppe" (d.h. zur offenen Eltern-Kind-Gruppe in der Gemeinde auf dem Weg) und von dort aus dann nach St. Joseph Tegel, wo wir zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu eine schöne "Beten mit Musik"-Andacht abhielten. Am Dienstag nun wollte der Knabe zuerst überhaupt nicht aus dem Bett, hatte dann beim Frühstück einen "Meltdown", weil es das, was er essen wollte, nicht mehr gab, und wollte vor lauter Frust nicht in die KiTa. Nun ist es für mich als #kindergartenfrei-Veteranen, wie schon mehrfach betont, Ehrensache, zu sagen "Wenn das Kind nicht in die KiTa will, dann muss es auch nicht"; also erklärte ich mich, auch wenn ich die Zeit eigentlich gern anders genutzt hätte, bereit, mit ihm im Wesentlichen wieder dasselbe Programm durchzuziehen wie am Freitag zuvor. 

Dass wir gerade St. Joseph zu unserer bevorzugten "Beten-mit-Musik-Kirche" auserkoren haben, hängt unter anderem auch damit zusammen, dass es dort – infolge der weniger prominenten Lage – nicht so viel "Publikumsverkehr" gibt wie in Herz Jesu und wir daher weniger darauf gefasst sein müssen, dass uns jemand "erwischt", der an unserer Art des Lobpreises Anstoß nehmen könnte. Bei der Andacht am Dienstag erlebten wir allerdings eine Überraschung: Während als drittes Lied der Andacht, auf besonderen Wunsch des Jüngsten, ausgerechnet das sehr HipHop-lastige "Jesus, unser Herr (Jetzt beten wir für diese Stadt)" aus der Sammlung "Es geht um Jesus" lief und der Knabe dazu abtanzte wie weiland König David vor der Bundeslade, registrierte ich, dass in einer der hinteren Bankreihen eine alte Dame Platz genommen hatte – so um die 80, würde ich schätzen, jedenfalls älter als meine Mutter oder meine Schwiegereltern. Immerhin machte sie ein freundliches Gesicht, das war ermutigend. Als das Lied zu Ende war, läuteten gerade die Glocken zum Angelus, also schob ich spontan das Angelusgebet in den Ablauf der Andacht ein, ehe ich zu den Fürbitten überging, gefolgt von Vaterunser, Tagesgebet und Segensbitte. Als Schlusslied hatte ich eigentlich "Beschützer der Welt" von Miriam Buthmann geplant, dachte aber "Noch ein Lied mit HipHop-Elementen ist vielleicht ein bisschen too much" und entschied mich stattdessen für den Klassiker "Zehntausend Gründe", in der Hoffnung, dieses Lied sei auch für ältere Ohren akzeptabel. Die alte Dame verharrte auf ihrem Platz, bis mein Sohn und ich uns anschickten, die Kirche zu verlassen; da sprach sie uns dann an – und zwar, um sich für die Andacht zu bäedanken. Das sei so schön gewesen, betonte sie, und habe ihr große Freude bereitet. Sie wirkte richtig gerührt, und ich war es daraufhin auch

Am Freitag war ich, wie schon angekündigt, beim "Elternbesuchstag" an der KiTa des Jüngsten: Solche Besuchstage gibt es dort einmal im Monat, und jedesmal darf ein Kind aus jeder Gruppe (es gibt zwei Gruppen) ein Elternteil mitbringen. Da ich fand, wenn ich schon in der KiTa zu Gast wäre, sollte ich wohl auch ein bisschen Unterhaltungsprogramm beisteuern, nahm ich meine Gitarre (bzw. "Giraffe", wie eins der KiTa-Kinder sagte) mit, und das erwies sich tatsächlich als gute Idee – auch weil ein Mädchen aus der Gruppe meines Sohnes Geburtstag hatte. Diesen Umstand nahm ich zum Anlass, nach dem Frühstück "Wie schön, dass du geboren bist" von Rolf Zuckowski zu spielen, und wo ich schon mal dabei war, schob ich noch das "Kaugummi"-Lied von Daniel Kallauch hinterher. Die Kinder waren entzückt, also hängte ich noch "Die Affen rasen durch den Wald" aus dem Wölflings-Liederbuch "Der Kupferschmied" dran, dachte aber, danach wäre das Interesse der Kinder an meinem Gitarrespiel erst mal gestillt und "Planschen im Garten" wäre, gerade angesichts der hochsommerlichen Temperaturen, die größere Attraktion. Als ich dann aber, etwas abseits vom Getümmel auf einer Bank im Schatten sitzend, für mich allein den bewährten KiWoGo-Opener "Alles was ich hab" spielte, kamen doch wieder einige Kinder angelaufen und hörten zu. Also spielte ich weiter; allerdings besteht mein Repertoir an Liedern, die ich auswendig spielen kann, eben zum größten Teil aus Lobpreis oder allgemeiner gesprochen aus christlichem Liedgut, aus dem einfachen Grund, dass ich meine bescheidenen Gitarrenkünste überwiegend in kirchlichem Kontext praktiziere. Ich spielte also so Sachen wie Albert Freys Magnificat-Vertonung "Meine Seele preist die Größe des Herrn", "Gottes guter Segen sei mit euch" von Siegfried Fietz und "Gott, dein guter Segen" von Detlev Jöcker, aber auch "Einer hat uns angeleckt (mit der Zunge der Liebe)" und mein Medley aus "Lady in Black" und "Die Sache Jesu braucht Begeisterte". Ermutigt durch das Interesse der Kinder, legte ich nach Mittagessen und Vorlesezeit noch eine weitere Gitarrensession ein; das "Kaugummi"-Lied musste ich auf Wunsch der Kinder mehrfach wiederholen, überlegte aber gleichzeitig, was ich noch so spielen könnte, und verfiel schließlich auf "Einfach spitze" von Daniel Kallauch – das ich mit den Worten einleitete "Einige von euch kennen das vielleicht aus der Krabbelgruppe oder aus dem Kindergottesdienst." Das Ergebnis war: Sie kannten es alle. Wirkt sich offenbar doch aus, dass es eine evangelische KiTa ist. 

Am späteren Nachmittag war dann die Talentshow der Schule des Tochterkindes; darauf werde ich nächste Woche noch zurückkommen müssen, aber da ich zwischendurch nicht nach Hause gekommen war, hatte ich immer noch meine Gitarre dabei, und während des anschließenden geselligen Beisammenseins im Schulgarten dachte ich mir: Eine Gitarre zu einer Talentshow mitbringen und dann nicht spielen, geht eigentlich nicht. Also packte ich die Gitarre gegen Abend nochmals aus und spielte ein wenig, allerdings eher gedämpft als Hintergrundmusik – und wurde von mehreren Anwesenden dafür gelobt, auclĺ und sogar vom Hauptorganisator der Talentshow, der meinte, das sei genau das Richtige für die entspannte Abendstimmung. Hashtag #kannstemalsehen


Geistlicher Impuls der Woche 

Da also Christus aus Liebe zu uns gestorben ist, bitten wir zur Zeit des Opfers, wenn wir das Gedächtnis seines Todes begehen, dass durch die Ankunft des Heiligen Geistes die Liebe geschenkt werde. Wir bitten inständig, dass wir durch die Liebe, in der sich Christus für uns kreuzigen ließ, die Gnade des Heiligen Geistes erlangen; die Welt soll uns gekreuzigt sein und wir der Welt (Gal 6,14). Wir ahmen den Tod des Herrn Jesus nach: wie er "durch sein Sterben ein für allemal tot für die Sünde ist, sein Leben aber für Gott lebt" (Röm 6,10), so wollen "auch wir in dieser neuen Wirklichkeit leben" (Röm 6,4). Wenn wir die Gabe der Liebe erhalten haben, wollen auch wir der Sünde sterben und für Gott leben. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm 5,5). Denn auch die Teilhabe am Leib und Blut des Herrn, wenn wir sein Brot essen und seinen Kelch trinken, legt uns nahe, dass wir der Welt sterben und unser Leben mit Christus verborgen in Gott haben (vgl. Kol 3,3) und unser Fleisch mit seinen Leidenschaften und Begierden kreuzigen (vgl. Gal 5,24)

(Fulgentius von Ruspe, Buch gegen Fabian) 


Ohrwurm der Woche 

Mark Morrison: Return of the Mack 

Ein Song, der auf der Auswahlliste für meine "Abi 95 Top 100"-Hitliste stand, bis ich feststellte, dass die Single erst 1996 erschienen war. Eine knappe Entscheidung, aber irgendwo muss man halt die Grenze ziehen, und dies war auch nicht der einzige Song, der aus diesem Grund von der Liste gestrichen wurde. Ich erinnere mich gut, dass ich seinerzeit sehr überrascht war, dass "Return of the Mack" Mark Morrisons erster Charterfolg überhaupt war; ich fand und finde immer noch, der Song habe, nicht nur dank des Wortes "Return" im Titel, entschiedene Comeback Energy. Wovon der damals 34-jährige Sänger indes tatsächlich zurückgekommen war, ehe er den Song aufnahm, war eine dreimonatige Haftstrafe (die übrigens auch nicht seine letzte bleiben sollte). Erneut in den Vordergrund meines Bewusstseins geschoben hat sich "Return of the Mack" in jüngster Zeit vor allem dadurch, dass der Song häufig im Foyer der Kampfsportschule meiner Kinder läuft. Wie schon mal angemerkt: Die Musik ist dort meistens sehr gut


Vorschau/Ausblick 

Zu den Themen, die ich ins nächste Wochenende werde mitnehmen müssen, zählt neben der schon angesprochenen Talentshow der Schule unseres Tochterkindes auch ein "Probelauf" für unseren Straßenevangelisations-Einsatz in Spandau sowie das Geburtstagspicknick einer Künstlerfreundin. Am morgigen Sonntag wird der bisherige Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer SCJ, feierlich in sein neues Amt als Bischof von Münster eingeführt; gleichzeitig findet allerdings der Münster-Triathlon statt, was Straßensperrungen und weitere Verkehrsbehinderungen mit sich bringt und mich unwillkürlich an die ADFC-Fahrradsternfahrt in Berlin am Fronleichnamssonntag erinnert. Dass man selbst im traditionell erzkatholischen Münster vor derartigen verkehrsplanerischen Interessenkonflikten nicht (mehr) sicher ist, sagt wohl einiges aus. – Im Übrigen fällt mir im Zusammenhang mit Bischof Wilmer ein, dass ich einen Beitrag dazu in Planung habe, wie sich in seiner Eigenschaft als Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz bisher so macht; mal sehen, ob ich nächste Woche dazu komme, den fertig zu schreiben. Auf den Sonntag folgt die vorletzte "ganze" Schul- und Arbeitswoche vor den Sommerferien; das kommende Wochenende verspricht dann wieder ein Highlight zu werden: Zuerst, am Freitag, bin ich zu einer Veranstaltung des "Bewerbendenkreises" für pastorale Berufe im Erzbistum Berlin eingeladen, in Gestalt einer Wanderung durch den Grunewald, und da freue ich mich ziemlich drauf; noch mehr freue ich mich jedoch auf die KPE-Bundeswallfahrt zum Kloster Schöntal, die am Samstag in aller Früh' losgeht. Folgerichtig ist es etwas ungewiss, wann und von wo aus das nächste Wochenbriefing online gehen wird. Lasst euch überraschen, Leser – ich tue es auch... 


Mittwoch, 17. Juni 2026

Neues aus dem Laodizea des Nordens

Zunächst mal: Muss ich diese Überschrift erläutern? Ursprünglich hatte ich es nicht vor, aber vielleicht ist es doch besser. Also: Als mir unlängst seitens des Pastoralteams der Pfarrei St. Willehad Nordenham lapidar beschieden wurde, man habe dort kein Interesse an den spirituellen Angeboten für Familien im Urlaub, die ich zusammen mit meiner Liebsten in unserem bevorstehenden Sommerurlaub in Butjadingen auf die Beine zu stellen beabsichtige, und dieses Desinteresse u.a. mit der Aussage begründet wurde "Die Urlauber-Kirche ist bereits komplett geplant und es gibt genügend Familien, die als Teamer in den nächsten Jahren mit uns arbeiten", fühlte ich mich spontan an das Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea aus dem 3. Kapitel der Offenbarung des Johannes erinnert. Da heißt es nämlich in Vers 17: 

"Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt." 

Matthäus Merian, Erscheinung des Menschensohns. Nachbearbeitet mit Hilfe von Google Gemini.

Ich kann mir zwar gerade bei dieser Pfarrei nur schwer vorstellen, dass ernsthaft irgendjemand meint, sie habe alles was sie braucht; aber da kann man mal sehen, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen manchmal sind. – Ein bisschen ironisch erscheint es mir, dass ich gerade neulich erst in einem ganz anderen Zusammenhang schrieb, ich sei "zunehmend überzeugt, dass das Medium 'Pfarrbrief' in seiner gängigen Form eigentlich passé ist und im Grunde eine enorme Ressourcenverschwendung darstellt", und kurz darauf präsentiert die Pfarrei St. Willehad stolz ihren neuen Pfarrbrief im Hochglanz-Journal-Format, nachdem sie jahrelang lediglich ein schwarz-weiß kopiertes, wenige Seiten umfassendes Gemeindeblatt ("Willehad aktuell") herausgegeben hatte. "Leuchtturm" heißt die Publikation ganz ländlich-sittlich, und 'reinschauen musste ich in die erste Nummer natürlich unbedingt, schon allein um zu sehen, was man da so über die bevorstehende Urlauberkirchen-Saison erfährt. Und das ist in der Tat Einiges

Fangen wir mal mit ein paar Eckdaten an: Das Kinderprogramm im Kirchenzelt auf dem Campingplatz Tossens soll am ersten Juli-Wochenende beginnen, auf dem Campingplatz in Burhave eine Woche später – da sind wir bereits vor Ort. Dieses Kinderprogramm soll täglich außer samstags (da ist Teamwechsel) und mittwochs (da hat das Team einen Pausentag) von 10:30 bis 12:30 Uhr stattfinden; das ist so, wie wir es im letzten Sommer kennengelernt haben, und ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass das Programm auch inhaltlich wieder ziemlich genauso aufgebaut sein wird wie im Vorjahr, zumal es wohl zumindest teilweise von denselben Leuten gestaltet werden wird. In einem von Diakon Christoph Richter namentlich gezeichneten Artikel im "Leuchtturm"-Magazin klingt es zwar ein bisschen toller bzw. nach "mehr" – wörtlich heißt es da "Im Kirchenzelt wird gesungen, gebastelt, Geschichten gehört, gespielt, geklönt, sich getroffen, neue Menschen kennen gelernt etc., eben alles, was den Urlaub bereichert" –, aber bis zum Erweis des Gegenteils gehe ich doch mal davon aus, dass es in der Hauptsache wieder betreutes Basteln sein wird. Gleichwohl bin ich natürlich bereit, mich positiv überraschen zu lassen. 

Als eine positive Überraschung würde ich es jedenfalls gern auch betrachten, dass das Angebot der Urlauberkirche in Butjadingen heuer nicht nur aus dem Kinderprogramm im Kirchenzelt besteht. Was die Veranstalter bewogen hat, ihr Programmangebot, nachdem sie es in den zurückliegenden Jahren immer weiter zurückgefahren hatten, nun wieder auszubauen, sei mal dahingestellt, aber grundsätzlich ist das ja eine Entwicklung, die man gern positiv bewerten möchte. Aber worin genau besteht denn nun die Erweiterung des Angebots? – Zunächst, so erfährt man im "Leuchtturm"-Magazin, soll "[i]n der Zeit, in der fast alle Bundesländer Ferien haben", in den Kirchenzelten auch ein Nachmittagsprogramm stattfinden, das sich an "Erwachsene, Jugendliche ab 14 Jahren und Familien" richtet. Dieses Nachmittagsprogramm soll viermal in der Woche – montags, dienstags, donnerstags und freitags – jeweils von 15-16:30 Uhr stattfinden, und zwar in Tossens vom 20. Juli bis 8. August und in Burhave vom 27. Juli bis 8. August. Das sind, was auf den ersten Blick vielleicht nicht so auffällt, in Tossens drei Wochen und in Burhave nur zwei, insgesamt also zwölf respektive acht Termine. Da ich mit meiner Familie in Burhave Urlaub mache und wir am 30. Juli wieder abreisen, bleiben uns also – wenn wir nicht eigens hierfür nach Tossens fahren wollen – gerade mal zwei Gelegenheiten, dieses Nachmittagsprogramm in Augenschein zu nehmen. 

Hinzu kommen im Zeitraum vom 20. Juli bis 8. August auch noch Abendveranstaltungen – aber was für welche: Montags in Burhave und dienstags in Tossens wird Bingo angeboten, und zwar kostenpflichtig; donnerstags in Burhave und freitags in Tossens gibt's Kino. Da würde mich ja schon interessieren, was für Filme da gezeigt werden, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher ich den Mut nehmen soll, darauf zu hoffen, dass es sich um Filme mit einem gewissen evangelistischen Potential handeln könnte. Auch hier gilt wieder: Ich lasse mich gern positiv überraschen. Gleichwohl muss ich sagen: Wenn noch etwas gefehlt hätte, um mich in meinem Vorurteil zu bestärken, dass das Urlauberkirchen-Programm von vornherein nicht auf Evangelisierung, Katechese und Jüngerschaft ausgerichtet ist, dann wäre das der Umstand, dass in den Kirchenzelten allen Ernstes Bingo-Abende veranstaltet werden. Wenn ich versuche, mir die Zielgruppe dieses Angebots vorzustellen, fällt mir unwillkürlich das brieftaschenklauende Greisenpärchen aus "Dirty Dancing" ein. – 

Aber nicht dass hier jemand meint, ich wolle mich darüber bloß lustig machen: Ich finde es tatsächlich sehr illustrativ. Wie ich neulich schrieb, ich bin mehr und mehr der Überzeugung, entweder die Kirche betreibt Neuevangelisierung oder sie betreibt "palliative Pastoral", dazwischen gibt es eigentlich nichts. Wendet man diese Feststellung auf das Programm der Urlauberkirche in Butjadingen an, ergibt sich ein recht eindeutiges Bild: Ein Angebot, das vorrangig auf Unterhaltung und Geselligkeit setzt und in dem Glaubensinhalte eine so vernachlässigenswerte Rolle spielen, dass dieses Programm fast genauso auch von nichtkirchlichen Anbietern veranstaltet werden könnte, ist offensichtlich auf eine Zielgruppe zugeschnitten, die sich der Institution Kirche noch irgendwie verbunden fühlt, an religiösen Inhalten aber kein besonderes Interesse hat. Ich würde es als evident bezeichnen, dass diese Zielgruppe rapide im Schwinden begriffen ist. Die Bedürfnisse einer aussterbenden Zielgruppe zu befriedigen, solange es sie noch gibt, ist geradezu der Inbegriff palliativer Pastoral. Der umgekehrte Ansatz – Programm für eine Zielgruppe zu machen, die offen und ansprechbar für religiöse Fragen ist, der Institution Kirche aber eher fern steht – ist ohne Zweifel anspruchsvoller und hat nach weltlichen Maßstäben ein höheres Misserfolgsrisiko, ist aber meiner Überzeugung nach der einzig zukunftsweisende Weg. Dass die Verantwortlichen der Urlauberkirche in Butjadingen diesen Weg nicht gehen wollen, ist schon bedauerlich genug; dass sie aber auch nicht wollen, dass andere es tun, steht nochmal auf einem anderen Blatt. Zugegeben: Dass es innerhalb der Institution Kirche – nicht nur, aber besonders in Deutschland – Kräfte gibt, die eine geistliche Erneuerung nicht nur nicht fördern, sondern sogar aktiv bekämpfen, ist grundsätzlich nichts Neues und wird immer deutlicher, je mehr sich eine solche geistliche Erneuerung dennoch abzeichnet. Aber gerade in Bezug auf die Pfarrei St. Willehad hatte ich in dieser Hinsicht eigentlich auf Besserung gehofft. 

Aber noch einmal zurück zum "Leuchtturm"-Magazin: Darin sind auch zwei in etwas aufdringlich kitschiger KI-Optik gehaltene Plakate zum kirchlichen Sommerprogramm für den Zeitraum vom 20. Juli bis 7. August abgedruckt, und diese Plakate enthalten gegenüber den Textbeiträgen im Magazin ein paar zusätzliche Informationen. So soll es im Rahmen des Programms "für Familien & junge Erwachsene" jeweils mittwochs eine "Geschichtenstunde im Atrium Burhave" geben, und im Abendprogramm ebenfalls mittwochs eine "Andacht an touristischen Orten"das gab's voriges Jahr als Angebot der evangelischen Urlauberseelsorge. Freitags um 20:45 Uhr soll es zudem am DLRG-Wachtturm in Tossens eine Veranstaltung namens "Sundowner" geben. Das alles könnte durchaus ein gewisses Potential haben, mehr jedenfalls als die Kirchenzelt-Angebote; man nehme es mir aber bitte nicht übel, wenn ich nach allen bisherigen Erfahrungen erhebliche Zweifel daran habe, dass aus diesem Potential tatsächlich etwas gemacht wird. Nähere Informationen zu diesen Veranstaltungsformaten sind bisher noch nirgends zu finden, auch nicht im Online-Veranstaltungskalender des Tourismus-Service Butjadingen. Na, es ist ja noch ein bisschen Zeit bis dahin; warten wir's also erst mal noch ab. 

Sehr wohl in dem besagten Veranstaltungskalender wie auch im Textteil des "Leuchtturm"-Magazins aufgeführt sind die Ökumenischen Familiengottesdienste in der Konzertmuschel in Tossens, die an vier Sonntagen in diesem Sommer stattfinden sollen: am 5. und 19. Juli sowie am 2. und 16. August, jeweils um 15 Uhr. Für uns käme lediglich der zweite dieser Termine in Frage; wer mich kennt, der weiß allerdings, dass ich beim Stichwort "Familiengottesdienst" Gänsehaut auf dem Zahnfleisch zu bekommen pflege, und beim Stichwort "ökumenisch" nicht minder. Dass das "Leuchtturm"-Magazin den Hinweis auf die sogenannten "Muschelgottesdienste" mit einem Foto illustriert, auf dem eine Gay Pride Flag (um nicht immer "Regenbogenflagge" zu sagen) in der Konzertmuschel weht, tut ein Übriges. Na, möglicherweise werde ich mir den "Muschelgottesdienst" am 19. Juli trotzdem ansehen, dann aber nur zum Zweck der Berichterstattung und vorsichtshalber wohl lieber ohne Frau und Kinder. 

Was derweil unser beabsichtigtes Alternativprogramm in Sachen "Spirituelle Angebote für Familien im Urlaub" (intern auch "Guerilla-Urlauberseelsorge" genannt) betrifft, gibt es derzeit noch keine weiterreichenden Pläne als "mittwochs Lobpreis mit dem Stundenbuch im Bürgerobstgarten, sonntags Kinderwortgottesdienst auf dem Spielplatz am Strand"; ich muss sagen, ich hatte auch noch nicht so recht Zeit und Muße, mich nach anderen möglichen Kooperationspartnern als der örtlichen katholischen Pfarrei umzusehen oder sonstigen organisatorischen Aufwand zu treiben. Aber wer weiß, vielleicht findet dieser Artikel ja Leser, die zu einer Kooperation bereit und in der Lage wären – seien es Personen oder Institutionen, die im Butjadingen oder Umgebung ansässig sind, oder einfach Leute, die im selben Zeitraum wie wir Urlaub in Butjadingen machen. Und sollte dieser Artikel Reaktionen ernten wie "Wir können euch zwar nicht bei der Organisation helfen, wären aber interessiert, zu euren Angeboten zu kommen", würde mich auch das sehr freuen...