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Dienstag, 12. April 2022

Neustart in Haselhorst

Hallo, Leser. 

Ja, ich weiß, ich habe schrecklich lange nichts von mir hören lassen. Wie mir zugetragen wurde, hatten einige Leser schon Sorge, ob ich wohl überhaupt noch lebe. Das kann ich hiermit offiziell bestätigen: Es geht uns gut, der ganzen Familie. Ja, Corona hatten wir inzwischen auch -- offiziell allerdings nur meine Liebste; die Kinder und ich mussten halt mit in Quarantäne, wir hatten aber auch alle ungefähr dieselben Erkältungssymptome, nur unterschiedlich stark ausgeprägt. Was mich persönlich betrifft, fühlte ich mich ungefähr zwei Wochen lang nicht so richtig gesund, davon netto vielleicht drei bis vier Tage so schlecht, dass ich am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben wäre. Ging aber nicht, wegen der Kinder. Kurz und gut, ich bin in meinem Leben schon schlimmer krank gewesen, und das soll's jetzt auch zu diesem Thema gewesen sein, zumal das nicht der wesentliche Grund war, weshalb ich so lange nichts gebloggt habe. 

Nein, der wesentliche Grund war, dass es mir in den letzten Monaten schlicht an Zeit und Muße zum Bloggen gefehlt hat. Und dann spielte auch noch ein gewisser Unwille eine Rolle, mir, was die Zukunftsperspektiven des Projekts "Punkpastoral" angeht, allzu tief in die Karten schauen zu lassen, solange mehr oder weniger noch alles in der Schwebe war. 

Was das angeht, sind meine Liebste und ich in den vergangenen Monaten alles andere als müßig gewesen. Wir haben Konzepte entwickelt, Briefe geschrieben, Gespräche geführt - unter anderem mit unserem Erzbischof; das war ein sehr nettes und ermutigendes Gespräch, auch wenn es vorläufig noch keine konkreten Ergebnisse erbracht hat -; und noch dazu sind einige Projekte "von außen" an uns heran getragen worden bzw. uns in den Schoß gefallen (dazu bei Gelegenheit mehr). Und auch wenn Vieles weiterhin noch in der Schwebe ist und einige unserer Ideen sich zumindest vorläufig noch nicht umsetzen lassen, gibt es doch immerhin schon mal einen Erfolg zu verkünden: 

Ab dem 22. April leiten wir die Krabbelgruppe in St. Stephanus Berlin-Haselhorst! 

Die Krabbelgruppen-Ausstattung vor dem "Umzug"

Und zwar jeden Freitag, es sei denn, wir sind gerade nicht da. -- Natürlich sehen wir die Krabbelgruppe auch und nicht zuletzt als ein Angebot für Eltern, sich kennenzulernen und zu vernetzen, und daraus können und sollen sich dann auch weitere Projekte ergeben. Das Angebot steht daher ausdrücklich allen interessierten Familien offen, ob sie zur Gemeinde von St. Stephanus gehören oder nicht. In unmittelbarer Nachbarschaft von St. Stephanus befindet sich übrigens die EFG The Rock Christuskirche, die allem Anschein nach eine sehr aktive Jugendarbeit leistet; da zeichnen sich also auch Kooperationsmöglichkeiten ab, zumal wir uns mit den dortigen Mitarbeitern schon ein paarmal sehr nett unterhalten haben. 

Alles in allem kann ich sagen, dass mich die Aussicht, nach einigen Monaten Auszeit wieder mit der praktischen Gemeindearbeit durchzustarten, mit Freude und gespanntem Optimismus erfüllt. Vor allem ist es im Vergleich zu den zurückliegenden fünf Jahren schon mal eine ganz neue Erfahrung, dass sich Mitarbeiter einer Gemeinde aktiv darum bemühen, dass wir bei ihnen was machen. Wenn man es gewohnt ist, mit seinen Initiativen immer und immer wieder auf eine Mischung aus Desinteresse und Ablehnung zu stoßen, dann liegt es nahe, sich mit der Vorstellung zu trösten, woanders sei es auch nicht besser. Aber die gute Nachricht ist, das stimmt nicht. Sicherlich muss man überall damit rechnen, Verhältnisse vorzufinden, die nicht gerade ideal sind, aber es gibt doch erhebliche Unterschiede, und zwar nicht nur graduelle, sondern auch prinzipielle. Ich will hier nicht groß ins Detail gehen, aber ich muss schon sagen, im Rückblick frage ich mich, wie wir es überhaupt so lange in unserer jetzt ehemaligen Gemeinde ausgehalten haben. 

Zugeben muss man natürlich, dass die räumliche Nähe ein echtes Argument ist. Die Hürde, in einer Gemeinde aktiv zu sein, zu deren Standort man erst mal 20 Minuten mit dem Bus fahren muss (plus Wartezeit), ist schon signifikant höher als bei einem Fußweg von ca. 7 Minuten. Besonders mit Kindern. Aber auch wenn es eine Hürde ist, ist es doch keine unüberwindliche. Wenn die Krabbelgruppe erst mal gut angelaufen ist, würde ich gern als nächstes das "Dinner mit Gott" wieder aufleben lassen. Gern auch in Kombination mit einer Lobpreisandacht. Vorerst noch ungeklärt ist, wie es mit dem Büchereiprojekt weitergeht. Aber da sage ich mir: Kommt Zeit, kommt Rat. Konzentrieren wir uns erst mal auf einen guten Start für die Krabbelgruppe. Gebetsunterstützung ist selbstverständlich willkommen; und wem Berlin-Haselhorst nicht zu weit ist und wer Kinder im Krabbelalter hat, der sei herzlich eingeladen, einfach mal vorbeizukommen! 

St. Stephanus, Gorgasring 5, 13599 Berlin-Haselhorst. Die Parkplatzsituation ist derzeit, baustellenbedingt, schwierig. Dafür ist aber die ÖPNV-Anbindung gut. 


Montag, 27. Dezember 2021

Spandau oder Portugal #5 (Weihnachtsoktav)

Frohe und gesegnete Weihnachten, lieber Leser! Eröffnen möchte ich dieses Wochenbriefing mit einem kleinen Gebet, das ich zum vorigen Weihnachtsfest auf der Facebook-Seite des Mittwochsklubs veröffentlicht hatte und heuer mit Hilfe der Erinnerungsfunktion von Facebook wiedergefunden habe: 

Lob sei dir, Herr Jesus Christus, für das Geschenk deiner Menschwerdung. 

Lob sei dir für deine Gegenwart in der Heiligen Eucharistie. 

Lob sei dir für die Verheißung deiner Wiederkunft in Herrlichkeit. 

Und nun zu den Neuigkeiten der Woche: 

Option Spandau (im engeren Sinne): Ich hatte mich schon so halbwegs darauf eingestellt, dass wir es angesichts der allgemein erschwerten Bedingungen dieses Jahr in keine Christmette schaffen würden, und hatte mir einen groben Plan für eine Hausandacht zurechtgelegt (Psalmen und Fürbitten aus der 1. Vesper von Weihnachten, Weihnachtsevangelium nach Lukas, Lobpreismusik); aber dann studierten wir doch noch einmal die Gottesdienstordnungen der infrage kommenden Pfarreien, stellten fest, dass es um 18 Uhr in der Spandauer Hauptkirche Maria, Hilfe der Christen eine 3G-Christmette gab, und beschlossen dort hinzugehen. Dann wäre dieser Plan aber in letzter Minute beinahe doch noch gescheitert, da wir nicht bedacht hatten, dass das nahe gelegene Einkaufszentrum, in dem wir uns unseren obligatorischen Nasenabstrich holen wollten, an Heiligabend nur bis 16 Uhr geöffnet war. Wir hatten dann aber doch noch Glück: Obwohl in Alt-Tegel schon kurz nach 16 Uhr nahezu sämtliche Gehwege hochgeklappt waren, fanden wir noch eine bis 18 Uhr geöffnete Corona-Schnellest-Stelle in einer Fischfußpflege-Praxis, wo wir ohne Wartezeit drankamen, von einer freundlichen jungen Hijab-Trägerin getestet und mit "Frohe Weihnachten!" verabschiedet wurden; unsere Tochter bekam bei dieser Gelegenheit sogar Schokolade geschenkt. 

Anschließend begaben wir uns ohne weitere Zwischenfälle per Bus und Bahn nach Spandau und erreichten die Kirche rechtzeitig vor Beginn des Gottesdienstes. Aber mal ehrlich, Leser: Hättest du vor zwei oder mehr Jahren im Rahmen einer ausgedachten, vage Science-Fiction-mäßig angehauchten Geschichte gelesen, dass eine Familie, die an Weihnachten in die Kirche gehen und zu diesem Zweck mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren will, sich erst mal einen Nasenabstrich abnehmen lassen muss, weil sie andernfalls weder in den Bus noch in die Kirche gelassen würde, hättest du wahrscheinlich gedacht, das sei aber ein bisschen arg übertrieben, oder? Ich finde es wirklich erschreckend, wie schnell wir uns alle daran gewöhnen, so etwas für normal zu halten. Aber lassen wir das und schauen uns lieber ein paar schöne Bilder an: 

Die Christmette war übrigens schwach besucht, was aber wohl zumindest zum Teil dadurch bedingt war, dass es am selben Ort um 21:30 Uhr noch eine weitere (unter 2G-Bedingungen) gab; und vielleicht wirkte die Kirche zum Teil auch deshalb so leer, weil sie so groß ist. Von allen Gottesdienstorten im Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee, die wir bisher besucht haben, hat mich diese Kirche ehrlich gesagt am wenigsten angesprochen, und ich glaube, das hat nicht unwesentlich mit ihrer Größe zu tun. Vielleicht hängt es mit meiner Herkunft zusammen - damit, dass mich die sehr, sehr kleine Kirche Herz Mariä in meinem Heimatort Burhave einfach nachhaltig geprägt hat -, aber irgendwie finde ich auch, dass kleine und etwas ärmlich wirkende Kirchen eine #benOppigere Ausstrahlung haben als solche Repräsentationsbauten. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, dass es in dem besagten Pastoralen Raum immer noch drei katholische Kirchen gibt, in denen meine Familie und ich überhaupt noch nicht waren -- was sich im Fall von St. Johannes der Täufer (Dallgow-Döberitz) und St. Konrad von Parzham (Falkensee) unschwer dadurch begründen lässt, dass sie so abgelegen in der havelländischen Pampa liegen, aber die dritte im Bunde der noch unbesuchten Kirchen, St. Stephanus in Haselhorst, ist von allen Spandauer Kirchen ausgerechnet die, die am nächsten an unserem Zuhause liegt und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am unkompliziertesten erreichbar wäre. Tja. Hat sich einfach noch nicht ergeben. Kommt noch. 

Aber à propos havelländische Pampa: Bei dem Versuch, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Kirchenstandorte im Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee ich bisher besucht habe und welche noch nicht, bin ich darauf aufmerksam geworden, dass es in Finkenkrug, einem Ortsteil von Falkensee, bis vor einigen Jahren eine Kapelle mit dem schönen Namen Regina Pacis, "Friedenskönigin", gab. Genaueres darüber herauszufinden, erwies sich als gar nicht so einfach. Einige Eckdaten konnte ich immerhin dem "Kirchenwiederfinder" von moderne-regional.de entnehmen; insgesamt eine sehr interessante und empfehlenswerte Ressource, auf die ich, wie ich mich kenne, noch öfter zurückgreifen werde. 

Über Regina Pacis erfährt man dort jedenfalls, dass die Kapelle in einem 1965 erworbenen Wohnhaus errichtet und 1967 geweiht wurde; 2014 wurde die Kapelle profaniert und das Gebäude verkauft, man darf wohl davon ausgehen, dass es jetzt wieder als Wohnhaus genutzt wird. Mit einiger Mühe und Findigkeit habe ich einen Archivlink zu einem seinerzeit auf der Website der Falkenseer Pfarrei erschienenen Artikel ausgegraben, dem man Näheres zu diesem Vorgang entnehmen kann. Dort erfährt man etwa, dass das Erzbischöfliche Ordinariat den Neubau des Gemeindezentrums St. Konrad nur unter der Bedingung genehmigt hatte, "dass die Pfarrei St. Konrad mit dem Erlös von Immobilienverkäufen den Neubau zum größeren Teil selbst finanziert". -- Bedenkt man, dass die kirchenrechtlichen Hürden für die Profanierung von Sakralräumen bzw. -bauten eigentlich, also theoretisch sehr hoch sind und so etwas, wenn nicht gerade die Hunnen mit Feuer und Schwert vor der Tür stehen, eigentlich so gut wie nie vorkommen sollte, lässt die Nonchalance, mit der ein geweihter Ort zugunsten der Finanzierung eines neuen Gemeindezentrums aufgegeben wird, wohl auf ein arg verweltlichtes Selbstverständnis schließen; aber das ist natürlich nichts, was man speziell den Falkenseer Katholiken ankreiden könnte oder müsste. Der angesprochene Artikel verweist auch auf einen "Sanierungsplan des Erzbistums Berlin" von 2006, der vorsieht, "dass in den Gemeinden 25% der pastoral genutzten Flächen abzubauen sind". Nun kann man sich unter "pastoral genutzten Flächen" natürlich so ziemlich alles Mögliche vorstellen, und ich unterstelle mal, dass das Absicht ist. "Pastoral" wird im amtskirchlichen Sprachgebrauch gern als ein Gummibegriff verwendet, der alles und nichts bedeuten kann und mit dessen Hilfe man es vermeiden kann, eine klare Aussage darüber treffen zu müssen, was man als den eigentlichen Daseinszweck der Institution Kirche betrachtet. Aber wo Worte nichts mehr aussagen, da sprechen Taten eine umso deutlichere Sprache, und ich schätze mal, man wird es kaum erleben, dass eine Pfarrei lieber eine KiTa an einen nichtkirchlichen Träger abgibt als einen Kirchenstandort zu schließen. Dies mal zim Thema Selbstverständnis. 

(Übrigens habe ich mich - da der angesprochene Sanierungsplan des Erzbistums ja kein gar so großes Geheimnis ist - schon oft gewundert, dass beispielsweise der Pastoralausschuss für den Raum Reinickendorf-Süd beharrlich so tut, als gehe er davon aus, alle seine sieben Kirchen erhalten zu können. Aber das geht mich ja zum Glück nichts mehr an.) 

(im erweiterten Sinne:) Am Tag vor Heiligabend stattete ich dem Pfarrbüro meiner bisherigen Pfarrei einen eigentlich schon überfälligen Besuch ab, um die Schlüssel für Kirche und Gemeinderäume zurückzugeben, die ich noch hatte. Einer der Gründe dafür, dass ich das nicht schon längst geran hatte, war, dass ich eigentlich gern vorher geklärt hätte, was z.B. aus der von meiner Liebsten auf eigene Kosten angeschafften Krabbelgruppen-Ausstattung und aus den von mir zum Teil aus eigenen Beständen, v.a. aber durch Spenden von Bloglesern und anderen Kontaktpersonen akquirierten Büchern für das Büchereiprojekt werden würde. Aber nachdem ich, wie berichtet, versucht hatte, dieses Thema im Lokalausschuss anzusprechen, und damit auf demonstratives Desinteresse gestoßen war, war mir im Grunde klar gewesen, dass es nicht sonderlich zielführend war, die Schlüssel gewissermaßen in Geiselhaft zu halten. 

Also habe ich zusammen mit meiner Liebsten diejenigen Krabbelgruppensachen, die definitiv zu gut sind, um irgendwie unter die Räder zu kommen, die wir ohne größere Probleme trandportieren konnten und die wir vorläufig, d.h. bis zu einer dauerhaften Lösung, bei uns zu Hause unterbringen können, in unseren Bollerwagen geladen, bevor ich die Schlüssel abgegeben habe. In ähnlicher Weise auch mit den Büchereibüchern zu verfahren, erwies sich hingegen als unpraktikabel, die mussten wir also vorerst zurücklassen. -- Jedenfalls verbrachten wir an diesem Nachmittag alles in allem rund zwei Stunden auf dem Gelände der Pfarrei, trafen in dieser Zeit allerlei Bekannte, darunter einige uns wohlgesonnene Gemeindemitglieder, führten nette Gespräche und bekamen sogar ein paar kleine Weihnachtsgeschenke. Das erfreut doch das Herz. 

Und wie nun weiter? Das wird man im neuen Jahr sehen, schätze ich. Dafür, das Veranstaltungsformat "Krabbelbrunch" an neuem Ort weiterzuführen, hatte sich ja neulich schon mal eine Möglichkeit abgezeichnet; in den letzten Wochen hat es zwar keine Gelegenheit gegeben, diese Option weiterzuverfolgen, aber ich denke mal, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Vor allem will und muss ich mich demnächst mal darum kümmern, irgendwo, idealerweise nicht übermäßig weit von meiner Wohnung entfernt, einen Raum für mein Büchereiprojekt zur Verfügung gestellt zu bekommen. Einen Raum und drei bis fünf Regale, mehr braucht es für den Anfang nicht. Da müsste sich doch was machen lassen... 

Ich hatte die Suche nach einem thematisch passenden Linktipp schon fast aufgegeben, als ich über diesen Artikel aus dem Online-Magazin der Marquette University in Milwaukee stolperte. Dass es sich um eine katholische Universität handelt, war für die Auswahl des Linktipps nicht entscheidend, aber ich empfinde es als ein nettes Detail. 

Es ist ein geradezu sprichwörtlicher guter Rat an Studenten, dass sie nicht versuchen sollten, in der Bücherei zu wohnen; aber Marquette-Studentin Claire Nowak hat sich gefragt: Wieso eigentlich nicht? Vielleicht ist das der ultimative Trick gegen studentische Wohnungsnot! Also hat sie es ausprobiert. Drei Tage lang. Herausgekommen ist dabei ein ebenso unterhaltsamer wie aufschlussreicher Erfahrungsbericht. Lesenswert! 

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Option Portugal (im engeren Sinne): Am ersten Weihnachtstag waren wir bei meinen Schwiegermüttern eingeladen; es gab Ente, und ich bekam dazu ein friesisch-herbes Bier, direkt aus der Flasche. Auf dem rückwärtigen Etikett der Flasche prangte der Hinweis, mit Hilfe eines Gewinncodes auf der Innenseite des Kronkorkens könne man einen Camper-Van gewinnen. Könnten wir ja gut gebrauchen für unsere "Option Portugal", dachte ich mir. Also, wenn ich das Teil jetzt wirklich gewinnen würde, mit dem Code aus dem Kronkorken einer Bierflasche, die ich mir beim Weihnachtsessen aufgemacht habe --- also wenn DAS kein Zeichen wäre...! Vor meinem geistigen Auge sah ich uns schon auf einem Campingplatz in Südportugal Lobpreisandachten und Familienkatechese für deutsche Auswandererfamilien veranstalten, aber als ich die Website der Brauerei aufrief, konnte ich nicht den kleinsten Hinweis auf dieses Preisausschreiben entdecken -- was, wie ich bei genauerer Betrachtung des Bierflaschenetiketts feststellte, daran lag, dass das Preisausschreiben schon seit Monaten vorbei war. Tja. (Das Bier war aber noch gut.) 

Jedenfalls bin ich durch dieses Bier-Erlebnis auf den Geschmack gekommen und habe im Internet mal nach Erfahrungsberichten zum Thema Camping in Portugal gesucht. Dabei bin ich auf einen Reiseblog mit dem sehr sympathischen Namen "Komm wir machen das einfach!" gestoßen, und ich würd' mal sagen, der umfangreiche, mit diversen weiterführenden Links ausgestattete "Camping in Portugal"-Artikel wird dem Spirit, der sich im Namen des Blogs ausdrückt, voll und ganz gerecht. Man möchte am liebsten gleich losfahren. (Aber ganz so schnell und unkompliziert geht es eben doch nicht.) -- Demnächst,  also vielleicht schon nächste Woche, sollte ich mir dann mal das Thema Pilgerwege in Portugal genauer ansehen... 

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(im erweiterten Sinne:) Ein paar Tage vor Weihnachten waren meine Liebste und ich in ernster Stimmung und sprachen über die totalitären Tendenzen, die sich in der Gesellschaft zunehmend breit machen. Ja, okay, zugegeben: Dass wir auf dieses Gesprächsthema kamen, hatte durchaus etwas mit den auf Facebook, Twitter und Co. grassierenden Debatten über Corona-konformes Verhalten an den Feiertagen ("Was tun, wenn Querdenker zum Essen kommen?") zu tun, aber sehen wir davon mal ab. Selbst wenn ich der Überzeugung wäre, mRNA-Impfstoffe seien die beste Erfindung seit geschnittenem Brot, fände ich es beunruhigend, wie lustvoll große Teile der Bevölkerung ihre Rechte und Freiheiten opfern, wenn man ihnen nur das Gefühl gibt, damit auf der moralisch richtigen Seite zu stehen und Andersdenkende verachten zu dürfen. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass die Coronavirus-Pandemie lediglich die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass diese Tendenzen sich ungehemmter ausleben können, dass sich aber, wenn es dieses Virus nicht gäbe, früher oder später irgendein anderer Anlass dafür hätte finden lassen. -- Damit jetzt aber genug der Kontextualisierung; eigentlich ging es in dem Gespräch zwischen meiner Liebsten und mir, von dem ich berichten wollte, gar nicht um Corona, sondern darum, dass unsere lieben Landsleute - um es mit einer Formulierung Johann Wilhelm Ludwig Gleims zu sagen - "der Despotie so hold" sind, dass sie vermutlich noch Beifall klatschen würden, wenn die Regierung nach dem Vorbild der Volksrepublik China ein "Social Credit"-System zur Durchsetzung ihrer gesellschaftspolitischen Agenda einzuführen beschlösse. "Mir macht das angst", sagte meine Liebste, woraufhin ich mich sagen hörte: "Ich habe keine Angst." Eine erstaunliche Aussage, wenn man bedenkt, dass normalerweise ich derjenige von uns beiden bin, der mehr dazu neigt, sich Sorgen um die Zukunft zu machen. Aber dieses war offenbar mal wieder einer dieser "Du bist Frodo und ich bin Sam"-Momente, die es bei uns eben auch mal gibt. 

Wie ich meiner Liebsten erklärte, war mir anlässlich der Frage, ob man Angst vor den genannten Entwicklungen haben müsse, spontan Psalm 118, Vers 6 durch den Kopf gegangen: "Der Herr ist bei mir, ich fürchte mich nicht. Was können Menschen mir antun?". -- Ich habe eine besondere Beziehung zu Psalm 118, seit der Zeit, als ich gerade anfing, das Stundengebet zu praktizieren, und mich noch nicht wirklich damit auskannte. Ich weiß nicht, woran es lag - ob die erste Stundenbuch-App, die ich auf meinem Mobilgerät installiert hatte, sich nicht automatisch aktualisierte oder ob ich einfach zu blöd war, die App richtig zu bedienen -, jedenfalls wurde mir tage- und wochenlang, wenn ich eine der Kleinen Horen beten wollte, immer und immer und immer Psalm 118 angezeigt. Wahrscheinlich hatte ich diese Ermutigung nötig. 

"Aber vielleicht", meinte meine Liebste, "kommt es irgendwann wirklich dazu, dass wir nach Portugal oder sonstwohin ziehen und auf dem Land als Selbstversorger leben müssen." 

"Wenn es dazu kommt", erwiderte ich, "dann machen wir das." 

Währenddessen im Land of the Free and Home of the Brave: Die Regierung von US-Präsident Biden plant im Rahmen eines groß angelegten Infrastruktur-Konjunkturprogramms Fördermittel in Höhe von 400 Milliarden (!) Dollar für Kleinkindbetreuung und frühkindliche Bildung locker zu machen. Toll, oder? Theoretisch können auch Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft an diesem Förderprogramm partizipieren. Noch toller, oder? -- Na ja, wie man's nimmt. Die Ausschüttung der Fördermittel ist nämlich an Bedingungen geknüpft: Geld gibt's nur für solche Einrichtungen, die sich zur Einhaltung einer "Antidiskriminierungs"-Richtlinie verpflichten, die, man ahnt es schon, u.a. Toleranz in Sachen sexueller Orientierung und Gender-Identität vorschreibt. Kritiker der Vorlage bemängeln, durch diese Richtlinie erscheine das Konjunkturpaket wie maßgeschneidert für den Zweck, religiös orientierte Träger aus dem Kinderbetreuungs-Sektor zu vertreiben. Derweil erklärt Thomas Carroll, der Leiter der Schulabteilung der Erzdiözese Boston, man werde sich nicht auf einen Handel einlassen, der der Kirche praktisch abverlange, ihren Glauben zu verleugnen: "In der katholischen Kirche haben wir eine 2.000-jährige Lehrtradition. Die geben wir nicht einfach auf, um Geld von der Regierung zu bekommen." 

Respekt für diese Haltung, kann ich da nur sagen. Ich habe den bösen Verdacht, die meisten deutschen Bistümer würden das Geld nehmen und dafür alles tun, was die Regierung von ihnen verlangt. Möglicherweise werden wir schon bald Gelegenheit haben, zu sehen, ob ich mit dieser Einschätzung richtig liege. 

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Was es sonst Neues gibt: Die Woche begann mit einer Pressemitteilung des Erzbistums Berlin: "Sechs neue Pfarreien im Erzbistum Berlin im Jahr 2022". Nanu, möchte man da ja erst mal denken: Was ist denn da los? Wachstum gegen den Trend? Eine plötzliche Bekehrungswelle? Ja, Pustekuchen. Was in Wirklichkeit passiert, ist  dass sechs Pastorale Räume ihre "Entwicklungsphase" abschließen und zu Pfarreien erhoben werden. Rein formal betrachtet ist die Überschrift der Pressemeldung also korrekt: Es handelt sich rechtlich tatsächlich um die Neugründung von Pfarreien, die es vorher nicht gab. Nur dass die betreffenden Pastoralen Räume bisher aus jeweils zwei bis vier Pfarreien bestanden, die nunmehr aufgehoben, abgeschafft, abgewickelt werden. Die "Gründung von sechs neuen Pfarreien" läuft mithin darauf hinaus, dass es im Erzbistum Berlin fortan netto elf Pfarreien weniger geben wird. 

Die Pressemitteilung vor diesem Hintergrund als "Verarsche" zu bezeichnen, wäre viel zu milde: Es ist Orwellsches Neusprech in Reinkultur. Der Satz "Zum 1. Januar 2022 werden im Erzbistum sechs neue Pfarreien errichtet" ist ein Satz wie "Transfrauen sind Frauen": der Versuch, mittels Sprachregelung die Realität außer Kraft zu setzen und eine alternative Realität zu schaffen. Die  Korruption der Sprache zielt auf die Korruption der Wahrnehmung und des Denkens. 

Ich bin durchaus bereit, anzunehmen, dass Kardinal Woelki gute Absichten hatte, als er in seiner Amtszeit als Erzbischof von Berlin den Pastoralen Prozess "Wo Glauben Raum gewinnt" ins Leben rief und damit den waghalsigen Versuch unternahm, die Flächensanierung der pfarrlichen Strukturen im Erzbistum als etwas Positives, ja geradezu als einen geistlichen Aufbruch zu verkaufen. Wahrscheinlich war auch Wunschdenken im Spiel. Aber die Auswirkungen kann man nur bizarr nennen. Es wird ein unfassbarer Aufwand betrieben, um den Schein zu wahren -- mit Festgottesdiensten, gestalteten Kerzen, Arbeitsgruppen, lokalen Pastoralplänen... eine gigantische Beschäftigungstherapie für haupt- wie ehrenamtliche Mitarbeiter, von denen man doch denken sollte, sie hätten auch ohnedies genug zu tun. 

Das ist auch - noch vor allen persönlichen und sachlichen Gründen, die speziell meine bisherige Pfarrei betrafen - ein Hauptgrund dafür, dass ich mich aus der Gremienarbeit zurückgezogen habe. Denn durch die Mitarbeit in den Gremien trägt man eben, ob man will oder nicht, zur Legitimation dieses sogenannten Pastoralen Prozesses bei, oder schärfer ausgedrückt, man wird zum Komplizen einer Lüge gemacht. Natürlich kann man aufstehen und sagen "Das ist doch alles komplett sinnlos, was wir hier machen"; aber was man dann nicht kann, ist, sich wieder hinsetzen und damit weitermachen. 

Mancher wird nun meinen, dass ich übertreibe, gar aus einer Mücke einen Elefanten mache, aber weißte was, Leser: Genau das - dass man denkt "Na, so eine große Sache ist das ja nun auch nicht" - ist Teil der Strategie. Ich kann nur immer wieder auf Vaclav Havels Beispielerzählung über den Gemüsehändler verweisen: Ein Gemüsehändler, der unter einem kommunistischen Regime lebt, kann davon ausgehen, dass er Probleme bekommt, wenn er nicht am 1. Mai oder bei ähnlichen Anlässen ein Transparent mit der Aufschrift "Proletarier aller Länder, vereingt euch!" ins Schaufenster seines Ladens hängt. Also hängt er das Transparent auf, um keinen Ärger zu bekommen, aber gleichzeitig schämt er sich ein bisschen dafür. Um dieses Schamgefühl zu beschwichtigen, sagt er sich: Na ja -- was ist eigentlich falsch daran, dass sich die Proletarier aller Länder vereinigen sollen? Und so fängt er nach und nach an, die Propaganda zu akzeptieren und an sie zu glauben. Diesen Mechanismus kann man derzeit überall beachten, sei es bei den Themen sexuelle Orientierung und Gender-Identität, in der Corona-Impfdebatte oder beim "Synodalen Weg". Aber jetzt hör ich besser mal auf -- und komme lieber zum letzten Linktipp für diese Woche: 

Schachmatt für Klimaleugner und Coronaskeptiker: Der weltgrößten Frikadellenbraterei gehen die Fritten aus, und wer ist schuld daran? Na? "Grund für die Knappheit seien die heftigen Überschwemmungen im Westen Kanadas sowie Unterbrechungen in den globalen Lieferketten wegen der Corona-Pandemie." Das Ende ist nahe! 
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Ohrwurm der Woche: Jona Lewie, "Stop the Cavalry" (1980) 

Dies war, neben "Fairytale of New York" von den Pogues feat. Kirsty MacColl, schon immer einer meiner liebsten Weihnachts-Popsongs, auch schon, als ich außer dem Wort "Christmas" noch nichts von Text verstand. Das heißt folglich auch, dass mir die Anti-Kriegs-Message des Songs zunächst völlig entging, aber irgendwann kam ich natürlich doch dahinter. Und auch wenn ich die derzeitige Lage nun wirklich nicht mit Krieg auf eine Stufe stellen will, muss ich doch sagen, dass die Refrainzeile "Wish I was at home for Christmas" mich heuer besonders angesprochen hat. Auch der Vers "She's been waiting two years long" gewinnt anlässlich dieser zweiten Corona-Weihnacht eine besondere Bedeutung. 

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Aus der Lesehore: 

Ein kleines Kind wird geboren, es ist der große König. Als die Weisen die Geburt des Königs verkündeten, erschrak Herodes und suchte das Kind zu töten, um seine Herrschaft nicht zu verlieren. Hätte er an das Kind geglaubt, hätte er hier in Sicherheit herrschen können und ohne Ende im ewigen Leben. Warum fürchtest du dich, Herodes, bei der Kunde von der Geburt des Königs? Er kommt doch nicht, dich zu stürzen, sondern den Teufel zu überwinden. Aber du erkennst es nicht, du erschrickst und wütest. Um den einen zu verderben, den du suchst, ermordest du grausam die vielen Kinder. Du mordest den Leib der Kleinen, aber die Furcht mordet dein Herz. Du meinst ein langes Leben zu gewinnen, wenn es dir gelingt, den umzubringen, der das Leben selber ist. Der Quell der Gnade, so klein und so groß, der noch in der Krippe liegt, erschreckt dich auf deinem Thron. 

Die Kinder sterben für Christus und wissen es nicht. Gott macht die Kinder, die noch nicht sprechen können, fähig, Zeugnis zu geben für ihn. Sie können noch nicht sprechen, und schon bekennen sie Christus! Noch vermögen sie nicht die Glieder zum Kampf zu regen, und schon gewinnen sie die Palme des Sieges! 

(Quodvultdeus, Predigt über das Glaubensbekenntnis) 


Montag, 20. Dezember 2021

Spandau oder Portugal #4 (4. Woche im Advent)

Meine Güte, ist so eine Woche manchmal schnell rum! Also gut, hier das Neueste: 

Option Spandau (im engeren Sinne): Die Erkundung des Pastoralen Raums Spandau-Nord/Falkensee macht Fortschritte, obwohl ich wieder nicht in der Freitagabend-Messe in St. Stephanus war (dazu später). Hingegen waren wir Mittwoch früh - und zwar die ganze Familie - in der Kapelle des St.-Elisabeth-Seniorenheims in Hakenfelde


Anlass dafür war, dass unsere Freundin und Bloggerkollegin Claudia den Jahrestag ihres Gelübdes feierte -- in sehr bescheidenem Rahmen: Außer ihr und uns (und dem Zelebranten natürlich) nahmen an der Messfeier zwei ältere Leutchen sowie eine Handvoll indischer Ordensschwestern teil, die im Haus wohnen und arbeiten. Auf jeden Fall war es aber eine schöne, wohltuend schlicht gefeierte Messe, und ich fand auch die Kapelle ausgesprochen hübsch: 


Eine interessante Geschichte hat das Haus auch: Eingeweiht wurde es 1928 als Wohnheim für erwerbstätige Frauen und Mädchen, wurde allerdings schon in den 30ern zum Seniorenheim umgewidmet -- es ist also nicht so, wie ich zunächst dachte, dass der Verwendungszweck des Hauses mit seinen Bewohnerinnen "mit-gealtert" wäre. Die Hauskapelle war zunächst eine Filiale der Spandauer Pfarrei "Maria, Hilfe der Christen", 1953 wurde St. Elisabeth dann eine eigenständige Kuratie -- bis 1975 das nur knapp zwei Kilometer entfernte Gemeindezentrum St. Lambertus eingeweiht wurde. Seither gehörte St. Elisabeth zur Pfarrei von St. Lambertus, die im Jahr 2002 wiederum mit "Maria, Hilfe der Christen" fusioniert wurde; und wie wir ja wissen, läuft derzeit der nächste Fusionsprozess: Aus dem Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee soll in absehbarer Zeit die Großpfarrei Heilige Familie werden. 

Indes verrate ich wohl kein besonders streng gehütetes Geheimnis, wenn ich sage, dass die Zukunft des (wie es im amtlichen Pastoralprozess-Sprech heißt) Ortes kirchlichen Lebens St. Elisabeth ausgesprochen ungewiss ist: Für das Seniorenheim ist bereits ein neuer Standort in Planung; ob sich kirchenintern Interessenten für eine Nachnutzung von St. Elisabeth finden lassen, erscheint eher fraglich, zumal der Standort so abgelegen ist (und der nächste Nachbar ein Gefängnis ist; JVA und j.w.d. sind wohl beides nicht so attraktive Standortfaktoren). Und da das Haus zudem (was mich eigentlich wundert) nicht einmal denkmalgeschützt ist, steht zumindest theoretisch die Option im Raum, es abzureißen. Fände ich sehr schade... 

Der Geistliche, der die Messe in St. Elisabeth zelebrierte, ist ein Freund der Familie, und wir freuten uns, ihn bei dieser Gelegenheit mal wiederzusehen. Theoretisch wäre er natürlich auch ein naheliegender Ansprechpartner für strategische Überlegungen zu unserer "Option Spandau", aber in der Zeit, die er im Anschluss an die Messe noch für uns hatte, sprachen wir dann doch hauptsächlich über andere Dinge. Wir werden darauf zurückkommen. 

Was nun die Messe am Freitagabend in St. Stephanus betrifft, hatte mir einer meiner Spandauer Kontakte in Aussicht gestellt, wenn ich da hinkäme, könnte mir im Anschluss an die Messe den Pfarrer vorstellen und mir eventuell schon mal die Gemeinderäume zeigen; das wäre natürlich sehr interessant gewesen, aber dann sagte er mir wegen eines anderen Termins doch ab. Das hätte nun nicht unbedingt zwingend dagegen gesprochen, trotzdem dort zur Messe zu gehen, aber da ich am Freitag dringend einen Artikel für die Tagespost fertigschreiben, fürs Wochenende einkaufen und Abendessen für meine Familie kochen musste, war ich letztendlich doch ganz zufrieden damit, mir den Trip nach Haselhorst zu sparen. Es kommen noch andere Gelegenheiten. Wie schon mehrfach angemerkt: Nach Weihnachten dürfte alles etwas entspannter werden -- für alle Beteiligten. 

André Görke, so viel glaube ich inzwischen herausgefunden zu haben, scheint so etwas wie der Spandau-Experte und -Korrespondent des Tagesspiegels zu sein und schreibt auch einen "Spandau-Newsletter", den ich vielleicht mal abonnieren sollte. Vorerst jedoch habe ich einen etwas älteren Artikel von ihm entdeckt, den ich recht interessant finde. Darin geht es um die Band Die Ärzte und darum, was die mit Spandau verbindet; das ist so Einiges. So zum Beispiel dass die beiden Ärzte-Begründer Jan Vetter alias Farin Urlaub und Dirk Felsenheimer alias Bela B. ihren ersten gemeinsamen Auftritt, noch unter dem Bandnamen Soilent Grün, 1981 im Evangelischen Johannesstift in Hakenfelde hatten, gerade mal eine Viertelstunde Fußweg vom oben erwähnten Haus St. Elisabeth. Wie viele Punkbands ihre ersten Karriereschritte in kirchlichen Einrichtungen machten, ist übrigens insgesamt ein spannendes Thema. -- Zu den Ärzten sei übrigens noch gesagt, dass sie mir in jüngerer Zeit zwar wegen ihrer Nähe zum Regime, die in so auffallendem Kontrast zu ihrem gern gepflegten rebellischen Image steht, eher suspekt geworden sind (insofern ist es recht passend, dass auf dem Foto zum Artikel nur Bela nicht wie ein in die Jahre gekommener Politiker aussieht, und auch der eigentlich nur dank seines zweifarbigen Haarschopfs), aber hey, ein kulturhistorisches Phänomen sind und bleiben sie so oder so, und viele ihrer Songs "von früher" höre ich immer noch gern. 

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(im erweiterten Sinne:) Es ist mir ein bisschen peinlich, aber ausgerechnet nachdem ich im vorigen Wochenbriefing auf meine regelmäßige Mittwochnachmittags-Andacht in St. Joseph Tegel hingewiesen habe, und das explizit mit der Bemerkung "wenn mal jemand vorbeikommen mag...", ist die Andacht letzte Woche ausgefallen. Stattdessen waren wir ja, wie oben erwähnt, morgens in Hakenfelde zur Messe. Jetzt hoffe ich mal, dass nicht ausgerechnet an diesem Mittwoch jemand zu meiner Andacht kommen wollte und enttäuscht wieder abgezogen ist. -- Aber ich predige hier ja nicht umsonst immer wieder, dass Punkpastoral vom Selbermachen lebt. Daher, geschätzter Leser: Solltest Du mal in eine Kirche kommen, wo eigentlich gerade eine Andacht stattfinden sollte, aber es ist kein Vorbeter da -- gib dir einen Ruck und bete selber vor! Ich weiß, das ist nicht so einfach, wenn man's noch nie gemacht hat, und kostet eine Menge Überwindung. Aber weißte was, Leser? Jeder, der so etwas macht, hat es irgendwann mal zum ersten Mal gemacht. Ich zum Beispiel dachte früher auch, ich kann sowas nicht. Bei unseren wöchentlichen Lobpreisandachten in Herz Jesu Tegel habe ich die "freien" Passagen - Eröffnungsgebet, Schriftauslegung, Bittgebet - gern meiner Liebsten überlassen, die von uns beiden einfach die ausgeprägtere charismatische Ader hat, und habe mich auf die Liedauswahl konzentriert und auf die Texte, die vom Stundenbuch her vorgegeben waren. Tja, und dann wurde meine Liebste in ihrer zweiten Schwangerschaft fast vier Monate lang zu Bettruhe verdonnert, und ich musste ihren Part in der Andacht mit-übernehmen. Und siehe da, es ging. Man kann in so etwas 'reinwachsen. Wenn man sich der Führung des Heiligen Geistes anvertraut, lässt Er einen nicht im Stich.  

Unlängst habe ich hier mal angemerkt, es bereite mir etwas Kummer, in was für eine Richtung sich Simcha Fishers Blog entwickle. Aber da geht's mir ähnlich wie mit den Ärzten (s. Linktipp 1): Die alten Sachen sind immer noch gut. Habe daher mal einen Artikel herausgesucht, den ich sehr mag und der mir zudem dazu zu psssen scheint, was ich gerade über das Sich-Überwinden zum Vorbeten geschrieben habe; auch wenn es in dem Artikel nicht ums öffentliche Vorbeten geht, sondern ums private Gebet. Dies allerdings mit einem besonderen Fokus darauf, sich auch an solche Gebrtsformen heranzutrauen, von denen man zunächst meint, dass sie einem "nicht so liegen". Im Besonderen geht es um das Beten mit dem Stundenbuch, eine Praxis, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, nachdem ich sie erst relativ spät "entdeckt" habe. Simcha Fisher bezieht Zeugnisse zweier damals ziemlich "frischer" Konvertitinnen, Leah Libresco (die ich in meinem Blog schon öfter erwähnt habe und mit der ich, so viel Wichtigtuerei sei mir erlaubt, in gelegentlichem eMail-Kontakt stehe) und Jen Fulwiler, in ihre Ausführungen ein. 

Man beachte übrigens, dass Simcha Fisher damals noch (unter anderem) für das National Catholic Register schrieb. Vier Jahre später wurde sie dort gefeuert, auf das Betreiben von Leuten hin, denen sie zu unkonventionell, zu frech und außerdem zu Trump-kritisch war. Ich schätze, die damalige Kampagne gegen sie wirkt sich bis heute auf ihre Arbeit aus. Aber das mal nur am Rande. 

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Option Portugal (im engeren Sinne): Ich war schon drauf und dran, zu schreiben "In dieser Kategorie gibt es weiterhin nichts Neues", aber just in dem Moment entdeckte meine Liebste im Internet ein Foto, das ein Dorf auf einer Steilküste zeigte - einer sehr, sehr hohen Steilküste -, und eine derart intensive Aussteiger-Romantik ausstrahlte  dass es geradezu zwingend die Frage nach sich zog: "Wo ist das?" Antwort: Der Ort befindet sich tatsächlich in Portugal, heißt Azenhas do Mar und ist nicht weit entfernt vom westlichsten Punkt des europäischen Festlands, dem Cabo da Roca. Die Vorstellung, aus dem Fenster zu schauen und nichts als Meer zu sehen, löst bei mir eine ganz eigentümliche Mischung aus Fernweh und Heimatgefühlen aus. -- Im portugiesischen Wikipedia-Artikel über den Ort Azenhas do Mar habe ich (mit Hilfe der automatischen Übersetzung von Google; meine Portugiesisch-Kenntnisse gehen bislang nicht wesentlich über "bom dia" und "tudo bem" hinaus) eine eher knappe Bemerkung über lokales religiöses Brauchtum gefunden, umd bei dem (speziell auf diesen Ort bezogen leider nicht erfolgreichen) Versuch, Genaueres darüber in Erfahrung zu bringen, bin ich auf diese Quelle gestoßen: 

Zugegeben: Mit präzisen Informationen glänzt diese Seite nicht gerade. Aber wenn ich da lese "Neben den nationalen Feiertagen gibt es überall im Land und das ganze Jahr hindurch traditionelle Festtage", dann macht mir das schon Lust auf die "Option Portugal". Weiter heißt es: "Jede Gemeinde hat 'ihr' eigenes Fest – und das ist oft eng mit dem Stadt- oder Dorfheiligen verbunden." Sehr löblich -- wobei anzumerken wäre: Das gab es hierzulande auch mal. Unsere Großeltern wussten noch davon zu erzählen. Was aber im Grunde nur ein Grund mehr ist, sich zu wünschen, dass die eigenen Kinder mit solchen Sitten aufwachsen -- um dann irgendwann ihren Enkeln davon erzählen zu können. Im weiteren Verlauf des Artikels erfährt man dann noch mancherlei über die "[v]or allem in den eher abgelegenen Dörfern im nördlichen Portugal" verbreiteten Kirchweihfeste ("Romarias"), über Wallfahrten, Prozessionen, Trachten und mit bestimmten festlichen Anlässen verbundene Speisen; alles in allem könnte man den Eindruck bekommen, ganz Portugal wäre eine Art katholisches Bullerbü. Ist wahrscheinlich etwas idealisiert dargestellt, aber neugierig macht es mich schon. 

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(im erweiterten Sinne:) Unerwartet gute Nachrichten gibt es derweil aus der Heimat -- genauer gesagt und ausgerechnet aus dem Problemstadtteil Nordenham-Einswarden, auf den ich hier in meinem Blog schon öfter mein Augenmerk gerichtet habe. Insbesondere galt mein Interesse dabei der 1928 geweihten Kirche Herz Jesu, die bereits seit Ende 2015 ungenutzt war und Ende November 2019 schließlich profaniert wurde. Gebäude und Grundstück sollten verkauft werden, hieß es, aber wer Interesse haben könnte, das Ensemble zu kaufen - und zu welchem Zweck -, blieb zunächst unklar. Auf diese Frage gibt es nun eine Antwort, und sie ist besser, als ich es mir hätte träumen lassen. Denn nun ist der Verkauf in Sack und Tüten, und der Käufer ist...: das Koptisch-Orthodoxe Bistum Norddeutschland! Der betreffende Bericht auf NWZ Online befindet sich hinter einer Bezahlschranke, aber ich habe ja zum Glück meine Kontaktpersonen vor Ort, die mir den vollständigen Artikel zugänglich gemacht haben. Eine "Bildungs- und Exerzitienstätte", erfährt man da, wollen die Kopten in Einswarden einrichten, mit einem "besonderen Schwerpunkt auf Angebote für Kinder und Jugendliche". Zu diesem Zweck soll in der ehemaligen katholischen Kirche "ein Mönch stationiert" werden. Jucheirassa! Habe ich nicht schon vor Jahren die Rückkehr der Mönche in die Wesermarsch prophezeit? -- Okay, "prophezeit" ist nicht ganz das richtige Wort, es war mehr so in den Tag hinein gewunschträumt; aber dass mir gefälligst keiner mehr damit kommt, die Luftschlösser, die ich in meinem Blog zu bauen geruhe, wären realitätsfern! Okay, es ist (vorerst) nur ein Mönch, und kein katholischer. Aber ich freue mich und bin gespannt auf die Dynamik, die diese Gründung in diesem geistlich verödeten Landstrich in Gang setzen wird. "Als  Einzugsbereich" für das neue Zentrum werden in dem Presseartikel "die koptischen Gemeinden in Bremen, Hamburg, Hannover und Wilhelmshaven" genannt; das nenn' ich mal sportlich. Weiter heißt es, es sei "eine enge ökumenische Zusammenarbeit mit der St.-Willehad-Gemeinde geplant"; na, die werden sich wundern, auf beiden Seiten. -- Wie dem auch sei: Wenn es mir irgendwann mal wieder möglich sein wird, mit der Familie nach Nordenham und/oder Butjadingen zu reisen, werde ich dem neuen koptischen Exerzitienzentrum auf jeden Fall einen Besuch abstatten. Ich bin schon jetzt voller gespannter Vorfreude. 

Bloggerkollege Peter Winnemöller nimmt die familienpolitischen Pläne der neuen Bundesregierung unter die Lupe -- und stellt fest: Das Modell "Ein Mann, eine Frau und ihre gemeinsamen Kinder" hat als familienpolitische Norm ausgedient. Okay, das ist nicht unbedingt überraschend; aber was das konkret im Einzelnen bedeutet - Ausweitung des Sorgerechts auf mehr als zwei Personen, "Verantwortungsgemeinschaft" als neue, trendige Umschreibung für legale Polygamie, ein Abstammungsrecht, das vo  der leiblichen Verwandtschaft abgekoppelt wird - ist alles andere als banal. "Für Katholiken", so prognostiziert Peter Winnemöller, "brechen in gewisser Weise finstere Zeiten an": 
"Noch kann nicht die Rede von Verfolgung sein, doch Angriffe und Diskriminierungen nehmen zu. Da auch die Bischöfe sich dem Mainstream geschmeidig anschmiegen, wird es auch im Binnenraum der Kirche immer kühler." 
Was also ist zu tun?[...] Peter Winnemöller meint: Es braucht eine Benedikt-Option für Familien (auch wenn er diese Bezeichnung nicht explizit verwendet). 
"Langfristig wird es darum gehen, Inseln zu bauen. Auch geografische Areale, in denen gleichdenkende zusammen in räumlicher Nähe leben und für sich die Diversität einfordern so zu leben, wie sie es wollen und ihre Kinder so zu erziehen, wie es ihnen recht erscheint und ihre Alten bei sich zu behalten, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Klingt romantisch? Ist es aber nicht. Solche Areale werden nur mühsam am fortschreitenden Wohlstand partizipieren können. Das muss man wissen."
Solche "Inseln", die es christlichen Familien erlauben sollen, ihrem Glauben und ihren Überzeugungen entsprechend zu leben, auch wenn die Welt sie dafür hasst, sind aber nicht nur dazu da, sich selbst und die eigenen Angehörigen vor der bösen Welt in Sicherheit zu bringen und dann gelassen zuzusehen, wie alles andere den Bach runtergeht. Vielmehr geht es darum, "in der gelebten Praxis" eine Alternative zur zunehmenden Dekonstruktion der Familie aufzuzeigen. Mit dieser Klarstellung beweist Peter Winnemöller, dass er den Grundgedanken der #BenOp besser verstanden hat als die Meisten. 
"Letztendlich erfinden wir doch damit das Rad gar nicht neu. In der Antike waren Christen die, die keine Kinder aussetzten, keine Alten töteten, sich um Kranke kümmerten. Christen sind die, die nicht Abtreiben, keine Sterbehilfe leisten, die die Kinder annehmen, die Gott ihnen schenkt und ohne In Vitro- Fertilisation etc. auskommen, in der Ehe treu sind, die Armen helfen und im Grunde so gegen den Mainstream schwimmen, dass man sich die Augen reibt, wie es sowas geben kann." 
Darum geht's. Zeugnis geben nicht nur mit Worten, sondern mit seinem ganzen Leben ein Zeugnis sein

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Was es sonst Neues gibt: Wie schon erwähnt, habe ich in der zurückliegenden Woche mal wieder einen Beitrag für die Tagespost verfasst. Einen Essay fürs Feuilleton, der in der Weihnachtsausgabe erscheinen soll. Die thematische Vorgabe der Redaktion lautete "etwas Frommes ohne Corona"; das war mir ausgesprochen recht, aber wie es bei mir so oft der Fall ist, machte ich mich erst konsequent an die Arbeit, als der Abgabetermin bereits am Horizont dräute. Jetzt freue ich mich aber auf die Veröffentlichung. 

Neues gibt es auch von der WENIGER-Konferenz, die ja, wie neulich schon erwähnt, aus pandemischen Gründen "noch WENIGER" wird als ursprünglich geplant. Das wirkt sich zum Beispiel dahingehend aus, dass gar nicht so viele Personen teilnehmen können und dürfen, wie bereits Tickets verkauft wurden. Nun könnte das Gebetshaus Augsburg, das die Veranstaltung ausrichtet, möglicherweise darauf spekulieren, dass dieses Problem sich von selbst reguliert, weil bestimmt ein gewisser Teil der Ticket-Inhaber die Voraussetzungen für die 2G-Regel nicht erfüllt und deshalb nicht teilnehmen kann; umso sympathischer finde ich es, dass die Veranstalter nicht diesen Weg wählen, sondern stattdessen alle bereits verkauften Tickets rückerstatten und mit dem Vorverkauf noch einmal von vorn beginnen. 

Mein letzter Linktipp für diese Woche betrifft ein Thema, das in meinem kommenden Tagespost-Artikel erwähnt wird, dort allerdings nicht viel mehr als eine Randbemerkung ist: 

Eins vorweg: Die Sängerin Billie Eilish, die vorgestern ihren 20. Geburtstag gefeiert hat (Alles Gute nachträglich!) ist mir dem Namen nach ein Begriff - letztes Jahr hat sie alle vier Hauptkategorien der Grammy Awards abgeräumt -, aber da ich irgendwann in den "Nuller Jahren" aufgehört habe, mich aktiv für Neuerscheinungen auf dem Popmusikmarkt zu interessieren, habe ich keine Ahnung, wie ihre Musik klingt. Sehr gut möglich, dass ich das eine oder andere Lied von Billie Eilish kenne, weil ich's mal im Einkaufsradio oder in unverlangt aufpoppenden Werbevideos im Internet gehört habe, aber ich wüsste es nicht. Natürlich hätte ich mir, wenn ich schon über die junge Dame schreibe, ein paar Songs von ihr auf YouTube anhören können, habe mir aber gedacht: Nö, nun gerade nicht. Denn darum, ob mir ihre Musik gefällt oder nicht, geht's hier nicht, also will ich mich davon auch nicht beeinflussen lassen. 

Worum geht's dann? Darum, dass eine enorm populäre, als "Stilikone für Mädchen ihrer Generation" gehandelte Popsängerin öffentlich vor den psychischen Folgeschäden von Pornographiekonsum warnt. So etwas erwartet die Öffentlichkeit ja normalerweise eher von evangelikalen Predigern und rechtsgerichteten Kolumnisten. Billie Eilish verweist jedoch auf ihre eigenen Erfahrungen: Sie habe mit elf Jahren angefangen, Pornos zu schauen, und es habe ihr "Gehirn zerstört". Sie habe Albträume und Schlafstörungen davon bekommen, und nicht zuletzt habe ihr Pornokonsum sich negativ auf ihre ersten eigenen sexuellen Erfahrungen ausgewirkt. Mancher wird sagen "Na ja, aber dass Pornos nichts für Elfjährige sind, ist ja wohl klar"; aber wie man so hört, scheint das tatsächlich ein ziemlich typisches Einstiegsalter zu sein. Im Übrigen, so Billie Eilish, sei Pornographie entwürdigend für Frauen, vermittle ein unrealistisches Bild von Sexualität und (ver)führe dazu, missbräuchliche und gewalttätige Sexualpraktiken für normal zu halten. Nun sehe ich natürlich direkt Leute wie Rolf Krüger vor mir, die erklären, ja, Pornos, auf die diese Kritik zutreffe, seien natürlich schlimm und abzulehnen, aber es gebe auch ethisch einwandfreie Pornographie. Woraufhin ich mit den Augen rolle und etwas nicht Zitierfähiges murmele. 

Auf der anderen Seite kann man sich natürlich fragen: Wenn man nun schon vorher wusste, dass Pornographie schlecht ist, was ist dann so bemerkenswert an Billie Eilishs Einlassung? Worauf ich mit "Federalist"-Autorin Madeline Osburn antworten möchte: Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich in der sogenannten "Generation Z" vermehrt Zweifel regen, ob die sexuelle Revolution wirklich ein reiner Segen war. Dass das manchen Leuten nicht gefällt, ist auch wiederum kein Wunder. 

(Nebenbei bemerkt: Natürlich gibt es auch deutschsprachige Quellen zu dieser Meldung. Aber ich hatte wirklich keine Lust, hier stern oder Bild zu verlinken, und im Übrigen hat mir eine schnelle Google-Recherche den Eindruck vermittelt, dass das, was die deutschen Medien zu diesem Thema bringen, nicht wesentlich über schlecht übersetzte Agenturmeldungen hinausgeht.)

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Ohrwurm der Woche: Ton Steine Scherben, "Allein machen sie dich ein" (1972) 

Ich fürchte, ich habe einen fragwürdigen Einfluss auf den Musikgeschmack meiner kleinen Tochter: Nachdem sie schon seit unserem letzten Urlaub eine ausgeprägte Vorliebe für das Frühwerk Udo Lindenbergs entwickelt hat, hat sie nun auch Ton Steine Scherben für sich entdeckt. Für den Song "Allein machen sie dich ein" habe ich mich zunächst vor allem wegen der Titelähnlichkeit zu dem NGL-Kanon "Einsam bist du klein" interessiert (den Einfluss von Ton Steine Scherben auf das Genre "Neues Geistliches Lied" betrachte ich als ein Phänomen, das der Angloamerikaner als "hiding in plain sight" bezeichnen würde: Es fällt nur deshalb niemandem auf, weil niemand danach fragt); allerdings haben diese Lieder über die Titelzeile hinaus gar nicht so viel miteinander gemeinsam. Dafür hat "Allein machen sie dich ein" aber vom Stil her bemerkenswerte Ähnlichkeit mit "The Ballad of John and Yoko" von den Beatles,  was mich daran erinnert, dass John Lennons Wandlung von "Die Beatles sind beliebter als Jesus" hin zu "Ich BIN Jesus" auch ein ziemlich spannendes Thema ist. Christ, you know it ain't easy. Aber ich schweife ab. 

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Aus der Lesehore: 

Maria sagt: Mit so großer und unvorstellbarer Gnade hat der Herr mich erhöht, daß kein Wort es zu erklären vermag und daß es kaum mit der innersten Bewegung des Gemütes erfaßt werden kann. Darum biete ich alle Kräfte meiner Seele auf, um Lob und Dank zu sagen. Indem ich seine grenzenlose Größe betrachte, gebe ich freudig dankend alles dahin, alles, was ich erlebe, fühle und denke. Denn mein Geist erfreut sich an der Gottheit Jesu, des Retters, der in der leiblichen Empfängnis die Frucht meines Leibes geworden ist. 

(Beda Venerabilis, Kommentar zum Lukasevangelium) 


Montag, 13. Dezember 2021

Spandau oder Portugal #3 (3. Woche im Advent)

Draußen ist es bitterkalt, Deutschland schmachtet in den Banden der 2G-, wo nicht gar der 2G+-Regel, die Ampelkoalition ist im Amt, und in Hinblick auf Pläne, Projekte und allgemein zu erledigende Aufgaben schalten so allmählich alle in den "Da kümmern wir uns nach den Feiertagen drum"-Modus. Zu allem Übel ist bei unserem Jüngsten gerade eine ansteckende Bindehautentzündung diagnostiziert worden, was natürlich für einige Komplikationen im Familienalltag sorgt; das hat auch dazu beigetragen, dass dieses Wochenbriefing etwas verspätet und ohne Linktipps erscheint (nächste Woche gibt's wieder welche...!) -- Trotzdem gibt es interessante Neuigkeiten und vielversprechende Entwicklungen zu berichten -- und zwar vor allem in der Rubrik

Option Spandau (im engeren Sinne): Am vergangenen Montag waren wir, wie geplant, mit der ganzen Familie in der "Nikolausandacht für Familien" in St. Joseph im Spandauer Ortsteil Siemensstadt. Ein sympathisches Patrozinium - dass der Hl. Josef mir, seit ich selbst Familienvater bin, besonders am Herzen liegt, habe ich ja schon verschiedentlich erwähnt - und auch ein durchaus schön gestalteter Kirchenraum: 


Die Andacht war naturgemäß auf den Verständnishorizont von Kindern im Vor- bis maximal Grundschulalter ausgerichtet, dennoch darf ich zu Protokoll geben, dass ich sie vom katechetischen Gehalt her deutlich überzeugender fand als vieles Andere, was einem im volkskirchlichen Bereich so an Veranstaltungen für Kinder geboten wird. Sehr gut gefiel mir etwa, dass in der Nacherzählung einer Wundergeschichte aus dem Leben des Hl. Nikolaus nachdrücklich betont wurde, Nikolaus habe nicht aus eigener Kraft Wunder vollbracht, sondern durch das Gebet und im Vertrauen auf Gott; und dass Nikolaus nicht einfach irgendwie ein "guter Mensch" war, sondern dass seine guten Taten Ausdruck der Nachfolge Christi waren. 

Im Anschluss an die Andacht unterhielten wir uns noch mit ein paar (haupt- und ehrenamtlichen) Mitwirkenden der Veranstaltung; das war ausgesprochen nett, und im weiteren Verlauf der Woche gab es dann noch einige Sondierungsgespräche mit Kontaktpersonen aus dem Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee: über die Sozialstruktur der verschiedenen Ortsteile und das damit verbundene spezifische Profil der einzelnen Gemeindestandorte, über bereits bestehende, ehemalige und mögliche zukünftige Initiativen und Projekte im Gemeindeleben und so weiter. Natürlich auch und nicht zuletzt mit Blick darauf, wie wir uns da einbringen können -- und ich sag mal: Es zeichnen sich Möglichkeiten ab! Konkret z.B. die Möglichkeit, das Veranstaltungsformat "Krabbelbrunch", mitsamt der von uns auf eigene Kosten angeschafften Ausstattung, in eine Spandauer Gemeinde zu verlegen. Hundertprozentig spruchreif ist das natürlich noch nicht, u.a. deshalb, weil die maßgeblichen Entscheidungsträger vor Weihnachten begreiflicherweise schon mehr als genug Anderes um die Ohren haben, und dann natürlich auch, weil man erst mal schauen muss, wie die Corona-Vorschriften sich weiter entwickeln. Aber im Prinzip sieht's gut aus -- und ich bin optimistisch, dass sich über kurz oder lang auch für das Büchereiprojekt eine Lösung finden wird. 

Eigentlich hatte ich zudem vorgehabt, am Freitag nach St. Stephanus in Haselhorst zur Werktags-Abendmesse zu gehen, aber schließlich wurde doch nichts daraus. Vielleicht klappt's ja diese Woche. 

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(im erweiterten Sinne:) Ein Thema, von dem ich behaupten möchte, dass es im erweiterten Sinne zur "Option Spandau" gehört, und das allmählich an Dringlichkeit gewinnt, ist die Frage: Wie geht's eigentlich mit den "Lebendigen Steinen" weiter? Denn weitergehen soll es damit auf jeden Fall, und ehrlich gesagt freue ich mich sehr darauf  zukünftig nicht mehr auf die Befindlichkeiten irgendwelcher Leute in der Pfarrei Herz Jesu Tegel bzw. im Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd Rücksicht nehmen zu müssen (die wahrscheinlich gar nicht ahnen, in welchem Maße ich das tatsächlich getan habe). Von Polemik möchte ich die Zeitschrift - im Unterschied zu diesem Blog - zwar weiterhin möglichst freihalten, jedenfalls soweit mein Temperament es erlaubt; aber ein gewisses Potential, hinsichtlich der inhaltlichen Ausrichtung des Heftes auf Neuevangelisierung und Gemeindeerneuerung noch radikaler zu werden, sehe ich durchaus. Für die nächste Nummer, die vielleicht nicht ganz pünktlich zum Jahreswechsel, aber jedenfalls im Januar erscheinen wird und den programmatischen Titel "Ein neues Lied" tragen soll, habe ich jedenfalls schon eine Reihe von Ideen. Allerdings möchte ich gleich schon mal ankündigen, dass es die Zeitschrift bis auf Weiteres erst mal nur online geben wird. Ausdrucken und an Leute weiterverbreiten, die kein Internet haben oder einfach lieber auf Papier als am Bildschirm lesen, dürft Ihr das Heft gerne selber, Freunde. Wenn sich die "Option Spandau" weiter gut entwickelt, findet sich vielleicht irgendwann eine Lösung für die Übernahme der Druckkosten, aber das sehen wir zu gegebener Zeit. 

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Option Portugal: Hier gibt es praktisch nichts Neues zu berichten, außer dass meine Liebste neulich beim Essen aus heiterem Himmel sagte: "Also, wenn ich ein bis zwei Millionen bekäme, um entweder Familienpastoral in der Lüneburger Heide zu machen oder deutsche Freilerner-Familien auf einem Campingplatz in Portugal zu missionieren -- ich würd' den Campingplatz in Portugal nehmen." 

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Was es sonst Neues gibt: Unsere wöchentliche Lobpreisandacht, die wir mehr als drei Jahre lang immer dienstags um 17:30 Uhr in Herz Jesu Tegel abgehalten haben, steht seit letzter Woche nicht mehr im Wochenplan der Pfarrei; stattdessen habe ich seit nunmehr vier Wochen, ohne irgendjemanden davon zu informieren, jeden Mittwoch um 15 Uhr in St. Joseph Tegel eine kleine Andacht abgehalten -- meist eine Kombination aus den Psalmen der Non vom jeweiligen Tag, einer biblischen Lesung, den Fürbitten der Vesper vom Tag und ein bisschen Lobpreismusik. In dieser Form habe ich am vergangenen Mittwoch auch das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria gefeiert. Ich gedenke diesen wöchentlichen Termin bis auf Weiteres beizubehalten, also wenn mal jemand vorbeikommen mag... Natürlich ist das nur eine Übergangslösung. Mir wäre schon daran gelegen, dass es mittelfristig wieder einen "offiziellen" Ort und Termin für unsere Lobpreisandacht gibt. Aber ich schätze mal, da kümmern wir uns nach Weihnachten drum... 

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Ohrwurm der Woche: Horst Evers feat. Benedikt Eichhorn, "Spandau" (2008) 


"Wo ist nachts keine Sau, aber die Havel blau? Ja, ganz genau: Spandau! 
Wo sag'n sich Mann und Frau, Füchse und Kabeljau Gut' Nacht und Ciao? Spandau!" 

Dies mal zur Feier der Tatsache, dass die "Option Spandau" nach derzeitigem Stand der Dinge klar vorn liegt. 

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Aus der Lesehore: 

Du allein bist wahrhaft der Herr; dein Herrschen über uns ist für uns Rettung; dir dienen heißt für uns nichts anderes als von dir gerettet werden.Herr, bei dem das Heil ist und der du der Segen bist für dein Volk; Wodurch werden wir von dir gerettet, wenn nicht dadurch, dass wir von dir empfangen haben, dich zu lieben und von dir geliebt zu werden?
So ist es ganz gewiss: Du hast uns zuerst geliebt, damit wir dich lieben. Nicht als ob du es nötig hättest, von uns geliebt zu werden, sondern weil wir nicht sein können, wozu du uns geschaffen hast, ohne dass wir dich lieben. 

(Wilhelm von St. Thierry, Über die Anschauung Gottes)

 

Montag, 6. Dezember 2021

Spandau oder Portugal #2 (2. Woche im Advent)

Herzlich willkommen zum neuen Wochenbriefing! Nachdem die erste Folge dieser Reihe vor allem deshalb recht umfangreich geraten war, weil ich darin die Geschehnisse aus rund vier Wochen Blogpause nachliefern musste, wird's diese Woche etwas übersichtlicher; indes wage ich zu prognostizieren, dass spannende Wochen vor uns liegen. Vorweg möchte ich mich entschuldigen, dass im aktuellen Artikel das allgegenwärtige Thema mit dem großen C eine recht große Rolle spielen wird. Eigentlich würde ich lieber möglichst wenige Worte darüber verlieren. Aber man kommt ja im täglichen Leben schlechterdings nicht drum herum. Ich verspreche aber, ich werde in Zukunft wieder mehr über andere Themen schreiben, sofern und sobald es welche gibt. -- So, und nun genug der Vorrede! 

Option Spandau (im engeren Sinne): Die vergangene Woche hat gezeigt, dass der benachbarte Stadtbezirk Spandau in unerwartete Ferne gerückt ist durch einen Umstand, der "3G in öffentlichen Verkehrsmitteln" heißt. Man könnte denken, sooo eine große Hürde wäre es ja nicht, sich ca. eine halbe Stunde, bevor man irgendwo hin will, einen Nasenabstrich machen zu lassen -- zumal es nichts kostet; aber eine Hürde ist es eben doch, und so bleibt man im Zweifel doch lieber in seinem eigenen Kiez (was ja wohl auch Sinn der Sache ist). Trotzdem zeichnen sich, was die "Option Spandau" angeht, vielversprechende Entwicklungen am Horizont ab. Allzu viel kann ich darüber noch nicht verraten, aber  es hat in den letzten Tagen erste Kontakte zu pastoralen Mitarbeitern der einen oder anderen Spandauer Pfarrei gegeben, und Sondierungsgespräche über eine mögliche Mit- bzw. Zusammenarbeit könnten schon bald folgen. Außerdem wollen wir heute Nachmittag bzw. Abend in St. Joseph Siemensstadt zur Nikolausandacht; wir haben gehört, da kommt man mit 3G rein. 

Es gibt in Spandau einen Pilgerweg? Echt? Na ja - zumindest sowas Ähnliches. Auf den ersten Blick kann ich nicht genau erkennen, was genau die verschiedenen Rundwege, die auf der verlinkten Seite vorgestellt werden,  zu Pilgerwegen qualifiziert und also von ganz profanen Wander- oder Sightseeingtouren unterscheidet; aber da das Ganze eine Initiative der evangelischen Kirche ist, besteht durchaus die Möglichkeit,  dass die Initiatoren das selbst nicht wissen bzw. sich über den Unterschied nicht im Klaren sind. Vielleicht käme das aber einfach mal auf einen Versuch an. Lust hätte ich jedenfalls schon, diese Wanderungen durch Spandau mal auszuprobieren -- wenn auch vielleicht eher nicht im Winter: Die drei launig "Stadt" - "Land" - "Fluss" betitelten Fußwanderrouten sind auf jeweils sechs bis acht Stunden angelegt. 

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(im erweiterten Sinne:) Neulich - in der Nacht von Donnerstag auf Freitag - hatte ich einen interessanten Traum, der mir irgendwie zum Thema zu passen scheint und den ich daher, soweit ich ihn aus der Erinnerung noch rekonstruiert kriege, hier wiedergeben möchte. In diesem Traum ging ich die Yorckstraße in Kreuzberg oder jedenfalls eine ziemlich ähnlich aussehende Straße entlang und kam an einer Kirche vorbei (die allerdings keine besondere Ähnlichkeit mit der wirklich in der Yorckstraße gelegenen Kirche St. Bonifatius hatte). Durch eine große Glastür (!) sah ich, dass drinnen Licht an war und dass da Leute waren; darauf reagierte ich freudig überrascht und trat ein. Ich fand mich in einem großen, hellen Foyer wieder; gegenüber dem eigentlichen Gottesdienstraum war ein kleiner Raum, dessen Tür offen stand - anscheinend so etwas wie eine Sakristei -, und durch die offene Tür konnte man sehen, dass da eine Monstranz mit dem Allerheiligsten auf einem Tisch stand. Ein paar Männer in schwarzen Anzügen, die das sahen, knieten sich auf den Fußboden, und ich tat es ihnen gleich. Immer mehr Menschen versammelten sich im Foyer, und dann trat ein Mann vor, der Jackett, Hemd und Schlips in einer Farbkombination trug, als hätte der farbenblinde Opa aus Isabel Abedis "Lola"-Büchern sie ausgesucht, und begann eine Ansprache oder Predigt. Einem Flyer, den mir irgendwer in die Hand gedrückt hatte, entnahm ich, dass ich den "Außenminister" dieser Kirchengemeinde vor mir hatte. Seine Rede wurde von allerlei spontanen Zwischenrufen aus dem Publikum begleitet, die allerdings offenbar nicht als Störung aufgefasst wurden, sondern vielmehr erwartet und erwünscht zu sein schienen; der "Außenminister" griff diese Einwürfe jedenfalls stets souverän auf. -- Ich vermute, dass dieser Traum zumindest teilweise von meiner Lektüre des Buches "Heiße (W)Eisen" von Lothar Zenetti beeinflusst war, insbesondere von dem Kapitel "Die erneuerte Gemeinde". Auf dieses in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte, 1966 erschienene Buch werde ich in Zukunft wohl noch öfter eingehen, nicht zuletzt in der nächsten Ausgabe der "Lebendigen Steine". -- Ein paar Nächte zuvor habe ich geträumt, dass ich eine Lobpreisandacht in einer kleinen Kirche leitete, die ein bisschen Ähnlichkeit mit Herz Mariä Burhave hatte und ziemlich gut besucht war; unter Corona-Bedingungen geradezu verboten gut besucht

Man könnte wahrscheinlich darüber streiten, ob man den zuletzt erwähnte Traum - da er an einem nicht identifizierbaren bzw. fiktiven Ort spielte - nicht eher der "Option Portugal im erweiterten Sinn" hätte zuordnen sollen; definitiv der erweiterten Spandau-Option zuordnen möchte ich hingegen das folgende Thema: Bereits am 1. Adventswochenende war mir die Information zugespielt worden, am Sonntag um 16 Uhr solle es auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte - vor der derzeit wegen Sanierung geschlossenen St.-Hedwigs-Kathedrale - eine Gebetswache unter dem Motto "Kein 2G - Kirche für alle" geben. Da wollte ich eigentlich hin, aber eine Verkettung ungünstiger Umstände verhinderte es. Dann erfuhr ich jedoch, dass die Aktion an den folgenden Adventssonntagen fortgesetzt werden sollte -- und am 2. Advent, also gestern, war ich dabei. Zusammen mit meiner Tochter übrigens. 


(Man beachte den Schriftzug "Future Cathedral" im Hintergrund...)

Es hieß,  am 1. Advent hätten über 60 Personen an der Gebetswache teilgenommen; ganz so viele waren es diesmal nicht, aber meiner vorsichtigen Schätzung nach mindestens 40. Besonders ermutigend fand ich, dass der Altersdurchschnitt bedeutend niedriger war als bei einer durchschnittlichen Sonntagsmesse einer durchschnittlichen Pfarrei. Ein nicht geringer Teil der Anwesenden war jünger als ich, einige Kinder, teils ungefähr im Alter meiner Tochter, teils ein bisschen älter, waren auch dabei. Ich traf ein paar Bekannte, dazu einige, die ich zwar nicht kannte, die aber mich kannten. Die Veranstaltung fand ich wirklich schön: Nach einer kurzen Begrüßungsansprache wurde zunächst Psalm 24 vorgebetet, dann ein Bericht über die von Papst Gregor dem Großen angeführte Bußprozession gegen die Pest im Jahr 590 in Rom vorgetragen; ein Adventslied wurde gesungen und schließlich gemeinsam der Rosenkranz gebetet. Zahlreiche Passanten verschafften der Veranstaltung beträchtliche Öffentlichkeitswirksamkeit. "Na, wie fandest du unser kleines Abenteuer?", fragte ich meine Tochter, und sie erwiderte: "Ganz schön cool!" Ich schätze, nächsten Sonntag gehen wir da wieder hin, wenn uns nichts dazwischen kommt. 

Wie ich neulich schon mal anmerkte, lautet eine für die "Option Spandau im erweiterten Sinne" nicht unerhebliche Frage, ob es unter den derzeitigen Bedingungen überhaupt etwas nützt, innerhalb Deutschlands "woanders hinzugehen". Ob man nicht überall mehr oder weniger dieselben desolaten Verhältnisse vorfinden würde  Was das angeht,  gibt es bemerkenswerte Neuigkeiten aus dem Südwesten der Republik: Während das Erzbistum Berlin gerade verfügt hat, dass für Gottesdienste in der Advents- und Weihnachtszeit grundsätzlich die 2G-, mindestens aber die 3G-Regel zu gelten habe, hat das Erzbistum Freiburg seinen Pfarreien die Einführung von 2G- oder 3G-Zugangsbeschränkungen für Gottesdienste verboten. Damit schwimmt die badische Erzdiözese derart entschlossen gegen den allgemeinen Strom der Zeit, dass ich die Meldung mehrmals lesen musste, um sicher zu gehen, dass ich sie nicht missverstanden hatte. Besonders die Begründung lässt aufhorchen: Gottesdienste seien "Teil der wesentlichen Daseinsvorsorge (wie z.B. auch der Einkauf im Lebensmittelgeschäft). Als solches soll der Zugang für alle Menschen möglich sein - unabhängig davon, ob die Person immunisiert oder getestet ist: Die freie Religionsausübung ist ein besonders geschütztes Recht." Na hallo! Ein schönes Zeichen in Sachen Ökumene wäre es nun natürlich, wenn das Erzbistum Freiburg sich der bisher, soweit ich sehe, ausschließlich von freikirchlichen Gemeinden und Verbänden getragenen Initiative "Wir schließen niemanden aus" anschlösse, die ich letzte Woche hier vorgestellt habe; aber das ist wohl eher noch unwahrscheinlicher als das Statement selbst. 

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Option Portugal (im engeren Sinne): Ob man's glaubt oder nicht, auch in dieser Kategorie gibt es Neuigkeiten. Meine Liebste hat in der zurückliegenden Woche nämlich über Kontakte aus dem kindergartenfrei-Netzwerk eine Familie kennengelernt, die bis vor einiger Zeit in Mexiko gelebt hat und jetzt in Berlin lebt, aber bereits plant, im Januar für ein paar Wochen nach - jawohl - Portugal zu reisen, um zu testen, wie es sich da so leben lässt. Von dieser Familie hat meine Liebste auch erfahren, dass es irgendwo im Süden Portugals einen Campingplatz geben soll, der bevorzugt von deutschen Freilerner-Familien (und neuerdings auch Corona-Flüchtlingen) als Anlaufstelle genutzt wird, um erst mal im Land anzukommen und dann mal weiterzusehen. Klingt abenteuerlich! Richtig interessant wird's natürlich, wenn diese Familie von ihrem Probe-Aufenthalt in Portugal zurückkommt. Was sie dann wohl zu berichten hat. Wenn sie zurückkommt. Das ist ein bisschen so ähnlich wie mit Noahs Taube... 

Noch etwas, was die "Option Portugal" interessant und attraktiv macht -- und darauf bin ich tatsächlich gerade erst aufmerksam geworden: Der nächste Weltjugendtag soll in Portugal stattfinden, und zwar,  nach derzeitigem Planungsstand, in der ersten Augustwoche 2023. Das verleiht der Idee, in Portugal eine Pilgerherberge zu eröffnen, natürlich noch einen besonderen Glanz. Die offizielle Seite zum WJT 2023 scheint mir auf den ersten Blick zwar nicht gerade überreich an Informationen, aber es kann sicher nicht schaden, die Seite im Auge zu behalten: Bis zum Termin ist es ja noch ein Weilchen hin. 

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(im erweiterten Sinne:) Zwischen Spandau und Portugal liegt zwar nicht unbedingt der Weg der Barmherzigkeit, aber immerhin der Gnadenort Altötting; und nachdem wir neulich eigentlich für ein paar Tage dorthin hatten fahren wollen und es dann doch nicht geklappt hatte, empfand ich es als einigermaßen ironisch, dass uns kürzlich per Post das "Exerzitien-Kursprogramm 2022" des Franziskushauses Altötting ins Haus flatterte. Ich habe den Brief noch nicht augemacht. Auf dem Umschlag prangt das Motto "Glaube - Gemeinschaft - Wohlbefinden", und wenn ich sowas lese, denke ich: Uärgh

Post kam auch vom Zisterzienserpriorat Neuzelle. Genauer gesagt firmiert das Mutterkloster Heiligenkreuz als Absender, aber es geht um Neuzelle, wo auf einem "ehemaligen Stasi-Gelände" ein "Ort des Gebetes, der Stille, der Gottesbegegnung und der Gastfreundschaft" entstehen soll: das Kloster Maria Friedenshort, "ausgelegt für 50 Mönche", mit einer Klosterkirche, die "akustisch für den gregorianischen Choral ausgelegt ist"; mit einem Gästehaus mit eigener Kapelle; mit Einsiedeleien, einem Jugendbereich, Klosterladen, Klostergarten und Klostergasthof. Das Konzept sieht sehr vielversprechend aus, und die mir persönlich bekannten Neuzeller Mönche sind mir ausgesprochen sympathisch; allerdings ist das Anliegen dieses Schreibens in erster Linie, Geld zu akquirieren, und Geld brauchen wir eigentlich selber. Na ja, im Zweifel kann man von den Mönchen aus Neuzelle noch was über Fundraising lernen. Das ist ja auch was wert. Folgerichtig empfiehlt sich die Website des Projekts als mein 

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Was es sonst Neues gibt: Darüber, dass es Anfang des kommenden Jahres statt der MEHR eine WENIGER geben sollte, habe ich mich ja vor einiger Zeit bereits ausgelassen; und nun kommt es, wie es kommen musste: Die WENIGER wird NOCH WENIGER. Am Freitag erreichte mich die Nachricht, dass die Veranstaltung nach derzeitigem Planungsstand mindestens unter 2G-, wahrscheinlich sogar unter 2Gplus-Bedingungen wird stattfinden müssen. Wer schon ein Ticket hat, nun aber die Teilnahmevoraussetzungen nicht erfüllen kann, soll sich bis zum 15. Dezember mit den Veranstaltern in Verbindung setzen: "Wir werden dich dann über deine Möglichkeiten informieren." Bin ja mal gespannt, was das heißt, aber ich mache mich mal darauf gefasst, dass man mir vorschlagen wird, mein Ticket zu spenden

Ebenfalls geplatzt sind unsere Pläne für Weihnachten. Wir hatten vorgehabt, uns eine Woche lang für schmales Geld in der OASE in Tossens einzumieten, wo wir einen Andachtsraum zur Verfügung gehabt hätten und schon mal das Leben als Pfarrhausfamilie hätten üben können. Klappt nun aber nicht, weil in Niedersachsen nach aktuellem Stand auch für Beherbergungen 2G gilt. Na, was soll's -- dann bleiben wir eben zu Hause, singen alle Weihnachtslieder, die wir kennen, und bestellen wie letztes Jahr in einem Restaurant in der Nachbarschaft einen Gänsebraten zum Mitnehmen. Und eines Tages erzählen wir unseren Enkeln davon. 

Wieder mal ein Fall von "Ich dachte, es wäre Satire, aber es scheint doch echt zu sein": Auch für assistierten Suizid gilt neuerdings die 2G-Regel. Ich habe hin und her überlegt, wie man diesen Sachverhalt noch pointierter formulieren könnte, um die Absurdität noch stärker zu betonen, aber es will mir nicht gelingen. Hier beißt sich die "Kultur des Todes", von der der Hl. Papst Johannes Paul II. so eindringlich sprach, in den eigenen Schwanz. Ein guter Anlass, mal ganz allgemein, auch jenseits von Corona, über die Absurditäten des Konzepts "Tod als Dienstleistung" zu reflektieren. 

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Ohrwurm der Woche: Larry Norman, "Fly, Fly, Fly" (1973) 

Der 2008 verstorbene Larry Norman gilt als Pionier der christlichen Rockmusik, aber seine Karriere war ein permanenter Zweifrontenkrieg -- gegen konservative Christen, denen er zu laut, zu wild, zu langhaarig und nicht fromm genug war, und gegen die säkulare Musikindustrie, der er nicht kommerziell genug war. Sein drittes Solo-Studioalbum "So Long Ago in the Garden" von 1973 ist bezeichnend für diesen Konflikt: In frommen Kreisen wurde es ungnädig aufgenommen, weil es weniger offensichtlich christliche Inhalte präsentierte als seine früheren Platten; er selbst betrachtete dieses Album jedoch als sein bestes. Den Song "Fly, Fly, Fly (Meet Me at the Airport)", der zunächst als B-Seite einer Single veröffentlicht wurde, wollte er hingegen ursprünglich gar nicht auf dem Album haben, aber die Plattenfirma bestand darauf. Wie auch immer, ich mag den Song. Leider kannst du, Leser, nicht sehen, wie meine Tochter dazu mit ihrem Kuscheläffchen durch die Küche tanzt, aber hör' ihn dir ruhig trotzdem mal an. 

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Aus der Lesehore: 

Wer könnte zweifeln, dass es um eine große Sache ging, da der erhabene Weltherrscher aus solcher Ferne auf einen so unwürdigen Ort herabkam? Er kam von den Bergen herabgeeilt, um aus den hundert das eine Schaf zu suchen, das sich verirrt hatte. Unseretwegen ist er gekommen, damit sein Erbarmen und seine wunderbaren Taten den Menschenkindern sichtbarer das Lob des Herrn verkünden. Wunderbar ist die Herablassung Gottes, der uns sucht, groß die Würde des Menschen, der so gesucht wird! Wollte der Mensch sich dessen rühmen, wäre er kein Tor. Nicht als vermöchte er etwas aus sich selbst zu sein, sondern weil Gott ihn so hoch wertet, der ihn geschaffen hat. Alle Reichtümer und alle Herrlichkeit der Welt und alles, was in der Welt begehrenswert ist, bedeutet nicht so viel wie dieser Ruhm, ja nichts kann damit verglichen werden. Herr, was ist der Mensch, dass du ihn so groß machst? Warum hängst du dein Herz an ihn? 

(Hl. Bernhard von Clairvaux, Predigt zum Advent)