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Mittwoch, 31. März 2021

Die "Lebendigen Steine" rollen weiter!

Schon wieder gut ein Monat rum seit dem letzten Blogeintrag; da stellt sich natürlich die Frage: Wie läuft denn das neue Zeitschriftenprojekt so? 

Und ich darf sagen: sehr gut! 

Die gedruckte Auflage der ersten Nummer der "Lebendigen Steine" war bereits nach knapp drei Wochen vergriffen; aber okay, das waren ja nur 100 Exemplare. Indes scheint es mir - auch wenn ich dafür keine konkreten Belege vorweisen kann - anhand der Leserreaktionen offensichtlich, dass die online verbreitete PDF-Version der Erstausgabe erheblich mehr Leser erreicht hat als die gedruckte Auflage. Dennoch hielte ich es für fragwürdig, daraus die Konsequenz zu ziehen, dann könne man sich die Druckkosten ja gleich ganz sparen: Auch wenn man mit den gedruckten Exemplaren weniger Leser erreicht als mit der Online-Veröffentlichung, erreicht man damit eben andere, die man online nicht erreichen würde. 

Diese Feststellung berührt natürlich eine Frage, die für mein Empfinden gerade in kirchlichen Kreisen allzu selten gestellt (geschweige denn sinnvoll beantwortet) wird: Wie erreichen wir andere Leute als immer dieselben? Diese Frage wird uns sicherlich auch in Zukunft noch beschäftigen, aber in einem ersten Versuch haben wir einige Exemplare bei Edeka und bei REWE ausgelegt -- sowie natürlich in den auf dem Gebiet unseres Pastoralen Raums gelegenen Öffentlichen Bücherschränken

...wie zum Beispiel am Eichborndamm (Pfarrei St. Rita)... 

...und auf dem Letteplatz (Pfarrei St. Marien). 

Wie schon angedeutet, haben uns zur ersten Nummer zahlreiche Zuschriften von Lesern, aus den Gemeinden unseres Pastoralen Raums wie auch von außerhalb, erreicht; darunter die folgenden: 

"Das ist genial! Herzlichen Glückwunsch zum besten Pfarrbrief, den ich je gelesen habe! – Besonders der Debattenbeitrag über 'Kinder im Gottesdienst' spricht mir aus dem Herzen."
"Der Titel 'Lebendige Steine' klingt wie eine Punkband aus den 80ern. Also alles richtig gemacht!“ 
"Nachdem ich diesen 'unabhängigen Pfarrbrief' gelesen habe, denke ich, Berlin könnte so ein Heft für Christen, überkonfessionell, in der ganzen Stadt gebrauchen. Veranstaltungshinweise, Vernetzung zwecks Gründung von Hauskreisen, Katechesegruppen... Wir sind zwar eine religiöse Minderheit in einer postreligiösen Stadt, aber wir sind viele und mein Eindruck ist, die persönlichen Connections reichen meistens nicht über die eigene Gemeinde hinaus. Es wäre aber spannend, Menschen zu verbinden (charismatische und traditionelle Katholiken zum Beispiel, aber auch zwischen den Konfessionen könnte es durchaus interessante Synergien geben)." 
"Eine sehr interessante Aktion! Die Anmerkungen zum 'Teelicht' haben das Potential zu einer Grundsatzdebatte. Ein Auge für diese (kleinen) Details macht den aufmerksamen Beobachter aus. Auch der Text zur 'ungesunden Normalität' hat viel Debattenpotential. Das sind gleich zwei 'dicke Hunde' bereits in der ersten Ausgabe. Respekt!" 
"Ich finde schön, was du, Tobias, über das Teelicht in der Kerze geschrieben hast. Und auch was Susanne schreibt über die Familien mit Kindern in der heiligen Messe – es ist wirklich so, dass diese 'Familienmessen' zu einer Art Ghetto geworden sind. Ich persönlich finde, dass diese Zielgruppenpastoral der Gemeindeeinheit abträglich ist."

Indessen gab es, wie man uns bereits im Vorfeld prophezeit hatte, gerade aus dem "Nahbereich" - sprich: aus dem "Inner Circle" unseres Pastoralen Raums - durchaus auch weniger erfreuliche Reaktionen, aber darauf möchte ich hier nicht näher eingehen; schon um das so hoffnungsvoll gestartete Projekt "Lebendige Steine" nicht mit Polemiken oder persönlichen Nickeligkeiten zu belasten. Erinnern wir uns, was Jeffrey Shurtleff bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Joan Baez beim Woodstock-Festival (in der Anmoderation zum Song "Drug Store Truck Drivin' Man") sagte: 

"One thing about the Draft Resistance that's different from other movements and revolutions in this country is that we have no enemies. It's one of the beautiful about it."

Das ist als Zielerklärung sicher nobel und nachahmenswert, auch wenn es sich nicht immer vollumfänglich umsetzen lässt. Womit ich sagen will: "Wir", d.h. die Initiatoren und Mitarbeiter der "Lebendigen Steine" (auch bekannt als "meine Frau, ich und noch ein paar Leute"), legen es explizit nicht darauf an, uns mittels dieser Zeitschrift Feinde zu machen, nicht in unserer Pfarrgemeinde und auch sonst nicht; aber man kann sich's nicht immer aussuchen. Ich würde sogar sagen, in vielen Fällen kann man sich seine Feinde ebenso wenig aussuchen wie seine Verwandten. Und sogar Jesus selbst hat zwar geboten, dass wir unsere Feinde lieben sollen, aber nicht, dass wir keine haben sollen. Ein Unterschied, der häufig übersehen wird. 

Aber genug davon! Viel wichtiger ist doch, dass es uns trotz mancher Schwierigkeiten und trotz nach wie vor ungeklärter Finanzierung (so langsam sollten wir wohl mal ein Spendenkonto einrichten, was?) gelungen ist, termingerecht die zweite Nummer des Hefts fertigzustellen - hier der Link zum Download! Das Top-Thema der April-Ausgabe ist natürlich Ostern; als weiteren thematischen Schwerpunkt haben wir, angeregt durch den Leitartikel unseres Pfarrvikars Pater Matthias Hecht OSA im aktuellen Pfarrbrief für den Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd, das Thema "Offene Kirche" gewählt. 

Alles in allem bin ich äußerst gespannt, wie die Nummer 2 der "Lebendigen Steine" vom Publikum aufgenommen wird; fast noch gespannter als bei der Erstausgabe. Warum? Na ja: Eine Erstausgabe 'rausbringen kann ja jeder (theoretisch jedenfalls...), aber eine zweite Nummer ist dann schon ein deutliches Signal, dass dieses Zeitschriftenprojekt keine Eintagsfliege ist, sondern gekommen ist, um zu bleiben. Hinzu kommt, dass die Erstausgabe annähernd gleichzeitig mit dem offiziellen Pfarrbrief für Reinickendorf-Süd herauskam, wohingegen die zweite Nummer zu einem Zeitpunkt erscheint, an dem es keinen neuen Pfarrbrief gibt, da dieser nur alle drei Monate herauskommt. 

Und nebenbei bemerkt ist die zweite Nummer der "Lebendigen Steine" sogar vier Seiten länger geworden als die erste. Woran man wohl sieht: Content zu erzeugen ist unser geringstes Problem. Ich freue mich jetzt schon auf die Mai-Ausgabe... 



Samstag, 27. Februar 2021

Viva Punk! - oder: Endlich Chefredakteur

Es hat Ärger gegeben -- Ärger mit bzw. in der Pfarrbriefredaktion. Ich will hier nicht ins Detail gehen, geschweige denn Namen von Beteiligten nennen; es geht mir auch nicht um Schuldzuweisungen. Es mag genügen, festzustellen, dass es innerhalb der Redaktion sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wofür bzw. wozu ein Pfarrbrief da ist, was in ihn hineingehört und was nicht. Und im Zuge der Endredaktion der soeben erschienenen Ausgabe sind diese Auffassungsunterschiede ziemlich eskaliert. Es spielten auch noch andere strittige Fragen mit hinein, zum Beispiel die, inwieweit das ehrenamtliche Redaktionsteam der hauptamtlichen Pfarreileitung gegenüber verantwortlich ist; aber lassen wir das hier beiseite.

Die entscheidende Lehre, die ich - als noch relativ "neues" Mitglied der Redaktion - aus den Auseinandersetzungen innerhalb des Teams gezogen habe, lautet, dass für eine Reihe wichtiger Themen und Perspektiven unter den derzeit herrschenden Bedingungen kein Platz im Pfarrbrief ist - zum Teil, weil eine relative Mehrheit der Redaktionsmitglieder diese Themen und Perspektiven schlichtweg nicht haben will; zum Teil aber auch, weil - wie ich trotz allem Streit anerkennen muss - der Pfarrbrief tatsächlich nicht das ideale Medium für die Art von Pressearbeit im Pastoralen Raum ist, die mir vorschwebt. 

Nun haben meine Liebste und ich uns aber ja nicht ohne Grund vor knapp fünf Jahren das Motto "Punkpastoral" auf die Fahnen geschrieben. Und die Antwort auf die klassische Frage "Was würde ein Punk tun?" lautet im vorliegenden Fall recht eindeutig: 

Ein eigenes Heft rausbringen. Schnell, billig und mit einfachen Mitteln produziert, aber mit den "richtigen" Inhalten. 

Tja, und genau das haben wir daraufhin gemacht. 

Daran, dass wir das tatsächlich machten und nicht nur darüber phantasierten, es zu tun, hat übrigens auch unsere dreijährige Tochter Bernadette entscheidenden Anteil: An dem Tag, als der Streit innerhalb der Pfarrbriefredaktion so richtig eskalierte, fragte das Kind gegen Abend etwas besorgt, wer mich denn geärgert habe. Ich versuchte ihr den Sachverhalt mit Verweisen auf das (übrigens sehr empfehlenswerte) Kinderbuch "Lola macht Schlagzeilen" von Isabel Abedi zu erläutern, und schloss mit den Worten: "Und jetzt denke ich darüber nach, zusammen mit Mami und noch ein paar anderen Leuten eine eigene Zeitung zu machen. So wie Lola und Flo. Wie fändest du das?" 

Und das Kind antwortete: "Cool." 

(Also auch an Isabel Abedi und ihre Lola-Bücher ein herzliches Dankeschön für die Inspiration...) 

Jedenfalls nahmen meine Liebste und ich uns daraufhin noch einen Tag Zeit, um zu überlegen, ob wir das wirklich, ernsthaft machen wollen, und dann machten wir uns an die Arbeit. Zwei Wochen später war die Druckvorlage für die Erstausgabe fertig, mit Layout und allem. Und weitere drei Tage später sah das Ergebnis so aus: 


Die gedruckte Auflage umfasst vorerst einmal nur bescheidene 100 Exemplare; das hat einerseits mit der Frage der Finanzierung zu tun - dazu später -, aber andererseits denke ich mir auch: Wenn sich unter den Leuten, die in die Kirche kommen und sich dort die Schriftenauslagen ansehen, 100 Leser für unser Heft finden, dann ist das schon viel. Zudem kann man die die Zeitschrift ja auch als PDF-Datei verbreiten - die ist im Gegensatz zur gedruckten Version sogar farbig gestaltet. (Zum Download geht's übrigens hier.) 

Zum Vergleich: Der Pfarrbrief unseres Pastoralen Raums hat eine gedruckte Auflage von 1.900 Stück. Wenn ich mir anschaue, wie viele Exemplare der Ausgabe Dezember '20 - Februar '21 noch kurz vor dem Ende dieses Dreimonatszeitraums in unserer Kirche auslagen, dann kann man sich vielleicht schon die Frage stellen, ob die Auflage nicht (zumindest unter Lockdown-Bedingungen) um Einiges zu groß ist; aber macht ja nichts, kostet ja nur unser aller Geld. 

Und damit wären wir dann doch schon beim Thema Finanzierung angelangt. Wie macht man das, wenn man weder Mittel aus der Kirchensteuer, aus Staatsleistungen oder gar aus der sonntäglichen Kollekte erhält? Nun ja, die Startauflage von 100 Stück haben wir erst mal aus eigener Tasche bezahlt; aber natürlich wäre es wünschenswert, für die Zukunft einen anderen Modus der Finanzierung zu finden, der es gegebenenfalls auch gestattet, die Auflage zu erhöhen und/oder sogar in Farbe zu drucken. -- Gewiss: Wenn man einer Zeitschrift explizit und ganz bewusst die Titel-Unterzeile "Unabhängige Nachrichten für den Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd" gibt und,  um Missverständnisse auszuschließen, ins Impressum und zur Sicherheit auch noch auf die Rückseite den Satz schreibt "Die Zeitschrift 'Lebendige Steine' ist keine offizielle Publikation des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd oder der diesem zugehörigen Pfarreien", dann darf man sich weder wundern noch gar beschweren, wenn man keine "institutionelle Unterstützung" erhält. Wär ja auch irgendwie un-punkig. Und dann müsste man sich auch noch die Frage stellen, wie es eigentlich um die redaktionelle Unabhängigkeit steht. 

Was also tun? -- Am liebsten wäre es mir auf mittlere Sicht eigentlich, das Heft per "Crowdfunding" zu finanzieren -- nach dem Prinzip: Die Höhe der gedruckten Auflage richtet sich nach der Höhe der eingegangenen Spenden. Habe aber (noch) keine klare Vorstellung davon, wie man so etwas organisatorisch-technisch am besten löst; na ja, erfahrungsgemäß ist meine Liebste in solchen Dingen findiger und erfinderischer als ich. Aber wenn Du, geschätzter Leser, diesbezüglich eine Idee oder eine Anregung hast, sind wir dafür natürlich durchaus offen. 

Davon abgesehen freue ich mich jetzt schon auf die zweite Ausgabe... und natürlich auf Leserreaktionen! 




Donnerstag, 25. Februar 2021

Neulich im Einkaufsradio

Laith Al-Deen zählt zu den Hauptvertretern einer Musikrichtung, die ich gern "Neue deutsche Larmoyanz (NDL)" nenne und über die ich schon lange mal was schreiben wollte; na, die große systematische Darstellung der geschichtlichen Entwicklung und der Stilmerkmale dieses Genres, die mir eigentlich vorschwebt, wird aus Zeitgründen wahrscheinlich warten müssen, bis die Kinder groß sind, aber einstweilen kann ich hier ja mal ein kleines Appetithäppchen zu diesem Thema servieren. Darauf gekommen bin ich beim Einkaufen, denn die genannte Musikrichtung wird sehr gern in Supermärkten gespielt; mein persönlicher Eindruck ist, dass sie praktisch nur in Supermärkten gespielt wird, aber diesen Eindruck habe ich wahrscheinlich nur deshalb, weil ich zu Hause so gut wie nie Radio höre. Laith Al-Deen also ist wie gesagt ein Hauptvertreter (was zugleich durchaus auch heißt: einer der musikalisch fähigeren Vertreter) dieses Genres, und neulich beim Einkaufen fiel mir ein Song von ihm auf, den ich, obwohl er aus dem Jahr 2004 stammt, bisher nicht kannte: "Das weiß ich". In dem Maße, wie Werke der "Neuen deutschen Larmoyanz" nicht total Scheiße sein können, ist es nicht total Scheiße. Aber das ist nicht der Grund, weshalb es mir auffiel, denn das gilt, ehrlich gesagt, für eine Reihe von Songs von Laith Al-Deen (wie auch von Max Giesinger, Andreas Bourani, Tim Bendzko und wie die sonst noch alle so heißen). Nein, der Grund, weshalb dieser Song mir auffiel, war vielmehr, dass er mich - zunächst und vor allem vom Text her, oder genauer, von der Grundidee oder Prämisse des Texts - an einen anderen Song erinnerte, nämlich das rund sechs Jahre ältere "Someday We'll Know" von den New Radicals

Ich will mit dieser Feststellung nicht etwa auf einen Plagiatsvorwurf hinaus. Kunst ist immer von anderer Kunst inspiriert und beeinflusst; oft - vielleicht in den meisten Fällen - geschieht das wohl sogar unbewusst. Und selbst wenn mit voller Absicht Anleihen bei anderen Werken genommen werden, wäre immerhin zu erwägen, ob man darin nicht eher eine Hommage, ein Zitat, ein Pastiche oder dergleichen, jedenfalls eine respektvolle Verneigung eines Künstlers vor einem anderen, sehen sollte - und nicht "Diebstahl an geistigem Eigentum"

Das ist hier also nicht der entscheidende Punkt. - Sondern was? 

Sondern die Tatsache, dass der Song von den New Radicals einfach unfassbar viel BESSER ist als der von Laith Al-Deen. 

Überzeuge Dich selbst, geschätzter Leser: 



Ich finde das wirklich frappierend, denn, wie schon gesagt, so richtig schlecht ist Laith Al-Deens "Das weiß ich" zunächst mal eigentlich nicht. Erst im direkten Vergleich stellt man fest, dass "Someday We'll Know" einfach in einer ganz anderen Liga spielt. Und wenn ich "andere Liga" sage, dann meine ich nicht "1. und 2. Bundesliga", sondern eher sowas wie "1. Bundesliga und Regionalliga". (Und ehe mit jetzt erzürnte Laith-Al-Deen-Fans aufs Dach steigen, möchte ich betonen, dass ich bewusst "Regionalliga" gesagt habe und nicht 'Kreisklasse".

-- Und was lernen wir daraus? Ein Gedanke, den ich, ohne eine präzise Quelle angeben zu können, zumindest sinngemäß meinem Lieblings-Popmusikkritiker "Todd in the Shadows" verdanke, lautet: Entgegen der Überzeugung von Leuten, die je nach persönlichem Geschmack und Biographie meinen, in den 60ern, 70ern oder 80ern sei die Popmusik insgesamt viel besser gewesen als heute, ist festzuhalten, dass es in jeder Epoche sehr gute und sehr schlechte Popmusik gegeben hat. Wirklich charakteristisch für eine Epoche ist hingegen die große Masse an mittelmäßiger Popmusik, die sie hervorbringt. 

Und ich füge hinzu: Unter anderem deshalb, weil die bevorzugt im Supermarkt läuft. 

Schließen möchte ich mit einem Zitat aus Joe Jacksons "Instant Mash" - von seinem klassischen Post-Punk-Debütalbum "Look Sharp"

"In the supermarket there is music while you're working 
Makes you crazy, sends you screaming for the door 
Work there for a year or two and you can get to like it -- 
I don't work in supermarkets anymore." 


Freitag, 20. November 2020

Die Legende von Hans Apfelkern

Twitter kann ja oft ganz schön ärgerlich sein - frisst Zeit und verführt nur allzu leicht zu fruchtlosen Streitereien mit Blödköpfen -, aber ab und zu beschert einem die digitale Zwitschermaschine dann doch bemerkenswerte Entdeckungen, ohne die das Leben ärmer gewesen wäre. Neulich zum Beispiel wurde mir ein Tweet eines mir ansonsten unbekannten Nutzers in die Timeline retweetet, in dem dieser sinnierte, es sei doch eine sonderbare Vorstellung, dass Johnny Appleseed eine reale Person gewesen sei. Der Urheber des Tweets erhielt darauf eine Vielzahl von Antworten, unter anderem von jemandem, der erklärte, seine Frau sei mit dem echten Johnny Appleseed verwandt. Und ich dachte: Was? Wie? Wovon redet ihr?  

Bezeichnend genug ist es übrigens, dass ich diese Tweets schon wenige Tsge später nicht mehr wiederfand. Warum? Weil man, wenn man bei Twitter "Johnny Appleseed" als Suchwort eingibt, eine unüberschaubare Menge an Fundstellen... äh... erntet. In den USA kennt diese halb legendäre, halb historische Gestalt offenbar buchstäblich jedes Schulkind -- genauer gesagt scheint seine Lebensgeschichte Lernstoff in der Grundschule zu sein, so ungefähr im zweiten Schuljahr. Und außerdem gibt es da diesen klassischen Disney-Film aus dem Jahr 1948. 


"The Lord is good to me 
And so I thank the Lord 
For giving me the things I need: 
The sun and rain and an appleseed" --- 

Das klingt irgendwie #benOppig, dachte ich mir. Wenn es diesen Johnny Appleseed tatsächlich gab, wieso habe ich dann noch nie von ihm gehört?  (Okay: "noch nie von ihm gehört" stimmt streng genommen nicht ganz, aber dazu später.) Kurzum, meine Neugier war geweckt -- und was ich bei einer ersten raschen Recherche herausfand, enttäuschte mich keineswegs: Der unter dem Namen Johnny Appleseed oder auf Deutsch auch als Hans Apfelkern bekannte amerikanische Volksheld, der mit bürgerlichem Namen John Chapman hieß und ungefähr von 1774 bis 1845 lebte, wird in der englischsprachigen Wikipedia-Version als "Missionar und Gärtner", in der deutschsprachigen gar als "ökologischer Pionier" geführt; seinen Ruhm verdankt er der Tatsache, dass er eigenhändig für die Verbreitung von Apfelbäumen im damaligen Wilden Westen sorgte, indem er - ausgerüstet mit einem Blechtopf, den er sowohl als Kochgeschirr wie auch als Hut benutzte, einer Bibel und einem Säckchen voller Apfelkerne - zwischen Pennsylvania und Illinois von Ort zu Ort zog und Aufzuchtgärten anlegte, die er dann der Obhut der örtlichen Siedler überließ. Zudem verkündete er das Evangelium unter den Indianern, die ihn als vom Großen Geist begnadet verehrten, und schloss Freundschaft mit wilden Tieren. 

Eine Art Franz von Assisi des Wilden Westens also? --- Das wird man wohl mit einem klaren Jein beantworten müssen. Einen Wermutstropfen stellt es beispielsweise dar, dass Chapmsn alias Appleseed der sogenannten New Church angehörte, einer obskuren, theosophisch angehauchten Sekte, deren Glaubenslehre auf dem mystischen Schrifttum des schwedischen Spökenkiekers Emanuel Swedenborg (1688–1772) basierte. 

Auch sonst bedarf die romantische Vorstellung von dem skurril gekleideten Vagabunden, der Apfelbäume pflanzt bzw. sät, wo immer er geht und steht, wohl der einen oder anderen Korrektur oder zumindest Relativierung. So gilt es zu bedenken, dass im Zuge der Besiedlung des Mittleren Westens das Anlegen von Obstgärten eine probate Methode war, den Wert eben erst erschlossener Grundstücke zu steigern; anschaulich geschildert wird diese Art der Bodenspekulation in Ferdinand Kürnbergers auch sonst sehr empfehlenswertem Roman "Der Amerikamüde" von 1855. Folgerichtig ließ sich Johnny Appleseed, trotz seiner betont anspruchslosen Lebensweise, seine Pflanzungen durchaus anständig bezahlen und hinterließ bei seinem Tod ein beachtliches Vermögen in Form von Landbesitz. 

Da Johnny Appleseed ein entschiedener Gegner des Veredelns von Obstbäumen war, wird zudem angenommen, dass die Äpfel aus seinen Pflanzungen nicht besonders gut zum Essen geeignet gewesen sein dürften und wohl hauptsächlich zu Apfelwein (Cider) verarbeitet wurden, zumal dieser für Farmer an der Grenze der zivilisierten Welt einfacher herzustellen war als die meisten anderen alkoholischen Getränke. Der Journalist und Buchautor Michael Pollan meint daher, Johnny Appleseeds hauptsächliche Leistung sei es gewesen, den Siedler des Wilden Westens den Zugang zu Alkohol zu sichern, und nennt ihn den "amerikanischen Dionysos". 

(Aus Cider wiederum kann man einen Applejack genannten Obstbrand herstellen, und wie ich gelesen habe, erfanden die Pioniere des Wilden Westens zu diesem Zweck eine primitive, aber wirksame Methode, die sogenannte Freeze Distillation. Die funktionierte so, dass man den Cider im Winter im Freien aufbewahrte und regelmäßig das gefrorene Wasser absammelte, wodurch der Alkoholgehalt in der verbleibenden Flüssigkeit nach und nach stieg. War der Winter lang und hart genug,  war bis zum Frühjahr aus dem Apfelwein Apfelschnaps geworden. Raffiniert, was?) 

Erst recht zwiespältig erscheint Appleseeds Lebensleistung angesichts des Umstands, dass er - laut einer 1871, also 26 Jahre nach seinem Tod, in Harper's New Monthly Magazine erschienenen, offenbar auf mündlicher Überlieferung basierenden biographischen Skizze - nicht nur dem Apfelbaum im Mittleren Westen der USA zur Verbreitung verhalf, sondern auch einer Pflanze mit dem bezeichnenden Namen Stinkende Hundskamille: Er hielt dieses Gewächs irrtümlich für eine potente Heikpflanze, mit der man u.a. Malaria kurieren könne, aber tatsächlich handelt es sich um ein übles Unkraut, das Hautreizungen und Atembeschwerden verursachen kann. Mir erscheint dieser Zug der Johnny-Appleseed-Saga auf faszinierende Weise symbolträchtig: Man kann darin, wenn msn denn will, geradezu eine Allegorie auf den Umstand sehen, dass er zusammen mit dem Evangelium auch die theosophischen Irrlehren Swedenborgs verbreitete, 

Die volkstümliche Überlieferung hat Johnny Appleseed indes ein ehrendes Andenken bewahrt: An mehreren Orten, an denen er gewirkt hat, wird sein Geburts- oder Todestag als offizieller Feiertag begangen; neben dem bereits angesprochenen Disney-Film gibt es zahlreiche Kinderbücher über ihn -- und übrigens auch mehrere Punk-Songs. Was mich abschließend darauf bringt, wo der Name dieser bemerkenswerten Gestalt mir doch schon früher einmal begegnet ist: nämlich als Titel eines Songs von Joe Strummer & The Mescaleros, der auf dem Soundtrack der sehr sehenswerten Filmbiographie "Joe Strummer - The Future Is Unwritten" enthalten ist. Ich mag den Song: 


Und Joe Strummer war ja seinerseits auch so ein seltsamer Heiliger. Schöne Textstelle übrigens: "If you're after getting the honey, then you don't go killing all the bees". Ja, in dem Liedtext geht es - zumindest unter anderem - um Ökologie. Was mich nun noch einmal darauf bringt, dass Johnny Appleseed von Tante Wiki als "ökologischer Pionier" gerühmt wird: Hierfür ist gerade seine oben schon einmal angesprochene Ablehnung des Veredelns von Obstbäumen von Belang, die allem Anschein nach religiös, nämlich durch den Respekt vor Gottes Schöpfung, motiviert war. Aus ökologischer Sicht (das hat mir meine Liebste bestätigt, die ja studierte Biologin ist, und vor allem politisch-ideologischen "framing" ist Ökologie zunächst einmal eine wissenschaftliche Teildisziplin der Biologie) hat die von Johnny Appleseed praktizierte Aufzucht von Bäumen aus Zufallssämlingen gegenüber dem Veredeln, das im Prinzip eine Art des Klonens darstellt, den Vorteil, dass sie eine größere genetische Vielfalt gewährleistet. Es ist daher wahrscheinlich, dass viele heutige Apfelvarietäten ihre Existenz letztlich dem Wirken Johnny Appleseeds verdanken. 

Abschließend sei noch angemerkt, dass man sicherlich behaupten kann, Johnny Appleseed verdanke seine Popularität zu einem nicht unwesentlichen Anteil einer typisch US-amerikanischen Vorliebe für Sonderlinge und Exzentriker; wer aber meint, im biederen Deutschland hätte es "so etwas nicht gegeben", dem kann ich bei Gelegenheit gern einmal einen Vortrag über gustaf nagel halten... 



Dienstag, 17. November 2020

Ernsthafte Frage an Experten für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste

Der Advent steht vor der Tür, und aus diesem Grund habe ich unlängst begonnen, mich auf YouTube nach geeigneter Musik für eine adventliche Gestaltung der Lobpreisandachten umzuschauen, die meine Liebste und ich allwöchentlich in unserer Pfarrkirche abhalten. Im Zuge dessen bin ich auf eine eindrucksvolle Version des traditionellen Adventslieds "Maria durch ein Dornwald ging" gestoßen: gesungen von einem klassischen Tenor, aber unterlegt mit trippigen Beats, sphärischen Synthesizer-Klängen und sonstigen elektronischen Soundeffekten. Auch wenn ich in meinem privaten Musikgeschmack tendenziell eher "Team Stromgitarre" bin, war ich spontan begeistert und dachte: Krass, genau so etwas habe ich gesucht seit dem "Diva Dance" aus dem Film "Das fünfte Element" und "Prince Igor" von The Rapsody feat. Warren G. & Sissel Kyrkjebø. Also seit 1997. 

Okay. Wo ist der Haken? Nun ja: Dieses interessante Fundstück veranlasste mich, mal nachzusehen, was die Urheber dieser "Maria durch ein Dornwald ging"-Version denn sonst noch so zu bieten hätten; und das Ergebnis dieser Recherche war eher... irritierend. Der Gesangspart stammt, wie schon gesagt, von einem klassischen Tenor, Daniel Sans; für das Arrangement zeichnet hingegen ein Ein-Mann-Projekt namens Apoptose verantwortlich. Das mag ein cleveres Wortspiel sein, da die Silbe "Pop" drin vorkommt, aber zunächst einmal ist Apoptose ein biologischer Fachterminus für ein Phänomen, das man als "programmierten Zelltod" beschreiben kann. Das klingt ja nun einigermaßen finster. Seinen Musikstil bezeichnet Apoptose als "Dark Ambient"; ich hätte TripHop dazu gesagt, aber das ist wohl, ähnlich wie seinerzeit "Neue Deutsche Welle", ein Label, das im Wesentlichen von Musikjournalisten geprägt bzw. in Umlauf gebracht wurde und von den so etikettierten Interpreten eher abgelehnt wird. Na, sei's drum. Zu den Veröffentlichungen von Apoptose zählen Alben mit Titeln wie "Blutopfer", "Schattenmädchen" und "Bannwald"; Letzteres ist offenbar ein Konzeptalbum, das auf einer angeblich wahren Geschichte basiert: Drei Mädchen verlaufen sich im Wald und bleiben unauffindbar; "Jahrzehnte später tauchen drei mysteriöse Frauen in der Gegend auf, und die Einheimischen erinnern sich an das Verschwinden der Mädchen vor langer Zeit". Rezensenten sahen Parallelen zum pseudo-dokumentarischen Horrorfilm "The Blair Witch Project". Zudem ist auf dem Album "Bannwald" mit "May the Circle be open" ein Lied enthalten, das "unter Wicca-Anhängern sehr bekannt" ist und "mittlerweile wohl weltweit auf Hexenzusammenkünften gesungen" wird. Ich sag mal: Hm. Auch sonst scheint es, dass Apoptose sein Nischenpublikum zu einem nicht unwesentlichen Teil in esoterisch-neopaganen Zirkeln findet. Wie passt da ein Marienlied ins Bild? Man ahnt es fast: Im Begleittext zur Apoptose-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" auf YouTube und auf dem Musikportal Bandcamp heißt es, "the words and the solemn melody evoke images of a goddess who cares for the eternal cycle of growth and decay" ("die Worte und die feierliche Melodie evozieren Bilder einer Göttin, die über den ewigen Kreislauf von Wachstum und Zerfall wacht"). Na sicher. 😒



Und nun bin ich mir unsicher, ob ich diese Version von "Maria durch ein Dornwald ging", so gut sie mir auch gefällt, guten Gewissens für eine Andacht in einer Kirche verwenden kann. -- Okay: Ich kenne - unter anderem, weil ich jahrelang im Berliner Gruselkabinett gearbeitet habe - einige auf dem Kunst- und Unterhaltungssektor tätige Leute, die sich auf Horror-Ästhetik spezialisiert haben, und habe auch darüber hinaus Freunde und Bekannte, die ein ausgeprägtes Faible für Makabres, Morbides und Mysteriöses haben, ohne deswegen Satanisten oder etwas Ähnliches zu sein. Und wie manche Leser sich erinnern werden, habe ich keinerlei Scheu an den Tag gelegt, mich mit Hexe Minerva und ihren Fans anzulegen, da ich den von dieser Dame kommerziell betriebenen neuheidnisch-naturmagischen Schnickschnack eher albern finde, als dass ich ihn für irgendwie bedrohlich hielte. Aber das Eine wie das Andere bedeutet ganz entschieden nicht, dass es nicht dennoch echte dämonische Mächte gäbe, mit denen ganz entschieden nicht zu spaßen ist. (Wer "an sowas nicht glaubt", der darf mich gerne auslachen -- und wird bis zum Ende des Artikels noch reichlich Gelegenheit dazu bekommen.) 

Womit haben wir es also hier zu tun? Hat sich der Künstler, der sich hinter dem Projektnamen Apoptose verbirgt, lediglich aus ästhetischer Faszination und/oder aus kommerziellen Erwägungen ein Image zugelegt, das mit Anmutungen von Hexerei und Schwarzer Magie spielt, handelt es sich um einen vielleicht etwas versponnenen, im Grunde aber harmlosen Möchtegern-Okkultisten, oder womöglich doch um jemanden, der seine Seele dem Bösen verschrieben hat? 

Natürlich drängt sich hier die Frage auf, ob es einem ernstzunehmenden Okkultisten zuzutrauen wäre, ausgerechnet ein Marienlied zu veröffentlichen. Und ob die gewissermaßen nach Rechtfertigung klingende Behauptung, das Lied enthalte heidnische Untertöne, nicht eher Hexe-Minerva-Niveau hat. Ich meine, klar: Neuheiden glauben so etwas. Das moderne Neuheidentum baut praktisch zur Gänze auf der Vorstellung auf, christliches Brauchtum sei in Wirklichkeit uraltes heidnisches Brauchtum, das im Laufe des Mittelalters lediglich oberflächlich christlich übertüncht worden sei. Im vorliegenden Fall können sie da einer bestimmten Sorte evangelikaler Fundis die Hand reichen, die ebenfalls meinen, Marienverehrung sei in Wirklichkeit heidnischer Götzendienst. Aber muss man sich als Katholik von so etwas beeindrucken lassen? 

Ich würde sagen: Nee. Dass sich in irgendwelchen Kellerlöchern blass geschminkte Darkwave-Gothic-Neuheiden traditionelle Marienlieder anhören, weil sie meinen, es handle sich um Hymnen an die Große Mutter, sehe ich nicht als Problem -- das finde ich eher witzig. Weit mehr beschäftigt mich die Frage, ob Apoptose-Rüdiger (ja, er heißt wirklich Rüdiger) womöglich unterhalb der Hörgrenze irgendwelche satanistischen Beschwörungsformeln oder Ähnliches in sein Arrangement von "Maria durch ein Dornwald ging" hineingemixt hat. Ja, lach ruhig, Leser; ich mein's ernst

Aber andererseits: Ist Maria nicht der Schrecken der Dämonen? Ist sie es nicht, die der höllischen Schlange den Kopf zertritt? Nicht ohne Grund finden sich ja die Marianischen Antiphonen im neuen Gotteslob unter der ominösen Nummer 666. Sollte man da nicht annehmen, dass der Versuch, ausgerechnet ein Marienlied für dämonische Zwecke zu missbrauchen - wenn denn jemand einen solchen Versuch unternähme - von vornherein zum Scheitern verurteilt sein müsste? 

Ich weiß es wirklich nicht, Leser. Vielleicht hat ja jemand einen guten Rat für mich. Natürlich könnte ich einfach eine schön schlichte a-cappella-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" verwenden, aber das wäre dann ja doch irgendwie langweilig. -- Bis zum Dienstag der zweiten Adventswoche will ich jedenfalls eine Entscheidung getroffen haben, denn da fällt unser wöchentlicher Lobpreis-Termin just auf das Hochfest Mariä Empfängnis. 

P.S.: Ich hatte diesen Artikel schon größtenteils zu Ende geschrieben, da stellte ich fest, dass es auf YouTube auch eine "Maria durch ein Dornwald ging"-Version von der Darkwave/Pop-Gruppe Chandeen gibt; im direkten Vergleich mit der Apoptose-Version klingt diese allerdings deutlich weniger spektakulär und ist davon abgesehen auch darum keine überzeugende Alternative, weil die Gruppe Chandeen offenbar ebenfalls einen esoterischen oder okkultistischen Hintergrund hat. -- Und die Version von Helene Fischer höre ich mir vorsichtshalber gar nicht erst an! 


Sonntag, 15. November 2020

Morgen früh, wenn Gott will -- Reloaded

Der Drogeriemarkt-Discounter dm verkauft Kuscheltiere mit eingebauten Spieluhren, die, wenn man an einer Schnur zieht, traditionelle Schlaflieder spielen. Zu den Melodien, die dabei Verwendung finden, gehört auch das Lied "Guten Abend, gute Nacht" -- allerdings in einer gewissermaßen "zensierten" Version: Zwar bringen die Spieluhren natürlich nur die Melodie zu Gehör und nicht den Text, aber es fällt dennoch auf, dass diejenige Melodiepassage, auf die die Verse "Morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt" zu singen wären, schlichtweg fehlt. Ich halte das für keineswegs zufällig. Weit eher könnte ich mir vorstellen, dass damit auf die Befindlichkeit von Müttern Rücksicht genommen wurde, die an just diesen beiden Versen Anstoß nehmen. Im Ernst: Wer sich mal ein bisschen in den Mami-Foren des Web 2.0 umschaut, in einschlägigen Facebook-Gruppen oder Blogs, der kann sich selbst davon überzeugen, dass das Lied "Guten Abend, gute Nacht" dort ein ganz heißes Eisen ist, und zwar genau wegen dieser zwei Verse. Der typische Einwand lautet: Wie brutal, Kinder damit zu konfrontieren, dass sie am nächsten Morgen womöglich nicht wieder aufwachen -- und das auch noch mit Gott in Verbindung zu bringen! 

Darauf könnte man nun schlicht erwidern: Na ja, aber is' doch nun mal so. 

Man kann sich mit einer Erwiderung auf die Kritik an diesem traditionellen Kinderlied aber auch ein bisschen mehr Mühe geben. 



Tatsächlich habe ich mich mit diesem Thema schon einmal befasst, lange bevor ich selbst Kinder hatte -- nämlich in einem Blogartikel aus dem Jahr 2012, der allerdings ziemlich lange braucht, um auf den Punkt zu kommen (und wer meint, das sei bei meinen Blogartikeln bis heute oft so, darf gern mal vergleichen), und auch sonst, wie ich aus heutiger Sicht finde, ein paar Schwächen hat. Teile des damaligen Artikels finde ich jedoch - so viel Eigenlob muss sein - zu gut, um in Vergessenheit zu geraten. Und daher haben mich die eingangs erwähnten Kuschel-Spieluhren bei dm auf die Idee gebracht, ich könnte mich mal an einer Neufassung des Artikels versuchen und dabei Teile der ursprünglichen Fassung übernehmen. Zumal ja gerade November ist, der traditionelle Monat des Totengedenkens; und die COVID-19-Pandemie, in deren "zweiter Welle" wir uns befinden, hat ja ein Übriges getan, dem Thema Tod und Sterben eine ganz neue Aktualität zu verleihen, aber dazu später. 

-- In meinem Artikel von 2012 erwähnte ich, dass derselbe Gedanke, der die besagten zwei Verse aus "Guten Abend, gute Nacht" so heikel erscheinen lässt, sogar noch expliziter in einem ebenfalls recht bekannten angloamerikanischen Kinder-Nachtgebet zum Ausdruck kommt:

Now I lay me down to sleep,
I pray the Lord my soul to keep,
If I shall die before I wake,
I pray the Lord my soul to take.
Gewiss spielt es eine Rolle, dass dieses Gebet und dieses Lied aus einer Zeit stammen, als auch in unseren Breiten die Kindersterblichkeit sehr viel höher war als heute -- oder anders ausgedrückt: Die statistischen Aussichten dafür, dass ein Kind das Erwachsenenalter oder auch nur das Alter von fünf Jahren erreicht, standen erheblich schlechter als heute. Die Möglichkeit, dass ein Kind, das man zu Bett bringt, den nächsten Morgen vielleicht nicht erlebt, war im kollektiven Bewusstsein - und, so möchte man annehmen, besonders in dem der Eltern - einfach präsenter als heute. Gleichwohl gibt es auch heute noch Fälle von plötzlichem Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS), und auch heute noch sterben kleine Kinder an Infektionskrankheiten oder Krebs oder verunglücken tödlich. Und ich denke, genau das ist der Punkt: Würden dieses "Morgen früh, wenn Gott will", dieses "If I shall die before I wake" nicht eine reale Möglichkeit ansprechen - sei sie statistisch auch noch so unwahrscheinlich -, dann wären dieses Lied und dieses Gebet wohl eher ungebräuchlich geworden und vielleicht in Vergessenheit geraten, aber jedenfalls würden sie nicht eine solche Beunruhigung auslösen. Es heißt, als der Komponist Gustav Mahler die von Friedrich Rückert verfassten "Kindertotenlieder" vertonte, habe seine Frau Alma ihm Vorwürfe gemacht: So etwas beschwöre Unglück herauf. Zwei Jahre nach der Uraufführung des Liederzyklus starb die ältere der beiden Töchter Mahlers im Alter von vier Jahren an Diphtherie. 

Sagen wir, wie's ist: Das menschliche Leben ist etwas sehr Zerbrechliches, und dass das auch und nicht zuletzt für das Leben von Kindern gilt, ist mir heute, da ich selbst Vater bin, auf eine sehr viel eindringlichere Weise bewusst als noch vor einigen Jahren; daher kann ich es emotional auch deutlich besser nachvollziehen als früher, dass der Gedanke an den Tod der eigenen Kinder etwas ist, das man gern möglichst weit von sich wegschiebt. Nur gehen die Dinge, vor denen man Angst hat, in der Regel nicht dadurch weg, dass man sie ignoriert oder ihre Existenz schlichtweg leugnet. Kleine Kinder mögen glauben, sie müssten nur fest genug die Augen schließen, damit das, wovor sie sich fürchten, von allein verschwindet; Erwachsene sollten es besser wissen. Und mehr noch: Wenn Erwachsene versuchen, ihren Kindern gegenüber die Existenz des Todes zu verleugnen, dann liegt der Verdacht nahe, dass sie damit letztlich nur ihre eigene Angst vor dem Tod auf die Kinder projizieren, die diese Angst sonst womöglich gar nicht hätten

Einer Mutter, die davor zurückschreckt, ihrem Kind die Verse "Morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt" vorzusingen,  würde vermutlich vor Schreck der Mund offen stehen, wenn man sie fragte, was denn so falsch daran sei, Kindern frühzeitig ein Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit zu vermitteln. Dass man jeden Gedanken an den Tod, ja möglichst das Wissen um die bloße Existenz des Todes so weit und so lange wie möglich von Kindern fernhalten sollte, erscheint ihnen so evident, dass ihnen gar nicht einfiele, das irgendwie zu begründen. Wahrscheinlich kennen sie es aber auch nicht anders, weil sie selbst so erzogen wurden. Der Tod ist eine Art negativer Weihnachtsmann: Es gibt ihn zwar, aber das Kind soll das erst möglichst spät erfahren.

Wenn hierzulande ein Kind zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Tod konfrontiert wird, dann dürfte es sich in den meisten Fällen entweder um den Tod älterer Familienangehöriger - etwa der Großeltern - oder aber um den Tod von Haustieren handeln. Aber wie viele Kinder - gerade in Großstädten - haben noch regelmäßigen Kontakt zu ihren Großeltern? Oder umgekehrt, wie viele Senioren sterben heute noch im Kreis ihrer Familie? Gestorben wird heute im Krankenhaus oder im Pflegeheim, und dahin müssen besorgte Eltern ihre Kinder ja nicht mitnehmen. Und was die Haustiere betrifft: Liegt der Hamster oder der Wellensittich eines Tages tot im Käfig, während das Kind im Kindergarten, in der Schule oder sonstwie außer Haus ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass viele Eltern den kleinen Kadaver stillschweigend entsorgen und dem Kind später weismachen, das Tier wäre davongelaufen oder -geflogen. Das ist für das Kind nicht unbedingt weniger traurig, aber es erspart den Eltern, das heikle Thema Tod ansprechen zu müssen.

Es steht zu vermuten, dass die Tendenz zur Ausblendung des Todes aus der Lebensrealität nicht allein durch eine stark gestiegene statistische Lebenserwartung bedingt ist, sondern mindestens ebensosehr durch das Schwinden des Glaubens an ein Leben nach dem Tod. Vom Mittelalter bis ins Barock war das memento mori - die permanente Erinnerung daran, dass dass der Tod gewiss, sein Zeitpunkt jedoch ungewiss ist - allgegenwärtig; so fanden sich Sinnsprüche, die den Gedanken an den Tod wach halten sollten, häufig auf Sonnenuhren, und so erklären sich auch häufige Abbildungen von Gerippen, Totenschädeln usw. in Kirchen, auf Gemälden, Reliefs und Siegeln. Aus der Unausweichliche und Unvorhersehbarkeit des Todes ergab sich nach damaligem Verständnis die Notwendigkeit, jederzeit auf den Tod vorbereitet zu sein. Das ist heute entschieden anders. Vielfach scheint die stillschweigende Überzeugung vorzuherrschen, der Mensch der westlichen Welt habe seine 70 oder 80 Jahre Lebenszeit gewissermaßen verbindlich gebucht, und stirbt jemand früher, dann wird das so aufgefasst, als sei er um etwas betrogen worden, das ihm zusteht. Zugleich  besagt aber eine alte Weisheit, dass die Welt betrogen werden will, und auch das spiegelt sich in der modernen Einstellung zum Tod wider. Fragt man Erwachsene, wie sie gern sterben möchten, dann erhält man häufig zur Antwort: Am liebsten möchten sie ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen, tot umfallen. Ohne Vorwarnung mitten aus dem Leben gerissen zu werden, das gilt als guter Tod. Mit anderen Worten: Die Angst vor dem Tod ist so groß, dass die Leute ihm auch dann noch nicht ins Auge sehen wollen, wenn er schon unmittelbar bevorsteht. Sie wollen leben, als ob es keinen Tod gäbe - und das bis zuletzt. Man muss gar nicht besonders religiös sein, um diese Haltung gegenüber dem Tod befremdlich und unreif zu finden. 

Und das bringt mich nun - irgendwie - auf die aktuelle Corona-Situation. Anlässlich der Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens im August dieses Jahres veröffentlichte die Pressestelle des Erzbistums eine Arbeitshilfe mit "Impulsen für den Gottesdienst"; insgesamt war ich, wie schon einmal angemerkt, eher mäßig beeindruckt, aber bemerkenswert fand ich ein in dieser Arbeitshilfe enthaltenes Gedicht von Andreas Knapp mit dem schlichten Titel "Corona-Virus"
ein winziges Stück RNA
erinnert die Krone der Schöpfung
an ihre Sterblichkeit
alle Welt gerät in Panik
man hatte das tatsächlich
vergessen 
Doch doch, sagte ich mir, das hat was. Und in gewissem Sinne ist es auch ziemlich mutig, das zu veröffentlichen. 

Inwiefern? -- Ich würde hier gern versuchen, zwischen Coronazis und Covidioten bedingungslosen Befürwortern und ebenso bedingungslosen Gegnern staatlich verordneter Corona-Schutzmaßnahmen eine mittlere Position einzunehmen -- was allerdings schwierig ist, da es scheint, dass beide Seiten wenig Interesse an Differenzierung haben und dazu neigen, jeden, der nicht zu 100% mit ihnen übereinstimmt, pauschal der jeweiligen Gegenseite zuzurechnen. Aber versuchen wir's dennoch. Vielleicht können wir uns ja erst einmal auf die Feststellung einigen, dass der als  SARS-CoV-2 bezeichnete Erreger, mit dem wir es zu tun haben, ein hoch ansteckendes Virus ist, auf das, da es eben ein neues Virus ist, das menschliche Immunsystem (noch) nicht eingestellt ist und das deshalb bei einem Teil der Infizierten schwere Krankheitsverläufe mit diversen Komplikationen hervorruft, die zum Teil tödlich verlaufen und zum Teil vielfältige bleibende Folgeschäden hinterlassen. Die Situation ist also ausgesprochen ernst zu nehmen, und es ist nur vernünftig, dass Maßnahmen ergriffen werden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen oder wenigstens zu verlangsamen. Ich empfinde es auch nicht als unzumutbar, beim Einkaufen  oder im öffentlichen Personennahverkehr eine Stoffmaske über Mund und Nase zu tragen. Dennoch kann ich mich gleichzeitig nicht immer des Eindrucks erwehren, dass um die COVID-19-Pandemie - die als Geißel der Menschheit wohl doch nicht so ganz an den mittelalterlichen Schwarzen Tod, an die Cholera- und Typhus-Epidemien des 19. Jahrhunderts oder an die Spanische Grippe heranreicht - ein übertriebener Hype veranstaltet wird; gar nicht so sehr auf der Ebene konkreter Schutzmaßnahmen, aber in der Art und Weise, wie dieses Thema die Debatte in den Medien, in der Politik und sogar in der Kirche beherrscht. Man könnte den Eindruck bekommen, es herrsche die Auffassung vor, es wäre nicht nur möglich,  sondern geradezu die Pflicht von Politik und Zivilgesellschaft, Krankheit und Tod ein für allemal abzuschaffen, und solange dieses Ziel nicht erreicht sei, habe niemand das Recht, einfach ein normales Leben zu führen. Als könnte nicht auch jemand, der sich peinlichst genau an alle Corona-Vorschriften hält, trotzdem an einer Fischgräte ersticken, auf dem nassen Badezimmerfußboden ausrutschen und sich den Hals brechen oder von einem zufällig vom Himmel fallenden Klavier erschlagen werden. 

Gerade von kirchlicher Seite hätte ich mir daher in Sachen "Corona-Kommunikation" mehr und Anderes erhofft als fade "Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund"-Botschaften, wie man sie zu anderen Zeiten eher aus der Apothekenwerbung gewöhnt war. Um es mal ganz deutlich zu sagen: Wenn Priester und Bischöfe sich nicht einmal inmitten einer Pandemie dazu durchringen können, über die "letzten Dinge" zu predigen -- wann denn dann? Für den Christen ist der Tod schließlich nicht nur ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, sondern sogar ein ganz zentraler - der Übergang zu einem anderen, einem ewigen Leben. Daraus folgt nicht automatisch, dass der Christ mehr oder weniger Angst vor dem Tod hat als der Nichtchrist - denn einerseits erwartet er, dass er nach dem Tod für sein Tun und Lassen auf Erden gerichtet wird, andererseits vertraut er auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes -; in jedem Fall aber ist der Tod für den Christen ein allzu bedeutendes Ereignis, als dass er sich nicht darauf sollte vorbereiten wollen. Und es ist eine gewichtige Aufgabe und Pflicht der Kirche, dem Menschen bei dieser Vorbereitung zu helfen

Aber ist das - um zum Ausgangspunkt dieses Artikels zurückzukehren - etwas, das man schon Kindern beibringen kann und sollte? -- Ich denke ja. Beispielsweise denke ich da an ein Buch, das meine Oma mir vor nunmehr über dreißig Jahren zu meiner Erstkommunion geschenkt hat und das noch heute einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal hat: "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg (12. Auflage Düsseldorf 1977). Viele der 46 Geschichten in diesem Band sind als moralische Beispielerzählungen angelegt, in anderen geht es ganz konkret um die katholische Sakramentenlehre -- und in auffallend vielen geht es um den Tod. Gleich die erste Geschichte, "Gemeinschaft der Heiligen", die den Ausflug einer Schulklasse schildert, beginnt damit, dass die Schüler sich zum Beginn ihres Klassenausflugs am Grab eines ehemaligen Mitschülers versammeln. Der Lehrer erklärt:
"Wir sind seit seinem Tod schon oft an sein Grab gekommen, wenn wir dem Harald etwas sagen mußten, was wir auf dem Herzen hatten. Er gehört ja immer noch zu unserer Klasse, wenn er auch nicht mehr in unseren Bänken sitzt. Denn alle Christen, die Lebenden und die Toten, die im Fegefeuer und die im Himmel, sind eine große Familie, die man die Gemeinschaft der Heiligen nennt. Sie helfen einander und bitten füreinander. So hat Harald bei Gott für uns gebetet, als wir ihm vor drei Wochen erzählten, daß en Kind in unserer Klasse zum Dieb geworden war und ein Federmäppchen gestohlen hatte; und vorige Woche, als die Hannelore so schwer krank war. Alles, was wir dem Harald aus unserer Klasse erzählten, hat er dem lieben Gott weitererzählt." (S. 10)
Gegen Ende des Bandes folgt eine Geschichte, von der ich noch sehr wohl weiß, dass sie mich als Kind eher befremdet hat, die ich heute aber als eine der bewegendsten des Buches empfinde; sie trägt den Titel "Lebe täglich sterben". Darin geht es um einen Jungen, der während eines Familienurlaubs ertrinkt und in dessen Hosentasche man den Totengedenkzettel einer gewissen Frau Lindfart findet, der (auf Lateinisch) die Inschrift "Lerne täglich sterben; es ist die Kunst aller Künste!" trägt. Als die Eltern des verunglückten Knaben seinen Leichnam aus dem Leichenschauhaus abholen, sind sie verhältnismäßig gefasst. Angesichts des Totengedenkzettels erklärt der Vater:
"Die Frau Lindfart ist weder die Mutter noch die Großmutter des Kindes. Sie ist gar nicht mit uns verwandt. Der Junge hat den Zettel zufällig mal bekommen, als er in einer Totenmesse war. Es ging ihm nicht um den Zettel oder die tote Frau. Er hatte sich vielmehr den lateinischen Spruch von seinem Pastor übersetzen lassen. Seitdem hat er sich diesen Spruch als seinen Leitspruch überallhin mitgenommen. Er hat versucht, danach zu leben; so zu leben, daß Gott ihn täglich holen dürfte. Wir haben deshalb auch guten Mut und frohe Hoffnung, daß er wohl jetzt, wo wir diesen unglücklichen Ort verlassen, schon im Himmel ist." (S. 140f.) 

-- Sicherlich ist anzunehmen, dass Geschichten wie diese heutzutage eher nicht mehr in der Erstkommunion-Vorbereitung Verwendung finden. Aber was ich von den heutzutage gängigen Methoden der Kinderkatechese halte, dazu habe ich mich ja schon verschiedentlich geäußert. Und da ich folglich damit rechne, dass meine Liebste und ich die Erstkommunion-Katechese für unsere Kinder im Wesentlichen selbst werden übernehmen müssen, gedenke ich dabei sehr wohl auch Quadfliegs "Fromme Geschichten für kleine Leute" zum Einsatz zu bringen. 


Schließen möchte ich diesen Artikel mit dem Hinweis, dass der Vatikan anlässlich der Corona-Pandemie die Möglichkeiten zur Erlangung eines Allerseelen-Ablasses zugunsten Verstorbener erweitert hat: Einen solchen Ablass ist in diesem Jahr während des gesamten Monats November möglich, und wer aufgrund von Alter, Krankheit oder Ausgangsbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie nicht in der Lage ist, einen Friedhof zu besuchen, kann die vorgeschriebenen Gebete für die Verstorbenen auch zu Hause verrichten. Näheres dazu siehe hier



Montag, 12. Oktober 2020

Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie diese Hausbesetzer

Bis vor einigen Jahren habe ich ganz in der Nähe der unlängst geräumten #Liebig34 gewohnt. An der gegenüberliegenden Straßenecke war (und ist wahrscheinlich immer noch) ein Bäcker, bei dem ich mir oft Frühstück für unterwegs gekauft habe. 

-- Unterwegs wohin? Eigentlich egal, Hauptsache raus aus meiner vollgemüllten Wohnung. 

Sic.

Daran musste ich denken, als die Bilder und Filmaufnahmen aus der geräumten Liebig34 in den Sozialen Netzwerken zirkulierten und zahlreiche Mediennutzer aus dem "wertkonservativ-wirtschaftsliberalen" Spektrum und angrenzenden Lagern kübelweise Häme und Verachtung über die auf die Straße gesetzten Hausbesetzer ausschütteten, die meinten, die Welt verbessern zu können und zu müssen, aber dem Anschein nach nicht mal in der Lage waren, ihr Bett zu machen und ihr Geschirr zu spülen. Ich mag da gar nicht näher ins Detail gehen, denn das Ausmaß an Bosheit, das sich da Bahn brach, ging mir wirklich an die Nieren. Nicht zuletzt auch deshalb, weil derartige Äußerungen zum Teil auch von Leuten kamen, die ich ansonsten schätze und mag -- darunter auch und gerade solche, die in ihrem Social-Media-Auftritt dezidiert Wert darauf legen, als gläubige Christen wahrgenommen zu werden. 

Okay, okay, ich weiß: Ich bin selbst jemand, der auf kaum etwas empfindlicher reagiert als auf Ermahnungen à la "Das ist jetzt aber nicht sehr christlich von dir". Zumal ich dabei oft den Eindruck habe, dahinter stehe eine Einstellung, die das Christsein auf eine banale, harmlose "Seid nett zueinander"-Moral reduziert. Ich sollte also besser sehr vorsichtig damit sein, selbst solche Töne anzuschlagen. Dennoch: Häme - verstanden als die Neigung, sich über etwas Schlechtes zu freuen, weil und insofern es Leute in ein schlechtes Licht rückt, die man ohnehin nicht leiden kann - ist für mein Empfinden einer der hässlichsten menschlichen Charakterzüge überhaupt, unabhängig davon, gegen wen diese Häme sich richtet. Und wenn Christen sich öffentlich und mit erkennbarer Lust in einer solchen Haltung suhlen, dann darf man, denke ich, schon der Meinung sein, dass das christliche Zeugnis dadurch verdunkelt wird. Und dass die betreffenden Christen vielleicht mal in Erwägung ziehen sollten, dass es in ihrer eigenen Seele womöglich noch viel unaufgeräumter aussieht als im Treppenhaus der Liebig34.

Soweit hat das nun erst einmal gar nichts mit dem Thema Hausbesetzung zu tun. Ich hätte im Wesentlichen dasselbe über Leute schreiben können, die sich darüber freuen, dass Donald Trump an COVID-19 erkrankt ist. Aber wer mich kennt, der weiß (auch wenn er sich vielleicht darüber wundert), dass Hausbesetzer mir dann doch um einige Grade näher am Herzen liegen als Donald Trump.  

Rigaer Ecke Liebigstraße (Foto von Juli 2016)

Aus diesem Grund habe ich anlässlich des großen öffentlichen Interesses an der Räumung der Liebig34 ein bisschen in meinem Blog-Archiv gekramt und dabei neben diesem, diesem und diesem Artikel auch ein unveröffentlichtes Fragment wiedergefunden, das ich vor über vier Jahren, im Sommer 2016, geschrieben bzw. zu schreiben begonnen hatte. Es ist wirklich sehr fragmentarisch, es bricht praktisch schon ab, bevor ersichtlich wird, worauf ich eigentlich hinaus will. (Kritische Leser mögen an dieser Stelle anmerken, es komme bei mir öfter vor, dass das bis zum Schluss nicht ersichtlich werde. Danke für die konstruktive Kritik, gerngeschehen, Ihr mich auch.) Der Punkt ist, kurze Zeit später ging ich auf den Jakobsweg und hatte folglich erst mal eine Menge andere Dinge im Kopf, und irgendwie bin ich danach nie mehr dazu gekommen, den Entwurf weiterzubearbeiten. 

Bis jetzt. 

Ich schrieb seinerzeit: 

Letzten Montag habe ich gegen Mittag einen kleinen Spaziergangs durchs Gefahrengebiet unternommen - durch die Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain, wo seit einigen Monaten der Konflikt zwischen Hausbesetzern und der Staatsgewalt eskaliert. Vorläufiger Höhepunkt dieser Eskalation war eine Demonstration am Abend des 9. Juli, aus der heraus bzw. in deren Umfeld es zu schweren Ausschreitungen kam - der offizielle Polizeibericht spricht davon, "dass es sich um die aggressivste und gewalttätigste Demonstration der zurückliegenden fünf Jahre in Berlin handelte". 

Solidaritätsparolen an der Rigaer 78: "Regierung schafft keine Ordnung, nur Unterordnung" (Foto von Juli 2016)  

Und weiter: 
Diese Ausschreitungen lagen erst eineinhalb Tage zurück, als ich dort entlangspazierte, aber ich war zu Recht davon ausgegangen, dass es am helllichten Mittag ungefährlich genug sein würde im "Gefahrengebiet". Eine große Expedition war es für mich auch nicht, denn ich wohne - bislang noch - nicht allzu weit von dort, wenn auch nicht in unmittelbarer Nachbarschaft. In dem einen oder anderen der besetzten oder ehemals besetzten Häuser der Rigaer Straße bin ich auch gelegentlich mal zu Gast gewesen - bei der veganen VoKü im Fischladen (Rigaer 83), im Filmrisz-Kino (Rigaer 103) und auch mal bei einem oder zwei Punkkonzerten in einem Keller; in welchem Haus genau das war, habe ich vergessen. Das ist alles schon ein paar Jahre her, aber ich denke durchaus mit Sympathie daran zurück. 
Bildet Banden! 

Okay, worauf wollte ich damals wohl hinaus? Ich weiß es nicht mehr ganz genau, kann es mir aber noch so ungefähr vorstellen. Nämlich dass es zwar ohne Frage eine Reihe von Dingen gibt, die man an der militanten linksautonomen Besetzer-Szene kritisieren kann und sogar muss (Einschub: Geärgert habe ich mich im Zusammenhang mit der Liebig34-Räumung über einen Artikel von Marie Frank im Neuen Deutschland, in dem so allerlei stand, was ich zustimmungsfähig fand, bis zu dem Satz "Nun lässt sich wahrlich darüber streiten, ob Brandanschläge auf Signalkabel der S-Bahn oder auf Autos sinnvolle Akte politischer Gegenwehr sind". Sorry, aber da bin ich raus. Genau das - nämlich dass sie das nicht sind - sollte nämlich gerade nicht strittig sein); aber was immer man diesen Leuten vorwerfen kann, enthebt "uns" - als Christen, meine ich - nicht von der Pflicht, sie als Menschen wahrzunehmen, und das heißt:  als geliebte Kinder Gottes, als unsere Nächsten, die wir lieben sollen wie uns selbst. Auch und gerade dann, wenn sie diese Liebe nicht erwidern und über ihre Gegner, wie zum Beispiel Polizeibeamte, in dehumanisierenden Ausdrücken ("Bullen", "Schweine") sprechen und denken. Sorry, liebe Mitchristen: "Wie du mir, so ich dir" und "Die haben's doch nicht besser verdient" gilt bei uns nicht. Keiner hat behauptet, dass das einfach wäre. 

Aber auch das ist noch nicht alles. Wie sich gegen Ende des zitierten Artikelfragments schon andeutet, hatte ich im Laufe meiner Studentenzeit und, in geringerem Maße, auch noch später – vermittelt durch Kommilitonen oder auch durch Gelegenheits-Bekanntschaften - vielfältige Kontakte zu Kreisen, in denen das Erbe der Hausbesetzerbewegung lebendig erhalten wurde: Ich war zu Gast in selbstverwalteten Häusern und in "Volxküchen", besuchte Partys und Konzerte in Bauruinen, auf innerstädtischen Brachflächen und auf Hinterhöfen abbruchreif wirkender Häuser. Ich fühlte mich unter Punks und Autonomen zumeist wohl und auch willkommen, wenngleich es zu einem gewissen Grad stets spürbar blieb, dass ich in dieser Szene letztlich doch nicht zu Hause, sondern eben nur zu Gast war. Diese Erfahrungen sind sicherlich ein Grund dafür, dass Äußerungen über die Besetzerszene für mich in einem anderen Maße und auf andere Weise emotional besetzt ist als für jemanden, für den das nur ein Thema "aus den Medien" ist. Noch deutlicher: Ich habe - nicht, soweit ich weiß, direkt unter den Liebig34-Besetzerinnen, aber in deren weiterem Umfeld - Freunde in dieser Szene; einige davon waren schon meine Freunde, bevor meine "Wiederbekehrung" zum katholischen Glauben manifest wurde; einige sind inzwischen infolge "weltanschaulicher Differenzen" nicht mehr meine Freunde, aber das war nicht meine Entscheidung und ändert nichts an dem, was ich an ihnen gemocht und geschätzt habe. Daher, liebe Freunde und Geschwister im Glauben: Wenn Ihr diese Leute beleidigt, beleidigt Ihr auch mich. Ich verlange nicht, dass Euch das großartig kümmert, aber Ihr sollt es zumindest wissen.

Darauf, was grundsätzlich von Hausbesetzungen zu halten ist und wie sich dies zu dem klaren Bekenntnis der katholischen Soziallehre zum Recht auf Privateigentum verhält, will ich hier nicht groß eingehen; ein paar Andeutungen dazu finden sich schon in einem oder zwei meiner weiter oben verlinkten älteren Blogartikel, aber gleichzeitig denke ich, das Thema verdient es, erheblich weiter  vertieft zu werden, als ich es hier und jetzt so ad hoc leisten kann. Ich denke, dieser Aufgabe werde ich mich widmen, wenn ich Fratelli Tutti - und dann nach Möglichkeit, von da aus sozusagen "rückwärts" vorgehend, auch die wichtigsten Sozialenzykliken früherer Päpste - gelesen haben werde. 

Vorausschicken will ich an dieser Stelle nur eines (womit ich auch nur wiederhole, was ich an anderer Stelle schon geschrieben habe): Im Grundsatz dürfte der Anspruch, sich einem Recht verpflichtet zu wissen, das höher steht als irdische Gesetze, einem Christen eigentlich nicht ganz fremd sein, bei allen unterschiedlichen Auffassungen darüber, worin dieses höhere Recht besteht und was es vom Einzelnen fordert. Auf Facebook attestierte eine befreundete Bloggerin der Hausbesetzerbewegung eine "Selbstgerechtigkeit, mit der man sich über das Gesetz stellt im Dienste inakzeptabler Ideologien". Dies allerdings könnte man, je nach eigenem Standpunkt, gläubigen Christen genausogut vorwerfen (und tut das zuweilen ja auch). Ein augenfälliger Unterschied ist, dass die Hausbesetzer konsequenter für das eintreten, woran sie glauben, und mehr Opfer dafür bringen, als "wir" das in aller Regel tun. Und das halte ich für einen Umstand, den "wir" mit Demut betrachten sollten.