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Samstag, 26. September 2026

Utopie und Alltag 44: Dickes B, Rom an der Spree

Schon wieder liegt eine enorm ereignisreiche Woche hinter mir, Freunde; so ereignisreich, dass ich mal wieder gar nicht alles in diesem Wochenbriefing untergekriegt habe und zusehen muss, dass ich ein paar "übriggebliebene" Themen an anderer Stelle anspreche. Damit steht also weiterhin die unlängst schon mal ins Spiel gebrachte Überlegung im Raum, den Zuschnitt des Artikelformats "Wochenbriefing" zukünftig anders zu gestalten; aber dazu zu gegebener Zeit. Nicht auf "ein Andermal" verschieben wollte ich jedenfalls diejenigen Themen, die als verbindenden Roten Faden den Kontrast zwischen post-volkskirchlichem Normalbetrieb und geistlichen Aufbrüchen haben, die sich eher unter dem Radar der Institution oder jedenfalls außerhalb ihrer Strukturen vollziehen. Und damit genug der Vorrede! 

Horch, was kommt von draußen rein!

Ein Glücksmoment 

Eigentlich hätte dies chronologisch noch ins vorige Wochenbriefing gehört, aber da war ja aus bekannten Gründen "kein Platz", und deshalb kommt es jetzt: Am vorletzten Donnerstag, als meine Liebste bei der Arbeit und die Kinder in der Schule und in der KiTa waren, hatte ich ganz unverhofft einen intensiven Glücksmoment. Ich war im Garten, die Sonne schien, die Katzen spielten um mich herum – eine von ihnen war, wie vorige Woche schon erwähnt, kurz zuvor nach mehr als 24 Stunden Abwesenheit unversehens wieder aufgetaucht –, und plötzlich kam mir der Gedanke: Dass ich jetzt hier bin und diesen Moment erlebe, das ist die Summe meiner Lebensentscheidungen. Alles, was ich in meinem Leben getan und nicht getan habe, hat mich im Endergebnis hierher geführt. Einfachstes, greifbarstes Beispiel: Wir würden jetzt nicht in diesem Häuschen mit Garten wohnen, wenn unsere Tochter sich nicht mit der gleichaltrigen Tochter unserer jetzigen Hausgenossin angefreundet hätte; das wiederum war aber nur möglich, weil wir unsere Tochter an genau dieser Schule eingeschult haben, von deren Existenz wir gar nichts gewusst hätten, wenn sie uns nicht ein Nachbar empfohlen hätte; und immer so weiter. – Ich kann es nur empfehlen, wenn man mal einen besonders glücklichen Moment erlebt, ein wenig über die Kette der Ereignisse zu sinnieren, die einen dort hingeführt hat. Das hilft dabei, den eigenen Lebensweg – mit all seinen Irrungen und Wirrungen – wertzuschätzen. 


Erstkommunionkatechese und ich: Es bleibt kompliziert

Als wir am vorletzten Sonntag in Herz Jesu Tegel in der Abendmesse waren, war dort unter anderem auch die Rede davon, dass in der dortigen Gemeinde gerade "der erste Elternabend für den neuen Sakramentenkurs" stattgefunden habe – womit dasselbe gemeint ist, was anderswo Erstkommunionvorbereitung heißt, aber der dortige Pfarrer nennt es gern "Sakramentenkurs", denn: "Wir bereiten die Kinder ja auch noch auf ein zweites Sakrament vor, nicht nur auf die Erstkommunion, sondern auch auf die Erstbeichte." Dürfte man unter diesem Aspekt in der Benennung des Kurses als "Sakramentenkurs" ein Signal dafür sehen, dass der Fokus tatsächlich auf Sakramentenkatechese gelegt wird statt auf irgendwelchen Ringelpiez, dann wäre das sicherlich zu begrüßen, aber wenn man den Pfarrer von St. Klara Reinickendorf-Süd kennt,  drängt sich doch der Verdacht auf, dass er hier lediglich eine Gelegenheit gesehen hat, seiner Profilneurose und seinem Hang zur Besserwisserei zur Abwechslung mal ein fromm wirkendes Mäntelchen umzuhängen. – Noch mehr als darüber ärgerte ich mich jedoch, als die Caritas-Direktorin Ulrike Kostka, die in dieser Messe "predigte", einleitend auf die Erwähnung des "Sakramentenkurses" zurückgriff und dabei auf die Erinnerung an ihre eigene Erstbeichte einging: Sie habe damals nicht so recht gewusst, was das Ganze eigentlich soll, habe sich daher "ziemlich krampfhaft überlegt hab, was ich da vielleicht sagen könnte", und habe auf ihrem "kleinen Zettel" schließlich "irgendwas aufgeschrieben, wo ich meiner Mutter nicht geholfen habe oder irgend sowas". Meiner Tochter, die neben mir saß, hätte ich an dieser Stelle am liebsten die Ohren zugehalten. Man sieht hier, die Vertreter des post-volkskirchlichen Establishments sind so sehr daran gewöhnt bzw. setzen voraus, es mit einer desinteressierten und unmotivierten Zielgruppe zu tun zu haben, dass sie gar nicht merken, was für einen Schaden sie mit dieser Haltung bei jungen Menschen anrichten, die möglicherweise doch Interesse und Motivation mitbringen. 

Dass Frau Kostka als Kind mit dem Sakrament der Versöhnung so wenig anfangen konnte, führte sie darauf zurück, dass "damals [...] die Vorbereitung nicht allzu sehr intensiv oder [...] an Äußerlichkeiten geknüpft" war; das schien mir nun auch wieder so ein typisch liberalkatholisches Narrativ zu sein: Früher™️ war in der Kirche alles ganz furchtbar, heute machen wir alles besser. Andererseits muss man bedenken, dass Frau Kostka, ihrem Geburtsjahrgang nach zu schließen, vermutlich um 1980 herum zur Erstkommunion gegangen ist, und es kann durchaus sein, dass die Krise der Katechese da gerade auf einem Höhepunkt war. – Wie dem auch sei: Ich muss gestehen, dass mir gerade der Punkt mit der Konzentration auf Äußerlichkeiten erneut in den Sinn kam, als ich am vergangenen Samstag mit meinem Tochterkind erstmals zum Erstkommunionkurs für die Gemeinde St. Joseph Siemensstadt/St. Stephanus Haselhorst ging. 

Which Way, Western Girl? 

Eigentlich war es bereits das zweite Kurstreffen; das erste hatten wir ja verpasst, weil wir da auf Gemeindefreizeit waren. Jedenfalls hatte sich die Teilnehmerzahl seit dem Elternabend noch einmal signifikant erhöht, 21 Kinder erschienen zum Treffen, ungefähr vier weitere waren entschuldigt. Die inhaltliche Planung für Gesamtablauf des Kurses sah für dieses Treffen zwei thematische Einheiten vor, zu den Themen "Bibel" und "Gebet", und diese beiden Themenblöcke fand ich durchaus nicht schlecht, wenn auch ausbaufähig; aber ehe ich darauf näher eingehe, möchte ich mich zunächst einmal darauf konzentrieren, was ich am Konzept dieses Erstkommunionkurses als problematisch und ärgerlich empfunden habe. Und das hat sehr viel mit dem bereits genannten Stichwort "Konzentration auf Äußerlichkeiten" zu tun. Oder zumindest würde ich sagen, das Verhältnis zwischen dem, was den Kindern beigebracht werden soll, und dem, was als bekannt oder selbsterklärend vorausgesetzt wird, stimmt nicht. 

Vorausgesetzt wird ein gewisser "kulturkatholischer" Hintergrund – was insofern vermutlich realistisch ist, als die Kinder immerhin aus Elternhäusern kommen, die Wert darauf legen, dass sie zur Erstkommunion gehen, auch wenn die meisten von ihnen ansonsten eher wenig Kontakt zur Kirche haben. Das Problem ist, dass – jedenfalls meiner Wahrnehmung zufolge – ein allzu großer Anteil des Kurses darauf ausgerichtet ist, die Kinder in diesem Kulturkatholizismus zu bestärken: Sie werden darauf trainiert, die äußeren Abläufe zu beherrschen – böse könnte man sagen: so weit zu beherrschen, dass sie in der Kirche nicht negativ auffallen –, aber inwieweit sie Grundlagen des christlichen Glaubens kennen und verstanden haben, wird dabei kaum hinterfragt. 

Wohlgemerkt, ich bin durchaus der Meinung, dass die Kinder im Laufe des Erstkommunionkurses die äußeren Abläufe der Messe erlernen sollten – aber das sollte für mein Empfinden nicht gleich am Anfang des Kurses stehen. Wenn man den Kindern nicht zuerst einen Kontext vermittelt, der ihnen begreiflich macht, warum sie sich für die Abläufe der Messe interessieren sollten, kommt bei ihnen nur an "Wir müssen das lernen, damit wir zur Erstkommunion gehen können", und dann ist es kein Wunder, wenn sie, sobald die Erstkommunion vorbei ist, jedes Interesse daran verlieren. 

Kommen wir aber lieber mal zu den wie gesagt doch relativ gut gelungenen thematischen Einheiten "Bibel" und "Gebet". Zum Thema "Bibel" stellten die Katecheten der Gruppe verschiedene Bibelausgaben vor, von Bibel-Bilderbüchern für kleine Kinder über eine Comic-Bibel und die YouCat-Jugendbibel (die hatte ich mitgebracht) bis hin zu "erwachsenen" Bibelausgaben mit exegetischen Fußnoten; diese wurden zu einer "gestalteten Mitte" des Stuhlkreises arrangiert (ein Stilmittel, über das ich mich ja normalerweise gern lustig mache, aber was will man machen), und dann wurden die Verse Apostelgeschichte 2,1-6 – über das Pfingstwunder – in verschiedenen Sprachen vorgetragen. 

Nun bin ich zwar der Meinung, man hätte da durchaus noch mehr draus machen können – wenn ich etwa daran denke, wie unlängst beim JAM "Fakten zur Bibel" in interaktiver und spielerischer Form präsentiert wurden –, und vor allem scheint mir im Rückblick, dass die Frage, warum wir uns eigentlich dafür interessieren sollten, was in der Bibel steht, etwas kurz kam; aber direkt schlecht fand ich diese thematische Einheit wie gesagt nicht, und das ist ja schon mal was. Beim Thema "Gebet" ging es zunächst um verschiedene Formen bzw. Intentionen des Gebets, und dafür wurde die "Gestaltete Mitte" noch einmal umgestaltet: 


Anschließend durften die Katecheten Zeugnis von ihren persönlichen Gebetserfahrungen geben. Mein Beitrag dazu lautete ungefähr wie folgt: 

"In den Sommerferien war ich mit meiner Familie in einer Ferienwohnung, die gehörte einer ganz alten Frau, und da gab es kein Internet – also kein WLAN –, aber was es gab, war ein altes Radio. Das Gerät war bestimmt so 40, 50 Jahre alt. Und so ein Radio kann natürlich alle möglichen Sender empfangen, auf manchen kommen ganz viele Nachrichten, auf anderen hauptsächlich Musik, aber vielleicht nicht unbedingt die Musik, die man hören möchte. Und bei so einem alten Gerät, da kann man nicht einfach einen Knopf drücken oder irgendwas eingeben und dann kommt der Sender, den man hören möchte, sondern da gibt es so einen Drehknopf, und da muss man den Sender einstellen. Und wenn man ein bisschen zu weit dreht, dann kommen Störgeräusche, oder man hört plötzlich zwei Sender gleichzeitig, also durcheinander. – Warum erzähle ich euch das? Weil ich finde, dass das auch etwas mit dem Beten zu tun hat. Das Wichtigste am Beten ist gar nicht unbedingt, was man Gott sagen möchte: Es stimmt zwar, dass man Gott im Gebet alles sagen kann, was einen gerade beschäftigt und was einem wichtig ist, und es ist auch gut, das zu tun – aber es ist ja nicht so, dass man Gott damit etwas erzählen würde, was Er nicht schon wüsste. Ich jedenfalls stelle immer wieder fest, das eigentlich Wichtige am Beten ist, dass ich dabei mein inneres Radio auf Gottes Sender einstelle – und dabei die ganzen Störgeräusche und die ganzen anderen Stimmen, die mir alles Mögliche erzählen wollen, abstelle." 

Man sieht, Akzente zu setzen ist im Rahmen des Kursprogramms durchaus möglich, aber ich bin durchaus noch nicht überzeugt, ob das reicht – ob man das Konzept des Kurses nicht lieber komplett über den Haufen werfen sollte. Für ein eindeutiges Urteil in dieser Frage ist es aber auch sicherlich noch zu früh. Ich hatte ja schon erwähnt, dass beim ersten Katechetentreffen der Ablaufplan für die beiden ersten Kurstreffen aus pragmatischen Gründen praktisch unverändert aus dem Vorjahr übernommen wurden, während für das dritte Kurstreffen bereits allerlei Änderungsvorschläge und –wünsche seitens der Neulinge im Katechetenteam geäußert wurden. So gesehen ist es vielleicht von Vorteil, dass bis zum dritten Kurstreffen noch Zeit ist, diese Änderungen gründlich auszuarbeiten; aber dass es ganze acht Wochen sind, bis der Erstkommunionskurs sich das nächste Mal trifft, ist so vorteilhaft dann wohl doch nicht: Wenn man nach zwei Kurstreffen, von denen das erste größtenteils aus Kennenlernspielen bestand, erst mal acht Wochen Pause macht, kann man danach im Grunde wieder bei Null anfangen. Mit einer gewissen Portion Zynismus könnte man sagen, das sei vielleicht ganz gut so; aber für eine solche Einstellung sind es insgesamt zu wenige Kurstreffen, und der Terminplan hält noch weitere Katastrophen bereit: Mal folgen zwei oder sogar drei Kurstreffen rasch aufeinander, dann ist wieder wochenlang Pause. Von der Papierform her soll wohl dadurch eine gewisse Kontinuität hergestellt werden, dass die Kinder auch in den Wochen, in denen samstags kein Kurstreffen ist, sonntags in die Messe gehen sollen, aber da sag ich mal: Viel Glück. – Im Grunde bräuchte man für diejenigen Kinder, die wirklich motiviert sind und die Erstkommunionvorbereitung nicht nur als Pflichtprogramm absitzen wollen, mehr freiwillige Zusatzangebote. Was unser Tochterkind betrifft, stehen meiner Liebsten und mir natürlich alle Möglichkeiten offen, in den Wochen zwischen den Kurstreffen eigene Angebote zur Erstkommunionvorbereitung zu machen, zumal wir allerlei Material dafür zu Hause haben; aber es wäre schon schade, dabei nicht auch andere Kinder "mitzunehmen". Die Frage ist, wo die Motivation herkommen soll, denn von dem Kurstreffen am vergangenen Samstag kann ich mir ehrlich gesagt eher nicht vorstellen, dass es den Kindern Lust auf mehr gemacht hat. Nun gut, seit ein paar Tagen gibt es eine Eltern-WhatsApp-Gruppe, vielleicht kann man die nutzen, um mal ein Treffen "außer der Reihe" anzuregen. 

Zu erwähnen wäre noch der Vorstellungsgottesdienst der Erstkommunionkinder, der am Sonntag in St. Joseph Siemensstadt gefeiert wurde; die Vorstellung der Kinder war tags zuvor am Ende des Kurstreffens unter Leitung des Gemeindereferenten geprobt worden, der Zelebrant – Padre Ricardo – gestaltete sie dann aber doch ganz anders. Gut fand ich immerhin, dass, wie schon im Vorjahr, Gemeindemitglieder Gebetspatenschaften für die einzelnen Erstkommunionkinder übernahmen; drei Kinder trugen Kyrie-Rufe vor, eins die 1. Lesung, drei weitere je eine Fürbitte – da war auch mein Tochterkind dabei. Schon ein stolzer Moment für einen Vater. 


Theorie und Praxis: Vom Erstkommunionkurs zum Marsch für das Leben 

Aber noch einmal zurück zum Samstag: Das Erstkommunion-Kurstreffen hätte bis 13 Uhr gehen sollen, dauerte tatsächlich aber etwas länger; direkt im Anschluss brach ich jedenfalls mit dem Tochterkind zum Marsch für das Leben auf, der mit einer Kundgebung auf dem Washingtonplatz am Hauptbahnhof begann. Letztes Jahr war der Marsch ja auf das Wochenende gefallen, an dem wir bei der Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche waren, und in den beiden Jahren zuvor war ich allein hingegangen, nicht zuletzt aufgrund der Überlegung, möglicherweise sei es nicht ratsam, Kinder dorthin mitzunehmen. Diesmal jedoch hatte ich – wie letzte Woche schon erwähnt – im Vorfeld erfahren, dass die Schöneberger KPE-Pfadfinder ihre Zeremonie zum Übertritt von vier Mädchen aus der Wölflingsmeute in die Pfadfinderinnengilde eigens dazu an diesem Samstag und auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit abhielten, um anschließend am Marsch für das Leben teilnehmen zu können, und daher dachte ich, da könnte man ja nach dem Erstkommunionkurs noch dazustoßen. Ich hatte mit meiner Großen darüber gesprochen, und sie wollte, also machten wir es so. 


Die ersten bekannten Gesichter, die wir bei der Kundgebung auf dem Washingtonplatz sahen, waren allerdings Gemeindemitglieder der EFG The Rock Christuskirche; wenig später entdeckte ich dann aber auch ein paar Pfadfinderhalstücher in der Menge. Nachdem es dem Tochterkind und mir gelungen war, uns zu ihnen durchzudrängeln, zeigte es sich, dass es sich tatsächlich um einige Mädchen aus den KPE-Stämmen aus Berlin-Schöneberg und Teltow handelte, die wir kannten; also schlossen wir uns ihnen an. Im Laufe des Marsches trafen wir auch noch allerlei andere Bekannte, zum Beispiel den in diesem Jahr geweihten Diakon, der früher mal regelmäßiger Gast bei unserem "Dinner mit Gott" gewesen war, und mehrere Teilnehmer des Männereinkehrtags in Neuzelle im vergangenen Frühjahr. Zeitweilig marschierte der Passauer Bischof Stefan Oster ganz in unserer Nähe, ins Gespräch kam ich mit ihm aber nicht. Bloggerkollegin Claudia war, wie aus ihrem Bericht zu ersehen ist, ebenfalls da, wir haben uns aber nicht gesehen. 


Was die Gegenproteste angeht, die ja irgendwie doch ein wesentlicher Bestandteil des Gesamterlebnisses Marsch für das Leben sind, fand ich sie dieses Jahr ausgesprochen dürftig. Okay, das habe ich sinngemäß auch 2023 und '24 schon geschrieben, aber diesmal kam es mir so vor, als seien die Gegenproteste noch erheblich weiter zusammengeschrumpft. Nur hier und da standen an Straßenecken versprengte Häuflein oftmals maskierter Gegendemonstranten, die mit schrillen Stimmen die altbekannten Parolen brüllten; es kam mir vor, als wären es insgesamt nicht einmal 100 Personen, aber ich bin zugegebenermaßen schlecht im Schätzen. – Nachdem meine Tochter mehrfach aus verschiedenen Mündern die Aussage gehört hatte, in früheren Jahren seien die Gegendemonstranten deutlich aggressiver gewesen, wollte sie schließlich wissen, was genau die denn gemacht hätten. Als ich daraufhin erklärte, früher sei es beispielsweise vorgekommen, dass Störer in den Demonstrationszug eingedrungen seien und Demonstranten ihre Schilder oder Plakate entrissen und zerstört hätten, oder dass der Marsch mit Gegenständen beworfen worden sei – u.a. mit Stinkbomben –, machte sie große Augen und merkte an: "Ich trau mich kaum das zu sagen, aber die verhalten sich ja wie Nazis." Tja – Kindermund, sag ich mal. 

Wie dem auch sei: Das Tochterkind war mit Begeisterung bei der Sache, sprach von sich aus davon, beim nächsten Mal auch wieder mit dabei sein zu wollen, und deckte sich an den Infoständen auf dem Washingtonplatz ausgiebig mit Giveaways ein, zum Beispiel mit Stickern, mit denen sie ihre Meerjungfrau-Umhängetasche dekorierte. 


Angesichts der Begeisterung meiner Tochter für das Anliegen des Lebensschutzes fand ich es dann allerdings ratsam, sie am Montag auf dem Schulweg darauf vorzubereiten, dass sie, wenn sie in der Schule vom Marsch für das Leben erzähle, damit rechnen müsse, nicht nur positive Reaktionen zu ernten. Ich habe ihr wohlgemerkt nicht gesagt, sie solle in der Schule nicht darüber reden, sondern nur, dass sie sich, wenn sie es tut, auf negative Reaktionen gefasst machen solle. In der zurückliegenden Schulwoche ist mir in dieser Hinsicht allerdings nichts zu Ohren gekommen, weder vom Tochterkind selbst noch von anderer Seite, womöglich gar von Mitarbeitern der Schule. Wir werden sehen, ob es dabei bleibt... 


Konspirativer Kellerabend 

Nach einer kurzen Verschnaufpause am Hauptbahnhof brachen das Tochterkind und ich direkt zur nächsten Veranstaltung auf, bei der dann auch die "andere Hälfte der Familie", also meine Liebste und unser Jüngster, zu uns stieß: Im Kardinal-Bengsch-Saal im Keller der St.-Elisabeth-Kirche in Tempelhof fand eine Diskussionsveranstaltung unter dem Motto "Quiet Revival – Gibt es eine Rückkehr des Christentums?" statt, mit Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung und zwei prominenten katholischen YouTubern, Margarete Strauss ("MagStrauss") und Pastor Oliver Dembski ("Konsequent katholisch"). Margarete Strauss, mit der ich früher schon mal auf elektronischem Wege Kontakt gehabt hatte, hatte ich auf dem Marsch gesehen und ein paar Worte mit ihr gewechselt; Pastor Dembski hingegen, der zwar Diözesanpriester im Erzbistum Hamburg ist, dessen Herz aber, wie er selbst sagt, "für die Tradition" schlägt ("die alte lateinische Messe in Verbundenheit mit der alten Theologie und vor allem auch der alten Morallehre"), war mir bislang kein Begriff – was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass das Tradiversum, wie ich es mal nennen will, nicht so ganz meine Welt ist. Ich fand es – auch wenn ich mir damit jetzt vergreife – auch irgendwie folgerichtig, dass der Tradi-Pastor die Ausgangsfrage der Diskussion, nämlich ob wir derzeit die Anfänge einer "Rückkehr des Christentums" erleben, deutlich zurückhaltender bis skeptischer beurteilte als die anderen Teilnehmer: Mit Optimismus in die Zukunft zu schauen, passt halt nicht so recht zum Tradi-Naturell. 

Ein Blick aufs Podium: Margarete Strauss, Pastor Dembski, Pater Paulus, Jan-Philipp Görtz (v.l.n.r.) 

Bevor ich aber näher auf den Inhalt der Podiumsdiskussion eingehe, die auch auf YouTube übertragen wurde, möchte ich noch anmerken, dass die Veranstaltung ausgezeichnete Networking-Gelegenheiten bot. Dazu gehörte, dass ich mich schon vor Beginn der Gesprächsrunde mit Pater Paulus unterhielt, der andeutete, er habe ein Projekt in petto, bei dem ich ihm eventuell helfen könne; aber auch, dass der Moderator der Veranstaltung, Jan-Philipp Görtz – Mitinitiator des Exerzitienzentrums der Göttlichen Barmherzigkeit in der Kreuzberger Kirche St. Clemens – mit den Worten "Pfarrer W. hat gesagt, Sie sind wichtig" auf mich zukam. Ich erwiderte, wir seien uns doch schon mehrfach in St. Clemens und mindestens einmal auch in Neuzelle begegnet, woraufhin er erklärte, das könne wohl sein, aber er habe meinem Gesicht bisher keinen Namen zuordnen können. 

In seiner Anmoderation der Gesprächsrunde bezeichnete Görtz Deutschland etwas augenzwinkernd als das "härteste Missionsgebiet der Welt – aber mit enormem Potential" und würdigte die Pfarrei St. Matthias, zu der der Veranstaltungsort gehörte, als eine der rechtgläubig katholischen Pfarrgemeinden Berlins; speziell in diesem Kellerraum fänden, oft in Kooperation zwischen der Pfarrei St. Matthias und dem Exerzitienzentrum in St. Clemens, "sehr viele katholische Veranstaltungen statt; wir nennen das auch die Freie Katholische Akademie, im Gegensatz zu anderen Katholischen Akademien. – Die Untergrundkirche, die ist lebendig, die wächst", fügte er hinzu. – Zum Stichwort "Untergrundkirche" passte es auch, dass Pater Paulus, der ja aus Sachsen stammt, die institutionellen Strukturen der Kirche mit denen der DDR verglich und in diesem Zusammenhang einen Witz aus DDR-Zeiten zitierte, in dem es hieß, im Staate gehe es zu wie in einer Champignonzucht: "Alles geschieht im Dunkeln, und sobald sich helle Köpfe zeigen, werden diese abgeschnitten." Gerade im Vergleich mit seinen Erfahrungen aus anderen Ländern beschrieb Pater Paulus seine Erlebnisse mit der institutionellen Kirche in Deutschland mit den Worten: "Man wird gebremst, man wird gestoppt, es gibt auch richtige Hetzkampagnen von oben. [...] In den USA, in England gibt's das praktisch überhaupt nicht, dass die Bischöfe eigentlich gegen die Kirche arbeiten." 

Trotz dieses harten Urteils war von Resignation bei ihm nichts zu spüren – im Gegenteil: Es gelte, das alles "jetzt durchzuhalten, diesen ganzen Quatsch und diese Entmutigung" – und dann zu sehen: 

"Die jungen Leute kommen in die Kirche, irgendwie völlig ungeplant. Wir haben gedacht, wir haben alles unter Kontrolle. Jetzt auf einmal kommt die neue Erweckung, irgendwoher, aus dem Nichts." 

Jan-Philipp Görtz merkte an, es habe in diesem Jahr "dreihundert Taufen in Berlin zu Ostern" gegeben, "und ich hab meinen Freunden damals schon gesagt, wir werden in fünf Jahren dreitausend haben und in zehn Jahren dreißigtausend. Und das ist, glaube ich, noch eine konservative Schätzung." Aus dieser Erwartung heraus prognostiziert er, "wir werden ganz andere Themen bekommen in den Gemeinden in den nächsten zehn Jahren in unseren Gemeinden": 

"Wenn ich mir vorstelle, was das bedeutet, wenn 30.000 Neukatholiken in zehn gute Gemeinden geraten, das wird uns tendenziell überfordern." 

Dafür Sorge zu tragen, dass "der junge Wein in den alten Schläuchen" sich nicht "zerstörerisch" auswirke, werde "für die normalen Kirchen, auch für so eine Gemeinde wie St. Matthias hier, echt die Herausforderung" der kommenden Jahre werden: "Vielleicht denkt man schon mal ein bisschen darüber nach, wie wir damit umgehen werden." Da kann ich nur sagen, ich bin dabei – und ich freue mich auf diese Herausforderung. 


Neues vom Bewerbendenkreis 

Allüberall geht die Sommerpause zu Ende, so auch im institutionellen Apparat des Erzbistums Berlin; und für mich schlägt sich das darin nieder, dass allerlei Termine im Zusammenhang mit meiner angestrebten Ausbildung zum Gemeindereferenten in meinem Kalender aufpoppen. Als erstes musste ich am Dienstag und Mittwoch zu einem Intensivkurs "Prävention gegen sexualisierte Gewalt", der in einem Bildungszentrum des Erzbistums in einem Nebengebäude der Liebfrauenschule im Westend stattfand. Nun kann man wohl sagen, dass eine Präventionsschulung nicht unbedingt die Art von Veranstaltung ist, auf die man Lust hat; aber ich fand sie dann doch überraschend gut. Inhaltlich und auch methodisch wiederholte sich Manches, was ich schon von meiner Basisschulung für Ehrenamtliche vor drei Jahren kannte, aber die Inhalte wurden gründlicher, ausführlicher und intensiver behandelt, ich fand die Referentin sehr gut, die Vermittlung von Präventions- und Interventionsrichtlinien sehr praxisnah und nachvollziehbar, und auch das Klima in der Gruppe war angenehm: Wir waren 15 Teilnehmer, eine bunte Mischung von Leuten, die in ganz unterschiedlichen Positionen oder Berufen in verschiedenen Einrichtungen des Erzbistums tätig sind; zwei der Teilnehmer waren Anfang des Jahres beim selben "Bewerbendentag" gewesen wie ich, eine dritte kannte ich vom Sehen aus der Gemeinde in Siemensstadt, eine ihrer Töchter ist in "meinem" Erstkommunionkurs. Damit nicht genug, kam während des Mittagessens jemand in den Speisesaal, der der Bildungseinrichtung Getränke liefern wollte und nun im Haus jemanden suchte, der dafür zuständig war; und dieser Getränkelieferant war der junge Mann mit dem Hipsterbart und den Tunnel-Ohrringen, der den Alpha-Kurs der EFG The Rock Christuskirche mitgemacht hatte und vor den Sommerferien getauft worden war. Ich empfand das als einen feinen Fingerzeig des Himmels in Sachen "Überall hat Gott seine Leute"... 

Am Freitagnachmittag ging es dann weiter mit einer Semesterauftakt-Veranstaltung für den Bewerbendenkreis des Erzbistums Berlin; daran nahmen – abgesehen vom Regens, einem geistlichen Begleiter, einigen Mitarbeiterinnen der Ausbildungsabteilung des Erzbischöflichen Ordinarists sowie dem Geschäftsführer des Diözesanrats, der einen Workshop zum Thema "Kirche und Politik" leitete – wiederum ungefähr 15 Personen teil, darunter zwei, die ich in dieser Woche schon bei der Präventionsschulung getroffen hatte, ein weiterer, der mit mir zusammen im Februar beim Bewerbendentag gewesen war, und vier oder fünf, die ich Ende Juni beim Wandern im Grunewald kennengelernt hatte. Auch mit einigen Teilnehmen, die ich bisher noch nicht gekannt hatte, hatte ich gute Gespräche; unter dem Aspekt der sozialen Vernetzung innerhalb des Bewerbendenkreises darf man die Veranstaltung demnach als vollen Erfolg betrachten, und leckeres Essen auf Kosten des Kirchensteuerzahlers gab es auch. 

Als ich das letzte Mal hier war, war der Innenhof noch nicht gepflastert.

Auf den dreistündigen Workshop "Kirche und Politik" hatte ich mich eigentlich noch weniger gefreut als auf die Präventionsschulung, aber auch der war besser als erwartet. Man hatte dabei übrigens den Eindruck, dass ein nicht ganz kleiner Teil der Anwesenden die Frage des gesellschaftspolitischen Auftrags der Kirche erheblich konservativer beurteilt, als es der offiziellen Linie des Erzbistums oder der Deutschen Bischofskonferenz entspräche; aber über diese allgemeine Feststellung hinaus will ich hier gar nicht unbedingt näher auf den Inhalt des Workshops eingehen – das ist eher mal ein Thema für sich. 

Schöne Sofakissen übrigens!

Wie schon bei der Grunewaldwanderung Ende Juni waren übrigens auch bei dieser Veranstaltung Seminaristen des neokatechumenalen Priesterseminars Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf stark vertreten. Man kann es nur immer wieder betonen: Das Erzbistum Berlin, das ja von der Mitgliederzahl her ein eher kleines Bistum ist, steht in Sachen Priesternachwuchs vergleichsweise besser da als andere deutsche Bistümer, aber das verdankt sich praktisch ausschließlich der Tatsache, dass die "Neos" in Berlin ein Seminar haben. Ich habe es bestimmt schon öfter, zumindest andeutungsweise, angesprochen, aber ich bin gespannt, wie die wachsende Zahl von Priestern aus dem Neokatechumenat das Erzbistum auf mittlere Sicht verändern wird. Im Moment hat man noch den Eindruck, dass – wenn auch vielleicht nicht im selben Ausmaß wie in manchen westdeutschen Diözesen – der institutionelle Apparat des Erzbistums stark mit liberalen Katholiken durchsetzt ist, die sich auf ihre Liberalität etwas zugute halten. Aber auch dazu vielleicht lieber ein Andermal mehr...! 


Geistlicher Impuls der Woche 

Mein Apostel, wieviel forderst du von uns, um den Namen eines Christen mit Recht zu tragen! Es soll aus unserem Leben das Leben Christi hervorleuchten; es sollen alle unsere Gedanken, Gebärden und Handlungen Jesu Christi Gedanken, Reden und Handlungen sein! Das ist freilich viel. Aber nachdem der heilige Paulus aus dem Geiste Gottes geredet hat, lässt sich dagegen nichts einwenden. Und lernen wir’s vielleicht nicht vom göttlichen Heiland selbst? Dass er eine so geraume Zeit unter den Menschen wandelte, wo doch wenige Augenblicke genügt hätten zur Erlösung der Welt; dass er nicht mit Worten lehrte, was er nicht selbst vorher in der Tat ausgeübt hatte; wie es Johannes bezeugt, dass er nicht nur unser Wegweiser sein, sondern der Weg selbst werden wollte: "Ich bin der Weg" (Joh 14,6); dass er so manche ausdrücklich zur Nachfolge einlud: "Folge mir nach!" (Mk 2,14); und dass er endlich den allgemeinen Ausspruch tat: "Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig" (Mt 10,38). Was bedeutet das anders, als dass er Schüler verlangt, die in seine Fußstapfen genau eintreten und seinen Beispielen genau folgen. Nun aber sind wir Christen diese Schüler; denn es ist ein und dasselbe Ding, ein Christ und ein Schüler Christi zu sein. Man verdient den Namen Christ nicht, wenn man ihm nicht nachfolgt. 

(Sigismund von Storchenau, Geistliche Reden auf alle Sonntage des Jahres) 


Ohrwurm der Woche 

Abstürzende Brieftauben: Paderborn 


Warum mir dieses Lied in letzter Zeit immer mal wieder durch den Kopf geht, dürfte ja offensichtlich sein; dazu, warum ich es gerade in diesem Wochenbriefing zum Ohrwurm der Woche ernannt habe, wird in der Rubrik Vorschau/Ausblick Näheres zu sagen sein. – Bekannt ist das von Routinier Christian Bruhn ("Marmor, Stein und Eisen bricht") komponierte und von seiner Frau Erika in Zusammenarbeit mit einem weiteren Schlager-Veteranen, Joachim Relin ("Frag' den Abendwind"), getextete Lied natürlich vor allem durch den Film "Kein Pardon" mit Hape Kerkeling; ich hatte aber immer die Vorstellung, das Lied müsse es sozusagen "schon vorher gegeben haben" – und offenbar soll auch genau dieser Eindruck erweckt werden, nicht zuletzt durch die Anmoderation ("Ihr kennt das Lied ja alle"). Tatsächlich ist das Lied aber wohl doch eigens für den Film geschrieben worden; schade finde ich indes, dass die mit "Ich schrieb ihr Briefe und Ansichtskarten" und "Ich kaufte Ringe und auch Champagner" beginnenden Strophen des Liedes im Film gar nicht vorkommen, daher gibt's hier eine vollständige Version ohne Hape Kerkeling. Von den Refrainzeilen mit den nicht in Ostwestfalen oder im Bergischen Land gelegenen Ortsnamen und den Reimen darauf nehme ich indes an, dass die Abstürzenden Brieftauben sie auf dem Wege der Improvisation hinzugedichtet haben. 


Vorschau/Ausblick 

Heute Vormittag habe ich mein Tochterkind wieder zum Meutentreffen der KPE-Wölflingsmädchen in Schöneberg begleitet, nachdem wir da in den letzten drei Wochen nicht hatten teilnehmen können und somit seit den Sommerferien überhaupt erst einmal dort gewesen waren. Auf dieses Meutentreffen wird also nächste Woche zurückzukommen sein. Am morgigen 26. Sonntag im Jahreskreis ist in St. Joseph Siemensstadt Kinderwortgottesdienst, der erste der Saison; bin mal gespannt, wie viele der neuen Erstkommunionkinder daran teilnehmen. Und dann bin ich so ziemlich für den Rest der Woche in der Metropole des ostwestfälischen Katholizismus, d.h. in Paderborn – um an der Einführungswoche der dortigen Katholischen Hochschule teilzunehmen. Es ist wohl anzunehmen, dass dies ein dominierendes Thema des nächsten Wochenbriefings werden wird. Jedenfalls bin ich ausgesprochen gespannt! 


Mittwoch, 23. September 2026

Glanz und Elend der Urlauberkirche, Teil 2: Summer of '92

Als ich im vergangenen Herbst, angeregt durch die Erlebnisse bei der Urlauberkirche in den Sommerferien, meinen Artikel "Glanz und Elend der Urlauberkirche – Teil 1" über die Anfänge der Urlauberpastoral in Butjadingen veröffentlichte, stellte ich am Ende des Artikels in Aussicht, "in halbwegs naher Zukunft" noch mehr zu diesem Thema zu schreiben: zunächst, unter dem Reihentitel "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase", einen Beitrag über eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des GRZ Krelingen und der Ostfriesischen Zeltmission unter dem Motto "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit", die im Sommer 1990 in meinem Heimatdorf stattfand – diese Ankündigung habe ich inzwischen eingelöst, auch wenn etwas länger gedauert hat, als ich es ursprünglich wohl beabsichtigt hatte. "Für danach" hatte ich dann die eigentliche Fortsetzung von "Glanz und Elend der Urlauberkirche", mit dem Untertitel "Summer of '92", auf dem Zettel. Die seinerzeit geäußerte Einschätzung, "der besagte Sommer dürfte wohl den Höhepunkt meiner aktiven Beteiligung am Urlauberseelsorge-Programm von Strandkorbkirche und Krelinger-Strandmission sowie [...] überhaupt einen Höhepunkt meiner 'ersten Fundi-Phase' markieren", kann ich, nachdem ich mein altes Tagebuch durchgearbeitet habe, nur unterstreichen; tatsächlich enthalten meine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Sommer 1992 sogar genug Stoff für mehrere Artikel, wobei es sich anbietet, alles, was sich nicht konkret auf die Aktivitäten von Strandkorbkirche und Strandmission in diesem Jahr bezieht, der Reihe "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" zuzuordnen – auch wenn es mehr oder weniger zwangsläufig thematische Überschneidungen zwischen dieser Reihe und "Glanz und Elend der Urlauberkirche" gibt. Das Material aus den Sommerferien 1992, das eindeutig zum Themenbereich Urlauberkirche gehört, lässt sich wiederum unschwer in zwei Hauptabschnitte untergliedern: Während der ersten drei Ferienwochen steht das erste Strandkorbkirchen-Team der Saison im Mittelpunkt des Interesses, das aus der NGL-Band Wellenbrecher aus Wallenhorst bei Osnabrück plus Familienanhang bestand; nach diesen drei Wochen traf dann ein neues Strandkorbkirchen-Team und etwa zeitgleich ein Team der Strandmission in Burhave ein. Fangen wir also mal vorne an – mit einem Artikel, der sich hauptsächlich um den Strandkorbkirchen-Einsatz der Wellenbrecher dreht! --- 

Nein, dies war nicht das Band-Equipment der Wellenbrecher. Aber als Symbolbild passt's wohl so halbwegs. 

Mein erster Tagebucheintrag aus den Sommerferien des Jahres 1992 ist datiert auf Samstag, den 27. Juni – den dritten Ferientag. Am Abend zuvor war meine Schwester zu Besuch gekommen; wie wir uns erinnern, hatte sie zur Handlungszeit von "Glauben im Kreuzfeuer der Zeit" noch "zu Hause gewohnt", inzwischen machte sie aber eine duale Ausbildung beim Land Niedersachsen, in der sich Studienabschnitte in Hildesheim und Praxissemester in Oldenburg miteinander abwechselten. In Hildesheim wohnte sie bei einem pensionierten Geistlichen (und, was ich damals allerdings nicht wusste, ehemaligen Leiter der Hildesheimer Dombibliothek), den wir daher kannten, dass er regelmäßig in Butjadingen Urlaub machte und bei diesen Gelegenheiten auch als Gastpriester eingesetzt wurde. "Nach Hause" kam meine Schwester vorerst nur übers Wochenende, denn danach sollte sie zunächst für ein paar Tage das Haus des alten Priesters hüten und wollte danach ihren Umzug nach Oldenburg in Angriff nehmen. Bei beidem wollte ich mitmachen, sodass ich also in der folgenden Woche nicht zu Hause sein würde; aber vorher wollte ich mir noch einen Eindruck vom Strandkorbkirchen-Team machen, das, wie ich notierte, "schon seit Donnerstag da" war – "aber das Programm hatte noch nicht begonnen". Ich ging also am Samstag zusammen mit meiner Schwester zum Pfarrhaus, wo wir tatsächlich den damaligen Pfarrer Kordecki (den ich in meinem Tagebuch durchgängig bei seinem Vornamen, Alfons, nenne – mir scheint, daraus spricht durchaus eine gewisse Sympathie, aber nicht unbedingt großer Respekt; nun ja, mit 16 hat man's wohl nicht so mit dem Respekt vor Autoritätsfiguren) im Gespräch mit "einige[n] der neuen Strandkorbkirchler" antrafen. (Hervorheben möchte ich an dieser Stelle übrigens die Selbstverständlichkeit, mit der meine Schwester und ich damals im Rat-Schinke-Haus ein und aus gingen; an den Namen, den das Haus seit 1988 trug, hatte ich mich hingegen offenbar noch nicht gewöhnt und nannte es weiterhin "Pfarrhaus".) Von einem der Strandkorbkirchen-Teammitglieder, "er hieß Andreas", erfuhren wir, "die Gruppe bestehe aus acht Erwachsenen und acht Kindern. Der 'Chef" sei allerdings noch nicht da" – und damit wurde es dann auch schon interessant. 

"Unser Pfarrer hatte einige Vorschläge, was die Strandkorbkirchler alles machen könnten, doch es schien nicht so, als ob die Leute sehr empfänglich für Ideen wären. Der Chef, wer immer das sein sollte, habe alles schon genau durchgeplant. Wir waren etwas skeptisch, was wohl aus diesem Team werden sollte. Vielleicht wurde es sehr gut – vielleicht aber auch sehr schlecht. Andreas war jedenfalls ganz nett. Alles weitere musste man abwarten." 

Aus heutiger Sicht würde ich es als recht frappierend bezeichnen, mit was für einem Selbstbewusstsein – man könnte auch Arroganz dazu sagen – die Leute in dieser Situation auftreten und nonchalant durchblicken lassen, dass sie sich vom örtlichen Pfarrer nicht in ihre Programmgestaltung 'reinreden lassen wollen; auch wenn man mit einigem Recht einwenden könnte, es wäre besser gewesen, sich über eventuell unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der Programmgestaltung schon im Vorfeld zu verständigen. – Jedenfalls wirkt es durchaus stimmig, dass ich meinem Tagebucheintrag vom 27.06.92 die Überschrift "Das kann ja was werden!" gegeben habe; der Eintrag vom folgenden Tag, Sonntag, dem 28.06., trägt die Überschrift "Der schöne Adalbert", und ich wünschte, ich hätte notiert oder könnte mich erinnern, wer dem "Chef" der Gruppe Wellenbrecher, Dr. Adalbert Wegmann, diesen milde spöttisch gemeinten Spitznamen verpasst hat – ob's meine Schwester war oder gar meine Mutter oder eine andere Frau aus der Gemeinde. Aber erst mal der Reihe nach: 

An diesem ersten Sonntag in den Sommerferien "gingen wir nichtsahnend und sehr gespannt zur Kirche", wo das Strandkorbkirchenteam seinen ersten Auftritt haben sollte; dass die Strandkorbkirche die Sonntagsmesse mitgestaltete, war in dieser Phase der Urlauberkirchen-Historie in Butjadingen offenbar der etablierte und erwartete Normalfall. (Aus heutiger Sicht mag es zudem hervorhebenswert sein, dass es damals in Herz Mariä Burhave überhaupt noch Messen am Sonntagmorgen gab.) Als wir ankamen, waren die fünf Musiker der Gruppe Wellenbrecher "gerade dabei, mit den schon anwesenden Besuchern einige Lieder zu üben", und ich staunte erst einmal das technische Equipment an, das die Band in der kleinen Kirche aufgefahren hatte: "ein Mischpult und riesige Lautsprecherboxen, das Instrumentenarsenal umfasste unter anderem einen E-Bass und ein sehr großes Keyboard". "Das sah alles sehr professionell aus" – und "hörte sich auch so an". Zum Repertoire der Gruppe merkte ich an: 

"Die Lieder stammten alle aus einer von den 'Wellenbrechern" eigens angefertigten und mitgebrachten Liederzeitung, die meisten waren unbekannt, weshalb sie auch mit der Gemeinde geübt werden mussten." 

Hier deutet sich bereits der weiter unten im Tagebucheintrag explizit festgehaltene Eindruck an, "dass die Musiziererei der 'Wellenbrecher' reine Selbstdarstellung war" – ein Eindruck, zudem es auch beitrug, dass der am Vortag nur erwähnte "Chef", der "jetzt übrigens auch da" war, "[z]u Beginn der Messe [...] eine Begrüßungsrede" hielt. Ich beschrieb ihn als einen "etwas eitel wirkende[n] Lockenkopf"; in meiner Erinnerung hat er über die Jahre, was Frisur und Ausstrahlung betrifft, mehr und mehr Ähnlichkeit mit Schlagerbarde Tony Marshall oder gar mit dem Schlagerkomponisten aus dem (allerdings erst 2004 entstandenen) Katz & Goldt-Cartoon "Gemauschel, wohin man sieht" angenommen, allerdings haben mich Fotos von ihm, die ich unlängst mit Hilfe von Google gefunden habe, davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit doch etwas anders aussah. Den zu diesen Fotos gehörenden Presseartikeln konnte ich zudem entnehmen, dass "der schöne Adalbert" im Hauptberuf Lehrer war und seit 2018 im Ruhestand ist, und ebenso, dass die Gruppe Wellenbrecher im Jahr 2018 ihr 30-jähriges Bestehen feierte – woraus folgt, dass sie im Sommer 1992 noch relativ am Anfang ihrer Bandgeschichte stand; im Jubiläumsjahr war, wie die Neue Osnabrücker Zeitung zu berichten wusste, Adalbert Wegmann als "das einzige noch aktive Gründungsmitglied" übrig geblieben. So ähnlich wie bei Mungo Jerry oder Iron Butterfly, könnte man sagen. 

Aber mal zurück zum ersten Auftritt der Wellenbrecher in einer Sonntagsmesse in Herz Mariä Burhave: "Das Niveau der Wellenbrecher-Songs" beurteilte ich als "teilweise etwas flach", dennoch fiel mein erster Eindruck von der Gruppe nicht eindeutig negativ aus, denn "auf jeden Fall war die Darbietung hochprofessionell". Je mehr ich allerdings über diesen Auftritt reflektierte, desto mehr ärgerte ich mich. Worüber? Dass ich es erwähnenswert und kritikwürdig fand, dass die Wellenbrecher "sich in der Gottesdienstgestaltung auf die Musik" beschränkten – "alles andere lief ab wie immer, was nicht so ganz zusammenpasste" –, wirft einerseits ein Licht auf die Erwartungen, die seinerzeit an die Strandkorbkirche gestellt wurden, und kann andererseits mit Blick auf die folgenden Sonntage, wie wir noch sehen werden, als ein klassischer Fall von "be careful what you wish for" betrachtet werden; durchaus valide erscheint mir hingegen auch heute noch meine damalige Kritik daran, dass "[i]m Vergleich zu der Musik, die ja eigentlich zum Lob Gottes [!] und außerdem nicht die Hauptsache sein sollte", "alles andere" – worunter man wohl Liturgie, Wortverkündigung und Eucharistie summieren darf – in den Hintergrund gedrängt werde: "Die Leute machten aus dem Gottesdienst ein Konzert!" Zu diesem Eindruck trug es auch bei, dass "der schöne Adalbert [...] immer seine Einsätze so [gab], dass zumindest eine Strophe von seinen Leuten alleine gesungen wurde". 

Nach dem Messbesuch fuhr ich mit meiner Schwester "ziemlich bald in Richtung Hildesheim los"; mein dortiger Aufenthalt ist eher für die "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" relevant, aber ein paar Dinge muss ich zum besseren Verständnis doch schon hier und jetzt erwähnen. Das betrifft zunächst den Umstand, dass meine Schwester während ihres Studiums in Hildesheim ihren späteren Mann kennengelernt hatte, der der dortigen Freien evangelischen Gemeinde angehörte und der im weiteren Verlauf dieses Sommers noch eine Rolle spielen sollte. – Am Donnerstag, dem 2. Juli, wollte der Zukünftige meiner Schwester eigentlich nachmittags mit ihr und mir ins Kino gehen, aber sein Auto "streikte längere Zeit", und als es endlich ansprang, entschieden wir uns, lieber Minigolf spielen zu gehen. :Als es dann etwas später zu werden wagte" – eine hübsche Formulierung, gefolgt von der Präzisierung "es ging auf 19 Uhr zu" –, "gesellte sich der Junior des Besitzers zu uns. Er beschleunigte das Spiel etwas, indem er die Bälle zurückbrachte und ähnliches, also jegliche Verzögerung unterband – offenbar in der Absicht, uns zu vermitteln, wir sollten uns beeilen. Darauf angesprochen, sagte er, sie wollten Feierabend machen." Mein angehender Schwager wies den Knaben darauf hin, das es sehr unhöflich sei, die Gäste zu drängen, möglichst schnell fertig zu werden; dieser reagierte eher verstockt, sber was sollte er auch groß dazu sagen, er tat ja nur das, was sein Vater wollte. Als wir schließlich gingen, wünschte der Freund meiner Schwester dem Inhaber der Minigolfbahn ostentativ einen "schönen Feierabend", aber der verstand offenbar den Sarkasmus nicht und bedankte sich. 

Dass ich diese Anekdote für würdig erachtet habe, in diesem Artikel geschildert zu werden, rührt daher, dass sie mich damals offenbar dazu inspiriert hat, dem nächsten auf die Strandkorbkirche bezogenen Tagebucheintrag – vom übernächsten Tag, Samstag, dem 4. Juli – die Überschrift "Das Feierabend-Prinzip" zu geben. Meine Schwester und ich waren zurück in Burhave und nach wie vor neugierig, was die Strandkorbkirche so auf die Beine stellen würde, "[a]uch wenn es 'nur' die Gruppe 'Wellenbrecher' unter Leitung des Dr. (oder gar Prof.?) Adalbert Wegmann war." – "Viel hatten die Wellenbrecher nicht auf dem Programm", notierte ich; "aber sonnabends abends um 20 Uhr war immerhin ein 'offenes Singen' angesetzt." Da gingen meine Schwester und ich hin – und stellten fest: "Wir waren die einzigen Gäste." – Was im Tagebuch nicht ausdrücklich vermerkt ist, woran ich mich aber noch sehr klar erinnere, ist, dass dieses "Offene Singen" im Garten des Rat-Schinke-Hauses stattfand, und nicht etwa am Strand. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das wirft die Frage auf, ob man damals anders als heute mit einer Zielgruppe rechnete, die den Weg vom Campingplatz oder ihrer Ferienwohnung zur Kirche nicht scheute, oder ob dieses spezielle Angebot sich eher an Gemeindemitglieder als an Urlauber richtete. Tatsächlich erreichte das Angebot aber offensichtlich weder die einen noch die anderen, und der weitere Verlauf des Abends legt den Verdacht nahe, dass man sich um solche Fragen von vornherein keine großen Gedanken gemacht hatte: Das Abendprogramm fand im Garten des Rat-Schinke-Hauses statt, weil das Team nun mal dort wohnte und nach Programmschluss keinen langen Weg bis in die Heia haben wollte. 

Zunächst wäre jedenfalls festzuhalten, dass die Schilderung des "Offenen Singens" – auch wenn sie ansonsten nicht besonders detailliert und/oder ausführlich geraten ist – bezeichnende Rückschlüsse auf das Repertoire der Wellenbrecher außerhalb des NGL-Genres zulässt, oder auch auf den Inhalt der damals nicht-nur-aber-auch im kirchlichen Bereich gebräuchlichen Lagerfeuer-Songbücher. "Als wir kamen, intonierten Adalbert und Co. gerade Bob Dylans 'Blowin' in the Wind'", na klar, das passt ins Bild; im weiteren Verlauf wurden "sogar [!] 'Lean on me' und 'Streets of London'" gesungen, "letzteres allerdings als deutsche Übersetzung". Auffällig ist auch, dass ich die gesanglichen Fähigkeiten des Band-"Chefs" als "nicht gerade toll" bewertete: "Es hatte wohl seinen Grund, dass der schöne Adalbert selbst im Gottesdienst nicht mitsang." – Ein gewichtigerer Kritikpunkt an dieser Abendveranstaltung lautete jedoch: "Außer Singen lief so gut wie nichts. Null Gespräch, null Kekse, null Sonstiges." Meine Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung lautete, dass es insgesamt eine fragwürdige Entscheidung gewesen war, eine Band als Strandkorbkirchen-Team anzuheuern – da sich zeigte, dass die Wellenbrecher an den unterschiedlichen Aspekten dessen, was die Tätigkeit der Strandkorbkirche normalerweise umfasste, überhaupt kein Interesse hatten: "Was sie wollten, war Musik machen. Und mehr nicht. Alles andere war reine Eigenwerbung." Diese Fokussierung aufs Musikmachen wirkte sich, wie ich am nächsten Tag notierte, auch auf einen schon "traditionelle[n]" Bestandteil des Strandkorbkirchen-Programms aus, nämlich eine Abendveranstaltung für Kinder unter dem Titel "Sandmännchen". Dieses wurde "zwar auch von den Wellenbrechern brav durchgeführt, jeden Tag außer Dienstag, immer abends"; allerdings wurde dabei "nur gesungen" und es "dauerte gewöhnlich nicht länger als eine knappe Viertelstunde". Mein Fazit: "Wellenbrecher als Strandkorbkirche, das passte einfach nicht." 

Um aber nochmals auf das "Offene Singen" am 4. Juli zurückzukommen, das ich zusammen mit meiner Schwester besuchte, ist noch festzuhalten, dass mich mehr als alles andere der Umstand verärgerte, dass wir "um 21.30 Uhr quasi rausgeschmissen" wurden. "Singen war vorbei, und 'schönen Abend noch'." Aus heutiger Sicht erscheint es mir nicht unbedingt als selbsterklärend, dass ich dieses Verhalten des Strandkorbkirchen-Teams als "schlechte[n] Witz" empfand; wenn ich aber zu Protokoll gab, dass ich einen solchen Quasi-Rausschmiss "in der immerhin mindestens fünf Jahre dauernden Geschichte der Strandkorbkirche" noch nie zuvor erlebt hatte, wirft das zweifellos ein interessantes Licht darauf, was seinerzeit von Strandkorbkirchen-Teams erwartet wurde und auch erwartet werden durfte – nämlich, dass sie nicht einfach nur ihr Programm 'runterreißen und dann Feierabend machen, sondern dass sie ein genuines Interesse an den Menschen zeigen, mit denen sie im Zuge ihres Einsatzes in Kontakt kommen, seien es Urlauber oder Gemeindemitglieder – und darum gerne noch den Abend zusammen mit diesen verbringen, nachdem das Programm für den Tag beendet ist. Dass heutzutage wohl kaum noch jemand auf die Idee käme, derartige Ansprüche an ein Urlauberseelsorge-Team zu stellen, mag man als kennzeichnend dafür ansehen, wie stark die Wertschätzung für zweckfreie Geselligkeit in unserer Kultur in den letzten Jahrzehnten den Bach runter gegangen ist. – Jenen Abend im Juli 1992 kommentierte ich jedenfalls abschließend wie folgt: 

"Alles in allem bestätigten die Wellenbrecher meine schlimmsten Vorurteile über diverse Strandkorbkirchler: Die Leute kommen hierher, um billig Urlaub zu machen, kümmern sich'n Dreck um die Jemeende" –

– das sollte wohl Schlesisch sein und stellt somit einen subtilen Hinweis darauf her, in welchem Ausmaß die örtliche katholische Gemeinde auch in den 90ern noch von den schlesischen Heimatvertriebenen geprägt war, die sie rund viereinhalb Jahrzehnte zuvor gegründet hatten – 

"und vor allem: Sie missverstehen total den Umstand, dass sie hier die Gäste sind." 

All dieser Ärger hielt mich gleichwohl nicht davon ab, am Samstag der folgenden Woche erneut zum "Offenen Singen" gehen zu wollen – diesmal allein, da meine Schwester "übers Wochenende nach Hildesheim gefahren" war. Da ich allerdings erst noch eine Fersehsendung zu Ende sehen wollte, kam ich erst eine Viertelstunde nach der angekündigten Anfangszeit der Veranstaltung beim Pfarrhaus an, "und siehe da: Im Garten, wo das Singen eigentlich sein sollte, war niemand. Die Haustür war zu. Ich trottete wieder ab. Idioten!" 

Damit habe ich der chronologischen Erzählreihenfolge ein Stück vorgegriffen, also kehren wir mal zurück zum ersten Juliwochenende: Dass ich meinen Bericht über den Samstagabend mit dem Satz "Nun ja, es sollte noch schlimmer kommen" beendete, dokumentiert, dass ich meine Tagebucheinträge nicht unbedingt immer am selben Tag fertigstellte, denn diese Vorausdeutung bezog sich offenkundig auf die Sonntagsmesse am folgenden Tag, die "natürlich wieder von den Wellenbrechern gestaltet" wurde. "Adalbert spulte zur Begrüßung wieder den gleichen Eigenwerbungs-Text herunter wie letzte Woche"; was mich indes besonders verärgerte, war, dass zum Einzug "Heut ist ein Tag, an dem ich singen kann" von Detlev Jöcker gesungen wurde – ein Lied, das ich als "vom Niveau her megaflach" beurteilte und an dem ich insbesondere das Fehlen "jeglichen christlichen oder überhaupt religiösen Inhalts" bemängelte. "Der Pfarrer musste in seinem Begrüßungswort mühsam einen Bezug zum Anfangslied schustern." Dass, wie ich fand, "die christliche Botschaft und Motivation bei Adalberts Crew arg kurz" kam, zeigte sich auch und erst recht in dem, "[w]as die Wellenbrecher" – außer Musik – "sonst noch so auf der Pfanne hatten": "Ganz schlimm wurde es [...], als sie die Predigt durch ein Anspiel zu ersetzen versuchten." Über den Inhalt dieses Anspiels habe ich leider nichts notiert, als Urteil aber festgehalten: "Zwar war es eine gerade für die Kinder nachvollziehbare Situation, die da gespielt wurde, aber die Aussagekraft fehlte mal wieder total. Deshalb schoss Alfons auch noch eine Kurzpredigt hinterher." 

Als Fazit aus dieser zweiten von den Wellenbrechern mitgestalteten Sonntagsmesse hielt ich fest, das nächste Strandkorbkirchen-Team, das in der übernächsten Woche erwartet wurde, könne im direkten Vergleich "eigentlich nur besser werden"; aber zuvor war ja noch ein dritter Sonntag mit den Wellenbrechern zu durchleiden – und dieser war ganz und gar nicht dazu angetan, die Einschätzung der Wellenbrecher als "das miserabelste Team, das die Strandkorbkirche je gehabt hatte" zu revidieren: 

"Diesmal hatte Adalbert eine andere Begrüßungsrede auf der Pfanne. Die Wellenbrechermusik war aber genauso wie immer. Genauso flach wie immer. Teilweise tat es schon weh. Einen Beitrag zur Predigt muteten uns die Wellenbrecher auch noch zu" – wiederum in Form einer Art Anspiel, und zwar zum Begriff "Selbstlosigkeit". Dazu notierte ich zunächst einmal, dass diese Vokabel "mir persönlich überhaupt nicht gefiel, wenn man sich mal die eigentliche Bedeutung des Wortes vor Augen führte" – wobei ich mit eigentlicher Bedeutung ein strikt wörtliches Verständnis meinte: Selbstlos ist jemand, der kein Selbst hat. Darüber könnte man jetzt lang und breit philosophieren, aber dazu lud das Wellenbrecher-Anspiel nun nicht gerade ein: 

"Die Wellenbrecher drückten einigen Kindern Schilder in die Hand, auf denen der Begriff "Selbstlosigkeit" (oder das, was man im positiven Sinne darunter verstand) konkretisiert wurde (auf andere eingehen usw.). Dazu sollte sich die Gemeinde Gedanken machen und die auch äußern. Ziemlich uneffektiv, die Aktion. Danach folgte noch eine 'richtige' Predigt." 

Zu erwähnen wäre auch noch, dass diese Messe von einem polnischen Gastpriester zelebriert wurde, "er hieß Woyzeck oder so ähnlich" – ich vermute, die korrekte Schreibweise wäre Wojciech gewesen, aber auch in den Tagebucheinträgen der darauffolgenden Wochen taucht er beharrlich als Woyzeck auf. Interessant ist, dass dieser Priester in meinen Tagebuchaufzeichnungen aus diesem Sommer zweimal eine bemerkenswerte Rolle spielt, und beide Male hat diese Rolle mit der Gestaltung des Vaterunser in der Sonntagsmesse zu tun. Die Wellenbrecher hatten in der dritten und letzten Messe, an der sie beteiligt waren, "eigentlich einen Vaterunser-Song eingeplant", aber der Zelebrant wusste das nicht oder dachte im entscheidenden Moment nicht daran und betete das Vaterunser "ganz selbstverständlich 'in prosa' vor, und alle beteten mit" – wodurch der an dieser Stelle vorgesehene Song wegfiel, "und der schöne Adalbert grämte sich darüber offenbar so sehr, dass er das Vaterunser nicht mitsprach." 

Die letztere Beobachtung unterstreicht natürlich meinen Eindruck, dass die Mitwirkung der Wellenbrecher an der "Gottesdienstgestaltung" weniger darauf ausgerichtet war, "zum Lob Gottes" zu dienen, als vielmehr auf "reine Selbstdarstellung"; ehe ich aber darauf komme, "[w]as mich an den Wellenbrechern besonders störte, außer [!] der Überheblichkeit, der mangelnden Kooperation mit der Gemeinde und der Beschränkung der Aktivität auf die Gottesdienstgestaltung", sei noch auf ein Detail meiner Aufzeichnungen hingewiesen: Am 9. Juli fand im Rat-Schinke-Haus ein Glaubensgespräch statt, auf dessen Inhalt ich wohl eher unter dem Reihentitel "Dokumente meiner ersten Fundi-Phase" näher eingehen werde, zu dem ich jedoch notierte, dass "zwei [Frauen] von der Strandkorbkirche" daran teilnahmen – vermutlich Familienangehörige der Wellenbrecher, denn wenn sie selbst in der Band gespielt hätten, hätte ich das wohl erwähnt. Der Gesprächsabend hatte "kein angekündigtes Thema", drehte sich aber schwerpunktmäßig um die Begriffe Umkehr und Nachfolge; im Zuge der Schilderung des Diskussionsverlaufs gab ich zu Protokoll: "Die Strandkorbkirchen-Frauen saßen nur dabei und hörten mehr oder weniger aufmerksam zu. Es war wohl nicht ganz ihr Thema." 

Noch heute ausgesprochen bemerkenswert finde ich es, in welchem Maße meine Generalkritik an drei Wochen "Wellenbrecher als Strandkorbkirche" sich auf die "Botschaft" konzentrierte, "die die Wellenbrecher verbreiteten, in ihren Liedern und ihren misslungenen 'Anspielen'": Ich bewertete sie als "eine 'Friede, Freude, Eierkuchen'-Botschaft", durch die der christliche Glaube "auf die Botschaft der Nächstenliebe reduziert" werde – und dies münde geradewegs in "die Theorie der Selbsterlösung": "Wenn alle Leute Nächstenliebe verwirklichten, gäbe es den Himmel auf Erden. Gott kam in dieser Botschaft so gut wie überhaupt nicht vor". Völlig abwesend sei in dieser Verkündigung "die Erkenntnis, dass man nicht von sich selbst Heil und Erlösung bekommen [kann], sondern nur von Jesus Christus". Das formulierte ich wohlgemerkt im zarten Alter von sechzehn Jahren; auffällig ist an dieser Passage aber noch etwas ganz Anderes: Wenn dies mein Hauptkritikpunkt an diesem Strandkorbkirchenteam war, an dem ich ja, wie wir gesehen haben, auch in anderer Hinsicht so allerlei zu bemängeln hatte, dann spricht das dafür, dass ich, auch im Rahmen der Urlauberseelsorge, eigentlich ein anderes theologisches und katechetisches Niveau erwartete. Anders ausgedrückt: Wäre die besagte "Friede, Freude, Eierkuchen"-Botschaft das, was ich von der Strandkorbkirche insgesamt gewohnt war oder erwartete, hätte ich keinen Grund gehabt, es diesem Team besonders vorzuwerfen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass es sich eher um einen graduellen Unterschied handelte und mein Urteil über die Wellenbrecher durch die erwähnten sonstigen Ärgernisse verschärft wurde. Aus heutiger Sicht würde ich jedenfalls sagen, dass das, was ich den Wellenbrechern in der oben zitierten Generalkritik vorgeworfen habe, drei Jahrzehnte später so ziemlich den Standard in der post-kirchlichen Kinderkatechese abbildet, wenn ich etwa an Familiengottesdienste in Berlin-Tegel denke, die ich durchlitten habe. Darüber, woran es liegt, "dass Kindergottesdienste oder andere Formen kirchlicher 'Angebote' für Familien mit jungen Kindern heute nicht wesentlich anders aussehen als vor dreißig Jahren", habe ich mir auf meinem Blog schon des Öfteren Gedanken gemacht, wiederhole hier aber gern nochmal meine Kernthesen dazu: Die Leute, die heute in den Pfarrreien ehrenamtlich Familienarbeit machen, sind – ebenso wie die Eltern, die ihre Kinder zu den entsprechenden Angeboten schicken – selbst mit dieser Art kirchlicher Kinderbespaßung (Katechese kann man es ja kaum nennen) aufgewachsen und meinen daher, das müsste so sein, bzw. haben keine Vorstellung davon, dass es auch anders gehen könnte. Verschärft wird das dadurch, dass im post-volkskirchlichen Normalbetrieb eben schwerpunktmäßig die Leute "dabei bleiben", die das, was ihnen als Kindern geboten wurde, gut fanden – während die, die sich von diesen Angeboten nicht angesprochen gefühlt haben, sich unterwegs mehr oder weniger geräuschlos verflüchtigt haben. So gibt es "systemimmanent" kaum Impulse zur Veränderung, und folgerichtig wird es immer schwieriger, Leute außerhalb der eigenen Filterblase zu erreichen – sofern das überhaupt angestrebt wird. 

Um an dieser Stelle mal ein Zwischenfazit meiner Tagebuchaufzeichnungen zur Urlauberkirchen-Saison des Jahres 1992 zu ziehen, würde ich mal sagen, über meine damalige Haltung gegenüber der Strandkorbkirche verraten diese Notizen im Wesentlichen dreierlei: 

  1. Ich war grundsätzlich an allem, was die Strandkorbkirche veranstaltete, interessiert und war bemüht, möglichst immer und überall dabei zu sein. Das erklärt sich sicherlich zum Teil daraus, dass in der Urlauberkirchen-Saison "endlich mal was los war" im Dörfchen und in der Kirchengemeinde, aber darüber hinaus natürlich auch daraus, dass mein Interesse an religiösen Fragen, das mir schon in einem meiner ersten Grundschulzeugnisse attestiert worden war, zu dieser Zeit gerade einen ersten Höhepunkt erreicht hatte. 
  2. Gleichwohl beurteilte ich die Qualität des Strandkorbkirchen-Programms, gerade unter dem Aspekt der religiösen Substanz, insgesamt kritisch. 
  3. Den Urlauberkirchen-Einsatz der Gruppe Wellenbrecher fand ich auch im Vergleich zu anderen, früheren Strandkorbkirchen-Teams besonders schlecht, und zwar allem Anschein nach mit erheblichem Abstand. 

Aus heutiger Sicht möchte ich anmerken: Zwar würde mein Urteil über die Musik der Wellenbrecher heute wohl kaum weniger negativ ausfallen – eher sogar noch negativer, weil ich, auch was den Aspekt der technischen Professionalität angeht, mehr Vergleichsmöglichkeiten habe –, aber gleichzeitig muss ich anerkennen, dass die Strandkorbkirche damals doch insgesamt erheblich mehr auf die Beine gestellt hat, als die Sommerkirche in Butjadingen es heutzutage tut. Diese Feststellung entwertet natürlich meine damalige Kritik nicht; es handelt sich eher um einen Fall von "Schlimmer geht's immer". Tendenziell positivere Impulse verspricht die Fortsetzung zu diesem Artikel, in der es um die zweite Hälfte meiner Sommerferien im Jahr 1992 geht. Diese Fortsetzung wird demnächst auf Patreon und dann hoffentlich rund eine Woche später auch hier erscheinen... 


Samstag, 19. September 2026

Utopie und Alltag 43: Siehe, wie fein und wie lieblich

Ich hatte es schon angekündigt: Eine gewichtige Rolle in diesem Wochenbriefing wird die Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche spielen, bei der wir am vorigen Wochenende waren. Ist ja mal eine vielleicht ganz willkommene Abwechslung von dem ganzen "Oh, oh, wir ziehen um" und "Oh, oh, ich fange an zu studieren" der letzten Wochen; und obendrein bietet es Gelegenheit zu einigen Reflexionen über mein Verhältnis zu evangelischen Freikirchen im Allgemeinen und dieser Gemeinde im Besonderen, nachdem ich vor einiger Zeit eine kritische Anfrage zu diesem Thema in den Leserkommentaren meines Blogs erhalten und diese noch nicht so richtig beantwortet hatte. – Im Vergleich dazu, was es über diese Gemeindefreizeit zu berichten und zu reflektieren gibt, fällt alles andere, was es in der zurückliegenden Woche noch so an Berichtenswertem gegeben hat, kaum ins Gewicht; aber das wird nächste Woche wieder anders... 

Bis zum vorigen Wochenende war mir gar nicht bewusst, dass dieser Bibelvers die Jahreslosung für 2026 ist. Passt aber bemerkenswert gut, finde ich.

Abenteuer in der Uckermark 

Wie, dem Vernehmen nach, schon seit gut eineinhalb Jahrzehnten fand die Gemeindefreizeit der EFG The Rock Christuskirche wieder in einem Feriendorf in der Nähe von Templin in der Uckermark statt, das von der Berliner Stadtmission betrieben wird und daher einen erkennbar christlichen Charakter trägt, was sich u.a. in Bibelsprüchen an den Wänden der Unterkünfte und des Speisesaals niederschlägt, vor allem aber darin, dass es mitten auf dem Gelände eine Kapelle gibt – die schon während der Gemeindefreizeit im vorigen Jahr ein besonderer Lieblingsplatz von mir war und in die ich mich auch dieses Jahr wieder mehrmals zurückzog. 

Der Gesamtablauf des Wochenendes unterschied sich kaum wesentlich von dem des Vorjahres, wenn man davon absieht, dass es heuer keine Taufe gab, dafür aber einen Abendmahlsgottesdienst ("Brotbrechen"); aber dazu später. Wie im Vorjahr reisten wir am Samstagnachmittag mit Bahn und Bus an, wurden als Familie in einer kleinen Holzhütte einquartiert (allerdings nicht in derselben wie im Vorjahr), um 18 Uhr gab es gemeinsames Abendessen, dann etwas Freizeit zum individuellen "Ankommen", und der erste richtige Programmpunkt war wieder ausgerechnet ein Spieleabend. Meine nach den Erfahrungen des letzten Jahres festgehaltene Hoffnung auf ein Alternativprogramm für Introvertierte erfüllte sich somit nicht, aber ich bin ja selber schuld – ich hätte das vielleicht mal im Vorfeld gegenüber den Verantwortlichen anregen sollen. Zunächst hatte ich noch die Hoffnung, ich könnte an der Begrüßung noch teilnehmen und mich dann verpieseln, bevor die Spiele anfangen, aber wie sich zeigte, wurden schon beim Betreten des Saales die Teams für den Spieleabend eingeteilt, also machte ich direkt auf dem Absatz kehrt und verzog mich erst in die Kapelle, wo ich Vesper und Rosenkranz betete, und dann in unsere Hütte. 

Am nächsten Morgen ging ich dennoch unverdrossen zum Frühgebet mit Kaffee und empfand diesen Programmpunkt, wie schon im Vorjahr, als außerordentlich bereichernd; schon damals hatten mich meine Eindrücke vom Frühgebet dazu angeregt, dem Vergleich zwischen frei- und volkskirchlicher Gebetspraxis einen eigenständigen Artikel zu widmen, der allerdings über das Entwurfsstadium bis heute nicht hinausgekommen ist. Diesen Artikel möchte ich jetzt auf jeden Fall wieder aufgreifen, zumal bei der diesjährigen Gemeindefreizeit noch einige neue Denkanstöße hinzugekommen sind. 

Nach dem Frühgebet gab's Frühstück, und um 10 Uhr stand dann eine sogenannte "Session" an, die, wie ich es schon im Vorjahr geschildert habe, "im Prinzip ähnlich aufgebaut [war] wie ein Sonntagsgottesdienst dieser Gemeinde": 

"Begrüßung, Lobpreis, dann wurden die Kinder zum separaten Kinderprogramm 'rausgeschickt, und für die Erwachsenen gab's einen Vortrag, den man, wenn die Veranstaltung offiziell als Gottesdienst deklariert gewesen wäre, wohl als Predigt bezeichnet hätte." 

Ich ging mit zum Kinderprogramm, über das ich mich inhaltlich weiter unten in einem separaten Abschnitt äußern werde; danach gab's Mittagessen und dann etwas Zeit zur freien Gestaltung, die ich u.a. dazu nutzte, in der Kapelle erst die Sext und dann einen Rosenkranz zu beten. Das Responsorium zur Kurzlesung in der Sext lautete, angelehnt an Psalm 133: 

V: Wie gut ist es doch und wie schön / Wenn Brüder miteinander wohnen in Eintracht. 

R: Dort spendet der Herr Segen und Leben in Ewigkeit. 

Ein schönes und stimmiges Motto für das Gemeindefreizeits-Wochenende, fand ich. – Fürs Nachmittagsprogramm hatte man die Auswahl zwischen allerlei Workshop-Angeboten; dazu gehörten u.a. ein Gesangsworkshop ("Zweite Stimme singen lernen") und ein Waldspaziergang mit Pilzkunde. Für die Kinder gab es ein Bastelangebot, und als wir unsere Kinder fragten, ob sie (ohne uns) basteln gehen wollten, bejahten sie begeistert; also hatten meine Liebste und ich "frei" und konnten beide zum Workshop "Gottes Wort im Familienalltag". Unter dieser Überschrift konnte man sich ja durchaus allerlei Verschiedenes vorstellen, tatsächlich ging es aber darum, wie man Kinder an die Bibel heranführen kann. Darauf werde ich, ebenso wie auf das Kinderprogramm am Vormittag, weiter unten näher eingehen. 

Auf die Workshops folgte das Abendessen, danach war wieder ein bisschen freie Zeit bis zum Lobpreisabend, auf den ich vielleicht ein andermal noch näher eingehen werde; unser Jüngster schlief während des Lobpreisabends ein, sodass ich ihn nach diesem Programmpunkt in unsere Unterkunft und in sein Bett tragen musste. Anschließend war noch Lagerfeuerabend, und da hatte ich eigentlich auch Lust drauf, aber wie es schien, hatte der Lagerfeuerabend keine Lust auf mich. Mich in eine gesellige Runde zu integrieren, in der sich so ziemlich alle untereinander besser kennen als mich, fällt mir grundsätzlich nicht leicht, zudem waren einige Gemeindemitglieder, zu denen ich einen guten Draht habe, nicht da, und außerdem fehlte es an Bier. Das Tochterkind hatte, nachdem mehrere Versuche, am offenen Feuer Marshmallows zu rösten, fehlgeschlagen waren, ebenfalls keine Lust mehr, also gingen wir schlafen. 

Der nächste Tag begann für mich wieder mit Frühgebet, und beim anschließenden Frühstück hatte ich ein Erlebnis, das mein am Abend zuvor aufgetretenes Unbehagen darüber, unter den Teilnehmern dieser Freizeit doch irgendwie ein Außenseiter zu sein, gründlich hinwegfegte: Eine Frau, mit der ich erst einmal in meinem Leben gesprochen hatte und von der ich nicht einmal den Namen wusste, fragte mich, ob sie sich zu uns setzen dürfe oder ob wir als Familie lieber unter uns bleiben wollten – ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass jemand das denken könnte. Jedenfalls lud ich sie an unseren Tisch ein, und wir unterhielten uns ausgesprochen gut. 

Zum Sonntagsgottesdienst (mit Abendmahl bzw. "Brotbrechen") reisten, wie ich es schon im Vorjahr beobachtet hatte, auch einige Gemeindemitglieder an, die ansonsten nicht an der Freizeit teilgenommen hatten; anders als am Samstag (und auch anders als bei den "normalen" Sonntagsgottesdiensten dieser Gemeinde) wurden die Kinder nicht erst nach Begrüßung und Lobpreis 'rausgeschickt, sondern das Kinderprogramm begann gleichzeitig mit dem Gottesdienst und unsere Kinder gingen da allein hin. Damit war nun natürlich meine übliche exit strategy dahin, und ich überlegte schon, ob ich in den sauren Apfel beißen und mir eine ca. 90minütige Predigt von einem der Gemeindeältesten anhören sollte, kam aber zu dem Schluss, dass ich diese Zeit lieber für eine private Gebetszeit in der Kapelle (mit Terz und Rosenkranz) nutzen wollte, also verkrümelte ich mich nach dem Lobpreis so geräuschlos wie möglich. – Ziemlich unmittelbar nach dem Mittagessen ging es dann auch "schon" an die Abreise; aber ich denke, diese Überblicksdarstellung macht schon deutlich, dass es ein ausgesprochen intensives Wochenende war, und eben drum wird es in den folgenden Abschnitten noch Manches zu vertiefen geben! 


Gemeindeaufbau à la Robinson Crusoe 

Zu den im Einleitungs-Absatz bereits angekündigten Reflexionen darüber, wie ich als Katholik mein Verhältnis zu der freikirchlichen Gemeinde sehe, mit der ich nun schon zum zweiten Mal auf Wochenendfreizeit war, möchte ich mal einen anekdotischen Einstieg präsentieren. Am Ankunftsabend wurde uns mitgeteilt, dass ein – sagen wir mal – prominentes Gemeindemitglied seinen 60. Geburtstag feierte und von der Gemeinde ein "Glas der Wertschätzung" geschenkt bekommen sollte: ein Glas voller bunter Papierstreifen, auf die die Teilnehmer der Gemeindefreizeit etwas schreiben sollten, was sie am Geburtstagskind schätzen. Ich muss gestehen, dass es mir zunächst nicht leicht fiel, zu diesem Geschenk etwas beizutragen. Der Jubilar hat die Gemeinde mitbegründet und hat, soweit ich weiß, zwar kein offizielles Amt in der Gemeindeleitung (mehr) inne, scheint aber dennoch so etwas wie der Chefideologe oder Oberste Glaubenshüter dieser Gemeinde zu sein, oder zumindest scheint es, dass er von den Gemeindemitgliedern, auch und gerade auf der Leitungsebene, so wahrgenommen und behandelt wird. Auf mich wirkte er, als ich ihn die ersten Male als Redner bei Gemeindeveranstaltungen erlebte, sehr eitel und auf Selbstdarstellung bedacht, und dieser erste Eindruck war bei mir hängengeblieben; hinzu kamen grundsätzliche Bedenken gegenüber der Art und Weise, wie er Gedanken, die ihm bei seinem privaten Bibelstudium in den Kopf kommen, als Lehre an die Gemeinde weitergibt. Das berührt natürlich prinzipielle Fragen der Lehrautorität, die im protestantischen Bereich, und in Freikirchen noch mal extra, ein generell schwieriges Thema sind. 

Schließlich schrieb ich auf den Zettel: "Ich bewundere Deinen Mut in der Wahl Deiner Hemden". Da haben wir eine Sache, die der Chefprediger der The Rock-Gemeinde mit Johannes Hartl gemeinsam hat. Wenn man genau hinschaut, kann man vermutlich noch ein paar weitere Gemeinsamkeiten entdecken. 

Sein neuester Spleen ist, dass er sich ein antiquarisches Gesangbuch mit geistlichen Liedern aus dem 17. und 18. Jahrhundert zugelegt hat und sich nicht nur an der altertümlichen Sprache erfreut, sondern auch und erst recht an der Prägnanz der theologischen Aussagen, die, wie er meint, Liedtexten aus neuerer Zeit oft abgehe. Und auch da zieht die Gemeinde voll mit, bis hin dazu, dass beim Lobpreisabend und im Sonntagsgottesdienst Paul-Gerhardt-Lieder gesungen werden, wenn auch zum Teil in lobpreismäßig poppigen Neuvertonungen. – Immerhin kann ich aber festhalten, dass ich den Chefprediger der The Rock-Gemeinde an diesem Wochenende, beispielsweise in seinen Impulsen zur Eröffnung der Frühgebets-Runden an beiden Tagen (für die er, jawohl, Verse aus dem besagten Gesangbuch als Anknüpfungspunkt nahm), nichts habe sagen hören, was ich falsch oder fragwürdig gefunden hätte; und im Übrigen habe ich angefangen, seine Position in dieser Gemeinde mit etwas mehr Empathie zu betrachten. Ich meine, wenn ich mir vorstelle, Leute würden mich in dieser Weise als geistliche Autorität betrachten und behandeln – da graut mir vor der Vorstellung, was das mit mir machen würde. Damit will ich sagen, so eine Position in einer Gemeinde ist durchaus und nicht zuletzt auch eine Bürde, und die trägt er unterm Strich dann doch recht wacker, besonders wenn man bedenkt, dass er das ohne den Beistand der Sakramente tun muss. 

"Ohne den Beistand der Sakramente" ist in diesem Zusammenhang übrigens ein sehr gewichtiger Punkt. Ich hatte schon öfter den Gedanken gehabt, freikirchliche Christen – nicht nur speziell in dieser Gemeinde, aber zu dieser habe ich halt am meisten Kontakt – verhielten sich in Bezug auf ihren Glauben wie Bewohner einer abgelegenen Insel fernab der Zivilisation, die noch nie etwas vom Christentum gehört hatten, bis eines Tages eine Bibel am Ufer angeschwemmt wurde; und nun versuchen sie allein anhand der Bibel, sich zusammenzureimen, was christlicher Glaube ist. Und wie weiland Robinson Crusoe auf seiner Insel den Prozess der Zivilisation im Ein-Personen-Maßstab wiederholte, versuchen diese Gläubigen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln "Kirche" nachzubauen. Ich fand das immer irgendwie tragikomisch, aber an diesem Wochenende habe ich, wie ich glaube, erstmals ein Gespür dafür bekommen, dass viele freikirchliche Christen ihren Glaubensweg tatsächlich so erleben. Und das ist, wenn man es recht bedenkt, ein schwerer Vorwurf gegen die Kirche – nicht gegen die Una Sancta in ihrer Idealgestalt als Braut Christi und Verwalterin aller Gnaden, aber gegen die institutionelle Gestalt der Kirche, wie sie sich den Suchenden konkret vor Ort präsentiert, oder vielleicht auch gerade nicht präsentiert, weil sie zu sehr mit kleingärtnerischer Bestandskundenpflege beschäftigt ist, um sich um Außenstehende zu kümmern. Wobei selbst diese Bestandskundenpflege oft nicht besonders viel in Sachen Glaubensweitergabe leistet. Case in point: Beim Workshop "Gottes Wort im Familienalltag" wurde eine junge Frau, die mit ihrem Baby da war, gefragt, ob sie denn selbst christlich aufgewachsen sei, und antwortete: "Traditionell katholisch, also nein." Ich nehme an, dass sie "traditionell katholisch" nicht im traditionalistischen Sinne meinte, sondern eher im Sinne eines oberflächlich-konventionellen Kulturkatholizismus; aber bedenklich ist es doch so oder so, dass jemand in der katholischen Kirche aufwachsen und im Rückblick urteilen kann, das Evangelium Jesu Christi nicht dort, sondern erst später in einer Freikirche kennengelernt zu haben. Und das ist ja nun nicht gerade ein Einzelfall: Wenn man sich ein bisschen in freikirchlichen Kreisen umhört, hört man von solchen Glaubensbiographien durchaus öfter. 

Das bringt mich nun auf einen konkreten Kritikpunkt aus dem im Einleitungs-Absatz bereits angesprochenen, bislang unbeantworteten Leserkommentar: nämlich die Kritik daran, die Evangelisierungsbemühungen einer freien Gemeinde zu unterstützen und es damit "derartigen Gruppen" zu ermöglichen, "Menschen an sich zu binden, die damit nicht Teil der katholischen Kirche werden können". Ich hätte daraufhin einfach auf einen Artikel verweisen können, den ich schon anno 2017 geschrieben und veröffentlicht habe, aber nun finde ich, es bietet sich an, die dort skizzierten Gedanken unter Einbeziehung meiner Eindrücke von der Gemeindefreizeit weiterzuentwickeln. Gewiss, wenn man daran glaubt, dass die ganze Fülle des christlichen Glaubens nur in der katholischen Kirche zu finden ist – und das tue ich nach wie vor –, dann ist es nur folgerichtig, zu wünschen, Menschen, die auf der Suche nach Sinn und Orientierung (und somit, ob es ihnen bewusst ist oder nicht, nach Gott) sind, würden "Teil der katholischen Kirche werden" statt in einer freien Gemeinde zu landen. Es wäre aber eine illusorische Vorstellung, anzunehmen, die Chancen dafür, dass diese Suchenden "Teil der katholischen Kirche werden", wären größer, wenn es die freien Gemeinden mit ihren Evangelisierungsbemühungen nicht gäbe; weit eher würden dann viel mehr Menschen überhaupt nie mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen. Die freien Gemeinden stoßen in eine Lücke, die die katholische Kirche offen lässt, weil sie nach außen hin nicht missionarisch genug ist und nach innen nicht genug (oder zu schlechte) Katechese betreibt. 

Im Grunde müssen wir katholischen Christen uns also fragen lassen: Was tun wir dafür, dass Leute bei uns landen? Die in den letzten Jahren signifikant gestiegenen Zahlen von Erwachsenentaufen und Konversionen deuten zwar darauf hin, dass da durchaus etwas passiert – gerade übrigens in unserer Wahlgemeinde in Siemensstadt, woran offenbar die Neokatechumenale Gemeinschaft erheblichen Anteil hat –, aber wenn man sich anschaut, was so eine kleine freie Gemeinde in Haselhorst mit vielleicht 80-100 aktiven Mitgliedern so alles auf die Beine stellt, dann gibt die katholische Kirche, der doch eigentlich ganz andere Möglichkeiten zu Gebote stehen, vielerorts doch ein recht armseliges Bild ab. 


Concerning the Sonntagsschulproblem 

Wie oben bereits angkündigt, möchte ich auch denjenigen Aspekten der Gemeindefreizeit, die für das Thema "Glaubensweitergabe an Kinder" relevant sind, einen eigenen Abschnitt widmen; und auch für diesen habe ich einen anekdotischen Einstieg in petto. Als Frau und Kinder vom Spieleabend zurückkamen, lag ich schon im Bett; und so bekam ich, zunächst durch die geschlossene Schlafzimmertür, mit, wie das Tochterkind sich anhand von Bildern spontan eine Geschichte ausdachte: 

"Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten in ihrem Garten einen Apfelbaum. Und sie liebten die Welt, so wie sie war, und beteten zu Gott und liebten ihren Apfelbaum. Und sie weinten über ihre Sünden und tranken zur Erheiterung ein Glas Wein. Eines Tages wollten sie ans Meer fahren und ein Fischbrötchen essen..." 

Wie sich zeigte, gehörten die Bilder, die das Tochterkind zu dieser Erzählung inspiriert hatten, zu einem Emoji-Bibel-Quiz: 

Das Kinderprogramm bei der Gemeindefreizeit wurde nicht von den bekannten und bewährten JAM-Mitarbeitern geleitet, sondern von zwei Frauen vom Verein "Evangelium für Kinder"; wie schon erwähnt, kam ich am Samstagvormittag zum Kinderprogramm mit, und dabei ging mir durch den Kopf, dass ich, wenn wir nicht an der Gemeindefreizeit teilgenommen hätten, ziemlich genau zur selben Zeit mit dem Tochterkind beim Erstkommunionunterricht gewesen wäre. Tatsächlich wurden da sogar teilweise dieselben Kennenlernspiele gespielt. Zwölf Kinder nahmen an dem Programm teil, die wir praktisch alle vom JAM kannten; inhaltlich ging es um das Buch Jona, und als Einstieg in die Geschichte gab es erst mal ein Quiz zum Thema Seenotrettung. Originelle Idee, könnte man sagen; in der konkreten Umsetzung überzeugte es mich aber nicht so ganz, zumal die Quizfragen so schwer waren, dass die Kinder eigentlich nur raten konnten. Die Jona-Geschichte selbst wurde interaktiv als Rollenspiel gestaltet, wobei sich zeigte, dass die meisten Kinder die Geschichte schon kannten. Zum Schluss wurde ein Bibelvers – Psalm 50,15 – auswendig gelernt, mit Hilfe von Gesten, die die Kinder sich selbst ausdenken sollten. 

Die Jona-Geschichte wurde am ersten Tag nur bis zu Jonas Ankunft in Ninive erzählt bzw. nachgespielt; die Fortsetzung gab's am nächsten Tag, da war ich – wie gesagt – nicht dabei, aber als ich meine Kinder beim Mittagessen fragte, wie denn die Jona-Geschichte weitergegangen sei, konnten sie mir diese Frage recht detailliert und anschaulich beantworten. Auch der auswendig gelernte Bibelvers war nochmals wiederholt worden. – Aus Sicht der Kinder war das Programm unter dem Strich ein Erfolg, aber natürlich ging mir dabei erneut bzw. weiterhin durch den Kopf, was ich neulich auf Facebook zum Stichwort "Sonntagsschule" gelesen habe: dass eine Kinderkatechese, die im Wesentlichen auf das Nacherzählen von Bibelgeschichten und das Auswendiglernen von Bibelversen setzt, nicht ausreicht, um Kinder im Glauben stark zu machen. Nun, immerhin kann ich schon mal zu Protokoll geben, dass der eigenständige Artikel, den ich zu diesem Thema in Vorbereitung habe, Fortschritte macht. 

Auch über den Workshop "Gottes Wort im Familienalltag" wird in diesem Zusammenhang wohl etwas zu sagen sein. An diesem nahmen fünf Familien teil, von denen zwei Elternteile je ein Baby mitbrachten; und erst einmal muss ich anmerken, dass ich mir unter einem Workshop etwas Interaktiveres vorgestellt hätte: Tatsächlich hielt die Leiterin, die auch beim JAM zum Leitungsteam des Elterncafés gehört, fast die ganze Zeit einen Vortrag, meine Liebste und ich waren fast die einzigen, die sich in größerem Umfang trauten, unsere Perspektive einzubringen, ohne dass die Leiterin explizit danach fragte. Das fand ich schade, zumal ein Elternpaar dabei war, das wir vom JAM-Elterncafé kennen und das vier Kinder hat – die älteste Tochter ist wohl ein bisschen älter als unser Tochterkind, der jüngste Sohn vielleicht zwei oder drei Jahre alt; und ich denke mir, wenn wir beim Thema religiöse Kindererziehung schon mit zwei Kindern die Erfahrung machen, dass das, was bei einem Kind gut funktioniert, beim zweiten nicht unbedingt genauso geht, dann müsste eine Familie mit vier Kindern doch erst recht ein breites Spektrum von Erfahrungswerten haben. 

Gut fand ich an diesem Workshop die Ausgangsthese, man dürfe sich beim Thema "Glaubensweitergabe an Kinder" nicht allein auf die Programme der Gemeinde verlassen, sondern müsse auch im Familienalltag Raum dafür schaffen; in diesem Zusammenhang fiel auch der Satz "Rituale für die Kinder erfordern auch Disziplin seitens der Eltern". Problematisch fand ich hingegen wieder einmal die extreme sola scriptura-Auffassung, die sich etwa darin äußerte, dass die Leiterin meinte, man solle den Kindern nicht "eine bestimmte Theologie vorgeben", sondern lieber "das Wort Gottes für sich selbst sprechen lassen". Dass sie in diesem Zusammenhang u.a. sagte "Mein Traum war immer, mit den Kindern den Römerbrief zu studieren", fand ich durchaus sympathisch, aber die Vorstellung, die Glaubensweitergabe an Kinder solle sich in der Hauptsache darin verwirklichen, die Kinder über die Vorstufen von Bibelbilderbüchern und Kinderbibeln an die selbständige Bibellektüre heranzuführen, fand ich dann doch auf bezeichnende Weise befremdlich. Nun, um das zu vertiefen, fehlt mir hier schlichtweg der Platz und auch die Zeit; merken wir uns das also für den in Vorbereitung befindlichen Extra-Artikel vor. Erwähnt sei aber noch, dass wir am Mittwoch wieder beim JAM waren, und da ging es im Programm für die "Kids" (6-12 Jahre) darum, was es heißt, dass Gott den Menschen als Sein Ebenbild geschaffen hat – also welche Eigenschaften Gottes, die Er keinem anderen Seiner Geschöpfe gegeben hat, sich im Menschen wiederfinden. Das fand ich sehr gelungen. 


Da merkt man mal, wieso es Sonntagspflicht heißt 

Dass ich es vorgezogen hätte, am Sonntagabend nach der Rückkehr von der Gemeindefreizeit nicht ausgerechnet in Herz Jesu Tegel in die Abendmesse gehen zu müssen, hatte ich schon im vorigen Wochenbriefing angesprochen, und sonderlich überraschend ist das wohl auch nicht; also suchte ich, ehe wir uns am Sonntag nach dem Mittagessen auf die Rückreise nach Berlin machten, online nach Alternativen – wobei gesagt werden muss, dass die auf der Website des Erzbistums Berlin angebotene Suchfunktion nach Gottesdienstzeiten und –orten in Sachen Benutzerfreundlichkeit durchaus zu wünschen übrig lässt. Als das eigentliche Problem erwies es sich jedoch, dass es in Berlin insgesamt nicht besonders viele Sonntagabendmessen gibt, und in zumutbarer Distanz von unserem Zuhause – zumutbar vor allem unter dem Aspekt, dass wir alle müde waren, noch kein Abendessen gehabt hatten und zusehen mussten, dass wir die Kinder zu einer halbwegs vernünftigen Zeit ins Bett kriegten – kam eigentlich nur Herz Jesu Tegel infrage. (Übrigens kam mir im Zusammenhang mit meiner Suche nach einer Abendmesse eine Google-Bewertung zu Herz Jesu Tegel zu Gesicht, die dem leitenden Pfarrer ankreidete, er sei "nicht gerade empathisch genug die Gemeinde zu führen". Andere nehmen das also auch so wahr.) 

Zur Abendmesse erschienen um die 40 Leute, was, wenn man bedenkt, dass es in derselben Kirche auch morgens schon eine Messe gegeben hatte, vielleicht nicht als ausgesprochen schwacher Besuch bezeichnet werden muss, aber jedenfalls sah es nicht danach aus, dass der "prominente Gast" – Caritas-Direktorin Ulrike Kostka – Publikum "zog". Angesichts der Tatsache, dass sie und der Pfarrer sich duzten und mit dem Vornamen anredeten, ist wohl anzunehmen, dass es sich bei dem Umstand, dass Frau Kostka anlässlich des Caritas-Sonntags in der Messe "predigte", eher um eine private Gefälligkeit handelte. Wobei man sich natürlich fragen kann, wer da eigentlich wem gefällig war. 

Vielleicht um wenigstens pro forma der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das grundsätzliche Verbot von Laienpredigten in der Heiligen Messe erst unlängst wieder explizit bekräftigt worden ist, wurde die Ansprache der Caritas-Direktorin übrigens nicht ausdrücklich als Predigt bezeichnet; der Pfarrer kündigte in seinen Begrüßungsworten vielmehr an, Frau Kostka werde "das Wort Gottes ein wenig für uns auslegen" – aber genau das tat sie nicht: Vielmehr nutzte sie ihre rund zehnminütige Redezeit nahezu ausschließlich dazu, Projekte und Arbeitsfelder der Caritas vorzustellen, und wies im Übrigen mahnend auf die anstehenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hin. Auf die Bibel ging sie kaum ein und auf die Texte vom Tag (1. Lesung Jesus Sirach 27,30–28,7; 2. Lesung Römer 14,7‐9; Evangelium Matthäus 18,21-35) erst recht nicht; wenn sie hier und da mal eine religiöse Aussage in ihren Vortrag einfließen ließ, gerieten diese schmerzhaft banal (z.B. "Bei Gott gibt es keinen TÜV"). Davon, dass Frau Kostka – wie der Pfarrer in seinen Begrüßungsworten betont hatte – "promovierte und habilitierte Theologin" ist, merkte man da wahrhaftig nichts. Sogar der Pfarrer schien damit, dass Frau Kostka kaum auf das Evangelium vom Tag eingegangen war, nicht recht zufrieden zu sein, oder vielleicht konnte er auch nur den Wunsch nicht ganz unterdrücken, doch lieber selbst zu predigen; jedenfalls musste er partout noch einen eigenen Beitrag zur Auslegung des Evangeliums zwischen Eucharistisches Hochgebet und Vaterunser quetschen. 

Unterm Strich tut man wohl gut daran, sich darauf zu besinnen, dass diese Messe bei all ihren Mängeln und Ärgernissen letztlich eben doch eine Heilige Messe war, in der Brot und Wein wahrhaftig in Leib und Blut Christi gewandelt wurden, und dafür kann und sollte man dankbar sein, auch und gerade angesichts des Kontrasts zu einem freikirchlichen "Brotbrechen", bei dem sich die Geneindemitglieder einen Plastikbecher mit Wein und ein Stück Knäckebrot von einem Tablett mit an ihren Platz nehmen. Was alles andere angeht – das Ersetzen der Predigt durch einen Werbeblock für die Caritas, das darin zum Ausdruck kommende Lechzen nach "gesellschaftlicher Relevanz", die NGL-lastige Liedauswahl, der moralistisch-therapeutische Duktus der Fürbitten und des "Versöhnungshochgebets" –, kann man sich damit trösten, dass das nur noch die letzten Zuckungen eines Modells "von Kirche" sind, das im Wesentlichen bereits der Vergangenheit angehört. Dass rs in dieser wie zweifellos auch in vielen anderen Pfarreien offenkundig an einer Vision dafür fehlt, was danach kommen könnte, steht indes auf einem anderen Blatt.

Update Umzug und was sonst noch so los war 

In unserer neuen Wohnung haben wir uns inzwischen recht gut eingelebt, auch wenn noch nicht alle Umzugskartons ausgepackt sind und noch nicht alle Lampen hängen (d.h. an einigen Stellen baumeln noch nackte Glühbirnen von der Decke). Immerhin sind im Laufe der zurückliegenden Woche alle Regale bis auf eins angeschraubt worden, und ich habe ein Ersatzteil für den Waschmaschinenanschluss besorgt, sodass wir jetzt Wäsche waschen können, ohne hinterher Wasser vom Boden aufwischen zu müssen. Aber in der alten Wohnung sieht's noch chaotisch aus; da wartet also in den nächsten eineinhalb Wochen noch allerlei Arbeit auf uns! +++ Am Dienstag war Elternabend in der KiTa des Jüngsten, und da habe ich mich nach einigem Zieren und Zögern zum Elternvertreter wählen lassen. Zu einem von vier Eltervetetern. Mir wurde versichert, der Arbeitsaufwand halte sich in Grenzen. +++ Am Mittwoch büxte eine der beiden bei uns im Haus wohnenden Katzen aus, was natürlich besonders bei den Kindern für Beunruhigung sorgte; am nächsten Tag spazierte die pelzige Mitbewohnerin aber wohlbehalten wieder durch die angelehnte Gartentür in den Hausflur. Allerdings erkannte ihre Mitkatze sie zunächst nicht bzw. glaubte, sie wäre durch eine Doppelgängerin ersetzt worden – der Stoff, aus dem die Erbschleicherei-Thriller gemacht sind, nur eben mit Katzen. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Wer immer das Eine vom Herrn erbittet, nach dem Einen verlangt (vgl. Ps 27,4), betet mit Gewissheit und Sicherheit. Er braucht nicht zu fürchten, dass es ihm schadet, wenn er es erhält. Ohne dieses Eine nützt nichts anderes, auch wenn er es in der rechten Weise erhalten hat. Das Eine ist ja das eine wahre und allein selige Leben, in dem wir auf ewig die Freude des Herrn schauen, unsterblich und unvergänglich an Leib und Seele. Wegen dieses Einen wird auch das Übrige gesucht, und wegen dieses Einen ist es nicht ungehörig, wenn man darum bittet. Wer dieses Eine besitzt, wird alles haben, was er wünscht. Er wird nur das Rechte wollen können, weil er anderes auch nicht besitzen kann. Denn dort ist der Quell des Lebens, nach dem wir jetzt im Gebet dürsten müssen, solange wir in der Hoffnung leben und noch nicht schauen, was wir erhoffen. 

(Augustinus, Brief an Proba) 


Ohrwurm der Woche 

Chris Isaak: Wicked Game 

Oben noch nicht erwähnt hatte die Kaffeepause am Samstagnachmittag bei der Gemeindefreizeit; während dieser bemächtigten sich zwei Leute, die ich nicht kannte, der für die Lobpreisband aufgebauten Instrumente und machten etwas Hintergrundmusik: Ein Mann mit langen Haaren und langem Bart, vielleicht ein bisschen älter als ich, vielleicht aber auch nur ein bisschen grauhaariger, spielte Gitarre, eine Frau um die 40 spielte Klavier, beide sangen. Nach Lobpreis klang die Musik, die sie machten, nicht gerade; und als ich dann das oben verlinkte Lied erkannte ("Moment... das ist doch nicht etwa... Doch, ist es!"), stellte ich mich kurzerhand dazu und sang mit. "Noch so'n Kuschelrocker", kommentierte der Gitarrist schmunzelnd. – Als am nächsten Morgen beim Frühgebet für einige Teilnehmer der Gemeindefreizeit gebetet wurde, die noch keine Christen seien bzw. "keine Beziehung zu Jesus haben", kam mir der Gedanke, dass die beiden Musiker möglicherweise zu diesen zählen – und gleichzeitig wunderte ich mich ein wenig über diesen Gedanken. Musste da an eine Passage aus dem "Tagebuch eines frommen Chaoten" denken, wo der Erzähler seinen neuen Nachbarn sieht, der zufrieden eine Pfeife raucht und insgesamt eine heiter-gelassene Lebensfreude ausstrahlt, und angesichts dieses Anblicks denkt "Unwahrscheinlich, dass er Christ ist". Lassen wir das mal so stehen... 


Vorschau/Ausblick 

Schon im vorigen Wochenbriefing habe ich in dieser Rubrik hervorgehoben, dass ein weiteres spannendes Wochenende bevorsteht: Heute war das insgesamt zweite, für mein Tochterkind und mich aber das erste Kurstreffen des Erstkommunionkurses für die Gemeinde St. Joseph Siemensstadt/St. Stephanus Haselhorst, und das muss im nächsten Wochenbriefing natürlich gebührend gewürdigt werden. Schade war, dass wir wegen dieses Termins nicht zu den Pfadfindern gehen konnten, denn da gab es heute auch etwas Besonderes: Vier Mädchen aus der Wölflingsmeute traten (altersbedingt) in die Pfadfinderinnengilde über, die Zeremonie dazu fand auf dem Gelände des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit statt. Warum gerade da? – Damit man anschließend von dort aus direkt zum Marsch für das Leben gehen konnte. Da stand für uns natürlich die Überlegung im Raum, nach dem Erstkommunionkurs noch dazuzustoßen; ob wir das tatsächlich tun würden, stand bei Redaktionsschluss aber noch nicht fest, und dasselbe gilt für die Frage, ob wir heute Abend zu einer Veranstaltung im Kardinal-Bengsch-Saal in Tempelhof gehen: Unter der Überschrift "Quiet Revival – Gibt es eine Rückkehr des Christentums?" diskutieren Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung und zwei prominente katholische YouTuber "über Erwachsenentaufen, Konversionen und die Erweckung des christlichen Glaubens", dazu gibt's Beichtgelegenheit, eine Popcornmaschine, Chili con Carne, Snacks und Drinks. Sollte man sich eigentlich nicht entgegen lassen – na, mal schauen, ob die Kinder mitziehen... Am morgigen 25. Sonntag im Jahreskreis findet in der Messe in St. Joseph Siemensstadt die Vorstellung der Erstkommunionkinder statt, außerdem sind Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Am Dienstag und Mittwoch muss ich zu einer Präventionsschulung des Erzbistums; einen Basiskurs für ehrenamtliche Mitarbeiter habe ich zwar schon vor bald drei Jahren absolviert, aber für hauptamtliche Mitarbeiter ist der nicht ausreichend, und auch wenn ich noch kein solcher bin, bin ich doch auf dem Weg dazu. Am Freitag findet dann eine Semesterauftakt-Veranstaltung des Erzbistums statt, deren Programm einen Workshop zum Thema "Kirche und Politik – wie geht das?" (vor dem mir ehrlich gesagt eher graut), aber auch eine Eucharistiefeier, einen Grillabend und "Zeit für Austausch und Gespräche" umfasst. Na, schauen wir mal. Und dann ist der Berichtszeitraum des nächsten Wochenbriefings auch schon wieder rum...