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Samstag, 11. Juli 2026

Utopie und Alltag 33: Eine Insel in der Zeit

Grüße aus dem Urlaub, Leser! Seit Donnerstag sind wir mal wieder im schönen Butjadingen; das heißt indes auch, dass der Großteil des Berichtszeitraums dieses Wochenbriefings sich noch in Berlin abgespielt hat. Gleichzeitig hat der Umstand, dass ich den Abschnitt "Fußball-WM oder Piusbruderschaft?" in einen eigenständigen Artikel ausgelagert und diesen schon gestern veröffentlicht habe, dazu geführt, dass dieses Wochenbriefing ein bisschen kürzer geworden ist als die vorangegangenen. Ich habe jedoch keine Zweifel, dass die kommenden Tage reichlich blogrelevantes Material abwerfen werden, wodurch sich das wieder ausgleicht... 

"Alles zum Mitnehmen" – ein Stillleben am Wegesrand in Eckwarden.

"Evangelisieren" ist ein Anagramm von "Viel Gas rein? Nee!" 

Diese profunde Erkenntnis verdanke ich der deutschen Ausgabe von Adrian Plass' "Tagebuch eines frommen Chaoten"; und diejenigen Passagen dieses unsterblichen Klassikers, in denen es darum geht, dass der Protagonist sich widerstrebend dazu überreden lässt, sich "freiwillig" zu einem Straßenevangelisations-Einsatz vor einer Hamburgerbraterei (im Original ein Fish & Chips-Imbiss) zu melden, musste ich meiner geliebten Familie partout vorlesen, ehe wir am Samstagvormittag zur "Outreach"-Straßenevangelisation in der Spandauer Altstadt aufbrachen. 

Wir hatten uns für das Zeitfenster von 12-13 Uhr auf die Helferliste für den "Outreach"-Einsatz eingetragen, aber nach den Erfahrungen vom "Probelauf" vor zwei Wochen fuhren wir doch schon früher los, um beim Aufbau mithelfen zu können. Tatsächlich waren wir sogar die ersten "Outreach"-Mitarbeiter bzw. Helfer, die am Ort des Geschehens ankamen – und stellten fest, dass an diesem Samstag in Spandau "Tag des offenen Rathauses" war. Zum Programm dieser Veranstaltung gehörte eine sogenannte "Blaulichtmeile" mit Infoständen von Polizei, Technischem Hilfswerk, Rotem Kreuz, Feuerwehr und Bundeswehr, und diese breitete sich genau da aus, wo an den vorangegangenen Wochenenden das "Outreach"-Pavillonzelt aufgestellt worden war. 

– Was also tun? Als der Leiter der Straßenevangelisations-Aktion mit weiteren Helfern eintraf, entschied er zunächst, das Pavillonzelt einfach an derselben Stelle "wie immer" aufzubauen – schließlich habe er die Aktion als Kundgebung bei der Polizei angemeldet und genehmigt bekommen. Aber kaum waren wir mit dem Aufbau fertig, kamen einige Beamte einer anderen Behörde auf uns zu... 

Nein, nicht diese. Also, die kamen schon auch vorbei, wollten aber nichts von uns.

...nämlich vom Grünflächenamt, das – obwohl die Fußgängerzone der Spandauer Altstadt ja nun nicht gerade eine Grünfläche ist – für die Organisation der "Blaulichtmeile" zuständig war und den Platz, auf dem wir standen, für einen Stand der Feuerwehr vorgesehen hatte. Wir zogen also um, eine Straßenecke weiter, mit dem Ergebnis, dass da dann wiederum die Polizei vorbeikam und fragte, wieso wir denn jetzt hier stünden. Schließlich ließ man uns aber gewähren. Ein ganz anderes Problem war, dass unser Jüngster an diesem Vormittag in ziemlich rebellischer Stimmung war, weshalb meine Liebste im Interesse der Deeskalation beschloss, sich "erst mal" mit ihm beim Tag des offenen Rathauses umzuschauen, wo es auch allerlei Angebote für Kinder gab. Derweil verteilte unsere Große zunächst fleißig Flyer und Traktate an Passanten und machte das auch wieder sehr gut, aber als sie sah, was ihr kleiner Bruder so alles an "Giveaways" von den verschiedenen Infoständen beim Tag des offenen Rathauses bekommen hatte, konnte man ihr wohl schwerlich verübeln, dass sie da nun auch hinwollte. Als gemeinsame Unternehmung der ganzen Familie war das Thema Straßenevangelisation damit praktisch perdu, und ich bin rückblickend ganz froh, dass der "Probelauf" zwei Wochen zuvor in dieser Hinsicht wesentlich besser gelaufen ist. – Auch in anderer Hinsicht waren die Bedingungen diesmal schwieriger; zum Beispiel war bedeutend schlechteres Wetter, was sich unmittelbar darin niederschlug, dass die Passanten schlechtere Laune hatten, es eiliger hatten und weniger ansprechbar wirkten. Dass wir mit dem Tag des offenen Rathauses um die Aufmerksamkeit der Passanten konkurrieren mussten, tat sicherlich ein Übriges; obendrein hatten ein Stück weiter in Richtung Nikolaikirche mehrere politische Parteien ihre Infostände aufgebaut. Danach zu urteilen, was für "Giveaways" die Leute, die aus dieser Richtung kamen, in den Händen hielten, fand der Stand der AfD offenbar den größten Zuspruch, make of that what you will. – In diesem Zusammenhang finde ich es übrigens erwähnenswert, dass im Teamgebet zu Beginn der Aktion auch Dank dafür geäußert wurde, "dass wir nicht für die Polizei oder die Bundeswehr und auch nicht für eine politische Partei hier stehen, sondern für dich, Herr." Das sprach mir durchaus aus dem Herzen, und gleichzeitig veranlasste es mich, darüber zu sinnieren, wie eigenartig es ist, dass Straßenevangelisation anscheinend vielfach als sonderbar und fast schon anrüchig wahrgenommen und vorrangig mit fragwürdigen Sekten assoziiert wird (eine Frau aus unserem Team berichtete, jemand habe sie gefragt, ob wir von den Zeugen Jehovas seien), wohingegen es weitgehend als Normalität akzeptiert wird, wenn politische Parteien oder Verbände, Hilfswerke und sonstige Organisationen Infostände in der Fußgängerzone aufstellen, ja selbst wenn Strom- oder Mobilfunkanbieter solche Stände betreiben, um Passanten zu einem Vertragsabschluss oder einem Tarifwechsel zu überreden. Und anders als diese wollten wir noch nicht mal Geld von den Leuten! (Einige gaben uns allerdings trotzdem welches. "Haben wir eine Spendenkasse?", fragte ich den Leiter der Aktion. "Bisher noch nicht", erwiderte dieser und verstaute die außerplanmäßigen Einnahmen in der Außentasche des Lautsprecherkoffers). 

– Ich schätze, meine Schilderung lässt erkennen, dass dieser Straßenevangelisations-Einsatz für mein Empfinden längst nicht so gut lief wie der "Probelauf"; trotzdem gab es auch erfreuliche Momente. Wir wurden einiges an Infomaterial los, nicht wenige Leute reagierten durchaus freundlich, gerade auch auf die Mitwirkung des Tochterkindes; und es ergaben sich durchaus auch ein paar längere Einzelgespräche, an denen ich allerdings nicht beteiligt war. Alles in allem habe ich jedenfalls durchaus Lust, "sowas mal wieder zu machen"... 

Zu guter letzt sei zum Thema Evangelisation noch erwähnt, dass meine Liebste bei der Abschlussveranstaltung des Alpha-Kurs-Teams am Montag ein Buch mit dem ebenso lustig wie vielversprechend wirkenden Titel "Von Jesus reden, ohne komisch zu wirken" geschenkt bekommen hat – verfasst von Sam Chan, einem australischen Evangelisten Hongkong-chinesischer Herkunft. Das haben wir in den Urlaub mitgenommen, und ich bin gespannt auf die Impulse, die es uns hoffentlich vermitteln wird... 


Immerzu Kuchenereignisse 

Von Spandau aus machten wir uns direkt auf den Weg zum Robert-Koch-Park in Panketal, wo eine meiner beiden Schwiegermütter ihren 70. Geburtstag nachfeierte. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser daran, dass dieser Park schon einmal auf meinem Blog erwähnt worden ist, nämlich anlässlich des 17. Panketaler Baumfests vor ziemlich genau zwei Jahren. Mein damaliger Bericht hatte mir – wenn auch mit einiger Zeitverzögerung – dank seiner sarkastischen Untertöne einige Kritik eingetragen, und folgerichtig wurde ich ein bisschen nervös, als mich nun bei der Geburtstagsfeier eine Frau, die offensichtlich zum Förderverein des Parks und somit zu den Veranstaltern des Baumfests gehörte, fragte, ob ich "der junge Mann mit dem Blog" sei. Tatsächlich war sie aber sehr freundlich und meinte sogar, im Großen und Ganzen habe sie meinen Bericht als gar nicht so negativ empfunden, und ich versicherte, dass das auch nicht meine Absicht gewesen sei. Im Laufe des Nachmittags bot die Dame für interessierte Gäste eine Führung durch den Park an; die war tatsächlich durchaus interessant, und die Vielfalt an verschiedenen Bäumen, die der Park zu bieten hatte, war tatsächlich recht beeindruckend. 

Zum Beispiel gab's da eine "Indianerbanane". Heißt wirklich so

Oder einen Trompetenbaum. Trompeten wuchsen daran allerdings nicht. 

Insgesamt war es eine sehr entspannte Feier, es gab Kuchen und Wein wie bei Rotkäppchen und später auch noch Sushi. Aber à propos Kuchen: Bereits am Morgen, noch vor dem Aufbruch zur Straßenevangelisation, hatte ich für eine Spendenaktion zugunsten der Religiösen Kinderfreizeit einen Kuchen gebacken und hatte eigentlich die Absicht, am Abend oder schlimmstenfalls am nächsten Morgen noch einen zweiten zu backen, beschloss dann aber doch, dass einer genügt und dass ich die bereits gekauften Zutaten für den zweiten Kuchen lieber für einen Büffetbeitrag beim Sommerfest der Schule unseres Tochterkindes verwenden könnte. Bei dem Kuchen, den ich zum RKF-Soli-Kuchenbasar beisteuerte, handelte es sich um einen Schokoladenkuchen mit Datteln, Bananen und Quark, der mir, als ich das Rezept erstmals ausprobiert hatte, total misslungen war; diesmal benutzte ich eine andere Kuchenform, erheblich reifere Bananen und mehr Backpulver, und diesmal wurde der Kuchen richtig gut. 

Weitere Beiträge zum Kuchenbüffet kamen von den Familien einiger an der RKF teilnehmender Kinder und auch von Teammitgliedern; am Ende blieben so viele Kuchenstücke übrig, dass wir, als die Reste verteilt wurden, fast so viel Kuchen wieder mit nach Hause nahmen wie wir mitgebracht hatten, nur eben andere Sorten. Die reinste wundersame Kuchenvermehrung! Aber auch unter Fundraising-Gesichtspunkten war die Kuchen-Aktion durchaus ein Erfolg. 

Hier nur mal ein Ausschnitt aus dem gesamten Kuchenangebot.

Keinen Kuchen, dafür aber Eis gab es am Dienstag beim letzten Kampfsporttraining vor den Sommerferien: Der Trainer gab, wie er schon im Vorfeld angekündigt hatte, allen Kindern, die zu dieser Trainingsstunde erschienen, ein Eis aus. Wieder zu Hause, machte ich mich daran, den Kuchen fürs Schulsommerfest zu backen: den unbesiegbaren, stets gelingenden Fantakuchen! Der Jüngste half mir, den Teig anzurühren, und durfte zur Belohnung die Rührschüssel ausschlecken. Am Dekorieren des Kuchens beteiligten sich am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, beide Kinder. Ins Schulfest-Büffet fügte sich unser Kuchen jedenfalls gut ein und wurde gut angenommen, auch wenn er weder vegan noch glutenfrei war. 

Vielleicht, wer weiß, bei manchem Gast sogar gerade deswegen. So als Alleinstellungsmerkmal

Diesen Kuchen habe ich nicht probiert, auch wenn er laut Beschriftung "vielleicht lecker" war.

Statt eines Zeugnisses erhielt unser Tochterkind wieder einen sogenannten "Jahresbrief", wozu ein Fotoalbum, ein Interview mit dem Schulkind über seine Eindrücke vom Schuljahr und schließlich eine Beurteilung der Vertrauenslehrkraft in Form eines an das Schulkind selbst gerichteten Briefes gehört. Ich mag diese Form der Schuljahres-Bilanz sehr, und bei dem, was die Vertrauenslehrkraft unserer Tochter so schrieb, kamen mir stellenweise fast die Tränen. Es handelte sich um eine einfühlsame und sehr gut beobachtete Zusammenfassung der Entwicklungen und Herausforderungen des zurückliegenden Schuljahres, wobei die Streitigkeiten im Freundinnenkreis unseres Tochterkindes, die ich andeutungsweise schon mal erwähnt habe, eine bedeutende Rolle spielten. Ein paar Passagen möchte ich hier gern zitieren: 

"An der Art, wie du von deinen vielen Freundinnen erzählt hast, merkt man [...], dass du durch die Konflikte auch gelernt hast, ihre ganz unterschiedlichen Stärken zu sehen und wertzuschätzen." 

Und: 

"Du hast erzählt, dass Hermine deine Lieblingsfigur [in 'Harry Potter'] ist, weil sie so gut zaubern kann, viel lernt, viel weiß und sich dafür einsetzt, dass Regeln eingehalten werden [!]. Ich habe das Gefühl, dass die Hermine in dir in diesem Schuljahr wegen des ganzen Gefühlschaos nicht immer die Ruhe hatte, die man zum Zaubernlernen braucht." 

Kurz und gut, im Ganzen bin ich doch ziemlich überzeugt, dass meine Tochter an dieser Schule gut aufgehoben ist... 


Update Religionspädagogik: Pa-, Pa-, Paderborn 

Pünktlich vor Beginn des Urlaubs habe ich es geschafft, meine Studienplatzbewerbung für ein Fernstudium im Fach "Angewandte Theologie" an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (Standort Paderborn) fertigzustellen und abzuschicken; und jetzt bin ich mal gespannt. Einen ausgesprochen positiven Eindruck hat auf mich jedenfalls schon mal das Formular für die Online-Bewerbung gemacht, ich fand es sehr benutzerfreundlich. Am meisten Mühe und Kopfzerbrechen bereitete mir die Anforderung, ein Motivationsschreiben zu verfassen, denn so etwas liegt mir einfach nicht; etwas erleichtert wurde mir diese Aufgabe dadurch, dass es dafür ein Formular mit vorgegebener Gliederung und begrenztem Platz für die einzelnen Abschnitte gab. – Woran ich beim Ausfüllen des besagten Formulars indes wiederholt denken musste, war, wie ich mich vor Jahren mal über das Anforderungsprofil einer Stellenausschreibung von Open Doors lustig gemacht habe, wo von den Interessenten ein klares Bekenntnis dazu, "ein Nachfolger Jesu" zu sein, sowie die Abgabe eines geistlichen Lebenslaufs gefordert wurde. Okay, das war vor meiner Punkpastoral-Ära, und wenn ich mir meinen damaligen Blogartikel heute ansehe, finde ich ihn recht illustrativ dafür, was für einen Weg ich seither zurückgelegt habe – was freilich nichts daran ändert, dass ich diese Stellenausschreibung in Teilen auch heute noch als etwas over the top und dadurch unfreiwillig komisch empfinde. Der eigentliche Grund, warum ich das hier erwähne, ist aber, dass ich im großkirchlichen Kontext – so schon bei meiner Bewerbung beim Erzbistum selbst, und nun eben auch bei der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen – dir Intuition verspürt habe, man müsse es eher vermeiden, einen allzu frommen Eindruck zu machen. Das ist zwar zugegebenermaßen nur eine Ahnung, aber ich würde mal behaupten, sie kommt nicht von ungefähr. Gleichwohl habe ich mich immerhin getraut, in meinem Motivationsschreiben zu erklären, meine Motivation, eine Tätigkeit im pastoralen Dienst anzustreben, sei wesentlich "von dem Wunsch getragen, den sich abzeichnenden Transformationsprozess der Kirche – der einerseits geprägt ist vom Schwinden der gesellschaftlichen Relevanz der Institution Kirche, andererseits aber auch von neuen spirituellen Aufbrüchen an der Basis – aktiv mitzugestalten". Was natürlich bewusst so formuliert ist, dass es recht unterschiedlichen Deutungen zugänglich ist, aber ehrlich gesagt hatte ich ohnehin gewisse Zweifel, ob das, was man in dieses Motivationsschreiben 'reinschreibt, wesentlichen Einfluss auf die Erfolgsaussichten der Studienplatzbewerbung hat: Ich ging davon aus, viel wichtiger sei es, ob die Heimatdiözese des jeweiligen Bewerbers dessen Bewerbung unterstützt. – Im Übrigen sagte ich mir, ich könne die Dinge eigentlich ganz entspannt sehen: Wenn es Gottes Wille ist, dass ich Gemeindereferent werde, dann wird Er es auch möglich machen. Als aktuellen Stand der Dinge kann ich jedenfalls zu Protokoll geben, dass ich nach dem Absenden meiner Online-Bewerbung ziemlich umgehend eine Einladung zu einem Online-Vorstellungsgespräch erhalten habe. Seien wir also gespannt! 


Update Herz Jesu Tegel: Gibt es den Arbeitskreis Offene Kirche etwa schon? Ganz ohne mein Zutun? 

Wie neulich bereits erwähnt, habe ich am letzten Tag vor dem Urlaub der Tegeler Pfarrkirche Herz Jesu einen kleinen Besuch abgestattet; und dabei entdeckte ich in der Schriftenauslage im Windfang einen Flyer, der zumindest ansatzweise in die Richtung der "Sofortmaßnahmen" geht, die ich hier unlängst für einen Arbeitskreis Neuevangelisierung, den man alternativ auch Arbeitskreis Offene Kirche nennen könnte, ins Spiel gebracht habe. Dieser Flyer weist auf die offene Kirche hin, nennt die täglichen Öffnungszeiten sowie den Termin des wöchentlichen Friedensgebets, das im Wochenplan gewissermaßen die Stelle unserer früheren Lobpreisandachten eingenommen hat; außerdem ist ein Foto des Kirchenportals drauf, und das aus zwei Bibelversen zusammengestellte Motto im Tympanon dieses Portals – "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich gebe euch Leben in Fülle" (Mt 11,28/Joh 10,10) – ist noch einmal extra abgedruckt. Keine Ahnung, wer diesen Flyer erstellt, gedruckt und ausgelegt hat, aber auf jeden Fall ist es ein begrüßenswerter Schritt in die richtige Richtung; und wenn ich dennoch etwas daran zu kritisieren habe, dann bin ich mir dabei sehr wohl der Versuchung bewusst, in eine "Wenn die sowas ohne mich machen, kann dabei ja nix Vernünftiges rauskommen"-Haltung zu verfallen. Ein paar Kritikpunkte habe ich gleichwohl, nämlich ganze drei an der Zahl; vielleicht sollte man sie auch lieber "Anregungen zur Verbesserung" nennen als "Kritikpunkte". Der erste Punkt ist relativ simpel: Ich würde dem Flyer ein besseres, optisch ansprechenderes Design wünschen. – Gewiss, ein schlicht designter Flyer ist erst mal besser als gar keiner; aber eben mit Betonung auf "erst mal". Auf längere Sicht sollte man sich damit nicht zufrieden geben. Zweitens: Wieso wird das Friedensgebet erwähnt, Rosenkranz und Eucharistische Anbetung hingegen nicht? Möglicherweise steckt die Vorstellung dahinter, das Friedensgebet sei wegen seines gesellschaftlich relevanten Themas irgendwie niederschwelliger, aber ich könnte mir auch vorstellen, dass die Ersteller des Flyers so weit gar nicht gedacht haben, oder jedenfalls nicht bewusst. – Und schließlich: Wo liegt dieser Flyer aus? In der Kirche. Also da, wo ihn nur Leute finden, die bereits herausgefunden haben, dass die Kirche offen ist, und sich getraut haben, hineinzugehen. Klarer Fall von "Finde den Fehler", würde ich mal sagen. Okay, mit ein bisschen gutem Willen kann man es so interpretieren, dass der Flyer zum Mitnehmen und Weiterverteilen da liegt. Also nahm ich mir kurzerhand ungefähr die Hälfte der ausliegenden Flyer mit und platzierte sie bei REWE am Schwarzen Brett


Und nun schauen wir mal, wie sich die Dinge weiter entwickeln! 


Update Bibelleseplan und Nachtrag zu Peter und Paul 

Was ist derweil eigentlich aus meinem Ansinnen geworden, das Alte Testament im Laufe des Kalenderjahres 2026 einmal komplett durchzulesen? Da gilt es zunächst einmal zerknirscht einzuräumen, dass ich in den Wochen vor dem Urlaub irgendwie aus dem Rhythmus gekommen bin – sodass ich schließlich gegenüber dem Leseplan aus der EFG The Rock Christuskirche, den ich so modifiziert hatte, dass auch die Spätschriften des Alten Testaments mit hineinpassen sollten, einen Rückstand von etwa eineinhalb Wochen angesammelt hatte. Ob das daran lag, dass ich so viel anderes "um die Ohren" hatte, oder daran, dass ich die Bücher Deuteronomium und Jesus Sirach, die ich meinem Plan zufolge parallel zueinander lesen sollte, zunehmend zäh und langatmig fand – oder inwieweit sich beides bedingte –, sei mal dahingestellt. Damit aber nicht genug: Gerade als ich mich dazu aufraffen wollte, diesen Rückstand möglichst innerhalb weniger Tage aufzuholen, stellte ich fest, dass der postkartengroße Übersichtsplan über die Leseetappen unauffindbar war. Ich hatte ihn als Lesezeichen in ein Büchereibuch gelegt, und nun hatte ich ihn wohl versehentlich mitsamt diesem Buch in der Bücherei abgegeben. Na, wer weiß, wofür's gut ist, wenn der nächste Entleiher des Buches die Karte findet. – Trotz aller Widrigkeiten schaffte ich es schließlich aber doch, die Bücher Deuteronomium und Jesus Sirach rechtzeitig vor Beginn des Urlaubs durchzukriegen und mit den Büchern Josua und Jesaja einen frischen, motivierten Neustart hinzulegen. Der Erfolg dieser Maßnahme war bemerkenswert: Die ersten Kapitel des Buches Josua mit den Vorbereitungen zum Übergang über den Jordan motivierten mich irgendwie dazu, die Reise nach Butjadingen als eine Mission aufzufassen – auch wenn es da ja nun gerade nicht um einen Weg handelte, den wir "früher noch nie gegangen" waren (vgl. Josua 3,4) –; und die eindringlichen Aufrufe zur Umkehr, mit denen das Buch Jesaja beginnt, passten da stimmungsmäßig auch gut ins Bild. 

Und dann saßen wir gestern – s.u. – am Strand in Eckwarderhörne, und während die Kinder sich auf dem Spielplatz vergnügten, beschäftigte meine Liebste sich mit der Hallow-App (vor der häretisch.de gerade mal wieder gewarnt hat, aber dazu vielleicht ein andermal mehr) und entdeckte dort eine Reihe von Tagesimpulsen von unserem alten Freund Pater Paulus von den Franziskanern der Erneuerung: "Wort für heute" heißt diese Reihe, allerdings war der Beitrag, den meine Liebste (unabsichtlich) dazu auswählte, ihn zusammen mit mir anzuhören, nicht der tagesaktuelle, sondern der vom 29. Juni, dem Hochfest Peter und Paul. Was Pater Paulus zur Stellung dieses Hochfests im Kirchenjahr anmerkte, fand ich ausgesprochen inspirierend: Bekanntlich markiert Peter und Paul nach dem Ende des Osterfestkreises, nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeitssonntag und Fronleichnam den Beginn einer recht langen Zeit, in der es – mit Ausnahme von Mariä Himmelfahrt – keine besonders hohen kirchlichen Feiertage gibt; der Volksmund kleidet diesen Umstand in die Redewendung "Nach Peter und Paul wird der Pfarrer faul", die Pater Paulus indes nicht zitiert. Stattdessen deutete er die Tatsache, dass dieses Datum gewissermaßen den Übergang von einer Zeit voller großer Feste zum liturgischen "Alltag" markiert, dahingehend, dass mit dem Gedenken der Apostelfürsten im Zeitraum nach Pfingsten noch einmal bekräftigt wird, dass mit dem Pfingstereignis die Zeit der Kirche angebrochen sei – unsere Zeit. In demselben Sinne könne man auch aus dem Umstand, dass die Apostelgeschichte des Lukas keinen richtigen Schluss hat, sondern ziemlich unvermittelt abbricht, die Botschaft herauslesen: Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende, sie geht weiter bis heute – sie geht mit uns weiter. Wenn das mal nicht motivierend ist! 


Camino de Willehado '26: Erste Eindrücke 

Wäre ich Reiseblogger oder, noch besser, professioneller Bahn-Kritiker, dann hätte mich die Fahrt von Berlin nach Nordenham am Donnerstag mit reichlich Material versorgt; so aber genüge es zu sagen, dass mehrere voneinander unabhängige Verspätungsursachen verschiedener Züge sich zu einer gegenüber der gebuchten Verbindung um zwei Stunden verspäteten Ankunft addierten. Mehr Reisezeit fürs selbe Geld! Als Glück im Unglück erwies sich diese Verspätung insofern, als wir bei unserer Ankunft in Nordenham den neuapostolischen Gemeindevorsteher trafen – der uns bei dieser Gelegenheit mitteilte, dass er mit seiner Familie das erste Urlauberkirchen-Team auf dem Burhaver Campingplatz bildet. Das lässt ja hoffen! 

Der Kirche Herz Mariä Burhave stattete ich einen ersten Besuch ab, als ich am Abend unserer Ankunft erst mal das Nötigste einkaufen ging – schließlich liegt der große Edeka-Markt direkt gegenüber der kleinen Kirche. Am Fahnenmast hing, infolge des schwachen Windes eher schlaff, die Gay Pride-Flagge über einer Flagge mit dem neuen Logo der Urlauberkirche, das Kirchengebäude selbst fand ich verschlossen vor, sagte mir aber, dass das womöglich an der Uhrzeit lag – es war schon fast 18 Uhr. 

Am nächsten Tag – gestern – fuhren wir erst mal mit dem Bürgerbus nach Eckwarderhörne an den Strand, unbeeindruckt davon, dass noch nicht so ganz ideales Badewetter herrschte. Nachdem die Kinder ein bisschen mit ihren Badetieren herumgetollt hatten, machte die Ebbe das Baden allerdings schwierig; daraufhin gingen die Kinder auf dem Spielplatz schaukeln, dann kauften wir uns ein Eis, aber danach waren es immer noch über zwei Stunden, bis der nächste "Bürgerbus" zurück fuhr, und die ganze Zeit nur zu "chillen", hatte ich keine Lust, daher nutzte ich die Gelegenheit zu einer Solo-Fußwanderung ins Dorf Eckwarden, das rund dreieinhalb Kilometer vom Eckwarderhörner Strand entfernt liegt. Da kommt man nämlich sonst kaum mal hin. Ich bereute diese Entscheidung auch nicht, denn schon auf dem Weg zeigte sich die Butjenter Landschaft von ihrer schönsten Seite, Eckwarden selbst ist ein hübsches kleines Dorf, vor allem aber war ich freudig überrascht, dass das eigentliche Hauptziel meinetwegen Solo-Wanderung, die St.-Lamberti-Kirche aus dem 15. Jahrhundert, für Gebet und Besichtigung geöffnet war. 


Darauf, was es in dieser Kirche zu sehen gab und was ich über ihre Geschichte in Erfahrung gebracht habe, komme ich wohl in einem zukünftigen Beitrag noch zurück. – Wieder in Burhave, stattete ich der Kirche Herz Mariä einen erneuten Besuch ab und fand diesmal auch diese offen vor, blieb aber nur für ein kurzes Gebet, in der festen Absicht, in den kommenden Tagen noch öfter wiederzukommen. Gestern Abend hätten wir uns theoretisch kostenlos ein Orgelkonzert in der Langwarder Kirche anhören können, aber... sagen wir mal: Die Kinder waren nicht in der Verfassung dazu. Mehr aus Butjadingen gibt's dann spätestens im nächsten Wochenbriefing!


Geistlicher Impuls der Woche 

Möge die gesamte Kirche in Europa spüren, dass das Gebot und die Einladung des Herrn: Gehe in dich, bekehre dich, "werde wach und stärke, was noch übrig ist, was schon im Sterben lag!" (Offb 3,2), an sie gerichtet ist. Diese Erfordernis ergibt sich auch aus der Betrachtung der heutigen Zeit: Die ernste Situation der religiösen Gleichgültigkeit so vieler Europäer; die Anwesenheit so vieler Menschen auch auf unserem Kontinent, die Jesus Christus und seine Kirche noch nicht kennen und die noch nicht getauft sind; die Säkularisierung, die breite Schichten von Christen ansteckt, die so denken, entscheiden und leben "als ob Christus nicht existierte": Das alles löscht unsere Hoffnung nicht aus, sondern macht sie demütigen und befähigt sie besser, allein auf Gott zu vertrauen. Von seinem Erbarmen empfangen wir die Gnade und die Bereitschaft zur Umkehr. 

(Johannes Paul II., Nachsynodales Schreiben Ecclesia in Europa, Nr. 26) 


Ohrwurm der Woche 

John Lennon: Watching the Wheels 


Das war eine knappe Entscheidung; auch noch im Rennen war "Dreams" von Fleetwood Mac gewesen, ein in puncto "entspannte Urlaubsstimmung" wohl einigermaßen ebenbürtiger Mitbewerber. Ausschlaggebend war zuletzt, dass John Lennon trotz der innigen Hassliebe, die ich für ihn hege, bisher noch nie einen offiziellen "Ohrwurm der Woche" bei mir gelandet hatte, Fleetwood Mac hingegen schon – vor fast genau einem Jahr. – "Watching the Wheels" ist für mein Empfinden jedenfalls ein Highlight von Lennons Solo-Werk; darin singt der Ex-Beatle darüber, wie's ihm so geht, seit er sich ins Privatleben zurückgezogen hat und nicht mehr aktiv im Popmusikbusiness mitmischt und dass ihm komischerweise keiner glaubt, dass er das gut findet und sogar genießt. Ein bisschen ironisch ist es wohl, so einen Song dann aufs Comeback-Album draufzutun, aber noch ironischer ist es doch, im Zeitraum zwischen der Aufnahme und der Veröffentlichung dieses Comeback-Albums erschossen zu werden... 


Vorschau/Ausblick 

Kurz nachdem dieses Wochenbriefing online gegangen sein wird, ist in Herz Mariä Burhave Vorabendmesse, und den Pfarrnachrichten zufolge wird diese von Pastor Kenkel zelebriert; die erste Gelegenheit, uns einen Eindruck vom neuen Pfarrer zu verschaffen, wird noch etwas warten müssen, denn der ist noch bis Montag im Urlaub. Ebenfalls im Urlaub, und zwar noch bis Freitag, ist Diakon Richter, und auch die Social-Media-Redaktion der Pfarrei (von der ich nicht so genau weiß, wer da außer dem Diakon noch so dazugehört) hat sich Anfang des Monats für drei Wochen in den Urlaub verabschiedet; also eigentlich beste Voraussetzungen, um in Sachen "Guerilla-Urlauberseelsorge" die eine oder andere Bombe platzen zu lassen. Am morgigen Sonntag soll jedenfalls das Kinderprogramm der Urlauberkirche im Zelt auf dem Burhaver Campingplatz beginnen, und wie oben schon erwähnt, wird das Programm der ersten Woche – unter dem Motto "Gott feiert mit uns" – vom neuapostolischen Gemeindevorsteher und seiner Familie geleitet. Ich denke, dass wir uns da gleich bei erster Gelegenheit mal sehen lassen sollten; möglicherweise ergibt sich da dann auch gleich eine Gelegenheit, ein bisschen die Werbetrommel für unsere eigenen "Spirituellen Angebote für Familien im Urlaub" zu rühren. Im Übrigen sind wir im Moment noch mittendrin in der Planung unserer Ferienaktivitäten, was auch bedingt, dass wir für die besagten spirituellen Angebote noch keine Termine festgelegt haben. Was wir aber, neben ein- bis dreimal "Lobpreis mit dem Stundenbuch" (intern auch "Beten mit Musik" genannt), unbedingt machen wollen, ist ein Kinderwortgottesdienst zum Gleichnis vom Sämann bzw. vom Vierfachen Acker (Mt 13,1-23) – das ist das Evangelium vom morgigen Sonntag. Am Montag, dem Gedenktag der Hll. Heinrich und Kunigunde, habe ich mein Online-Vorstellungsgespräch mit einer Professorin der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen; das könnte technisch noch eine Herausforderung werden, da unsere Ferienwohnung kein WLAN hat. Drückt mir mal die Daumen, dass alles gut klappt! – Am Mittwoch gäbe es die Möglichkeit, an einer Kirchenführung in Langwarden teilzunehmen; die dortige Kirche St. Laurentius stammt aus dem 12. Jahrhundert und beherbergt neben einem barocken Hochaltar eine der bedeutendsten Barockorgeln Norddeutschlands. Am Donnerstag ist Werktagsmesse in Herz Mariä Burhave; wer die zelebriert, oder sonstige Details, habe ich noch nicht in Erfahrung bringen können, da das neue Wochenblatt der Pfarrei bis zum Redaktionsschluss dieses Blogartikels noch nicht erschienen ist. – Und dann ist die erste Urlaubswoche auch schon rum! 


Freitag, 10. Juli 2026

Fußball-WM oder Piusbruderschaft?

In meinem vorigen Wochenbriefing hatte ich ja mit einem gewissen Augenzwinkern offen gelassen, welches der beiden Aufregerthemen der vorangegangenen Woche – das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM oder die Exkommunikation der Piusbruderschaft – auf meinem Blog künftig noch eine Rolle spielen würde; jetzt bin ich geneigt zu sagen, ich hätte mal im Vorfeld Wetten abschließen sollen, welches dieser Themen in der Sonntagsmesse in St. Joseph Siemensstadt angesprochen werden würde, die vom Spandauer Krankenhausseelsorger zelebriert wurde. Oder nein, eigentlich ist es gut, dass ich das nicht getan habe, denn ich glaube, ich hätte – wenn auch geradezu wider besseres Wissen – auf das falsche Pferd gesetzt. In der eigentlichen Predigt – die gerade mal sieben Minuten lang war, aber viel länger wirkte, weil der Prediger wieder einmal nicht und nicht zum Punkt kam – wurde keins der beiden Themen angeprochen, dafür schaltete der Zelebrant aber zwischen Vermeldungen und Schlusssegen extra noch eine gut zwei Minuten lange Ansprache ein, zu dem expliziten Zweck, "als Sportpfarrer" sein Urteil über die beklagenswerte Leistung der deutsche Nationalmannschaft bei der WM abzugeben: 

"Man kann bei uns nicht sagen, dass sie nicht kämpfen würden, sie sind auch fleißig, aber ich fürchte, sie sind nicht eingespielt. Es ist keine Taktik da, und das schon seit Jahren, und so kann man keinen Blumentopf gewinnen." 

Wenn Kirchenvertreter sich zu Sportereignissen äußern, bemühen sie sich ja zumeist, daraus irgendwie noch einen sensus spiritualis abzuleiten – nach dem Muster "Was uns der Sport über das Leben, über unsere Möglichkeiten und Grenzen, unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse verrät, womöglich sogar über die Bedürfnisse unserer Seele" –; das kann mehr oder weniger gut gelingen, nicht selten wirkt es eher gewollt als gekonnt, aber dieser Priester hier versuchte es nicht einmal, sondern betätigte sich einfach gut zwei Minuten lange als Sportkommentator. Mancher mag das unterhaltsam und menschlich "relatable" finden, und vielleicht ist das auch die Wirkung, die der Priester beabsichtigt hat; ich betrachte es als Missbrauch der priesterlichen Autorität. Er nutzt die Tatsache, dass er von Amts wegen Leute vor sich hat, die ihm zuhören müssen, dazu, seine persönliche Meinung über Dinge zu verbreiten, die mit seinem Amt nichts zu tun haben. Das mag in diesem konkreten Fall vergleichsweise harmlos sein, aber #sorrynotsorry, mich regt sowas auf. 

Aber eigentlich wollte ich ja auf etwas ganz Anderes hinaus, nämlich darauf, dass dieser Beredtheit in Sachen Fußball ein vernehmliches Schweigen in Sachen Piusbruderschaft gegenüberstand. Kann man vielleicht sagen, dass sich da ein gewisses Missverhältnis zwischen der Resonanz, die die Exkommunikation der Piusbruderschaft in gewissen Regionen der Sozialen Netzwerke erfährt, und dem Umstand abzeichnet, dass der Rest der Welt, ja sogar der Rest der katholischen Welt, sich eher nicht so sehr für dieses Thema interessiert? – Gleichzeitig liegt es natürlich durchaus im Rahmen des zu Erwartenden, dass derjenige Teil der katholischen Welt, der sich sehr wohl für dieses Thema interessiert, eine gewisse Schnittmenge mit der Leserschaft meines Blogs aufweist; dies hat sich deutlich in den Leserkommentaren zu meinem vorigen Wochenbriefing niedergeschlagen, und auch wenn ich mich da bereits punktuell in die Debatte eingeschaltet habe, muss ich wohl nochmals darauf zurückkommen. Fangen wir mal an mit der beruhigenden Feststellung, dass es im Kommentarbereich meines Blogs längst nicht so wild zugeht wie in meinem Facebook-Feed, der seit einigen Tagen geradezu überschwemmt wird von Beiträgen, die, oft illustriert mit gruselig-kitschigen KI-Grafiken, die Piusbrüder zu Opfern innerkirchlicher Verfolgung, ja geradezu zu Märtyrern stilisierten. Sogar ein Vergleich mit der Hl. Johanna von Orléans – die ja schließlich auch exkommuniziert wurde – ist mir untergekommen. – Sagen wir mal so: Natürlich hat es in der Geschichte der Kirche – angefangen beim Apostel Paulus, der dem Petrus in Antiochia "ins Angesicht widerstand" – immer wieder Heilige gegeben, die mit den kirchlichen Autoritäten ihrer Zeit, bis hin zum jeweiligen Papst, in Konflikt gerieten. Ich möchte aber behaupten, gerade wenn man sich anschaut, wie diese Heiligen mit dem Konflikt zwischen den Forderungen ihres gläubigen Gewissens und ihrer Pflicht zum Gehorsam umgegangen sind, wird man einen signifikanten Unterschied zum Agieren der Piusbruderschaft feststellen können. Wer den letzten Brief Papst Leos an den Generaloberen der Piusbruderschaft gelesen hat, mit dem er ihn zu einem Verzicht auf die unerlaubten Bischofsweihen zu bewegen versucht hat, der muss, so meine ich, ein ziemlich dickes Brett vorm Kopf haben, um den Papst als den Bösewicht in diesem Konflikt und die Piusbrüder als die unschuldigen Opfer zu betrachten. 

Aus meinem Symbobilder-Archiv. Bisschen random vielleicht, aber ganz hübsch, oder? 

Derweil gibt es natürlich konservative Katholiken, die sich veranlasst sehen, die Piusbruderschaft wenigstens ein Stück weit zu verteidigen oder in Schutz zu nehmen, weil das leidige Lagerdenken ihnen sagt, grundsätzlich stünden die Piusbrüder js irgendwie doch auf der richtigen Seite der innerkirchlichen Wasserscheide. Ich persönlich halte diese Auffassung für falsch, möchte aber dennoch (oder gerade deswegen) etwas zu den Gründen sagen, die meiner Wahrnehmung zufolge dahinter stehen. Da wäre zunächst und vor allem die Sorge um den Erhalt der traditionellen Liturgie zu nennen: Hierzu habe ich verschiedentlich die These gehört, wenn die Piusbruderschaft sich nach der Liturgiereform nicht so stark für den Erhalt der älteren Form des Ritus eingesetzt hätte, gäbe es heute auch die anderen Gemeinschaften nicht, die diese Form des Ritus pflegen – was natürlich schon allein dadurch eine gewisse Plausibilität besitzt, dass diese anderen Gemeinschaften (allen voran die Petrusbruderschaft, oder als ein mir persönlich bekanntes Beispiel das Institut St. Philipp Neri in Berlin) zum Teil aus der Piusbruderschaft hervorgegangen sind; wobei natürlich zu bedenken ist, dass "aus etwas hervorgehen" immer auch ein Element der Abgrenzung beinhaltet. Eine verschärfte Version der soeben skizzierten These besagt, dass die Petrusbruderschaft und andere "altrituelle" Gemeinschaften vom Vatikan nur anerkannt bzw. geduldet werden, weil er sie quasi als Puffer gegen die Piusbruderschaft braucht – will sagen, um zu verhindern, dass traditionsverbundene Katholiken zu dieser abwandern. Strukturell erinnert das an die These, Arbeitnehmerrechte im Kapitalismus verdankten ihre Existenz nur der Systemkonkurrenz mit dem Sozialismus; oder noch ein anderes Beispiel: Im Englischunterricht auf dem Gymnasium las ich einen Roman über den Bürgerkrieg in Nordirland, und darin argumentierten einige Vertreter der Provisional IRA, gerade die gemäßigten pro-irischen Politiker, die den Nordirland-Konflikt am Verhandlungstisch lösen wollten, benötigten die Rückendeckung durch den Terrorismus, denn ohne diesen hätte die Regierung gar keine Veranlassung zum Verhandeln. Das sind alles Thesen, über deren Wahrheitsgehalt man diskutieren kann; was man hingegen nicht kann, ist, mit dem Argument "Die Piusbruderschaft hat aber auch viel Gutes bewirkt" die unerlaubten Weihen rechtfertigen oder entschuldigen. Ähnlich verhält es sich mit der Frage "Warum werden die exkommuniziert, während Leute wie Bätzing oder Overbeck unbehelligt ihr Bischofsamt ausüben dürfen?": Die Frage an sich ist legitim und diskussionswürdig, aber das ändert nichts daran, dass sich die Piusbrüder die Tatstrafe der Exkommunikation durch die unerlaubten Bischofsweihen aktiv und wissentlich selbst zugezogen haben.

Zu relativieren wäre indes vielleicht mein Eindruck, nur ein schmales Segment der katholischen Öffentlichkeit interessiere sich überhaupt dafür, was jetzt mit den Piusbrüdern ist: Als ich nämlich am letzten Tag vor dem Urlaub noch einmal in Herz Jesu Tegel nach dem Rechten sah, fand ich im Schaukasten – um dessen inhaltliche Gestaltung sich der Pfarrer notorischerweise persönlich kümmert – einen doppelseitigen Zeitschriftenartikel vor, der unter der Überschrift "Viel mehr als Latein" über die Hintergründe der Exkommunikation der Piusbruderschaft aufklären will. Verfasst wurde dieser Artikel von einer Susanne Haverkamp, und erschienen ist er bei aussicht.online, dem Online-Portal der Verlagsgruppe Bistumspresse; und mein spontaner Gesamteindruck von der Lektüre dieses Text lautet "Das war ja klar, dass der Pfarrer sowas aushängt". Nicht dass Frau Haverkamps Ausführungen zu den doktrinären Positionen der Piusbrüder und dem Grad ihrer Nichtübereinstimmung mit den Lehren des II. Vatikanischen Konzils nicht im Wesentlichen korrekt wären; das Problem des Artikels ist eher, wie ich es neulich in Anlehnung an John Monaco und Charles Taylor genannt habe, eines der "sozialen Vorstellungswelt": Der Text erweckt den Eindruck, die Vorstellung der Verfasserin davon, was "normal katholisch" sei, sei so tief vom linksliberalen Boomer Catholicism durchdrungen, dass ihre Perspektive auf eine traditionalistische Gemeinschaft zwangsläufig ziemlich verzerrt ausfallen müsse. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht der Schlussabsatz, in dem es heißt: 
"Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. will eine andere, vormoderne Kirche [...]. Sie will eine Kirche ohne Mitbestimmung, ohne Freiheitsrechte, Frauenrechte, Minderheitenrechte. Eine Kirche, die ewige Wahrheiten hütet" – 

man beachte, dass das im Großen und Ganzen dieselben Vorwürfe sind, die liberale Katholiken routinemäßig gegen so ziemlich jeden erheben, der ein "konservativeres" Kirchenbild vertritt als sie selbst, also auch gegen Strömungen und Gruppierungen innerhalb der Kirche, die längst nicht so "ultra" sind wie die Piusbrüder. Dass Auffassungsunterschiede in Ekklesiologie und Sakramententheologie nicht an sich der Auslöser für die Exkommunikation der Priestergesellschaft gewesen sind, sondern ein Akt des offenen Ungehorsams gegen den Papst – was sie ja eher in die Nähe ganz anderer innerkirchlicher Akteure rückt –, wird im Artikel nicht explizit angesprochen. Letztendlich offenbart sich darin, dasselbe Lagerdenken – nur halt von der anderen Seite –, das wie gesagt manche konservativen Katholiken dazu bringt, aus den oben skizzierten Gründen mit den Piusbrüdern zu sympathisieren bzw. sie zu verteidigen. Bei Frau Haverkamp habe ich allerdings den Eindruck, sie steckt so tief in ihrer Vorstellungswelt, dass sie ihr eigenes Lagerdenken gar nicht bemerkt. Und der Pfarrer von St. Klara, der ihren Artikel in seinen Schaukasten hängt – der merkt sowieso schon lange nichts mehr. 


Samstag, 4. Juli 2026

Utopie und Alltag 32: Wind of Change

Was für eine Woche, Freunde: Deutschland ist aus der Fußball-WM ausgeschieden, die Piusbruderschaft hat sich die Tatstrafe der Exkommunikation zugezogen – beide Themen werden in diesem Wochenbriefing durchaus eine gewisse Rolle spielen, wenn auch eher indirekt und um die Ecke gedacht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass mindestens eins dieser Themen mich noch weiter beschäftigen wird; seien wir also mal gespannt, welches das wohl sein wird. Auf jeden Fall erwartet euch ein vergleichsweise reflexionslastiges Wochenbriefing, und ziemlich umfangreich ist es auch wieder geworden – daher spare ich mir mal weitere Vorbemerkungen... 


Eure engen Grenzen

Über das eindeutige Highlight im Berichtszeitraum dieses Wochenbriefings – die Bundeswallfahrt der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) – habe ich ja bereits einen separaten Artikel veröffentlicht; aber ich muss darauf doch noch einmal zurückkommen, und zwar speziell und zunächst auf die Messe in der Klosterkirche am Sonntag. Der betont "hochkirchliche" Stil dieser Messe stand nämlich in einem so augenfälligen Kontrast zu der Messe in der Seitenkapelle von St. Karl Borromäus in Berlin-Grunewald, an der ich am vorangegangenen Freitag teilgenommen hatte, aber auch zu allerlei anderen Messen, die ich in diversen eher liberal geprägten Pfarreien miterlebt habe, dass sich mir der Gedanke an etwas aufdrängte, was mein Freund Rod im Liturgie-Unterkapitel der #BenOp schreibt: 

"Stell Dir vor, Du besuchst eine katholische Messe in einer öden vorstädtischen Kirche aus den 70ern, die aussieht wie eine umfunktionierte Pizza-Hut-Filiale. Am nächsten Sonntag nimmst Du an einem Hochamt in der St.-Patricks-Kathedrale in New York City teil. Die Schriftlesungen sind an beiden Orten dieselben, und Jesus ist in der Eucharistie in 'Unserer Lieben Frau von der Pizza Hut' genauso real präsent wie in der Kathedrale. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass Du in der vorstädtischen Kirche größere Mühe haben wirst, eine Empfindung für die Heiligkeit der Messe in Dir zu wecken, als in der Kathedrale" (S. 173/Paperback-Ausgabe S. 185).

Darüber hinaus musste ich an eine Diskussion denken, in die ich ein paar Tage zuvor in der App Formerly Known As Twitter gestolpert war und in der es um den bemerkenswerten Umstand ging, dass der 1886 von Papst Leo XIII. eingeführte Brauch, am Ende der Heiligen Messe das Gebet zum Hl. Erzengel Michael zu sprechen, im jüngster Zeit eine Renaissance zu erleben scheint. Die Meinungen darüber, ob das begrüßenswert oder eher befremdlich sei, waren ausgesprochen geteilt. Der Blogger John Monaco, von dem ich schon vor Jahren mal ein paar Artikel auf meinem Blog empfohlen und verlinkt hatte, brachte im Blick auf diese Debatte den von dem Philosophen Charles Taylor geprägten Begriff der "sozialen Vorstellungswelt" ("social imaginary") ins Spiel und merkte an, der Umstand, dass es Katholiken gebe, die das Gebet zum Hl. Erzengel Michael als irritierend oder anstößig empfinden, illustriere, wie sehr sich die soziale Vorstellungswelt des Katholizismus in den letzten Jahrzehnten verändert habe. Das erscheint mir als eine recht profunde Feststellung, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Situation in Deutschland, wo es ja – auch und gerade innerhalb des institutionellen Apparats der Kirche – eine Menge Leute gibt, die bedeutende Teile der Glaubens- und Sittenlehre als überholt und damit teils als schockierend, teils als schlicht lächerlich betrachten, gleichzeitig aber überzeugt sind, sie seien die wahren Katholiken und diejenigen, die immer noch an den betreffenden Lehren festhalten, seien gefährliche Fanatiker und Extremisten. Was sich ja, wie schon vor Jahren festgestellt, unter anderem auch in der Haltung der im BDKJ organisierten Jugendverbände, einschließlich des Pfadfinderverbands DPSG, gegenüber der KPE niederschlägt. 

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass ich am Samstagabend im Klosterhof einem Seniorenpaar begegnete, dessen männlicher Teil gerade dabei war, seiner Frau einen Text von seinem Smartphone vorzulesen, der wahrscheinlich aus dem Wikipedia-Artikel über die KPE oder einem darauf basierenden Artikel stammte und in dem es hieß, die KPE werde "dem katholischen Traditionalismus zugeordnet" und ihr würden "radikale Tendenzen vorgeworfen". Für mich war nicht ganz klar zu erkennen, ob es sich bei diesen Senioren um Wallfahrtsteilnehmer handelte, die den betreffenden Online-Text eher unter dem Aspekt "Guck mal, was andere über uns schreiben" rezipierten, oder ob sie sich aus ganz anderen Gründen auf dem Klostergelände aufhielten, sich gewundert hatten, wo all diese Leute herkommen, und sich daher im Internet darüber informieren wollten, was das eigentlich für Leute sind. Intuitiv tippe ich allerdings auf Letzteres. Ich erzählte meiner Liebsten davon, und als ich später am Abend ein Foto vom Abendgebet der Wölflinge auf dem Vorplatz der Klosterkirche machte, merkte sie an: "Wenn wir das den Omas schicken, lesen die sich auch bald gegenseitig Wikipedia-Artikel über die KPE vor." 

Hier das gemeinte Foto.

Übrigens gibt es auf dem Klostergelände auch eine evangelische Kirche, und als die hitzebedingt gekürzte Fußwallfahrt – kurz vor Schluss, auf dem Weg zur Klosterkirche – an dieser vorbeikam, war da gerade der Sonntagsgottesdienst zu Ende, sodass die Gemeinde samt Pfarrerin beim Verlassen der Kirche die KPE-Wallfahrer an sich vorüberziehen sah. Die machten vielleicht Augen! 

Aber lassen wir mal die Anekdoten und fragen geradeheraus: Was ist denn nun tatsächlich dran an der Zuordnung der KPE zum "Traditionalismus"? – Je nachdem, wie weit oder wie eng man den Traditionalismus-Begriff fassen will, würde ich diese Frage mit "nicht viel" oder mit "überhaupt nichts" beantworten. Sieht man als definitorisches Merkmal der Traditionalistischen Bewegung im Katholizismus eine kritische bis ablehnende Haltung zum II. Vatikanischen Konzil an, dann kann man mit leichter Mühe – selbst wenn man nur den besagten Wikipedia-Artikel liest – feststellen, dass sich die KPE seit ihrer Gründung klar zum Konzil bekennt. Ordnet man als "traditionalistisch" all jene Gemeinschaften ein, die bevorzugt oder ausschließlich nach den "vorkonziliaren" liturgischen Büchern zelebrieren, dann möchte ich zu Protokoll geben, dass alle Messen, die ich bisher im Rahmen von KPE-Veranstaltungen mitgefeiert habe, in der ordentlichen Form des Römischen Ritus, also in der "nachkonziliaren" Liturgie, zelebriert worden sind – dabei allerdings im Rahmen der Gestaltungsspielräume, die diese Form des Ritus gewährt, zugegebenermaßen "traditioneller" aussahen als das, was die soziale Vorstellungswelt liberaler Katholiken als "normal" zu betrachten gewohnt ist. Gerade dafür ist die Jubiläumsmesse in der Klosterkirche von Schöntal ein illustratives Beispiel: Da trugen zwar zwei der Konzelebranten sogenannte "Bassgeigen", aber in der vorkonziliaren Liturgie war Konzelebration insgesamt unüblich; und da wurde das Eucharistische Hochgebet zwar in lateinischer Sprache gebetet, aber es ist gerade ein besonders auffälliges Merkmal der vorkonziliaren Liturgie, dass der Messkanon überhaupt nicht für die Gemeinde hörbar gesprochen wird. Kurz gesagt, wer eine Liturgie wie die der KPE-Jubiläumsmesse im Kloster Schöntal für "traditionalistisch" hält, hat von Traditionalismus überhaupt keine Ahnung. – Eine weitere Erinnerung, die da bei mir aufpoppt, betrifft eine Messe in der Stuttgarter Konkathedrale St. Eberhard, nach der ich mich beim Zelebranten über zahlreiche grobe liturgische Missbräuche beschwerte und dieser mir daraufhin beschied, ich könne ja zu den Piusbrüdern gehen. Ich sag mal: Auf die Idee, jemandem, der lediglich will, dass die ordentliche Form des Römischen Ritus ordnungsgemäß zelebriert wird, eine Gemeinschaft zu empfehlen, die ebendiese Form des Ritus dezidiert ablehnt, muss man erst mal kommen. 

Insgesamt bin ich geneigt zu sagen: Wenn eine, wie ich es oben genannt habe, "hochkirchliche" Liturgie gleich als "traditionalistisch" wahrgenommen wird, ist im Prinzip derselbe Mechanismus am Werk, der ein Ernstnehmen der Glaubenslehre bis in persönliche Lebensentscheidungen hinein als Fanatismus und geistliche Gemeinschaften, die ihre Mitglieder für mehr als ein paar Stunden pro Woche in Anspruch nehmen, als "sektenartig" beurteilt: Die "soziale Vorstellung" davon, was "normal katholisch" sei, ist über Jahrzehnte hinweg, nach innen wie nach außen, vom linksliberalen "Boomer Catholicism" geprägt worden. Und ich spreche gewiss nicht nur für mich, wenn ich sage, dass ich das soziale Imaginarium des "Boomer Catholicism" in seiner biederen linksbürgerlichen Beschränktheit ausgesprochen öde finde. Ganz zu schweigen von der schon früher angesprochenen Tragikomik der Tatsache, dass für liberale Katholiken "Vielfalt" zwar ein entschiedenes "Hochwertwort" ist, sie gleichzeitig aber keinerlei Sympathie für die real existierende Vielfalt katholischer Frömmigkeitsformen haben und damit im Grunde überhaupt nicht umgehen können... 


Nachträge zum "Mission is Possible"-Kongress 

Wenn ich auf mein voriges Wochenbriefing zurückschaue, drängt sich mir der Eindruck auf, dass das, was ich da über den "Mission is Possible"-Kongress geschrieben habe, ein bisschen unfertig und lückenhaft wirkt; in gewissem Sinne hatte ich schon beim Schreiben selbst den Eindruck, dass es mir sowohl an Zeit als auch an Platz mangele, diesen thematischen Abschnitt richtig "rund zu kriegen". Obendrein habe ich von Leserseite den Hinweis erhalten, dass man die Vorträge des Kongresses in der Mediathek von Radio Horeb nachhören könne. Diesem Hinweis bin ich nachgegangen und habe dort 23 Beiträge vom "Mission is Possible"-Kongress mit einer Gesamtlaufzeit von rund viereinhalb Stunden gefunden, mir bisher allerdings nur die Zeit genommen, mir die Eröffnungsansprache des Augsburger Bischofs Meier und Johannes Hartls Vortrag "Warum wir heute einen missionarischen Aufbruch brauchen" anzuhören – das ist der mit der heiß diskutierten Passage über das Restaurant, in dem es nichts zu essen gibt, und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Eine Passage, die mich sehr bewegt hat – gerade auch mit Blick auf die Gemeinde von Herz Jesu Tegel (mehr dazu weiter unten) – möchte ich hier zitieren: 

"Ich hab manchmal das Gefühl, oder manchmal so die Frage: Warum schickt Gott nicht noch mehr noch nicht glaubende Menschen zu uns? Ich hab manchmal das Gefühl, diese Menschen sind das Kostbarste, was Er hat. Für den Herrn sind die Menschen, die Ihn noch nicht kennen, die kostbarsten. Warum sollte Er die jemandem anvertrauen, der für die überhaupt kein Herz hat, der für die überhaupt keine Zeit hat? Der für die zwei Leute, die das letzte Mal geschickt wurden, keine Zeit fand?" 

Aber auch auf ein paar Details aus dem Communio-Artikel von Alina Rafaela Oehler möchte ich noch zurückkommen. Da wäre zunächst einmal der schon im vorigen Wochenbriefing zitierte Satz "Nach außen wirken will der Kongress nicht", von dem ich denke, dass er zumindest missverständlich ist: Ich würde sagen, der Kongress war einfach auf eine andere Art von Wirkung ausgerichtet als auf ein großes Medienecho. In verschiedenen Berichten über den Kongress war von 850 bis 1000 Teilnehmern die Rede; verglichen mit der MEHR ist das natürlich wenig, und auch die Adoratio in Altötting oder die kommt & seht-Konferenz in Köln erreichen locker doppelt so hohe Teilnehmerzahlen. Aber wenn man davon ausgeht, dass es sich bei diesen Teilnehmern größtenteils um Leute handelt, die in ihren jeweiligen Ortsgemeinden aktiv sind, dann können die Impulse zur Gemeindeerneuerung, die sie von dem Kongress mitnehmen, an der Basis tatsächlich eine sehr beträchtliche Wirkung entfalten. Wie ich neulich schon mal anmerkte, liegt es nun einmal "in der Natur von Graswurzelarbeit, dass ihre Ergebnisse, aus der Distanz betrachtet, in der Regel eher klein und unauffällig sind". – Ein weiteres interessantes Detail von Frau Oehlers Artikel ist der Hinweis auf die konfessionelle Zusammensetzung des Publikums beim "Mission is Possible"-Kongress: "etwa 60 Prozent Katholiken" seien unter den Teilnehmern gewesen, "25 Prozent zählten sich zu Freikirchen, 15 zur evangelischen Landeskirche. Einzelne orthodoxe Christen waren auch da." Man wird wohl behaupten dürfen, dass der starke Katholikenanteil – auch wenn die Veranstaltung dezidiert als ökumenisch ausgerichtet beworben wurde – von Veranstalterseite durchaus so gewollt war, wofür schon die Beteiligung mehrerer katholischer Bischöfe am Programm spricht; dagegen ist das Zahlenverhältnis zwischen evangelisch-freikirchlichen und evangelisch-landeskirchlichen Teilnehmern einigermaßen auffällig, wenn man es zu den Mitgliederzahlen dieser Gemeinschaften in Deutschland ins Verhältnis setzt: Während die in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen trotz hoher Austrittszahlen immer noch über 17 Millionen Mitglieder haben, bringen es die bedeutendsten freikirchlichen Gemeindeverbände zusammen auf gerade mal 300.000. Nun ist es grundsätzlich wohl keine besonders neue oder überraschende Erkenntnis, dass bei dem missionarischen Aufbruch, den wir derzeit (wenn auch hierzulande, verglichen mit anderen Ländern um uns herum, bisher nur in Ansätzen) erleben, die evangelischen Landeskirchen kaum mitspielen; in der von Maria Hinsenkamp beschriebenen "deutschsprachigen KiNC-Landschaft" findet viel Kooperation und Vernetzung zwischen katholischen und freikirchlichen Akteuren statt (wofür das Gebetshaus Augsburg ein prominentes Beispiel und wohl auch ein Vorreiter ist), während die evangelischen Landeskirchen dieser Bewegung insgesamt eher fern stehen. Insofern bin ich auch eigentlich nicht überrascht, dass unter den Teilnehmern des "Mission is Possible"-Kongresses "nur" 15% evangelisch-landeskirchliche Christen waren; wenn überhaupt, überrascht es mich eher, dass es nicht noch weniger waren. Man kann ja manchmal versucht sein, daran zu zweifeln, dass es in den evangelischen Landeskirchen überhaupt noch gläubige Christen gibt. Tatsächlich gibt's die durchaus, aber sie haben's halt schwer in ihren Kirchen und mit ihren Kirchen. Es gibt deswegen schon Websites mit interaktiven Landkarten, die gläubigen Protestanten dabei helfen sollen, im Sinne ihrer jeweiligen Konfession rechtgläubige Gemeinden zu finden. Ich denke manchmal, so eine Karte könnten gläubige Katholiken – und solche, die es werden wollen – hierzulande auch gebrauchen. Aber das ist wohl ein Thema für sich... 


Wie geht es weiter in Herz Jesu Tegel? 

Kaum zurück in Berlin, wartete schon wieder die Graswurzelarbeit auf mich: Ich hatte für Montagvormittag ein erneutes konspiratives Treffen mit einer meiner Kontaktpersonen aus der Gemeinde Herz Jesu Tegel verabredet, um Möglichkeiten eines zukünftigen Engagements in dieser Gemeinde zu sondieren. Wir hatten abgesprochen, uns beim Rosenkranzgebet zu treffen, das montags im Anschluss an die 9-Uhr-Messe in Herz Jesu stattfindet; zur Messe selbst glaubte ich es nicht pünktlich schaffen zu können, da ich ja erst noch die Kinder zur Schule und zur KiTa bringen musste, aber als ich feststellte, dass an diesem Montag das Hochfest Peter und Paul war, nahm ich mir vor, es wenigstens zu versuchen, und tatsächlich kam ich dann doch ganz knapp rechtzeitig. Außer mir und meiner Gesprächspartnerin fanden sich noch sieben oder acht ältere Damen in den Kirchenbänken ein; zelebriert wurde die Messe vom leitenden Pfarrer von St. Klara, der – wie so oft in Werktagsmessen – statt einer Predigt einen Zwei-Minuten-Impuls an die Begrüßung der Gemeinde anschloss. Diesen Impuls fand ich in mehrfacher Hinsicht recht bezeichnend: zunächst einmal, weil der Pfarrer es wieder einmal nicht lassen konnte, sich wichtig zu machen, indem er einleitend erwähnte, "vor einigen Jahren" sei er mal eingeladen worden, "in der Katholischen Akademie zum Fest Peter und Paul zu predigen", und daraufhin habe er sich überlegt, da müsse er wohl "ein bisschen was Anspruchsvolleres sagen"; dann aber auch, weil ich mir angesichts der Ausführungen, die er auf diese Einleitung folgen ließ, sagen musste: Wenn er das als "ein bisschen anspruchsvoller" betrachtet, na auweia. Die Apostelfürsten Petrus und Paulus als idealtypische Vertreter unterschiedlicher, ja gegenläufiger Tendenzen im Selbstverständnis und im Handeln der Kirche herauszustellen, ist als Predigtansatz ja nun nicht gerade originell, ja eher schon ein Klischee – wobei natürlich auch hier gilt, dass Klischees in der Regel einen wahren Kern haben: Wie der Pfarrer hervorhob, ist auch in der Präfation zum Hochfest Peter und Paul ausdrücklich die Rede davon, dass die beiden Apostel "auf verschiedene Weise der einen Kirche dienten". Kann man demnach mit einigem Recht Petrus und Paulus als Repräsentanten des hierarchischen und des charismatischen Aspekts der Kirche betrachten, so fand ich es nur allzu charakteristisch für den Pfarrer von St. Klara, wie er diese beiden Aspekte zu einem bloßen "Ordnung muss sein, Innovation muss aber auch sein" verflachte. Dass er dafür das Bild einer Küche heranzog, die, damit man in ihr vernünftig arbeiten könne, eine gewisse Ordnung und Struktur und eingespielte Abläufe brauche, in der man deswegen aber trotzdem nicht immer nur dieselben Gerichte kochen müsse, fand ich als Bild durchaus reizvoll, aber gerade auch in Hinblick auf die Grenzen seiner Anwendbarkeit auf die Kirche vielsagend: Es verriet nämlich einen rein auf organisatorische Abläufe fixierten Blick, dem die geistliche Dimension (wieder einmal) völlig fehlt. Davon, dass Hierarchie und Tradition in der Kirche dazu da sind, das unveräußerliche Glaubensgut zu bewahren, war ebenso wenig die Rede wie davon, dass sich Erneuerung in der Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes vollzieht. Man könnte diesen Mangel natürlich mit dem Hinweis zu entschuldigen suchen, dass es diesem Pfarrer nun mal bekanntermaßen nicht liegt, über geistliche Dinge zu reden (was für einen Geistlichen [!] indes wohl schon bedenklich genug wäre), aber ich glaube eigentlich nicht, dass es sich hier lediglich um ein Problem des sprachlichen Ausdrucksvermögens handelt, sondern dass hier tatsächlich von dem, wovon der Mund nicht spricht, auch das Herz nicht überfließt (vgl. Lk 6,45). Und das ist nicht nur eine Eigenart dieses einen Priesters, auch wenn es bei ihm besonders auffällig sein mag. 

Bezeichnend fand ich es in diesem Zusammenhang auch, wie es im Anschluss an die Messe weiterging: Während sechs ältere Damen (und ich) den Rosenkranz beteten, fingen zwei andere ältere Damen ungerührt an "abzuküstern", wozu es nicht zuletzt gehört, den Altarraum aufzuräumen, und ließen sich von der gleichzeitig stattfindenden Andacht nicht im geringsten bei ihrer Arbeit stören; sie schalteten sogar das Licht in der Kirche aus, ehe wir mit dem Rosenkranz zu Ende waren. So etwas ist sicher keine böse Absicht, zeigt aber recht deutlich an, wo die Prioritäten liegen. Dispensare necesse est, orare non est necesse. Das ist natürlich genau verkehrtherum, dürfte aber, nicht nur in dieser Gemeinde, einigermaßen typisch für den post-volkskirchlichen Normalbetrieb sein. Immerhin konnte ich dieses Erlebnis gleich als Anschauungsbeispiel in mein "konspiratives Gespräch" mitnehmen, in dem ich nämlich gleich zu Beginn darlegte, dass ich nach reiflicher Überlegung eine Kandidatur für den Gemeinderat nicht als zielführend ansehe: Wie neulich schon angedeutet, hat mich mein Besuch einer Sitzung dieses Gremiums davon überzeugt dass man auch da so sehr auf das operative Tagesgeschäft fixiert und damit auch so sehr ausgelastet ist, dass für Fragen von Neuevangelisierung und/oder Gemeindeerneuerung kaum Platz auf der Tagesordnung ist. Aus diesem Grund unterbreitete ich meiner Gesprächspartnerin den Vorschlag, lieber den vor einigen Jahren – nach meinem Ausstieg und der Versetzung der Pastoralreferentin – eingeschlafenen Arbeitskreis Neuevangelisierung wiederzubeleben; eine Idee, die mir spontan während des Rosenkranzgebets gekommen war, lautete, um das Reizwort "Neuevangelisierung" zu vermeiden und auch Gemeindemitglieder anzusprechen, die mit diesem Begriff womöglich nichts anfangen können, könnte man diese Gruppe auch gleich "Arbeitskreis Offene Kirche" nennen. Sicherlich wäre es nicht schlecht, wenn dieser Arbeitskreis auch einen Vertreter oder eine Vertreterin im Gemeinderat hätte, der oder die dafür Sorge tragen könnte, dass ein "Bericht aus dem Arbeitskreis Offene Kirche" regelmäßig auf die Tagesordnung kommt, aber das muss ja nicht unbedingt ich sein, und davon abgesehen habe ich ja neulich schon angemerkt, dass man ja nicht unbedingt gewähltes Mitglied im Gemeinderat sein muss, um an dessen Sitzungen teilzunehmen, da diese ja in der Regel öffentlich sind. Wenn meine Gesprächspartnerin sich zur Kandidatur entschließt, werde ich das gleichwohl gern unterstützen. Im Übrigen teilte ich ihr meine Ideen für die drei "Sofortmaßnahmen" mit, die ein Arbeitskreis Offene Kirche in Angriff nehmen könnte und die ich hier neulich schon mal skizziert habe: Willkommensflyer für Besucher der offenen Kirche, Werbung für die spirituellen und katechetischen Angebote der Gemeinde, Angelusgebet. Ich stellte zudem in Aussicht, meine Ideen zu diesen Punkten schriftlich auszuarbeiten und ihr zuzuschicken; am gestrigen Freitag bin ich nun endlich dazu gekommen, diese Ankündigung in die Tat unzusetzen. Hier der Link für diejenigen Leser, die mal einen Blick darauf werfen mögen; keine Sorge, es sind nur zwei Seiten. 

Eine ganz eigene Frage ist es derweil natürlich, in welchem Umfang ich mich persönlich noch am irgendwelchen Neuevangelisierungs-Bestrebungen in Herz Jesu Tegel beteiligen werde, wenn ich – wie neulich schon angedeutet – schon bald gar nicht mehr im Gemeindegebiet wohnen werde. Aber darauf werde ich ein andermal näher eingehen... 


Nationalismus, Demokratie usw. 

Am Mittwoch entdeckten das Tochterkind und einige Schulfreundinnen während eines erlaubten Ausgangs vom Schulgelände bei Edeka Umhänge in den Farben der deutschen Nationalflagge, die – offenbar bedingt durch das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM – zu ermäßigten Preisen angeboten wurden, und kauften sich je einen solchen von ihrem Taschengeld (eigentlich hatte das Tochterkind mich am Morgen zu dem Zweck um Taschengeld gebeten, sich ein Eis kaufen zu können, aber die Eisdiele hatte zu). Zurück im der Schule, wurden die Mädchen prompt von einem Mitarbeiter gefragt, warum sie denn Deutschlandflaggen trügen, wo Deutschland im Fußball doch gerade ausgeschieden sei. "Das ist ja nicht nur wegen Fußball", erwiderten die Mädchen arglos, woraufhin der Mitarbeiter ausrief: "Das ist ja noch schlimmer!" Kurz darauf begegneten die Mädchen einer weiteren Lehrkraft, die sie ebenfalls fragte "Wieso tragt ihr Deutschlandflaggen, Deutschland ist doch ausgeschieden". – "Da hat's uns echt gereicht", berichteten sie mir später. 

Tatsächlich ist es ja ein ziemlich interessantes Phänomen, dass es in Deutschland – anders als etwa bei unseren nördlichen Nachbarn, die, wie ich habe erzählen hören, sogar ihre Weihnachtsbäume mit dem Danebrog schmücken – nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit Sportereignissen, und zwar vorrangig Fußball-Länderspielen, üblich und akzeptiert ist, die Landesfarben zu zeigen. Mein fünfjähriger Sohn etwa identifiziert die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold mit größter Selbstverständlichkeit als "Fußballfarben"; dass diese Farben auch eine vom Thema Fußball unabhängige Bedeutung bzw. Funktion haben, kommt in seiner Vorstellungswelt nicht vor. Bei der Großen ist das schon etwas anders, schon dank ihrer Pfadfinderlager-Erfahrung, denn im Lager werden neben der Verbandsfahne stets die Deutschland- und die Europafahne gehisst. – Was mich betrifft, bin ich zwar – auch wenn mir Benedict Andersons Buch "Die Erfindung der Nation", das ich im Zuge meines Promotionsstidiums gelesen habe, eine erheblich differenziertere Sicht auf die Ideologiegeschichte des Nationalismus vermittelt hat, als ich sie vorher hatte – kein besonderer Fan des deutschen Nationalgedankens, aber das Ausmaß der Ablehnung, das dem Zeigen der deutschen Farben im eigenen Land oft entgegenschlägt – außer eben im Fußball –, finde ich dann doch teils albern und teils irritierend. Umso mehr übrigens, als die schwarz-rot-goldene Flagge sich nun wirklich deutlich nachvollziehbar aus der demokratischen Tradition der deutschen Nationalbewegung herleiten lässt. Dass es zwischen Nationalismus und Demokratie in der Neuzeit einen engen Zusammenhang gibt, wäre übrigens auch etwas, was man von Benedict Anderson lernen könnte; man könnt' natürlich auch ohne seine Hilfe drauf kommen, schließlich heißt Demokratie "Volksherrschaft", und wenn man will, dass das Volk herrscht, dann muss man sich auch darüber verständigen, wer dieses Volk eigentlich ist und nach welchen Kriterien jemand dazugehört oder eben nicht

Was ist des Wauzen Vaterland? 

Dazu fällt mir übrigens noch eine weitere Anekdote ein: Unlängst entdeckte unser Tochterkind in einer Bücher-Verschenkekiste das Buch "Der blaurote Methusalem" von Karl May (Radebeuler Ausgabe, in Fraktur) und nahm es mit. Da wir das Buch nun mal zu Hause hatten, mussten wir es auch lesen, d.h. ich musste es vorlesen – und es kam bei den Kindern überraschend gut an. Gegen Ende der Handlung planen die Hauptfiguren, einem aus Deutschland stammenden, in China reich gewordenen, aber heimwehkranken Fabrikbesitzer ein Überraschungs-Geburtstagsständchen zu bringen, und zwar "Was ist des Deutschen Vaterland?" von Ernst Moritz Arndt. Ehe ich beim Vorlesen zu der Stelle kam, an der dieses Lied dann tatsächlich gesungen wird, wollte ich es mir auf YouTube anhören, um es gegebenenfalls auch vorsingen zu können, und stellte fest, dass alle Versionen, die ich fand, mir zu pompös und zu pathetisch waren. Daraufhin fragte ich Google Gemini, ob die KI im Netz eine Version im Folk-/Liedermacherstil mit Klampfe ausfindig machen oder gegebenenfalls selbst eine solche Version erstellen könne. Die App machte sich an die Arbeit, brach dann aber plötzlich ab und teilte mir mit, sie wolle doch lieber keine Version dieses Liedes erstellen, und zwar wegen politisch-Ideologischer Bedenklichkeiten. Daraufhin erkundigte ich mich erst einmal, ob das Lied etwa verboten sei; dies wurde verneint, weshalb ich nachhakte: "Wenn das Lied nicht verboten ist, wieso kann ich mir dann keine Folk-Version davon erstellen lassen?" Daraufhin erklärte mir Google Gemini, die "Moderations-Algorithmen von KI-Plattformen" würden "automatisch bestimmte Begriffe" blockieren, die "als potenzieller Rechtsextremismus oder 'Hate Speech'" eingeordnet würden: "Die KI kann dabei nicht zwischen dem historischen Kontext von 1813 und moderner Hate Speech unterscheiden." Muss einem ja mal gesagt werden. Zu guter Letzt half mir die KI doch noch dabei, auf YouTube eine schöne Gitarrenversion des Liedes zu findenohne Gesang und folglich frei von ideologieverdächtigen Textstellen. 

Derweil hat – was ja irgendwie auch zum Thema passt – die Identitäre Bewegung das Hermannsdenkmal besetzt, um gegen den geplanten Bau von Windrädern in dessen Nähe zu protestieren. Auf der App Formerly Known As Twitter hieß es, der geplante Windradpark würde "diese zentrale deutsche Kulturstätte" – auf den ersten Blick habe ich "Kultstätte" gelesen und nehme an, so war es auch gemeint – "entweihen [!] und unsere Geschichte mit Füßen treten". Wozu mir spontan nicht viel mehr einfällt als: Die haben sie doch nicht alle. 


Geistlicher Impuls der Woche 

"Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter" (Lk 1,46f.). Mit diesen Worten preist Maria zunächst zwar die besonderen Gaben, die ihr geschenkt wurden, dann aber zählt sie auch die allgemeinen Wohltaten auf, mit denen Gott unaufhörlich und auf ewig für das Menschengeschlecht sorgt. Ihre Seele preist den Herrn, der alle Regungen ihres inneren Menschen für das Lob und den Dienst Gottes gefangen nimmt, weil sie durch die Beobachtung der göttlichen Gebote zeigt, dass sie stets an die Macht und Majestät Gottes denkt. Darum hat sich in der Kirche der gute und heilbringende Brauch eingebürgert, dass alle jeden Tag beim Abendlob mit der Psalmodie auch ihren Hymnus singen. So sollen die Herzen der Menschen immer wieder an die Menschwerdung des Herrn denken und dadurch zu liebender Hingabe entbrennen, und die häufige Erinnerung an das Beispiel der Gottesmutter soll die Herzen in der Tugend festigen. 

(Beda Venerabilis, Homilie zu Ehren der Gottesmutter) 


Ohrwurm der Woche 

Counting Crows: Mr. Jones 

Als dieser Song rauskam, war ich 17, und für eine Weile war es mein absoluter Lieblingssong, ohne jede Konkurrenz. Ich habe ihn mir sogar mal sechsmal hintereinander angehört, nur um zu testen, ob ich ihn danach immer noch so toll finden würde, und das Ergebnis lautete: und ob. Dazu trägt neben dem folkrockigen Gitarrengeschrammel nicht zuletzt auch der Text bei – in dem es oberflächlich betrachtet zwar "nur" um zwei Typen geht, die sich schwer damit tun, hübsche Frauen anzusprechen, und neidisch darauf schauen, dass das anderen leichter fällt; aber gleichzeitig ist der Text eben "very, very meaningful". Ich würde sagen, ich kenne kaum einen anderen Songtext, der so vollgestopft mit "meaning" ist wie dieser; höchstens noch "American Pie" von Don McLean, und vielleicht "All Along the Watchtower"


Vorschau/Ausblick 

Heute Mittag hatten wir (nach dem "Probelauf" vor zwei Wochen) unseren "richtigen" Einsatz bei der "Outreach"-Straßenevangelisation in der Spandauer Altstadt; was wir da so erlebt haben, wird natürlich ein Thema für das nächste Wochenbriefing werden. Am morgigen Sonntag ist in St. Joseph Siemensstadt im Anschluss an die Messe ein Kuchenbasar zur Mitfinanzierung der Religiösen Kinderfreizeit, und dazu wollte ich mindestens einen Kuchen, nach Möglichkeit zwei, beisteuern; das wird organisatorisch noch eine Herausforderung, zumal heute auch noch eine meiner beiden Schwiegermütter ihren 70. Geburtstag nachfeiert. – Und dann trennen uns nur noch wenige Tage von den Sommerferien! Diese Tage sind allerdings noch ziemlich vollgestopft mit "Programm": Am Montag trifft sich das Alpha-Kurs-Team der EFG The Rock Christuskirche zum Abschluss-Grillen, und ich gehe mal davon aus, dass meine Liebste da dabei sein will; am Dienstag gibt's eine weitere Grillparty, nämlich mit dem Lehrerkollegium der Schule, an der meine Liebste arbeitet; und am Mittwoch schließlich ist an der Schule des Tochterkindes Sommerfest zum Schuljahresabschluss. Tags darauf soll's dann direkt losgehen nach Butjadingen. Ob wir da in den paar Tagen, bis das nächste Wochenbriefing fällig wird, viel Blogrelevantes erleben werden, muss vorerst dahingestellt bleiben, aber einen Ausblick darauf, was uns in den kommenden Wochen in Butjadingen erwartet, dürfte es mindestens geben...!