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Montag, 25. März 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (3. Woche der Fastenzeit)

Was bisher geschah: In der vergangenen Woche war ich überwiegend mit Vaterpflichten und -freuden beschäftigt, und ich fand's prima. Wie sagte die Hl. Mutter Teresa? "Wenn du die Welt verändern willst, geh heim und liebe deine Familie". -- Am Dienstag war ich, wie geplant, anlässlich des Hochfests des Hl. Josef mit meiner kleinen Tochter in St. Joseph Tegel in der Messe, und nachdem das ganz wunderbar geklappt hatte, ging ich tags darauf gleich wieder mit ihr in die Kirche, diesmal in Heiligensee. Da sehr schönes Wetter war, fuhr ich anschließend kurz entschlossen mit meiner Tochter zum Botanischen Volkspark Blankenfelde-Pankow, auf den mich ein Beitrag im unlängst hier besprochenen Werkheft der Katholischen Landjugendbewegung aufmerksam gemacht hatte. Ergebnis: Da will ich unbedingt nochmal hin, möglichst mit Frau und Kind und wenn der Frühling etwas weiter vorangeschritten ist, also beispielsweise in den Osterferien. Dann werde ich auch ausführlicher darüber berichten. 

Am Wochenende standen dann die letzten Vorbereitungen für die Eröffnung des "Büchertreffs" auf dem Programm. Die Eröffnung selbst war sehr schön, wenngleich bei der Beteiligung seitens der Gemeinde durchaus noch Luft nach oben ist -- aber dazu folgt in Kürze noch ein eigener Artikel. 



Was ansteht: Heute ist das Hochfest der Verkündigung des Herrn, daher werde ich in Kürze das Kind einpacken und zur Kirche gehen. Unser nigerianischer Pfarrvikar zelebriert die Messe, man darf also davon ausgehen, dass es schön und würdig wird. Abends gibt's eine Veranstaltung des Bundes Katholischer Unternehmer Berlin-Brandenburg zum Thema "Der Deutsche Wald - Identität und Aufgabe"; das klingt durchaus interessant, aber ich muss mir noch gut überlegen, ob ich da wirklich hin will oder ob mir das doch zu viel wird. Auf meiner Liste zu schreibender Blogartikel stehen derzeit solche zu Themen aus der lokalen Basisarbeit ganz oben; die Blogstatistik zeigt zwar, dass solche Artikel tendenziell weniger gelesen werden als solche zu Aufregerthemen aus den Medien, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Übrigens möchte ich betonen, dass es auch in Blogartikeln über eine kleine Pfarrei im Norden Berlins immer um mehr geht als nur um eine kleine Pfarrei im Norden Berlins; will sagen, ich lege es stets darauf an, an meine Beobachtungen und Erfahrungen vor Ort Erwägungen zu knüpfen, die über den konkreten Einzelfall hinaus verallgemeinerbar sind. -- Am Donnerstag beabsichtige ich die nächste Folge von "Der Sound der #BenOp" - also Platz 15-11 - rauszuhauen. Und am Samstag will ich an einem Einkehrtag im Zisterzienserkloster Neuzelle teilnehmen, der von Pater Paulus-Maria Tautz von den Franziskanern der Erneuerung geleitet wird. Das kann spannend werden! 

aktuelle Lektüre: Sowohl "Crunchy Cons" (Rod Dreher) als auch "Gott ungezähmt" (Johannes Hartl) hätte ich in der vergangenen Woche eigentlich zu Ende lesen wollen, habe es aber bei beiden Büchern nicht ganz geschafft. Trotzdem denke ich von beiden genug gelesen zu haben, um einen Gesamteindruck zu Protokoll geben zu können. Zunächst zu "Gott ungezähmt". Ich wäre geneigt zu sagen, mein Gesamteindruck sei zwiespältig, aber das klingt vielleicht etwas zu negativ: Das, was an dem Buch gut ist, ist nämlich SEHR gut. Allerdings werde ich - ich deutete es bereits an - mit Hartls Stil nicht warm. Besonders die erzählenden Passagen, die er immer wieder einstreut, scheinen mir mit einem atmosphärisch sein wollenden Kolorit überladen, das allzu oft ins Phrasen- und Klischeehafte kippt wie in einer SPIEGEL-Reportage. Zudem fehlt mir streckenweise der Rote Faden, oder genauer gesagt: Das Buch hat zwar einen, aber zuweilen scheint der Autor ihn zu verlieren. Am Anfang scheint klar zu sein, worum es in dem Buch gehen soll: um eine Wiederentdeckung des vermeintlich unzeitgemäßen Konzepts "Gottesfurcht", ein Bekenntnis zur Größe, Heiligkeit und Anbetungswürdigkeit Gottes, verbunden mit einer klaren Absage an eine Pastoral, die Gott verharmlost und verniedlicht. Soweit das Buch bei diesem Thema bleibt, ist es großartig. Aber immer und immer wieder driftet Hartl ab zu allgemeiner Apologetik, zu biblischer Philologie, zur Theodizeefrage, zur Auseinandersetzung mit der Philosophie der Aufklärung und zu viel zu ausführlichen Goethe- oder Nietzsche-Zitaten. Sicher hat das alles irgendwo einen Bezug zum Thema, aber ich wage trotzdem zu behaupten: Mit einem etwas rigoroseren Lektorat hätte man das Buch um ein Drittel oder sogar auf ein Drittel kürzen können, und das hätte ihm gut getan. -- Wenn an dieser Stelle der eine oder andere meiner Blogleser die Lust verspürt, mir vielsagend zuzuzwinkern, dann sei diesen gesagt: Ja, mir ist sehr wohl bewusst, dass mir das auch eine Lehre für mein eigenes Schreiben sein sollte. 

Was "Crunchy Cons" angeht, muss ich zunächst sagen, dass ich mir von dem Kapitel zum Thema "Umwelt" mehr versprochen hätte; es weist allerlei inhaltliche Überschneidungen mit dem Ernährungs-Kapitel auf und konzentriert sich ansonsten über weite Strecken stark auf die Darstellung parteipolitischer Konstellationen in den USA. Es finden sich dennoch einige durchaus interessante Impulse in dem Kapitel, aber wie gesagt, ich finde, da hätte man mehr draus machen können. Umso mehr hat mich das Kapitel "Religion" (das mit 40 Seiten übrigens das längste des Buches ist) begeistert; dazu werde ich mich in absehbarer Zeit wohl mal in einem eigenen Artikel ausführlicher äußern müssen. Noch vor mir habe ich das Kapitel "Warten auf Benedikt"; da zeichnet sich also schon ein sehr deutlicher Brückenschlag zur #BenOp ab. 

Da ich, wie gesagt, mit beiden Büchern fast fertig bin, habe ich mir für diese Woche aber bereits neue Lektüre bereitgelegt. Wobei "neu" relativ ist, denn es handelt sich durchweg um Bücher, die ich - ganz oder zumindest teilweise - schon mal gelesen habe, mir aber nun noch einmal vornehmen möchte: 


Eine "Handreichung für Abenteurer", so heißt es im Klappentext; man könnte auch sagen: ein praktischer Leitfaden für gelebtes Christsein im Alltag. Dabei orientiert sich das Buch in seinem Aufbau an den "74 Werkzeugen der geistlichen Kunst" aus der Ordensregel des Hl. Benedikt, adaptiert für den individuellen Alltag von Laien in der (post-)modernen Welt. Die konzeptionellen Parallelen zur #BenOp dürften auf der Hand liegen. 


Eigentlich wollte ich "Die Kraft der Stille" vom selben Autor lesen, aber dann habe ich irgendwo gelesen oder gehört, dass dieses Buch zusammen mit "Gott oder nichts" und Kardinal Sarahs neuem, noch nicht auf Deutsch erschienenen Buch "Le soir approche et déjà le jour baisse" ("Der Abend naht und der Tag hat sich schon geneigt", vgl. Lukas 24,29) ein "Triptychon" bildet, und daraufhin habe ich mir gedacht, ich sollte lieber doch noch einmal mit "Gott oder nichts" anfangen, zumal ich das im ersten Anlauf nicht bis zum Ende gelesen habe. Ich hatte es, als es noch relativ neu war, in einem katholischen Buchladen gekauft, der zudem in einem Gebäude untergebracht ist, das entweder dem Erzbistum Berlin oder einer Berliner Pfarrei gehört -- ganz genau weiß ich das nicht. Und selbst da habe ich das Buch praktisch nur unter dem Ladentisch bekommen. Das ist ein bisschen übertrieben, aber nicht sehr: Die Verkäuferin deutete mir gegenüber an, in den Kreisen ihrer Stammkundschaft gelte das Buch als grenzwertig, weil sein Verfasser so erzkonservativ sei. 


Dieses Buch hat meine Liebste von meiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen, ein paar Monate vor der Geburt unserer Tochter. Zum ersten Mal von vorne bis hinten gelesen habe ich es, als meine Liebste in der Geburtsklinik lag und auf die Wehen wartete. Allerdings haben mich damals - was wohl einigermaßen begreiflich ist - in erster Linie  diejenigen Passagen des Buches interessiert, die sich auf den Umgang mit Neugeborenen beziehen. Erst kürzlich kam mir der Gedanke, ich sollte das Buch noch einmal zur Hand nehmen und speziell die Tipps für Eltern von Kindern im zweiten und dritten Lebensjahr studieren. 

Linktipps:


Ich gebe zu, diesen Linktipp kann man mehr oder weniger als "Werbung in eigener Sache" betrachten, denn die gute Claudia antwortet in diesem Blogbeitrag auf zwei Artikel von Gudrun und Martin Kugler in der Tagespost, in denen diese die "Benedikt-Option" scharf attackieren. Auf den ersten dieser beiden Artikel hatte ich noch selbst an selber Stelle - also ebenfalls in der Tagespost - geantwortet, aber als dann noch einer kam, fand ich: Nu isses aber auch mal gut. Claudias Anmerkungen zum von den Kuglers verflochtenen Konzept "kultureller Eliten" empfinde ich jedoch als einen wertvollen Debattenbeitrag, also schaut Euch den Artikel mal an! 


Das Thema ist alles andere als neu, hat aber gerade "aus deutscher Sicht" (wie die Sportjournalisten sagen) in den gut vier Wochen seit dem Erscheinen dieses Artikels noch an Aktualität gewonnen: Immer lauter werden die Rufe nach Abschaffung des Priedterzölibats in der lateinischen Kirche sowie danach, bei der Gelegenheit auch gleich die katholische "Sexualmoral" (oder was man sich so darunter vorstellt) generalzuüberholen; und auch in den Reihen der kirchlichen Hierarchie selbst findet dieser Ruf mehr und mehr Widerhall. Demgegenüber betont Sohrab Ahmari, solche Forderungen fußten auf einer defizitären Anthropologie, der die Kirche in aller Schärfe widersprechen müsse: Die Gläubigen, Kleriker wie Laien, seien gefordert, sich entschieden zur traditionellen Lehre und Praxis der Kirche über diese Fragen zu bekennen, denn es gehe in dieser Debatte um "nichts Geringeres als die Kraft der göttlichen Gnade, die menschliche Natur zu transformieren". 

Heiliger der Woche:

Dienstag, 26. März: Hl. Liudger, Missionar, Klostergründer und von 805-809 erster Bischof von Münster. Ausgerechnet. Nein, im Ernst: Dieser Heilige hat eine durchaus beeindruckende Biographie, und sein Gedenktag mag ein passender Anlass sein, ihn um Fürsprache für sein Bistum anzurufen, oder überhaupt für die Kirche in Deutschland. 

Aus dem Stundenbuch:

In festlichem Glanz sollen die Frommen frohlocken, * auf ihren Lagern jauchzen: 
Loblieder auf Gott in ihrem Mund, * ein zweischneidiges Schwert in der Hand. (Psalm 149, 5f.)



Donnerstag, 21. März 2019

Der Sound der #BenOp, Platz 20-16

Schon seit einigen Wochen beschäftigt mich die Idee, eine Liste von Songs zusammenzustellen, von denen ich finde, dass sie den Spirit der Benedikt-Option einfangen -- oder jedenfalls das, was ich mir darunter vorstelle. Die Meinungen darüber, was unter diesem Begriff eigentlich zu verstehen sei, sind ja durchaus geteilt, und zu einem nicht ganz unwesentlichen Teil führe ich das darauf zurück, dass die #BenOp - abermals gesagt: so wie ich sie verstehe - weniger ein präzise abgrenzbares inhaltliches Programm darstellt als vielmehr einen bestimmten Stil. Und um diesen zu kommunizieren, sagt ein Lied womöglich mehr als tausend Worte. 

Tausend Worte (oder mehr) werde ich indes - so kennen mich meine Leser - trotzdem machen, um meine Songauswahl zu kommentieren. Daher will ich mich wenigstens bei der Vorrede kurz fassen. Also, zur Sache: Zwanzig Songs habe ich zusammengetragen, das schien mir eine gute Zahl; ein internes Ranking habe ich ihnen, wo ich schon mal dabei war, auch gleich verpasst; und um es spannend zu machen, stelle ich die Songs hier in umgekehrter Reihenfolge vor, und das auch noch über einen Zeitraum von vier Wochen. Fangen wir also an mit den Plätzen 20-16: 


Platz 20: Jeff Beck & Rod Stewart, "People Get Ready" (1985) 


Der 1965 von dem großen Curtis Mayfield geschriebene Song steht, was den Text betrifft, ganz in der Tradition des Gospel-Genres, gewinnt aber erheblich an Brisanz durch den sozialen und politischen Kontext seiner Entstehungszeit. Martin Luther King bezeichnete "People Get Ready" als "inoffizielle Hymne der Bürgerrechtsbewegung" und ließ den Song häufig bei Demonstrationen singen. Die Originalaufnahme von Mayfields damaliger Band The Impressions ist mir allerdings, ehrlich gesagt, vom Arrangement her ein bisschen zu harmlos, daher habe ich nach einer Coverversion gesucht, die einen Zacken schärfer daherkommt. Fündig geworden bin ich bei Gitarrenlegende Jeff Beck und seinem alten Weggefährten Rod Stewart. Auch die Ästhetik des Videos finde ich sehr ansprechend -- der Briefkasten in der Prärie, die Farmhäuser, die Bahngleise, Beck als "Hobo" im offenen Güterwaggon (wo kriegt er da eigentlich den Strom für seine Gitarre her?), die Weite des Horizonts... Und das alles in diesem verträumten Orangebraun. Wer möchte da nicht sofort aufs Land ziehen?  


Platz 19: Aphrodite's Child, "The Four Horsemen" (1972) 


Die wohl bekannteste (und ziemlich sicher rockigste) Nummer des legendären Konzept-Doppelalbums "666" setzt einen angemessen apokalyptischen Grundton für diese Songliste. "Also mir kommt diese sogenannte Benedikt-Option ziemlich apokalyptisch vor." -- "Ja, natürlich ist sie das, was denn sonst?" Im Ernst: Wie kommt es eigentlich, dass der Begriff "apokalyptisch" so einen negativen Klang bekommen hat, sogar unter Christen? Haben die mal nachgeschaut, was in ihrer Bibel ganz hinten drinsteht? Wie sagte Johannes Hartl bei der MEHR 2018 so schön? "Leute, ich hab das Buch zu Ende gelesen. Es ist ein gutes Ende! Wir gewinnen!" (Vermutlich hat er dieses Bonmot nicht erfunden, eine ähnlich formulierte Aussage wird z.B. auch Billy Graham zugeschrieben, aber macht ja nichts.) 

Das Album "666" von Aphrodite's Child jedenfalls basiert weitgehend auf den Kapiteln 6-20 der Offenbarung des Johannes, und die Original-Plattenhülle trug den Hinweis "This album was recorded under the influence of SAHLEP", was seinerzeit allerlei Spekulationen darüber auslöste, was für ein Prophet, Philosoph, Guru oder Dämon sich wohl hinter diesem Namen verberge, aber tatsächlich ist Sahlep lediglich ein Heißgetränk auf der Basis von Milch, Zucker und pulverisierten Orchideenwurzeln. Klingt komisch, is' aber so. Zu "The Four Horsemen" kann man abtanzen wie bekloppt, oder aber man kann ausufernde Diskussionen darüber führen, wieso das vierte Pferd dem Liedtext zufolge grün ist und was das symbolisieren soll. Für Euch getestet, Freunde. Beides. 


Platz 18: Gil Scott-Heron, "The Revolution Will Not Be Televised" (1971) 


Ja, sicher: Wenn HipHop-Pionier Gil Scott-Heron "Revolution" sagt, denkt er dabei in erster Linie an ein Aufbegehren der afroamerikanischen Bevölkerung gegen rassistische Unterdrückung. Das kommt in einigen Details des Texts recht unmissverständlich zum Ausdruck. Aber in der Hauptsache geht es in diesem Song (bzw. vertonten Gedicht) um Medien- und Konsumkritik, das macht sowohl der Titel deutlich wie auch der Umstand, dass der Text zu großen Teilen auf zeitgenössische Werbeslogans anspielt. Medien- und Konsumkritik, das ist durchaus ein #BenOp-Thema; und noch deutlicher (hoffentlich) wird der Zusammenhang, wenn man berücksichtigt, was Scott-Heron in einem TV-Interview über sein wohl bekanntestes Werk sagte: 
"Du musst dein Bewusstsein ändern, ehe du deine Lebensweise ändern kannst. [...] Wenn wir also sagen, die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen, dann meinen wir damit, das, was die Menschen wirklich verändert, ist etwas, das nicht auf Film festgehalten werden kann." 
Noch 2005 erklärte der 2011 verstorbene Scott-Heron in der taz: "Revolution findet im Kopf statt. In dem Moment, in dem man bestimmte Erscheinungen nicht mehr akzeptiert und der Meinung ist, die Gesellschaft sollte sich in eine andere Richtung entwickeln, in dem Moment wird man zum Revolutionär." 

Right On, Brothers and Sisters! 


Platz 17: Emerson, Lake & Palmer, "Jerusalem" (1973) 


Ein Werk mit einer erstaunlichen Entstehungsgeschichte: Der Text ist dem Prolog eines zwischen 1804 und 1808 entstandenen Gedichtbands von William Blake entnommen und spielt auf eine Legende an, derzufolge Jesus von Nazaret als Kind oder Jugendlicher mit seinem Onkel Joseph von Arimathäa, einem Kaufmann, England besucht habe. Man beachte übrigens die in der Formulierung "these dark satanic mills" anklingende Industrialisierungskritik! Die Vertonung stammt von Hubert Parry aus dem Jahr 1916, aber natürlich haben Emerson, Lake & Palmer jede Menge ProgRock-Bombast darüber ausgegossen. Besonders der martialische Charakter der zweiten Strophe ("bring me my chariot of fire", allein schon!) wird dadurch sehr schön unterstrichen, wie ich finde. Letztlich stellt der Text aber doch klar, dass es einen geistigen Kampf gilt. "Denn", wie der Apostel Paulus betont, "wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen" (Epheser 6,12). 


Platz 16: Johnny Cash, "The Man Comes Around" (2002) 


Und es wird abermals apokalyptisch, diesmal aber mit erheblich größerem Ernst als bei der Orchideenwurzelpulver saufenden griechischen Hippie-Kapelle. "The Man Comes Around" ist einer von Johnny Cashs letzten Songs, der Titelsong seines letzten zu seinen Lebzeiten erschienenen Albums, und darf daher wohl ohne allzu übertriebenes Pathos als sein Vermächtnis gelten. Der Text ist rappelvoll mit Bibelzitaten und biblischen Motiven, überwiegend aus der Offenbarung des Johannes, aber auch aus verschiedenen anderen Büchern des Alten und Neuen Testaments; und es geht darin um nichts Geringeres als das Jüngste Gericht. Wahrscheinlich gab und gibt es niemanden, der über so ein Thema so eindringlich und mit einem solchen Ernst singen könnte wie der späte Johnny Cash. Hörbefehl! 


So, und für wessen Geschmack da jetzt noch nicht das Richtige dabei war, der darf sich damit trösten, dass dies ja nur das untere Viertel der Hitliste war. Nächste Woche gibt's hier die Plätze 15-11. Stay tuned! 



Dienstag, 19. März 2019

Herein in die Bücherstube!

Am Anfang der Idee stand ein leeres Regal. 

Wobei, ganz so stimmt das eigentlich nicht. Eine Vorstufe zu dieser Idee hatte ich bereits in einem meiner Notizbücher festgehalten, ehe ich das leere Regal im Georgsaal der Pfarrei Herz Jesu Tegel zum ersten Mal sah. Aber darauf komme ich noch. Beginnen wir erst einmal so: Als meine Liebste und ich im Herbst 2016, nach der Rückkehr von unserem gemeinsamen Jakobsweg, anfingen, in Tegel zur Kirche zu gehen und nach Wegen zu suchen, uns aktiv in die dortige Gemeinde einzubringen - noch ehe wir auf dem Gebiet dieser Pfarrei wohnten, aber wir hatten bereits vor, uns dort eine Wohnung zu suchen -, gingen wir selbstverständlich auch zum "Sonntagstreff", dem einmal im Monat im Anschluss an die Sonntagsmesse von der Kolping-Ortsgruppe veranstalteten Gemeinde-Brunch. Und was uns dort unter anderem ins Auge fiel, war ein großes und allem Anschein nach völlig ungenutztes Regal. Ich bin notorisch schlecht im Schätzen, aber ich würde trotzdem mal sagen, 30 Regalmeter hatte das Ding alles in allem bestimmt, wenn nicht mehr. "Das schreit eigentlich danach, eine Gemeindebibliothek einzurichten", waren wir uns einig. 

Rückblende: Einige Monate zuvor hatten wir, inspiriert durch einige hier geschilderte Eindrücke von einem "Straßenfest-Crawl", angefangen, Ideen für ein missionarisches Gemeindeerneuerungs-Projekt zu sammeln, dem ich den vorläufigen Arbeitstitel "Der Donnerstagsclub" (sic!) verpasste. Und in dem Notizbuch, in dem ich diverse Ideen für dieses Projekt skizzenhaft festhielt, findet sich unter dem Datum vom 05.07.2016 der folgende Eintrag:
"Wir brauchen eine BÜCHEREI! Mit guten religiösen Büchern, ggf. aber auch anderen -- im Zweifel lieber was cooles Nichtreligiöses als Anselm Grün (um nur mal ein Beispiel zu nennen). 
Hier wie überhaupt gilt: Man muss den Leuten einfach vertrauen, das spart u.a. auch Verwaltungsaufwand (Leihfristen, Mahngebühren etc.). Darf man halt keine Bücher einstellen, die auf keinen Fall abhanden kommen dürfen. Man kann es auch direkt 'Leih- und Tauschbücherei' nennen. Regelmäßig zu Bücherspenden aufrufen. Wenn Bücher gespendet werden, die nicht ins Profil passen: versuchen, sie bei anderen gemeinnützigen Bücherei-/Tauschladenprojekten gegen Passendes einzutauschen. 
Für den Anfang reicht ein unsortiertes Ikea-Regal. Wenn's größer wird, muss man sich auch mal Gedanken um Sortierung machen. 
Aus eigenen Beständen könnte ich bestimmt so 20-30 Bände beisteuern, vielleicht noch mehr. Und Suse -- mal sehen, was sie rauszurücken bereit ist... :) 
Mit Hilfe von Flohmärkten und Büchertrödel dürfte ein Anfangsbestand von 100-150 Bänden recht schnell zu erreichen sein."

Soweit, wie gesagt, die erste Ideenskizze. Und nun starrte uns da dieses leere Regal an und forderte uns auf, etwas draus zu machen. Zunächst einmal mussten wir aber überhaupt einen Fuß in die Tür dieser Gemeinde bekommen, und dass das kein Selbstläufer werden würde, zeigte sich nirgends so deutlich wie eben beim Kolping-"Sonntagstreff", bei dem wir zunächst einmal Mühe hatten, Leute zu finden, die uns erlaubten, uns zu ihnen an den Tisch zu setzen. Wären wir nicht so entschlossen gewesen, diese Gemeinde zu "unserer" Gemeinde zu machen, hätten wir vermutlich innerhalb der ersten zwei Monate aufgegeben. (Sorry, muss einfach mal gesagt werden.) 

Kurz und gut, wir gaben nicht auf, knüpften unverdrossen Kontakte innerhalb der Gemeinde, starteten im März 2017 unser "Dinner mit Gott"-Projekt, und irgendwann stellten wir dann mal die Bücherei-Idee zur Diskussion. Die Resonanz war bemerkenswert positiv - die Gemeindereferentin war dafür, der Lokalausschuss war dafür -, aber so richtig Schwung kam erst in die Sache, als ein neues Gemeindemitglied (kürzlich hergezogen, seit ein paar Monaten im Ruhestand und voller Tatendrang) davon hörte und Interesse zeigte, eine führende Rolle bei dem Projekt zu übernehmen. Probleme gab's mit den Kolping-Leuten, die meinten, es würde ihren monatlichen "Sonntagstreff" stören, wenn da Bücher im Regal stünden; aber davon ließen wir uns nicht groß beeindrucken. Ein paar Änderungen am Konzept hat es gegenüber meinen oben skizzierten ersten Ideen inzwischen auch gegeben -- dazu gleich mehr; und wir haben bereits erheblich mehr Bücherspenden bekommen, als ich erwartet hätte. 

Schon nicht schlecht für den Anfang, oder? 

Der aktuelle Planungsstand jedenfalls sieht so aus:
  • Um das Büchereiprojekt erst mal angeschoben zu kriegen und in der Gemeinde (und möglichst darüber hinaus) bekannt zu machen, wird es künftig einmal im Monat, nämlich jeweils am vierten Sonntag des Monats im Anschluss an die 9:30-Uhr-Messe, einen "Offenen Büchertreff" geben (erstmals also am kommenden Sonntag, dem 24. März). Dabei sind alle, die sich für das Büchereiprojekt interessieren, eingeladen, ihre eigenen Ideen, Wünsche und Vorstellungen einzubringen; nicht zuletzt soll dieser Büchertreff aber auch einfach ein geselliges Angebot sein, nicht in direkter Konkurrenz zum Kolping-"Sonntagstreff", sondern mit dem Ziel, ein anderes Publikum anzusprechen als dieser. Wir stellen Tee, Kaffee und Gebäck zur Verfügung (gegen Spende) und richten auch eine Spielecke für Kinder ein (die gewissermaßen schon die Keimzelle der künftigen Krabbelgruppe bilden könnte). 
  • Bei der Annahme von Bücherspenden machen wir erst einmal keine thematischen Vorgaben; Bücher aussortieren kann man, wenn das Regal voll ist (was, wie's aussieht, schon relativ bald der Fall sein könnte). Aussortierte Bücher sollen dann bei einem regelmäßigen Büchertrödel gegen Spende abgegeben werden; die Einnahmen kommen (wie auch alle sonstigen Spendeneinnahmen, sofern sie über die reine Kostendeckung hinausgehen) einem von unserem aus Nigeria stammenden Pfarrvikar initiierten Projekt zum Aufbau einer Schule in seiner Heimat zugute kommen.

Und dann muss man mal sehen, wie die Dinge sich weiter entwickeln! Idealerweise sollte sich aus dem "Büchertreff" ein "Lesecafé" entwickeln, das öfter als nur einmal im Monat seine Pforten öffnet und in dem auch Veranstaltungen wie etwa Lesungen, Vorträge und evtl. auch Konzerte stattfinden können; und vor allem soll es eine Anlaufstelle sein, um auch für andere Aktivitäten in der Gemeinde neue Leute zu rekrutieren. 

Ich persönlich würde ja außerdem auf längere Sicht auch dem Bücherbestand gern einen gewissen inhaltlichen "Spin" geben, mit einem Schwerpunkt auf Themen, die für das Thema Gemeindeentwicklung "nützlich" sein oder werden könnten. Womit ich nicht nur religiöse Literatur meine - die natürlich auch -, sondern auch so allerlei DIY-Literatur zu Themen wie Einkochen, Backen, Gärtnern, Imkerei, Musikinstrumente spielen lernen, Möbel selber bauen... Guerilla Gardening 4 Jesus eben. Ihr kennt mich ja. Schauen wir mal, inwieweit meine Vorstellungen sich auf längere Sicht realisieren lassen. 

Jedenfalls: Wenn Ihr in Berlin oder in der Nähe seid, dann kommt am Sonntag gern um 9:30 Uhr zur Messe in Herz Jesu Tegel und anschließend zum Büchertreff,  und probiert meinen selbstgebackenen Kuchen




Montag, 18. März 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (2. Woche der Fastenzeit)

Was bisher geschah: Ist es mir gelungen, die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu ignorieren? Leider nicht ganz. Theoretisch bin ich, auch wenn ich dem praktisch nicht ganz gerecht werde, tatsächlich der Meinung, je weniger man das, was von diesem Gremium kommt, auch nur zur Kenntnis nimmt, desto besser. Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen. Christus hat Seiner Kirche zugesagt, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden, aber das gilt nicht unbedingt für die Organisationsstruktur der Kirche in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit. Wir sollten darauf gefasst sein, dass die äußere Erscheinungsform der Kirche hierzulande sich noch innerhalb unserer Lebenszeit viel radikaler verändern wird, als diejenigen Kirchenfunktionäre es sich träumen lassen, die derzeit nach Art der "bewährten" Vietnamkriegs-Strategie "Wir mussten das Dorf zerstören, um es zu retten" versuchen, sie aufrecht zu erhalten. Unsere Aufgabe ist es, an der Basis die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Glaube in den kommenden Wirren bewahrt und weitergegeben werden kann. Das ist geradezu die Quintessenz der #BenOp (die - so die gute Nachricht der letzten Woche - jetzt auch als Paperback und mit einem exzellenten Vorwort von Erzbischof Gänswein vorliegt). 

Hier wird nun wohl der "Keine-Sorge-ich-bin-immer-noch-katholisch"-Disclaimer fällig: Selbstverständlich brauchen wir die Bischöfe. Als Garanten der Apostolischen Sukzession, als Hüter der Sakramente, als Hirten des Gottesvolkes. Umso mehr wäre zu wünschen, dass sie sich auf diese Aufgaben konzentrierten, anstatt sich zu gerieren wie Regionaldirektoren eines krisengeschüttelten Franchise-Unternehmens. 

Davon abgesehen war ich trotz Männergrippe ziemlich produktiv und habe mein mir selbst gesetztes Blog-Pensum für die Woche leicht übererfüllt. Schauen wir mal, wie das weitergeht. 



Was ansteht: Meine Liebste geht, nachdem sie zwei Wochen krankgeschrieben war, wieder arbeiten, daraus folgt, dass ich wieder vollumfänglich als "Stay-at-Home-Dad" im Einsatz bin. Es bleibt abzuwarten, was ich daneben sonst noch so geschafft kriege. Nach wie vor denke ich darüber nach, etwas über die Aktion "Klimafasten" zu bloggen; wobei sich da - u.a. veranlasst durch heftige Diskussionen in katholischen Facebook-Gruppen, an denen ich mich nur lesend beteiligt habe - der Schwerpunkt in eine andere Richtung verlagern könnte, als ich zunächst gedacht hätte. Oder ich lasse es einfach bleiben. Schließlich will ich auch noch was über das Ernährungs-Kapitel von "Crunchy Cons" schreiben, und manch ein Leser könnte den Eindruck haben, es nähme etwas überhand mit den "Öko-Themen"

(Wobei ich nicht ausschließen kann, das ich, auch vor dem Hintergrund der oben angesprochenen Diskussionen, einfach mal Lust bekommen könnte, genau diese Leser zu provozieren.) 

Am morgigen Dienstag ist das Hochfest des Hl. Josef (s.u.), und ich denke, ich werde das zum Anlass nehmen, mit meiner Tochter in einer Kirche unseres Pastoralverbunds zur Messe zu gehen, die den Namen "St. Josef" trägt (aber dennoch nicht an diesem Tag ihr Patronatsfest feiert, sondern am 1. Mai, dem Fest "St. Josef der Arbeiter"). Und natürlich sind meine Gedanken an diesem Tag auch bei einer anderen St.-Josefs-Kirche, nämlich derjenigen in Stadland-Rodenkirchen, die schon in zwei Wochen profaniert werden soll (und, insofern wenig überraschend, ebenfalls kein Patronatsfest mehr feiert). 

Gegen Ende der Woche gilt es dann wieder Kuchen zu backen und vielleicht, wenn ich mich traue, auch ein Brot; die Ergebnisse dieser Backaktion nehme ich dann am Sonntag mit zur Eröffnung des "Büchertreffs" in unserer Pfarrei. Zu diesem Projekt folgt in Kürze noch ein eigenständiger Artikel...


aktuelle Lektüre:

Ja, ich bin immer noch dabei. Ich sagte ja, ich lese es bewusst langsam. Habe gerade das Kapitel zum Thema "Wohnen" durch, das sich als interessanter herausgestellt hat, als ich zunächst dachte. Da der Autor seine Ausführungen zu Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt, zu Stadtentwicklung, Gentrifizierung und zu den sozialen Auswirkungen verschiedener Bau- und Siedlungsformen zu einem großen Teil auf eigene Erfahrungen seiner Familie stützt, sind viele Details recht spezifisch für US-amerikanische Verhältnisse, aber mit ein bisschen Bereitschaft zu eigenständigen Transferleistungen kann man daraus durchaus auch Schlüsse auf die Situation hierzulande ziehen, beispielsweise hinsichtlich des Phänomens, dass Altbauten, die in den 1880er- bis 1910er-Jahren als billige Arbeiterquartiere errichtet wurden, heutzutage als chic gelten und entsprechend begehrt sind. Zudem enthält das Kapitel eine Reihe von Literaturhinweisen für die vertiefende Auseinandersetzung mit einzelnen Aspekten des Themas, etwa mit dem "Arts & Crafts Movement" oder dem "New Urbanism". Als nächstes kommt das Thema "Bildung" an die Reihe, da zeichnen sich größere inhaltliche Überschneidungen mit der #BenOp ab.


Ich dachte mir, es wird Zeit für etwas im engeren Sinne "geistliche Lektüre" für die Fastenzeit. Meine Liebste hat mir das Buch empfohlen. Ich habe gerade erst angefangen. Der Prolog, der das Erlebnis eines heftigen Sturms auf der Felseninsel Athos schildert, ist durchaus eindrucksvoll, wenn auch für meinen Geschmack ein bisschen zu weitschweifig und detailverliebt. Vielleicht bin ich einfach zu norddeutsch für diesen Stil. Die "Take-Home-Message" des Kapitels - Schönheit, Schrecklichkeit und Unberechenbarkeit des Meeres als Bilder für das Wesen Gottes - kommt trotzdem an. 

Mit dem "Herrn der Ringe" bin ich in der letzten Woche übrigens nicht viel weiter gekommen. Dafür werde ich mir also auch mal wieder Zeit nehmen müssen.


Linktipps:
Was es über meine einleitenden Zeilen hinaus noch über die Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu sagen gibt, sagt Bloggerkollege kephas und wägt seine Worte dabei nicht mit der Zuckerzange ab. Eine befreiende Lektüre: kurz, knackig, voll auf die Zwölf. 

Sehr schöner Text über Urban Gardening (bzw., genauer gesagt, Urban Farming) und ein unerwartetes Problem, das dabei auftreten kann: Was, wenn man mehr erntet, als man selbst verbrauchen kann? -- Die naheliegende Antwort lautet: Man gibt den Nachbarn was ab. Diese Kurzzusammenfassung verrät nun natürlich noch nicht unbedingt, was an diesem Text so wunderschön ist. Lest ihn einfach selber, Leute. Ihr werdet es nicht bereuen. (Empfehlung von Leah Libresco via Twitter.


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 18.03.: Hl. Cyrill von Jerusalem, Kirchenlehrer. Von 350 bis zu seinem Tod 386 Patriarch von Jerusalem; im Zusammenhang mit dem Arianismusstreit sowie wegen des Vorwurfs der unbefugten Veräußerung von Kirchengütern zugunsten  der Armen mehrfach verbannt. Verfasser bedeutender Katechesen für Taufbewerber und Neugetaufte. 

Dienstag, 19.03.: Hl. Josef, Bräutigam der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria und Ziehvater Jesu (Hochfest). Tommy und Karen Tighe ("How to Catholic Family") schreiben über diesen Feiertag: 
"Der Hl. Josef, das oft am wenigsten gewürdigte Mitglied der Heiligen Familie, hat auf jeden Fall etwas Liebe von Seiten unserer Familien verdient, wenn sein Festtag im Kalender steht. Als Ziehvater Jesu und Bräutigam Mariens ist er in einer Welt, die dem Glauben und der Famikue vielfach feindlich gegenübersteht, ein gutes Vorbild dafür, was es heißt, ein guter Ehegatte, Vater und Mann zu sein.
Als Schutzpatron der gesamten Kirche, der Väter, Tischler und Reisenden, als Fürsprecher für soziale Gerechtigkeit und einen guten Tod hat der Hl. Josef sicherlich eine besondere Verbindung zu jedem von uns."

Samstag, 23.03.: Hl. Toribio de Mogrovejo (1538-1606). Gebürtiger Spanier, 1581 zum 3. Erzbischof von Lima (Perú) ernannt. Wird als "Beschütze der Indios" verehrt. Visitierte dreimal das gesamte Territorium seiner Diözese, überwiegend zu Fuß oder auf einem Maultier reitend; starb an einem Gründonnerstag während einer Missionsreise zu den Indios. 


Aus dem Stundenbuch:

Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, * vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.





Sonntag, 17. März 2019

Downsize This, DBK!

Es mag vielleicht wie die typische Angeberei eines übertrieben stolzen Papis wirken, aber: Das Lieblingsbuch meiner kleinen Tochter ist "Von Schafen, Perlen und Häusern" von Nick Butterworth und Mick Inkpen. Meine Schwester und mein Schwager haben es ihr zur Taufe geschenkt. Laut Verlagswerbung ist das Buch empfohlen für Kinder ab 3 Jahren, aber meine Tochter fing schon mit 14 oder 15 Monaten an, mehr Interesse an diesem Buch zu zeigen als an all ihren anderen Bilderbüchern zusammen. Das geht manchmal so weit, dass meine Liebste und ich das Buch vor ihr verstecken müssen, wenn wir gerade keine Zeit oder keine Muße haben, ihr etwas vorzulesen. 

Das Buch enthält phantasie- und humorvoll ausgestaltete und liebevoll illustrierte Nacherzählungen von Gleichnissen Jesu, und unter den acht Geschichten des Bandes gibt es nur eine, die meiner Tochter auffallend weniger gut gefällt als die anderen -- vielleicht weil sie als einzige kein "Happy End" hat. Es handelt sich um die Geschichte "Der reiche Bauer" (nach Lukas 12,16-21). In der Kinderbuchversion dieses Gleichnisses vergrößert der Bauer von Jahr zu Jahr seine Scheune, aber immer fällt die Ernte noch größer aus als erwartet, sodass die Scheune nie groß genug ist. Und als der Bauer endlich "die allergrößte Scheune der Welt" gebaut hat, die "bis zum Himmel" reicht, stirbt er, ehe er die Ernte einbringen kann. 

Vor ein paar Tagen nun kam mir plötzlich die Idee: Wenn man die Geschichte rückwärts erzählen würde -- wenn man also mit einer riesigen, kathedralengleichen Scheune anfinge... 



...die aber bei der Ernte nicht annähernd voll wird, weshalb der Bauer beschließt, sie abzureißen und an ihrer Stelle eine kleinere zu bauen... 



...aber im nächsten Jahr fällt die Ernte noch kleiner aus, woraufhin der Bauer seine Scheune erneut verkleinert... 



...und immer so weiter... 


...bis eines Tages der Herr der Ernte (vgl. Lukas 10,2) kommt und sagt "Hör mal, glaubst du nicht, dass mit deinen Prioritäten etwas verkehrt ist?!?" --- 

--- dann wäre es eine Geschichte über die Deutsche Bischofskonferenz. 



Freitag, 15. März 2019

Man hatte mir doch fundamentalistische Christen versprochen!

Man kann es wohl als eine Art Ironie des Schicksals betrachten, dass ich auf die Existenz einer stetig wachsenden und ziemlich gut organisierten "kindergartenfrei-Bewegung" erst durch einen Presseartikel aufmerksam wurde, der es darauf anlegte, diese in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken. Ich fand es gleichermaßen befremdlich wie bezeichnend, dass da etwas, was ich für völlig natürlich zu halten geneigt wäre - dass Eltern sich Zeit für ihre Kinder nehmen möchten und dafür auch bereit sind, ihre beruflichen Ambitionen herunterzuschrauben - als rückständig, wenn nicht gar latent staatsfeindlich und potentiell extremistisch dargestellt wurde. Vielleicht hätte mich das nicht so überraschen sollen, nachdem meine Liebste und ich praktisch seit der Geburt unserer Tochter, wenn nicht sogar schon vorher, von allen möglichen Seiten mit der Frage behelligt worden wären, ob wir denn schon einen KiTa-Platz für sie hätten. 

Tatsächlich waren wir uns von Anfang an und ohne große Diskussion einig gewesen, unser Kind mindestens in den ersten drei Jahren nicht in Fremdbetreuung zu geben, aber ein prinzipieller Kindergarten-Gegner war ich nicht. Diesbezüglich habe ich mich in den letzten Monaten wohl einigermaßen radikalisiert -- wozu Horrorgeschichten über die Zustände in KiTas und über dramatisch gescheiterte Eingewöhnungen, wie man sie in den Diskussionsforen des "kindergartenfrei"-Netzwerks nahezu täglich präsentiert bekommt, ebenso beigetragen haben wie die immer unverhohlener zu Tage tretenden Tendenzen zur weltanschaulichen Indoktrinierung von Kindern schon im Vorschulalter (Stichwort "Lufthoheit über den Kinderbetten"). 

Nun ist es wohl kein großes Geheimnis, welches Detail von Sabine Rennefanz' "kindergartenfrei"-Enthüllungsreportage in der Berliner Zeitung mich am stärksten angesprochen hat, nämlich die Aussage, die Bewegung gelte "als Sammelbecken für Alternative, Esoteriker, Impfgegner, konservative Christen". -- Nicht dass hier Missverständnisse aufkommen: Meine Tochter bekommt alle empfohlenen Impfungen und hat sie bisher auch stets gut vertragen. Aber der Punkt mit den konservativen Christen machte mich doch hellhörig. Sowohl Rod Dreher in der "Benedikt-Option" als auch Tommy und Karen Tighe in "How to Catholic Family" verweisen auf das Sprichwort "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen" -- und beziehen es auf die Feststellung,  Familien, die ihre Kinder im christlichen Glauben erziehen wollen, benötigten dazu den engen und regelmäßigen Kontakt zu anderen Familien, die dasselbe Anliegen haben. Fein, dachte ich: Wenn man mit Hilfe des "kindergartenfrei"-Netzwerks solche Kontakte herstellen kann, dann nichts wie rein da! 

Symbolbild, Quelle: Pixabay 

Acht Monate später lässt sich das Eingeständnis nicht umgehen, dass die Ergebnisse in dieser Hinsicht hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Nette Leute kennenlernen, die Kinder in einem ähnlichen Alter haben wie man selber; sich zu Spielplatztreffen, Waldspaziergängen und ähnlichem verabreden -- das funktioniert mit Hilfe der "kindergartenfrei"-Regionalgruppen ganz prima (und wenn es wieder wärmer wird und man mehr mit den Kindern "draußen" unternehmen kann, wird das sicherlich noch mehr werden). Und dafür allein lohnt es sich ja schon. Aber der Verwirklichung der "Idee eines christlichen Dorfes", wie es in der #BenOp heißt, sind wir damit noch nicht bedeutend näher gekommen.  Zu einem wesentlichen Teil hat das damit zu tun, dass die "kindergartenfrei"-Szene in Wirklichkeit viel heterogener ist, als dieser eine Satz von Sabine Rennefanz es nahelegt. Viele der Eltern, die sich in den betreffenden Gruppen vernetzen, haben oder hatten zunächst mal überhaupt keine "weltanschaulichen" Gründe, ihre Kinder nicht in den Kindergarten gehen zu lassen, sondern haben festgestellt, dass es für sie (aus einer Vielzahl möglicher Gründe) schlichtweg nicht funktioniert. Ja, Leute mit einem Hang zur Esoterik trifft man da auch. Impfgegner? Gut möglich, aber wie stark die vertreten sind, lässt sich schwer einschätzen, da die Gruppenadministratoren es in aller Regel vermeiden, Diskussionen über dieses Reizthema aufkommen zu lassen. Und wie sieht es nun mit den Fundi-Christen aus? Doch, ja, die gibt es schon auch, aber sie scheinen eher eine Splittergruppe zu sein. Zudem habe ich den Eindruck, dass die meisten von ihnen eher aus der evangelikalen Ecke kommen. Diese Feststellung meine ich nicht abwertend: Wer mich kennt, wird wissen, dass ich durchaus irgendwo eine "offene Flanke" zu dieser Seite habe. Gleichzeitig lässt sich aber auch schwerlich leugnen, dass es Aspekte des evangelikalen Christentumsverständnisses gibt, die mit dem katholischen Glauben schwer oder gar nicht vereinbar sind. Das würden übrigens die meisten Evangelikalen, die ich kenne, bestätigen. Sicherlich kann man in dem Anliegen, seine Kinder christlich zu erziehen, in vielen Punkten auf einen Nenner kommen, aber in anderen eben nicht. Ich sag mal nur "Sakramentenkatechese"

Was sich davon abgesehen auf jeden Fall feststellen lässt, ist, dass "kindergartenfrei"-Eltern sich überdurchschnittlich stark mit verschiedenen Erziehungskonzepten und der entsprechenden Ratgeberliteratur befassen und auskennen. Und das ist nun überhaupt nicht mein Ding. In mir schlummert die Überzeugung, sobald ein Erziehungskonzept einen speziellen Namen hat - und somit gewissermaßen als Markenartikel promotet wird -, handle es sich um Scharlatanerie, Humbug und Bauernfängerei. Ist vielleicht doof von mir, aber so bin ich. Der größte Zankapfel innerhalb der "kindergartenfrei"-Szene - ein Thema, das womöglich noch umstrittener ist als das Impfen - ist hierbei das Konzept "unerzogen". Der Begriff ist genau so gemeint, wie er klingt: Es geht darum, dass man Kinder nicht erziehen soll. Also so richtig überhaupt nicht. Weil jede Form von Erziehung Gewalt sei, nämlich eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechts des Kindes. 

Gerade heraus gesagt, wenn ich so etwas nur höre, krieg ich schon Pickel. -- Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Unter Erziehung verstehe ich nicht, das Kind durch Belohnung und Bestrafung darauf zu "dressieren", dass es so "funktioniert", wie man es haben möchte. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass man einem Kind innerhalb vernünftiger Grenzen ein größtmögliches Maß an Freiheit einräumen sollte, sodass es lernen kann, einen eigenen Willen auszubilden, eigene Vorlieben und Interessen zu entwickeln. Das entscheidende Stichwort ist hier aber natürlich "innerhalb vernünftiger Grenzen". Wo genau diese verlaufen, ist wohl immer Ermessenssache, und da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie selbst die überzeugtesten "unerzogen"-Anhänger es eigentlich praktisch realisieren wollen, einem Kind überhaupt keine Grenzen zu setzen, könnte ich mir vorstellen, dass es in der Praxis in einer "unerzogen"-Familie gar nicht sooo total anders zugeht als bei uns zu Hause. Aber da könnte ich mich natürlich täuschen. Der wesentliche Unterschied liegt jedenfalls in der Einstellung. Zum Teil lässt sich der "unerzogen"-Trend wohl auf eine vulgär-rousseauistische Idealisierung des Kindes zurückführen, derzufolge das Kind von Natur aus gut sei und durch Erziehung nur verdorben werde; das Kind als "Edler Wilder" gewissermaßen. Eine wohl noch größere Rolle scheint aber ein allgemein stark um sich greifender ethischer und erkenntnistheoretischer Relativismus zu spielen: Wenn Richtig und Falsch, Gut und Böse keine objektiven Größen sind, wie kann ich mir dann anmaßen, besser wissen zu wollen, was gut für mein Kind ist, als dieses selbst? (Man könnte die Art und Weise, wie sich im "unerzogen"-Konzept der Relativismus selbst ad absurdum führt, fast lustig finden, wären da nicht die armen Kinder...) 

Auf der Hand liegen dürfte jedenfalls, dass die "unerzogen"-Ideologie sowohl in ihrer rousseauistischen als auch in ihrer relativistischen Variante aus christlicher Perspektive völlig inakzeptabel ist, aber an diesem Punkt will ich mich gar nicht länger als unbedingt nötig aufhalten. Fakt ist jedenfalls, es gibt - auch über die "kindergartenfrei"-Szene hinaus - ein enormes Interesse an Fragen der Kindererziehung, an unterschiedlichen Erziehungsmodellen und -konzepten, und ein Ergebnis davon ist ein wahrer Boom vom Mami-Blogs. Unter diesen gibt es einige, die in besonderem Maße mit der "kindergartenfrei"-Szene assoziiert werden; so schreibt Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung über die Bewegung der KiTa-Verweigerer: "Man findet ihre Anhänger auf Blogs wie '2KindChaos', 'Blogprinzessin' oder 'Berufung Mami'". Derselbe Satz tauchte wortwörtlich auch in einem gut ein halbes Jahr später in der "Kölnischen Rundschau" erschienenen Artikel zum selben Thema auf (was uns, nebenbei bemerkt, auch etwas über die Recherchemethoden von Profi-Journalisten verrät). Na, dann schauen wir uns diese Blogs doch mal an. 

Fangen wir mal an mit "Berufung Mami", das klingt am konservativsten, und "Berufung" ist ja ein Begriff, mit dem Christen etwas anfangen können. Die Autorin von "Berufung Mami", Jenniffer Ehry-Gissel, ist ein paar Jahre jünger als ich und ein paar Jahre älter als meine Liebste, war mit 35 Jahren eine sogenannte "späte Erstgebärende" und hat inzwischen noch einen zweiten leiblichen Sohn, zudem hat ihr Mann zwei ältere, inzwischen bereits erwachsene Kinder mit in die Ehe gebracht. Wie der Titel des Blogs es schon nahelegt, schreibt sie darüber, dass es für sie das Wichtigste im Leben ist, für ihre Kinder da zu sein. Im Übrigen beschreibt sie sich als "[t]iefgründiger Skorpion, Tierliebhaber, Reiki-Meister, Indien-Fan, Vegan". Äh, okay. Fragen nach der religiösen Ausrichtung des Blogs hätten sich damit wohl erledigt. Ich habe ein bisschen aufs Geratewohl und kreuz und quer in Jenniffers Blogartikeln gestöbert, einige haben mich durchaus angesprochen, andere weniger. Sehr bewegend und empfehlenswert fand ich einen Beitrag mit der Überschrift "Du wirst niemals vergessen sein!", in dem die Autorin sich an ihre erste Schwangerschaft im Alter von 17 Jahren erinnert -- die in der 6. Woche mit einer Fehlgeburt endete. Der Artikel geht so nahe, dass ich es schon fast nicht mehr wage, in anderem Zusammenhang Kritik an der Autorin zu üben. Muss aber leider sein: In einem bereits gut zweieinhalb Jahre alten Artikel mit der Überschrift "Beziehung statt Erziehung" gibt Jenniffer sich als zumindest tendenzielle Sympathisantin der "unerzogen"-Idee zu erkennen, indem sie etwa schreibt, dass ihr "die Vorstellung gefällt, dass mein Kind und ich auf Augenhöhe sind" und dass ihr "der Punkt 'Grenzen setzen' überhaupt nicht" gefalle: "Wie komme ich dazu, mich über mein Kind zu erheben und ihm zu sagen, wo seine Grenzen sind!?" 


Immerhin, in einem Artikel von 2018, mit dem sie auf Sabine Rennefanz' Reportage in der Berliner Zeitung reagiert, erklärt sie, ein wesentlicher Grund für ihre Entscheidung, "kitafrei zu leben", sei es, "dass ich meinen Kindern gerne meine eigenen Werte mitgeben möchte". Das klingt dann ja doch schon erheblich anders. 

Aber weiter zum nächsten Blog. Ginge es nur um persönliche Sympathiewerte, dann läge Katarina Fiebelkorn, die Autorin von "blogprinzessin", bei mir ganz weit vorn. "Blogprinzessin" ist, wie die Betreiberin selbst es formuliert, "[d]er Blog mit nordischem Schnack" -- und das mag ich einfach, das ist der Sound meiner Jugend. Dass die Blogautorin ganze vier Kinder hat, finde ich von vornherein anerkennenswert (okay, die beiden mittleren Kinder kamen als Zwillinge zur Welt, aber "trotzdem" haben sie und ihr Mann sich danach bewusst noch für ein weiteres Kind entschieden); zudem ist sie - als gebürtige Hamburgerin - nicht nur, aber auch der Kinder wegen aufs Land gezogen und wohnt jetzt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof. Was wohlgemerkt nicht bedeutet, dass sie Landwirtschaft betreiben - sie haben ein kleines Häuschen  auf dem Gelände eines Hofes, der von jemand anderem bewirtschaftet wird -, aber immerhin. Außerdem mag sie Gilmore Girls. Andererseits erwähnt sie, sie sei zwar durch ihren Mann "zum 'Star Wars'-Fan geworden", möge aber "die 'Alte Trilogie' nicht besonders sondern die Filme mit Natalie Portman oder die ganz neuen mit Daisy Ridley". Das gibt natürlich massive Abzüge in der B-Note. 

Okay, Scherz beiseite: Ehe man sich angesichts der Vorstellung einer sechsköpfigen Familie in einem kleinen Häuschen auf dem Lande allzu sehr in Träume von einer hobbitmäßigen Idylle verliert, tut man gut daran, zu berücksichtigen, dass "blogprinzessin" ein kommerzieller Blog ist. "Auch ich muss meine Miete und meine Krankenversicherung bezahlen", erklärt die Autorin; und deshalb finden sich auf "blogprinzessin" relativ viele Testberichte, Gewinnspiele, Beauty-Tipps und sonstige Produktempfehlungen, die die Autorin ordnungsgemäß als Werbung bzw. "Reklame" deklariert und sich dafür anständig entlohnen lässt. Reklame beispielsweise für ein "Offizielles Star-Wars-Kostüm" zu Fasching, einen Sockelsauger"7 Buchverfilmungen auf Netflix die du gesehen haben solltest" (okay, da ist "Der Hobbit" dabei... Moment, ist das jetzt gut oder schlecht?), Weihnachtsdeko von IKEA (in Pastellfarben) oder die "Pampers Club App" fürs Handy. Ich sag mal: #benOppige bzw. #CrunchyCon-mäßige Konsumkritik sieht anders aus. 

In der Rubrik "21 Dinge, die du vielleicht nicht über mich weißt" (woher auch?) verrät Katarina, sie "versuche jeden Tag 10min zu meditieren, es hilft mir mich zu konzentrieren und zu entspannen." Versucht man ihrem Blog mit Hilfe der Stichwortsuche die sprichwörtliche "Gretchenfrage" zu stellen, findet man indes nicht viel Tiefgründigeres als ein Plädoyer dafür, den Kindern nicht zu früh den Glauben an den Weihnachtsmann zu rauben, denn:  
"Es muss doch diesen Weihnachtszauber geben! Wie soll man denn Weihnachtszauber haben, wenn man das Spiel möglichst gar nicht mitspielt? Woher kommt die Magie, die die Weihnachten unserer Kindheit so unvergessen machen, wenn wir in der Weihnachtszeit keinen Glanz und keinen Zauber versprühen wollen? Weihnachten ist pure Magie!"
Ah ja. Na dann. 

Insbesondere da ich Katarina Fiebelkorn, seit der besagte Artikel der Berliner Zeitung mich auf ihren Blog aufmerksam gemacht hat, auch auf Twitter folge, kann ich übrigens zu Protokoll geben, dass es reichlich absurd wirkt, sie einerseits als Leitfigur der "kindergartenfrei"-Bewegung zu benennen und diese Bewegung andererseits als "antifeministisch" einzuordnen, denn die Blogautorin bezieht regelmäßig durchaus "typisch feministische" Positionen zu Fragen von Gleichstellung, Gendergerechtigkeit, you name it. Befremdlicherweise übrigens auch zum Thema Abtreibung. "Befremdlich" sage ich vor allem deshalb, weil... 

Okay, jetzt wird's wieder heikel. 

Ebenso wie Jenniffer von "Berufung Mami" schreibt auch Katharina von "blogprinzessin" über eine Fehlgeburt, die sie erlitten hat. Der zentrale Artikel zu diesem Thema (das gleichwohl noch in mehreren anderen Blogposts angesprochen wird) trägt den Titel "Tschüss, Baby. Ich liebe dich" und geht echt an die Nieren. Es handelte sich um die dritte Schwangerschaft der Autorin, und in der 10. Schwangerschaftswoche brachte eine Untersuchung das erschütternde Ergebnis: 
"Unser Baby (immerhin hatte es schon Arme und Beine und, wenn auch nur kurz, einen Herzschlag) ist tot".
Es will einfach nicht in meinen Kopf, wie jemand aus eigener leidvoller Erfahrung so etwas schreiben und trotzdem Abtreibung gutheißen kann. Das soll kein persönlicher Angriff sein, ich verstehe es nur einfach nicht. 

Noch ein anderes Thema: Ebenfalls auf Twitter wies die "blogprinzessin"-Autorin auf das in der Reihe "Duden Lesedetektive" erschienene, zur Leseförderung in der 2. Klasse konzipierte Kinderbuch "Svenja will ein Junge sein" von Luise Holthausen hin und lobte Autorin und Verlag dafür, sich an dieses Thema heranzutrauen. Ich hatte daraufhin die vage Ahnung, dass da irgendwas nicht stimmt, und fand mittels einer kurzen Recherche heraus, dass die Protagonistin dieses Kinderbuchs durchaus nicht "transgender" ist, sondern bloß vorübergehend mal keine Lust hat, die Verhaltenserwartungen zu erfüllen, die an ein Mädchen gestellt werden; übrigens ist das Buch von 2012. "Schade", fand die liebe Katarina, als ich sie darauf hinwies. 

Was den Gesamtbereich Sex und Gender angeht, ist "2KindChaos" allerdings noch mal eine ganz andere Nummer. Und nicht nur in dieser Hinsicht. Insgesamt scheint das eher so der Gothic-Metal-Club unter den Mami-Blogs zu sein: Neben der Blogbetreiberin "Frida Mercury" schreiben hier recht häufig verschiedene Gastautorinnen, aber zumindest bei stichprobenartiger Lektüre verschiedener Beiträge scheinen die sich alle nicht sonderlich voneinander zu unterscheiden. Okay, vielleicht täuscht dieser Eindruck. "Hier gibt es keine Schubladen", erklärt Frida, "außer der, dass Liebe drin sein muss". Schön, aber wie schon der große Existenzphilosoph Haddaway zu Recht fragte: "What is Love?" 

Unter der Überschrift "Let's talk about (Eltern) Sex. Vom großen Frust in der Beziehung" schreibt eine Gastautorin: 
"Ich bin nicht so sicher, ob ich das vielleicht alles so eng sehe oder ob es wirklich so Scheisse ist und deshalb wollte ich darüber schreiben. [...] [I]ch will über Sex reden. Den ich nicht habe. Oder nur sehr selten. Und darüber beschwert sich mein Mann.
Zu Recht?
[...]
Mein Leben spielt sich [...] vorwiegend in unseren 4 Wänden ab. Mit schreienden, schlecht gelaunten, weinenden Kindern, die ich keine 2 Minuten alleine lassen kann, [...]
Ich habe keine Lust auf Sex. [...]. Ich will wenigstens Abends meinen Körper für mich haben. ALLEINE!!!
Und überhaupt, mein Körper. Ich mag ihn nicht. Ich mochte ihn eigentlich noch nie[.]"
Ehe sich jemand beschwert: Ich will die hier angesprochenen Probleme nicht kleinreden. Aber ich finde den Tonfall, die ganze ziellose Unzufriedenheit mit allem und jedem, das genüssliche Suhlen im Unglück ausgesprochen bezeichnend für meinen Gesamteindruck von diesem Blog. -- Von einer anderen Gastautorin stammt der Beitrag "Offene Beziehung trotz Kinder. Wir lieben uns, haben aber Sex mit anderen". Darin heißt es: 
"Unsere 'Abmachung' hat nichts mit Emotionen und Gefühlen wie Liebe zu tun [...]. Sex und Gefühle kann man trennen, zumindest wir können es."
Und die Blog-Hausherrin selbst wirft in einem der neueren Beiträge die Frage auf: "Wie kann man seine Kinder zu (sexuell) toleranten Menschen erziehen?" Darin liest man beispielsweise: 
"Auch jetzt würde ich nicht behaupten wollen, dass ich mich vollends auskenne und zum Beispiel genderneutral erziehe oder jeden Menschen erstmal nach den Pronomen frage, die ersie verwendet haben möchte. Sollte ich aber. [...]
Klar ist [..], dass es ziemlich schwierig ist, da eine gewisse Offenheit reinzubringen. Auch sexuelle Orientierung ist scheinbar schon fest verankert, denn meine ältere Tochter (ich schreibe jetzt Tochter weil sie sich selbst als Mädchen definiert) sagt schon klar, dass Männer und Frauen heiraten. Was das Thema angeht, finde ich es aber deutlich einfacher, auch schon Kindern zu erklären, dass es eigentlich egal ist, in wen man sich verliebt, und dass man auch heiraten darf, wen man will. Das haben sie schnell verstanden - schneller als das Thema Geschlechtsidentität. Ok, das ist vielleicht auch nicht so einfach zu erklären für eine 3jährige. (Wer das gut kann, darf sich gern melden!) Meine 6jährige zumindest hört sich die Erklärungen da auch schon an und ich denke, dass sich da schon ein Verständnis aufgebaut hat. Dass es Menschen gibt, die einen Penis haben, aber eine Frau sind. Oder Menschen mit Scheide, die ein Mann sind."
Also, sorry: Wenn ich meine Kinder so erziehen wollte, dann könnte ich sie auch gleich in die KiTa gehen lassen. 

Irgendwie fällt mir in diesem Zusammenhang die Fernsehserie "Eine himmlische Familie" (Originaltitel "7th Heaven") ein, die ich mir vor über einem Jahrzehnt mal aus einer Art Faszination des Grauens heraus ein paar Staffeln lang angetan habe. Thema der Serie war das Alltagsleben einer siebenköpfigen Pastorenfamilie in einer Kleinstadt in Kalifornien, und ich muss sagen, das, was einem da als angebliches Idealbild eines intakten Familienlebens vorgeführt wurde, fand ich schlichtweg gruselig. Mir schien die Serie ein typisches Produkt der George W. Bush-Ära, zugeschnitten auf ein Publikum kleinstädtischer, mittelmäßig wohlhabender,  evangelikaler Republikaner-Wähler. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, was für eine Art von Zielpublikum "Eine himmlische Familie" eigentlich in Deutschland ansprechen sollte -- aber dann fand ich ein Fan-Forum im Internet und stellte dort fest, dass diese Serie ziemlich beliebt bei Teenie-Mädchen war, die in der dort dargestellten Art von Familienleben offenbar etwas sahen, was ihnen in ihrem eigenen Leben fehlte. Das könnte man als bemerkenswerte Erkenntnis betrachten, aber erheblich verkompliziert wird der Befund dadurch, dass die meisten dieser Mädchen zugleich auch Fans der Serie "Sex and the City" waren und darin, auch auf Nachfrage, nichts Widersprüchliches erkennen konnten. 

Das lasse ich hier jetzt einfach mal so stehen. 

Was ich mit alledem sagen will: Innerhalb der "kindergartenfrei"-Szene gibt es ein seeeehr breites Spektrum unterschiedlicher, zum Teil ausgesprochen gegensätzlicher Anschauungen zu allen möglichen Fragen, die die Kindererziehung direkt oder indirekt tangieren. Möglicherweise kann man als konservativer Christ über das "kindergartenfrei"-Netzwerk Kontakte zu gleichgesinnten Eltern knüpfen, aber man muss damit rechnen, in wesentlich größerem Ausmaß auf Eltern zu stoßen, mit denen einem außer der Tatsache, dass auch sie ihre Kinder nicht in Fremdbetreuung geben mögen, so richtig gar nichts verbindet. Wie geht man damit um, was folgt daraus für die "Idee vom christlichen Dorf"? Nun, was meine eigene Familie betrifft, so denke ich, es kann gewiss nicht schaden, die über das "kindergartenfrei"-Netzwerk geknüpften Kontakte aufrechtzuerhalten, zu vertiefen und weitere aufzubauen -- auch solche zu nichtchristlichen Eltern. Mit wem man gut "kann" und mit wem weniger, wird sich im Laufe der Zeit schon herauskristallisieren. Der nächste Schritt ist dann die auch schon länger geplante Einrichtung einer Krabbelgruppe in den Räumen unserer Pfarrei. Natürlich ist es auch da nicht garantiert, dass die Eltern, die dort hinkommen, ausschließlich oder überwiegend solche sind, denen "das Christliche sehr wichtig" ist. Muss auch gar nicht -- jedenfalls nicht für den Anfang. Immerhin schafft man damit schon mal einen Rahmen, der die Wahrscheinlichkeit, dass religiös interessierte Eltern sich davon angesprochen fühlen, mindestens graduell erhöht, und auf mittlere Sicht könnte so ein Angebot ja auch einen missionarischen Aspekt entwickeln. 

Meine eigentliche Idealvorstellung wäre allerdings ein Familienkreis innerhalb der Pfarrei, der gemeinschaftlich ein möglichst schon bei der Ehevorbereitung, spätestens aber bei der Anmeldung von Kindern zur Taufe ansetzendes Modell von fortlaufender Familienkatechese entwickelt. Anfangen könnte man damit, dass die Eltern gemeinsam den "YOUCAT for Kids" studieren, während die Kinder miteinander spielen. Auf längere Sicht könnte ein solcher Familienkreis die herkömmlichen Erstkommunion- und Firmvorbereitungskurse zunächst ergänzen und irgendwann einmal ganz ersetzen. Die sind nämlich die Pest und müssen sterben. Aber dazu wohl lieber ein andermal mehr... 



Mittwoch, 13. März 2019

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 14

Erinnern wir uns: Am 21. Juli 1869 wurde bei der polizeilichen Durchsuchung eines Klosters der Unbeschuhten Karmelitinnen in der damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Stadt Krakau eine eingesperrte, offenbar geisteskranke Nonne namens Barbara Ubryk entdeckt, die, wie sich herausstellte, seit mehr als 20 Jahren in diesem Kloster gefangen gehalten worden war. Wenige Wochen darauf begann der Münchner Verlag Neuburger & Kolb mit der Veröffentlichung eines Fortsetzungsromans, der die Hintergründe der Affäre Ubryk zu enthüllen versprach. Tatsächlich füllte Autor "Dr. A. Rode" zunächst allerdings Druckbogen um Druckbogen mit einer ausufernden, mehrsträngigen Liebes- und Intrigenhandlung, die keinen zwingenden Zusammenhang mit dem realen Fall der Barbara Ubryk erkennen ließ und für die er vermutlich auf bereits früher geschriebenes Material zurückgriff. Erst nach 736 Seiten (und somit in der 16. von 20 angekündigten Lieferungen) kam die Romanhandlung an den Punkt, an dem die Titelheldin ins Kloster eintritt -- und dann ist es auch noch das falsche Kloster, nämlich der Karmel in Warschau, nicht in Krakau. Man könnte nun denken, dem Autor laufe allmählich mal die Zeit weg bzw. gehe der Raum aus, um seine Geschichte zu Ende zu erzählen, aber er selbst scheint das nicht so gesehen zu haben: Kaum haben sich die Klosterpforten hinter Barbara geschlossen, nimmt sich Dr. Rode erst einmal Zeit für zwei umfangreiche Exkurse, einen über die Geschichte des Karmeliterordens und einen über allerlei skandalöse Vorkommnisse in Klöstern, besonders solche sexueller Natur. Wir werden sehen, wie "modern" seine Vorwürfe teilweise anmuten. Aber dazu später. 

Übrigens betreibt der Verfasser nicht zuletzt auch dadurch schamlose Zeilenschinderei, dass er umfangreiche Zitate aus schon zu seiner Zeit antiquarischen Werken übernimmt; so bringt er in Kapitel LII zwei Auszüge aus dem "Verzeichnüß der geistlichen Ordens-Personen in der Streitenden Kirchen" des italienischen Jesuiten Philipp (bzw. Filippo) Bonanni, in Kapitel LIII einen Auszug aus der Satire "Gereinigter Bienenkorb der Heiligen Römischen Kirche" des niederländischen Humanisten Philips van Marnix. Abgesehen davon, dass sich so die Druckbogen schneller füllen lassen, hat Dr. Rode offenbar auch einfach Spaß an “dem damaligen Deutsch" (S. 737), und ganz nebenbei verraten solche Passagen dem Leser auch etwas über die Quellen, die dem Autor in einer Zeit ohne Google Books zugänglich waren. Dass er zur Geschichte des Karmeliterordens ausgerechnet das Werk eines Jesuiten zitiert, wirkt indes in doppelter Hinsicht sonderbar: einmal, weil der Jesuitenorden für ihn doch geradezu das Böse schlechthin verkörpert, und dann auch, weil er in Kapitel LI ausgeführt hatte, dass "ein Orden den andern haßt, die Mitglieder des einen auf die des andern eifersüchtig sind und sich aufs heftigste untereinander befehden" und dass insbesondere die Jesuiten "im Volke die abenteuerlichsten Gerüchte über die Karmeliter" verbreiteten (S. 723). Die Auszüge aus dem Werk des Paters Bonanni enthalten allerdings gar nichts Ehrenrühriges oder Verleumderisches über den Karmeliterorden; das übernimmt Dr. Rode schon selbst. Sein LII. Kapitel hat zwei inhaltliche Schwerpunkte: die Entstehungsgeschichte des Karmeliterordens und die Biographie der großen Ordensreformerin Teresa von Ávila. Hinsichtlich des ersteren Aspekte hebt er besonders auf die "Sage" ab, "daß der Prophet Elias die Karmeliter gestiftet habe"; diese Mär lebe "noch heute in diesem Orden fort" (S. 739). Man möchte das für ausgedachten Quatsch halten, aber tatsächlich liest man auch in Herders Conversations-Lexicon von 1855, die Karmeliter hätten lange behauptet, "ihr Orden sei vom Propheten Elias [...] gestiftet, bis 1698 ein päpstliches Breve den unnützen Streit hierüber niederschlug". 

Im Zusammenhang mit den biblischen und außerbiblischen Überlieferungen über den Propheten Elija kann Dr. Rode sich nicht g'nug über theologische Dispute hinsichtlich der Frage mokieren, ob der Prophet leiblich in den Himmel aufgenommen wurde oder aber "auf einer Poststation zwischen Himmel und Erde anhielt, wo er noch jetzt sitze und das Ende der Welt abwarte" (S. 740) -- und was dabei aus seinem Mantel wurde. In einer Fußnote liefert der Romanautor in diesem Zusammenhang zudem ein Beispiel für vergleichende Mythologiekritik in Stil und Qualität von Alexander Hislop, Jack Chick oder "Zeitgeist - The Movie" ab: "In der Mythologie lenkt bekanntlich Apollo ebenfalls einen feurigen Wagen, den Sonnenwagen. Wer sieht hier nicht auf den ersten Blick die Vermischung des jüdischen Monotheismus mit der griechischen Götterlehre?" (ebd.) 

Wesentlich interessanter ist dann aber doch, was Dr. Rode über die Hl. Teresa von Àvila mitzuteilen hat. "Man kann sagen, daß die Karmeliter erst durch eine Reformation zum besseren Gedeihen gebracht wurden", erklärt er nämlich. "Diese Reformation, die Verbesserung des Ordens, nahm eine weibliche Ordensperson vor, eine der größten Heiligen und die einzige Kirchenschriftstellerin, Theresia Sanchez de Cepeda" (S. 743f.). Unklar bleibt freilich, welche Definition des Begriffs "Kirchenschriftstellerin" Rode hier voraussetzt, wenn er die Hl. Teresa als die einzige dieser Art betitelt; was, so fragt man sich, ist mit Hildegard von Bingen, was mit Katharina von Siena? (Zur Kirchenlehrerin wurde Teresa von Àvila erst 100 Jahre nach dem Erscheinen des Romans ernannt, das kann Rode also nicht gemeint haben.) Insgesamt widmet der Romanautor dem Leben und Wirken der Ordensreformerin rund 15 Seiten. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, seine Angaben zur Biographie der Heiligen Punkt für Punkt mit vertrauenswürdigeren Quellen abzugleichen, aber zumindest oberflächlich ergibt sich der Eindruck, dass die wesentlichen Fakten im Großen und Ganzen stimmen. Der Romanautor legt ihnen lediglich mit Fleiß die denkbar ungünstigste Deutung bei. Kurz und schlicht zusammengefasst betrachtet er Teresas ganze Heiligkeit, insbesondere ihre mal als dämonische Attacken, mal als göttliche Offenbarungen daherkommenden Erlebnisse visionärer Entrückung als Folgen "gereizte[r] Stimmung und Ueberspanntheiten [...], welche in Klöstern sehr häufig zum Ausbruche kommen" (S. 746): "Die modernen Heiligen, welche sich in ähnlichen Verzückungen befinden, werden von unserer glaubenslosen Zeit in den Narrenhäusern einquartiert”"(S. 748). Mehr als nur angedeutet wird die Überzeugung, diese "Ueberspanntheiten" seien letztlich das Ergebnis einer unterdrückten und verleugneten Sexualität; über Teresas wohl berühmteste Vision - bei der ihr ein Engel mit dem Pfeil der göttlichen Liebe das Herz durchbohrte - schreibt Dr. Rode: "Die ganze Befangenheit eines umnachteten Hirnes gehört dazu, an dieser Erscheinung die handgreifliche Wahrheit zu übersehen. Das Stechen mit einem glühenden Pfeile und die Süßigkeit des Schmerzes muß jeden Denkenden auf gewisse Ansichten bringen" (S. 753). 

Die Verzückung der Hl. Theresa, Skulptur von Gian Lorenzo Bernini, Rom, Santa Maria della Vittoria.
(Bildquelle: Wikimedia Commons, Urheber: Dnalor_01, Lizenz: CC-BY-SA 3.0) 

Aus heutiger Sicht mag es überraschen, solche Äußerungen in einem Text vorzufinden, der rund ein Jahrhundert vor der "sexuellen Revolution" erschien. Tatsächlich befinden wir uns - wie etwa Michel Foucault aufgezeigt hat - in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. auf dem Höhepunkt einer Entwicklung, die die Wahrnehmung und Beurteilung der menschlichen Sexualität aus dem religiös-moralischen in den medizinisch-psychologischen Bereich verschiebt. 1859 war Darwins welterschütterndes Werk "Über die Entstehung der Arten" erschienen, ein Jahr später lag es schon in deutscher Übersetzung vor; die Vorstellung, der Mensch sei letztlich nichts anderes als ein Tier und müsse seinen Trieben gehorchen, war virulent. Man gewinnt zwangsläufig ein verzerrtes Bild des vermeintlich so sittenstrengen, gerade in erotischer Hinsicht so zugeknöpften Viktorianischen Zeitalters, wenn man es nur durch den Filter der Hochkultur wahrnimmt. Gewiss, auch in Familienzeitschriften - dem ersten echten Massenmedium des deutschsprachigen Raums - legten Herausgeber und Redakteure Wert darauf, dass belletristische Beiträge "in erotischer Hinsicht so gehalten" waren, "daß sie auch vor jüngeren Mitgliedern im Familienkreise vorgelesen werden können". Aber das zweite Massenmedium des deutschsprachigen Raums war eben der Kolportagebuchhandel, und da der weitgehend unterhalb des Radars der gutbürgerlichen Literaturkritik existierte, ging es da anders zur Sache. Dort wurden nicht nur schlüpfrige Romane unters Volk gebracht - ausdauernde Leser dieser Artikelserie mögen sich an die ménage à trois zwischen dem schurkischen Jesuiten Rebinsky, der Gräfin Zolkiewicz und deren blutjunger Stieftochter erinnern, die in den ersten Kapiteln von Dr. Rodes "Barbara Ubryk"-Roman geschildert wurde -, sondern auch populärwissenschaftliche Werke mit Titeln wie "Die Geheimnisse der Venustempel aller Zeiten und Völker" oder "Die Geschlechtskrankheiten des Menschen und ihre Heilung", in denen unter dem Deckmantel gesundheitlicher Aufklärung massive Pornographie betrieben wurde. 

Natürlich fehlte es in den respektablen Kreisen der Gesellschaft nicht an Warnungen vor den Folgen des Konsums von "Schundliteratur". Dr. Rode spielt selbst augenzwinkernd darauf an, wenn er "manche unserer schönen Leserinnen" anspricht, "welche die Barbara Ubryk unter tausend Aengsten und Sorgen, von der Mutter darüber ertappt zu werden, lesen" (S. 744f.), und kurz darauf bekräftigt: "Darum, liebe Kinder, liest [sic] keine Romane; sonst gehen Euch die Augen auf, sonst werdet Ihr eitel und putzsüchtig, und das kostet den Eltern Geld" (S. 745). 

Die oben angesprochenen Familienblattromane waren übrigens ganz so harmlos auch nicht, wie man sich das vorstellen würde. Im wenige Jahre vor der Affäre Ubryk, nämlich 1866, in der "Gartenlaube" erstveröffentlichten Roman "Goldelse" von E. Marlitt, einer von der Nachwelt gern als altjüngferliche Kitschtante belächelten Autorin, heißt es etwa im Zusammenhang mit der Beschreibung einer Klosterruine im Wald: 
"Die Reformation […] war […] durch den stillen Wald geschritten und hatte mit gewaltigem Finger über die Mauern des dunkeln Hauses gestreift […]. Und siehe da, […] ein Stein nach dem andern rollte herab neben die alten Eichenstämme, deren Wipfel ihn einst als zierlich gemeißelten Fenstersims oder als stattliches Glied der Mauer berührt hatten, und die nun jahraus, jahrein ihr Laub auf ihn streuten, bis er versank, weicher gebettet, als die Nonnenleichen da drunten". 
Man beachte die sexuell gefärbte Metaphorik: "gewaltige[r] Finger", "Eichenstämme", "stattliches Glied"! Das Kloster, das die jungen Frauen auf der Flucht vor den Versuchungen und Wirrnissen des Lebens aufsuchen, steht inmitten eines Waldes von Phallussymbolen, die zudringlich an die Fenster klopfen und so verhindern, dass der erhoffte Frieden in die Herzen der Nonnen einkehren kann. -- Auf die zeitgenössischen Anschauungen der Sexualpsychologie, die hier im Hintergrund wirksam sind, wird in Kürze noch zurückzukommen sein. 

Kapitel LIII beginnt mit einigen allgemeinen Zahlen, Daten und Fakten zur Entwicklung des Klosterwesens, und ganz nebenbei erledigt der Autor mit leichter Hand jedwede möglichen Einwände des Inhalts, Klöster hätten womöglich doch irgendwie eine Daseinsberechtigung: 
"Die Vertheidiger der Möncherei machen geltend, daß unsere Zeit Alles, was sie hat, nur den Mönchen verdanke. Sie erhielten und pflegten Kunst und Wissenschaften. Dieses Verdienst wollen wir ihnen, besonders den Benediktinern, nicht schmälern, weil es ihnen in Wahrheit gebührt. Für die Hinterwälder Amerikas und das Innere Afrikas könnten die Klöster sich noch jetzt ungeheure Verdienste erringen, wenn sie es nicht vorzögen, statt dessen gutes Bier zu brauen. Für unsere Tage aber sind sie nutzlos geworden." (S. 761) 
Alsbald wendet er sich dann aber ganz dem Thema des lasterhaften Lebens hinter Klostermauern zu. Hier kann Dr. Rode aus dem Vollen schöpfen, denn Greuelgeschichten aus dem Klostermilieu gehörten zum Standardrepertoire der deutschen Ritter- und Räuberromane wie auch der englischen Gothic Novel -- eines Genres, das der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler als im Ganzen "krass antikatholisch" bewertet. In einer Besprechung von M.G. Lewis' "The Monk"(1796), einem Werk, das, vermittelt über E.T.A. Hoffmanns Elixiere des Teufels (1815/16), auch die deutsche Spät- und Schauerromantik beeinflusste, merkt Fiedler an, Figuren wie "der verkommene Mönch, der korrupte Inquisitor, die boshafte Äbtissin" seien schon zur Entstehungszeit von Lewis' Werk "Standard" und "zu erwarten" gewesen. Geschichten über misshandelte, sexuell missbrauchte, eingekerkerte, lebendig eingemauerte oder in Wahnsinn oder Selbstmord getriebene Nonnen erlangten im Laufe des 19. Jhs. zunächst durch die kommerziellen Leihbüchereien, dann durch die Kolportage weite Verbreitung. So erwähnt Karl May in seinem gegen die Kolportageliteratur gerichteten Aufsatz "Ein wohlgemeintes Wort" (1883) Titel wie "Mönch und Nonne, oder das gemordete Kind" und polemisiert gegen Romane voller "zechende[r] Mönche" und "liebeglühende[r] Nonnen"; und in seiner fragmentarischen Autobiographie "Mein Leben und Streben" (1910) kommt er nochmals darauf zurück, als er seiner literarisch minderwertigen Jugendlektüre – darunter Romane wie "Emilia, die eingemauerte Nonne" und "Die Sünden des Erzbischofs" – gedenkt und nicht ohne Zerknirschung den Einfluss der "Raubritter, Räuber, Mönche, Nonnen, Geister und Gespenster aus der Hohensteiner Schundbibliothek" auf sein eigenes Werk eingesteht. Worüber May indes nicht reflektiert, ist die unterschiedliche Gestaltung des Motivs im traditionellen Schauerroman einerseits und im modernen Sensations- und Enthüllungsroman andererseits: Das traditionelle Modell bezog seine Wirkung aus dem Kontrast zwischen Erwartung und Wirklichkeit; vermeintlich fromme Ordensleute, die sich tatsächlich als besonders krasse Sünder entpuppen, gehören in diesem Sinne ebenso zum Genre der "verkehrten Welt" wie Hasen, die ihren Jäger braten (ein beliebtes Motiv mittelalterlicher Buchmalerei). In dem Maße aber, wie - siehe oben - die religiös-moralische Deutungshoheit über die menschliche Sexualität von einer medizinisch-psychologischen abgelöst wird, verlangt das sexuell deviante Verhalten von Priestern, Mönchen und Nonnen nach einer Erklärung -- und eine solche ist schnell gefunden im Verweis auf den Zölibat bzw. das Keuschheitsgelübde: 
"Die Folgen des Cölibats zeigen sich bei den Mönchen auf eine noch widerlichere Weise als bei den Weltgeistlichen, die durch ihren Verkehr mit den Menschen dasselbe eher umgehen können. Das ascetische Leben, die schwächende Diät und der häufige Genuß der Fische wie auch das Geißeln trugen sehr viel dazu bei, den 'Fleischesteufel' [...] aufzureizen. Die in den Klöstern herrschende Sittenlosigkeit übertrifft die kühnste Phantasie." (S. 767f.)
Den Hinweis auf die Folgen übermäßigen Fischverzehrs mag man eher skurril finden, aber die Kernthese ist hier offenkundig, dass die Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs abnorme sexuelle Gelüste hervorbringt. Dass solche aus der Vor- und Frühzeit der Sexualpsychologie stammenden Auffassungen auch heute noch, vielfach geradezu im Tonfall der Selbstverständlichkeit vorgetragen, durch die öffentliche Debatte geistern, ist im Grunde erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das dazu gewissermaßen komplementäre Konzept, die Ehe als ein Mittel zur gesunden, legalen und gesellschaftlich konformen Triebabfuhr zu betrachten, wohl kaum mehr auf großen Zuspruch rechnen könnte. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass der Romanautor die zitierte Passage, ohne Quellenangabe wohlgemerkt, Wort für Wort aus der erstmals 1845 veröffentlichten Schmähschrift "Historische Denkmale des christlichen Fanatismus" von Otto von Corvin abgeschrieben hat; Corvins Buch erlangte später unter dem Titel "Pfaffenspiegel" weite Verbreitung, unter anderem griffen auch die Nazis gern darauf zurück, um die katholische Kirche zu verleumden. Auch einige weitere Passagen des Kapitels sind nahezu wörtlich von Corvin übernommen, so etwa die folgende: 
"Kinder waren die Schattenseite des Nonnenlebens, aber die frommen Vcstalinnen wußten sich zu helfen. Das Mittel war sehr einfach, sie brachten die Kinder um. Bei Abbrechung des Klosters Mariakron fand man in den heimlichen Gemächern und sonst — Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben.
Bischof Ulrich von Augsburg erzählt, daß Papst Gregor I., der auch für das Cölibat sehr eingenommen gewesen, davon zurückgekommen sei, als einst aus einem Klosterteiche 6,000 Kinderköpfe herausgefischt wurden." (S. 768)
Die Geschichte über die Kinderköpfe in einem römischen Teich scheint übrigens tatsächlich auf eine (ziemlich sicher fälschlich) dem Hl. Ulrich von Augsburg zugeschriebene mittelalterliche Quelle ("Epistola de continentia clericorum") zurückzugehen. Schon die Reformatoren nutzten diese Schrift für ihre Polemik gegen den Zölibat. Für die Wirkungsgeschichte der Erzählung ist die Frage nach der Authentizität der Quelle indes zweifellos zweitrangig. Es kann nicht verwundern, dass auch die Romanliteratur von diesem schaurigen Motiv Gebrauch machte. So schilderte Karl May in seinem 1880-82 erschienenen Fortsetzungsroman "Die Juweleninsel" ein Kloster mit dem bezeichnenden Namen "Himmelreich", auf dessen "Klosterkirchhofe" es "einen Winkel [gibt], in welchem man beim Nachgraben nichts finden würde als die Ueberreste neugebore- ner Kinder. […] Die frommen Väter und Mütter haben einander sehr lieb, und der alte Basaltfelsen hat nicht umsonst so tiefe Klüftungen und unterirdische Gänge". Wie tief solche Schauergeschichten sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben, und zwar bis heute, kann man beispielsweise daran ablesen, wie die Öffentlichkeit reagierte, als im Jahr 2014 eine Geschichte über die angebliche Entdeckung eines Kinder-Massengrabs in der Klärgrube eines von Ordensschwestern betriebenen Waisenhauses durch die Medien geisterte. Natürlich musste die Geschichte stimmen, schließlich kennt man so etwas aus Romanen. 

Besonders ausführlich, nämlich auf knapp vier Seiten (S. 770-773), behandelt Dr. Rode einen Fall aus "der neueren Zeit", nämlich jenen der Magdalena Baumann, einer bayerischen Wundarzttochter, die mit 17 Jahren in ein Kloster eintrat, dort von ihrem Beichtvater sexuell bedrängt wurde und nach einem gescheiterten Fluchtversuch eingesperrt und schwer misshandelt wurde. Dieser Fall ist Gegenstand des 1808 in München erschienenen Büchleins "Gemälde aus dem Nonnenleben" des bayerischen Juristen und Historikers Felix Joseph Lipowsky, und es ist anzunehmen, dass Dr. Rode diese Schrift als Quelle benutzt hat, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagt. Der Frage nach der Authentizität von Lipowskys Schilderungen nachzugehen, wäre ein Thema für sich und würde hier den Rahmen sprengen, aber die Vermutung liegt nahe, dass die Aufdeckung eines Klosterskandals im Jahr 1808 nicht zuletzt auch dem Zweck diente, die in den Jahren 1802/03 erfolgte Aufhebung und Enteignung der bayerischen Klöster nachträglich gegenüber der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. So sieht es auch Dr. Rode: "Trotz solcher Erfahrungen gibt es doch noch heute Klöster!", ruft er empört aus (S. 773) -- und merkt zugleich an, der Fall Magdalena Baumann sei "nur ein schwaches Vorspiel gegen die schreckliche Barbarei, deren Opfer unsere Heldin geworden" (ebd.). 

Erst mit Kapitel LIV, das auf S. 774 beginnt, wird der Handlungsfaden um die Titelheldin Barbara Ubryk wieder aufgenommen; wir befinden uns also bereits in der 17. Lieferung des Romans. Das Kapitel beginnt mit Barbaras Eintritt ins Noviziat und endet mit ihrer Ewigen Profess, also ihrer endgültigen Aufnahme in den Orden; aber diese Vorgänge boten dem Autor offenbar wiederum nicht ausreichend Stoff für ein ganzes Kapitel, weshalb er abermals einen umfangreichen polemischen Exkurs einbaut, diesmal zum Thema Reliquienverehrung. Diesen immerhin knapp 9 Seiten langen Exkurs legt er der Novizenmeisterin des Klosters, Schwester Edeltrudis von den sieben Schmerzen Mariens, in den Mund, die offenbar entweder zu borniert ist, um zu bemerken, dass ihre Ausführungen geeignet sind, den Glauben ihrer Novizinnen an die Lehren der Kirche zu untergraben, oder die womöglich sogar ein perverses Vergnügen daran hat. Nicht umsonst betont Dr. Rode, Novizenmeisterinnen besäßen in der Regel "alle jene Untugenden, die man den alten Weibern nachredet, in verstärktem Maße": "Die Novizen sind unter dem unbeschränkten Commando derselben nichts weniger als zu beneiden. Auch Ediltrudis war ein liebenswürdiger Drache. Sie besaß eine eiserne Constitution, war übermäßig wohlbeleibt, hatte ein von den Blattern gezeichnetes Gesicht, einen Mund von übermäßiger Länge und schwarze Zähne." (S. 779) In ihrem Monolog über Reliquien jedenfalls bedient die Novizenmeisterin nicht nur sämtliche seit der Reformationszeit gängigen Klischees über bizarre Auswüchse des Reliquienkultes - so müsse etwa der Hl. Dionysius, wenn alle ihm zugeschriebenen Reliquien echt wären, "zwei vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe" gehabt haben (S. 783); "Splitter vom Kreuze gibt es soviele, daß man daraus eine Kriegsschiff bauen könnte, und die Nägel vom Kreuze wiegen nach Centnern. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich an jeder Hecke" (S. 784); einige andere groteske Anekdoten übernimmt der Autor abermals wörtlich von Corvin -, sondern sie behauptet darüber hinaus, "die ersten Christen" hätten "überhaupt ganz andere Anschauungen von der Lehre Christi" gehabt: "Hoffentlich werden sie als Ketzer auch nicht selig geworden sein, denn sie glaubten oft das reine Gegentheil von dem, was heute geglaubt werden muß." (S. 782). Das ist natürlich ein locus classicus der antikatholischen Propaganda, ob von atheistischer, neopaganer oder evangelikaler Seite; die Beispiele, die Dr. Rode der Schwester Edeltrudis in den Mund legt, sind mir so allerdings noch nirgends untergekommen: 
"So warf der berühmte Kirchenvater Tertullian der Jungfrau Maria vor, daß sie nicht an Christum geglaubt habe, Origines und der hl. Basilius beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und der große heil. Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, daß der Engel ihr die Empfängniß früher verkündet, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung leicht aus Scham ihrem Leben ein Ende hätte machen können." (ebd.) 
Nun, ich sag mal so: Ich habe mir erst kürzlich für schmales Geld die komplette "Bibliothek der Kirchenväter" auf meinem eBook-Reader installiert, ich könnte also durchaus mal gucken, ob sich in den Schriften der genannten Autoren etwas findet, was man mit ausreichend bösem Willen so interpretieren könnte wie hier geschehen. Ich bezweifle aber, dass der Aufwand sich lohnen würde. Möglicherweise befinden sich unter meinen Lesern aber Patristik-Kenner, die hier etwas zur Aufklärung beitragen können. Nur am Rande sei vermerkt, dass die Titulierung Tertullians als "berühmte[r] Kirchenvater" schon mal falsch ist: Zwar ist Tertullian ein bedeutender Autor des frühen Christentums, trägt aber nicht den Titel eines Kirchenvaters, da er sich gegen Ende seines Lebens der Häresie des Montanismus zuwandte. Auch Origines gilt kirchlicherseits nicht in allen seinen Schriften als verlässlich rechtgläubig. 

Abgesehen von diesem Exkurs geht es in Kapitel LIV im Wesentlichen um die Rituale bei Barbaras Noviziat, den Unheil verheißenden Neid der anderen Nonnen auf Barbaras Schönheit ("Die Novize brachte nach ihrer Ansicht einen ungeheuern Fehler mit — sie war schön, ja leider die schönste von allen Frauen im Kloster", S. 776), die strengen Regeln des Klosterlebens ("Der Gebrauch des Papieres auf dem Abtritte ist nicht erlaubt", S. 779) und schließlich, besonders ausführlich, die Feier ihrer Profess. Dabei lässt es der Autor, wie es Brauch ist, nicht an düsteren Vorausdeutungen fehlen: 
"Im Vorbeigehen [...] streckte ein kleines Mädchen die Hände nach Barbara aus und schrie laut genug, um von Jedermann gehört zu werden: — Ich will nicht, nein, ich will nicht, daß die Tante ins Kloster gehe! Diese Kinderstimme zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es war die Stimme der Unschuld, die sich gegen die Unnatürlichkeit des Klosters auflehnte.” (S. 792)
Des Kaisers neue Kleider, anyone? -- Das Kind, das sich hier Gehör verschafft, ist übrigens tatsächlich Barbaras Nichte, eine Tochter ihrer Schwester Therese. -- Und weiter: "Kaum hatte Barbara deu Fuß an die Schwelle des Klosters gesetzt, als sie in Thränen zerfloß. Was sie zum Weinen bewogen haben mochte, hat sie niemals gestanden." (S. 793). Aber auch damit noch nicht genug: 
"Als Barbara die Gelübde aussprach, stockte sie aus Beklommenheit ein wenig. Im nämlichen Augenblicke entglitt einer der Nonnen die brennende Kerze, die sie in ihren Händen hielt, fiel auf den Boden und erlöschte.
Seltsames Vorzeichen!" (S. 796)
Na dann. -- Im Rahmen der Zeremonie erhält Barbara auch einen neuen Namen, nämlich "Jovita von den Engeln" (S. 797). Wie der Autor erläutert, "soll [...] die Annahme eines neuen Namens das letzte Band noch zerreißen, welches den Menschen an die Welt kettet — das Familienband" (ebd.). Nun wissen wir ja inzwischen aus der polnischen Wikipedia, dass tatsächlich Barbara - oder genauer gesagt "Barbara Theresa vom Heiligen Stanislaus" - der Ordensname der "unglücklichen Nonne von Krakau" war, die bürgerlich eigentlich Anna mit Vornamen hieß. Für den Autor jedoch hat es einen unbestreitbaren Vorteil, dass "[d]er freundliche Leser [...] sich [...], wenn er sich mit uns in das Innere der Klöster wagen will, bequemen [muss,] den Namen Barbara zu vergessen, und sich dafür mit Jovita von den Engeln bekannt machen" muss (ebd.): Auf diese Weise braucht er selbst den Namen Barbara in den folgenden Kapiteln - die er ursprünglich sehr wahrscheinlich ohne jeden Bezug zum realen Fall der Barbara Ubryk verfasst hatte - nicht mehr zu verwenden und muss so nicht befürchten, sich bei der Benennung seiner Hauptfigur zu vertun. Möglicherweise war "Jovita von den Engeln" in der Urfassung des Romans sogar niemand anderes als... Elka? Dieser Vermutung werden wir in der nächsten Folge dieser Artikelserie nachgehen.