Mittwoch, 1. Mai 2013

Neues vom Kneipenapostolat

Neulich wurde ich via Twitter auf einen Artikel auf religion.orf.at mit dem Titel "Kirche kann von Ausgetretenen lernen" aufmerksam gemacht. Anlass für diesen Artikel war ein "Studientag" der Diözese Linz, bei der der Pastoraltheologe Rainer Bucher einen Vortrag über den Umgang mit Ausgetretenen hielt. Eher am Rande erwähnte der Artikel einen Redebeitrag von Pfarrer Franz Lauterbacher OSB von der Stadtpfarre Salzburg-Mülln, der "das erfolgreiche Projekt der Wiederaufnahme Ausgetretener durch ein niederschwelliges Kontaktangebot in einem Gasthaus" vorstellte.

Schön, wenn das Projekt erfolgreich ist. Ich muss allerdings gestehen, dass mich an dem zitierten Satz vor allem der sperrige Sozialpädagogen-Sprech faszinierte. "Niederschwelliges Kontaktangebot" = "Kneipe". Irgendwie einleuchtend, dochdoch. Kann ich auch, sagte ich mir. Hatte sowieso vor, den Abend in meiner Lieblingsbar in Prenzlauer Berg zu verbringen. Da setz' ich mich dann an die Theke und mach' ein bisschen Kneipenapostolat, ganz niederschwellig. Nach dem einen oder anderen großen Pils wird's vermutlich ganz schnell noch niederschwelliger.

Aber jetzt mal ganz ohne Flachs: Kneipenapostolat mache ich ja eigentlich schon lange, ich hab's bloß bisher nicht so genannt. Es ist auch (zumindest was den Aspekt der Verkündigung angeht; Apostolat umfasst ja auch noch andere Aspekte) tatsächlich mehr geworden in letzter Zeit. Aus verschiedenen Gründen, die zum Teil bei mir selbst liegen und zum Teil, wie ich glaube, bei den Anderen. Auf der einen Seite bemerke ich, dass meine Bereitschaft (wenn nicht sogar ein gewisser Drang), über meinen Glauben und damit zusammenhängende Themen zu sprechen - und zwar auch in Kneipen! - erheblich zugenommen hat, seit ich in der Blogoezese aktiv bin und über diverse Netzwerke in nahezu ständigem Kontakt mit anderen engagierten Katholiken stehe. Das ist ja auch nicht besonders überraschend: Auf diese Weise hat man einfach viel mehr "Input", beschäftigt sich den Tag und die Woche über intensiver mit Fragen des Glaubens und der Kirche, und "wes das Herz voll ist, des geht der Mund über" (Mt 12,34, - ausnahmsweise mal nach Luther zitiert, weil's so schön sprichwörtlich tönt). Auf der anderen Seite bemerke ich in jüngster Zeit auch bei meinen Gesprächspartnern ein gesteigertes Interesse an Religion und Kirche. Hier nun gilt es auf die umstrittene Äußerung von Erzbischof Zollitsch zu verweisen, derzufolge es neuerdings "wieder interessant" sei, "katholisch zu sein" - und präzisierend zu fragen: für wen? Was die Katholiken selbst angeht, so ist es zweifellos zu wünschen, dass diese ihren Glauben und ihre Kirchenzugehörigkeit niemals "uninteressant" finden (was aber gleichwohl mal passieren kann); bezieht man Erzbischof Zollitschs Worte hingegen auf die Außenwirkung der Katholischen Kirche, dann ist es wohl kaum zu leugnen, dass das öffentliche Interesse an ihr seit dem jüngsten Konklave erheblich zugenommen hat. Das ist vermutlich zu Beginn jedes neuen Pontifikats so - die Aufmerksamkeit der Medien in aller Welt ist auf Rom fokussiert, mit dem Ergebnis, dass auch Menschen, die "mit Kirche nichts am Hut haben", sich dem Thema praktisch nicht entziehen können. Ebenfalls kaum von der Hand zu weisen ist es, dass das unkonventionelle Auftreten und die sympathische Ausstrahlung Papst Franziskus' dazu beigetragen haben und weiter dazu beitragen, jenen "Zauber", der laut Hermann Hesse "jedem Anfang" innewohnt, noch zu verstärken. Wie dem auch sei: Dass viele Menschen eine gewisse Neugier gegenüber der Katholischen Kirche verspüren, die in diesem Ausmaß lange Zeit nicht zu spüren war, das erlebe ich mit erstaunlicher Regelmäßigkeit. Und zwar gerade im "niederschwelligen Kontaktbereich" der Kneipe. Vielleicht nehme ich das unter anderem auch deshalb so deutlich wahr, weil ich hier im weitgehend religions- und kirchenfernen Osten Berlins und in den Kreisen, in denen ich viel von meiner Freizeit verbringe, als bekennender Katholik ein ziemlicher Exot bin. Da widerfährt es mir immer mal wieder, dass Bekannte, die von der oben angesprochenen Neugier ergriffen wurden, die Gelegenheit, einen so seltenen Vogel in die Finger zu bekommen, geradezu dankbar ergreifen und mich mit allerlei Fragen löchern. Das gab's früher auch schon, aber, ich wiederhole mich: Es ist mehr geworden. So wurde ich in der zweiten Märzhälfte von einem Bekannten, den ich recht regelmäßig an exakt demselben Platz an der Theke antreffe, mehrmals auf meinen "neuen Chef" angesprochen - dass er damit Papst Franziskus meinte, musste ich erst mal kapieren, aber dann fand ich es ziemlich amüsant.

Vor ein paar Wochen kam derselbe Bekannte die betreffende Bar, als ich gerade allein an der Theke saß und in einem Buch meines "alten Chefs" las, nämlich Gott und die Welt (Joseph Ratzinger im Gespräch mit Peter Seewald, Taschenbuchausgabe München 2008). "Was liest du da?", fragte mich mein Bekannter; ich gab ihm das Buch, er betrachtete das Titelbild, las den Werbetext auf dem hinteren Buchdeckel, dann gab er es mir zurück und fragte: "Wenn du das durch hast, leihst du mir das dann mal?" Ich war überrascht, versprach es aber - tatsächlich hatte ich das Buch bereits zweimal gelesen, aber ich wollte es dennoch gern noch einmal bis zu Ende lesen, ehe ich es verlieh. Als ich am folgenden Wochenende erneut in diese Bar aufbrach, steckte ich das Buch vorsorglich ein, auf den bloßen Verdacht hin, eventuell meinen Bekannten zu treffen, und das war dann auch tatsächlich der Fall. "Gut, dass ich dich sehe", sprach ich ihn an, "ich hab' dir was mitgebracht." Nun war es an ihm, überrascht zu sein. Ich gab ihm das Buch mit, und als ich ihm am nächsten Tag wieder begegnete, erklärte er: "Ich hab's schon fast durch."
"Oh - das ging ja schnell."
"Ja, ich hab' gestern Nacht noch drei Stunden drin gelesen."
Das hatte ich nun nicht unbedingt erwartet. "Und, wie findest du's?", fragte ich.
"Gut", erwiderte er schlicht, "sonst hätte ich schon früher mit dem Lesen aufgehört."

Ein durchaus unerwarteter Erfolg, aber kein Einzelfall. Sagen wir's ruhig noch einmal: Die Menschen - viele Menschen jedenfalls - haben Fragen zum Glauben und zur Kirche, und wenn sich die Gelegenheit bietet, artikulieren sie diese Fragen auch gern im "niederschwelligen Kontaktbereich" der Kneipe. Die Fragen, die den Auftakt zu einem solchen Gespräch bilden, können übrigens sehr unterschiedlich sein. Oft betreffen sie konkrete ethische Probleme, insbesondere solche, zu denen die Kirche eine Haltung vertritt, die weithin als "vorgestrig" und "lebensfern" betrachtet wird. Ich nenne solche Fragen gern die "Aber warum...?"-Fragen, und das sind mir (in der Rolle des danach Befragten) nicht unbedingt die liebsten; trotzdem sind sie gut und wichtig, jedenfalls dann, wenn ein echtes Bedürfnis nach Verstehen dahinter steckt und nicht eine unerschütterliche "Ihr seid doch doof"-Haltung. (Den Unterschied erkennt man in der Regel schnell.) Es gibt aber auch ganz andere Fragen. Neulich zum Beispiel kam ich mit jemandem ins Gespräch, der sich vor allem für das Spannungsverhältnis zwischen dem Wahrheitsanspruch der kirchlichen Lehre und der Toleranz gegenüber anderen Religionen interessierte. Ebenso werden mir beispielsweise Fragen nach zum Sakramentenverständnis gestellt, zu Sinn und "Funktion" (wenn man das so bezeichnen kann) von Taufe, Beichte und Eucharistie; Fragen zur Erbsünde (und zum Begriff der Sünde überhaupt), zur Dreifaltigkeit, zur Unbefleckten Empfängnis - Fragen also, die zum Teil theologisch ganz schön ans Eingemachte gehen und im Rahmen eines Kneipengesprächs kaum adäquat und erschöpfend beantwortet werden können, schon gar nicht von mir - denn was immer meine Thekenbekanntschaften von mir denken mögen, ich bin nun wahrhaftig kein Experte für Fundamentaltheologie und Dogmatik. Das ist aber zumeist auch gar nicht nötig, der "niederschwelligen" Gesprächssituation sei Dank. Jedenfalls bemühe ich mich redlich, den katholischen Standpunkt zu den jeweils zur Sprache kommenden Fragen so korrekt und so verständlich wie nur möglich darzustellen, und zuweilen bin ich selbst überrascht von den Antworten, die mir da über die Lippen kommen. In aller Bescheidenheit möchte ich der Hoffnung Ausdruck geben, dass in solchen Situationen irgendwie der Heilige Geist am Werk ist...

Es kommt auch vor, dass meine Gesprächspartner darauf insistieren, ich solle nicht die Lehre der Katholischen Kirche referieren, sondern lieber darüber sprechen, wie ich das "selbst sehe". Insgeheim frage ich mich dann gern, was denn so interessant daran wäre, was ich denke oder glaube, wenn es nicht zugleich die Gedanken und der Glaube "meiner" Kirche wäre; aber vermutlich steckt hinter diesem Einwand letztlich nur die Probe aufs Exempel, ob ich "das alles" denn wirklich "selber glaube". Eine Frage, die ich schon um meiner selbst willen durchaus ernst nehmen sollte.

Nun will ich hier aber nicht den Eindruck erwecken, als ob Bekehrungen meinen Weg pflasterten und meine offizielle Erhebung zum Schutzheiligen der Cocktail-Happy-Hour nur noch eine Frage der Zeit sei. Ich bilde mir durchaus nicht ein, mit dem hier beschriebenen "Kneipenapostolat" mehr erreichen zu können, als den einen oder anderen Denkanstoß zu geben, und wenn einer meiner Gesprächspartner bei der nächsten Begegnung noch einmal auf einzelne Punkte des vorangegangenen Gesprächs zurückkommt, betrachte ich das schon als ein sehr gutes Ergebnis. Es gibt natürlich auch ganz andere Fälle - solche nämlich, in denen Kneipengäste, die irgendwie aufschnappen, dass man Christ und, schlimmer noch, sogar katholisch sei, einem ungefragt ihr geballtes Halb- und Falschwissen über die finstersten Episoden der Kirchengeschichte vor den Latz knallen müssen. In den meisten Fällen sind solche Ansprachen es nicht wert, darauf einzugehen, aber schmerzlich ist es, wenn sie von Personen kommen, die ansonsten einen durchaus sympathischen und vernunftbegabten Eindruck machen. Unlängst hatte ich ein Erlebnis dieser Art mit einer jungen Dame, die mitten im Gespräch erfuhr, dass ich katholisch bin, und darauf schwer irritiert reagierte: Sie hielt mir zunächst die kriminellen Machenschaften der Vatikanbank und gleich darauf die Kreuzzüge vor, woraufhin ich es für geraten hielt, das Gespräch abzubrechen - ich sah, nicht zuletzt angesichts des erreichten Grades von "Niederschwelligkeit", keine realistische Chance, das Gespräch auf eine sachliche und konstruktive Ebene zu bringen. Gleichzeitig mag ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass das im Einzelfall vielleicht doch mal möglich ist. Ich habe mir daher vorgenommen: Wenn zukünftig das Gespräch auf die Kreuzzüge kommt, frage ich mein Gegenüber als erstes: "Was genau weißt du über die Kreuzzüge, und was genau kritisierst du an ihnen?". Und dann bin ich gespannt, was kommt...

Eine weitere Schwierigkeit beim Kneipenapostolat ist: Man mag ein noch so gutes Gespräch mit einem oder zwei Sitznachbarn führen, es wird immer (oder immer mal wieder) Dritte oder Vierte geben, die Brocken davon aufschnappen und sich dadurch gestört fühlen. Die dann vielleicht nicht unbedingt mit antireligiöser oder antiklerikaler Polemik und Trollerei in die Unterhaltung einsteigen, aber bzw. sondern es ganz einfach als Zumutung empfinden, ein solches Gespräch mitanhören zu müssen, noch dazu abends in einer Kneipe. Diskussionen darüber, ob es guter Stil sei, als Unbeteiligter ein Gespräch zu stören, weil man davon nichts hören will, sind in solchen Momenten nicht ratsam. Derart allergische Reaktionen auf religiöse Gesprächsthemen geben mir immer erheblich zu denken - und die gibt es ja auch durchaus nicht nur in Kneipen. Sie scheinen mir vielmehr charakteristisch für einen Typus von sich selbst tolerant wähnenden Nichtreligiösen: "Von mir aus kann jeder glauben, woran er will, aber lasst mich damit in Ruhe." Dieses Bedürfnis nach In-Ruhe-gelassen-Werden, wenn wir es einmal beim Wort nehmen, lässt im Grunde auf eine tief greifende Beunruhigung schließen - etwa darüber, dass an dem Glauben der Anderen womöglich doch was dran sein könnte...? Darüber ist nicht zu spotten, im Gegenteil, man sollte das sehr ernst nehmen; aber es liegt auf der Hand, dass die betreffenden Menschen tendenziell noch unzugänglicher sind als der glühendste Atheist und Kirchenfeind.

Zum Abschluss sei noch eine weitere Erfahrung erwähnt, die man machen kann, wenn man sich nicht scheut, seinen Glauben auch in der Kneipe zu bekennen: die Erfahrung nämlich, dass man als gläubiger Christ nie ganz so allein ist, wie man manchmal glaubt. Nicht einmal am Tresen einer Bar in Prenzlauer Berg. In einer berüchtigten Absackerkneipe, wo man meist erst hingeht, wenn alle anderen Bars in der Nähe schon geschlossen haben, habe ich mal einen aus Südamerika stammenden Katholiken kennengelernt - wir lachten sehr, als wir einander die Rosenkränze zeigten, die wir in unseren Jackentaschen trugen -, und als ich ihn Mitte März wieder traf, erzählte er mir, er habe vor Freude geweint, als Kardinal Bergoglio zum Papst gewählt worden sei. Und in meiner oben bereits erwähnten Stammkneipe ergab sich unlängst eine bemerkenswerte ökumenische Gesprächssituation: Die junge Dame hinter der Theke gab sich als gläubig evangelisch zu erkennen und mein Sitznachbar als Aramäer, also als Angehöriger der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien - einer Konfession, über die ich bislang buchstäblich nichts gewusst hatte, schon gar nicht, dass es sie in Berlin gibt. Ist aber so: Die Aramäer haben eine Kirche im Stadtteil Tiergarten, unmittelbar neben dem Wintergarten-Varieté. Ich schätze, da geh' ich mal hin - nächstes Wochenende zum Beispiel, wenn dort Ostern gefeiert wird. Bericht folgt...!

8 Kommentare:

  1. Es ist natürlich klar, dass ich dazu etwas sagen muss, da ich, allein schon durch die Überschrift wußte, das die Situation von Dir beschrieben wird: Es war nicht abends in der Kneipe, sondern morgens um halb vier. Du hast eine nicht zu überhörende Stimme, da kann man sich noch so bemühen dein Gespräch nicht zur Kenntnis zu nehmen. Es mag kein guter Stil sein ein Gespräch, dass so laut ist, dass man es zur Kenntnis nehmen MUSS zu unterbrechen, aber ich habe mich belästigt gefühlt und das habe ich dann nach einer gewissen Zeit der Erduldung zum Ausdruck gebracht. Auf Deine weiteren Ausführungen bezüglich Toleranz und Beunruhigung möchte ich nicht weiter eingehen. Dann werde ich mich jetzt für meine Unhöflichkeit - ein mich morgens um halb vier nervendes Gespräch unterbrochen zu haben - in aller Form entschuldigen.

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    1. So persönlich - und so speziell auf diese eine Situation bezogen - war das gar nicht gemeint... Der Hinweis auf Lautstärke und Uhrzeit ist natürlich richtig (meine weit tragende Stimme hat mir schon zu Schulzeiten oft Ärger eingehandelt). Insofern hätte ich ebensogut Anlass, mich zu entschuldigen.

      Insgesamt, und besonders bei den Stichworten "Toleranz" und "Beunruhigung", hatte ich bei meinen Anmerkungen aber noch ganz andere Erlebnisse (mit anderen Personen) im Hinterkopf...

      (Alles Weitere gern mal mündlich. Nicht um halb Vier und nicht so laut - versprochen.)

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  2. Könnte man auch einfach und kurz sagen "man selbst sein", sich nicht verstecken?

    Ich selbst empfinde meine (halbwegs regelmäßigen) gespräche mit jemandem aus der "Parallelwelt" auch als für mich bereichernd, ich hinterfrage nämlich dabei auch. Und "damals", ider wilden alten zeit, habe ich mich bei VoKü-Besuch auch bekreuzigt vor dem Essen. Gab seltsame Blicke, aber sonst nichts. Hat wahrscheinlich keiner begriffen :-)

    Ansonsten: Subversiv bleiben :-)

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  3. Ich freu mich schon auf den Artikel zum aramäischen Osterfest. :-)

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    1. Damit ist es dann wohl amtlich, dass ich da hin "muss"... ;)

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    2. Na, mal sehen, ob Fotografieren möglich (sprich: erlaubt) ist...

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  4. Schutzheiliger der Cocktail-Happy-Hour :-DDDDD so. DAS hat jetzt meine bereits in den letzten Zügen hechelnd am Boden liegende Lernmotivation wiederbelebt. Danke! :-D

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