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Montag, 26. Juli 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #8 (17. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Nachdem ich den Montag - während Frau und Kinder im Tierpark waren - planmäßig überwiegend damit verbracht hatte, an der Nr. 6 der Lebendigen Steine zu arbeiten, ließ ich mich gegen Abend durch einen Hinweis aus dem Umfeld von "Maria 1.0" dazu verleiten, mich in eine Diskussion auf der Facebook-Seite von häretisch.de einzuschalten; das brachte zwar Verdruss mit sich, versorgte mich aber immerhin mit Stoff für einen Blogartikel, den ich gleich am nächsten Tag 'raushaute und der sich schnell zu einem der meistgelesenen (und zum mit Abstand meist-kommentierten) Artikel des laufenden Jahres auf meinem Blog mauserte. -- Übrigens war der wöchentliche "Omatag" diesmal auf den Dienstag gelegt worden, was dazu führte, dass ich nicht mitkonnte, da ich Kirchenschließdienst hatte und auch die Lobpreisandacht nicht ausfallen lassen wollte. Aber so hatte ich den zweiten Tag in Folge tagsüber sturmfreie Bude und wusste diese Zeit auch gut zu nutzen. Eine alte Dame aus der Kirchengemeinde, die so gut wie jede Woche zum Lobpreis kommt und da dann auch immer einige Gebete vorträgt, erzählte mir am Abend, sie habe bei dem schönen Wetter fünf Stunden lang am See gesessen und habe dort den Rosenkranz gebetet -- und zwar auch für mich und meine Familie. Ich war ausgesprochen gerührt. 

Der für Mittwoch geplante Büchereiprojekt-Arbeitseinsatz fiel aus, weil mein Mitstreiter kurzfristig verhindert war; also verbrachte ich den Tag fast zur Gänze mit meiner Familie, was auch mal gut und wichtig war.

Übrigens hatte ich inzwischen herausgefunden, dass es das neue Hygienekonzept für die Nutzung der Gemeinderäume unserer Pfarrei online gibt; ich ging am Donnerstag aber trotzdem ins Pfarrbüro, um noch ein paar Detailfragen zu klären, und das Ergebnis lautet, dass meine Liebste und ich als erste unserer pandemiebedingt auf Eis gelegten Veranstaltungsreihen den Krabbelbrunch wieder aufleben lassen werden -- ab dem 21. August, vorausgesetzt, es gibt bis dahin keine erneuten Verschärfungen der Coronaregeln. 

Nachdem ich vom Pfarrbüro zurück war, bereitete ich einen Süßkartoffel-Lachs-Auflauf mit Pak Choi zu, um ihn am Abend zur Community Networking Night im Baumhaus mitzunehmen. Da sollte es nämlich Potluck geben, hatte Scott gesagt. (Komisch eigentlich, dass die deutsche Sprache kein präzise passendes Äquivalent für diesen Begriff aufzuweisen hat, pder höchstens "Mitbringbuffet", was aber irgendwie nicht so griffig klingt.) Als wir gegen 18 Uhr mit beiden Kindern am Baumhaus ankamen, zeigte sich allerdings, dass wir falsch informiert waren: Potluck war abgesagt,  stattdessen war vorgesehen, sich einfach auf Klappstühlen vor dem Haus zusammenzusetzen, mit Getränken, aber ohne Essen; außerdem sollte es erst um 19 Uhr anfangen, wir waren also erheblich zu früh dran. Aber nun hatten wir nun mal diesen leckeren Auflauf dabei, also aßen wir den auch -- an einem vors Haus gestellten Klapptisch, mit vom Baumhaus zur Verfügung gestelltem Geschirr und Besteck. Besonders viele Leute tauchten auch nach 19 Uhr nicht auf, auch Scott war nicht da, aber wir unterhielten uns trotzdem gut - vor allem mit der Baumhaus-Mitbegründerin Karen -, und irgendwie war es schön und inspirierend, einfach dort zu sein. Zum krönenden Abschluss bekamen wir eine Tüte SoLaWi-Bio-Gemüse geschenkt, das im wahrsten Sinne des Wortes bestellt und nicht abgeholt worden war. 

Am Freitag machte ich aus einem Teil dieses Gemüses - gelbe Zucchini, rote Bete, Puffbohnen - ein leckeres vegetarisches Pfannengericht und dachte dabei daran, dass es eigentlich schön wäre, mal wieder mehr Foodsaving zu machen. Aber wahrscheinlich muss das warten, bis unser Jüngster ein bisschen größer und nicht mehr ganz so "betreuungsintensiv" ist... 


Was ansteht: Irgendwie geht mein innerer Kalender falsch -- ich muss mich permanent daran erinnern, dass die gerade begonnene Woche noch nicht die erste Augustwoche, sondern die letzte Juliwoche ist. Damit einher geht das Gefühl,  über die erste Augustwoche gäbe es mehr Interessantes zu sagen, aber das werden wir dann wohl im nächsten Wochenbriefing sehen. In dieser Woche gilt es jedenfalls erst einmal, der neuen Ausgabe der "Lebendigen Steine" den letzten Schliff zu verpassen, damit spätestens am Samstag die Online-Ausgabe hochgeladen werden kann und nach Möglichkeit auch die gedruckte Auflage bis dahin vorliegt. Heute am frühen Nachmittag steht außerdem ein über das kindergartenfrei-Netzwerk arrangiertes Treffen mit ein paar anderen Familien mit Kindern im Alter unserer Kinder auf dem Programm; morgen, Dienstag, ist natürlich wieder Lobpreis und am Mittwoch voraussichtlich der nächste Büchereiprojekt-Arbeitseinsatz; und am Donnerstag? Wieder Baumhaus? Na, mal sehen. Derweil ist für Freitag nach der Abendmesse kurzfristig eine Sitzung des Lokalausschusses unserer Kirchengemeinde anberaumt worden -- um darüber zu entscheiden, ob ein zunächst nur zur Probe aufgestellter neuer Opferkerzenständer dauerhaft behalten werden soll. Persönlich bin ich in dieser Frage relativ leidenschaftslos und wäre eigentlich geneigt, es für etwas unverhältnismäßig zu halten, dass es dafür eine Sondersitzung gibt -- aber andererseits ist gerade der Umstand, dass dieses Thema so wichtig genommen wird, ein Indiz dafür, dass es dabei um mehr geht, als es auf den ersten Blick scheint, und deshalb werde ich wohl hingehen - und nach Möglichkeit, zur seelischen Stärkung, vor der Messe noch zur Anbetung. Und damit ist die Woche dann auch wohl schon ziemlich "voll"... 

Linktipps spezial: Traditionis Custodes 

Ich hatte es vorige Woche schon angekündigt: Die strikte Regulierung und Einschränkung der Feier der Liturgie nach dem Römischen Messbuch von 1962 - die durch das Motu Proprio "Summorum Pontificum" Papst Benedikts XVI. aus dem Jahr 2007 als "außerordentliche Form des Römischen Ritus" anerkannt und zugelassen worden war - durch ein neues Motu Proprio von Papst Franziskus mit dem Titel "Traditionis Custodes"  ist ein Thema, das hier schlechterdings nicht übergangen werden kann, auch wenn es "eigentlich nicht so meine Baustelle" ist. Hätte ich mich schon im vorigen Wochenbriefing dazu geäußert, hätte ich wohl kaum mehr tun können, als einen subjektiven ersten Eindruck wiederzugeben, der in etwa gelautet hätte: Okay, ich halte dieses Motu Proprio für unklug und auch und gerade in Hinblick auf die Ziele, denen es angeblich dienen will (Stichwort: Einheit der Kirche) für kontraproduktiv; aber so ein bisschen übertrieben finde ich das Heulen und Zähneklappern der Tradis nun doch auch. Da wird ja geradezu so getan, als wäre die außerordentliche Form des Römischen Ritus in Bausch und Bogen verboten worden, und das stimmt ja nun so nicht. -- Mir war allerdings durchaus bewusst, dass dieser erste Eindruck nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss war, und inzwischen habe ich genug unterschiedliche Stellungnahmen zu Traditionis Custodes und den zu erwartenden Folgen zur Kenntnis genommen, dass ich mir zutraue, in der Rubrik "Linktipps" ein einigermaßen differenziertes Bild der Lage zu präsentieren. Vor Wut schäumende Ultra-Tradis kommen dabei allerdings ebensowenig zu Wort wie der liberale Mob, der das Motu Proprio hämisch beklatscht. 

Die erste Stellungnahme eines mir bekannten "Netzkatholiken", die ich überhaupt zu diesem Thema zur Kenntnis nahm -- und eine, die mir spontan sehr sympathisch war. Comiczeichner und Familienvater Micah Murphy betont gleich einleitend, dass er einerseits selbst ein Anhänger der außerordentlichen Form ist, andererseits aber eine bestimmte Sorte "radikaler Traditionalisten" sehr kritisch sieht. Er kreidet der traditionalistischen Bewegung innerhalb der Kirche an, sie habe es a) versäumt, ihre Gemeinschaften zu Vorbildern in Sachen Nächstenliebe und Gerechtigkeit zu machen - wodurch sie für eine größeren Zahl von Gläubigen hätte attraktiv werden und auch die Bischöfe für sich hätte einnehmen können -, und habe es b) zugelassen, dass ihr Bild in der Öffentlichkeit von extremistischen, oft ungehorsamen Klerikern dominiert werde, deren Ansichten vielfach in Widerspruch zum Glauben stehen. Dadurch, meint Murphy, hätten die Traditionalisten die harten Maßnahmen des Motu Proprio "Traditionis Custodes" zu einem gewissen Grad selbst verschuldet: 

"Papst Benedikt hat uns [mit "Summorum Pontificum"] eine Möglichkeit eröffnet, eine Renaissance des katholischen Glaubens und der katholischen Kultur zu initiieren, und eine lautstarke Minderheit hat's verbockt." 

Ich ahne hier den Einwand, das sehe nach victim blaming aus, aber ich schätze, Micah Murphy würde erwidern, die eigentlichen Opfer seien diejenigen Gläubugen, die in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus ihre spirituelle Heimat gefunden haben, ohne deswegen zu der beschriebenen Sorte radikaler Traditionalisten zu gehören, und die nun ohne eigenes Verschulden unter dem Motu Proprio und seinen Folgen zu leiden haben. So oder so ist bemerkenswert, wie Murphys Essay weitergeht

Murphy geht davon aus, dass die Umsetzung der Bestimmungen von "Traditionis Custodes" auf diözesaner Ebene dazu führen wird, dass die altrituellen Gemeinschaften an die Ränder des kirchlichen Lebens gedrängt werden, "in kleine, abgelegene Kapellen" -- und rät dazu, dies "als eine Art Exil" zu akzeptieren, "das Gott vielleicht dazu nutzt, die Herzen der Gläubigen zu läutern. Wenn wir uns in Demut diesem Exil unterwerfen und danach streben, uns zu heiligen, wird Gott viel Gutes aus alledem erwachsen lassen." 

Ich würde sagen, der Kontrast zu manchen wütenden Reaktionen, die bis zu groben Beschimpfungen des Papstes reichen, ist augenfällig, und es mag sich jeder selbst ein Urteil darüber bilden, welche Haltung fruchtbarer und einem Christen angemessener ist. (Ja, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, christliche Demut zu zeigen, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Eben drum.) 

Micah Murphy macht im Folgenden sechs konkrete Vorschläge, wie die Freunde der traditionellen Liturgie das "Exil", das ihnen durch "Traditionis Custodes" auferlegt wird, in ihrem eigenen Interesse und zu ihrem eigenen Heil nutzen können und sollten; ich will sie hier nicht einzeln aufzählen - schließlich verlinke ich den Artikel hier, damit Du ihn selber liest, Leser! -, finde diese sechs Punkte aber durchweg sehr bedenkenswert. 

Durch einen Link auf Facebook bin ich auf diesen Essay des 2018 verstorbenen Philosophen Robert Spaemann aufmerksam gemacht worden, in dem dieser sich kritisch mit der oft unreflektierten Verwendung von Kategorien wie "fortschrittlich", "konservativ" etc. im kirchlichen Kontext auseinandersetzt: 
"Einige dieser Begriffe werden gern zur Selbstkennzeichnung benutzt, andere als Waffe gegen andere. Alle diese Worte haben es an sich, zweideutig und erklärungsbedürftig zu sein. Wer sie ohne Erläuterung benutzt, klärt in der Regel nicht auf, sondern treibt Propaganda und fischt im Trüben." 

Wenn die Rede vom "Fortschritt" in der Kirche überhaupt einen Sinn haben soll - so argumentiert der Philosoph -, dann muss dieser Fortschrittsbegriff sich am Maßstab Christi ausrichten, muss Fortschritt verstanden werden als ein Fortschreiten (d.h. Voranschreiten) auf Christus hin. "Die fortschrittlichsten Christen sind deshalb die Heiligen." -- Ein äußerst lesenswerter und hochgradig zitierwürdiger Essay, auf den ich mich sicherlich schon öfter bezogen haben würde, wenn ich ihn denn schon gekannt hätte. Der Zusammenhang mit dem Thema "Traditionis Custodes" wird offensichtlich, wenn Spaemann schreibt: 

"Es gibt ein gutes und zuverlässiges Kriterium für die Legitimität einer Liturgiereform, nämlich ob sie begleitet ist von Ehrfurcht und Liebe zur überlieferten Gestalt der Liturgie. So war es mit der tridentinischen Reform Pius' V: alle Riten der lateinischen Kirche, die älter als 150 Jahre waren, durften weiter bestehen, wurden mit Liebe weiter gepflegt und bestanden teilweise bis vor 20 Jahren. Das Verbot des tridentinischen Ritus ist es, das die Legitimität des reformierten unvermeidlich ins Zwielicht geraten ließ. Warum wird nicht die Gegenwart der alten Gestalt der heiligen Messe in jeder Stadt mit Dankbarkeit und Liebe gerade von denen begrüßt, die die neue feiern? Warum wird nicht jeder Priesteramtskandidat von seinen Oberen ermuntert, diese Gestalt von innen heraus kennenzulernen, um an ihr Maß zu nehmen für seine eigene Zelebration?"
Wozu ich nicht viel mehr zu sagen weiß als: Tja

Der US-amerikanische Journalist und Buchautor George Weigel ist ein prominents Sprachrohr eines "neokonservativen" Katholizismus: ein Anhänger des großen Projekts des Hl. Johannes Paul II., die "progressiven" Impulse des II. Vatikanischen Konzils in Kontinuität zur überlieferten katholischen Lehre zu interpretieren und somit in die Tradition der Kirche einzubinden. Folgerichtig eröffnet er seine Stellungnahme zu "Traditionis Custodes" mit einer scharfen Abgrenzung vom radikalen Traditionalismus -- schärfer als nötig gewesen wäre, scheint mir. Er stößt damit eine Menge Leute vor den Kopf, die er andernfalls - was den weiteren Verlauf seiner Ausführungen angeht - auf seiner Seite haben könnte. Okay, zugegeben, das mache ich auch manchmal ganz gern. Trotzdem: Der Auffassung zu widersprechen, "das Überleben des Katholizismus hinge von der Wiedereinführung der Stufengebete und des Schlussevangeliums ab", ist sicherlich legitim, aber diese Auffassung als "lächerlich" zu bezeichnen, ist unnötig beleidigend. Und so gern ich Weigel darin zustimme, dass er die Vorstellung zurückweist, "die Liturgiekonstitution des Konzils und deren Umsetzung seien das Ergebnis der Ränke von Freimaurern, Kommunisten und homosexuellen Klerikern": Ist es wirklich nötig, dass er seinen persönlichen "Standpunkt in den Liturgiekriegen" mit dem Satz "I am a Novus Ordo Man" beschreibt? -- Wollen wir eins bitte ein für allemal klarstellen, Leser: In der Bezeichnung "Novus Ordo" für die mit dem Messbuch von 1970 eingeführte ordentliche Form des Römischen Ritus ist impliziert, die Liturgiereform sei das Ergebnis einer Freimaurerverschwörung. Also tut mir den Gefallen und verwendet diese Bezeichnung nicht, es sei denn, Ihr wollt genau das damit aussagen

Aber das nur nebenbei. Was sagt George Weigel denn nun, nach dieser Einleitung, über das Motu Proprio "Traditionis Custodes"? Er sagt, dieses Papstschreiben sei 

"theologisch inkohärent, in pastoraler Hinsicht spaltend, unnötig, grausam -- und ein bedauerliches Beispiel für die liberale Schikaniererei, die man in jüngster Zeit aus Rom nur allzu gewohnt ist". 

Whoa. Der Mann schreibt seine Kommentare eher mit dem Vorschlaghammer als mit dem Florett. Aber ich kann nicht behaupten, dass mir das nicht gefiele. Würde mir wohl auch keiner abkaufen. -- Weigel bekräftigt, sicherlich gebe es unter den Anhängern der außerordentlichen Form solche, die sich "als alleinigen Heiligen Rest inmitten einer verfallenden Kirche" betrachten, und gerade online sei diese Fraktion unangenehm präsent; es sei jedoch "empirisch unhaltbar" und sogar "verleumderisch", zu unterstellen, ein solcher "spalterischer Überlegenheitsdünkel, verbunden mit einer ideologisch motivierten Ablehnung des II  Vaticanums", sei "die neue Normalität für Jene, die die Liturgie nach dem Messbuch von 1962 feiern möchten". 

Besonders der letzte Absatz von Weigels Stellungnahme hat es in sich. Dem "progressiven" Katholizismus attestiert er einen "autoritären Zug", einen "Hang zum Schikanieren und Einschüchtern"; daraus spreche "Ungeduld und möglicherweise auch ein Mangel an Zutrauen zu den eigenen Plänen und Argumenten". Unter dem gegenwärtigen Pontifikat habe dies zu einer "extremen Auffassung päpstlicher Autorität" geführt: "Weltkirchlich ist das nicht gut aufgenommen worden, und das dürfte merkliche Auswirkungen auf die nächste Papstwahl haben." Na, wollen wir's hoffen. 

Das (für diesmal) letzte Wort in der Debatte gönne ich Bloggerkollegin Anna von "Katholisch ohne Furcht und Tadel". Ihr grundsätzlicher Befund stimmt wesentlich mit demjenigen Weigels überein: "Die Argumentation ist unlogisch [...], die Anklage gegenüber Gläubigen und Priestern, die der Außerordentlichen Form des Römischen Ritus verbunden sind, ist so ungerecht, dass auch Menschen, die selber gar nicht in die Lateinische Messe gehen, den Stoß vor den Kopf spüren." Vor allem aber wundert sich die Verfasserin darüber, dass der Papst sich ohne Not eine Gruppe von Gläubigen zu Feinden macht, die zu seinen treuen Anhängern zählen könnten, wenn er sie nur ließe. Als ein besonders fatales Signal betrachtet sie es, dass das Vorgehen des Papstes beweise, dass er "jeden einzelnen liturgischen Missbrauch, dem wir Tag für Tag und Sonntag für Sonntag ausgesetzt werden, rigide verfolgen könnte, wenn er denn wollte" -- dass seine Prioritäten aber offenbar andere sind: 
"Während allerorten Teile des Ordinariums weggelassen, Einsetzungsworte verändert werden, der Priester unverfroren den Gläubigen 'Brot und Wein zur Stärkung auf unserem Lebensweg' anbietet statt 'das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt', wo Messtexte als bloße Anregung verstanden werden etc. etc.: Während all dies ohne jegliche Sanktion geschehen kann, zerschlägt der Heilige Vater mit einer Unterschrift jahrzehntelange Mühen, Leiden, Schmerzen, die Bereitschaft, sich als Außenseiter diffamieren zu lassen, Argwohn zu ertragen, vielfach am Sonntag viele Kilometer Anreise auf sich zu nehmen, tausendfachen persönlichen Einsatz der Gläubigen für eine würdige Liturgie."

Gleichwohl möchte Bloggerkollegin Anna ihren Artikel "nicht ohne hoffnungsfrohe Note" schließen. Wenn sie hevorhebt, sie habe in den Reaktionen auf "Traditionis Custodes" "nirgends Häme oder Zorn, nur Trauer, Bestürzung, Verblüffung" wahrgenommen, muss ich indes sagen: Das ist beneidenswert, aber da hast du offenbar einen entschieden anderen Ausschnitt aus der Debatte wahrgenommen als ich. Was die abschließende Prognose angeht, "dass die ordentliche Liturgie nun noch schneller erodieren und an Attraktivität verlieren wird", möchte ich anmerken, dass ich das keineswegs für zwingend halte. Denkbar wäre es doch immerhin, dass, wenn unter den Teilnehmern der "normalen" Gemeindemessen auf Pfarreiebene der Anteil derer steigt, die eigentlich lieber in eine Messe in der außerordentlichen Form gegangen wären, wenn sie gekonnt hätten, dadurch auch der Druck auf die Priester steigt, die ordentliche Form des Römischen Ritus eben ordentlich zu zelebrieren und nicht unordentlich. Und das wäre doch schon mal was. 


Ohrwurm der Woche: Bangles, "In Your Room" (1988) 

Hach ja, die Bangles. Angesichts der Tatsache, dass sie den größten Hit ihrer Karriere ausgerechnet mit der Über-Schnulze "Eternal Flame" hatten, vergisst man ja leicht, dass die Bangles eigentlich eine richtige Rockband waren. Ursprünglich wollten sie mal das weibliche Pendant zu Led Zeppelin werden. Hier hört man's noch ein bisschen. 

.....Der Song ist vom selben Album wie "Eternal Flame". Schockierend, oder? 


Aus der Lesehore: [*] 

Höchsten und umfassenden Dank müssen alle Menschen dem großen und guten Gott sagen, weil er uns das unsagbar hohe Geschenk der Offenbarung seines Wortes gab und weil er uns dadurch eine heilsame Speise der Seele schenkte. Wenn wir rs entbehren müssten, dann führten wir das elendeste Leben, wir Wanderer in der Wüste dieser Welt. Wir wären wie Schafe ohne Hirten. Wir wären wilden Wölfen ausgeliefert. Kindern glichen wir, die ohne Brot sind und vom Hunger überwältigt werden. Wir würden in die Irre gehen oder wahnhaften Vorstellungen verfallen. Wir würden nicht durchschauen und erreichen können, was zum guten und seligmachenden Leben gehört oder was dem Menschen not tut. 

(Hl. Petrus Canisius, "Über die neuen Verderbnisse des Wortes Gottes") 

[* Da die liturgischen Texte vom Montag der 17. Woche im Jahreskreis dieses Jahr vom gebotenen Gedenktag des Hl. Joachim und der Hl. Anna, Eltern der Gottesmutter Maria, verdrängt werden, ist dieser Text eigentlich gar nicht "dran"; ich finde ihn aber so schön und so passend, dass ich beschlossen habe, ihn trotzdem zu bringen.

Dienstag, 20. Juli 2021

Eine Vorschule des Priestertums

Gestern Abend habe ich mich dazu verleiten lassen, mich in eine Diskussion auf der Facebook-Seite von häretisch.de einzuschalten. Sollte man eigentlich nicht machen, tja, das hab ich jetzt davon. Aufhänger für die Diskussion war ein Artikel darüber, dass die CSU-Politikerin Dorothee Bär, Digitalstaatsministerin im Bundeskanzleramt, früher mal Messdienerin werden wollte und nicht durfte und dass sie deshalb (?) der Meinung ist, "Bewegungen wie 'Maria 2.0'" sollten "nicht abgetan" werden, schließlich müsse die Kirche zusehen, dass sie nicht "den Anschluss an die Menschen des 21. Jahrhunderts verliere". Das Übliche also. In den Kommentaren äußerte eine Friseurmeisterin aus Brandenburg an der Havel, in ihrer Gemeinde seien Ministrantinnen "ungefähr ab 1990 erlaubt", und inzwischen stünden "[o]ft [...] ausschließlich Mädchen am Altar!!!". -- Die drei Ausrufezeichen hätte man nun natürlich so und so verstehen können, aber da darauf noch drei Applaus-Emojis folgten, musste man wohl davon ausgehen, dass die Dame den geschilderten Sachverhalt für etwas Gutes hält. Da konnte ich mich dann doch nicht zurückhalten, zu erwidern: 
"Und genau das ist das Problem." 
Die Reaktionen, die ich mit diesem Kommentar erntete, bestanden aus einer bunten Mischung von Lach- und Wut-Smileys und der indignierten Rückfrage, was daran denn wohl ein Problem sein solle. Ich erklärte daraufhin, ich hielte das für offensichtlich: 
"Wenn die Mädchen die Jungen aus dem Ministrantendienst verdrängen, braucht man sich über ausbleibenden Priesternachwuchs nicht zu wundern."
Weitere Lach- und Wut-Smileys waren die Folge, dazu ein paar Antwortkommentare, deren Verfasser mehr oder weniger subtil andeuteten, dass sie meine These (und somit mich) für dumm hielten. (Dunning-Kruger-Effekt, sag ich da mal nur.) Heute morgen erhielt ich dann erstmals einen sachbezogenen Antwortkommentar. Von einem Priester. Einem, der auf Facebook als "Top-Fan" von häretisch.de geführt wird, aber immerhin ein echter Priester, der auf seinem Profilbild sogar Kollar trägt. Und was schreibt der so? 
"[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig. Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein. Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht. Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Nun ja, sagen wir so: Immerhin eine sachbezogene Antwort. Immerhin ein Versuch, mit Argumenten auf Argumente zu antworten. Das ist, wie man am Gesamtverlauf der Diskussion ablesen kann, in diesem Forum schon selten und daher beachtlich genug -- und verdient daher auch eine entsprechende Antwort. 

Symbolbild: Messdiener in der Kirche St. Robert Bellarmin, Jones, Oklahoma, 2020 (Bildquelle und Lizenz hier).

Also, der Reihe nach: 

  • "[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig." 
Sicherlich sind sie das, und das ist auch gut so. Dennoch dürfte es auf der Hand liegen, dass manche Berufungswege, sagen wir mal, "typischer" sind als andere. Und wenn man solche typischen Berufungswege verbaut (oder jedenfalls erschwert), sollte man sich nicht darüber wundern, wenn es im Ergebnis weniger Berufungen gibt
  • "Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein."
Das nennt man anekdotische Evidenz. Um mal von meiner eigenen Fachrichtung zu sprechen: Es gibt auch Menschen, die als Kind nicht gern gelesen haben und später trotzdem Literaturwissenschaftler geworden sind. Solche Fälle sind exakt deshalb erwähnenswert, weil sie die Ausnahme sind. Das heißt, sie verweisen dialektisch darauf, dass es normalerweise anders ist. Es gibt sogar ein altes deutsches Sprichwort, das diesen Sachverhalt beschreibt; es lautet: "Ausnahmen bestätigen die Regel"
  • "Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht." 
Das bin ich auch. In meiner Pfarrgemeinde (die natürlich nur insofern "meine" ist, als ich auf ihrem Gebiet wohne und in ihr ehrenamtlich tätig bin, auch wenn ich den Begriff "Ehrenamt" eigentlich verabscheue) herrscht chronischer Ministrantenmangel, in den Gremien der Gemeinde wird regelmäßig über Gründe und mögliche Abhilfen für dieses Problem diskutiert, aber dass es zu viele Mädchen gäbe, die ministrieren wollen, gehört eindeutig nicht zu den Gründen. Kirchenrechtlich spricht nichts dagegen, dass Mädchen ministrieren, sofern der zuständige Bischof es erlaubt (dazu weiter unten noch eine Anmerkung); persönlich habe ich überhaupt kein Problem damit, dass es Ministrantinnen gibt, und hätte z.B. auch nichts dagegen, wenn meine Tochter, sobald sie alt genug dafür ist, Ministrantin werden wollte. Problematisch wird es aus meiner Sicht erst, wenn - siehe oben - "oft ausschließlich Mädchen am Altar stehen". 
  • "Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester" -- 
Doch. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man das ernsthaft leugnen kann. Zumindest sollte sie das sein, und wenn sie es faktisch nicht ist, sollte man sich vielleicht mal überlegen, was mit der Messdienerausbildung falsch läuft. 
  • "und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Eine bemerkenswert sozialdarwinistische Argumentation, zu sagen, wenn jemand sich aus einer Position verdrängen lasse, sei er für diese Position wohl schlichtweg nicht geeignet gewesen. -- Dass jemand, der sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlt, "nicht unbedingt perfekt geeignet" für die Anforderungen des Priesterberufs ist, ist zweifellos richtig, ist im vorliegenden Kontext aber ein reines Strohmannargument. Immerhin kommen wir hier aber so langsam mal zum Kern der ganzen Debatte: Wieso meine ich, dass Jungen durch Mädchen aus dem Ministrantendienst "verdrängt" werden? 

Nun, zunächst einmal ist es einfach eine empirische Tatsache, die auch dadurch nicht weggeht, dass sie einem nicht gefällt bzw. nicht ins ideologische Konzept passt. In dem Kommentar, auf den ich ursprünglich geantwortet habe, liegt dieser Sachverhalt ganz offen zutage: In den 90ern wurden erstmals Mädchen zum Ministrantendienst zugelassen, heute sind die Mädchen dort deutlich in der Überzahl. Das betrifft nicht nur diese eine Gemeinde, das ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich auch statistisch nachweisen lässt. Und wenn man nur ein bisschen was von Pädagogik und/oder Kinder- und Jugendpsychologie versteht, ist das auch nicht besonders verwunderlich. 

Beachten wir die Altersgruppe, um die es hier geht: Ich wage mal zu behaupten, im Kern haben wir es hier mit Kindern und Jugendlichen zwischen Erstkommunion und Schulabschluss zu tun. Es geht also mit ungefähr zehn Jahren los und geht dann weiter bis ins Teenageralter. Mit anderen Worten, die Entscheidung, Messdiener zu werden oder nicht, findet in den allermeisten Fällen in einem Alter statt, in dem es vollkommen normal ist, seine sozialen Kontakte überwiegend unter Angehörigen des eigenen Geschlechts zu suchen und zu finden. Wo überwiegend Mädchen sind, da gehen auch überwiegend Mädchen hin -- und umgekehrt. 

Hinzu kommt, dass gerade in diesem Alter Mädchen typischerweise ordentlicher, disziplinierter, zuverlässiger und autoritätsbezogener sind als Jungen; und es liegt auf der Hand, dass das alles Eigenschaften sind, die ihnen beim Ministrantendienst zugute kommen. (Aber nicht nur da: In der Pädagogik und der Lehrerausbildung ist die Benachteiligung von Jungen in geschlechtsgemischten Gruppen seit mindestens 50 Jahren ein großes Thema, die Fachliteratur ist voll davon. Könnte man ruhig mal zur Kenntnis nehmen.) 

Die natürliche Folge daraus ist: Wenn man weiterhin auch Jungen im Ministrantendienst haben will, dann muss man sie besonders fördern. Aber vielleicht will man das ja gar nicht. Das würde Einiges erklären. Übrigens nicht nur den Priestermangel: Auch unter den sogenannten "Ehrenamtlichen" oder überhaupt unter den aktiven Gemeindemitgliedern grassiert in der Kirche ein Männermangel. Aber das wäre mal ein Thema für sich. 

Den Zusammenhang zwischen Ministrantendienst und Priesterberufung habe ich mir übrigens nicht ausgedacht, falls das jemand denkt. Schon in der Enzyklika "Mediator Dei" von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 wird die Förderung von Priesterberufungen als ein gewichtiges Argument dafür angeführt, "Knaben aus allen Gesellschaftsklassen [...] unter der wachsamen Aufsicht der Priester" zum Ministrantendienst auszubilden; im Zusammenhang mit der Zulassung von Mädchen zum Ministrantendienst betonte die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 15.03.1994, "dass es immer sehr angemessen sein wird, der edlen Tradition zu folgen, Jungen am Altar dienen zu lassen", da es "wohlbekannt" sei, "dass dies erfreulich zur Entwicklung priesterlicher Berufungen beiträgt"; und die Kongregation für das katholische Bildungswesen hielt noch 2012 in ihren "Pastoralen Leitlinien zur Förderung der Berufungen zum Priesteramt" fest, der Ministrantendienst könne "als ein echter Weg der Öffnung zum Priesterberuf angesehen werden". 

Abschließend, wie angekündigt, noch ein Wort dazu, dass es der Entscheidung des jeweiligen Bischofs obliegt, ob Mädchen ministrieren dürfen oder nicht. Schon bevor ich in der besagten Diskussion bei häretisch.de das Fass mit der "Verdrängung" der Jungen aus dem Ministrantendienst aufmachte, war mir ein Kommentar einer Mitarbeiterin des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" aufgefallen, die ich zwar ausschließlich via Facebook kenne, dort aber schon ein paarmal mit ihr aneinandergeraten bin. Sie schrieb, unter Kardinal Meisner - in seiner Berliner Zeit - hätten Mädchen auch nicht ministrieren dürfen, und seine einzige Begründung dafür sei gewesen "Weil ich das nicht wünsche". Dazu merkte ich an, das sei doch eine vollkommen ausreichende Begründung. Als Reaktion erntete ich diesmal ausschließlich Lach-Smileys. Ich meine das aber ernst. Es steht einem Bischof zu, diese Frage nach eigenem Gutdünken zu entscheiden; und wer das nicht akzeptieren kann oder will, dem fehlt es vielleicht einfach an Demut. Was, etymologisch betrachtet, übrigens nichts anderes bedeutet als "Bereitschaft zum Dienen"

Aber diese Tugend scheint ja innerhalb der "häretisch.de"-Zielgruppe insgesamt nicht so en vogue zu sein. 

Montag, 19. Juli 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #7 (16. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Vorweg möchte ich um Nachsicht bitten, dass ich in diesem Wochen-Briefing nicht auf das neue Papstschreiben "Traditionis Custodes" eingehen werde. Ich bin einfach nicht so der Ansprechpartner für dieses Thema. Vielleicht sag ich nächste Woche was dazu, oder noch besser: Ich plane für nächste Woche ein "Linktipps-Special" zu diesem Thema ein, in dem ich auf die Stellungnahmen von Anderen verweise. Und bis dahin reden wir von was Anderem, ja? 

Zum Beispiel: Am Dienstag fuhr meine Liebste mit den Kindern in den Tierpark, ich gestaltete unsere wöchentliche Lobpreisandacht also allein -- und danach, als ich gerade dabei war, die Kirche abzuschließen, fiel mir schlagartig ein, dass am selben Abend ja das "Teach-In" mit Baumhaus-Mitbegründer Scott Bolden zum Thema "Dynamic Balance and the Inner Commons" anstand. Hätte ich fast vergessen, aber nun fuhr ich da hin -- und das erwies sich als eine sehr gute Entscheidung. Es war eine hübsche kleine Veranstaltung (nur acht Teilnehmer) in idyllischer Atmosphäre -- im Garten des "Panke"-Clubs, zu dem man durch den fünften (!) Hinterhof eines Altbaus im Wedding gelangt. Berlin von seiner schönsten Seite, unironically


Ich fühlte mich ausgesprochen wohl und war einmal mehr sehr angetan von Scotts Charisma; unter dem Thema der Veranstaltung hatte ich mir zunächst ehrlich gesagt nicht sonderlich viel vorstellen können, aber was Scott über das Prinzip der "dynamischen Balance" als Schlüssel zur "persönlichen Nachhaltigkeit" (klingt ein bisschen doof, aber ich wüsste nicht, wie ich "personal sustainability" sonst übersetzen sollte) und letztlich als ein Grundprinzip des Lebens überhaupt zu sagen hatte, fand ich durchaus überzeugend und gar nicht (wie man vielleicht hätte annehmen oder befürchten können) esoterisch-versponnen. Noch mehr galt das für das Konzept der "Inner Commons" (worunter ich mir nun so richtig gar nichts hatte vorstellen können): Scott erläuterte, der Ausgangspunkt seiner Überlegungen sei die Frage gewesen, wie Menschen mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Überzeugungen, unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, unterschiedlichem Glauben etc. sich dennoch verständigen, Konflikte vermeiden und konstruktiv für das Gemeinwohl zusammenarbeiten können. Zu diesem Zweck habe er sich mit verschiedenen Theorien über menschliche Grundbedürfnisse befasst, sei dann aber zu dem Schluss gekommen, dass es zu kurz greife, das Verbindende zwischen den Menschen allein in ihren Bedürfnissen zu suchen; vielmehr müsse es um ein umfassenderes Verständnis menschlicher Grunderfahrungen gehen -- aller Arten von Erfahrungen, die unausweichlich zur conditio humana gehören; und diese Grunderfahrungen sind die "Inner Commons". Eine umfangreiche, aber nicht notwendigerweisr vollständige Liste dieser "Inner Commons", die Scott an die Teilnehmer des Workshops verteilte, umfasst beispielsweise Punkte wie "Neugier", "Angst/Vorsicht", "Anwenden von erlerntem Wissen", "Anzweifeln von Autorität" -- man kann vielleicht erahnen, wo da der Zusammenhang mit der "dynamischen Balance" liegt. -- Scott betonte, es gehe ihm nicht darum, diese "Inner Commons" zu einem hierarchischen System (wie etwa die Maslowsche Bedürfnispyramide) zu ordnen; vielmehr könne man sie sich vorstellen wie einen großen Suppentopf: Im Topf sind zahlreiche verschiedene Zutaten, die alle zusammen eine Suppe ergeben, aber was davon man jeweils gerade auf seinem Löffel hat, kann von Fall zu Fall erheblich variieren. Dieses Bild gefiel mir sehr. 

Freilich könnte man meinen, dieses Konzept sei gar nichts Besonderes und schon gar nicht besonders originell, aber das Schöne ist: Das behauptet Scott auch gar nicht. Im Gegenteil. Dass es nicht originell sei, sei gerade das Gute daran. Es gehe nicht darum, etwas Neues zu erfinden, sondern vielmehr, etwas wiederzuentdecken, das im Grunde immer da war. -- Scott hat vor, demnächst (was auch immer das konkret heißt) ein Buch zu den in diesem Vortrag behandelten Themen zu veröffentlichen. Ich bin sehr gespannt. Wenn das Buch rauskommt, werde ich mir definitiv ein Rezensionsexemplar besorgen und auf meine Leseliste setzen. 

Im Anschluss an die Veranstaltung gab es noch Gelegenheit, einen Blick auf den Stand der Umbauarbeiten im Baumhaus zu werfen: 



Am Mittwoch war wieder "Omatag", und anders als vorige Woche fuhr ich diesmal mit zu meinen Schwiegereltern. Am Donnerstag war dann wieder Arbeitseinsatz fürs Büchereiprojekt, und der war sehr ertragreich: Wir schafften es nicht nur, die Belletristik-, die Kinder- und Jugendbuch-Abteilung sowie den Sonderbereich "religiöse Belletristik" (mit Werken z.B. von Bernanos, Claudel, Gertrud von le Fort, Reinhold Schneider und Franz Werfel) komplett alphabetisch nach Autoren zu sortieren, sondern nahmen auch eine ungefähre thematische Sortierung des Sachbuchbereichs in Angriff. Diese genauer auszudifferenzieren, wird allerdings noch Arbeit machen. 

Im Übrigen mehren sich die Anzeichen dafür, dass unser Jüngster seine ersten Zähne kriegt. Ist eigentlich noch ein bisschen früh dafür, aber sein Verhalten zeigt eindeutig in diese Richtung. Das verheißt unruhige Nächte... 

Was ansteht: Heute ist der offizielle Redaktionsschluss für die Nr. 6 der "Lebendigen Steine", auch wenn im Prinzip nicht viel dagegen spricht, ihn noch um eine Woche zu verschieben; aber immerhin ist die Arbeit am neuen Heft schon ein gutes Stück weiter gediehen als letzten Monat um diese Zeit, und da meine Liebste heute wieder mit den Kindern in den Tierpark will, bin ich optimistisch, im Laufe des Tages noch Einiges zu schaffen. Morgen ist natürlich wieder Lobpreis; für den nächsten Bücherei-Arbeitseinsatz haben Kollege Timo und ich vorläufig den Mittwoch angepeilt. Am Donnerstag soll es zum ersten Mal seit rund eineinhalb Jahren wieder eine "Community Networking Night" im Baumhaus geben, bzw. genauer gesagt draußen vor dem Baumhaus; und da möchte ich schon sehr gern hin, wenn sich's einrichten lässt. Möglichst MIT Frau und Kindern. Und irgendwann im Laufe der Woche will ich mich mal im Pfarrbüro nach der aktuellen Fassung des Hygienekonzepts für die Nutzung der Gemeinderäume unserer Pfarrei erkundigen, um zu sondieren, ob man das Dinner mit Gott, den Krabbelbrunch und/oder den Büchertreff in absehbarer Zeit mal wiederbeleben kann.  Fürs Wochenende habe ich - wieder einmal - keine besonderen Pläne; vielleicht ergibt sich ja noch was, und wenn nicht, ist das vielleicht auch nicht unbedingt schlimm.  


Zitat der Woche: 

Keine Finsternis des Irrtums und der Sünde vermag das Licht des Schöpfergottes im Menschen völlig auszulöschen. In der Tiefe seines Herzens besteht immer weiter die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit und das Verlangen, in den Vollbesitz ihrer Erkenntnis zu gelangen. Davon gibt das unermüdliche menschliche Suchen und Forschen auf jedem Gebiet ein beredtes Zeugnis. Das beweist noch mehr die Suche nach dem Sinn des Lebens. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik ist zwar ein großartiges Zeugnis der Fähigkeit des Verstandes und der Ausdauer der Menschen, befreit aber die Menschheit nicht davon, sich letzte religiöse Fragen zu stellen, sie spornt sie vielmehr dazu an, die schmerzlichsten und entscheidendsten Kämpfe, jene im Herzen und im Gewissen, auszutragen.

(Hl. Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis Splendor, 1) 


Linktipps: 

Verändert die Erfahrung pandemiebedingter Schulschließungen die gesellschaftliche Akzeptanz - und vielleicht sogar die rechtlichen Voraussetzungen - für Homeschooling und/oder alternative Schulformen? Die Frage klang in meinen jüngsten Blogartikeln schon hier und da an, und im Großen und Ganzen bin ich da nicht sehr optimistisch: Mein Eindruck ist eher, dass das Zeitfenster, in dem die Gesellschaft offen für eine solche Debatte gewesen wäre, sich schon wieder geschlossen hat und alle nur noch darauf brennen, die Kinder nach den Sommerferien wieder "normal zur Schule" schicken zu können. Aber eine evangelische Schule im baden-württembergischen Laichingen, von der hier schon einmal die Rede war, will es genau wissen und zieht vor Gericht, um die staatliche Anerkennung ihres am "Uracher Plan" orientiertes Schulmodell zu erstreiten. Dieses Schulkonzept sieht lediglich einen Präsenz-Unterrichtstag pro Woche vor, der dann - wie es im Bericht von SWR Aktuell ohne nähere Erläuterung heißt - "eher Projektunterricht" ist; in der übrigen Zeit sollen die Schüler von zu Hause aus lernen. In den USA ist eine solche Mischung aus Schulbesuch und Homeschooling, die dort als "hybrid schooling" oder "blended learning" bezeichnet wird, nicht unbedingt ungewöhnlich. Im Fall der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Laichingen hingegen hatte das Verwaltungsgericht Sigmaringen Ende Januar 2019 entschieden, ein Präsenztag in der Woche sei zu wenig, um "die staatlichen Erziehungsziele" zu erreichen. Wenn ich so etwas höre, reagiere ich ja prompt allergisch und sage: Ein weltanschaulich neutraler Staat hat überhaupt keine eigenen "Erziehungsziele" zu haben! (Darüber habe ich mich schon in meiner eigenen Schulzeit mit meinen Lehrern gestritten.) 

Die in einem anderen Artikel zum Thema erwähnte Befürchtung des Regierungspräsidiums Tübingen, das Unterrichtskonzept der Dietrich-Bonhoeffer-Schule laufe auf "die Einführung des in Deutschland verbotenen 'Homeschooling' (Hausunterricht) durch die Hintertür" hinaus, erscheint umso abwegiger, wenn man bedenkt, dass der Unterricht an dieser Schule inhaltlich sehr wohl "am Bildungsplan des Landes" orientiert ist, dass die Lehrer "eine anerkannte pädagogische Ausbildung vorweisen" müssen und dass die Schule sich "der Aufsicht der Behörden" unterstellt -- all das erfährt man in einem dem Laichinger Schulprojekt prinzipiell wohlgesonnenen Artikel auf der Website der Evangelischen Landeskirche Württembergs. Die dort betonte scharfe Abgrenzung "zum in Deutschland verbotenen Hausunterricht" mag taktisch durchaus klug sein, aber ich kann nicht leugnen, dass sie meine Sympathie für dieses Schulprojekt eher schmälert. 

Aber wie dem auch sei: Nachdem im Zuge des Corona-Lockdowns der Wechsel vom Präsenz- zum Online-Unterricht bzw. eine Mischung dieser Unterrichtsformen auch an staatlichen Schulen notwendig wurde, rechnet sich die Laichinger Privatschule gute Chancen aus, im Berufungsverfahren am Verwaltungsgerichtshof Mannheim ein günstigeres Urteil zu erhalten. "Man kann nicht an allen Schulen verordnen, Wechselunterricht zu machen und gleichzeitig sagen: Das ist keine richtige Schule", meint Schulleiter Joachim Erz, und: "Die Haltung, dass nur in einem Betongebäude auf unbequemen Stühlen richtig gelernt werden kann, ist überholt". Derweil dämpft ein Sprecher des Gerichts die Erwartungen: Selbst wenn das Gericht "die Genehmigung als Ersatzschule erteilt", werde das "wahrscheinlich aber keine Auswirkungen auf öffentliche Schulen haben"; "Fern- und Wechselunterricht würde eine absolute Ausnahme in der Pandemie bleiben". Na, warten wir's mal ab. Wenn uns die Pandemie eins gelehrt hat, dann ja wohl, wie schnell Ausnahmesituationen zur "neuen Normalität" werden können. 

Schon vorige Woche war an dieser Stelle Einiges über die im Entstehen befindliche Ansiedlung Veritatis Splendor, Texas zu lesen, und ich hatte in Aussicht gestellt, weiter an dem Thema "dranzubleiben". Wie man sich wohl vorstellen kann, interessiert mich besonders die Frage, in welchem Verhältnis dieses Siedlungsprojekt zur Idee der "Benedikt-Option" steht, und folgerichtig war ich entzückt, einen Artikel zu finden, der just diese Frage schon in der Überschrift stellt. Die Antwort, die der Artikel gibt, lautet: Es ist kompliziert. Einerseits urteilt der Verfasser, wer die "Benedikt-Options"-Bewegung aufmerksam verfolge, könne den Eindruck haben, Veritatis Splendor sei "ein Ast vom selben Baum", und er zitiert Rod Dreher mit der Aussage, er wisse zwar nicht viel Konkretes über das Projekt Veritatis Splendor, aber die Grundidee scheine ihm doch sehr auf der Linie der #BenOp zu liegen. Andererseits weist der Artikel darauf hin, dass die Initiatoren des Siedlungsprojekts in Texas sich bemerkenswert scharf von der "Benedikt-Option" distanzieren: Sowohl Kari Beckman, Gründerin und Geschäftsführerin der Trägerfirma Regina Caeli, Inc., als auch Bischof Joseph Strickland von Tyler werden mit der Aussage zitiert, ihre Vision sei geradezu das Gegenteil der #BenOp

Wie das? -- Er sehe das Projekt Veritatis Splendor "nicht als eine 'Wagenburg', sondern eher als eine unterstützende Gemeinschaft", erklärte Bischof Strickland gegenüber dem National Catholic Register, und Kari Beckman teilt mit, ihr gehe es nicht darum, "die Tür zuzumachen und sich zurückzuziehen", sondern vielmehr darum, "Menschen zusammenzubringen und einen Ort zu schaffen, an dem sie von der Wahrheit des Glaubens erfüllt werden, die Liebe zu dieser Wahrheit zu kultivieren und sie der Welt mitzuteilen". Mit anderen Worten, das, wovon Beckman und Strickland sich abgrenzen, ist lediglich eine einseitig verzerrte und missverstandene Version dessen, was die #BenOp angeblich bedeute -- aber gerade durch ihre Distanzierung perpetuieren sie dieses Missverständnis. "Die Vorstellung, bei der Benedikt-Option gehe es darum, vor der Welt davonzulaufen, ist schlichtweg Unsinn", stellt Rod Dreher klar. "Das kann jeder bestätigen, der das Buch gelesen hat." Es sei aber offenbar sein "Fluch", es immer wieder mit "lautstarken Kritikern" zu tun zu bekommen, "die es nicht für nötig halten, ein Buch erst zu lesen, bevor sie es beurteilen". 

Tatsächlich hat es etwas ausgesprochen Tragikomisches, wie Kari Beckman ihre Vorstellungen davon, was Siedlungsprojekte wie Veritatis Splendor für die Bewahrung und Weitergabe des Glaubens leisten können und sollen, in teilweise fast denselben Worten beschreibt, mit denen auch Rod Dreher sein Konzept der "Benedikt-Option" darlegt, dabei aber gleichzeitig betont, mit der #BenOp habe das alles nichts zu tun. -- Offenbar ist diese bemühte Distanzierung im Zusammenhang damit zu sehen, dass Kari Beckman unbedingt vermeiden möchte, dass Veritatis Splendor als "Kommune" oder "Sekte" wahrgenommen wird. Na, das hat ja, wie wir vorige Woche gesehen haben, prima funktioniert. Nicht. 

David Larson schließt seinen Artikel im "Crisis Magazine" mit einem Plädoyer, das man vereinfacht als "Jetzt vertragt euch doch mal, ihr wollt doch eigentlich dasselbe!" wiedergeben könnte; aber angesichts der von Simcha Fisher aufgezeigten Fragwürdigkeiten des Projekts Veritatis Splendor, von denen hier vorige Woche die Rede war, kann ich mich des Gedankens nicht ganz erwehren, man könne im Grunde doch froh sein, wenn Veritatis Splendor mit der #BenOp nichts zu tun haben möchte... 

Ebenfalls im Zusammenhang mit der Kritik an dem Unternehmen "Veritatis Splendor" ist mir die Frage durch den Kopf gegangen, wie es wohl kommen mag, dass, wenn in öffentlichen Debatten vor sektiererischen und sezessionistischen Tendenzen in Religionsgemeinschaften gewarnt wird, selten, wenn überhaupt je, auf das wohl drastischste Beispiel für das katastrophale Scheitern eines utopischen Gemeinschaftsprojekts eingegangen wird, das das 20. Jahrhundert zu bieten hat: das Jonestown-Massaker in Guyana 1978. Eine mögliche Erklärung, die ich mir zusammengereimt habe, lautet: Jonestown kann man schwerlich den religiös "Konservativen" anlasten, da es sich um ein dezidiert "progressives" Projekt handelte. Der "People's Temple"-Gründer Jim Jones erlangte in den 1960er-Jahren Prominenz als Vorkämpfer gegen Rassentrennung und genoss bis weit in die 70er hinein beträchtliches Ansehen im politisch linken und liberalen Lager; zu seinen Unterstützern zählten US-Vizepräsident Walter Mondale, First Lady Rosalynn Carter und der Bürgerrechtler Harvey Milk, bis heute eine Kultfigur der LGBT-Bewegung. Dass ebendieser Jim Jones als größenwahnsinniger Diktator einer Dschungelkommune endete und für den Tod von über 900 Menschen (darunter mehr als 300 Kinder) verantwortlich war, macht die Erinnerung an ihn, gelinde gesagt, peinlich

Unlängst, nämlich am 13. Mai, wäre Jim Jones 90 Jahre alt geworden, und zu diesem Anlass widmete der New Zealand Herald ihm ein ausführliches Portrait. Dass Jones darin gleich eingangs als "one of the most evil men in American history" apostrophiert wird, erscheint mir unglücklich, da dadurch von vornherein der Blick auf die Frage verstellt wird, ob es sein könnte, dass der Sektengründer und -führer zumindest anfangs und zumindest seiner eigenen Wahrnehmung zufolge eigentlich gute Absichten hatte. So erscheint alles Positive, das man seinem Wirken abgewinnen könnte - wie eben sein Engagement gegen Rassendiskriminierung - als bloße Taktik, beziehungsweise als bloßes Mittel, um Anhänger zu gewinnen und somit Macht zu erlangen

Möglicherweise trifft diese Einschätzung auf Jim Jones tatsächlich zu; vielleicht liegt der Fall aber auch komplexer. Schon als Kind sei Jones als intelligent, aber auch sonderbar aufgefallen, heißt es im Artikel des New Zealand Herald; er sei fasziniert von Marx, Stalin, Mao, Gandhi und Hitler (!) gewesen, gleichzeitig habe er starkes Interesse an Religion gezeigt -- und am Tod. Als junger Erwachsener habe er Veranstaltungen der Kommunistischen Partei der USA besucht; ungefähr gleichzeitig oder etwas später habe er, u.a. beeinflusst durch das Erlebnis charismatischer Heilungsgottesdienste, gesteigertes Interesse am Potential der Kirche zur Beeinflussung von Menschen entwickelt. -- Bereits hier macht sich die Oberflächlichkeit des Artikels - dem es mehr darum zu gehen scheint, Jim Jones zum filmreifen Bösewicht zu stilisieren, als darum, seinen Werdegang präzise nachzuzeichnen - nachteilig bemerkbar. In welchem Verhältnis standen Jones' Sympathien für den Kommunismus und seine religiösen Interessen zueinander? Strebte er - zumindest anfangs - eine genuine Synthese von christlichem Glauben und marxistischer Ideologie an? Benutzte er religiöse Rituale und religiöses Vokabular nur als ein Vehikel, um sozialistische Ideen unters Volk zu bringen? Oder war für ihn beides von vornherein nur Mittel zum Zweck, nämlich dazu, einen Kult um die eigene Person aufzubauen? Je nachdem, was für Quellen man befragt, bekommt man hierauf durchaus unterschiedliche Antworten, aber dieser Artikel stellt noch nicht einmal die Frage. Auch über Jones' kirchliche Karriere erfährt man so gut wie nichts: Autor Graham bezeichnet ihn als "selbsternannten" Geistlichen, was strenggenommen nicht stimmt, da Jones sogar von zwei verschiedenen Denominationen - den zur Pfingstbewegung zählenden "Independent Assemblies of God" und den eher liberal-protestantischen "Disciples of Christ" - ordiniert wurde. Seine eigene Gemeindegründung, aus der nach mehreren Orts- und Namenswechseln schließlich der "People's Temple" wurde, stand zumindest anfangs der Pfingstbewegung nahe, entfernte sich aber etwa ab Mitte der 60er immer deutlicher vom Christentum und entwickelte sich zu einem ganz auf die Person Jones' als Quasi-Messias zugeschnittenen Kult. 

An dieser Stelle mal ein Einschub: Man könnte vielleicht fragen, warum ich diesen Artikel empfehle, wenn ich andererseits so viel an ihm auszusetzen habe. Aber ich denke, als Einstieg ins Thema eignet er sich durchaus gut, gerade auch dann, wenn man sich durch seine Leerstellen dazu motivieren lässt, eigenständig weiterzurecherchieren  Und in dem Maße, wie der Artikel sich inhaltlich dem dramatischen Showdown in Jonestown nähert, wird er tatsächlich besser. So enthält er geradezu eine "Checkliste" zum Thema "Ist meine spirituelle Gemeinschaft dabei, sich zu einem extremistischen, destruktiven Kult zu entwickeln?", mit den folgenden Punkten: 

  1. Personenkult: Der Leiter der Gemeinschaft wird zur einzigartigen Lichtgestalt verklärt. Nur er allein hat die Antworten auf die Sorgen und Nöte seiner Anhänger, nur er kann eine bessere Zukunft schaffen. Ohne ihn ist alles sinnlos. 
  2. "Wir" gegen "die": Alle, die der Gemeinschaft nicht angehören oder sie nicht zumindest unterstützen, werden als Feinde betrachtet, denen man nicht trauen dürfe und vor denen man sich schützen müsse. 
  3. Abschottung: Die Mitglieder der Gemeinschaft werden von der "Außenwelt" isoliert, sollen keine sozialen Kontakte außerhalb der Gemeinschaft haben, nicht einmal zu Familienmitgliedern, sofern diese nicht ebenfalls der Gemeinschaft angehören. 
Der Artikel zeichnet ein durchaus eindringliches Bild vom Leben in der mitten im Dschungel von Guayana errichteten Kommune Jonestown und insbesondere von der Eskalation der Ereignisse, die mit dem Besuch des Kongressabgeordneten Leo Ryan und einer Gruppe "besorgter Angehöriger" begann und in den Tod fast aller Einwohner von Jonestown mündete. Obendrein verdanke ich diesem Artikel die Erkenntnis, dass die sarkastische Redewendung "drink the Kool-Aid", die mir schon ein paarmal begegnet ist, die ich aber nicht recht einordnen konnte ("to drink the Kool-Aid" heißt sinngemäß so viel wie "kritiklos an die Propaganda glauben"), sich auf das mit Blausäure vergiftete Fruchtsaftgetränk bezieht, mit dem die Einwohner von Jonestown ihren erzwungenen Massenselbstmord begingen. -- Insgesamt erscheint mir die Geschichte von Jim Jones und dem "People's Temple", so schrecklich sie auch ist, als in vielfacher Hinsicht lehrreich, und ich denke, es kann nicht schaden, sich noch eingehender damit zu befassen. 

Im US-Bundesstaat Michigan wurde ein Priester wegen des Inhalts einer Predigt verklagt. Das Gericht hat die Klage jedoch angewiesen: Aufgrund der verfassungsmäßig garantierten Religionsfreiheit sei ein staatliches Gericht schlichtweg nicht befugt, den Inhalt einer Predigt zu beurteilen. 

Soweit die Kurzfassung; besondere Brisanz gewinnt der Fall allerdings dadurch, dass es bei diesem Streitfall um eine Predigt bei einer Beerdigung ging, und die Kläger waren die Eltern des Toten -- der im Alter von 18 Jahren Selbstmord begangen hatte. Die Eltern hatten die Todesursache ihres Sohnes nicht öffentlich gemacht und reagierten nun entsetzt, dass der Priester in seiner Predigt darauf einging; und erst recht entsetzt waren sie offenbar über die Art und Weise, wie er das tat. Jedenfalls werfen sie ihm absichtliche Verletzung ihrer Gefühle und ihrer Privatsphäre vor; der Priester seinerseits erklärt, "wie bei jeder Beerdigung" habe er die Absicht gehabt, den Hinterbliebenen in ihrem Kummer beizustehen, und er bedaure zutiefst, dass ihm dies im vorliegenden Fall entschieden misslungen sei und er der Familie stattdessen "zusätzlichen Schmerz bereitet" habe. 

Aber was hat er in der Predigt denn nun eigentlich gesagt? Der Artikel des Catholic News Service stellt klar, aus dem von der Erzdiözese veröffentlichten Text der Predigt gehe hervor, dass der Priester nicht - wie man ihm vorgeworfen hatte - erklärt habe, Selbstmörder könnten nicht in den Himmel kommen; im Gegenteil habe er die "Hoffnung auf die Ewigkeit auch für jene" betont, "die ihrem Leben selbst ein Ende setzen", und erklärt "Nichts - nicht einmal Selbstmord" könne "uns trennen von der bedingungslosen Liebe Gottes"; andererseits habe er aber auch nicht verschwiegen, dass der Akt der Selbsttötung "gegen Gott gerichtet ist, der uns geschaffen hat, und zugleich auch gegen alle, die uns lieben": 

"Unser Leben ist nicht unser Eigentum. Wir können nicht einfach damit tun und lassen, was uns beliebt." 

Sofern diese Auszüge geeignet sind, einen zutreffenden Eindruck von der gesamten Predigt zu vermitteln, würde ich sagen, inhaltlich hat der Priester schlichtweg Recht, und es entspricht auch seiner Verantwortung als Seelsorger, diese Dinge anzusprechen -- wobei die Frage legitim erscheint, ob er dies nicht besser im Rahmen eines persönlichen Seelsorgegesprächs hätte tun sollen statt in einer öffentlichen Predigt. Zu denken gibt es jedenfalls, dass das Erzbistum Detroit beschlossen hat, den Priester nicht mehr bei Beerdigungen predigen zu lassen und seine sonstigen Predigten von einem geistlichen "Mentor' kontrollieren zu lassen. 

Was soll man nun zu alledem sagen? Natürlich, es handelt sich um eine hochgradig emotional aufgeladene Angelegenheit, die man als Unbeteiligter, speziell wenn man bei der Beerdigung nicht dabei war, schwer beurteilen kann und vielleicht auch gar nicht sollte; aber ich kann mir nicht helfen: Tendenziell liegen meine Sympathien eher auf der Seite des Priesters. Mehr als alles andere hat dazu ein früherer Artikel zum selben Thema beigetragen, in dem eine Pressemitteilung der von den Eltern beauftragten Anwaltsfirma zitiert wird. Darin heißt es, die Eltern hätten den Priester im Vorfeld ausdrücklich ersucht, eine "positive, aufbauende" Predigt zu halten, die "das Leben ihres Sohnes feiern" sollte, und der Priester habe sich über diesen ausdrücklichen Wunsch hinweggesetzt. 

Was stört mich daran? Zweierlei. Erstens entsteht hier der Eindruck, die Eltern hielten die Predigt bei der Beerdigung ihres Sohnes für eine bestellte Dienstleistung und glaubten ein Recht darauf zu haben, dass der Priester so predigt, wie sie es wollen. Diese Erwartungshaltung ist schon mal ganz grundsätzlich abzulehnen. Und zweitens: Wenn ich bei einem christlichen Begräbnis bin, und die Predigt (bzw. Ansprache, wie man in so einem Fall wohl besser sagen sollte) dreht sich ganz oder überwiegend darum, die Biographie des Verstorbenen zu würdigen, dann denke ich unwillkürlich: Tun das nicht auch die Heiden? Sinn und Zweck einer Predigt bei einer christlichen Begräbnisfeier ist es, den Trauergästen eine christliche Perspektive auf das Thema Tod, Auferstehung und Ewiges Leben zu eröffnen; liebevolle Erinnerungen an den Verstorbenen austauschen können die Gäste zweifellos ohnehin besser untereinander

Einen detaillierteren Kommentar zur beanstandeten Predigt bietet der Kirchenrechtler Ed Peters auf seinem Blog

Ohrwurm der Woche: Clifton Hicks, "Cotton-Eyed Joe" 


Ich fürchte, dies ist das neue Lieblingslied meines vier Monate alten Sohnes; jedenfalls freut er sich immer, wenn ich es ihm vorsinge. Wer bisher nur die schröcklich schlimme Eurodance-Version der schwedischen Radaukapelle Rednex kannte, dem sei gesagt, dass "Cotton-Eyed Joe" ein traditioneller Folksong ist, von dem es zahllose verschiedene Versionen (übrigens auch mit sehr unterschiedlichen Textvarianten) gibt; ich mag die Version von Clifton Hicks am liebsten, zum Teil wohl auch, weil sie so etwas Düsteres an sich hat. 

Aus der Lesehore: 

Vor allem ermahnen wir euch, dass ihr die Liebe habt: nicht allein untereinander, sondern auch zu denen, die draußen stehen, ob sie nun Heiden sind, die noch nicht an Christus glauben, oder, von uns geschieden, sich zwar zum Haupt bekennen, aber vom Leib getrennt sind. Wir wollen um sie trauern wie um Brüder; denn ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, sie sind unsre Brüder. Von gewissen Menschen sagt der Prophet: "Zu denen, die da sagen: Ihr seid nicht unsre Brüder, sprecht: Ihr seid unsre Brüder" (Jesaja 66,5). 

 (Hl. Augustinus)


 

Montag, 12. Juli 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #6 (15. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Der Montag verlief weitgehend ohne besondere Vorkommnisse, außer dass ich im Auftrag von "Maria 1.0" den Text eines Pathé-Wochenschau-Beitrags über die Heiligsprechung Maria Gorettis ins Deutsche übersetzte. Am Dienstag machten Frau und Kinder einen Ausflug zum Trampolinland, waren aber rechtzeitig zurück, um an der Lobpreisandacht teilzunehmen, die ebenfalls im Zeichen des Gedenktags der Hl. Maria Goretti stand und diesmal recht gut besucht war. Am selben Abend auch noch zur Baumhaus-Veranstaltung "Local Projects & Personal Sustainability" zu gehen, wäre uns dann aber doch ein bisschen viel Action für einen Tag gewesen. Ist aber im Grunde nicht so schlimm, da das nur der Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe war, die bis Ende des Jahres jeden Dienstag stattfinden soll; und noch besser, ab Ende Juli soll im Baumhaus auch die "Community Networking Night" wieder stattfinden. Ich bin gespannt! 

Ein weiteres Ergebnis des Dienstags war, dass der eigentlich für Donnerstag geplante Arbeitseinsatz in Sachen Büchereiprojekt kurzfristig auf Mittwoch vorverlegt wurde; somit verbrachten "mein neuer Mitarbeiter" und ich am Mittwochnachmittag rund zweieinhalb Stunden damit, Bücher zu sortieren, und erreichten damit einen, wie ich finde, durchaus achtbaren Teilerfolg: Bei der alphabetischen Sortierung der Belletristik-Abteilung (nach Autoren) sind wir bis zum Buchstaben M gekommen, der Rest des Alphabets ist grob vorsortiert, und mit der Einteilung der Sachbuchabteilung in Themengebiete haben wir immerhin schon mal angefangen. -- Anschließend ging ich in die Kirche, betete um 18 Uhr den Angelus und danach die Vesper. Am Donnerstag durfte ich dann feststellen, dass irgend jemand das Büchertauschregal im Vorraum zur Besuchertoilette der Kirche schön übersichtlich sortiert und obendrein einen kleinen Fußschemel gespendet hatte, der es kleiner gewachsenen Menschen erleichtern soll, auch an die oberste Regalreihe heranzukommen. 

Symbolbild: So habe ich mich beim Büchereiprojekt-Arbeitseinsatz gefühlt. 
(Giuseppe Arcimboldo, Der Bibliothekar, ca. 1570; gemeinfrei

Und gestern war das Fest des Hl. Benedikt, das liturgisch allerdings durch den Sonntag verdrängt wurde. In der Messe übernahm ich kurzfristig den Lektorendienst; am Nachmittag hätte es theoretisch die Möglichkeit gegeben, zur "Praystation" der Charismatischen Erneuerung zu gehen, aber die Uhrzeit war irgendwie ungünstig: mitten am Nachmittag, das zerreißt einem den ganzen Tag und man hat vorher und nachher für nichts Zeit. Irgendwann will ich da aber doch mal wieder hin. 

Was ansteht: Diese Woche wird es einiges für die "Lebendigen Steine" zu tun geben, denn der Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe ist schon wieder nicht mehr fern  Wenn daneben noch Zeit bleibt, hoffe ich außerdem mit der "100-Bücher-Challenge" ein bisschen weiter voranzukommen. Am Dienstag steht erneut die Möglichkeit im Raum, nach dem Lobpreis noch zu "Local Projects & Personal Sustainability" zu gehen. Könnte sich lohnen, denn diesmal gibt's da ein "Teach-In" mit Baumhaus-Co-Initiator Scott Bolden zum Thema "Dynamic Balance and the Inner Commons". Klingt obskur? Mag sein, aber mal abgesehen davon, dass ich Scott rein menschlich gesehen einfach mag, habe ich ihn als einen Menschen kennengelernt, der sehr interessante Dinge zu sagen hat; interessant auch dann, wenn man nicht unbedingt mit allem übereinstimmt. 

Am Donnerstag, dem Gedenktag des Hl. Bonaventura, steht dann die Fortsetzung des Bücherei-Arbeitseinsatzes auf dem Programm. Und sonst so? In meinem Terminkalender steht für den Rest der Woche nichts Besonderes. Noch nicht. Aber lassen wir uns mal überraschen... 

Zitat der Woche: 

Nur indem wir beständig die Werke der Liebe und des Friedens üben, können wir im Glauben, in der Hoffnung und in der Nächstenliebe wachsen. Nur indem wir uns so nähren, wie Christus es uns geboten hat - indem wie Seinen Leib essen und Sein Blut trinken -, können wir Christus werden und den neuen Menschen anziehen [vgl. Eph 4.24]

Dies sind große Mysterien. Meistens verstehen wir nicht das Geringste davon. Nur manchmal weht uns der Heilige Geist an, vertreibt ein wenig von dem Nebel und lässt uns ein bisschen klarer sehen. Unser Bedürfnis, anzubeten, zu preisen, Dank zu sagen, veranlasst uns, täglich zur Messe zu gehen, als einzig angemessene Form der Verehrung, die wir Gott darbringen können.

(Dorothy Day, "The Council and the Mass", in: The Catholic Worker September 1962. Übersetzung: T.K.) 

Linktipps: 

Winston Marshall, 33, bekannt geworden als Banjospieler in der britischen Folkrock-Gruppe Mumford & Sons, hat während des Lockdowns eine Menge Bücher gelesen -- und darüber getwittert. Warum auch nicht. Problematisch wurde es, als er ein enthusiastisches Urteil über das Buch "Unmasked" von Andy Ngo abgab. Was war da das Problem? -- "Unmasked" ist ein Enthüllungsbuch über die Antifa, und der Autor Andy Ngo gilt im mehr oder weniger ausgeprägt linken Teil der Öffentlichkeit als rechter Hetzer (auch wenn man denken könnte, als homosexueller Atheist mit Migrationshintergrund passe er nicht so ganz ins Profil eines typischen Rechtspopulisten). Und weil Marshall das Buch öffentlich gelobt hatte, stand er plötzlich - nach dem Prinzip guilt by association - selbst als rechter Hetzer da. Der Shitstorm traf Marshall hart: Dass er, weil er sich gegen die Antifa positioniert hatte, im Umkehrschluss nun ein Faschist sein sollte, erschütterte ihn nicht zuletzt auch deshalb, weil er mütterlicherseits aus einer Familie von Holocaust-Opfern stammt. Bald gerieten auch Marshalls Bandkollegen ins Kreuzfeuer, man verlangte von ihnen, sie sollten sich von ihrem Banjospieler distanzieren. 

(Wem diese ganze Geschichte irgendwie kölsch vorkommt, der hat nicht völlig Unrecht -- auch wenn ich De Höhner nun wirklich nicht mit Mumford & Sons vergleichen will; und auch sonst lief beim Rausschmiss des Höhner-Gitarristen Joost Vergoossen alles ein bisschen anders. Das nur am Rande.) 

Zunächst versuchte Winston Marshall die Wogen zu glätten, indem er sich entschuldigte. Wie man das halt heutzutage so macht, auch wenn man eigentlich nicht so genau weiß, wofür eigentlich. Ich meine: Sich dafür entschuldigen, dass man sich lobend über ein Buch geäußert hat -- was soll das eigentlich aussagen? "Ich habe meinen Irrtum eingesehen und finde das Buch jetzt doch nicht mehr gut"? Wie dem auch sei, die Entschuldigung nützte Marshall nicht viel. Für die Einen war er nun einmal als "Rechter" abgestempelt und kam aus dieser Ecke nicht mehr raus, während die Anderen ihm gerade seine Entschuldigung übel nahmen und ihm Rückgratlosigkeit vorwarfen. Marshall ging in sich und kam zu dem Schluss, dass an dem letzteren Vorwurf tatsächlich etwas dran war -- weil er nicht zu seiner Überzeugung gestanden hatte. Also wiederrief er seine Entschuldigung, und wie einst der Prophet Jona den Schiffern auf der Fahrt nach Tarschisch sagte, sie sollten ihn über Bord werfen, damit der Sturm ihr Schiff verschont, verließ er die Band. 

In einem auf dem Portal Medium veröffentlichten Essay erläutert Marshall seine Beweggründe für diesen Schritt; und ganz unabhängig davon, was man von Mumford & Sons, von Andy Ngo, dem Buch "Unmasked" oder von der Antifa halten mag, ist dieser Text ausgesprochen lesenswert. Marshall beklagt darin ein politisch polarisiertes, aggressiv aufgeheiztes Klima im öffentlichen Diskurs, das Menschen dazu verleite, ihre Überzeugungen zu verleugnen und zu verheimlichen und sich dadurch moralisch zu korrumpieren; er zitiert in diesem Zusammenhang u.a. einen Essay von Solschenizyn, und zwar just den Essay, dem auch Rod Dreher den Titel seines aktuellen Buches "Live Not By Lies" entlehnt hat. Kein Wunder also, dass auch Freund Rod auf seinem Blog auf Winston Marshalls Text hinweist und die darin zum Ausdruck kommende Haltung lobt. 

Kaum verwunderlich dürfte indes sein, dass nicht Jeder diese Haltung lobenswert findet. So veröffentlichte das linksliberale Magazin Slate einen bemerkenswert hämischen Kommentar zur causa Marshall, in dem der "wahrscheinlich erfolgreichste Banjospieler aller Zeiten" einerseits dafür verspottet wird, dass er seine Rockstar-Karriere weggeworfen habe, um ungestört rechte Propaganda twittern zu können, und andererseits hervorhebt, Anzeichen für eine "Radikalisierung" Marshalls habe es schon früher gegeben -- so etwa, dass er im August 2018 den umstrittenen Psychologen Jordan Peterson ins Tonstudio eingeladen und seinen Bandkollegen vorgestellt habe. Schlimm? Schon irgendwie, meint "Slate"-Autor Luke Winkie; schließlich vertrete Peterson "fragwürdige Ansichten über die Heiligkeit der Männlichkeit". -- Alles in allem, würde ich sagen, bildet dieser Slate-Artikel eine interessante Ergänzung zu Marshalls Essay, insofern, als er just jenes vergiftete Debattenklima illustriert, von dem Marshall spricht. 

Abschließend noch ein paar Randbemerkungen meinerseits: Dass Marshalls liebevolle Erinnerungen an seine Zeit bei Mumford & Sons sich schwerpunktmäßig auf die Zeit beziehen, bevor die Band richtig bekannt und erfolgreich wurde, mag man für klischeehaft halten, aber ich empfinde seine Schilderungen als durchaus eindrucksvoll -- und sympathisch. Humor hat der Mann auch: Mein Lieblingssatz aus seinem Essay lautet "Ich bin es gewohnt, beschimpft zu werden, schließlich spiele ich Banjo". Nicht diesem Artikel, sondern dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag über Winston Marshall habe ich übrigens die interessante Tatsache entnommen, dass er und Marcus Mumford sich als Teenager in der Kirche kennengelernt und zusammen in einer Lobpreis-Band gespielt haben. 

Im subtropischen Süden Floridas gibt es eine noch im Aufbau befindliche Stadt namens Ave Maria, deren Gründung wesentlich von dem katholischen Unternehmer Tom Monahan, dem Gründer der Restaurantkette "Domino's Pizza", initiiert und mitfinanziert wurde. Monaghan verfolgte den Plan einer solchen Gründung bereits seit seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben im Jahr 1998, also lange bevor jemals irgendwer das Schlagwort "Benedikt-Option" gehört hatte; 2007 war die Universität von Ave Maria fertiggestellt, die man gewissermaßen als das Kernstück des Stadtgründungsprojekts betrachten kann. Heute hat das Städtchen rund 10.000 Einwohner, außer der Uni gibt es "ein paar Restaurants, Geschäfte, Ärzte und Schulen" -- und natürlich eine Kirche, die "rund 1.100 Gläubigen Platz" bietet. 

-- Der Artikel auf häretisch.de behandelt dieses Siedlungsprojekt als reine Kuriosität: Ja ja, die Amis. Land der unbegrenzten Möglichkeiten und so. Da gibt's ja nichts, was es nicht gibt, warum also nicht auch einen Katholizismus-Themenpark, höhö. Dass dem Autor des Artikels nicht viel mehr zu seinem Thema einfällt, als es mit mehr oder weniger freundlicher Herablassung zu belächeln, ist in mehrfacher Hinsicht bezeichnend: Dass das umstrittene Portal der Firma APG die erklärte Absicht des Gründers Monaghan, seinen Mitmenschen zu helfen, "in den Himmel zu kommen und die Hölle zu vermeiden", nicht so richtig ernst nehmen kann, überrascht nicht, ebensowenig die Frotzelei darüber, dass "Ladeninhaber dazu angehalten [werden], keine Verhütungsmittel oder Pornografie zu verkaufen", oder darüber, dass an der Uni von Ave Maria eine "Kleiderordnung" gibt, die allzu aufreizende Kleidung verbietet, dass die "Wohnheime [...] nach Geschlechtern getrennt" sind und "feste Besuchszeiten" haben ("doch viele Studenten nehmen besonders am Wochenende Reißaus und fahren dorthin, wo es mehr Freiheit und vor allem mehr Nachtleben gibt"). Tendenziell überraschender ist, dass - abgesehen von leisen Andeutungen ("Die Mehrheit der Ave-Marianer ist katholisch und weiß, die Stadt wird jedoch nicht müde zu betonen, dass in ihr grundsätzlich jedermann willkommen ist") - kaum grundsätzliche Kritik an dem Projekt geäußert wird; konkreter gesagt: dass in dem Artikel keine Rede ist von "sektenartigen Strukturen", "Wagenburgmentalität", "apokalyptischen Vorstellungen" oder was man sonst so alles hätte erwarten können. Kann es sein, dass es über ein bisschen Spöttelei hinaus tatsächlich nichts Schlechtes über Ave Maria, Florida zu sagen gibt? Wäre ja fast ein bisschen langweilig. (Ein Beispiel dafür, wie anders ein solcher Artikel hätte aussehen können, gibt's im nächsten Linktipp.) 

Bei dem oben eingebetteten Link handelt es sich übrigens um einen Archiv-Link, d.h. man kann ihn unbesorgt anklicken, ohne befürchten zu müssen, der ollen Schismatiker-Postille dadurch "Traffic" (und somit das Gefühl von "Relevanz") zu verschaffen. 

Wie bereits angedeutet, habe ich diesen schon vor ein paar Monaten erschienenen Artikel über ein anderes katholisches Stadtgründungsprojekt in erster Linie um der Kontrastwirkung willen herangezogen; interessant ist er aber auch unabhängig davon. Im Nordosten von Texas soll eine katholische Niederlassung mit dem schönen Namen Veritatis Splendor (="Glanz der Wahrheit", nach dem Titel einer Enzyklika des Hl. Johannes Paul II.) entstehen, mit einem Oratorium in der Tradition des Hl. Philipp Neri, Bildungseinrichtungen, Sportstätten und Wohnvierteln, das alles auf einer Fläche von rund 2.500 km². 

Der kritische Blick, mit dem Bloggerin Simcha Fisher das Projekt "Veritatis Splendor" unter die Lupe nimmt, ist zweifellos zu einem gewissen Grad dadurch motiviert, dass die Gründungsinitiative sich in ihrer medialen Selbstdarstellung als betont konservativ präsentiert -- nicht nur theologisch konservativ, auch nicht in einem strikt politischen Sinne, aber/sondern auch auf eine spezifisch amerikanische, ja vielleicht sogar spezifisch texanische - eine waffentragende, flaggenhissende, Steaks über offenem Feuer grillende Art - konservativ; ein Konservatismus in Cowboyhut und Sporenstiefeln. Kurz, die Zielgruppe des Projekts gehört ziemlich eindeutig zu jenen 52% der US-Katholiken, die 2016 Trump gewählt haben, und auf die ist Simcha Fisher aus einer Reihe von Gründen nicht gut zu sprechen. 

Wenn da also eine gewisse negative Voreingenommenheit im Spiel sein mag, heißt das freilich noch nicht, dass ihre kritischen Anfragen an das Unternehmen "Veritatis Splendor" nicht valide wären. So bemängelt sie vor allem einen Mangel an Transparenz: Die mediale Selbstdarstellung des Projekts setze vor allem auf stimmungsvolle Bilder, lasse aber konkrete Informationen vermissen -- etwa darüber, wer das Projekt eigentlich leitet, wie die Finanzen (also zum Beispiel die Spenden, um die eindringlich geworben wird) verwaltet werden, und wem die Priester unterstellt sind, die dauerhaft an diesem Ort ansässig sein und wirken sollen. Auch erfährt man, dass den zukünftigen Einwohnern von Veritatis Splendor, Texas eine Selbstverpflichtung abverlangt werden soll, ihr Leben an der Lehre der katholischen Kirche auszurichten; man erfährt hingegen nicht, auf welche Weise die Einhaltung dieser Selbstverpflichtung überprüft oder sichergestellt werden soll. 

Auch darüber hinaus macht Simcha Fisher auf allerlei Unstimmigkeiten aufmerksam. So wird auf der Veritatis Splendor-Website zwar betont, es handle sich um eine private Initiative von Laien und nicht um ein offizielles Projekt der Diözese Tyler; gleichwohl wird der Bischof von Tyler, Joseph Strickland, als "Mitbegründer" bezeichnet. Die offizielle Trägerin des Projekts Veritatis Splendor ist eine Firma namens Regina Caeli, Inc., die in Nashville, Tennessee, eine christliche Privatschule mit Homeschool-Elementen betreibt -- und im Jahr 2016 einen Rechtsstreit gegen ehemalige Mitarbeiter führte, die dem Unternehmen u.a. Betrug, Steuerhinterziehung und Verstöße gegen das Arbeitsrecht vorwarfen. Klingt alles nicht so richtig nett, muss man zugeben. Als fragwürdig hebt Simcha Fisher auch das ausgeklügelte "Belohnungssystem" für Spender hervor: Förderer des Projekts Veritatis Splendor dürfen sich je nach Höhe ihrer Spende über bestimmte Gratifikationen freuen, ab 10.000 $ erhält man eine Führung über das Gelände, einschließlich Kostenübernahme für Anreise und Übernachtung, zudem ein Abendessen mit den Gründern, und man darf an einer von Bischof Strickland zelebrierten Messe teilnehmen. Könnte das nicht - fragt Simcha Fisher - den Eindruck erwecken, der Bischof verkaufe seine Messen, und riecht das somit, kirchenrechtlich ausgedrückt, nicht irgendwie nach Simonie

Schaut man sich die Leserkommentare unter dem Artikel an, gewinnt man indes schnell den Eindruck, die konkreten Kritikpunkte, die die Autorin zusammengetragen hat, interessierten ihre Leserschaft nur am Rande: Vielmehr dominiert hier die Auffassung, die Idee einer "Planstadt für Katholiken" sei schon vom Ansatz her gruselig. Hier findet sich das ganze Standardrepertoire der Pauschal(vor)verurteilungen, wie ich sie eigentlich bei häretisch.de erwartet hätte: Sekte, Wagenburgmentalität, Fanatismus. Ewiggestrige, die sich eine stockkonservative Gegen- bzw. Ersatzkirche bauen wollen, weil ihnen der Kurs der Weltkirche unter Papst Franziskus zu liberal ist. Die Franziskus womöglich gar nicht als legitimen Papst anerkennen, und Coronaleugner sind sie vermutlich obendrein auch noch. (Nebenbei bemerkt: Besonders lustig finde ich es immer, wenn liberale Katholiken sich über Leute echauffieren, die "sich für besonders fromm/besonders katholisch halten". In aller Regel kommt dieser Vorwurf nämlich von Leuten, die selbst sehr genau wissen, dass sie weniger fromm und katholisch sind als die Leute, über die sie sich aufregen, und dies auf eine verschrobene Weise zu rechtfertigen versuchen.) 

Um's mal auf den Punkt zu bringen: Wenn ich von einem Projekt dieser Art höre, dann habe ich zunächst einmal die Hoffnung oder auch den Wunsch, das möge eine gute Sache sein, und finde es daher betrüblich oder ärgerlich, wenn sich bei näherem Hinsehen zeigt, dass da nicht alles Gold ist, was glänzt. Und dann gibt es Leute, denen die Grundidee von vornherein so suspekt ist, dass sie es womöglich noch schlimmer fänden, wenn sich an der ganzen Sache nichts rechtlich oder moralisch Fragwürdiges finden ließe. 

Ich will nicht endlos auf diesem Punkt herumreiten (oder will ich das vielleicht doch?), aber ich finde, im direkten Vergleich mit diesem Artikel und den Leserkommentaren dazu wirkt die harmlos-oberflächliche Art, wie häretisch.de über Ave Maria, Florida berichtet, umso erstaunlicher. Ich möchte mal die These wagen, daran zeige sich, dass man in Bonn schlichtweg gar nicht auf dem Schirm hat, was für Entwicklungen es in der Weltkirche jenseits der biederen, sozialverträglichen Zivilreligion des Schismatischen Weges so gibt. 

Zu Veritatis Splendor, Texas hat Rod Dreher übrigens auf Twitter angemerkt, die Idee einer solchen Stadtgründung liege durchaus im Rahmen dessen, was man unter dem Konzept "Benedikt-Option" verstehen könne; er wisse aber zu wenig Spezifisches über dieses Projekt, um sagen zu können, ob er es gutheißt oder nicht. Eventuell komme ich in den Linktipps der kommenden Wochen noch gelegentlich auf dieses Thema zurück. 

Dass eine Gruppe von Gläubigen aus "meiner" Kirchengemeinde schon seit Jahren ein kleines Blättchen mit dem Titel "Kraft und Schönheit der Glaubenslehre" herausbringt, hatte ich schon einmal erwähnt; diese Publikation erscheint in der Regel alle zwei Monate in Form eines einmal gefalteten, beidseitig bedruckten A4-Blattes, was also vier Seiten ergibt. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt, wie der Titel schon nahelegt, auf der Glaubenslehre der Kirche: Auszüge aus dem Katechismus und anderen lehramtlichen Dokumenten, liturgische Texte und/oder traditionelle Gebets- und Andachtstexte machen den Löwenanteil einer jeden Ausgabe aus. Aber dann gibt es da noch die Rubrik "Zeitgeist", und die hat es in sich. Oft spielt in diesem Teil des Blattes das Thema Lebensschutz eine prominente Rolle; in der aktuellen Ausgabe sind es jedoch andere Themen: Da wird scharfe Kritik am "Synodalen Weg", am Verschweigen von Sünde und an der Segnung homosexueller Lebensgemeinschaften geübt. Na hoppla, dachte ich, dieses Blatt ist ja kontroverser und konfrontativer als die "Lebendigen Steine"! 

-- Im Ernst gesagt hat das natürlich seinen Grund. Ganz gegen mein Naturell bin ich in meiner Eigenschaft als Chefredakteur der "Lebendigen Steine" bemüht, allzu polarisierende Inhalte zu vermeiden -- einmal, weil diese Zeitschrift durch ihre bloße Existenz ohnehin schon polarisiert und ich es ihren Gegnern nicht zu einfach machen will, sie in eine bestimmte Ecke zu stellen; darüber hinaus aber auch, weil mir, wie ich schon verschiedentlich ausgeführt habe, das "Lagerdenken" innerhalb der Kirche grundsätzlich zuwider ist und ich mit den "Lebendigen Steinen" möglichst viele unterschiedliche Interessengruppen innerhalb der Gemeinde anzusprechen hoffe. Solche Erwägungen hindern mich jedoch keineswegs daran, die klare Positionierung der "Kraft und Schönheit der Glaubenslehre" ausgesprochen respektabel und unterstützenswert zu finden! 

Ohrwurm der Woche: Mumford & Sons, "Little Lion Man" (2009) 


Es wäre wohl ziemlich albern, wenn ich behaupten wollte, die Tatsache, dass dieser Song mein "Ohrwurm der Woche" ist, hätte nichts mit der weiter oben in den Linktipps gewürdigten Kontroverse um den Banjospieler Winston Marshall zu tun. Tatsächlich hat es schon allein insofern damit zu tun, als die Gruppe "Mumford & Sons" mir allein dank dieses einen Songs überhaupt ein Begriff ist. Ich erinnere mich, dass er ca. 2012/13 - zu einer Zeit also, als er schon nicht mehr so ganz taufrisch war - ziemlich häufig in einer Bar in Prenzlauer Berg lief, in die "man" (d.h. Leute aus meinem Bekanntenkreis und folgerichtig auch ich selbst) zumeist erst und nur dann ging, wenn die Kneipen, in die man sonst so ging, schon zu hatten und man eigentlich besser daran getan hätte, mal nach Hause zu gehen und sich schlafen zu legen. War 'ne wilde Zeit damals. Aber wie dem auch sei, ich mag den Song irgendwie. Man kann gut dazu tanzen. Findet meine Tochter auch.  

Aus der Lesehore: 

Wer Christus, der am Kreuz hängt, anschaut mit Glaube, Hoffnung, Liebe, Hingabe, Bewunderung und Freude, Wertschätzung, Lob und Jubel, der begeht mit ihm das Pascha, den Übergang: Er durchschreitet mit dem Stab des Kreuzes das Rote Meer. Er betritt von Ägypten aus die Wüste, wo er das verborgene Manna genießt und mit Christus im Grabe ruht. 

Soll dieser Übergang vollkommen sein, so muss der Geist alle Denktätigkeit einstellen und mit der höchsten Stufe seiner Liebe ganz zu Gott hinübergehen und in ihn verwandelt werden. Doch das ist das Geheimnis der Geheimnisse, das niemand kennt, der es nicht empfangen hat; das keiner empfängt, der sich nicht nach ihm sehnt; nach dem sich niemand sehnt, den das Feuer des Heiligen Geistes, das Christus auf die Erde gebracht hat, nicht bis ins Mark hinein entflammt. Darum sagt der Apostel, diese geheimnisvolle Weisheit sei durch den Heiligen Geist geoffenbart. 

(Hl. Bonaventura)