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Montag, 18. Oktober 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #20 (29. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Zu Anfang der zurückliegenden Woche litt ich unter einem ziemlichen Lagerkoller. Unser Jüngster war schlecht drauf - zum Teil wohl deshalb, weil er gerade seinen vierten Zahn bekommt - und hielt die Mami praktisch permanent auf Trab, ein paar Spielverabredungen für unsere Große fielen aus, das Wetter war auch eher unschön, wir hockten also alle ziemlich viel aufeinander und steckten uns gegenseitig mit schlechter Laune an. Am Dienstag gab, pünktlich zu Beginn der Lobpreisandacht, unsere mobile Lautsprecherbox den Geist auf. Nun ja, man kann sagen, sie hat ihre Pflicht erfüllt. Es war, seit wir vor rund dreieinhalb Jahren mit unseren Lobpreisandachten angefangen haben, erst unser drittes Gerät - eines ist verloren gegangen oder gestohlen worden (das ist wohl eine Definitionsfrage) und eines ebenso wie dieses nach ausgiebiger Benutzung kaputt gegangen. Gekauft hatte ich diese Box, wenn  ich mich recht erinnere, für sieben oder acht Euro bei einem der einschlägigen Elektronik-Discounter, und wir haben mit ihr nicht nur den allwöchentlichen Lobpreis bestritten, sondern auch mehrere Novenen, Herz-Jesu- und Rosenkranzandachten in mindestens drei verschiedenen Kirchen; möge sie in Frieden ruhen. Am Donnerstag habe ich eine neue besorgt. Wieder eine billige. Falls uns jemand ein hochwertigeres Gerät spenden möchte - die Preisspanne scheint da nach oben hin offen zu sein -, würde ich das dankbar und demütig annehmen. 

Ein Bild aus besseren Tagen. 

Am Freitag war für Frau und Kinder "Omatag", wohingegen ich zu Hause blieb -- u.a. deshalb, weil am Abend Lokalausschusssitzung war. Dort waren wir diesmal eine recht kleine Runde, dafür aber umso produktiver: Wir arbeiteten eine umfangreiche Tagesordnung ab, und ich empfand die Atmosphäre als sehr positiv. 

Zum "Krabbelbrunch" am Samstag erschien außer uns selbst diesmal leider mal wieder niemand. Außerdem hatte ich mit zeitweise heftigen Kopfschmerzen zu kämpfen, die sich am Sonntag dann als erste Anzeichen einer dicken Erkältung entpuppten. Meiner Liebsten ging es nicht viel besser; hingegen waren die Kinder munter wie eh und je und ließen uns daher wenig Zeit zum Ausruhen. Das ist auch der wesentliche Grund, weshalb dieses Wochenbriefing verspätet und in abgespeckter Gestalt erscheint... 


Was ansteht: Gesundheitlich weiterhin etwas angeschlagen, habe ich diese Woche gleichwohl mehr als genug zu tun: für die Tagespost, für die "Lebendigen Steine" und nicht zuletzt für ein neues Projekt, über das ich vorläufig noch nicht allzu viel verraten will. Morgen ist natürlich Lobpreis -- zu welchem Anlass ich mir noch überlegen muss, wie ich den Gedenktag der nordamerikanischen Marterpfahl-Märtyrer (Hll. Jean de Brébeuf, Isaac Jogues und Gefährten) angemessen würdigen kann, der mir, angesichts meiner tiefsitzenden Vorliebe für Indianer-Abenteuergeschichten, auf besondere Weise am Herzen liegt. Für Donnerstag war ein Treffen der AG Neuevangelisierung angedacht -- und zwar zu dem Zweck, auf Einladung bzw. Anregung des Erzbistums Berlin Impulse in die Vorbereitungsphase der weltweiten Synodalitäts-Synode einzubringen. Kein Scheiß. Da ich mich aus allgemeiner Planungsunsicherheit heraus bisher noch nicht zu diesem Terminvorschlag geäußert hatte, werde ich mich wohl erst noch vergewissern müssen, ob das Treffen wirklich stattfindet, und wenn ja, müssen wir mal sehen, ob ich da allein hingehe oder mit der ganzen Familie. Am Freitag haben meine Liebste und ich "Hölzerne Hochzeit", und gleichzeitig ist es der vierte Geburtstag unserer Großen. Letzteres werden wir aus pragmatischen Gründen allerdings erst am Samstag feiern. Und dann ist die Woche ja auch schon wieder fast rum!  

Statt Linktipps: Ein Hinweis auf das Reform-Manifest "Neu anfangen" des Arbeitskreises Christliche Anthropologie 

Ich bin vermutlich ein bisschen spät dran mit diesem Thema. Über 4.000 Unterschriften hat das Manifest schon, und meine ist noch nicht dabei. Wie sieht's mit dir aus, Leser? Renne ich bei dir offene Türen ein, trage ich Eulen nach Athen? Oder hast du von dieser Initiative vielleicht noch gar nichts gehört? 

Was mich betrifft: Ich vermute, ich hätte dieses Manifest schon längst unterschrieben, wenn ich bloß mal dazu käme, es komplett zu lesen. Das ist mit zwei kleinen Kindern im Haus gar nicht so einfach -- zumal ich, wenn sie gerade mal nicht im Haus sind, sondern auf dem Spielplatz, im Tierpark oder im Zirkus, meist auch noch was anderes zu tun habe (siehe oben). Im zweiten oder dritten Anlauf bin ich immerhin bis zur vierten oder fünften der neun Thesen gekommen, aber inzwischen müsste ich wohl noch mal von vorne anfangen. Ich unterschreibe einfach ungern etwas, was ich nicht bis zu Ende gelesen habe -- auch wenn ich im vorliegenden Fall eher nicht befürchte, ich könnte mich nichtsahnend zur Abnahme so vieler Waschmaschinen verpflichten, wie ich tragen kann, oder etwas in der Art. Was ich bis jetzt von dem Manifest gelesen habe, findet jedenfalls meine Zustimmung, außerdem gehört der von mir sowohl persönlich als auch hinsichtlich seiner theologischen und, wenn man das so nennen will, "kirchenpolitischen" Positionen sehr geschätzte Publizist und Verleger Bernhard Meuser zu den Initiatoren. 

Also, Leser, wenn du's nicht schon längst getan hast: Schau's dir an, bilde dir ein Urteil und verbreite diesen Aufruf weiter! Es geht, kurz gesagt, darum, einen Gegenpol zur Agenda des "Schismatischen Weges" zu schaffen; zu zeigen, dass es in Deutschland noch Katholiken gibt, die unter einer erstrebenswerten Reform der Kirche nicht die Dekonstrunktion von Glaubenslehre und Glaubenspraxis, von sakramentaler und hierarchischer Struktur verstehen, und auch nicht die Unterwerfung unter säkulare Ideologien -- sondern vielmehr eine innere Erneuerung der Kirche aus dem Geist missionarischer Jüngerschaft. Man kann das meinetwegen "evangelikalen Katholizismus" nennen; muss man aber nicht. Entscheidend ist, wie es in der Präambel heißt: 

"Wir bekennen uns zum lebendigen Wort Gottes, in dem Licht und Wahrheit ist. Wir finden es lebendig bezeugt in der Heiligen Schrift, lebendig überliefert durch die Kirche, lebendig sichtbar gemacht durch gelebten Glauben. Dieses lebendige Wort Gottes wird verbindlich gemacht und bewahrt durch die mit dem Lehramt beauftragten und gesendeten Zeugen."

So. Ist das eine klare Positionierung? Mehr zu diesem Thema, wenn ich das gesamte Manifest gelesen (und anschließend dann wohl auch unterschrieben) haben werde... 


Ohrwurm der Woche: Peter Frampton, "Baby, I Love Your Way" (1976) 



Es ist wohl ein ziemlich seltenes Phänomen, dass ein Interpret seinen mit Abstand größten Charterfolg mit einem Live-Album hat. Aber das sechsfach mit Platin ausgezeichnete Album "Frampton Comes Alive" ist zu Recht ein Klassiker. Den hier ausgewählten Song kannten die Jüngeren und Banausen unter uns bisher vielleicht nur in einer Coverversion von Big Mountain aus dem Jahr 1994 -- aus dem Soundtrack zum Film "Reality Bites" mit Winona Ryder. Okay, das mit den Banausen nehme ich zurück: Ich kannte den Song auch zuerst in der Big Mountain-Version, was vielleicht entschuldbar ist, wenn man bedenkt, dass das Album "Frampton Comes Alive" im Jahr meiner Geburt erschien. Diese "Ungnade der späten Geburt", soweit es die Würdigung großer Rock- und Popmusik betrifft, habe ich durch einige Jahre DJ-Tätigkeit in einer Retro-Bar allerdings gründlich wettgemacht... 

Aus der Lesehore: 

Mein Gott und mein Heiland Jesus, womit kann ich dir alle Wohltaten vergelten, mit denen du mir entgegengekommen bist? Den Kelch deiner Schmerzen will ich aus deiner Hand entgegennehmen und deinen Namen anrufen. Ich gelobe vor deinem ewigen Vater und dem Heiligen Geist, vor deiner heiligen Mutter, vor den Engeln, den Aposteln und Märtyrern -- ich gelobe dir, meinem Heiland Jesus: Soweit es an mir liegt, will ich mich niemals der Gnade des Martyriums entziehen, wenn du sie mir, deinem unwürdigen Diener, in deiner unendlichen Huld jemals anbieten solltest.

Darum also, mein geliebter Jesus, opfere ich dir in der Freude, die mich heftig bewegt, schon jetzt mein Blut, meinen Leib und mein Leben. Wenn du mir die Gnade dazu gibst, möchte ich nur für dich sterben; denn du starbst auch für mich. Gib mir die Gnade, so zu leben, dass du mir auch die große Gnade schenkst, selig für dich zu sterben. So will ich denn, mein Gott und Heiland, aus deiner Hand den Kelch entgegennehmen und deinen Name anrufen: Jesus, Jesus, Jesus!
(Aus den Schriften des Hl. Jean de Brébeuf) 

 

Montag, 11. Oktober 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #19 (28. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Am Montag machte ich mich zunächst an die bereits überfällige Endredaktion der Oktober-Ausgabe der "Lebendigen Steine" und wurde fast fertig damit, ehe am frühen Nachmittag meine Schwiegermütter an der Tür klingelten: Es war "Omatag", und der fand ausnahmsweise mal bei uns statt. Am Dienstag hatten wir eine schöne und verhältnismäßig gut besuchte Lobpreisandacht, und spät am Abend fragte ein Mitglied des Pfarrgemeinderats per Mail in die Runde, ob die für Mittwoch angekündigte Sitzung eigentlich stattfinde -- es war nämlich immer noch keine ordnungsgemäße Einladung mit Tagesordnung versendet worden. Als darauf keine Antwort erfolgte, schrieb ich am Mittwochvormittag meinerseits eine Mail, in der ich dafür plädierte, die Sitzung zu verschieben. 

Ansonsten war ich am Mittwochvormittag damit beschäftigt, letzte Hand an die neuen "Lebendigen Steine" zu legen, ein Handout für die Rosenkranzandacht am selben Abend zu erstellen und beides in Berlins günstigstem Copyshop zu drucken. Zur Rosenkranzandacht am Abend erschienen außer mir nur vier ältere Damen aus der Gemeinde, die mir alle persönlich bekannt waren; anschließend ging ich, da auf meine Mail vom Vormittag keine Antwort erfolgt war und immer noch keine Tagesordnung vorlag, nicht zur Pfarrgemeinderatssitzung, sondern nach Hause und kochte Abendessen für meine Familie. War ein eigentümlich befreiendes Gefühl. Welche Konsequenzen ich daraus für die Zukunft ziehe, muss ich mir aber noch gründlich überlegen. 

Der Donnerstag verlief friedlich, aber am Freitag musste ich mich schon wieder ärgern. Während meine Liebste mit den Kindern im Tierpark war, hatte ich mich für ein paar Stunden in "meine" Pfarrbücherei gesetzt, um zu arbeiten, und danach wollte ich zur Anbetung und zur Abendmesse. Als ich die Kirche betrat, kam eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Gemeinde (die ich, das muss dazu gesagt werden, im Allgemeinen durchaus schätze und mag) auf mich zu, um mir - wohlgemerkt in der Kirche, quasi vor dem ausgesetzten Allerheiligsten - mitzuteilen, ich solle doch endlich mal die Bücherkartons aus dem Treppenhaus des Gemeindehauses wegschaffen. Ich war viel zu verdattert, um darauf eine sinnvolle Antwort zu geben -- die zum Beispiel hätte lauten können, ich sähe gar nicht ein, wieso das meine Aufgabe seon solle, schließlich seien das nicht meine Bücher und ich hätte sie da auch nicht hingestellt, und davon abgesehen verstünde ich auch nicht, wieso die da überhaupt weg sollten, da sei doch genug Platz. (Ich benutze die Bücher aus diesen Kartons hauptsächlich dazu, von Zeit zu Zeit das unser öffentliches Büchertauschregal aufzufüllen; einige Bücher, von denen ich der Meinung war, sie seien "zu schade", um irgendwie "verschütt zu gehen", habe ich bereits in Sicherheit gebracht.) Jedenfalls war ich nach dieser Begegnung so sauer, dass ich die Kirche erst einmal wieder verlassen und etwa zehn Minuten spazieren gehen musste, ehe ich mich bereit fühlte, zur Anbetung zu gehen. 

Am Sonntag ging ich mit der ganzen Familie morgens in die Messe -- und durfte spontan den Lektorendienst übernehmen, da der eigentlich eingeteilte Lektor krank war. 

Die Fürbitten waren ziemlich furchtbar - wer schreibt sowas?!? -, aber ich bemühte mich, zu retten, was gerade noch zu retten war.

Der Organist tauchte übrigens ebenfalls nicht auf; für ihn sprang ein Jugendlicher aus der Gemeinde, ein früherer Messdiener, ein. Es muss wohl einen Fehler bei der Diensteinteilung gegeben haben, denn am Nachmittag lief mir der Organist über den Weg und erklärte mir, er habe Urlaub. 


Was ansteht: Auf dem Terminkalender steht für diese Woche noch gar nicht viel, und das finde ich eigentlich ganz entspannend; zu tun gibt's ja auch ohne besondere Vorkommnisse immer genug. Zumal ich zwei Artikel für die Tagespost zu schreiben habe -- aber ich denke, ich fange lieber erst mal mit einem an. Daneben sollte ich wohl auch den Redaktionsschluss für die November-Ausgabe der "Lebendigen Steine" im Auge behalten, damit ich zum Ende des Monats hin nicht wieder in Zeitdruck gerate. -- Morgen ist jedenfalls Lobpreis - kein besonderer Gedenktag diesmal, einfach Dienstag im Jahreskreis, Psalterium 4. Woche -; und am Freitag, dem Gedenktag der Hl. Teresa von Ávila, ist Lokalausschusssitzung. Nach der Szene am letzten Freitag rechne ich damit, dass auch da die Bücherkartons im Treppenhaus zur Sprache kommen; ich beabsichtige daher, einer Debatte darüber von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem ich meinerseits das Thema Pfarrbücherei auf die Tagesordnung setzen lasse und einen kleinen Vortrag darüber halte, was für einen Schatz wir mit dieser Bücherei besitzen und dass sich doch bitte alle mal die Frage stellen sollen, was sie dazu beitragen können, diese Bücherei für die Gemeinde und darüber hinaus besser nutzbar zu machen. -- Das Problem dabei ist, dass in dieser Gemeinde (wie vermutlich in vielen anderen Kirchengemeinden auch!) das Schlechtmachen, Be- und Verhindern von Initiativen erheblich größer geschrieben wird als jedwede konstruktive Tätigkeit. Wir erinnern uns: Als es darum ging, die Anschaffung eines neuen Opferkerzenständers zu verhindern, berief der Lokalausschuss eine Sondersitzung ein, zu der signifikant mehr Leute kamen als sonst. Das sagt, glaube ich, schon eine Menge aus. -- Was beim Lokalausschuss sonst noch so auf den Tisch kommt, bleibt abzuwarten; tags darauf, am Samstag, ist dann schon wieder Krabbelbrunch. Hätte ich beinahe vergessen, wenn's nicht in den Vermeldungen stünde. Eigentlich hätte ich mir die Krabbelbrunch-Termine für die nächsten Monate schon längst mal in den Kalender eintragen können, aber irgendwie sagt mir eine hartnäckige innere Stimme, das lohne sich nicht, da jeden Moment eine neue Verschärfung der Corona-Regeln dazu führen könne, dass die ganze Veranstaltungsreihe wieder abgeblasen werden müsse. Es dürfte interessant zu beobachten sein, wie lange solche Gedanken unser aller tägliches Leben noch begleiten werden. 

Zitat der Woche: 

"Wenn der Feind uns bekämpft, ist das gut und nicht schlecht." 
(Mao Zedong)

Linktipps: 

Eins vorweg: Isch 'abe gar kein Netflix -- und obwohl ich durchaus wahrgenommen habe, dass der Regisseur Mike Flanagan für seine Äußerungen über seinen religiösen Hintergrund einige Aufmerksamkeit in katholischen Twitterkreisen geerntet hat, war mir zunächst nicht klar, was eigentlich der Anlass für diese Debatte war -- nämlich Flanagans neue, auf Netflix veröffentlichte Horror-Miniserie "Midnight Mass". Auf Aja Romanos im linksliberalen Magazin "Vox" erschienene Kritik der Serie wurde ich aufmerksam, weil Simcha Fisher sie auf Facebook geteilt hat; und, um Missverständnissen vorzubeugen: Der Grund, weshalb Simcha Fisher diese Kritik auf Facebook geteilt hat und weshalb auch ich sie hier verlinke, ist, dass die Kritik so doof ist -- aber eben auf bezeichnende Art doof.

Was Aja Romano an der Serie auszusetzen hat, ist, kurz gesagt, dass sie ihr zu religiös ist. Nun gut: Dass ihr das nicht gefällt, ist selbstverständlich ihr gutes Recht, aber persönlicher Geschmack allein ist keine besonders gute, jedenfalls keine ausreichende Basis für ein kritisches Urteil. (Ich kann mir vorstellen, dass an dieser Stelle vielleicht manche meiner Leser einwenden möchten "Ach nicht? Wieso nicht? Was denn sonst?". Diese Einwände einlässlich zu erörtern, würde hier den Rahmen sprengen, daher nur ganz kurz: Wenn die Beurteilung von Kunstwerken bloße Geschmackssache wäre, dann hätte es von vornherein keinen Sinn, Kritiken zu schreiben oder zu lesen, denn dann wäre jede mögliche Meinung zu einem bestimmten Werk genauso valide wie jede andere.) -- Darauf, warum die Kritikerin dennoch der Meinung ist, ihre persönliche Verärgerung über den für ihr Empfinden allzu ausgeprägten religiösen Gehalt der Serie sei ein valider Kritikpunkt, komme ich noch; zuvor möchte ich jedoch noch anmerken, dass diese Kritik die Serie aus meiner Sicht gerade interessant macht. Nicht zuletzt, weil der Befund, es handle sich um "eine Geschichte voll religiösen Eifers", nach den bereits angesprochenen Aussagen des Regisseurs über seinen religiösen Hintergrund eher überraschend kommt.

Mike Flanagan ist als Katholik groß geworden, war jahrelang Messdiener und beschreibt die Erfahrungen, die er als Kind in und mit der Kirche gemacht hat, rückblickend als im Wesentlichen positiv. Aber dann fing er irgendwann an, selbständig in der Bibel zu lesen -- und war schockiert, darin Dinge vorzufinden, die er mit dem Glauben, den man ihm in der Kirche vermittelt hatte, nicht in Einklang zu bringen vermochte. Daraufhin begann er sich für andere Religionen und Weltanschauungen zu interessieren und stellte schließlich fest, dass rationalistische und atheistische Denker wie Samuel Harris, Christopher Hitchens und Carl Sagan ihn am meisten ansprachen; über Sagans Buch "Blauer Punkt im All" sagt er, es habe ihn in spiritueller Hinsicht tiefer berührt als die Bibel.

Wie mehrere Kommentatoren auf Twitter anmerkten, werfen diese Erfahrungen Flanagans ein bezeichnendes Licht auf die Qualität der Katechese in handelsüblichen katholischen Pfarreien. Nicht zuletzt kann man dies auch als ein Lehrstück darüber betrachten, dass und warum eine harmlos-oberflächliche "Friede, Freude, Eierkuchen"-Kinderkatechese einfach nicht nachhaltig ist: Irgendwann kommen die Kinder schon von selbst dahinter, dass da irgendwas nicht stimmt.

In der Serie "Midnight Mass" bekommt man es nun allem Anschein nach mit einer sowohl intensiveren als auch traditionelleren Form katholischer Frömmigkeit zu tun als der, die Flanagan aus eigenem Erleben vertraut ist; und Mancher wird nun meinen, das müsse ja wohl auch so sein, denn so ein richtig krasser Dunkelkatholizismus sei dem Horror-Genre nun einmal angemessen. Das dachte sich anscheinend auch Kritikerin Aja Romano, und nun ist sie enttäuscht, weil Glaube und Kirche in der Serie in keinem so eindeutig negativen Licht erscheinen, wie sie erwartet hat.

Über die Handlung der Serie erfährt man aus dieser Rezension nicht viel; das, was Aja Romano darüber sagt, ist allzu bruchstückhaft, verworren und durch Voreingenommenheit verzerrt, als dass man sich ein klares Bild machen könnte. Unterhalb der reinen Handlungsebene geht es jedenfalls, wie die Rezensentin meint, um eine "kaum verhüllte Allegorie der Covid-19-Pandemie". Zwar, so räumt sie ein, sei die Serie bereits vor der Pandemie konzipiert worden, aber produziert wurde sie während der Pandemie, und somit sei es "unausweichlich", sie als eine lehrhafte Fabel für die Pandemie-Ära zu lesen. Und in dieser entdeckt Aja Romano "so viel überschwängliche Christlichkeit, so exaltierte Äußerungen von Gläubigkeit", Elemente von Predigt und biblischem Vokabular, dass, wie sie meint, "die Horror-Elemente beinahe wie bloße Dekoration anmuten."

Und was - abgesehen davon, dass es der Rezensentin schlichtweg nicht gefällt - ist daran nun schlimm? Antwort: Es verstößt gegen das Ethos des Horror-Genres. -- Im Ernst? Ja, im Ernst. Die Kernsätze von Aja Romanos Kritik sind in ihrer funkelnden Schönheit derart unübersetzbar, dass ich sie hier im Original zitieren möchte:

"As a queer, genderqueer atheist who was raised as an evangelical, I’m drawn to horror in part because horror stories fundamentally offer a counter-narrative to mainstream Christianity’s most toxic ideas. Through tropes that tend to celebrate villainy, sinfulness, deviance, queerness, and defiance, horror embraces and empowers all that conservative religion rejects as immoral and unholy."
Ah ja, herzlichen Dank. Und angesichts von Flanagans "Midnight Mass" fühlt sich die Rezensentin nun nicht nur persönlich, sondern zugleich stellvertretend für alle queer-atheistischen Horrorfans wie ein unartiges Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen und es dem ohnehin bevorzugten, wohlerzogeneren Geschwisterkind gegeben hat. Da könnt' man jetzt sagen "Heul doch", aber hilfreich wär' das wohl eher nicht so.

Auch ganz unabhängig von dieser Netflix-Serie und der Frage, wie gut oder wie schlecht sie nun wirklich ist, scheint mir Aja Romanos erzürnte Kritik bezeichnend für ein Phänomen, das ich als Paradox des Atheismus bezeichnen möchte: Man erlebt es nicht gerade selten, dass dieselben Leute, die einem triumphalistisch aufs Brot schmieren, die Menschheit werde geradezu naturgesetzlich immer weniger religiös und dem Atheismus gehöre folglich die Zukunft, es gleichzeitig hinkriegen, sich als diskriminierte, von fanatischen Gläubigen unterdrückte und marginalisierte Minderheit darzustellen.  Wenn Atheismus tatsächlich nichts anderes bedeutete als nicht an Gott zu glauben - bzw. genauer: überzeugt zu sein, dass kein Gott existiert -, sollte man dann nicht annehmen, dass Atheisten mit der Existenz von Religion(en) auf der Welt etwas gelassener umgehen könnten? Nö, anscheinend nicht. Hat das - wie in einer Erzählung von Martin Buber, die Joseph Ratzinger in seiner "Einführung in das Christentum" zitiert - mit dem Erschrecken vor dem Gedanken "Vielleicht ist es aber wahr" zu tun? --  Tatsächlich habe ich bei besonders engagierten Atheisten nicht selten den Eindruck, sie seien wegen irgendwas mehr oder weniger Persönlichem sauer auf Gott und wollten sich an Ihm rächen, indem sie nicht an Ihn glauben. Ein ehemaliger Arbeitskollege von mir formulierte dieses Paradox einmal andersherum, mit dem schönen Satz: "Ich glaube nicht an Gott, und dafür hasst Er mich." Man könnte es auch noch simpler ausdrücken, mit dem Spruch: Wenn es Gott nicht gäbe, gäbe es auch keine Atheisten. 

Eine gewagte Prämisse: Kann (darf?) man die Coronavirus-Pandemie mit den Terrorattacken des 11. September 2001 vergleichen? -- Na gut, vergleichen kann man im Grunde alles mit allem, es kommt nur darauf an, worin man jeweils das Vergleichbare zu erkennen meint und ob der Vergleich dann mehr Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschiede ergibt.

Der Essayist und Buchautor Peter Van Buren, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Außenministeriums, ist jedenfalls der Meinung, dass das "Mindset", das die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die Pandemie bestimmt, frappierende Ähnlichkeit mit jenem hat, das seinerzeit die Reaktionen auf "09/11" prägte. Er erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass Irakkriegs-General Petraeus schon früh die Frage aufwarf: "Wo soll das alles enden?" Konkret: Was ist das strategische Ziel, auf das wir hinarbeiten, sodass wir, wenn es erreicht ist, sagen können: "Jetzt haben wir's geschafft"? Im Falle der Coronavirus-Pandemie hat es den Anschein, dass das Ziel der Maßnahmen permanent umdefiniert wird, sodass es trotz aller Fortschritte in der Pandemiebekämpfung in immer weitere Ferne zu rücken scheint. "Es fing an mit 'Zwei Wochen, um die Kurve abzuflachen', und dann ist es ausgewuchert zu 18 Monaten voller Lockdowns, Maskenpflicht und neuerdings Impfzertifikaten", stellt Van Buren fest: "Das meiste von dem, was inzwischen Realität geworden ist, wäre vor einem Jahr noch als Verschwörungstheorie zurückgewiesen worden." Was ist nun also das angestrebte Ziel? Die Neuinfektionen auf Null zu reduzieren? "Das ist ungefähr so realistisch wie Demokratie in Afghanistan."

Van Buren ist kein Verschwörungstheoretiker; im Gegenteil weist er sogar darauf hin, dass die aktuellen Regierungen vergleichsweise erheblich weniger darauf versessen scheinen, politisches Kapital aus der Corona-Krise zu schlagen, als es die Bush-Administration nach "09/11" war. Van Buren ist auch kein Impfgegner: Im Gegenteil rechnet er es zu den schädlichsten Auswirkungen des gesellschaftlichen Klimas in der Corona-Debatte, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen in überproportionalem Ausmaß dazu verleitet werden, der Impfung zu misstrauen, und folglich auch in überproportionalem Ausmaß sterben. Ob das wirklich so stimmt, kann ich nicht beurteilen; zustimmen würde ich Van Buren aber jedenfalls in der Wahrnehmung, dass der öffentliche Umgang mit der Corona-Krise, ebenso wie seinerzeit nach "09/11", eine fatale Botschaft transportiert -- die man zusammenfassen kann als "Gib Freiheit auf zugunsten von Sicherheit, vertraue der Regierung und betrachte deine Mitmenschen als potentielle Bedrohung"

Was das angeht, neige ich übrigens zu der Auffassung, dass die Deutschen noch erheblich anfälliger für derartige Botschaften sind als die US-Amerikaner. Dass der Staat bzw. die Regierenden für das Wohlergehen der Untertanen Bürger zuständig und verantwortlich seien, scheint seit dem "aufgeklärten Absolutismus" des alten Fritz fest im deutschen Politikverständnis verankert zu sein, während die angloamerikanische Tradition den Staat ja eher als neutralen Schiedsrichter zwischen den Interessen der Bürger sieht, der nur eingreifen soll, wenn's unbedingt nötig ist, und die Leut' ansonsten in Ruhe lassen soll. 

Mein Misstrauen gegenüber der typisch deutschen Auffassung vom Wohlfahrtsstaat war übrigens auch ein wesentlicher Grund, weshalb ich so zusammengezuckt bin, als in den Fürbitten vom vergangenen Sonntag von einem "politische[n] Handeln" die Rede war, das die "Ängste" der Menschen "vor den Wechselfällen des Lebens mindern" solle. WTF?, dachte ich. Herzlich willkommen in der Wohlfühldiktatur. 

Der eine oder andere wird's wohl mitbekommen haben: Eine BDKJ-Funktionärin und Teilnehmerin des Schismatischen Weges hat auf ihrem Instagram-Account Vorwürfe gegen Kardinal Woelki erhoben. Dieser habe sich am Rande der jüngsten Synodalversammlung ihr gegenüber übergriffig verhalten und seine klerikale Macht gegen sie ausgespielt. Wie das? Nun, er ist, nachdem sie ihn in einem Redebeitrag scharf angegriffen hatte, in einer Sitzungspause auf sie zugekommen und hat versucht, ein persönliches Gespräch mit ihr zu führen. Und DAS geht ja nun mal GAR nicht! -- Kann man diesen Vorgang anders kommentieren als dadurch, dass man noch ein paar weitere Ausrufezeichen und "einself!!" dranhängt? Man kann, und Bloggerkollegin Anna von "Katholisch ohne Furcht und Tadel" tut es. Da sie davon ausgeht, dass "Satire heute angesichts grassierenden Narzissmus‘ nicht mehr richtig funktioniert", stellt sie ihrem Artikel einen Disclaimer voran, der fast so lang ist wie der ganze darauffolgende Text (den man allerdings, einem "Predisclaimer" zufolge, überspringen darf, wenn man "Satire ohne Warnhinweis versteht"); aber im Grunde ist ihr Artikel mehr als bloße Satire -- nämlich eine trotz aller Überzeichnung und trotz der Verwendung so witzig-treffender Namen wie "Laura Pia Lauchhügel" und "Malte Fridolin Rübengipfel" im Kern durchaus ernstzunehmende Analyse der manipulativen und totalitären Argumentationsschemata, derer sich die postliberale "successor ideology" bedient. Der Theorie des Intersektionalismus zufolge ist jemand, der per definitionem zu den Opfern struktureller Unterdrückung gehört - also beispielsweise eine Frau in einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft, wie es die katholische Kirche nun einmal unbestrittenerweise ist - gegenüber denen, die von struktureller Unterdrückung profitieren (wie z.B. die Bischöfe), immer im Recht. Und zwar nicht nur mit dem, was frau sagt und tut, sondern auch und erst recht mit dem, was sie fühlt. Wenn frau sich unterdrückt fühlt, dann ist der, von dem sie sich unterdrückt fühlt, de facto ein Unterdrücker. Punkt.

Die Aporien, die aus einer solchen ideologischen Grundannahme resultieren, arbeitet Anna überzeugend, mit Scharfblick und Witz heraus. Also husch den Link angeklickt, Leser! Im Übrigen erwäge ich sehr ernsthaft, den BDKJ fortan nur noch "KAQFAPOCgM" (katholische, anarchistische, queer-feministische, antifaschistische People of color gegen Machtmissbrauch) zu nennen, aber vielleicht wird mir das doch auf die Dauer zu umständlich. 

Was mag wohl dabei herauskommen, wenn Maria Zwonull eine Rosenkranzandacht gestaltet? Das mag jetzt vielleicht klingen wie eine Scherzfrage à la "Was liegt am Strand und spricht undeutlich? -- Eine Nuschel!", aber nee, sowas gibt's in echt, und Bloggerkollegin Claudia hat das Opfer auf sich genommen, da hinzugehen, um darüber zu berichten. Allein dafür gebührt ihr schon Anerkennung. Was sie im Einzelnen zu berichten hat, bewegt sich im Großen und Ganzen im Rahmen des Erwartbaren, ist darum aber nicht weniger lesenswert.

Da beginnt der Rosenkranz mit einem selbst ausgedachten Credo, das man sich durchaus noch kruder hätte vorstellen können, in dem aber weder die Gottheit Christi noch Seine Auferstehung eindeutig benannt werden (und, irgendwie folgerichtig, auch weder von der Auferstehung der Toten noch von der Vergebung der Sünden die Rede ist); in den einzelnen Gesätzen des Rosenkranzes heißt es dann:
"Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus...
... der uns annimmt, wie wir sind.
... der Unrecht und Machtmissbrauch verurteilt.
... der den Schrei nach Gerechtigkeit hört. ... der die Kleinen und Machtlosen in den Mittelpunkt stellt.
... der mit uns eine geschwisterliche Kirche ersehnt. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes."
Claudia kommentiert diese Sätze wohlwollender, als ich es tun würde, daher überlasse ich ihr das Wort:
"Grundsätzlich kann ich jeden dieser Einschübe überzeugt mitbeten, den ersten und den fünften allerdings mit einem „ja aber“ im Hinterkopf. Jesus nimmt uns an, wie wir sind – als Sünder -, aber Er sagt auch: Geh und sündige nicht mehr. Jesus will, daß wir geschwisterlich leben im besten Sinne, aber das Haupt der Kirche ist Er. Ursprung und Ziel der Kirche ist nicht ein liebevoller Familienkreis, sondern Gott."

Natürlich kam auch die Forderung nach "wertschätzende[r] Haltung und Anerkennung [...] gegenüber selbstbestimmter achtsamer Sexualität und Partnerschaft" zur Sprache -- und zur Begründung wurde darauf verwiesen, dass Jesus ja schließlich auch "außerhalt der üblichen Familienstrukturen" zur Welt gekommen sei. Grönch. Was Claudia sonst noch über diese Andacht und die darauf folgende Diskussionsrunde schreibt - in der sie laut eigener Einschätzung die einzige Teilnehmerin war, "die die katholische Lehre vollständig annimmt und verteidigt" -, erweckt den Eindruck einer Veranstaltung, die von wenig Kenntnis und Verständnis des katholischen Glaubens geprägt war, dafür aber von umso mehr Wut -- einer Wut, die man verständlich und zu einem gewissen Grad berechtigt finden könnte, wenn und insoweit sie sich auf tatsächliche Missbräuche und Verbrechen im Bereich der Kirche - sexuelle und andere - bezöge. Aber ich kann mir nicht helfen, ich werde den Eindruck nicht los, dass sowohl die Zwonullerbewegung als auch der Schismatische Weg diese Themen lediglich als Vorwand nutzen. Der eigentliche Grund für die Wut der Zwonullerinnen ist, dass die Kirche nicht so ist, wie sie sie haben wollen -- und dass sie sich persönlich nicht genügend wertgeschätzt fühlen. Dabei rekrutiert sich doe Zwonullerbewegung wesentlich aus Personen, die seit Jahrzehnten auf Pfarrei-, Dekanats- und/oder Bistumsebene im institutionellen Apparat der Kirche aktiv sind und da zum Teil durchaus einflussreiche Positionen innehaben. Aber das genügt ihnen nicht, solange sie nicht Diakonin, Priesterin, Bischöfin und Päpstin werden können.

Bloggerkollege Kephas äußerte bereits vor Monaten auf Twitter:

"Die Zweinullgruppe ist die Rache der Rentner an einem anerzogenen Glauben, den sie nie teilen wollten."

Er fügte zwar den Hashtag #changemymind hinzu, aber damit kann ich ihm nicht dienen -- denn meine eigene Einschätzung unterscheidet sich allenfalls in Nuancen von der seinen. Ich denke, wir haben es hier mit Leuten zu tun, die einer aus verwässerten und in Pastellfarben angestrichenen Versatzstücken des Christentums, pantheistisch-neuheidnisch angehauchten Matriarchatsphantasien plus Ökoromantik, Bachblüten, Aromatherapie und 70er-Jahre-Psychobabbel zusammengebastelten Pseudoreligion anhängen, von der sie irrtümlich annehmen, das sei das Christentum; und wenn sie mal jemanden treffen, der sich dazu bekennt, was die Kirche tatsächlich lehrt, dann ist das in ihren Augen ein ewiggestriger, mittelalterlicher Fundamentalist. Ein bisschen geht es ihnen also wie dem jungen Mike Flanagan, nur dass sie schon viel älter und in ihrem Irrtum gefestigter sind und darum, statt wie Flanagan zu dem Schluss zu kommen, das Christentum sei dann wohl doch nichts für sie, darauf beharren, sie seien die wahren Christen. Das ist fast ein bisschen zu traurig, um sich darüber lustig zu machen.

Aber eben nur fast

Ohrwurm der Woche: "Hart haben sie mich bedrängt" (Peter Janssens, 1977) 

Ein Pastiche zu Psalm 129, überraschend funky interpretiert von Sacropop-Großmeister Peter Janssens. Den Track habe ich auf YouTube entdeckt, während ich im Copyshop die aktuelle Ausgabe der "Lebendigen Steine" ausdruckte. Wie ich überhaupt darauf gekommen bin, nach so etwas zu suchen, ist eine Geschichte für sich, die ich vorläufig noch nicht verraten möchte; aber schon allein den Umstand, dass längst vergessen geglaubte Sacropop-Perlen aus den 70ern heutzutage in Rare-Groove-Kollektionen von Psychedelic- und Krautrock-Connaisseuren Auferstehung feiern, finde ich schon äußerst bemerkenswert -- und witzig. 

Wie so oft im NGL-Bereich (exemplarisch sei auf die Strophen des Klassikers "Die Sache Jesu braucht Begeisterte" verwiesen) steht auch hier der Sound in einem offenbar gewollten Spannungsverhältnis zur Sperrigkeit und Thesenhaftigkeit des Texts; so unfreiwillig komisch das passagenweise wirkt ("Mich hat nie jemand in eine Mondrakete gedrängt", merkte Bloggerkollege Kephas an, als ich den YouTube-Link auf Facebook teilte -- und fügte hinzu, "Mondrakete" sei ja heutzutage bereits ein "komplett ausgestorbenes Wort"), kann ich mit der fortschrittsskeptischen und nonkonformistischen Message des Songs doch so Einiges anfangen; und unbeschadet der "Mondraketen und Atomkraftwerke" erscheint mir der Text im Großen und Ganzen wie auch in einigen Details  ("Nummerieren wollen sie mich, all meine Daten erfassen") durchaus aktuell. -- "Aber heute sind diese Leute bestimmt alle gegen Corona geimpft", merkte meine Liebste an. -- "Schon", räumte ich ein, "aber die sind auch alle alt genug, um zur Risikogruppe zu gehören." (Janssens selbst natürlich nicht, denn der ist bereits 1998 verstorben; wäre aber, wenn er noch lebte, heute 87 Jahre alt.) 

Ach ja, und beim in triumphierenden Tonfall vorgetragenen Schlussrefrain "Frustriert werden sie sein, denn der Herr ist mein Sinn / Nie werd' ich funktionieren" kommt mir immer, ob ich will oder nicht, ein Juwel aus der SFB-"Abendschau" von anno 1972 in den Sinn, das ich meinen Lesern keinesfalls vorenthalten möchte

Aus der Lesehore: 

Immer mehr kam ich ab von dir, immer weiter entfernte ich mich von dir, mein Herr, du mein Leben. Ja, mein Leben war schon daran, ein Leichnam zu werden, oder vielmehr, in deinen Augen war ich schon ein Leichnam. Eine schmerzhafte Leere hast du mich spüren lassen. Nie habe ich eine solche Traurigkeit erlebt wie damals. Du, Herr, hast mir diese Unruhe des schlechten Gewissens eingepflanzt; denn so abgestumpft es auch war, tot war es keineswegs. Ich habe nie soviel Traurigkeit, Unbehagen und Unruhe erlebt wie damals.  
Wenn ich damals gestorben wäre, ich wäre in die Hölle gekommen. Gott, deine Hand war über mir und ich ahnte es kaum! Du hast mich unter deinen Flügeln beschirmt, als ich nicht einmal an deine Existenz glaubte!
So hast du mich während der Jahre behütet, bis du die Zeit für gekommen hieltest, mich in die Herde zurückzuführen. 

(Sel. Charles de Foucauld)


 

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Für mich soll's rote Rosen regnen

Tja, Freunde: Wir befinden uns im achten Monat seit der Gründung der Zeitschrift "Lebendige Steine", und zum ersten Mal in dieser Zeitspanne war die neue Ausgabe nicht pünktlich zum Monatsanfang fertig. Ich lern's aber auch einfach nicht: Erst habe ich, wie einst in Studententagen, zu spät angefangen, in dem Irrglauben, "noch sooo viel Zeit" zu haben; dann war der September plötzlich schon halb rum, ich hatte noch so gut wie nichts geschafft, und es lag auch noch eine Woche Urlaub in Butjadingen und Ostfriesland vor mir. Na gut, dachte ich mir, nimmste halt ein bisschen Arbeit in den Urlaub mit

Finde den Fehler

Wie man sich hätte denken können, kam ich im Urlaub exakt zu nichts und musste die eine Woche Arbeit, die mir dadurch fehlte, wohl oder übel hinten dranhängen. Aber jetzt ist das Heft fertig! Hier der Link zum Download. 

Schade ist natürlich, dass der Gedenktag jener Heiligen, der dieses Heft in besonderer Weise gewidmet ist, schon vorbei ist; nämlich der Gedenktag der Hl. Thérèse von Lisieux am 1. Oktober. 

Die "kleine Hl. Thérèse"- wie sie zur Unterscheidung von der "großen" Hl. Teresa von Ávila gern genannt wird -hat mich von jeher fasziniert, seit ich mit etwa sechs Jahren während eines Familienurlaubs in der Normandie, wo einer meiner Großväter auf einem Soldatenfriedhof bestattet ist, die Basilika Sainte-Thérèse in Lisieux besucht habe; gleichzeitig ist sie mir aber auch lange fremd geblieben. Ich erinnere mich dunkel, als Teenager den Film Thérèse von Alain Cavalier (1986) im Fernsehen gesehen zu haben; so fragmentarisch meine Erinnerungen an diesen Film sein mögen, weiß ich doch noch, dass er mich eher irritierte, und ich glaube, dass diese Zuschauerreaktion von den Machern des Films auch intendiert ist: dass es dem Film gerade darum geht, die innige Frömmigkeit und totale Selbsthingabe seiner Protagonistin als etwas Verstörendes darzustellen. Was vielleicht gar kein so verkehrter Ansatz ist im Vergleich zu der Versuchung, diese bemerkenswerte Heiligengestalt zu verharmlosen und zu verniedlichen. "Die Hl. Thérèse von Lisieux benutzte die blumige Sprache ihrer Zeit um die Strenge ihrer Lehren zu kaschieren", schrieb Dorothy Day, die im Todesjahr Thérèses geboren wurde. "In ihrer Härte gegen sich selbst steht sie den spanischen Mystikern in nichts nach."  

Jedenfalls: Nachdem ich vor vielleicht zwanzig Jahren die Autobiographie der Hl. Thérèse auf einem Flohmarkt erstanden hatte, brauchte ich drei Anläufe - jeweils mit einigen Jahren Abstand -, um sie tatsächlich durchzulesen. Was mir schließlich doch einen Zugang zur "kleinen Thérèse" eröffnete, war ihr Ausspruch "Nach meinem Tod werde ich Rosen vom Himmel regnen lassen" -- der erinnerte mich an Hildegard Knefs berühmtes Lied "Für mich soll's rote Rosen regnen" von 1968, und wie das beides zusammenpasst, trotz der augenfälligen Unterschiede, ja Gegensätze zwischen diesen beiden Frauencharakteren, darüber habe ich nun einen Leitartikel geschrieben. Und dann auch gleich das ganze Heft so betitelt, schließlich ist der Oktober Rosenkranzmonat, und dazu passt das ja auch

Ein weiteres wichtiges Anliegen der neuen "Lebendige Steine"-Ausgabe ist der Aufruf zur Gründung eines Gebetsleiterkreises, mit dem Ziel, in den sieben Kirchen des Raums Reinickendorf-Süd eine größere Bandbreite unterschiedlich gestalteter Gebetszeiten anbieten zu können und auf diesem Wege eine größere Zahl von Gemeindemitgliedern zu einer Vertiefung ihres persönlichen Gebetslebens anzuregen. 

Was es sonst noch zu berichten gibt: Das gewissermaßen zum Zweck der Zweitverwertung der Telefonischen geistlichen Impulse unserer pastoralen Mitarbeiter begründete Heft "Texte für den Augenblick" scheint tatsächlich nach nur drei Ausgaben wieder eingegangen zu sein. Nachdem, wie schon erwähnt, im August keine neue Nummer erschienen war, wurden im September die Telefonimpulse eingestellt -- ziemlich plötzlich und überraschend, wie nicht nur ich fand; ob das wohl mit einem einigermaßen gewagten Beitrag eines unserer Pfarrvikare zusammenhing? Als ich beim Begegnungsfest unseres Gemeindestandorts Mitte September den Diakon traf, der die "Texte für den Augenblick" federführend herausgegeben hat, sagte der mir, das Heft solle vorläufig noch weiter erscheinen, aber nun ist der September auch schon wieder vorbei und noch keine neue Ausgabe erschienen. Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass da noch was kommt. 

Alles Weitere aus der Gemeindearbeit und was mich sonst noch so umtreibt gibt's dann wie gewohnt in den "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim". Aber lest das Heft, Freunde -- und verbreitet den Download-Link gern weiter! 



Montag, 4. Oktober 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #18 (27. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Beginnen möchte ich meinen Wochenrückblick mit einem Erlebnis bzw. einer Beobachtung aus dem ICE Hannover-Berlin, mit dem wir am vergangenen Montagabend unterwegs waren. Es hatte einiges Chaos mit Zugausfällen, Ersatzzügen und geänderten Wagenreihungen gegeben, sodass unsere Platzreservierung perdü war, aber wir hatten dennoch Plätze im Kleinkindabteil ergattert. Zu den anderen Fahrgästen im Kleinkindabteil gehörte eine Hijab-tragende Frau mit zwei oder drei Kindern, deren ältestes, ein schätzungsweise vier- oder fünfjähriger Knabe, auf einem Musikspielzeug ein interessantes Lied anhörte: Auf die Melodie von "Zehn kleine N-Wörtlein" (wie ich es mal nennen möchte, in der Hoffnung, bei niemandem Anstoß zu erregen) wurden da den Buchstaben des arabischen Alphabets wichtige Begriffe der islamischen Glaubens- und Sittenlehre zugeordnet und in gereimten Versen und auf kindgerechtem Niveau erläutert. Es fehlte in dem Lied auch nicht an wiederholten Ermahnungen, dass man all dies wissen und befolgen müsse, um ein guter Muslim zu sein. -- Ich fand das ausgesprochen spannend, in mehrfacher Hinsicht; gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich die christlichen Konfessionen - zumindest die "Volks-" bzw. "Großkirchen" - hierzulande und heutzutage mit der Vermittlung von Glaubenswissen an Kinder ja bekanntlich eher schwertun. Einerseits unterstrich das geschilderte Kinderlied meinen schon öfter gehabten Eindruck, der Islam sei eine sehr regelfixierte Religion - so regelfixiert, wie es  dem Christentum von seinen säkularen Verächtern zuweilen unterstellt wird -, und man könnte wohl einigermaßen überzeugend argumentieren, in der christlichen Kinderkatechese solle es vorrangig darum gehen, die Liebe Gottes zu den Menschen erfahrbar zu machen und den Kindern zu vermitteln, dass Glaube in erster Linie Beziehung ist und nicht das Einhalten von Regeln. Andererseits ist es kaum zu leugnen, dass Katechese eben auch beinhaltet, Glaubensinhalte als Lernstoff  zu vermitteln, und das Einprägen von Sätzen mit Hilfe von Melodie und Reim ist nun einmal eine Lernmethode, die - gerade bei Kindern im Vor- und Grundschulalter - einfach gut funktioniert. Insofern würde ich die Frage, ob Kinderlieder wie dieses in der Bahn mitangehörte auch für christliche Kinderkatechese vorbildlich sein könnten, weder mit einem uneingeschränkten Ja noch mit einem entschiedenen Nein beantworten wollen. 

Als wir am Montagabend zu Hause ankamen, gingen wir erst einmal direkt schlafen; der Dienstag war dann folgerichtig geprägt davon, mit Einkaufen, Wäschewaschen usw. die Grundlagen dafür zu schaffen, nach dem Urlaub wieder in den Rhythmus des Alltags zurückzufinden. Eine schöne Lobpreisandacht hatten wir dennoch -- mit einer neuen Teilnehmerin, die in Aussicht stellte, in Zukunft öfter zu kommen. 

Bei dieser Gelegenheit entnahm ich übrigens dem Schaukasten an der Kirche, dass es in unserer Gemeinde eine neue Gruppenaktivität gibt: "Gedächtnistraining" stand groß auf dem Plakat, und im ersten Moment nahm ich an, das sollte so eine superclever um die Ecke gedachte pastoraltheologische Metapher sein, mit Bezug zu "Tut dies zu meinem Gedächtnis" oder so. Aber anscheinend handelt es sich doch einfach nur um Gedächtnistraining. Na okay. Gibt es eigentlich auch Memo-Techniken, die einem dabei helfen, Dinge zu vergessen? Ich bin mir nicht ganz sicher, was von beidem diese Gemeinde nötiger hätte. 

Am Mittwoch und Donnerstag arbeitete ich, während meine Liebste mit den Kindern unterwegs war, intensiv an den neuen "Lebendigen Steinen", schaffte auch eine ganze Menge, bekam das Heft aber trotzdem nicht ganz pünktlich zum Monatsanfang fertig. Aber was soll's, dann kommt es halt mal ein paar Tage später; dafür bin ich aber umso überzeugter, dass es gut wird. 

Währenddessen begann in Frankfurt am Main die 2. Synodalversammlung des Schismatischen Weges, pardon, ich meine natürlich: des Katholischen Reformprozesses Synodaler Weg (KRSW). Was mir von dort berichtet wurde, erinnerte mich teilweise stark an das, was ich in Darryl Coopers "MartyrMade"-Podcast über die Radikalisierung der Studentenbewegung in den späten 60ern und frühen 70ern gelernt habe -- wobei ein Haufen durchgeknallter BDKJ-Funktionäre offenbar versucht, die Rolle des "Weather Underground" zu übernehmen. Dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, bis beim BDKJ "revolutionärer Gruppensex" eingeführt wird, als Pflichtveranstaltung natürlich. Davon abgesehen gelange ich mehr und mehr zu der Auffassung, das Bemerkenswerteste an diesem ganzen sogenannten Synodalen Weg ist seine totale Irrelevanz. Außerhalb der Kirche interessiert sich buchstäblich keine Sau dafür, und die einfachen Gläubigen in den Gemeinden kriegen fast noch weniger davon mit; bei der ganzen Veranstaltung handelt es sich ausschließlich um die Selbstbespiegelung einer abgehobenen Funktionärselite. Ich habe es schon auf Twitter und auf Facebook geschrieben, schreibe es aber gern noch einmal: Jedes alte Muttchen, das werktags in die Messe geht und vorher und/oder nachher den Rosenkranz betet, hat mehr Relevanz für die Zukunft der Kirche als die ganze Synodalversammlung. 

Ganz in diesem Sinne gestaltete ich am Freitag - dem Gedenktag der Hl. Thérèse von Lisieux und zugleich Herz-Jesu-Freitag - im Rahmen der Eucharistischen Anbetung in Herz Jesu Tegel eine halbstündige Andacht, an der sechs oder sieben Gemeindemitglieder teilnahmen, und ohne mich selbst über Gebühr loben zu wollen: Ich fand die Andacht sehr schön. 

Am Samstag war "Tag der offenen Tür" beim Montessori Campus am Tegeler Forst; da gingen wir hin. Unsere Große wird demnächst vier (irre, wie die Zeit vergeht!) und ist bisher konsequent kitafrei aufgewachsen, aber so allmählich könnten wir uns doch vorstellen, dass es ihr Spaß machen könnte, wenigstens ein paar Tage in der Woche für ein paar Stunden in den Kindergarten zu gehen, und was noch wichtiger ist: Wäre sie dort im Kindergarten, hätten wir schon mal einen Fuß in der Tür, um sie auch in der dazugehörigen Schule unterzubringen. Ich habe zwar nur eine sehr vage Vorstellung von Montessori-Pädagogik - Maria Montessoris Buch "Kinder sind anders" steht bei uns im Regal, gelesen habe ich es aber noch nicht -, aber was ich bei diesem Tag der offenen Tür gesehen und gehört habe, fand ich durchaus ansprechend, und schon allein die Tatsache, dass Maria Montessori die Katholikin unter den Alternativpädagogik-Pionieren war, nimmt mich für sie ein. Last not least gefiel es unserer Tochter im Montessori-Kindergarten sensationell gut -- am liebsten wäre sie gleich dageblieben. Aber wir wollten anschließend noch zu einer Taufe. 

Ich hatte nämlich erfahren, dass der Diözesansprecher der Charismatischen Erneuerung im Erzbistum Berlin - den wir gut kennen; ich würde sagen, man kann ihn als Freund der Familie bezeichnen - in "unserer" Kirche eine Taufe hatte, und daraus (zu Recht, wie sich zeigte) gefolgert, dass demnach wohl auch die Familie des Täuflings in der Charismatischen Erneuerung aktiv sein müsse. Außerdem war neulich im Pfarrgemeinderat darüber geredet worden, dass es wünschenswert sei, wenn bei Taufen in unserer Pfarrei ein Mitglied dieses erlauchten Gremiums anwesend wäre, also sagte ich mir: Fang' ich doch schon mal damit an. Das erwies sich als gute Idee: Neben dem Zelebranten trafen wir dort noch einige andere Leute, die wir von "Nightfever", "Praystation" oder ähnlichen Events kannten; im Hof der Kirche waren Tische, Stühle und ein Büffet für eine kleine Feier aufgebaut, es waren viele Kinder da, und so hatten wir einen ausgesprochen schönen Nachmittag. 

Am gestrigen Sonntag wurde in unserer Pfarrei Erntedank gefeiert, aber wir gingen erst abends in die Messe, wo das keine ganz so große Rolle mehr spielte, da die vor dem Altar arrangierten Lebensmittel bereits morgens gesegnet worden waren. Ich übernahm in der Abendmesse den Lektorendienst, und dem Tag des 3. Oktobers wurde dadurch Rechnung getragen, dass unser Organist ein bisschen "Blüh im Glanze dieses Glückes" in seine Orgelimprovisation zur Kommunion hineinmodulierte. 


Was ansteht: Heute, am Gedenktag des Hl. Franz von Assisi, hoffe ich endlich die Oktober-Ausgabe der "Lebendigen Steine" fertig zu bekommen; viel fehlt auch eigentlich nicht mehr. Die morgige Lobpreisandacht fällt auf den Gedenktag der Hl. Faustyna Kowalska; da diese erst 1993 selig- und 2000 heiliggesprochen wurde, ist dieser Gedenktag in meiner Ausgabe des Stundenbuchs noch nicht berücksichtigt, aber zum Glück gibt's ja Internet. 

Mittwochs werden im Rosenkranzmonat Oktober in Herz Jesu Tegel traditionell Rosenkranzandachten gefeiert, die von verschiedenen Gruppen und Kreisen der Gemeinde gestaltet werden; am ersten Mittwoch im Monat ist quasi "gewohnheitsrechtlich" der Mittwochsklub an der Reihe, und das trifft sich günstig, da das der Vorabend des Gedenktags Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz ist. Hoffen wir mal, dass diese Andacht mir seelische Stärkung für die Pfarrgemeinderatssitzung verleiht, die später am selben Abend ansteht. Die Tagesordnung liegt mir bis zur Stunde noch nicht vor, aber das kennt man ja im Grunde nicht anders. 

Für den Rest der Woche steht, soweit ich es derzeit überblicken kann, nicht mehr viel Besonderes auf dem Programm; aber wahrscheinlich ergibt sich da noch was. Ist ja eigentlich immer so. 


Linktipps: 

Zehn Jahre ist es schon her, dass Papst Benedikt XVI. im Freiburger Konzerthaus seine programmatische Rede zum Thema "Entweltlichung" hielt -- für mein Empfinden ein Grundlagentext der #BenOp, auch wenn diese Rede in Rod Drehers Buch "Die Benedikt-Option" nicht explizit erwähnt oder gar zitiert wird. Zum zehnjährigen Jubiläum hat jedenfalls Pater Recktenwald einen Artikel seines "Portals zur katholischen Geisteswelt", der sich mit Reaktionen von "Vertreter[n] des deutschen Katholizismus" auf die Freiburger Rede befasst, wieder hervorgeholt und auf Facebook geteilt. Im Mittelpunkt des Artikels steht die Auseinandersetzung mit einem Aufsatz des Soziologen Michael N. Ebertz, und dieser Name ließ mich aufhorchen -- denn dieser Ebertz hat auch einen Beitrag zu dem Sammelband "Pilgern gestern und heute" verfasst, den ich in der ersten Etappe meiner "100-Bücher-Challenge" am Wickel hatte, und diesen Beitrag habe ich seinerzeit zum Ende hin nur noch überflogen, weil mir, wie ich notierte, "der Typ einfach zu sehr auf die Eier" ging. Womit bzw. wodurch? Durch "eine auffällige, zuweilen spöttelnde Distanz gegenüber Religion und Kirche, die sich um die Mitte des Aufsatzes herum zu aggressiver antikatholischer Polemik steigert"; was ich recht bezeichnend fand angesichts des Umstands, dass Ebertz auch Mitglied im "ZdK" ist. Was wird so jemand wohl zu Benedikts "Entweltlichungs"-Rede zu sagen gehabt haben? 

"Ebertz argumentiert als Soziologe", stellt P. Recktenwald nüchtern fest und bringt damit bereits die Grenzen von Ebertz' Einsichten auf den Punkt, denn : "Die Soziologie kann wertvolle Erkenntnisse über Gesetzmäßigkeiten von Institutionen und Bedingungen ihres Erfolges beisteuern, sie kann aber nicht die Kriterien dafür bereitstellen, was für die Kirche als 'Erfolg' zu gelten hat und was nicht." Genau dies beansprucht die Religionssoziologie aber eben immer wieder doch zu tun, und der institutionelle Apparat der Kirche leiht ihr nur allzu willig ihr Gehör; was dabei herauskommt, sieht man derzeit exemplarisch beim Schismatischen Weg, dessen tonangebende Akteure so vollkommen den eigentlichen Auftrag und Daseinszweck der Kirche vergessen haben, dass er in ihren Überlegungen nicht einmal mehr als Frage eine Rolle spielt. 

Genau dies ist das Bezeichnende und Lehrreiche an Ebertz' Blick auf die Freiburger Rede Benedikts XVI.: Mit dem für das Verständnis von Benedikts Aufruf zur "Entweltlichung" ausgesprochen zentralen Hinweis, es gehe "nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen", kann Ebertz nichts anfangen; eine solche Aussage liegt schlichtweg außerhalb seines Verständnishorizonts. -- Spannend ist aber allemal, wie Ebertz (sich) den Relevanzverlust der Kirche in der modernen Gesellschaft erklärt: "Angesichts des - auch selbst betriebenen - Niedergangs der Hölle im Prozess der Zivilisation" sei "das Heil der Seelen postmortal kaum mehr in Gefahr" und "die ehemals zentrale kirchliche Aufgabe der Seelenrettung" daher "kaum mehr plausibel zu machen”. Diese Zuspitzung auf die Frage nach der Hölle scheint mir zwar etwas übersimplifiziert (auf eine Weise, die nicht untypisch ist für Leute, die mit Religion nicht so viel anfangen können -- aber wieso müssen die dann eigentlich partout Religionssoziologen werden?), aber grundsätzlich ist es wohl nicht zu leugnen, dass immer mehr Menschen (darunter auch solche, die durchaus "irgendwie religiös" sind) die Kirche für ihr Seelenheil nicht nötig zu haben meinen. "Dieser Glaubensverlust und die dadurch bedingte Entleerung der zentralen kirchlichen Aufgabe" ist, wie P. Recktenwald zu Recht kritisiert, in Ebertz' Wahrnehmung "nicht als zentrale Herausforderung an die Kirche zur Neuevangelisierung gesehen, sondern als unveränderliches Fatum, dem die Kirche Rechnung tragen muss". Auch das kennen wir bereits: die zentrale religionssoziologische These von der Unumkehrbarkeit der Säkularisierung. Die Zahnpasta ist aus der Tube gedrückt, jetzt kriegt man sie nicht wieder hinein: Deal with it

Dafür, wie die Kirche mit dieser Situation umgehen könne, benennt Ebertz fünf "idealtypisch unterscheidbare" Optionen: 

"erstens das Aussitzen der Krise (Option der institutionellen Stabilisierung), zweitens die fundamentalistische Option (die Ebertz widersprüchlich beschreibt: einerseits als 'scharfe Weltdistanz', [...] andererseits als integralistische 'Verkirchlichung der Welt'), drittens das Durchwursteln (Option der pragmatischen Selbstregulierung), viertens die geistliche Aufrüstung bei gleichzeitig struktureller Abrüstung (die Option der elitären Minorisierung [...]) und schließlich fünftens die Verwandlung von 'Anpassungszwänge in intendierte Entwicklungsprozesse' (Option des Lernens), die 'Kirchenwachstum unter völlig neuen Lebensbedingungen' ermöglichen soll."

P. Recktenwald bemängelt, Ebertz liefere keine Begründung dafür, "[w]arum es ausgerechnet nur diese fünf Optionen geben soll" ("Man kann sich des Eindrucks der Willkür nicht erwehren"); aber ich muss sagen, ich wüsste nicht, wie man noch weitere Optionen benennen sollte, die sich nicht der einen oder anderen dieser fünf Kategorien zuordnen ließen. Umgekehrt könnte man sich fragen, ob die Anzahl der von Ebertz unterschiedenen Optionen sich nicht noch weiter reduzieren ließe: Was, beispielsweise, ist der entscheidende Unterschied zwischen "Aussitzen" und "Durchwursteln"? (Eine Mischung aus beidem ist jedenfalls, meiner Erfahrung nach, die auf der Pfarrei-Ebene bevorzugt praktizierte Option.) Auf der anderen Seite würde, wie auch P. Recktenwald anmerkt, wohl manch ein Beobachter die von Ebertz an vierter Stelle genannte "Option der elitären Minorisierung" mit der an zweiter Stelle genannten "fundamentalistischen Option" gleichsetzen; ich bin allerdings recht zufrieden damit, dass Ebertz das nicht tut, aber dazu später. Zustimmen möchte ich P. Recktenwald jedenfalls in seiner Kritik daran, dass in Ebertz' Ausführungen vier dieser Optionen von vorneherein so negativ beschrieben werden, dass nur die vom Autor bevorzugte Option als akzeptabel erscheinend übrig bleibt" -- und das ist, wie sollte es anders sein, die kundenorientierte Option: Wenn die Nachfrage nach Brot sinkt, muss die Bäckerei eben Nudeln verkaufen. Das ist ja auch eine vollkommen plausible und konsequente Option, wenn man davon ausgeht, dass der ganze Glaubenskram ohnehin nur ausgedachter Quatsch ist, der in früheren Zeiten dazu gedient hat, der Institution Kirche Geltung zu verschaffen, diese Funktion heute aber nicht mehr erfüllt. Wenn man hingegen daran glaubt, dass es Gott wirklich gibt, dass Gott sich in Jesus Christus offenbart hat und dass dieser die Kirche zu dem Zweck gestiftet hat, diese Offenbarung durch die Zeit hindurch zu bewahren und weiterzutragen, dann sieht das natürlich erheblich anders aus, aber das ist eben ein Kirchenbild, das den Horizont der Soziologie überschreitet. 

Die "Entweltlichungs"-Thesen Papst Benedikts XVI. rechnet Ebertz jedenfalls der vierten Option ("geistliche Aufrüstung bei gleichzeitig struktureller Abrüstung") zu, die man auch darum zu Recht die "Benedikt-Option" nennen kann. -- Spaß beiseite, natürlich heißt die #BenOp nicht deshalb so; aber es passt halt so schön. Auch die Kritik, es handle sich um eine "Option der elitären Minorisierung" und um einen "sektenartigen Rückzug" aus der "Weltverantwortung", ist uns aus der Rezeption der "Benedikt-Option" ausgesprochen vertraut; wobei ich die naserümpfende Verwendung der Vokabel "elitär" durchaus als etwas unfreiwillig komisch empfinde, denn ehrlich gesagt kann ich mir kaum etwas Elitäreres vorstellen als die "Kirche der Zukunft", die die Soziologen sich erträumen. -- P. Recktenwald jedenfalls bekennt sich ebenfalls als Anhänger der vierten Option und erklärt: 
"Geistliche Aufrüstung bei gleichzeitiger struktureller Abrüstung, also: mehr Nachfolge Christi, weniger Institution; mehr Geist, weniger Bürokratie; mehr geistlicher Aufbruch, weniger Verwaltung bestehender Besitzstände: genau dies ist die Antwort auf die gegenwärtige Krise. Sie bedeutet nicht sektenartige[n] Rückzug aus der Weltverantwortung, sondern Wahrnehmen jener Verantwortung, die die Kirche heute wie in den Zeiten seit ihres Bestehens für das ewige Seelenheil der Menschen besitzt."

Dem habe ich nicht mehr sonderlich viel hinzuzufügen. Dass die institutionelle Kirche in Deutschland derzeit mit Karacho in die entgegengesetzte Richtung unterwegs ist, dürfte ja offensichtlich sein; aber die hoffnungsvollen Aufbrüche außer- oder unterhalb der offiziellen amtskirchlichen Strukturen, die gibt es eben auch

"Wie jetzt", mag sich an dieser Stelle so mancher Leser fragen, "es gibt ein Gebetshaus Aachen?" Wozu zunächst zu sagen wäre: Nee, das gibt es eben nicht. Genauer gesagt: noch nicht. Es handelt sich um ein Projekt, dessen Verwirklichung noch aussteht. Darauf aufmerksam geworden bin ich recht zufällig, denn naturgemäß ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass, wenn man irgendwo "Gebetshaus" und dann einen Ortsnamen mit A liest, das Gehirn automatisch "Augsburg" ergänzt und denkt: Alles klar, kenn' ich. Tatsächlich hat das projektierte Gebetshaus Aachen gegenüber dem Erfolgsmodell aus Augsburg jedoch eine interessante Besonderheit, nämlich, dass da die Eucharistische Anbetung im Fokus stehen soll -- kombiniert mit einer "Fülle verschiedener Gebetsformen" wie "Lobpreismusik, Rosenkranz, Litaneien, Meditationen, Fürbitte, Psalmen, prophetischer Lobpreis, fokussierte Fürbitte, Stundengebet" u.a.;  man könnte also vielleicht sagen, es handle sich um ein Crossover zwischen der katholischen Tradition der Ewigen Anbetung und dem Spirit der modernen Gebetshausbewegung. Alles in allem also total mein Ding! Der auf den 24. September datierte Blogartikel gibt einen Überblick über den aktuellen Stand des Projekts -- und tatsächlich tut sich so allerlei: Die Initiatoren haben einen gemeinnützigen Trägerverein gegründet, der es ihnen u.a. ermöglicht,  Spendenquittungen auszustellen; noch wichtiger ist indes, dass sie einen Ort für ihr Vorhaben gefunden haben -- nämlich die Kirche Herz Jesu im Frankenberger Viertel von Aachen, im Volksmund auch "Frankenberger Dom" genannt. Ich persönlich bin ja ganz und gar entzückt, dass dieses Anbetungsprojekt in einer Kirche verwirklicht werden soll, die den Namen Herz Jesu trägt, aber das nur nebenbei. Die beste Nachricht ist, dass die Initiatoren, nachdem sie die Erlaubnis zur Nutzung der Herz-Jesu-Kirche erhalten haben, einfach schon mal damit begonnen haben, dort Gebetszeiten abzuhalten -- und zwar vorerst mittwochs von 9 bis 20 Uhr. Das sind schon mal elf Stunden! Elf von 168 Stunden pro Woche,  die sie auf längere Sicht schaffen wollen, okay; aber wenn man bedenkt, dass sie ihrer eigenen Einschätzung zufolge noch gar nicht "richtig" angefangen haben, ist das doch schon sehr beachtlich. Zum Vergleich: In "meiner" Pfarrkirche gibt es pro Woche drei Stunden Eucharistische Anbetung, und das ist für hiesige Verhältnisse schon viel. Laut einer mir vorliegenden Karte - von der ich allerdings nicht mit Sicherheit weiß, wie aktuell sie ist - gibt es Ewige Anbetung in "normalen" Pfarreien (also im Unterschied etwa zu Klosterkirchen) in ganz Deutschland an 18 Orten, von denen allerdings ganze 16 in Baden-Württemberg und Bayern liegen; für den Nordwesten Deutschlands leisten die Aachener Gebetshaus-Gründer also echte Pionierarbeit. Über ihren Trägerverein haben die Initiatoren bereits ein Keyboard angeschafft, "um die eine oder andere Gebetsstunde musikalisch zu gestalten". -- Zusammenfassend gesagt erscheint mir das alles recht vielversprechend, und wenn es mich mal wieder so weit in den Westen verschlägt (zuletzt war ich vor knapp zwei Jahren, also "vor Corona", in Aachen), gehe ich da bestimmt mal hin und bete für ein Stündchen (oder so) mit. Und bis dahin werde ich die Website im Auge behalten. 

Ich gebe zu, ich habe ausgiebig gezögert, diesen Artikel in meine Linktipps aufzunehmen; denn eigentlich würde ich zu der ganzen Corona-Impfdebatte am liebsten gar nichts sagen. Aber man kommt ja doch nicht drum'rum, angesichts des allenthalben wachsenden Drucks auf die Minderheit der Ungeimpften, sich doch auch endlich impfen zu lassen wie alle anderen. Und als gläubiger Katholik hat man, wenn man Bedenken gegenüber der Corona-Impfung hat, noch das zusätzliche Problem, dass die eigenen religiösen Auroritäten, vom Papst bis hin zu Bischof Oster, sich nachdrücklich für die Impfung aussprechen. Genau an diesem Punkt setzt der Artikel der emeritierten Moraltheologie-Professorin Janet E. Smith an: Wenn Papst und Bischöfe dazu aufrufen, sich gegen Corona impfen zu lassen, heißt das dann für gläubige Katholiken, dass sie sich impfen lassen müssen? -- Es gibt ja durchaus Leute, die das behaupten.  So zum Beispiel die Bioethik-Professorin Therese Lysaught in einem Beitrag für den liberalkatholischen National Catholic Reporter. Janet Smith kritisiert diesen Artikel scharf und weist darauf hin, dass die Aussagen des Heiligen Stuhls und der US-Bischofskonferenz zur Frage der Corona-Impfung, auf die Prof. Lysaught sich beruft, durchaus nicht die lehramtliche Autorität haben, die sie ihnen zuschreibt. Weiter führt sie aus, unter den verschiedenen Verlautbarungen des Vatikans zum Thema Covid-19 sei das Dokument mit dem höchsten Grad lehrmäßiger Verbindlichkeit eine Note der Glaubenskongregation vom 21.12.2020 -- und darin werde gerade die Freiwilligkeit der Impfung betont. 

Nun könnte man natürlich fragen, was einem vernünftigen Menschen denn davon abhalten sollte, sich freiwillig impfen zu lassen, und ob jemand, der die Impfung verweigert, sich dadurch nicht hinlänglich als Verschwörungsschwurbler, Coronaleugner und Covidiot zu erkennen gibt. Janet Smith ist nicht dieser Meinung --  und führt eine ganze Reihe möglicher Gründe an, daran zu zweifeln, dass eine Corona-Impfung sinnvoll, notwendig und unbedenklich ist. Darüber, wie stichhaltig diese Einwände sind, kann und wird es sicherlich unterschiedliche Ansichten geben. Und genau das ist der Punkt. Es geht gerade nicht darum, autoritativ und allgemeinverbindlich festzulegen, ob "man" sich impfen lassen soll, sondern darum, dass jeder das nach bestem Wissen und Gewissen für sich selbst abwägen muss. Was das besonders von christlicher Seite bevorzugt angeführte Argument angeht, es sei ein Gebot der Nächstenliebe, sich impfen zu lassen, um Andere vor einer Infektion zu schützen, halte ich's mit einem Vers von Cat Stevens (aus "Father and Son"): "If they were right, I'd agree". Meinem Kenntnisstand und Verständnis zufolge baut das genannte Argument jedoch auf irrigen Voraussetzungen auf. Wir haben wohl alle in der 9. oder 10. Klasse im Bio-Unterricht gelernt, wie Impfungen funktionieren -- wer dasselbe Bio-Buch hatte wie ich, erinnert sicj vielleicht an die Grafik mit der Kuh und den Puzzleteilen. In diesem Zusammenhang haben wir auch gelernt, dass bestimmte Krankheiten - wie z.B. die Pocken, aber auch Polio (Kinderlähmung) - durch flächendeckende Impfung praktisch ausgerottet werden konnten. Wäre es nicht toll, wenn das auch mit Corona gelänge? Der Haken an der Sache ist nur, dass die bisher verfügbaren Corona-Impfstoffe genau so nicht funktionieren. Sie schützen weder vor der Infektion als solcher noch davor, Andere anzustecken, und folglich können sie auch keine Herdenimmunität erzeugen. 

Grundsätzlich würde ich davon ausgehen, dass Bischöfe oder andere Kirchenvertreter nicht zwingend mehr über die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen wissen als der durchschnittliche Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer -- und daher ausgesprochen schlecht beraten sind, die Autorität ihres Amtes in die Waagschale zu werfen, um für die Impfung zu werben. Letztendlich hat das aber auch nicht mehr und nicht weniger Relevanz, als wenn Popmusiker oder Fernsehköche dazu aufrufen, sich impfen zu lassen -- oder umgekehrt, wenn Bischöfe dazu aufrufen, wählen zu gehen, oder Sportereignisse kommentieren. Sie tun das, weil sie der Meinung sind, dass das von ihnen als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erwartet wird. Im Grunde ist das ein Symptom der Verweltlichung der Kirche.  

Credo Online ist ein vom Bistum Augsburg - genauer gesagt von der "Hauptabteilung III:  Evangelisierung - Jugend - Berufung" - betriebenes Portal, das schon von der Optik her erheblich frischer und professioneller 'rüberkommt, als man es von "amtskirchlicher" Medienarbeit normalerweise gewohnt ist. Bei dem hier verlinkten Artikel handelt es sich um ein Interview mit einer Frau, die unlängst im Alter von 32 Jahren das Sakrament der Firmung empfangen hat. Entdeckt habe ich den Artikel mit Hilfe von Theóradár, dem alten Westgotenhäuptling, und natürlich hat mich da zunächst und vor allem die Überschrift neugierig gemacht. Man muss allerdings anmerken, dass dieses Interview gar nicht so schrecklich viel zur Flüchtlings- oder Migrationsthematik hergibt; aber "Wie mich mein Freund (i.S.v. 'Lebenspartner') zum katholischen Glauben brachte" hätte als Überschrift vermutlich weniger Klicks generiert. Genau so verhält es sich aber: Sabrina aus Penzing hat ihren Freund "bei der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit" kennengelernt, er kommt aus Eritrea und ist gläubiger Christ. Okay: Dass sein Glaube sie so tief beeindruckt hat, dass sie dadurch auch ihre eigene, lange verschüttet gewesene Bindung an die katholische Kirche wiederentdeckt hat, hat durchaus auch damit zu tun, dass er "auf seiner Flucht so viel Schlimmes erlebt hat" und trotzdem "ganz fest an Gott" glaubt. Das könnte theoretisch ein sehr interessanter Aspekt der Geschichte sein, wird aber nicht weiter vertieft. 

Aufschlussreich ist das Interview aber in anderer Hinsicht. Gleich zu Beginn fragt die Interviewerin nach Sabrinas "christliche[m] Background" -- und die Antwort, die Sabrina darauf gibt, liest sich wie ein Lehrbuchbeispiel für gescheiterte religiöse Sozialisation: 

"Ich wurde katholisch getauft, das haben meine Eltern so entschieden, und wirklich hinterfragt habe ich das nie. Meine Erstkommunion wurde über die Schule organisiert. So richtig gefeiert wurde die aber zu Hause gar nicht. Vermutlich weil meine Eltern sich kurz zuvor scheiden lassen hatten und dann gab es wohl wichtigere Dinge." 

Man mag sich fragen, ob Sabrina angesichts dieser familiären Situation wohl überhaupt zur Erstkommunion gegangen wäre, wenn diese nicht "über die Schule organisiert" worden wäre; aber ich tue mich ehrlich gesagt schwer damit, das als einen Pluspunkt für das landläufige System der Erstkommunion-Vorbereitung zu verbuchen  Bei der Firmung jedenfalls funktionierte dieses System dann nicht mehr: 

"Die Firmung fand in dem Dorf, in dem wir damals wohnten, erst nach unserem Wegzug statt. Und da, wo wir hingezogen sind, war sie gerade vorbei. Ich habe sie also verpasst. Später wollte ich das dann auch nicht mehr – das wäre mit den zwei Jahre jüngeren Kindern ziemlich uncool gewesen." 

Darf ich in diesem Zusammenhang an den in meinen Linktipps von vor zwei Wochen gewürdigten Beitrag von Micah Murphy erinnern? -- Die Konsequenz aus der ausgebliebenen Firmung ist jedenfalls nicht überraschend: "Mit dem Glauben und der katholischen Kirche hatte ich dann nicht mehr viel am Hut." 

Dass Sabrina Jahre später durch ihr ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit einen unerwarteten neuen Zugang zum Glauben gefunden hat, mag man als Beleg bzw. Fallbeispiel dafür ansehen, dass "Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann" -- ein Satz, der mir aus meiner eigenen Firmkatechese im Gedächtnis geblieben ist. Problematisch wird's allerdings, wenn dieser Satz als Ausrede dafür herhalten muss, dass die kirchlichen Strukturen sich nicht wenigstens bemühen, die Zeilen, auf denen Gott schreiben soll, ein bisschen weniger krumm zu ziehen

Nicht uninteressant ist auch, dass Sabrinas Entscheidung, die Firmung im Erwachsenenalter nachzuholen, mittelbar veranlasst wurde durch den Wunsch, ihre Tochter taufen zu lassen. Daran gibt es nichts zu bekritteln, so ist z.B. auch Dorothy Day katholisch geworden, und die ist inzwischen auf dem Weg zur Seligsprechung. Zu denken gab mir indes Sabrinas Aussage, eine Heirat sei ihr und ihrem Freund "leider nicht möglich", weil ihr Freund "als Flüchtling nicht die entsprechenden Papiere" habe. Zunächst drehten sich meine Gedanken an diesem Punkt gänzlich um die Frage, was für Papiere das wohl im Einzelnen seien, ohne die ein Flüchtling in Deutschland nicht heiraten kann bzw. darf, und ob es da nicht eine Lösung geben müsste, also beispielsweise, die Angaben zum Personenstand, über die man keine schriftlichen Nachweise hat, mit einer eidesstattlichen Erklärung zu beglaubigen oder so. Dann fiel mir auf, dass wir es hier im Grunde wieder mit Micah Murphys großem Thema zu tun haben: mit der Frage, wie es seelsorgerisch zu rechtfertigen ist, jemandem ein Sakrament vorzuenthalten (vorausgesetzt natürlich, der Betreffende ist im Stande, das Sakrament rechtmäßig, gültig und würdig zu empfangen). Konkret meine ich hier den Umstand, dass man in Deutschland im Normalfall nicht kirchlich heiraten kann, wenn man nicht zuvor standesamtlich getraut wurde oder die standesamtliche Eheschließung zumindest bereits geplant ist. Ich möchte aber annehmen, dass bürokratische Hürden, die einer standesamtlichen Heirat im Weg stehen, nicht zwingend in jedem Fall auch Ehehindernisse im kirchenrechtlichen Sinne sind. Wenn nun die Amtskirche einem Paar ohne zwingenden Grund das Ehesakrament verweigert -- kann man da nicht sagen, dass sie diesem Paar Anlass zur Sünde gibt? Das ist keine Lappalie, dafür gibt es in der Theologie einen Fachbegriff und der lautet Skandalon

Nebenbei macht der Artikel übrigens ein bisschen Werbung für den Kath-Kurs, einen Glaubenskurs für Erwachsene, der in den Bistümern Augsburg, Eichstätt, Passau und Regensburg angeboten wird. Aber den schaue ich mir vielleicht bei einer anderen Gelegenheit mal genauer an. 


Ohrwurm der Woche: Bob Dylan, "Man Gave Names to All the Animals" (1979) 

Ja, #sorrynotsorry, ich muss noch einmal auf Literaturnobelpreisträger Bob Dylans sensationelles  Album "Slow Train Coming" zurückkommen, von dem hier vor zwei Wochen schon die Rede war. Inzwischen hatte ich ausreichend Gelegenheit, die neun Songs des Albums rauf und runter zu hören, bin ausgesprochen angetan und schätze, ich werde mir die beiden anderen Alben aus Dylans "frommer Phase", "Saved" (1980) und "Shot of Love" (1981), wohl demnächst auch mal zu Gemüte führen. 

Der als aktueller "Ohrwurm der Woche" ausgewählte Song "Man Gave Names to All the Animals" ist nicht unbedingt die beste Nummer auf "Slow Train Coming", hat aber unbestreitbare Ohrwurmqualitäten -- vor allem aber finde ich den Song lustig und knuffig; und abgesehen davon, dass er zur 1. Lesung des gestrigen Sonntags passt, finde ich, er würde gut in einen Kindergottesdienst passen. Oder, besser vielleicht, in eine interaktive Lern-Spiel-Katechese zur Schöpfungsgeschichte. Nebenbei bemerkt geistert schon seit Jahren die Idee durch mein Hinterstübchen, Rudyard Kiplings Erzählung "Die Katze, die eigene Wege ging" als Kinder-Theaterstück zu adaptieren, und da würde das Lied ebenfalls gut 'reinpassen. Gibt's von dem Liedtext eine brauchbare deutsche Übersetzung? Ich meine, der Autor ist schließlich Literaturnobelpreisträger, da dürfte man doch wohl erwarten, dass es eine anständige Werkausgabe gibt. 


Aus dem Stundenbuch: 

Wie glücklich und gesegnet sind alle, die den Herrn lieben und tun, wie der Herr im Evangelium sagt: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und deinen Nächsten wie dich selbst" (Mt 22,37.39). Lasst uns also Gott lieben und ihn mit reinem Herzen und reinem Geist anbeten; denn das verlangt er mehr als alles und sagt: "Die wahren Beter beten den Vater im Geist und in der Wahrheit an" (Joh 4,23). Alle, die ihn anbeten, müssen ihn im Geist der Wahrheit anbeten. Lasst uns Tag und Nacht Lob und Gebet an ihn richten und sprechen: "Vater im Himmel"; denn so sollen wir alle Zeit beten und darin nicht nachlassen.

Darüber hinaus lasst uns Frucht hervorbringen, die unsere Umkehr zeigt. Wir wollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, Liebe und Demut hegen und Almosen geben, denn sie reinigen unsere Seele vom Schmutz der Sünde. Alles, was die Menschen in dieser Welt zurücklassen, verlieren sie. Doch den Lohn für die Liebe und die Almosen, die sie gegeben haben, nehmen sie mit sich. Für sie werden sie vom Herrn Ehre und gerechte Vergeltung empfangen.

In irdischem Sinn sollen wir nicht weise und klug sein, sondern einfältig, demütig und rein. Niemals sollen wir danach verlangen, über anderen zu stehen; lieber wollen wir um Gottes willen Knechte und Untergebene aller Menschen sein. Über allen, die so handeln, und darin beharrlich sind, wird der Heilige Geist ruhen und ihnen Wohnung und Bleibe schaffen. Sie werden Kinder des Vaters im Himmel sein, dessen Werke sie tun. Sie sind Bräutigam, Bruder und Mutter unseres Herrn Jesus Christus.

(Hl. Franz von Assisi, Brief an alle Gläubigen)

Montag, 27. September 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #17 (26. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Wie schon angekündigt, haben meine Familie und ich die zurückliegende Woche an der Waterkant verbracht, zuerst in Butjadingen, dann in Ostfriesland (dies sind in der Tat zwei verschiedene Landschaften, und die Einheimischen und Ex-Einheimischen schätzen es gar nicht, wenn man diese miteinander verwechselt oder meint, das sei "alles dasselbe"). Am vergangenen Montag, dem Gedenktag der koreanischen Märtyrer, brachen wir morgens in Berlin auf und kamen am frühen Nachmittag in Nordenham an, wo wir von meiner Mutter am Bahnhof abgeholt wurden, am Marktplatz einen Corona-Schnelltest machten und dann in einer Bäckerei Kaffee und Kuchen genossen, ehe wir mit dem Bus nach Burhave weiterfuhren. Dort mieteten wir beim Fahrradverleih am Strand wieder denselben Croozer-Wagen, der uns schon in unserem Urlaub Anfang Juni gute Dienste geleistet hatte, und checkten dann erst einmal in unsere Ferienwohnung ein. Diese war durchaus geräumig und gemütlich, allerdings - zu meinem Amüsement - konservativer eingerichtet als das Haus alt ist. Ist das ein bisschen kraus formuliert? Was ich meine, ist, dass die ganze Siedlung, zu der dieses Haus gehört, meines Wissens erst in den 1990er-Jahren erbaut wurde, und die Wohnungseinrichtung muss (abgesehen vom Flachbildfernseher, den wir während der dreieinhalb Tage unseres Aufenthalts nicht benutzt haben) schon damals altmodisch gewirkt haben. Aber macht ja nichts! Während Frau und Kinder sich von der Reise ausruhten, ging ich erst mal einkaufen und kam dabei auch an der katholischen Kirche Herz Mariä vorbei, wo ich schnell mal auf den Aushang schaute. Der Befund war eher deprimierend: Im aktuellen Wochenplan war für die gesamte Pfarrei keine einzige Werktagsmesse vorgesehen, nur Wortgottesdienste bzw. "Wort-Gottes-Feiern". Sonst war dienstags Messe in St. Willehad, aber die Kirche wird derzeit renoviert, und während die Sonntagsmessen und die Messe zum Herz-Jesu-Freitag (immerhin, die gibt es noch!) ins Pfarrheim verlegt werden, fallen die Dienstagsmessen ersatzlos aus. Besonders bezeichnend erschien mir, dass am Mittwoch der Diakon einen Wortgottesdienst im Seniorenheim in Rodenkirchen feierte (wir erinnern uns: In Rodenkirchen wurden die Gottesdienste komplett ins Seniorenheim verlegt und die Kirche St. Josef profaniert), während gleichzeitig der Pfarrer beim Seniorentreff im Nordenhamer Pfarrheim einen Vortrag über den Jakobsweg hielt. Das sagt viel über Prioritäten aus, scheint mir. Wir erwogen trotzdem, am Mittwoch um 16:30 Uhr zum Kindertreff ins Pfarrheim zu gehen, hatten dann aber doch Anderes zu tun -- dazu später. 

Am Dienstag ließen wir uns vom durchwachsenen Wetter nicht davon abhalten, vormittags an den Strand zu gehen, oder genauer gesagt: auf den Spielplatz am Strand. Danach gingen wir Mittagessen im "Kachelstübchen" (immer gut!). Am Nachmittag gingen wir noch auf einen anderen Spielplatz, der vorrangig von der Kita genutzt wird, außerhalb der Kita-Zeiten aber auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht (eine sehr faire Regelung, wie ich finde), und verbrachten den Rest des Tages in unserer Unterkunft. 

Für Mittwoch hatten wir ins Auge gefasst, eventuell in ein Schwimmbad zu gehen, und wollten uns daher gleich morgens einen tagesaktuellen Corona-Schnelltest besorgen -- in der Apotheke. Was wir nicht wussten, war, dass man dort nur mit Termin getestet werden konnte. Angesichts der Tatsache, dass in der Apotheke nicht gerade großer Andrang herrschte, als wir dort aufschlugen, hätte man vielleicht annehmen können, es wäre möglich gewesen, uns spontan zwischenzuschieben, aber so sind die Butjenter nicht. Meine Liebste war stinksauer, aber ehe sie den Laden auseinandernehmen konnte, sagte ich "Lass uns erst mal rausgehen und überlegen, was wir jetzt machen." Wir fuhren dann mit dem Bus nach Tossens, wo es zwei Testzentren gab, bei denen man keine Anmeldung brauchte. Zur Belohnung wurde, während wir im Außenbereich eines Bäckerei-Cafés auf unsere Testergebnisse warteten, das Wetter richtig schön und blieb auch für den Rest des Tages so; also gingen wir an den Strand. Baden gingen wir zwar nicht, aber meine Tochter und ich hielten immerhin ein bisschen die Füße in die Nordsee -- die am Ende des Sommers verhältnismäßig warm war. -- Später fuhren wir zum Grillabend auf Hof Iggewarden. Ein absolutes Muss. Wer in Butjadingen Urlaub macht und sich den Grillabend auf Hof Iggewarden entgehen lässt, ist selber schuld. Besonders schön war, dass unsere Tochter dort ein etwa gleichaltriges Mädchen traf und mit diesem auf der Schafweide herumtollte. 

Derweil ging unser Windelvorrat empfindlich zur Neige. Da die beiden Burhaver Supermärkte zwar über eine Drogeriewaren-Abteilung verfügten, ich aber wenig Lust verspürte, durchs ganze Dorf zu zockeln, nur um dann womöglich festzustellen, dass es keine Windeln in den von uns benötigten Größen gab, fuhren wir am Donnerstag nach dem Frühstück lieber gleich mit dem Bus nach Nordenham, um in einen richtigen Drogeriemarkt zu gehen und bei der Gelegenheit auch gleich einen neuen tagesaktuellen Corona-Test machen zu lassen  Anschließend fuhren wir nach Fedderwardersiel und gingen dort ins Nationalpark-Haus. Da waren wir schon im Juni gewesen, und es hatte unserer Tochter sensationell gut gefallen; so auch diesmal wieder. Wir hatten geradezu Mühe, sie da wieder 'rauszukriegen, aber der Kleine wurde unruhig und musste gestillt werden, und wir Großen hatten ebenfalls Hunger. Also gingen wir zum Mittagessen ins "Havenhuus" (die frühere Hafenmeisterei): Sehr leckeres Essen, ausgesprochen gute und kinderfreundliche Bedienung. Inzwischen war es sehr stürmisch geworden, und wir hatten Glück, nach dem Essen gleich einen Bus zu erwischen, der uns nach Burhave zurückbrachte. Meine Liebste ging mit den Kindern in die Spielscheune, und ich hatte den Nachmittag "frei". Dies nutzte ich u.a. zu einem Besuch in der tagsüber offenen Kirche Herz Mariä, wo ich zunächst - still - die Novene zur Hl. Thérèse von Lisieux betete. Danach war es 17:30 Uhr, und ich beschloss spontan - auch weil mir ein- bzw. auffiel, dass es der Gedenktag des Hl. Pater Pio war -, auch noch die Vesper zu beten, und zwar nicht still. Als ich die Kirche wieder verließ, empfing mich - nachdem auf dem Hinweg Regen und Wind geherrscht hatten - herrlichster Sonnenschein. 

Erwähnen will ich noch, dass ich aus der Kirche eine Broschüre von donum vitae mitnahm. Eigentlich finde ich es ja schon mehr als grenzwertig, dass ein in offener Rebellion gegen die lehramtliche Autorität der Kirche gegründeter Verein sein Infomaterial in einer Kirche auslegen darf, aber in Zeiten von Maria Zwonull und Co. muss man sich darüber wohl nicht wundern. -- Ich las in der Broschürenur wenig, aber das Wenige genügte mir vollauf. Der Artikel "Schwangerschaftskonfliktberatung: Mit der Frau, nicht gegen sie" (S. 5) - der ja im Grunde schon in der Überschrift eine üble Verleumdung gegen dem Anliegen des Lebensschutzes verpflichtete Beratungsstellen wie etwa Pro femina enthält - beginnt mit einem Zitat aus der Publikation "Kleine Texte aus dem Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung", Nr. 19/1990:

"Was den Schwangerschaftskonflikt so unerträglich macht, ist das Recht des Ungeborenen auf Leben, und das Recht der Frau auf ihr eigenes Leben. Wie auch immer sie sich in einem Schwangerschaftskonflikt entscheidet, sie entscheidet sich gegen einen Teil ihrer Person." 

Mal abgesehen vom schmalzigen Stil verrät es schon ein arg beschädigtes Menschenbild, wenn hier behauptet wird, eine Frau, die sich trotz Schwierigkeiten dazu entschließt, eine ungewollte Schwangerschaft auszutragen, würde damit "einen Teil ihrer Person" aufgeben oder verleugnen. Dazu, dass das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit einerseits und das vermeintliche Recht auf das, was die säkular-hedonistische Kultur unter "Selbstverwirklichung" versteht, als gleichwertig behandelt werden, könnte man natürlich sagen: immerhin als gleichwertig; das ist schon mehr, als die radikale "Pro Choice"-Fraktion zugestehen würde. Aber wenn so etwas aus einer sich selbst als explizit christlich verstehenden Perspektive kommt, finde ich das schon einigermaßen bizarr. 

Eine andere Beobachtung aus Nordenham und Butjadingen: Einen für mich überraschend häufigen Anblick bildeten Rasenmähroboter in den Vorgärten zahlreicher Ein- bis Zweifamilienhäuser. "Auch ein Argument gegen das Vollzeit-Doppelverdiener-Familienmodell", merkte meine Liebste an. "Da arbeitet man den ganzen Tag, um sich ein Haus mit Garten leisten zu können, und dann hat man keine Zeit, sich um den Garten zu kümmern." -- "Früher", wandte ich ein, "haben Familienväter das Rasenmähen gern an ihre nicht mehr allzu kleinen Kinder delegiert und ihnen damit eine Möglichkeit gegeben, ihr Taschengeld aufzubessern. Und oft haben dann Nachbarn, die selbst keine für diese Aufgabe geeigneten Kinder hatten, diese Kinder engagiert, auch bei ihnen den Rasen zu mähen, und so konnten sie ihr Taschengeld noch mehr aufbessern. Wie in dieser 'Pepper Ann'-Folge. Das hatte einen gemeinschaftsstabilisierenden Effekt. Die Anschaffung von Rasenmährobotern hat keinen gemeinschaftsstabilisierenden Effekt -- eigentlich sogar im Gegenteil: Wie soll man sich denn jetzt als Schüler etwas dazuverdienen?" -- "Mit Handyspielen", warf meine Liebste ein. (Klingt bizarr, aber es gibt tatsächlich Spiele-Apps, mit denen die Nutzer Geld verdienen können. Ist allerdings sehr zeitaufwendig.) 

Was man daraus (unter anderem) lernen kann, ist, dass der technische Fortschritt in Butjadingen vorrangig in seinen negativen Aspekten ankommt - in jenen, die es den Butjentern ermöglicht, ihren antisozialen Neigungen zu frönen und zwischenmenschliche Kontakte zu vermeiden. Hier Beweisstück B: 

Am Freitag trafen wir uns am Bahnhof in Nordenham mit meiner Mutter, um gemeinsam mit ihr die Reise nach Ostfriesland anzutreten, wo meine Schwester und mein Schwager wohnen. Wie schon erwähnt, feierte meine Schwester ihren 50. Geburtstag und hatte dazu die ganze Familie eingeladen; allen einen Schlafplatz anbieten konnte sie aber beim besten Willen nicht, daher hatte meine Liebste eine Ferienwohnung im Nachbardorf gebucht. Bevor wir dort einchecken konnten, gab es noch etwas Stress, da wir noch kurzfristig einen tagesaktuellen Corona-Test organisieren mussten; aber danach gab's lecker Abendessen bei Schwester und Schwager, meine beiden Neffen waren ebenfalls bereits angereist, und es wurde insgesamt ein sehr schöner Abend. Tags darauf komplettierten mein Bruder und meine Schwägerin das Familientreffen. Zum Mittagessen wurde gegrillt, anschließend gab's einen Spaziergang durch den nahen Wald und danach Kaffee und Kuchen. Später wurde noch gemeinsam musiziert und Wikingerschach gespielt. Die Stimmung war ausgesprochen harmonisch, politisch-ideologische Kontroversen, die theoretisch denkbar gewesen wären (bei welchem Familientreffen wären sie das heutzutage nicht?), blieben völlig aus, auch weil ich bei einigen potentiell konfliktträchtigen Themen konsequent die Klappe hielt. Unsere Große verstand sich mit der gesamten Familie ausgezeichnet und wollte eigentlich gar nicht wieder weg, und auch das Baby wirkte im Kreis der Familie sehr fröhlich und zufrieden. 

Erwähnen muss ich noch, dass meine Schwester und mein Schwager auch einen Rasenmähroboter haben. Aber okay, ihre Kinder sind ja nun auch schon seit einiger Zeit groß und aus dem Haus. Während wir versonnen in den Garten hinausschauten und Mähroboter "Mortimer" bei der Arbeit beobachteten, erzählte mir der ältere meiner beiden Neffen, das Rasenmähen im elterlichen Garten sei jahrelang seine Lieblingsbeschäftigung gewesen. Sein jüngerer Bruder erklärte hingegen mit postironischem Pokerface, für ihn sei die Pflicht zum Rasenmähen ein wesentlicher Antrieb für den Wunsch gewesen, zu Hause auszuziehen. 


Gestern hatten wir noch einen weiteren schönen Tag, wir erkundeten die Gegend und wurden von meiner Schwester und meinem Schwager spontan noch einmal zum Mittagessen und zu Kaffee und Kuchen eingeladen (es gab, wie nach großen Familienfeiern nicht unüblich, Reste vom Vortag). Und das war dann so im Großen und Ganzen der Urlaub... 

Was ansteht: Heute steht erst einmal die Rückreise nach Berlin auf dem Programm; das ist auch der Grund, weshalb das Wochenbriefing diesmal einige Stunden später erschienen ist als normalerweise üblich, denn erst mal mussten wir noch packen und in der Ferienwohnung Ordnung machen. Aber jetzt sitzen wir in der Regionalbahn nach Hannover, und am Abend sind wir dann wieder zu Hause. Morgen, am Gedenktag der philippinischen Märtyrer, ist dann wieder Lobpreisandacht, nachdem diese letzte Woche ja entfallen musste -- was mich, nebenbei bemerkt, auf den Gedanken gebracht hat, eigentlich wäre es an der Zeit, darauf hinzuarbeiten, dass auch mal jemand anderes die Leitung der Lobpreisandacht übernehmen kann. 

Für Mittwoch steht "Impfung" in meinem Terminkalender, was mich jedesmal irritiert, wenn ich draufschaue; aber tatsächlich hat das gar nichts mit Corona zu tun, sondern mein Sohn Gideon bekommt beim Kinderarzt eine der üblichen Säuglingsimpfungen. 

Sodann werde ich in dieser Woche reichlich damit zu tun haben, die Oktober-Ausgabe der "Lebendigen Steine" fertigzustellen -- durch den Urlaub bin ich damit ziemlich in Verzug geraten. Am Freitag ist der Gedenktag der Hl. Thérèse von Lisieux und zugleich Herz-Jesu-Freitag; zu diesem Anlass haben wir in Herz Jesu Tegel um 17 Uhr eine Andacht zu leiten, und die will natürlich auch noch vorbereitet sein. Aber in so etwas habe ich ja inzwischen schon Übung. Ob darüber hinaus noch etwas Besonderes ins Haus steht, wird sich wohl erst im Laufe der Woche herausstellen. Ach ja, Sonntag ist in der Kirche Erntedank. Hat das auf mich und meine Familie irgendwelche Auswirkungen? Ich werd mal meine Frau fragen. 

Linktipps: 

Die zweite Synodalversammlung des Katholischen Reformprozesses Synodaler Weg (KRSW) steht vor der Tür, und die Opposition gegen die von der Funktionärsklasse betriebene Umgestaltung der Kirche im postchristlich-liberalen Sinne bringt ihre Geschütze in Stellung. Vor zwei Wochen habe ich hier die vom Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer initiierte Plattform "Synodale Beiträge" vorgestellt, und nun bin ich auf eine weitere neue Webpräsenz aufmerksam geworden, die sich die Opposition gegen den KRSW auf die Fahnen geschrieben hat: "neuer anfang" heißt die Seite und wird verantwortet von einer Initiative, die sich "Arbeitskreis Christliche Anthropologie" nennt. Wie bei den "Synodalen Beiträgen" gilt auch hier, dass es empfehlenswert sein dürfte, die Website insgesamt im Auge zu behalten, aber vorläufig habe ich mal einen Beitrag herausgegriffen, der mich spontan besonders angesprochen hat: Es handelt sich um eine scharfsichtige Analyse der Mechanismen, mit denen die im "ZdK" organisierte postchristlich-liberale Laien-Funktionärsklasse der deutschen Amtskirche die Diskurshoheit und -kontrolle im sogenannten Reformprozess an sich gerissen hat und behauptet. Der Autor Dominik A. Thomas ist mir sonst kein Begriff, aber eins muss ich sagen: In einer Zeit, in der praktisch jeder Widerspruch gegen die links-postliberale "successor ideology" als "rechts" zu etikettieren und damit zu delegitimieren, gehört schon einiges an Chuzpe dazu, in einer Kritik des KRSW intellektuelle Vordenker der Neuen Rechten wie Donoso Cortés und Carl Schmitt zu zitieren. Inhaltlich wäre das für mein Empfinden nicht unbedingt nötig gewesen, denn auch ohne die betreffenden Passagen hätte der Text noch Pfeffer genug. Es sei, so urteilt Thomas, "offensichtlich", dass beim Synodalen Weg "ein vorher feststehendes liberales Reformprogramm in der Gestalt eines bekannten Forderungskataloges abgearbeitet werden" solle – "mit dem Missbrauchsskandal als lediglich äußerem Anlass." Genau dieser Umstand verhindere aber eine echte Reform der Kirche, denn eine solche würde erfordern, dass "die verschiedenen kirchlichen Gruppen wirklich und wahrhaftig gemeinsam nach dem Willen Gottes für seine Kirche heute suchen". 

Was soll, oder besser: Was kann demnach bei alledem überhaupt herauskommen? Dominik Thomas sieht zwei Möglichkeiten: 
"Entweder ist diese ganze Aktion am Ende völlig bedeutungslos. Dann werden Texte produziert und verabschiedet, die von Rom gleich wieder kassiert werden und in der Versenkung verschwinden." 
Das sei allerdings unwahrscheinlich: "Viel zu hoch wäre der Preis der Enttäuschung für die, die beinahe ihre letzte Hoffnung für die Kirche auf den synodalen Weg gesetzt haben." Die Alternative wäre "ein in Wahrheit revolutionäres Szenario", was allerdings voraussetzen würde,  "für die Durchsetzung der Reformagenda den Bruch der kirchlichen Communio in Kauf zu nehmen" -- "oder man hofft, dass Rom mittlerweile so schwach ist, dass es einen teilkirchlichen 'Sonderweg' hinnehmen muss". Allerdings, meint Thomas, sei "der revolutionäre Flügel religiös viel zu leer, um Bedeutung zu gewinnen: Der deutsche Nationalkatholizismus wäre eine Totgeburt". -- Alles in allem würde ich sagen, wer sich noch nicht darüber im Klaren ist, was vom Schismatischen Weg zu halten ist, der sollte Dominik A. Thomas' Ausführungen unbedingt zur Kenntnis nehmen. 

Der namhafte Kirchenjournalist Edward Pentin ist in meinem Blog schon ein paarmal zu Wort gekommen -- erstmals 2014, als er Kardinal Kasper am Rande der Familiensynode die Aussage entlockte, die afrikanischen Bischöfe sollten "uns" nicht "sagen, was wir tun sollen". Der Fall schlug seinerzeit ziemliche Wellen, und Pentin ist seitdem für viele Vertreter des kirchenpolitisch "liberalen" oder "progressiven" Milieus (um mal nicht "Lager" zu sagen) ein rotes Tuch. Nun hat er meinen Freund Rod Dreher interviewt -- zu seinem aktuellen Buch "Live Not By Lies", zu totalitären Tendenzen in der gegenwärtigen westlichen Welt und zu einer Reihe damit zusammenhängender Einzelfragen, von politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie über "Cancel Culture", LGBT-Gesetzgebung und Schulpolitik, Ungarn und China bis hin zu den Evakuierungen aus Afghanistan. Eine gekürzte Version dieses Interviews ist im National Catholic Register erschienen, ungekürzt hat Pentin es auf seinem Blog veröffentlicht; ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die beiden Fassungen miteinander zu vergleichen, nachdem ein befreundeter "Netzkatholik" mir den Link zum ungekürzten Interview zugeschickt hat. Es ist nicht nur zu umfangreich, sondern vor allem auch zu aspektenreich und vielschichtig, als dass ich hier eine halbwegs erschöpfende Inhaltsangabe anbieten könnte, daher versuche ich es gar nicht erst; auf ein paar Einzelaspekte, die ich besonders bemerkenswert finde, möchte ich dennoch ein bisschen näher eingehen. 

So betont Rod, ein Aspekt des "sanften Totalitarismus", den viele Menschen nicht verstehen (und ihn deshalb nicht als Totalitarismus erkennen) sei es, dass er nicht in erster Linie von der Staatsgewalt ausgehe. Zwar stimmt er Edward Pentin in der Einschätzung zu, dass die durch die Pandemiebekämpfung bedingte Gewöhnung der Bevölkerung an umfassende Eingriffe des Staates in ihre Privatsphäre und Freiheitsrechte die Gefahr eines "harten" Totalitarismus erhöht habe, betont aber zugleich, die eigentliche treibende Kraft hinter den totalitären Ambitionen der postliberalen "successor ideology" seien nicht die Regierungen. Vielmehr habe diese Ideologie sich zunächst zivilgesellschaftlicher Institutionen - der Medien, des Bildungswesens und Wissenschaftsbetriebs und nicht zuletzt auch großer und einflussreicher Wirtschaftsunternehmen - bemächtigt und übe von dort aus Druck auf die Politik aus. 

Ein Detail des Interviews, das mich persönlich sehr angesprochen hat, betrifft Rods Begegnung mit Kamila Bendová, der Witwe des tschechischen Dissidenten Václav Benda. Im Kreis der Dissidenten um den späteren Präsidenten Václav Havel waren sie und ihr Mann die einzigen gläubigen Katholiken; die anderen waren säkulare Intellektuelle und Künstler -- "Hippies", wie Rod sagt, von denen nicht wenige ein "kompliziertes Sexleben" führten. Auf die Frage, ob es für sie als strenggläubige Katholiken nicht schwierig gewesen sei, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten, antwortete Kamila Bendová mit einem klaren Nein: 

"Wenn du mit einer totalitären Situation konfrontiert bist, ist die seltenste Eigenschaft, die du bei Leuten antriffst, Mut. Wenn du jemanden findest, der mutig ist, dann musst du dich mit dieser Person verbünden, egal wie unterschiedlich eure Anschauungen sind -- denn du brauchst sie, und sie braucht dich." 

Die besagten "Hippies", so Kamila Bendová, hätten sich für sie und ihren Mann, obwohl sie keine ihrer religiösen und moralischen Überzeugungen teilten, als treuere und verlässlichere Verbündete erwiesen als die meisten ihrer Mitkatholiken. 

Den Rest des Interviews überlasse ich dir zur eigenen Begutachtung, Leser. Aber nimm dir Zeit dafür und koch' dir am besten eine schöne Kanne Tee. 

Johannes Hartl hat ein neues Buch draußen: "Eden Culture - Ökologie des Herzens für ein neues Morgen". Ich habe es noch nicht gelesen, aber glücklicherweise gibt es ja schweinfarz.net, das führende Organ (höhö) des katholisch-theologischen Online-Feuilletons. Für dieses Portal hat Hans-Joachim Ditz, Pastoralreferent, Ökumenebeauftragter im Erzbistum Berlin und Geschäftsführer Ökumenischer Rat Berlin-Brandenburg (ÖRBB), das Buch rezensiert; ob er es auch gelesen hat, muss offen bleiben -- falls ja, hat er es offenbar nicht besonders interessant gefunden, denn aus seiner Rezension erfährt man bemerkenswert wenig über den Inhalt des Buches. Deutlich ausführlicher lässt Ditz sich über den Autor aus.  Klingen die ersten Absätze noch bemüht respektvoll - Hartl habe "mit dem Gebetshaus Augsburg [...] bewiesen, dass es doch eine Nachfrage nach Frömmigkeit gibt"; er sei "Macher und Unternehmer. Und Arbeitgeber für eine ganz Reihe von Menschen, und das alles ohne amtskirchliche Unterstützung. Das verdient Respekt" -, holt der Rezensent alsbald mit der gekonnten Überleitung "Doch die größte Stärke eines Menschen ist mitunter seine größte Falle" dazu aus, die altbekannten Gemeinplätze aus der Rubrik "Johannes Hartl im Urteil seiner Feinde" zu wiederholen: Er sei ein selbstverliebter Hedonist, dem es an sozialem Bewusstsein mangele; er präsentiere reaktionäre Inhalte in modisch-bunter Verpackung; und der Stil seiner Verkündigung rieche nach evangelikaler Megachurch. In Teilen dieser Wahrnehmung sind sich der postchristlich-liberale Mainstream und in einem eher traditionellen Sinne konservative Katholiken durchaus einig, und ich würde auch nicht unbedingt bestreiten, dass da teilweise etwas Wahres dran ist (dass Hartl, wie Ditz meint, ein "Verkünder eines Wohlstandsevangeliums" sei, in dessen "schöner neuer Welt" "Scheitern [...] nicht vorgesehen" sei, ist allerdings Quatsch). -- Dass ich grundsätzlich und im Großen und Ganzen finde, Johannes Hartl sei ein guter Typ, der sehr wertvolle Arbeit leistet, dürfte bekannt sein; dass ich deswegen nicht unbedingt alles, was er sagt und tut, unkritisch betrachte, allerdings auch. Wenn Ditz also schreibt, Hartls neues Buch sei "ein Parforceritt durch Philosophie, Soziologie, Psychologie und selbst Mathematik [...]: alles wird angerissen und nichts vertieft. Ein Kaleidoskop des Wissens von Johannes Hartl", dann kann ich mir anhand meiner Lektüre eines früheren Hartl-Buches, "Gott ungezähmt" von 2016, recht gut ausmalen, was der Rezensent damit meint und warum er das kritikwürdig findet. Gleiches gilt für die "Erzählungen von netten Abendessen mit Champagner", mit denen Hartl seine Leser "an seinem gut situierten Leben teilhaben" lässt. Auch zu Hartls von Ditz naserümpfend zitiertem Satz "Industrialisierung und freie Marktwirtschaft haben Fortschritt und Wohlstand geschaffen, wie kein anderes uns bekanntes ökonomisches Modell" würden mir durchaus kritische Anmerkungen oder Anfragen einfallen; das Problem ist, dass der Rezensent Ditz an einer inhaltlichen Auseinandersetzung offenkundig nicht interessiert ist. Er will das Buch, und vor allem den Autor, einfach nur schlechtreden. Diesem Ziel ist es indes nicht unbedingt dienlich, dass seine Rezension schlampig und lustlos zusammengeschmiert wirkt. Und, mal nur nebenbei bemerkt: Wenn ein katholischer Theologe am Buch eines anderen katholischen Theologen bemängelt, dass darin "das Thema Sexualität nur heteronormativ verhandelt wird", braucht man sich wohl über gar nichts mehr zu wundern. 

Letztendlich sagt diese Buchkritik erheblich mehr über ihren Verfasser als über das besprochene Buch aus; und, by extension, eben auch über Niveau und Tendenz des "theologischen Feuilletons", was auch der entscheidende Faktor war, dank dem sich dieser Artikel für meine Linktipps qualifiziert hat. Ansonsten ist zu sagen: Eine gute Rezension kann einem ja manchmal ersparen, das Buch selber lesen zu müssen. Diese Rezension ist hingegen so schlecht, dass ich das Buch unbedingt selber werde lesen müssen. Aber das hatte ich ja eigentlich sowieso vor. 

Tod Worner, Vater zweier Töchter, reflektiert über die Erfahrung des Elternseins und wie tiefgreifend sie das Leben verändert, ja verwandelt; das ist ein Thema, mit dem ich aus persönlicher Erfahrung eine Menge anfangen kann, auch wenn Worners Töchter schon groß sind und er folglich - weil jedes Alter der Kinder seine eigenen Herausforderungen für die Eltern birgt - schon so allerlei bewältigt hat, was ich noch vor mir habe. Das von Worner beschriebene Gefühl, wenn man einem neugeborenen Kind zum ersten Mal einen Strampelanzug anzieht und dabei fürchtet, wenn man nicht ganz, ganz vorsichtig wäre, würde man dem Kind einen Arm oder ein Bein abbrechen, kenne ich allerdings sehr gut. 

Der für mein Empfinden zentrale Absatz des Essays lautet: 

"Woran mag es liegen, dass sich, wenn man ein Kind hat, alles dadurch verändert? Nichts, was ich zu dieser Frage sagen könnte, könnte ihr gerecht werden. Es ist einfach so. Man lebt anders, weil man aufgehört hat, vorrangig für sich selbst und den Partner zu leben. Dass dir ein winziges, verletzliches, einzigartiges Wunder anvertraut wird, dass du lieben, für es sorgen, es formen und für es da sein sollst, was immer auch kommen mag, bis ans Ende deiner Tage -- das verändert einfach alles. Und wie sollte es auch nicht." 

Ein für meine Linktipps wohl eher untypischer Artikel, insofern, als er keine Debatte führt, keine Thesen aufstellt und mit niemandem streitet. Er ist einfach nur schön. Und wahr

Ohrwurm der Woche: Udo Lindenberg, "Hoch im Norden" (Live-Version 1974) 


Du kannst von Glück sagen, Leser, dass dies der Ohrwurm der Woche geworden ist; im Rennen war nämlich auch Ulla Norden mit "Urlaub", einem Schlager auf die Melodie des Disco-Smash-Hits "Hands Up" aus dem Jahre 1981. "Hands Up" ist übrigens nicht, wie ich vermutet hätte, von Boney M., sondern von Ottawan, die man vielleicht als das französische Pendant zu Boney M. bezeichnen könnte. Mit diesem Irrtum stehe ich offenkundig nicht allein, denn wenn man bei Google oder YouTube "Boney M. Hands Up" eingibt, gibt es durchaus einige Fundstellen. Die sind aber falsch: Wie die Wikipedia-"Liste der Lieder von Boney M." verrät, gehörte "Hands Up" nicht zum Repertoire dieser Gruppe. 

Wie dem auch sei: Die Version von Ulla Norden kenne ich seit meiner Kindheit und finde sie lustig; sie dudelt mir praktisch jedesmal im Kopf herum, wenn ich in Urlaub fahre, diesmal aber besonders. In Butjadingen angekommen, kam ich dann jedoch auf die segensreiche Idee, mir Udo Lindenbergs "Hoch im Norden" auf YouTube anzuschauen -- und meiner Tochter gefiel das Lied so gut, dass sie es wieder und wieder hören wollte. "Das Lied mit dem Typ" nannte sie es; ich glaube, der liebe Udo würde diese Bezeichnung gutheißen. Meine Liebste merkt an, das Lied passe biographisch sehr gut zu mir, und da will ich ihr nicht widersprechen. Mal abgesehen von Details wie etwa, dass ich nicht mit 16, sondern erst mit 20 aus meiner norddeutschen Heimat weggezogen bin und dass es mich dann gar nicht so weit nach Süden, sondern eher nach Osten verschlagen hat. -- 

Erwähnen sollte ich wohl noch, dass ich diesen Song ursprünglich in einer Reggae-/Dancehall-beeinflussten Coverversion von Otto Waalkes kennengelernt habe -- erschienen 1996 als Bonus-Track zur zweiten Auflage eines Best-Of-Albums. Die Version ist, ehrlich gesagt, auch gar nicht mal schlecht

Aus der Lesehore: 

Wenn dann die Verfolgung ausbrechen wird gegen jeden Auserwählten und Glaubenstreuen, wenn die Schreckensherrschaft furchtbar und unerträglich wird, wird dann die Kirche eine Zeitlang aufhören? Wird sie sterben? Ist das ihr Heimgehen in ein besseres Leben?
Das Sterben ist für die Kirche, die noch auf Erden lebt, der Weg zu höherem Leben in Christus, zur Wandlung in Besseres, in Himmlisches. Paulus sagt: "Darum tötet, was irdisch an euch ist" (Kol 3,5). Das ist der Tod, den die Schar der Glaubenden, d. h. die Kirche, in Christus erleidet. Aber dieser Tod führt uns in ein anderes Leben, so wahr unser Leben gewandelt wird: aus Vergänglichkeit in Unvergänglichkeit, vom Tod zum Leben, von Schwachheit zur Kraft, von Schmach zur Herrlichkeit, aus der Enge dieser Zeit ins ewige Leben. 

(Hl. Cyrill von Alexandrien, Auslegung zum Buch Genesis)