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Mittwoch, 1. August 2018

#BenOp auf Deutsch -- Die 100-Tage-Bilanz

Wohlan: Am 24. April, so geben es jedenfalls Amazon und andere Bücherkataloge im Internet an, ist die von mir ins Deutsche übersetzte Ausgabe von Rod Drehers "Benedikt-Option" auf den Markt gekommen, und auch wenn es anfangs Lieferverzögerungen gab und einige Händler das Buch faktisch wohl erst ab der ersten Maiwoche lieferbar hatten, nehme ich dieses offizielle Erscheinungsdatum mal beim Wort und stelle fest: Das Buch ist seit 100 Tagen im Handel. Was hat sich seither getan? 

Nun, man darf wohl sagen, dass es - gemessen an der Ankündigung, es handle sich um das "meistdiskutierte und wichtigste religiöse Buch des Jahrzehnts" - hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung noch Luft nach oben gibt. Im Grunde ist das aber kein Wunder, da das Buch gewissermaßen quer zur üblichen innerkirchlichen "Lagerbildung" steht: Dass der "institutionelle Apparat" der Kirche die #BenOp nach Möglichkeit ignorieren bzw. totschweigen und stattdessen lieber über Erik Flügge diskutieren möchte, erklärt sich von selbst; die "Liberalen" bzw. "Progressiven" lesen vermutlich gar nicht erst weiter als bis zu dem Punkt, an dem sie das erste Mal empört "Homophobie!" rufen können (S. 17f.); aber auch im sogenannten konservativen Lager dürften Drehers Thesen keineswegs auf einhellige Zustimmung stoßen.  Wenn ich's mir recht überlege, könnten ein paar negative Rezensionen aus verschiedenen, einander möglichst entgegengesetzten Richtungen die Debatte möglicherweise anheizen. Das soll jetzt allerdings keine Aufforderung sein...

Selbstverständlich bin ich bemüht, auch persönlich mein Möglichstes dazu beizutragen, das Buch zu promoten; so habe ich in den vergangenen 100 Tagen immerhin vier Buchvorstellungs-Vorträge gehalten:


Die letztgenannte Veranstaltung - ausgerichtet vom "Colloquium Catholicum" unter Leitung von Stefan Friedrich - war mit Abstand am besten besucht, und an die lebhafte Publikumsdiskussion schlossen sich einige interessante Einzelgespräche an, von denen das eine oder andere wohl noch ganz eigene Früchte tragen dürfte.

Ein Interview mit Gregor Dornis von Radio Horeb wurde am 26. April gesendet; ein vom Hilfswerk Kirche in Not produziertes Fernsehinterview wurde aufgezeichnet, wird aber wohl erst im September ausgestrahlt (ich werde dann nochmals darauf hinweisen). Seit dem 27. Mai existiert eine geschlossene Facebook-Diskussionsgruppe "Benedikt-Option Deutschland/Österreich/Schweiz", die bislang 32 Mitglieder hat -- auch da sehe ich durchaus noch Luft nach oben.

Auf Amazon sind bislang fünf Kundenrezensionen erschienen, mit einer durchschnittlichen Bewertung von 4,5 Sternen; da kann man nicht meckern.



Was Rezensionen und sonstige Erwähnungen des Buches in Blogs und anderen Online-Medien angeht, habe ich die Beiträge der Blogs Empfehlenswerte Bücher Artikel Filme ("Der mühsame Aufbau einer christlichen Gegenkultur", 5. Mai), Nolite Timere ("Die Benedikt-Option: Ich bin positiv überrascht", 23. Mai) und Katholisch? Logisch! ("Mein Klosterurlaub und die Benedict Option", 30. Mai) sowie einen Beitrag von P. Engelbert Recktenwald FSSP in der Tagespost-Online-Kolumne MeinungsMacher ("Gefährliche Parallelgesellschaft?", 26. Mai) und ein paar Erwähnungen bei kath.net und CNA bereits gewürdigt; inzwischen sind da aber noch weitere zu nennen: 


Am 31. Mai erschien auf der Website bruderhof.com eine von Daniel Hug verfasste Rezension zur deutschsprachigen #BenOp-Ausgabe. Der "Bruderhof" bezeichnet sich selbst als "eine christliche Lebens- und Arbeits­gemeinschaft, in der mehr als 2700 Menschen in über zwanzig Siedlungen in vier Kontinenten leben"; das klingt ja schon sehr #BenOp-like, und tatsächlich hat Freund Rod diese Gemeinschaft zwar nicht im Buch, wohl aber wiederholt auf seinem Blog gewürdigt, und auch in einem im Mai 2017 im New Yorker erschienenen Feature von Joshua Rothman über Rod Dreher und die #BenOp spielt der Bruderhof eine wichtige Rolle. So viel zur Einordnung; in der besagten Rezension zur deutschsprachigen Ausgabe verlinkt Daniel Hug auch das oben bereits erwähnte Radio Horeb-Interview sowie meinen Blog, den er als "meistens höchst unterhaltsam" einschätzt. Das liest man gern! 


Am 6. Juni veröffentlichte Alexander von Schönburg auf seinem Blog eine Besprechung des Films "A Quiet Place" (den ich eigentlich auch längst mal hätte ansehen wollen!), und im zweiten Teil dieser Filmkritik zieht er überraschende Parallelen zur #BenOp. Dass er das Buch als "hervorragend übersetzt" lobt, schmeichelt mit natürlich; inhaltlich fasst er Rod Drehers Kernthese wie folgt zusammen: 
"Drehers Buch ist eine Plädoyer für einen geordneten Rückzug der Christen aus dem öffentlichen Diskurs. [...] Wir sollten uns, sagt Dreher, zunächst einmal neu auf uns selbst besinnen, er rät zu einer Art privat-monastisches Leben in kleinen Netzwerken, die erst mal unter sich – auf einer Art Arche Noah – Klarschiff machen sollten, also ihre Identität wiederfinden, die durch Jahre der Anpassung und Relevanz-Sucht, abgeschleift ist um dann, wie es die monastischen Bewegungen des frühen Christentums [...] vorgelebt haben, mit neuer Vitalität eines Tages wieder im sprichwörtlichen Sinne Land gewinnen zu können." 
Die deutschsprachige Online-Präsenz der Catholic News Agency brachte zum Festtag des Hl. Benedikt am 11. Juli einen Beitrag von Anian Christoph Wimmer unter dem Titel "Der 'neue Benedikt'"; dabei handelt es sich zwar größtenteils um eine Würdigung des Wirkens des emeritierten Papstes Benedikt XVI., aber auch auf die "Benedikt-Option" wird darin eingegangen, und am Fuße des Artikels wird explizit für das Buch geworben. 


Auf dem erst kürzlich generalüberholten Blog "Pro Spe Salutis" erschien am 14. Juli eine ausführliche Rezension unter dem Titel "Die Welle reiten, wenn man sie schon nicht aufhalten kann: Rod Drehers Strategieschrift 'Die Benedikt-Option'". Darin heißt es u.a.: 
"Rod Drehers Benedikt-Option ist für Christen, die sich der Heiligen Schrift und der Tradition verbunden sehen, ein wichtiges, ja: ein notwendiges Buch. Es rüttelt aus der Lethargie der Gewöhnung auf, mit der man gesellschaftliche Entwicklungen [...] allzu oft hinzunehmen pflegt [...]. Wer nach der Lektüre nicht zumindest überlegt, was nunmehr zu tun sei, hat nur wenig von diesem Buch verstanden. Und weniger noch, das steht zu befürchten, von seinem christlichen Glauben." 
In der jüngsten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Vision 2000 bespricht Christof Gaspari die #BenOp und empfiehlt das Buch "wärmstens zur Lektüre": "Ich habe das Buch zweimal gelesen." Last not least ist in der aktuellen Ausgabe des libertären Magazins eigentümlich frei nicht nur eine kurze Rezension der #BenOp in der Rubrik "Bücherschau", sondern zudem ein vom Chefredakteur André F. Lichtschlag verfasster zweiseitiger Artikel erschienen, der Rod Drehers Thesen wohlwollend-kritisch unter die Lupe nimmt; ich würde sagen, das Wohlwollen überwiegt, aber letztlich merkt Lichtschlag schon selbst, dass die #BenOp mit seinem eigenen libertären Standpunkt nur bedingt vereinbar ist. Und das ist ja auch ganz gut so. 

Und neulich wollte ich dem Passauer Bischof Stefan Oster ein Exemplar der #BenOp überreichen, aber er verriet mir: "Das habe ich schon." Er nahm das Exemplar dann aber trotzdem und gab es an seine Referentin für Neuevangelisierung weiter. Wie es überhaupt dazu kam, dass ich ein Gespräch mit Bischof Oster hatte, darüber berichte ich dann in Kürze... 



Dienstag, 22. Mai 2018

Die TPG sind nicht MECE. Farce in einem Akt.

Im Allgemeinen neige ich ja zu der Auffassung, das beste, was man über kirchliche Laiengremien sagen könne, sei, dass sie zu ineffizient sind, um ernsthaften Schaden anrichten zu können. Ich muss allerdings gestehen, dass diese Einschätzung sich fast zur Gänze auf meine persönlichen Einblicke in die Arbeit von Pfarrgemeinderäten und Lokalausschüssen stützt (in ganz unterschiedlichen Pfarreien übrigens -- nicht dass sich hier jemand speziell angesprochen fühlt); und da lautet mein Eindruck vom typischen Verlauf einer Sitzung: Die Hälfte der Zeit geht mit "Berichten aus den Ausschüssen" drauf, die andere Hälfte damit, Tagesordnungspunkte an die Ausschüsse zurückzudelegieren; beschlossen wird kaum je mal was, und wenn doch, ist noch lange nicht gesagt, dass das auch umgesetzt wird. 

Aber das ist ja nur die unterste Ebene der Gremienpyramide. Und die hat zumeist das Problem, eine Mitgliederbasis repräsentieren zu sollen, die in der Breite überhaupt kein Interesse daran hat, sich von ihr repräsentieren zu lassen. Das zeigt sich sowohl in der notorisch mageren Wahlbeteiligung bei Pfarrgemeinderatswahlen als auch in dem Umstand, dass viele Pfarreien Mühe haben, überhaupt genügend Kandidaten für die Wahl aufzustellen. Die Folge ist, dass neben denen, die sich wirklich für die inhaltliche Arbeit in den Gremien interessieren und womöglich sogar eine Vision haben, was sie dort "bewegen" wollen, und denen, die sich einfach gern wichtig machen (zwei Gruppen, zwischen denen es zweifellos Schnittmengen gibt), in den Räten auch die sitzen, die sich zur Kandidatur haben überreden lassen, weil irgend jemand es ja machen MUSS

Was die höheren Ebenen der Gremienpyramide betrifft, kann man wohl davon ausgehen, dass dorthin tendenziell die engagierteren und (zumindest nach Auffassung der anderen Mitglieder) kompetenteren Leute delegiert werden. Das mag sich positiv auf die Effizienz auswirken, führt aber gleichzeitig auch dazu, dass die Zusammensetzung der Gremien auf höherer Ebene immer weniger repräsentativ für die Basis in den Pfarreien ist. Ich bin gar nicht unbedingt der Meinung, dass das immer und unter allen Umständen schlecht ist, aber für das Selbstverständnis der Gremien, eine quasi-demokratische Laienvertretung darzustellen, ist das ein Problem.

(Ich gehe übrigens durchaus davon aus, dass das in "weltlichen" Verbänden und politischen Parteien prinzipiell genauso ist. Aber gab es nicht mal Einen, der sagte "Bei euch aber soll es nicht so sein"?) 

Dieses Problem lässt sich übrigens auch nicht dadurch lösen, dass man - wie es derzeit sehr en vogue zu sein scheint - auf Bistumsebene "Dialogprozesse" an den etablierten Gremienstrukturen vorbei initiiert. Vielmehr haben diese Prozesse die Tendenz, dieselben Probleme zu reproduzieren; und das ist auch kein Wunder, denn die Leute sind nun mal, wie sie sind. Ich wage zu behaupten, die meisten "normalen Gläubigen" würden, wenn man sie nach ihrer Vision für die Zukunft der Kirche befragte, gar nicht wissen, was sie sagen sollen; und ich fühle mich versucht, hinzuzufügen: Und das ist auch gut so.

Aber diese Leute fragt ja in Wirklichkeit auch keiner. Man tut nur so. Kürzlich war hier vom "Erkundungsprozess" im Bistum Trier die Rede, ein Thema, auf das in absehbarer Zeit noch ausführlicher zurückzukommen sein wird; im Bistum Aachen gibt es derweil den "Heute bei dir"-Prozess. "'Heute bei dir' will neue Wege entwickeln, um Menschen besser anzusprechen, will neugierig machen auf die Botschaft des Evangeliums und will jeden dazu einladen, die Kirche im Bistum Aachen aktiv mitzugestalten, um gemeinsam die Zukunft zu prägen", heißt es auf der dazugehörigen Website. "Zur Mitarbeit im synodalen Gesprächs- und Veränderungsprozess sind grundsätzlich alle Menschen im Bistum Aachen eingeladen" - aber es werden nicht alle mitarbeiten, zum Teil aus den bereits genannten Gründen, zum Teil aber auch, weil diejenigen, die - um eine Formulierung von Max Goldt aufzugreifen - die Eleganz besitzen, mir ein wenig zu ähneln, auf den von Soziologenjargon und Neuer Innerlichkeit verpesteten Pastoralneusprech, mit dem das Projekt sich präsentiert, mit heftig juckendem Ausschlag reagieren dürften. Aber Moment mal: Ich sehe gerade, dass "alle Menschen" hier gar nicht im Sinne von "ALLE Menschen" gemeint ist; es folgt noch ein Relativsatz, der dieses "alle" genauer eingrenzt. Gemeint sind "alle [...], die ein Interesse daran haben, die Kirche im Bistum Aachen zukunftsfähig zu machen". -- Entscheidend ist hier das Wort "Interesse": Angesprochen sind Interessengruppen, "interessierte Kreise", wie man so schön sagt. Interessiert woran? Daran, "die Kirche im Bistum Aachen zukunftsfähig zu machen". In aller wünschenswerten Deutlichkeit wird hier klargestellt, dass es ausdrücklich und ausschließlich um die organisatorische Funktionalität "von Kirche" geht. Nicht etwa darum, in Wort und Sakrament das Evangelium Jesu Christi zu den Menschen zu bringen, oder wie man den Auftrag und Daseinszweck der Kirche sonst noch beschreiben könnte.

Übrigens beschleicht mich beim Betrachten der "Heute bei dir"-Website der Eindruck, gemessen an der beanspruchten Offenheit für (fast) alles und jeden kranke das Projekt, wie so Vieles in Deutschland, an einem Übermaß an bürokratischer Strukturierungswut. Da gibt es "Themenforen", "Teilprozessgruppen", eine "Lenkungsgruppe" und zu guter Letzt ein "Koordinationsbüro" -- in dem unter anderem eine Dame sitzt, die ich weitläufig von Twitter her kenne. Und diese - nennen wir sie kurz S. - twitterte unlängst gut gelaunt:  
Beim #heutebeidir-Prozess im Bistum Aachen sind jetzt die nächsten Schritte und Beteiligungsmöglichkeiten veröffentlicht worden. Wer macht noch mit? 
Zu Wort meldete sich M., eine junge Frau, die mal als studentische Honorarkraft für das Bistum Aachen gearbeitet hat und einen Master-Abschluss in "International Relations" in Oxford (!) gemacht hat. 
Ehrlich gesagt bin ich bei manchen Überschriften nicht sicher, was gemeint ist, zB "Dialog" oder "Besondere Seelsorge"[*]. Und es erscheint mir teils überlappend. Davon abgesehen wäre "Begleitung von Menschen"[**] und alle Strukturfragen in "Die Kirche gestalten" meins.  
In einem geradezu klassischen Fall von "Mansplaining" grätscht nun C., seines Zeichens Pastoralreferent und Familienvater, dazwischen:  
Nur dass "Die Kirche gestalten" keine TPGs[***] sind, weil da erst am Ende drauf geschaut wird. Und das finde ich btw eine sehr kluge Entscheidung...  
Und nun kommt Feuer in die Unterhaltung.
M.: Wenn ich mit meiner beruflichen Brille drauf gucke, sage ich: die TPG sind nicht MECE[****]. Stört dich das nicht? Das wird doch ewiges Kompetenzgerangel und Ineffizienz geben. 
C.: Ich starte bei größeren Projektplanungen mit Teams auch IMMER mit der Vision. Der Strukturkram nimmt die Kreativität und wird zu schnell Klein-Klein. 
(Er merkt echt nicht, wie überheblich und bevormundend er rüberkommt. Ein bisschen critical maleness wäre hier durchaus angebracht.)  
M.: Ja sicher. Meine Kritik bezog sich keinesfalls auf die Reihenfolge der Prozessschritte. Sondern auf die nicht trennscharf formulierten TPGs. Und als Frau würde ich sagen: meine Vision von Kirche lässt sich nicht getrennt von Strukturen denken :( 
-- Was heißt denn "ich als Frau"? Da regt mich ja schon die Frage auf. 


C.: Es sagt ja auch keiner, dass man Strukturen nicht mitdenken soll. Aber wenn am Anfang die Strukturen zementiert werden sollen ohne das klar ist welchen Sinn sie haben, wird es nicht produktiv.  
M.: Okay okay - ich glaube wir reden aneinander vorbei. Findest du die TPGs trennscharf? That was my main point; ich weiß nicht, warum ich mich jetzt für mein Interesse an Strukturthemen rechtfertigen muss? 
Immerhin: Der Opferrollen-Reflex funktioniert. Muss man sich merken: Mit "Ich sehe überhaupt nicht ein, wieso ich mich jetzt dafür rechtfertigen muss, dass ich..." kann man stets und überall jeden kritischen Einwand abschmettern, vorausgesetzt, man hat nach den Regeln des Intersektionalismus einen höheren Opferstatus als der Kontrahent. 

Das erinnert mich jetzt übrigens daran, wie vor einigen Jahren die Fachschaftsinitiative Gender Studies der Berliner Humboldt-Universität in eine schwere Krise geriet, weil den wackeren Kämpfer*innen für Gendergerechtigkeit plötzlich auffiel, dass sie keine PoC[*****] in ihren Reihen haben. Woraus sie den Schluss zogen, sie müssten erst mal ihren eigenen strukturellen Rassismus kritisch reflektieren -- ein Prozess, der sie in der Folgezeit derart in Anspruch nahm, dass die sonstigen Tätigkeiten dieses Gremiums weitgehend lahmgelegt wurden. 

So gesehen besteht ja vielleicht die Hoffnung, dass auch der #heutebeidir-Prozess im Bistum Aachen sich so beharrlich an Verfahrensfragen und politisch korrekten Sprachregelungen festbeißt, dass er keinen größeren Schaden anrichten kann... 



[* Spontan habe ich "besorgte Seelsorge" gelesen. Auch ein schöner Begriff.
** Wen oder was, außer Menschen, könnte man denn noch so begleiten?
*** TPG = Teilprozessgruppe.
**** MECE = "mutually exclusive, collectively exhaustive". Laut Tante Wiki ein "technischer Begriff für die Eigenschaft von Unterelementen bezogen auf ein Oberelement, dieses vollständig und überschneidungsfrei abzubilden bzw. auszumachen". Noch Fragen?
***** PoC = "people of color", d.h. alle, die nicht weiß sind. Zuweilen werden auch Hispanics dazu gerechnet, obwohl die zu einem großen Teil sehr wohl weiß sind.]



Sonntag, 27. August 2017

Was ist das für 1 Sprache?

Verreckt die Kirche an ihrer Sprache? Das behauptete jedenfalls die zentrale These eines Bestsellers des aufstrebenden Kommunikationsgurus Erik Flügge, mit dem dieser es - wie ein Bekannter, der sicher nichts dagegen hat, ungenannt zu bleiben, es unlängst in einer Diskussion auf Facebook formuliert hat - geschafft hat, "die Kirche mit einer Mischung aus harscher Kritik, Lob und der Versicherung, ihr nur helfen zu wollen, dazu zu bekommen, ihm Geld zu geben". Vielleicht könnte man die Frage aber auch anders stellen: "Verreckt der Kirche ihre Sprache?" Anders gefragt: Krankt die kirchliche Verkündigung tatsächlich daran, dass die Kirche es versäumt hat, ihre Sprache den kommunikativen Gewohnheiten und dem Auffassungsvermögen "des modernen Menschen" anzupassen, oder eher daran, dass ihre Versuche, genau das zu tun, im Ergebnis oft so tragikomisch ausfallen? Das Phänomen, dass durchaus gut- und ernstgemeinte Bemühungen der Kirche um eine "zeitgemäße Sprache" vielfach kaum von Parodien auf ebendiese Bemühungen zu unterscheiden sind, ist ja mindestens seit den 70er Jahren bekannt - wofür Otto Waalkes' fulminantes "Wort zum Montag" ein Paradebeispiel darstellt (ich habe dazu schon mal was in der Tagespost geschrieben). 

Ein berühmt-berüchtigtes Beispiel für solche Bemühungen um "zeitgemäße Sprache" stellt die erstmals 2012 erschienene und seither fortlaufend weiter überarbeitete "Volxbibel" dar. Kostprobe gefällig? 
"An einem Tag unterhielten sich zwei Propheten, die beide in einer Propheten-WG wohnten. Der eine sagte ganz plötzlich zum anderen: 'Hau mir in die Fresse!'. Aber der Typ weigerte sich, er wollte ihn nicht schlagen. Der erste Prophet sagte dann: 'Das war ein Befehl von Gott, und du hast ihn nicht ausgeführt! Darum wirst du bei einem Autounfall ums Leben kommen, sobald du von hier verschwindest!' Und tatsächlich: Der Typ ging nach Hause, und auf dem Weg wurde er von einem Auto angefahren und starb noch an der Unfallstelle.
Einige Zeit später traf der Prophet einen anderen Typen. 'Hau mir in die Fresse!', sagte er auch zu dem. Der Mann schlug voll zu, so lange, bis der Prophet blutig am Boden lag.
Dann stellte der Prophet sich auf die Straße, auf welcher der Präsident an diesem Tag vorbeikommen sollte. Er hatte sich einen Verband angelegt, so dass er nicht mehr wie ein Prophet, sondern wie ein Soldat aus dem Krieg aussah.Tatsächlich fuhr der Präsident die Strecke entlang. Er hielt sein Auto an, als er den Typen sah. Nachdem er die Scheibe runtergefahren hatte, sagte der Prophet zu ihm: 'Guten Tag, Herr Präsident! Ich war gerade in einem Kriegsgebiet. Mitten auf dem Schlachtfeld kam ein Soldat vorbei und befahl mir, dass ich auf einen Gefangenen aufpassen sollte. ‚Wenn der fliehen kann, kostet dich das dein Leben, oder du zahlst mir hundertausend Euro, bar auf die Kralle. Ist das klar?‘, sagte er zu mir.'" 
Das ist, auch wenn's nicht unbedingt danach aussieht, 1. Könige 20, 35-39. Voll krass, oder? Geht aber noch krasser. Der Netzaktivist und Satiriker Shahak Shapira hat jüngst ein Buch mit dem interessanten Titel "Holyge Bimbel. Storys vong Gott u s1 Crew" auf den Markt gebracht. Darin liest man etwa über den "Towerbau zu Basel", "Adolf U Eva" oder "Jesus Chrispus IVIER: das Impressium schlägt zurück"; und der Schöpfungsbericht nach Genesis 1, der in der Volxbibel noch vergleichsweise zahm daherkam ("Alles fing damit an, dass Gott das ganze Universum gemacht hat. Er bastelte das riesige Weltall zusammen und mittendrin die Erde. Auf der Erde war noch nichts los. Überall war totales Chaos. Es war stockdunkel, alles stand unter Wasser, und es gab noch kein Licht"), liest sich hier so: 
"Im Anfang war die Universe leer u schwarz wie 1 coke zero am bimsen, also buildete Gott 1 Earth u 1 Heaven. Aber die Earth war dark wie 1 Berghain u needete 1 Boss-Transformation..." 
Nanu, könnte man fragen, was ist denn DA kaputt? Aber keine Panik: Es ist nur eine Übersetzung biblischer Erzählungen in die "VONG-Sprache". Nie vong gehört? Nicht schlimm. Es handelt sich da um einen Sprachtrend aus diesem Internet, der vor allem durch die Facebook-Seite "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" populär gemacht wurde. Die sogenannte "VONG-Sprache" erweckt durch Buchstabendreher, Wortverwechslungen (Malapropismen), Grammatik- und Satzbaufehler, die nicht selten zu zwischen Banalität und Absurdität changierenden Aussagen führen, den Eindruck bildungsferner Dumpfbackigkeit, ist dabei aber in Wirklichkeit hoch artifiziell. Diese Kunstsprache hat Shahak Shapira, der ja wie gesagt unter anderem auch Satiriker ist, nun auf biblische Texte angewandt. Das kann man lustig finden. Man kann es aber auch - wie etwa Dirk von Gehlen in der Süddeutschen Zeitung - für eine evangelistische Meisterleistung halten, gerade noch vergleichbar mit der Lutherbibel. Im Ernst? Durchaus: "Im besten Fall wirkt die 'Holyge Bimbel' auf Bibelleser und auf Netzkenner missionarisch", meint Dirk von Gehlen. Und zwar "in beide Richtungen": "Bibelleser lernen das Netz kennen und Netzkenner kommen in Kontakt mit biblischen Geschichten". Weil das ja normalerweise total voneinander getrennte Welten sind, n'est-ce pas? Grund genug, Shahak Shapira kurzerhand zum "Martin Luther des Internet-Quatsch" zu adeln. 

Nun ist Dirk von Gehlen sicherlich zu Gute zu halten, dass er seine Lobsprüche auf Shapiras Werk ganz so ernst wohl doch nicht meint; sein Fazit lautet nämlich, die "Holyge Bimbel" sei "bei aller theoretischen Einordnung vor allem eins: wirklich sehr sehr lustig!" -- Nun, meinetwegen. Allerdings wissen wir ja nun nicht erst seit gestern, dass Humor in offiziellen und halboffiziellen kirchlichen Pressestellen oft ein eher trauriges Thema ist. Der ist meist nämlich umso dünner gesät, je mehr man sich um ihn bemüht. Und so konnte es nicht ausbleiben, dass in der einen oder anderen kirchlichen Social-Media-Redaktion Leute auf die Idee verfielen, die VONG-Sprache sei der Zug, auf den es dringendst aufzuspringen gelte - nachdem das Übersetzen von Bibelzitaten oder geistlichen Liedtexten in WhatsApp-Bildsymbole, sogenannte Emojis, ja nachgerade schon ein bisschen oll ist. Folgerichtig begrüßte der Twitter-Account des Bistums Mainz seine jugendlichen Diözesanen unlängst zum Schulbeginn mit den Worten:
"Remember: halo Schüler! Au weng du 1 Larry bimst so vong Noten her: Gott <3 di vong Niceigkeit her! Halo I bims deim Bistum M1! 0:) "
Symbolbild; Quelle: Pixabay


Ich bin nun in der glücklichen Lage, mir jedweden eigenen Kommentar zu dieser Leistung sparen zu können - denn ein Bekannter von mir, der sich für den Gesamtbereich Religion - und somit erst recht für das Eigenmarketing der christlichen Kirchen hierzulande - eher aus unbeteiligter Perspektive interessiert, teilte diesen Tweet kurz darauf auf seiner Facebook-Seite, mit der lakonischen Anmerkung "Kirche im Wandel der Zeit". Und die Reaktionen, die er damit erntete, sprechen in Hinblick darauf, "wie sowas bei den Leuten ankommt", Bände: 
"Ich sags ja immer: Weihrauch und Myrrhe sind Einstiegsdrogen!"
"Passt doch: Glauben statt denken."
"Wie peinlich und erbärmlich!"
"Da gibt es viele andere 'moderne' Dinge, die die Kirche sich endlich mal zu eigen machen muss."
"Wie stehen die mittlerweile zu Kondomen?"
"Dazu fällt mir eigentlich nur das Wort 'Idiot' ein."
"Deswegen Atheist." 
I rest my case, wie der Angloamerikaner so sagt... 



Mittwoch, 17. Mai 2017

Das Ausland beneidet uns um Wörter wie "Organisationsentwicklungsprozess"

Unlängst wies mich Franz, mein Gastgeber während der MEHR-Konferenz, auf einen Artikel hin, der auf dem Blog feinschwarz.net erschienen war: "Der dritte Raum. Chancen und Risiken kirchlicher Organisationsentwicklungsprozesse", verfasst von Rainer Bucher, Professor für Pastoraltheologie in Graz. Es kam mir gleich so vor, als hätte ich diesen Herrn vor längerer Zeit schon mal am Wickel gehabt, und bei einer Stichwortsuche in meinem Blog-Archiv fand sich's auch. Aber das wollte ich nur am Rande angemerkt haben. 

Was also schreibt Prof. Bucher denn nun in diesem Artikel? - Erst einmal muss ich gestehen, dass ich Mühe hatte, den Text zu lesen, da das sperrige Vokabular und überhaupt die ganze verschrobene Ausdrucksweise mich nervten. Zwischenzeitlich neigte ich zu der Annahme, die ganze Fragestellung des Artikels sei von vornherein verfehlt. Aber rückblickend bin ich doch ganz froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben, denn im Schlussteil gewinnt der Text dann doch ganz erheblich. Und Stoff zur Auseinandersetzung bietet er allemal. 

Fangen wir aber trotzdem mal vorne an. Bei der Überschrift "Der dritte Raum" musste ich unwillkürlich an eine alte Fernsehwerbung für die Playstation 2 denken, deren Slogan lautete: "Playstation 2 - The third place". Habe ich nie verstanden, was das sollte. Aber jetzt verstehe ich es - dank einer Fußnote in Prof. Buchers Text. Der "dritte Raum", so erfährt man da, ist "in der Raumsoziologie nach Henri Lefebvre als espace vécu jene Wechselwirkung, die sich zwischen dem espace perçu als dem physisch-erfahrenen Raum und dem (mental) konzipierten espace conçu als (sozial) gelebter Raum ergibt." Alles klar? Wenn man mal davon ausgeht, dass die Begriffe "dritter Raum" und "dritter Ort" mehr oder weniger austauschbar sind, dann generiert laut der Firma Sony (bzw. einer von ihr beauftragten Werbeagentur) die Playstation 2 einen solchen sozialen Raum, und einen ebensolchen soll laut Prof. Bucher auch die Kirche eröffnen. Oder? - "Der Begriff 'Dritter Raum' hier ist bescheidener verwendet", versichert er - "wenn er auch in seiner dynamischen Unverfügbarkeit wie Unvermeidlichkeit Bezüge zur raumsoziologischen Begrifflichkeit aufweist." Na immerhin. 

Zugegeben, ich mache mich hier ein bisschen lustig über diesen Wortbombast, aber es ist schon ganz gut und richtig, dass Prof. Bucher uns daran erinnert, wie sehr die Pastoraltheologie soziologisch orientiert ist und sich mit dem Vokabular der Soziologie tendenziell auch deren Denkmuster zu eigen macht. Dieser Umstand beschreibt nämlich im Wesentlichen bereits das Problem, das ich mit Teilen dieses Essays habe - aber das ist ein Problem, dem man sich stellen muss. 

Das geht gleich damit los, dass Prof. Bucher in einer Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Krise der Kirche nicht nur feststellt, dass "die Pfarrgemeinden seit 1950 über 70 Prozent an Reichweite [!]" verloren hätten, sondern darüber hinaus anmerkt, dass "der Rückgang der Taufquoten langfristig die institutionelle Stabilität der Kirche" gefährde. An dieser Stelle frage ich mich bereits: Ist DAS wirklich das Problem? Wenn es nur um die "institutionelle Stabilität" ginge, könnte man dann nicht vielleicht annehmen, dass ein gewisser Schrumpfungsprozess für diese sogar heilsam und gesund sein könnte? Wird diese Stabilität nicht weit eher - wie Martin Recke unlängst auf Commentarium Catholicum darlegte - durch die Vielzahl weitgehend inaktiver Mitglieder gefährdet, die gewisse Vollzüge der Kirche dennoch als "Dienstleistung" in Anspruch nehmen? (Diesen Aspekt spricht Prof. Bucher freilich auch an, indem er anmerkt, dass "die Sakramente nur noch selektiv und mit oft sehr eigenwilligen Sinnzuschreibungen genutzt" werden - wobei die Vokabel "genutzt" an sich schon einigermaßen verräterisch ist.) Glaubt man hingegen an die Heilsnotwendigkeit des Taufsakraments, dann ist der Rückgang der Taufquoten tatsächlich ein schwerwiegendes Problem - aber auch dann nicht in erster Linie für die Kirche, sondern gerade für die, die ihr nicht angehören. 

Weiter heißt es: 
"Unübersehbar ist auch, dass sich eine Vielzahl von (Lebenstil-)Milieus unserer Gesellschaft kaum mehr in kirchlichen Räumen (wieder-)finden. Offenkundig kann die organisierte Kirche die Vielfalt heutigen Lebens nicht mehr adäquat abbilden." 
Hm. Stimmt wohl, aber: Ist bzw. wäre das die Aufgabe der Kirche? - Das kommt wohl darauf an, wie man diesen Satz konkret versteht. Die Dominanz bestimmter sozialer Milieus im kirchlichen Raum - bei weitgehender Abwesenheit aller anderen - ist durchaus ein Problem, zumal der Auftrag Jesu an Seine Kirche in diesem Punkt eindeutig ist: "Macht ALLE Menschen zu meinen Jüngern" (Mt 28,19). Gleichwohl erweckt die Formulierung "die Vielfalt des heutigen Lebens [...] abbilden" bei mir intuitiv den Verdacht, hier liege die (möglicherweise recht "volkskirchentypische") Vorstellung vor, man könne die Menschen zu Jüngern Jesu machen und sie aber gleichzeitig so lassen, wie sie sind. KANN man das? (Darauf komme ich noch zurück.) 

Prof. Buchers Evaluation des krisenhaften Ist-Zustands der Kirche gipfelt in einem Zitat aus einem Essay von Valentin Dessoy, "Nur Mut. Vom Pfad abweichen und den Systemwechsel vorbereiten. Wie Kirchenentwicklung in Gang kommen kann", der zuerst in einem Themenheft der Hauptabteilung Seelsorge des Bistums Würzburg mit dem super-modernen Reihentitel "heute.glauben.leben" (Mai 2015) veröffentlicht wurde: 
"Alle Energie geht in die 'Produktion', in überkommene Standards für ein Publikum, das in zehn Jahren nicht mehr sein wird."
Nun sagen mir allerdings erfahrene Seelsorger: Dass es dieses "Publikum" in absehbarer Zeit nicht mehr geben würde, hat man vor 30 Jahren auch schon gedacht, und bis jetzt hat sich diese Einschätzung nicht bestätigt. Aber weiter:
"Das geschieht zu allem Überfluss in einer überdimensionierten und dazu kaum noch anschlussfähigen 'Vertriebsstruktur', deren Aufrechterhaltung den größten Teil der Ressourcen in Anspruch nimmt." 
Nun ist das mit dem Verheizen von Ressourcen durchaus so eine Sache. Auch dazu hat Martin Recke in seinem oben bereits angesprochenen "Kulturkatholizismus"-Essay einiges zu sagen. Indessen ist Valentin Dessoys BWL-Vokabular natürlich ganz schauderhaft. Was ist das überhaupt für einer? Ach so, er ist Gesprächspsychotherapeut, Fami­lientherapeut, Trainer, Supervisor, Coach und Organisationsberater. Na dann. 

An diesem Punkt hätte ich also, wie schon angedeutet, fast schon aufgegeben, aber dann sagte ich mir "Irgendeinen Grund wird es schon gehabt haben, dass der Franz mir den Link geschickt hat", und las weiter. Und etwas später wurde es dann auch tatsächlich ganz interessant. 
"Freilich: Religiöse Organisationen organisieren das Unorganisierbare: persönliche Frömmigkeit, rituelle Praktiken, Erfahrungen von Umkehr und Gnade, individuelle Nächstenliebe. Sie organisieren also Räume, damit in ihnen geschieht, was nicht organisierbar ist, für das es aber diese Organisation braucht und gibt. Neben dem ebenso berechtigten, wie relativ leicht zu realisierenden Ziel der effizienteren Ressourcenverwendung kann das zentrale Ziel kirchlicher Organisationsentwicklungsprozesse also nur sein, die Chance zu erhöhen, dass in den Räumen der kirchlichen Organisation(en) persönliche Frömmigkeit, rituelle Praktiken, Erfahrungen von Umkehr, Gnade und Nächstenliebe möglich werden. Kirchliche Organisationsentwicklungsprozesse können das 'Eigentliche' nie direkt erreichen und bewirken, wohl aber die Organisation so umbauen, dass sich die Chance erhöht, dass das 'Eigentliche'geschieht."
Auch hier wieder viel Fachchinesisch, aber immerhin: Dass hier mal ein Pastoralstratege den geistlichen "Zweck" kirchlicher Organisationsformen so explizit in den Blick nimmt und konkret benennt, anstatt den kirchlichen "Apparat" lediglich unter funktionalen Gesichtspunkten zu betrachten und damit mehr oder weniger implizit zum Selbstzweck zu erheben, lässt schon mal hoffen. 

Gleich darauf ist die Hoffnung aber größtenteils schon wieder z'nicht', wenn es heißt: 
"Und wie verbessern wir die Chance, dass dieses Eigentliche sich ereignet? In postmodernen, also fluiden und unübersichtlichen Zeiten ist dies notwendig nur in einem trial and error-Verfahren möglich." 
Hach, was sind wir postmodern und fluid. Gähn. P.S.: Tömtitöm, die Küche brennt. - Postmodern und fluid geht es auch weiter, wenn Prof. Bucher von den "HörerInnen der Botschaft" schreibt. So richtig gender-p.c.-mäßig up to date ist das große Binnen-I zwar nicht, weil heteronormativ (richtig müsste es "Hörer*innen" heißen, wenn nicht gar "Hörx"), aber die schlechte Absicht zählt. Doch zurück zum Inhalt: Welche Rolle spielen denn nun die Hörx der Botschaft? Eine "doppelte": 
"Sie sind Adressaten und Adressatinnen [Rainer!!!] der Botschaft, aber auch ein wesentlicher Teil ihres Inhalts."
Der Rest des Absatzes ist dann aber wieder interessant und bedenkenswert: 
"Denn die christliche Rede vom gnädigen Gott, der unsere Erlösung will, spricht nicht von einem radikal transzendenten Gott ohne Nähe zu uns, sondern sie redet vom befreienden Gott der konkreten Menschen heute. Die Kirche kann nicht 'ihren' Gott an jenen Menschen vorbei verkünden, an die sie sich wendet. Denn dieser Gott hat sich schon an jene Menschen gewandt, bevor die Kirche es tut. Seine Kommunikation mit ihnen ist früher als ihre." 
Diese Feststellung ist ohne Zweifel ebenso richtig wie wichtig, und es kann gewiss nicht schaden, darüber mal eine Weile zu meditieren. Welche Schlussfolgerung zieht aber nun der Verfasser daraus?  

Symbolbild; Bildquelle hier.

"Ein wesentliches Ziel eines kirchlichen OE-Prozesses heute muss also sein, drohende Exkulturationsprozesse der Kirche zu stoppen." 
-- MUSS es das? Da ich gerade bis über beide Ohren in der Lektüre von Rod Drehers "The Benedict Option" stecke, regt sich bei mir an dieser Stelle prompt Widerspruch: Nö, ganz im Gegenteil! Exkulturation jetzt! -- Ich weiß, das ist eine überraschende und durchaus auch provozierende Forderung. Bei genauerer Betrachtung ist es aber auch eigentlich gar keine Forderung, sondern lediglich die Einsicht in eine Notwendigkeit. Die Exkulturation des Christlichen ist in unserer Gesellschaft schließlich längst in vollem Gange; das hat die Kirche natürlich nicht so gewollt, aber sie hat es offensichtlich auch nicht verhindern können, und nun muss sie damit leben. Weiter oben schreibt Prof. Bucher: 
"Die typisch kirchliche Trias von exklusiver Mitglied­schaft, lebenslanger Gefolgschaft und umfassender religiöser Biografiemacht schwindet unwiederbringlich dahin." 
Das wirft nun natürlich auch wieder Fragen auf. Ist das so? Oder umgekehrt gefragt: Wenn sie "unwiederbringlich dahinschwindet", scheint das ja zu implizieren, dass es sie zu irgendeinem Zeitpunkt der Vergangenheit mal gegeben hat. Wann soll das gewesen sein? Und wenn dieser angebliche frühere Zustand sich nun einmal nicht wiederherstellen lässt - was folgt dann daraus für die Praxis? 
"Eine Organisation, die auf diese völlig neue Situation nicht reagiert, wird marginalisiert werden und irgendwann in der Bedeutungslosigkeit versinken." 
Weitere Fragen erheben ihr Haupt: Welche Situation ist inwiefern "völlig neu"? Davon abgesehen ist es natürlich eine Binsenweisheit, dass man auf eine neue Situation irgendwie reagieren muss. Das Wie dieser Reaktion ist hier doch wohl die entscheidende Frage. Und da scheint mir die Angst vor "Marginalisierung" und "Bedeutungslosigkeit" ein ausgesprochen schlechter Ratgeber, gerade vor dem Hintergrund der Zusage Jesu, die Pforten der Hölle würden die Kirche nicht überwinden (Mt 16,18). Diese Zusage gilt, solange die Kirche daran festhält, Kirche Jesu Christi zu sein. Ist sie das nicht mehr, ist sie überhaupt nichts mehr - oder allenfalls noch ein mehr oder weniger schlecht organisierter Dienstleistungsanbieter auf dem Markt für Weltanschauung und Lebenshilfe, den als solchen aber im Grunde kaum noch jemand braucht - und umso weniger braucht, je weniger sein "Angebot" sich von anderen auf diesem Markt unterscheidet. Hier kommt das sogenannte "Identität-Relevanz-Dilemma" an seinen thermodynamischen Nullpunkt: Man kann vielleicht auf kurze Sicht scheinbar gut damit fahren, im Interesse größerer gesellschaftlicher Relevanz die Betonung dessen zurückzunehmen, was die eigene Identität ausmacht; aber wenn überhaupt keine Identität mehr erkennbar ist, ist es mit der Relevanz auch vorbei. 

Als Heilmittel gegen diesen schleichenden Identitätsverlust durch Assimilation an den zunehmend antichristlichen gesellschaftlichen Mainstream empfiehlt Rod Dreher in The Benedict Option gerade die entschlossene Exkulturation - den "strategischen Rückzug" in entschieden christliche Gemeinschaften in Form lokaler Basisgruppen, in denen der Glaube intensiv gelebt wird. Das ist natürlich die denkbar radikalste Antithese zu gängigen pastoraltheologischen Konzepten, und die Einwände dagegen kann man sich unschwer ausmalen. Der aus meiner Sicht gewichtigste wäre die Frage, ob eine solche "Wagenburg"- oder "Ghetto-Strategie" nicht im Widerspruch zum oben bereits angesprochen Missionsauftrag Jesu stehe - also dazu, alle Menschen zu Jüngern zu machen. Dreher selbst sieht hier jedoch keinen Widerspruch - im Gegenteil: Gerade dann, und nur dann, wenn die Kirche sich den herrschenden gesellschaftlichen bzw. kulturellen Trends gegenüber als DAS GANZ ANDERE darstelle, könne sie auch andere Menschen von ihrer Sendung überzeugen bzw. für diese gewinnen. Und zwar nicht einfach der Kontrastwirkung wegen, sondern weil das nun mal ihre Sendung ist
"Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben", stellt Dreher klar. "Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellem 'Training' - ebenso wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben." 
-- Doch zurück zu Rainer Bucher: Kirchliche Organisationsentwicklungsprozesse, so meint er, könnten u.a. auch dazu dienen, "zu verhindern, dass eigene Sehnsüchte zur Basis kirchlicher Zukunftsgestaltung werden". Wenn ich das lese, denke ich an Grusel-Visionen einer "Kirche der Zukunft", wie sie der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer vor gut zwei Jahren vorgelegt hat; Prof. Bucher hingegen hat an dieser Stelle einen Link zu einem von ihm verfassten Artikel hinterlegt, der als Antwort auf die Aufsehen erregendene (und besonders in konservativen Kreisen gefeierte) Streitschrift "Kurskorrektur?!" des Münsteraner Ex-Pfarrers Thomas Frings gedacht ist und davor warnt, in "Idyllen" zu "flüchten". Den Artikel habe ich allerdings nicht gelesen, das wollte ich meinen Nerven nicht antun. Die Warnung vor der Flucht in die Idylle taucht in Buchers Text auch noch an anderer Stelle auf - nämlich in Form der Warnung, kirchliche OE-Prozesse müssten notwendig 
"scheitern [...], wenn sie auf die Wiederherstellung einer problemärmeren Vergangenheit ('kirchliche Totalinklusion', Stopp des Nutzungswandels von Religion) durch Aktivierung des verbliebenen Restes hoffen". 
Hier wäre nun die oben bereits aufgeworfene Frage zu wiederholen, was für eine "problemärmere Vergangenheit" er denn meint. Gab es die je? Waren die Probleme "früher" nicht einfach bloß andere? Nun, wenn es eine solche "problemärmere Vergangenheit" einmal gegeben haben sollte, dann kommt die jedenfalls nicht zurück - das sieht auch Rod Dreher so: 
"Mit der Benedikt-Option versuchen wir nicht, siebenhundert Jahre Geschichte zurückzudrehen, als ob das möglich wäre. [...] Wir versuchen lediglich, eine christliche Lebensweise aufzubauen, die als Insel der Heiligkeit und Beständigkeit inmitten des Hochwassers der fluiden [meine Übersetzung - sorry, Rainer!] Moderne steht." 
Das ist nun freilich ziemlich genau das, was Prof. Bucher als "Aktivierung des verbliebenen Rests" bezeichnet - und ablehnt. Er würde es wohl auch als "Flucht" bezeichnen, und vielleicht würde Dreher da gar nicht widersprechen; aber mit Idylle hat es nichts zu tun - sondern vielmehr mit harter Arbeit. Was allerdings vermutlich für viele (oder alle) vermeintlichen Idyllen gilt. 

Auf den Punkt mit dem "Nutzungswandel von Religion" gehe ich lieber nicht näher ein; hier verrät einmal mehr die Sprache sich selbst. Aber Prof. Bucher nennt noch weitere Kriterien für das "Scheitern" kirchlicher OE-Prozesse, bei denen ich ihm durchaus zustimmen kann: Scheitern, so meint er, müssten diese Prozesse auch, "wenn sie sich auf effizientere Ressourcenverwendung beschränken" oder "wenn sie das Volk Gottes nur als externe 'Adressaten' behandeln und nicht als jene Personen, aus denen die Kirche selber besteht".

Erst im vorletzten Absatz kommt Prof. Bucher dann auf den im Titel angesprochenen "dritten Raum" zu sprechen, "der sich erst jenseits der zunehmend ausgezehrten traditionell-kirchlichen wie der schnell technokratisch verengten OE-Kultur zeigt". Okay, das habituelle Eindreschen auf den "traditionell-kirchlichen" Bereich sind wir mittlerweile gewöhnt, Schwamm drüber. Was der Verfasser weiter über den "dritten Raum" sagt, lässt jedenfalls aufhorchen: 
"Theologisch gesehen ist dies der Raum des Heiligen Geistes. Der aber hat mindestens drei verstörende Eigenschaften: Er weht, wo er will, hat daher ein eher gebrochenes Verhältnis zu Institutionen, Grenzen und Regeln, und man erkennt ihn nur an seinen Wirkungen." 
Man mag hier den Eindruck haben, Prof. Bucher vertrete eine Auffassung vom Wirken des Heiligen Geistes, wie sie etwa auch in dem wirklich schlimmen NGL-Klassiker "Wenn der Geist sich regt" von Norbert Weidinger (Text) und the one and only Ludger Edelkötter (Musik) artikuliert: 
"Wenn der Geist sich regt
Und Feuer legt
Und verbrennen will
Was ihr noch pflegt [...] 
Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche!
Zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche!"
Bitte um Erlaubnis, mal kurz kotzen zu gehen. -- Gleichzeitig kann der kleine Charismatiker in mir mit der Berufung auf das Wirken des Heiligen Geistes aber doch auch eine ganze Menge anfangen. Wobei ich angesichts der Aussage, der Heilige Geist habe "ein eher gebrochenes Verhältnis zu Institutionen, Grenzen und Regeln", gern auf das Schreiben Iuvenescit Ecclesia der Glaubenskongregation verweisen möchte, das sich mit der "Beziehung zwischen hierarchischen und charismatischen Gaben im Leben und der Sendung der Kirche" befasst und in dem es u.a. heißt, 
"dass es in den Schrifttexten keinen Gegensatz zwischen den verschiedenen Charismen gibt, sondern vielmehr eine harmonische Verbundenheit und Komplementarität. Die Gegenüberstellung einer institutionellen Kirche jüdisch-christlicher Prägung und einer charismatischen Kirche paulinischer Art, wie sie von gewissen verkürzenden ekklesiologischen Interpretationen behauptet wurde, findet im Neuen Testament kein Fundament. Weit davon entfernt, die Charismen auf der einen und die Institutionen auf der anderen Seite zu sehen oder einer Kirche 'der Liebe' eine Kirche 'der Institution' gegenüberzustellen, nennt Paulus in einer einzigen Aufzählung Charismen der Leitung und der Liebe [...]. Sowohl er als auch Petrus geben den Charismatikern Anweisungen, wie die Charismen zu gebrauchen sind. Sie nehmen die Charismen wohlwollend an und sind davon überzeugt, dass sie göttlichen Ursprungs sind; sie betrachten sie aber nicht als Gaben, die dazu berechtigen, sich dem Gehorsam gegenüber der kirchlichen Hierarchie zu entziehen, oder das Recht auf einen unabhängigen Dienst gewähren. Paulus ist sich bewusst, dass die ungeordnete Ausübung der Charismen in der christlichen Gemeinschaft Schaden anrichten kann." 
Gleichwohl ist an Buchers Charakterisierung des Wirkens des Heiligen Geistes tendenziell schon was dran, und sich das bewusst zu machen, kann auch durchaus hilfreich sein. Gerade wenn man den Hinweis auf das "eher gebrochene Verhältnis zu Institutionen, Grenzen und Regeln" auf solche Strukturen innerhalb der Kirche bezieht, die gerade nicht "Hierarchie" im eigentlichen Sinne des Wortes, nämlich heilige Ordnung sind - also auf so allerlei Gremien- und Verbandsstrukturen. Solche Strukturen beim Organisationsaufbau mehr oder weniger links liegen zu lassen, dürfte durchaus auch im Sinne der Benedict Option sein - auch wenn Rainer Bucher das wohl eher nicht gemeint hat. 

Abschließend zitiert der Verfasser einen Essay von Maren Lehmann (Leutemangel. Mitgliedschaft und Begegnung als Formen der Kirche, in: Jan Hermelink/Gerhard Wegner [Hrsg.]: Paradoxien kirchlicher Organisation. Niklas Luhmanns frühe Kirchensoziologie und die aktuelle Reform der evangelischen Kirche, Würzburg 2008): 
"Vielleicht ist … dies der Fehler … so vieler Reformversuche der Kirche als Organisation, dass sie nach zu viel Ordnung und zu viel Regelung suchen, wo es doch darauf ankäme, nach brauchbarer Unordnung oder … nach 'brauchbarer Illegalität' zu suchen." 
Ich weiß zwar nicht, was Frau Lehmann - oder eben Prof. Bucher, indem er sie zitiert - nun genau unter "brauchbarer Illegalität" versteht, aber ich muss zugeben: der Begriff als solcher gefällt mir. Er klingt nach Punk



Sonntag, 2. Oktober 2016

#EBERKACK!

Vor knapp zwei Wochen bekam ich so nebenbei einen Dialog zwischen den Twitter-Accounts der Erzbistümer Köln und Berlin mit, in dem es um ein Event oder Projekt mit dem Kürzel #EBKHACK ging. Irgend etwas, was im Erzbistum Köln stattfindet bzw. vom Erzbistum Köln ausgerichtet wird (daher auch der Abkürzungs-Bestandteil "EBK"), und der oder die Kölner Erzbistums-Twitterer legte(n) nun den Berliner Kollegen nahe, in Berlin könne man so etwas doch auch mal machen. In der Hauptstadt reagierte man eher zurückhaltend. Ich nahm das wie gesagt nur am Rande wahr und unternahm vorerst keine weiteren Nachforschungen darüber, was es damit wohl auf sich habe. Bis ich einige Tage später auf Facebook in eine Diskussion befreundeter "Netzkatholiken" hineinstolperte, in der die Projektausschreibung zum #EBKHACK verlinkt war. Daraufhin sah ich mir das doch mal an. 

Illustration (c) Peter Esser

Der eigentliche Veranstalter, so scheint es, ist ein Unternehmen namens "next media accelerator GmbH" - laut Eigenbeschreibung "ein Startup-Accelerator [...] für frühe Startups rund um Medien - Content, Advertising, Technology und Services". So so, a-ha. Und was wollen die nun mit dem bzw. für das Erzbistum Köln machen? Antwort: einen Hackathon - unter dem Motto "Hack the Erzbistum - Digitaler Spirit trifft 2000 Jahre Heiligen Geist". Soweit, so Gosh. Was aber ist ein Hackathon? Die Ausschreibung gibt Auskunft: 
"Auf einem Hackathon arbeiten Programmierer, Designer, Entrepreneure, Marketers, Bastler, Ingenieure über mehrere Tage gemeinsam an einer Idee zu einem bestimmten Thema. Ein Geschäftsmodell, Logo und vielleicht schon ein erster Prototyp werden in kleinen Teams entwickelt und abschließend einer Jury vorgestellt."
Abermals: So so, a-ha. Man muss den Text allerdings ziemlich weit runterscrollen, um auf diese Information zu stoßen. Weiter oben liest man stattdessen u.a.: 
"Kirche ist die vielleicht größte Social Community der Welt. Seit 2000 Jahren sind wir Storyteller. Wir haben schon Influencer und Content Marketing betrieben als noch nicht mal die Opas der Google- und Snapchat-Gründer auf der Welt waren.
Activation, Retention, Challenge, Solutions, Interaction - Schlagworte aus Medien, Marketing und Produktentwicklung gelten auch im kirchlichen Umfeld."
Wer jetzt denkt "Holy Shit!", der liegt genau richtig: 
"Es geht um die älteste Geschichte der Menschheit. Um Glaube. Hoffnung. Liebe. Es geht um die wichtigsten Themen im Leben. Wir brauchen Euren Input für #the#next#holy#shit."
Und damit nicht genug: 
"Wir wollen mit Euch diese Themen neu, zeitgemäß und digital denken [...]. Wir suchen für unser Hackathon:
  • OK Community Champs
  • Hard Core Integration Big Dogs
  • Lead Data Hipster Chicks
  • und World Class Press Dudes." 

Au backe. Das ist ja schon rein sprachlich ganz furchtbar. MUSS man mit Programmierern, Designern, Bastlern und Ingenieuren heutzutage so reden? Ich kenne durchaus auch ein paar Leute aus diesen Berufsgruppen, und die reden nicht so. Aber darauf kommt es letztlich wohl nicht an; viel entscheidender ist allemal die Frage: Was soll der Scheiß? Die Antwort, die die Ausschreibung darauf gibt, klingt relativ zurechnungsfähig: 
"Wir nehmen wahr, dass immer mehr Menschen in unterschiedlichen Situationen nach Sinn fragen - nicht mehr weiter wissen, wütend sind, ratlos oder enttäuscht. Wir würden gern noch mehr Formen finden, um diesen Menschen zuzuhören, Antworten anzubieten, Gemeinschaft und Rückhalt zu geben." 
Okay. Okay, okay, okay. Dass das Erzbistum Köln nach neuen Ideen für die Pastoral sucht, ist ja zunächst einmal durchaus löblich. Aber woher kommt eigentlich die Schnapsidee, neue Ideen müssten unbedingt netzbasiert sein und idealerweise in Form einer App daherkommen? Klar, man will "die Leute da abholen, wo sie stehen". Aber es ist ja - und das sage ich als jemand, der wirklich dauernd im Internet unterwegs ist - durchaus nicht so, dass man "die Leute" nur noch im so genannten virtuellen Raum antreffen und erreichen könnte. Das denken ironischerweise vor allem solche Leute, die selbst eher wenig netzaffin sind - für die das Internet also, sprichwörtlich gesagt, #Neuland ist. Die stellen sich wer weiß was darunter vor. Wir erinnern uns: Vor einigen Monaten veranlasste die Spieleinnovation Pokémon Go manche Pastoralstrategen dazu, laut darüber nachzudenken, ob man nicht in virtuelle Pokémon-Lockmittel investieren sollte, um die begehrte Zielgruppe der Manga-Monster-Jäger ganz physisch "der Kirche näher zu bringen" - während konservativere und innovationsskeptischere Kirchenleute sich eher darum sorgten, wie man die virtuelle Pokémon-Hatz aus dem eigentlichen Kirchenraum fernhält. Nun war der Hype um Pokémon Go zwar schneller vorbei, als die kirchliche Bürokratie ein Budget für Pokémon-Köder bereitstellen konnte, aber die Spieleentwickler-Zunft schläft nicht, und bald wird eine neue Spielesensation erscheinen, die auf den technischen Innovationen von Pokémon Go aufbaut, deren Möglichkeiten aber noch erweitert. Und die Pastoralstrategen werden total überrumpelt sein und erneut völlig unvorbereitet in Aktionismus verfallen. Gibt es eigentlich nur die Alternativen, entweder ein kulturpessimistischer Hinterwäldler zu sein oder aber jeden Scheiß mitzumachen, sprich: jedem Trend hinterherzuhecheln? 

Eng mit dieser Frage verbunden ist ein anderer Verdacht, der sich aufdrängt: dass nämlich die Verantwortlichen beim Erzbistum Köln, die das Projekt #EBKHACK abgenickt und womöglich auch den überkandidelten Ausschreibungstext durchgewinkt haben, sich dabei denken: "Die Katholische Kirche hat so ein altbacken-spießiges Image, dagegen müssen wir mal was tun". Und genau dieses Bestreben wirkt so altbacken-spießig wie nur was. 

Was mich übrigens darauf bringt, dass ich vor ein paar Tagen mit meiner Liebsten beim "Willkommenstag" des Theaters an der Parkaue war. Das Theater an der Parkaue - das zur Zeit allerdings gar nicht an der Parkaue in Lichtenberg spielt, sondern im Prater im Stadtteil Prenzlauer Berg - ist das Kinder- und Jugendtheater des Landes Berlin und veranstaltet in jeder Spielzeit einen "Willkommenstag" für Lehrer, Erzieher und Theaterpädagogen, um diesen die Arbeit des Theaters vorzustellen. Und dahin hat meine Liebste mich, der ich immerhin einen Magister-Abschluss in Theaterwissenschaft habe, diesmal kurzerhand mitgenommen. 



Das Theater als Medium hat ja mit der Kirche Eines gemeinsam, nämlich dass es Jahrtausende alt ist und deshalb von nicht wenigen Menschen als nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen wird. Diesem Eindruck will man natürlich entgegenwirken - und hier wie dort gibt es Leute, die meinen, um zu zeigen, dass man eben doch zeitgemäß ist, müsse man "irgendwas mit Internet" machen. 

Folgerichtig handelte es sich bei einem der Workshops, die bei diesem "Willkommenstag" angeboten wurden, um die Projektvorstellung einer Produktion zum Thema Soziale Medien, die sich noch im Konzeptionierungsstadium befindet: "Algorhythm is it" - eine Koproduktion mit dem Künstler-, nein, ich meine natürlich Künstler_innen-Netzwerk cobratheater.cobra im Rahmen der Projektwerkstatt "Haus der digitalen Jugend". Klingt schräg? Ist es auch. Über die Produktion "Algorythm is it" - vom Titel her offenkundig angelehnt an den preisgekrönten Dokumentarfilm "Rhythm is it" über ein Ballettprojekt für Jugendliche aus Problemschulen (worauf jedoch nicht näher eingegangen wird) - heißt es in der Infomappe für die am "Willkommenstag" teilnehmenden Pädagogen: 
"Algorithmen durchziehen unser Leben. Ob als WhatsApp-Nachrichten, Urlaubsbuchungen im Internet, gelikete Posts bei Facebook oder Recherchen für das nächste Referat, längst wissen die unsichtbaren Datensysteme unsere Antworten, bevor wir den Suchbegriff überhaupt eingegeben haben. Diskret im Hintergrund sind sie immer anwesend und führen als systematische Datenauswertung ihr Eigenleben."
Vorgestellt wurde das Projekt von vier jungen Leuten - schätzungsweise zwischen 20 und 30 Jahren alt - von cobratheater.cobra, die zwar hübsch aussahen und sympathisch 'rüberkamen, aber den Eindruck erweckten, selbst nicht so genau zu wissen, worüber sie sprechen oder worauf die Produktion hinauslaufen soll. 


Um Algorithmen soll es gehen, die in Online-Netzwerken das Handeln der Nutzer steuern, ohne dass diese das bemerken bzw. durchschauen. "Wir wissen nichts darüber, das ist ein großes Problem" - dieses Statement war für mich ein Kernsatz der Präsentation, dicht gefolgt von der Aussage, man wolle das Thema "möglichst affirmativ, aber auch kritisch" darstellen. Alles in allem ergab sich das leicht tragikomische Bild, dass da eine Gruppe von Twentysomethings den Versuch unternimmt, Schülern ab der 8. Klasse Medienkompetenz in einem Bereich zu vermitteln, in dem ein durchschnittlicher Achtklässler sich besser auskennt als sie selbst. Ungemein bezeichnend fand ich es, dass die Macher von "Algorythm is it" sich als Vorbild für eine, vielleicht DIE zentrale Figur ihres Stücks den "Wanderer über dem Nebelmeer" aus dem gleichnamigen Gemälde von Caspar David Friedrich ausgesucht hatten. Passt ins Bild, dachte ich: So hip sie sich auch zu kleiden versuchen und so beflissen gendersensibel sie sprechen, so sehr fahren sie insgeheim auf spätromantische Kulturkritik ab. So wie früher davor gewarnt wurde, die Geschwindigkeit der Eisenbahn sei schädlich für die körperliche und geistige Gesundheit des Menschen, wird heute vor dem Internet gewarnt. Als eine Antagonistenfigur wurde "ein ungefähr älterer Herr" eingeführt, der im Internet in die Rolle eines jungen Mädchens schlüpft. Originell ist was Anderes. Wo da nun eigentlich das "Affirmative" zum Tragen kommen soll, blieb unklar. 


An der Diskussion im Anschluss an die Präsentation beteiligte ich mich nicht, aber irgendwie - vielleicht durch mein griesgrämiges Getuschel mit meiner Liebsten - muss ich den cobratheater.cobra-Leuten dennoch aufgefallen sein, denn später, beim Sektempfang im Theaterfoyer, sprach einer von ihnen mich direkt an: was ich denn über das Projekt denken würde. Na fein. Ich tischte ihm alles auf, was mir so an Kritikpunkten einfiel, aber als ich zu dem Punkt kam, dass die heutigen Jugendlichen sich ja mit viel größerer Selbstverständlichkeit in Online-Netzwerken bewegen als unsereins, fiel mir plötzlich ein bzw. auf, dass es ja auch ein Ziel dieser Theaterproduktion sein könnte, diese "gefühlte Selbstverständlichkeit" zu unterlaufen, und ich gestand: "Jetzt, wo ich's sage, hört sich das für mich gar nicht so blöd an." Mein Gegenüber lächelte. Und nun entspann sich eine durchaus anregende Diskussion darüber, wie man der zunächst doch sehr mathematisch-technisch anmutenden Thematik des Stücks einen tieferen poetischen Gehalt abgewinnen und damit Grundfragen menschlicher Existenz berühren könnte - was, wie ich wert- und strukturkonservativer Zausel nun mal finde, im Grunde die Aufgabe des Theaters ist. Nach diesem Gespräch bin ich ehrlich gesagt "positiv gespannt" darauf, was bei der Produktion rauskommt. Die Uraufführung ist am 15. November. 

Diese Erfahrung, praktisch mitten in der Diskussion meine Meinung zu ändern - zumindest teilweise oder tendenziell - gibt mir natürlich (wenngleich bzw. zumal mir das gar nicht so selten passiert) zu denken, auch in Hinblick auf das Projekt #EBKHACK. Könnte es sein, dass auch an diesem Projekt mehr und Besseres dran ist, als ich auf den ersten Blick anzunehmen bereit bin? -- Nun ja, natürlich könnte es sein. Es kommt halt drauf an, was am Ende dabei rauskommt - und das ist bis auf Weiteres überhaupt nicht absehbar, denn um an diesem Hackathon teilnehmen zu dürfen, braucht man zwar einen Laptop, aber zunächst nicht einmal eine Idee. Kein Scheiß: 
"Optimal wäre, wenn jeder Teilnehmer eine Idee mitbringt - der Hackathon ist die einmalige Gelegenheit, diese in Rekordzeit auf die Beine zu stellen. Aber auch wenn Du keine Idee hast, bring Deine Fachkenntnisse, Fähigkeiten und Dein Netzwerk ein!"
Lassen wir uns also mal überraschen, was der Hackathon für eine Dynamik entwickelt - ist ja nicht auszuschließen, dass da etwas Sinnvolles entsteht. Aber ich selbst würde trotzdem eher andere Prioritäten setzen. Analogere. Weil eben, wie schon gesagt, das soziale Leben nicht nur in den Sozialen Medien stattfindet. Sondern auch, nach wie vor, auf der Straße, in der U-Bahn, im Treppenhaus, am Arbeitsplatz und nicht zuletzt in der Kneipe. Natürlich verändert das Internet das Sozialverhalten der Menschen - aber das hat die Eisenbahn auch getan. Und das Telefon. Und das Auto. Im Grunde tut das Internet nichts Anderes: Es erschafft neue Wege der Kommunikation, schnellere Wege. Aber es ist letztlich auch nur ein Instrument und keine grundlegend neue Realität. Wenn nun Strategen, die das Internet als etwas Fremdes und Mysteriöses anstaunen, meinen, man müsse "ins Internet gehen", weil da die Menschen seien, dann kann ich einerseits über diese Naivität lächeln, mache mir andererseits aber Sorgen, dass die ganz analoge Basisarbeit "auf der Straße" darüber vernachlässigt wird, aus dem Blick gerät. Mir schweben da ganz andere Wege der Pastoral und Neuevangelisierung vor. Unterschiedliche Menschen ganz physisch an einen Tisch bringen. Ihnen einen Teller Suppe auftischen. Den Straßenmusiker aus der S-Bahn-Unterführung einladen, dabei zu musizieren (und natürlich mitzuessen). Ins Gespräch kommen, und darüber günstigenfalls dann auch ins Gebet. Dafür braucht man noch nicht einmal unbedingt Geld, aber schön wäre es doch, wenn es auch dafür eine gewisse Förderung seitens der Ordinariate gäbe. 

Aber vielleicht sind solche Ansätze dafür nicht trendy, hip und spektakulär genug. Für #EBKHACK stehen die Fördertöpfe weit offen: Für herausragende Ergebnisse des Hackathons gibt es Preise in Höhe von 200 bis 1.000 €, und ausgewählt werden die Preisträger von einer Jury, zu der u.a. "Pfarrer Norbert Fink (Der 'Elvis-Pfarrer' auf youtube; Traupriester von Daniela Katzenberger)" gehört. Na hossa. Hervorzuheben ist auch und nicht zuletzt ein verräterischer Lapsus in der Beschreibung der mit 1.000 € dotierten Sonderpreis-Kategorie (worauf ich durch die eingangs erwähnte Facebook-Diskussion aufmerksam gemacht wurde): 
"Die beste Idee aus Jury-Sicht, um aufmerksamkeitsstark und nachhaltig auf die Mitgliederentwicklung der katholischen Kirche einzuzahlen."
Na klar: "Punk-Pastoral" zahlt nichts ein. Die Zielgruppe der Hippen, Coolen und Bekloppten, auf die die #EBKHACK-Projektbeschreibung zugeschnitten scheint, schon eher. Damit dürften die Prioritäten ge- bzw. erklärt sein. Aber die gute Nachricht zum Thema #EBKHACK findet sich gewissermaßen im Kleingedruckten: 
"Auch für Bier wird gesorgt sein".
Na dann! Man könnte sich zwar fragen, ob Leute, die solche Texte verfassen oder sich von ihnen angesprochen fühlen, nicht vielleicht eher andere Drogen konsumieren, aber hey - Bier ist schon okay. Vielleicht würde es sich also doch lohnen, teilzunehmen... 



Dienstag, 10. Mai 2016

Gymnastiksaal mit Sakralhintergrund

Am 5. Juni ist Gegenteiltag in der Kirche St. Johannes in der Dorstener Feldmark. "Die Profanierung ist das Gegenteil der Kirchweihe" – so stand es am 4. Mai in der Dorstener Zeitung. Ein vom Bischof von Münster bereits im vergangenen Jahr unterzeichnetes Profanierungsdekret für das 1960 geweihte Gotteshaus wird im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes vollstreckt. "Was passiert bei diesem Zeremoniell? 'Das Entscheidende ist, dass das Allerheiligste, der Ort des Tabernakels, aufgehoben wird. Der Tabernakel als Aufbewahrungsort für die konsekrierten Hostien, wird entnommen und in eine andere Kirche überführt', erklärt Pfarrer Franke. Ein weiteres Zeichen für die Aufhebung der liturgischen und sakralen Nutzung des Raumes sei die Entfernung des Reliquiensteines, der im Altar eingemauert sei." Weiter führt der Pfarrer aus: "Es wäre auch schön, wenn die Gottesdienstbesucher ebenfalls Gegenstände, wie Messbuch, Altartuch, Ewiges Licht und anderes in einer feierlichen Prozession unter Glockengeläut aus dem bisherigen Kirchenraum in den Pfarrheim-Saal bringen würden".

St. Johannes ist eines von derzeit vier Gotteshäusern der Dorstener Pfarrei St. Agatha, von der in diesem Blog schon ein paarmal die Rede war. Die Dorstener Zeitung zitiert den leitenden Pfarrer Ulrich Franke mit der Einschätzung, dieser Kirchenbau sei "der schönste und baulich überzeugendste in der gesamten Pfarrei". Entworfen wurde die Kirche von Emil Steffann, "einem der bekanntestes Kirchenarchitekten der Nachkriegszeit". Die Kirche in der Feldmark hat jedoch, wie die Website der Pfarrei berichtet, eine Vorgeschichte, die weiter zurückreicht als bis 1960 – nämlich bis in "die Jahre kurz nach Beendigung des 2. Weltkrieges – durch die Einrichtung einer Notkirche im Saal Maas-Timpert". Ich finde ja, diese Formulierung wirkt ein bisschen so, als sei der II. Weltkrieg durch die Einrichtung der Notkirche beendet worden – schön wär's ja –; so war's aber nicht:

"Wegen der Zerstörung der St.-Agatha-Kirche in der Altstadt am 22.03.1945 ließ der damalige Pfarrer Franz Westhoff für die zahlreichen Gemeindemitglieder drei Notkirchen einrichten: eine im Speisesaal des Ursulinenklosters, eine in einer hölzernen Halle auf dem Gelände des Gesellenhauses am Südwall" – und eine eben im Festsaal einer Gastwirtschaft. Diese wurde dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht. "Noch heute zeugen die kleine Glocke und das Bild 'Der gute Hirte' am Eingang an der Giebelseite des Saales von seiner religiösen Vergangenheit. Zum Jahresende 1949 wurde die Filialkirche wieder aufgelöst; doch schnell stellte sich bei den Gläubigen der Wunsch nach einer Selbstständigkeit ein. Erste Gespräche zum Bau einer neuen Kirche in der Feldmark fanden bereits 1953 statt; die konkrete Planung erfolgte erst ab 1957."

Tja, so ändern sich die Zeiten: In der Nachkriegszeit herrschte ein so großer Bedarf an Kirchen, dass man auf profane Gebäude ausweichen musste – und heute herrscht landauf, landab das große Kirchensterben. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist in den letzten Jahrzehnten erheblich zurückgegangen, und da im selben Zeitraum auch die Zahl der Priester deutlich abgenommen hat, gleichzeitig aber die Mobilität der Menschen größer ist als früher, geht der Trend vielerorts dahin, die verbleibenden Kirchgänger auf eine kleinere Zahl von Gottesdienststandorten zu "konzentrieren". Man könnte denken, dies sei auch in Dorsten der Fall - zumal die Filialkirche St. Johannes der Täufer nur 750 Meter (!) von der Pfarrkirche St. Agatha entfernt liegt. Doch auf den zweiten Blick sind die Dinge nicht so, wie sie zunächst scheinen: Die Kirche in der Feldmark soll nämlich gar nicht endgültig aufgegeben werden. Vielmehr soll nach einem Umbau "der Raum zwar stark verkleinert, aber weiterhin als Kirche existieren": "120 Gottesdienstbesuchern wird das um zwei Drittel verkleinerte Gotteshaus dann Platz bieten. [...] Läuft alles nach Plan, wird die neue St.-Johannes-Kirche 2018 wieder neu geweiht werden: Klein, modern, auf die Zukunft ausgerichtet, mit regelmäßigen Gottesdienstzeiten. Dann wird sich die Prozession der Gläubigen wieder in Bewegung setzen, diesmal in die Gegenrichtung, um Tabernakel und Reliquienstein vom Pfarrsaal in die Kirche zu tragen."

Eine kosmetische Verkleinerung des Kirchenraums also? Wozu das? Nun, das Gebäude - jedenfalls der größte Teil davon - wird für andere Zwecke benötigt: Die Familienbildungsstätte Dorsten soll dort einziehen. Bislang residiert diese im "Haus der Familie" im Dorstener Stadtteil Holsterhausen, aber dort läuft zum Jahresende der Mietvertrag aus. Nun sollen also im bisherigen Kirchengebäude neue Räume für die Familienbildungsstätte entstehen, auf dass in den ehemals heil'gen Hallen fortan Angebote wie Babymassage ("Berühren mit Respekt"), Bodypainting für 3-4jährige, Basic Cooking Vegan, Origami-Workshops und natürlich Hatha Yoga stattfinden können. Der bisherige Altarraum von St. Johannes soll einer Gymnastikhalle Platz machen. Aber keine Sorge: Als katholische Bildungseinrichtung hat die Familienbildungsstätte natürlich auch Theologische Bildung und Religionspädagogik im Programm. Da gibt es dann so schöne Veranstaltungen wie "Religiöse Spurensuche - Auf Gottes Spuren", bei denen Eltern mit Kindern im Vorschulalter (2-6 Jahre) neben der Pfarrkirche St. Agatha auch eine Moschee der türkisch-muslimischen Gemeinde DITIB in Dorsten sowie die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen besuchen können. Ein tolles Orientierungsangebot für Eltern, die noch unentschlossen sind, in welchem Glauben sie ihre Kinder erziehen sollen.

Genaueres zu den Umbauplänen für den neuen Standort erfährt der geneigte Leser auf der Website der Familienbildungsstätte - in einem Text, der vermuten lässt, dass Grammatik und Satzbau eher nicht zum Kursprogramm dieser Bildungseinrichtung zählen; aber das nur am Rande. Man erfährt dort, es sei "bereits vor längerer Zeit die Entscheidung gefallen, den Anbautrakt der Kirche (Pfarrbüro und Pfarrwohnung) abzureißen und an deren Stelle einen neuen Anbau zu errichten, der die Verwaltung im Untergeschoss und die Lehrküche im Obergeschoss aufnehmen wird. Optisch wird dieser neue Anbau dem späteren äußeren Erscheinungsbild des Kirchenschiffes mit seinen Lichtöffnungen angeglichen" Außerdem haben die "Berechnungen zur Heizungs- und Klimatechnik [...] ergeben, die ursprünglich für die Flure vorgesehene Offenheit bis in den Dachraum der Kirchenschiffes im Obergeschoss abzuschotten, was leider die Wahrnehmung der Weite des früheren Kirchraumes einschränkt, jedoch dem Raumklima und der späteren Energiebilanz zu Gute kommt". Damit nicht genug: "Erheblich wirkt sich auch die Feststellung der notwendigen Sanierung und Erneuerung des Kirchendaches aus. Während das alte Tragwerk des Dachstuhls bestehen bleiben kann, wird an einer Lösung für eine neue Dacheindeckung aktuell gearbeitet." Und was soll das alles kosten? -- Wissen wir noch nicht: "Die nächsten Schritte und Ergebnisse erwarten wir mit der Kostenermittlung, Ausschreibung der Gewerke und der anschließenden Vergabe der Abriss- und Rohbaumaßnahmen. Bei einem reibungslosen Ablauf ist mit einer Bauzeit von ca. 18 Monaten zu rechnen."

Achtzehn Monate! Das erfordert natürlich Übergangslösungen - sowohl für die Bildungsstätte selbst, die ja zum Jahresende aus ihren bisherigen Räumen raus muss, als auch natürlich für die St.-Johannes-Kirche, die für eineinhalb Jahre zur Baustelle wird. Was das letztere Problem betrifft, hat man beschlossen, den Saal des Pfarrheims von St. Johannes "für die Zeit des Umbaus übergangsweise als Kirche" zu nutzen. Fällt der Saal somit für anderweitige Nutzungen aus? Mitneffen bzw. -nichten: "An Wochentagen wird der für die Gottesdienste genutzte Teil des Pfarrsaales abgetrennt, sodass er" - gemeint ist sicherlich: der übrige Teil - "weiterhin von Gruppen genutzt werden kann. 'Nur Partys sind in dieser Zeit als nicht angemessen tabu', sagen die Geistlichen" - na hallo! Da möchte man doch direkt mal wissen, was für wilde Partys sonst so im Pfarrheim in der Dorstener Feldmark gefeiert werden!

Und die Familienbildungsstätte? Die zieht vorerst ins Pfarrheim einer anderen Dorstener Pfarrei, St. Matthäus im Stadtteil Wulfen. Das wurde, wie ein Artikel im Lokalkompass verrät, am 16. April auf einer kurzfristig einberufenen außerordentlichen Pfarrversammlung beschlossen. "Wichtig war dem Kirchenvorstand zu betonen, dass aus Zeitgründen eine vorherige Einbindung der Pfarrgemeinde nicht möglich war." Und nun isses halt nicht mehr zu ändern:
"'Der Kirchengemeinde St. Matthäus ist klar, dass es durch die neue Situation zu Einschränkungen kommt. So werden für den Übergangszeitraum keine privaten Vermietungen möglich sein.', erklärte Bernhard Schürmann, vom Kirchenvorstand auf Nachfrage. 'Entlastend wirkt, dass die ehemalige Seniorenstube ab dem 01. Juni und für den gesamten Übergangszeitraum der Kirchengemeinde zur Verfügung stehen wird. Der Kirchenvorstand hat die Familienbildungsstätte Dorsten gebeten, die bisherigen Nutzer des Matthäusheims - soweit möglich - in ihr Raumprogramm zu integrieren.'" 
Spätestens an diesem Punkt mag man geneigt sein, die ganze Angelegenheit für ein Stück aus dem Tollhaus zu halten - aber es kommt noch 'besser': Wie der Lokalkompass weiter zu berichten weiß, ist das Matthäusheim für eine Nutzung durch die Pfarrgemeinde selbst nämlich eigentlich sowieso zu groß. - Wie das? Nun ja: Das Bistum Münster unterstützt Pfarrheime finanziell über so genannte "Schlüsselzuweisungen", doch dabei "greift zukünftig aber eine Begrenzung von 100 qm Pfarrheimfläche je 1.000 Gläubige". Die Sinnhaftigkeit dieser Regelung wollen wir lieber gar nicht erst hinterfragen; die Auswirkungen sind jedenfalls bizarr:
"Zur Gemeinde St. Matthäus gehören ohne Herz-Jesu und ohne St. Barbara überschlägig 3.000 Gläubige, das Matthäusheim hat aber eine Nutzfläche von rd. 800 qm. Hier werde man für die Zukunft nach einer tragfähigen Lösung suchen müssen. Diese könne in einer Renovierung des Pfarrheims bei gleichzeitiger Verringerung der Fläche [!], eine Integration des Pfarrheims in die Pfarrkirche [?!] oder einem neuen Gebäude an der Kirche bzw. in der Nähe der Kirche liegen." 
Merke: Kosmetische Verkleinerung kirchlich genutzter Gebäude scheint derzeit schwer im Trend zu liegen. Man könnte denken, man hätte es mit einem Schildbürgerstreich zu tun; tatsächlich handelt es sich aber wohl eher um eines von vielen Symptomen des schleichenden Todes der Volkskirche - eines Prozesses, der von den Verantwortlichen mit einer eigentümlichen Mischung aus souveräner Ignoranz und irregeleitetem Aktionismus verwaltet wird. Für die Schaffung von Räumlichkeiten für Babystreichel- und Selbstfindungstöpferkurse stehen, wie es scheint, nahezu unbegrenzte Mittel aus dem großen Kirchensteuertopf zur Verfügung, während die Pfarreien um ihr Überleben kämpfen. Aber auch den Pfarrgemeinden selbst scheinen Räume für diverse Gruppenaktivitäten im Zweifel wichtiger zu sein als der Raum für den Gottesdienst. So verschwinden Tabernakel und Reliquienstein, Messbuch, Altartuch und Ewiges Licht gewissermaßen in der Abstellkammer, die nur noch bei Bedarf aufgesperrt wird.

Im Falle der Kirche St. Johannes der Täufer in der Dorstener Feldmark wäre es wohl eine schmerzhafte, immerhin aber eine konsequente und ehrliche Entscheidung gewesen, die Kirche gänzlich aufzugeben - und angesichts des Umstands, dass sie nur einen kurzen Spaziergang von der nächstgelegenen katholischen Pfarrkirche entfernt liegt (insgesamt führt die Website der Stadt Dorsten, einer Stadt mit rund 76.000 Einwohnern, nicht weniger als achtzehn katholische Kirchen auf!) und dass die Pfarrei St. Agatha, zu der St. Johannes gehört, in Zukunft wohl nur noch von zwei statt wie bisher von drei Priestern betreut wird, vermutlich auch eine vernünftige Entscheidung. Die Kirche zwar bestehen zu lassen, aber gewissermaßen nur als Hinterstübchen von Yoga-Halle und veganer Kochschule, ist hingegen ein ausgesprochen fatales Signal.