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Samstag, 4. September 2021

Land unter im Erzbistum Hamburg

In der jüngsten Folge meiner "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" (Nr. 13) hatte ich in der Rubrik "Linktipps" einen Blick auf die Situation im Erzbistum Hamburg geworfen, dessen Oberhirte Stefan Heße derzeit quasi "beurlaubt" ist: Nach der Veröffentlichung eines Gutachtens, das ihm wiederholte und schwerwiegende Versäumnisse in der Handhabung von Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln vorwirft, wo Heße von 2006-2012 Leiter der Personalabteilung, und anschließend Generalvikar war, hat er am 18. März 2021 ein Rücktrittsgesuch an Papst Franziskus gerichtet, die Entscheidung darüber steht jedoch noch aus. Da ich anhand von Kommentaren auf der Facebook-Seite des Erzbistums Hamburg den Eindruck gewonnen hatte, unter den dortigen Diözesanen gebe es durchaus einige, die auf Erzbischof Heßes Verbleib im Amt hoffen, hatte ich angedeutet, "meine Leser im hohen Norden" könnten mir bezüglich der Frage, wie die Amtsführung des dortigen Oberhirten zu bewerten sei, vielleicht ein wenig "auf die Sprünge helfen".

Ein Echo auf diese Aufforderung hat nicht lange auf sich warten lassen. Allerdings - so viel sei gleich vorausgeschickt - ist dieses Feedback kaum geeignet, Erzbischof Heße oder seinen Generalvikar Ansgar Thim in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. 

Innenraum der Kathedrale St. Ansgar ("Kleiner Michel") in Hamburg mit einer Madonna von F.B. Schiller. Foto von Thomas Wagner, nachbearbeitet (Bildquelle und Lizenz hier

Ein Leser aus dem Erzbistum Hamburg hat mir recht umfangreiche Anmerkungen zur dortigen Situation zukommen lassen, gibt allerdings zu bedenken, das, was er schreibe, sei "alles weitgehend [s]ein persönlicher Eindruck aus der Sicht eines einfachen Gemeindemitglieds". Nun ja, gewiss -- aber genau das ist die Perspektive, die mich interessiert; Analysen vermeintlicher oder tatsächlicher "Experten" und offizielle Stellungnahmen von Funktionären könnte man schließlich auch woanders lesen. 

Womit also fangen wir an? Mit dem Geld natürlich. Jedwedes Urteil darüber, wie gut oder wie schlecht die Archidioecesis Hamburgensis von ihrem derzeitigen Spitzenpersonal verwaltet wird, muss den Umstand berücksichtigen, dass das Erzbistum "große Finanzprobleme" hat -- was, wie nicht nur mein Leser meint, zu einem wesentlichen Teil daran liegt, dass "es sich in Hamburg derzeit noch rd. 28 hochdefizitäre 'katholische' Schulen leistet" . -- Zu den Anführungszeichen bei "katholische" später mehr; dankbar bin ich meinem Leser jedenfalls für die Aufklärung darüber, dass bzw. warum diese Schulen "in Hamburg aus historischen Gründen eine Art heiliger Kühe" darstellen: 

"Nach der Reformation war es im besonders rigid-protestantischen Stadtstaat Hamburg jahrhundertelang den Katholiken untersagt, eigene Kirchen zu unterhalten. Die konfessionelle Apartheit ging so weit, dass Katholiken wie Juden eigene Schulen zu unterhalten hatten, damit ihre Kinder nicht mit den protestantischen zusammen lernten und quasi letztere konfessionell infizierten. In diesen Schulen hielten dann bis ins 19. Jahrhundert die wenigen Katholiken ihre sonn- und werktäglichen Messen ab. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der napoleonischen Besatzung gab es in Hamburg nach rd. 300 Jahren wieder eine echte römisch-katholische Kirche. Soviel also zum in der Öffentlichkeit gerne gepflegten Bild und Narrativ vom angeblich so weltoffenen und toleranten Hamburg." 

Ein bemerkenswertes und, wie mir scheint, relativ wenig bekanntes Stück Kirchengeschichte! Damit nicht genug: 

"Erst in der politischen CDU-geführten Ära Ole von Beusts Anfang der 2000er Jahre gab es endlich einen Staatsvertrag der Freien und Hansestadt Hamburg mit der rk Kirche und u. a. in staatlichen Schulen die Einführung kath. Religionsunterrichts." 

Nun ist die Frage nach der Qualität konfessionellen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen natürlich ein Thema für sich, aber von der Papierform her könnte dieser Staatsvertrag durchaus als Argument dafür herhalten, dass Hamburg seither eigentlich gar nicht mehr unbedingt eigene katholische Schulen braucht. Demnach - so meint auch mein Leser - 

"sind die dortigen privat geführten katholischen Schulen an sich eine für das Erzbistum kostspielige Hamburgensie -- d. h. eine (liebenswerte aber teure) hamburgische Besonderheit, die man eigentlich als Auslaufmodell betrachten und bewerten sollte." 

Verkompliziert wird der Sachverhalt dadurch, dass die fraglichen Schulen einerseits "in der Bevölkerung einen guten fachlichen Ruf besitzen", andererseits "jedoch weitgehend ihr besonderes katholisches Profil verloren haben" -- daher weiter oben die Anführungszeichen bei "katholisch". Im Grunde ist das Dilemma mit "einerseits - andererseits" wohl nur unzureichend beschrieben: Zu einem gewissen Grad darf man wohl annehmen, dass die Schulen des Erzbistums sich in der breiteren Öffentlichkeit gerade darum eines so guten Rufs erfreuen, weil sie kein ausgeprägtes katholisches Profil mehr aufweisen. Ein Aspekt davon ist, dass auch die Schülerschaft nur noch zum Teil aus Katholiken besteht. 

Was also tun? Wie mein Leser referiert, hatte das Erzbistum 
"ein finanzielles Gutachten einer renommierten Unternehmensberatungsfirma [...] erstellen lassen, das [...] zu dem Schluss kam, dass man sich - sozialverträglich - von einem erheblichen Teil dieser Schulen trennen und diese als Auslaufmodell betreiben müsse. Als das allerdings in der Öffentlichkeit bekannt wurde, gab es medial einen großen Aufschrei und eine Pressekampagne vornehmlich gegen den Erzbischof und seinen Generalvikar. Hier wäre nun m. E. seitens dieser Verantwortlichen klares Feststehen in der Sache, unaufgeregte Argumentation und ruhige abgewogene Erläuterung des Für und Wider der notwendigen Maßnahmen geboten gewesen -- stattdessen eierten sie, soweit ich es aus der Presse wahrnehmen konnte, mit Ausflüchten herum, relativierten die an sich klaren Untersuchungsergebnisse, vertagten und drückten sich zeitweise um notwendige Entscheidungen und waren vornehmlich bestrebt, persönlich ein möglichst gutes Bild in der Öffentlichkeit abzugeben. Genutzt hat es nichts." 

Das faktische Ergebnis des ganzen Dramas sieht (vorläufig) aus wie folgt: 

"Statt der ursprünglich zweistelligen Anzahl katholischer Schulen werden nun nur noch sechs als Auslaufmodell bis zur endgültigen Schließung betrieben -- eine halbherzige Entscheidung, die wenig nützt und eher geeignet ist, weiteres Vertrauen zwischen Gläubigen und Führung im Erzbistum Hamburg zu zerstören." 

Auch ein weiterer Leser meines Blogs kommentiert, die "Debatte um die Hamburger Schulschließungen" müsse man "leider als ein PR-Desaster für das Bistum Hamburg bezeichnen": 

"Das Hauptproblem aus meiner Sicht ist, dass nicht erkennbar ist, wo die rk. Kirche hin bzw. in 30 Jahren stehen will. So wird mal hier, mal da gekürzt und Schmerz verursacht, ohne dass man sich wirklich gesundschrumpft im Sinne einer nachhaltigen Idee." 

Diesen letztgenannten Aspekt, das Fehlen einer überzeugenden und auch überzeugend kommunizierten Vision, halte ich tatsächlich für einen ganz zentralen Mangel -- nicht nur was die Schulen betrifft, aber bleiben wir ruhig noch einen Moment bei diesen. Schon als ich erstmals von der prekären Finanzsituation der katholischen Schulen Hamburgs erfuhr - das dürfte so 2018 gewesen sein -, ging mir die in Rod Drehers "Benedikt-Option" geschilderte "Rettung" der St. Jerome Academy - einer katholischen Schule in Hyattsville/Maryland, einem Vorort von Washington, D.C. - nicht aus dem Kopf, und ich dachte: Stellen wir uns doch mal ganz dumm und sagen, einerseits unterhält das Erzbistum Hamburg mehr Schulen, als es sich leisten kann, andererseits haben diese Schulen kaum noch ein erkennbar katholisches Profil, was die Frage nach ihrer Existenzberechtigung als katholische Schulen nach sich zieht; wie wär's denn, wenn das Erzbistum sich von einem Teil seiner Schulen trennte, im Gegenzug aber mindestens eine der verbleibenden Schulen zu einem Modellprojekt machte -- mit einem klaren katholischen Profil, kombiniert mit einem alternativen Unterrichtskonzept? Vermutlich würde sich dafür nur eine eher überschaubare Zahl von Eltern interessieren, aber dafür wäre es ja eben auch nur eine Schule und nicht achtundzwanzig. Zudem wären die Eltern, die für ein solches Schulprojekt zugänglich wären, mit hoher Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich engagiert, würden sich zu ehrenamtlicher Mitarbeit heranziehen lassen und womöglich sogar Geld mitbringen. Natürlich würde ein solches Projekt total gegen den Trend gehen, aber das ist ja gerade das Gute daran: Wenn der Trend darin besteht, dass alles den Bach runter geht, dann könnte etwas, das gegen den Trend geht, tatsächlich funktionieren

Das Problem ist, dass ein solches Konzept nicht gewollt wird. Schon gar nicht der Teil mit dem klaren katholischen Profil. Man braucht sich nur mal die in den letzten 15-20 Jahren entstandenen, die Weisheit von Religionssoziologen wie Detlef Pollack reflektierenden Strategiepapiere zur Kirchenentwicklung anzusehen, da steht's mehr oder weniger wortwörtlich drin: Profil zu zeigen ist ganz schlecht, denn das verprellt die Lauen, und die braucht die Kirche doch, um als zivilgesellschaftliche Institution, als Akteurin im vorpolitischen Raum relevant zu bleiben. 

In letzter Konsequenz geht es hier also um nichts Geringeres als um die Frage nach dem Auftrag der Kirche in der Gesellschaft. Und das betrifft, wie wir gleich sehen werden, noch weit mehr als nur die Schulen. 

U.a. infolge der Pensionsansprüche der Lehrkräfte hat die Finanzmisere der katholischen Schulen ein so großes Loch in die Finanzen des Erzbistums gerissen, dass die Schließung der Schulen allein nicht ausreicht, um es wieder zu stopfen. Also muss noch mehr vom Familiensilber verscherbelt werden. "Vermögens- und Immobilienreform" (VIR) heißt das große Zauberwort, und mein Gewährsmann aus dem Erzbistum Hamburg berichtet in diesem Zusammenhang von einer "im Foyer der Kirche ausgelegten Broschüre", die "uns schmackhaft zu machen versucht, dass u. a. quasi alle kirchlichen Immobilien in Bezug auf Wirtschaftlichkeit auf den Prüfstand gestellt werden".  So so, hm hm. Worin aber besteht, beispielsweise, die Wirtschaftlichkeit eines Kirchengebäudes? 

Äh... genau

"Unser Erzbischof hat in der jüngeren Vergangenheit bereits einige Male Versuchsballons losgelassen dergestalt, dass er sich künftig u. a. vorstellen könne, ggf. Gottesdienste in Mehrzweckräumen statt in 'nur' und nahezu ausschließlich zu diesem Zweck vorgesehenen Kirchen stattfinden zu lassen." 

Tatsächlich erinnere ich mich, dazu schon einmal etwas geschrieben zu haben, wenn auch eher als Randbemerkung in einem Artikel, der sich nicht um das Erzbistum Hamburg drehte, sondern um meine zum Bistum Münster gehörende Heimatpfarrei St. Willehad und ihren "brillanten" Entschluss, die Filialkirche St. Josef in Stadland-Rodenkirchen zu profanieren und die zuletzt nur noch wenigen Gottesdienste, die dort stattgefunden hatten, künftig in ein Altenheim zu verlegen. Auch da hatte man die Stirn gehabt, dies der Öffentlichkeit als eine positive Entwicklung verkaufen zu wollen, und Ähnliches blüht im Zuge der  "Vermögens- und Immobilienreform" (VIR) im Erzbistum Hamburg nun wohl einer ganzen Reihe von Gottesdienstorten. Mein Gewährsmann verweist in diesem Zusammenhang auch auf einen Artikel von Hinrich E. Bues in der Tagespost vom 08.08., der mit Blick auf die schon angesprochene VIR-Broschüre und Beobachtungen in verschiedenen Pfarreien des Erzbistums Hamburg die Frage aufwirft, ob "der Abriss katholischer Kirchen und die Fusion mit den 'evangelischen Nachbarn und Nachbarinnen'" etwa "zum Modell werden" solle. Man kann diesen Eindruck haben, wenn man sich die in der besagten Broschüre als Positivbeispiele angeführten Fälle anschaut; so etwa  "die Schließung der Stella-Maris-Kirche in Alt-Heikendorf", wo die Katholiken "nun in Zukunft in der evangelischen Kirche ihre Gottesdienste feiern" sollen und dürfen, "Weihnachten und Ostern allerdings ausgenommen". Als vorbildlich wird in der Broschüre auch die evangelisch-lutherische Kirche im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd dargestellt: 

"Dort wurden zunächst drei Gemeinden fusioniert, dann Kirchen verkauft, um gemeinsam mit der 'Arbeiterwohlfahrt' (AWO) und anderen staatlichen Einrichtungen ein 'Zentrum für Kirche, Kultur und Soziales' neu zu erbauen. Die evangelische Kirche kann in diesem Zentrum Räume nutzen und spart so Finanzen. Der evangelische Pastor Einfeldt behauptet, dass dieses Zentrum auch für seine Gemeinde 'ein Gewinn' sei." 

Traumhaft, nicht? Mein Leser fühlt sich an die Zeit "um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts bis kurz nach dem 2. Weltkrieg" erinnert, "mit mehrzweckgenutzten Saal- bzw. Kneipengottesdiensten". Will man es nun  ernsthaft als Fortschritt verkaufen, zu solchen Verhältnissen zurückzukehren? Mein Leser meint, das wäre "eine Schande" -- "jedoch leider im Bereich des Möglichen", "insbesondere bei gering frequentierten Gottesdiensten". 

Bei der Lektüre von Hinrich E. Bues' Bericht in der Tagespost drängt sich indes der Eindruck auf, dass es bei den "Reform"-Plänen des Erzbistums in letzter Konsequenz um noch mehr und Anderes geht als darum, unrentable Immobilien loszuwerden. So stellt Bues fest, dass "in zahlreichen Kirchen werktags gar keine Gottesdienste mehr" gefeiert werden -- was sich nicht allein durch Priestermangel erklären oder entschuldigen lasse: So gebe es im gesamten Pastoralen Raum Nordfriesland - der drei Pfarreien mit insgesamt zehn Kircgenstandorten umfasst - "von Montag bis Freitag [...] nur fünf heilige Messen", obwohl dort vier Priester tätig sind: 

"Würde jeder der vier Priester nur der üblichen Pflicht des täglich zu feiernden Messopfers nachgehen, müssten eigentlich zwanzig heilige Messen in der Gottesdienstordnung stehen. Sie würden sicher von katholischen Gläubigen, die als Touristen auf den Inseln Sylt, Amrum und Föhr sowie auf der Halbinsel Eiderstedt weilen, gut frequentiert werden." 

Dass es sehr wohl auch anders geht, beweist "die katholische St. Sophiengemeinde in Barmbek-Süd [...], die von Mönchen und Priestern des Dominikanerordens betreut wird" und "ein reiches Angebot an heiligen Messen"  vorweisen kann: 

"In den zwei werktäglichen Messen finden sich zusammen 50 bis 60 Besucher ein. Die fünf Messen am Wochenende werden von mehreren Hundert Besuchern frequentiert". 

Aber genau das sieht das Erzbischöfliche Ordinariat offenkundig nicht als Positivbeispiel an -- im Gegenteil: Die Dominikaner wurden sogar dafür kritisiert, dass sie ihre Gemeinde "mit Messen überschwemmen". Da möchte ich mal den Apostel Paulus zitieren: "Was sollen wir nun hierzu sagen?" (Röm 6,1). Kann es sein - so fragt auch Bues - dass "Priester wie Gläubige gleichermaßen die Lust verloren" haben, "das Herzstück des katholischen Glaubens, die heilige Eucharistie zu feiern?" Man mag das bizarr finden, aber in letzter Konsequenz ist es, wie weiter oben schon angedeutet, schlichtweg eine Frage des Kirchenverständnisses. Wenn man daran glaubt, dass - wie der Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1324, unter Berufung auf das Konzilsdokument Lumen Gentium lehrt - die Eucharistie "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" ist, dann ist es selbstverständlich ein Unding, wenn die Leitung einer katholischen Diözese zu dem Schluss kommt, sie habe nicht nur zu viele Kirchen, sondern in diesen würden auch zu viele Messen gefeiert. Aber andererseits konsultieren die Ordinariate eben auch Unternehmensberater, die ihnen erklären, es sei unwirtschaftlich, so viele Ressourcen auf ein Produkt zu verwenden, das eine so geringe Nachfrage findet. Wenn über 90% der Kirchenmitglieder sich für das Angebot "Gottesdienst" nicht (oder höchstens zu besonderen Anlässen) interessieren, dann, so lautet die unternehmerische Logik, sollte die Kirche das Gottesfienstangebot reduzieren und stattdessen lieber was anderes machen. Und was sollte dieses Andere sein? Keine Ahnung, irgendwas halt. Wie ich vor längerer Zeit schon mal schrieb: Wenn die Nachfrage nach Brot sinkt, muss die Bäckerei eben Nudeln verkaufen. 

Wer schon mehr als einen Artikel von mir gelesen hat, wird sicher nicht im Zweifel darüber sein, was ich von der Anwendung einer solchen unternehmerischen Logik auf Belange der Kirche halte. Um es trotzdem noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich bin nicht nur der Auffassung, dass der Ansatz, Wirtschaftlichkeit zum Maßstab für kirchliches Handeln zu erheben, in offenem Widerspruch zum göttlichen Sendungsauftrag der Kirche steht; selbst unter dem Blickwinkel weltlicher Maßstäbe von "Erfolg" glaube ich noch nicht einmal, dass es funktioniert. Die Zusammenlegung von Pfarreien, nicht nur im Erzbistum Hamburg häufig gefolgt von Verkauf oder Abriss von Gebäuden, soll angeblich dazu dienen, die Kirche "zukunftsfähig" zu machen -- aber was für eine Zukunft soll das sein? Eine Zukunft ohne Gläubige?

Darüber, was die Zerstörung gewachsener Gemeindestrukturen unter dem Kirchenvolk anrichtet, sollte man sich keine Illusionen machen. Mein Leser aus dem Erzbistum Hamburg berichtet von einer ehemals "sehr engagierten und aktiven Gemeinde", deren Kirche im Zuge einer Pfarreienfusion "profaniert und platt gemacht" wurde; die Gemeinde 

"hat man erst mal ruhig gestellt, indem man anfangs Sonntagsmessen in der evangelischen Kirche des Ortes anbot. Inzwischen ist das eingestellt -- die Gemeinde hat sich zerstreut." 

Im biblischen Griechisch heißt "Zerstreuung" übrigens "Diaspora".  Aufgabe der Kirche in der Diaspora sollte es eigentlich sein, zu sammeln, was zerstreut war (vgl. Ez 11,17). In der norddeutschen Diaspora tut die Kirche derzeit explizit das Gegenteil. Nicht nur Hinrich E. Bues denkt in diesem Zusammenhang an das Jesuswort aus Lk 11, 23: 

"Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut."



Samstag, 31. Juli 2021

The Power of Love: Ein halbes Jahr "Lebendige Steine"!

Gaudium magnum, Freunde: Die August-Ausgabe der "Lebendigen Steine" ist da! Und sie trägt den Titel "The Power of Love". Warum das? Nun ja: Das liturgisch markanteste Datum im August dürfte ja das Hochfest Mariä Himmelfahrt am 15. sein, daher hatte ich schon früh die Idee, für das Titelbild Tizians berühmtes Gemälde von der Aufnahme Mariens in den Himmel zu verwenden. Ebendieses Gemälde schmückt aber auch das Single-Cover von "The Power of Love" von Frankie Goes To Hollywood (1984) -- und fertig war die Assoziationskette. 

Bei der inhaltlichen Ausgestaltung dieses Titelthemas habe ich mich in mehrfacher Hinsicht an der Novene orientiert, die ich im vorigen Jahr anlässlich der Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens zusammengestellt habe. Diese Novene erstreckte sich über den Zeitraum vom Fest der Verklärung des Herrn (6. August) bis zum Vorabend von Mariä Himmelfahrt, und diese beiden Daten werden auch im Heft gebührend gewürdigt. In den Zeitraum der neun Tage vor Mariä Himmelfahrt fallen aber auch die Gedenktage zweier herausragender Märtyrer der Zeit des Nationalsozialismus, nämlich der Karmelitin Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein, 9. August) und des Franziskanerpaters Maximilian Kolbe (14. August), die beide im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht wurden. Diesen Umstand habe ich zum Anlass für einen Themenschwerpunkt „Kirche im Widerstand“ genommen: Schließlich kann auch die gewaltfreie Opposition gegen ungerechte Herrschaft ein Zeugnis für die Liebe sein, die uns als Christen aufgetragen ist. 

Zum Download der August-Nummer geht's hier

Mit der neuen Ausgabe wird die Zeitschrift "Lebendige Steine" übrigens ein halbes Jahr alt, und ich hatte mir mal vorgestellt, dass das ein Zeitraum wäre, innerhalb dessen das kirchliche Establishment vor Ort (womit ich nicht nur und nicht einmal in erster Linie das "Pastoralteam" meine, sondern ebenso die Leute in den Gremien, den Kreisen und Gruppen oder überhaupt alle die, die für sich beanspruchen, den harten Kern der Gemeinde zu verkörpern) sich so langsam mal an die Existenz der Zeitschrift gewöhnt bzw. mit ihr abgefunden haben könnte. Scheint aber nicht der Fall zu sein: Es gibt nach wie vor Unmut und Irritationen über die bloße Existenz des Hefts, unabhängig von konkreten Inhalten. Ich gehe davon aus, dass das, was an verstimmten Reaktionen bei mir ankommt, nur die Spitze des Eisbergs ist; was ich aber konkret mitbekommen habe, ist, dass die Titelunterzeile "Unabhängige Nachrichten für den Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd" Anstoß erregt hat, also habe ich mir gedacht, setze ich ein Zeichen guten Willens und ändere das. Nämlich in "Zeitschrift für Neuevangelisierung und Gemeindeerneuerung". Ha! Nehmt das! 

Im Heft heißt es dazu, die Redaktion habe sich auch deshalb zu dieser Änderung entschlossen, weil "die neue Unterzeile unsere Mission, unsere Absichten und Ziele treffender beschreibt": 
"An der inhaltlichen Ausrichtung des Hefts ändert sich jedoch nichts. Wir sind nach wie vor unabhängig, und wir wollen und werden auch weiterhin Nachrichten aus den Gemeinden und für die Gemeinden in unserer Ecke Berlins bringen. Wir freuen uns über jede Art von Rückmeldung und besonders über Interesse an einer Mitarbeit an unserer Zeitschrift – ob regelmäßig, gelegentlich oder auch nur einmalig." (S. 05)
Die September-Ausgabe, so viel kann ich schon verraten, wird schwerpunktmäßig dem Thema Lebensschutz gewidmet sein, schließlich ist am 18. September "Marsch für das Leben"

Übrigens wären wir nach wie vor (bzw. eigentlich sogar mehr denn je) dankbar für Unterstützung bei der Deckung der Druckkosten. Wer einen Beitrag dazu leisten möchte, darf sich gern melden! 



Dienstag, 20. Juli 2021

Eine Vorschule des Priestertums

Gestern Abend habe ich mich dazu verleiten lassen, mich in eine Diskussion auf der Facebook-Seite von häretisch.de einzuschalten. Sollte man eigentlich nicht machen, tja, das hab ich jetzt davon. Aufhänger für die Diskussion war ein Artikel darüber, dass die CSU-Politikerin Dorothee Bär, Digitalstaatsministerin im Bundeskanzleramt, früher mal Messdienerin werden wollte und nicht durfte und dass sie deshalb (?) der Meinung ist, "Bewegungen wie 'Maria 2.0'" sollten "nicht abgetan" werden, schließlich müsse die Kirche zusehen, dass sie nicht "den Anschluss an die Menschen des 21. Jahrhunderts verliere". Das Übliche also. In den Kommentaren äußerte eine Friseurmeisterin aus Brandenburg an der Havel, in ihrer Gemeinde seien Ministrantinnen "ungefähr ab 1990 erlaubt", und inzwischen stünden "[o]ft [...] ausschließlich Mädchen am Altar!!!". -- Die drei Ausrufezeichen hätte man nun natürlich so und so verstehen können, aber da darauf noch drei Applaus-Emojis folgten, musste man wohl davon ausgehen, dass die Dame den geschilderten Sachverhalt für etwas Gutes hält. Da konnte ich mich dann doch nicht zurückhalten, zu erwidern: 
"Und genau das ist das Problem." 
Die Reaktionen, die ich mit diesem Kommentar erntete, bestanden aus einer bunten Mischung von Lach- und Wut-Smileys und der indignierten Rückfrage, was daran denn wohl ein Problem sein solle. Ich erklärte daraufhin, ich hielte das für offensichtlich: 
"Wenn die Mädchen die Jungen aus dem Ministrantendienst verdrängen, braucht man sich über ausbleibenden Priesternachwuchs nicht zu wundern."
Weitere Lach- und Wut-Smileys waren die Folge, dazu ein paar Antwortkommentare, deren Verfasser mehr oder weniger subtil andeuteten, dass sie meine These (und somit mich) für dumm hielten. (Dunning-Kruger-Effekt, sag ich da mal nur.) Heute morgen erhielt ich dann erstmals einen sachbezogenen Antwortkommentar. Von einem Priester. Einem, der auf Facebook als "Top-Fan" von häretisch.de geführt wird, aber immerhin ein echter Priester, der auf seinem Profilbild sogar Kollar trägt. Und was schreibt der so? 
"[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig. Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein. Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht. Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Nun ja, sagen wir so: Immerhin eine sachbezogene Antwort. Immerhin ein Versuch, mit Argumenten auf Argumente zu antworten. Das ist, wie man am Gesamtverlauf der Diskussion ablesen kann, in diesem Forum schon selten und daher beachtlich genug -- und verdient daher auch eine entsprechende Antwort. 

Symbolbild: Messdiener in der Kirche St. Robert Bellarmin, Jones, Oklahoma, 2020 (Bildquelle und Lizenz hier).

Also, der Reihe nach: 

  • "[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig." 
Sicherlich sind sie das, und das ist auch gut so. Dennoch dürfte es auf der Hand liegen, dass manche Berufungswege, sagen wir mal, "typischer" sind als andere. Und wenn man solche typischen Berufungswege verbaut (oder jedenfalls erschwert), sollte man sich nicht darüber wundern, wenn es im Ergebnis weniger Berufungen gibt
  • "Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein."
Das nennt man anekdotische Evidenz. Um mal von meiner eigenen Fachrichtung zu sprechen: Es gibt auch Menschen, die als Kind nicht gern gelesen haben und später trotzdem Literaturwissenschaftler geworden sind. Solche Fälle sind exakt deshalb erwähnenswert, weil sie die Ausnahme sind. Das heißt, sie verweisen dialektisch darauf, dass es normalerweise anders ist. Es gibt sogar ein altes deutsches Sprichwort, das diesen Sachverhalt beschreibt; es lautet: "Ausnahmen bestätigen die Regel"
  • "Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht." 
Das bin ich auch. In meiner Pfarrgemeinde (die natürlich nur insofern "meine" ist, als ich auf ihrem Gebiet wohne und in ihr ehrenamtlich tätig bin, auch wenn ich den Begriff "Ehrenamt" eigentlich verabscheue) herrscht chronischer Ministrantenmangel, in den Gremien der Gemeinde wird regelmäßig über Gründe und mögliche Abhilfen für dieses Problem diskutiert, aber dass es zu viele Mädchen gäbe, die ministrieren wollen, gehört eindeutig nicht zu den Gründen. Kirchenrechtlich spricht nichts dagegen, dass Mädchen ministrieren, sofern der zuständige Bischof es erlaubt (dazu weiter unten noch eine Anmerkung); persönlich habe ich überhaupt kein Problem damit, dass es Ministrantinnen gibt, und hätte z.B. auch nichts dagegen, wenn meine Tochter, sobald sie alt genug dafür ist, Ministrantin werden wollte. Problematisch wird es aus meiner Sicht erst, wenn - siehe oben - "oft ausschließlich Mädchen am Altar stehen". 
  • "Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester" -- 
Doch. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man das ernsthaft leugnen kann. Zumindest sollte sie das sein, und wenn sie es faktisch nicht ist, sollte man sich vielleicht mal überlegen, was mit der Messdienerausbildung falsch läuft. 
  • "und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Eine bemerkenswert sozialdarwinistische Argumentation, zu sagen, wenn jemand sich aus einer Position verdrängen lasse, sei er für diese Position wohl schlichtweg nicht geeignet gewesen. -- Dass jemand, der sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlt, "nicht unbedingt perfekt geeignet" für die Anforderungen des Priesterberufs ist, ist zweifellos richtig, ist im vorliegenden Kontext aber ein reines Strohmannargument. Immerhin kommen wir hier aber so langsam mal zum Kern der ganzen Debatte: Wieso meine ich, dass Jungen durch Mädchen aus dem Ministrantendienst "verdrängt" werden? 

Nun, zunächst einmal ist es einfach eine empirische Tatsache, die auch dadurch nicht weggeht, dass sie einem nicht gefällt bzw. nicht ins ideologische Konzept passt. In dem Kommentar, auf den ich ursprünglich geantwortet habe, liegt dieser Sachverhalt ganz offen zutage: In den 90ern wurden erstmals Mädchen zum Ministrantendienst zugelassen, heute sind die Mädchen dort deutlich in der Überzahl. Das betrifft nicht nur diese eine Gemeinde, das ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich auch statistisch nachweisen lässt. Und wenn man nur ein bisschen was von Pädagogik und/oder Kinder- und Jugendpsychologie versteht, ist das auch nicht besonders verwunderlich. 

Beachten wir die Altersgruppe, um die es hier geht: Ich wage mal zu behaupten, im Kern haben wir es hier mit Kindern und Jugendlichen zwischen Erstkommunion und Schulabschluss zu tun. Es geht also mit ungefähr zehn Jahren los und geht dann weiter bis ins Teenageralter. Mit anderen Worten, die Entscheidung, Messdiener zu werden oder nicht, findet in den allermeisten Fällen in einem Alter statt, in dem es vollkommen normal ist, seine sozialen Kontakte überwiegend unter Angehörigen des eigenen Geschlechts zu suchen und zu finden. Wo überwiegend Mädchen sind, da gehen auch überwiegend Mädchen hin -- und umgekehrt. 

Hinzu kommt, dass gerade in diesem Alter Mädchen typischerweise ordentlicher, disziplinierter, zuverlässiger und autoritätsbezogener sind als Jungen; und es liegt auf der Hand, dass das alles Eigenschaften sind, die ihnen beim Ministrantendienst zugute kommen. (Aber nicht nur da: In der Pädagogik und der Lehrerausbildung ist die Benachteiligung von Jungen in geschlechtsgemischten Gruppen seit mindestens 50 Jahren ein großes Thema, die Fachliteratur ist voll davon. Könnte man ruhig mal zur Kenntnis nehmen.) 

Die natürliche Folge daraus ist: Wenn man weiterhin auch Jungen im Ministrantendienst haben will, dann muss man sie besonders fördern. Aber vielleicht will man das ja gar nicht. Das würde Einiges erklären. Übrigens nicht nur den Priestermangel: Auch unter den sogenannten "Ehrenamtlichen" oder überhaupt unter den aktiven Gemeindemitgliedern grassiert in der Kirche ein Männermangel. Aber das wäre mal ein Thema für sich. 

Den Zusammenhang zwischen Ministrantendienst und Priesterberufung habe ich mir übrigens nicht ausgedacht, falls das jemand denkt. Schon in der Enzyklika "Mediator Dei" von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 wird die Förderung von Priesterberufungen als ein gewichtiges Argument dafür angeführt, "Knaben aus allen Gesellschaftsklassen [...] unter der wachsamen Aufsicht der Priester" zum Ministrantendienst auszubilden; im Zusammenhang mit der Zulassung von Mädchen zum Ministrantendienst betonte die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 15.03.1994, "dass es immer sehr angemessen sein wird, der edlen Tradition zu folgen, Jungen am Altar dienen zu lassen", da es "wohlbekannt" sei, "dass dies erfreulich zur Entwicklung priesterlicher Berufungen beiträgt"; und die Kongregation für das katholische Bildungswesen hielt noch 2012 in ihren "Pastoralen Leitlinien zur Förderung der Berufungen zum Priesteramt" fest, der Ministrantendienst könne "als ein echter Weg der Öffnung zum Priesterberuf angesehen werden". 

Abschließend, wie angekündigt, noch ein Wort dazu, dass es der Entscheidung des jeweiligen Bischofs obliegt, ob Mädchen ministrieren dürfen oder nicht. Schon bevor ich in der besagten Diskussion bei häretisch.de das Fass mit der "Verdrängung" der Jungen aus dem Ministrantendienst aufmachte, war mir ein Kommentar einer Mitarbeiterin des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" aufgefallen, die ich zwar ausschließlich via Facebook kenne, dort aber schon ein paarmal mit ihr aneinandergeraten bin. Sie schrieb, unter Kardinal Meisner - in seiner Berliner Zeit - hätten Mädchen auch nicht ministrieren dürfen, und seine einzige Begründung dafür sei gewesen "Weil ich das nicht wünsche". Dazu merkte ich an, das sei doch eine vollkommen ausreichende Begründung. Als Reaktion erntete ich diesmal ausschließlich Lach-Smileys. Ich meine das aber ernst. Es steht einem Bischof zu, diese Frage nach eigenem Gutdünken zu entscheiden; und wer das nicht akzeptieren kann oder will, dem fehlt es vielleicht einfach an Demut. Was, etymologisch betrachtet, übrigens nichts anderes bedeutet als "Bereitschaft zum Dienen"

Aber diese Tugend scheint ja innerhalb der "häretisch.de"-Zielgruppe insgesamt nicht so en vogue zu sein. 

Dienstag, 29. Juni 2021

Die Sommerausgabe ist da!

Ich darf mir wohl mal selbst auf die Schulter klopfen: Bereits den fünften Monat in Folge ist es mir in meiner Eigenschaft als Chefredakteur gelungen, termingerecht eine neue Ausgabe der "Lebendigen Steine" zu veröffentlichen! Auch wenn es diesmal, u.a. urlaubsbedingt, ein bisschen knapp war. Herzlichen Dank daher an alle, die zum Gelingen (und zur rechtzeitigen Fertigstellung) der neuen Ausgabe beigetragen haben! 



Zu den thematischen Schwerpunkten der Juli-Nummer zitiere ich der Einfachheit halber mal das Editorial: 

Der Sommer ist für viele von uns eine Zeit des Urlaubs und damit des Reisens. Da trifft es sich gut, dass zwei markante Daten des Festkalenders im Monat Juli wesentlich mit dem Thema des „Unterwegsseins“ zu tun haben: An Mariä Heimsuchung (02. Juli) erinnern wir uns daran, wie Maria sich ins Bergland von Judäa aufmachte, um ihre Verwandte Elisabet zu besuchen, als beide Frauen schwanger waren; und am 25. Juli feiern wir das Fest des Apostels Jakobus, dessen Grab in Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens das Ziel des wohl berühmtesten Pilgerwegs Europas, des Jakobswegs, ist.
Andererseits feiern wir im Juli aber auch das Fest des Hl. Benedikt, in dessen Ordens- und Lebensregel gerade die stabilitas loci, das „An-einem-Ort-Bleiben“, eine wichtige Rolle spielt.
All diese Themen versuchen wir in der vorliegenden Ausgabe der „Lebendigen Steine“ miteinander in Beziehung zu setzen. Darüber hinaus freuen wir uns, dass wir für die Rubrik „Debatte“ zwei Gastbeiträge aus dem Kreis unserer Leser gewinnen konnten. Davon wünschen wir uns für die Zukunft noch mehr!

Zum Download der neuen Ausgabe geht's hier

Kurz vor Ende Juni ist übrigens auch die zweite Nummer der schon einmal erwähnten "Texte für den Augenblick" - also des Hefts mit den geistlichen Impulsen unserer pastoralen Mitarbeiter - erschienen. Es mag an meinem typischen Hang zur Selbstüberschätzung (oder sagen wir: zur Überschätzung meiner "Relevanz") liegen, aber jedenfalls neige ich dazu, in den "Texten für den Augenblick" eine Reaktion auf die "Lebendigen Steine" zu sehen. Aber auch wenn das von den Initiatoren gar nicht so beabsichtigt gewesen sein sollte, bietet sich ein vergleichender Blick auf diese Publikationen wohl an. 

Dazu will ich zunächst mal sagen: Dass unsere pastoralen Mitarbeiter geistliche Impulse verfassen und nicht nur als telefonisch abrufbares Audio, sondern auch in Schriftform veröffentlichen, finde ich grundsätzlich absolut begrüßenswert, und auch an den Texten selbst, soweit ich sie bisher gelesen habe, habe ich wenig auszusetzen -- jedenfalls kaum etwas, was man nicht unter "Geschmackssache" verbuchen könnte. Gleichzeitig ist aber kaum zu leugnen, dass das Blättchen unserer pastoralen Mitarbeiter vor allem in gestalterischer, aber auch in redaktionell-konzeptioneller Hinsicht noch Einiges an Luft nach oben hat. 

Nun könnte man sagen, das könnte mir doch eigentlich nur recht sein, denn im direkten Vergleich mit den "Lebendigen Steinen" müssten die Qualitätsunterschiede jedem unvoreingenommenen Betrachter unmittelbar ins Auge fallen. Allerdings ist so ein "direkter Vergleich" gar nicht so leicht herzustellen, da die "Texte für den Augenblick", soweit ich bisher gesehen habe, nur in den Kirchen unseres Pastoralen Raums ausliegen, wohingegen die "Lebendigen Steine", als "Underground"-Publikation, in den offiziellen Schriftenauslagen unserer Kirchen eher nicht zu finden sind (sondern eher bei Edeka, REWE sowie in öffentlichen Bücherschränken, von denen es passenderweise auf dem Territorium jeder der vier Pfarreien unseres Pastoralen Raums genau einen gibt). 

Aber wie dem auch sei. Der Hauptverantwortliche für die Druckversion der "Texte für den Augenblick" ist allem Anschein nach einer unserer Ständigen Diakone; wenn ich den bei Gelegenheit mal zu fassen kriege, sollte ich vielleicht mal mit ihm darüber verhandeln, ob man die "Texte für den Augenblick" nicht in die "Lebendigen Steine" integrieren könnte. Da würde ich dann zwar pro Monat eher einen oder zwei geistliche Impulse unserer pastoralen Mitarbeiter veröffentlichen statt fünf oder sechs, dafür aber mit besserem Layout und besserem Lektorat; im Gegenzug könnte man sich die Druckkosten teilen und ggf. die Auflage erhöhen, und die "Lebendigen Steine" bekämen Zugang zu den Schriftenauslagen. Win-win, oder? 

Noch wichtiger ist aber vielleicht die Frage: Wann bringst DU, Leser, Deinen EIGENEN "Independent-Gemeindebrief" heraus? Punkpastoral lebt vom Selbermachen, und Ideen verbreiten sich durch Nachahmung. Und im Grunde braucht man gar nicht besonders viel, um so ein Heft herauszubringen; man muss sich nur trauen. Und es müssen ja nicht unbedingt gleich 24 oder 28 oder 32 Seiten pro Monat sein. Also, Leute: Zeigt mir, was Ihr drauf habt! Gründen wir zehn, zwanzig, hundert "Independent-Gemeindebriefe" in ganz Deutschland (oder auch darüber hinaus)! 

Das wär doch mal was, oder? 


Sonntag, 20. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 3 von 3)

Herzlich willkommen zum Finale meiner kleinen Artikelserie über die kirchenbezogenen Aspekte meines jüngsten Familienurlaubs in Butjadingen! In Teil 2 war ich mit meiner Schilderung bis zum Donnerstag der 10. Woche im Jahreskreis gekommen; tags darauf war das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, und damit möchte ich meine Schilderung nun wieder aufnehmen. Teilweise bedingt durch unsere Aktivitäten in der Kirchengemeinde Herz Jesu in Berlin-Tegel hat die Herz-Jesu-Verehrung im Laufe der letzten Jahre einen besonderen Stellenwert im Glaubensleben meiner Familie gewonnen; es traf sich somit günstig, dass es - wie schon erwähnt - in der Nordenhamer St.-Willehad-Kirche am frühen Freitagabend eine Messe anlässlich des Herz-Jesu-Fests gab. Um daran teilzunehmen, fuhren wir mit dem Bus nach Nordenham. 

Dies ist leider nicht der Schaukasten der katholischen Kirche St. Willehad -- sondern derjenige der baptistischen Zoar-Kapelle, an der wir auf dem Weg nach St. Willehad vorbeikamen.

Ich hatte spekuliert, der Umstand, dass das Herz-Jesu-Fest in Nordenham besonders gefeiert wird, habe womöglich auch damit zu tun, dass es das Titularfest der inzwischen profanierten Kirche im Ortsteil Einswarden gewesen war; nicht im Blick gehabt hatte ich dabei, dass in St. Willehad auch allmonatlich eine Messe zum Herz-Jesu-Freitag (dem ersten Freitag des jeweiligen Monats) gefeiert wird. Insgesamt geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass die Herz-Jesu-Verehrung ein Refugium des eher "konservativ"-frommen bzw. traditionsorientierten Teils der Gemeinde darstellt; davon, wie dieser Gemeindeteil personell aufgestellt ist, vermittelte die Messe zum Herz-Jesu-Fest allerdings kein sehr ermutigendes Bild: Außer den Mitwirkenden (Pfarrer, Küsterin und eine Musikerin, die originellerweise nicht Orgel, sondern Geige spielte) und uns nahmen ungefähr fünf überwiegend sehr betagte Personen an der Messfeier teil.

Überrascht war ich, als vor Beginn der Messe die Küsterin auf mich zukam und mich fragte, ob ich den Vortrag der 1. Lesung (Hosea 11,1-9) und der Fürbitten übernehmen möge. Machte ich natürlich gern. Ob die Küsterin mich erkannt hatte oder bloß dachte "Junge Familie, die an einem Werktag in die Messe kommt, das werden schon Leute sein, denen man so eine Aufgabe anvertrauen kann", sei mal dahingestellt. 

Zum ersten Mal stutzen musste ich, als der Pfarrer nach dem Kyrie direkt zum Tagesgebet überging. Nanu, dachte ich: kein Gloria? Dabei ist doch Hochfest! Ich ahnte schon fast, dass es folgerichtig auch kein Credo geben würde, trotzdem wartete ich nach der (im Guten wie im Bösen nicht besonders bemerkenswerten) Predigt erst einmal ab, ehe ich zu den Fürbitten ans Ambo trat. Genauer gesagt wartete ich so lange, bis die Geigerin in der Bank hinter mir sich vernehmlich räusperte. -- Davon abgesehen, und vor allem verglichen damit, was ich bei anderen Gelegenheiten an diesem Ort (und durchaus auch woanders, z.B. in Stuttgart) schon so alles erlebt habe, hielten sich die liturgischen Fouls einigermaßen in Grenzen -- wobei ich mich in solchen Fällen immer frage, warum man sich diese Verstöße gegen die liturgische Ordnung dann nicht auch noch hat sparen können; aber der innere Drang, die Messe keinesfalls genau so zu zelebrieren, wie sie im Messbuch steht, scheint bei einigen Priestern schier unbesiegbar zu sein, und die Gemeinde weiß es oftmals schlicht nicht besser. Welchen Sinn soll es beispielsweise haben, den Antwortpsalm (Jesaja 12,2-6) und die zweite Lesung (Epheser 3,8-19) wegzulassen, nur um dann nach der Kommunion einen anderen Psalm (in diesem Fall Psalm 42) zu rezitieren? Nichts gegen Psalm 42, er ist wunderschön, aber was soll sowas? Und sollte es nicht einigermaßen einleuchtend sein, dass die erste Strophe von "Großer Gott, wir loben dich" zwar an und für sich gut und schön ist, aber trotzdem nicht dafür geeignet ist, anstelle des Sanctus gesungen zu werden? -- Meine Liebste ist der Meinung, mangelnder Sinn für Liturgie oder mangelnder Respekt gegenüber liturgischen Vorschriften seien Anzeichen für ein fundamentales Nichtverstehen oder Nicht-Akzeptieren-Wollen der göttlichen Ordnung der Dinge, die sich in der Liturgie widerspiegelt; und ich bin geneigt, ihr Recht zu geben. In besonderem Maße gilt das für die noch auf Pfarrer Bögershausen zurückgehende Unsitte, dass der zelebrierende Priester selbst erst am Ende der Kommunionausteilung kommuniziert. Im direkten Vergleich eher eine Kleinigkeit, aber dennoch auf ähnliche Weise bezeichnend ist der häufig zu beobachtende "kreative" Umgang mit den Interzessionen im Eucharistischen Hochgebet, namentlich mit der Formulierung "alle, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind": Unser Gemeindepfarrer in Berlin sagt an dieser Stelle gern "alle Frauen und Männer, die sich in der Kirche engagieren", was ja schon mal nicht zwingend dasselbe ist wie zum Dienst bestellt zu sein; aber der Pfarrer von St. Willehad legt in Sachen Inklusivität noch eine Schippe drauf, indem er sagt "alle, die sich in der Kirche oder im Sinne des Evangeliums in der Welt engagieren". Grönch. 

Aber konzentrieren wir uns mal aufs Positive: Nicht nur war es schön, an diesem Hochfest überhaupt eine Heilige Messe mitfeiern zu dürfen (und zwar dank niedriger Corona-Inzidenz sogar mit Gemeindegesang und mit der Erlaubnis, am Platz die Maske anzunehmen); zum Abschluss wurde sogar das Allerheiligste ausgesetzt, die Herz-Jesu-Litanei aus dem Gotteslob (Nr. 564) gebetet, das Tantum ergo gesungen (leider in der deutschen Nachdichtung von Friedrich Dörr, die ich ein bisschen kitschig finde) und ganz zum Schluss der Eucharistische Segen gespendet. Sehr schön! Entzückt war ich, dass meine dreieinhalbjährige Tochter sich während zur Wandlung und während der Aussetzung hinkniete, und zwar aus eigenem Entschluss; dass sie auch vor dem Verlassen der Kirche eine Kniebeuge vor dem Altar machte, trug uns ein huldvolles Lächeln seitens der Küsterin ein. 


*

Auf das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu folgte der Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens; zu diesem Anlass hatte ich, wie berichtet, eine Andacht vorbereitet, war mir bis zum Samstagmittag jedoch nicht so recht darüber im Klaren, was wir nun mit dieser Andacht machen sollten. Und dann saßen wir, wie einige Tage zuvor, wieder bei einem Mittagspicknick - diesmal nicht im Garten der Kirche, wo bereits Bänke aufgebaut worden waren, um die Vorabendmesse unter freiem Himmel feiern zu können, sondern im angrenzenden "Bürger-Obstgarten" -, und als wir unsere Snacks verspeist hatten und beide Kinder friedlich Mittagsschlaf hielten, fragte ich meine Liebste: 

"Wie machen wir's jetzt eigentlich mit unserer Guerilla-Andacht?" 
"Also, von mir aus können wir", entgegnete meine Liebste schlicht. 

"Jetzt gleich?" (Es war ungefähr 15 Uhr.) 

"Ja, ist wohl besser. Das vermindert das Risiko, dass wir den Vorbereitungen für die Abendmesse in die Quere kommen." 

Also gingen wir in die Kirche, stöpselten unsere mobile Lautsprecherbox ein und begannen unsere Andacht, zu der meine Liebste an den dafür vorgesehenen Stellen sehr schöne freie Gebete beisteuerte (sie ist einfach die größere Charismatikerin von uns beiden). Alles in allem dauerte die Andacht wohl etwa eine Dreiviertelstunde, und positiv ausgedrückt störte uns niemand dabei -- oder umgekehrt, wir störten niemanden damit. Erst während des letzten Liedes ("Zehntausend Gründe" -- zum Abschluss muss man immer einen Kracher bringen, das habe ich in meiner Zeit als DJ gelernt) kam eine Frau mittleren Alters herein, die vor der Marienfigur eine Kerze anzünden wollte. Falls sie sich über die Musik wunderte, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Nahezu unmittelbar nach dem Ende unserer Andacht kam der Küster herein und teilte uns mit, die Vorabendmesse werde draußen stattfinden - was wir allerdings schon gewusst hatten. 



Die Open-Air-Messfeier war durchaus gut besucht; dennoch senkten wir, ebenso wie tags zuvor in St. Willehad, den Altersdurchschnitt durch unsere Anwesenheit ganz erheblich, und zwar selbst dann, wenn man unsere Kinder nicht mitrechnete. Neben dem Diakon und dem Ministranten und Lektor waren wir eindeutig die einzigen Unter-50-Jährigen unter den Anwesenden, und die beiweitem meisten Mitfeiernden waren wohl jenseits der 70. Angesichts dieser Altersstruktur war es wohl einigermaßen folgerichtig, dass auf dem Liederzettel, der vor Beginn der Messe ausgeteilt wurde, ausschließlich Stücke des NGL-Genres vertreten waren. Das einzige nicht dieser Stilrichtung zugehörige Lied, das in dieser Messe gesungen wurde - "Maria, breit' den Mantel aus" - stand nicht auf dem Zettel und wurde als bekannt vorausgesetzt. Begleitet wurde der Gemeindegesang übrigens auf dem Akkordeon - von einer Frau, die schon in meiner Kindheit sehr aktiv in der Kirchengemeinde war und ihre Aktivität seither sukzessive ausgeweitet hat -- wie man diesem Presseartikel entnehmen kann, den ich mal gänzlich unkommentiert für sich selbst sprechen lassen will. Meine musikalische Schmerzgrenze wurde überschritten durch ein Lied, das ebenfalls nicht auf dem Zettel stand, weil es wohl als bekannt vorausgesetzt wurde; ein Lied, das ich schon als Kind innig verabscheut habe: "Lasst uns miteinander". Das wurde zum Gloria gesungen, und zu meinem Leidwesen kann man nicht einmal behaupten, dass es völlig unpassend gewesen wäre, denn es ließe sich durchaus argumentieren, dass der Text des Liedes auf einer Passage aus dem Gloria basiere ("Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit"). Trotzem: grässlich! 

Des Gedenktags des Unbefleckten Herzens Mariens wurde an ein paar Stellen der Messe durchaus gedacht - dazu gehörte das bereits erwähnte Marienlied sowie der Umstand, dass nach der Kommunion der Engel des Herrn gebetet wurde; im Großen und Ganzen wurde sie aber als Vorabendmesse zum 11. Sonntag im Jahreskreis gefeiert.  Das Evangelium vom Tag war somit Markus 4,26-34 - das Gleichnis vom Wachsen der Saat und das Gleichnis vom Senfkorn -, und man kann von Glück sagen, dass niemand auf die Idee gekommen war, dies zum Anlass zu nehmen, "Kleines Senfkorn Hoffnung" auf den Liederzettel zu setzen. Na ja, vielleicht auch nicht: Das hätte wenigstens gezeigt, dass die in dieser Gemeinde für die "Liturgie" Verantwortlichen sich irgend etwas bei der Liedauswahl denken. 

Und dann kam die größte Überraschung dieser Messe, nämlich die Predigt. Von der war ich wider Erwarten beeindruckt -- ja, es wäre tatsächlich eine Untertreibung,  hier ein schwächeres Wort als "beeindruckt" zu verwenden. Das lag nicht an ihrer rhetorischen Qualität; unter diesem Aspekt musste man die Predigt vielmehr als teilweise zerfahren und unausgegoren bezeichnen, was für Pfarrer Jasbinschek leider nicht untypisch ist. Aber wenn man diese Mängel wegdenkt, dann war das, was übrig blieb, tatsächlich die stärkste Predigt,  die ich seit einer ganzen Weile gehört hatte. Weichen und Zunder, kann man da nur sagen! 

Aufhorchen ließ zunächst, dass Pfarrer Jasbinschek Kardinal Marx' Amtsverzichts-Angebot kritisierte; nun gut, "kritisierte" ist vielleicht etwas zu viel gesagt, er drückte sich sehr zurückhaltend und etwas vage aus, aber wenn man seine Äußerungen ein bisschen zuspitzte, konnte man den Vorwurf heraushören, die Rücktrittsabsicht des Erzbischofs von München und Freising verrate ein defizitäres Amtsverständnis und ein fehlerhaftes Verständnis von Verantwortung. Im Gesamtkontext der Predigt blieb das allerdings eher eine Randbemerkung. Im Kern ging es in Pfarrer Jasbinscheks Auslegung des Gleichnisses vom Wachsen der Saat - so wie ich sie verstand, jedenfalls - darum, dass man, wenn man für das Reich Gottes wirken wolle, nicht auf schnelle Erfolge aus sein dürfe, oder andersherum ausgedrückt: dass man sich vom Ausbleiben unmittelbar augenfälliger Erfolge nicht entmutigen lassen solle. Und das ist ja ein ausgesprochen #BenOp-relevantes Thema. Der Pfarrer illustrierte dies mit einer angeblich wahren Geschichte über einen französischen Bauern, der in einer durch Bodenerosion verödeten Gegend in den Cevennen im Alleingang Hunderttausende Bäume pflanzte; diese Geschichte fand ich so großartig, dass ich wohl bei anderer Gelegenheit noch einmal darauf werde zurückkommen müssen. Abschließend sagte der Pfarrer noch: "Ich glaube, dass wir die Kirche nicht durch Pläne voranbringen, sondern in erster Linie durch das Gebet." Wow! 

Im Anschluss an die Messe kamen wir noch kurz mit einigen Gemeindemitgliedern ins Gespräch, die sich gebührend entzückt von unseren Kindern zeigten und ansonsten (abgesehen von der oben erwähnten Frau mit dem Akkordeon, die mich noch von früher her kennt) wohl einfach neugierig waren, was uns wohl in "ihren" Gottesdienst verschlagen hatte. Die "Takeaways" aus diesem Gespräch lauteten im Wesentlichen: Die katholische Kirche gelte ja im Allgemeinen als hoffnungslos rückständig,  aber so ganz langsam und allmählich bewege sie sich ja doch, und gerade diese Gemeinde sei "sehr fortschrittlich"; zudem sei hier die Gemeinschaft sehr gut. Dies unterstreichend, verriet eine grauhaarige Dame, sie sei "eigentlich evangelisch", habe aber Anschluss an die katholische Gemeinde gesucht und gefunden, da es in der evangelischen Kirche - aus pandemischen Gründen, versteht sich - schon seit Monaten keine Gottesdienste mehr gegeben habe. Auf Nachfrage präzisierte sie, Andachten gebe es in der örtlichen evangelischen Kirche durchaus, "aber man will ja auch mal zur Kommunion gehen" (sie sagte tatsächlich "Kommunion" und nicht "Abendmahl", das fand ich auffällig). Wir sagten zu alledem nicht viel. 

Kommentarwürdig finde ich aber doch, wie sich die Gemeinde von Herz Mariä Burhave verändert hat im Vergleich zu der Zeit, als ich noch dort gewohnt habe. Ich erinnere mich gut, dass ich vor rund 30 Jahren mal - mit dem begrenzen analytischen Instrumentarium, das mir als Teenager eben zu Gebote stand - den Versuch einer kritischen Darstellung der verschiedenen Fraktionen innerhalb der Pfarrgemeinde in mein Tagebuch gekritzelt habe; ich hoffe, ich finde dieses Tagebuch irgendwann mal wieder. Jedenfalls wurde das Erscheinungsbild der Gemeinde damals einerseits stark durch eine Anzahl betagter Schlesierinnen mit einem sehr traditionsorientierten Frömmigkeitsstil bestimmt, andererseits gab es auch damals schon eine eher NGL- und Batikhalstuch-orientierte Fraktion, deren Mitglieder ebenfalls überwiegend weiblich, aber im Durchschnitt etwa eine Generation jünger waren als die schlesischen Witwen und sich im Vergleich zu diesen durchaus mit einigem Recht als der "fortschrittlichere" Teil der Gemeinde empfinden durften. Dass sie sich 30 Jahre später immer noch so sehen, ist nicht unbedingt verwunderlich (ich erwähne es immer wieder gern: Auch im ZK der SED haben die alten Herren bis zuletzt voller Überzeugung gesungen "Wir sind die junge Garde des Proletariats"); und ebenso wenig muss man sich wundern, dass sie mangels solider Katechese bis heute nicht richtig mitbekommen haben, dass die esoterisch und universalistische angehauchte Spiritualität, die sie aus ihren bevorzugten NGL-Songtexten herausgehört oder -gelesen haben, nicht so ganz mit der Glaubenslehre der katholischen Kirche deckungsgleich ist. Anders als vor 30 Jahren haben sie heute allerdings niemanden mehr, gegen den sie opponieren könnten oder müssten: Zum einen, weil sie sich - wofür die Frau mit dem Akkordeon das Paradebeispiel ist - längst selbst an die Schlüsselstellen der Gemeinde gesetzt haben, und zum anderen, weil es außer ihnen schlichtweg niemanden mehr gibt. Die schlesischen Kriegswitwen sind längst ausgestorben, und ihre Enkel - so wie ich - sind weggezogen. Umgekehrt hat die Fraktion der "Boomer Catholics" - wie ich aus dem Umstand schließe, dass ich einen großen Teil der Gottesdienstteilnehmer bei dieser Vorabendmesse nicht kannte - Zuwachs durch Zugezogene erhalten, aber eben nur von Leuten, die im Wesentlichen so sind wie sie selber. Sicherlich trägt das dazu bei, dass sie die Gemeinschaft in dieser Kirchengemeinde so toll finden. Aber dass die Gemeinde mit einer solchen Mitgliederstruktur nicht besonders viel Zukunft hat, müsste eigentlich offensichtlich sein.  

Was also müsste sich ändern, damit die Kirche an diesem Ort die kommenden Jahrzehnte überlebt? -- Es mag ein naheliegender Gedanke sein, auf dieselbe oder ähnliche Weise, wie die liberalen "Boomer"-Katholiken im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in dieser und vielen anderen Gemeinden das Ruder übernommen haben, müsste es einer Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute möglich sein, das Ruder der Gemeinde wieder in eine andere Richtung zu drehen. Man könnte sogar der Meinung sein, das sei im Wesentlichen das, was meine Liebste und ich in unserer Berliner Pfarrei zu tun versuchen. Aber ich sehe das nicht ganz so, und das nicht nur, weil in unserer Gemeinde (im "Pastoralen Raum" insgesamt sieht das schon wieder anders aus) die engagierten Laien tendenziell eher weniger liberal sind als die Hauptamtlichen. Mein wesentlicher Einwand lautet vielmehr: Wenn man Gemeindeerneuerung als Machtkampf betrachtet und betreibt, dann liegt da kein Segen drauf. Dass die hypothetische "Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute" eine Menge dafür tun kann, dem kirchlichen Leben in einer Pfarrei oder Ortsgemeinde eine neue Richtung zu geben, ist sicherlich richtig und auch gut so; aber dabei darf nicht es nicht darum gehen, Schlüsselpositionen in der Gemeinde zu besetzen, um eigene Vorstellungen durchzudrücken und andere Interessengruppen innerhalb der Gemeinde an den Rand zu drängen. Das Ziel muss vielmehr sein, in erster Linie dem Wirken des Geistes Gottes in der Gemeinde Raum zu geben. Dafür ist es wesentlich, dem Gebet und dem Hören auf Gottes Wort Priorität einzuräumen. Und schließlich sollte uns gerade das oben angesprochene Gleichnis vom Wachsen der Saat daran erinnern, dass wir mit allem, was wir tun, letztlich nur Samen ausstreuen können; und dann müssen wir es Gott überlassen, was Er daraus wachsen lässt. 

Abschließend noch eine Bemerkung, die ich mir schlechterdings nicht verkneifen kann: Irgendwie finde ich es ja lustig, dass die - ihrer Selbstwahrnehmung zufolge - "fortschrittlichen" Boomer-Katholiken, wenn sie auf jüngere Gottesdienstbesucher treffen, meist quasi automatisch annehmen, diese müssten gerade aufgrund ihres Alters in "kirchenpolitischer" Hinsicht ganz auf ihrer Linie oder allenfalls noch "liberaler" als sie selbst sein. Diese irrige Annahme ist ihrer Auffassung von "Fortschritt" zwar in gewissem Sinne inhärent, aber genau das macht die Sache aus meiner Sicht nur umso lustiger. Unter diesem Aspekt finde ich es ja doch ein bisschen schade, dass die Gemeindemitglieder, mit denen wir im Anschluss an die Messe sprachen, nichts von unserer Andacht mitgekriegt haben. Ich vermute mal, sie hätten überhaupt nicht gewusst, wie sie die in ihrem kirchenpolitischen Koordinatensystem hätten einordnen sollen... 



Freitag, 18. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 2 von 3)

Willkommen zurück! Nachdem der erste Teil meines Berichts über den jüngsten Butjadingen-Trip meiner Familie zur Gänze mit allgemeinen Vorbemerkungen draufgegangen ist, wird es nun wohl Zeit, dass ich zur chronologischen Schilderung der kirchenbezogenen Erlebnisse und Aktivitäten komme, die unseren Aufenthalt dort geprägt haben. Wohlan denn: 

Weil uns die Kirche nicht Latte ist. (Symbolbild)

Bereits am ersten Tag nach unserer Ankunft - einem Dienstag - statteten wir der hübschen kleinen Kirche Herz Mariä in Burhave einen ersten Besuch ab. Genauer gesagt machten wir, nachdem wir uns bei einem nahe gelegenen Supermarkt mit Snacks eingedeckt hatten, erst einmal ein Mittags-"Picknick" im Garten der Kirche - der besonders bei Sonnenschein sehr idyllisch ist.

Anschließend probierten wir aus, ob die Kirche offen ist; das war der Fall, also gingen wir hinein - und beteten kurz entschlossen die Nachmittagshore aus dem Stundenbuch (die Non, d.h. "neunte Stunde" - gerechnet ab Sonnenaufgang). Wir blieben danach noch eine Weile in der Kirche, ohne irgendwem (seien es Mitarbeiter der Gemeinde oder spontane Kirchenbesucher wie wir) zu begegnen; aber dass die Kirche tagsüber offen gehalten wird, auch "unbeaufsichtigt", ist allemal zu begrüßen und zu loben (vgl. den Themenschwerpunkt "Offene Kirche" in der Nr. 2 der "Lebendigen Steine"). 


*

Am dritten Tag unseres Aufenthalts, am Donnerstag also, fuhren wir gleich nach dem Frühstück mit dem Bus ins Nachbardorf Tossens, wo es - auch wenn ich das als alter Burhaver nicht gern sage - einen schöneren Strand (mit größerem und besser ausgestattetem Kinderspielplatz) gibt als in Burhave. Was es in Tossens außerdem gibt, ist das "Katholische Kommunikationszentrum OASE", das ich in der Vergangenheit auch schon mehrfach erwähnt habe; vor rund drei Jahren habe ich dort mal einen Vortrag gehalten, über die "Benedikt-Option". An dem Tag, an dem wir in Tossens am Strand waren, fand in der OASE um 15 Uhr ein Wortgottesdienst mit dem Diakon der Pfarrei statt, und anschließend ein Treffen der "Gruppe 60+" mit Kaffee und Kuchen sowie einem Vortrag des Diakons zum Thema "Der Jahreskreis der Kirche". Theoretisch hätten wir es durchaus zum Gottesdienst schaffen können, auch wenn meine Liebste meinte, sie hätte im Zweifel "eher Lust, zu diesem Omma-Kaffeeklatsch zu gehen, als zu einem Wortgottesdienst". Aber dann vertrödelten wir uns auf dem Weg vom Strand in den Ort ein wenig, aßen unterwegs noch ein Eis, und dann wachte unser Jüngster auf und musste gestillt werden. Und ehe wir einen dafür geeigneten Ort gefunden hatten und der Knabe sich so weit beruhigt hatte, dass wir unseren Weg fortsetzen konnten, war alles in allem eine Stunde vergangen. Folglich war der Wortgottesdienst längst vorbei, ehe wir die OASE erreichten, und der Vortrag des Diakons war schon in vollem Gange. Da wollten wir nun nicht hineinplatzen und betraten die OASE daher nur, um aufs Klo zu gehen und in echter Pilgermanier unseren Trinkwasservorrat aufzufüllen. Dabei drangen aus dem Saal Bruchstücke des Vortrags an unsere Ohren: Der Diakon sprach gerade über die liturgischen Farben im Kirchenjahr und ihre Bedeutung. "Es sagt schon viel über den Zustand der Katechese in Deutschland aus", murrte meine Liebste später, "wenn man vor einem Publikum von Über-60-Jährigen einen Vortrag zu so einem Thema halten und dabei davon ausgehen kann, dass man ihnen damit noch was Neues erzählt." Etwas Ähnliches hatte ich auch gedacht. Wahrscheinlich erzählt man den Leuten damit wirklich noch was Neues; und das, obwohl man doch davon ausgehen muss, dass sich nur ein verhältnismäßig "kirchennahes" Publikum überhaupt für solche Vorträge interessiert. Ich habe es auch in Berlin schon erlebt, dass die Pastoralreferentin vor Mitgliedern des Pfarrgemeinderats über die Zweiquellentheorie zu den synoptischen Evangelien referierte, und zumindest einige der Zuhörer fanden das alles enorm interessant und lehrreich -- während ich nur dachte: Das ist doch Lehrstoff für den Religionsunterricht in der 10. Klasse, und davon abgesehen längst nicht so unumstritten, wie es einem immer verkauft wird. Aber das mal nur nebenbei. 

Übrigens ahne ich, dass insbesondere kritische Leser (huhu, Jochen!) sich wundern werden, was ich - als jemand, der bekanntermaßen großen Wert auf Liturgie legt - eigentlich an dem Thema des Vortrags in der OASE auszusetzen habe. Sollte ich es nicht eigentlich gut finden, dass die liturgische Bildung der Gemeinde verbessert wird, und könnte man in Hinblick auf das Alter der Zielgruppe nicht sagen "Besser spät als nie"? -- Ja, könnte man vielleicht. Allerdings bin ich geneigt, anzunehmen, wer mit 60+ die Bedeutung der liturgischen Farben nicht kennt, der weiß vermutlich eine ganze Reihe wichtigerer Dinge über Glaubenslehre und -praxis der Kirche ebenfalls nicht, und vielleicht sollte man dann lieber erst mal darüber reden. Aber auch das bringt den Sachverhalt noch nicht so ganz auf den Punkt. Denn auch wenn Katechese natürlich viel mit Wissensvermittlung zu tun hat, bewirkt ein Mehr an Wissen allein noch kein Wachstum im Glauben, und deshalb bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn im kirchlichen Rahmen Vorträge gehalten werden, in denen hauptsächlich Wissen referiert wird, sei es historisches, kulturelles oder auch exegetisches. Bei manchen Priestern zieht sich das bis in die sonntägliche Predigt hinein. Ich habe dabei oft den Verdacht, die Konzentration auf das Referieren von Wissen diene nicht zuletzt dazu, nicht über etwas so Heikles wie Glauben sprechen zu müssen; der jeweilige Redner kann sich auf den sicheren Boden der Fakten zurückziehen und bleibt davor bewahrt, sich irgendwie positionieren zu müssen -- oder gar seinen Zuhörern eine Positionierung abzuverlangen. 

Natürlich muss man bedenken, dass ich den Vortrag, den Diakon Richter an jenem Donnerstagnachmittag in der OASE gehalten hat, bis auf einige Satzfetzen gar nicht gehört habe; es ist also möglich, dass er erheblich besser war, als ich ihn mir vorstelle. Ich habe auch gar kein Interesse daran, den Diakon persönlich schlecht zu machen -- eher im Gegenteil. Der 2009 zum ständigen Diakon geweihte Christoph Richter ist schon seit fast sieben Jahren in der Pfarrei St. Willehad tätig, hat sein Amt dort also ungefähr gleichzeitig mit Pfarrer Torsten Jortzick angetreten, und nahezu alles, was ich während Pfarrer Jortzicks von allerlei Konflikten überschatteter Amtszeit und in der auf seine Absetzung folgenden Übergangsphase von und über Diakon Richter wahrgenommen oder mitgeteilt bekommen habe, hat mir den Eindruck vermittelt, dass er "ein Guter" ist. Und wenn ich mir einmal eine positive Meinung über jemanden gebildet habe, lasse ich mir die nur ungern wieder ausreden. Auch persönlich ist er jemand, den ich ganz gern sympathisch finden möchte, auch wenn er mir das in letzter Zeit nicht ganz leicht macht. Letzteres hat natürlich in erster Linie mit der demonstrativ desinteressierten Haltung zu tun, die er an den Tag legt, wenn meine Liebste und ich ihm mit irgendwelchen Ideen kommen, wie man das Gemeindeleben und/oder die Urlauberseelsorge mit einigen unkonventionell-punkigen und zugleich... wie soll ich sagen... "glaubensintensiveren" Elementen aufmotzen könnte. Dabei ist es durchaus nicht so, dass wir nur Ideen hätten und die Mühen der Umsetzung Anderen (wie z.B. eben dem Diakon) überlassen würden; wir würden das schon selber machen, gegen eine geringe Aufwandsentschädigung -- also beispielsweise gegen freie Kost und Logos in einem der Gästehäuser der Pfarrei. -- Nun gut, zugegeben: Für jemanden, der von seinem Bistum dafür bezahlt wird, "ganz normale" Gemeindepastoral zu machen, und das in einer bekanntermaßen nicht ganz einfachen Gemeinde (wobei: gibt es überhaupt "einfache" Gemeinden?), müssen Leute wie meine Liebste und ich wohl ziemlich anstrengend sein, von daher sollten wir diese Ablehnung wohl nicht persönlich nehmen. 

Wobei die wesentlich in Diakon Richters Aufgabenbereich fallende Urlauberseelsorge ja schon so etwas wie ein "pet peeve" von mir ist -- wie nennt man das eigentlich auf Deutsch? "Lieblingsärgernis"? Ich habe diesem Thema ja schon in der Vergangenheit den einen oder anderen Artikel gewidmet und könnte Vieles von dem, was ich damals geschrieben habe, hier und jetzt novh einmal wiederholen, aber muss ja nicht sein. Lies es selber nach, Leser! -- Dass die Urlauberseelsorge für die Pfarrei St. Willehad ein wichtiges Thema, ja geradezu ein Prestigeprojekt ist, kann nicht überraschen, besonders wenn man bedenkt, dass diese Pfarrei neben St. Benedikt Jever (mit der Filialkirche St. Marien in Schillig) und der ebenfalls nach St. Willehad benannten Kirchengemeinde auf der Insel Wangerooge die einzige Pfarrei im Bistum Münster ist, auf deren Territorium es einen Strand gibt (bzw. sogar mehrere Strände). Im kürzlich erwähnten Pastoralplan von St. Willehad bildet das Thema Urlauberseelsorge folgerichtig einen von sechs thematischen Hauptabschnitten; darin heißt es u.a.: 

"In den beiden Kirchenzelten wird kinder- und familienfreundlich die Botschaft Jesu verkündet. Hier ereignet sich in unkomplizierter Weise der Auftrag Jesu: 'Verkündet allen Völkern das Evangelium' (Mk 16,15)." 

Ach. Und wie genau macht ihr das? Mit Bastelbögen und den kleinen Leuten von Swabedoo 

Ohne Scheiß, Leser: Ehe ich die Materialienliste für die Teams der Urlauberkirche in Butjadingen zu Gesicht bekam, hätte ich nicht gedacht, dass es "Die kleinen Leute von Swabedoo" immer noch gibt -- will sagen: dass sie immer noch in der kirchlichen Kinderbespaßung (Katechese möchte ich das nicht nennen) zum Einsatz kommen. "Der kleine Prinz", ja, damit hatte ich gerechnet. Michael Endes "Momo"? Hätte ich in einem kirchlichen Kontext nicht unbedingt erwartet, ist davon abgesehen aber ein tolles Buch. Aber "Die kleinen Leute von Swabedoo"? Im Ernst? - Ja, im Ernst. Sie sind schlechthin nicht totzukriegen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann tauschen sie noch heute Pelzchen miteinander. Vielleicht sollte mal jemand PETA informieren, oder vielleicht lieber doch nicht. 

Aber halten wir uns nicht mit Details auf, sondern wenden uns lieber der zentralen Tatsache zu, die sowohl das Urlauberseelsorge-Konzept des Bistums Münster als auch meine tiefe Unzufriedenheit damit auf den Punkt bringt: Dieses Konzept ist - was immer der Pastoralplan auch Gegenteiliges behaupten mag - nicht missionarisch und will es auch gar nicht sein. Als Zielgruppe kommen daher, von zufälligen Schnupperkontakten abgesehen, nur solche Urlauber in Frage, die von sich aus ein Interesse mitbringen, am Urlaubsort kirchliche Angebote zu nutzen, weil sie es so gewohnt sind. (Es erscheint in diesem Zusammenhang erwähnenswert, dass der typische Butjadingen-Urlauber, statistisch gesehen, aus dem Ruhrpott oder vom Niederrhein kommt und folglich mit hoher Wahrscheinlichkeit katholisch ist -- mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit jedenfalls als die einheimische Bevölkerung.) Nun könnte man natürlich fragen: Wenn die Angebote der Urlauberseelsorge ohnehin nur von einem vergleichsweise kirchennahen Publikum in Anspruch genommen werden, warum sind diese Angebote dann in religiöser Hinsicht so substanzarm? -- Say it with me, Leser: Weil die Leut' es so gewohnt sind. Weil die kirchlichen Angebote bei ihnen zu Hause genauso aussehen. Wer heute Kinder im erstkommunfähigen Alter hat und selbst kirchlich sozialisiert wurde, der hat vor 25 oder 30 oder 35 Jahren selbst in der Kinderkirche die Geschichte von den kleinen Leuten von Swabedoo gehört und Mobiles gebastelt, und deshalb erwartet er genau das, wenn er kirchliche Kinderbetreuungsangebote in Anspruch nimmt. 

Und das betrifft nicht nur Angebote für Kinder. Es mag widersinnig klingen und ist es eigentlich auch, wird mir aber immer klarer, je länger und intensiver ich mich mit solchen Fragen befasse: Das System Volkskirche, oder genauer gesagt: Die ehemalige Volkskirche in ihrem Transformationsprozess zur Dienstleistungskirche ist auf ein Zielpublikum ausgerichtet, das nicht besonders religiös ist und sich auch nicht besonders für Religion interessiert; und wer in diesem System sozialisiert wird, der wird geradezu darauf konditioniert, Religion als uninteressant, unverständlich und ein bisschen peinlich wahrzunehmen. Es ist ein sich selbst erhaltendes Paradox -- wobei "sich selbst erhaltend" wohl nicht ganz stimmt, denn allmählich (wenn auch sehr viel langsamer, als man eigentlich annehmen sollte!) geht diesem Kirchenmodell wohl doch der Nachwuchs aus. 

Wir jedenfalls kamen während unseres Aufenthalts in Butjadingen gar nicht in die Verlegenheit, irgendwelche Angebote der Urlauberkirche zu nutzen: Es war noch zu früh im Jahr. Aus oben angedeuteten Gründen konzentriert sich das Angebot weitgehend auf den Zeitraum, in dem in Nordrhein-Westfalen Sommerferien sind. Wie man den Pfarrnachrichten von St. Willehad entnehmen konnte, war zwar am Fronleichnamswochenende eine Familie Fischer Emsdetten auf dem Campingplatz in Tossens und bot "im Rahmen der Urlauberkirche ein kleines Bastelangebot 'to-go'" an - "mehrere kleine Bastelsets zum Mitnehmen [...], die kostenfrei für Kurzweile im Campingwagen sorgen sollen"; aber das Fronleichnamswochenende war schon vorbei, als wir in Butjadingen ankamen, und langweilig war uns im Übrigen sowieso nicht. 

Hingegen waren wir während unseres Urlaubs zweimal in der Heiligen Messe: Freitag und Samstag. Und da gab es durchaus einige Überraschungen. Davon berichte ich aber im dritten und letzten Teil dieser kleinen Serie! 


Montag, 31. Mai 2021

Ein Herz-Jesu-Monat voller Abenteuer

(...und ein Jubiläum: Fünf Jahre Punkpastoral!) 

Salvete, wie unsere altrituellen Freunde sagen würden! Auf den Marienmonat Mai folgt der Herz-Jesu-Monat Juni, womit das Titelthema für die neue (vierte!) Ausgabe der Zeitschrift "Lebendige Steine" sich quasi von selbst ergeben hat. Ich zitiere aus dem Editorial: 

Am dritten Freitag nach Pfingsten, in diesem Jahr also am 11. Juni, wird das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu gefeiert; acht Tage vorher, am 3. Juni, ist das Hochfest des Leibes und Blutes Christi, volkstümlich Fronleichnam genannt. Die Nähe zwischen diesen beiden Festen kommt nicht von ungefähr. Die Verehrung des Herzens Jesu knüpft sich an eine Passage des Kreuzigungsberichts im Johannesevangelium:
"Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus." (Joh 19,33f.) 
Schon in den Schriften der Kirchenväter findet sich der Gedanke, dass aus der geöffneten Seite Jesu die Kirche hervorgeht - wobei die Ströme von Wasser und Blut auf die Sakramente der Taufe und der Eucharistie hindeuten. Dass die Kirche aus dem am Kreuz geopferten Leib Christi hervorgegangen ist und immer neu hervorgeht, ist mehr als nur ein poetisches Bild. Es verweist uns darauf, dass, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache im Freiburger Konzerthaus sagte, "nichts aus Eigenem" hat "gegenüber dem, der sie gestiftet hat"; es verweist uns zugleich aber auch ganz konkret auf das Mysterium der Eucharistie, aus dem die Kirche sich in jeder Heiligen Messe selbst neu erschafft. Diesen Zusammenhängen versuchen wir uns in den Beiträgen des vorliegenden Hefts aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu nähern. 

Als pdf-Datei zum Download gibt's die neuen "Lebendigen Steine" übrigens hier

Derweil gibt es auch noch andere interessante Neuigkeiten bezüglich der Pressevielfalt im Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd: "Mitglieder des Pastoralteams" - wie es im Impressum heißt - haben jetzt auch ihre eigene Publikation, genannt "Texte für den Augenblick". Dabei handelt es sich gewissermaßen um ein Nebenprodukt der "Telefonischen geistlichen Impulse", einer Errungenschaft aus der Lockdownzeit: Unter einer Rufnummer des Berliner Ortsnetzes konnte und kann man sich von unseren pastoralen Mitarbeitern verfasste und eingesprochene Texte anhören, von denen anfangs (wenn ich mich recht erinnere) täglich, derzeit noch zweimal wöchentlich (mittwochs und sonntags) ein neuer erscheint bzw. erschien; und eine Auswahl dieser Texte gibt es nun also auch in gedruckter Form zum Nachlesen. Die erste Ausgabe der "Texte für den Augenblick", ist acht Seiten stark und liegt seit Mitte Mai in unseren Kirchen aus; künftig soll das Heft monatlich neu erscheinen. 

Indes liegt von dem ungefähr alle zwei Monate erscheinenden Faltblatt "Kraft und Schönheit der Glaubenslehre", für das ein Gemeindekreis von Herz Jesu Tegel namens "Gruppe Benedikt" verantwortlich zeichnet, bereits die 71. Ausgabe vor.  Respekt! -- Ab Nr. 25 (September-November 2010) sind alle Ausgaben dieses Blattes auch online abrufbar. -- Zu wünschen wäre nun natürlich, dass diese Publikationen, und eben auch die "Lebendigen Steine", einander trotz oder gerade dank ihres unterschiedlichen Stils und ihrer unterschiedlichen thematischen Schwerpunkte gegenseitig ergänzen und befruchten und so gemeinsam zur Bereicherung des kirchlichen Lebens in unserem Pastoralen Raum beitragen können. Na, schauen wir mal. 

Ebenfalls neu erschienen ist der Pfarrbrief für den Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd; die neue Ausgabe deckt die Monate Juni-August ab. Auf S. 4 liest man: 

Im Redaktionsteam unseres Pfarrbriefes arbeiten ehrenamtlich sieben Frauen aus unseren vier Pfarrgemeinden, um Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vierteljährig Informationen zu vermitteln. In dem Team arbeiten wir gleichberechtigt zusammen. Wir haben alle kein berufliches Hintergrundwissen, was bei der Erstellung des Pfarrbriefes das eine oder andere Mal Fragen aufwirft. Um Ihnen die Informationen noch besser vermitteln zu können, nehmen wir an einem Lehrgang teil, der durch das Erzbischöfliche Ordinariat unterstützt und von einer freiberuflichen Wissenschaftsjournalistin durchgeführt wird.

Wir wollen ein Konzept und Richtlinien für unsere Arbeit entwickeln, die wir Ihnen in einer der nächsten Ausgaben vorstellen werden.

Das will ich mal gänzlich unkommentiert stehen lassen. Nicht unerwähnt lassen will ich indes, dass ein Artikel aus der Mai-Ausgabe der „Lebendigen Steine“ – "Wenn das Ewige Licht brennt, ist es immer ein #Präsenzgottesdienst" – in der Ausgabe Juni/Juli des Pfarrbriefs der Katholischen Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen (Berlin-Spandau) nachgedruckt worden ist. Mit unserer Genehmigung, versteht sich. 

So viel also erst einmal von der pfarrgemeindlichen Pressearbeit! Und was, abgesehen von voraussichtlich mal wieder mehr oder weniger kontroversen Reaktionen auf die neuen "Lebendigen Steine", erwartet uns im Monat Juni so alles? -- Zunächst einmal: Am Mittwoch, dem 2. Juni - dem Gedenktag der Märtyrer Marcellinus und Petrus - beginnen wir unsere Novene zum Heiligsten Herzen Jesu. Ja, man kann sagen, ich bin jetzt so richtig auf den Geschmack gekommen, was das Erstellen von Novenen angeht. Der äußere Anlass für diese Herz-Jesu-Novene ist natürlich das Titularfest unserer Pfarrkirche Herz Jesu Tegel; daher wird die Novene dort vom 2.-10. Juni, täglich um 17 Uhr, öffentlich und mit Musik vorgebetet - dazu herzliche Einladung an alle, die in der Nähe sind! -, aber natürlich gibt es die Texte und Lieder der Novene auch wieder online

An den ersten fünf Tagen der Novene werden meine Liebste und ich das Vorbeten selbst übernehmen, danach allerdings werden wir diese Aufgabe den anderen Mitgliedern der AG Neuevangelisierung (mit freundlicher Unterstützung der Legio Mariae) überlassen müssen - da wir nämlich kurz entschlossen in Urlaub fahren. Nach der gerichtlichen Aufhebung des Beherbergungsverbots für Nicht-Niedersachsen in Niedersachsen hat meine Liebste nicht lange gefackelt und für die einzige Woche zwischen jetzt und Mitte September, in der nirgendwo in Deutschland Schulferien sind, Urlaub in Butjadingen für uns gebucht, wo wir pandemiebedingt seit fast eineinhalb Jahren nicht mehr gewesen sind und wo im besagten Zeitraum - aus Gründen - alles superbillig ist. Schöne Unterkunft haben wir gefunden, in Burhave direkt am Deich, 20 Minuten Fußweg zum Strandgelände, 25 Minuten ins Dorf, 28 zur örtlichen katholischen Kirche. Die übrigens, wie regelmäßige Leser dieses Blogs sich vielleicht erinnern werden, Herz Mariä heißt. Ja Moment: Ist der Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens nicht der Tag nach dem Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, und hieße das dann nicht, dass die hübsche kleine Burhaver Kirche während unseres Aufenthalts ihr Titularfest feiert? 

Die Antwort hierauf lautet: 


Wie uns der Diakon der örtlichen Pfarrei auf Anfrage mitgeteilt hat, feiert die Burhaver Gemeinde ihr Patronatsfest traditionell nicht am Gedenktag des Unbefleckten Herzens, sondern am Mariä Himmelfahrt. Na fein. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass wir dann auch wieder vor Ort sind; aber dazu bei Gelegenheit mehr. Vorläufig ist festzuhalten, dass der Diakon unseren Vorschlag bzw. unser Angebot, zum Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens - entweder als Vigil am Freitagabend oder aber am Samstagnachmittag vor der Vorabendmesse - eine Andacht zu gestalten (in dem Stil, wie wir es auch "hier bei uns" regelmäßig machen, also als Kombination aus Elementen des Stundengebets, freiem Gebet und Lobpreismusik), in seiner Antwort an uns souverän ignoriert hat, was man wohl als implizite Ablehnung verstehen muss. Na, schauen wir mal. Über die landauf, landab anzutreffende Neigung der volkskirchlichen Strukturen, sich auf keinen Fall in ihrem langsamen Sterben stören zu lassen, wäre eine Menge zu sagen, aber auch dazu lieber ein Andermal. Wenn alle Stricke reißen, halten wir unsere Andacht eben auf der an das Kirchengrundstück angrenzenden Streuobstwiese des Bürgervereins

-- Auch über den konkreten Einzelfall hinaus ist die Vorstellung, Andachten oder andere gottesdienstliche Feiern in öffentliche Grünanlagen zu verlegen, weil es einem verwehrt wird, sie in der Kirche abzuhalten, etwas, worauf man sich unter den Vorzeichen des "Schismatischen Weges" zukünftig vielleicht wird einstellen müssen. In jedem Fall passt es ins Profil von "Punkpastoral", und das bringt mich nun auf das in der Kopfzeile bereits angesprochene Jubiläum: Der in meinem Blogartikel "Wer, wenn nicht wir?" geschilderte "Straßenfest-Crawl", den ich quasi als die Geburtsstunde des Konzepts "Punkpastoral" betrachte, liegt am 4. Juni genau fünf Jahre zurück. Das legt natürlich die Frage nahe: Was haben wir in diesen fünf Jahren erreicht? -- Nun, im Vergleich zur recht umfangreichen Bilanz der ersten drei "Punkpastoral"-Jahre muss man zunächst einmal festhalten, dass ein großer Teil der seither verstrichenen Zeit sehr wesentlich von der Coronavirus-Pandemie geprägt gewesen ist. Dinner mit Gott, Krabbelbrunch und Büchertreff konnten wir seit über einem Jahr nicht mehr anbieten; das hat uns, gerade auf dem wichtigen Gebiet der Netzwerkbildung, ohne Zweifel ein beträchtliches Stück zurückgeworfen. Untätig gewesen sind wir jedoch nicht; ja, in mancherlei Hinsicht haben wir unsere Aktivitäten sogar ausgeweitet

Zu Beginn des Lockdowns liebäugelte ich - wie ich wohl schon erwähnt habe - durchaus mit der Vorstellung, mich wie einst der Hl. Benedikt für eine Weile in eine Höhle zurückzuziehen, um anschließend die Welt aus den Angeln zu heben. Keine buchstäbliche Höhle natürlich, aber eine metaphorische. Zweifellos hatte ich da etwas übertrieben romantische Vorstellungen vom Lockdown, denn im Großen und Ganzen ging das Leben ja doch relativ normal weiter. Aber immerhin waren die Rahmenbedingungen dafür, den (ersten) Corona-Lockdown als eine Form spiritueller Exerzitien zu nutzen, gar nicht so schlecht: Während der Phase, in der keine öffentlichen Gottesdienste gefeiert werden durften, blieb unsere örtliche Pfarrkirche tagsüber für persönliches Gebet geöffnet, und zu den Zeiten, zu denen "normalerweise" die Heilige Messe gefeiert worden wäre, gab es Eucharistische Anbetung. Dabei war stets ein Priester in der Kirche anwesend, und auf Wunsch konnte man auch die Kommunion empfangen. Es ist bekannt, dass ich im Allgemeinen nicht der größte Fan unseres Pfarrers bin; umso wichtiger ist es mir, zu betonen, dass ich ihm seinen Einsatz dafür, im Rahmen des Möglichen und Erlaubten das Beste aus der Lockdown-Situation zu machen, ausgesprochen hoch anrechne. 

Was von der Idee mit der "Höhlenzeit" praktisch übrig blieb, wenn man alle pathetische Übertreibung abzieht, war der Entschluss, eine Zeit, in der viele Aktivitäten wegfallen, dafür zu nutzen, umso mehr konzeptionell zu arbeiten. Die erste größere Frucht dieses Entschlusses war ein 16 Seiten langes Konzeptpapier zur Gemeindeerneuerung aus dem Geist von Evangelisierung, Katechese und Jüngerschaft, das ich den Hauptamtlichen unseres Pastoralen Raums sowie den Mitgliedern des örtlichen Pfarrgemeinderats am Heiligabend 2020 per Mail zukommen ließ. Wie man sich vorstellen kann, löste dieses Weihnachtsgeschenk keine ungeteilte Begeisterung aus, gab aber immerhin den entscheidenden Anstoß zur Gründung einer "AG Neuevangelisierung" im Pastoralausschuss, die seither eine recht beachtliche Aktivität entfaltet hat. 

Und dann natürlich die "Lebendigen Steine". Die Gründung dieser Zeitschrift betrachte ich persönlich als den bislang größten Meilenstein in der Geschichte des Projekts "Punkpastoral". -- Das große, bahnbrechende Buch zum Thema Punkpastoral, zu dem mich am letzten Tag der MEHR 2020 ein in Neuevangelisierungs-interessierten Kreisen recht namhafter Autor und Herausgeber mit dem schönen Satz "Mach' was Geiles!" ermutigt hat, habe ich indes immer noch nicht fertig. Rein quantitativ bin ich zwar schon ziemlich weit - ich möchte mal schätzen, gut zwei Drittel des angepeilten Umfangs habe ich schon -, aber die noch fehlenden Teile sind die am schwersten zu schreibenden - ist ja logisch, denn sonst hätte ich sie ja schon längst geschrieben. Abgesehen davon habe ich ja, wie schon gesagt, Familie, und die beansprucht auch Zeit und Kraft. Und ist, wie einige Leser sicherlich schon wissen werden, größer geworden. Auch eine Art, am Aufbau des Reiches Gottes zu arbeiten, und das meine ich durchaus ernst. 

-- Neben der konzeptionellen Arbeit haben wir vor allem unsere wöchentliche Lobpreis-Andacht weitergeführt, die mittlerweile einen ganz ansehnlichen Kreis regelmäßiger Teilnehmer aufzuweisen hat; wobei "regelmäßig" nicht zwingend "jede Woche" bedeutet, aber immerhin kommen einige Teilnehmer fast jede Woche, andere einmal im Monat. Wie ich unlängst zu einem unserer Pfarrvikare sagte, als er mich nach der Resonanz dieser Veranstaltung fragte: "Es kommen nicht mehr Leute als bei einer Werktagsmesse, aber auch nicht unbedingt weniger als bei einer Werktagsmesse." Daneben und darüber hinaus haben wir Maiandachten, Kreuzweg- und Rosenkranzandachten gestaltet und waren wesentlich an der Vorbereitung und Durchführung einer Lobpreis-Vigil zu Mariä Himmelfahrt in Herz Jesu Tegel (anlässlich der Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens) und der Feiern zum Jahr des Hl. Josef in St. Joseph Tegel beteiligt, und nun kommt als nächstes also die Herz-Jesu-Novene. 

Ich bin überzeugt, dass dieser Fokus auf Gebet, Anbetung und Lobpreis eine wichtige Grundlage für Gemeindeerneuerung und Neuevangelisierung ist; gleichwohl freue ich mich darauf, einige andere, eher "praxisorientierte" Aspekte unserer Arbeit wieder aufgreifen zu können, sobald die weitere Entwicklung der Corona-Situation es erlaubt. Dazu gehört an erster Stelle das Büchereiprojekt, das - dank eines ausgiebig genutzten, öffentlich zugänglichen Tauschregals und dank einiger sehr interessanter Bücherspenden von Bloglesern (Danke!!) - nie so ganz brach gelegen hat, aber, um wirklich voran zu kommen,  mehr Mitarbeiter braucht; wir haben einen Aufruf hierzu in die Heftmitte der aktuellen "Lebendigen Steine" gesetzt und wollen diesen auch noch als Flyer verbreiten. Das "Dinner mit Gott" wollen wir ebenfalls möglichst bald wieder aufleben lassen -- zumal ich im Laufe des letzten halben Jahres kochen gelernt habe; meine Frau sagt, ich koche inzwischen besser als sie. Eine Übergangslösung könnte es sein, dass wir z.B. einmal im Monat so viele Personen, wie der jeweils aktuelle Stand der Infektionsschutzverordnung es erlaubt, zu uns nach Hause zum Essen einladen; damit könnte man dann auch gleich den Grundstein zu einem Hauskreis legen. Und spätestens wenn unser Jüngster zu krabbeln anfängt, wird auch das Thema "Krabbelbrunch" wieder relevant. 

Dass ich all diese Überlegungen hier so ausführlich ausbreite, hat natürlich nicht zuletzt auch damit zu tun, dass ich Gleichgesinnte an anderen Orten zu ähnlichen Initiativen anregen und ermutigen möchte; und ich würde mich diesbezüglich auch über Feedback freuen. -- Okay, nun aber mal zurück zu den anstehenden Ereignissen im Monat Juni. Die zentrale Fronleichnams-Feier des Erzbistums Berlin findet dieses Jahr online statt, allerdings ohne mich. Sorry, aber das tu ich mir nicht an; da kann mich auch der Umstand nicht umstimmen, dass das Programm der Veranstaltung u.a. eine Live-Schalte zur von mir sehr geschätzten Gemeinschaft Brot des Lebens beinhaltet. Das ganze Event steht übrigens unter dem Motto "Brot, das die Hoffnung nährt" - und das ist unverkennbar ein Zitat aus einem NGL-Songtext. Irgendjemand an einflussreicher Position im Erzbistums muss einen veritablen Narren an dieser Nummer gefressen haben, denn bei absolut jeder Berliner Fronleichnamsprozession, an der ich jemals  teilgenommen habe, wurde sie gespielt. Musikalisch hat es, wie so viele Kompositionen des unvermeidlichen Peter Janssens, zugegebenermaßen Ohrwurm-Potential; aber der Text... ist  von Wilhelm Willms, und bei dessen Dichtungen frage ich mich ja immer, was der eigentlich geraucht hat. 

Und was hält der Juni sonst noch so bereit? Meinen Geburtstag zum Beispiel. Da werde ich noch in Butjadingen sein. In der zweiten Monatshälfte sind wir dann wieder in Berlin, aber was  uns da dann noch so erwartet, ist augenblicklich noch nicht abzusehen. Mal abgesehen von der Fête de la Musique natürlich. Die ist am 21. und fällt somit dieses Jahr auf einen Montag. Mal sehen, ob man da irgendwas auf die Beine stellen kann. Aber auch sonst rechne ich noch mit so manchen Überraschungen...