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Donnerstag, 20. Juni 2024

Requiem für eine Seelsorgehelferin

Anfang der ersten Juniwoche erfuhr ich aus den Vermeldungen der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd, dass eine Frau, die ich aus meiner aktiven Zeit in der Gemeinde Herz Jesu Tegel kannte, verstorben war. Ich hatte sie seit Jahren nicht gesehen und auch nichts mehr von ihr gehört, trotzdem hatte ich sie in guter Erinnerung: Als meine Liebste und ich nach Tegel zogen und begannen, uns in der dortigen Pfarrgemeinde zu engagieren, gehörte sie – damals schon über 80 und leicht gehbehindert – zu den ersten Gemeindemitgliedern, von denen wir uns angenommen und willkommen geheißen fühlten. Sie kam auch zu unserer Wohnungseinweihungsfeier und schenkte uns eine Orchidee.

In der Folgezeit sah man sie in der Kirche immer weniger und schließlich gar nicht mehr; soweit wir hörten, lag das wohl daran, dass ihre Mobilitätseinschränkung sich weiter verschlimmerte und sie insgesamt kaum noch das Haus verließ. – Sie hatte uns gegenüber mal beiläufig erwähnt, dass sie früher Gemeindereferentin gewesen war; als solche wurde sie eines Nachrufs vom Erzbistum gewürdigt, und diesem entnahm ich nun, dass sie nicht nur in ihrer langjährigen Wohnortpfarrei Herz Jesu Tegel, sondern u.a. auch in St. Stephanus Haselhorst als Gemeindereferentin tätig gewesen war. Ach guck, dachte ich, so klein ist die Welt.

Auf eigentümliche Weise schön und stimmig fand ich es auch, dass ihr Requiem und ihre Beisetzung am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu stattfinden sollte; und eine leise, aber hartnäckige Stimme in meinem Innern sagte mir: Ich glaube, da will ich hin. Auch wenn das bedeutete, dass ich meinen Jüngsten dorthin mitnehmen müsste. Ich nehme an, es gibt Leute, die der Meinung sind, man sollte ein dreijähriges Kind nicht zu einer Beerdigung mitnehmen. Ich selbst bin ganz entschieden nicht dieser Ansicht. Meiner Überzeugung und Erfahrung nach kann man dreijährige Kinder so gut wie überall hin mitnehmen, und sofern es doch Orte oder Ereignisse gibt, wo man Bedenken hätte, ein Kind dorthin mitzunehmen, sollte man sich vielleicht lieber mal überlegen, ob man selber wirklich da hinwill. 

Auf dem Weg zum Friedhof dachte ich darüber nach, ob der Umstand, dass das Requiem in der Friedhofskapelle gefeiert wurde und nicht in einer regulären Kirche, ein Indiz dafür sein mochte, dass nicht mit vielen Teilnehmern gerechnet wurde, und offenbar war das tatsächlich so. Aber so ist es wohl heutzutage, wenn man im Alter von 90 Jahren stirbt und keine große Familie hinterlässt (der einzige Sohn der Verstorbenen war, wie in der Predigt erwähnt wurde, schon vor über 40 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen). Wenn man den Priester und den Organisten nicht mitzählt, fanden sich zehn Personen zu diesem Requiem ein, unter denen, soweit es für mich ersichtlich war, zwei Familienangehörige der Verstorbenen waren, ein Neffe und dessen Frau (die sich am Ende bei allen, die gekommen waren, persönlich bedankte). Zwei anwesende Frauen kannte ich aus der Gemeinde von Herz Jesu, bei einer dritten war ich mir nicht ganz sicher, ob ich sie nicht verwechselte; außerdem war eine Gemeindereferentin aus Spandau da und dann noch ein Mann und eine Frau, die ich nicht zuordnen konnte.

Wie sich zeigte, hatte die Verstorbene in ihren letzten Lebensjahren nicht mehr in Tegel gewohnt, sondern im Märkischen Viertel, das zur Pfarrei St. Franziskus Reinickendorf-Nord gehört; der dortige Pfarrer hielt auch das Requiem, und das traf sich gut, denn wie er in seiner Predigt erwähnte, hatte er die Verstorbene bereits kennengelernt, als er vor seiner Weihe zum Diakon Praktikant in Herz Jesu Tegel gewesen war. Ein paar Jahre später war er dann Kaplan derselben Gemeinde – das war zu der Zeit, als meine Liebste und ich anfingen, dort zur Kirche zu gehen, und nebenbei bemerkt hat er in dieser Zeit unsere ersten Schritte in der Gemeindearbeit, insbesondere das Projekt "Dinner mit Gott", entscheidend gefördert und unterstützt.

Was der Priester in seiner Predigt über die Biographie der Verstorbenen, und gerade auch über ihre Tätigkeit in der Pfarrseelsorge, zu berichten wusste, fand ich ausgesprochen interessant. Geboren und aufgewachsen war sie in Heiligensee, hatte dann geheiratet und war mit ihrem Mann nach Westdeutschland gezogen; aber die Ehe ging in die Brüche, und so kam sie als geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter nach Berlin zurück, wo sie eine Wohnung in Tegel unweit der Herz-Jesu-Kirche fand. Der dortige Pfarrer, der früher die Pfarrstelle in Heiligensee gehabt hatte und sie daher kannte, sprach sie eines Tages darauf an, ob sie sich nicht vorstellen könne, als Seelsorgehelferin (wie die Berufsbezeichnung damals noch lautete) in der Pfarrei mitzuarbeiten. Das war wohlgemerkt in den 60er Jahren, als es mit Blick auf die öffentliche Meinung noch ein ziemliches Wagnis war, eine geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter in der Gemeindeseelsorge zu beschäftigen.

Gleichwohl war der Aspekt, der mich an dieser Geschichte am meisten interessiert, nicht der, "dass so etwas damals schon möglich war", sondern vielmehr die Frage, ob so etwas heute noch möglich wäre. Damit meine ich natürlich nicht die Frage des "Beziehungsstatus": Heutzutage könnte man vermutlich auch Gemeindereferentin werden, wenn man in einer polyamoren WG lebt, und könnte das notfalls wohl einklagen. Was ich mir heute eher schwierig vorstelle, ist, dass ein Pfarrer zu einem ihm persönlich bekannten Gemeindemitglied sagt: Ich möchte dich als pastoralen Mitarbeiter in meiner Pfarrei, weil ich dir zutraue, dass du das kannst. Freilich, eine berufsbegleitende Ausbildung musste die Dame, die wir am Herz-Jesu-Fest zu Grabe getragen haben, auch damals schon absolvieren. Dennoch darf man wohl behaupten, dass ihr Beruf(ung)sweg keine große Ähnlichkeit damit hat, wie man heutzutage typischerweise Pastoral- oder Gemeindereferent(in) wird. Und leider merkt man das den Leuten, die diese Berufe heutzutage typischerweise ausüben, oft nur allzu deutlich an. Kurzum, das, was ich bei diesem Requiem über die berufliche Biographie der Verstorbenen erfahren habe, hat mich veranlasst, über die schädlichen Auswirkungen der Professionalisierung der Seelsorge zu sinnieren.

Mir ist bewusst, dass es Leute gibt, in deren Wortschatz der Begriff "Professionalisierung" uneingeschränkt positiv besetzt ist. Bei mir ist das praktisch umgekehrt, schon immer. Schon als ich an der Studiobühne der Humboldt-Universität bei einem studentischen Varietétheater mitarbeitete, waren mir Professionalisierungstendenzen zutiefst suspekt. In meiner Wahrnehmung bedeutet Professionalisierung den Verlust von Authentizität, die Eindämmung von Kreativität und Initiative, eine Tendenz zur Normierung und Regulierung, eine Fokussierung auf Funktionalität und Effizienz. An die Stelle einer Blumenwiese tritt ein ordentlich getrimmter Rasen.

Das gilt sicherlich nicht immer und überall. Selbst in Hausbesetzerkreisen, wo Do-It-Yourself und Graswurzelarbeit nun wirklich sehr groß geschrieben werden, ist man sich im Klaren darüber, dass es Dinge gibt, die man besser Profis überlassen sollte. Die Wartung von Gasleitungen zum Beispiel. Seelsorge gehört meiner Überzeugung nach nicht zu diesen Dingen. Ich möchte an das "Mission Manifest" erinnern, in dem es unter These 9 ("Wir brauchen eine 'Demokratisierung' von Mission") hieß:

"Nirgendwo steht, dass die Mission, die Jesus uns gegeben hat, sich auf Spezialisten, professionelle Verkündiger, Theologen, Kleriker oder Mitglieder von Ordensgemeinschaften beschränkt. Missionarisch zu sein ist der Auftrag Christi an alle Getauften."

Ich würde sagen, das gilt auch für die Gemeindepastoral, die ja schließlich auch Aspekte von Mission umfasst. Oder umfassen sollte. Tatsächlich tut sie es oft wohl nicht, und das ist Teil des Problems.

Woran ich in diesem Zusammenhang außerdem noch denken musste – und das meine ich gar nicht despektierlich, im Gegenteil –, ist die vor acht Jahren auf der christlichen Satire-Website "The Babylon Bee" veröffentlichte Geschichte eines obdachlosen Straßenmusikers, der aufgrund einer Verwechslung eine Stelle als Jugendpastor bekommt. Eine Geschichte, bei deren Lektüre ich schon immer schmerzlich den Wunsch verspürt habe, sie möge wahr sein – auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass das kaum die von den Verfassern beabsichtigte Reaktion ist. Selbst in diesem fiktiven Fall wird der unverhofft zum Jugendpastor avancierte Straßenmusiker, als sich herausstellt, dass er seine Stellung einer Verwechslung verdankt, kurzerhand gefeuert – trotz der erfolgreichen Jugendarbeit, die er geleistet hat; einfach deshalb, weil er keine formale Qualifikation für diese Position besitzt. Tja.

Übrigens hätte ich mich – mit Rücksicht auf meinen Jüngsten, der eigentlich entschieden mittagsschlafreif war und mir beinahe schon auf dem Weg zum Friedhof eingeschlafen wäre – durchaus damit zufrieden gegeben, "nur" das Requiem mitzufeiern und dann den Rückzug anzutreten; aber mein Sohn wollte ausdrücklich mit ans Grab. Er wollte auch, wie die "Großen" es taten, eine Handvoll Erde ins offene Grab werfen, also ließ ich ihn das tun. Ich muss sagen, ich war überrascht, wie aufmerksam und konzentriert er bei der Sache war. Also, Leser, falls ihr Bedenken habt, ob man Kinder zu einer Beerdigung mitnehmen kann: Keine Sorge, das Kind wird euch schon zeigen, ob das geht. Ich halte ja grundsätzlich viel davon, Kinder frühzeitig an das Thema Tod heranzuführen; und zur Beerdigung einer Person zu gehen, die das Kind zu Lebzeiten nicht (oder kaum) gekannt hat, ist da vielleicht gar kein so schlechter Einstieg. 


Hinweis in eigener Sache: Dieser Artikel erschien zuerst am 13.06. auf der Patreon-Seite "Mittwochsklub". Gegen einen bescheidenen Beitrag von 5-15 € im Monat gibt es dort für Abonnenten neben der Möglichkeit, Blogartikel rund eine Woche früher zu lesen, auch allerlei exklusiven Content, und wenn das als Anreiz nicht ausreicht, dann seht es als solidarischen Akt: Jeder, der für die Patreon-Seite zahlt, leistet einen Beitrag dazu, dass dieser Blog für den Rest der Welt kostenlos bleibt! 


Dienstag, 18. Juni 2024

Klima und Pizza, Suppe und Mucke

Ich weiß nicht, wie es anderen Familien geht, die Kinder im Alter unserer Kinder haben, aber ich muss mal ein Geständnis machen: Wenn am Samstag, nach fünf Schul- und Arbeitstagen, endlich mal Gelegenheit ist, mit der ganzen Familie ohne Zeitdruck zu frühstücken und anschließend zusammen was Schönes zu unternehmen, läuft das bei uns oft nicht so harmonisch ab, wie man es sich in der Theorie gern vorstellen möchte. Der Drang der Kinder, sich entweder gegenseitig zu Quatsch anzustiften oder sich zu streiten – wobei das eine jederzeit und in Sekundenschnelle in das andere umschlagen kann – scheint sich, da sie unter der Woche nicht so viel Gelegenheit dazu haben, am Wochenende umso geballter zu entladen; und hinzu kommt, dass speziell unser Jüngster seine Mami stark in Anspruch nimmt, wie um sich dafür zu entschädigen, dass er unter der Woche so viel Zeit ohne sie verbringen musste. 

Erfahrungsgemäß ist das Konfliktpotential am größten, wenn das Frühstück vorbei ist, man zu Hause herumsitzt und "nichts Besonderes zu tun hat". Dieser Umstand veranlasste uns, am vergangenen Samstag möglichst früh zu dem "Klimafest" aufzubrechen, das der "Klimaschutzstammtisch Reinickendorf" zusammen mit einer Vielzahl von Kooperationspartnern in der Fußgängerzone Gorkistraße veranstaltete. Die Schattenseite war, dass, als wir dort ankamen, noch nicht viel los war. 

Aber so ist das, wenn man an einem nasskalten Junitag gegen den Klimawandel protestieren will. #sorrynotsorry

An einem Stand, den die Berliner Stadtreinigung zu diesem Fest beisteuerte, wurden wir als die ersten Gäste des Tages begrüßt, und die Kinder durften hier spielerisch ihre Mülltrennungs-Kompetenz unter Beweis stellen. 

An einem anderen Stand konnte man lernen, aus Papierresten und Bindfaden Notizhefte herzustellen, an wiederum einem anderen Glasflaschen bemalen. 


Davon abgesehen hielten wir uns bevorzugt am Stand der LebensMittelPunkt-Initiative Lichtenberg auf, denn da gab's Pizza, frisch aus dem Ofen und gegen Spende. 

Man beachte die Pizza-Girlande! 

Einen solchen transportablen Pizzaofen, wie er hier zum Einsatz kam, hatten wir schon vor ein paar Wochen im Baumhaus (oder genauer gesagt draußen vor dem Haus) in Aktion erlebt, und dieser Déja-vû-Effekt war durchaus kein Zufall: Das Baumhaus gehört ebenfalls zum LebensMittelPunkte-Netzwerk, und folgerichtig wird bei den Community Networking Nights im Baumhaus immer kräftig die Werbetrommel für diese Initiative gerührt. Folgerichtig kannte der Mann vom Pizzastand das Baumhaus auch und erzählte uns, er sei schon ein paarmal dort zur Community Networking Night gewesen, aber von Lichtenberg aus sei es doch ein ganz schön weiter Weg. Wir unterhielten uns mit ihm und einigen anderen Besuchern des Standes recht angeregt über Foodsaving, Foodsharing und angrenzende Themen und verdrückten dabei so einiges an Pizza. 

Was übrigens das Konzept der LebensMittelPunkte angeht, muss ich sagen, dass ich mich damit noch nicht sehr ausgiebig befasst habe, aber interessant finde ich es auf alle Fälle. Und nun rate mal, Leser, in welchem Berliner Bezirk es bisher keinen LebensMittelPunkt gibt... Na? In Spandau! Irgendwie sehe ich da Potential im Zusammenhang mit dem Gartenprojekt in St. Stephanus... aber das ist natürlich noch ein sehr unausgegorener Gedanke. 

An wiederum einem anderen Stand – bei dem für mich nicht ersichtlich war, wer den im wahrsten Sinne des Wortes gestellt hatte – wurden die "17 Ziele für nachhaltige Entwicklung" der UN-Agenda 2030 vorgestellt; wenngleich, wie man hier sieht, nicht für alle 17 Platz an der Girlande war: 


Besonders möchte ich übrigens auf die Nr. 5 aufmerksam machen: "Geschlechtergleichheit" ist auch ein Klimaziel. Keine Klimagerechtigkeit ohne Geschlechtergerechtigkeit! Und/oder umgekehrt. Das ist Intersektionalismus, das muss man nicht verstehen. Und wer es doch tut, der versteht wahrscheinlich auch das Bohrsche Atommodell und die Heisenbergsche Unschärferelation. 

Livemusik gab's auch, und zwar zunächst von einem Trio aus zwei in Ehren ergrauten Gitarristen (elektrisch und akustisch) und einem bedeutend jüngeren Percussionisten; der Mann mit der akustischen Gitarre war unverkennbar der Bandleader und sang auch. Zuerst spielten sie eine folkrockige Interpretation von George und Ira Gershwins "Summertime", dann eigene Stücke mit deutschen Texten, stilistisch irgendwo zwischen Klaus Lage, Hans Hartz, Fanny van Dannen und Chris Rea. Diese Beschreibung mag etwas sonderbar klingen, aber ich fand die Musik durchaus gut – gut genug, dass ich, als das Trio eine erste Pause machte, den Leadsänger und Akustikgitarristen fragte, wie die Gruppe denn heiße. "Ich bin Liedermacher", erwiderte der Mann würdevoll. Über diesen Standesstolz musste ich ja schon ein bisschen grinsen, aber das schmälert meine Wertschätzung für die Musik dieses Herrn nicht, und seinen Namen verriet er mir dann doch: Mimi Wohlleben

Immer dann, wenn die Musiker Pause machten, stellte eine Seniorentheatergruppe namens "RostSchwung" – die bei ihrer Gründung vor gut 30 Jahren noch "OstSchwung" hieß, und das ist kein Witz – Auszüge aus ihrem Bühnenprogramm "Umweltgeflüster" vor. Einen Trailer zu dieser Inszenierung, ohne Originalton und stattdessen mit flotter Musik unterlegt, gibt's bei YouTube; und wer der Meinung ist, das, was man da zu sehen bekommt, sehe irgendwie doof aus, dem sei versichert: so richtig doof ist es erst, wenn man's live sieht. Meine alte Dramaturgie-Dozentin hätte gesagt: Das war nicht nur peinlich, das war schon hochnotpeinlich.

Später trat dann auch noch ein anderer, jüngerer Gitarrist und Sänger auf, der allerdings keine Eigenkompositionen spielte, sondern Folk-Klassiker von "Bella Ciao" bis Reinhard Mey. Nicht schlecht, aber eben nicht gerade originell. Immerhin, ein Medley aus "Volare" und "Über den Wolken" gefiel mir dann doch recht gut. 

Alles in allem verbrachten wir dann doch so annähernd drei Stunden auf dem Klimafest, was ich anfangs wirklich nicht erwartet hätte; die Schattenseite war, dass unser Jüngster keinen Mittagsschlaf bekam, und auch das Tochterkind war nicht gerade ein Muster an Ausgeglichenheit und Wohlverhalten. Zwischenzeitlich hatte ich schon Zweifel, ob wir es überhaupt noch zu "Suppe & Mucke" schaffen würden. Gegen 16:30 Uhr erreichten wir dann aber doch einigermaßen wohlbehalten den S-Bahnhof Warschauer Straße. 

Dort erwartete uns erst mal dieses Plakat, dessen – äh – Sekundärbeschriftung mir so einige Rätsel aufgab. Ich fürchte, da hat jemand so einiges falsch verstanden bzw. durcheinandergekriegt.

Bei "Suppe & Mucke" angekommen, ging es mir prompt so, wie ich es mir eigentlich von der Fiesta Kreutziga zwei Wochen zuvor erhofft hätte: Kaum hatte ich fünf Schritte aufs Festivalgelände gemacht, da traf ich auch schon Bekannte. Konkret gesagt handelte es sich um einen auf meinem Blog schon mehrfach (wenn auch nicht namentlich) erwähnten alten Freund, den ich irgendwann in der zweiten Hälfte der Nuller Jahre in einer links-alternativen Kneipe kennengelernt habe, samt Tochter und Schwiegersohn (bei deren Hochzeit ich einen Auftritt als DJ hatte) und zwei Enkelkindern, die ungefähr so alt sind wie meine Kinder. Zuletzt hatte ich den besagten Freund hier übrigens deshalb erwähnt, weil er in der Kneipe, in der wir uns kennengelernt haben und über viele Jahre Stammgäste waren, inzwischen ebenso persona non grata ist wie ich und insgesamt in dem Milieu, aus dem dieses Lokal seine Kundschaft schöpft, als "rechtsoffener Wagen-Knecht" gilt, wie er selbst sagte. "Ja, ich habe das mit Interesse verfolgt", merkte ich an, worauf er lachte und sagte "Ja, das glaub' ich, dass du das mit Interesse verfolgt hast." Kurz, es war ein rundum erfreuliches Wiedersehen; auch sonst war die Stimmung bei "Suppe & Mucke" gut, auch das Wetter wurde doch noch unerwartet sommerlich. 


In durch hohe Zäune abgetrennten Bereichen des RAW-Geländes fand Public Viewing zur Fußball-EM statt (erst Schweiz gegen Ungarn, dann Spanien gegen Kroatien); das interessierte mich ja wider Willen schon ein wenig, aber wesentlich interessanter war dann doch, dass es auch auf diesem Festival ein Kreativangebot für Kinder gab: 



Zunächst dachte ich, es handle sich lediglich um eine Ausstellung, aber als wir den Hinweisschildern folgten, gelangten wir zu einer Werkstatt, in der Kinder allerlei Gebrauchtmaterialien mit einer Heißklebepistole zu Leibe rücken durften. 


Oder auch die Eltern: Unser Jüngster wünschte sich einen Elefanten, also bastelte meine Liebste ihm einen Elefanten. 

Nach dem Motto: Man wächst mit den Anforderungen, die die Kinder an einen stellen. 

Hier noch mal aus einem anderen Blickwinkel, damit man sieht, dass der Elefant auch ein Schwänzchen hat. In einem früheren Leben war es ein Karabinerhaken.

Kunst zum Anschauen gab es aber auch nicht zu knapp. 







Davon abgesehen geht es bei "Suppe & Mucke" naturgemäß vor allem um zwei Dinge, nämlich zum einen Suppe und zum anderen Mucke; und beide waren gut. Wie ich schon mal geschildert habe, ist es wesentlich für das Konzept dieses Festivals, dass diverse soziale und/oder ökologische Initiativen und Projekte dort ihre Arbeit vorstellen, wobei es eine unerlässliche Teilnahmebedingung ist, dass es anders jedem Infostand eine Suppe gibt (gegen Spende). Ich kostete mindestens fünf verschiedene Suppen und meine Liebste wohl noch mehr. Was die Mucke angeht, wurde auf mindestens drei auf dem Gelände verteilten Bühnen musiziert; die größte war die Bühne am Blechpalast, dort hörten wir eine Weile einer Band namens Mishmosh zu, die ihren Stil als "KlezHop" bezeichnet – also als Mischung aus Klezmer und HipHop. Hat was. 

Hier ist der Name der Band falsch geschrieben. 


Übrigens trug ich an diesem Tag, ohne dass ich mir dabei etwas Besonderes gedacht hätte, ein T-Shirt, das meine Liebste mir zum Abschluss unseres gemeinsam bewältigten Jakobswegs in Santiago de Compostela gekauft hat; darauf zu sehen sind zwei verpflasterte Füße und der spanische Schriftzug "Sin dolor no hay gloria" ("Ohne Schmerz kein Ruhm"). Während des Aufenthalts auf dem RAW-Gelände hatte ich mehrmals den Eindruck, dass Leute, die ich nicht kannte, diesen T-Shirt-Aufdruck aufmerksam und etwas misstrauisch beäugten; vielleicht verstanden sie Spanisch, vielleicht wunderten sie sich nur über die Füße. Ich würde mal sagen, ich habe durchaus T-Shirts im Schrank, deren Motive geeignet wären, noch wesentlich kontroverse Reaktionen hervorzurufen. 

Ach ja, und à propos "Leute, die ich nicht kannte": Außer den Bekannten, die ich gleich beim Betreten des Festivalgeländes getroffen hatte, begegnete ich vielleicht noch einer Handvoll Leute, die ich "vom Sehen her" kannte; insgesamt blieb damit auch dieses Festival, was den Punkt "Leute von früher wiedersehen" angeht, deutlich hinter den Erwartungen zurück. Wie ich schon mal erwähnt habe, war ich schon beim ersten "Suppe & Mucke"-Festival in Berlin, im Jahr 2009, nicht nur als Besucher mit von der Partie, sondern hatte da sogar einen Auftritt auf der Kleinkunstbühne. Auch in den verschiedenen Clubs auf dem RAW-Gelände, so im "Lovelite" und im "Cassiopeia", hatte ich in den Nuller und Zehner Jahren ein paar Auftritte oder war auf Partys. Ich frage mich manchmal, was aus den ganzen Leuten geworden ist, mit denen ich mir damals regelmäßig die Nächte um die Ohren geschlagen habe. Ob die sich damals wohl hätten träumen lassen, dass ich anno 2024 immer noch zur "Fiesta Kreutziga" und zu "Suppe & Mucke" gehen würde, sie aber nicht? Dem einen oder anderen dieser Leute würde ich eigentlich gern mal meine Frau und meine Kinder vorstellen. 


Samstag, 15. Juni 2024

Creative Minority Report Nr. 34

Servus, Leser! Die Zeichen stehen schon wieder auf Straßenfest-Crawl, denn in der Gorkistraße in Tegel fand heute von 11-16 Uhr ein "Klimafest" statt und auf dem RAW-Gelände unweit des Bahnhofs Warschauer Straße ab 13 Uhr das Festival "Suppe & Mucke", das langjährigen Lesern dieses Blogs zweifellos ein Begriff ist: Nicht weniger als viermal, nämlich 2016, 2018, 2019 und sogar im Corona-Jahr 2020, habe ich dem Besuch dieses Festivals jeweils einen eigenständigen Artikel gewidmet. Ich gehe allerdings nicht unbedingt davon aus, dass das auch dieses Jahr wieder der Fall sein wird. – Im vorliegenden Wochenbriefing liegt der Fokus weniger auf Selbsterlebtem als in den letzten Wochen, dafür gibt es aber ein paar Reflexionen zur Europawahl und anderen Wahlen sowie Predigtnotizen zum "Gottesurteil auf dem Berg Karmel" (1. Könige 18,20-39), obwohl (oder gerade weil) ich dazu gar keine Predigt gehört habe. Garantiert frei ist diese Ausgabe des Creative Minority Report hingegen von Fußball-Content; ich kann indes nicht versprechen, dass das auch in den nächsten Wochen so bleibt... 

Ein erster Eindruck vom Klimafest. 

Was bisher geschah 

Das vergangene Wochenende verlief für mich erheblich ruhiger als die beiden vorangegangenen und auch als das aktuelle: Am Samstag fuhr meine Liebste mit unseren Kindern und einer Schulfreundin unserer Großen zum Fort Hahneberg im Spandauer Ortsteil Staaken, wo im Rahmen des "Langen Tags der Stadtnatur" ein Familienfest stattfand; ich blieb derweil zu Hause, und wir trafen uns erst zum Abendessen wieder (bei Würgerking in der Spandauer Altstadt). Den Ereignissen des Sonntags sind die Rubriken "Marmelade im Schuh" und "Endlich (wieder) Nichtwähler" gewidmet. – Die Schul- und Arbeitswoche wurde teilweise davon überschattet, dass eine hartnäckige Erkältung, verschlimmert durch chronischen Schlafmangel, mir zunehmend zu schaffen machte; ich bemühte mich aber trotzdem, mein Pensum in Sachen Kinderbetreuung, religiöse Frühförderung für den Jüngsten, Kochen für die Familie und natürlich Bloggen gewissenhaft zu erfüllen. Inwieweit mir dies bei den ersten beiden Posten dieser Aufzählung gelungen ist, mag anhand der Rubriken "Wenn der Vater mit dem Sohne (und der Tochter)" und "Immer wieder mittwochs" beurteilt werden. 


Was ansteht 

Am morgigen Sonntag werden wir wohl erneut früh aufstehen und in St. Stephanus Haselhorst zur Messe gehen "müssen", da wir danach zu einem Kinderkonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters im "Haus des Rundfunks" wollen; mehr dazu im nächsten Wochenbriefing. – Von der ersten Hälfte der anstehenden Schul- und Arbeitswoche erwarte ich, dass sie im Wesentlichen so abläuft "wie immer"; aber lassen wir uns mal überraschen. Am Donnerstag hat meine Liebste zwar keinen Unterricht, muss dafür aber abends zum Abiball ihrer Schule, was für mich bedeutet, dass ich mir etwas einfallen lassen muss, um die Kinder bei Laune zu halten, und sie wohl auch alleine ins Bett bringen muss. Am Freitag stellt sich die spannende Frage, ob ein "Straßenfest-Crawl" sich auch an einem Schul- und Arbeitstag realisieren lässt – denn es ist Fête de la Musique, in der Fußgängerzone Gorkistraße wird um 14 Uhr der Tegeler Sommer eröffnet, und in Siemensstadt gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche St. Joseph ab 16 Uhr ein Stadtteilfest, was ja schon allein unter Networking-Gesichtspunkten recht interessant sein könnte. Am Samstag ist dann wieder Wichtelgruppentreffen, ebenfalls in Siemensstadt... 


Marmelade im Schuh 

Als ich am Sonntag erwachte, fand ich mich ein Jahr älter, als ich noch am Abend zuvor gewesen war. Der Jüngste sang mir ein Ständchen, während die Große vorerst nicht wach zu kriegen war: Es war noch früher, als sie an Schultagen aufzustehen pflegt. Ein Grund für dieses frühe Aufstehen war, dass meine Schwiegermütter angeboten hatten, ab dem späten Vormittag ein paar Stunden lang etwas mit den Kindern zu unternehmen, damit meine Liebste und ich mal etwas "Zeit für uns" hätten – was indes erforderte, dass wir früher als gewohnt zur Messe gingen, nämlich in St. Stephanus Haselhorst statt in St. Joseph Siemensstadt. Über die Messe, die von Padre Ricardo aus Mexiko zelebriert wurde, gibt es nicht viel Besonderes zu sagen; danach trafen wir uns wie verabredet mit meinen Schwiegermüttern und übergaben die Kinder ihrer Obhut. Anschließend erwogen wir, zum Italian Street Food Festival zu fahren, konnten uns aber doch nicht so recht dazu entschließen – unter anderem, weil wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln mindestens eine Stunde dorthin gebraucht hätten. Also gönnten wir uns erst mal Kaffee und Kuchen in der Gorkistraße und genossen dann einen ruhigen, gemütlichen Nachmittag zu Hause. So ist das, wenn man älter wird: Statt den Drang zu verspüren, an seinem Geburtstag "einen drauf zu machen", freut man sich, wenn man sich's zu Hause gemütlich machen kann. Es stand durchaus noch der Gedanke im Raum, am Abend mit den Kindern essen zu gehen, aber als die Omas die Kinder am späten Nachmittag zurückbrachten, zeigte sich, dass der Kleine etwas kränkelte und die Große dafür umso überdrehter war – insgesamt also keine so günstigen Voraussetzungen, um nochmal rauszugehen. Also bestellten wir Sushi und bemühten uns, einigermaßen zeitig ins Bett zu kommen. 

Alles in allem muss man also wohl gestehen, dass ich schon aufregendere Geburtstage gehabt habe; aber ich finde trotzdem, dass ich allen Grund habe, froh und dankbar zu sein. Neben meiner lieben Familie haben dazu auch zahlreiche Freunde beigetragen, von denen mich zum Teil ganz unverhoffte Geburtstagsgrüße erreichten; und auch meine Anregung, man könne mir durch ein Abonnement der Patreon-Seite des Mittwochsklubs eine Geburtstagsfreude machen, blieb nicht unerhört. Obwohl da – diesen Hinweis kann ich mir nun doch nicht verkneifen – weiterhin durchaus noch Luft nach oben ist. 

Der nächste Geburtstag in unserer Familie wirft übrigens auch schon wieder seine Schatten voraus, nämlich der meiner Liebsten; aber da gebe ich noch rechtzeitig Bescheid. 


Endlich (wieder) Nichtwähler! 

Außerdem waren am Sonntag ja auch Europawahlen; ich war schon drauf und dran, diesen Abschnitt mit einer Floskel wie "Der eine oder andere wird's mitgekriegt haben" einzuleiten, aber tatsächlich war's ja kaum möglich, es nicht mitzukriegen, so sehr wie man von allen Seiten mit Ermahnungen vollgeballert wurde, wählen zu gehen. Ich muss gestehen, ich hätt's beinahe gemacht. Es gab sogar zwei Parteien, von denen ich mir hätte vorstellen können, sie zu wählen. Hab's dann aber doch bleiben lassen – und kann nach Kenntnisnahme der Ergebnisse versichern, dass, im Widerspruch zur konventionellen Weisheit derer, die einen immer zum Wählen Gehen überreden wollen, meine Stimme – egal welcher der von mir favorisierten Parteien ich sie gegeben hätte – nichts am Gesamtergebnis geändert hätte. 

Die Wahlbeteiligung in Deutschland war übrigens für eine Europawahl ungewöhnlich hoch, somit hat die unermüdliche Wahlpropaganda offenbar doch etwas gebracht – nur nicht das, was man sich von ihr versprochen hat. Dass eine hohe Wahlbeteiligung den Parteien der Mitte bzw. den etablierten Parteien nütze, eine niedrige Wahlbeteiligung hingegen den (vermeintlichen oder tatsächlichen) Extremisten, Populisten und Protestparteien, ist auch so ein Stück konventionelle Weisheit, das einem alle Wahljahre wieder aufs Brot geschmiert wird, obwohl es sich inzwischen 'rumgesprochen haben könnte, dass diese Behauptung einer empirischen Überprüfung nicht standhält. Aber es gehört offenbar zu den Ritualen des Parlamentarismus, dass man den Bürger erst einbläut, sie müssten von ihreb Wahlrecht Gebrauch machen, und sich dann beschwert, sie hätten die Falschen gewählt. 

Insgesamt und grundsätzlich halte ich es mit den handelsüblichen Argumenten für das Wählen so wie der alte Cat Stevens in "Father and Son": "If they were right, I'd agree". Wenn es tatsächlich stimmte, dass man, indem man alle soundsoviel Jahre ein Kreuz auf einen Stimmzettel malt, "Politik mitgestalten" könnte, fände ich das prima und würde mir die Gelegenheit dazu gewiss nicht entgehen lassen. Ich halte es jedoch für offenkundig, dass das nicht stimmt – außer vielleicht bei Kommunalwahlen, und da relativiert es sich wieder dadurch, dass es auf kommunaler Ebene nun wirklich effizientere Wege der politischen Beteiligung gibt als das Wählen. –

Wozu mir einfällt: Kommunalwahlen gab's an diesem Sonntag auch, in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg; das scheint im Vergleich zur Europawahl in der öffentlichen Wahrnehmung etwas untergegangen zu sein. In Brandenburg, also quasi vor unserer Haustür, hat jedenfalls die AfD gewonnen, und zwar mit Karacho. Und im Herbst ist in Brandenburg auch noch Landtagswahl; das kann ja noch spannend werden. Durchaus erwartungsgemäß hatten auch die Senioren beim Gemeindefrühstück in St. Marien Maternitas am Mittwoch so allerlei Anmerkungen zu den Wahlergebnissen vom Sonntag, aber darauf komme ich weiter unten (unter "Immer wieder mittwochs") zurück. 

Gegenüber der, wie ich immer wieder feststelle, doch recht verbreiteten Auffassung, das Wahlrecht im demokratischen Staat impliziere gewissermaßen eine moralische Pflicht, von diesem auch Gebrauch zu machen, möchte ich übrigens auf den Historiker und Politikwissenschaftler Hans Buchheim (1922-2016) verweisen, der anno 1968 bei einem Vortrag auf dem Katholikentag in Essen betonte, es sei "zwar eine gängige Forderung der sogenannten Politischen Bildung", dass jeder Staatsbürger sich an der politischen Willensbildung beteiligen müsse, aber es sei "trotzdem falsch und undemokratisch", dies jedem Einzelnen als Pflicht aufzuerlegen: "Vielmehr ist das Recht auf politische Abstinenz eines der Grundrechte einer freien Gesellschaft". Die Begründung hierfür ist frappierend: 

"Wenn alle politischen Entscheidungen frei getroffen werden sollen, dann muss das auch für die Grundentscheidung gelten, ob man sich überhaupt der Politik zuwenden will oder nicht. Wenn die Grundentscheidung nicht frei ist, dann können auch die folgenden Entscheidungen nicht frei sein. Aus den gleichen Gründen kann Wahlrecht auch niemals Wahlpflicht sein. Es ist eine der Segnungen der politischen Demokratie, dass sie, obgleich sie in fundamentaler Weise auf die politische Integration angewiesen ist, doch niemanden zwingt, sich mit Politik zu befassen oder sich politisch zu betätigen. Dagegen müssen wir feststellen, dass in den autoritären und totalitären Systemen dieses Recht auf Abstinenz von der Politik den Untertanen nicht zugestanden wird". 

Übrigens möchte ich mit diesen Anmerkungen durchaus niemandem ausreden, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Im Gegenteil, wenn jemand nach bestem Wissen und Gewissen eine Wahlentscheidung trifft und für sich selbst überzeugt ist, damit das Richtige getan zu haben, finde ich das eher beneidenswert. Wenn allerdings jemand glaubt, durch ein Kreuz auf dem Wahlzettel Europa, die Demokratie oder das Klima retten zu können, nötigt mir das eher ein Kopfschütteln ab. 


Wenn der Vater mit dem Sohne (und der Tochter) 

Nachdem unser Jüngster, wie oben bereits erwähnt, am Sonntagabend ziemlich kränklich gewirkt hatte, ging es ihm am Montagmorgen unverkennbar besser; ich beabsichtigte trotzdem, den Tag mit ihm möglichst ruhig anzugehen, zumal ich, wie ebenfalls schon erwähnt, selbst etwas angeschlagen war. Die Hoffnung, der Knabe würde – nachdem er, als wir das Tochterkind zur Schule gebracht hatten, erst mal auf den Spielplatz wollte, sich dort aber nicht allzu lange aufgehalten hatte – ausnahmsweise mal zu Hause Mittagsschlaf halten, erfüllte sich indes nicht, und so erklärte ich mich schließlich einverstanden, als er vorschlug, doch nochmal rauszugehen – und seinen Roller mitzunehmen. Das erste Ziel war der Spielplatz um die Ecke, aber nachdem wir dort keine seiner regelmäßigen Spielkameraden trafen, verkündete er: "Jetzt will ich zur Kirche!" Das war mir recht; wir steuerten also St. Joseph Tegel an, und dort angekommen, hielten wir eine Lobpreisandacht mit nicht weniger als sieben Liedern ab – zwei am Anfang, zwei mittendrin und drei am Schluss. 

Nachdem meine Liebste von der Arbeit gekommen war, gingen wir alle zusammen die Große von der Schule abholen. Auf dem Heimweg stritten sich die Kinder permanent, wobei die Gründe oder Anlässe zum Teil gar nicht ersichtlich waren; auf diese Weise waren wir schon fast zu Hause angekommen, ehe es mir einfiel, die Frage zu stellen, wo unsere Tochter eigentlich ihr Lieblings-Kuscheltier gelassen hatte. Die bittere Wahrheit: Sie hatte es in der Schule vergessen. (Bei dieser Gelegenheit mal wieder eine Bemerkung zum Thema "Warum ich es gut finde, dass unsere Tochter auf eine freie Alternativschule geht": Neulich, am Rande der Fronleichnamsfeier des Erzbistums Berlin auf dem Bebelplatz, unterhielten wir uns mit einer Bekannten, die wir nicht so oft sehen, und dabei kam die Rede auch darauf, dass unsere Tochter ihren allerliebsten Kuschelhund überallhin mitnimmt, also auch in die Schule; und die besagte Bekannte war erstaunt, dass die Schule das erlaubt. Unserer Tochter hingegen ist die Vorstellung einer Schule, die das nicht erlauben würde, vollkommen fremd – und mir zunehmend auch.) Angesichts der Aussicht, womöglich die Nacht ohne ihr Lieblings-Kuscheltier verbringen zu müssen, war unsere Große jedenfalls am Boden zerstört und flehte mich an, zur Schule zurückzufahren und das Tier zu holen. Ich befürchtete zwar, das Schulgebäude würde schon abgeschlossen sein, wenn ich ankam, war jedoch bereit, es auf den Versuch ankommen zu lassen – "aber nur wenn du mitkommst". (Diese Bedingung diente nicht zuletzt dazu, meine Liebste, die einen langen Arbeitstag ohne Pausen hinter sich hatte, nicht mit zwei gerade ziemlich auf Krawall gebürsteten Kindern allein zu lassen.) Das Tochterkind war damit einverstanden, also zogen wir los – und trafen auf dem Bahnsteig "Pater Brody", der eigentlich gerade in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war, der aber, als er mich erkannte, auf uns zukam, um uns zu begrüßen. Dabei fiel ihm auf, wie verheult das Tochterkind aussah, und er fragte, was denn los sei. Ich erzählte es ihm, er reagierte teilnahmsvoll und wünschte uns Glück für unseren Rettungsversuch. Und tatsächlich hatten wir Glück: Als wir ankamen, war der Haupteingang der Schule noch offen, beim Betreten des Gebäudes liefen wir direkt der Vertrauenslehrerin des Tochterkindes über den Weg, und die konnte sich sogar noch erinnern, wo sie den Kuschelhund zuletzt gesehen hatte, nämlich in der Werkstatt. Und da war er auch noch. Happy End! 

Der Mittwoch bekommt diese Woche mal wieder seine eigene Rubrik (s.u.); am Donnerstag war der Gedenktag des Hl. Antonius von Padua, was eigentlich ein guter Anlass für eine weitere Lobpreisandacht gewesen wäre. Die Ausführung dieses Vorgabens zögerte sich aber aus verschiedenen Gründen so lange hinaus, bis der Jüngste hochgradig mittagsschlafreif war, und folgerichtig schlief er (wieder einmal) auf dem Weg zur Kirche ein. Am Freitag, also gestern, ging ich mit ihm wieder zur Eltern-Kind-Gruppe in der "Gemeinde auf dem Weg", wo es ihm ausgesprochen gut gefiel; danach wollte der Knabe mit seinem Roller zur Skate-Anlage beim Humboldt-Gymnasium, und so blieb wieder keine Zeit für "Beten mit Musik". In diesem Zusammenhang fiel mir ein bzw. auf, dass wir schon allzu lange keine Familien-Gebetszeit mehr gehabt haben; eigentlich hatten wir mal vorgehabt, eine solche mindestens zweimal in der Woche nach dem Abendessen abzuhalten, und ich finde, dieses Vorhaben sollten wir dringend wieder aufgreifen. Gestern Abend waren die Voraussetzungen dafür, damit anzufangen, allerdings denkbar ungünstig, da der Jüngste keinen Mittagsschlaf gehabt hatte und daher am Abend völlig überdreht war... 

Immerhin wurde die Antonius-Statuette in unserem Bücherregal festlich geschmückt. 

Immer wieder mittwochs 

Am Dienstag, dem Gedenktag des Apostels Barnabas (der, wir erinnern uns, der Lieblingsheilige des Tegeler Pfarrers ist), machte die Schulfreundin, bei der unser Tochterkind von Freitag auf Samstag übernachtet hat, einen Gegenbesuch bei uns und blieb ebenfalls über Nacht; wie man sich vorstellen kann, brachte das allerlei Unruhe mit sich, aber am Mittwoch waren die Kinder trotzdem früh genug wach, dass wir zur gewohnten Zeit losgehen konnten. Folgerichtig schafften der Jüngste und ich es, nachdem wir die Mädchen zur Schule gebracht hatten, auch noch pünktlich zur Messe in St. Marien Maternitas – die diesmal von Pater Mephisto gehalten wurde; tatsächlich hatte ich schon auf dem Weg zur Kirche darüber nachgedacht, dass wir ihn schon ziemlich lange nicht mehr gesehen hatten. (Soweit ich es anhand meiner Wochenbriefings nachvollziehen kann, war das zuletzt am Aschermittwoch der Fall gewesen.) In seinen Begrüßungsworten machte Pater Mephisto besonders auf die 1. Lesung aufmerksam: das Gottesurteil auf dem Berg Karmel aus 1. Könige 18,20-39. In dieser ganzen Woche, so betonte er, gehe es in der jeweiligen 1. Lesung um das Wirken des Propheten Elíja, und es lohne sich, diese ganze Geschichte einmal im Zusammenhang zu lesen. Dieser Empfehlung kann ich nur beipflichten: Schon in meiner allerersten Kinderbibel habe ich die Abschnitte über den Propheten Elíja mit Begeisterung gelesen, und den über das Gottesurteil auf dem Karmel ganz besonders. Indes kann auch ein Bibeltext, den man schon seit einer gefühlten Ewigkeit kennt, immer wieder neue Denkanstöße vermitteln; und so stellte ich fest, dass diese 1. Lesung zum Mittwoch der 10. Woche im Jahreskreis allerlei enthält, wozu ich gern mal eine Predigt hören würde (oder bei Bedarf vielleicht auch selber eine schreiben könnte). Zum Beispiel: 

  • In Vers 22 sagt Elíja: "Ich allein bin als Prophet des HERRN übrig geblieben; die Propheten des Baal aber sind vierhundertfünfzig." An dieser Stelle konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass verglichen mit so einem Zahlenverhältnis die rechtgläubigen Katholiken in Deutschland gegenüber den Verfechtern des Schismatischen Weges noch gar nicht so schlecht dastehen. 
  • Wenn Elíja die Baalspriester verspottet, weil ihr Gott offensichtlich nicht auf ihre Gebete reagiert – "Ruft lauter! Er ist doch Gott. Er könnte beschäftigt sein, könnte beiseitegegangen" (in anderen Übersetzungen, etwa in der Elberfelder, steht an dieser Stelle "austreten gegangen", und ich gehe davon aus, dass damit tatsächlich gemeint ist "Vielleicht ist euer Gott gerade auf dem Klo") "oder verreist sein. Vielleicht schläft er und wacht dann auf" (V. 27) –, erinnert das frappierend daran, wie heutzutage manche Vulgäratheisten in den Sozialen Medien über Christen spotten. Das heißt, gerade das allzu anthromorphistische, materialistisch-krude heidnische Gottesbild, über das Elíja sich hier lustig macht, wird heute Christen unterstellt. Oder sollte man annehmen, dass sich darin vor allem die Gottesvorstellungen der Atheisten ausdrücken, und müsste man darauf eigentlich erwidern "An das, was du dir unter Gott vorstellst, glaube ich auch nicht"? 
  • Bemerkenswert ist es in jedem Fall, wie sicher Elíja sich ist, dass ihn sein Gott erhören wird und es ihm also nicht so ergehen wird wie den Baalspriestern. Den "Versuchsaufbau" mit dem Brandopferaltar, den Gott selbst entzünden soll, mag man als einen klassischen Fall von "Don't try this at home, kids" betrachten und sich, wie es Jesus in der Wüste gegenüber dem Satan getan hat, darauf berufen, dass es in der Schrift auch heißt "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen" (Mt 4,7; vgl. Deut 6,16); aber eine Lektion zum Thema Gottvertrauen steckt wohl doch darin. 
  • Nicht Bestandteil der Lesung ist V. 40, in dem Elíja das versammelte Volk dazu aufruft, die Baalspriester niederzumachen, was dann auch prompt geschieht: Es hat sich erwiesen, dass sie einen falschen Gott verkündigt haben, und damit ist ihr Leben verwirkt. Das entspricht nun nicht gerade unseren heutigen Vorstellungen von religiöser Toleranz; sollte man daher einfach froh und dankbar sein, dass die Leseordnung diesen Vers auslässt, oder ist es doch möglich, etwas Sinnvolles dazu zu sagen, ohne sich entweder auf die schiefe Bahn des historischen Relativismus zu begeben ("So war das damals eben, heute sind wir da weiter") oder sich dem Verdacht auszusetzen, religiös motivierte Gewalt gutzuheißen? 

Beim Gemeindefrühstück im Anschluss an die Messe dauerte es kaum zehn Minuten, bis jemand – ich glaube, es war der "Erzlaie" – die Frage in den Raum warf, ob die Anwesenden denn mit den Wahlergebnissen zufrieden seien. "Nein!", rief daraufhin einer der alten Herren am Tisch. "Die AfD hat noch zu wenig Stimmen gekriegt." Der weitere Verlauf des Tischgesprächs legte allerdings die Vermutung nahe, dass das entweder ironisch gemeint war oder höchstens im Sinne von "Vielleicht braucht es noch mehr Stimmen für die AfD, damit die etablierten Parteien endlich aufwachen und bessere Politik machen". Tatsächlich hätte diese Gesprächsrunde – wenn nicht alle so beharrlich durcheinander geredet hätten, dass ich kaum mal einen ganzen Satz mitbekam, zumal mein Jüngster ja auch noch meine Aufmerksamkeit beanspruchte – ein interessantes Anschauungsbeispiel für ein gutbürgerlich-konservatives Milieu abgeben können, das zwar wohl mit einigen Positionen der AfD übereinstimmt (mit anderen aber auch nicht: Von "dumpfen Vorurteilen" gegenüber Migranten und "allen, die irgendwie anders aussehen" grenzte man sich entschieden ab), aber die Vorstellung, diese Partei tatsächlich zu wählen, schlichtweg degoutant findet. Dass die AfD gerade im Osten Deutschlands so erfolgreich ist, wurde darauf zurückgeführt, dass die Leute dort noch aus DDR-Zeiten daran gewöhnt seien, vom Staat zu erwarten, dass er sich um alle Probleme kümmert; immerhin ein interessanter Gedanke, den man mal vertiefen könnte oder sollte. Derweil urteilte der "Erzlaie", gerade der Umstand, dass in den Medien permanent auf der AfD herumgehackt werde, veranlasse viele Leute, sie zu wählen: "Das ist die Psychologie der Massen." (Frappierend finde ich es übrigens immer, dass Leute, die sich auf die Psychologie der Massen berufen, stillschweigend vorauszusetzen scheinen, dass sie selbst nicht zur "Masse" gehören.) – Auf der anderen Seite wurde dem "Bündnis Sahra Wagenknecht" vorgeworfen, es sei schlechter Stil, eine Partei nach einer einzelnen Person zu benennen. "Unmöglich" sei das und zeige, dass die Parteigründerin eine "Egomanin" sei. Wofür das BSW inhaltlich steht und ob nicht manches davon gerade konservativen Gemütern durchaus sympathisch sein könnte, kam da gar nicht in den Blick. 

Am Nachmittag holte ich zusammen mit dem Jüngsten unsere Große von der Schule ab, um mit beiden Kindern zum JAM zu fahren. Als eine etwas (aber wohl nur wenig) ältere Mitschülerin die Große fragte, ob sie an diesem Nachmittag noch was vorhätte, antwortete sie, wir würden jetzt "zu einer Kinderkirche" fahren; die Mitschülerin fand das, so wörtlich, "cool". Na guck an. Meine Liebste, die direkt von der Arbeit kam, stieß erst an der Bushaltestelle in Haselhorst zu uns. Eigentlich hatte sie wieder einmal die Absicht, zum Elterncafé zu gehen; aber kaum bemerkte unser Jüngster, dass seine Mami nicht mehr in Sichtweite war (nachdem er sie ja gerade erst wiedergesehen hatte), forderte er kompromisslos, zu ihr gebracht zu werden. Also brachte ging ich mit ihm ebenfalls zum Elterncafé, eigentlich in der Absicht, ihn dort abzugeben und zur Kinderkatechese zurückzukehren. Erst mal nutzte ich aber die Gelegenheit, mir einen Becher Kaffee einzuschenken, und kaum hatte ich dies getan, da kam mir auch schon der Gedanke: Och, wo ich schon mal hier bin, könnte ich eigentlich ausnahmsweise auch hier bleiben. Und siehe da, es war gar nicht schlecht! Das Thema des Tages lautete "Großzügigkeit", und in der Hauptsache handelte es sich um einen Erfahrungsaustausch dazu, wie es ist, unverhofft ein großes Geschenk zu bekommen, und auch dazu, wie schwer es manchmal fallen kann, ein solches Geschenk anzunehmen. Im Hintergrund stand dabei – wie man sich wohl denken kann – der Gedanke, dass sich in der Großzügigkeit, die Menschen einander erweisen, die Liebe Gottes zu uns widerspiegelt und dass das größte und unverdienteste Geschenk die Vergebung der Sünden ist. – Bei den Kindern ging es derweil, wie das Tochterkind mir auf Nachfrage erzählte, mit der Apostelgeschichte weiter; konkret war diesmal davon die Rede, wie Paulus erst dem römischen Statthalter und dann dem König Agrippa vorgeführt wird. Im Gegenzug erzählte ich ihr von der 1. Lesung in der Messe am Morgen. 


Geistlicher Impuls der Woche 
Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.
Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht! Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein. 

Ohrwurm der Woche 

Judy Garland: I Got Rhythm 

Dass dieser Klassiker aus der Feder von George und Ira Gershwin es zum Ohrwurm der Woche gebracht hat, ist, wie ich gestehen muss, primär einer Folge meiner neuen Lieblingsfernsehserie zu verdanken: "Young Sheldon". Ja, ich bin total verliebt in diese Serie; vielleicht muss ich mal darüber bloggen, was ich an ihr so toll finde. Jedenfalls: In Folge 16, "Killerasteroiden, Rebellion und Lampenfieber", beschließt Sheldon, nachdem er bei einer Wissenschaftsausstellung an seiner Schule nur einen Trostpreis gewonnen hat, die Wissenschaft an den Nagel zu hängen und stattdessen lieber Schauspieler werden zu wollen. Beim Vorsprechen für die Schultheatergruppe singt er u.a. "I Got Rhythm" und steppt dazu, zuerst solo, dann im Duett mit dem Schauspiellehrer. Ich vermute, dass diese Sequenz nicht zuletzt dazu konzipiert war, die Talente des Hauptdarstellers Iain Armitage – dessen Mutter Theaterproduzentin ist und der schon vor seinem Schauspieldebüt einen YouTube-Kanal mit Musical-Rezensionen ("Iain Loves Theatre") betrieb – bestmöglich zur Geltung zu bringen, aber wie dem auch sei: Der Song ist nicht umsonst ein Evergreen, er sprüht einfach vor guter Laune. – Und dann wartete ich neulich morgens mit den Kindern auf die S-Bahn, um die Große zur Schule zu bringen, und kam spontan auf die Idee, zur Überbrückung der Wartezeit auf YouTube in verschiedene Versionen von "I Got Rhythm" 'reinzuhören. Die von Judy Garland gesungene Version gefiel mir am besten – während die Kinder von einer Taube begeistert waren, die über den Bahnsteig stolzierte und dabei den Kopf im Rhythmus der Musik zu bewegen schien. Die "tanzende Taube" war noch für den Rest des Tages und den nächsten ein angesagtes Gesprächsthema... 


Freitag, 14. Juni 2024

Keine wundersame Würstchenvermehrung

...oder Warum die Volkskirche nicht zu feiern versteht 

Aufmerksamen Lesern meines Blogs wird es vielleicht aufgefallen sein, dass ich mich im Vorfeld der diesjährigen Spandauer Fronleichnamsfeier recht skeptisch über den geselligen Teil der Veranstaltung geäußert hatte – ein kleines Pfarrfest im Garten der Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen im Anschluss an die Prozession. Nun will ich gleich vorausschicken, dass das Fest, gemessen an meinen Erwartungen, gar nicht so schlecht war. Ironischerweise war das bei jenem Pfarrfest in Herz Jesu Tegel vor knapp fünf Jahren, das mich erstmals dazu veranlasst hat, darüber zu reflektieren, warum die Volkskirche nicht zu feiern versteht, schon genauso. Wer also möchte, kann das ganze Thema unter "Der Klein hat halt immer was zu quaken" abhaken und braucht dann an dieser Stelle eigentlich nicht mehr weiterzulesen.

Herzlich zum Weiterlesen eingeladen sind hingegen diejenigen Leser, die verstehen, dass es mir hier gar nicht so sehr darum geht, Kritik an diesem konkreten Pfarrfest zu üben; vielmehr bietet dies nur den Anlass, grundsätzliche Erwägungen dazu anzustellen, wie Pfarrfeste sein sollten oder sein könnten und warum sie oftmals eben nicht so sind. Fangen wir trotzdem mal damit an, was an diesem konkreten Pfarrfest gut war: Das war zum einen das Wetter – aber das kann man ja schlecht planen; noch ein paar Tage zuvor hatten die Wetteraussichten erheblich schlechter ausgesehen – und zum anderen die Tatsache, dass der Spielplatz der an das Kirchengrundstück angrenzenden KiTa während des Fests frei zugänglich war. Auch den Programmbeitrag des Kinderwortgottesdienst-Arbeitskreises würde ich gern zu den Dingen zählen, die an diesem Pfarrfest gut waren; aber da bin ich voreingenommen, das mögen Andere beurteilen.

Was mir nicht gefiel, war, dass das Fest um Punkt 14 Uhr praktisch vorbei war. Da ich bei einem Vorbereitungstreffen für die Fronleichnamsfeier war, kann ich bezeugen, dass das seitens der Veranstalter ausdrücklich gewollt war: eine bis eineinhalb Stunden für die Messe, eine bis eineinhalb Stunden für die Prozession, eine bis eineinhalb Stunden für den geselligen Teil, und dann sollten die Leute gefälligst nach Hause gehen. Ich denke, es liegt auf der Hand, dass die kurze Dauer nur ein Aspekt eines Gesamtphänomens ist, das ich in meinem Artikel über das Pfarrfest in Herz Jesu Tegel im Sommer 2019 als "minimalistische Grundhaltung" charakterisiert habe: Man will das Ding einfach mit möglichst wenig Aufwand über die Bühne bringen, wozu auch gehört, dass das Pfarrfest die Pfarrei möglichst nichts kosten soll. (Auf den Kostenaspekt wird noch ausführlich zurückzukommen sein.) Einen bedeutenden Unterschied zwischen Tegel 2019 und Spandau 2024 habe ich dabei allerdings festgestellt: In Tegel hatte ich den Eindruck, dieser Minimalismus rühre aus einer Art "vorauseilender Frustration"; genauer gesagt, aus der im Zuge der Vorbereitungen wiederholt mal mehr, mal weniger explizit geäußerten Haltung "Wir sollten nicht so viel Aufwand betreiben, nachher kommt sowieso nur eine Handvoll Leute". In Spandau dagegen wurde die Veranstaltung von vornherein nur für maximal 200 Leute geplant, damit man nicht so viel Aufwand hat; um's noch deutlicher zu sagen, es war gar nicht gewollt, dass mehr als 200 Leute kommen. Bei dem Vorbereitungstreffen, an dem ich teilnahm, fiel explizit der Satz "Wir bestellen 200 Würstchen und 200 Brötchen, und wenn die alle sind, dann gehen die Leute auch nach Hause." Hashtag #kannstedirnichtausdenken.

Man bedenke: Die Fronleichnamsfeier ist einer der wenigen Anlässe im Kirchenjahr, bei denen die ganze Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland gemeinsam feiert, anstatt dass jeder in seiner angestammten Teilgemeinde bleibt. Mit anderen Worten, eine der wenigen Gelegenheiten, etwas dafür zu tun, dass die 2023 gegründete Großpfarrei zusammenwächst, ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Dem Pastoralplan zufolge, den man von der Website der Pfarrei als pdf-Datei downloaden kann, leben auf dem Gebiet der Pfarrei rund 16.000 Katholiken (Stand: 2021); selbst wenn man von einer bescheidenen Gottesdienstbesuchsquote von 6-7% ausgeht, kommt man auf rund 1000 regelmäßige Kirchgänger. In einer Pfarrei dieser Größe ein Pfarrfest für 200 Leute zu planen, sendet ein verhängnisvolles Signal: Man geht offenbar davon aus, selbst bei der Stammklientel nur auf mäßiges Interesse zu stoßen, und dass man mit einem solchen Fest auch Leute ansprechen könnte, die (noch) nicht zur Kerngemeinde gehören, wird erst recht nicht in Betracht gezogen.

Nun argumentiere ich ja schon seit Jahren, sich bei der Vorbereitung eines Events permanent zu sagen "Da kommt ja sowieso keiner" sei eine self-fulfilling prophecy: Wenn man die Planung eines Events Leuten überlässt, die davon überzeugt sind, dass dieses Event nur eine Handvoll Leute interessiert, kommt dabei nahezu zwangsläufig etwas heraus, wofür sich tatsächlich nur eine Handvoll Leute interessiert, wenn überhaupt. Wenn man eine Veranstaltung plant, die nach Möglichkeit um 14 Uhr zu Ende sein soll, weil man davon ausgeht, dass die Leute dann nach Hause wollen, kommt dabei etwas heraus, wo tatsächlich niemand Lust hat, länger als bis 14 Uhr zu bleiben. Die oben angesprochene Begründung dafür, nur 200 Würstchen und 200 Brötchen zu bestellen – "Wenn die alle sind, dann gehen die Leute auch nach Hause" –, illustriert diesen Sachverhalt im Grunde perfekt. Dennoch glaube ich inzwischen, der Kausalzusammenhang zwischen Erwartung und Ergebnis ist doch etwas komplexer, als die Bezeichnung "self-fulfilling prophecy" es nahelegt. Ich glaube, dieser Kausalzusammenhang ähnelt eher einer Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Zum Teil, denke ich, sind Pfarrfeste deshalb so, wie sie sind, weil die Leute, die da hingehen, sie tatsächlich so haben wollen. Na klar, könnte man sagen, deshalb gehen sie ja hin, und die, deren Vorstellungen von einem gelungenen Fest das eher nicht entspricht, gehen eben nicht hin. So entsteht eine Art Echokammer des "Das haben wir schon immer so gemacht", aus der gemeinsam mit dem Wunsch, etwas zu verändern, auch das kreative Potential, Veränderungen überhaupt denkbar zu machen, mehr oder weniger konsequent verbannt wird. Das betrifft wohlgemerkt nicht nur die Organisation von Pfarrfesten, sondern nahezu alle Aspekte des Gemeindelebens in der sterbenden Volkskirche, und daher müsste man es wohl mal an anderer Stelle vertiefen. Indes liegt es wohl auf der Hand, dass es schwierig und riskant ist, den Kreislauf des "Das haben wir schon immer so gemacht" zu durchbrechen: Veränderungen bergen die Gefahr, die Stammklientel zu irritieren, schlimmstenfalls zu vergraulen, während es durchaus nicht ausgemacht ist, dass es gelingt, durch diese Veränderungen neue Zielgruppen zu erschließen (zumal wenn diese ihrerseits aus Erfahrung und Gewohnheit davon ausgehen, dass das betreffende Angebot "nichts für sie ist"). Dass es dennoch möglich ist, mit diesem Wagnis Erfolg zu haben, zeigt beispielsweise das "Patronats- und Siedlungsfest" in St. Joseph Tegel, das in diesem und letztem Jahr jeweils am 1. Mai stattfand; es dürfte sich daher lohnen, darüber nachzudenken, warum es da funktioniert.

Sagen wir es geradeheraus: Ein grundlegendes Problem bei Pfarrfesten in durchschnittlichen volkskirchlichen Gemeinden ist, dass Menschen schlichtweg keinen besonderen Grund haben, zusammen zu feiern, wenn sie außer der Tatsache, dass sie für eine Stunde am Sonntag zusammen die Kirchenbank drücken, nichts miteinander verbindet. Wie das Beispiel St. Joseph Tegel demonstriert, besteht sogar unter Eltern, deren Kinder zusammen in die KiTa gehen, ein intensiveres Gemeinschaftsgefühl als unter den Mitgliedern einer Kirchengemeinde. Und das ist ein womöglich recht bezeichnendes Beispiel: Kleine Kinder zu haben – ob die nun in die KiTa gehen oder nicht –, schafft einen Fundus gemeinsamer Erfahrungen, gemeinsamer Freuden und Sorgen, Herausforderungen und Frustrationen, der eine gute Basis dafür bildet, auf einen Nenner zu kommen. Wenn ich mit meinem Jüngsten (oder mit beiden Kindern, wenn die Große gerade nicht in der Schule ist) in der Stadt unterwegs bin und anderen Eltern mit Kindern in einem ähnlichen Alter begegne, dann grüße ich die, ganz automatisch, egal ob ich sie vorher schon mal gesehen und mit ihnen gesprochen habe oder nicht. Einfach aus dem Gefühl heraus, wir gehören zum selben Club. So ähnlich wie es in der Frühzeit des Automobils, als noch nicht jeder eins hatte, üblich gewesen sein soll, dass Autofahrer einander grüßten, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Dass die Kirche es nicht schafft, dieses Maß an Gemeinschaftsgefühl unter ihren Mitgliedern zu erzeugen, ist eigentlich bedenklich.

Man könnte an dieser Stelle die Frage aufwerfen, ob es nicht etwas unfair sei, diese Beobachtung mit dem Begriff "Volkskirche" in Verbindung zu bringen; ob es sich nicht vielmehr gerade um ein post-volkskirchliches Problem handle – also eines, das gerade durch das Absterben der alten Volkskirche bedingt sei und das es zu Zeiten, als die Volkskirche noch gesund und intakt gewesen sei, gerade nicht gegeben habe. Dieser Einwand wirft allerdings die Gegenfrage auf, wann genau das eigentlich gewesen sein soll. Lothar Zenetti, seinerzeit Stadtjugendpfarrer in Frankfurt am Main, beschrieb jedenfalls schon 1966 den auffälligen Kontrast zwischen der "Familiarität und Herzlichkeit", die er in einer freikirchlichen Gemeinde erlebte ("Ich sehe, dass die meisten Leute sich begrüßen und leise ein paar Worte wechseln, wenn sie sich zueinander setzen"), und der "eigenartige[n] Distanz und Kühle" unter den Teilnehmern einer katholischen Messe: "Keiner nahm Notiz vom anderen. Jeder suchte sich einen Platz in der Bank, betete kurz und setzte sich nieder".

Derselbe Kontrast ist mir auch aus eigener Anschauung geläufig, und mein Paradebeispiel dafür ist bekanntlich die EFG The Rock Christuskirche in Haselhorst, wo, wie ich schon mehrfach in meinen Wochenbriefings notiert habe, "jeden Sonntag Gemeindefest" ist. Natürlich kommen da nicht jede Woche 200 Leute, und es gibt auch nicht jede Woche Würstchen vom Grill; aber hin und wieder eben doch. Das Entscheidende ist indes, dass die dortigen Gemeindemitglieder gern nach dem Gottesdienst noch Zeit miteinander verbringen, statt dass jeder schnell nach Hause will, um sein jeweils eigenes Mittagessen auf den Tisch zu bringen. Das Gemeindeleben steht da einfach auf einer höheren Prioritätsstufe als beim durchschnittlichen volkskirchlichen Gottesdienstbesucher. Die Leute kennen sich, mögen sich (vielleicht nicht jeder jeden und sicherlich nicht jeder jeden gleichermaßen, aber grundsätzlich eben doch) und nehmen Anteil am Wohl und Wehe der jeweils anderen. Hat ein Gemeindemitglied ein besonders wichtiges oder dringliches Anliegen, wird im Gottesdienst dafür gebetet. So etwas gibt es durchaus nicht nur in Freikirchen – ich habe es z.B. auch schon in der (ziemlich charismatisch ausgerichteten) katholischen Kirche St. Clemens am Anhalter Bahnhof erlebt –, aber im volkskirchlichen Normalbetrieb wird für Gemeindemitglieder meist erst dann gebetet, wenn sie tot sind.

Nun hat mir mal ein Leser meines Blogs gesagt, ich könne doch das Gemeinschaftsgefühl, das in freikirchlichen Gemeinden herrsche, nicht zum Maßstab für volkskirchliche Gemeinden machen, und ich verstehe diesen Einwand durchaus; schließlich ist es kennzeichnend für das Modell Volkskirche, dass die Kirchenzugehörigkeit nicht vom Maß des persönlichen Engagements und der Identifikation mit der Gemeinde abhängt. Verteidiger dieses Kirchenmodells betrachten gerade dies als eine Stärke und einen Vorzug, weil dadurch auch die nicht so Engagierten "mitgenommen" werden; und ich will auch nicht unbedingt bestreiten, dass da was dran ist. Problematisch wird's aber, wenn diese "nicht so Engagierten" innerhalb der Gemeinde tonangebend und maßstabsetzend werden. – Der besagte Leser meinte weiterhin, eine so intensive Gemeinschaft wie in freikirchlichen Gemeinden gebe es innerhalb der katholischen Kirche wohl in Geistlichen Gemeinschaften wie dem Neokatechumenalen Weg oder der Charismatischen Erneuerung. Da finde ich es nun wiederum bezeichnend, dass diese und ähnliche Gruppierungen nicht wenigen "Normalkatholiken" ausgesprochen suspekt sind, und zwar gerade wegen des Maßes an Gemeinschaft, das in ihnen praktiziert wird und das vielfach als extrem und potentiell schädlich angesehen wird; nicht selten ist von der Gefahr der Sektenbildung die Rede. Warum? Offenbar scheint die Vorstellung recht verbreitet zu sein, intensive Gemeinschaft "nach innen" bedinge umso stärkere Abschottung "nach außen". Mit meinen Erfahrungen deckt sich diese Annahme ganz und gar nicht: Ich möchte vielmehr behaupten, eine intensive Gemeinschaft wirkt nicht nur anziehend auf Außenstehende, sondern ist auch erheblich besser geeignet, Außenstehende zu integrieren, als eine nur lose vernetzte Gruppe von Leuten, die im Wesentlichen alle ihr eigenes Ding machen. Warum das so ist, ist eigentlich unschwer einzusehen: In einer Gemeinde, in der sich mehr oder weniger alle kennen und ein freundschaftliches Verhältnis zueinander pflegen, fällt es einfach eher auf, wenn "jemand Neues" zum Gottesdienst (oder auch zu einer anderen Veranstaltung) erscheint, und da findet sich dann auch leicht jemand, der auf die "Neuen" zugeht. Hallo, schön dass ihr da seid, was führt euch hierher, wie gefällt's euch bei uns, wir haben übrigens dann und dann noch diese und jene Veranstaltung, vielleicht wär das auch was für euch. In einer durchschnittlichen volkskirchlichen Gemeinde kann man dagegen wochen- und monatelang zum Sonntagsgottesdienst gehen, ohne dass jemand Notiz von einem nimmt – oder man wird als störend wahrgenommen, weil man sich nichtsahnend auf den Stammplatz der Kolping-Ortsvorsitzenden gesetzt hat oder die Kinder zu laut sind.

An dieser Stelle ein Gedanke, den meine Liebste eingebracht hat: Wenn davon die Rede ist, dass die Kirche sich bemühen müsse, "gesellschaftlich relevant" zu bleiben, dann wird darunter in der Regel verstanden, dass Kommunalpolitiker, Vertreter zivilgesellschaftlicher Institutionen und sonstige Personen des öffentlichen Lebens zum Neujahrsempfang der Pfarrei kommen und umgekehrt auch Kirchenvertreter zu ihren Empfängen einladen. Wäre es nicht ein viel erstrebenswerteres Ziel, die Relevanz der Kirchengemeinde für das persönliche Leben ihrer Mitglieder zu stärken?

Lassen wir diesen Gedanken mal ein bisschen sacken; weiter oben hatte ich in Aussicht gestellt, dass ich noch ausführlich auf Fragen der Finanzierung von Pfarrfesten eingehen wolle, und zu Überleitungszwecken möchte ich erst einmal auf einen Aspekt eingehen, der nur indirekt bzw. nur nebenbei mit Geld zu tun hat: Es gehört zum typischen Erscheinungsbild von Pfarrfesten, dass Gemeindemitglieder selbstgebackenen Kuchen und selbstgemachte Salate mitbringen, und das betrachte ich grundsätzlich auch als eine sehr gute Sache. Bei dem Vorbereitungstreffen für die Fronleichnamsfeier, an dem ich teilnahm, war nun die Rede davon, in den Kirchen Listen auszulegen, in die sich diejenigen Gemeindemitglieder, die etwas zum Büffet beitragen wollten, eintragen sollten. Ich wandte an dieser Stelle ein, es könne zwar sein, dass meine Erinnerung mich trügt, aber ich meinte mich zu erinnern, dass im letzten Jahr, als die Fronleichnamsfeier von beiden Spandauer Großpfarreien gemeinsam ausgerichtet wurde, explizit beschlossen worden sei, keine solchen Listen auszulegen, da das im Zweifel eher abschreckend wirke; außerdem zeige die Erfahrung, dass es so ziemlich das geringste Problem bei der Organisation eines Pfarrfests sei, genügend Leute zu finden, die bereit seien, etwas zum Büffet beizutragen. Auf diese Wortmeldung hin wurde ich angestarrt, als käme ich von einem anderen Stern. Keine Listen auslegen, das gehe doch nicht, man brauche doch Planungssicherheit.

Nun gut: Voriges Jahr hatte ich, zusammen mit den Kindern, einen Kuchen gebacken und einen Salat gemacht und beides fürs Büffet gespendet; dieses Jahr nicht. Das lag aber zugegebenermaßen nicht nur daran, dass ich keine Lust hatte, mich in eine Liste einzutragen. Der eigentliche Hauptgrund war, dass wir am Tag vor der Fronleichnamsfeier auf einem Straßenfest-Crawl waren und daher schlicht keine Zeit und Muße zum Kuchenbacken hatten. Nicht so richtig Lust darauf hatte ich aber auch noch aus einem anderen Grund, und der hatte nun doch etwas mit Geld zu tun: Ich meine die bei Pfarrfesten verbreitete Praxis, für Speisen, die die Gäste selbst mitgebracht haben, Geld zu verlangen. Machen wir uns mal klar, was das heißt: Ich kaufe die Zutaten für einen Kuchen, rühre ihn selbst an, backe ihn in meinem eigenen Ofen, verziere ihn, und dann gebe ich ihn beim Büffet ab und muss daraufhin einen Euro bezahlen, wenn ich selbst ein Stück davon essen möchte. Bizarr, oder? 

Seit es sich herumgesprochen hat, dass der Verkauf von Speisen und Getränken auf Pfarrfesten umsatzsteuerpflichtig wäre, sind die angegebenen Preise offiziell nur noch Spendenvorschläge. Was indes nichts daran ändert, dass von den Gästen erwartet wird, mindestens so viel zu zahlen. Bei der Spandauer Fronleichnamsfeier lautete der pauschale Spendenvorschlag für alles "1 Euro": Ein Euro für jede Tasse Kaffee, jedes Stück Kuchen, jeden Teller Salat und auch jedes der streng limitierten Würstchen im Brötchen. Eine Mischkalkulation, wie beim Vorbereitungstreffen erläutert wurde: Würstchen und Brötchen sowie Erfrischungsgetränke in Flaschen kosteten die Veranstalter schon im Einkauf mehr als einen Euro pro Stück; das sollte dadurch ausgeglichen werden, dass derselbe Preis (pardon: Spendenvorschlag) auch für Dinge berechnet wird, die die Veranstalter erheblich weniger (wie Kaffee) oder gar nichts (wie die gespendeten Kuchen und Salate) kosten. Klingt erst mal clever, aber ich habe dazu eine grundsätzliche Anfrage: Woher kommt eigentlich die Idee, dass Pfarrfeste möglichst ihre Kosten decken, wenn nicht sogar Gewinn abwerfen sollten? Wieso lässt eine Pfarrei sich ein Pfarrfest nicht etwas kosten und betrachtet das als eine Investition in ihre Zukunft? Zumal, wie ich weiter oben schon schrieb, die Fronleichnamsfeier der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland eine der wenigen Gelegenheiten im Kirchenjahr ist, "etwas dafür zu tun, dass die 2023 gegründete Großpfarrei zusammenwächst, ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt". Sollte man sich diese Gelegenheit nicht etwas kosten lassen? 

Auch wenn man es grundsätzlich legitim finden mag, wenn die Verantwortlichen Wert darauf legen, dass ein Pfarrfest wenigstens einen Teil seiner Kosten direkt wieder "einspielt", muss ich doch sagen, dass ich es ziemlich abtörnend finde, wenn man für jeden Schluck und jeden Bissen einzeln zur Kasse gebeten wird und einem, wie meine Liebste es mal (leicht polemisch zugespitzt) formuliert hat, "jede Nudel einzeln auf den Teller gezählt wird". Da kommt einfach kein Gemeinschaftsgefühl auf, da fühlt man sich nicht eingeladen zu einem Fest, sondern bestenfalls wie zahlende Kundschaft; und, um mal einen ehemaligen Arbeitskollegen zu zitieren: Es hat schon seinen Grund, dass "Kunde im Osten ein Schimpfwort war".

Fragen wir uns auch hier wieder: Wie handhaben Andere das? Hier braucht man gar nicht auf das Beispiel freikirchlicher Gemeinden zu verweisen (wenngleich auch das sicherlich illustrativ wäre): Etwas, was ich bei der "Community Networking Night" im Baumhaus gelernt habe, ist das Prinzip "pay for the experience". Die genannte Veranstaltungsreihe zielt – unter anderem – durchaus auch darauf ab, Spendeneinnahmen zu generieren, die einen nicht unwesentlichen Baustein für die Finanzierung des Projektraums Baumhaus darstellen. Dabei wird aber Wert darauf gelegt, dass die Teilnehmer sich als Gäste fühlen, und dazu gehört, dass ihnen nicht das Gefühl vermittelt wird, sie müssten für das Essen bezahlen, das bei der Veranstaltung aufgetischt wird. Das Büffet sowie Kaffee, Tee und Wasser sind explizit gratis, andere Getränke können selbst mitgebracht werden. – Und wo kommen nun die Einnahmen her? Daher, dass am Ausgang ein Spendenglas steht, in dem die Besucher am Ende des Abends einen Betrag in selbstgewählter Höhe hinterlassen sollen. Für das Gesamtpaket. Sie sollen selbst entscheiden, was der Abend ihnen wert war bzw. wie wichtig es ihnen ist, die Veranstalter zu unterstützen. So funktioniert "pay for the experience" – aber das funktioniert natürlich nur, wenn man den Besuchern auch eine "experience" bietet, die ihnen etwas wert ist. Womit wir wieder am Anfang unserer Erwägungen wären. 

(Ich ahne übrigens den Einwand, man könne doch nicht einfach ein Spendenglas offen und unbeaufsichtigt irgendwo 'rumstehen lassen – da würden doch Leute das Geld klauen. Zugegeben: Das kann passieren. Aber sollte man nicht gerade "als Kirche" das Gottvertrauen haben, dass einen so etwas letztlich nicht ruinieren wird?)

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass man gar nicht unbedingt "in die Ferne schweifen" muss, um Beispiele dafür zu finden, dass es auch anders geht: Man kann diese Erfahrung sehr wohl auch innerhalb der katholischen Kirche machen, ja, was das Beispiel Spandau angeht, bemerkenswerterweise sogar innerhalb derselben Pfarrei. Ich denke da konkret daran, wie in St. Joseph Siemensstadt der Geburtstag des Pfarrvikars nachgefeiert wurde: an die Stimmung, die da herrschte, aber nicht zuletzt auch an das Essen, das da aufgetafelt wurde. Und da fragte niemand danach, wer das eigentlich bezahlt hatte; da hieß es einfach: Der Herr war großzügig. Vielleicht sollte man sich mal Gedanken darüber machen, bei was für Gelegenheiten und unter was für Voraussetzungen der Herr sich als großzügig erweist und wann nicht; und was für Konsequenzen daraus zu ziehen wären. 


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