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Mittwoch, 4. Dezember 2024

Karlchen trifft Jesus oder: Ein nicht erhörtes Gebet ist kein Beinbruch

Ziemlich zu Beginn des laufenden Schuljahres wurde unser Tochterkind zum Geburtstag einer ihrer neuen Mitschülerinnen eingeladen; leider hatten wir an dem Tag schon volles Programm, besorgten aber trotzdem ein Geschenk für das Mädchen: das Buch "Karlchen hilft allen, ob sie wollen oder nicht" von Lisa-Marie Dickreiter und Andreas Götz. Bücher zu verschenken, die man nicht zuvor selbst gelesen hat, mag ein bisschen riskant sein, gerade bei Kinderbüchern und gerade heutzutage – das ist ein Thema, auf das ich wohl an anderer Stelle mal ausführlicher und grundsätzlicher zu sprechen kommen muss. Aber das "Karlchen"-Buch machte einfach einen guten ersten Eindruck: Es geht darin um ein fünfjähriges Mädchen (Karla, genannt Karlchen), das mit seiner Familie auf einem Bauernhof im Schwarzwald lebt und mit seiner großen Hilfsbereitschaft unabsichtlich allerlei Chaos stiftet; und ein freundliches Hängebauchschwein namens Umberto kommt auch drin vor. Was konnte man damit schon falsch machen? – 

Offenbar nix, denn als einige Wochen später unser Tochterkind Geburtstag hatte und die besagte Mitschülerin dazu einlud, rief mich deren Vater an: Wir hätten seiner Tochter ja dieses tolle Karlchen-Buch geschenkt, und dazu gebe es auch eine Fortsetzung; ob wir die schon kennten? Ich verneinte, und so bekam unsere Große zu ihrem Geburtstag das Buch "Karlchen hilft der Lehrerin, ob sie will oder nicht" geschenkt, in dem die Protagonistin in die Schule kommt. Und nachdem wir, wie unlängst erwähnt, "Ostwind – Aris Ankunft" zu Ende gelesen hatten, kam das Karlchen-Buch direkt als Gutenachtlektüre zum Einsatz. 

Mein erster Eindruck lautete: Die Handlung ist turbulent und witzig, die Charaktere liebenswert, was will man mehr. Die einigermaßen Bullerbü-mäßige Idylle des Handlungskosmos – wie gesagt lebt die Protagonistin mit ihrer Familie auf einem Bauernhof im Schwarzwald, die Schule, in die Karlchen in diesem Band eingeschult wird, ist eine winzige Dorfschule mit nur einem Klassenraum, in dem die Jahrgangsstufen 1 bis 4 gleichzeitig von einer einzigen Lehrerin unterrichtet werden – wird effektvoll konterkariert durch die chaotische Energie der Hauptfigur, die eigentlich nur hilfreich und gut sein will und gerade dadurch von einem Missgeschick ins nächste stolpert, effektvoll konterkariert. – Zum Stichwort Bullerbü-Idyll sei übrigens noch angemerkt, dass das Schwarzwald-Tal, in dem sich die Handlung abspielt, keineswegs so abgeschieden vom Rest der Welt ist, wie man annehmen könnte. Die Schule verfügt über einen Internetanschluss; was es im kleinen Dorfladen nicht zu kaufen gibt, beziehen die Dorfbewohner aus dem Supermarkt in der nächsten größeren Stadt; Karlchens Mutter stammt aus der Türkei, und da Karlchen als zweiten und dritten Vornamen die Namen ihrer beiden Großmütter erhalten hat, heißt sie mit vollem Namen Karla Özgül Elisabeth; und eine ihrer Mitschülerinnen kommt aus Rumänien und spricht zunächst kaum Deutsch. 

Kommen wir nun aber mal zu dem Punkt, der dieses Buch für mich noch erheblich interessanter gemacht hat, als ich vom ersten Eindruck her erwartet hätte. Auf der Innenseite der Buchdeckel befindet sich eine Lageskizze der wichtigsten Handlungsschauplätze, und es machte mich von vornherein neugierig, dass darauf eine unweit von Karlchens Zuhause im Wald gelegene Kapelle eingezeichnet ist; irgend etwas musste das ja wohl zu bedeuten haben. Trotzdem war ich recht verblüfft, festzustellen, dass das achte von insgesamt 28 Kapiteln des Buches (Prolog und Epilog nicht mitgerechnet) die Überschrift "Oh, Jesus hilf!" trägt. Was ist da los? 

Nun, kurz gesagt, Karlchens Einschulungsfeier ist durch eine Verkettung ungünstiger Umstände ziemlich katastrophal verlaufen, woraufhin Karlchen überzeugt ist, dass ihre Klassenlehrerin Frau Nachtigall fies und ungerecht ist und sie nicht leiden kann, und folglich will Karlchen nun nicht mehr in die Schule gehen. Und wer kann ihr in dieser Situation helfen? Na klar: Jesus! So steht's, ob man's glauben mag oder nicht, auf Seite 68. Karlchen hat nämlich von ihrer verstorbenen Oma Elisabeth gehört, dass Jesus "einem in höchster Not hilft. Und war Karlchen nicht in höchster Not? Und überhaupt: War Oma Elisabeth nicht jedes Mal wieder froh und glücklich gewesen, nachdem sie Jesus in seiner Kapelle im Wald besucht hatte?" 

Das finde ich soweit ja schon sehr bemerkenswert für ein im Jahr 2023 in einem "ganz normalen" säkularen Verlag erschienes Kinderbuch. Es wird aber noch interessanter: Karlchen besucht also selbst die kleine Kapelle im Wald, ist erst einmal traurig, dass diese so vernachlässigt aussieht ("Nur gut, dass Oma Elisabeth diesen Schmutz nicht mehr sehen musste"); und dann meditiert sie über die Passion Christi. Auf altersgemäßem Niveau natürlich, aber immerhin: "Er sah ganz schön schlimm aus, mit den Nägeln in seinen Händen und in seinen Füßen und mit dem Haarreif aus Dornen auf seinem Kopf. Kein Wunder, dass er so traurig guckte" (S. 68f.) Nachdem sie sich in diesen Anblick vertieft hat, weiß sie zunächst nicht recht, wie sie "von ihrem großen Schul-Kummer anfangen" soll: "Mit jemandem zu reden, der nicht antwortete, war komisch" (S. 69). Dann probiert sie es aber trotzdem – und stellt fest: "Auf einmal war es leicht, mit Jesus zu reden. Karlchen erzählte ihm den ganzen elenden ersten Schultag von vorne bis hinten, und Jesus hing an seinem Kreuz und hörte geduldig zu" (S. 70) 

Schließlich kommt Karlchen auf die Idee, Jesus solle dafür sorgen, dass sie sich ein Bein bricht, damit sie nicht zur Schule muss. – Ich fand es interessant, dass meine Tochter an dieser Stelle sehr überzeugt war, dass Jesus Karlchen diesen Wunsch nicht erfüllen würde; es schien für sie ganz selbstverständlich zu sein, dass Jesus uns nichts Schlechtes antut, nicht einmal dann, wenn wir es irrtümlich für etwas Gutes halten. – Tatsächlich erwacht Karlchen am nächsten Morgen mit zwei heilen Beinen und ist zunächst "so enttäuscht, sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, um auf Jesus böse zu sein" (S. 81). Dann stellt sich jedoch heraus, dass Frau Nachtigall, die Lehrerin, für längere Zeit ausfällt – und zwar, weil sie sich beide Arme gebrochen hat! – Für Karlchen ist der Fall klar: "Jesus hatte doch noch etwas gemacht!" (S. 88) – "'Mensch, Jesus', flüsterte Karlchen. 'Du bist echt krass!'" (S. 89). 

Die Freude über diese unerwartete Lösung ihres Problems weicht allerdings bald dem schlechten Gewissen, und ihr Schuldgefühl lässt sich auch dadurch nicht besänftigen, dass sie versucht, Jesus die ganze Verantwortung zuzuschieben. Auch hier wäre wieder eine bezeichnende Reaktion unseres Tochterkindes zu Protokoll zu geben: An einer Stelle, an der Karlchen denkt "blöder Jesus" (S. 96), warf sie spontan ein: "Das sollte sie lieber nicht sagen." 

Nachdem die Dorfschule eine Vertretungslehrerin samt staatlich geprüftem Schulhund bekommen hat und Karlchen infolgedessen ausgesprochen gern zur Schule geht, entwickelt sich die Handlung des Buches erst einmal in eine ganz andere Richtung, aber kurz vor Schluss wird doch noch einmal auf Karlchens Sorge eingegangen, sie habe Jesus "dazu angestiftet", Frau Nachtigall die Arme zu brechen: Die alte Lehrerin überzeugt sie, Jesus, und damit mittelbar auch Karlchen, sei nicht schuld an dem Unfall, bei dem sie sich die Arme gebrochen hat, und so ist dann alles gut. -- 

Sicherlich kann (oder muss) man sagen: Wie die Passagen des Buches, in denen von Jesus die Rede ist, wirken, wie sie "ankommen", ist wesentlich vom Grad der katechetischen Vorbildung abhängig, die ein Kind "mitbringt", wenn es dieses Buch liest oder vorgelesen bekommt; und zweifellos ist es ratsam, mit den Kindern über diese Stellen zu sprechen, um gegebenenfalls das eine oder andere geraderücken zu können. Festzuhalten ist aber auf jeden Fall: Mit Ausnahme von in christlichen Verlagen erschienenen und mit offenkundiger katechetischer Absicht verfassten Büchern ist mir noch kein anderes in jüngerer Zeit erschienenes Kinderbuch untergekommen, in dem der christliche Glaube eine so prominente und im Wesentlichen positive Rolle spielt wie in diesem. Und das hätte ich wirklich nicht erwartet. 


8 Kommentare:

  1. Ich bin nur traurig und deprimiert, wenn ich hier die Wiedergabe der Geschichte von Karlchens Begegnung mit Jesus lese. So weit ist es also, dass das Wissen bei der Schulanfänger-Generation über Jesus Christus total verkümmert und auf dem Stand der rudimentären Kenntnis über griech. oder röm. Götter ist und ein zur Ehre Gottes einst errichtetes Bauwerk verwahrlost. Die ausgesprochene Beleidigung des Herrn fällt kaum noch auf- immerhin für gläubige Christen ein Verstoß gegen das 2. Gebot. Für mich eine zutiefst traurige Episode in der Karlchen-Geschichte.

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    1. Zu meiner miesen Stimmung passte heute morgen der im Radio gespielte vom Inhalt unglaublich doofe Song "Wonderful Christmas time" von Ex-Beatle Paul McCarthy, der eigentlich nur deshalb noch etwas erträglicher klingt, weil wohl die Wenigsten den engl. Text dieses Christmas-Pop-Songs wirklich verstehen und rezipieren.

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  2. Ja, das ist schon traurig, dass die Gesellschaft sich so weit wegentwickelt hat vom Christentum, dass das Gebet und der Glaube für viele etwas sehr Fremdes geworden sind. Dass da einige (viele?) Kirchen verwahrlosen, ist leider auch traurige Realität. In der Autobiografie von Kardinal Meißner z.B. gibt es auch so eine Begebenheit, wo er in den Niederlanden in einer Unterkunft übernachtet, die (früher mal?) von einem Orden betrieben wurde und die Kapelle im Haus ist völlig mit Dreck und Staub überzogen, weil da sowieso nie jemand betet und es den Leuten egal ist. Ich glaube, es ging dann so weiter, dass er den entsprechenden Leuten ordentlich die Leviten gelesen hat, dass man so nicht mit dem Allerheiligsten umgehen kann.
    Ja, das ist traurig und so weit ist es schon. Die Tempel von römischen Göttern waren ja irgendwann auch nur noch Ruinen. Wenn man neue Götter hat („Freiheit“, „Geld“, „Selbstverwirklichung“ und wie sie alle heißen), dann zerfallen die alten Gotteshäuser.

    Natürlich sollte Karlchen, wenn es geht, nicht „blöder Jesus“ rufen, aber dass sie überhaupt betet, mit dem Herrn in Kontakt tritt und sich voll Vertrauen an ihn gewendet hat, ist ja erst mal etwas Gutes. Sie weiß es ja nicht besser. Ich glaube, auch damit kann Gott arbeiten. Wenn er aus all den anderen Sündern Heilige machen konnte (Paulus hat schließlich Christen umgebracht und z.B. Dr. Nathanson Tausende ungeborene Kinder ermordet, bis er sich bekehrt hat), dann kann er das mit Karlchen auch und mit mir und Ihnen und allen Lesern.
    Ich finde es daher grundsätzlich erst mal positiv, dass der Glaube in einem Kinderbuch thematisiert wird, verstehe aber auch die Einwände dazu.

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    1. "Blöder Jesus" - da denke ich an das Buch der Psalmen. Da ist der "liebe Gott" kein "lieblicher Gott". Der Beter der Psalmen klagt, schreit, dankt, lobt und verflucht. Sein Leben, mit Höhen und Tiefen, kommt in diesen Liedern zur Sprache, manchmal scheinbar hemmungslos. Aber der Beter schreit und flucht, lobt und dankt nicht ins Leere hinein. Alles Beten hat seine unbezweifelte Richtung: auf Gott hin, dessen Existenz schlechthin selbstverständlich ist. Gott darf belästigt werden. Er hat mit seinem Volk einen Bund geschlossen, zu dem er in guten und in bösen Tagen steht. Darauf vertraut der alttestamentliche Beter. Diesen Bund hat Gott nie gekündigt. Jesus und das Volk des Neuen Bundes stehen in dieser Tradition. Das ist auch die Bedeutungsaura des "Jesuskindchens" in der Krippe. Trauen wir ihm ruhig etwas zu!

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    2. "Der Beter der Psalmen klagt, schreit, dankt, lobt und verflucht."
      Ja, das stimmt, wie ich aus meiner Psalmenkenntnis weiß.
      Aber der Beter der Psalmen verflucht eben nicht Gott, selbst wenn dieser für ihn manchmal unbegreiflich erscheint. Und das ist eben der Unterschied zu Karlchens flapsig-abwertendem Sager.

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    3. Ein Kind kann gar nicht "verfluchen". Karlchen schimpft mit Jesus, aber verflucht ihn nicht. Und der Psalmenbeter hadert gelegentlich mit Gott. So what?

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    4. Doch, doch - auch ein Kind kann verfluchen i.S. von aus tiefstem Herzen verwünschen.
      Habe ich an mir selbst als Kind mehrfach erlebt - allerdings dann auch bereut und gebeichter.

      Karlchen in der betr. Buchepisode verflucht nicht den Herrn Jesus Christus, sondern beleidigt ihn sehr grob und lieblos.

      Da ja Jesus Christus Gottes Sohn, also die 2. Person des dreifaltigen Gottes ist, handelt es sich hier um einen schweren Verstoß gegen das 2. Gebot Gottes.

      Karlchen selbst ist ja nur eine erfundene Phantasiegestalt. Aber den Verfassern der Geschichte muss man die Verantwortung dafür zuschreiben, dass sie solches sündiges Tun ihren kleinen Hörern bzw. Lesern quasi beibringen.

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  3. Ich dachte die ganze Zeit, dass Karlchen ein Junge ist.

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