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Samstag, 4. September 2021

Land unter im Erzbistum Hamburg

In der jüngsten Folge meiner "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" (Nr. 13) hatte ich in der Rubrik "Linktipps" einen Blick auf die Situation im Erzbistum Hamburg geworfen, dessen Oberhirte Stefan Heße derzeit quasi "beurlaubt" ist: Nach der Veröffentlichung eines Gutachtens, das ihm wiederholte und schwerwiegende Versäumnisse in der Handhabung von Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln vorwirft, wo Heße von 2006-2012 Leiter der Personalabteilung, und anschließend Generalvikar war, hat er am 18. März 2021 ein Rücktrittsgesuch an Papst Franziskus gerichtet, die Entscheidung darüber steht jedoch noch aus. Da ich anhand von Kommentaren auf der Facebook-Seite des Erzbistums Hamburg den Eindruck gewonnen hatte, unter den dortigen Diözesanen gebe es durchaus einige, die auf Erzbischof Heßes Verbleib im Amt hoffen, hatte ich angedeutet, "meine Leser im hohen Norden" könnten mir bezüglich der Frage, wie die Amtsführung des dortigen Oberhirten zu bewerten sei, vielleicht ein wenig "auf die Sprünge helfen".

Ein Echo auf diese Aufforderung hat nicht lange auf sich warten lassen. Allerdings - so viel sei gleich vorausgeschickt - ist dieses Feedback kaum geeignet, Erzbischof Heße oder seinen Generalvikar Ansgar Thim in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. 

Innenraum der Kathedrale St. Ansgar ("Kleiner Michel") in Hamburg mit einer Madonna von F.B. Schiller. Foto von Thomas Wagner, nachbearbeitet (Bildquelle und Lizenz hier

Ein Leser aus dem Erzbistum Hamburg hat mir recht umfangreiche Anmerkungen zur dortigen Situation zukommen lassen, gibt allerdings zu bedenken, das, was er schreibe, sei "alles weitgehend [s]ein persönlicher Eindruck aus der Sicht eines einfachen Gemeindemitglieds". Nun ja, gewiss -- aber genau das ist die Perspektive, die mich interessiert; Analysen vermeintlicher oder tatsächlicher "Experten" und offizielle Stellungnahmen von Funktionären könnte man schließlich auch woanders lesen. 

Womit also fangen wir an? Mit dem Geld natürlich. Jedwedes Urteil darüber, wie gut oder wie schlecht die Archidioecesis Hamburgensis von ihrem derzeitigen Spitzenpersonal verwaltet wird, muss den Umstand berücksichtigen, dass das Erzbistum "große Finanzprobleme" hat -- was, wie nicht nur mein Leser meint, zu einem wesentlichen Teil daran liegt, dass "es sich in Hamburg derzeit noch rd. 28 hochdefizitäre 'katholische' Schulen leistet" . -- Zu den Anführungszeichen bei "katholische" später mehr; dankbar bin ich meinem Leser jedenfalls für die Aufklärung darüber, dass bzw. warum diese Schulen "in Hamburg aus historischen Gründen eine Art heiliger Kühe" darstellen: 

"Nach der Reformation war es im besonders rigid-protestantischen Stadtstaat Hamburg jahrhundertelang den Katholiken untersagt, eigene Kirchen zu unterhalten. Die konfessionelle Apartheit ging so weit, dass Katholiken wie Juden eigene Schulen zu unterhalten hatten, damit ihre Kinder nicht mit den protestantischen zusammen lernten und quasi letztere konfessionell infizierten. In diesen Schulen hielten dann bis ins 19. Jahrhundert die wenigen Katholiken ihre sonn- und werktäglichen Messen ab. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der napoleonischen Besatzung gab es in Hamburg nach rd. 300 Jahren wieder eine echte römisch-katholische Kirche. Soviel also zum in der Öffentlichkeit gerne gepflegten Bild und Narrativ vom angeblich so weltoffenen und toleranten Hamburg." 

Ein bemerkenswertes und, wie mir scheint, relativ wenig bekanntes Stück Kirchengeschichte! Damit nicht genug: 

"Erst in der politischen CDU-geführten Ära Ole von Beusts Anfang der 2000er Jahre gab es endlich einen Staatsvertrag der Freien und Hansestadt Hamburg mit der rk Kirche und u. a. in staatlichen Schulen die Einführung kath. Religionsunterrichts." 

Nun ist die Frage nach der Qualität konfessionellen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen natürlich ein Thema für sich, aber von der Papierform her könnte dieser Staatsvertrag durchaus als Argument dafür herhalten, dass Hamburg seither eigentlich gar nicht mehr unbedingt eigene katholische Schulen braucht. Demnach - so meint auch mein Leser - 

"sind die dortigen privat geführten katholischen Schulen an sich eine für das Erzbistum kostspielige Hamburgensie -- d. h. eine (liebenswerte aber teure) hamburgische Besonderheit, die man eigentlich als Auslaufmodell betrachten und bewerten sollte." 

Verkompliziert wird der Sachverhalt dadurch, dass die fraglichen Schulen einerseits "in der Bevölkerung einen guten fachlichen Ruf besitzen", andererseits "jedoch weitgehend ihr besonderes katholisches Profil verloren haben" -- daher weiter oben die Anführungszeichen bei "katholisch". Im Grunde ist das Dilemma mit "einerseits - andererseits" wohl nur unzureichend beschrieben: Zu einem gewissen Grad darf man wohl annehmen, dass die Schulen des Erzbistums sich in der breiteren Öffentlichkeit gerade darum eines so guten Rufs erfreuen, weil sie kein ausgeprägtes katholisches Profil mehr aufweisen. Ein Aspekt davon ist, dass auch die Schülerschaft nur noch zum Teil aus Katholiken besteht. 

Was also tun? Wie mein Leser referiert, hatte das Erzbistum 
"ein finanzielles Gutachten einer renommierten Unternehmensberatungsfirma [...] erstellen lassen, das [...] zu dem Schluss kam, dass man sich - sozialverträglich - von einem erheblichen Teil dieser Schulen trennen und diese als Auslaufmodell betreiben müsse. Als das allerdings in der Öffentlichkeit bekannt wurde, gab es medial einen großen Aufschrei und eine Pressekampagne vornehmlich gegen den Erzbischof und seinen Generalvikar. Hier wäre nun m. E. seitens dieser Verantwortlichen klares Feststehen in der Sache, unaufgeregte Argumentation und ruhige abgewogene Erläuterung des Für und Wider der notwendigen Maßnahmen geboten gewesen -- stattdessen eierten sie, soweit ich es aus der Presse wahrnehmen konnte, mit Ausflüchten herum, relativierten die an sich klaren Untersuchungsergebnisse, vertagten und drückten sich zeitweise um notwendige Entscheidungen und waren vornehmlich bestrebt, persönlich ein möglichst gutes Bild in der Öffentlichkeit abzugeben. Genutzt hat es nichts." 

Das faktische Ergebnis des ganzen Dramas sieht (vorläufig) aus wie folgt: 

"Statt der ursprünglich zweistelligen Anzahl katholischer Schulen werden nun nur noch sechs als Auslaufmodell bis zur endgültigen Schließung betrieben -- eine halbherzige Entscheidung, die wenig nützt und eher geeignet ist, weiteres Vertrauen zwischen Gläubigen und Führung im Erzbistum Hamburg zu zerstören." 

Auch ein weiterer Leser meines Blogs kommentiert, die "Debatte um die Hamburger Schulschließungen" müsse man "leider als ein PR-Desaster für das Bistum Hamburg bezeichnen": 

"Das Hauptproblem aus meiner Sicht ist, dass nicht erkennbar ist, wo die rk. Kirche hin bzw. in 30 Jahren stehen will. So wird mal hier, mal da gekürzt und Schmerz verursacht, ohne dass man sich wirklich gesundschrumpft im Sinne einer nachhaltigen Idee." 

Diesen letztgenannten Aspekt, das Fehlen einer überzeugenden und auch überzeugend kommunizierten Vision, halte ich tatsächlich für einen ganz zentralen Mangel -- nicht nur was die Schulen betrifft, aber bleiben wir ruhig noch einen Moment bei diesen. Schon als ich erstmals von der prekären Finanzsituation der katholischen Schulen Hamburgs erfuhr - das dürfte so 2018 gewesen sein -, ging mir die in Rod Drehers "Benedikt-Option" geschilderte "Rettung" der St. Jerome Academy - einer katholischen Schule in Hyattsville/Maryland, einem Vorort von Washington, D.C. - nicht aus dem Kopf, und ich dachte: Stellen wir uns doch mal ganz dumm und sagen, einerseits unterhält das Erzbistum Hamburg mehr Schulen, als es sich leisten kann, andererseits haben diese Schulen kaum noch ein erkennbar katholisches Profil, was die Frage nach ihrer Existenzberechtigung als katholische Schulen nach sich zieht; wie wär's denn, wenn das Erzbistum sich von einem Teil seiner Schulen trennte, im Gegenzug aber mindestens eine der verbleibenden Schulen zu einem Modellprojekt machte -- mit einem klaren katholischen Profil, kombiniert mit einem alternativen Unterrichtskonzept? Vermutlich würde sich dafür nur eine eher überschaubare Zahl von Eltern interessieren, aber dafür wäre es ja eben auch nur eine Schule und nicht achtundzwanzig. Zudem wären die Eltern, die für ein solches Schulprojekt zugänglich wären, mit hoher Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich engagiert, würden sich zu ehrenamtlicher Mitarbeit heranziehen lassen und womöglich sogar Geld mitbringen. Natürlich würde ein solches Projekt total gegen den Trend gehen, aber das ist ja gerade das Gute daran: Wenn der Trend darin besteht, dass alles den Bach runter geht, dann könnte etwas, das gegen den Trend geht, tatsächlich funktionieren

Das Problem ist, dass ein solches Konzept nicht gewollt wird. Schon gar nicht der Teil mit dem klaren katholischen Profil. Man braucht sich nur mal die in den letzten 15-20 Jahren entstandenen, die Weisheit von Religionssoziologen wie Detlef Pollack reflektierenden Strategiepapiere zur Kirchenentwicklung anzusehen, da steht's mehr oder weniger wortwörtlich drin: Profil zu zeigen ist ganz schlecht, denn das verprellt die Lauen, und die braucht die Kirche doch, um als zivilgesellschaftliche Institution, als Akteurin im vorpolitischen Raum relevant zu bleiben. 

In letzter Konsequenz geht es hier also um nichts Geringeres als um die Frage nach dem Auftrag der Kirche in der Gesellschaft. Und das betrifft, wie wir gleich sehen werden, noch weit mehr als nur die Schulen. 

U.a. infolge der Pensionsansprüche der Lehrkräfte hat die Finanzmisere der katholischen Schulen ein so großes Loch in die Finanzen des Erzbistums gerissen, dass die Schließung der Schulen allein nicht ausreicht, um es wieder zu stopfen. Also muss noch mehr vom Familiensilber verscherbelt werden. "Vermögens- und Immobilienreform" (VIR) heißt das große Zauberwort, und mein Gewährsmann aus dem Erzbistum Hamburg berichtet in diesem Zusammenhang von einer "im Foyer der Kirche ausgelegten Broschüre", die "uns schmackhaft zu machen versucht, dass u. a. quasi alle kirchlichen Immobilien in Bezug auf Wirtschaftlichkeit auf den Prüfstand gestellt werden".  So so, hm hm. Worin aber besteht, beispielsweise, die Wirtschaftlichkeit eines Kirchengebäudes? 

Äh... genau

"Unser Erzbischof hat in der jüngeren Vergangenheit bereits einige Male Versuchsballons losgelassen dergestalt, dass er sich künftig u. a. vorstellen könne, ggf. Gottesdienste in Mehrzweckräumen statt in 'nur' und nahezu ausschließlich zu diesem Zweck vorgesehenen Kirchen stattfinden zu lassen." 

Tatsächlich erinnere ich mich, dazu schon einmal etwas geschrieben zu haben, wenn auch eher als Randbemerkung in einem Artikel, der sich nicht um das Erzbistum Hamburg drehte, sondern um meine zum Bistum Münster gehörende Heimatpfarrei St. Willehad und ihren "brillanten" Entschluss, die Filialkirche St. Josef in Stadland-Rodenkirchen zu profanieren und die zuletzt nur noch wenigen Gottesdienste, die dort stattgefunden hatten, künftig in ein Altenheim zu verlegen. Auch da hatte man die Stirn gehabt, dies der Öffentlichkeit als eine positive Entwicklung verkaufen zu wollen, und Ähnliches blüht im Zuge der  "Vermögens- und Immobilienreform" (VIR) im Erzbistum Hamburg nun wohl einer ganzen Reihe von Gottesdienstorten. Mein Gewährsmann verweist in diesem Zusammenhang auch auf einen Artikel von Hinrich E. Bues in der Tagespost vom 08.08., der mit Blick auf die schon angesprochene VIR-Broschüre und Beobachtungen in verschiedenen Pfarreien des Erzbistums Hamburg die Frage aufwirft, ob "der Abriss katholischer Kirchen und die Fusion mit den 'evangelischen Nachbarn und Nachbarinnen'" etwa "zum Modell werden" solle. Man kann diesen Eindruck haben, wenn man sich die in der besagten Broschüre als Positivbeispiele angeführten Fälle anschaut; so etwa  "die Schließung der Stella-Maris-Kirche in Alt-Heikendorf", wo die Katholiken "nun in Zukunft in der evangelischen Kirche ihre Gottesdienste feiern" sollen und dürfen, "Weihnachten und Ostern allerdings ausgenommen". Als vorbildlich wird in der Broschüre auch die evangelisch-lutherische Kirche im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd dargestellt: 

"Dort wurden zunächst drei Gemeinden fusioniert, dann Kirchen verkauft, um gemeinsam mit der 'Arbeiterwohlfahrt' (AWO) und anderen staatlichen Einrichtungen ein 'Zentrum für Kirche, Kultur und Soziales' neu zu erbauen. Die evangelische Kirche kann in diesem Zentrum Räume nutzen und spart so Finanzen. Der evangelische Pastor Einfeldt behauptet, dass dieses Zentrum auch für seine Gemeinde 'ein Gewinn' sei." 

Traumhaft, nicht? Mein Leser fühlt sich an die Zeit "um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts bis kurz nach dem 2. Weltkrieg" erinnert, "mit mehrzweckgenutzten Saal- bzw. Kneipengottesdiensten". Will man es nun  ernsthaft als Fortschritt verkaufen, zu solchen Verhältnissen zurückzukehren? Mein Leser meint, das wäre "eine Schande" -- "jedoch leider im Bereich des Möglichen", "insbesondere bei gering frequentierten Gottesdiensten". 

Bei der Lektüre von Hinrich E. Bues' Bericht in der Tagespost drängt sich indes der Eindruck auf, dass es bei den "Reform"-Plänen des Erzbistums in letzter Konsequenz um noch mehr und Anderes geht als darum, unrentable Immobilien loszuwerden. So stellt Bues fest, dass "in zahlreichen Kirchen werktags gar keine Gottesdienste mehr" gefeiert werden -- was sich nicht allein durch Priestermangel erklären oder entschuldigen lasse: So gebe es im gesamten Pastoralen Raum Nordfriesland - der drei Pfarreien mit insgesamt zehn Kircgenstandorten umfasst - "von Montag bis Freitag [...] nur fünf heilige Messen", obwohl dort vier Priester tätig sind: 

"Würde jeder der vier Priester nur der üblichen Pflicht des täglich zu feiernden Messopfers nachgehen, müssten eigentlich zwanzig heilige Messen in der Gottesdienstordnung stehen. Sie würden sicher von katholischen Gläubigen, die als Touristen auf den Inseln Sylt, Amrum und Föhr sowie auf der Halbinsel Eiderstedt weilen, gut frequentiert werden." 

Dass es sehr wohl auch anders geht, beweist "die katholische St. Sophiengemeinde in Barmbek-Süd [...], die von Mönchen und Priestern des Dominikanerordens betreut wird" und "ein reiches Angebot an heiligen Messen"  vorweisen kann: 

"In den zwei werktäglichen Messen finden sich zusammen 50 bis 60 Besucher ein. Die fünf Messen am Wochenende werden von mehreren Hundert Besuchern frequentiert". 

Aber genau das sieht das Erzbischöfliche Ordinariat offenkundig nicht als Positivbeispiel an -- im Gegenteil: Die Dominikaner wurden sogar dafür kritisiert, dass sie ihre Gemeinde "mit Messen überschwemmen". Da möchte ich mal den Apostel Paulus zitieren: "Was sollen wir nun hierzu sagen?" (Röm 6,1). Kann es sein - so fragt auch Bues - dass "Priester wie Gläubige gleichermaßen die Lust verloren" haben, "das Herzstück des katholischen Glaubens, die heilige Eucharistie zu feiern?" Man mag das bizarr finden, aber in letzter Konsequenz ist es, wie weiter oben schon angedeutet, schlichtweg eine Frage des Kirchenverständnisses. Wenn man daran glaubt, dass - wie der Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1324, unter Berufung auf das Konzilsdokument Lumen Gentium lehrt - die Eucharistie "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" ist, dann ist es selbstverständlich ein Unding, wenn die Leitung einer katholischen Diözese zu dem Schluss kommt, sie habe nicht nur zu viele Kirchen, sondern in diesen würden auch zu viele Messen gefeiert. Aber andererseits konsultieren die Ordinariate eben auch Unternehmensberater, die ihnen erklären, es sei unwirtschaftlich, so viele Ressourcen auf ein Produkt zu verwenden, das eine so geringe Nachfrage findet. Wenn über 90% der Kirchenmitglieder sich für das Angebot "Gottesdienst" nicht (oder höchstens zu besonderen Anlässen) interessieren, dann, so lautet die unternehmerische Logik, sollte die Kirche das Gottesfienstangebot reduzieren und stattdessen lieber was anderes machen. Und was sollte dieses Andere sein? Keine Ahnung, irgendwas halt. Wie ich vor längerer Zeit schon mal schrieb: Wenn die Nachfrage nach Brot sinkt, muss die Bäckerei eben Nudeln verkaufen. 

Wer schon mehr als einen Artikel von mir gelesen hat, wird sicher nicht im Zweifel darüber sein, was ich von der Anwendung einer solchen unternehmerischen Logik auf Belange der Kirche halte. Um es trotzdem noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich bin nicht nur der Auffassung, dass der Ansatz, Wirtschaftlichkeit zum Maßstab für kirchliches Handeln zu erheben, in offenem Widerspruch zum göttlichen Sendungsauftrag der Kirche steht; selbst unter dem Blickwinkel weltlicher Maßstäbe von "Erfolg" glaube ich noch nicht einmal, dass es funktioniert. Die Zusammenlegung von Pfarreien, nicht nur im Erzbistum Hamburg häufig gefolgt von Verkauf oder Abriss von Gebäuden, soll angeblich dazu dienen, die Kirche "zukunftsfähig" zu machen -- aber was für eine Zukunft soll das sein? Eine Zukunft ohne Gläubige?

Darüber, was die Zerstörung gewachsener Gemeindestrukturen unter dem Kirchenvolk anrichtet, sollte man sich keine Illusionen machen. Mein Leser aus dem Erzbistum Hamburg berichtet von einer ehemals "sehr engagierten und aktiven Gemeinde", deren Kirche im Zuge einer Pfarreienfusion "profaniert und platt gemacht" wurde; die Gemeinde 

"hat man erst mal ruhig gestellt, indem man anfangs Sonntagsmessen in der evangelischen Kirche des Ortes anbot. Inzwischen ist das eingestellt -- die Gemeinde hat sich zerstreut." 

Im biblischen Griechisch heißt "Zerstreuung" übrigens "Diaspora".  Aufgabe der Kirche in der Diaspora sollte es eigentlich sein, zu sammeln, was zerstreut war (vgl. Ez 11,17). In der norddeutschen Diaspora tut die Kirche derzeit explizit das Gegenteil. Nicht nur Hinrich E. Bues denkt in diesem Zusammenhang an das Jesuswort aus Lk 11, 23: 

"Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut."



Montag, 2. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #9 (18. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Für Montag hatte meine Liebste, wie berichtet, ein Treffen mit einigen anderen "kindergartenfrei" lebenden Eltern und Kindern arrangiert, im Rosengarten im Bürgerpark Pankow; unser Aufbruch dorthin gestaltete sich etwas chaotisch, und nachdem wir noch Getränke für unterwegs gekauft hatten, stellten wir fest, dass wir doch noch ein paar Sachen zu Hause vergessen hatten, die wir besser mitnehmen sollten, also ging ich allein noch einmal zurück, während der Rest der Familie am Bahnsteig der S-Bahn auf mich wartete. Und auf diesem kurzen Weg lief ich unseren nigerianischen Pfarrvikar über den Weg -- der mich mit den Worten begrüßte: "Ich habe Glück, dass ich dich treffe." Wie sich zeigte, hatte er das Formular für die Anmeldung unseres Jüngsten zur Taufe bei sich und wies mich darauf hin, dass da noch ein paar Angaben fehlten und dass wir außerdem noch einen Termin für die Taufe vereinbaren müssen. Wir einigten uns darauf, uns nächste Woche zu diesem Zweck zusammenzusetzen, und ich freute mich über dieses unverhoffte Zusammentreffen. Gott passt schon darauf auf, dass der Knabe bald getauft wird, sagte ich mir. -- Im Bürgerpark Pankow verbrachten wir nahezu den ganzen Nachmittag, zusammen mit drei anderen Müttern und deren vier Kindern, und die Aussichten scheinen günstig, dass sich daraus ein regelmäßiger Spieltreff entwickelt. 

Am Dienstag gingen wir zum ersten Mal seit drei Wochen mal wieder alle zusammen zum Lobpreis; am Mittwoch war "Omatag", aber da kam ich diesmal (wieder) nicht mit, da ich erstens dringend letzte Hand an die neuen "Lebendigen Steine" anlegen musste und zweitens wieder einen Bücherei-Arbeitseinsatz hatte. Beides übrigens sehr erfolgreich. Beim Büchereiregal knöpfte ich mir das sehr umfangreiche Themengebiet "Religion/Theologie" vor und fing an, es nach inhaltlichen Kriterien zu sortieren; in knapp zwei Stunden bekam ich die Kategorien "Religion allgemein", "Nichtchristliche Religionen", "Biblische Theologie", "Kirchengeschichte" und den allgemeinen Teil der "Systematischen Theologie" geordnet -- und gab mir selbst als Hausaufgabe auf, mir bis nächste (d.h. diese) Woche sinnvolle Unterkategorien für "Systematische" und "Praktische Theologie" zu überlegen. 

Und dabei, dass "Das deutsche Konzil" direkt neben "Böse Jahre" steht, habe ich mir eigentlich fast überhaupt nichts gedacht...

Am Donnerstag hatte ich vormittags ein konspiratives Treffen in Angelegenheiten der örtlichen Kirchengemeinde, und nachmittags beschäftigte ich mich damit, zum ersten Mal in meinem Leben ein Brot zu backen. Ja, okay, ich habe eine Backmischung verwendet. Um in der Wildnis zu überleben, würden meine Fertigkeiten noch nicht ausreichen. Aber es ist ein Anfang. (Vgl. dazu auch das Thema "Bienenkiste" in den Linktipps.) 

Am Freitag verbrachten wir - bei herrlichstem Wetter - praktisch den ganzen Nachmittag auf dem Gelände "unserer" Kirche, wo unsere Tochter mit einigen Mädchen aus den angrenzenden, der Pfarrei gehörenden Mietshäusern spielte, während meine Liebste und ich abwechselnd zur Eucharistischen Anbetung gingen und Gespräche mit anderen, von der Anbetung oder zur Abendmesse kommenden Gemeindemitgliedern führten. Buchstäblich in letzter Minute, nämlich beim Angelusläuten, entschied unsere Große, sie wolle auch zur Abendmesse, also ging ich mit ihr hinein. Anschließend ging's dann zur Lokalausschuss-Sondersitzung zum Thema Opferkerzenständer -- die bemerkenswert gut besucht war, was darauf schließen lässt, dass dieses Thema mehr Leute stärker bewegt, als ich vermutet hätte. Mit einem Urteil darüber, was das - im Verhältnis zum offenkundig weit geringeren Interesse an vielen anderen Fragen - über die Gemeinde aussagt, will ich mich mal vorerst noch zurückhalten, das wäre vielleicht mal ein Thema für einen eigenständigen Artikel. Viel wichtiger ist allemal, dass wir auf dem Nachhauseweg mit einer Familie ins Gespräch kamen, die gerade daran arbeitet, in unserer Straße ein Familienberatungszentrum zu eröffnen -- und die gerade in eines der unserer Pfarrei gehörenden Mietshäuser in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche eingezogen sind. Ein vielversprechender Kontakt! 

Am Samstag gingen wir zu einer Grillparty im Ernst-Thälmann-Park, anlässlich des Geburtstags eines alten Kumpels, zu dem ich in den letzten Jahren nur sehr sporadischen Kontakt gehabt hatte. Einige andere Bekannte "von früher" traf ich dort auch, aber nicht so viele, wie ich erwartet hatte. Als der Gastgeber zu einem anderen Gast, den ich nicht kannte, sagte, ich sei sein "Lieblingskathole", erwiderte dieser: "Wieso katholisch? Ist das nicht verboten in Berlin?" -- Aber Spaß beiseite: Insgesamt war's ein sehr schöner Nachmittag und Abend, auch für die Kinder. 


Was ansteht: Heute Vormittag haben wir, wie oben schon angesprochen, erst mal einen Termin zur Klärung der für die Anmeldung unseres Jüngsten zur Taufe notwendigen Formalitäten; danach ist wieder kindergartenfrei-Spieltreff im Bürgerpark Pankow geplant -- da bin ich allerdings noch nicht völlig sicher, ob ich mitkomme oder die Zeit lieber anders nutze. Ähnliches gilt für den "Omatag", von dem im Augenblick noch nicht klar ist, auf welchen Wochentag er diesmal fallen wird. -- Am ersten Dienstag des Monats würde im Anschluss an die Lobpreisandacht normalerweise der Glaubensgesprächskreis der Gruppe Benedikt stattfinden, aber wie ich erfahren habe, fällt der im August urlaubsbedingt aus; man wird sehen, ob und wie sich das auf die Teilnehmerzahl beim Lobpreis auswirkt. Und am Mittwoch, dem Gedenktag des Hl. Pfarrers von Ars, werde ich um 18 Uhr in Herz Jesu eine schöne Vesper (vor)beten, und zwar unabhängig davon, ob da außer mir jemand kommt oder nicht. Am Donnerstag will meine Liebste mit den Kindern in den Tierpark, das wäre eventuell eine gute Gelegenheit für mich, mit der Sortierung des Büchereiregals weiterzumachen und/oder endlich die 6. Etappe der "100-Bücher-Challenge" fertigzustellen, wenn ich das nicht schon vorher schaffe. Und am Freitag ist das Fest Verklärung des Herrn und zugleich Herz-Jesu-Freitag. Da dürfen meine Liebste und ich im Rahmen der insgesamt dreistündigen Eucharistischen Anbetung eine halbstündige Andacht gestalten - von 17 bis 17:30 Uhr. Ich freu mich drauf. Sehr. 


Zitat der Woche: 

"Wer sind eigentlich diejenigen, die sich immerzu 'wir' nennen? Und wer sind 'die Menschen', von denen sie reden? Es muß sich jedenfalls um zwei verschiedene Gruppen handeln, zwischen denen es keine Verbindung gibt und von denen die erste aus aktiven und die zweite aus passiven Mitgliedern besteht. Die einen holen ab und nehmen mit, die anderen werden 'die Menschen' genannt, abgeholt und mitgenommen. Sie sind Objekte und werden verwaltet." 

(Wiglaf Droste, "Abgeholt und mitgenommen", in: Junge Welt, 26.01.2012)  

Linktipps: 

Vor zwei Wochen habe ich mich hier erstmals mit Jim Jones und seinem People's Temple befasst und dazu einen Artikel verlinkt, von dem ich fand, er eigne sich als ein erster Einstieg ins Thema und zeichne ein recht eindringliches Bild vom katastrophalen letzten Akt dieses Dramas, dem Untergang des People's Temple im Dschungel von Guyana; gleichzeitig fand ich den verlinkten Artikel aber auch ärgerlich oberflächlich und lückenhaft, speziell in Hinblick auf die Jim Jones' Werdegang und die Motive seines Handelns. Umso erfreuter war ich, kurz darauf dank eines Hinweises auf Twitter einen Podcast zu entdecken, der sich der ambitionierten Aufgabe widmet, die Geschichte des People's Temple in einen größeren zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen, und der dabei genau die Fragen stellt und zu beantworten sucht, die ich im Artikel des New Zealand Herald vermisst habe. Der Ansatz des Podcasts, die Geschichte von Aufstieg und Fall des Reverend Jim Jones und seiner People's Temple-Bewegung als paradigmatisch für die Radikalisierung sozialer Bewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu betrachten und darzustellen, erfordert allerdings einen langen Atem: Die siebenteilige Serie hat eine Gesamtlaufzeit von über 30 Stunden (!), und ich muss gestehen, dass ich bisher noch nicht ganz die Hälfte davon anzuhören geschafft habe. In der Prolog-Episode, die, wie der Autor und Sprecher Darryl Cooper erklärt, lediglich eine Art Einstimmung auf das eigentliche Thema darstellen soll, vergeht sogar über eine Stunde, ehe Jim Jones auch nur erwähnt wird. (Dies mal als Hinweis an diejenigen meiner Leser, die finden, meine Artikel seien "immer so lang".) In den letzten 20 Minuten des Prologs werden dann aber zwei Aspekte angesprochen, die für mein Interesse an dem ganzen Thema sehr wesentlich sind: 

  1. die These, wäre Jim Jones einige Jahre früher gestorben, also z.B. Ende der 60er oder Anfang der 70er von einem Auto überfahren worden, wäre er als allseits respektierter Pionier der Bürgerrechtsbewegung und Vorkämpfer gegen Rassendiskriminierung in die Geschichte eingegangen; 
  2. die Einschätzung, in ihrer Spätzeit habe die People's Temple-Bewegung von ihrem Selbstverständnis und ihrer Programmatik her mehr Ähnlichkeit mit der Baader-Meinhof-Gruppe oder der Symbionese Liberation Army gehabt als mit einer religiös fundamentalistischen Sektenkommune. 

Das lässt natürlich die Frage, wie es dazu kommen konnte, umso dringlicher erscheinen; und die Antwort, die Podcaster Cooper darauf gibt, ist, wie gesagt, seeehr ausführlich und facettenreich. Besonders interessiert mich dabei natürlich das Verhältnis zwischen Religion und sozialistischer bzw. kommunistischer Ideologie in der Message des Jim Jones. In Episode 2 erfährt man - der chronologischen Reihenfolge vorgreifend -, dass Jones in seinen späteren Jahren vor versammelter Gemeinde über den Glauben an einem Gott im Himmel spottete, dass er in seinen "Predigten" eine Bibel auf den Boden warf und darauf herumtrampelte -- und dass er gegen Ende seines Lebens behauptete, er sei immer Atheist gewesen und nur zu dem Zweck Prediger geworden, die Leute unter dem Deckmantel der Religion sozialistisch  bzw. kommunistisch zu indoktrinieren. Podcaster Cooper bezweifelt allerdings, dass diese rückblickende Selbstdarstellung der Wahrheit entspricht, und hält es für wahrscheinlicher, dass Jones' Verhältnis zur Religion erheblich ambivalenter und in sich widersprüchlicher war. Nebenbei lernt der geneigte Hörer in Episode 2 eine ganze Menge über das evangelikale Revival der 1950er-Jahre sowie über die Bürgerrechtsbewegung und ihren Kampf gegen verschiedene Formen von Rassendiskriminierung in den USA, in Episode 3 dann vor allem über die Dynamik, die in den 1960er-Jahren weg von einer christlich geprägten und gewaltlosen, hin zu einer zunehmend militanten und dezidiert linksradikalen Protestbewegung führt -- auch da wird Jim Jones wieder kaum erwähnt, dafür erfährt man aber viel Interessantes über Martin Luther King, Malcolm X, Stokely Carmichael und Eldridge Cleaver. Episode 4 beginnt mit einem Exkurs über den Hang der US-Amerikaner (natürlich nicht der ganzen Bevölkerung, aber doch eines signifikanten Teils) zu religiösem Extremismus und Sektierertum, oft in Verbindung mit abseitigen Auffassungen und Praktiken in sexualibus - als Beispiele werden die Mormonen, die Oneida Community und die Bewegung des Father Divine angeführt,  der um 1960 herum zum Vorbild und Mentor für Jim Jones wurde - und leitet dann über zu der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges grassierenden Angst vor einer atomaren Apokalypse. Bald darauf geht es um Jones' rätselhaften Aufenthalt in Brasilien 1962/63, um den sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken - unter denen die Hypothese, Jones habe damals insgeheim auf der Gehaltsliste der CIA gestanden, nicht die unplausibelste ist. Cooper gibt allerdings der Deutung den Vorzug,   Jones' Aktivitäten in Brasilien würden gerade deshalb so viele Fragen aufwerfen, weil sie tatsächlich keinen Sinn ergeben -- weil Jones zu dieser Zeit beginnt, den Verstand zu verlieren. 

Tatsache ist jedenfalls, dass Jones nach seiner Rückkehr aus Brasilien beginnt, sich - und den People's Temple - rapide zu radikalisieren; ein Prozess, der dadurch verstärkt wird, dass er den Sitz des People's Temple von Indianapolis nach Kalifornien verlegt, an einen Ort, von dem er glaubt, dort sei es möglich, einen Atomkrieg zu überleben. Und viel weiter bin ich mit dem Anhören noch nicht gekommen. 

Zusammenfassend gesagt empfiehlt sich diese Serie vor allem dadurch, dass sie sich darum bemüht, die Geschichte von Jim Jones in einen größeren zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang einzuordnen, sowie dadurch, dass Podcaster Darryl Cooper der Versuchung widersteht, Jones von vornherein zu dämonisieren, und stattdessen der Frage nachgeht, ob und wie seine Entwicklung zum größenwahnsinnigen Tyrannen und Massenmörder sich plausibel nacherzählen lässt, wenn man von der Voraussetzung ausgeht, er habe ursprünglich gute Absichten gehabt. 

Im Übrigen verdanke ich diesem Podcast eine Lektüreempfehlung, die nicht unmittelbar mit Jim Jones und dem People's Temple zu tun hat: "Dedication and Leadership" von Douglas Hyde. Kommt definitiv auf meine Leseliste, wenn ich das Buch irgendwie zu fassen kriege. 

Der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz der USA, Monsignore Jeffrey Burrill, ist von seinem Amt zurückgetreten, nachdem bekannt geworden ist, dass er über Jahre hinweg regelmäßig eine Dating-App für homosexuelle Männer genutzt hat, um an unterschiedlichen Orten, auch auf dienstlichen Reisen im Auftrag der Bischofskonferenz, Treffen in Schwulenbars und Privatwohnungen zu arrangieren. Heikel daran ist nicht zuletzt, dass Monsignore Burrill in seinem Amt als Generalsekretär auch für die Koordination der Reaktionen der US-Bischofskonferenz auf den Missbrauchsskandal zuständig war. -- Sicherlich sind einvernehmliche Sexualkontakte zwischen Erwachsenen nicht mit dem Missbrauch Minderjähriger auf eine Stufe zu stellen, und Letzteres wird Monsignore Burrill explizit nicht vorgeworfen; dennoch liegt es auf der Hand, welche Auswirkungen die Enthüllungen über die sexuellen Eskapaden des nunmehrigen Ex-Generalsekretärs auf seine Glaubwürdigkeit haben -- und nicht allein auf seine. Ist es wirklich denkbar, dass bis zu den Enthüllungen des Magazins The Pillar (das hier vor ein paar Wochen in einem anderen Zusammenhang schon einmal lobend erwähnt wurde) niemand an verantwortlicher Stelle in der Bischofskonferenz oder allgemein in der kirchlichen Hierarchie etwas von Burrills homosexueller Aktivität gewusst oder geahnt hat? Wie kann es sein, dass so jemand überhaupt in eine solche Position gelangt? 

Mein Freund Rod erinnert in diesem Zusammenhang daran, wen die US-Bischofskonferenz im Jahr 2002 mit der Handhabung des Missbrauchsskandals betraute: Kardinal McCarrick. Zufall? Wohl kaum, meint Rod: Man kommt schwerlich um die Erkenntnis herum, dass es bis in höchste Ränge der kirchlichen Hierarchie hinein verzweigte Karrierenetzwerke von Tätern und Mitwissern gibt, die sich gegenseitig decken und ein natürliches Interesse daran haben, bevorzugt solchen Mitbrüdern zu Schlüsselpositionen zu verhelfen, die infolge eigener Verfehlungen und dunkler Geheimnisse erpressbar sind. Es ist bezeichnend, dass dies eine Debatte ist, die niemand führen will - nicht die säkularen Medien, auch und erst recht nicht die angeblich so "Reform"-beflissenen Protagonisten des "Schismatischen Weges" die in ihren Thesen zu den Ursachen von Missbrauch in der Kirche lieber die Rechtfertigungsstrategien der Täter übernehmen. Nicht minder bezeichnend ist es, dass in der causa Burrill Stimmen laut werden, die den eigentlichen Skandal nicht in den sexuellen Eskapaden des Monsignore sehen (wollen), sondern darin, auf welche Weise The Pillar diese aufgedeckt hat. 

Freund Rod, so kennt man ihn, hat noch einiges mehr zu diesem Thema zu sagen und stellt u.a. eine Querverbindung zu einem Essay des Theologen Larry Chapp über Traditionis Custodes her; der Zusammenhang mag nicht jedem Leser unmittelbar einleuchten, aber was Rod aus Chapps Artikel zitiert, klingt äußerst bemerkenswert -- ich werde den Text wohl mal im Ganzen lesen müssen und komme gegebenenfalls nächste Woche noch einmal darauf zurück. 

Ehe jemand fragt: Ja, der Verfasser dieses Artikels und Erfinder der "Bienenkiste", einer betont einfach gehaltenen Vorrichtung zur Haltung von Honigbienen, ist mein leiblicher Bruder, und man kann wohl behaupten, dass diese Verwandtschaft erheblichen Einfluss auf mein Interesse am Thema Imkerei sowie darauf hat, was ich über dieses Thema weiß. Auf diesen Artikel hier wurde ich aufmerksam, weil mein Bruder ihn auf Twitter geteilt hat. Anlass oder Aufhänger des Artikels ist der Umstand, dass Bienenkisten mittlerweile "sogar in Baumärkten und Discountern verkauft" werden: "Das ist ziemlich das Gegenteil von dem, was mir am Herzen liegt", meint Erhard -- und nimmt diesen Umstand zum "Anlass, einmal ausführlicher zu erläutern, warum ich die Bienenkiste entwickelt habe und wohin sie eigentlich gehört." Nämlich: 

"Die Bienenkiste [...] ist eine einfache Holzkiste, und alle Materialien und Ausrüstungsgegenstände können aus Recycling und Umnutzung von Alltagsgegenständen gewonnen werden. Ich habe alle Informationen zum Bau und Betrieb der Bienenkiste bewusst kostenlos als Open-Source-Konzept veröffentlicht [...]. Jede*r kann sich so eine Kiste bauen und mit der Bienenhaltung beginnen. [...] Bienenkisten stehen in Community-, Permakultur- und Selbstversorger-Gärten." 

Oder, kürzer gesagt: 

"Die Bienenkiste ist gewissermaßen der Bauwagen oder das Tinyhouse unter den Bienenwohnungen und ermöglicht eine Art der Bienenhaltung, die sehr ressourcenschonend und damit auch klimafreundlicher ist. "

Dass man sich, bevor man fröhlich drauflos imkert, die Bienenkiste nach Möglichkeit eigenhändig zusammenbasteln soll, ist Teil des Konzepts -- oder, wenn man so will, der Philosophie hinter dem Konzept

"Wer die Kiste selbst baut, sich mit den Details der Konstruktion auseinandersetzt und Zeit und Aufmerksamkeit investieren muss, wird in aller Regel auch der Verantwortung im Umgang mit den Bienen gerecht werden und sich das notwendige Wissen erarbeiten."

Erhard räumt durchaus ein, "dass nicht alle Menschen die Zeit, das Werkzeug oder Talent haben, sich eine Bienenkiste selbst zu bauen"; aber anstatt "[e]ine fertige Bienenkiste im Baumarkt oder Imkereibedarf zu kaufen", regt er an, "dass Menschen, für die ein Selbstbau nicht infrage kommt, sich ja an eine*n örtliche*n Tischler*in wenden können. Hierdurch würde lokales Gewerbe unterstützt, und auch das ist ganz im Geiste einer nachhaltigen Wirtschaft." 

Regelmäßige Leser meines Blogs, denen bereits aufgefallen ist, dass ich immer mal wieder ein gewisses Interesse an Themen wie Nachhaltigkeit, ökologischer Landwirtschaft, Permakultur sowie allgemein an einer naturnäheren, "hobbitmäßigeren" Lebensweise an den Tag lege, wird es kaum überraschen, dass ich das Thema "Bienenkiste" und alles, was da so mit dranhängt, ausgesprochen interessant und anregend finde -- auch wenn mich im verlinkten Artikel die beharrliche Verwendung von Gender-Sternchen sowie von "woken" Schlagwörtern wie "Degrowth" und "Empowerment" eher abtörnen. Möglicherweise bilden allerdings gerade diese Merkmale des Texts einen bezeichnenden Hinweis auf ein gewisses Übermaß an ideologischer Verbohrtheit. In dieser Hinsicht kommt der Leserkommentar von "Bens Bienen" wohltuend pragmatisch daher: "Die Idee hinter der Bienenkiste, oder eher die Philosophie in die das eingewebt ist" - nämlich "ein Rückfahren des Resourcenverbrauchs, eben eine andere Lebensweise" - könne er  für sich selbst "prinzipiell unterschreiben", erklärt dee Kommentator, gibt gleichzeitig aber zu bedenken: "Wir können nicht alle Selbstversorger werden. Die meisten von uns haben da einfach [nicht]den Platz dazu." Umso mehr, argumentiert er, könne und solle man auch in kleinen, unvollkommenen Schritten hin zu einer ökologisch verträglicheren Lebensweise das Gute sehen: 

"Bienenhaltung kann, und war es bei mir, aber sozusagen die Einstiegsdroge in das ganze Thema Umwelt und Nachhaltigkeit sein. Wenn das damit beginnt, dass jemand im Baumarkt eine Holzkiste kauft und im nächsten Jahr die Steine aus dem Vorgarten schmeißt, sehe ich das als Gewinn an."

Das ist, könnte man vielleicht sagen, so ähnlich wie Brotbacken mit Hilfe einer Backmischung. 

Ein Portrait des Catholic Worker-Begründers Peter Maurin, veranlasst durch eine neue Edition seiner "Easy Essays", die praktisch sein gesamtes schriftliches Werk ausmachen: theoretisch-programmatische Kurztexte in Versform, deren Stil von Wortspielen und Wiederholungen geprägt ist und die, wie die Rezensentin Jacquelyn Lee meint, "ein bisschen so klingen wie die Lyrik der Beatniks". Inhaltlich drehen die ursprünglich im Catholic Worker-Magazin publizierten "Easy Essays" um den Versuch, eine auf den Sozialenzykliken der Päpste aufbauende "Philosophie der Arbeit" und ein Programm für eine "Grüne Revolution" zu entwerfen -- so benannt auch und nicht zuletzt in Abgrenzung von der "Roten Revolution" des Kommunismus. 

Jacquelyn Lee bemüht sich, Maurins Ideen aus seiner Biographie herzuleiten und plausibel zu machen, und legt dabei besonderes Augenmerk auf sein Leben in der Zeit vor der Gründung der Catholic Worker-Bewegung, über das ansonsten vergleichsweise wenig bekannt ist. Kommentarwürdig erscheint mir hier besonders Maurins zeitweilige Mitgliedschaft in der linkskatholischen französischen Laienvereinigung Le Sillon: Diese Bewegung wurde im Jahr 1910 vom Hl. Papst Pius X. in der Enzyklika "Notre charge apostolique" wegen ihrer von der kirchlichen Lehre abweichenden politischen Positionen verurteilt, und dieser Umstand wird von konservativen Kritikern der Catholic Worker-Bewegung zuweilen gegen Peter Maurin ins Feld geführt -- der Le Sillon allerdings schon 1909 verlassen hatte, und zwar gerade weil er mit der fortschreitenden Politisierung der Bewegung nicht einverstanden war. Auf diesen Umstand geht allerdings auch Jacquelyn Lee nicht eigens ein. 

Mehr oder weniger explizit unterstreicht der Artikel etwas, das mich an Peter Maurin "schon immer" (also seit ich überhaupt eine Ahnung habe, wer das war) fasziniert hat: Zwar hat Dorothy Day immer darauf bestanden, dass Peter, und nicht sie, der eigentliche Begründer der Catholic Worker-Bewegung gewesen sei - nicht nur der theoretische Vordenker, sondern Herz und Seele der Bewegung -; aber gleichzeitig vermitteln sowohl zahlreiche Anekdoten über ihn als auch die eigentümliche Textgestalt seiner "Easy Essays" den Eindruck, dass Peter Maurin schlichtweg zu sonderbar war, als dass er in der Lage gewesen wäre, eine Bewegung zu gründen; das konnte nur gelingen durch die Zusammenarbeit mit Dorothy, dank ihrer organisatorischen und kommunikativen Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen in der anarchistischen und kommunistischen Szene. 

Wie dem auch sei: Peter Maurins aus dem Manifest der anarcho-syndikalistischen "Industrial Workers of the World" entlehnte Zielerklärung, "eine neue Gesellschaft in der Hülle der alten" aufzubauen, hat eine Menge damit zu tun, was ich mir unter #BenOp und Punkpastoral vorstelle; und wenn Maurin in einem seiner "Easy Essays" ausführt, es bedürfe dazu einer "Philosophie des Neuen / die keine neue Philosophie ist, / sondern vielmehr eine sehr alte Philosophie, / einr Philosophie, die so alt ist, / dass sie aussieht wie neu", dann erinnert mich das frappierend an eine Aussage von Marco Sermarini, die Rod Dreher in der "Benedikt-Option" zitiert: „Wir müssen nur einem alten Weg folgen, die Dinge zu tun – einem Weg, der immer da war und den wir bloß in jüngster Zeit verloren haben" (BenOp, S. 227).

Als entscheidenden Schwachpunkt von Maurins Konzept betrachtet Jacquelyn Lee den Umstand, dass es ihm nie gelungen sei, "die angemessene Rolle von Autorität in Gemeinschaften" zu bestimmen, und dieser Mangel habe sich in der Geschichte der Catholic Worker-Bewegung vielfach problematisch ausgewirkt. Ich würde sagen, diese Kritik ist durchaus valide, aber der Umstand, dass sie am Ende des Artikels steht, erweckt den Eindruck eines allzu einseitig negativen Gesamturteils über Peter Maurin. Auch wenn das vielleicht gar nicht so beabsichtigt ist. 


Ohrwurm der Woche: The Vapors, "Jimmie Jones" (1981) 

Wie das Leben so spielt: Unlängst habe ich mir, als ich gerade mal allein zu Hause war, zur Entspannung ein paar Folgen der (sehr empfehlenswerten) Reihe "One Hit Wonderland" des YouTube-Popmusikkritikers Todd in the Shadows angesehen, darunter die Episode über die britische Post-Punk/New Wave-Band The Vapors, die 1980 ihren einzigen Hit mit dem ebenso schmissigen wie lustigen Song "Turning Japanese" hatte. "Jimmie Jones" wird in dieser Episode gewürdigt als der erfolglose Versuch der Band, einen zweiten Hit zu landen, und ja, in diesem Song geht es tatsächlich um den Jim Jones. Man beachte: Das Jonestown-Massaker lag noch keine drei Jahre zurück, als die Single 'rauskam. Vielleicht ein bisschen früh für eine derart flott-sarkastische Würdigung


Aus der Lesehore: 

Erkenne, dass das Wasser nicht reinigt ohne den Geist. Du hast ja gesehen, dass es bei der Taufe drei übereinstimmende Zeugen gibt: das Wasser, das Blut und den Geist. Wenn du eines von ihnen wegnimmst, kommt das Sakrament der Taufe nicht zustande. Denn was ist das Wasser ohne das Kreuz Christi? Nur ein gewöhnliches Element ohne die Wirkung eines Sakraments! Auf der anderen Seite aber gibt es das Sakrament der Wiedergeburt aber auch nicht ohne das Wasser. Denn "wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen" (Joh 3,5). Auch der Katechumene glaubt an das Kreuz des Herrn Jesus, mit dem er bezeichnet wird. Wenn er aber nicht getauft wird auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, kann er die Verzeihung der Sünden und die Gabe der geistlichen Gnade nicht empfangen. 

Du bist getauft worden im Namen der Dreifaltigkeit. Du hast den Vater bekannt, du hast den Sohn und den Heiligen Geist bekannt. In diesem Glauben bist du der Welt gestorben, auferstanden für Gott. In einem Element dieser Welt wurdest du gleichsam mit Christus begraben und wurdest zum ewigen Leben erweckt. Glaube also: Dieses Wasser ist nicht ohne Wirkung. 

(Hl. Ambrosius, "Über die Mysterien") 

 

Dienstag, 20. Juli 2021

Eine Vorschule des Priestertums

Gestern Abend habe ich mich dazu verleiten lassen, mich in eine Diskussion auf der Facebook-Seite von häretisch.de einzuschalten. Sollte man eigentlich nicht machen, tja, das hab ich jetzt davon. Aufhänger für die Diskussion war ein Artikel darüber, dass die CSU-Politikerin Dorothee Bär, Digitalstaatsministerin im Bundeskanzleramt, früher mal Messdienerin werden wollte und nicht durfte und dass sie deshalb (?) der Meinung ist, "Bewegungen wie 'Maria 2.0'" sollten "nicht abgetan" werden, schließlich müsse die Kirche zusehen, dass sie nicht "den Anschluss an die Menschen des 21. Jahrhunderts verliere". Das Übliche also. In den Kommentaren äußerte eine Friseurmeisterin aus Brandenburg an der Havel, in ihrer Gemeinde seien Ministrantinnen "ungefähr ab 1990 erlaubt", und inzwischen stünden "[o]ft [...] ausschließlich Mädchen am Altar!!!". -- Die drei Ausrufezeichen hätte man nun natürlich so und so verstehen können, aber da darauf noch drei Applaus-Emojis folgten, musste man wohl davon ausgehen, dass die Dame den geschilderten Sachverhalt für etwas Gutes hält. Da konnte ich mich dann doch nicht zurückhalten, zu erwidern: 
"Und genau das ist das Problem." 
Die Reaktionen, die ich mit diesem Kommentar erntete, bestanden aus einer bunten Mischung von Lach- und Wut-Smileys und der indignierten Rückfrage, was daran denn wohl ein Problem sein solle. Ich erklärte daraufhin, ich hielte das für offensichtlich: 
"Wenn die Mädchen die Jungen aus dem Ministrantendienst verdrängen, braucht man sich über ausbleibenden Priesternachwuchs nicht zu wundern."
Weitere Lach- und Wut-Smileys waren die Folge, dazu ein paar Antwortkommentare, deren Verfasser mehr oder weniger subtil andeuteten, dass sie meine These (und somit mich) für dumm hielten. (Dunning-Kruger-Effekt, sag ich da mal nur.) Heute morgen erhielt ich dann erstmals einen sachbezogenen Antwortkommentar. Von einem Priester. Einem, der auf Facebook als "Top-Fan" von häretisch.de geführt wird, aber immerhin ein echter Priester, der auf seinem Profilbild sogar Kollar trägt. Und was schreibt der so? 
"[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig. Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein. Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht. Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Nun ja, sagen wir so: Immerhin eine sachbezogene Antwort. Immerhin ein Versuch, mit Argumenten auf Argumente zu antworten. Das ist, wie man am Gesamtverlauf der Diskussion ablesen kann, in diesem Forum schon selten und daher beachtlich genug -- und verdient daher auch eine entsprechende Antwort. 

Symbolbild: Messdiener in der Kirche St. Robert Bellarmin, Jones, Oklahoma, 2020 (Bildquelle und Lizenz hier).

Also, der Reihe nach: 

  • "[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig." 
Sicherlich sind sie das, und das ist auch gut so. Dennoch dürfte es auf der Hand liegen, dass manche Berufungswege, sagen wir mal, "typischer" sind als andere. Und wenn man solche typischen Berufungswege verbaut (oder jedenfalls erschwert), sollte man sich nicht darüber wundern, wenn es im Ergebnis weniger Berufungen gibt
  • "Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein."
Das nennt man anekdotische Evidenz. Um mal von meiner eigenen Fachrichtung zu sprechen: Es gibt auch Menschen, die als Kind nicht gern gelesen haben und später trotzdem Literaturwissenschaftler geworden sind. Solche Fälle sind exakt deshalb erwähnenswert, weil sie die Ausnahme sind. Das heißt, sie verweisen dialektisch darauf, dass es normalerweise anders ist. Es gibt sogar ein altes deutsches Sprichwort, das diesen Sachverhalt beschreibt; es lautet: "Ausnahmen bestätigen die Regel"
  • "Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht." 
Das bin ich auch. In meiner Pfarrgemeinde (die natürlich nur insofern "meine" ist, als ich auf ihrem Gebiet wohne und in ihr ehrenamtlich tätig bin, auch wenn ich den Begriff "Ehrenamt" eigentlich verabscheue) herrscht chronischer Ministrantenmangel, in den Gremien der Gemeinde wird regelmäßig über Gründe und mögliche Abhilfen für dieses Problem diskutiert, aber dass es zu viele Mädchen gäbe, die ministrieren wollen, gehört eindeutig nicht zu den Gründen. Kirchenrechtlich spricht nichts dagegen, dass Mädchen ministrieren, sofern der zuständige Bischof es erlaubt (dazu weiter unten noch eine Anmerkung); persönlich habe ich überhaupt kein Problem damit, dass es Ministrantinnen gibt, und hätte z.B. auch nichts dagegen, wenn meine Tochter, sobald sie alt genug dafür ist, Ministrantin werden wollte. Problematisch wird es aus meiner Sicht erst, wenn - siehe oben - "oft ausschließlich Mädchen am Altar stehen". 
  • "Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester" -- 
Doch. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man das ernsthaft leugnen kann. Zumindest sollte sie das sein, und wenn sie es faktisch nicht ist, sollte man sich vielleicht mal überlegen, was mit der Messdienerausbildung falsch läuft. 
  • "und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Eine bemerkenswert sozialdarwinistische Argumentation, zu sagen, wenn jemand sich aus einer Position verdrängen lasse, sei er für diese Position wohl schlichtweg nicht geeignet gewesen. -- Dass jemand, der sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlt, "nicht unbedingt perfekt geeignet" für die Anforderungen des Priesterberufs ist, ist zweifellos richtig, ist im vorliegenden Kontext aber ein reines Strohmannargument. Immerhin kommen wir hier aber so langsam mal zum Kern der ganzen Debatte: Wieso meine ich, dass Jungen durch Mädchen aus dem Ministrantendienst "verdrängt" werden? 

Nun, zunächst einmal ist es einfach eine empirische Tatsache, die auch dadurch nicht weggeht, dass sie einem nicht gefällt bzw. nicht ins ideologische Konzept passt. In dem Kommentar, auf den ich ursprünglich geantwortet habe, liegt dieser Sachverhalt ganz offen zutage: In den 90ern wurden erstmals Mädchen zum Ministrantendienst zugelassen, heute sind die Mädchen dort deutlich in der Überzahl. Das betrifft nicht nur diese eine Gemeinde, das ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich auch statistisch nachweisen lässt. Und wenn man nur ein bisschen was von Pädagogik und/oder Kinder- und Jugendpsychologie versteht, ist das auch nicht besonders verwunderlich. 

Beachten wir die Altersgruppe, um die es hier geht: Ich wage mal zu behaupten, im Kern haben wir es hier mit Kindern und Jugendlichen zwischen Erstkommunion und Schulabschluss zu tun. Es geht also mit ungefähr zehn Jahren los und geht dann weiter bis ins Teenageralter. Mit anderen Worten, die Entscheidung, Messdiener zu werden oder nicht, findet in den allermeisten Fällen in einem Alter statt, in dem es vollkommen normal ist, seine sozialen Kontakte überwiegend unter Angehörigen des eigenen Geschlechts zu suchen und zu finden. Wo überwiegend Mädchen sind, da gehen auch überwiegend Mädchen hin -- und umgekehrt. 

Hinzu kommt, dass gerade in diesem Alter Mädchen typischerweise ordentlicher, disziplinierter, zuverlässiger und autoritätsbezogener sind als Jungen; und es liegt auf der Hand, dass das alles Eigenschaften sind, die ihnen beim Ministrantendienst zugute kommen. (Aber nicht nur da: In der Pädagogik und der Lehrerausbildung ist die Benachteiligung von Jungen in geschlechtsgemischten Gruppen seit mindestens 50 Jahren ein großes Thema, die Fachliteratur ist voll davon. Könnte man ruhig mal zur Kenntnis nehmen.) 

Die natürliche Folge daraus ist: Wenn man weiterhin auch Jungen im Ministrantendienst haben will, dann muss man sie besonders fördern. Aber vielleicht will man das ja gar nicht. Das würde Einiges erklären. Übrigens nicht nur den Priestermangel: Auch unter den sogenannten "Ehrenamtlichen" oder überhaupt unter den aktiven Gemeindemitgliedern grassiert in der Kirche ein Männermangel. Aber das wäre mal ein Thema für sich. 

Den Zusammenhang zwischen Ministrantendienst und Priesterberufung habe ich mir übrigens nicht ausgedacht, falls das jemand denkt. Schon in der Enzyklika "Mediator Dei" von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 wird die Förderung von Priesterberufungen als ein gewichtiges Argument dafür angeführt, "Knaben aus allen Gesellschaftsklassen [...] unter der wachsamen Aufsicht der Priester" zum Ministrantendienst auszubilden; im Zusammenhang mit der Zulassung von Mädchen zum Ministrantendienst betonte die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 15.03.1994, "dass es immer sehr angemessen sein wird, der edlen Tradition zu folgen, Jungen am Altar dienen zu lassen", da es "wohlbekannt" sei, "dass dies erfreulich zur Entwicklung priesterlicher Berufungen beiträgt"; und die Kongregation für das katholische Bildungswesen hielt noch 2012 in ihren "Pastoralen Leitlinien zur Förderung der Berufungen zum Priesteramt" fest, der Ministrantendienst könne "als ein echter Weg der Öffnung zum Priesterberuf angesehen werden". 

Abschließend, wie angekündigt, noch ein Wort dazu, dass es der Entscheidung des jeweiligen Bischofs obliegt, ob Mädchen ministrieren dürfen oder nicht. Schon bevor ich in der besagten Diskussion bei häretisch.de das Fass mit der "Verdrängung" der Jungen aus dem Ministrantendienst aufmachte, war mir ein Kommentar einer Mitarbeiterin des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" aufgefallen, die ich zwar ausschließlich via Facebook kenne, dort aber schon ein paarmal mit ihr aneinandergeraten bin. Sie schrieb, unter Kardinal Meisner - in seiner Berliner Zeit - hätten Mädchen auch nicht ministrieren dürfen, und seine einzige Begründung dafür sei gewesen "Weil ich das nicht wünsche". Dazu merkte ich an, das sei doch eine vollkommen ausreichende Begründung. Als Reaktion erntete ich diesmal ausschließlich Lach-Smileys. Ich meine das aber ernst. Es steht einem Bischof zu, diese Frage nach eigenem Gutdünken zu entscheiden; und wer das nicht akzeptieren kann oder will, dem fehlt es vielleicht einfach an Demut. Was, etymologisch betrachtet, übrigens nichts anderes bedeutet als "Bereitschaft zum Dienen"

Aber diese Tugend scheint ja innerhalb der "häretisch.de"-Zielgruppe insgesamt nicht so en vogue zu sein. 

Dienstag, 29. Juni 2021

Die Sommerausgabe ist da!

Ich darf mir wohl mal selbst auf die Schulter klopfen: Bereits den fünften Monat in Folge ist es mir in meiner Eigenschaft als Chefredakteur gelungen, termingerecht eine neue Ausgabe der "Lebendigen Steine" zu veröffentlichen! Auch wenn es diesmal, u.a. urlaubsbedingt, ein bisschen knapp war. Herzlichen Dank daher an alle, die zum Gelingen (und zur rechtzeitigen Fertigstellung) der neuen Ausgabe beigetragen haben! 



Zu den thematischen Schwerpunkten der Juli-Nummer zitiere ich der Einfachheit halber mal das Editorial: 

Der Sommer ist für viele von uns eine Zeit des Urlaubs und damit des Reisens. Da trifft es sich gut, dass zwei markante Daten des Festkalenders im Monat Juli wesentlich mit dem Thema des „Unterwegsseins“ zu tun haben: An Mariä Heimsuchung (02. Juli) erinnern wir uns daran, wie Maria sich ins Bergland von Judäa aufmachte, um ihre Verwandte Elisabet zu besuchen, als beide Frauen schwanger waren; und am 25. Juli feiern wir das Fest des Apostels Jakobus, dessen Grab in Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens das Ziel des wohl berühmtesten Pilgerwegs Europas, des Jakobswegs, ist.
Andererseits feiern wir im Juli aber auch das Fest des Hl. Benedikt, in dessen Ordens- und Lebensregel gerade die stabilitas loci, das „An-einem-Ort-Bleiben“, eine wichtige Rolle spielt.
All diese Themen versuchen wir in der vorliegenden Ausgabe der „Lebendigen Steine“ miteinander in Beziehung zu setzen. Darüber hinaus freuen wir uns, dass wir für die Rubrik „Debatte“ zwei Gastbeiträge aus dem Kreis unserer Leser gewinnen konnten. Davon wünschen wir uns für die Zukunft noch mehr!

Zum Download der neuen Ausgabe geht's hier

Kurz vor Ende Juni ist übrigens auch die zweite Nummer der schon einmal erwähnten "Texte für den Augenblick" - also des Hefts mit den geistlichen Impulsen unserer pastoralen Mitarbeiter - erschienen. Es mag an meinem typischen Hang zur Selbstüberschätzung (oder sagen wir: zur Überschätzung meiner "Relevanz") liegen, aber jedenfalls neige ich dazu, in den "Texten für den Augenblick" eine Reaktion auf die "Lebendigen Steine" zu sehen. Aber auch wenn das von den Initiatoren gar nicht so beabsichtigt gewesen sein sollte, bietet sich ein vergleichender Blick auf diese Publikationen wohl an. 

Dazu will ich zunächst mal sagen: Dass unsere pastoralen Mitarbeiter geistliche Impulse verfassen und nicht nur als telefonisch abrufbares Audio, sondern auch in Schriftform veröffentlichen, finde ich grundsätzlich absolut begrüßenswert, und auch an den Texten selbst, soweit ich sie bisher gelesen habe, habe ich wenig auszusetzen -- jedenfalls kaum etwas, was man nicht unter "Geschmackssache" verbuchen könnte. Gleichzeitig ist aber kaum zu leugnen, dass das Blättchen unserer pastoralen Mitarbeiter vor allem in gestalterischer, aber auch in redaktionell-konzeptioneller Hinsicht noch Einiges an Luft nach oben hat. 

Nun könnte man sagen, das könnte mir doch eigentlich nur recht sein, denn im direkten Vergleich mit den "Lebendigen Steinen" müssten die Qualitätsunterschiede jedem unvoreingenommenen Betrachter unmittelbar ins Auge fallen. Allerdings ist so ein "direkter Vergleich" gar nicht so leicht herzustellen, da die "Texte für den Augenblick", soweit ich bisher gesehen habe, nur in den Kirchen unseres Pastoralen Raums ausliegen, wohingegen die "Lebendigen Steine", als "Underground"-Publikation, in den offiziellen Schriftenauslagen unserer Kirchen eher nicht zu finden sind (sondern eher bei Edeka, REWE sowie in öffentlichen Bücherschränken, von denen es passenderweise auf dem Territorium jeder der vier Pfarreien unseres Pastoralen Raums genau einen gibt). 

Aber wie dem auch sei. Der Hauptverantwortliche für die Druckversion der "Texte für den Augenblick" ist allem Anschein nach einer unserer Ständigen Diakone; wenn ich den bei Gelegenheit mal zu fassen kriege, sollte ich vielleicht mal mit ihm darüber verhandeln, ob man die "Texte für den Augenblick" nicht in die "Lebendigen Steine" integrieren könnte. Da würde ich dann zwar pro Monat eher einen oder zwei geistliche Impulse unserer pastoralen Mitarbeiter veröffentlichen statt fünf oder sechs, dafür aber mit besserem Layout und besserem Lektorat; im Gegenzug könnte man sich die Druckkosten teilen und ggf. die Auflage erhöhen, und die "Lebendigen Steine" bekämen Zugang zu den Schriftenauslagen. Win-win, oder? 

Noch wichtiger ist aber vielleicht die Frage: Wann bringst DU, Leser, Deinen EIGENEN "Independent-Gemeindebrief" heraus? Punkpastoral lebt vom Selbermachen, und Ideen verbreiten sich durch Nachahmung. Und im Grunde braucht man gar nicht besonders viel, um so ein Heft herauszubringen; man muss sich nur trauen. Und es müssen ja nicht unbedingt gleich 24 oder 28 oder 32 Seiten pro Monat sein. Also, Leute: Zeigt mir, was Ihr drauf habt! Gründen wir zehn, zwanzig, hundert "Independent-Gemeindebriefe" in ganz Deutschland (oder auch darüber hinaus)! 

Das wär doch mal was, oder? 


Sonntag, 20. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 3 von 3)

Herzlich willkommen zum Finale meiner kleinen Artikelserie über die kirchenbezogenen Aspekte meines jüngsten Familienurlaubs in Butjadingen! In Teil 2 war ich mit meiner Schilderung bis zum Donnerstag der 10. Woche im Jahreskreis gekommen; tags darauf war das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, und damit möchte ich meine Schilderung nun wieder aufnehmen. Teilweise bedingt durch unsere Aktivitäten in der Kirchengemeinde Herz Jesu in Berlin-Tegel hat die Herz-Jesu-Verehrung im Laufe der letzten Jahre einen besonderen Stellenwert im Glaubensleben meiner Familie gewonnen; es traf sich somit günstig, dass es - wie schon erwähnt - in der Nordenhamer St.-Willehad-Kirche am frühen Freitagabend eine Messe anlässlich des Herz-Jesu-Fests gab. Um daran teilzunehmen, fuhren wir mit dem Bus nach Nordenham. 

Dies ist leider nicht der Schaukasten der katholischen Kirche St. Willehad -- sondern derjenige der baptistischen Zoar-Kapelle, an der wir auf dem Weg nach St. Willehad vorbeikamen.

Ich hatte spekuliert, der Umstand, dass das Herz-Jesu-Fest in Nordenham besonders gefeiert wird, habe womöglich auch damit zu tun, dass es das Titularfest der inzwischen profanierten Kirche im Ortsteil Einswarden gewesen war; nicht im Blick gehabt hatte ich dabei, dass in St. Willehad auch allmonatlich eine Messe zum Herz-Jesu-Freitag (dem ersten Freitag des jeweiligen Monats) gefeiert wird. Insgesamt geht man wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass die Herz-Jesu-Verehrung ein Refugium des eher "konservativ"-frommen bzw. traditionsorientierten Teils der Gemeinde darstellt; davon, wie dieser Gemeindeteil personell aufgestellt ist, vermittelte die Messe zum Herz-Jesu-Fest allerdings kein sehr ermutigendes Bild: Außer den Mitwirkenden (Pfarrer, Küsterin und eine Musikerin, die originellerweise nicht Orgel, sondern Geige spielte) und uns nahmen ungefähr fünf überwiegend sehr betagte Personen an der Messfeier teil.

Überrascht war ich, als vor Beginn der Messe die Küsterin auf mich zukam und mich fragte, ob ich den Vortrag der 1. Lesung (Hosea 11,1-9) und der Fürbitten übernehmen möge. Machte ich natürlich gern. Ob die Küsterin mich erkannt hatte oder bloß dachte "Junge Familie, die an einem Werktag in die Messe kommt, das werden schon Leute sein, denen man so eine Aufgabe anvertrauen kann", sei mal dahingestellt. 

Zum ersten Mal stutzen musste ich, als der Pfarrer nach dem Kyrie direkt zum Tagesgebet überging. Nanu, dachte ich: kein Gloria? Dabei ist doch Hochfest! Ich ahnte schon fast, dass es folgerichtig auch kein Credo geben würde, trotzdem wartete ich nach der (im Guten wie im Bösen nicht besonders bemerkenswerten) Predigt erst einmal ab, ehe ich zu den Fürbitten ans Ambo trat. Genauer gesagt wartete ich so lange, bis die Geigerin in der Bank hinter mir sich vernehmlich räusperte. -- Davon abgesehen, und vor allem verglichen damit, was ich bei anderen Gelegenheiten an diesem Ort (und durchaus auch woanders, z.B. in Stuttgart) schon so alles erlebt habe, hielten sich die liturgischen Fouls einigermaßen in Grenzen -- wobei ich mich in solchen Fällen immer frage, warum man sich diese Verstöße gegen die liturgische Ordnung dann nicht auch noch hat sparen können; aber der innere Drang, die Messe keinesfalls genau so zu zelebrieren, wie sie im Messbuch steht, scheint bei einigen Priestern schier unbesiegbar zu sein, und die Gemeinde weiß es oftmals schlicht nicht besser. Welchen Sinn soll es beispielsweise haben, den Antwortpsalm (Jesaja 12,2-6) und die zweite Lesung (Epheser 3,8-19) wegzulassen, nur um dann nach der Kommunion einen anderen Psalm (in diesem Fall Psalm 42) zu rezitieren? Nichts gegen Psalm 42, er ist wunderschön, aber was soll sowas? Und sollte es nicht einigermaßen einleuchtend sein, dass die erste Strophe von "Großer Gott, wir loben dich" zwar an und für sich gut und schön ist, aber trotzdem nicht dafür geeignet ist, anstelle des Sanctus gesungen zu werden? -- Meine Liebste ist der Meinung, mangelnder Sinn für Liturgie oder mangelnder Respekt gegenüber liturgischen Vorschriften seien Anzeichen für ein fundamentales Nichtverstehen oder Nicht-Akzeptieren-Wollen der göttlichen Ordnung der Dinge, die sich in der Liturgie widerspiegelt; und ich bin geneigt, ihr Recht zu geben. In besonderem Maße gilt das für die noch auf Pfarrer Bögershausen zurückgehende Unsitte, dass der zelebrierende Priester selbst erst am Ende der Kommunionausteilung kommuniziert. Im direkten Vergleich eher eine Kleinigkeit, aber dennoch auf ähnliche Weise bezeichnend ist der häufig zu beobachtende "kreative" Umgang mit den Interzessionen im Eucharistischen Hochgebet, namentlich mit der Formulierung "alle, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind": Unser Gemeindepfarrer in Berlin sagt an dieser Stelle gern "alle Frauen und Männer, die sich in der Kirche engagieren", was ja schon mal nicht zwingend dasselbe ist wie zum Dienst bestellt zu sein; aber der Pfarrer von St. Willehad legt in Sachen Inklusivität noch eine Schippe drauf, indem er sagt "alle, die sich in der Kirche oder im Sinne des Evangeliums in der Welt engagieren". Grönch. 

Aber konzentrieren wir uns mal aufs Positive: Nicht nur war es schön, an diesem Hochfest überhaupt eine Heilige Messe mitfeiern zu dürfen (und zwar dank niedriger Corona-Inzidenz sogar mit Gemeindegesang und mit der Erlaubnis, am Platz die Maske anzunehmen); zum Abschluss wurde sogar das Allerheiligste ausgesetzt, die Herz-Jesu-Litanei aus dem Gotteslob (Nr. 564) gebetet, das Tantum ergo gesungen (leider in der deutschen Nachdichtung von Friedrich Dörr, die ich ein bisschen kitschig finde) und ganz zum Schluss der Eucharistische Segen gespendet. Sehr schön! Entzückt war ich, dass meine dreieinhalbjährige Tochter sich während zur Wandlung und während der Aussetzung hinkniete, und zwar aus eigenem Entschluss; dass sie auch vor dem Verlassen der Kirche eine Kniebeuge vor dem Altar machte, trug uns ein huldvolles Lächeln seitens der Küsterin ein. 


*

Auf das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu folgte der Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens; zu diesem Anlass hatte ich, wie berichtet, eine Andacht vorbereitet, war mir bis zum Samstagmittag jedoch nicht so recht darüber im Klaren, was wir nun mit dieser Andacht machen sollten. Und dann saßen wir, wie einige Tage zuvor, wieder bei einem Mittagspicknick - diesmal nicht im Garten der Kirche, wo bereits Bänke aufgebaut worden waren, um die Vorabendmesse unter freiem Himmel feiern zu können, sondern im angrenzenden "Bürger-Obstgarten" -, und als wir unsere Snacks verspeist hatten und beide Kinder friedlich Mittagsschlaf hielten, fragte ich meine Liebste: 

"Wie machen wir's jetzt eigentlich mit unserer Guerilla-Andacht?" 
"Also, von mir aus können wir", entgegnete meine Liebste schlicht. 

"Jetzt gleich?" (Es war ungefähr 15 Uhr.) 

"Ja, ist wohl besser. Das vermindert das Risiko, dass wir den Vorbereitungen für die Abendmesse in die Quere kommen." 

Also gingen wir in die Kirche, stöpselten unsere mobile Lautsprecherbox ein und begannen unsere Andacht, zu der meine Liebste an den dafür vorgesehenen Stellen sehr schöne freie Gebete beisteuerte (sie ist einfach die größere Charismatikerin von uns beiden). Alles in allem dauerte die Andacht wohl etwa eine Dreiviertelstunde, und positiv ausgedrückt störte uns niemand dabei -- oder umgekehrt, wir störten niemanden damit. Erst während des letzten Liedes ("Zehntausend Gründe" -- zum Abschluss muss man immer einen Kracher bringen, das habe ich in meiner Zeit als DJ gelernt) kam eine Frau mittleren Alters herein, die vor der Marienfigur eine Kerze anzünden wollte. Falls sie sich über die Musik wunderte, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Nahezu unmittelbar nach dem Ende unserer Andacht kam der Küster herein und teilte uns mit, die Vorabendmesse werde draußen stattfinden - was wir allerdings schon gewusst hatten. 



Die Open-Air-Messfeier war durchaus gut besucht; dennoch senkten wir, ebenso wie tags zuvor in St. Willehad, den Altersdurchschnitt durch unsere Anwesenheit ganz erheblich, und zwar selbst dann, wenn man unsere Kinder nicht mitrechnete. Neben dem Diakon und dem Ministranten und Lektor waren wir eindeutig die einzigen Unter-50-Jährigen unter den Anwesenden, und die beiweitem meisten Mitfeiernden waren wohl jenseits der 70. Angesichts dieser Altersstruktur war es wohl einigermaßen folgerichtig, dass auf dem Liederzettel, der vor Beginn der Messe ausgeteilt wurde, ausschließlich Stücke des NGL-Genres vertreten waren. Das einzige nicht dieser Stilrichtung zugehörige Lied, das in dieser Messe gesungen wurde - "Maria, breit' den Mantel aus" - stand nicht auf dem Zettel und wurde als bekannt vorausgesetzt. Begleitet wurde der Gemeindegesang übrigens auf dem Akkordeon - von einer Frau, die schon in meiner Kindheit sehr aktiv in der Kirchengemeinde war und ihre Aktivität seither sukzessive ausgeweitet hat -- wie man diesem Presseartikel entnehmen kann, den ich mal gänzlich unkommentiert für sich selbst sprechen lassen will. Meine musikalische Schmerzgrenze wurde überschritten durch ein Lied, das ebenfalls nicht auf dem Zettel stand, weil es wohl als bekannt vorausgesetzt wurde; ein Lied, das ich schon als Kind innig verabscheut habe: "Lasst uns miteinander". Das wurde zum Gloria gesungen, und zu meinem Leidwesen kann man nicht einmal behaupten, dass es völlig unpassend gewesen wäre, denn es ließe sich durchaus argumentieren, dass der Text des Liedes auf einer Passage aus dem Gloria basiere ("Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit"). Trotzem: grässlich! 

Des Gedenktags des Unbefleckten Herzens Mariens wurde an ein paar Stellen der Messe durchaus gedacht - dazu gehörte das bereits erwähnte Marienlied sowie der Umstand, dass nach der Kommunion der Engel des Herrn gebetet wurde; im Großen und Ganzen wurde sie aber als Vorabendmesse zum 11. Sonntag im Jahreskreis gefeiert.  Das Evangelium vom Tag war somit Markus 4,26-34 - das Gleichnis vom Wachsen der Saat und das Gleichnis vom Senfkorn -, und man kann von Glück sagen, dass niemand auf die Idee gekommen war, dies zum Anlass zu nehmen, "Kleines Senfkorn Hoffnung" auf den Liederzettel zu setzen. Na ja, vielleicht auch nicht: Das hätte wenigstens gezeigt, dass die in dieser Gemeinde für die "Liturgie" Verantwortlichen sich irgend etwas bei der Liedauswahl denken. 

Und dann kam die größte Überraschung dieser Messe, nämlich die Predigt. Von der war ich wider Erwarten beeindruckt -- ja, es wäre tatsächlich eine Untertreibung,  hier ein schwächeres Wort als "beeindruckt" zu verwenden. Das lag nicht an ihrer rhetorischen Qualität; unter diesem Aspekt musste man die Predigt vielmehr als teilweise zerfahren und unausgegoren bezeichnen, was für Pfarrer Jasbinschek leider nicht untypisch ist. Aber wenn man diese Mängel wegdenkt, dann war das, was übrig blieb, tatsächlich die stärkste Predigt,  die ich seit einer ganzen Weile gehört hatte. Weichen und Zunder, kann man da nur sagen! 

Aufhorchen ließ zunächst, dass Pfarrer Jasbinschek Kardinal Marx' Amtsverzichts-Angebot kritisierte; nun gut, "kritisierte" ist vielleicht etwas zu viel gesagt, er drückte sich sehr zurückhaltend und etwas vage aus, aber wenn man seine Äußerungen ein bisschen zuspitzte, konnte man den Vorwurf heraushören, die Rücktrittsabsicht des Erzbischofs von München und Freising verrate ein defizitäres Amtsverständnis und ein fehlerhaftes Verständnis von Verantwortung. Im Gesamtkontext der Predigt blieb das allerdings eher eine Randbemerkung. Im Kern ging es in Pfarrer Jasbinscheks Auslegung des Gleichnisses vom Wachsen der Saat - so wie ich sie verstand, jedenfalls - darum, dass man, wenn man für das Reich Gottes wirken wolle, nicht auf schnelle Erfolge aus sein dürfe, oder andersherum ausgedrückt: dass man sich vom Ausbleiben unmittelbar augenfälliger Erfolge nicht entmutigen lassen solle. Und das ist ja ein ausgesprochen #BenOp-relevantes Thema. Der Pfarrer illustrierte dies mit einer angeblich wahren Geschichte über einen französischen Bauern, der in einer durch Bodenerosion verödeten Gegend in den Cevennen im Alleingang Hunderttausende Bäume pflanzte; diese Geschichte fand ich so großartig, dass ich wohl bei anderer Gelegenheit noch einmal darauf werde zurückkommen müssen. Abschließend sagte der Pfarrer noch: "Ich glaube, dass wir die Kirche nicht durch Pläne voranbringen, sondern in erster Linie durch das Gebet." Wow! 

Im Anschluss an die Messe kamen wir noch kurz mit einigen Gemeindemitgliedern ins Gespräch, die sich gebührend entzückt von unseren Kindern zeigten und ansonsten (abgesehen von der oben erwähnten Frau mit dem Akkordeon, die mich noch von früher her kennt) wohl einfach neugierig waren, was uns wohl in "ihren" Gottesdienst verschlagen hatte. Die "Takeaways" aus diesem Gespräch lauteten im Wesentlichen: Die katholische Kirche gelte ja im Allgemeinen als hoffnungslos rückständig,  aber so ganz langsam und allmählich bewege sie sich ja doch, und gerade diese Gemeinde sei "sehr fortschrittlich"; zudem sei hier die Gemeinschaft sehr gut. Dies unterstreichend, verriet eine grauhaarige Dame, sie sei "eigentlich evangelisch", habe aber Anschluss an die katholische Gemeinde gesucht und gefunden, da es in der evangelischen Kirche - aus pandemischen Gründen, versteht sich - schon seit Monaten keine Gottesdienste mehr gegeben habe. Auf Nachfrage präzisierte sie, Andachten gebe es in der örtlichen evangelischen Kirche durchaus, "aber man will ja auch mal zur Kommunion gehen" (sie sagte tatsächlich "Kommunion" und nicht "Abendmahl", das fand ich auffällig). Wir sagten zu alledem nicht viel. 

Kommentarwürdig finde ich aber doch, wie sich die Gemeinde von Herz Mariä Burhave verändert hat im Vergleich zu der Zeit, als ich noch dort gewohnt habe. Ich erinnere mich gut, dass ich vor rund 30 Jahren mal - mit dem begrenzen analytischen Instrumentarium, das mir als Teenager eben zu Gebote stand - den Versuch einer kritischen Darstellung der verschiedenen Fraktionen innerhalb der Pfarrgemeinde in mein Tagebuch gekritzelt habe; ich hoffe, ich finde dieses Tagebuch irgendwann mal wieder. Jedenfalls wurde das Erscheinungsbild der Gemeinde damals einerseits stark durch eine Anzahl betagter Schlesierinnen mit einem sehr traditionsorientierten Frömmigkeitsstil bestimmt, andererseits gab es auch damals schon eine eher NGL- und Batikhalstuch-orientierte Fraktion, deren Mitglieder ebenfalls überwiegend weiblich, aber im Durchschnitt etwa eine Generation jünger waren als die schlesischen Witwen und sich im Vergleich zu diesen durchaus mit einigem Recht als der "fortschrittlichere" Teil der Gemeinde empfinden durften. Dass sie sich 30 Jahre später immer noch so sehen, ist nicht unbedingt verwunderlich (ich erwähne es immer wieder gern: Auch im ZK der SED haben die alten Herren bis zuletzt voller Überzeugung gesungen "Wir sind die junge Garde des Proletariats"); und ebenso wenig muss man sich wundern, dass sie mangels solider Katechese bis heute nicht richtig mitbekommen haben, dass die esoterisch und universalistische angehauchte Spiritualität, die sie aus ihren bevorzugten NGL-Songtexten herausgehört oder -gelesen haben, nicht so ganz mit der Glaubenslehre der katholischen Kirche deckungsgleich ist. Anders als vor 30 Jahren haben sie heute allerdings niemanden mehr, gegen den sie opponieren könnten oder müssten: Zum einen, weil sie sich - wofür die Frau mit dem Akkordeon das Paradebeispiel ist - längst selbst an die Schlüsselstellen der Gemeinde gesetzt haben, und zum anderen, weil es außer ihnen schlichtweg niemanden mehr gibt. Die schlesischen Kriegswitwen sind längst ausgestorben, und ihre Enkel - so wie ich - sind weggezogen. Umgekehrt hat die Fraktion der "Boomer Catholics" - wie ich aus dem Umstand schließe, dass ich einen großen Teil der Gottesdienstteilnehmer bei dieser Vorabendmesse nicht kannte - Zuwachs durch Zugezogene erhalten, aber eben nur von Leuten, die im Wesentlichen so sind wie sie selber. Sicherlich trägt das dazu bei, dass sie die Gemeinschaft in dieser Kirchengemeinde so toll finden. Aber dass die Gemeinde mit einer solchen Mitgliederstruktur nicht besonders viel Zukunft hat, müsste eigentlich offensichtlich sein.  

Was also müsste sich ändern, damit die Kirche an diesem Ort die kommenden Jahrzehnte überlebt? -- Es mag ein naheliegender Gedanke sein, auf dieselbe oder ähnliche Weise, wie die liberalen "Boomer"-Katholiken im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in dieser und vielen anderen Gemeinden das Ruder übernommen haben, müsste es einer Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute möglich sein, das Ruder der Gemeinde wieder in eine andere Richtung zu drehen. Man könnte sogar der Meinung sein, das sei im Wesentlichen das, was meine Liebste und ich in unserer Berliner Pfarrei zu tun versuchen. Aber ich sehe das nicht ganz so, und das nicht nur, weil in unserer Gemeinde (im "Pastoralen Raum" insgesamt sieht das schon wieder anders aus) die engagierten Laien tendenziell eher weniger liberal sind als die Hauptamtlichen. Mein wesentlicher Einwand lautet vielmehr: Wenn man Gemeindeerneuerung als Machtkampf betrachtet und betreibt, dann liegt da kein Segen drauf. Dass die hypothetische "Handvoll engagierter und glaubensfester junger Leute" eine Menge dafür tun kann, dem kirchlichen Leben in einer Pfarrei oder Ortsgemeinde eine neue Richtung zu geben, ist sicherlich richtig und auch gut so; aber dabei darf nicht es nicht darum gehen, Schlüsselpositionen in der Gemeinde zu besetzen, um eigene Vorstellungen durchzudrücken und andere Interessengruppen innerhalb der Gemeinde an den Rand zu drängen. Das Ziel muss vielmehr sein, in erster Linie dem Wirken des Geistes Gottes in der Gemeinde Raum zu geben. Dafür ist es wesentlich, dem Gebet und dem Hören auf Gottes Wort Priorität einzuräumen. Und schließlich sollte uns gerade das oben angesprochene Gleichnis vom Wachsen der Saat daran erinnern, dass wir mit allem, was wir tun, letztlich nur Samen ausstreuen können; und dann müssen wir es Gott überlassen, was Er daraus wachsen lässt. 

Abschließend noch eine Bemerkung, die ich mir schlechterdings nicht verkneifen kann: Irgendwie finde ich es ja lustig, dass die - ihrer Selbstwahrnehmung zufolge - "fortschrittlichen" Boomer-Katholiken, wenn sie auf jüngere Gottesdienstbesucher treffen, meist quasi automatisch annehmen, diese müssten gerade aufgrund ihres Alters in "kirchenpolitischer" Hinsicht ganz auf ihrer Linie oder allenfalls noch "liberaler" als sie selbst sein. Diese irrige Annahme ist ihrer Auffassung von "Fortschritt" zwar in gewissem Sinne inhärent, aber genau das macht die Sache aus meiner Sicht nur umso lustiger. Unter diesem Aspekt finde ich es ja doch ein bisschen schade, dass die Gemeindemitglieder, mit denen wir im Anschluss an die Messe sprachen, nichts von unserer Andacht mitgekriegt haben. Ich vermute mal, sie hätten überhaupt nicht gewusst, wie sie die in ihrem kirchenpolitischen Koordinatensystem hätten einordnen sollen...