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Donnerstag, 28. Februar 2019

Als Gasthörer an der Hausbesetzer-Uni

Man kennt das: Da sitzt man nichtsahnend zu Hause, und plötzlich fällt der Strom aus oder das Wasser läuft nicht mehr. Den Nachbarn im Haus geht's genauso. Je nach Veranlagung oder Fertigkeit ruft man die Hausverwaltung oder versucht dem Problem selbst auf die Spur zu kommen, und schließlich stellt sich heraus, dass jemand am Sicherungskasten oder am Hauptwasserhahn des Hauses ‘rumgemacht hat. Obacht, Leser: Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Hausbesetzer oder solche, die es werden wollen, das Haus als potentielles Besetzungsobjekt  auskundschaften. Auch ein Klebestreifen über dem Haustürschloss könnte ein erstes Anzeichen dafür sein. -- Zugegeben: Solche Maßnahmen, mit deren Hilfe ermittelt werden soll, ob ein Haus aktuell bewohnt wird, ergeben nur dann so richtig Sinn, wenn es sich um ein Haus handelt, dem man das auf den ersten Blick nicht unbedingt ansieht; also beispielsweise einen sanierungsbedürftigen Altbau mit stellenweise kaputten oder vernagelten Fenstern. Gerade zur Zeit und gerade in Berlin muss man allerdings damit rechnen, dass in der Hausbesetzerszene eine Menge Anfänger unterwegs sind, die womöglich auf typische Anfängerfehler machen. 

Wie kommts? Nun, wer gedacht hat, Hausbesetzung sei "total 80er" (oder, in Ostberlin und in den Neuen Bundesländern, "total 90er"), der sieht sich - zumindest was Berlin betrifft - in jüngster Zeit getäuscht: Seit 2018 liegen Hausbesetzungen wieder voll im Trend, und die in den sozialen Medien ausgesprochen umtriebige Initiative #besetzen tut ihr Möglichstes, um diesen Trend zu verstetigen und eine neue Generation autonomer Wohnraumaktivisten heranzubilden. Zu diesem Zweck veranstaltete #besetzen  unlängst  ein Workshop-Wochenende  in den Räumen  der "Schule für Erwachsenenbildung" in Berlin-Kreuzberg  (die vielleicht auch Nichtberlinern aus dem Film Berlin Rebel High School bekannt ist -- der ist übrigens wirklich sehenswert). Aufmerksam geworden bin ich auf die Veranstaltung, weil ich #besetzen auf Twitter folge; habe mir schon eine ganze Weile gedacht, irgendwann könnte das mal nützlich werden, und jetzt war dieser Punkt erreicht. Zunächst hatte ich die abgefahrene Idee, ich könnte für die Tagespost über diese interessante Hausbesetzer-Schulung berichten. Tatsächlich konnte ich dort - ob man "nur" oder "immerhin" sagt, mag Geschmackssache sein - eine kleine Glosse unterbringen, musste mich dafür aber natürlich extrem kurz fassen; und wer mich kennt, weiß, wie schwer mir das fällt. Gut, wenn man einen Blog hat, wo man keinen Formatvorlagen unterliegt und alles loswerden kann, was man woanders nicht unterbringen konnte! 

In den Mehringhöfen, auf dem Weg zur "Schule für Erwachsenenbildung"
"Die Besetzungen des Jahres 2018 haben es geschafft, einer breiteren Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer linksradikalen Praxis als Antwort auf Verdrängung zu vermitteln", hieß es in der Programmankündigung. "Allerdings sind wir noch weit von einer Bewegung entfernt, die sich massenhaft Räume aneignet und dadurch Eigentum generell infrage stellt. Und da auch ein vermeintlich linker Senat die derzeitigen Zustände verursacht und aufrechterhält" - was mir dazu spontan einfiel, verrate ich hier nicht, da das die zentrale Pointe meiner Tagespost-Glosse ist; lest Tagespost, Leute! - "kann diese Bewegung nur eine von unten sein." Bewegung von unten? Klingt  vom Ansatz her schon mal #benOppig. Also nichts wie hin da. 

Theoretisch ging das Veranstaltungsprogramm - einschließlich Vortrag, Filmvorführung und gemeinsamer Essenszeiten - zwar von Freitagabend bis Sonntagnachmittag, aber ich hab schließlich Familie und auch sonst noch ein paar andere Dinge zu tun und plante daher von vornherein, meinen Besuch auf die erste Workshop-Phase am Samstag von 15 bis 18 Uhr zu beschränken. Ein bisschen Sorge hatte ich ja, ob man mich überhaupt reinlassen würde. Ich habe da schließlich schon so meine Erfahrungen gemacht mit der linken Szene in Berlin. Nicht dass ich mich für so berühmt-berüchtigt hielte, dass ich annähme, in jeder im Stressfaktor gelisteten Veranstaltungs-Location hinge ein Steckbrief von mir, aber man wundert sich ja manchmal. Tatsächlich gab es bei den #besetzen-Workshoptagen überhaupt keine Einlasskontrolle; als ich ankam, war gerade Mittagspause, überwiegend junge Menschen  mit Piercings, teilweise gefärbten Haaren und Strickmützen (sehr, sehr viele Strickmützen -- das scheint gerade schwer im Trend zu sein) aßen Rote-Bete-Suppe von Blechtellern. Trotz der ungezwungenen Atmosphäre hatte ich immer noch irgendwie das Gefühl, ich müsse mich betont unauffällig verhalten, um nicht als christlicher Fundamentalist und Abtreibungsgegner enttarnt zu werden. Ich wäre zwar im Fall der Fälle durchaus darauf vorbereitet gewesen, trotzig zu erwidern "Na und? Kann ich mich nicht trotzdem für Hausbesetzungen interessieren?", und da hätte man dann ja auch gleich was zu diskutieren gehabt; aber aus Erfahrung zweifle ich daran, dass es auf der Gegenseite große Gesprächsbereitschaft gegeben hätte. Tatsächlich erwiesen sich allerdings all diese Erwägungen als unnötig. Spätestens bei den einzelnen Workshops hätte es ohnehin keine Chance mehr gegeben, sich zu verstecken. 

Tatsächlich fand ich mich umgeben von lauter echt netten Leuten, die Atmosphäre war wie gesagt ungezwungen, die Workshop-Teilnehmer gaben im Hinblick auf Alter (von Anfang 20 oder sogar noch etwas jünger bis "deutlich älter als ich", weit überwiegend aber wohl zwischen 20 und 40), Kleidung, Haarlänge und ggf. Barttracht ein ausreichend gemischtes Bild ab, dass ich da nicht sonderlich auffiel. Von den sechs Workshops des Samstagnachmittags besuchte ich drei -- zu den Themen "Recherche", "Scouting" und "Pressearbeit". Bei den beiden erstgenannten zeigte sich allerdings, dass die TPG nicht MECE sind, will sagen, es gab einige inhaltliche Überschneidungen. Die Workshops zu "Recherche" und "Scouting" wurden in der Veranstaltungsankündigung wie folgt beschrieben: 
"Hier lernt ihr, wie ihr ein geeignetes Haus finden könnt und was sich alles im vor hinein dazu recherchieren lässt." 
Respektive: 
"Bevor ihr in ein Haus reingeht, solltet ihr es euch vorher ein paar Mal angeschaut haben. Worauf es sich dabei zu achten lohnt, lernt ihr in diesem Workshop." 
Neben Informationen darüber, wie es überhaupt in größerem Ausmaß zum Leerstand von Wohngebäuden kommt und woran man geeignete Objekte für eine Besetzung erkennen kann, wurde hier allerlei technisches Wissen etwa über Strom-, Gas- und Wasseranschlüsse vermittelt. Da ich aber - bis auf Weiteres zumindest - nicht die Absicht habe, selbst ein Haus zu besetzen, fand ich den Workshop zum Thema "Pressearbeit" besonders interessant. Unter anderem wurde dort von Teilnehmerseite die Frage aufgeworfen, ob es nicht ratsam sei, mit bestimmten Medien von vornherein überhaupt nicht zu reden. Die Referenten meinten jedoch, da gelte es abzuwägen: Wenn man das Ziel habe, mit einer Besetzungsaktion möglichst großes Aufsehen zu erregen, dann müsse man auch mal in den sauren Apfel beißen, seine Pressemitteilungen auch an Blätter zu schicken, die man eigentlich ih-bah findet (als Beispiele hierfür wurden WELT und FOCUS genannt, das wirft ein interessantes Licht darauf, wo in etwa die Schmerzgrenze verläuft). Programmatische Äußerungen, die darauf abzuzielten, beim Adressaten Verständnis und Sympathie für das Anliegen der autonomen Wohnraumaktivisten zu erwecken, solle man hingegen tatsächlich besser nur bestimmten ausgewählten Stellen zukommen lassen.

Allerdings wurde in diesem Zusammenhang auch angemerkt, dass es unter den großen, auch außerhalb der eigenen Filterblase rezipierten Presseorganen kaum verlässliche, d.h. verlässlich wohlwollende Ansprechpartner für die Hausbesetzerszene gibt, abgesehen vielleicht von der taz; selbst im Neuen Deutschland habe man schon deutlich schlechtere Presse bekommen als erhofft. Aber is’ ja auch klar, wenn man mal drüber nachdenkt: Die taz hat ihre Wurzeln in der Sponti-Anarcho-Szene, das ND ist traditionell eher stalinistisch orientiert. Das wurde im Workshop zwar nicht explizit so formuliert, aber isso.

Insgesamt, so meinte einer der Referenten, erlebe man im Umgang mit Pressevertretern immer wieder Überraschungen -- negative, aber auch positive. Stimmt, dachte ich, mit mir zum Beispiel könntet ihr eine ziemliche Überraschung erleben. Übrigens erwähnte derselbe Referent, Pressevertreter liebten es, wenn man ihnen Informationen zukommen lasse, auf deren Basis sie in ihren Texten den Eindruck erwecken können, sie wären selbst vor Ort gewesen. So. Und jetzt dürfen meine Leser munter darüber spekulieren, ob ich wirklich vor Ort war oder die ganze Zeit nur so tue.

Nun aber mal Spaß beiseite: Worauf man sich bei einer solchen Veranstaltung von Hausbesetzern für solche, die es werden wollen, gefasst machen muss, ist - wie ich in meiner Tagespost-Glosse bereits angedeutet habe - ein verblüffend "unverkrampftes" Verhältnis zur Illegalität; so sehr, dass man sich manchmal fast schon fragt, ob den Teilnehmern eigentlich bewusst ist, dass sie über Straftaten sprechen. Tatsächlich ist es das durchaus; es stört sie bloß nicht. Alles in allem fühlen sich die autonomen Aktivisten in einem Maße moralisch im Recht, das für Außenstehende zunächst schwer verständlich sein mag. In der Vorstellungswelt der Autonomen vermischt sich Karl Marx' These von der "Ursprünglichen Akkumulation" mit Freuds "Familienroman der Neurotiker" zu einer großen mythischen Erzählung, derzufolge man dereinst ein Königskind war, aber von den düsteren Machenschaften des Kapitalismus um sein Geburtsrecht betrogen wurde. Oder anders ausgedrückt, man ist der Indianer, dem einst alles Land gehörte, so weit der Büffel umherstreifte, aber dann kam die weißen Männer mit ihren Gewehren und ihrem Feuerwasser, töteten die Büffel und sperrten die Indianer in Reservate. So ungefähr sieht der Autonome die Welt. Der Hausbesitzer ist der eigentliche Hausbesetzer, sein Privateigentum ist ein Raub an der Allgemeinheit. Und die staatlichen Institutionen sind letztlich nur die Parkwächter auf dem Anwesen des Kapitalisten. Wenn die Gesetze nur dazu dienen, den unrechtmäßigen Besitz der herrschenden Klasse zu schützen, dann ist es legitim und sogar geboten, sie zu brechen.

Gegen eine solche Auffassung ließe sich zweifellos allerlei einwenden; im Grundsatz dürfte der Anspruch, sich einem Recht verpflichtet zu wissen, das höher steht als irdische Gesetze, einem Christen jedoch eigentlich nicht ganz fremd sein. Sind wir als Christen nicht - wenn auch weniger in einem politischen als in einem kosmischen Sinne - in einer ganz ähnlichen Situation? Mir fällt dazu eine Passage aus C.S. Lewis’ "Mere Christianity" ("Pardon, ich bin Christ") ein: 
"Vom Feind besetztes Land – das ist diese Welt. Das Christentum berichtet davon, wie der rechtmäßige König gelandet ist, in Tarnung, könnte man sagen, und wie er uns alle aufruft, uns an einem großen Sabotagefeldzug zu beteiligen. Man geht im Grunde in die Kirche, um dort die geheimen Funksprüche unserer Freunde abzuhören. Deshalb ist der Feind so erpicht darauf, uns von dort fernzuhalten."
Leah Libresco zitiert diese Sätze in ihrem Buch "Building the Benedict Option" -- und nimmt die Metapher von der "Beteiligung an einem großen Sabotagefeldzug" zum Anlass, um auf das 1944 vom Office for Strategic Services (OSS) herausgegebene "Simple Sabotage Field Manual" zu verweisen, das Anleitungen für kleine, einfach durchzuführende, aber effektive Sabotageakte im vom Feind besetzten Territorium enthält. Statt um spektakuläre Heldentaten geht es da eher darum, Werkzeuge am falschen Ort liegenzulassen oder Toiletten zu verstopfen. Freilich betont Leah Libresco, ihre Hinweise auf dieses Sabotagehandbuch seien metaphorisch zu verstehen, und verweist auf die Mahnung des Apostels Paulus an die Epheser: "Wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen" (Eph 6,12). Es geht also eher darum, dem Satan die Toilette zu verstopfen -- durch "kleine Handlungen zur Ehre Gottes": "Einem an Arthritis leidenden Fremden die Tür aufhalten; still für jeden Menschen beten, den man in der Bahn oder im Bus sieht; einem Freund ein Foto von einem sakralen Kunstwerk per Mail schicken -- jede dieser kleinen Handlungen, wenn sie für Gott getan wird, wird zu einem Strang in einem Bildteppich des Lobpreises." (Building the Benedict Option, S. 14; Übersetzung von mir.)

Gut und schön, dachte der kleine Anarcho in mir, als er das las; aber was ist mit dem buchstäblichen Toilettenverstopfen? Anders gefragt, wo bleibt da der Punk? -- Nun, Leah Libresco betont zwar, "der Feind, von dem Lewis spricht", sei "kein irdischer Feind", räumt aber gleich darauf ein, dass "Menschen und menschliche Institutionen" sehr wohl im Dienst des Feindes stehen können. 

Wusste ich doch, dass ich hier richtig bin. 

Selbstverständlich - das brauche ich hier wohl kaum im Detail auszuführen - kann man anhand sowohl biblischer als auch lehramtlicher Texte stringent begründen, dass Christen dazu aufgerufen, ja geradezu dazu verpflichtet sind, die staatliche Ordnung und ihre Gesetze zu achten, soweit dies mit ihrem Glauben und Gewissen vereinbar ist. Diese Einschränkung ist indes bedeutsam: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Widerstand gegen die Staatsgewalt kommt bei Christen exakt dann auf die Tagesordnung, wenn die Staatsgewalt sich als dezidiert widergöttlich entpuppt. Ich würde nun - trotz aller bedenklichen Entwicklungen etwa im Bereich des Lebensschutzes, der Bioethik oder der Familienpolitik - nicht unbedingt behaupten, dass dieses Kriterium für den Gang in die Illegalität hierzulande bereits erfüllt wäre; aber es könnte früher oder später dazu kommen, und dann ist es möglicherweise zu spät, "Netzwerke des Widerstands aufzubauen" (BenOp S. 31), wenn wir nicht jetzt schon damit anfangen

In dieser Hinsicht lässt sich von den Hausbesetzern eine Menge lernen. Nur mal ein Beispiel: In den Workshops wurden allerlei "Do-It-Yourself"-Tricks und Kniffe für die Instandsetzung der Haustechnik eines aufgegebenen Wohngebäudes vermittelt, es wurde aber auch offen kommuniziert, dass bei einer Instandbesetzung Arbeiten anfallen können, an die man sich als Laie besser nicht heranwagt (etwa Dichtigkeitsprüfung von Gasleitungen). Wo aber findet man einen Fachmann für sowas, wenn man nicht zufällig persönlich einen kennt? Die Antwort: Es gibt "solidarische Handwerkerkollektive", zu denen man über bestehende autonome Hausprojekte einen Kontakt herstellen kann. Ähnliches gilt für andere Berufsgruppen; beispielsweise gibt es (natürlich) auch solidarische Anwaltskollektive für die unausbleiblichen Scherereien mit der Justiz. All sowas brauchen wir auch, sagt der #BenOpper in mir.

Um es ganz unmissverständlich zu sagen: Wenn ich davon spreche, dass man von der Autonomen-Szene lernen könne, meine ich damit nicht ihre kriminelle Energie und ihren oben skizzierten "sense of entitlement", wohl aber ihre Fähigkeiten in Sachen Selbstorganisation und Netzwerkbildung. Zudem - ich spinne hier einfach mal rum, aber so kennen meine Leser mich ja - könnte ich mir gerade im kirchlichen Kontext, angesichts eines im Zuge der Zusammenlegung von Pfarreien zu größeren Seelsorgeeinheiten vorhersehbaren zunehmenden Leerstands etwa von Pfarr- und Gemeindehäusern - so etwas wie "legale Besetzungen" vorstellen, also per Graswurzelinitiative organisierte, aber von Eigentümerseite gebilligte alternative Nutzungskonzepte für solche frei werdenden Räume (über solche Ideen habe ich ja schon mehrfach geschrieben, z.B. hier und hier). Zwar gehört es zu den Grundeinsichten der Benedikt-Option, dass christliche Graswurzelinitiativen nicht unbedingt auf das Wohlwollen und die Unterstützung des institutionellen Apparats der Kirche rechnen können, aber ich denke, man sollte nicht vorschnell die Hoffnung aufgeben, dass hier und da doch mal "was gehen" könnte. 

Was mir bei den Besetzer-Workshops des vergangenen Wochenendes übrigens ein bisschen fehlte, war das apokalyptische Element -- oder, wenn man so will, das "Prepper-Element": der Aspekt der Vorbereitung auf einen als unausweichlich angenommen Zusammenbruch der Zivilisation. Im Gegenteil sind die Hausbesetzer geradezu Nutznießer ebendieser Zivilisation. Es hat ja durchaus was, über das Know-How zu verfügen, stillgelegte Strom- und Wasserleitungen wieder zu aktivieren; aber das funktioniert eben nur so lange, wie es überhaupt jemanden gibt, der Strom und fließend Wasser zur Verfügung stellt. Das heißt, die Hausbesetzer verhalten sich gegenüber einer Wirtschaftsordnung, die sie auf theoretisch-ideologischer Ebene ablehnen, in praktischer Hinsicht parasitär. Vereinzelt wurden in den Workshops sogar Stimmen laut, die in Frage stellten, ob es eigentlich zumutbar sei, ein Haus zu besetzen, das keinen Internetanschluss habe. (Möglicherweise war das aber nicht ganz ernst gemeint.)

Aber okay: Die urbane Zivilisation determiniert nun mal die Lebensbedingungen derer, die in ihrem Bereich wohnen -- ob denen das gefällt oder nicht. Das kann einem jeder Waschbär bestätigen. (Was mich übrigens daran erinnert, dass ich mir mal wieder den Film "Ab durch die Hecke" ansehen muss. Soweit ich mich erinnere, ist der sehr #benOppig. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.)

Was ich jedenfalls meine: Noch weit mehr als das Thema Hausbesetzung interessieren mich eigentlich solche Graswurzelbewegungen, die einen Aspekt von Selbstversorgung und, pathetisch ausgedrückt, "naturnahem Leben" haben. Auch dieses Interesse wird regelmäßigen Lesern meines Blogs nicht neu sein. Auf Twitter bezeichnete eine kritische Leserin meinen persönlichen #BenOp-Ansatz neulich mal als "Guerilla Gardening for Jesus"; das war erkennbar spöttisch gemeint, aber mir gefällt die Bezeichnung eigentlich recht gut. Auch dazu wird es hier in Zukunft also noch öfter etwas zu lesen geben; ich habe ein paar einschlägige Bücher auf meinem Kaffeetischchen, und nachdem ich bei den Hausbesetzern nicht "enttarnt" worden bin, traue ich mich ja vielleicht demnächst auch mal zu einem linken Gartenbau-Workshop. Es bleibt spannend!



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