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Dienstag, 20. Juli 2021

Eine Vorschule des Priestertums

Gestern Abend habe ich mich dazu verleiten lassen, mich in eine Diskussion auf der Facebook-Seite von häretisch.de einzuschalten. Sollte man eigentlich nicht machen, tja, das hab ich jetzt davon. Aufhänger für die Diskussion war ein Artikel darüber, dass die CSU-Politikerin Dorothee Bär, Digitalstaatsministerin im Bundeskanzleramt, früher mal Messdienerin werden wollte und nicht durfte und dass sie deshalb (?) der Meinung ist, "Bewegungen wie 'Maria 2.0'" sollten "nicht abgetan" werden, schließlich müsse die Kirche zusehen, dass sie nicht "den Anschluss an die Menschen des 21. Jahrhunderts verliere". Das Übliche also. In den Kommentaren äußerte eine Friseurmeisterin aus Brandenburg an der Havel, in ihrer Gemeinde seien Ministrantinnen "ungefähr ab 1990 erlaubt", und inzwischen stünden "[o]ft [...] ausschließlich Mädchen am Altar!!!". -- Die drei Ausrufezeichen hätte man nun natürlich so und so verstehen können, aber da darauf noch drei Applaus-Emojis folgten, musste man wohl davon ausgehen, dass die Dame den geschilderten Sachverhalt für etwas Gutes hält. Da konnte ich mich dann doch nicht zurückhalten, zu erwidern: 
"Und genau das ist das Problem." 
Die Reaktionen, die ich mit diesem Kommentar erntete, bestanden aus einer bunten Mischung von Lach- und Wut-Smileys und der indignierten Rückfrage, was daran denn wohl ein Problem sein solle. Ich erklärte daraufhin, ich hielte das für offensichtlich: 
"Wenn die Mädchen die Jungen aus dem Ministrantendienst verdrängen, braucht man sich über ausbleibenden Priesternachwuchs nicht zu wundern."
Weitere Lach- und Wut-Smileys waren die Folge, dazu ein paar Antwortkommentare, deren Verfasser mehr oder weniger subtil andeuteten, dass sie meine These (und somit mich) für dumm hielten. (Dunning-Kruger-Effekt, sag ich da mal nur.) Heute morgen erhielt ich dann erstmals einen sachbezogenen Antwortkommentar. Von einem Priester. Einem, der auf Facebook als "Top-Fan" von häretisch.de geführt wird, aber immerhin ein echter Priester, der auf seinem Profilbild sogar Kollar trägt. Und was schreibt der so? 
"[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig. Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein. Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht. Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Nun ja, sagen wir so: Immerhin eine sachbezogene Antwort. Immerhin ein Versuch, mit Argumenten auf Argumente zu antworten. Das ist, wie man am Gesamtverlauf der Diskussion ablesen kann, in diesem Forum schon selten und daher beachtlich genug -- und verdient daher auch eine entsprechende Antwort. 

Symbolbild: Messdiener in der Kirche St. Robert Bellarmin, Jones, Oklahoma, 2020 (Bildquelle und Lizenz hier).

Also, der Reihe nach: 

  • "[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig." 
Sicherlich sind sie das, und das ist auch gut so. Dennoch dürfte es auf der Hand liegen, dass manche Berufungswege, sagen wir mal, "typischer" sind als andere. Und wenn man solche typischen Berufungswege verbaut (oder jedenfalls erschwert), sollte man sich nicht darüber wundern, wenn es im Ergebnis weniger Berufungen gibt. 
  • "Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein."
Das nennt man anekdotische Evidenz. Um mal von meiner eigenen Fachrichtung zu sprechen: Es gibt auch Menschen, die als Kind nicht gern gelesen haben und später trotzdem Literaturwissenschaftler geworden sind. Solche Fälle sind exakt deshalb erwähnenswert, weil sie die Ausnahme sind. Das heißt, sie verweisen dialektisch darauf, dass es normalerweise anders ist. Es gibt sogar ein altes deutsches Sprichwort, das diesen Sachverhalt beschreibt; es lautet: "Ausnahmen bestätigen die Regel". 
  • "Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht." 
Das bin ich auch. In meiner Pfarrgemeinde (die natürlich nur insofern "meine" ist, als ich auf ihrem Gebiet wohne und in ihr ehrenamtlich tätig bin, auch wenn ich den Begriff "Ehrenamt" eigentlich verabscheue) herrscht chronischer Ministrantenmangel, in den Gremien der Gemeinde wird regelmäßig über Gründe und mögliche Abhilfen für dieses Problem diskutiert, aber dass es zu viele Mädchen gäbe, die ministrieren wollen, gehört eindeutig nicht zu den Gründen. Kirchenrechtlich spricht nichts dagegen, dass Mädchen ministrieren, sofern der zuständige Bischof es erlaubt (dazu weiter unten noch eine Anmerkung); persönlich habe ich überhaupt kein Problem damit, dass es Ministrantinnen gibt, und hätte z.B. auch nichts dagegen, wenn meine Tochter, sobald sie alt genug dafür ist, Ministrantin werden wollte. Problematisch wird es aus meiner Sicht erst, wenn - siehe oben - "oft ausschließlich Mädchen am Altar stehen". 
  • "Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester" -- 
Doch. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man das ernsthaft leugnen kann. Zumindest sollte sie das sein, und wenn sie es faktisch nicht ist, sollte man sich vielleicht mal überlegen, was mit der Messdienerausbildung falsch läuft. 
  • "und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Eine bemerkenswert sozialdarwinistische Argumentation, zu sagen, wenn jemand sich aus einer Position verdrängen lasse, sei er für diese Position wohl schlichtweg nicht geeignet gewesen. -- Dass jemand, der sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlt, "nicht unbedingt perfekt geeignet" für die Anforderungen des Priesterberufs ist, ist zweifellos richtig, ist im vorliegenden Kontext aber ein reines Strohmannargument. Immerhin kommen wir hier aber so langsam mal zum Kern der ganzen Debatte: Wieso meine ich, dass Jungen durch Mädchen aus dem Ministrantendienst "verdrängt" werden? 

Nun, zunächst einmal ist es einfach eine empirische Tatsache, die auch dadurch nicht weggeht, dass sie einem nicht gefällt bzw. nicht ins ideologische Konzept passt. In dem Kommentar, auf den ich ursprünglich geantwortet habe, liegt dieser Sachverhalt ganz offen zutage: In den 90ern wurden erstmals Mädchen zum Ministrantendienst zugelassen, heute sind die Mädchen dort deutlich in der Überzahl. Das betrifft nicht nur diese eine Gemeinde, das ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich auch statistisch nachweisen lässt. Und wenn man nur ein bisschen was von Pädagogik und/oder Kinder- und Jugendpsychologie versteht, ist das auch nicht besonders verwunderlich. 

Beachten wir die Altersgruppe, um die es hier geht: Ich wage mal zu behaupten, im Kern haben wir es hier mit Kindern und Jugendlichen zwischen Erstkommunion und Schulabschluss zu tun. Es geht also mit ungefähr zehn Jahren los und geht dann weiter bis ins Teenageralter. Mit anderen Worten, die Entscheidung, Messdiener zu werden oder nicht, findet in den allermeisten Fällen in einem Alter statt, in dem es vollkommen normal ist, seine sozialen Kontakte überwiegend unter Angehörigen des eigenen Geschlechts zu suchen und zu finden. Wo überwiegend Mädchen sind, da gehen auch überwiegend Mädchen hin -- und umgekehrt. 

Hinzu kommt, dass gerade in diesem Alter Mädchen typischerweise ordentlicher, disziplinierter, zuverlässiger und autoritätsbezogener sind als Jungen; und es liegt auf der Hand, dass das alles Eigenschaften sind, die ihnen beim Ministrantendienst zugute kommen. (Aber nicht nur da: In der Pädagogik und der Lehrerausbildung ist die Benachteiligung von Jungen in geschlechtsgemischten Gruppen seit mindestens 50 Jahren ein großes Thema, die Fachliteratur ist voll davon. Könnte man ruhig mal zur Kenntnis nehmen.) 

Die natürliche Folge daraus ist: Wenn man weiterhin auch Jungen im Ministrantendienst haben will, dann muss man sie besonders fördern. Aber vielleicht will man das ja gar nicht. Das würde Einiges erklären. Übrigens nicht nur den Priestermangel: Auch unter den sogenannten "Ehrenamtlichen" oder überhaupt unter den aktiven Gemeindemitgliedern grassiert in der Kirche ein Männermangel. Aber das wäre mal ein Thema für sich. 

Den Zusammenhang zwischen Ministrantendienst und Priesterberufung habe ich mir übrigens nicht ausgedacht, falls das jemand denkt. Schon in der Enzyklika "Mediator Dei" von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 wird die Förderung von Priesterberufungen als ein gewichtiges Argument dafür angeführt, "Knaben aus allen Gesellschaftsklassen [...] unter der wachsamen Aufsicht der Priester" zum Ministrantendienst auszubilden; im Zusammenhang mit der Zulassung von Mädchen zum Ministrantendienst betonte die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 15.03.1994, "dass es immer sehr angemessen sein wird, der edlen Tradition zu folgen, Jungen am Altar dienen zu lassen", da es "wohlbekannt" sei, "dass dies erfreulich zur Entwicklung priesterlicher Berufungen beiträgt"; und die Kongregation für das katholische Bildungswesen hielt noch 2012 in ihren "Pastoralen Leitlinien zur Förderung der Berufungen zum Priesteramt" fest, der Ministrantendienst könne "als ein echter Weg der Öffnung zum Priesterberuf angesehen werden". 

Abschließend, wie angekündigt, noch ein Wort dazu, dass es der Entscheidung des jeweiligen Bischofs obliegt, ob Mädchen ministrieren dürfen oder nicht. Schon bevor ich in der besagten Diskussion bei häretisch.de das Fass mit der "Verdrängung" der Jungen aus dem Ministrantendienst aufmachte, war mir ein Kommentar einer Mitarbeiterin des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" aufgefallen, die ich zwar ausschließlich via Facebook kenne, dort aber schon ein paarmal mit ihr aneinandergeraten bin. Sie schrieb, unter Kardinal Meisner - in seiner Berliner Zeit - hätten Mädchen auch nicht ministrieren dürfen, und seine einzige Begründung dafür sei gewesen "Weil ich das nicht wünsche". Dazu merkte ich an, das sei doch eine vollkommen ausreichende Begründung. Als Reaktion erntete ich diesmal ausschließlich Lach-Smileys. Ich meine das aber ernst. Es steht einem Bischof zu, diese Frage nach eigenem Gutdünken zu entscheiden; und wer das nicht akzeptieren kann oder will, dem fehlt es vielleicht einfach an Demut. Was, etymologisch betrachtet, übrigens nichts anderes bedeutet als "Bereitschaft zum Dienen". 

Aber diese Tugend scheint ja innerhalb der "häretisch.de"-Zielgruppe insgesamt nicht so en vogue zu sein. 

Sonntag, 13. September 2020

Auf dem Suppenspreader-Event

Es ist wahr, liebe Leser, ich bin immer noch nicht so ganz zurück aus der Blogpause und schulde Euch immer noch eine bereits mehrfach angekündigte Erklärung für mein langes Schweigen; aber an diesem Wochenende war Suppe & Mucke, und wie schon 2016, 2018 und 2019 möchte ich es auch in diesem krisengeschüttelten Jahr nicht versäumen, dieses Event mit einem Blogartikel zu würdigen, auch wenn dieser Artikel sich weitgehend in einer Bildergalerie erschöpfen wird.  

Das Festival "Suppe & Mucke" gibt es in Berlin seit 2009, und wie ich kürzlich erst nachrecherchiert habe, war ich nicht nur bereits bei der ersten Ausgabe dieses Events dabei, sondern bin seinerzeit sogar dort aufgetreten (auf der Kleinkunstbühne). Seither hat das Veranstaltungsformat mancherlei Veränderungen durchgemacht, aber die wesentlichen Bestandteile sind nach wie vor dieselben, nämlich zum Einen SUPPE und zum Anderen MUCKE. Heuer fand das Festival auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks Berlin (kurz RAW-Gelände) unweit des S-Bahnhofs Warschauer Straße statt - laut Tante Wiki "das größte zusammenhängende, permanent kulturell bespielte Gelände Deutschlands und die letzte noch nicht modernisierte Industriebrache innerhalb des S-Bahn-Rings in Berlin".






Unsere Anfahrt gestaltete sich indes nicht ganz unkompliziert. Da der S-Bahnhof Warschauer Straße nicht barrierefrei ist, wollten wir mit der Tram dorthin fahren, aber die Tramlinie war wegen Bauarbeiten unterbrochen; so gingen wir ein Stück zu Fuß, und das erwies sich insofern als Glücksfall, als wir dadurch an einer Baum-Demo vorbeikamen. 

Tatsächlich: Wenn man genau hinschaute, konnte man feststellen, dass die Bäume allesamt Namen hatten und persönlich gegen ihre drohende Abholzung protestierten. 




Schließlich kamen wir aber doch wohlbehalten am RAW-Gelände an; das Wetter war herrlich, die Stimmung gut, und: Es war noch Suppe da! 



Unsere Tochter war übrigens auch schon das dritte Mal dabei, allerdings zum ersten Mal fast die ganze Zeit auf ihren eigenen Beinen unterwegs. 


Was den Mucke-Aspekt des Festivals angeht, fand Suppe & Mucke bereits zum zweiten Mal in Folge in Kooperation mit dem Festival für selbstgebaute Musik statt. 




Und meine Liebste, die auf dem Gymnasium ungefähr ein halbes Jahr lang in einer Trommelgruppe mitgespielt hatte, bekam Gelegenheit, zu zeigen, was sie (noch) kann. 


Davon abgesehen habe ich an den diversen Infoständen allerlei interessante Flyer abgegriffen -- wobei es, nebenbei bemerkt, einen lustigen "Did you just assume my gender"-Moment gab, als ich nach einem Flyer griff, der für Tischlerei-Workshops für Frauen warb. "Das ist wohl eher nichts für dich", meinte die Frau am Infostand -- fügte aber sogleich (etwas kleinlaut, wie mir schien) hinzu: "Es sei denn natürlich, du definierst dich als Frau." (Ich erklärte daraufhin, ich wolle den Flyer nicht für mich mitnehmen, "aber vielleicht zum Weitergeben", und damit war dann alles gut.) 

Und sonst so? 


Heaven 17? Die gibt's noch? (Oder wieder?) 

Ähm -- DA wollten wir eigentlich NICHT hin. Aber vielleicht dieser Herr hier? 


Wie jetzt, kein Bier? Dann aber ohne mich! 

Zurück fuhren wir übrigens vom Ostkreuz aus; hier noch einige Impressionen vom Fußweg dorthin: 





Im Hintergrund übrigens die Zwinglikirche. Wenn ich mich nicht irre. 

Nach der ganzen Suppe machte sich übrigens durchaus ein gewisser Appetit auf feste Nahrung bemerkbar, aber es war vielleicht doch ganz gut, dass die Ketwurst-Bude schon zu hatte. Zu Hause gab's im Ofen überbackene Käsesandwiches. 


So, und nun signalisieren die drei mäßig freundlichen Herren links im Bild: Schluss mit lustig! 

Aber schön war's. Wieder mal. Bleibt zu hoffen, dass der Corona-Ausnahmezustand bald vorbei ist und dass es dann wieder mehr von solchen schönen Events geben wird; mehr noch: dass man dann auch mal wieder selbst etwas Schönes veranstalten kann. Und nicht zuletzt: dass es in Berlin auch in Zukunft noch solche (sub-)kulturellen Freiräume wie das RAW-Gelände geben wird...! 



Sonntag, 22. Dezember 2019

Sag mir, wo die Väter sind


Im Evangelium zum 4. Adventssonntag wird die Ankündigung der Geburt Jesu aus der Perspektive des Hl. Josef geschildert. Es ist eine der wenigen Bibelstellen, in denen der irdische Ziehvater Jesu ein charakteristisches Profil gewinnt: Die Kindheitserzählungen des Lukasevangeliums konzentrieren sich eher auf die Perspektive der Maria, und im weiteren Verlauf der Evangelien wird Josef überhaupt nicht mehr erwähnt – woraus die kirchliche Tradition schon früh den Schluss gezogen hat, er müsse schon vor Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu gestorben sein. Dennoch ist er über Jahrhunderte hinweg einer der populärsten Heiligen der Kirche gewesen. Erst in jüngerer Zeit, so scheint es, ist der wortkarge Heilige, von dem die Evangelien keinen einzigen Ausspruch überliefern, in der Wahrnehmung der Gläubigen eher an den Rand gerückt. 

Alonso Miguel de Tovar (1687-1752): Der Hl. Josef mit dem Jesuskind (gemeinfrei)

Recht vielsagend erscheint mir in diesem Zusammenhang die Darstellung des Hl. Josef in der bildenden Kunst, vor allem in der Malerei. Ich bin kein Kunsthistoriker, aber mir scheint, Darstellungen des Hl. Josef, der das Jesuskind in seinen Armen hält und es liebevoll und zärtlich betrachtet, haben ihren Höhepunkt im 17. Jahrhundert und nehmen danach auffallend ab. Möglicherweise ist dies ein Indiz für einen Wandel im gesellschaftlichen Konzept von Vaterschaft, der durch eine zunehmende Trennung der Sphären von Beruf und Familie in der bürgerlichen Gesellschaft der westlichen Welt bedingt war: Da die berufliche Sphäre weitgehend dem Mann vorbehalten war, wurde die Familie zum Reich der Frau – exemplarisch dargestellt in Schillers "Lied von der Glocke": Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, drinnen waltet die züchtige Hausfrau, Sie kennen das. Sicherlich haben wir es hier mit einem Dilemma zu tun. Die Familie zu ernähren, die materiellen Grundlagen für ihr Überleben sicherzustellen, gehört sehr wohl von alters her zu den typischen Aufgaben des Mannes und Familienvaters, und in dem Moment, in dem dies für die meisten Männer bedeutet, eine Berufstätigkeit auszuüben, die sich außerhalb des eigenen Haushalts abspielt, bedingt das eben eine häufige und lange Abwesenheit von Frau und Kindern. Aber je weniger Zeit der Mann mit seiner Familie verbringt, desto schwächer wird auch seine emotionale Bindung an sie. Wenn dann der Mann um seines beruflichen Erfolges willen seine Familie vernachlässigt oder verlässt oder sich, um sich ganz seiner Karriere widmen zu können, von vornherein dagegen entscheidet, eine Familie zu gründen, ist das zwar eine bedenkliche Verschiebung der Prioritäten, aber in gewissem Sinne auch folgerichtig. 

Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine. Es fällt auf, dass die Auffassung, die Pflege des eigenen Nachwuchses sei "Frauensache" und "unmännlich", offenbar auch durch das Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter nicht totzukriegen ist. Zwar geht in unseren Breiten der Trend – nach Kräften befördert von Politik und Medien – dahin, durch Kindertagesstätte, Hort und Ganztagsschule die Kinderbetreuung so weit wie möglich aus dem familiären Rahmen auszulagern und so beide Elternteile für den Arbeitsmarkt verfügbar zu halten; aber wenn eine Frau beruflich "kürzer treten" will, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben, wird das immer noch wesentlich eher akzeptiert, als wenn ein Mann das tut. Es wäre kurzsichtig, die "Schuld" hieran allein bei den Männern zu suchen; die Männer verhalten sich letztlich bloß so, wie es von ihnen erwartet wird. Männer, die sich in der Öffentlichkeit mit einem Säugling im Tragetuch sehen lassen, werden vielfach als komische Figuren wahrgenommen. Ich selbst erlebe es häufig, dass insbesondere ältere Frauen es mir – offenbar ganz ohne böse Absicht, einfach nur, weil ich ein Mann bin – schlichtweg nicht zutrauen, meinem Kind die Windel zu wechseln oder es in den Schlaf zu wiegen. Nebenbei bemerkt: Dass ein solches Geschlechterrollenverständnis vielfach als "konservativ" betrachtet und bezeichnet wird, spricht angesichts der oben angedeuteten historischen Entwicklung im Grunde nur für das kurze Gedächtnis der menschlichen Gesellschaft. 

Zusammenfassend gesagt, leben wir in einem kulturellen Klima, in dem Männern noch mehr als Frauen das Gefühl vermittelt wird, die Betreuung und Erziehung der eigenen Kinder sei keine gesellschaftlich anerkennenswerte Leistung. Männer sind jedoch – abermals: noch mehr als Frauen – darauf "programmiert", etwas leisten und dafür Anerkennung ernten zu wollen. Die Folge ist, dass es vielen Männern nicht als eine erstrebenswerte Lebensaufgabe erscheint, Vater zu sein. Die sozialen Kosten einer solchen Marginalisierung von Vaterschaft sind unübersehbar. Nicht nur die hohe Zahl alleinerziehender Mütter verweist darauf, wie viele Männer unwillig sind, die Vaterrolle anzunehmen; es zählt auch zu den verbreitetsten Gründen für Abtreibungen, dass die Kindsväter den schwangeren Frauen ihre Unterstützung versagen oder sie explizit – nach dem Muster "Das Kind oder ich" – unter Druck setzen. Das gesellschaftliche Problem des Verschwindens der Väter pflanzt sich zudem von Generation zu Generation fort und verschärft sich dabei, denn wer als Kind keinen starken, liebevollen oder überhaupt präsenten Vater erlebt hat, wird sich als Erwachsener umso schwerer damit tun, selbst einer zu werden. 

Vor diesem Hintergrund erscheint es mir dringend geboten, dass gerade christliche Familien mit ihrer Lebensweise ein entschiedenes Zeugnis für den unschätzbaren Wert des Familienlebens ablegen, ja, dass sie die Familie als Berufung wiederentdecken. Die Dogmatische Konstitution "Lumen Gentium" des Zweiten Vatikanischen Konzils bezeichnet die christliche Familie als "eine Art Hauskirche", in der "die Eltern durch Wort und Beispiel für ihre Kinder die ersten Glaubensboten sein und die einem jeden eigene Berufung fördern" sollen (LG 11). Der italienische Autor Carlo Carretto hat dem Konzept der christlichen Familie als "Kirche im Kleinen" im Jahr 1966 ein ganzes Buch gewidmet, dessen 1976 erschienene deutsche Ausgabe den möglicherweise etwas irreführenden Titel "Wir sind Kirche" trägt. Darin betont Carretto besonders auch die Verantwortung des Vaters für die Erziehung der Kinder und schreibt unter anderem: "Die Gabe, Vater zu sein, gehört zu den höchsten Geschenken, die Gott der Menschheit gemacht hat. Es ist Teilhaben an seiner Freude, Vater zu sein." (S. 75) Das ist eine Aussage von großer Tragweite. Indem Jesus Seine Jünger lehrt, Gott als Vater anzusprechen, indem Er Ihn selbst mit dem kindlichen Kosewort "Abba", geliebter Vater, anspricht, erklärt er Gottes Liebe zu den Menschen zu einem Vorbild dafür, wie ein Vater seine Familie lieben soll. Zugleich bedeutet das: Wenn ein Kind lernt, zu Gott "Vater" zu sagen, wird das Gottesbild des Kindes unweigerlich davon beeinflusst sein, wie es seinen eigenen Vater erlebt. Daraus ergibt sich eine enorme Verantwortung. 

Ist die Familie als "Hauskirche" die erste Instanz der Glaubensweitergabe an die Kinder, so bildet die Familie daneben und darüber hinaus – ihrer Natur nach – den Rahmen, in dem das Kind seine ersten Erfahrungen damit macht, sich in der Welt zu orientieren und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens einzuüben. In einer christlichen Familie sollte beides idealerweise Hand in Hand gehen, das heißt, Glaube und Leben sollten eine organische und für das Kind selbstverständliche Einheit bilden; deshalb ist es in einer Gesellschaft, die dem christlichen Glauben zunehmend gleichgültig oder sogar feindselig gegenübersteht, so wichtig, dass die Familie ihre Aufgaben nicht leichtfertig an andere Instanzen delegiert – nicht an den Kindergarten, nicht an die Schule, ja nicht einmal an die Kirchengemeinde. "Erziehen heißt hinführen, aber es ist wichtig zu wissen wohin", schreibt Carlo Carretto. "Der Christ weiß es, das ist ein großer Vorteil anderen gegenüber, die es nicht wissen." (S. 81) Von entscheidender Wichtigkeit ist es zudem, dass die Werte, an denen die alltägliche Praxis des Familienlebens tatsächlich ausgerichtet ist, mit denjenigen übereinstimmen, zu denen die Familie sich theoretisch bekennt; was für eine christliche Familie also bedeutet: mit den Lehren Jesu Christi über das Reich Gottes. Wie jeder bestätigen kann, der häufigen Umgang mit Kindern hat, haben Kinder einen außerordentlich wachen Instinkt dafür, Diskrepanzen zwischen dem Reden und dem Handeln der Erwachsenen aufzuspüren; und sie orientieren sich erheblich stärker am tatsächlichen Verhalten ihrer Eltern als daran, was diese sie mit Worten zu lehren versuchen. Mit Blick auf den Ausgangspunkt meiner Beobachtungen bedeutet das beispielsweise: Wenn Eltern ihrem Kind predigen, wie wichtig die Familie sei, aber tatsächlich nie Zeit für das Kind haben, weil sie entweder arbeiten oder sich von der Arbeit ausruhen müssen, dann merkt das Kind, dass da etwas faul ist – und es zieht seine Schlüsse daraus. 

Hören wir abschließend noch einmal Carlo Carretto: 
"Ich möchte keine gutbürgerliche christliche Familie, ohne Leben, ohne Kraft, ein Familienhotel, wo man zusammenkommt, um zu essen und zu schlafen, wo keine geistliche[n] Gespräche aufkommen, wo alle möglichst wenig Berührungspunkte haben, wo man vor Langeweile umkommt, wo man sich nur darum kümmert, daß die Kinder ein Diplom oder einen Doktortitel erwerben.
Wir müssen eine apostolische Familie aufbauen, in der man von Gott und seinem Reich spricht, wo der Wunsch nach Ausbreitung des Reiches lebendig und wirksam ist, wo das große Gebot Jesu verwirklicht ist: 'Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazugegeben werden.'" (S. 91f.) 

Sonntag, 17. November 2019

Was emergiert denn da?

...oder: Porno-Rolf is at it again 

Vor einiger Zeit kriegte ich mal eher zufällig mit, wie jemand auf Twitter die Frage stellte, was denn im christlichen Kontext unter der Bezeichnung "emergent" zu verstehen sei. Mir war diese Vokabel als Selbstbezeichnung einer Bewegung bzw. eines "Trends" in Gottes buntem Zoo erst relativ kurz zuvor in einigen Blogs begegnet, auf die mich Theoradar, der alte Westgotenhäuptling, aufmerksam gemacht hatte -- zuerst, wenn ich mich nicht irre, auf "Gott ist links"; der ist sowas von weird,  dass ich ihn nur empfehlen kann, wenn auch in vorsichtiger Dosierung. Jedenfalls antwortete ich dem vorgenannten Twitterer, meinem bisherigen Eindruck zufolge sei "emergent" eine Eigenbezeichnung von "Ex-Evangelikalen, die sich von ihrer bisherigen Glaubensrichtung abgewandt haben, um endlich Sex haben zu dürfen". Ein bisschen überrascht war ich von den Reaktionen auf meine sarkastisch-polemische Einlassung: Der Fragesteller meinte nur "Klingt ja schon mal nicht schlecht", und ein Dritter, der sich offenbar angesprochen fühlte, präzisierte lediglich, die emergente Bewegung sehe sich nicht als "ex-evangelikal", sondern als "postevangelikal". 

Nun räume ich gern ein, dass beispielsweise Tante Wiki unter "Emerging Church" ein erheblich vielschichtigeres und heterogeneres Phänomen versteht, als meine aus dem Ärmel geschüttelte Arbeitsdefinition es vermuten lassen mag; aber wie dem auch sei: Die Existenz und offenbar zunehmende Publizität einer ex- oder postevangelikalen Bewegung bzw. "Szene" finde ich als Phänomen ausgesprochen interessant. Mein Interesse daran hat zu einem nicht unerheblichen Teil damit zu tun, dass ich seit meinen frühen Teenagerjahren allerlei Begegnungen mit unterschiedlichen Ausprägungen des evangelikalen Christentums gehabt habe; die Eindrücke, die ich davon "mitgenommen" habe, waren zwar ausgesprochen durchwachsen, haben mich insgesamt aber in einem Maße geprägt, dass ich nicht direkt widersprechen könnte, wenn jemand auf die Idee käme, den Begriff "evangelikaler Katholizismus", der in jüngerer Zeit immer mal wieder durch die Debatte geistert, auf mich zu beziehen. Darüber gäbe es eine Menge zu sagen, wofür hier aber nicht der Platz ist; hingegen scheint mir, dass das um sich greifende Phänomen eines Ex- oder Postevangelikalismus meinen (zugegebenermaßen primär auf anekdotischer Evidenz basierenden) Eindruck unterstreicht, dass das evangelikale Christentum ein Nachhaltigkeitsproblem hat. 

Was meine ich damit? -- Dass die Begeisterung und der Glaubenseifer, die typischerweise Neu- oder Wiederbekehrte auszeichnen, nach einer gewissen Zeit abflachen oder sogar in eine Art Ernüchterung und Erschöpfung umschlagen, ist sicherlich ein ganz normaler Vorgang -- eine Art "geistlicher Jojo-Effekt", könnte man sagen. Allerdings habe ich den Eindruck - wie gesagt: Vorsicht, anekdotische Evidenz! -, dass Evangelikale eher als andere Christen dazu neigen, in solchen Zeiten geistlicher Dürre gleich ganz vom Glauben abzufallen. Kann es sein, dass es dem evangelikalen Glaubensverständnis schlichtweg an Ressourcen mangelt, die geeignet wären, die Gläubigen durch solche Krisen hindurchzutragen? Hat es vielleicht damit zu tun, dass vom evangelikalen Gläubigen - mehr oder weniger unterschwellig - erwartet wird, permanent "hochengagiert" zu sein?  

Dafür, dass das nicht nur mein persönlicher Eindruck ist, spricht es, dass auch in der "Benedikt-Option" darauf eingegangen wird. Dort weist Freund Rod darauf hin, 
"dass die evangelikale Bewegung sich, historisch gesehen, nicht auf die Etablierung von Institutionen konzentriert, sondern auf Erweckungsbewegungen – was zu einer inhärenten Instabilität führt. Obendrein neigen Evangelikale zu einem individualistischen Zugang zum Glauben, was sie anfällig für popularkulturelle Trends macht." 
Rod verweist in diesem Zusammenhang auf den in Singapur ansässigen pfingstkirchlichen Theologen Simon Chan, der meint, "dass ein Gottesdienstverständnis, das das Streben nach spirituellen Hochgefühlen ins Zentrum stellt – Kirche als Motivationsseminar –, nicht dauerhaft tragfähig ist." (BenOp S. 179f. / Paperback-Ausgabe S. 191f.) -- Und dann natürlich der Sex. Auch wenn ich in meiner eingangs erwähnten Einschätzung der "emergenten" Bewegung übertrieben haben mag, fällt es schon sehr auf, dass Sex für die Postevangelikalen ein Riesen-Thema ist. Und das ist ja an sich auch nicht überraschend, denn für den Rest der Welt ist es das ja auch -- auf die eine oder andere Weise. Werfen wir dazu abermals einen Blick in die "Benedikt-Option": 
"Es ist unschwer einzusehen, dass die säkulare Welt die Gründe für die christliche Einstellung zum Sex nicht versteht: Viele Christen verstehen sie ebenso wenig. Seit Generationen hat die Kirche es weitgehend kampflos zugelassen, dass die säkulare Kultur die Jugendlichen in ihrem Sinne katechisiert hat." (BenOp S. 310 / Paperback-Ausgabe S. 322)
Und weiter:
"Eine in rechter Weise geordnete Sexualität ist in sich selbst nicht das Herzstück des christlichen Glaubens, aber [...] nah genug an dessen Zentrum, dass der Verlust der klaren biblischen Lehre zu diesen Fragen die Gefahr in sich birgt, dass der Glaube seine fundamentale Integrität einbüßt. Das zeigt sich darin, dass Christen, die damit anfangen, die kirchlichen Lehren über Sexualität abzulehnen, entweder damit enden, sich ganz vom Christentum abzuwenden, oder die Grundlagen dafür legen, dass ihre Kinder es tun." (BenOp S. 323 / Paperback-Ausgabe S. 335) 
Symbolbild, Quelle: Flickr
Ein aussagekräftiges Beispiel hierfür ist der Blogger Rolf Krüger, den ich im Zusammenhang mit dem Thema "sexuelle Befreiung des Christenmenschen" schon einmal am Wickel hatte; mein damaliger Artikel hat, als Gastbeitrag auf Rod Drehers Blog bei "The American Conservative", sogar internationale Verbreitung gefunden. Neulich habe ich dann - aus einem Anlass, auf den ich weiter unten noch zu sprechen kommen werde - wieder einmal einen Blick auf Rolf Krügers Blog geworfen und sah auf der Startseite die folgenden Artikelüberschriften: "Sex: Christen, entspannt euch!", "...und er schuf sie nicht als Mann und Frau", "'Overflow' – warum Menschen sich mit #VulvenMalen so schwer tun (und wie es leichter ginge)", "Schnitzel oder Kuchen? Eine Anmerkung zu Konversionstherapien für Schwule", "Konsens im Bett - nicht nur in Schweden!". Der Mann hat sein Thema gefunden, könnte man sagen. Einen Hinweis darauf, wer dieser Rolf Krüger eigentlich ist bzw. früher mal war, fand ich in einem Artikel von Markus Till auf dessen Blog "Aufatmen in Gottes Gegenwart", der seinerseits auf einen Artikel von Krüger über das Verhältnis zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen antwortet und seinen Kontrahenten als "de[n] langjährige[n] Leiter von jesus.de und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Fresh X" vorstellt. Letzeres ist Krüger offenbar noch heute, ersteres nicht; was in der Zwischenzeit mit ihm passiert ist, weiß ich nicht, aber damit geht es mir so ähnlich wie mit Walter Kohls Selbstmordgedanken: Irgendwie interessiert es mich schon, aber gleichzeitig bin ich mir peinlich bewusst, dass es mich eigentlich nichts angeht. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass es (bei Rolf Krüger, nicht etwa bei Walter Kohl!) etwas mit Pornokonsum zu tun hat. 

Im Ernst? Ja, im Ernst. Auf Twitter habe ich neulich einen Ausschnitt aus einem Psychology Today-Artikel zu sehen bekommen, in dem Pornokonsum als Weg zu mehr "open-mindedness" ausdrücklich empfohlen wurde. Pornokonsum, so heißt es da, fördere die Wertschätzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau am Arbeitsplatz (!) und verringere die Akzeptanz gender-basierter Diskriminierung; zudem zeigten Pornokonsumenten größere Akzeptanz gegenüber "sexueller Diversität" und neigten weniger zur Stigmatisierung von Homosexualität. Weiter heißt es in dem Artikel - und nun wird es richtig interessant -, dass der Konsum von Pornographie "weniger religiös" mache und unter Umständen Glaubenskrisen auslösen könne: "Der Genuss von Pornos führt Menschen dazu, ihre Glaubensüberzeugungen in Bezug auf Sex und Gender zu verändern und in einigen Fällen die rigiden dogmatischen Wertvorstellungen in Bezug auf Sex und Gender abzulehnen, die ihnen in ihrer Kirche vermittelt werden." (Der Artikel verrät übrigens auch, dass Sexualtherapeuten aus den genannten Gründen zu Fortbildungen verpflichtet werden, bei denen sie Pornos anschauen müssen.) 

Dass ich bei diesem Psychology Today-Artikel an Rolf Krüger denken musste - den ich zuvor fast völlig vergessen hatte -, hat zu tun mit seiner Reaktion auf einen Facebook-Beitrag von Johannes Hartl, in dem dieser davor warnte, dass Pornokonsum schwach, süchtig und impotent mache, die Phantasie vergifte und die Seele verdunkle. Rolf Krüger widersprach: "Sorry, Johannes, das finde ich totalen Unfug. Pornos machen weder schwach noch süchtig und schon gar nicht impotent." Zwar räumte er ein, es gebe "viele Probleme an Pornografie, zum Beispiel die Arbeitsbedingungen von Pornostars und dass sie bei unreflektiertem Konsum ein Frauenbild vermitteln, das ganz und gar nicht gut ist"; dennoch beharrte er, es gebe auch "gute, ethisch saubere und sehr anregende Pornographie [...]. Sie kann stimulieren, Paare auf neue Gedanken bringen, und einfach schön sein." Hier spricht offenkundig jemand, der sich auskennt; zudem meint Krüger, die negativen Folgen des Pornokonsums, vor denen Hartl warnt, träfen allenfalls dann ein,
"wenn man selbst ein ungesundes Bild von Sexualität hat. Deine Liste liest sich für mich nach einem sehr unentspannten Bild von Sexualität. Das ist sicher nicht hilfreich für einen gesunden Umgang damit. [...] Also, ich habe ein anderes Bild von Sexualität - ein sehr viel positiveres." 
Nun, gewiss: Das ist ja ein Standard-Topos aus dem propagandistischen Arsenal der Sexuellen Revolution, dass die "freiere",  "offenere" - sprich: permissivere -  Einstellung zur Sexualität immer auch die "positivere" und damit auch gesündere sei; die totale sexuelle Befreiung kritisch zu sehen, erscheint folglich als ein sicheres Anzeichen dafür, dass man irgendwo einen Knoten in der Psyche hat. 

Ich will an dieser Stelle nicht bestreiten, dass möglicherweise viele, die von einem christlichen Hintergrund kommend auf den Zug der Sexuellen Revolution aufgesprungen sind, diesen Weg deshalb eingeschlagen haben, weil sie die traditionelle christliche Lehre zur menschlichen Sexualität tatsächlich stets nur als eine rein negative Haltung erlebt haben. Und es kann durchaus sein, dass auch dieses Problem im evangelikalen Zweig des Christentums besonders ausgeprägt ist. Wobei ich einräumen muss: Dass die katholische Lehre zur Sexualität gerade von einer hohen Wertschätzung derselben ausgeht, hat sich, Theologie des Leibes hin oder her,  auch noch nicht in alle Winkel der katholischen Welt herumgesprochen, und "nach draußen" erst recht nicht. Aber das ist ein Thema für sich.

Krüger jedenfalls hat so sehr die Auffassung verinnerlicht, das einzige relevante Kriterium für ethische Legitimität in sexualibus sei die Frage, ob "es freiwillig geschieht und alle damit glücklich sind", dass er gar nicht auf die Idee kommt, es könnte - zumindest aus Sicht seiner Debattengegner - auch noch andere Kriterien geben. Somit kommt er zu dem Schluss, es gäbe an Pornos grundsätzlich nichts auszusetzen, sofern gewährleistet sei, dass die Beteiligten "freiwillig und gerne" daran mitwirkten; in diesem Fall könne auch der Konsument
"die Person(en) auf dem Bildschirm wertschätzend ansehen, [s]ich an ihrer Schönheit freuen, [s]ich erregen lassen."
Tatsächlich schreibt Krüger, wie ich durch die eckigen Klammern angedeutet habe, an dieser Stelle nicht "sich", sondern ganz konkret "dich". Er meint nämlich: 
"Das tust du in deiner Fantasie auch, Johannes. Erzähle mir nicht, dass du nicht bei der Selbstbefriedigung an andere Menschen denkst - und zwar auch an real existierende Frauen oder Männer aus deinem Umfeld oder Freundeskreis. Das tut jeder Mensch - Männer wie Frauen. Würdest du sagen, du machst das nie, dann würde ich dir das nicht abnehmen." 
Also, ich würde es ja schon eklig genug finden, von so einem Schmierlappen derart kumpelhaft geduzt zu werden, aber wenn der dann auch noch öffentlich Einschätzungen über mein putatives Masturbationsverhalten abgäbe, wäre bei mir nun endgültig der Ofen aus. Allerdings will ich an dieser Stelle nicht verschweigen, dass es - wie ich ebenfalls via Twitter erfahren habe - im Rolling Stone neulich einen Artikel gab, der davor warnte, nicht zu masturbieren, unter anderem deshalb, weil man davon zum Nazi werden könnte. So gesehen ist es vielleicht sogar als ein Zeichen von Wohlwollen zu verstehen, dass der Krüger sich so sicher ist, dass der Hartl selbstverständlich auch wichst wie jeder normale Mensch. Dass der Hartl das aber, weil er ja so ein "unenspanntes Bild von Sexualität" (und wahrscheinlich genau deshalb vier Kinder) hat, nicht zugeben will oder kann, das freut den Krüger, deshalb reibt er's ihm so richtig rein: 
"Das steht meines Empfindens aufgrund der fehlenden Freiwilligkeit dieser Menschen viel eher in der Gefahr der Objektivierung als wenn du Menschen hast, [d]ie dich gerne und freiwillig anregen."
Mit anderen Worten: Pornos sind ethisch weniger problematisch als selbst ausgedachte Masturbationsphantasien, denn diese beziehen oft auch Menschen ein, die darin nicht eingewilligt haben und sich auch nicht dagegen wehren können. Nun gut, immerhin eine originelle These. Nur dass sie bei jemandem, der beides nicht okay findet, gar nicht verfängt. Aber das überschreitet Rolf Krügers Vorstellungsvermögen. Dem Reinen ist alles rein, dem Porno-Rolf ist alles Porno. 

Ungefähr zeitgleich mit dieser Porno-Debatte auf der Facebook-Wall von Johannes Hartl startete Rolf Krüger auf seiner eigenen Wall eine Anfrage in anderer Angelegenheit: 
"Wer von euch hat ne Vulva und zockt gerne? Ich bin für eine Podiumsdiskussion beim CVJM angefragt, da sitzen aber schon drei Penisträger." 
Man könnte nun vielleicht denken, hinter einer derart reduktionistischen Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie sie sich in der Gegenüberstellung von Menschen mit Vulva einerseits und Penisträgern andererseits äußert, müsse sich irgendeine provokante oder sogar augenzwinkernde Intention verbergen. Insofern war ich nicht überrascht, in den Kommentaren den pedantischen Hinweis "Es gibt auch Frauen* mit Penis" zu finden. Erheblich mehr überraschte mich Krügers Reaktion darauf. Anders als ich kannte der den Urheber des Kommentars nämlich, hatte anscheinend schon früher einschlägige Debatten mit ihm geführt und war nun seinerseits (offenbar nicht ganz zu Unrecht) überzeugt, dieser Hinweis auf "Frauen* mit Penis" könne nur ironisch bzw. polemisch gemeint sein. Krügers Erwiderung lautete folgerichtig: 
"[K]omm, mach dich bitte nicht darüber lustig. Ich weiß, dass du ein Problem damit hast." 
(Merke: "Probleme" mit etwas haben immer nur die Anderen. Die bösen Konservativen.)
"Lass es nicht an anderen aus." 
Der Kommenator stellte daraufhin klar, er wolle seine Anmerkung "nicht als lustig machen verstanden wissen, sondern als subtile Kritik an bzw. Irritation darüber, dass Identitätspolitik mittlerweile auch im christlichen Bereich angekommen ist". Im Anschluss an diese Klarstellung führt er recht ausführlich und (wie ich finde) plausibel aus, was er an den Prinzipien der "Identitätspolitik" problematisch findet; ich präsentiere hier mal ein paar exemplarische Auszüge: 
"Natürlich ergibt es wenig Sinn eine Podiumsdiskussion zum Thema Rassismus nur mit weißen Menschen zu besetzen, eine Diskussionsrunde zum Thema Sexismus am Arbeitsplatz nur mit männlichen Führungskräften und zum Thema Antisemitismus nur Buddhisten einzuladen. 
Wenn dagegen eine kapitalismuskritische Podiumsdiskussion veranstaltet wird und irgendjemand darauf hinweist, dass drei von vier vergebenen Plätzen schon mit Juden besetzt wären oder mit Homosexuellen, dann würde mich das schockieren." 
Und dann: 
"Diversität an sich ist ja kein Wert. Diversity und Identität funktioniert nicht nur in progressiver, sondern auch in umkehrter Richtung." 
Das wird jetzt heikel. 
"Es gibt eben mittlerweile gute Argumente dafür, dass ein Grund für das Erstarken des Rechtsextremismus und ganz allgemein separatistischer Bewegungen (Spanien, Schottland, Baskenland etc.), das Denken in Identitäten ist. Die identitäre Bewegung heißt nicht zufällig so."
Anschließend betont der Kommentator, ihm selbst sei "das alles fremd":
"Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben in der ich oder du als ein alter, weißer Mann gelten oder wir über unser Geschlecht als Gruppe wahrgenommen werden." 
Und daraufhin rastet Krüger komplett aus. 
"Das ist völliger Bullshit, [...] verzeih die harten Worte, aber das muss ganz klar so benannt werden - sonst glaubt irgendwer noch, du hättest damit Recht."
Und das wäre ja ganz furchtbar! 
"Ich erkläre es mal für das Publikum" --
-- denn das ist ja bekanntlich zu blöd zum Selberdenken und liefe darum Gefahr, zu glauben, der Diskussionspartner hätte Recht! -- 
"Das, was die Neue Rechte mit "Identitätspolitik' bezeichnet, ist in Wirklichkeit Rassismus, ummantelt mit heute gesellschaftlich akzeptierten Begrifflichkeiten. Sie deuten Identität um und an deiner Argumentation merkt man, dass sie offensichtlich Erfolg damit haben, weil du das nachplapperst." 
Wohingegen er selbst natürlich nie, nie, nie etwas "nachplappern" würde! 
"Damit nutzen sie linke Argumentationen" --
Total wichtig ist es offenbar auch, Priorität einzuklagen: "Wir", d.h. die Linken, haben's erfunden, die bösen Rechten sind bloß Plagiatoren --
"nämlich dass es gut ist, wenn alle Menschen ihre jeweils ganz eigene Identität finden und wir sie darin bestärken sollten.
Diversität ist dann gerade die Haltung, dass alle diese Identitäten gleichwertig sind und eine gemeinsame Gesellschaft bilden können, ohne das man sie voneinander trennt und einzelne Menschen diskriminiert werden. Diversität ist ein Wert in sich! Ein großer!
Identitär ist dagegen die Haltung, dass diese Identitäten jeweils eigene Gesellschaften bilden sollen, meist gepaart mit einer Minderbewertung von Identitäten, denen man nicht selbst angehört. Das ist Nazilehre."
Das ist sehr schön idealtypisch schwarzweißgemalt; stimmt halt bloß nicht: Spätestens seit Orwells "Animal Farm" wissen wir, dass immer manche Tiere gleicher sind als andere. Aber selbst wenn diese Gegenüberstellung der Standpunkte korrekt wäre, bewiese das letztlich bloß genau das, was der Herr Krüger so hysterisch abzustreiten versucht: dass beiden Positionen prinzipiell dasselbe Denkmuster zugrunde liegt. Dass sie sich überhaupt nicht voneinander unterscheiden, hat sein Kontrahent schließlich gar nicht behauptet. Nichtsdestoweniger resümiert Krüger:
"Das zu vermischen ist richtig übel [...]! Ein lautes NEIN dazu von mir - und damit ist die Diskussion von meiner Seite hier auch beendet. Sorry, aber so geht das echt nicht."
Man sieht so richtig vor sich, wie er sich die Ohren zuhält und "Lalala" singt, um die Argumente seines Gegners nur ja nicht zu hören, oder? Er versteht zwar nicht, was sein Kontrahent sagen will, ist sich aber trotzdem sicher, dass er Unrecht hat, ja, Unrecht haben muss. Dieses Reaktionsschema ist durchaus typisch für (laut Selbstwahrnehmung) "Linke", wenn sie darauf hingewiesen werden, dass ihr Denken sich gar nicht so grundlegend von dem der "Rechten" unterscheidet, wie sie meinen. Auf so einen Anwurf antwortet man nicht mit Argumenten, sondern der, der so etwas sagt, wird kurzerhand gesteinigt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Linken sind schließlich die Guten und die Rechten die Bösen, also kann es überhaupt keine Übereinstimmungen zwischen ihnen geben. 

Ich persönlich halte es ja schon allein deshalb für unglücklich, in politischen Fragen mit den Begriffen "links" und "rechts" zu operieren, weil das den Eindruck erweckt, es handle sich um zwei einander diametral entgegengesetzte Ideologien. Tatsächlich würde ich sie eher als zwei unterschiedliche Varianten derselben Ideologie betrachten. Dass die, die sich selbst einer dieser beiden Richtungen zurechnen, das nicht so sehen, ist aber auch klar: Man nimmt immer diejenigen seiner Gegner, die einem selbst weltanschaulich noch vergleichsweise am nächsten stehen, als seine schärfsten Gegner wahr. Das ist bei mir auch so. Ich streite mich auch sehr viel mehr und heftiger mit anderen Katholiken als mit Christen anderer Konfessionen, und mit Nichtchristen noch viel weniger. Trotzdem wird es für einen Unbeteiligten, der von außen draufschaut, offensichtlich sein, dass die Gemeinsamkeiten zwischen den streitenden Parteien viel größer sind als die Unterschiede, und genauso ist es auch mit den Positionen, die heutzutage als "rechts" und "links" bezeichnet werden. (Das war wohlgemerkt nicht immer so. Von, sagen wir mal, 1848 bis 1918 bedeutete "rechts" in der Politik etwas völlig anderes als heute - das gibt es heute überhaupt nicht mehr. Aber das ist ein Thema für sich und würde hier zu weit führen.)

Jedenfalls: Darin, dass Rolf Krüger sich mit Leib und Seele einer Ideologie verschrieben hat, die er selbst nicht versteht, stellt er keinen Einzelfall dar. Es gehört geradezu zur Erfolgsstrategie dieser Ideologie, dass man sie nicht versteht. Möglicherweise versteht sie niemand. Es handelt sich um eine neue Qualität von Totalitarismus, die gerade deshalb, weil sie so neu ist, vielfach nicht als totalitär erkannt wird. Das Neue dieser Art von Totalitarismus besteht nicht zuletzt darin, dass sie nicht mit den Mitteln einer diktatorischen Staatsgewalt durchgesetzt wird, sondern auf einem "Langen Marsch durch die Institutionen" die Medien, das Bildungs- und Gesundheitswesen unterwandert hat -- und damit, zumindest mittelbar, auch die Kirchen.

Im Prinzip tun all diese Queerdenker, Vulvenmaler, Gendersternchen-Verwender und LGBT-Brückenbauer in den Reihen der christlichen Kirchen nichts anderes, als was die "Deutschen Christen" unter der NS-Herrschaft und die Verfechter des Konzepts "Kirche im Sozialismus" in der DDR getan haben: Sie versuchen das Christentum der säkularen Heilslehre du jour anzupassen und unterzuordnen. Natürlich fühlen sie sich dabei im Recht, natürlich glauben sie, sie täten damit etwas Gutes. Das haben ihre Vorgänger auch geglaubt.



Freitag, 18. Oktober 2019

Moloch Berlin: Pro femina droht Verbot

Frage: Was ist schlimmer als Einbrecher, die dir Hundescheiße an den Briefkasten schmieren? 

Antwort: Die SPD. 

Eine Leserin hat mich darauf aufmerksam gemacht: Nachdem erst kürzlich ein Anschlag auf die Berliner Schwangerenkonfliktberatungsstelle von Pro femina e.V. verübt worden ist, wurde nun bekannt, dass dem Landesparteitag der Berliner SPD, der am 26. Oktober stattfinden soll, zwei Anträge von Untergliederungen der Partei vorliegen, die darauf abzielen, dem Verein Pro femina die Betätigung im Land Berlin generell zu verbieten. Es handelt sich um einen Antrag der Kreisdelegiertenversammlung der SPD Steglitz-Zehlendorf und einen der Landesdelegiertenkonferenz der Jusos Berlin. 

Es fällt auf, dass die Antragsbegründungen teilweise bis in den Wortlaut hinein dieselben Vorwürfe gegen Pro femina erheben wie das auf dem linksradikalen Online-Portal indymedia veröffentlichte Bekennerschreiben zum Angriff auf die Beratungsstelle. Anders ausgedrückt: Teile der Berliner SPD agieren als "politischer Arm" einer Bewegung, deren militante Avantgarde handfesten Terror gegen all jene betreibt, die sich für das Lebensrecht der Ungeborenen einsetzen. Und offenkundig ist dieser politische Arm der weit gefährlichere, denn, um es sehr frei nach Brecht zu sagen: Was ist der Einbruch in eine Beratungsstelle gegen das Verbot der Beratung? 

Symbolbild: Landesparteitag der Berliner SPD (Quelle: Wikimedia Commons) 

In einer der Antragsbegründungen heißt es: "Wir kämpfen für das Recht von Menschen, selbst zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft fortführen möchten oder nicht!". Ein solches Recht gibt es allerdings nicht. Könnte man als Regierungspartei eigentlich wissen. Was es hingegen gibt, ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, und das gilt ausdrücklich auch für ungeborene Kinder. Dementsprechend ist es auch Augenwischerei, wenn gefordert wird, Schwangerenkonfliktberatungen müssten "ergebnisoffen" sein: Die als Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen gesetzlich vorgeschriebene Beratung soll gemäß § 219, Abs. 1 StGB explizit "dem Schutz des ungeborenen Lebens" dienen. In der öffentlichen Debatte wird indes mit Fleiß der exakt gegenteilige Eindruck erweckt: Zweck der Beratung ist es, einen Beratungsschein zu erlangen, der eine straffreie Abtreibung ermöglicht; Pro femina stellt einen solchen Schein nicht aus, also ist die Beratungstätigkeit dieses Vereins illegitim und gehört verboten. 

Abtreibungsbefürworter sprechen von Entscheidungsfreiheit, meinen damit aber ausschließlich die Entscheidung für die Abtreibung. Entscheidet sich eine Schwangere für das Leben ihres Kindes, muss sie manipuliert worden sein. Abtreibung muss sein, wer sie verhindern will, ist ein Feind, den es zu vernichten gilt. Rational ist dieser Abtreibungs-Fanatismus letztlich nicht erklärbar. Man könnte fast auf die Idee kommen, man hätte es mit einem bizarren Menschenopfer-Kult zu tun, der es schlichtweg nicht dulden kann, dass ihm auch nur eines seiner designierten Opfer entgeht. 


Hier geht es übrigens zu einer Online-Petition, die die Delegierten des SPD-Landesparteitags dazu auffordert, die beiden Anträge zurückzuweisen. 



Sonntag, 18. August 2019

And Then Along Comes Mary


Vor wenigen Tagen haben wir das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel, landläufig "Mariä Himmelfahrt" genannt, gefeiert. Ein "typisch katholisches" Fest, könnte man sagen – und eines, bei dem es darum geht, dass sich, wie es in einem bekannten Kirchentagsschlager heißt, "Himmel und Erde berühren". Möglicherweise liegt jedoch gerade darin – in dieser Vereinigung der irdischen, leiblichen und der überirdisch-geistigen Sphäre – das Sperrige und Provozierende des im Jahr 1950 von Papst Pius XII. dogmatisierten Glaubenssatzes von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel: Da wächst etwas zusammen, was dem gängigen menschlichen Verständnis zufolge nicht zusammenzugehören scheint. Es ist wohl einigermaßen bezeichnend, dass in der seit 1970 im deutschen Sprachgebiet liturgisch verwendeten Übersetzung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses die "Auferstehung des Fleisches" nicht explizit vorkommt, sondern mit "Auferstehung der Toten" wiedergegeben wird. Dass die Seele des Menschen in den Himmel aufgenommen wird, während der Leib zerfällt, scheint leichter vorstellbar zu sein als eine leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. 

Hinter dieser Feststellung steckt möglicherweise noch mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Wäre der christliche Glaube eine rein geistige Angelegenheit – ein philosophisches System, ein ethisches Programm, ein Kanon von "Werten" – dann täte sich der moderne oder postmoderne Mensch womöglich weniger schwer mit ihm; ja, man kann davon ausgehen, dass nicht wenige, die sich selbst als Christen definieren, ihren Glauben genau so, oder jedenfalls in erster Linie so, verstehen. Tatsächlich hat das Christentum aber eine sehr handfeste leiblich-diesseitige Komponente: Zentrale Elemente seiner Glaubenslehre, so vor allem die Menschwerdung, der Kreuzestod und die Auferstehung Jesu Christi, sind reale, in Raum und Zeit verankerte Ereignisse, die zugleich aber auch nicht einfach abgeschlossen in ferner Vergangenheit liegen, sondern in die Gegenwart hinein weiterwirken. Dass Gottes Wort Fleisch geworden ist, Menschennatur angenommen hat – und diese auch nicht etwa, wie die Gnostiker meinten, am Kreuz wieder abgelegt hat wie einen zerschlissenen Mantel, sondern mitsamt dieser Menschennatur auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist und zur Rechten des Vaters sitzt, hat schon der frühen Kirche zu den Zeiten der ersten Konzilien Kopfzerbrechen bereitet, und natürlich hat all dies auch Konsequenzen für die Frage nach der Bedeutung Marias, der leiblichen Mutter Jesu, im Heilsgeschehen. So bestätigte das Konzil von Ephesus im Jahre 431, dass Maria den schon seit dem 3. Jahrhundert bezeugten Titel "Gottesgebärerin" zu Recht trage – und traf so eine Aussage über das Verhältnis zwischen den zwei Naturen Jesu: Verworfen wurde damit die Auffassung, Jesus sei nur seiner menschlichen, nicht aber seiner göttlichen Natur nach der Sohn der Maria. 

Die Schwierigkeiten, die es dem menschlichen Verstand bereitet, Jesus gleichzeitig als wahren Menschen und als wahren Gott anzuerkennen, finden ihren Ausdruck seit dem Zeitalter der Aufklärung auch in Versuchen, den historischen Jesus und den Christus des Glaubens auseinanderzudividieren und gegeneinander auszuspielen. Schon damals entstand das Bild des Wanderpredigers Jesus aus Nazaret, der zwar ein bedeutender Weisheitslehrer gewesen sei, vergleichbar etwa mit Buddha und Sokrates, der aber niemals beansprucht habe, Gott zu sein. Bereits 1906 urteilte Albert Schweitzer in seiner "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung", dieser quasi gegen den Strich der Glaubensverkündigung gelesene Jesus sei "eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und von der modernen Theologie in ein geschichtliches Gewand gekleidet wurde": Letztlich habe jeder Autor, der dem vermeintlich unter dem Sedimentgestein der christlichen Dogmatik verborgenen "historischen Jesus" nachgespürt habe, nur seine eigenen Idealvorstellungen auf diesen projiziert, sich also je nach persönlichem Geschmack einen eigenen Jesus zurechtspekuliert. Dieser Einwand Schweitzers hat indes nicht verhindern können, dass bis heute gern nach dieser Methode erfahren wird: Jeder baut sich den Jesus, der ihm passt: Mal sanftmütig, mal militant, mal streng, mal tolerant. Jesus der Hippie, Jesus der Kommunist, Jesus der Flüchtling, Jesus der Vegetarier. Der wirkliche Jesus, den nicht wir zu beurteilen haben, sondern der vielmehr uns richten wird, scheint in solchen Spekulationen überhaupt keine Rolle zu spielen. Sogar die besonders in evangelikalen Kreisen populäre Frage "Was würde Jesus tun?" reduziert Jesus, wenn man es recht bedenkt, auf ein bloßes Vorbild für ethisch richtiges Handeln und zieht gar nicht in Betracht, dass Er tatsächlich, und nicht nur im Konjunktiv, lebt und wirkt. 

Mit Maria verhält es sich ähnlich. Zwar ist die Marienverehrung bis heute in der Hauptsache eine Bastion der als konservativ geltenden Volksfrömmigkeit geblieben, aber schon vor Jahrzehnten gab es vereinzelte Versuche, Maria in einem "fortschrittlichen" Sinne umzudeuten und zu vereinnahmen. "Maria, ich nenne dich Schwester", dichtete etwa die feministische Lyrikerin Christa Peikert-Flaspöhler: "Ich sehe dein Frauengesicht, ich spüre dein Fragen und Handeln, wir trauen gemeinsam dem Licht, wir tragen gemeinsam das Wort der Befreiung, wir bringen es zur Welt" – dieses Gedicht oder Gebet hat es sogar bis ins Gotteslob geschafft. Ein Musical von Wilhelm Willms und Peter Janssens mit dem Titel "Ave Eva oder Der Fall Maria", das, wie es in einer Pressemitteilung hieß, Maria als "selbstbewusste junge Frau" zeigt, die "durch ihre Schwangerschaft zur gesellschaftlichen Außenseiterin wird", erhielt in den 70er und 80er Jahren wiederholt Aufführungsverbote in kirchlichen Einrichtungen. Und neuerdings gibt es "Maria 2.0" – eine Bewegung, deren Name bereits mehr über sie verrät, als ihr lieb sein dürfte. Der Name Maria erscheint hier bloß noch als Symbol oder Metapher für das Frauenbild der Kirche oder die Rolle der Frau in der Kirche, und dieses Frauenbild, so machen die Initiatoren durch den Namensbestandteil "2.0" deutlich, benötige ein "Update". Natürlich ist dieser Gebrauch des Namens Maria insofern nachvollziehbar, als Maria in der traditionellen Lehre der Kirche tatsächlich eine bedeutende Rolle als Symbolfigur spielt: als Urbild der Kirche – so schon beim Kirchenvater Ambrosius im 4. Jahrhundert und noch im Schlusskapitel der Dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium" des II. Vatikanischen Konzils im Jahr 1964 – und durchaus auch als Rollenvorbild für die christliche Frau. Wenn die Bewegung "Maria 2.0" jedoch schon durch ihren Namen die Auffassung verrät, das tradierte Marienbild der Kirche – "Maria 1.0" gewissermaßen – sei nicht mehr zeitgemäß und müsse an die Erfordernisse der heutigen Zeit angepasst werden, dann stellt sich die Frage, was eigentlich die echte Maria, deren leibliche Aufnahme in den Himmel wir gerade gefeiert haben, dazu sagt. Und man hat den Eindruck, dass die Kirchen-Rebellinnen sich diese Frage überhaupt nicht stellen. 

HT: Tea with Tolkien 
Mit der Frage "Was würde die echte Maria sagen?" will ich allerdings nicht zwingend auf eine Diskussion über Marienerscheinungen hinaus. Dass gegenüber angeblichen Botschaften der Gottesmutter, die von kirchlicherseits nicht anerkannten Erscheinungen stammen, Vorsicht angebracht ist, dürfte auf der Hand liegen; aber auch da, wo die Kirche – wie im Falle der Erscheinungen von Lourdes und Fátima – den übernatürlichen Charakter der Erscheinungen bestätigt hat, sind die Mitteilungen der Gottesmutter an die jeweiligen Seher als Privatoffenbarungen zu betrachten und damit nicht Bestandteil des verbindlichen Glaubensguts. Für uns einfache Gläubige mag es daher genügen, darauf zu schauen, was uns die Evangelien über Maria verraten; und dort besteht ihre Rolle in erster Linie darin, auf Jesus hinzuweisen. Wenn wir uns fragen, was Maria uns heute zu sagen hat, dann finden wir die wohl beste Antwort darauf im Johannesevangelium, Kapitel 2, Vers 5: "Was ER euch sagt, das tut."