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Mittwoch, 16. Juni 2021

Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 1 von 3)

Wenn ich einmal ganz, ganz viel Zeit habe, schreibe ich einen wilden Mystery-Thriller über die Suche nach den in der Reformationszeit verloren gegangenen Reliquien des Hl. Willehad. Aber eigentlich ist das nicht das Thema dieses Artikels, und es ist auch nicht der Grund dafür, dass ich unseren spontanen frühsommerlichen Familienurlaub unter das Motto Camino de Willehado gestellt habe. Das hatte andere Gründe. 

Symbolbild: Backfisch in Jakobsmuschel-förmigem Brötchen (von "Micha's Räucherfisch", Fedderwardersiel) 

Es begann damit, dass meine Liebste sich im Vorfeld der Reise mit der nicht ganz undiffizilen Herausforderung befasste, wie wir unser für den Aufenthalt benötigtes Gepäck so organisieren konnten, dass wir mit zwei kleinen Kindern eine Bahnreise mit fünfmaligem Umsteigen (wenn man den Weg von unserer Wohnung zum Berliner Hauptbahnhof und den Bus vom letzten Bahnhof auf der Strecke bis zu unserer Unterkunft mitzählt) möglichst gut bewältigt bekommen, und dabei zu dem Schluss kam, am besten sollten wir alles in unsere Jakobsweg-Wanderrucksäcke packen, dann hätten wir die Hände frei für die Kinder. 

Unser gemeinsamer Jakobsweg ist bald fünf her, aber an meinem Wanderrucksack hängt immer noch eine Jakobsmuschel als Pilgerabzeichen. Als ich am Morgen des Reiseantritts aus der Dusche stieg, hing mein seinerzeit in einem kleinen Laden für Pilgerbedarf und Reiseandenken direkt neben der Kathedrale von Burgos gekauftes T-Shirt mit der Aufschrift "Camino de Santiago" sauber und trocken an der Wäscheleine, also zog ich es kurz entschlossen an. Meinen in Castrojeriz als Sonnenschutz gekauften Strohhut nahm ich nicht mit, da ich fürchtete, der kräftige Seewind würde mir ihn vom Kopf pusten; stattdessen nahm ich ein ebenfalls vom Jakobsweg mitgebrachtes und erst kürzlich beim Aufräumen wiedergefundenes Bandana mit, auf dem das Jakobsweg-Logo prangt: eine stilisierte Jakobsmuschel mit der Umschrift "Camino de Santiago". 


Schön war es auch, festzustellen, dass das Stundenbuch in der 2. Vesper vom 10. Sonntag im Jahreskreis - und somit am Vorabend unserer Abreise! - eine Fürbitte für Reisende "zu Wasser, zu Land und in der Luft" enthielt ("schenke ihnen eine glückliche Ankunft"); nicht ganz dasselbe wie ein persönlich erteilter Reise- oder Pilgersegen, aber immerhin. 

Für "Camino-Feeling" auf der Reise war also gesorgt; und der Namensbestandteil "Willehado" rührt natürlich daher, dass das Ziel unserer Reise die grüne Halbinsel Butjadingen war, wo der eingangs erwähnte Hl. Willehad wirkte und starb und wo die örtliche katholische Pfarrei seinen Namen trägt. -- Wer meinen Blog schon seit längerer Zeit verfolgt, dem wird bereits aufgefallen sein, dass die Pfarrei St. Willehad in Nordenham - deren Territorium sich auch über die ländlichen Gemeinden Butjadingen und Stadland erstreckt - hier immer wieder eine prominente Rolle spielt; und das aus mehreren Gründen. Zum einen bin ich in diesem Landstrich geboren und aufgewachsen und eben auch "kirchlich sozialisiert" worden und fühle mich der dortigen Kirche daher immer noch verbunden. Zum zweiten hatte ich schon oft den Eindruck, die dortige kirchliche Situation könne in vielfacher Hinsicht als Anschauungsbeispiel für die Malaise des "Systems Volkskirche" betrachtet werden. Und drittens schließlich - was in gewisser Weise eine Synthese aus den beiden vorgenannten Punkten darstellt - spiele ich immer mal wieder mit dem Gedanken, gerade dieser in religiöser Hinsicht weitgehend verödete Landstrich böte Potential für ein missionarisches Projekt im "Punkpastoral"-Stil - etwa in der Art, wie Katharina Fassler es im "Mission Manifest"-Unterkapitel "Der Traum vom lebendigen Pfarrhaus" beschreibt, aber zur Not könnte man statt eines ehemaligen Pfarrhauses auch einen Resthof, einen nicht mehr genutzten Wasserturm oder, noch radikaler, einen Bauwagen am Strand als Operationsbasis nutzen. In Anlehnung an die "Benedikt-Option" (kurz #BenOp) habe ich diesem Gedankenspiel den Namen "Willehad-Option" gegeben. 

All dies führt dazu, dass ich jedesmal, wenn ich in Nordenham und/oder Butjadingen bin, das Gefühl habe, nicht einfach in Urlaub zu sein, sondern auf einer Mission ("Sie können uns nicht aufhalten, wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!"). Gleichwohl ist es natürlich auch Urlaub, und ich denke mir, "Urlaub mit Kindern an der Nordsee unter zwar gelockerten, aber prinzipiell immer noch bestehenden Corona-Bedingungen" ist durchaus auch ein interessantes Thema, um drüber zu bloggen. Da aber die Schilderung unserer kirchenbezogenen Erlebnisse und Aktivitäten während dieses Urlaubs mitsamt den dadurch ausgelösten oder angeregten Reflexionen wohl schon allein ausreichend Stoff für eine dreiteilige Artikelserie bietet, denke ich mir, die touristischen Aspekte lagere ich lieber aus in einen separaten Artikel ("Camino de Willehado - Tourist Edition"). Punktuelle Überschneidungen werden sich allerdings wohl nicht ganz vermeiden lassen. 

*

Wenn ich über die "kirchliche Situation" im Gebiet der Pfarrei St. Willehad sprechen will, dann bietet sich vielleicht an, zunächst auf den lokalen Pastoralplan einzugehen, den die Gremien der Pfarrei in einem jahrelangen Prozess erarbeitet haben und der im vergangenen Jahr "am Fest des Pfarrpatrons St. Willehad", dem 8. November, veröffentlicht wurde. Diesen Pastoralplan gibt es auch online, es hat also jeder die Möglichkeit, persönlich zu überprüfen, ob er mit meiner Ansicht übereinstimmt, dass das Ergebnis in einem bizarren Missverhältnis zu dem Aufwand steht, der dafür betrieben wurde. 

Das ist indes - wieder einmal - nichts, was allein auf diese Pfarrei zuträfe. Über den ganz realen Irrsinn kirchlicher Organisationsentwicklungsprozesse im Allgemeinen und "lokaler Pastoralpläne" im Speziellen habe ich mich schon früher geäußert, daher hier nur soviel: Aus der Thermodynamik wissen wir, dass jede Form von Energie schließlich in nicht mehr nutzbare Wärmeenergie umgewandelt wird. Das ist ein natürlicher Prozess, den man eigentlich nicht noch künstlich forcieren müsste. Aber genau das passiert, wenn man Pfarreien dazu verpflichtet, einen lokalen Pastoralplan zu erarbeiten: Wertvolle und zumeist knappe Ressourcen an Arbeitszeit und -kraft, Kreativität und Motivation werden verheizt, um nichts anderes zu erzeugen als heiße Luft - oder oftmals wohl sogar nur lauwarme. 

Was nun konkret den Pastoralplan von St. Willehad angeht, kann man Manches daran auf den ersten Blick durchaus vielversprechend finden: Die Titelseite trägt als Motto das Jesuswort "Ihr seid das Salz der Erde" (Mt 5,13), den einzelnen thematischen Abschnitten ist jeweils ein biblisches Leitwort vorangestellt, und auf der rückwärtige Umschlagseite liest man ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry,  das ich sehr mag und das ich auch schon mal in einem Thesenpapier für den Lokalausschuss meiner Wohnortgemeinde verwendet habe: 

"Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." 

-- Nur dass von dieser Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer in diesem Pastoralplan nichts, aber auch gar nichts zu spüren ist. Stattdessen dominieren nichtssagende Worthülsen und ausgelutschte Gemeinplätze, und um die inhaltliche Dürftigkeit des Texts zu kaschieren, hat man ihn mit extra großem Zeilenabstand und einigen bunten Bildchen auf 20 Seiten gestreckt. Das Ganze kommt einem so vor, als hätte jemand einen Schulaufsatz zum Thema "Mein schönstes Ferienerlebnis" schreiben sollen, hätte aber in den Ferien leider nichts Schönes erlebt und darum notgedrungen bei seiner Banknachbarin abgeschrieben. Die Krönung ist dann der letzte Satz des Abschnitts "Epilog": "Durch diesen Pastoralplan konnten Sie sich einen Eindruck von unserer Pfarrei verschaffen, die wir Ihnen mit unseren Schwerpunkten vorgestellt haben." Nein, tut mir leid: Das konnte ich nicht. Nicht nur kann ich auf diesen Seiten nichts erkennen, was einer Vision für die zukünftige Entwicklung der Pfarrei ähnlich sähe; der Pastoralplan verrät mir auch nichts über die Motivation der Verantwortlichen, also darüber, was sie dazu bewegt, sich gerade in der Kirche zu engagieren und nicht im Bürgerverein oder bei den Kaninchenzüchtern. Zwar ist auf annähernd jeder Seite von der "Botschaft Jesu" und von "gelebtem Glauben" die Rede, aber das bleibt vage und formelhaft; man sollte denken, jemand, der wirklich von der Liebe Christi ergriffen und von dem Wunsch beseelt ist, andere für Christus und für die Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes zu begeistern, der müsste anders darüber reden. Gerade in einem so programmatischen Text, an dem, wie gesagt, jahrelang gearbeitet wurde. 

Dieser Mangel an Sprach- und Auskunftsfähigkeit über den Glauben ist ein Problem, das die Pfarrei St. Willehad gewiss nicht mehr und nicht weniger betrifft als zahllose andere Pfarreien auch. "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt", mahnte der Apostel Petrus (1 Petr 3,15); ich fürchte sehr, dass er mit dieser Aufforderung heutzutage und hierzulande bei vielen haupt- und ehrenamtlichen Kirchenfunktionären nur leere Blicke ernten würde. Wie ist es dazu gekommen? 

Recht aufschlussreich in Hinblick auf diese Frage finde ich ein Buch, das ich vor ungefähr 30 Jahren vom damaligen Pfarrer von Herz Jesu Einswarden und Herz Mariä Burhave zur Firmung geschenkt bekommen habe und das meine Mutter kürzlich wiedergefunden hat: 


Im Wesentlichen handelt es sich um einen Bildband, dessen Struktur sich am Apostolischen Glaubensbekenntnis orientiert: Zu jedem einzelnen Satz des Credo gibt es ein großformatiges Foto und einen "Impuls" von der Art, die durch den inflationären Einsatz von Zeilenumbrüchen irgendwie nach Lyrik aussehen sollen; zum Beispiel: "Gott / hat uns / die Erde gegeben / als Garten. // Seine Liebe / begegnet uns / in allen Geschöpfen. // Alle Geschöpfe / sind unsere / Geschwister". -- Mein Eindruck von diesem Buch war zwiespältig. Gemessen an den Ansprüchen, die Leute wie meine Liebste und ich an eine sinnvolle und nachhaltige Kinder- und Jugendkatechese stellen würden, sind die Texte entschieden zu schwammig, gefühlsduselig, vom Jargon der neuen Innerlichkeit angekränkelt und auf spirituelle Wellness ausgerichtet und bergen dadurch die Gefahr, die konkreten Glaubensaussagen des Credo eher zu vernebeln als zu verdeutlichen. Andererseits steht zu befürchten, dass das katechetische Niveau, das dieses erstmals 1986 erschienene Buch widerspiegelt, heutzutage in der landläufigen Erstkommunion- und Firmvorbereitung nicht einmal mehr annähernd erreicht wird. 

Ein Indiz hierfür mag man in einem Beitrag zum Thema Erstkommunion erkennen, den die Social-Media-Abteilung des Erzbistums Hamburg unlängst auf Instagram und Facebook veröffentlicht hat und der mir während des Urlaubs vor die Augen gekommen ist. Darin wird die Erstkommunion eines Mädchens aus Sicht ihrer Mutter kommentiert - "Dieses große Ritual in der Kirche. Einer Kirche, die uns manchmal ganz schön verzweifelt da stehen lässt. Wir machen es trotzdem. Geben das Kind zur Erstkommunion. Warum? Weil unsere Gemeinde klasse ist. Weil in unserer Kirche getanzt, gelacht und geklatscht wird." Ach so. Aha. Ist das alles? Nein, nicht ganz: 

"Aber auch, weil es ein Zeichen ist. All die religiösen Geschenke und der Blumenkranz im Haar sind eine Tür. Da gibt es noch was. Da ist diese Kraft. Diese Liebe. Das Göttliche. Ist da und liebt. Immer." 

Tanzen, lachen und klatschen, und irgendwie ist da dann noch eine Tür zu irgendwas Göttlichen -- darum geht's also bei der Erstkommunion? -- Gewiss: Wenn man davon ausgeht, dass dieser Text die authentischen Empfindungen und Wahrnehmungen einer Erstkommunion-Mutter widerspiegelt, dann ist er ein Dokument, das man zur Kenntnis nehmen sollte -- und das zu denken geben sollte. Wenn eine Bistumsredaktion diesen Text aber ohne jeden Kommentar, ohne jede Einordnung für ihre mediale Selbstdarstellung nutzt, ja geradezu zur Eigenwerbung einsetzt, muss man sich schon fragen, ob die eigentlich noch alle Latten am Zaun haben. 

Kritische Kommentare zu diesem Beitrag konnten daher nicht ausbleiben. "In Hinsicht auf die Erstkommunion Gott zu entpersonalisieren, in dem man von 'dem Göttlichen' spricht, das ist schon eine Schamlosigkeit, die alles toppt, was ich bisher an diözesanen Apostasien gelesen habe", merkte etwa ein befreundeter Netzkatholik an, und eine andere Freundin und Bloggerkollegin, die übrigens - was ich in diesem Zusammenhang durchaus irgendwie relevant finde - die Taufpatin meiner Tochter ist, warf die Frage auf, ob in der Erstkommunionvorbereitung "irgendwann, irgendwie nebenbei auch erwähnt" worden sei, "dass es sich bei der Eucharistie um den Herrn persönlich handelt und um die innigste Vereinigung mit Ihm". Die Redaktion reagierte, wie man es von Social-Media-Redaktionen deutscher Bistümer leider gewohnt ist, nämlich nassforsch und uneinsichtig. Die Kolumne, deren Abschluss der kritisierte Text darstelle, sei "bewusst 'etwas lockerer' geschrieben" und der "Anspruch dieses Formats" liege "nicht darin, theologische Abhandlungen zu verfassen". Es steht zu befürchten, dass die Verantwortlichen tatsächlich nicht kapiert haben, was die kritischen Kommentatoren an diesem Beitrag auszusetzen haben.

Es gab indes auch Kommentare, die den Beitrag verteidigten. "Kinder muss man genau da abholen", meinte beispielsweise eine mir nicht näher bekannte Facebook-Nutzerin: "sie begeistern, ihnen zeigen, dass sie ganz wichtig sind für Jesus" -- ja aber Moment mal, von Jesus war in dem Beitrag doch überhaupt keine Rede, und genau das war Gegenstand der Kritik! 

Offen gestanden kann ich mir kaum etwas Bizarreres vorstellen als die Auffassung, man könne oder müsse kirchenfern sozialisierte Menschen an den christlichen Glauben "heranführen", indem man alles explizit und spezifisch Christliche erst mal weglässt. Ein methodischer Griff ins Klo wie das berüchtigte "Schreiben nach Gehör", oder eigentlich noch schlimmer. Die in der pastoralen Praxis so allgegenwärtigen Metaphern vom "Abholen" und "Mitnehmen" ergeben nur dann einen Sinn, wenn derjenige, der die anderen abholen und mitnehmen will, selbst weiß, wo's langgeht. Heutzutage und hierzulande hat man aber immer öfter den Eindruck, der institutionelle Apparat der Kirche - auf allen ebenen, von den Ortspfarreien bis zu den Bistümern - sei voll mit Leuten, die das eben nicht wissen; und die womöglich gar meinen, es käme gar nicht so darauf an, wohin man "die Leute" mitnimmt, denn letztlich sei ja der Weg das Ziel. Anders ausgedrückt: Wenn man, offen oder insgeheim, der Auffassung ist, Gott sei bloß eine Metapher - ein Konzept, das den Menschen dabei helfen soll, ein Gefühl von Sinn (sense of purpose) in ihrem Dasein zu finden, nett zueinander zu sein und die Umwelt zu schonen, dann kommt es tatsächlich nicht so genau darauf an, in was für Begriffen oder Bildern wir von Gott sprechen, solange es den genannten Zwecken dient. Ganz anders verhält es sich natürlich, wenn man an einen persönlichen Gott glaubt, der wirklich in der Welt - und erst recht in der Kirche - lebt und herrscht. Deshalb werden Menschen, die in einer Weise von oder sogar mit Gott sprechen, als existierte Er tatsächlich, vom volkskirchlichen Mainstream oft als so lästig empfunden. 

-- So, lieber Leser. Du magst vielleicht denken, diese Exkurse über den Pastoralplan von St. Willehad, das Buch "Unsere Firmung" und den unsäglichen Erstkommunion-Beitrag des Erzbistums Hamburg (dabei gehört St. Willehad doch zum Bistum Münster!) führe vom eigentlichen Thema, nämlich unserem Trip nach Butjadingen, weg; ich aber sage: Ganz im Gegenteil, es führt zum Thema hin! Zur chronologischen Schilderung der Ereignisse werde ich trotzdem erst in der nächsten Folge kommen. Aber die kommt bald -- versprochen! 


Dienstag, 22. November 2016

Warum der Schuh beim Gehen enger wird


Neulich war ich mit meiner Liebsten in einem Fachgeschäft für Outdoor- und Trekking-Bedarf. Nicht etwa, dass wir schon wieder unsere nächste große Pilgerreise planen; die kommt zwar bestimmt, aber dafür wird die für den diesjährigen Jakobsweg angeschaffte Ausrüstung wohl noch vorhalten. Nein, meine Liebste wollte sich bloß einen Wintermantel kaufen. Genauer gesagt hatte sie ihn bereits online bestellt und zum Abholen in die Filiale liefern lassen. 

Am Info-Schalter, an dem meine Liebste ihren Mantel in Empfang nehmen wollte, prangte ein Veranstaltungshinweis: In ein paar Wochen findet in dem Laden eine Buchvorstellung statt. Christine Thürmer spricht über ihr Buch "Laufen. Essen. Schlafen." Inhalt des Buches laut Titel-Unterzeile: "Eine Frau, drei Trails und 12.700 Kilometer Wildnis."
"Das ist wahrscheinlich ein wesentlich besseres Buch als alle handelsüblichen Bestseller über den Jakobsweg", meinte meine Liebste. Diese Einschätzung überraschte mich, und ich fragte sie, was sie dazu veranlasse, das zu vermuten.
"Weil es um existenzielle Erfahrungen beim Wandern geht", erklärte sie, "und nicht um spirituelle Erfahrungen beim Pilgern - beschrieben von Leuten, die den Unterschied dazwischen nicht kennen beziehungsweise nicht verstehen."

Das schien mir ein recht schlüssiger Gedanke, aber ich blieb dennoch skeptisch gegenüber der Qualität des Buches. "Ich schau mal, ob man da mal einen Blick rein werfen kann", sagote ich, denn der Outdoor- und Trekking-Laden hatte eine ziemlich umfangreiche Bücher-Abteilung. Überraschend umfangreich für mein Empfinden. Das Buch von Christine Thürmer fand ich darin jedoch nicht. Dafür allerlei anderen Kram aus dem Gesamtbereich "Spiritualität und Gedöns".




"Wie kommt es eigentlich", sagte ich zu meiner Liebsten, die inzwischen ihren neuen Mantel anprobiert hatte, "dass es in einem Laden für Wanderbedarf zwar Bücher vom Dalai Lama und auch sonst so allerlei über Buddhismus und Co. gibt, aber nichts Christliches -- nicht mal sowas wie Anselm Grün?" 

"Das liegt wohl daran", meinte sie, "dass das moderne Trekking-Wesen in der Hauptsache von den Hippies erfunden wurde." 

"Sicher", beharrte ich, "aber was ist denn mit den christlichen Hippies?" 

"Die gibt es nicht", erwiderte meine Liebste (in einem Tonfall, der zu erkennen gab, dass das nicht ihre Ansicht, sondern die unterstellte Ansicht der Betreiber von Fachgeschäften für Hippiebedarf ausdrücken sollte). "Die hat es noch nie gegeben." 

"Doooch, wohl hat es die gegeben!", widersprach ich. "Wobei, okay, die meisten von denen sind wohl in irgendwelchen para-christlichen Sekten gelandet oder Anselm Grün geworden." 

Nun aber mal im Ernst: Wo sind all die christlichen Hippies hin, wo sind sie geblie-hie-ben? Na ja, zum Teil wahrscheinlich bei Freakstock. Müsste ich wohl auch mal hin, zu Recherchezwecken. Aber ich wollte eigentlich gerade ernst werden. Tschullijung. Freakstock hin oder her, die großen Kirchen - und mich interessiert dabei natürlich in erster Linie die Katholische - müssen sich schon mal fragen lassen, warum sie so viele junge (oder zumindest mal jung gewesene), "alternativ" orientierte Leute, die auf der Suche nach Transzendenzerfahrungen sind, schlichtweg nicht erreichen. Was macht eigentlich die kirchliche Jugendarbeit so? Das ist als offene Frage gemeint, ich weiß tatsächlich nicht besonders viel darüber, jedenfalls längst nicht so viel, wie ich gern darüber wissen möchte. Man sage es mir bitte gleich, wenn ich mich täusche, aber kann es sein, dass die kirchliche Jugendarbeit zwar viel in Richtung sozialen und politischen Engagements unternimmt und "anbietet", aber vergleichsweise wenig Spirituelles? Könnte es sein, dass man da mal die Prioritäten überdenken müsste? 

Ein anderer Gedanke kam mir etwas später, und da weiß ich nun auch nicht, wie ich damit umgehen soll. Es erscheint nämlich durchaus plausibel, dass der christliche Glaube gerade für die viel beschriebene Generation Maybe erheblich sperriger ist als spirituelle Konzepte aus fernöstlicher Tradition. Der Glaube an Jesus Christus verlangt und bedingt, an eine ganze Menge anderer Dinge nicht zu glauben. Man kann durchaus montags und mittwochs Buddhist sein und dienstags und donnerstags was Anderes, das stört Buddha nicht sonderlich. Christsein hingegen verlangt eine Entscheidung. 

Man sollte aber wohl die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Generation Maybe das habituelle Zurückscheuen vor verbindlichen Lebensentscheidungen irgendwann mal selbst langweilig wird...



Donnerstag, 10. November 2016

Jakobsweg auf Radio Horeb!

Regelmäßige Leser werden es bemerkt haben: Vor lauter Aktualia, und weil ich ja (ob man es glaubt oder nicht) hin und wieder auch mal andere Dinge zu tun habe, als zu bloggen, bin ich schon seit geraumer Zeit nicht dazu gekommen, meine "Pilgertagebuch"-Reihe über den im Sommer dieses Jahres zurückgelegten Jakobsweg fortzusetzen. Doch es naht Abhilfe! 


Ja, genau: Heute - am Donnerstag, dem 10. November - werde ich ab 20:30 Uhr in der Credo-Sendung auf Radio Horeb zu hören sein und im Gespräch mit Gregor Dornis Einblicke in meine Jakobsweg-Erfahrungen geben. Es wird um spirituelle Höhepunkte, körperliche Herausforderungen, um kulturelle und landschaftliche Sehenswürdigkeiten gehen, um Pastorales Kochen, geistliche Impulse, lustige Anekdoten und praktische Tipps fürs Pilgern. Wie immer wird es die Credo-Sendung auch als Podcast und mp3-Download geben; für alle, die Radio Horeb nicht empfangen können und/oder heute Abend keine Zeit haben, werde ich den Link zum Nachhören hier selbstverständlich gern teilen. 

Und keine Sorge: Auch hier im Blog wird die "Pilgertagebuch"-Reihe auf jeden Fall fortgesetzt! Sobald ich dazu komme. 

Ich freue mich schon auf Feedback zur Sendung! 


Update: HIER der Link zum Nachhören! 

Freitag, 2. September 2016

Ich bin ein Pilger - holt mich hier raus! (Aus meinem Pilgertagebuch, Teil 4)

Tag 3: Sonntag, 24.07.2016. Espinal - Bizkarreta - Zubiri. 

Am Sonntagmorgen gegen 7:30 Uhr brachen wir in Espinal auf - bei nach wie vor relativ kühlem und regenverdächtigen Wetter und ohne Frühstück, denn Frühstück gab es im Hostal Haizea erst ab 8 Uhr, und wie ich mich schon am Abend zuvor, zu meinem eigenen Erstaunen, zu Suse hatte sagen hören: "Erst um acht Uhr frühstücken ist mir zu spät." Hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich so was mal sagen würde. "Erst um acht Uhr frühstücken ist mir zu spät." Im Urlaub! Das Pilgern verändert einen Menschen doch sehr, scheint's. 

Jedenfalls sagten wir uns, frühstücken könnten wir ja auch im nächsten Ort - Bizkarreta, 5,3 km entfernt. Insgesamt hatten wir uns für diesen Tag eine Strecke von knapp 16 km vorgenommen - bis Zubiri, wo wir laut Suses ursprünglichem Etappenplan eigentlich schon einen Tag früher hätten sein wollen. 

Wenn ich mir im Nachhinein das Höhenprofil dieser Strecke ansehe, kann ich im Grunde nicht begreifen, warum wir annahmen, diese Etappe würde uns keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Wahrscheinlich glaubten wir, nach der erfolgreich gemeisterten Pyrenäenüberquerung könne uns nichts mehr schocken. Tatsächlich jedoch waren in unserer Wanderkarte zwei vor uns liegende Passagen - der Abstieg vom Alto de Mezkiritz (922 m) zum Flusstal des Rio Erro (ca. 720 m) sowie vor allem der Abstieg vom Alto de Erro (810 m) zum Rio Arga (ca. 520 m) - mit Warnsymbolen versehen. 

Zunächst einmal ging es jedoch den Berg hinauf, und hier zeigte sich bald, dass Suses Fuß sich noch nicht so ganz von den Strapazen der Pyrenäenetappe erholt hatte und sie daher nur sehr langsam voran kam. Nach einer Weile fand sie, statt alle paar Meter stehen zu bleiben und auf sie zu warten, solle ich doch lieber schon mal bis nach Bizkarreta vorausmarschieren, mich dort in (oder gegebenenfalls vor) die erste Bar am Wegesrand setzen und dort auf sie warten. Mir war zwar anfangs nicht ganz wohl dabei, sie allein zu lassen, aber schließlich ließ ich mich überreden.

Tatsächlich empfand ich es als sehr angenehm, schneller voranzukommen und dabei festzustellen, dass ich mit dem Tempo anderer Pilger, die auf dieser Etappe unterwegs waren, sehr wohl mithalten konnte. Der höchste Punkt der Etappe, der Alto de Mezkiritz, war bald erreicht; an dieser Stelle stieß der Pilgerweg auf die Nationalstraße 135. Auf der anderen Straßenseite stand ein schöner Votivstein für die Nuestra Señora de Roncesvalles, mit einer Reliefdarstellung der Allerseligsten Jungfrau und einer zweisprachigen Inschrift (baskisch und spanisch).


Von hier aus ging es bergab; und bald zeigte sich, dass ich doch nicht wie geplant in meinem eigenen Wohlfühltempo bis Bizkarreta durchmarschieren konnte, denn ich kam an einige heikle Stellen, an denen ich Suse mit ihrem Problemfuß lieber nicht allein lassen wollte und daher auf sie wartete. Ein bisschen kam ich mir dabei schon selbst vor wie ein Waldgeist, der die Pilger vor Gefahren warnt. Suse taufte die auf dem Weg verstreuten problematischen Stellen später scherzhaft "Pilgerprüfungen". Die erste derselben bestand in einer steilen und steinigen Passage, die obendrein durch ein hölzernes Gatter versperrt wurde. Gut, es war nicht verriegelt, aber man musste es doch mit einer Hand offen halten, während man hindurchging. Etwas später folgte eine Steintreppe, deren langgestreckte Stufen schon in sich selbst abschüssig und obendrein so hoch waren, dass man recht große Schritte machen musste, um von einer Stufe zur nächsten zu kommen. Zudem war die steinerne Oberfläche rutschig von der in der Luft liegenden Feuchtigkeit.


Die dritte und wohl spektakulärste "Pilgerprüfung" war jedoch die Furt der fallenden Fahrradfahrer.

An dieser Stelle waren die Wegmarkierungen – die berühmten gelben Pfeile – widersprüchlich: Der Weg stieß hier auf eine vielbefahrene Straße, die an dieser Stelle eine Brücke über ein seichtes Flüsschen bildete. Auf einem Markstein war ein gelber Pfeil aufgemalt, der anzeigte, man solle über diese Brücke gehen; aber er war überklebt mit einem anderen gelben Pfeil, der auf einen unterhalb der Brücke verlaufenden betonierten Weg hinwies. Dieser führte allerdings durch den Fluss, das heißt, er lag teilweise unter Wasser.



Um keine nassen Füße zu bekommen, konnte man auch über eine Reihe hochkant stehender Betonquader am Rande des Weges balancieren; aber ich sagte mir, das Wasser stehe wohl kaum höher als zwei Finger breit, und ich hätte schließlich festes Schuhwerk. Also watete ich hindurch – und wäre beinahe hintenüber gefallen (was mit ca. 8 kg Marschgepäck auf dem Rücken kein Spaß gewesen wäre!), denn da, wo der Weg unter Wasser lag, war er mit glitschigen Algen bewachsen. Nachdem ich glücklich am anderen Ufer angekommen war, stapfte ich hoch zur Straße und ging auf dieser zu meinem Ausgangspunkt zurück – um abermals auf Suse zu warten und sie vor der Furt zu warnen. Während ich wartete, sausten zwei Fahrradpilger den Hang herunter, nahmen in forschem Tempo die Furt in Angriff – und legten sich mit Karacho auf die Fresse. Kaum hatten sie sich aufgerappelt und waren weitergefahren, da nahte der nächste Trupp Mountainbiker – vier an der Zahl diesmal. Die ersten zwei passierten die Furt ohne Probleme, aber der dritte glitt wiederum aus und fiel – was den vierten Radler veranlasste, abzusteigen und sein Gefährt über die erwähnten Betonquader zu tragen. 

Nach etwa einer Viertelstunde erschien Suse – ausgerüstet mit einem großen Ast als Wanderstab. Den habe ihr unterwegs ein Spanier geschenkt, verriet sie. Wir nahmen trotzdem lieber die Brücke.


Ein Stück gingen wir gemeinsam, dann meinte Suse, ich könne ruhig wieder vorausgehen. Das tat ich, und kaum mehr als zehn Minuten später erreichte ich auch schon Bizkarreta – oder, genauer gesagt, die Bar Denaona unmittelbar vor dem Ortseingang. Wenig überraschend war die Bar voll mit Pilgern aus aller Herren Länder; und an der Wand hing, natürlich, eine Notfallklampfe.



Ich bestellte einen Kaffee und ein Bocadillo, und bald darauf traf auch Suse ein, die sich hier ebenfalls ein Frühstück gönnte. Gemeinsam berieten wir das weitere Vorgehen. Eigentlich, sagte sie, habe ihr Fuß schon wieder genug für heute. Sie wolle sich daher mal erkundigen, ob es von hier aus vielleicht einen Bus nach Zubiri gebe. Der Inhaber der Bar verriet, einen Bus gebe es nicht, aber er könne ihr ein Taxi bestellen. „Okay“, beschloss Suse, „dann nehm‘ ich das Taxi.“ – „Und wo treffen wir uns dann?“, fragte ich, denn ich wollte die verbleibenden zehn Kilometer bis Zubiri auf jeden Fall zu Fuß gehen. „Bei der Albergue Municipal“, sagte Suse. „Die ist ausgeschildert, die kannst du gar nicht verfehlen. Oder ich warte an der Brücke auf dich. Du wirst mich schon finden.“ 

Also pilgerten wir – nach einer rund einstündigen Pause in der Bar Denaona – erst einmal getrennt weiter, Suse mit dem Taxi, ich zu Fuß. In Bizkarreta wollte ich mir erst einmal die Kirche San Pedro ansehen – und zu meiner Freude war sie geöffnet. Vier alte Muttchen saßen in den vorderen Bänken, und kaum hatte ich mich ein wenig umgesehen, da läutete eine Glocke, und ein sehr alter Priester trat ein. Es war gerade 11 Uhr, die Sonntagsmesse begann. Ich freute mich. 






Zu den vier alten Muttchen gesellten sich noch drei weitere; die Messe war in keiner Hinsicht besonders bemerkenswert, außer vielleicht, dass sie für eine Sonntagsmesse bemerkenswert kurz war (38 Minuten) – aber es war eine Heilige Messe, und sie hatte genau in dem Moment begonnen, als ich in die Kirche gekommen war. Innerlich gestärkt durch den Empfang der Eucharistie trat ich meine Wanderung nach Zubiri an – und war ziemlich erstaunt, schon relativ kurz hinter Bizkarreta durch einen weiteren Ort zu kommen. Lintzoain. Doch, doch, der steht in der Karte. 

Ab ungefähr 12 Uhr wurde es ziemlich unvermittelt sonnig und warm, und das war vielleicht – neben der Tatsache, dass ich in der Messe gewesen war – ein Grund dafür, dass ich den Wald, durch den ich jetzt kam, nicht als verhext empfand: Bei Wärme und Sonnenschein ist der Wald dein Freund und beschützt dich. 



Eine ganz neue Erfahrung war es für mich, dass ich beim Aufstieg vom Lintzoain zum Alto de Erro ständig andere Pilger überholte – mit anderen Worten, ich war ziemlich flott unterwegs. Auch das unter Pilgern übliche Grußritual hatte ich schnell raus: Wenn man sich trifft, sagt man erst mal „Hóla“; geht man dann nicht gemeinsam weiter, sondern überholt den Anderen (oder wird gegebenenfalls von ihm überholt), verabschiedet man sich mit „¡Buen Camino!“. 

Nach einer Weile traf ich zwei Pilger, mit denen ich ein gutes Stück gemeinsam ging. Es handelte sich offenbar um ein Pärchen, sie aus Deutschland, er aus Dänemark; die beiden waren tags zuvor in St. Jean gestartet und erst gegen neun Uhr abends in Roncesvalles angekommen – wie sie sagten, hatten sie es gerade noch geschafft, ihre Betten herzurichten, ehe das Licht ausgemacht wurde. Nun waren sie früh am Morgen in Roncesvalles aufgebrochen und wollten eigentlich noch bis Pamplona; ich wies sie allerdings darauf hin, dass sie sich da vielleicht ein bisschen viel für einen Tag vorgenommen hatten, denn das waren insgesamt rund 44 Kilometer, von denen sie erst gut 15 geschafft hatten. Insgesamt wollten die beiden allerdings nur bis Burgos und waren ziemlich beeindruckt, dass ich vorhatte, den ganzen Weg bis Santiago zu gehen. 

Der Alto de Erro bot nicht nur eine großartige Aussicht, sondern hier stand auch ein sogenannter Magic Truck – ein zum fahrbaren Kiosk ausgebauter Kleinlaster, an dem Snacks und Getränke verkauft wurden. Eine willkommene Gelegenheit für eine Pause also, daher hatten sich hier auch bereits recht viele Pilger versammelt. Ich blieb allerdings nur so lange dort, wie ich brauchte, um meine am Truck gekaufte Dose Aquarius (ein unter Pilgern sehr beliebtes Getränk!) auszutrinken, dann verabschiedete ich mich von meinen neuen Bekannten („Vielleicht sehen wir uns in Zubiri!“) und zog weiter. Bis zum Ortseingang von Zubiri waren es noch etwa dreieinhalb Kilometer. 




Dieser Pilger kommt offenbar von weit her. 
Der Abstieg war allerdings stellenweise wirklich extrem steil und unwegsam, und ich war froh, dass es inzwischen so trocken war; bei Nässe hätte es hier wirklich gefährlich werden können. Jedenfalls musste man bei nahezu jedem Schritt vorher gründlich überlegen, wo man den nächsten hinsetzen will – für mich als geborenem Flachländer eine interessante Erfahrung.

Aber alles lief gut, und an der Puente de la Rabia am Ortseingang von Zubiri erwartete mich Suse. Sie hatte in der Zwischenzeit ein Gedicht für mich geschrieben. <3  


Die Puente de la Rabia – zu deutsch „Tollwutbrücke“ – trägt ihren Namen übrigens daher, dass in ihrem Mittelpfeiler Reliquien der Hl. Quiteria, einer Schutzheiligen gegen die Tollwut, eingelassen sein sollen; Vieh, das man dreimal um diesen Brückenpfeiler herum treibt, soll dem Volksglauben zufolge vor Tollwut geschützt sein. 

Gemeinsam checkten wir in der kommunalen Herberge (Albergue Municipal) von Zubiri ein – einem Ensemble aus drei niedrigen, schlecht gepflegten Baracken rund um einen mit Kies bestreuten, mit Tischen und Bänken ausgestatteten, allerdings keinerlei Schatten bietenden Innenhof. Eine der Baracken beherbergte den Schlafsaal, eine zweite Toiletten und Duschen, die dritte – irreführenderweise mit „Internet“ beschriftet, was nichts Anderes hieß, als dass es dort WLAN gab – neben Waschmaschine und Trockner vor allem eine frei benutzbare Küche mit großem Esstisch. Grund genug, endlich einmal den Plan des „pastoralen Kochens“ in die Praxis umzusetzen, schließlich hatten wir Zutaten für Risotto im Rucksack.




Als erstes kamen wir mit einer Gruppe Italiener ins Gespräch, die Baguettebrot, Chorizo-Würstchen und Olivenöl dabei hatten und daraus an einem Tisch im Hof Bocadillos zubereiteten, die sie großzügig mit uns teilten. Auf eine Einladung zum gemeinsamen Risotto-Essen reagierten sie nicht abgeneigt, schränkten aber ein, sie hätten bereits mit Freunden verabredet, im Ort nach einer Möglichkeit zum Essengehen zu suchen. Als Suse die Vorbereitungen fürs Abendessen damit begann, die getrockneten Pilze einzuweichen, trafen wir eine Amerikanerin, die ich zwischen Lintzoain und Zubiri mehrmals überholt hatte; sie wollte zwar nicht mitessen, steuerte aber ein großes Stück Käse zum Risotto bei. Zwei junge Franzosen, Paul und Antoine, zeigten sich begeistert von der Aussicht auf ein gemeinschaftliches Abendessen und boten Hilfe bei der Zubereitung an; sie durften daraufhin Zwiebeln und Hartwurst kleinschneiden. Weitere Interessenten fanden sich zunächst nicht, aber Suse ließ sich davon nicht verunsichern. „Wir decken einfach einen Tisch im Hof für sieben oder acht Personen – für so viele reicht das Essen“, meinte sie. „Wer was essen will, wird sich dann schon melden.“ 






Und genau so kam es. Das Risotto gelang gut, auch wenn es – da es mit Rotwein statt mit Weißwein abgeschmeckt war – eine etwas undefinierbare Farbe hatte; außerdem fand Suse in der Küche eine herrenlose Dose Fleischbällchen, die sie in einem separaten Topf zubereitete. Und als Paul, Antoine, Suse und ich erst einmal angefangen hatten zu essen, fanden sich doch mehr und mehr andere Gäste der Herberge ein, setzten sich mit an den Esstisch, um zumindest mal einen Löffel zu probieren. Und einen Schluck Wein. So wurde es ein heiterer und geselliger Abend; Paul und Antoine übernahmen den Abwasch und honorierten das Essen sogar mit einer recht großzügigen Spende. Ganz aufgegessen wurde das Risotto allerdings nicht; also stellten wir den Rest in die Küche – und gingen schlafen.


(Fortsetzung folgt!) 


Donnerstag, 1. September 2016

Wem Gott will rechte Gunst erweisen - Aus meinem Pilgertagebuch, Teil 3

Tag 2: Samstag, 23.07.2016. Von Roncesvalles nach Espinal. 

Die Abtei von Roncesvalles im Morgengrauen

In den Schlafsälen des großen Pilgerhospizes zu Roncesvalles wird abends um 22 Uhr automatisch das Licht ausgeknipst und "erst" morgens um 6 wieder eingeschaltet - was einige Mitpilger nicht davon abhielt, schon früher aufzustehen und im Schein selbst mitgebrachter Taschenlampen ihre Sachen zu packen. Dass sie dabei mit einiger Wahrscheinlichkeit auch ihre Bettnachbarn aus dem Schlaf rissen, störte sie erkennbar wenig. Ein Ärgernis, das in den kommenden Tagen zur Gewohnheit werden sollte, wenngleich Suse indigniert anmerkte: "Solche Leute hat man in früheren Jahren erst ab León getroffen." 

Wir waren uns jedenfalls einig, dass wir es nach dem Gewaltmarsch über die Pyrenäen erst einmal ruhig angehen lassen wollten. Suses Fuß war doch ziemlich strapaziert, und mir tat auch alles weh. Da traf es sich günstig, dass die nächsten Orte am Weg nur jeweils drei bis sechs Kilometer voneinander entfernt lagen; wir konnten also ganz entspannt loswandern und uns unterwegs überlegen, wie weit wir heute kommen wollten. 

Allerdings fiel uns ein, dass wir beim Einchecken am Abend vergessen hatten, auch gleich Frühstück zu buchen, also gingen wir, nachdem wir gegen 6:30 Uhr aufgestanden waren, schnurstracks zur Rezeption, um zu erfragen, ob wir das noch nachholen könnten. Wir konnten. Es gab zwei verschiedene Frühstücksangebote für Pilger in den beiden an das Pilgerhospiz angrenzenden Hotelbars, zu unterschiedlichen Preisen. Da es schien, als bestehe der Unterschied zwischen dem billigeren und dem teureren Frühstück lediglich in einem Apfel oder einer Orange, entschieden wir uns für das billigere in der Casa Sabina. Möglicherweise ein Fehler, denn dieses Frühstück war eher ein Witz: Für 3,50 € pro Person gab es eine (!) Tasse Kaffee, ein Glas Saft und eine Tostada mit Butter und Marmelade, Nachschlag war nicht möglich. (Den spanischen Begriff Tostada kann man übrigens am ehesten mit "gegrilltes Brot" wiedergeben; was für Brot das ist, variiert von Lokal zu Lokal sehr stark, es können Weißbrotscheiben sein oder längs aufgeschnittene Baguettebrötchen oder irgendwelches anderes Brot. In Roncesvalles waren es Weißbrotscheiben.) Somit brachen wir also in der Morgendämmerung mäßig gesättigt und mäßig gelaunt zu unserer zweiten Wanderetappe auf. 


Angezeigt wird die Entfernung für Autofahrer. Auf Fußwegen ist es (etwas) kürzer...

Auf dem Weg zum knapp 3 Kilometer entfernten Städtchen Burguete kamen wir, wie uns eine Infotafel belehrte, schon wieder durch einen verhexten Wald - den Bosque de Sorginaritzaga, dessen Name soviel bedeutet wie "Eichenwald der Hexen". Dieser Wald, so erfuhren wir, soll im 16. Jh. ein berüchtigter Treffpunkt baskischer Hexen gewesen sein, von denen gegen Ende des Jahrhunderts ganze neun auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. (Dass die Regionalregierung von Navarra eigens eine Serie von Infotafeln über Hexerei in den baskischen Wäldern in der Landschaft verteilt hat, ist übrigens an sich ein interessantes Phänomen, aber das nur am Rande.) 

Die Cruz Blanca, eine alte Wegmarke der Jakobspilger
Kirche San Nicolás de Bari in Burguete
Burguete ist ein recht malerischer kleiner Ort, den Ernest Hemingway mehrmals besucht und in seinem ersten großen literarischen Erfolg Fiesta (1926) geschildert hat. Die hübsche Kirche des Ortes, San Nicolás de Bari, war leider verschlossen, als wir sie erreichten, aber dafür gab es auf dem Kirchplatz weitere Infotafeln über Hexerei und Hexenverfolgung in Navarra im 16. und 17. Jahrhundert. Aus unserer persönlichen Sicht war das Beste an Burguete allerdings die Bäckerei, in der wir uns mit einem zweiten Frühstück für die schmale Kost in Roncesvalles entschädigten. Café con Leche für meine Liebste, Café Americano für mich, dazu ein üppiges Stück Tortilla de Patata. Bei dieser spanischen Spezialität handelt es sich um ein in Form eines Kuchens gebackenes Rührei mit Kartoffelstücken, und die Tortilla in Burguete zeichnete sich dadurch aus, dass sie zudem noch Schinkenwürfel und eine Käsefüllung in der Mitte enthielt. Das Ganze (also einschließlich Kaffee) kostete uns nur 3 € pro Person. 


In einem der eher läppischen Jakobsweg-Romane, die wir daheim "zur Vorbereitung" gelesen und uns nach Kräften darüber lustig gemacht hatten, heißt es über die Gegend um Burguete: "...die Landschaft wird lieblich und erinnert an ein deutsches Mittelgebirge". Und, was soll ich sagen: Es stimmt! Der Eindruck war so frappierend, dass ich unversehens anfing, Wanderlieder der deutschen Romantik zu singen, von Eichendorffs "Der frohe Wandersmann" bis hin zu Wilhelm Müllers "Das Wandern ist des Müllers Lust", letzteres sowohl in der "volkstümlichen" Vertonung von Carl Friedrich Zöllner als auch in derjenigen von Schubert (aus "Die schöne Müllerin"). 


Nach weiteren rd. 3 Kilometern erreichten wir Espinal, das, passend zur Landschaft, wirkte wie ein reizendes, wohlgepflegtes Schwarzwalddorf, nur dass es eben nicht in Baden-Württemberg liegt, sondern in Navarra. Wie Tante Wiki zu berichten weiß, wurde Espinal im Jahre 1269 von König Theobald II. von Navarra gegründet, und zwar ausdrücklich zu dem Zweck, "den frommen Pilgern zwischen Roncesvaux und Viscarret einen weiteren Platz zur Erholung anzubieten". Wie Recht er damit doch hatte! Meine Liebste und ich jedenfalls waren uns einig: Hier bleiben wir! Bevor wir uns um eine Unterkunft bemühten, besuchten wir aber die Kirche des Ortes, San Bartolomé. Ein recht moderner Bau, aber "trotzdem" durchaus schön gestaltet. 




Dies war, nebenbei bemerkt, seit unserem Bahn-Zwischenstopp in Bayonne die erste Kirche, die wir geöffnet vorfanden. (Nun gut, in St. Jean Pied-de-Port hatten wir die Öffnungszeit der Kirche nur knapp verpasst, und in Roncesvalles hätten wir ja in die Pilgermesse gehen können, wenn wir nicht so fertig gewesen wären.) -- Kurze Zeit nach uns betraten drei junge Frauen die Kirche, die ebenfalls mit Wanderrucksäcken und Regenüberwürfen ausgestattet waren. Zunächst setzten sie sich still in eine Bank, dann, nach einer Weile, stimmten sie einen beeindruckenden mehrstimmigen Gesang an. 

Eine Unterkunft zu bekommen, bereitete keine großen Schwierigkeiten, obwohl - oder weil? - Espinal ein eher untypischer Pilgerstopp ist, ein Ort, an dem jemand, der mit gesunden Füßen aus Roncesvalles aufgebrochen ist, nicht unbedingt zum Übernachten Station machen würde. Wir quartierten uns jedenfalls im "Hostal Haizea" ein - eigentlich ein rustikaler Landgasthof, der aber im Dachgeschoss drei geräumige Mehrbettzimmer für Pilger bereithält. Nicht teurer als das Pilgerhospiz in Roncesvalles und erheblich komfortabler. Zunächst waren wir die einzigen Übernachtungsgäste im Dachgeschoss, aber später kamen noch eine Gruppe (oder Familie) aus Indien und eine Schar Motorradfahrer hinzu. Motorradpilger gibt es offiziell eigentlich nicht, für eine Pilgerreise nach Santiago sind als Verkehrsmittel neben den eigenen Füßen nur Pferd und Fahrrad zugelassen. Ob sie trotzdem Pilgerausweise hatten oder ob der Wirt des Haizea die Schlafplätze im Dachgeschoss bei Bedarf auch an Nicht-Pilger vergibt, sei mal dahingestellt; Platz war ja genug, und gestört haben die Biker auch nicht. 

Im Restaurant des Haizea erfuhren wir, dass dort auch ein Pilgermenü angeboten wurde, allerdings erst ab 19:30 Uhr. An die spanischen Essenszeiten mussten wir uns erst noch gewöhnen. Nun dachten wir, man könne vielleicht etwas Anderes zu essen bekommen, aber nix da: Die Küche öffnete überhaupt erst um 19:30 Uhr. Immerhin war zu beobachten, dass sich der Gastraum, je näher die Essenszeit rückte, zusehends füllte, und zwar offenbar vor allem mit Einheimischen. Immer ein gutes Zeichen, wenn ein Restaurant auch von den Anwohnern geschätzt und frequentiert wird. Bis die Küche endlich ihren Betrieb aufnahm, hatten wir mehr als genug Zeit gehabt, die Speisekarte zu studieren, und bestellten daher schließlich doch nicht das Pilgermenü, sondern etwas aus der Rubrik "Traditionelle Gerichte". In meinem Fall: Txistorra - weil das so schön baskisch klang, dabei gibt's dieselbe Wurst auch auf Spanisch, da schreibt sie sich nur anders - con huevos fritos y patatas. Lecker. Besonders die Eier waren hervorragend, und ich merkte mir die Vokabel huevos fritos für zukünftige Bestellungen. 



Somit waren wir, auch wenn wir am zweiten Tag unserer Wanderung nur etwa 6,5 Kilometer geschafft hatten, alles in allem recht zufrieden und guten Mutes; kurz vor dem Einschlafen dachte ich lediglich, der "spirituelle" Aspekt des Pilgerns sei bisher noch ein bisschen kurz gekommen. Nun, der Besuch der Kirche San Bartolomé mit der unverhofften Gesangsdarbietung der drei fremden Damen war schon einmal ein Anfang gewesen; für die kommenden Tage erhoffte ich mir mehr davon. Die Erfüllung dieses Wunsches sollte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen... 


(Fortsetzung folgt!) 

Mittwoch, 31. August 2016

Du bist Frodo und ich bin Sam (Aus meinem Pilgertagebuch, Teil 2)



Der Knabe lebt, das Pferd ist tot: So fühlt man sich nach einer Pyrenäenüberquerung...


Tag 1: Freitag, 22.07.2016. Von St. Jean Pied-de-Port nach Roncesvalles. 

Gegen 6 Uhr früh pellen wir uns aus unseren Betten und frühstücken in unserer Herberge. Das im Übernachtungspreis enthaltene Frühstück ist schlicht - Brot, Butter, Marmelade, that's it -, aber reichlich und gut. Der einzige Minuspunkt besteht darin, dass es Kaffee nur aus dem Automaten gibt und dass er folglich extra kostet.




Für alle Fälle steht im Frühstücksraum auch eine Gitarre bereit - ein Anblick, der mir in den folgenden Tagen noch sehr vertraut werden soll. Ich nenne sie die "Notfallklampfe".




Gegen 7 Uhr brechen wir dann auf zur Pyrenäenüberquereung. Die ersten Kilometer geht es stramm bergauf. Es ist bewölkt und einigermaßen kühl - nicht das schlechteste Wetter zum Bergwandern. Nach etwa sechs Kilometern beginnt es sehr neblig zu werden - genauer gesagt wandert man durch die Wolken. Ein wenig feucht ist das natürlich auch: Winzige Wassertropfen sammeln sich an den Armhaaren, aber im Grunde fühlt sich das sogar ganz angenehm an.

Nach acht Kilometern sieht man dann überhaupt nichts mehr. Glücklicherweise ist an dieser Stelle aber auch die erste sinnvolle Pausenstation auf dieser Etappe erreicht: die Auberge Orisson. 



Izarra - une specialité Basque. 

Vor dem Weiterwandern nicht vergessen: Trinkwasser auffüllen!
Natürlich ist die Herberge voll mit Pilgern - und schon hier zeigt sich das Phänomen, dass man auf dem Jakobsweg jeden, den man schon mal gesehen hat (z.B. morgens beim Frühstück oder beim Aufbruch, am Vortag in der Bahn oder beim Abendessen), intuitiv als Freund betrachtet und sich über das Wiedersehen freut.


Nach rund einstündiger Pause geht es weiter bergauf - durch einen so dichten Nebel, dass man sich vorkommt wie in einem Traum. 



Ab und zu verzog sich der Nebel ein bisschen, und man stellte fest, dass man quasi mitten in einer Herde baskischer Bergziegen stand.

Oder da stand plötzlich ein Pferd am Weg.

Oder eine Herde Pferde. 

Die Allerseligste Jungfrau war auch schon mal hier und hat ihre Visitenkarte hinterlassen.
Der höchste Punkt der Etappe, der Collado Lepoeder, liegt bereits auf der spanischen Seite der Grenze und misst 1.428 Meter über dem Meeresspiegel; aber schon ab etwa 1.100 Höhenmetern wird die Landschaft zunehmend rauer und Herr-der-Ringe-mäßiger. Gleichzeitig machen sich die Folgen von Suses gut ein Jahr zurückliegender Fußverletzung mehr und mehr bemerkbar - wozu neben einer gewissen Störrigkeit des Gelenks an sich auch eine durch die lange Unbeweglichkeit geschwächte Kondition gehört. Was mich selbst betrifft, bin ich eigentlich positiv überrascht, dass ich - als eiserner Nichtsportler - den Aufstieg ganz gut schaffe. Das versetzt mich in die eher ungewohnte Rolle, derjenige von uns beiden zu sein, der Optimismus verbreiten und die Stimmung hochhalten muss. Normalerweise ist das bei uns eher umgekehrt. So bin ich auf dem Weg zu unserem persönlichen Schicksalsberg gewissermaßen Sam, der Frodo  alle paar hundert Meter beschwören muss, nicht aufzugeben. "Wir müssen weiter, Meister!"  




Ein sehr motivierender Meilenstein.

Jedenfalls gewinnt der Tourismus-Werbespruch "Freu dich, du bist in Spanien" für uns einen ganz besonderen Sinn, denn auf der spanischen Seite wird der Weg - zunächst - erheblich leichter, und außerdem bedeutete das Erreichen der Grenze, dass wir schon 17 Kilometer geschafft und nur noch rund acht vor uns haben. Wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass wir eigentlich nicht Spanien betreten, sondern das Königreich Navarra - das zwar faktisch seit 1512 und seit 1841 auch formell zu Spanien gehört, aber nach wie vor den Titel eines eigenständigen Königreichs trägt. 


Und dann taucht aus dem Nebel plötzlich eine Berghütte vor uns auf. Willkommene Gelegenheit für eine Pause. Als ich nach einer Weile wieder aus der Hütte heraustrete, meinen Blick über die zugenebelte Umgebung schweifen lasse und dann urplötzlich eine andere einsame Pilgerin, der wie unterwegs schon mehrfach begegnet sind, vor mir auftaucht, fühle ich mich wie Luke Skywalker in der Schlussszene von Star Wars VII. 


Übrigens wird mir schon während dieser ersten Etappe ein Umstand sehr deutlich, der das Pilgern - auch für Menschen, die damit keine im eigentlichen Sinne religiöse Motivation verbinden - so attraktiv macht: Das Leben erscheint plötzlich unheimlich einfach (nicht unbedingt im Sinne von "leicht", aber im Sinne von "schlicht"), wenn man den ganzen Tag nichts Anderes zu tun hat als zu gehen. Wenn man an nichts anderes denken muss als daran, sein Etappenziel zu erreichen. Einen Fuß vor den anderen setzen, immer wieder, nicht aufhören, bis man da ist. Alles Andere, was einen im Leben sonst so beschäftigt, ist da plötzlich ganz weit weg. Der Nebel mag dazu durchaus seinen Teil beitragen.

Nach dem langen Aufstieg geht es ziemlich plötzlich sehr steil bergab. Und das ist, anders als man vielleicht hätte denken können, keine gute Nachricht. Bisher hatte ich, trotz aller Warnungen vor der "schwierigen" Pyrenäenetappe, den Weg zwar als anstrengend, aber nicht in dem Sinne als schwierig empfunden, dass ich daran gezweifelt hätte, ihn bewältigen zu können. Das ändert sich nun radikal. Der Abstieg nach Roncesvalles, auf schmalen Pfaden voll mit losem Geröll und knorrigen Baumwurzeln, ist stellenweise wirklich halsbrecherisch, und erstmals bekomme ich richtige Angst - vor allem um Suse, der ihr Fuß mehr und mehr Probleme bereitet. Bemerkenswert angstfrei scheint hingegen ein Mountainbiker zu sein, der auf seinem Gefährt an uns vorbei den steilen Waldpfad  hinabschießt. "Ich würde ja lieber sterben, als hier mit dem Fahrrad zu fahren", merkt Suse an - worauf ich erwidere: "Och, das lässt sich bestimmt gut beides miteinander kombinieren."

Und dann dieser düstere, undurchdringlich scheinende Wald! Es wundert mich überhaupt nicht, dass die Basken sich anno 778 ausgerechnet das Tal von Roncesvalles dazu aussuchten, die Nachhut des Heeres Karls des Großen niederzumachen. Nachdem ich bisher, Nebel hin oder her, von der Landschaft ausgesprochen begeistert gewesen bin, empfinde ich diesen Wald bald als bedrückend und feindselig.  





Und dieser Wald scheint einfach kein Ende zu nehmen! Die letzten zwei Kilometer ziehen sich ins Unermessliche, und ich bemerke, dass der Wald mich paranoid und aggressiv macht. Was, wie sich im Nachhinein herausstellt, kein Wunder ist: Eine Infotafel in Roncesvalles belehrt mich, dass wir soeben den Bosque de Basajaunberro durchquert haben, in dem laut heidnischem baskischem Volksglauben Basajaun, der "Herr des Waldes" - ein ungeschlachter haariger Riese - sein Unwesen treibt. Wir sind jedenfalls heilfroh, als wir endlich - gegen 18:30 Uhr - das aus dem 12. Jh. stammende ehemalige Kloster von Roncesvalles vor uns sehen.


Die Abtei von Roncesvalles diente von jeher hauptsächlich der Betreuung von Pilgern auf dem Jakobsweg und beherbergt auch heute (noch oder wieder) eine große und gut ausgestattete Pilgerherberge - und das ist auch gut so, denn wer sich über die Pyrenäen gequält hat, wird vermutlich wenig Lust haben, am selben Tag noch weiter zu gehen als bis hierher, auch wenn der nächste Ort am Weg, Burguete, nur rund drei Kilometer entfernt ist. Wir wären nun wohl gut beraten gewesen, uns möglichst umgehend um unsere Unterbringung für die Nacht zu kümmern, dann vielleicht noch in die Pilgermesse um 20 Uhr und dann ab in die Heia, aber halbtot wie wir waren, schleppten wir uns erst einmal in die Bar des (ebenfalls von der Bruderschaft der Jakobspilger betriebenen) Hotels La Posada, wo ich ein großes Bier und ein Sandwich bestellte, Suse ihren strapazierten Fuß hochlegte und ebenfalls etwas aß und trank. In der Bar lief ein Fernseher, und in den Nachrichten wurde von einem Anschlag oder Amoklauf in einem Einkaufszentrum in München berichtet; aber unsere Spanischkenntnisse reichten nicht aus, um wirklich schlau daraus zu werden.

Kurz vor 20 Uhr waren wir dann in der Herberge. An der Rezeption herrschte eine ziemliche Massenabfertigung: Unmittelbar vor uns war ein Bus mit Pilgern aus Pamplona angekommen! Aber die Herberge hatte trotzdem noch zwei Betten für uns - sogar nebeneinander! -, die Schlafplätze waren mit abschließbaren Schränken und Steckdosen ausgestattet, die Matratzen waren gut, die Duschen auch. Also gute Nacht!


(Fortsetzung folgt!)