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Dienstag, 22. Oktober 2019

Suchen & Fragen Vol. IV (Gedanken beim Aufwachen)

Idee für einen Kurs für "kreatives Schreiben": 

Die Kursteilnehmer bekommen den Auftrag, auf der Website von Amazon einen beliebigen Haushalts-, Hygiene- oder Freizeitartikel (kein Buch, kein Film, kein Tonträger) aufzurufen. Und dann müssen sie eine Kurzgeschichte schreiben, in der die ersten vier Gegenstände aus der Rubrik "Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen" vorkommen müssen. 

Hier ein Beispiel: 


Wer es mal ausprobieren möchte, darf mir sein Ergebnis gern zusenden... 

***

Übrigens muss ich zu meinem Beitrag über die brutopische Gewürzgurkenbrause dringend ein Update loswerden; nämlich dies hier: 




Irgendwie wundert es mich überhaupt nicht, dass die sowas mag. Eine gewisse Gurken-Affinität war ihr ja auch schon früher anzumerken...



Mittwoch, 9. Oktober 2019

Suchen & Fragen Vol. III (Gedanken beim Aufwachen)

Was sind das eigentlich für Leute, die auf die Idee kommen, Saure-Gurken-Limonade auf den Markt zu bringen? Und wer kauft sowas? Okay, die zweite Frage ist relativ leicht zu beantworten: Ich. Als ich im Supermarktregal die Geschmacksrichtung "Limette-Gurke" der Bio-Marke eines bekannten internationalen Limonadekonzerns entdeckte, konnte ich nicht daran vorbeigehen. Das ist so eine Macke von mir. Wenn ich ein Produkt sehe, von dem ich auf den ersten Blick denke "Uääh, wie abwegig, wer macht denn sowas?", ist mein unmittelbar darauf folgender Impuls: "Muss ich mal probieren". Ich erinnere mich noch gut an "Glibber, den Wackel-Drink": Wackelpudding mit Brausepulver drin. War kein großer Erfolg. Gelatine und Brausepulver funktionieren nicht zusammen. Hätte man eigentlich vorher wissen können.

Im Fall der Gurkenlimo kann ich allerdings zu meiner Verteidigung vorbringen, dass ich sie mir erheblich anders vorgestellt hatte. Ich hätte gedacht, die würde wie eine halbwegs normale Limo schmecken, nur halt mit einer wellnessmäßigen leicht-erfrischenden Gurkennote. Gibt ja auch Leute, die trinken ihren Gin Tonic mit Gurke statt Zitrone. Wohlgemerkt: Salatgurke, nicht Gewürzgurke. Aber die besagte Brause schmeckt allen Ernstes so, als hätte jemand die Lake aus einem Glas Spreewaldgurken genommen und daraus eine Schorle gemacht.

Symbolbild, Quelle: Pexels 
Irgendwie fühlte ich mich an eine Geschichte aus einem alten Lustigen Taschenbuch erinnert, das theoretisch noch irgendwo in der Wohnung sein müsste. Darin geht es um ein diktatorisch regiertes, an Carl Barks' Brutopia erinnerndes Land, dessen einziger nennenswerter Exportartikel Pfeffergurkenmarmelade ist. Man könnte sich eine Fortsetzung vorstellen, in der der bekannte internationale Brausekonzern einen Putsch in Brutopia finanziert und anschließend den Weltmarkt mit Pfeffergurkenlimo überschwemmt. Wie ich neulich schon mal feststellte: Der Kapitalismus ist besser dazu in der Lage, die Visionen des Sozialismus zu verwirklichen, als dieser selbst.


Samstag, 7. September 2019

Dein Tegelprojekt, mein Tegelprojekt

Eigentlich sollte ich wohl etwas über meinen Trip nach Vorarlberg zur "Woche der Begegnung" in der Erlöserpfarre Lustenau schreiben, aber ehe ich dazu komme, will ich erst mal etwas anderes loswerden. Als ich nämlich am Dienstag nach Berlin zurückkehrte, das heißt, am Flughafen Tegel landete und von dort aus mit dem Bus Richtung Kurt-Schumacher-Platz fuhr, fielen mir beim Blick aus dem Busfenster nacheinander zwei Plakatwände ins Auge, auf denen für das "Tegelprojekt" geworben wurde. Was das sein sollte, ging aus der Werbung nicht so richtig hervor, aber die Plakate waren bunt und sahen nach Spaß aus, es waren junge Leute darauf abgebildet --- und Roboter. Okay, die Roboter hätten mir zu denken geben können. Haben sie aber zunächst nicht, oder kaum. Auf jeden Fall machte der Name "Tegelprojekt" mich neugierig. Es gibt das "Berlinprojekt" und, wohl aus diesem hervorgegangen, das "Kreuzbergprojekt", das sind beides so hippe, urbane, "sucherorientierte" Freikirchen; hätte ja sein können, dass das "Tegelprojekt" ein weiterer Ableger davon ist. Ein Blick auf die Website tegelprojekt.de belehrte mich jedoch eines Besseren: Es geht bei diesem Projekt um die Nachnutzung des Flughafengeländes. 

Der offenkundige Haken an der Sache ist natürlich, dass eine solche Nachnutzung erst dann ernsthaft in Angriff genommen werden kann, wenn der Flugbetrieb in Tegel eingestellt wird. Nach aktuellem Planungsstand soll das ein halbes Jahr nach Inbetriebnahme des BER der Fall sein, also NIE. Aber trotzdem ist es durchaus interessant, sich anzuschauen, was die "Tegel Projekt GmbH" so alles plant. Soweit ich es überblicke, besteht das Projekt im Wesentlichen aus zwei Komponenten: einem "Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien", genannt "Urban Tech Republic", und einem neuen Wohnviertel, dem "Schumacher Quartier". 

Und siehe, nur einen Tag nach meiner Rückkehr nach Berlin fiel mir - und zwar bei Durchsicht eines Stapels neu eingegangener Bücherspenden für unser Büchereiprojekt - eine großformatige Hochglanz-Broschüre über die geplante "Urban Tech Republic" in die Hände. Das ist dann wohl ein ZEICHEN. Gut, die Broschüre ist von Dezember 2015 und gibt den damaligen Planungsstand wieder, aber so viel hat sich seither ja, aus oben angedeuteten Gründen, nicht getan. Ohnehin besteht die Broschüre größtenteils aus Bildern, garniert mit peppigen Slogans.

Symbolbild. 
So muss ein Pfarrfest aussehen, dann klappt's auch mit den Nachbarn. 
Kuckuck! 
Der Flyer fügt sich gut ins Design ein, oder? 
Die Urban Tech Republic soll, wie gesagt, "ein Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien" werden -- also für all das, 
"was die Metropolen des 21. Jahrhunderts am Leben erhält: der effiziente Einsatz von Energie, nachhaltiges Bauen, umweltschonende Mobilität, Recycling, die vernetzte Steuerung von Systemen, sauberes Wasser und der Einsatz neuer Materialien."
(Aha, daher also die Roboter. Mit dem 21. Jahrhundert ist es allerdings so eine Sache, denn das dürfte annähernd zur Hälfte rum sein, ehe die Urban Tech Republic fertig ist. Lohnt sich das dann überhaupt, oder sollte man nicht lieber gleich was fürs 22. Jahrhundert bauen?) 

Das "Herzstück des neuen Technologieparks" soll die "Beuth Hochschule für Technik" werden; "[i]nsgesamt sollen rund 5.000 Studierende den Campus Berlin TXL besiedeln". Na hallo! Über das geplante Wohnquartier liest man derweil, dass "über 5.000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen" geschaffen werden sollen, und zwar mitsamt den "dazugehörigen Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Sportanlagen, Einkaufsmöglichkeiten und viel Grün." Damit nicht genug:
"Lebendige Nachbarschaften entstehen, der Verkehr wird beruhigt, neue Wege werden geschaffen und grüner Raum zum Leben wird gut erreichbar sein." 
Klingt vielversprechend, oder? Auf jeden Fall ist es mal eine Perspektive, die das verbreitete Vorurteil Lügen strafen könnte, Tegel sei ein überalterter Stadtteil und der einzige Wachstumssektor am Ort sei die Altenpflege. 

Die Frage, die sich mir dabei nun aufdrängt, ist, was eigentlich die Kirche unternimmt, um sich auf diese zukünftigen Veränderungen in der Sozialstruktur des Stadtteils einzustellen. Ich ahne allerdings, dass die Antwort auf diese Frage "gar nichts" lautet; und dass nicht nur die Verantwortlichen vor Ort, sondern vielleicht auch einige meiner Leser gar nicht einsehen, wieso die Kirche sich darüber Gedanken machen sollte. 

Okay: Dass Pfarreien als Struktur nicht unbedingt besonders missionarisch ausgerichtet sind, ist ein weit verbreitetes Phänomen, insofern muss man sich nicht unbedingt wundern, wenn die "Tegelprojekt"-Pläne nicht als ein Ruf zu verstärktem evangelistischem Engagement wahrgenommen werden; dazu weiter unten mehr. Aber wie steht es denn um  die Auswirkungen auf die eigene Mitgliederstruktur? Ich meine: Zehntausend Mieter im Schumacher-Quartier --- wenn man davon ausgeht, dass deren konfessionelle Zusammensetzung in etwa dem Berliner Durchschnitt entspricht, könnten darunter ca. 900 Katholiken sein; das wäre, auf den gesamten Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd bezogen, ein Zuwachs von 6%. Je nachdem, wo die Mieter im Schumacher-Quartier herkommen, könnten es sogar noch erheblich mehr sein. "Eigentlich müsste man da eine neue Kirche bauen", meinte meine Liebste. Tja: In besseren Zeiten hätte man wahrscheinlich genau das getan. Aber fürs erste wäre wohl schon viel damit gewonnen, wenn man die Kapazitäten und Potentiale der bestehenden Kirchenstandorte besser nutzen würde. Und da sehe ich SEHR viel Luft nach oben, an diversen Stellen. 

Okay, nach dem jetzigen Zuschnitt der Berliner Pfarreien gehört das Flughafenareal zum Territorium von St. Rita. Und wenn die dortigen Gremien bereits an der Sache "dran" sein sollten, dann wüsste ich das nicht. Der Punkt ist, ich glaube es nicht. Und, schonungslos ehrlich gesagt: Erst recht glaube ich nicht, dass, wenn es bereits Pläne für eine pastorale Begleitung des "Tegelprojekts" gäbe - wenn schon nicht innerhalb des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd, dann vielleicht beim Erzbistum -, diese etwas taugen. Konkreter gesagt, wenn es da irgendwelche Pläne gäbe, dann würde ich vermuten, dass die in Richtung niederschwellig-dienstleistungsorientierter "Citypastoral" gehen; und da ist es mir dann schon lieber, wenn es keine Pläne gibt. 

Allein auf die Pfarrei St. Rita bezogen würden 900 neue Katholiken im Schumacher-Quartier übrigens einen Mitgliederzuwachs von fast 27% bedeuten. Nur mal so. Allerdings würde ich mal davon ausgehen, dass die Pfarreien des Raums Reinickendorf-Süd ohnehin längst zusammengelegt sein werden, ehe auch nur ein Mieter in das Schumacher-Quartier einzieht. 

Näher vor unserer Haustür, in der Gorkistraße, entsteht derzeit "Berlins schönste Fußgängerzone". Dort sind zwar, soweit ich sehe, keine Wohnungen, sondern "nur" Gewerbeflächen geplant, aber auch so etwas trägt ja nicht unerheblich zum Strukturwandel im Stadtteil bei. Fragen wir erneut: Wie geht die örtliche Kirchengemeinde damit um? Und erneut lautet die wahrscheinlichste Antwort: Gar nicht. 






Es liegt nicht an bösem Willen und auch nicht im strikten Sinne an Inkompetenz, sondern vielmehr daran, dass die Leute von vornherein nicht so weit denken. Es liegt schlichtweg außerhalb ihres Horizonts, dass eine Ortspfarrei mehr oder etwas anderes tun könnte (geschweige denn müsste) als das volkskirchliche Standardprogramm 'runterzuspulen: regelmäßige Gottesdienste für die schrumpfende Kerngemeinde und lebensabschnittsbezogene Familienfeiern für distanzierte Kirchensteuerzahler. Ach so, es ziehen neue Leute in unser Gemeindegebiet? Na, wenn die was von uns wollen - zum Beispiel heiraten oder ein Kind taufen lassen -, dann werden sie sich schon bei uns melden. -- Im Ernst: Es wird ja nicht einmal der Versuch unternommen, Leuten, die nur zu solchen Anlässen ausnahmsweise mal in der Kirche auftauchen, dazu zu motivieren, auch mal ohne einen solchen Anlass wiederzukommen. Wie sollte man dann erwarten, dass jemand auf die Idee käme, etwas für Leute zu tun, die von sich aus überhaupt nicht in der Kirche auftauchen, ja womöglich nicht einmal Kirchensteuer zahlen? 

Aber seien wir mal nicht so negativ: Möglicherweise - könnte doch sein! - ist genau das der Grund, weshalb der Herr meine Liebste und mich ausgerechnet nach Tegel geführt hat. Jedenfalls scheint mir, es war kein Zufall, dass ich auf das "Tegelprojekt" aufmerksam geworden bin, als ich gerade vor Motivation und Inspiration strotzend aus Lustenau zurückkam. In diesem Herbst werden bei uns der Pfarrgemeinderat und der Kirchenvorstand neu gewählt, und ich ringe schon seit Monaten mit mir, ob ich da kandidieren sollte -- wenigstens für den Pfarrgemeinderat; Finanzen verwalten ist eher nicht so meins. Freund Rod meint zwar, es sei ein Zeichen von Masochismus, für den Pfarrgemeinderat zu kandidieren, und ich weiß, dass er mit dieser Meinung nicht allein steht; aber ich schätze, ich werde das tun müssen. Schon allein, um eine Leitbilddebatte anzustoßen. Dabei bin ich, wie regelmäßige Leser wissen werden, eigentlich überhaupt kein Fan von "lokalen Pastoralplänen" u. dergl.; mein Eindruck ist, dass derartige Konzeptpapiere eine Tendenz zu hohlem Phrasengeklingel aufweisen und schlimmstenfalls als Ersatz dafür dienen, tatsächlich etwas zu tun. Aber ganz ohne ein Leitbild geht es wohl auch nicht. Auch Father James Mallon empfiehlt in seinem Buch "Wenn Gott sein Haus saniert": 
"Wenn eine Pfarrei keine formulierte Vision hat, dann sollte sie damit beginnen. [...] Fragen Sie die Leiter Ihrer Pfarrgemeinde, ob sie wissen, was die Vision ist. Wenn Sie erstaunt angeschaut werden, fragen Sie, wohin die Pfarrei sich bewegt. Wenn man Sie anschaut, als wären Sie verrückt, dann müssen Sie damit beginnen, eine formulierte Vision zu entwickeln" (S. 337). 
Anstelle von Leitbildern, die "meistens viel zu lang, verworren und [...] vage" seien, empfiehlt Father Mallon Zielerklärungen, die "kurz und genau" sein müssten, sich also möglichst in einem Satz ausdrücken lassen sollten (S. 338). Mir würde da ja so etwas vorschweben wie "Unser Ziel ist es, den Menschen in unserem Stadtteil die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament zu ermöglichen und eine Gemeinschaft zu bilden, deren Mitglieder sich gegenseitig darin unterstützen, im Glauben und in der Liebe zu wachsen". Und dann müsste man alle Aktivitäten der Pfarrei danach evaluieren, ob sie diesem Ziel dienen oder nicht oder wie sie diesem Ziel besser dienen könnten. 

Es mag als Illustration dafür dienen, wie sehr mein Trip nach Lustenau mich inspiriert und motiviert hat, dass ich auf dem Heimweg, nachdem ich an der Haltestelle Borsigwerke aus der U-Bahn gestiegen war, die mir entgegenkommenden Fußgänger betrachtete und dabei dachte: Ah, look at all the lovely people. Kann es, darf es uns als Christen, uns als christliche Gemeinde gleichgültig lassen, wenn all diese Leute Jesus nicht kennen? Im Grunde könnte man da eine Hausaufgabe für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarrei -  nicht nur unserer, sondern jeder beliebigen Pfarrei - draus machen: Geht mal in die Fußgängerzone oder ins Shopping-Center, schaut euch die Leute an, die euch da begegnen, und horcht mal in euer Herz hinein, ob da irgendwo der Wunsch ist, diese Leute sollten Jesus kennenlernen. Und wenn ja, dann fragt euch, was ihr dafür tun könnt. 

Dass ich der Meinung bin, wenn die Antwort Nein lautet, sollte man sich fragen, ob man im pastoralen Dienst wirklich richtig ist, muss ich ja nicht unbedingt explizit sagen.


Samstag, 27. April 2019

Postchristliche Wellness-Spiritualität für Besserverdienende

Hatte ich nicht schon zu Beginn der diesjährigen Fastenzeit in Aussicht gestellt, etwas über die "Klimafasten"-Aktion "So viel du brauchst..." - eine gemeinsame Initiative von elf evangelischen Landeskirchen sowie den Diözesanräten der katholischen Bistümer Hildesheim, Berlin und Passau - zu schreiben? In der Tat, das hatte ich -- allerdings mit der Einschränkung, ich würde es vielleicht doch bleiben lassen. Und genau dieses "Vielleicht" hat mich über die letzten Wochen konstant begleitet, mit beständigem Pendeln zwischen "vielleicht doch" und "vielleicht doch nicht". Zunächst tendierte ich eher dazu, es zu lassen. Schließlich habe ich bereits 2015 über den "Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit" vom Leder gezogen, und wie viel mehr als das kann man sinnvollerweise dazu sagen? Dann allerdings teilte mir eine katholische Freundin auf digitalem Wege ihre Eindrücke vom Flyer der "Soviel du brauchst"-Aktion mit, und das brachte dann doch einige interessante Denkanstöße. Andererseits begegnet mir in den Weiten des Internets, insbesondere auf Facebook, immer wieder ein Typus konservativer Katholiken, die aus lauter Grimm über die "Klimareligion" ihre Plastikverpackungen absichtlich in den Restmüll werfen und hinter jedem Aufruf zur Bewahrung der Schöpfung gleich Häresie, Apostasie und Schisma wittern, und mit diesen Leuten möchte ich ja nun nicht verwechselt werden. Zwischenzeitlich hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, diese Zielgruppe so richtig zu ärgern, indem ich etwas Positives über diese Klimafastenaktion schreibe. Aber das gibt sie beim besten Willen nicht her. Hinzu kam, dass ich mich angesichts mancher allzu anbiederischer Äußerungen aus Kirchenkreisen - auch und nicht zuletzt von Bischöfen - eines gewissen Maßes an Verständnis für die Fraktion der "Klimareligions"-Verächter denn doch nicht erwehren konnte und kann. 

Kurz und gut, nach allerlei Abwägen war ich schon drauf und dran, das Thema schließlich doch fallen zu lassen, da stellte ich fest, dass die "So viel du brauchst..."-Broschüre auch im Vorraum "meiner" Pfarrkirche auslag. Das ist ein Zeichen!,  sagte ich mir und nahm ein Exemplar mit nach Hause. 


Und was sollen wir nun dazu sagen? -- Darüber, ob und inwieweit diese "Klimafasten"-Aktion in einem Zusammenhang mit dem christlichen Glauben steht, braucht man glücklicherweise nicht lange zu sinnieren, denn das steht explizit im Einleitungstext der Broschüre: 
"Mit dieser Fastenaktion stellen wir uns in die christliche Tradition, die in der Zeit vor Ostern des Leidens gedenkt und bewusst Verzicht übt, um frei zu werden für neue Gedanken und andere Verhaltensweisen." 
Äh. Das soll "die christliche Tradition" sein? Wohl eher nicht, aber man muss mit der Möglichkeit rechnen, dass die Verantwortlichen für diese Broschüre den Unterschied tatsächlich nicht (er)kennen. Besonders bezeichnend finde ich die Formulierung, zur christlichen Tradition gehöre es, "in der Zeit vor Ostern des Leidens [zu] gedenk[en]". Ja schon, aber welches Leidens? Die richtige Antwort müsste natürlich lauten: des Leidens Christi. Aber offenbar ist die Klimafasten-Aktion derart beflissen, als weltoffen und undogmatisch 'rüberzukommen, dass man sich sogar scheut, Jesus Christus beim Namen zu nennen. Und so verwandelt sich das Gedächtnis Seines heilbringenden Leidens und Sterbens schwuppdiwupp in ein irgendwie schwammiges Gedenken des Leidens schlechthin, oder im Kontext des Klimaschutzes wohl am ehesten des Leidens von Mutter Erde. "Wenn wir nicht spüren, die Erde, sie weint wie kein and'rer Planet, dann haben wir umsonst gelebt", dichtete Drafi Deutscher schon während einer früheren Hochphase der Ökologiebewegung, in den frühen 1980-ern. 

Aber im Grunde ist die zitierte Passage aus der Broschüren-Einleitung ja entwaffnend ehrlich, indem sie zu verstehen gibt: Um christlichen Glauben geht es hier nicht, sondern die Traditionen des Christentums werden lediglich als Material aufgefasst, dessen man sich bedient. Man greift sich nach Bedarf einzelne Versatzstücke heraus und füllt sie mit neuen Inhalten. Wobei, und das ist der Witz, der Inhalt letztlich genauso beliebig ist wie die Form. Okay, das bedarf nun aber wohl doch einer genaueren Erklärung. 

Die Kerngedanken des Konzepts "Klimafasten" werden gleich am Anfang der Broschüre in farbigem Fettdruck hervorgehoben: Die Aktion soll "Leib und Seele gut [tun]", es geht um "Spüren und erleben" mit "Herz, Hand und Verstand", zusammenfassend gesagt also um Selbstoptimierung durch spirituelle Wellness. Das erklärte Ziel aller spirituellen Wellness-Angebote ist es, im Einklang mit dem Kosmos zu sein, was in unserer egozentrischen Kultur allerdings vorrangig heißt: im Einklang mit sich selbst. 

Im Grußwort von EKD-Synoden-Präses Dr. Irmgard Schwaetzer und "ZdK"-Vizepräsidentin Karin Kortmann wird zwar auf die Enzyklika "Laudato si'" von Papst Franziskus Bezug genommen, allerdings lediglich zur Untermauerung der Wohlfühl-Message, ein "achtsame[r] und genügsame[r] Lebensstil" müsse "kein schmerzlicher Verzicht sein", sondern könne sogar "eine Intensivierung von Leben" bedeuten. Inhaltlich bin ich da übrigens durchaus d'accord. Unter den in der Broschüre versammelten Anregungen dazu, was man im Rahmen der Aktion "So viel du brauchst..." so alles Tolles machen könnte, findet sich so Manches, was ähnlich auch in der "Benedikt-Option" oder, for that matter, in "Crunchy Cons" stehen könnte. So zum Beispiel die Anregung, "mal wieder Kniffel, Scrabble oder Memory" zu spielen, "statt am Fernseher oder PC zu sitzen". Oder auch selbst zu kochen, regional und saisonal einzukaufen, sich zu informieren, "ob es in meiner Nähe direktvermarktende Bauernhöfe gibt". Auch zu erwägen, ob Lebensmittel, die man im Kühlschrank oder in der Speisekammer hat, "trotz vielleicht abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar" sein könnten, findet meine Zustimmung; sich die Hände mit kaltem Wasser zu waschen, ebenso. Dass es manchem Leser der Broschüre indes gehen dürfte wie dem reichen Jüngling, der zu Jesus sagt "Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch?" (Matthäus 19,20), steht auf einem anderen Blatt, aber die gehören dann wohl einfach nicht zur angepeilten Zielgruppe; darauf komme ich noch. Was an dieser Broschüre jedenfalls schon auf den ersten Blick gar förchterlich nervt, ist der Umstand, dass durchaus vernünftige Vorschläge darin partout mit salbungsvollem Esoterik-Geschwalle schmackhaft gemacht werden sollen; die Empfehlung, Kuchenteig "von Hand" zu rühren und Treppen zu steigen "statt Lift zu fahren", wird beispielsweise damit begründet, dass man so "der eigenen Kraft nach[spüren]" könne. 

Ebenso charakteristisch für das ganze Konzept ist es, dass die ganzen in der Broschüre aufgeführten Möglichkeiten, die persönliche Ökobilanz zu verbessern, als lifestyle choices präsentiert werden, die man jeweils mal für eine Woche ausprobieren und dann entscheiden kann, ob sie zur eigenen Wunsch-Personality passen. Der Adressat der Broschüre wird im Grunde zu einer Shopping-Tour in der Klimaschutz-Boutique eingeladen -- mit Rückgaberecht. Besonders aufgemerkt habe ich beim Wochenmotto "plastikfreies Leben", und zwar deshalb, weil eine Schulfreundin von mir, die jetzt in unserer gemeinsamen Heimatstadt als Buchhändlerin tätig ist und in derselben Reihenhaussiedlung wohnt wie meine Mutter, seit einigen Monaten das Projekt verfolgt, in ihrem Privathaushalt so weitgehend wie möglich auf Plastikverpackungen zu verzichten, worüber die Lokalpresse und andere Medien berichtet haben. Daher weiß ich, wie anspruchsvoll es ist, das wirklich konsequent durchzuziehen. Es erfordert eine wirklich durchgreifende Veränderung des Konsumverhaltens, bis hin dazu, Produkte, die es ohne Plastikverpackung nicht zu kaufen gibt, durch solche zu ersetzen, die man selbst herstellen kann. Das ist nichts, was man mal eben so für eine Woche ausprobiert.

Das Beispiel macht, denke ich, den mangelnden Ernst der ganzen Angelegenheit hinreichend deutlich. Es geht letztendlich gar nicht ums Klima, es geht lediglich darum, dass Klimaschutz bzw. "Klimagerechtigkeit" (überhaupt ein bescheuertes Schlagwort, nebenbei bemerkt) gerade im Trend liegt, und indem man diesen Trend aufgreift, hofft man "gesellschaftliche Relevanz" - oder das, was gemeinhin unter dieser Bezeichnung verstanden wird - simulieren zu können. Weil man ja irgendwie mitspielen muss auf dem großen Markt der Spiritualitäts- und Lebenshilfeangebote. Wenn das öffentliche Interesse am Thema Klimaschutz irgendwann wieder nachlässt, dann macht man halt was anderes. Der Opportunismus, der hinter dieser Marketingstrategie steckt - das völlige Fehlen jedweder echter Überzeugung, sei es nun eine christliche oder was auch immer sonst für eine -, ist mit Händen zu greifen. Es geht nur noch darum, die Zielgruppe irgendwie bei der Stange zu halten. Wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb: 
"Wenn die Marktforschung herausfindet, dass immer weniger Brot und immer mehr Nudeln gegessen werden, dann muss die Bäckerei halt Nudeln verkaufen, um sich auf dem Markt zu halten. Why not? Opel hat auch zuerst Nähmaschinen hergestellt." 
Dass es sich bei der angepeilten Zielgruppe der Aktion vorrangig um Besserverdienende handelt, wird nicht nur, aber besonders beim Thema Mobilität (Wochenmotto "anders unterwegs sein") deutlich. Da wird man beispielsweise aufgefordert, sich "endgültig gegen eine Flugreise im Sommer" zu entscheiden. Na hallo. Ich habe, wenn ich mich recht erinnere, in meinem ganzen Leben erst viereinhalb Flugreisen unternommen (bei der "halben" bin ich nur auf dem Hinweg geflogen und habe für den Rückweg die Bahn genommen). Aber wenn man von vornherein nicht in Erwägung zieht, im Sommer per Flugzeug zu verreisen, kann man sich halt auch nicht bewusst dagegen entscheiden und bekommt somit auch kein goldenes Sternchen. Ebenso kann jemand, der - wie ich - kein Auto hat, sich nicht bewusst dafür entscheiden, es mal nicht zu benutzen. -- Bei dem Vorschlag, mal ein "E-Bike" oder gar ein "E-Lastenrad" auszuprobieren, habe ich das "E" zunächst schlicht überlesen. Weil, mal ehrlich, was soll der Scheiß? Wieso nicht lieber der eigenen Kraft nachspüren und selber in die Pedale treten? Meine Liebste zum Beispiel hat in dieser Fastenzeit tatsächlich mal ein Lastenfahrrad probegefahren, und wenn ich mich nicht irre, war das sogar (wenn auch unabsichtlich) in genau der Woche, in der "anders unterwegs sein" auf dem Klimafasten-Programm stand. Für das Lastenfahrrad interessierte sie sich hauptsächlich in Hinblick auf ihre Foodsaving-Aktivitäten. Oh, noch mehr goldene Sternchen für unsere persönliche Ökobilanz. Schließlich meinte sie aber doch, der Kinderwagen reiche als Transportmittel aus. Aber à propos Kinderwagen...: Ich habe insgesamt den zugegeben etwas vagen Eindruck, dass die ideale Zielgruppe dieser "Klimafasten"-Aktion sowieso keine Kinder haben. Und das gar nicht mal unbedingt deshalb, weil Fortpflanzung, wie wir in jüngster Zeit wiederholt zu hören bekommen haben, der Klimakiller Nummer 1 ist; sondern ganz einfach deshalb, weil viele der in der Broschüre vorgeschlagenen Handlungsoptionen für Singles oder kinderlose Paare erheblich leichter realisierbar sein dürften als für Familien mit Kindern. Kinder zu haben ist gewissermaßen die eine lifestyle choice, die die Auswahl an ansonsten noch zur Verfügung stehenden lifestyle choices radikal reduziert. Deshalb sind, obwohl (oder gerade weil) Kinder eine Menge Geld kosten, Kinderlose die "besseren" - weil spontaneren, flexibleren und vielseitigeren - Konsumenten; und "Konsum-Fasten" funktioniert nun mal umso besser, je mehr man normalerweise konsumiert. 

In diesem Zusammenhang fällt es übrigens auf, dass der gesamte Wellness-Markt eine Tendenz dazu hat, sich auf Kinderlose als Zielgruppe zu konzentrieren. Es gibt kinderfreie Hotels und Restaurants, kinderfreie Strände, kinderfreie Bäder -- wen wundert es da, wenn sich auch ein Trend zu kinderfreien Kirchen abzeichnet? Kaum etwas stört die Harmonie des spirituellen Egozentrikers mit dem Kosmos, also sich selbst, so sehr wie die ungestüme Lebendigkeit von Kindern. 

Übrigens liegt es wahrscheinlich schlichtweg in der Natur der Sache, dass eine steuerfinanzierte Kirche in Zeiten sinkender Mitgliedszahlen ihre Kundenbindungsstrategien auf solche Zielgruppen konzentriert, von denen ein hohes Steueraufkommen zu erwarten ist -- also die höheren Einkommensklassen, und unter diesen insbesondere Singles und kinderlose Doppelverdiener. Dass übrigens Homosexuelle ein wichtiges Teilsegment dieser hochgradig werberelevanten Zielgruppe darstellen, haben "weltliche" Marketingstrategen schon vor Jahrzehnten erkannt, und auch "bei Kirchens" kommt diese Erkenntnis mehr und mehr an. Aber das mal nur am Rande. 

Jedenfalls tut man gut daran, sich bewusst zu machen, dass Pastoralstrategen, wenn sie davon sprechen, man müsse Angebote für "die Menschen von heute" machen, dabei stets ganz bestimmte "Menschen von heute" im Auge haben, nämlich solche, die sie als eine lohnende Zielgruppe ansehen. Nicht umsonst finden in der Pastoraltheologie des 21. Jahrhundert verstärkt Methoden aus dem Bereich der Marktforschung Anwendung. Wenn die sogenannte "milieusensible Pastoral" eine Dominanz des "bürgerlich-konservativen" Milieus in den Kirchengemeinden beklagt und dieser entgegenwirken will, dann in erster Linie deshalb, weil dieses Milieu im Schwinden begriffen ist und die "Neue Mitte" - wie Gerhard Schröder schon 1998 proklamierte - eher nach links tendiert, im Biosupermarkt einkauft und ihre Kinder gendersensibel erzieht. Aber so oder so, von einem in gewissem Sinne "gutbürgerlichen" - nämlich am gesellschaftlich-kulturellen Mainstream orientierten - Selbstbild kommen die Kirchenfunktionäre nicht weg. 

Das ist mir neulich noch in einem anderen Kontext aufgefallen, nämlich anhand der Veranstaltungsreihe "Kieztouren mit Herz" im Erzbistum Berlin. Demnächst, am 4. Mai, geht es in dieser Reihe um das Thema "Leben im Gefängnis", und ich habe über den Presseverteiler des Erzbistums eine Einladung zu dieser Veranstaltung bekommen: 
"In der ersten Etappe fragen wir uns: Was passiert mit den Menschen dort drin? Wir hören persönliche Erfahrungen [...]. Bei einer so genannten Ausführung, bei der Inhaftierte begleitet von JVA-Personal das Gefängnis verlassen können, begegnen uns ihre Lebensläufe und Gedanken." 
Das ist (vermutlich) alles total gut gemeint, aber mir rollen sich bei dieser "Wir vs. die Anderen"-Diktion die Fußnägel auf. Die Anderen, das sind die Gefängnisinsassen, die von den unbescholtenen Bürgern bestaunt werden wie exotische Tiere im Zoo. Gewiss, man will den Häftlingen nur Gutes, aber als einen Teil von "Uns" betrachtet man sie nicht; "Wir", das sind ausschließlich die Anständigen, für die es vollkommen undenkbar ist, dass sie oder jemand aus ihrer Familie oder ihrem Bekanntenkreis in den Knast kommen könnten. Ich bin mir sicher, den Verantwortlichen sind diese Implikationen des Texts überhaupt nicht bewusst; aber genau das ist der Kern des Problems. Mitte September gibt es übrigens eine Kieztour zum Thema "Leben als Sexarbeiterin". Ich will mich gar nicht lange damit aufhalten, mich über die Verwendung des beschönigenden, die Prostitution als vermeintlich "ganz normalen Beruf" verharmlosenden Begriffs "Sexarbeiterin" aufzuregen; sehr wohl möchte ich aber die Frage in den Raum stellen, ob wir den braven Bürgerlein, die auf Einladung von Erzbistum, Caritas und KDFB an dieser Veranstaltung teilnehmen, wirklich abkaufen wollen, dass sie noch nie in ihrem Leben mit Prostituierten zu tun hatten. 

Okay, zugegeben, ich reagiere in dieser Angelegenheit ziemlich unwirsch. Aber das hat Gründe. Dieser Mief der bürgerlichen Wohlanständigkeit, den es, wie man sieht, sowohl in einer "konservativen" als auch in einer "progressiven" Duftnote gibt, hat erheblichen Anteil daran gehabt, mich von meinen späten Teenagerjahren an für rund ein Jahrzehnt effektiv aus der Kirche zu vertreiben. Der Widerspruch zwischen einer Kirche, in der es anscheinend vor allem darauf ankam, gut angezogen zu sein und sich gut zu benehmen, und einem Jesus, der auf Erden als "Freund von Zöllnern und Sündern" (Lukas 7,34) verschrieen war und den Hohepriestern und Ältesten des Volkes auf den Kopf zusagte "Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr" (Matthäus 21,31), sagte mir deutlich, dass mit dieser Kirche etwas faul ist. Ich möchte wetten, so wie mir damals geht es zahlreichen kirchlich sozialisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis heute. Und nicht alle - längst nicht alle - finden den Weg zurück.



Dienstag, 12. März 2019

Die #BenOp als Paperback!

Die Männergrippe hat mich fest in ihren Klauen, die Deutsche Bischofskonferenz trifft sich zur Frühjahrsvollversammlung bei Pater Lingen äh, in Lingen -- aber es gibt auch gute Nachrichten: Gestern brachte mir der Paketbote einen Stapel Freiexemplare der druckfrischen Paperback-Ausgabe der "Benedikt-Option"! 


Gegenüber der (noch nicht restlos abverkauften) Hardcover-Edition zeichnet sich das Taschenbuch durch eine schlichtere, kühlere, modernere Einbandgestaltung und ein etwas kleineres Seitenformat aus, zudem ist es 7 € billiger; vor allem aber wartet diese Neuausgabe mit einem Vorwort von Erzbischof Georg Gänswein auf, und das hat es wirklich in sich. Ausgehend von der Feststellung, dass Rod Dreher "[i]n seiner Danksagung [...] sein Buch auf besondere Weise Papst Benedikt XVI. gewidmet" habe, schildert der Kurienerzbischof seinen Eindruck, Dreher habe dieses Buch "in weiten Teilen quasi im stillen Dialog mit dem schweigenden Papa emerito verfasst": 
"Auch ich will Rod Drehers 'Benedikt-Option' mit einigen Worten aus dem Mund Benedikts XVI. begleiten, die mir in seinem Dienst unvergesslich wurden und im Lauf der Lektüre wieder durch den Kopf gegangen sind".
Dieser Satz beschreibt das Leitmotiv von Erzbischof Gänsweins Ausführungen: Er zitiert verschiedene Ansprachen des emeritierten Papstes und setzt sie in Beziehung zu den Kernthesen der "Benedikt-Option". Das ist ausgesprochen eindrucksvoll und bewegend, und zugleich zeichnet Erzbischof Gänswein dabei ein schonungsloses Bild der gegenwärtigen Krise der Kirche:
"[W]ie wir inzwischen wissen, gibt es auch eine Ökumene der Not und der Verweltlichung und eine Ökumene des Unglaubens und der gemeinsamen Flucht vor Gott und aus der Kirche quer durch alle Konfessionen. Und eine Ökumene der allgemeinen Gottesverfinsterung. Jetzt erleben wir die Wasserscheide eines Epochenwandels [...]. Die Volkskirche, in die wir noch hineingeboren wurden, und die es in Amerika nie so gab wie in Europa, ist im Prozess dieser Verfinsterung schon lange gestorben. Klingt Ihnen das zu dramatisch?"
Abschließend betont er, Drehers Buch enthalte "keine fertige Antwort":
"Es findet sich hier kein Patentrezept oder ein Generalschlüssel für alle Tore, die so lange für uns offenstanden und nun wieder krachend ins Schloss gefallen sind. Zwischen diesen beiden Buchdeckeln findet sich aber ein authentisches Beispiel für das, was Papst Benedikt vor zehn Jahren über den benediktinischen Geist des Anfangs gesagt hat. Es ist ein wahres 'Quaerere Deum'."
Dieses Vorwort basiert auf einer Ansprache, die der Präfekt des Päpstlichen Hauses am 11. September 2018 in Rom hielt, anlässlich der Vorstellung der italienischen Ausgabe von Rod Drehers Buch. Die Ansprache, in der er den Missbrauchsskandal als "das 9/11 der Kirche" bezeichnete, erregte damals auch in den deutschen Medien einiges Aufsehen, und obwohl das Buch, dessen Präsentation den Anlass für die Rede darstellte, in den meisten Presseberichten nur am Rande erwähnt wurde, wirkte sich diese Berichterstattung doch spürbar auf die Verkaufszahlen aus. Nun hoffe ich natürlich, dass die Neuausgabe der "Benedikt-Option" als Taschenbuch und mit Erzbischof Gänsweins Vorwort der öffentlichen Resonanz auf dieses Buch noch einmal neuen Schwung verleiht -- also beispielsweise auch die eine oder andere Rezension in der Mainsteeam-Presse nach sich zieht, nachdem man bisher zuweilen den Eindruck haben konnte, die Hardcover-Edition sei größtenteils per Mundpropaganda beworben worden (was ja durchaus gut zum Prinzip "Graswurzelrevolution" passt, aber... na ja). Soweit ich es überblicke, war die auflagenstärkste Print-Publikation, die bisher eine Rezension der #BenOp gebracht hat, der CICERO -- und das auch erst im Februar 2019. Die Besprechung ("Jesus wollte keine Mehlpampe", Thorsten Paprotny) liest sich für mein Empfinden über weite Strecken positiv, um dann aber kurz vor Schluss abzubiegen und doch zu einem negativen Gesamtfazit zu kommen; aber seien wir optimistisch, dass der Beitrag dennoch ausreichend neugierig auf das Buch macht, um die eine oder andere purchase decision zu triggern. 

Auf der Website des Verlags kann man die Paperback-Ausgabe der "Benedikt-Option" bereits bestellen, im allgemeinen Buchhandel ist sie, soweit ich sehen kann, noch nicht angekommen -- das dauert dann wohl noch ein paar Tage... 


Sonntag, 6. Januar 2019

Jetzt rappen sie auch noch

Es ist mal wieder soweit: Die Sternsinger stehen vor der Tür, teilweise metaphorisch, teilweise wortwörtlich. Ich persönlich erwarte sie heute zwischen 13 und 17 Uhr; ja, wir haben uns in die in unserer Kirche ausliegende Liste der Haushalte eingetragen, die einen Besuch der Sternsinger wünschen. Das Dorfkind in mir findet es ja eigentlich schade, dass es überhaupt solche Listen braucht. Wobei ich die Notwendigkeit durchaus einsehe, zumindest in von großen Mietshäusern geprägten städtischen Wohngegenden. Ich nehme allerdings an, auch in Einfamilienhaussiedlungen, ja möglicherweise sogar auf dem Dorfe ziehen die Sternsinger heutzutage nicht mehr "einfach so" von Haus zu Haus und singen ihre Lieder "gelegen oder ungelegen". Und das finde ich wirklich schade, nicht nur wegen des Kulturerbes, das da verloren geht, sondern auch, weil es erheblich punkiger und zugleich missionarischer wäre, auch und gerade die Häuser derer zu segnen, die nicht darum gebeten haben.

Aber à propos Kulturerbe: Schon vor drei Jahren habe ich mich in einem Blogartikel bitter darüber beklagt, dass das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" sich den „Gesamtzusammenhang der Aktion Dreikönigssingen“ im Jahr 2003 hat urheberrechtlich schützen lassen – und damit ein Stück traditionelles, seit dem 16. Jahrhundert bezeugtes christliches Brauchtum für seine alljährliche Fundraising-Kampagne instrumentalisiert und monopolisiert. Der besagte Artikel hat mir seinerzeit viel Unverständnis und Kritik eingebracht, auch und gerade von Lesern, die mir normalerweise wohlgesonnen sind; aber ich kann meine Meinung in diesem Punkt beim besten Willen nicht ändern. Wobei ich es, wie anno 2016 ausführlich dargelegt, besonders ärgerlich finde, dass der religiöse Charakter des Dreikönigssingens hinter dem Spendenzweck der jeweiligen Jahresaktion mehr und mehr zu verschwinden droht.

Recht bezeichnend hierfür ist der am 27. Dezember veröffentlichte Motto-Song der diesjährigen Sternsingeraktion, ein Rap-Song mit dem Titel "Das singen die Sterne", performt von Rapper Florian Schäfer, Sängerin Kat Wulff und Florians Bruder Franz an der Gitarre sowie den Sternsingerkindern Johannes, Elisabeth Anna, Stella und Pauline als Background-Chor. 



Fangen wir mal mit dem Positiven an: Sowohl die Musik als auch das Video wirken ausgesprochen professionell produziert und ragen qualitativ durchaus aus dem heraus, was man von kirchlicher Medienarbeit sonst so gewohnt ist. Okay, das habe ich über das umstrittene Stewardessen-Video des Bistums Essen zu Weihnachten auch gesagt. Aber stimmt ja auch. Dass mir die Nase des Rappers nicht gefällt, weil sie mich an einen Bekannten aus meinen späten Teenagerjahren erinnert, der damals aus unerfindlichen Gründen alle Mädels rumkriegte, braucht andere Adressaten dieses Videos nicht sonderlich zu stören. Aber wie sieht's mit dem Inhalt aus? Zugegeben, man könnte durchaus der Meinung sein, eine inhaltliche Kritik erübrige sich weitgehend, denn der Text des knapp drei Minuten langen Liedes besteht zu gefühlten zwei Dritteln aus assoziativem Wortgeklingel. Was für das Rap-Genre wohlgemerkt nicht ungewöhnlich ist. Ein Erfahrungsbericht aus der Berliner S-Bahn: Wenn jemand in die Bahn einsteigt und wirres Zeug vor sich hin brabbelt, ist er wahrscheinlich psychisch krank und/oder auf Drogen; ist das wirre Zeug jedoch rhythmisiert und reimt sich in mehr oder minder regelmäßigen Abständen, dann handelt es sich um Rap. – Ehe jetzt jemand meint, ich legte es darauf an, mich als kulturpessimistischer Waldschrat in Szene zu setzen: Ich erkenne Rap sehr wohl als eine Kunstform an, und auch wenn es nicht zwingend zu den spezifischen Qualitätsmerkmalen dieser Kunstform gehört, dass die Texte einen tieferen Sinn ergeben, gibt es sehr wohl Rap-Songs mit guten Texten. Dieser gehört nicht dazu.

Man tut daher gut daran, den Liedtext auch da, wo er über bloßes Reimgeläute hinaus geht, nicht allzu genau beim Wort zu nehmen. An mehreren Stellen sagt er nämlich nicht das aus, was er eigentlich aussagen will oder sollte, sondern lediglich etwas Ähnliches. Zum Beispiel: 

"Schau ruhig über deinen Tellerrand /
Nicht jeder Mensch hat Besteck in der Hand"

Was hier – wie ich mal wohlwollend unterstellen möchte – eigentlich gemeint ist, ist, dass nicht jeder Mensch ausreichend zu essen hat. Aber was hat das Besteck damit zu tun? Ist das nicht irgendwie kulturimperialistisch, zu verlangen, alle Menschen sollten mit Besteck essen? Ehrlich gesagt finde ich, die Vorstellung eines Hilfswerks, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, dafür zu Sorgen, dass die Menschen überall auf der Welt lernen, mit Besteck zu essen, ergäbe durchaus Stoff für eine groteske Filmkomödie (Arbeitstitel "Knigge's Army“). Und weiter:

"Nicht jedes Kind sieht 'ne Schule von innen."

Gemeint ist natürlich: Nicht jedes Kind hat Zugang zu Bildung. Okay: Dass "Zugang zu Bildung" nicht zwingend dasselbe ist wie „Schulbesuch“, dürfte speziell in Deutschland wohl gar nicht groß auffallen. Da haben die Nazis mit ihrem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 wirklich ganze Arbeit geleistet: Die meisten Deutschen scheinen tatsächlich anzunehmen, echte Bildung gebe es nur in der Schule, Homeschooling sei nur eine Marotte von Junge-Erde-Kreationisten und schießwütigen Hinterwäldlern und daher in Deutschland zu Recht verboten; und wenn sie doch mal einen jungen Erwachsenen zu Gesicht bekommen, der überdurchschnittlich gebildet und sozial kompetent ist, "obwohl" er nie zur Schule gegangen ist, dann staunen sie ihn an wie ein Weltwunder. Aber das ist eigentlich ein Thema für sich.

Die eigentlichen Adressaten des Songtexts und auch des ganzen Videos scheinen übrigens die Sternsinger selbst zu sein, insbesondere auch potentielle zukünftige Sternsinger, die es noch zu rekrutieren gilt ("Werde Sternsinger!", sagt ein Mädchen am Ende des Videos in die Kamera, und unvermeidlicherweise fügt ein Junge hinzu "Und Sternsingerin!"). "Ich frage dich: Bist du dabei, wenn es um Herz und Hilfe geht?", heißt es in den gerappten Strophen, und:

"Wir können nach den Sternen greifen /
Nur zusammen sind wir frei /
Lass uns für bess're Zeiten fighten /
Ich frag nochmal: Bist du dabei?" 

Was hier auffallend abwesend ist, ist jede Spur eines religiösen oder gar spezifisch christlichen Gehalts. Nun ja, fast jede Spur. Gelegentlich kommt am Rande ein bisschen religiös konnotiertes Vokabular vor, etwa in den Versen

"Wie bringt man den Segen bei Sonne und Regen? /
Die Antwort, mein Freund: Glaube und Stärke".

Okay, aber Glaube woran? An "diese Welt", an "bess're Zeiten", an "mehr Mitgefühl"? Das wird nicht verraten. Übrigens wundert man sich beinahe, dass auf "Stärke" nicht irgendwas mit "gute Werke" gereimt wird, denn offensichtlich geht es ja genau darum. Ein Schelm, wem da das Stichwort "Werkgerechtigkeit" einfällt; hatten wir nicht gerade erst Reformationsjubiläum?

Natürlich verweist man gerade als Katholik gegenüber der reformatorischen Kritik an der Werkgerechtigkeit gern und zu Recht auf den Jakobusbrief, demzufolge "der Glaube für sich allein tot" sei, "wenn er nicht Werke vorzuweisen hat". Und unter den Werken, die dem gläubigen Christen explizit aufgetragen sind, nehmen tätige Nächstenliebe und speziell der Einsatz für die Armen tatsächlich eine ganz zentrale Stellung ein. Dennoch entsteht ein schiefes Bild, wenn man das Christentum auf eine reine "Ethik der Nächstenliebe" reduziert bzw. diese aus ihrem Kontext herauslöst. In erster Linie ist das Christentum schließlich eine Erlösungslehre, und die Erlösung kommt von Jesus Christus, der Mensch geworden und zur Sühne unserer Sünden am Kreuz gestorben ist und der in Seiner Auferstehung den Tod besiegt hat. Wir befinden uns immer noch im Weihnachtsfestkreis, das heißt, wir feiern die heilbringende Menschwerdung Gottes – und in diesem Kontext lautet die primäre Botschaft der Heiligen Drei Könige (oder müsste sie lauten) "Wir sind gekommen, um Ihn anzubeten" (vgl. Matthäus 2,2).

Fällt diese Dimension der Sternsinger-Botschaft unter den Tisch, dann bleibt nur Selbsterlösung: Mit einer Spende für das Kindermissionswerk kauft man sich von der Schuld des "white privilege" frei, die darin besteht, dass man mit "Besteck in der Hand" und mit Schulpflicht aufgewachsen ist. Das ist ohne Zweifel total zeitgemäß und dürfte sich auch vorteilhaft auf die Spendenbereitschaft auswirken, besonders bei "nicht so religiösen" Leuten. Allerdings könnte man sich nun natürlich fragen, wie die Sternsinger überhaupt zu "nicht so religiösen" Leuten kommen, wenn man ihren Besuch doch, wie eingangs erwähnt, bei der örtlichen Pfarrei quasi bestellen muss. Das verweist auf ein tiefer liegendes Problem: Auch unter einigermaßen regelmäßigen Kirchgängern dürfte eine rein horizontale, rein diesseitige Sicht auf die Kirche als Wohltätigkeitsorganisation und/oder Anbieterin spiritueller Wellness nicht eben selten sein. Weil genau dieses Bild nicht bloß in der medialen Selbstrepräsentation kirchlicher Hilfswerke gepflegt wird, sondern auch in anderen Bereichen kirchlicher Kommunikation, vielfach bis hin zur sonntäglichen Predigt. Was vor Jahrzehnten vielleicht einmal damit begonnen hat, dass man die Basics der christlichen Glaubenslehre (schon damals irrtümlich) als allgemein bekannt und selbstverständlich akzeptiert voraussetzte und deshalb glaubte, man könne sich in der Verkündigung auf die praktische Nutzanwendung für den Alltag konzentrieren, hat schließlich dazu geführt, dass vielfach gar kein Vokabular mehr vorhanden ist, um über den Glauben zu sprechen. (Das gilt es übrigens im Auge zu behalten, wenn mehr oder minder prominente Kirchenvertreter wieder einmal äußern, die Kirche brauche eine "neue Sprache", um "die Menschen von heute" erreichen zu können. Das ist Bullshit. Die "Menschen von heute" unterscheiden sich nicht so grundsätzlich von den Menschen früherer Zeiten, dass sie die uralte Sprache des Glaubens nicht mehr verstehen könnten. Es sind die Kirchenfunktionäre, die es verlernt haben, diese Sprache zu sprechen.)

Am Ende muss man sich nicht wundern, wenn viele Leute ehrlich überzeugt sind, die Essenz des Christlichen ließe sich in der Aussage "Gott hat uns alle lieb, und deshalb sollen wir nett zueinander sein" zusammenfassen. – Wohlgemerkt: Das Christentum lehrt tatsächlich, dass Gott alle Menschen liebt und dass wir gut zueinander sein sollen; problematisch wird es erst, wenn man annimmt oder so tut, als sei dies die allein entscheidende Glaubensaussage und alles andere, was das Christentum sonst noch lehrt, sei (sofern man es überhaupt zur Kenntnis nimmt) bloß "storytelling", bloß eine narrative Einkleidung dieser vermeintlichen „Kernbotschaft“. Für eine solche um wesentliche Dimensionen verkürzte Version des Christentums haben – ich erwähne es immer wieder gern – die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton in einer Studie aus dem Jahr 2005 den Begriff "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" geprägt; und dafür stellt der Text des Sternsinger-Raps ein illustratives Beispiel dar, nicht zuletzt insofern, als er exemplarisch deutlich macht, wie der moralistische und der therapeutische Aspekt des MTD eigentlich miteinander zusammenhängen: "Die Probleme der Welt machen sauer und traurig", aber "es macht mich stolz, etwas zu tun" – oder anders ausgedrückt: Gutes zu tun ist gut dafür, sich selbst gut zu fühlen, das ist das eigentliche, das ultimative Ziel.

Indessen hat die Comédienne Sophie Passmann auf Twitter mit der Bemerkung Aufsehen erregt, Sternsingen sei "ja auch nix anderes als Betteln mit Blackface". Der teilweise energische Widerspruch, den sie dafür erntete, war in seiner Tendenz bezeichnend: Man könne ja der katholischen Kirche ja vieles vorwerfen, aber gerade das Sternsingen sei eine gute Sache (Subtext: eben weil es nichts mit dem Glauben zu tun hat, sondern nur darum geht, Spenden für bedürftige Kinder zu sammeln). Diese teilweise etwas humorlose Kritik veranlasste Sophie Passmann nun, ihre Äußerung ebenso humorlos zu verteidigen und darauf herumzureiten, "Blackfacing" sei nun mal rassistisch und daher auch durch einen wohltätigen Zweck nicht zu rechtfertigen. Also, Freunde, jetzt wird’s aber allmählich echt albern. Die Darstellungskonvention, derzufolge einer der Heiligen Drei Könige schwarz ist, rührt daher, dass sie traditionell als Repräsentanten der drei Weltteile der Alten Welt (und somit der ganzen Menschheit) aufgefasst wurden, und ist daher gerade antirassistisch. Dies nicht vom "Blackfacing" der tatsächlich ausgeprägt rassistischen "Minstrel Shows" unterscheiden zu können, ist schlichtweg kultureller Analphabetismus.

Aber okay: Ich persönlich find's ja eigentlich gut, wenn katholisches Brauchtum als "edgy" und polarisierend wahrgenommen wird. Auch wenn die Realität meist viel langweiliger ist.  




Samstag, 2. Juni 2018

#BenOp-Feedback: Ein erneutes Update

Das "meistdiskutierte und wichtigste religiöse Buch des Jahrzehnts", wie der New York Times-Kolumnist David Brooks Rod Drehers "The Benedict Option" bereits unmittelbar nach dem Erscheinen des Buches nannte, liegt nun seit gut einem Monat in deutscher Übersetzung vor; wie also steht es im deutschsprachigen Raum um die Diskussionen, die das Buch auslöst oder jedenfalls beeinflusst? -- Nun, in den "großen" Medien ist die Debatte um die BenOp hierzulande noch nicht angekommen, aber man kann doch feststellen: Es bewegt sich was. Hier meine persönlichen Highlights der letzten Woche: 

In der Online-Kolumne "MeinungsMacher" der Tagespost erschien am 26. Mai ein Beitrag von Pater Engelbert Recktenwald FSSP unter dem Titel "Gefährliche Parallelgesellschaft?". Als Aufhänger kommt da eine Radiodokumentation über christlichen Fundamentalismus in Frankreich zur Sprache, und Pater Recktenwald  äußert sich enttäuscht, ja geradezu "beleidigt", dass damit nur evangelikale Gruppierungen gemeint sind und nicht die katholische Kirche. Dann kommt er auf die BenOp zu sprechen, in der ein "Programm der Entwicklung einer bewussten Gegenkultur [...] als Überlebensstrategie des christlichen Glaubens" propagiert werde, und merkt an: 
"Natürlich wurde dieses Buch kritisiert, besonders von Theologen; kein Wunder, sind es doch gerade Theologen, die uns seit fünf Jahrzehnten mit der gegenteiligen Strategie einer möglichst großen Anpassung an die Welt beglücken. Das Ergebnis können wir heute sehen: eine Kirche, die, weil sie selber ihre Lehre nicht mehr ernst nimmt, auch von der Welt nicht mehr ernst genommen wird, nicht einmal mehr als gefährliche Parallelgesellschaft." 
Ist das stark oder ist das stark? Auch mein Freund Rod war sehr angetan von diesem Beitrag und veröffentlichte noch am selben Tag eine schnell und schmutzig erstellte englische Übersetzung davon auf seinem Blog. 

Zwei neue Amazon-Kundenrezensionen - beide mit 5 Sternen garniert - erschienen am 28. und 29. Mai. "Für Gläubige, Priester und Bischöfe, denen an Authentizität, Glaubwürdigkeit, Evangelisierung und Wirksamkeit liegt, kann das facettenreiche Buch Hilfe sein, sich als 'kreative Minderheit' [...] in der Öffentlichkeit zu positionieren", urteilte Stefan Hartmann, und Alexander von Schönburg betonte: "[D]ie Diskussion ist höchst relevant und ein MUSS für jeden glaubenden Christen, egal ob evangelisch, katholisch oder orthodox. [...] Dem Übersetzer ist das Kunstwerk gelungen, einen für unsere Lesegewohnheiten angemessenen Ton zu finden. Respekt!" 

Das hört bzw. liest man natürlich gern! Etwa zeitgleich mit diesen Kundenbewertungen fanden sich in katholischen Online-Medien ein paar beiläufige Erwähnungen der BenOp, die hoffen lassen, dass aus dieser Richtung in absehbarer Zeit noch mehr kommt. Auf kath.net schrieb Peter Winnemöller  über die Lage der Lebensschutzbewegung nach dem Referendum zur Abschaffung des generellen Abtreibungverbots in Irland und merkt in diesem Zusammenhang an: 
"Es gilt [...] hier wie auch in anderen Bereichen die Rolle der gesellschaftlichen Minderheit zu akzeptieren. Die Weigerung, an Abtreibungen mitzuwirken, kann schon heute zu Ausgrenzung und Diskriminierung führen. Solchen faktischen Ausschluss von bestimmten Berufen gibt es bereits. Da wirkt, nebenbei bemerkt, eine allzu hochtrabende Ablehnung der Thesen der 'Benedikt Option' geradezu lächerlich, weil sie schon per Zwang von außen beginnen sich zu verwirklichen." 
Derweil erschien auf der deutschsprachigen Website der Catholic News Agency (CNA) ein Bericht über eine Ansprache des Erzbischofs von Kansas City, Joseph F. Naumann, beim National Catholic Prayer Breakfast; und in diesem Bericht heißt es: 
"In seiner Betrachtung über die schwere Glaubenskrise, welche der Westen durchlebt, zitierte der Erzbischof den Schriftsteller Rod Drehen [sic!], Autor von 'The Benedict Option' (deutscher Titel: Die Benedikt-Option), der "vor dem Rückgang des Messbesuches warnt, vor der großen Anzahl von Millennials, die bekennende Atheisten sind oder - noch häufiger - sich selbst als spirituell, aber nicht religiös ansehen." 
Eine umfangreichere Rezension erschien dann am 30. Mai auf "Katholisch? Logisch!". Bloggerkollegin Claudia hat das Buch während eines einwöchigen Klosteraufenthalts gelesen, also gewissermaßen unter Idealbedingungen; das hat sie selbst so empfunden, und das schlägt sich deutlich in ihrem Urteil über das Buch nieder. Sie beschreibt Rod Drehers
"Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft einerseits [als] eine scharfe Beobachtung des fadenscheinig werdenden Wohlfühlchristentums, das auch in Europa um sich greift, andererseits [als] einen energischen Aufruf, sich auf die Wahrheit und Schönheit christlicher Kultur (und nicht etwa eines Kulturchristentums) zu besinnen, sie furchtlos und fröhlich neu zu beleben." 
Weiter heißt es in Claudias Rezension: 
"Die Abgrenzung von einer hedonistischen Gesellschaft mit einer Vielzahl schwammiger Selbsterlösungslehren darf nicht einfach darin bestehen, daß man eben sonntags in die Kirche geht und sonst so weitermacht wie alle." 
Und hier, ohne großes Drumherumreden, noch einige weitere sehr schöne Auszüge:  
"[D]as Buch ist [...] ein fast alle Lebensbereiche ansprechender Weckruf, sich von jeder Versuchung zum hedonistischen Laissez-Faire oder zu einem Wohlfühlchristentum abzuwenden. Phantasie und Kreativität sind gefragt, um eine von klösterlicher Frömmigkeit und Disziplin inspirierte Lebensweise in Familie und Gesellschaft zu bringen."  
"Zunächst ist notwendig, daß wir neu lernen, was Christentum ist und will, dann ist unsere Kreativität gefragt. Wir müssen von der Pfarrkirche nicht erwarten, daß sie mal was in der Richtung anfängt, sondern etwas in der Richtung anfangen und dazu einen Raum im Gemeindehaus der Pfarrkirche erbitten. Wir müssen uns mit anderen Christen vernetzen, auch über Konfessionsgrenzen hinweg, müssen gemeinsam beten und handeln."  
"Zugleich habe ich zu einem sehr wichtigen Punkt bei Dreher heftig genickt: Er stellt klar, daß Gebet, Anbetung und Empfang der Sakramente nicht Dinge sind, die dazukommen, wenn man mal Zeit hat, sondern das Fundament, auf dem eine christliche Gemeinschaft gedeihen kann."  
"Mein Fazit aus dieser Lektüre ist: Ich möchte künftig noch entschiedener tun, was ich tun kann, und ich möchte wenigstens versuchen, in meiner Heimatgemeinde etwas von der Benedikt-Option wahr werden zu lassen." 
Na, wenn das mal kein erfreuliches Feedback ist. Read the whole thing! 

...und ansonsten schauen wir mal, was in den kommenden Wochen noch so an Rezensionen erscheinen wird. Erwartungsvoll stimmt nicht zuletzt dieser Tweet: 


Außerdem habe ich in den letzten Tagen ein paar Termine für Buchvorstellungen an verschiedenen Orten klargemacht. Genauer gesagt sind zwei Termine fest und ein dritter noch in der Schwebe. Aber darüber werde ich zu gegebener Zeit noch gesondert berichten... 



Mittwoch, 30. Mai 2018

Laufsteg-Apostolat?

Ich weiß nicht, wie viele Jahre es her ist, dass ich einmal unfreiwillig etwa 20 Minuten einer Folge von "Germany's Next Top Model" zu sehen bekam. Oder wie lang ein Abschnitt zwischen zwei Werbeblöcken da eben so zu sein pflegt. Ursächlich für dieses unfreiwillige Fernseherlebnis war der Umstand, dass die Sendung in einer Pizzeria lief, in der ich Essen zum Mitnehmen bestellte. Kein Witz. Da stand ich nun da und konnte nur denken: Warum tun Leute sich das an?

Diese Frage bezog sich einerseits auf die Zuschauer, andererseits und vor allem aber auf die Kandidatinnen. Sich um der sprichwörtlichen "15 Minuten Ruhm" willen vor laufender Kamera psychoquälen lassen, um günstigstenfalls einen Knebelvertrag zu "gewinnen", der sicherstellt, dass man seinen Peinigern noch auf Jahre hinaus ausgeliefert bleibt? Stockholm-Syndrom much?

Über den menschenverachtenden Charakter von Castingshows, über die totale psychische und emotionale Ausbeutung der Kandidaten, von der diese Showformate leben, ist schon viel gesagt und geschrieben worden; ich will da gar nicht großartig ins Detail gehen, sonst wird dieser Artikel wieder zu lang und ich werde nie fertig damit. Aber ich würde schon behaupten wollen, dass GNTM in dieser Hinsicht noch schlimmer ist als das Gros der Gesangs- und sonstigen Talentwettbewerbe im Fernsehen; denn hier verkaufen die Kandidatinnen buchstäblich ihren Körper.

(Bildquelle: Pixabay) 
Aber dieses Jahr ist alles ganz anders, denn in der kürzlich zu Ende gegangenen 13. (!) GNTM-Staffel war eine der Kandidatinnen eine bekennende Christin: Oluwatoniloba ("Toni") Dreher-Adenuga, 18 Jahre, aus Stuttgart, gehört der evangelikalen "Body of Christ Church" an und ist (oder war?) dort sogar Jugendgottesdienstleiterin. Im Laufe des seit Februar auf Pro7 ausgestrahlten Model-Wettbewerbs hat diese junge Dame, wie die evangelikale Nachrichtenagentur idea zu berichten weiß, "öfter ihren Glauben bezeugt und mit Mitstreiterinnen gemeinsam gebetet". Und dann ging "Toni" sogar als Siegerin aus dem Wettbewerb hervor! Wenn das kein Zeichen ist! Bei ihrer Kirchengemeinde jedenfalls herrschte großer Jubel: "Wir feiern Jesus in ihrem Leben. Halleluja!"

Klar: Für die Stuttgarter "Body of Christ Church" bedeutet die erfolgreiche GNTM-Teilnahme ihrer Jugendgottesdienstleiterin einen enormen Publicity-Zugewinn, und außerdem hat Toni angekündigt, ihrer Kirchengemeinde "einen Teil ihrer 100 000 Euro-Siegprämie zu spenden". Davon abgesehen fielen die Reaktionen der christlichen Öffentlichkeit allerdings uneinheitlich aus. Da fehlte es auch nicht an Wortmeldungen, die mehr oder weniger explizit die Auffassung durchblicken ließen, Christen sollten sich an so etwas wie GNTM überhaupt nicht beteiligen. Diesen wurde freilich widersprochen; eine besonders engagierte Wortmeldung, die ich auf Facebook gefunden habe, lasse ich hier mal in ganzer Schönheit (d.h. in unveränderter Orthographie) folgen:
"Sie macht aber auch dort werbung für jesus. Zeugnis geben kann man natürlich am besten da wo leute jesus noch nicht kennen. Jesus hat selber bei den zöllnern und prostituierten gesessen. Das gäbe damals auch voll den shitstorm wenns da facebook gegeben hätte. Wenn sie jetzt bekannt wird kann sie doch toll vielen leuten zeugnis geben. Viel mehr als wenn sie beim bäcker schrippen verkauft. Geld kann man übrigens auch f den bau v gottes reich gebrauchen. Sie hat auch noch mit den anderen gebetet, was wollt ihr denn noch? Von mir gibts ein hut ab!" 
-- Schönheit der Orthographie hin oder her: Vom Kern der Sache her hätte das ein studierter Pastoraltheologe nicht besser sagen können. Kirche muss gesellschaftlich relevant sein; bei allem, was öffentliches Interesse erregt, müssen Christen Präsenz zeigen; man muss die Leute da abholen, wo sie stehen. Man kennt diese Parolen. Was aber, wenn die Kirche bzw. das Christentum durch diese "Adabei"-Strategie gerade unkenntlich gemacht wird -- weil sie/es wie ein amorpher Farbfleck im Hintergrund mit seiner Umgebung verschwimmt, weil er sich nicht klar genug von ihr abhebt? Das, liebe Freunde, ist das sogenannte "Identität-Relevanz-Dilemma". Sicherlich kann bzw. sollte man nicht von vornherein ausschließen, dass die GNTM-Teilnahme einer gutaussehenden und sympathischen bekennenden Christin tatsächlich einen positiven evangelisierenden Effekt auf die Zuschauer haben kann, nämlich insofern, als manche Zuschauer dadurch vielleicht erstmals anfangen, sich für den christlichen Glauben zu interessieren und ihn in einem positiven Licht wahrzunehmen. Man sollte sich zugleich jedoch auch die Frage stellen, was für eine Art von Zeugnis für den christlichen Glauben das eigentlich ist, wenn damit gleichzeitig der Eindruck erweckt wird, ein - wie oben angedeutet - in Hinblick auf sein Menschenbild zumindest fragwürdiges Showformat wie Germany's Next Top Model sei für Christen akzeptabel. 

Mehr noch: Wenn Toni Dreher-Adenuga, wie in der bereits zitierten idea-Meldung berichtet wird, ihren Casting-Sieg mit den Worten kommentiert "Gott war von Anfang an auf meiner Seite. Schon als ich mich angemeldet habe, wusste ich, dass er bei mir ist. Und er hat mich nicht enttäuscht"; wenn sie erklärt, Gott "habe sie immer bestärkt und beschützt und schließlich so weit gebracht", und im Zuge der Siegerehrung ihren Fans zuruft "Glaubt an euch, denn ihr könnt alles schaffen – mit Gottes Kraft und mit eurer Kraft in Jesu Namen", dann klingt das schon sehr arg nach Prosperity Gospel -- nach jener pseudochristlich eingefärbten Variante des Positiven Denkens, die, gern gestützt auf ein kontextwidriges Verständnis von Philipper 4,13 ("Alles vermag ich durch den, der mich stärkt"), das Bekenntnis zu Christus als den Schlüssel zum Erfolg im Leben verkauft.

Ich will damit überhaupt nicht bestreiten, dass Toni Dreher-Adenuga subjektiv davon überzeugt sein mag, in ihrer Modelkarriere Christus zu verherrlichen. Ich frage mich jedoch, ob  diese subjektive Überzeugung nicht zu einem gewissen Grad illusorisch ist. Jedenfalls muss ich bei dieser ganzen Geschichte unwillkürlich an etwas denken, was mein Freund Rod kurz zuvor in einem ganz anderen Zusammenhang auf seinem Blog geschrieben hat: 
"Mir fällt da ein evangelikales Paar ein, das uns vor zwanzig Jahren einen Rundbrief schickte, in dem es um Spenden bat, um ihr Projekt zur Missionierung von, jawohl, Supermodels zu unterstützen. Es war ziemlich offensichtlich, dass es ihr Wunsch war, in einer Weltmetropole zu leben und in der Modeszene abzuhängen, und in der Idee eines Supermodel-Apostolats sahen sie die Chance, diesen Traum zu verwirklichen. Ich glaube nicht, dass sie im Geringsten zynisch waren -- in dem Sinne, dass ihnen bewusst gewesen wäre, was sie da taten. Ich glaube, sie wollten einfach einen Fashionista-Lebensstil genießen und hatten für sich einen Weg gefunden, wie sie diesen Wunsch rechtfertigen konnten -- nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor den Leuten in der Kirche, die über die Mittel verfügten, ihnen einen solchen Lebenswandel zu subventionieren."
Und dann fällt mir da noch eine Passage aus Adrian Plass' "Tagebuch eines frommen Chaoten" ein, die ich - da mein Exemplar dieses Buches bei meinem letzten Umzug unter die Räder gekommen und seither noch nicht wieder aufgetaucht ist - nur sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergeben kann: Der Sohn des Ich-Erzählers hat mit einigen anderen Jugendlichen aus der Kirchengemeinde eine Heavy-Metal-Band mit dem schönen Namen "Bad News For The Devil" gegründet, und kurz nach ihren ersten Auftritten (im Gottesdienst!) erklären die Bandmitglieder überschwänglich, wenn Gott sie dazu berufen sollte, große Stars zu werden, dann seien sie bereit, dieser Berufung zu folgen - selbst wenn das bedeuten sollte, Unmengen von Geld zu verdienen, um die Welt zu reisen und in teuren Hotels zu wohnen. 

Kurz gesagt, wenn jemand sich von Gott exakt dazu berufen fühlt, was er sowieso gern tun möchte, dann ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Auch dann, wenn der Glaube an diese Berufung subjektiv total "echt" ist.