Eigentlich sollte ich wohl etwas über meinen Trip nach Vorarlberg zur
"Woche der Begegnung" in der Erlöserpfarre Lustenau schreiben, aber ehe ich dazu komme, will ich erst mal etwas anderes loswerden. Als ich nämlich am Dienstag nach Berlin zurückkehrte, das heißt, am Flughafen Tegel landete und von dort aus mit dem Bus Richtung Kurt-Schumacher-Platz fuhr, fielen mir beim Blick aus dem Busfenster nacheinander zwei Plakatwände ins Auge, auf denen für das
"Tegelprojekt" geworben wurde. Was das sein sollte, ging aus der Werbung nicht so richtig hervor, aber die Plakate waren bunt und sahen nach Spaß aus, es waren junge Leute darauf abgebildet --- und
Roboter. Okay, die Roboter
hätten mir zu denken geben können. Haben sie aber zunächst nicht, oder kaum. Auf jeden Fall machte der Name
"Tegelprojekt" mich neugierig. Es gibt das
"Berlinprojekt" und, wohl aus diesem hervorgegangen, das
"Kreuzbergprojekt", das sind beides so hippe, urbane, "sucherorientierte" Freikirchen; hätte ja sein können, dass das
"Tegelprojekt" ein weiterer Ableger davon ist. Ein Blick auf die Website
tegelprojekt.de belehrte mich jedoch eines Besseren: Es geht bei diesem Projekt um die
Nachnutzung des Flughafengeländes.
Der offenkundige Haken an der Sache ist natürlich, dass eine solche
Nachnutzung erst
dann ernsthaft in Angriff genommen werden kann,
wenn der Flugbetrieb in Tegel eingestellt wird. Nach aktuellem Planungsstand soll das ein halbes Jahr
nach Inbetriebnahme des BER der Fall sein,
also NIE. Aber trotzdem ist es durchaus interessant, sich anzuschauen, was die
"Tegel Projekt GmbH" so alles plant. Soweit ich es überblicke, besteht das Projekt im Wesentlichen aus zwei Komponenten: einem "Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien", genannt
"Urban Tech Republic", und einem neuen Wohnviertel, dem
"Schumacher Quartier".
Und siehe, nur einen Tag nach meiner Rückkehr nach Berlin fiel mir - und zwar bei Durchsicht eines Stapels neu eingegangener
Bücherspenden für unser Büchereiprojekt - eine großformatige Hochglanz-Broschüre über die geplante
"Urban Tech Republic" in die Hände.
Das ist dann wohl ein ZEICHEN. Gut, die Broschüre ist von Dezember 2015 und gibt den damaligen Planungsstand wieder, aber
so viel hat sich seither ja, aus oben angedeuteten Gründen, nicht getan. Ohnehin besteht die Broschüre größtenteils aus Bildern, garniert mit peppigen Slogans.
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| Symbolbild. |
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| Kuckuck! |
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| Der Flyer fügt sich gut ins Design ein, oder? |
Die Urban Tech Republic soll, wie gesagt, "ein Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien" werden -- also für all das,
"was die Metropolen des 21. Jahrhunderts am Leben erhält: der effiziente Einsatz von Energie, nachhaltiges Bauen, umweltschonende Mobilität, Recycling, die vernetzte Steuerung von Systemen, sauberes Wasser und der Einsatz neuer Materialien."
(Aha, daher also die Roboter. Mit dem 21. Jahrhundert ist es allerdings so eine Sache, denn das dürfte annähernd zur Hälfte rum sein, ehe die Urban Tech Republic fertig ist. Lohnt sich das dann überhaupt, oder sollte man nicht lieber gleich was fürs 22. Jahrhundert bauen?)
Das "Herzstück des neuen Technologieparks" soll die
"Beuth Hochschule für Technik" werden; "[i]nsgesamt sollen rund 5.000 Studierende den Campus Berlin TXL besiedeln". Na hallo! Über das geplante Wohnquartier liest man derweil, dass "über 5.000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen" geschaffen werden sollen, und zwar mitsamt den "dazugehörigen Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Sportanlagen, Einkaufsmöglichkeiten und viel Grün." Damit nicht genug:
"Lebendige Nachbarschaften entstehen, der Verkehr wird beruhigt, neue Wege werden geschaffen und grüner Raum zum Leben wird gut erreichbar sein."
Klingt vielversprechend, oder? Auf jeden Fall ist es mal eine Perspektive, die das verbreitete Vorurteil Lügen strafen könnte, Tegel sei ein überalterter Stadtteil und der einzige Wachstumssektor am Ort sei die Altenpflege.
Die Frage, die sich mir dabei nun aufdrängt, ist, was eigentlich die Kirche unternimmt, um sich auf diese zukünftigen Veränderungen in der Sozialstruktur des Stadtteils einzustellen. Ich ahne allerdings, dass die Antwort auf diese Frage "gar nichts" lautet; und dass nicht nur die Verantwortlichen vor Ort, sondern vielleicht auch einige meiner Leser gar nicht einsehen, wieso die Kirche sich darüber Gedanken machen sollte.
Okay: Dass Pfarreien als Struktur nicht unbedingt besonders
missionarisch ausgerichtet sind, ist ein weit verbreitetes Phänomen, insofern muss man sich nicht unbedingt wundern, wenn die
"Tegelprojekt"-Pläne nicht als ein Ruf zu verstärktem evangelistischem Engagement wahrgenommen werden; dazu weiter unten mehr. Aber wie steht es denn um die Auswirkungen auf die
eigene Mitgliederstruktur? Ich meine:
Zehntausend Mieter im
Schumacher-Quartier --- wenn man davon ausgeht, dass deren konfessionelle Zusammensetzung in etwa dem Berliner Durchschnitt entspricht, könnten darunter ca.
900 Katholiken sein; das wäre, auf den gesamten
Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd bezogen, ein Zuwachs von 6%. Je nachdem, wo die Mieter im Schumacher-Quartier herkommen, könnten es sogar noch erheblich
mehr sein. "Eigentlich müsste man da eine neue Kirche bauen", meinte meine Liebste. Tja: In besseren Zeiten hätte man wahrscheinlich genau das getan. Aber fürs erste wäre wohl schon viel damit gewonnen, wenn man die Kapazitäten und Potentiale der
bestehenden Kirchenstandorte besser
nutzen würde. Und da sehe ich SEHR viel Luft nach oben, an diversen Stellen.
Okay, nach dem jetzigen Zuschnitt der Berliner Pfarreien gehört das Flughafenareal zum Territorium von
St. Rita. Und wenn die dortigen Gremien bereits an der Sache "dran" sein sollten, dann
wüsste ich das nicht. Der Punkt ist, ich
glaube es nicht. Und, schonungslos ehrlich gesagt:
Erst recht glaube ich nicht, dass, wenn es bereits Pläne für eine pastorale Begleitung des "Tegelprojekts"
gäbe - wenn schon nicht innerhalb des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd, dann vielleicht beim
Erzbistum -, diese etwas
taugen. Konkreter gesagt,
wenn es da irgendwelche Pläne gäbe, dann würde ich vermuten, dass die in Richtung niederschwellig-dienstleistungsorientierter
"Citypastoral" gehen; und da ist es mir dann schon lieber, wenn es
keine Pläne gibt.
Allein auf die Pfarrei St. Rita bezogen würden 900 neue Katholiken im Schumacher-Quartier übrigens einen Mitgliederzuwachs von fast 27% bedeuten. Nur mal so. Allerdings würde ich mal davon ausgehen, dass die Pfarreien des Raums Reinickendorf-Süd ohnehin längst zusammengelegt sein werden, ehe auch nur ein Mieter in das Schumacher-Quartier einzieht.
Näher vor unserer Haustür, in der
Gorkistraße, entsteht derzeit
"Berlins schönste Fußgängerzone". Dort sind zwar, soweit ich sehe, keine
Wohnungen, sondern "nur" Gewerbeflächen geplant, aber auch so etwas trägt ja nicht unerheblich zum Strukturwandel im Stadtteil bei. Fragen wir erneut: Wie geht die örtliche Kirchengemeinde damit um? Und erneut lautet die wahrscheinlichste Antwort:
Gar nicht.





Es liegt nicht an bösem Willen und auch nicht im strikten Sinne an Inkompetenz, sondern vielmehr daran, dass die Leute von vornherein nicht so weit denken. Es liegt schlichtweg außerhalb ihres Horizonts, dass eine Ortspfarrei mehr oder etwas anderes tun könnte (geschweige denn müsste) als das volkskirchliche Standardprogramm 'runterzuspulen: regelmäßige Gottesdienste für die schrumpfende Kerngemeinde und lebensabschnittsbezogene Familienfeiern für distanzierte Kirchensteuerzahler. Ach so, es ziehen neue Leute in unser Gemeindegebiet? Na, wenn die was von uns wollen - zum Beispiel heiraten oder ein Kind taufen lassen -, dann werden sie sich schon bei uns melden. -- Im Ernst: Es wird ja nicht einmal der Versuch unternommen, Leuten, die nur zu solchen Anlässen ausnahmsweise mal in der Kirche auftauchen, dazu zu motivieren, auch mal ohne einen solchen Anlass wiederzukommen. Wie sollte man dann erwarten, dass jemand auf die Idee käme, etwas für Leute zu tun, die von sich aus überhaupt nicht in der Kirche auftauchen, ja womöglich nicht einmal Kirchensteuer zahlen?
Aber seien wir mal nicht so negativ: Möglicherweise - könnte doch sein! - ist genau
das der Grund, weshalb der Herr meine Liebste und mich ausgerechnet nach Tegel geführt hat. Jedenfalls scheint mir, es war kein Zufall, dass ich auf das
"Tegelprojekt" aufmerksam geworden bin, als ich gerade vor Motivation und Inspiration strotzend aus Lustenau zurückkam. In diesem Herbst werden bei uns der Pfarrgemeinderat und der Kirchenvorstand neu gewählt, und ich ringe schon seit Monaten mit mir, ob ich da kandidieren sollte -- wenigstens für den Pfarrgemeinderat; Finanzen verwalten ist eher nicht so meins. Freund Rod meint zwar, es sei ein Zeichen von Masochismus, für den Pfarrgemeinderat zu kandidieren, und ich weiß, dass er mit dieser Meinung nicht allein steht; aber ich schätze, ich werde das tun
müssen. Schon allein, um eine
Leitbilddebatte anzustoßen. Dabei bin ich, wie regelmäßige Leser wissen werden, eigentlich überhaupt kein Fan von
"lokalen Pastoralplänen" u. dergl.; mein Eindruck ist, dass derartige Konzeptpapiere eine Tendenz zu hohlem Phrasengeklingel aufweisen und schlimmstenfalls als
Ersatz dafür dienen, tatsächlich etwas zu
tun. Aber
ganz ohne ein Leitbild geht es wohl
auch nicht. Auch Father James Mallon empfiehlt in seinem Buch
"Wenn Gott sein Haus saniert":
"Wenn eine Pfarrei keine formulierte Vision hat, dann sollte sie damit beginnen. [...] Fragen Sie die Leiter Ihrer Pfarrgemeinde, ob sie wissen, was die Vision ist. Wenn Sie erstaunt angeschaut werden, fragen Sie, wohin die Pfarrei sich bewegt. Wenn man Sie anschaut, als wären Sie verrückt, dann müssen Sie damit beginnen, eine formulierte Vision zu entwickeln" (S. 337).
Anstelle von Leitbildern, die "meistens viel zu lang, verworren und [...] vage" seien, empfiehlt Father Mallon Zielerklärungen, die "kurz und genau" sein müssten, sich also möglichst in einem Satz ausdrücken lassen sollten (S. 338). Mir würde da ja so etwas vorschweben wie "Unser Ziel ist es, den Menschen in unserem Stadtteil die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament zu ermöglichen und eine Gemeinschaft zu bilden, deren Mitglieder sich gegenseitig darin unterstützen, im Glauben und in der Liebe zu wachsen". Und dann müsste man alle Aktivitäten der Pfarrei danach evaluieren, ob sie diesem Ziel dienen oder nicht oder wie sie diesem Ziel besser dienen könnten.
Es mag als Illustration dafür dienen, wie sehr mein Trip nach Lustenau mich inspiriert und motiviert hat, dass ich auf dem Heimweg, nachdem ich an der Haltestelle Borsigwerke aus der U-Bahn gestiegen war, die mir entgegenkommenden Fußgänger betrachtete und dabei dachte:
Ah, look at all the lovely people. Kann es,
darf es uns als Christen, uns als christliche
Gemeinde gleichgültig lassen, wenn all diese Leute
Jesus nicht kennen? Im Grunde könnte man da eine Hausaufgabe für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarrei - nicht nur
unserer, sondern
jeder beliebigen Pfarrei - draus machen: Geht mal in die Fußgängerzone oder ins Shopping-Center, schaut euch die Leute an, die euch da begegnen, und horcht mal in euer Herz hinein, ob da irgendwo der Wunsch ist, diese Leute sollten
Jesus kennenlernen. Und wenn ja, dann fragt euch, was ihr dafür
tun könnt.
Dass ich der Meinung bin, wenn die Antwort Nein lautet, sollte man sich fragen, ob man im pastoralen Dienst wirklich richtig ist, muss ich ja nicht unbedingt explizit sagen.