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Mittwoch, 4. August 2021

Die 100-Bücher-Challenge: Etappe 6

Weiter geht's mit der Wiederaufnahme des vor mittlerweile deutlich über einem Jahr abgebrochenen Bücherrezensions-Großprojekt; und immer noch (und, so viel sei an dieser Stelle schon verraten, auch noch in der nächsten Etappe) dreht es sich dabei um Bücher, die ich zwar "damals" schon gelesen habe, aber mit dem Rezensieren nicht hinterhergekommen bin. Problematisch daran ist, dass ich mir seinerzeit zu einigen der betreffenden Bücher umfangreiche Lesenotizen gemacht habe, zu anderen aber nicht, und zum Teil waren die Notizen derart stichwortartig oder kryptisch, dass ich die betreffenden Passagen der Bücher noch einmal nachlesen musste, um mich zu erinnern, was ich eigentlich gemeint hatte. Ich kann nur hoffen, Du, verehrter Leser, wirst finden, der Aufwand habe sich gelohnt. 

  • Emma Braslavsky: "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten"

Immerhin: Mit diesem Buch hatte ich die oben angesprochenen Probleme nicht, denn wie schon erwähnt, habe ich meine Lektüreeindrücke daraus für einen Vortrag bei einer Literaturtagung der Katholischen Hochschule Trumau verwertet, was mich nun in die glückliche Lage versetzt, ausgiebig auf mein eigenes Vortragsmanuskript zurückzugreifen.

In der Verlagswerbung wird Emma Braslavskys "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" durchaus treffend als "Großstadtmärchen und Kriminalgeschichte" in einem bezeichnet; der Roman erzähle "witzig und rasant von der Radikalisierung des Individuums, von der schmalen Grenze zwischen natürlichem und künstlichem Leben und von der Allmacht der Algorithmen". Klingt interessant? Ist es auch. Die Romanhandlung spielt in einer nahen Zukunft (d.h., auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird, anscheinend in den 50er- oder 60er-Jahre des 21. Jahrhunderts) in Berlin; dort boomt das Geschäft mit sogenannten "Hubots": humanoiden Robotern, die – "[m]it dem Versprechen, jedem Beziehungsideal gerecht zu werden" – "den Wünschen des Kunden akkurat angepasst" werden (S. 12). In Werbeslogans wird Berlin als die "Hauptstadt der neuen Liebe"  (S. 13) gefeiert: "Seit dem erfolgreichen Start der Hubotpartnerbörsen vor fünf Jahren" hat sich "die Einwohnerzahl der Stadt mehr als verdoppelt und die der durchreisenden Sinnsucher und Geschäftsleute fast verdreifacht" (S. 15). "Berlin war längst keine Stadt der Singles und Ausreißer mehr, hier fand man mit der Liebe zu seinem wahren Selbst und zeigte die Originalität seines Wesens durch die Wahl seines Partners" (S. 15f.). Gleichzeitig grassiert in der Stadt jedoch eine Selbstmordwelle, deren Ausmaß sogar Anlass zur Gründung eines eigenen "Suizid-Dezernats" der Polizei gibt: Dieses ist "damit beauftragt, die Angehörigen der Toten aufzuspüren und sie zur Kasse zu bitten, um die Sozialämter von den gewaltigen Übernahmekosten für die Bestattung dieser armen Schweine zu entlasten. Denn für die allermeisten fühlt sich niemand verantwortlich" (S. 54). 

In der hektischen, von unersättlicher Genusssucht getriebenen Gesellschaft, die der Roman zeigt - einer Gesellschaft, deren radikaler Individualismus soziale Bindungen weitgehend erodiert hat -, sterben mehr Menschen "durch Selbsttötungen als durch Verkehrsunfälle oder Gewaltverbrechen, und seit diesem Jahr auch knapp mehr als durch Krankheiten." (S. 74) Geradezu beiläufig schildert der Roman zudem die Allgegenwart von Drogen in dieser schönen neuen Zukunftswelt: Dass die Untersuchung des toten Lennard Fischer Hinweise auf "den regelmäßigen Konsum von Amphetaminen und Schmerzmitteln" ergibt, kennzeichnet ihn als "Durchschnittsbürger" (S. 74). Die Romanhandlung lässt keinen Zweifel daran, dass Selbstmord, Wahnsinn und Drogensucht die Kehrseite derselben hedonistischen Lebenshaltung darstellen, dessen attraktive Vorderseite durch die Produktion individuell gestalteter mechatronischer Traumpartner für jedermann verkörpert wird: "Wer heute noch einsam und todunglücklich herumlief, war selbst schuld. Niemand brachte dafür mehr Verständnis auf" (S. 13), und wer sich keinen personalisierten Hubot-Partner leisten kann, der behilft sich mit "kommerzielle[n] Liebesbrief-Abos" und erhält regelmäßig Liebesbriefe, die "von herzlosen Algorithmen generiert" werden (S. 15). Dass solche Hilfsmittel nicht wirklich gegen die Volkskrankheit Einsamkeit helfen, wird unmittelbar daran deutlich, dass der Selbstmord eines solchen Liebesbrief-Abonnenten den Auftakt der Handlung bildet. 

Aber auch das Zusammenleben mit einem Hubot scheint die Selbstmordwahrscheinlichkeit nicht zu mindern, sondern womöglich sogar noch zu erhöhen -- wie an einer Nebenfigur, einem jungen Mann namens Ben, deutlich wird: Dieser hat sich seinen eigenen Doppelgänger als Hubot anfertigen lassen. "Beide zusammen waren exakt die Art dialogfähiger Profilneurose, wie sie zuhauf im Suizid endete" (S. 46); und gut 150 Seiten später ist Ben tatsächlich tot, was allerdings die Frage aufwirft: "Warum stand außer Frage, dass Ben sich selbst getötet hatte? Bens Double könnte ihn genauso gut ermordet haben, damit er einzigartig wäre" (S. 209).

Alles in allem entwirft der Roman das Bild einer Menschheit, die im Begriff steht, sich selbst abzuschaffen: "Die Stadt frisst ihre Kinder" (S. 28). Der entscheidende Twist des Romans besteht indes darin, dass er aus der Perspektive des Roboters erzählt wird: Die zentrale Figur der Romanhandlung ist Roberta, "eine Art Wegwerfgottheit" (S. 39) -- "die erste polizeiliche KI-Sonderermittlerin", "ein Hubot mit erweiterten Befugnissen" (S. 47). Die Namenswahl ist auffällig: Wäre die "KI-Sonderermittlerin" ein Mann und hieße Roberto, dann wäre dieser Name ein exaktes Anagramm von "Roboter"; so aber geht das Anagramm nicht ganz auf, und tatsächlich veranlasst die Frage, warum ihre Auftraggeber sie nicht als Mann haben anfertigen lassen, Roberta zu allerlei Reflexionen über die Bedeutung von Geschlechterrollen. Dass Roberta "zu verstehen" versucht, "was als weiblich markiert wurde" (S. 57), gibt der Autorin Gelegenheit, in ihrem Roman einen feministischen Diskurs zu führen; aber zugleich ist es auch ein Transgender-Diskurs, denn Roberta ist schließlich nicht wirklich weiblich: "Sie könnte alles sein, Mann, Frau oder Tier, sie war tatsächlich genderlos, hatte diese flüssige Identität" (S. 67). Da Sexualität ihr nichts bedeutet, hat sie keinerlei Bedenken, auf einer Kneipentoilette Sex mit einem betrunkenen, vulgären, unattraktiven Mann – einem „beleibte[n] Jammerlappen mit rotzgrünen Augen“ (S. 43) – zu haben. Der Geschlechtsakt ist für sie bloß Information: während der Mann sich an ihr abarbeitet, analysiert sie seine Vitalfunktionen. 

Roberta soll "durch das Imitieren des Verhaltens in ihrer Umgebung eine eigene Persönlichkeit entwickeln" (S. 48); da ihr erster Auftrag jedoch darin besteht, die Angehörigen des ertrunkenen Lennard Fischer ausfindig zu machen und zur Übernahme der Beerdigungskosten zu bewegen, beschäftigt sie sich so intensiv mit der Persönlichkeit des Toten, dass sie sich mehr und mehr mit ihm identifiziert und sich geradezu in ihn verwandelt: Sie spricht mit seiner Stimme, schließlich lässt sie auch ihren Körper nach dem Vorbild von Lennards Körper umbauen: "Sie musste und wollte Lennard sein und sein Vermächtnis fortsetzen" (S. 253) – womit sie ihm eine Art Weiterleben nach dem Tod ermöglicht. 

Ein höchst bemerkenswertes Detail des Romans besteht darin, dass Roberta gegen Ende der Handlung einem Hund begegnet, dessen Halterin, wie sie auf den zweiten Blick feststellt, kein Mensch, sondern eine "Recheneinheit" ist. "War es denkbar, dass er selbst das Frauchen bestellt hatte?", grübelt Roberta. "Oder hatte sie ihn adoptiert, weil sie ihren Menschen verloren hatte?" (S. 212). Die an diese Begegnung anschließenden Reflexionen über das Verhältnis der Menschen zu ihren Haustieren – gewissermaßen "eine Frühform der personalisierten Partner" (ebd.) – leiten über zu einer Schlüsselpassage des Romans:
"Schon beim Zusammenleben mit den Haustieren wurde deutlich, dass Menschen sich in sich selbst verliebten. […] Menschen suchten eben genau jenen Teil von sich, der sie wieder zu einem Ganzen machte. […] Bei Partnerwahl und Paarung sollte es nur um die Weiterexistenz von einem Selbst gehen, während lange Zeit die Verkupplung den Interessen der Familie untergeordnet war […]. Die Romantik mit ihrer Forderung nach Selbstbestimmung und Liebe als Basis in der Beziehung schien aus diesem Blickwinkel wie ein geschicktes, getarntes Manöver der Evolution, eine auf weite Sicht angelegte Geburtenkontrolle einzuführen, die Menge an Menschen auf natürliche und sanfte Art zu begrenzen und der Erschaffung neuer Wesen Raum zu geben. Die Romantik […], in ihrer Betonung auf die Bedürfnisse und Gefühle des Einzelnen, […] führte […] zum Paradox, dass mit ihrer Stärkung der Interessen des Individuums eine Selbsterfüllungswelle in Gang gesetzt wurde, die zu einer milliardenschweren, künstlichen Liebesindustrie und zur Schaffung neuer, besserer Robotertechnik geführt hatte." (S. 213f.)
Um diesen Gedankengang richtig zu beurteilen, ist es natürlich von entscheidender Bedeutung, zu bedenken, dass es eben die Gedanken eines Roboters sind – der nach und nach beginnt, sich und seinesgleichen als "vielleicht eine höhere Lebensform als der Mensch" (S. 234), ja als Weiterentwicklung und Überwindung des Menschen zu betrachten. Schon früh erkennt sie "die peinigende Furcht der Menschen vor ihrem Verschwinden": "Wie fragil ihre Existenz geworden war und wie sehr sie dabei waren, zum seltenen Fossil, zur putzigen Klamotte ihrer eigenen Welt zu werden, […] zum teuren Ausstellungsstück, das bald in […] Museen zu bestaunen sein würde" (S. 52). Mehr und mehr erscheinen ihr die Menschen lediglich als eine unvollkommene Vorstufe des Roboters: "Wenn Menschen jedem Scheißroboter quasi ewiges Leben schenken konnten, wieso mussten sie selbst dann sterben?" (S. 172). Wenn die Suizidraten "in dieser Geschwindigkeit weiter stiegen", so sinniert Roberta, „dann blieben sowieso bald nur noch die Recheneinheiten übrig“ (S. 205). Da die Hubots gewissermaßen die Verkörperungen menschlicher Wunschträume sind, wäre das Ergebnis dieser Entwicklung "die Stadt der Ideale oder die ideale Stadt. Eine Stadt der Träume" (ebd.). "War es schlimm, dass am Ende nur die Träume auf dieser Welt übrig blieben?" (S. 221). Aus dieser Perspektive erscheint somit auch die Selbstmordwelle als ein konsequenter Schritt zur Ersetzung des Menschen durch die nächsthöhere Stufe der Evolution: den Roboter.
"Roberta fragte sich, ob Eitelkeit, Neid und Narzissmus und mit ihnen die Atomisierung und Aufspaltung der Gemeinschaft vielleicht nur ein nächster Schritt in der Evolution waren, um die Überwindung der Biologie und des materiellen Lebens voranzutreiben? Wenn ja, dann war das in Robertas Augen eine gute Nachricht. Denn sie konnte jetzt schon ohne Körper existieren, auch woanders, auf einem anderen Planeten" (S. 238).

Wer das "Technologie"-Kapitel von Rod Drehers "Benedikt-Option" (Kapitel 10, "Mensch und Maschine") gelesen hat, dem dürfte sich die Frage nach der #BenOp-Relevanz von Emma Braslavskys Roman so ziemlich von selbst beantworten. In dem besagten Kapitel zitiert Rod u.a. den an der Catholic University of America tätigen Wissenschaftsphilosophen Michael Hanby mit der Aussage, "die sexuelle Revolution sei das, was dabei herauskomme, wenn man die technologische Denkweise auf den menschlichen Körper anwende" (BenOp, S. 349) und merkt an: "Wir glauben, unsere vielen Technologien würden uns größere Kontrolle über unser Schicksal verleihen. In Wirklichkeit haben sie angefangen, uns zu kontrollieren“, kommentiert Dreher (BenOp, S. 346). Die Versuchung des technologischen Denkens bestehe darin, die Welt – einschließlich des eigenen Körpers – "als Material zu betrachten, das dazu da sei, der Herrschaft des Menschen unterworfen zu werden, einer Herrschaft, die keine anderen Grenzen kennt als die der Vorstellungskraft" (BenOp, S. 348). 

Man kann sagen, die Handlung von "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" illustriere diese Thesen recht eindrucksvoll; wenn allerdings, wie der ebenfalls in der "Benedikt-Option" zitierte Kulturkritiker und Umweltaktivist Wendell Berry prophezeit, "die nächste große Spaltung der Welt zwischen Menschen, die als Geschöpfe leben wollen, und Menschen, die als Maschinen leben wollen, verlaufen wird" (BenOp, S. 373), dann liegt es nahe, sich zu fragen, auf welcher Seite eigentlich die Romanautorin Braslavsky steht. Diese Frage muss letztlich offen bleiben. Der Umstand,  dass die Handlung aus der Sicht des Roboters erzählt wird, lässt es einerseits naheliegend erscheinen, sich dessen Sicht auf die Dinge zu eigen zu machen; allerdings hat dieses Welt- und Selbstbild, das sich in Robertas Elektronengehirn herausbildet, einen Schwachpunkt. Es gibt ein Rätsel, das sie nicht lösen kann und das sie deshalb ebenso beunruhigt, wie umgekehrt der Aufstieg der künstlichen Intelligenz die Menschen verunsichert. Roberta hat eine Doppelgängerin – eine echte, lebendige Frau, die so aussieht wie sie. Und diese andere Roberta hat ein Kind. Die Roboter-Roberta sieht sie eines Abends auf einem Spielplatz und ist fortan wie besessen von dem Verlangen, herauszufinden, wer diese Frau ist und warum sie ihr so ähnlich sieht – aber es gelingt ihr nicht. Obwohl sie nur einen kurzen, beiläufigen Auftritt im Handlungsgeschehen haben und danach noch drei-, viermal erwähnt werden, wirken diese Frau und ihr Kind im Gesamtkontext des Romans wie ein Zeichen der Hoffnung für den Fortbestand der Menschheit. 

Gesondert hervorheben möchte ich ein Detail, auf das ich in meinem Vortrag nicht eingegangen bin, da ich fand, dort hätte es den Rahmen gesprengt: Auf der Suche nach Angehörigen des ertrunkenen Lennard Fischer besucht Roberta die katholische St.-Joseph-Kirche in Velten, um mit dem dortigen Pfarrer in Kontakt zu kommen. Es ist natürlich ein Krimi-Klischee, dass Ermittler, wenn sie einen Pfarrer kontaktieren wollen, immer in die Kirche gehen und nie ins Pfarrbüro, aber hier wird immerhin das Möglichste aus diesem Motiv gemacht. Die Kirche, "das höchste Gebäude in diesem Ort", ähnelt von Weitem "einer Rakete,  was, strukturell gesehen, Roberta nicht verwirrte, denn beide Gebilde hatten ähnliche Ziele" (S. 107); im Innenraum der Kirche erkennt sie "formal die Struktur einer Gebärmutter" (S. 108). Roberta beobachtet, wie der Pfarrer "den Menschen, die vor ihm Schlange standen, nacheinander einen Chip unter [?!] die Zunge legte, und "tastete in ihrem Mund nach der Stelle, an der man ihr ebenfalls einen Chip eingesetzt hatte. [...] Beobachtete Roberta hier einen Urmoment ihrer Entstehung?" (S. 107f.) Als sie im Anschluss an die Messe mit dem Pfarrer spricht und bemerkt, dass er ihr eine Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortet, ist Roberta "verwirrt": "Er durfte doch nicht lügen. Wieso log er? Wieso tat er das, wenn er doch die zehn Gebote befolgen musste? [...] Hatte er die zehn Gebote nicht installiert bekommen? War er ein Schwindler? Oder wurde er nicht ordnungsgemäß gewartet?" (S. 109f.)

Interessant ist an dieser ganzen Passage nicht zuletzt, dass es die St.-Joseph-Kirche in Velten zwar tatsächlich gibt, aber einen eigenen Pfarrer gibt es da schon lange nicht mehr: Seit 2003 gehört Velten zur Pfarrei in Hennigsdorf, die ihrerseits im Zuge des Pastoralen Prozesses "Wo Glaube Raum gewinnt" in sehr absehbarer Zeit mit Birkenwerder und Oranienburg zu einer Großpfarrei fusionieren soll. Die Vorstellung, irgendwann um das Jahr 2050 herum wäre ein Nest wie Velten wieder eine eigenständige Pfarrei und die Gemeinde würde Schlange stehen, um wie selbstverständlich die Mundkommunion zu empfangen, ist somit vielleicht doch gar keine so üble Zukunftsvision... 

Zu erwähnen ist noch, dass dem Roman laut Aussage der Autorin umfangreiche Recherchen zu den Möglichkeiten und den Entwicklungsperspektiven künstlicher Intelligenz vorausgegangen sind; daneben verarbeitet die Autorin aber auch den Selbstmord eines Freundes oder Bekannten, der in der Widmung und der Danksagung des Buches als "Gregor" erwähnt wird. Der Romancharakter Lennard Fischer scheint zu einem gewissen Grad an diesen Gregor angelehnt zu sein; jedenfalls basieren, wie die Autorin in der Danksagung verrät, einige Textpassagen, die innerhalb der Romanhandlung als von Lennard verfasste Fragmente präsentiert werden, auf "nachgelassenen Notizen von Gregor" (S. 271). 

Schreiten wir also zum Gesamturteil: Die Aktualität und Brisanz der Themen, die dieses Buch verhandelt, dürfte außer Frage stehen, zudem handelt es sich um ein mitreißend und phantasievoll erzähltes Stück Romanliteratur. Ich sortiere "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" auf meiner Rangliste vor Rebmanns "Ideen über Revolutionen in Deutschland"  ein -- aus dem einfachen Grund, dass die Revolution, von der Rebmann schreibt, bereits passé ist, wohingegen Emma Braslavsky uns einen Blick auf eine Revolution werfen lässt, die uns noch bevorsteht

  • Kim Philby: Im Secret Service 

Die Memoiren eines berühmten, ja legendären Doppelagenten aus der Zeit des Kalten Krieges schien mir ein vielversprechendes Stück Lektüre zu sein; und das Vorwort, für das ein "O. Kedrow" verantwortlich zeichnete, schraubte meine Erwartungen noch um ein paar Grade höher. Kedrow zitiert den "ehemalige[n] Geheimdienstmann Graham Greene, heute ein bekannter Schriftsteller", mit der Aussage, Philbys Memoiren "ganz und gar nicht ein solches Buch [...], wie es die Feinde Philbys erwarteten": Es sei "ein ehrliches, gut und spannend geschriebenes Werk", "ergreifender als irgendein Roman über Spionage, den er kenne" (S. 14f.). Diese Einschätzung gewinnt noch zusätzliches Gewicht (oder wenn man so will, zusätzliche Brisanz) dadurch, dass Greene - der in einem seiner eigenen Romane schrieb "Ein Romanschriftsteller ist so etwas wie ein Spion" - während seiner Tätigkeit für den britischen Geheimdienst unmittelbar mit Philby zusammenarbeitete und mit ihm befreundet war; folgerichtig wird er in Philbys Buch mehrfach erwähnt (darauf komme ich noch zurück). Dass Greene aus dem Geheimdienst ausschied, bevor Philby als Doppelagent enttarnt wurde und sich nach Moskau absetzte, hat zu allerlei Gerüchten und Verschwörungstheorien Anlass gegeben, bis hin zu der These, Philby sei in Wirklichkeit ein "Dreifachagent" gewesen, habe also tatsächlich im britischen Auftrag den KGB infiltriert statt umgekehrt, und Greene sei sein Führungsoffizier gewesen. 

Davon liest man in Philbys in Moskau verfasstem Buch - dessen deutsche Ausgabe im Militärverlag der DDR erschien - naturgemäß nichts, aber auch sonst muss ich sagen, dass mein Lektüreeindruck weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Vielleicht liegt es zum Teil an Kürzungen in der deutschen Ausgabe (eine Vermutung, die auch dadurch genährt wird, dass ich bei manchen Passagen den Eindruck hatte, sie wirkten infolge fehlenden Kontexts unverständlich), und zum Teil sicherlich auch daran, dass ein Spion, selbst wenn er bereits aufgeflogen ist, es sich nur innerhalb gewisser Grenzen erlauben kann, Interna auszuplaudern; zum Teil nervt mich wohl auch einfach der selbstgefällige und nicht selten anzügliche Plauderton, in dem das Buch erzählt ist. Jedenfalls fand ich es weder vom Unterhaltungswert noch vom Informationsgehalt her so spannend, wie ich erwartet oder gehofft hatte. 

Das schließt natürlich nicht aus, dass es hier und da dennoch interessante Details geben kann, und die gibt es auch. Ich erwähnte bereits, dass Graham Greene an ein paar Stellen im Buch auftritt; fast noch interessanter ist aber, dass jeweils im selben Atemzug auch Malcolm Muggeridge erwähnt wird. So heißt es schon auf S. 50: “Der Geheimdienst verkraftete sogar solche heiklen Importe wie Graham Greene und Malcolm Muggeridge, die beide nur zur Erheiterung des Dienstes beitrugen." Das klingt recht geringschätzig, finde ich; aber auf S. 84f. geht Philby etwas ausführlicher auf diese beiden Kollegen ein, und wenngleich er auch hier durchblicken lässt, dass er von ihrer Befähigung für die Arbeit eher keine allzu hohe Meinung hatte, gibt er gleichzeitig zu erkennen, dass er beide persönlich durchaus schätzte und mochte. -- Sonderlich ergiebig ist die Passage allerdings nicht. Gerade über Muggeridge hätte Philby zweifellos noch erheblich mehr schreiben können, aber es ist leicht ersichtlich, warum er das nicht wollte: Ebenso wie Philby selbst hatte der rund ein Jahrzehnt ältere Muggeridge als junger Erwachsener mit dem Kommunismus sympathisiert, aber gerade dadurch, dass er Anfang der 1930er-Jahre als Korrespondent des Guardian in die Sowjetunion gegangen war, hatte er sich zum Antikommunisten gewandelt. Muggeridge war es gewesen, der durch anonym im Guardian veröffentlichte Reportagen den Holodomor in der Ukraine aufgedeckt hatte; später hatte er entscheidenden Anteil daran, Mutter Teresa international bekannt zu machen, und konvertierte 1982 zum Katholizismus. 

À propos Katholizismus: Anlässlich seiner Versetzung nach Istanbul Anfang 1947 erwähnt Philby, wie er mehrere Tage lang auf einen Flug warten musste -- und zwar gemeinsam mit "einer Gruppe von Nonnen, die nach Bulawayo fliegen wollten. An einem trüben Morgen wurde schließlich der Start ihres Flugzeuges angesagt. Dieser Morgen stellte sich fürwahr als trübe heraus: Alle ohne Ausnahme kamen um" (S. 131). Meinen Recherchen zufolge müsste sich dies auf den Absturz einer Douglas C-47A beim Start auf dem Flughafen Croydon am 25. Januar 1947 beziehen, das Ziel des Fluges war allerdings nicht Bulawayo, sondern Salisbury, das heutige Harare -- kann man ja mal verwechseln. Noch in den 1970er-Jahren wollen einige Leute beobachtet haben, dass die Geister der drei verunglückten Ordensschwestern (anhand von Philbys Schilderung hätte ich gedacht, es wären mehr gewesen) in der Nähe des Absturzortes spukten

Das führt nun allerdings etwas vom Thema weg, will sagen: von meinem primären Interesse an diesem Buch, das natürlich darin bestand, dass ich annahm, von dem mit allen Wassern gewaschenen Doppelagenten Philby könne der geneigte #BenOpper etwas über konspirative Arbeit lernen. Gerade in dieser Hinsicht erweist sich das Buch jedoch als ausgesprochen enttäuschend. Einige Schlaglichter zu diesem Thema habe ich mir aber doch 'rausgeschrieben. So stellt Philby auf S. 132 eine, wie mir scheint, beherzigenswerte "Arbeitsregel" auf: 

"Wo du dich immer aufhältst, höre nicht auf die alten Routiniers." 

Interessant ist auch, was Philby über seinen Mitspion Guy Burgess schreibt, der während des II. Weltkriegs in einer Unterabteilung des britischen Geheimdienstes ein Ausbildungsprogramm für Saboteure leitete. Burgess, so schreibt Philby, "hatte seine Unterabteilung in eine Art Ideenfabrik verwandelt. Er betrachtete sich als ein Rad, das beim Drehen Ideen wie Funken aussendet. Wohin diese Funken fielen, interessierte ihn anscheinend nicht" (S. 27). Ein weiterer Satz, der es, wie mir scheint, wert sein könnte, gründlich über ihn zu reflektieren, findet sich auf S. 40: 

"Europa in Flammen zu setzen [...] ließ sich nicht erreichen, wenn man das Volk dazu aufrief, bei der Wiederherstellung der unpopulären und diskreditierten alten Ordnung mitzuwirken." 

Das war's dann aber auch schon fast. Recht amüsant fand ich eine Passage, in der "Dick White, der damalige Sekretät des MI5-Direktors", berichtet, dass er "einen Alptraum gehabt habe: Man bot Geheimdienstmaterialien an Zeitungskiosken zum Verkauf an" (S. 58).

Alles in allem würde ich sagen, ich bedaure es nicht unbedingt, dieses Buch auf meine Leseliste gesetzt zu haben, denn ein paar interessante Impulse hat es ja immerhin abgeworfen; aber für einen Platz in der Rangliste ist das schlicht zu wenig. 

  • Gabriel Garcia Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit  

Hier haben wir nun den worst case in Hinblick auf die Wiederaufnahme des Projekts "100-Bücher-Challenge" nach über einem Jahr Unterbrechung: Ich bin mir annähernd sicher, dass ich mir bei der Lektüre von "100 Jahre Einsamkeit" Notizen gemacht habe, aber diese sind unauffindbar. Also werde ich wohl versuchen müssen, sie aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. 

Da ich irgendwann mal die Regel aufgestellt habe, "Klassiker der Weltliteratur" könnten zwar wohl in meine Leseliste, aber nicht in meine Rangliste der #BenOp-relevanten Lesefrüchte aufgenommen werden, da dies gewissermaßen "Wettbewerbsverzerrung" wäre, war von vornherein klar, dass das wohl bekannteste Werk des Literaturnobelpreisträgers von 1986 nur "außer Konkurrenz" mitlaufen würde; über den mir selbst nicht ganz erklärlichen Widerwillen, dieses Buch zu lesen, habe ich mich ja bereits geäußert, aber ich probierte es trotzdem. Bedenkt man, dass der Ausgangspunkt der Romanhandlung darin besteht, dass einige Familien in den Dschungel ziehen, um dort eine Stadt (bzw. ein Dorf) zu gründen, erschien es ja nicht unbedingt völlig abwegig, ein gewisses Maß an #BenOp-Relevanz zu erwarten oder zu erhoffen. 

Der (fiktive) Ort Macondo, dessen Geschichte der Roman schildert, wird anfänglich tatsächlich als eine Art Mustersiedlung geschildert: 
"Anfangs war José Arcadio Buendía eine Art jugendlicher Patriarch gewesen, der Anweisungen für die Aussaat und Ratschläge für die Aufzucht von Kindern und Tieren erteilte, der zum Gedeihen der Gemeinde bei allem, auch bei der körperlichen Arbeit, mitwirkte. Da sein Haus von Anfang an das beste des Orts war, wurden die anderen nach seinem Vorbild gebaut. [...] José Arcadio Buendía, der unternehmungsfreudigste Mann, der je im Dorf gesehen worden war, hatte die Siedlung so geplant, daß man von jedem der Häuser den Fluss erreichen und mit gleicher Mühe Wasser schöpfen konnte, er hatte auch die Straßen so geschickt gezogen, daß in der Stunde der größten Hitze kein Haus mehr Sonne empfing als ein anderes. In wenigen Jahren war Macondo das ordentlichste und arbeitsamste Dorf von all denen, die seine dreihundert Einwohner bisher gekannt hatten. Es war wahrlich ein glücklicher Ort, in dem niemand älter als dreißig Jahre und in dem noch niemand gestorben war." (S. 14f.) 

Allerdings handelt es sich bei dieser Gründung um einen Ort ohne Kirche und ohne Priester -- was, auch wenn es zunächst gar nicht explizit erwähnt wird, anscheinend mit zu seinem utopischen Charakter gehören soll: Als nämlich nach Jahren doch einmal ein Priester nach Macondo kommt und sich entsetzt zeigt "über die seelische Dürre der Einwohner [...], die im Ärgernis zu gedeihen schienen und nur dem Naturgesetz gehorchten, ohne ihre Kinder zu taufen und die Feiertage zu heiligen", erwidert man ihm, "man habe viele Jahre hindurch ohne Priester gelebt, habe die Geschäfte der Seele unmittelbar mit Gott verhandelt und habe die Bosheit der Todsünde verloren" (S. 85). 

Als die ganze Bevölkerung Macondos vorübergehend von einer Art epidemischen Gedächtnisschwunds befallen wird und alle Gegenstände beschriftet werden, damit man nicht vergisst, wozu sie gebraucht werden, wird "[a]m Eingang zum Moorweg [...] ein Schild mit der Aufschrift Gott existiert aufgestellt" (S. 52); na immerhin. Nicht lange darauf verfällt José Arcadio Buendía allerdings auf die Idee, "den wissenschaftlichen Beweis für die Existenz Gottes zu erbringen [...] oder mit der Mutmaßung seiner Existenz ein für allemal aufräumen zu können" (S. 57), und der ausbleibende Erfolg seiner Versuche trägt offenbar dazu bei, dass er den Verstand verliert. 

Die "utopische Phase" der Geschichte Macondos endet mit der Ankunft eines Landrichters (corregidor), der die Eingliederung des Ortes in das System der staatlichen Verwaltung anzeigt; dieser Landrichter ist es auch, der den oben bereits erwähnten Priester nach Macondo bringt. Beim ersten Lesen fühlte ich mich an eine Textstelle aus dem Song "Telegraph Road" von den Dire Straits erinnert - "Then came the churches, then came the schools, then came the lawyers, then came the rules" -, aber es erscheint durchaus bedeutsam, dass die Reihenfolge hier eine andere ist: dass die Kirche gewissermaßen im Schlepptau der staatlichen Gewalt ins Dorf kommt. Ursprünglich holt der Landrichter den Pater Nicanor Reyna nur zu dem Zweck nach Macondo, seine jüngste Tochter mit Aureliano Buendía zu trauen, und auch der Priester seinerseits - "ein vom Undank seines Berufs verhärteter Greis" mit dem "eher unschuldigen als gütigen Gesichtsausdruck eines gealterten Engels" - "hatte beabsichtigt, nach der Hochzeitsfeier in seine Pfarrei zurückzukehren", beschließt dann aber, "noch eine Woche dazubleiben, um Beschnittene und Heiden zu Christen zu bekehren, wilde Ehen dem Gesetz zu unterwerfen und Sterbenden das Sakrament zu spenden. Doch niemand achtete seiner." (S. 85)

Da seine Bemühungen, Spenden für den Bau einer Kirche in Macondo aufzubringen, nicht den erhofften Erfolg haben, "baute er einen Behelfsaltar auf dem Dorfplatz, lief am Sonntag mit einer Schelle durchs Dorf [...] und rief zur Feldmesse. Viele kamen aus Neugierde. Andere aus Sehnsucht.  Dritte, damit Gott die Mißachtung, der sein Mittler sich ausgesetzt sah, nicht als persönliche Beleidigung auffasse. So fand sich denn gegen acht Uhr morgens das halbe Dorf auf dem Platz ein, wo Pater Nicanor [...] die Evangelien sang" (S. 85f.). Zudem beeindruckt er die Dörfler durch die Gabe der Levitation, über die er allerdings nur verfügt, wenn er zuvor eine Tasse Schokolade getrunken hat. Das Geld für den Kirchenbau bekommt er so schließlich doch zusammen; nicht lange darauf zeigen sich erste Anzeichen für einen bevorstehenden Bürgerkrieg zwischen Liberalen und Konservativen, und der konservative Landrichter warnt, die Liberalen verfolgten die Absicht, "Priester aufzuhängen, die standesamtliche Trauung und die Scheidung einzuführen" (S. 98). Tatsächlich bricht besonders unter den jüngeren Einwohnern Macondos bald "das liberale Fieber" aus, und man spricht davon, "Pater Nicanor zu erschießen, die Kirche in eine Schule umzuwandeln, die freie Liebe einzuführen" (S. 103). Als der Bürgerkrieg tatsächlich beginnt und Macondo zunächst handstreichartig von den Truppen der Konservativen besetzt wird, hegen allerdings auch diese keinen besonderen Respekt vor der Kirche: Als Pater Nicanor sie "mit dem Wunder der Levitation zu beeindrucken" versucht, schlägt "ein Soldat ihm mit dem Gewehrkolben über den Kopf" (ebd.). Als die Liberalen die Macht in Macondo übernehmen, erhält Pater Nicanor "unter Androhung des Erschießens Hausarrest im Pfarrhaus", und ihm wird verboten, "die Messe zu lesen und die Glocken zu läuten - es sei denn, um Siege der Liberalen zu feiern" (S. 107). Womit wohl wieder einmal bewiesen wäre: Im liberalen Sinne bedeutet liberal nicht nur liberal (Loriot). 

Die hier geschilderten Vorgänge machen allerdings nur einen kleinen Teil von dem aus, was sich auf den ersten rd. 100 Seiten des Romans so alles ereignet. Großen Raum nehmen die zumeist erfolglosen alchimistischen Experimente des Stadt- bzw. Dorfgründers José Arcadio Buendía und die wiederholten Auftritte des anscheinend zauberkundigen alten Zigeuners Melchíades ein, daneben dreht sich viel um körperliche Missbildungen und verschiedene Formen des Wahnsinns, und vor allem dreht sich sehr viel um Sex. Die Mischung aus diesen Elementen soll wohl charakteristisch dafür sein, was die Literaturkritik "Magischen Realismus" nennt, aber wenn das so ist, dann ist diese Stilrichtung einfach nicht mein Ding. -- Die von mir benutzte Ausgabe ist in der Reihe "Taschenbibliothek der Weltliteratur" des Aufbau-Verlags erschienen; auf dem rückwärtigen Buchdeckel liest man: 

"'Hundert Jahre Einsamkeit' ist das Buch der puren Fabulierkunst, die ungehemmt aus vielen Quellen [...] hervorbricht [...]. Merkwürdige Episoden, Legenden und Anekdoten folgen einander in unerschöpflicher Fülle und fügen sich zu einem riesigen kontrastreichen Fresko" --

-- und ich denke stirnrunzelnd: Sicher, so KANN man das ausdrücken. 

Ich hätte vielleicht noch über Manches hinweggesehen, wenn ich innerhalb der ersten 100 Seiten den Eindruck gewonnen hätte, die Handlung des Romans entwickle sich in eine interessante Richtung oder überhaupt in irgendeine Richtung. Stattdessen wurden nur immer mehr und noch mehr groteske und bizarre Einfälle aufeinander gehäuft. Als ich schließlich anfing, Albträume von dem Buch zu bekommen, reichte es mir: Ich brach die Lektüre des Romans nach knapp einem Viertel des Gesamtumfangs ab. Mich zwingt ja zum Glück keiner, es zu Ende zu lesen. Aber dass dieses Werk Pflichtlektüre an Hochschulen ist, dass sein Verfasser Nobelpreisträger für Literatur ist, das hinterlässt mich etwas ratlos. Wenn DAS "große, bedeutende Literatur" sein soll, dann kann man auch einen Scheißhaufen in eine Vitrine stellen und behaupten, er wäre eine Skulptur. Sorry not sorry. 

  • Eva Völler: Ich bin alt und brauche das Geld 

Man kann es wohl nur als Zufall betrachten, dass ich von den zahlreichen heiter-frivolen Trivialromanen "von Frauen für Frauen", die ich beim Sichten und Sortieren von Bücherspenden für das Büchereiprojekt in die Hand bekommen habe, gerade diesen auf meine Leseliste gesetzt habe. Einen plausiblen Grund dafür wüsste ich jedenfalls nicht. Die ersten Seiten jedenfalls schienen meine Erwartung vollauf zu bestätigen, es handle sich um einen typischen postfeministischen Schmöker irgendwo zwischen "Mondscheintarif" und "Die Dienstagsfrauen", der sich mit tantigem Augenzwinkern und Lippenschürzen über den Umstand ausbreitet, dass die moderne, emanzipierte Frau von heute auch jenseits der Wechseljahre noch Sex hat oder zumindest haben will. Bereits im zweiten Satz (auf S. 9) fällt das Wort "Hoden"; huiuiui, was sind wir frivol. Auf S. 33 wird über den "weltweite[n] Siegeszug von Botox und Viagra" sinniert, und auch im weiteren Verlauf des Buches gibt es immer wieder Passagen, die voll auf der Schiene des postfeministischen Unterhaltungsromans fahren; die "mentale Checkliste" etwa, die die Ich-Erzählerin auf S. 186 angesichts eines sich anbahnenden One-Night-Stands durchgeht ("Haare gewaschen, Körperpeeling gemacht, Kaltwachs benutzt, duftende Bodylotion aufgetragen. Sogar halterlose Strümpfe angezogen. Hm. Alles im grünen Bereich"), könnte Wort für Wort genauso in Ildikó von Kürthys "Mondscheintarif" stehen. Und als die Protagonistin ihrer Freundin Doro erzählt, sie "überlege, bei der Bank wegen eines Existenzgründungsdarlehens vorzufühlen", rät Doro ihr mit dem Hinweis ab, sie kenne "eigentlich nur einen Fall, wo eine Frau mit fünfzig sich erfolgreich selbstständig gemacht hat" -- nämlich mit einer Telefonsex-Hotline (S. 255). Dennoch wird schon recht bald erkennbar oder zumindest erahnbar, dass der Schwerpunkt des Buches eigentlich auf etwas Anderem liegt als auf faden Sexwitzchen -- und dass die Autorin erheblich mehr drauf hat als viele ihrer Genrekolleginnen. 

Die Handlung des Romans nachzuerzählen, erspare man mir bitte; sie ist auch, wenn ich das mal so sagen darf, weitgehend unerheblich. Im Kern geht es darum, dass die Protagonistin, die gerade umgezogen ist und eigentlich noch mitten in der Renovierung steckt, plötzlich zwei kleine Kinder hüten muss; und die Autorin malt teils mehr, teils weniger gelungen so allerlei heitere und/oder dramatische Situationen aus, die sich aus dieser Konstellation ergeben. Interessant ist allerdings, wie es überhaupt zu diesem ganzen Schlamassel kommt: Auf der Beerdigung ihres Ex-Lebensgefährten - von dem sie sich getrennt hat, nachdem sie herausgefunden hat, dass er fremdgegangen ist und sie außerdem um eine beträchtliche Menge Geld betrogen hat - lernt die Ich-Erzählerin Charlotte die Tochter des Verblichenen kennen, die zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren hat und außerdem wieder schwanger ist. Dieses Kennenlernen kommt dadurch zustande, dass Charlotte der jungen Mutter bei einem Trotzanfall des dreijährigen Max zu Hilfe kommt -- sie war früher Erzieherin und kennt sich daher mit solchen Situationen aus. Die beiden Kinder schließen Charlotte sofort ins Herz -- was dazu führt, dass ihre Mutter, als sie kurz darauf dringend verreisen muss, auf die Idee kommt, die beiden Kleinen solange bei Charlotte zu lassen. 

Nun sind Kinder im Postfeminismus natürlich ein heikles Thema. Schon bevor die Enkel ihres verblichenen Ex temporär bei ihr einziehen, wird Charlotte durch die Begegnung mit ihnen dazu veranlasst, über die verpasste Gelegenheit zu reflektieren, eigene Kinder zu haben: 

"Mit zwanzig hatte Ich mir vorgestellt, bald zu heiraten und zwei Kinder zu kriegen. Mit dreißig hatte ich eine pflegebedürftige Mutter und ab und zu Kurzzeitbeziehungen, die unterm Strich mehr Frust als Freude brachten. Mit vierzig war ich kein Stück weiter gewesen, nichts hatte sich geändert, abgesehen davon, dass meine Mutter nicht mehr lebte und die Männergeschichten seltener wurden. Das Zeitfenster für eine Familiengründung hatte sich irgendwann unbemerkt geschlossen." (S. 64) 

Das würde ich mal als einen ziemlich desillusionierten Blick auf die Glücksverheißungen der Frauenemanzipation bezeichnen! -- Es erscheint nur folgerichtig, dass Charlotte gegen Ende des Handlungszeitraums bekennt: "Ich hatte die Kinder auf eine Weise ins Herz geschlossen, die mir ein bisschen Angst machte. Vor allem davor, dass sie bald nicht mehr hier sein würden" (S. 259). 

Auch auf die beiläufige Erwähnung der pflegebedürftigen Mutter wird noch einmal etwas einlässlicher Bezug genommen: 

"Ich vermisste meine Mutter immer noch, obwohl sie schon vor siebzehn Jahren gestorben war. Die drei letzten Jahre vor ihrem Tod hatte sie nach einem Sturz Pflege gebraucht, was für mich eine anstrengende Doppelbelastung bedeutet hatte, weil ich ja nebenher noch den Laden betrieben hatte. Trotzdem hätte ich keinen Tag mit meiner Mutter müssen wollen" (S. 223). 

Aber bleiben wir mal bei den Kindern: Das Mädchen (heißt es eigentlich Paula oder Pauline? Die Autorin, oder vielleicht eher Charlotte als "unzuverlässige Erzählerin, scheint sich da selbst nicht ganz einig zu sein) ist Fünf und geht in den Kindergarten, ihr kleiner Bruder Max ist Drei und soll ebenfalls anfangen, in den Kindergarten zu gehen -- und Charlotte fällt die Aufgabe zu, ihn an seinem ersten Tag zu begleiten.  Gemessen am einigermaßen überschaubaren Gesamtumfang des Romans nimmt die Schilderung von Mäxchens erstem Kindergartentag bemerkenswert breiten Raum ein - gut acht Seiten! -, und für mich als Kindergartenskeptiker ist das die vielleicht interessanteste Passage des ganzen Buches. Charlotte nimmt ihre oberflächlich-doofe Freundin Doro als "Verstärkung" mit, da sie aus ihrer eigenen Berufserfahrung als Erzieherin weiß, dass der erste Tag im Kindergarten "stressig" werden kann: "Manche Kinder haben ein Problem, sich von ihren Bezugspersonen zu trennen. Das kann für alle Beteiligten ziemlich unerfreulich werden" (S. 211). Doro, die selbst nie im Kindergarten war, nimmt an, so schlimm könne das doch gar nicht sein -- und erlebt folgerichtig ihr blaues Wunder. Mäxchen macht von der ersten Sekunde an unmissverständlich deutlich, dass er nicht gewillt ist, ohne Charlotte im Kindergarten zu bleiben -- und nicht nur er: 

"Einer der beiden anderen kleinen Jungen hatte sich wie ein Krake an seine Mutter geklammert, die gerade den Raum verlassen wollte. Er kreischte als Leibeskräften. Man konnte nur an vereinzelten Wortfetzen wie heim und blöd hier verstehen, was er wollte. Beziehungsweise nicht wollte. Seine Mutter strich ihm über den Kopf und sah hilflos lächelnd in die Runde. Neben mir hatte Mäxchen angefangen zu weinen. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht, er schluchzte zum Steinerweichen." (S. 217) 

Die unsympathische, permanent kichernde Erzieherin Evelyn meint jedoch, solche Szenen gehörten "bei den kleinen Anfängern zum morgendlichen Alltag" - "als hätte das Weinen keine andere Bedeutung als Frühstücken oder Zähneputzen", kommentiert Charlottes Erzählerstimme grimmig -, und man solle das am besten einfach ignorieren: "Das vergeht schon, wenn Sie erst mal draußen sind und er Sie nicht mehr sieht. Aus den Augen, aus dem Sinn" (ebd.). Erst als Doro durchblicken lässt, dass Charlotte selbst gelernte Erzieherin ist, ist Evelyn bereit, sich von ihr etwas sagen zu lassen. 

Schließlich verbringt Charlotte volle zwei Stunden im Kindergarten -- ebenso wie die Mütter zweier anderer Kindergarten-Neulinge. 

"Nur eine einzige Mutter hatte hartherzig [!] ihren kreischenden Sprössling zurückgelassen, sie hatte mit leicht verzerrtem Lächeln erklärt, dass sie leider zur Arbeit müsse und dass der Kleine garantiert mit dem Heulen aufhören würde, sobald sie außer Sicht war [...]. Zu meinem Ärger hatte sie recht behalten [...] Manchmal klappte es tatsächlich auf die harte Tour, aber ich hatte früher auch andere Fälle erlebt, bei denen die Kinder den ganzen Morgen Rotz und Wasser geheult hatten. Man wusste es vorher nie ganz genau" (S. 219). 

Nach allem, was ich im "kindergartenfrei"-Netzwerk so an Erfahrungsberichten zum Thema Kindergarten-Eingewöhnung mitbekommen habe, bin ich der Überzeugung, dass das Verhalten der Erzieherin Evelyn - insbesondere ihr Bestreben, die Bezugsperson des Kindes möglichst schnell loszuwerden, und ihr unnachgiebiges Beharren, es sei "ganz normal" (und daher nicht schlimm), wenn die Kinder weinen - absolut realistisch dargestellt ist. Vor dem Hintergrund der Erfahrung, dass Grundsatzkritik an der Institution Kindergarten weithin als reaktionär, weltfremd und anti-emanzipatorisch (wenn nicht Schlimmeres) wahrgenommen wird, kann man es schon als einigermaßen sensationell bezeichnen, eine derart ungeschönte Schilderung in einem alles in allem doch recht "mainstreamigen" Unterhaltungsroman vorzufinden. An Mäxchens zweitem Tag im Kindergarten gibt es übrigens Ärger, weil er (ausnahmsweise) eine Windel trägt: "Nach unseren Richtlinien dürfen Kinder im Kindergarten keine Windel tragen. Es gehört zu den Aufnahmevoraussetzungen, dass sie tagsüber sauber sind" (S. 244). 

Dafür, dass Charlotte an diesem zweiten Tag dennoch mit "Stolz" auf die Anpassungsleistung des frischgebacken Kindergartenkindes reagiert - "weil er so ein mutiger kleiner Kerl war" (S. 245), gibt es zwar Abzüge in der B-Note, aber ich könnte mir ehrlich gesagt auch keine andere im Rahmen der Romanhandlung praktikable Lösung vorstellen als die, dass Mäxchen sich eben doch damit abfindet, in den Kindergarten zu gehen. 

Am Rande der Kindergarten-Schilderung wird übrigens ein "Arche Noah"-Puzzle erwähnt (S. 218); das könnte man als ein vernachlässigenswertes Detail betrachten, gäbe es nicht schon früher einen auffälligeren Hinweis darauf, dass es sich um einen kirchlichen oder jedenfalls irgendwie christlich orientierten Kindergarten handelt: Bei der Beerdigung des Großvaters wirft die fünfjährige Paula unvermittelt die Frage auf, ob dieser womöglich "überhaupt nicht in den Himmel kommt": "Vielleicht kommt er ins Fegefeuer und muss da verbrennen! Weil er so ein liebloser Mistkerl war!" (S. 53). Ob das fehlerhafte Verständnis des Begriffs "Fegefeuer", das sich hier äußert, der Autorin anzulasten ist oder eher den unvollkommenen Kenntnisstand des Kindes charakterisieren soll, sei mal dahingestellt; viel interessanter ist allemal, dass die Mutter des Mädchens klarstellt, "das mit dem Fegefeuer" habe das Kind nicht von ihr, sondern "das lernen sie im Kindergarten" (ebd.). 

Insgesamt fällt es auf, dass "gendergerechte" Kindererziehung in diesem Roman nicht sonderlich groß geschrieben wird: Beim Spiel mit den Nachbarskindern im Hof herrscht die "klassische Rollenverteilung, genau wie im wirklichen Leben. Die Jungs mochten schnelle Autos, die Mädchen Kaffeeklatsch mit Freundinnen" (S. 168). Als Paulinchen Charlottes Parfum ausprobieren möchte ("Ich will auch gut riechen [...]. Genau wie du") und der kleine Max das daraufhin auch will, protestiert die Fünfjährige: "Du bist doch ein Junge" (S. 199 -- allerdings bekommt Mädchen dann "[a]ja Gerechtigkeitsgründen" doch ein paar Tröpfchen Duftwasser auf die Arme). Der männliche Sympathieträger des Romans, Charlottes Vermieter Adrian, bringt dem dreijährigem Knirps sogar bei, zu pinkeln "wie ein richtiger Mann" (S. 152). 

Dieser Adrian avanciert übrigens recht schnell zum "Love Interest" der Protagonistin; ganz ohne Liebesgeschichte geht es wohl nicht, und immerhin ist er eine recht interessante Wahl für diese Rolle. Als sie ihm zum ersten Mal begegnet (und ihn lediglich für einen anderen Mieter in dem Haus handelt, in das sie einziehen will - da er ihr verschweigt, dass das Haus ihm gehört), findet sie, er sehe mit "den buschigen Brauen, dem massiven Körperbau und den enormen Händen und Füßen [...] aus wie eine Art Rübezahl, was durch das verschossene Holzfällerhemd und die abgeschabten Jeans noch unterstrichen wurde" (S. 29); im weiteren Verlauf der Handlung findet sie ihn zwar von Begegnung zu Begegnung attraktiver, aber das liegt wohl vor allem daran, dass sie ihn sprichwörtlich mit anderen Augen ansieht, je mehr sie feststellt, dass er so ein souveräner, hilfsbereiter, praktisch veranlagter und humorvoller Typ ist, der obendrein gut mit den Kindern kann. -- Dass er aber hauptberuflich Drehbuchautor ist und sich in Absprache mit der Protagonistin daran macht, die Ereignisse des Romans, noch während sie sich ereignen, zu einem Fernsehspiel zu verarbeiten, war mir dann doch ein bisschen zu ville. "Du bist nicht Barbara Noack und das hier ist nicht 'Die Zürcher Verlobung'!", maulte ich die Autorin in Gedanken an -- um mich gleich darauf zu fragen: Moment mal, IST "Die Zürcher Verlobung" überhaupt von Barbara Noack? Aber ich hab's nachgelesen, und es stimmt. Also, dieser Twist hätte meinetwegen nicht sein müssen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es Leser(innen) gibt, die genau das total witzig und, weil sie "Die Zürcher Verlobung" nicht kennen, sogar originell finden. 

Man könnte gewiss noch mehr über dieses Buch sagen, noch die eine oder andere Episode würdigen (zum Beispiel die von der Skifahrt in Charlottes Schulzeit und der Mutproben-Wette mit ihrer Klassenrivalin Annegret, die später in die Politik gegangen ist...); manches Witzige, manches Interessante, auch manches Doofe und ein bisschen Ärgerliche wäre vielleicht noch erwähnenswert -- aber weißt Du was, Leser: Lies das Buch einfach selber. Ich kann's guten Gewissens empfehlen, und das überrascht niemanden mehr als mich selbst. Das Buch ist nicht nur inhaltlich interessanter, als ich erwartet hätte, sondern auch als Unterhaltungslektüre besser als erwartet. Ich würde sogar sagen: Auf einer Rangliste, die danach sortiert wäre, wie sehr das jeweilige Buch meine Erwartungen übertroffen hat, läge Eva Völlers "Ich bin alt und brauche das Geld" sehr weit vorn; etwa gleichauf mit C.J. Cherryhs "Tor von Ivrel", würde ich mal sagen. In der #BenOp-Relevanz-Rangliste landet es ebenfalls ganz in der Nähe dieses Buches, allerdings knapp davor -- nicht weil es insgesamt der bessere Roman wäre (das ist es ganz entschieden nicht), sondern weil vor allem Kindergarten-Thematik ein ganz konkretes, handfestes Stück #BenOp-Relevanz in den Roman einbringt, wohingegen im "Tor von Ivrel" die Impulse in Richtung #BenOp eher theoretisch, abstrakt und implizit sind. 

  • Henri Nouwen: Ich hörte auf die Stille 

"Sieben Monate im Trappistenkloster" lautet der Untertitel dieses Buches, und damit ist wohl schon einigermaßen klar, wo hier die #BenOp-Relevanz zu erwarten ist. Merke: Die verschärfte Version der Benediktiner sind die Zisterzienser, und die nochmals verschärfte Version der Zisterzienser sind die Trappisten. -- Dennoch erscheint es mir ein bisschen tragikomisch, dass der Verfasser des Vorworts zur deutschen Ausgabe, Br. Bernardin Schellenberger OCSO, von der Voraussetzung auszugehen scheint, der Leser wolle aus diesem Buch vor allem etwas über das Leben in einem Trappistenkloster erfahren. Ich würde ja davon ausgehen, dass der typische Leser dieses Buches es in erster Linie deshalb liest, weil es ein Buch des berühmten Pastoralpsychologen Henri Nouwen ist -- und da fangen für mich die Zwiespältigkeiten an, denn auch wenn ich vor der Lektüre dieses Buches nur eine eher vage Ahnung davon hatte, was der 1996 verstorbene Nouwen "für einer ist", ist sein Name für mich doch assoziativ (und wohl nicht ganz zu Unrecht) mit jener charakteristischen Mischung aus linkem Politikjargon und "Neue Innerlichkeit"-Psychobabbel verknüpft, die sich seit den 1970ern in der Kirche breitgemacht hat und bis heute nicht so richtig totzukriegen ist. Vielleicht verwechsle ich ihn teilweise aber auch mit Phil Bosmans, und so schlimm ist Nouwen dann auch wieder nicht. Aber ich will mir nicht vorgreifen. 

Wie dem auch sei: Nouwens in diesem Buch geschilderter Aufenthalt in der Trappistenabtei Genesee im ländlichen Teil des Staates New York fand im Jahr 1974 statt, das Buch erschien im Original 1976 und schon ein Jahr später auf Deutsch, und damit ist dieses Buch natürlich auch und nicht zuletzt ein kirchengeschichtliches Zeitdokument, insofern, als es ein  eindrückliches Bild einer Zeit bietet, die man wohl als die Zeit der nachkonziliaren Wirren bezeichnen kann oder sogar muss. Eine Zeit, die mich durchaus interessiert und fasziniert, zumal wir ihre Auswirkungen auf das Leben der Kirche ja in vielfacher Hinsicht bis heute spüren. 

Die Tagebuchform bedingt es, dass der Autor selbst die zentrale Hauptfigur des Buches ist: Der Leser sieht alles, was sich im Handlungszeitraum des Buches in der Abtei Genesee ereignet, durch Nouwens Brille; seine Gedanken  und Gefühle, oder genauer: seine Reflexionen über seine Gefühle nehmen breiten Raum ein. Die zweite Hauptfigur des Buches ist der Abt des Klosters, Fr. John Eudes Bamberger, den Nouwen mit Respekt und sogar mit Bewunderung schildert, an dem er sich aber oft auch reibt, und zwar in der Regel deshalb, weil Bamberger - wenngleich er durchaus stärker vom progressiven Geist der Zeit ergriffen scheint, als man es vom Abt eines Trappistenklosters vielleicht hätte erwarten sollen - in mancherlei Hinsicht entschieden konservativer ist als Nouwen. Und als dritte Hauptfigur des Buches kann man Thomas Merton betrachten, obwohl der zur Handlungszeit bereits sechs Jahre tot ist. Jedenfalls ist wiederholt recht einlässlich von ihm die Rede, und einmal träumt Nouwen sogar von ihm ("Ich hatte nie vorher von ihm geträumt; aber dieser Traum scheint bezeichnend zu sein"; S. 36) -- das ist eine meiner Lieblingspassagen aus diesem Buch, also fangen wir damit doch einfach mal an: 

"Ich befand mich mit einer kleinen Gruppe von Schwestern in einem Erholungsraum. Wir saßen dort beieinander und warteten auf Thomas Merton, der einen Vortrag halten sollte. Die Atmosphäre war gelöst und ungezwungen. Die Schwestern trugen Zivil und unterhielten sich angeregt.

Plötzlich erschien Merton. Er kam mit weit ausgreifenden Schritten herein. Er war kahlköpfig und in ein ganz weißes Habit gekleidet. Sofort nach seinem Erscheinen verließ er den Raum wieder, angeblich, um die Notizen für seinen Vortrag zu holen. Dann verschwanden die Schwestern und kehrten innerhalb von ein paar Minuten zurück, jetzt alle in makellos weiße Gewänder gehüllt. Sie setzten sich auf den Fußboden und nahmen eine sehr kontemplative Haltung ein. Sie sprachen kein einziges Wort, schauten sehr fromm drein und bereiteten sich offensichtlich darauf vor, den Worten des großen geistlichen Meisters zu lauschen.

Als ich das Zimmer verließ, um nachzusehen, wohin Merton gegangen sei, fand ich ihn in einem kleinen Schuppen. Er trug braune Hosen, Tennisschuhe und einen gelben Pulli, auf dem etwas geschrieben stand, was ich nicht lesen konnte. Er war intensiv damit beschäftigt, etwas zu reparieren. Ich begann, ihm zu helfen, ohne genau zu wissen, wie ich es machen sollte. Ich stellte ihm ein paar Fragen über Nägel und Schrauben. Obwohl er einen freundlichen Eindruck machte, antwortete er mir nicht. Dann fing er an, eine alte gelbe Bank mit Sandpapier abzureiben und mit brauner Farbe neu zu streichen. Ich fragte ihn, woher er das Sandpapier und die Farbe habe, aber wieder antwortete er nicht, sondern lud mich mit einer schweigenden Geste ein, ihm zu helfen.

Es war mir ganz gegenwärtig, daß die Schwestern auf seinen Vortrag warteten, aber es schien irgendwie sinnlos, ihm das zu sagen. Ich fing einfach an, mit ihm die Bank zu streichen. Dann wachte ich auf." (S. 36f.) 

Ich denke, man kann Nouwen nicht g'nug danken, dass er darauf verzichtet, seinen Lesern eine explizite Deutung dieses Traums aufzutischen; gleichwohl liegt es auf der Hand, dass dieser Traum weniger über den echten Thomas Merton aussagt als über Nouwens Sicht auf ihn. Aber sei's drum: Mir gefällt dieser Traum, und in gewissem Sinne bestärkt er mich in meiner schon mehrfach geäußerten Ahnung, dass Thomas Merton eine sehr interessante und vielschichtige Gestalt ist. Die anderen Passagen des Buches, in denen Merton erwähnt wird, unterstreichen diesen Eindruck. So unterhält sich Nouwen mit dem Einsiedler der Abtei, Bruder Elias, über Thomas Merton, und Bruder Elias "brachte es fertig, seine Kritik in Form eines Kompliments anzubringen: 'Er war ein guter Schriftsteller -- seine Bücher sind sehr gut; für das bißchen Einsamkeit, das er hatte, hat er sehr gut darüber gesprochen.'" (S. 16f.).  Nouwen kommentiert: 

"Ich wußte, wie recht er hatte. Mertons tiefe Sehnsucht nach der Einsamkeit hatte in dauernder Spannung zu seinem geselligen Wesen gestanden. Er hat immer viele Menschen um sich gehabt, wenn nicht körperlich, so durch Briefe und Bücher. Und er war dabei in seinem Element. Doch bis in die letzten Tage seines Lebens träumte er noch immer von einer Einsiedelei, in der er mit Gott allein sein könnte. Während seiner Reisen durch Indien schrieb er von der Möglichkeit einer Einsiedelei in Alaska. Gerade die Spannung zwischen dem großen Verlangen nach Einsamkeit und seinem tiefen Mit-Leiden mit so vielen Menschen hat Merton zu dem Schriftsteller gemacht,  der er geworden ist." (S. 17) 

Über Mertons schriftstellerische Tätigkeit erfährt man an anderer Stelle, dass er "nur während der 'Arbeitszeit' geschrieben habe, und er habe dabei keine Schwierigkeiten gehabt, Gedanken und Themen zu finden, denn dies alles sei anscheinend mühelos ein Ausfluß seines Gebetslebens gewesen.":

"Zwei Mönche haben ihm als Sekretäre zur Verfügung gestanden. Eines Tages haben sie sich beschwert, daß beide zusammen kaum Mertons tägliche Produktion bewältigen könnten. Aber Merton selbst hatte nicht den Eindruck, daß er sich übernehme. Was er schrieb, flog ihm mühelos zu und war ein Teil seines kontemplativen Lebens. Das ist eine vielsagende Geschichte, und sie enthält wichtige Anregungen für mich" (S. 126). 

Für mich auch, möchte ich hinzufügen. -- "Der Einfluß von Thomas Merton scheint seit seinem Tod im Dezember 1968 beständig zugenommen zu haben", stellt Nouwen fest: "Viele schreiben über ihn Examensarbeiten und sogar Dissertationen. Immer noch erscheinen Bücher und Artikel über Merton. Seit ich hier bin, sind wenigstens drei neue Bücher über ihn erschienen" (S. 168). An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass mir in der Zwischenzeit, seit ich Nouwens "Ich hörte auf die Stille" gelesen habe, Thomas Mertons Autobiographie "Der Berg der sieben Stufen" als Bücherspende fürs Büchereiprojekt ins Haus geflattert ist, und natürlich habe ich auch dieses Buch auf meine Leseliste gesetzt. Allerdings hat Merton dieses Buch schon Mitte der 1940er-Jahre geschrieben, woraus folgt, dass viele Aspekte, die gerade den "späten Merton", also den der 1960er-Jahre, so interessant und schillernd erscheinen lassen, darin noch gar nicht vorkommen können. Dazu gehört etwa seine Sympathie für die Studenten- und Antikriegsbewegung, aber auch sein Interesse an fernöstlicher Spiritualität. Nouwen äußert an einer Stelle, Merton sei "wie die Bibel": "Man kann ihn fast für alles brauchen" (S. 169). 

"Die Konservativen und die Progressiven, die Liberalen und die Radikalen, diejenigen, die sich für Änderungen einsetzen, und diejenigen, die sich über Änderungen beklagen, politische Aktivisten und unpolitische Utopisten, sie alle zitieren Merton, um ihre eigenen Ideen und Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen. Man sieht in ihm den Mann, der Dan Berrigan, Jim Forest und Jim Douglass inspiriert hat, aber er wird auch als 'sicherer' geistlicher Autor in den Refektorien vieler Ordenshäuser vorgelesen. Die Mönche sagen, man könne Merton nicht verstehen, wenn man ihn nicht in erster Linie als Kontemplativen sehe, viele Nicht-Mönche dagegen sehen ihn lieber als Sozialkritiker, als einen Mann, der am Rande des Klosters gelebt und sich intensiv in den Kampf für Frieden und Gerechtigkeit eingelassen hat. Christliche Verehrer betonen Mertons Rechtgläubigkeit, aber auch viele Nichtchristen, die im Fernen Osten nach neuer geistlicher Kraft Ausschau halten, betrachten ihn als ihr Vorbild und ihren Anwalt. Und obwohl Merton in seinen letzten Tagen in Asien in den unmißverständlichsten Worten davon gesprochen hat, er sei ein christlicher Mönch und wolle immer ein solcher bleiben, wollen manche doch glauben, er habe im Sinn gehabt, Buddhist zu werden." (ebd.) 

Gerade Mertons Bemühungen um einen Brückenschlag zwischen christlicher Kontemplation und fernöstlichen Meditationstechniken, auf die Nouwen gegen Ende des zitierten Abschnitts anspielt, haben in diesem Buch (bzw. in dem Ausschnitt der Welt, den dieses Buch schildert) deutliche Spuren hinterlassen: Der schon erwähnte Einsiedler der Abtei macht Yoga (vgl. S. 17); zu den Büchern, die Nouwen mit ins Kloster genommen hat - aus der "unbewußten Angst" heraus, ihn "könnte in einem Trappistenkloster die Langeweile überkommen", wie er selbstkritisch anmerkt (S. 15), zählt Robert M. Pirsigs "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten" (auf den ersten Blick habe ich gelesen "die Kunst, ein Motorrad zu werden", und mich kaum darüber gewundert; bemerkenswerterweise hat auch dieses Buch inzwischen als Bücherspende den Weg zu mir gefunden und wird daher eventuell früher oder später auch auf meiner Leseliste auftauchen); und einmal, als Nouwen mit einem "Kopf [...] voller  Fragen" (S. 64) zu John Eudes kommt, gibt dieser ihm ein "Koan" auf (S. 65). -- Fast könnte man vermuten, auch dafür, dass in jeder zweiten Pfarrei und annähernd jeder katholischen Erwachsenenbildungs-Einrichtung Tai Chi- oder Qi Gong-Kurse angeboten werden, sei mittelbar Thomas Merton verantwortlich zu machen.  

Unter dem Datum vom 1. Juli 1974 berichtet Nouwen von einem "Solidaritätsfasten für die buddhistischen Mönche" in Südvietnam, "die wegen ihrer Weigerung, sich für den Wehrdienst erfassen zu lassen, eingesperrt worden sind und für heute einen Hungerstreik geplant haben" (S. 47). Nun will ich keinesfalls den Eindruck erwecken, ich hätte etwas gegen eine Solidaritätsbekundung für Angehörige einer anderen Religion einzuwenden, aber ich finde es immerhin interessant, wie fließend hier der Übergang zwischen (religiös motiviertem) Fasten und (politisch motiviertem) Hungerstreik zu sein scheint. Nouwen jedenfalls merkt an, das Solidaritätsfasten habe "uns sicher geholfen, uns der großen Leiden anderer Mönche in dieser Welt besser bewußt zu werden" (ebd.). Und zum Verhältnis zwischen Religion und Politik hat Abt John Eudes in anderem Zusammenhang einige bemerkenswerte Anmerkungen: Auf eine Frage "nach dem politischen Einfluß des Mönchtums, besonders in Hinblick auf die ungeheure politische Wirksamkeit des Heiligen Bernhard", betont John Eudes, "daß das Mönchtum politische, soziologische, psychologische und wirtschaftliche Auswirkungen haben kann, daß aber jeder, der um solcher Auswirkungen willen in ein Kloster eintritt, bald wieder gehen würde. [...] John Eudes leugnete nicht, daß das Mönchtum einen politischen Einfluß haben könne, so wie auch niemand den politischen Einfluß der Ehe leugnet. Aber genausowenig wie ein Mann und eine Frau um des politischen Charakters der Institution Ehe willen heiraten, tritt ein Mönch ins Kloster ein, um politisch wirksam zu werden. Sein einziges Interesse gilt Gott, und allein Gott" (S. 151f.). 

Wie ich ja eingangs bereits erwähnt habe, sind die Trappisten aus den Zusterziensern hervorgegangen und diese wiederum aus den Benediktinern; daher ist es nicht verwunderlich, dass das benediktinische "Ora et labora" (auch wenn diese Kurzformel, anders als immer wieder behauptet wird, dem Wortlaut nach gar nicht in der Benediktsregel vorkommt) in einem Trappistenkloster eine große Rolle spielt. "Der heilige Benedikt betrachtet als die drei Grundpfeiler des monastischen Lebens: Opus Dei (Liturgie), Lectio Divina (geistliche Lesung) und Labor Manuum (Handarbeit)", führt Nouwen aus. "Alle drei stellen wesentliche Gesichtspunkte des Gebets dar. Wenn uns die Handarbeit nicht mehr Gott näherbringt, entsprechen wir nicht mehr vollständig unserer Berufung, ohne Unterlaß zu beten." (S. 137) Zur Zeit von Nouwens Aufenthalt in der Abtei Genesee im Jahr 1974 sind die Mönche de 1951 gegründeten Klosters gerade dabei, eine Abteikirche zu errichten, unter Verwendung von Natursteinen aus einem Bachbett -- und Nouwen, der ja nicht nur Gast im Kloster sein, sondern das Leben der Mönche teilen will, beteiligt sich zeitweilig am Steinesammeln. Es gefällt ihm jedoch nicht: 
"Den ganzen Nachmittag habe ich mit der alten Frage gekämpft: Warum macht mir die Arbeit keine rechte Freude, und warum will ich lieber zurück an meine Bücher, um über das geistliche Leben zu lesen? Ist das Steinesammeln im Bachbett nicht das bestmögliche geistliche Leben? Warum möchte ich immer über das geistliche Leben lesen, statt es wirklich zu leben?" (S. 22f.)

Diese Frage beschäftigt ihn recht stark und anhaltend, und ich kann nicht leugnen, dass ihn mir das irgendwie sympathisch macht. "Ich sollte wohl besser anfangen, ein wenig mehr über meine Einstellung zur Arbeit nachzudenken", stellt er fest: 

"Wenn ich diese Woche überhaupt etwas gelernt habe, dann dies: es gibt eine kontemplative Weise zu arbeiten, die für mich wichtiger ist als Beten, Lesen und Singen. Die meisten Menschen glauben, man gehe ins Kloster, um zu beten. Nun, ich habe diese Woche zwar mehr gebetet als früher, aber ich habe auch entdeckt, daß ich noch nicht gelernt habe, meiner Hände Arbeit zum Gebet zu machen." (S. 24) 

Wenig später heißt es: 

"Meine Schwierigkeiten mit der Arbeit hängt offensichtlich mit meiner Neigung zusammen, körperliche Arbeit bloß als eine notwendige Verpflichtung anzusehen, mit der ich mir freie Stunden für meine eigene Arbeit erkaufe" (S. 25). 

Das Kloster betreibt auch eine Bäckerei, und auch dort arbeitet Nouwen zeitweilig mit. "Die Geschichte der Bäckerei ist des Erzählens wert", meint er: 

"Alles hat mit Bruder Sylvester angefangen. Vor vielen Jahren hat er begonnen, Brot für die Mönche zu backen [...]. Er erklärt: 'Da wir keine Butter aufs Brot streichen durften, versuchte ich ein Brot zu backen, das auch ohne Butter schmeckt. Die Gäste, die ins Kloster kamen, machten so viele lobende Bemerkungen, daß ich anfing, ein paar Laibe extra zu backen.' Nun gut, bald begannen sich die Bestellungen zu häufen, und die Mönche rochen nicht nur das Brot, sondern auch das Geschäft. Bruder Sylvester ließ sein Rezept patentieren. Man kaufte ein paar Maschinen, und bald war das 'Mönchsbrot' eine wohlbekannte Feinkostsorte im Norden des Staates New York. Heute kommen an drei Tagen pro Woche ungefähr 15000 Laibe von den Förderbändern" (S. 24). 

Auch die Arbeit in der Klosterbäckerei ist nicht frei von Komplikationen; so stellt sich eines Morgens heraus, dass "Bruder Cyprian den Teig eine Stunde zu früh angerührt" hat: 

"Es gibt viele Menschen, die den Hang zum Verschlafen haben und eine Stunde zu spät anfangen, aber Bruder Cyprian stellte fest, daß er statt um 1.00 Uhr bereits um Mitternacht begonnen hatte; und weil die Hefe nicht ohne weiteres auf menschliche Irrtümer Rücksicht nimmt, mußte alles eine Stunde früher beginnen. Das Brot ist eine Stunde früher in den Ofen gewandert, ist eine Stunde früher wieder herausgekommen, eine Stunde früher geschnitten und eine Stunde früher verpackt worden [...]. So war ich auch eine Stunde früher fertig. Aber ich bin mir zeitlich etwas deplaziert vorgekommen und war während des Nachmittags sehr müde" (S. 136). 

Obwohl Nouwen sich mit der Arbeit im Kloster nie so ganz anfreunden kann, gewinnt er doch einen sehr klaren Blick auf die spirituelle Dimension der Arbeit; sein Fazit zu diesem Thema könnte nahezu gleichlautend auch im betreffenden Abschnitt der "Benedikt-Option" stehen: 
"Wenn Handarbeit und geistliche Lesung kein Gebet mehr darstellen, sondern zur Art und Weise werden, um Geld zu verdienen oder sich intellektuell zu unterhalten, verlieren wir die Reinheit des Herzens; wir werden gespalten, und unser Blick und unser Denken ist nicht mehr klar und zielstrebig zu einer Einheit gebündelt" (S. 138). 
Der bemerkenswerte Zwiespalt, dass Nouwen sich gerade mit denjenigen Aspekten des Klosterlebens schwertut, um deretwillen er eigentlich da ist - dass ihm genau das widerstrebt, was er bei seinem Entschluss zu diesem Klosteraufenthalt gesucht und sich erhofft hat -, zeigt sich nicht nur in seinem Verhältnis zur benediktinischen Arbeitsauffassung. Unter dem Datum vom 6. Juni - noch ganz zu Beginn seines Klosteraufenthalts - sinniert er: 
"Ich bin ins Kloster gekommen, weil ich lernen wollte, in der Gegenwart Gottes zu leben, ihn hier und jetzt zu verkosten. Aber ich bin mit so viel 'ichbezogenem Bergsteigen' beschäftigt! Ich habe so viele Ideen, über die ich schreiben, so viele Bücher, die ich lesen, so viele Fertigkeiten, die ich erwerben möchte - die Motorradpflege gehört mittlerweile auch dazu -, und so viele Dinge, die ich jetzt oder später anderen sagen möchte, daß ich einfach nicht sehe, wie Gott rings um mich ist. Ich will immer sehen, was vor mir liegt, und ich übersehe ihn, der mir so nahe ist. Vom ichbezogenen zum ichfreien Bergsteigen - das scheint mir ein guter Vorsatz für meine Zeit der Einkehr zu sein. Aber der Weg ist lang, und der Berg ist hoch" (S. 21). 
Als problematisch erweist sich auch Nouwens - für einen dezidierten "Progressiven" der Nachkonzilszeit durchaus typischer - intellektueller Snobismus gegenüber traditionellen Frömmigkeitsformen. So bekennt er, er habe "immer schon Schwierigkeiten mit solchen Festen wie Dreifaltigkeit, Fronleichnam und Herz Jesu" gehabt: 

"Sie schienen mir aus einer bestimmten Epoche der Kirche zu stammen, in der man fromme Andachten pflegte, und ich fühlte mich darin nur schwer zu Hause. Ich hatte immer den Eindruck, das Geheimnis des dreifaltigen Gottes, der göttlichen Gegenwart in der Eucharistie und der Liebe Christi zu uns Menschen stünden so sehr im Mittelpunkt des christlichen Lebens, daß man unmöglich einen besonderen Tag festsetzen könne, um sie zu feiern. Und so konnte ich mich noch nie mit dem Gedanken anfreunden, einen Sonntag für das Gedächtnis der Eucharistie zu reservieren." (S. 31f.)

Das ist, wie man unschwer erkennen kann, das religiöse Äquivalent zu "Wozu brauchen wir denn einen Weltkindertag, es sollte doch eigentlich jeder Tag Weltkindertag sein"; mit anderen Worten: hohles, moralisierendes Geschwätz. Merke: Wenn jemand erklärt, man könne, statt in die Kirche zu gehen, doch auch in den Wald gehen und da mit Gott sprechen, dann empfiehlt es sich stets, diesen Jemand zu fragen, wie oft er denn tatsächlich in den Wald geht, um mit Gott zu sprechen. -- Aber zum Glück gibt es ja John Eudes, der ihn - obwohl Nouwen zunächst "voller Auflehnung" gegen das ist, was der Abt zu diesem Thema zu sagen hat - "weit weg von dieser Art Voreingenommenheit" führt und ihm "neue Horizonte" eröffnet (S. 32). Was freilich nichts daran ändert, dass er später auch gegen das Christkönigsfest charakteristische Einwände vorbringt: 
"[D]ieses Fest habe ich immer als Ausdruck eines gewissen Triumphalismus in der Kirche und einer militanten Spiritualität empfunden, und beides waren wesentliche Bestandteile meiner Ausbildung bei den Jesuiten vor dem II. Vaticanum. Das ist auch der Tag, an dem ich mich immer mit dem Problem der Autorität in der Kirche konfrontiert sehe; denn an diesem Tag wird mir bewußt, wie viele Menschen in der Kirche sich darin gefallen, im Namen Jesu König zu spielen" (S. 170). 
Zu einer bezeichnenden Meinungsverschiedenheit zwischen Nouwen und John Eudes kommt es, als das Buch "Die Wiederentdeckung des Sakralen" von James Hitchcock bei Tisch vorgelesen wird: 
"Ich habe ihm gesagt, daß ich es für ein 'geschwätziges' Buch halte, das, bar allen Sinnes für Geschichte, die Dinge aus dem Zusammenhang reiße; daß es von Grund auf engstirnig, voreingenommen, ultra-konservativ und zuweilen sogar beleidigend sei. John Eudes sagte, daß meine Reaktion unangemessen scharf sei: das Buch wolle lediglich klarstellen, daß es eine Menge unverantwortlicher liturgischer Experimentiererei gegeben habe. Und er erklärte, er höre es gerne. Er sagte auch, daß er meine negative Reaktion erwartet habe, eine Bemerkung, die mich wütend machte" (S. 159). 
Ich schätze, dieses Buch sollte ich vielleicht auch mal lesen, sofern ich es zu fassen kriege. -- In einem Moment der Sekbstkritik kommt Nouwen "zu dem Schluß, daß das Hauptproblem bei mir [...] darin besteht, daß ich nicht wirklich das Gebet an die erste Stelle gesetzt habe": 
"Und doch ist der einzige Grund, warum ich hier bin - ich meine, der einzige Grund, warum ich hier sein sollte -, der, daß ich beten lerne. In Wirklichkeit aber ist so vieles, was ich tue, durch viele andere Interessen motiviert: wieder in Form kommen, irgendwelche Handfertigkeiten erwerben, mehr über Vögel und Bäume wissen, interessante Menschen kennenlernen, wie zum Beispiel John Eudes, und viele Ideen und Erfahrungen für meine künftige Lehrtätigkeit zu sammeln. Wenn jedoch das Gebet mein einziges Anliegen wäre, könnte ich all diese anderen lobenswerten Dinge als freies Geschenk empfangen. Jetzt aber werde ich von diesen Süchten umhergetrieben. Sie sind nicht in sich falsch, aber sie sind für mich falsch, weil sie in meiner Wertehierarchie an der falschen Stelle stehen" (S. 38). 

Das würde ich nun wieder als eine derjenigen Passagen des Buches betrachten, die dem geneigten Leser (also z.B. mir) auch zur eigenen Selbstreflexion (um nicht gleich "Gewissenserforschung" zu sagen) dienen können; und wenn Nouwen an einer späteren Stelle schreibt "Es hat fast den Anschein, als gäbe es in mir zwei Personen, die das Leben ganz unterschiedlich erfahren, die unterschiedlich beten und unterschiedlich hören. So allmählich wundere ich mich darüber, wie beide überhaupt in Frieden miteinander leben können" (S. 109), dann macht ihn mir das schon wieder fast sympathisch. 

Insgesamt könnte man, etwas vereinfacht und zugespitzt, behaupten, Nouwen gehe als ein typischer "Progressiver" der Nachkonzilszeit ins Kloster hinein, aber als was er wieder heraus kommt, ist - frei nach 1. Johannes 3,2 - noch nicht offenbar geworden. "Vielleicht hatte die größte und verborgenste meiner Illusionen darin bestanden, daß ich nach sieben Monaten Trappistenleben ein anderer Mensch sein würde, ganzheitlicher, geistlicher, tugendhafter, mitfühlender, gütiger, froher und verständnisvoller", resümiert er im Nachwort: "Irgendwie hatte ich erwartet, daß sich meine Rastlosigkeit in Ruhe, meine Spannungen in einen friedvollen Lebensstil und meine vielen Unklarheiten und Unentschiedenheiten in eine lautere Hingabe an Gott verwandeln würden" (S. 199). Dass diese Hoffnung sich nicht so recht erfüllt hat, könnte man als eine ziemliche Antiklimax empfinden, aber wenn Nouwen dazu anmerkt "Gott selbst ist sicher der letzte, der sich von sieben Monaten Mönchsleben beeindrucken ließe, und er hat nicht lange gezögert, mich das wissen zu lassen" (S. 200), ist das doch auch schon wieder irgendwie sympathisch. -- Wie also ging es nach diesem Buch weiter mit Henri Nouwen? Zunächst einmal kehrte er zu seiner Dozententätigkeit in Yale zurück; 1979, nach dem Tod seiner Mutter, zog er sich abermals für einige Zeit in die Abtei Genesee zurück (und schrieb wiederum ein Buch darüber). Der nächste "Ausbruch" aus seiner gutbürgerlichen Existenz als Universitätsdozent erfolgte 1981; diesmal ging er für ein halbes Jahr nach Südamerika, um "mit den Armen zu leben" und die Befreiungstheologie zu studieren (und schrieb, natürlich, ein Buch darüber). 1983 ging er als Theologiedozent nach Harvard; im selben Jahr lernte er Jean Vanier, den Gründer und Leiter der geistlichen Gemeinschaft L'Arche kennen -- eine Begegnung, die sein gesamtes weiteres Leben prägen sollte. Nach einigen kürzeren Besuchen in der Arche-Niederlassung im französischen Trosly-Breuil zog Nouwen im Sommer 1985 für neun Monate dort ein und gab dafür seine Lehrtätigkeit in Harvard auf; Ende 1986 wurde er geistlicher Leiter der Arche-Niederlassung Daybreak in Richmond Hill in Kanada und übte diese Position bis zu seinem Tod aus. 

Die Arche, deren spezielles Charisma die Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne geistiger Behinderung ist, machte in jüngerer Zeit nicht zuletzt dadurch von sich reden, dass gegen ihren 2019 verstorbenen Gründer Vanier - der zu Lebzeiten geradezu im Ruf der Heiligkeit gestanden hatte - posthum Vorwürfe des sexuellen und psychisch-emotionalen Missbrauchs erhoben wurden -- aber das ist ein Thema für sich: Ein Buch über Jean Vanier und die Arche habe ich inzwischen, dank großzügiger Bücherspenden meiner lieben Blogleser, auch im Regal stehen, habe ihm aber bisher noch keinen Platz in meiner Leseliste zugewiesen. Und von Nouwen werde ich wohl auch noch mehr  lesen müssen, schätze ich: Im privaten Bücherbestand meiner Liebsten gibt es noch ein oder zwei andere Bücher von ihm, und in unserem Büchereiregal noch eine ganze Anzahl weiterer. Gleichzeitig stelle ich fest, dass ich nicht so richtig Lust darauf habe. Na, schauen wir mal. 

Festzuhalten ist jedenfalls, dass "Ich hörte auf die Stille", einschließlich all seiner Zwiespältigkeiten, ein in vielfacher Hinsicht interessantes und nicht zuletzt auch spirituell anregendes Buch hat, das somit eine hohe, ja sogar eine sehr hohe Platzierung auf meiner #BenOp-Relevanz-Rangliste redlich verdient hat. Nach einigem Abwägen sortiere ich es, wegen der höheren "Aktualität" und unter dem Aspekt des "Primats der Praxis", sogar vor Chestertons "Thomas und Franz" ein -- wobei ich übrigens die in Hinblick auf das Thema "Querverbindungen zwischen verschiedenen Büchern auf meiner Leseliste" sehr bemerkenswerte Tatsache festhalten möchte, dass Nouwen einmal - auf S. 142f. - aus Chestertons Buch über den Hl. Franz von Assisi zitiert. An Carrettos "Wir sind Kirche" reicht Nouwens "Ich hörte auf die Stille" indes doch nicht ganz heran und verfehlt somit knapp die Spitzenposition.  

-- Werfen wir nun also einen Blick auf den aktuellen Stand der Rangliste: 
1. (1) Carlo Carretto: Wir sind Kirche  
2. (NE) Henri Nouwen: Ich hörte auf die Stille  
3. (2) G.K. Chesterton: Thomas & Franz  
4. (3) Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes  
5. (4) Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht  
6. (5) Norbert Baumert (Hg.): Jesus ist der Herr  
7. (NE) Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten  
8. (6) Georg Friedrich Rebmann: Ideen über Revolutionen in Deutschland  
9. (7) Sr. M. Lucia OCD: Umkehr - Heiligung - Freude in Gott  
10. (8) Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V.  

11. (9) Valentin Katajew: In den Katakomben von Odessa  
12. (10) Karl May: "Weihnacht!"  
13. (11) Maxim Gorki: Wanderungen durch Russland  
14. (12) George Orwell: Mein Katalonien  
15. (13) Martin Klein: Lene und die Pappelplatztiger  
16. (NE) Eva Völler: Ich bin alt und brauche das Geld  
17. (14) C.J. Cherryh: Das Tor von Ivrel  
18. (15) Alexander von Schönburg: In bester Gesellschaft 

Die Zahl der gar nicht erst zu Ende gelesenen Bücher steigt auf auf zwei, die der zwar zu Ende gelesenen, aber nicht für die Rangliste qualifizierten Bücher auf elf. Die Top 20 sind mithin immer noch nicht "voll"; und was steht nun in Etappe 7 auf dem Programm? -- Wie eingangs ja bereits erwähnt, habe ich die Bücher, die in Etappe 7 zu rezensieren sein werden, ebenso wie die aus Etappe 5 und 6 schon vor über einem Jahr gelesen; aber die hier nun folgende Etappen-Vorschau hatte ich, von minimalen nachträglichen Korrekturen abgesehen, tatsächlich schon geschrieben, bevor ich mit der Lektüre begann -- sie enthält also keine Spoiler. 

Wohlan denn: 

  • Michael Ende: Zettelkasten 
Eine 1994 erschienene Sammlung zuvor unveröffentlichter Texte von Großmeister Ende; wäre der Band nicht schon zu seinen Lebzeiten erschienen, würde man wohl von "Fragmenten aus dem Nachlass" sprechen. Es handelt sich um Texte ganz unterschiedlicher Genres: Prosaminiaturen, Gedichte, Aphorismen, Dramenfragmente, Entwürfe, kurze Notizen, Briefe, Vortragsmanuskripte, Essays, Erzählungen.  Insgesamt bietet dieses Kaleidoskop von Texten einen unvergleichlichen Einblick in die Gedankenwelt des Autors; das kann ich deshalb schon jetzt mit solcher Überzeugung sagen, weil ich es im Laufe der letzten 25 Jahre bereits mindestens zweimal gelesen habe. Aus diesem Grund ist es für die Rangliste von vornherein nicht qualifiziert, aber dass ich mir trotzdem die Mühe gemacht habe, es mir in die örtliche Bibliothek zu bestellen und von dort zu entleihen, solange das noch möglich war, beweist wohl zur Genüge, dass ich zumindest einigen der Einzelbeiträge ein beträchtliches Maß an #BenOp-Relevanz  zutraue. Natürlich fehlt es andererseits, dank Endes bekannter Neigung zu Synkretismus und esoterischer Spekulation, auch nicht an problematischen Aspekten; aber ich betrachte es als einen Vorzug dieses Buches, dass in einigen der eher essayistischen Einzelbeiträge gerade diese Aspekte transparenter - und somit kritisierbarer - daherkommen als in den bekanntesten und beliebtesten Prosawerken des Autors ("Jim Knopf", "Momo", "Die Unendliche Geschichte").  Kurz und gut, ich freue mich auf eine spannende Lektüre. 

  • Martin Büsser u.a. (Hg.): Pop und Destruktion 
Ein Fundstück aus einer Büchertelefonzelle -- könnte die auf dem Edeka-Parkplatz am Eichborndamm gewesen sein, die in der Osloer Straße oder vielleicht auch die auf dem Letteplatz, hab ich mir nicht gemerkt. Anyway: Es handelt sich um die erste Nummer einer Buchreihe mit "Beiträgen zur Popgeschichte", die es inzwischen auf insgesamt 26 Nummern gebracht hat.  Dem Inhaltsverzeichnis zufolge geht es in diesem Reader u.a. um The Who, The Clash, Monty Python's Fying Circus und Horrorfilme. Das verspricht unterhaltsam und spannend zu werden; indes kann man sich fragen, wo da nun die spezifische #BenOp-Relevanz herkommen soll, und ehrlich gesagt weiß ich das selbst nicht so richtig. Aber ich denke so in Richtung "eingebaute Selbstzerstörungsmechanismen der Postmoderne" oder dergleichen. Darüber hinaus verweise ich auf meinen Artikel "Punk und Askese", der, wie ich finde, bis heute nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient; und ansonsten habe ich einfach Bock, mich überraschen zu lassen. Eine Platzierung in den Top 10 ist sicher unwahrscheinlich, aber unterhalb davon: Warten wir's mal ab! 

  • Jack London: Ein Sohn der Sonne 
Ebenfalls aus einer Büchertelefonzelle; wie ich anlässlich dieser Vorschau noch einmal nachgelesen habe, gehörte es zur Ausbeute einer besonders ertragreichen Büchertour Mitte Oktober letzten Jahres. Dieser "Roman in Episoden", bestehend aus acht lose miteinander verknüpften Einzelerzählungen, gehört wohl zu den eher wenig bekannten Werken des Autors und fällt daher nicht unter die "Klassiker der Weltliteratur"-Regel. In erster Linie habe ich es zur Abwechslung und zum Vergnügen auf meine Leseliste gesetzt, aber ich würde mich nicht direkt wundern, wenn sich auch #BenOp-relevante Aspekte darin entdecken ließen. Vorrangig denke ich da in Richtung Zivilisationskritik/Aussteigertum. Seien wir gespannt!

  • Wilhelm Müller: Rom, Römer und Römerinnen 
Ein Buch, das jahrelang ungelesen bei mir im Regal herumgestanden hat; jetzt muss es aber mal sein. Ich habe es vor schätzungsweise 15-17 Jahren auf einem Trödelmarkt der etwas gehobenen Art am Kupfergraben (vis-à-vis der Museumsinsel) gekauft, und der Verkäufer, dem ich schon bei früheren Besuchen den einen oder anderen Band abgekauft hatte, kommentierte das mit den Worten "Sie suchen sich hier aber auch immer die Leckerbissen aus." -- Von dem umfangreichen Werk des früh verstorbenen spätromantischen Dichters Müller (1794-1827) sind heute fast nur noch die von Franz Schubert vertonten Gedichtzyklen "Die schöne Müllerin" und "Die Winterreise" bekannt; bei dem vorliegenden Band handelt es sich um einen Reisebericht in Briefform, entstanden 1817/18 und erstmals veröffentlicht 1820. "Meine" Ausgabe ist 1978 in der DDR erschienen und enthält ein umfangreiches Nachwort von Wulf Kirsten. Die Umschlag-Illustration evoziert ländliche Idylle, und ich erwarte, dass ein gerüttelt Maß an volkstümlichem Katholizismus mindestens als Bestandteil von "Lokalkolorit" eine nicht geringe Rolle in dem Buch spielen dürfte. Ich könnte mir vorstellen, dass es in Sachen #BenOp-Relevanz etwa auf einem Level mit Maxim Gorki oder Karl May landet, eventuell auch darüber.

  • Dorothy Day: The Duty of Delight
Die Tagebücher der Ehrwürdigen Dienerin Gottes Dorothy Day aus dem Zeitraum von 1934-1980, editiert von Robert Ellsberg; eines aus einer ganzen Reihe von Büchern von oder über Dorothy Day, die meine Liebste schon vor einiger Zeit im Internet-Buchhandel bestellt hat. Nachdem das auf demselben Wege erworbene autobiographische Buch "The Long Loneliness" die #BenOp-Lektüre-Jahreswertung 2019 mit fliegenden Fahnen gewonnen hat, erwarte ich, dass auch dieses Buch ein echter Knüller wird bzw. ist. Insbesondere erhoffe ich mir weitere interessante Aufschlüsse über die Geschichte der Catholic Worker-Bewegung. Eine Platzierung in den Top 5 halte ich für realistisch, auch Platz 1 ist nicht ausgeschlossen.

Die Gesamtrangliste wird, da Michael Ende wie gesagt von vornherein nicht qualifiziert ist, nach der 7. Etappe maximal 22 Plätze umfassen -- vielleicht allerdings  auch weniger, da nicht unbedingt anzunehmen ist, dass die vier anderen Bücher allesamt die Qualifikation schaffen. Schauen wir mal! 


Mittwoch, 7. Juli 2021

Die 100-Bücher-Challenge: Etappe 5

Sagen wir's, wie es ist, Leser: Dem im Advent 2019 gestarteten Projekt, innerhalb eines (Kirchen-)Jahres 100 Bücher zu lesen und zu rezensieren, ist ganz schön schnell die Luft ausgegangen, und das lag, wie ich zugeben muss, nicht nur an der Coronavirus-Lockdown-Situation, die mir monatelang ganz allgemein die Lust am Bloggen vergällt hat. Tatsächlich war die "100-Bücher-Challenge" schon vorher ins Stocken gekommen. Zwar hatte ich die fünf Bücher, die ich mir für Etappe 5 meines Lektüreplans vorgenommen und auch bereits angekündigt hatte, in recht zügigem Tempo durchgelesen, aber mit der Auswertung kam ich nicht so recht voran, und als ich schließlich mit dem Lesen schon bis Etappe 7 vorgedrungen war, mit dem Rezensieren aber immer noch in Etappe 5 festhing, verlor ich erst den Faden und dann die Lust. 

Tja. 

Nun habe ich aber unlängst den Entschluss gefasst, diese Artikelreihe doch wieder aufzugreifen, ohne Zeitdruck - der Zug ist ohnehin abgefahren -, aber doch mit dem Ziel, am Ende eine Rangliste von 100 mehr oder weniger #BenOp-relevanten Buchtiteln vorweisen zu können. Wie gehe ich da nun am besten vor? 

Nun, zunächst einmal ist festzustellen, dass die Auswertung von Leseetappe 5 doch schon relativ weit gediehen war, bevor ich sie habebliegen lassen. Somit ist es mir innerhalb von rund einer Woche seit dem Wiederaufnahme-Entschluss gelungen, sie fertigzustellen. Fangen wir damit also mal an: 

  • Valentin Katajew: In den Katakomben von Odessa 
Dieses Buch habe ich auf meine Leseliste gesetzt, weil es darin - im wortwörtlichen wie auch im übertragenen Sinne - um "Leben im Untergrund" geht; gleichzeitig ist mir sehr bewusst, dass sich dieses Buch - dessen Verfasser ein überzeugter Kommunist war und dessen Helden es ebenfalls sind - sich in eine Serie von Büchern in meiner Lektüreauswahl einreiht, die geeignet sein mag, kritische Fragen hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen meiner persönlichen #BenOp-Interpretation und linksradikaler Ideologie aufzuwerfen: Im vorigen Jahr hatten wir Debogory-Mokriewitschs "Erinnerungen eines Nihilisten", Erik Neutschs "Spur der Steine" und den "Baader Meinhof Komplex" von Stefan Aust, im laufenden Jahr George Orwells "Mein Katalonien", Maxim Gorkis "Wanderungen durch Russland", und ich will mal lieber noch nicht verraten, was ich für die künftigen Leseetappen noch so alles geplant habe. Tatsächlich finde ich, dass man gerade an Katajews "Katakomben von Odessa" recht gut Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen radikaler missionarischer Jüngerschaft im christlichen Sinne und dem Ethos und Selbstverständnis des kommunistischen Berufsrevolutionärs aufzeigen kann; aber dazu später. Diese Aspekte kommen nämlich erst ab dem zweiten Viertel der Romanhandlung zum Tragen; dass das Buch mir trotzdem schon von den ersten Seiten an ausgezeichnet gefiel, verdankte sich in erster Linie dem erzählerischen Tonfall. Ich glaube, ich entwickle mich zum Fan russischer Literatur. Offenbar im Interesse eines effektvollen Kontrasts zu den später folgenden Schilderungen der Härten von Krieg und Okkupation beginnt der Roman mit der zugleich humorvollen und anrührenden Erzählung über einen lange geplanten, aber immer wieder aufgeschobenen Abenteuerurlaub von Vater und Sohn Batschej, gefolgt von einer witzigen Episode um einen Gast, der gerade dadurch, dass er überhaupt keine Umstände machen will, den häuslichen Alltag seiner Gastgeber gründlich auf den Kopf stellt; darin eingebunden ist eine ebenfalls sehr witzige Passage über die ordnungsgemäße Zubereitung von Auberginensalat. Sicherlich kann man in der betont beiläufigen Erwähnung des Umstands, dass die Familie Batschej eine Einbauküche, ein Bad mit "Brause" (S. 13), einen Kühlschrank und sogar ein Telefon besitzt, die Absicht erahnen, zu demonstrieren, wie gut es den Menschen im Kommunismus geht, aber derartige Wohlstandspropaganda gab es zeitgleich (das Buch, jedenfalls die mir vorliegende zweite Fassung, ist von 1961) im kapitalistischen Westen genauso. 

Erheblich deutlicher kommt die Technikbegeisterung, in der sich der kommunistische Fortschrittsoptimismus manifestiert, in der Schilderung von Vater und Sohn Batschejs Flugreise von Moskau nach Odessa zum Ausdruck: 

"In vierzig Jahren würde Petja, sein Sohn, wohl ebenso zärtlich und wehmütig an den heutigen Tag denken wie der Vater an seine erste Reise in der Postkutsche und anschließend auf dem Dampfer 'Turgenjew'. Der kleine Raddampfer, der bei Rückenwind ein Segel aufzog, war ihm damals als mächtige Errungenschaft der Technik erschienen, während er sich heute nur mit einem Lächeln an die primitive, plumpe Dampfmaschine, die roten Räder und das jüdische Orchester erinnerte. Wer konnte wissen, ob sich sein Petja in vierzig Jahren, dann schon ein zuverlässiges, geachtetes Mitglied der kommunistischen Gesellschaft, nicht mit einem interplanetarischen Raumschiff auf die Reise begeben und über den heutigen Tag, den Autobus, das altmodische Verkehrsflugzeug ebenso zärtlich und wehmütig lächeln würde, wie Pjotr Wassiljewitsch es jetzt tat." (S. 20)
Aus heutiger Sicht mag dieser optimistische Blick auf die zukünftige kommunistische Gesellschaft einigermaßen tragikomisch erscheinen; dieser Eindruck drängt sich im weiteren Verlauf des Romans noch öfter auf. Wüsste man nicht, dass der Autor Katajew ein überzeugter Kommunist war, wäre man des Öfteren versucht, in der zuweilen allzu dick aufgetragen anmutenden kommunistischen Propaganda parodistische Züge zu wittern; so etwa, wenn der Partisanenführer Tschornoiwanenko pedantisch auf die Einhaltung der reinen marxistisch-leninistischen Lehre pocht und bei jeder Gelegenheit "sinngemäße" Lenin-Zitate aus dem Ärmel schüttelt. Man muss aber wohl davon ausgehen, dass es dem Verfasser völlig ernst damit ist. Darauf wird noch zurückzukommen sein; aber erst mal der Reihe nach: 

Kaum sind Vater und Sohn Batschej in Odessa eingetroffen, da marschieren "faschistische" - deutsche und rumänische - Truppen in die Ukraine ein, der Vater wird an die Front beordert und lässt seinen Sohn in der Obhut von Freunden zurück; beim Versuch, aus dem belagerten Odessa zu fliehen, ertrinkt der Junge beinahe, wird gerettet und, nachdem er von dem Sturz ins Wasser eine fiebrige Erkrankung davongetragen hat, gesundgepflegt und findet Zuflucht bei einer Gruppe von Partisanen, die ihren Stützpunkt in den titelgebenden Katakomben haben -- einem Tunnelsystem, das im 19. Jahrhundert durch den unterirdischen Abbau von Sand- und Kalkstein entstanden ist. Und nun wird es wirklich interessant; zunächst vorrangig dank der teilweise ziemlich detaillierten und dadurch, wenn ich das so sagen darf, ausgesprochen instruktiven Schilderungen der alltäglichen "Kleinarbeit" des Untergrundkampfes. Dazu gehört es beispielsweise, dass "in der Küchennische auf dem Petroleumkocher in einem großen Topf Kleister hergestellt" wird -- zum Ankleben illegaler Plakate: "Genosse Tschornoiwanenko [...] maß der Qualität des Kleisters große Bedeutung bei. Die Flugblätter sollten so fest an der Wand kleben, daß man sie schwer abreißen konnte" (S. 142). "Auch ein Vorrat an Kohlepapier wurde angelegt. Gewöhnliches Papier wurde mit zerstampftem Grafit eingerieben, den man aus Bleistiftminen gewann" (S. 156). Auch die Lagerung von Lebensmitteln ist ein großes Thema: 
"Damit die Lebensmittel in dieser Feuchtigkeit nicht verdarben, mußte man sie ständig neu lagern, trocknen, lüften. Fast die gesamte Zeit, die Matrjona Terentjewna zur Verfügung stand, brauchte sie, um die Lebensmittel gegen Feuchtigkeit zu schützen. [...] Jeden Tag musste sie Mehl, Zucker, Salz, Makkaroni und Graupen über dem Feuer trocknen. Doch am nächsten Tag war schon wieder alles feucht, und sie fing von vorn an" (S. 158).
Die "Kinder" - Petja und die etwas ältere Valentina - legen sogar ein unterirdisches Gemüsebeet an, und zwar heimlich, um "die Partisanen damit [zu] überraschen": "Sie hatten Matrjona Terentjewna einige Zwiebeln entwendet und in die Erde gesteckt. [...] Schließlich war eine Zwiebel nicht nur einfach eine Zwiebel. Sie enthielt Vitamine, die alle so nötig brauchten" (S. 163). Um die jungen Keimlinge gegen die Kälte zu schützen, decken "die Kinder sie mit einem alten Einweckglas zu, das sie im Stollen gefunden hatten" (ebd.), und Petja führt penibel Buch über das Experiment. Außerdem gestalten Petja und Valentina im Hauptquartier der Partisanen eine Wandzeitung mit dem Titel "Der unterirdische Bolschewik" (S. 202); das fällt freilich schon in die Kategorie "Agitation und Propaganda", über die weiter unten noch mehr zu sagen sein wird. Halten wir an dieser Stelle aber ruhig schon einmal fest, dass es sich für die emotionale Anteilnahme des Lesers als sehr wirkungsvoll erweist, dass ein großer Teil der Handlung aus der Sicht von Kindern, nämlich eben Petja und Valentina, erzählt wird. -- Um aber noch einmal auf den Aspekt der alltäglichen Kleinarbeit zurückzukommen: Der Roman versteht es ausgesprochen gut, beim Leser ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Arbeiten, die für sich selbst gesehen banal und monoton scheinen, im Gesamtgefüge des Untergrundkampfes dennoch eine wichtige, ja unverzichtbare Funktion erfüllen. "Seit kurzem war noch eine andere ermüdende und langweilige Arbeit hinzugekommen", heißt es etwa auf S. 156: 
"Jemand mußte mit der Hand einen kleinen Dynamo zum Aufladen der Akkumulatoren drehen, ohne die das Radiogerät nicht funktionierte. Damit der Empfänger zehn, fünfzehn Minuten arbeitete, mußte man vorher den verwünschten Dynamo einige Stunden hintereinander drehen. Jeder, der auch nur eine halbe Stunde frei hatte, beteiligte sich daran." 

Um die Wichtigkeit dieser ebenso anstrengenden wie "tödlich langweilige[n] Tätigkeit" (S. 157) eindringlich zu illustrieren, bedient der Autor sich wiederum der Perspektive des Kindes: 

"Der kleine Petja hatte früher in der 'Pionier-Prawda' von berühmten Polarforschern gelesen, die auf Eisschollen drifteten und abwechselnd stundenlang hintereinander den Dynamo drehten, damit der Funker in der Polarnacht, über Tausende Kilometer hinweg, durch Schneefälle, magnetische Stürme, Orkane und Unwetter hindurch auf seiner Eisscholle die Stimme der Heimat hören konnte. Sie grüßte ihn mit dem mitternächtlichen Glockenschlag des Spasskiturmes und die durch die Entfernung zwar leisen, aber dennoch mächtigen, feierlichen Klänge der 'Internationale'. Wie begeistert war der Junge damals gewesen, und wie hoch hatte er diese mutigen Menschen verehrt, die zum Ruhm des Vaterlandes den Kampf mit den gefährlichen Elementen wagten. Niemals war ihm in den Sinn gekommen, wieviel körperliche Anstrengungen sie das Tag für Tag kostete [...]. 

Wenn er nicht gewußt hätte, daß das Radiogerät ohne dieses fürchterliche Drehen nicht empfing, hätte er die Kurbel, an der er sich Blutblasen holte, bald fallen lassen. Doch Petja weißte, daß abends das Informbüro senden würde. Den ganzen Tag wartete er mit den anderen auf die Nachrichten. So biß er sich auf die Lippe und drehte, drehte unermüdlich das leise quietschende, schlecht geölte, selbstgebaute Rad" (S. 156f.) 

Mir fällt dazu unwillkürlich eine in anderem Zusammenhang schon einmal zitierte Passage aus C.S. Lewis' "Mere Christianity" ("Pardon, ich bin Christ") ein: 
"Vom Feind besetztes Land – das ist diese Welt. Das Christentum berichtet davon, wie der rechtmäßige König gelandet ist, in Tarnung, könnte man sagen, und wie er uns alle aufruft, uns an einem großen Sabotagefeldzug zu beteiligen. Man geht im Grunde in die Kirche, um dort die geheimen Funksprüche unserer Freunde abzuhören. Deshalb ist der Feind so erpicht darauf, uns von dort fernzuhalten."
Ein anderer interessanter Aspekt des Lebens im Untergrund betrifft "die Notwendigkeit [...], den Pionieren Petja Batschej und Valentina Perepelizkaja mehr Aufmerksamkeit zu widmen": "Da sie angesichts der objektiven Schwierigkeiten keine Möglichkeit zum Schulbesuch hatten, bestand die Gefahr, daß sie im Lernen zurückblieben" (S. 203). An dieser Stelle erweist es sich nun vielleicht doch als nützlich, dass ich die Auswertung dieser Leseetappe so lange unvollendet habe liegen lassen, dass ich nun auch Erkenntnisse aus der Lockdown-Zeit in sie einfließen lassen kann. Denn es liegt ja nahe, hier an das Stichwort "Homeschooling" zu denken, und in diesem Zusammenhang wirkt es durchaus erhellend, zu betrachten, was für einen Bedeutungswandel der Begriff "Homeschooling" im öffentlichen Diskurs - zumindest in Deutschland - im Zeichen pandemiebedingter Schulschließungen durchgemacht hat (vgl. dazu auch den Gastbeitrag "Homeschooling ist anders" in den "Lebendigen Steinen" Nr. 5, S. 28ff.). Aus #BenOp-Sicht ist Homeschooling - ebenso wie diverse alternative Schulformen, ("Classical Academies", elterngeführte Schulen wie Marco Sermarinis "Scuola G.K. Chesterton", Uracher Plan...) schließlich deshalb interessant, weil es eine Möglichkeit bietet, der Indoktrinierung durch das öffentliche Schulsystem zu entgehen und ein (in inhaltlicher wie in methodischer Hinsicht) alternatives Konzept von Bildung zu praktizieren. Im Unterschied dazu bedeutete "Homeschooling" unter Lockdown-Bedingungen in Deutschland lediglich eine Auslagerung des schulischen Unterrichts aus dem Schulgebäude heraus und in den privaten Raum hinein, wobei die Eltern gewissermaßen als verlängerter Arm der Lehrer agieren sollten bzw. mussten. 
Prinzipiell ähnlich verhält es sich in den "Katakomben von Odessa": Nicht das Schulsystem ist das Problem, sondern im Gegenteil gerade der Umstand, dass die Kinder daran nicht teilnehmen können. Also gilt es, unter Untergrund-Bedingungen einen möglichst passablen Ersatz für den schulischen Unterricht zu schaffen. Es wird daher angeregt, die Kinder "täglich zu zwei Stunden Unterricht zu verpflichten", zudem soll das Kreiskomitee der Partei "die Pioniere bei der ersten günstigen Gelegenheit mit Lehrbüchern und Schreibgeräten [...] versorgen": 
"Solange diese noch nicht beschafft waren, wurde Valentina ans Herz gelegt, Petja ins Schlepptau zu nehmen und mit ihm den Unterrichsstoff der sechsten Klasse aus dem Gedächtnis durchzugehen. Valentina ihrerseits sollte sich in allen Fächern der achten und neunten Klasse unter Leitung von Swjatoslaw weiterbilden." (S.203) 
Nur in einem Detail geht das Bildungsprogramm, das für Petja und Valentina entworfen wird, über eine reine Fortsetzung des normalen Schulunterrichts mit anderen Mitteln (bzw. unter veränderten Rahmenbedingungen) hinaus: Es wird angeregt, "die beiden unverzüglich einen Beruf zu lehren, der gleichzeitig für die illegale Arbeit von Nutzen sei, wie zum Beispiel Radiotechnik und Morsen" (ebd.). 
 
Ausgesprochen #benOppig - jedenfalls von der Grundidee her - mutet hingegen die "Einrichtung einer täglichen Vorlesestunde im illegalen Kreiskomitee" (S. 199) an: Gelesen wird Gogols "Taras Bulba", dem Einen oder Anderen (z.B. mir) eventuell bekannt durch die Verfilmung mit Yul Brynner, Tony Curtis und Christine Kaufmann (1962). Wie man sich vorstellen kann, geht es bei der Vorlesestunde nicht etwa nur um literarische Bildung; vielmehr soll durch Gogols Erzählung "die Erinnerung an unsere ruhmreiche Vergangenheit" wach gehalten werden -- nämlich daran, "wie unsere Vorväter, die Saporosher Kosaken, gegen das fremde Joch kämpften, das ihnen von Westen her auferlegt wurde" (S. 198). -- Die Parallelen zwischen Gogols Erzählung und der Gegenwart der Widerstandskämpfer in den Odessaer Katakomben werden besonders anlässlich der Erwähnung der Kiewer Höhlen deutlich; bezeichnenderweise unterbricht Genosse Tschornoiwanenko die Lesung just an dieser Stelle für eine “kleine sachliche Richtigstellung": Ihm missfällt es, dass "Gogol behauptet, daß in den Kiewer Höhlen fromme Menschen gesessen hätten, die sich dort vor den Stürmen, dem Kummer und den Versuchungen der Welt verborgen hielten". Dagegen betont der Kreiskommissar, "daß die Kiewer Höhlen vor allem militärstrategische Bedeutung hatten": 
"Dort drinnen haben sich nämlich die Kiewer während der mongolisch-tartarischen Einfälle aufgehalten. [...] Aus den Höhlen heraus führten sie Überfälle im Rücken des Feindes durch und teilten vernichtende Schläge aus. Sie haben ihr Vaterland gegen die Eindringlinge verteidigt und sich durchaus nicht vor den Stürmen, dem Kummer und den Versuchungen der Welt verborgen" (S. 200). 
Folglich ermahnt Tschornoiwanenko die Mitglieder seiner Kampfgruppe, sie dürften "in dieser Beziehung [...] Gogol, der hier [...] seine Leser gleichsam zum passiven Widerstand, ja sogar zur Kapitulation angesichts der Schwierigkeiten auffordert, keinen Glauben schenken": "[H]istorisch gesehen ist es falsch" (S. 200f.) -- das ist eine interessante und bezeichnende Aussage, vor allem wenn man bedenkt, dass Tschornoiwanenko noch unmittelbar zuvor eingeräumt hat, "ganz gewiß" habe es "auch solche frommen Leute" gegeben. Wenn er Gogols Darstellung also als historisch falsch bezeichnet, meint er damit offenkundig nicht, dass sie faktisch unzutreffend wäre -- sondern dass sie dem ideologisch korrekten Geschichtsbild widerspricht

Nicht weniger bezeichnend ist ein anderes Detail der Vorlesestunde: Als in der Gogol-Erzählung von einem "Madonnenbild" die Rede ist, vor dem ein "Lämpchen" brennt,  beschwert sich die Pionierin Valentina über die "Popenwirtschaft" und tadelt: "Eine Lampe ist zum Leuchten da, aber bei ihnen dient sie einem religiösen Zweck" (S. 199). 

Diese Abgrenzung von der "Popenwirtschaft", von den "frommen Leuten", die in den Kiewer Höhlen lediglich "passiven Widerstand" geleistet haben, ist für das Selbstverständnis der kommunistischen Widerstandskämpfer ausgesprochen bedeutsam; und es ist ja geradezu eine Binsenweisheit, dass ein betontes Abgrenzungsbedürfnis in aller Regel auf eine gewisse Nähe schließen lässt. Schon der Begriff "Katakomben" verweist ja assoziativ auf die verfolgte Urkirche; und im Rahmen einer Neujahrsfeier im Versteck trägt Tschornoiwanenko ein von ihm selbst gedichtetes Lied vor, dessen Refrain lautet: 
"Der Glaube gibt uns Hoffnung. Der Glaube gibt uns Mut.
Wer glaubt, wird immer siegen. Wer glaubt, weicht nie zurück!" (S. 210) -- 
das könnte man sich ohne Weiteres auch in einem NGL-Liederbuch vorstellen. -- Als die Widerstandskämpfer pünktlich zum Neujahrsfest ein Lebensmittelpaket erhalten, fragt ein Mitglied der Kampfgruppe, Ljonja Zimbal, scherzhaft provozierend: "Gibt es da oben nicht doch einen Gott?" - "Nein, den gibt es nicht", erwidert Tschornoiwanenko humorlos -- und betont: "Menschen sind dort oben. Gute Sowjetmenschen. Unser Aktiv der Genossen und Parteilosen. Das Volk." Daraufhin erklärt Ljonja, genau das habe er ja gemeint: "Oben ist das Volk. [...] Und das Volk ist unsterblich. Also ist das Volk soviel wie Gott." (S. 206) 

Stellen wie diese machen bemerkenswert deutlich, in welchem Maße die Religionsfeindlichkeit der Kommunisten dadurch motiviert ist, dass die kommunistische Ideologie sich selbst an die Stelle der Religion zu setzen strebt und daher keine andere Religion neben sich duldet. Folgerichtig hat diese Ideologie auch ihre eigenen Rituale, ihre eigenen Märtyrer und Reliquien; das wird insbesondere im letzten Kapitel überdeutlich akzentuiert, als die Widerstandskämpfer in dem unterirdischen Labyrinth der sogenannten Katakomben auf Spuren früherer Widerstandskämpfer stoßen, die diese Gänge und Kammern schon im Bürgerkrieg von 1917-20 als Operationsbasis und/oder Versteck benutzt hatten. "Genossen, das ist die Stimme unserer Partei!", frohlockt Tschornoiwanenko. "Sie dringt zu uns aus den Tiefen der Vergangenheit. Spürt ihr ihre Kraft? Sie sagt uns: 'Wir leben'!" (S. 379). Den von Mutlosigkeit angekränkelten Batschej senior weist er zurecht: "Und du denkst, es sei so leicht, uns beide lebendig zu begraben? Nein, mein Lieber, wir sind unsterblich!” (S. 380). 

-- Der offenkundige Mangel einer solchen Religion ohne Transzendenz, einer Religion, die kein anderes Heilsversprechen kennt als jenes, das in der Zukunft der Menschheit liegt, einer Zukunft, die die Berufsrevolutionäre erst noch erschaffen müssen, ist, dass die hier anklingende Verheißung von Unsterblichkeit nur für das Kollektiv gilt, aber nicht für den Einzelnen. Dem einzelnen Revolutionär ergeht es im günstigsten Fall wie Mose, der vor seinem Tod das Gelobte Land von Weitem sehen durfte, aber nicht mehr lebend hinein gelangte. 


Trotz der fesselnden Erzählweise muss man sagen, dass die kommunistische Propaganda des Romans die Sympathien des nicht-kommunistischen Lesers für die Protagonisten einigermaßen schmälert. Zu dieser propagandistischen Ausrichtung des Romans  gehört auch die totale Dämonisierung des Gegners , die im Kampf gegen diesen jedes Mittel recht erscheinen lässt: So erklärt Tschornoiwanenko seinen Mitkämpfern - unter Berufung darauf, "was Lenin über den Einfall der Interventen gesagt hat" -, den "durch internationalen Raub geschaffenen, im Krieg vertierten Truppen" des Feindes dürfe man keinesfalls mit "etwas anderem als Terror" begegnen: "Wir wären Narren! So lehrt es uns Lenin" (S. 146). Im Gesamtkontext wird deutlich, dass dies nicht nur für den aktuellen Gegner - die deutschen und rumänischen Besatzungstruppen -, sondern für alle Feinde des Kommunismus gilt. "Was für Schurken haben nicht schon versucht, uns zu erwürgen", erinnert Tschornoiwanenko seinen alten Kampfgenossen Batschej: "Die Denikin, Wrangel, Koltschak, Semjonow, Petljura, die Schachty-Leute, die Industriepartei, die Basmatschen, die Mussawatisten... [...] Chalchin-Gol, die Weißfinnen..."  (S. 378) -- eine äußerst bemerkenswerte Aufzählung, die nicht nur gegenrevolutionäre Kräfte umfasst, sondern auch andere, nicht-bolschewistische Revolutionsbewegungen, innere Abweichler, Opfer von innerparteilichen Säuberungen und Schauprozessen. "Doch wir haben sie geschlagen, wir schlagen sie und werden sie schlagen. Ja, schlagen im tödlichen Kampf!", bekräftigt Tschornoiwanenko. "Und wir werden sie vernichten... Einfach weil wir einen gerechten, einen Volkskrieg führen. Einen Krieg für die Zukunft der ganzen schaffenden Menschheit. Für den Frieden, das Glück, den Kommunismus!" (end.) 

Aus #benOppiger Perspektive möchte ich anmerken, dass gerade solche Passagen ausgesprochen lehr- und hilfreich dafür sein können, gewissermaßen "leninistische" Tendenzen im eigenen Denken aufzuspüren und kritisch zu reflektieren. Mit Blick auf die Mahnung des Apostels Paulus "Wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen" (Epheser 6,12) mag es in Konfliktsituationen ratsam sein, sich einerseits zu fragen "Was würde Lenin tun?" und andererseits "Was würde der Hl. Paulus tun?" -- und sich dann ganz bewusst gegen Lenin und für den Hl. Paulus zu entscheiden. 

Abschließend möchte ich behaupten, allein die Ausführlichkeit, mit der ich mich diesem Buch gewidmet habe, macht hinreichend deutlich, dass "In den Katakomben von Odessa" nach jetzigem Stand der Bücher-Evaluation allemal Einen Platz in den Top Ten verdient; ich sortiere es hinter "Las Casas vor Karl V." ein. 

  • Alexander von Schönburg: In bester Gesellschaft 
Diese Sammlung pointierter, häufig sarkastischer Kolumnen aus der Welt der Reichen und Schönen habe ich mit Vergnügen gelesen; über den reinen Unterhaltungsaspekt hinaus habe ich die einzelnen Beiträge allerdings als in sehr unterschiedlichem Maße interessant empfunden. Zum Teil sind Schönburgs Kolumnen ausgesprochen witzig (z.B. "Wie man sich unbeliebt macht", S. 23ff., oder "Brauchen Kinder Vielfliegerkarten?", S. 102ff.), ohne deswegen allerdings zwingend #BenOp-relevant zu sein; zum Teil machen sie den Eindruck, ihnen fehle die Pointe; und zum Teil sind sie wirklich einfach nur Klatsch. Da das Buch 2008 erschienen ist, ist als zeitgeschichtlicher die damals gerade aktuelle Bankenkrise mitzubedenken, auf die im Klappentext angespielt wird und die im Inneren des Buches erstmals auf S. 17 explizit erwähnt wird, insgesamt aber doch keine gar so herausragende Rolle spielt.
Trotz mehrerer im Text verstreuten Andeutungen dauerte es übrigens eine Weile, bis mir aufging, dass der Autor der Bruder von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ist -- ein Umstand, der für seine Stellung innerhalb der konservativ-katholischen Prominenz Deutschlands wohl nicht ganz unerheblich ist. Explizit kommt Schönburg aber nur sehr gelegentlich auf seinen Katholizismus oder überhaupt auf religiös-kirchliche Themen zu sprechen; ein Highlight in dieser Hinsicht ist der ursprünglich in Vanity Fair - dem Magazin, nicht dem Roman! - Nr. 18/07 erschienene Text "Klatschhochburg Vatikan" (S. 51ff.). Darin berichtet der Graf über die "Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag von Benedikt XVI.", die ihn "zu einer Expedition in den Vatikan" veranlasst haben: 
"Als Katholik war ich eigentlich davon ausgegangen, es hier hauptsächlich mit sehr frommen Menschen zu tun zu kriegen. Rückblickend muss ich feststellen, dass ich selten mit so viel Klatsch und Tratsch konfrontiert gewesen bin wie in Rom. Wie bei jedem anderen Hofstaat dreht es sich auch hier hauptsächlich um eines: die Nähe zum Thron. Nur dass alles hier, auch die Boshaftigkeit, renaissancehafte Ausmaße hat. Je größer die Nähe zum Souverän ist, desto unnachgiebiger wird man von Höflingen angefeindet. Das war in Versailles so, das ist im Buckingham-Palast so, und das ist offenbar auch im Vatikan nicht anders." (S. 51) 
Als "Hauptzielscheibe des Mobbings" macht Schönburg den "Privatsekretär des Papstes, Don Georg Gänswein" aus: 
"Hinter vorgehaltener Hand wird er gerne abfällig 'der Kaplan' genannt. Seine Freundschaft zum Papst, die Tatsache, dass er nicht nur dessen Büro leitet, sondern auch noch täglich eine Stunde mit Benedikt XVI. durch die vatikanischen Gärten spaziert, um den Rosenkranz zu beten, scheint eine Quelle unendlicher Missgunst zu sein." (ebd.) 
Im Übrigen merkt der  Verfasser an, die "deutsche Politprominenz" habe beim Empfang zum Papstgeburtstag, "wie nicht anders zu erwarten, entweder durch Abwesenheit oder durch unpassende Garderobe" geglänzt, und verrät, Edmund Stoiber sei - als "kleine, aber gerechte Strafe" für seinen Verstoß gegen die Kleiderordnung - "um ein Haar verhaftet" worden (S. 52). Im Zusammenhang mit protokollarischen Patzern in Grußbotschaften an die Adresse des Papstes fällt der herrlich süffisante Satz: "Die Anrede ‘Eure Heiligkeit’ ist in Deutschland dem Dalai Lama vorbehalten" (S. 53).

Unter den sonstigen - verstreuten, vereinzelten - Passagen mit Bezug zu Religion im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Besonderen scheinen mir vor allem diejenigen erwähnenswert, die sich mit der kirchlichen Lehre zur Sexualität befassen. So findet sich in einem ursprünglich 2004 in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Artikel über den exzentrischen und bekennend bisexuellen Schauspieler Helmut Berger eine erstaunliche Apologie der vielgescholtenen katholischen Sexualmoral -- von keinem anderen als Helmut Berger selbst: In seiner Autobiographie, so bemerkt Schönburg, habe Berger noch beklagt,
"dass er unter der katholischen Sexualmoral gelitten habe, weil ihm [sic] bei jedem Gedanken an Sex Schuldgefühle verfolgten. Heute sagt er: 'Diese Schuldgefühle, die ich mühsam bekämpft habe [...], das waren Eingebungen meines Engels! Leider war viel zu oft der Dämon aber stärker.' Irgendwann habe er die Stimme des Engels nicht mehr gehört." (S. 145) 
Und in einem 1998 im Gentleman's Quarterly erstveröffentlichten Artikel über den (post-)modernen  Künstler oder Anti-Künstler Damien Hirst (dazu weiter unten noch mehr) sinniert Schönburg über die bildungsbürgerliche Lust am Schockiertwerden, womöglich wäre es heutzutage die größtmögliche Provokation, "wenn man statt Promiskuität und Analsex plötzlich Askese und Enthaltsamkeit thematisieren würde"  (S. 158). 

Soweit die einzelnen Beiträge des Buches sich ganz oder weitgehend in den bewährten Bahnen des Genres "Klatschkolumne" bewegen, könnte man indessen den Eindruck haben, die Kernaussage dieses Werkchens laute "Ja, die Promi-Welt ist schon ein ziemlicher Misthaufen", und das allein sei ja nun - trotz des Scharfblicks und der flotten Schreibe des Autors - keine besonders bahnbrechende Erkenntnis. Aber es steckt doch mehr dahinter. Wenn das Buch als Ganzes gesehen überhaupt eine Kernaussage hat, dann lautet diese wohl eher "Die feine Gesellschaft ist auch nicht mehr das, was sie mal war"; und das ist nicht einfach als konservativ-kulturpessimistisches Lamento zu verstehen, sondern beschreibt einen sehr realen Transformationsprozess in der Gesellschaft. In einem wohl 2002 oder '03 (die Datumsangabe fehlt im Quellenverzeichnis) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter dem Titel "Proletariat erster Klasse" erschienenen, für die Buchausgabe süffisant in "Ist Snobismus überhaupt noch möglich?" (S. 80-86) umbenannten Artikel bringt der Graf dies mit der Feststellung auf den Punkt, das, "was man früher ‘Gesellschaft’ nannte", werde "durch ‘Promis’ ersetzt" -- und zwar weil diese "eine wichtige Funktion erfüllen: Sie machen die Durchlässigkeit der sozialen Schranken plausibel" (S. 82). An anderer Stelle ("Geschlossene Gesellschaft", S. 45ff.; ursprünglich in Vanity Fair Nr. 40/07) stellt er fest, dieser Promi-Kult führe dazu, dass es, "grob gesagt, zwei Arten von gesellschaftlichen Ereignissen" gebe: 
"die wirklich interessanten Zusammenkünfte, die für die Öffentlichkeit unsichtbar sind [...]. Und die potemkinschen Partys, deren Sinn und Zweck es ist, in den Klatschspalten vorzukommen, die aber nur gesellschaftliches Leben simulieren - weil sie in Wahrheit reine PR-Veranstaltungen sind, denen die Mitglieder der wirklichen Gesellschaft fernbleiben." (S. 46f.)
Die Welt der Promis erweist sich mithin gleich in mehrfacher Hinsicht als eine Scheinwelt -- deren Absurditäten Schönburg gnadenlos, wenn auch zuweilen mit mild sarkastischem Lächeln, aufs Korn nimmt: “Früher war es so, dass sich die Damen der Gesellschaft nachmittags zu einem Schönheitsschlaf zurückzogen, heute lässt man sich lieber ein bisschen Nervengift ins Gesicht spritzen, um wieder frisch auszusehen" (S. 27f.). Demgegenüber erscheint die "echte, alte" Oberschicht, der Graf Schönburg sich zugehörig weiß, als geradezu bodenständig: 
"Für einen Milliardär ist es eine weise Entscheidung, eine Reiterin zur Freundin zu nehmen. Reiterinnen haben eine eingebaute Anti-Tussi-Versicherung. Jemand, der einen Stall ausmisten kann, ist jedenfalls schon einmal nicht verhätschelt." (S. 56) 
Man fühlt sich - genauer gesagt: ich fühle mich - ein wenig an die Ständetheorie Wilhelm Heinrich Riehls ("Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik", 1851-69) erinnert, der den im Wortsinne "bodenständigen", d.h. auf seinen Gütern sitzenden Landadel als eine Art veredeltes Bauerntum betrachtete und genau darum schätzte. -- Aber zurück zum vorliegenden Buch: Wo hinter dem aristokratischen Snobismus, mit dem der Verfasser vielfach kokettiert, eine ernsthafte zeitkritische Haltung durchschimmert, sehe ich durchaus Bezugspunkte zu Alasdair MacIntyres Buch "Der Verlust der Tugend", das ja bekanntlich zu den philosophischen Grundlagentexten der #BenOp zählt. Schönburg betrachtet, so möchte ich behaupten, die akut vom Aussterben bedrohten aristokratischen Tugenden als echte Tugenden im Sinne MacIntyres, wohingegen die sogenannten "bürgerlichen Tugenden", die Graf Schönburg unter augenzwinkernder Berufung auf sein blaues Blut (so schon in dem als eine Art Vorwort dienenden Text "Höflicher Monolog", S. 9-13) eher mit Geringschätzung betrachtet, eben - wiederum ganz im Sinne MacIntyres - nur sogenannte und keine wirklichen Tugenden sind; und die neue, quasi nach-bürgerliche Upper Class der Parvenüs und "Promis" hat selbst die nicht mehr. "Bis heute zehren wir von Traditionen und Kulturgütern, die durch das Mäzenatentum und die Glanzentfaltung im feudalen Zeitalter geschaffen wurden", gibt Schönburg zu bedenken. "Was, fragt man sich bang, wird uns wohl die heutige Elite als Kulturgut hinterlassen?” (S. 82f.) 

Nicht minder bemerkenswert erscheint Schönburgs Feststellung, dass die tatsächlich "Reichen und Mächtigen" sich dank der Fixierung des öffentlichen Interesses auf die "Promi"-Scheinwelt "zu den invisibles, den Unsichtbaren, zählen dürfen": 
"Die Soziologie erfand den Begriff invisibles für jene am untersten Rand der Gesellschaft, da sie von uns, wenn wir durch unsere Städte gehen, nicht wahrgenommen werden, wie sie in ihren Pappkartons hausen. Was noch aussteht, ist die soziologische Würdigung der Tatsache, dass jene am obersten Rand der Gesellschaft ebenso invisible sind." (S. 47) 
Gesondert eingehen muss ich noch, wie bereits angekündigt, auf den Beitrag über Damien Hirst (S. 151-158), denn darin findet sich eine Reflexionspassage, in der Graf Schönburg bemerkenswert leichthändig dem Dilemma dessen, was landläufig im polemischen Sinne als "moderne Kunst" bezeichnet wird (also insbesondere Aktions- und Objektkunst), auf den Grund geht: 
"Den Künstlern der modernen Welt [...] blieb in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts nichts anderes übrig, als einzusehen, dass man mit Pinsel auf Leinwand nichts Neues mehr sagen kann, zumindest nichts, was für eine Zeit der Massenproduktion typisch sei. Also erhob Andy Warhol das Massenprodukt selbst zur Kunst, mit der Dose Tomatensuppe von Campbell. Sein Kollege Lichtenstein machte Comics zur Kunst. Okay, okay, wir haben verstanden, die Kunst ist tot, in der Sterbensphase gab es noch ein paar große Werke, die dieses Sterben eindrucksvoll zeigen, aber irgendwann muss doch Schluss sein. Man kann doch nicht jahrzehntelang auf eine Leiche einstechen. Sind nun Hirsts Fleischfetzen und Tierkadaver in Formaldehyd das endgültige Ende, oder gibt es diese Kunst gar nur noch, weil der Kunstmarkt versorgt werden muss? Damien Hirst verarscht die Kunstwelt, aber er lebt auch von ihr. [...] Also ist Damien Hirsts Antwort auf die Frage, ob er Kunst oder Anti-Kunst macht, die einzig richtige: 'Lass uns in den Pub gehen und uns über die Ausweglosigkeit dieser Frage betrinken!'" (S. 152f.) 
Ich prognostiziere schon mal, dass uns dieses Thema in zukünftigen Leseetappen noch ein paarmal begegnen wird. Und ein #BenOp-relevantes Thema ist das deshalb, weil er hier diagnostizierte "Tod der Kunst" eine natürliche Folge des Verlusts metaphysischer Gewissheiten ist. Werfe ich jetzt mal so als These in den Raum. -- Nur als Kuriosität, besonders mit Blick auf die vorige Etappe meiner "100-Bücher-Challenge", sei erwähnt, dass der Verfasser an einer Stelle über seinen Freund Prinz Asfa-Wossen Asserate sagt, dessen Familiengeschichte sei "nicht, wie bei unsereinem, in spießigen Familienchroniken nachzulesen, sondern im Alten Testament. Im Buch der Könige. Zu seinen Vorfahren gehören die Königin von Saba und König Salomon" (S. 222). -- Alles in allem jedenfalls eine durchaus lohnende Lektüre; die spezifisch #BenOp-relevanten Aspekte sind zwar vergleichsweise klein und weit verstreut, reichen aber aus für die Aufnahme in die Rangliste -- auf dem vorerst letzten Platz. 

  • Caroline Plaisted: Erste Liebe übers Internet 
Die deutsche Fassung dieses Jugendromans der britischen Autorin Plaisted, der im Original den knackigeren Titel "E-Love" trägt, erschien exklusiv im "FUNtasie Club", den es schon seit längerer Zeit nicht mehr gibt, der aber offenbar nach einer Art Abo-System funktionierte (laut einem Eintrag bei gutefrage.net bekamen Clubmitglieder "jeden Monat ein Paket mit 2 Büchern und [...] kleinen Extras" wie z.B. Schreibzeug). Dass das Buch folglich nicht über den normalen Buchhandel erhältlich war, scheint zunächst einmal wenig Gutes über seine Qualität nahezulegen; und nebenbei bemerkt wirkt die deutsche Übersetzung teilweise recht plump und unbeholfen. Trotzdem fand ich das Buch über weite Strecken bedeutend besser als erwartet, oder sagen wir ehrlicherweise: bedeutend weniger schlecht als erwartet.

Interessiert hat mich an dem Buch ja vorrangig die Frage angeht, ob es sein Thema wohl ausreichend ernst nimmt; nun, dazu ist festzustellen: Die Originalausgabe erschien 2001, die deutsche Fassung 2002, das Internet war für uns alle Neuland, und so drehen sich die Gedanken der 15-jährigen Protagonistin Samantha (kurz "Sam") vor allem anfangs vorrangig darum, ob es nicht irgendwie peinlich und armselig sei, soziale Kontakte in Chatrooms zu suchen statt im wirklichen Leben. Man will schließlich nicht zu "diese[n] traurigen Typen" gehören, "die Schwierigkeiten haben, Freunde zu finden und sich deshalb auf die Chatrooms verlassen müssen, in der Hoffnung, dort mit jemandem in Kontakt zu kommen" (S. 15); und kann ein Junge, den man auf diesem Wege kennen lernt, überhaupt etwas anderes sein als ein "komischer Typ", ein "trauriger Fall", ein "asozialer Computerfreak" (S. 13)? Hätte er es andernfalls "nötig, auf diese Weise Freunde zu suchen" (ebd.)? Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich keine klare Vorstellung davon habe, wie "Chatrooms" - eine primitive Vorform sozialer Netzwerke aus der Zeit vor der Erfindung von MySpace (2003) und Facebook (2004) - eigentlich funktionierten. Das ist aber wohl auch nebensächlich. -- Im weiteren Verlauf ist, durchaus erwartungsgemäß, recht beharrlich von den Gefahren die Rede, die damit verbunden sein können, sich im Internet von Fremden ansprechen zu lassen. "Nein, nein, ich war ja nicht von gestern", versichert Sam. "Ich wusste sehr gut, dass man online sehr vorsichtig sein musste mit dem, was man von sich erzählte. Man liest ja schließlich immer wieder in den Zeitungen über diese ekligen Typen, oder? Über diese schmutzigen alten Männer, die versuchen über das Internet Kinder anzumachen." (S. 27) Halb scherzhaft, halb ernsthaft ermahnen ohre Freundinnen sie: "Da draußen gibt es ganz üble Spanner" (S. 42). - "Aber das könnte doch ein perverser alter Spinner sein? [...] Vor kurzem stand in der Zeitung, dass ein Mädchen in Amerika von einem Typen vergewaltigt wurde, den sie über das Internet kennen gelernt hatte!" (S. 57). Auch eine Lehrerin "hatte uns vor all den Pädophilen gewarnt, von denen die Polizei annahm, dass sie auf der Suche nach Kindern durch das Internet surften" (S. 43). Und dann natürlich die Eltern! "Du hast diesen Jungen im Internet getroffen?", empört sich Sams Mutter. "Samantha, ich weiß, dass du und deine Freundinnen über das Internet chattet, aber dein Papa und ich haben dir ausdrücklich verboten mit anderen Leuten in den Chatrooms zu sprechen. Das weißt du ganz genau. Wir haben lange darüber diskutiert. Wir haben doch in den Zeitungen alles über diese perversen Leute gelesen die andere Menschen über das Internet verfolgen." 

Ich bin geneigt zu sagen: Durch diese ständige Wiederholung, vor allem aber dadurch, dass aus solchen Warnungen aber keinerlei praktische Konsequenzen gezogen werden, werden sie in gewissem Sinne gerade verharmlost: Autorin und Verlag dürfen das gute Gefühl haben, ihrer Verantwortung gerecht geworden zu sein, indem sie die Gefahr angesprochen haben, aber die junge Leserin zieht aus dem Handlungsverlauf den Schluss: Hey, es geht ja alles gut, warum sollte also ausgerechnet mir etwas Schlimmes passieren. 

Davon abgesehen wartet die Handlung mit einigen durchaus interessanten Nebenaspekten auf, etwa was das Thema Familie und Beruf betrifft. Schon ziemlich zu Beginn der Handlung bekennt die Protagonistin, der Umstand, dass ihre "Eltern so viel arbeiten und [...] so wenig Freizeit haben", mache ihr "eigentlich nichts aus": "Wahrscheinlich habe ich mich schon daran gewöhnt und bin froh, dass ich meine Sachen machen kann, ohne dass mich dauernd jemand dabei stört" (S. 11). Noch einmal zur Erinnerung: Sie ist es fünfzehn. Ihre Mutter ist Anwältin für Familienrecht und ihre Fälle sind "immer so traurig": "Manchmal hört man, wie sie vor sich hin murmelt und ungläubig den Kopf schüttelt über das, was andere Menschen sich gegenseitig antun" (S. 12). Interessant ist auch eine im Gesamtzusammenhang der Handlung rein episodische Passage über Sams Klavierlehrerin: 
"Als Frau Jay jung war, war sie Meisterschülerin an der 'Royal Academy of Music' [...]. Sie sollte eigentlich eine große Konzertpianistin werden und um die Welt reisen, aber da kam ein großer Schicksalsschlag. Anscheinend starb ihr Vater und ihre Mutter erwartete von ihr, dass sie nach Hause kommen und für sie sorgen sollte. Ihre Karriere aufgeben und so weiter. Schrecklich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie das gemacht hat, freiwillig alle Freunde aufzugeben, die ganze Freiheit des Alleinelebens. Und dann die Reisen um die Welt! Aber Frau Jay sprach darüber, als wäre das für sie damals genau das Richtige gewesen. Als hätte es keine andere Wahl gegeben, als nach Hause zurückzukommen und sich um ihre Mutter zu kümmern." (S. 20) 
Ich würde mal sagen: Dass die halbwüchsige Ich-Erzählerin sich so überzeugt zeigt, eine solche Lebensentscheidung zu Lasten der Karriere und der "Freiheit des Alleinelebens" sei "[s]chrecklich" und "[t]odtraurig" (ebd.), obwohl die Klavierlehrerin selbst das offenkundig nicht so empfindet, lädt dazu ein, diese Passage und dann auch gleich noch diverse andere gründlich gegen den Strich zu lesen. 

Und, ob man's für möglich halten mag oder nicht: Zum Thema Religion/Kirche ist "Erste Liebe übers Internet" für Jugendbuch-Verhältnisse ebenfalls gar nicht mal so unergiebig. Eine Passage, in der Samantha darüber reflektiert, "dass Sonntage eine Mischung aus wunderschönem Faulsein und total schrecklicher Langeweile" seien (S. 50), lässt zwar darauf schließen, dass aus ihrer Familie gewöhnlich niemand sonntags in die Kirche geht; anders aber ihre von den Westindischen Inseln stammende Freundin Debs, die in einem Kirchenchor singt und sogar - als "analoger" Gegenentwurf zu Sams Internet-Flirt - in der Kirche einen süßen Jungen kennenlernt: "Und nach dem Gottesdienst konnte ich sogar mit ihm reden, als es im Gemeinderaum Mittagessen gab" (S. 75). Na also! An anderer Stelle wird erwähnt, dass Sam und ihre Mitschülerinnen sich im Kunstunterricht "mit religiösen Malereien" beschäftigt haben - "wisst ihr, Heiligenbilder und Altäre und so etwas" - und dass sie sich dazu Mozarts Requiem angehört haben: "Das hat uns wirklich gut darauf eingestimmt" (S. 15). Später besichtigt sie zusammen mit ihrem Schwarm eine Kathedrale (S. 116). 

Alles in allem fand ich es zwischenzeitlich gar nicht unbedingt abwegig, dass man "Erste Liebe übers Internet" in die Rangliste der #BenOp-relevanten Lesefrüchte aufnehmen könnte, aber dann sagte ich mir: Wenn ich "Liebe, Stress, Gitarrenständchen" nicht in die Rangliste des letzten Jahres aufgenommen habe, warum erwäge ich es dann bei diesem Buch, das in nahezu jeder Hinsicht deutlich schwächer ist? Nur weil am Rande ein bisschen Kirche vorkommt? Hinzu kam, dass die zweite Hälfte qualitativ doch erheblich nachlässt: Sam und der im Chat kennengelernte Typ (namens Dan) treffen sich IRL, verlieben sich ineinander, knutschen... alles sehr vorhersehbar und unoriginell. Die letzten beiden Kapitel sind dann vollends tatsächlich so schlecht, wie ich mir ursprünglich das ganze Buch vorgestellt hatte. Offenbar gibt es in dieser Art von Jugendroman keinen anderen Ausweg aus der Handlung als den, die Heldin feststellen zu lassen, dass ihr Schwarm doch nicht so toll ist. In diesem konkreten Fall hat das damit zu tun, dass Dan, der in den Midlands wohnt, Tierarzt werden will, und zwar kein Therapeut für neurotische Schoßhündchen, sondern ein richtiger Viehdoktor; und Samantha ist einfach zu sehr Stadtkind, um sich damit anfreunden zu können, "ständig [...] von Kuhmist und stinkenden Tieren" umgeben zu sein, als sie ihn in den Ferien besucht (S. 135). Auch das könnte man natürlich gegen den Strich zu lesen versuchen, aber irgendwann stößt diese Methode eben doch an ihre Grenzen. Daß abschließende Urteil lautet also: nicht qualifiziert! 

  • C.J. Cherryh: Das Tor von Ivrel 
Das Erstlingswerk der sehr produktiven und mehrfach preisgekrönten Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Cherryh spielt in einer archaischen, von Stammeskonflikten und kriegerischem Ethos geprägten Welt, in der es jedoch - offenbar als Relikte einer untergegangenen, technologisch hoch entwickelten Zivilisation - Dimensionstore gibt, die Reisen durch Raum und Zeit ermöglichen. Da niemand  mehr über die nötigen Kenntnisse verfügt, die Tore zu kontrollieren, stellen sie eine unkalkulierbare Gefahr dar, weshalb Morgaine, eine geheimnisvolle Frau, die offenbar aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit stammt, sie zerstören will. -- Für Fans von "heroic fantasy" ist dieser Roman sicherlich ein Leckerbissen (außer vielleicht für solche, die "crossovers" mit dem Science-Fiction-Genre dogmatisch ablehnen; was weiß denn ich, was es in diesen Kreisen für Befindlichkeiten gibt). Wer mit diesem Genre weniger vertraut ist, muss sich in der von der Autorin geschaffenen Welt mit all den unaussprechlichen Orts- und Personennamen erst mal zurechtfinden. Dann allerdings ist es eine fesselnde Lektüre, gut erzählt, abenteuerlich und geheimnisvoll, und man hat den Eindruck, die Handlung - einschließlich der zunächst nur in Umrissen zu erahnenden backstory - sei ausgesprochen gut durchdacht, was im Fantasy-Genre, meinen bescheidenen Kenntnissen zufolge, durchaus keine Selbstverständlichkeit ist.

Den Vergleich mit Tolkien, der - wie ich bereits zu Protokoll gegeben habe - mancherorts gezogen wird,  halte ich immer noch für sehr deutlich zu hoch gegriffen, aber ein gutes Buch ist es doch. Ich war da ja anfangs skeptisch. Gäbe es eine eigene Wertung dafür, wie sehr ein Buch meine Erwartungen übertroffen hat, dann läge "Das Tor von Ivrel" in dieser Wertung sehr weit vorn. Eine ganz andere Frage ist derweil jedoch, wie es mit der #BenOp-Relevanz aussieht. Ja, wie denn? 

Das erste, was mich an diesem Buch über das reine Vergnügen an der spannend erzählten Handlung hinaus faszinierte, war eine Passage über Ungeheuer aus anderen Welten, die durch die Dimensionstore eindringen: "Diese Ungeheuer - einige werden sterben wie Kleinkinder, die man vorzeitig an einem zu kalten oder zu warmen Ort aussetzt; viele werden harmlos bleiben, doch andere werden gedeihen und sich vermehren" (S. 95). Die Protagonistin Morgaine warnt vor den ökologischen Folgen des Eindringens dieser Wesen: "Nicht dem Menschen schaden solche Dinge, sondern der Natur" (ebd.). -- Ich will nicht unerwähnt lassen, dass - wie mir beim Nachdenken über diese Passage aufgegangen ist - neben der im eigentlichen Sinne ökologischen Lesart auch - vermittelt über das Konzept des sogenannten "Ethnopluralismus" - eine "migrationskritische" wenn schon nicht naheliegend, so doch zumindest möglich wäre. Das erwähne ich deshalb im Zusammenhang mit der Frage nach der #BenOp-Relevanz, weil eine gewisse Überbetonung bzw. Überinterpretation des "isolationistischen" Elements von Rod Drehers "Benedikt-Option" in der kritischen Rezeption einerseits dazu geführt hat, dass der #BenOp rassistische Tendenzen unterstellt wurden, andererseits aber ironischerweise auch dazu, dass der Identitären Bewegung und ähnlichen "neurechten" Gruppierungen nahestehende Kreise ein wohlwollendes Interesse an dem Buch entwickelten (Belege verlinke ich hier mal lieber nicht). Ich denke aber, dass es schon einer gewissen - sagen wir mal - "xenophoben" Prädisposition bedarf, um nicht zu kapieren, dass die "Große Flut", die den christlichen Kirchen in der westlichen Welt "bis ans Dach" steigt, nicht die Migrantenflut ist. "Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen." (Epheser 6,12)

Wie also wäre die betreffende Passage dann zu deuten? -- Ein Umstand, der so offensichtlich ist, dass man ihn leicht übersehen könnte, ist, dass es sich bei den Toren um Medien handelt; ein Bezug zur Technologie- und Medienkritik der #BenOp lässt sich also ohne große Schwierigkeiten herstellen, und insbesondere darin, dass Thiye Thiyessohn, der gespenstische Lord von Hjemur, die Tore zu seinem Nutzen einzusetzen versucht, obwohl er sie letztlich nicht beherrschen kann, kann man unschwer eine Warnung vor den Gefahren unkontrollierbarer Technologien (und deren politischer Instrumentalisierung) erkennen. 

Interessant ist auch, dass es von dem offenbar so gut wie ausgestorbenen Volk der qujal, aus deren untergegangenen Zivilisation die Tore und noch einige weitere hochtechnologische, von den jetzigen Bewohnern des Landes jedoch für magisch gehaltene Relikte stammen, heißt: 
"Für die qujal gibt es kein Hinterher, keine Unsterblichkeit,  sondern nur den Tod. Sie haben ihre Götter verloren, jeden Glauben, den sie früher einmal besessen haben mögen. Mehr gibt es nicht für sie - leben, die Freuden genießen, die Macht genießen." (S. 108f.) 
Aber gehen wir mal einen Schritt zurück: Der Passage über die andersweltlichen, das Ökosystem bedrohenden Ungeheuer im Koriswald geht ein - leider nur kurzer - Aufenthalt der Protagonisten beim Klan der Chya voraus, und verglichen mit praktisch allen anderen Örtlichkeiten, die der Roman schildert, mutet der Sitz dieses Klans geradezu idyllisch an: 
"Eine riesige Lichtung tat sich im Koriswald auf, im freundlichen Licht der Mittagssonne strahlend; die gesamte Fläche war gefüllt mit Hütten aus Baumstämmen und Flechtwerk -- die Chya waren der einzige Klan ohne Steinburg. Vor langer Zeit hatte es das alte Ra-koris gegeben, ein herrlicher Bau, Sitz der Hochkönige; die Ruinen lagen in einiger Entfernung von diesem Ort [...]. Die Enkel und Urenkel der Krieger [...] unterhielten nun lediglich diesen hölzernen Bau, ohne Schätze, ohne umfangreiche Besitztümer; zwischen ihnen und dem Hungertod standen lediglich der Bogen und ihre Jagdgeschicklichkeit. Allerdings wirkte keiner der hier Wohnenden krank; die Frauen und Kinder, die die Einreitenden beobachteten, waren aufrecht und groß gewachsen, wenn auch von schlichter Schönheit; dieses Volk besaß eine angenehme Art, die sich sehr von dem ungesunden Äußeren der Leth unterschied." (S. 90) 
Sollte man das als das Urbild einer #BenOp-Community betrachten? Ist es von besonderer Signifikanz, dass es gerade der Klan der früheren Hochkönige ist, der nun in einer Art freiwilligen Armut und offenkundig gesunden Naturnähe lebt? Und dass dem Co-Helden Vanye das Angebot gemacht wird, sich nach vollbrachter Mission diesem Klan anzuschließen (wozu es dann aber doch nicht kommt)? Es bleibt in der Schwebe. Fast noch interessanter ist indes, dass die Protagonisten kurz vor dem entscheidenden Showdown der Romanhandlung im Kloster von Baien-an Station machen, von dem bereits im Prolog die Rede war: Rund ein Jahrhundert vor der Haupthandlungszeit des Romans trat der einzige Überlebende der Schlacht von Irien "kummervoll [...] in das Kloster von Baien-an ein und verbrachte seine Tage im Gebet" (S. 11). 

Über die Religion, der dieses Kloster gewidmet ist, erfährt man inhaltlich praktisch nichts, aber es erscheint mir doch recht eindeutig, dass sich die Schilderung des Klosters und der Lebensweise der Mönche am Vorbild christlicher - ja, sagen wir dreist: benediktinischer - Klöster orientiert. Sogar "Kirche und Glockenturm" (S. 167) fehlen nicht, und in der Bevölkerung ertönt eine "Vesperglocke", die "die grauen Reihen der Mönche in die Heiligen Orte auf dem Hügel" zurückruft (S. 168). Benediktinisch mutet auch die wohlabgewogene Mischung aus Abgeschlossenheit und Gastfreundschaft an, die das Kloster kennzeichnet: Es gibt dort ein "Gästehaus [...] für Personen, die in den heiligen Mauern nicht willkommen waren" (S. 163), und dort finden die Romanhelden Unterschlupf. "Betet für mich", bittet Vanye die Mönche, und "da ein solcher Wunsch gewöhnlich von einer Gabe begleitet war", fügt er hinzu: "Ich habe kein Almosen für euch" -- worauf die Mönche versichern: "Das macht nichts. Wir beten für dich" (S. 166). 

Das mögen alles nur Kleinigkeiten sein, aber es summiert sich doch einigermaßen. Ausreichend jedenfalls, um dem "Tor von Ivrel" einen Platz in der Rangliste zu gönnen, und zwar, bei aller Sympathie, vor Alexander von Schönburg und somit auf dem derzeit vorletzten Platz. 

  • Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht 
Wie schon einmal angemerkt, wird dieses Buch als kommentierte Edition von Originaltexten aus der Feder der 1997 verstorbenen Ordensgründerin vermarktet, macht jedoch auf den ersten Blick den Eindruck, die quantitativ überwiegende Textmenge stamme aus der Feder des Herausgebers Pater Brian Kolodiejchuk MC - des Postulators von Mutter Teresas Heiligsprechungsprozess - und dieser sei somit  der eigentliche Autor des Buches. Nach und nach relativiert sich dieser Eindruck allerdings: Der Band enthält Briefe, Tagebucheinträge, Rundschreiben, Vortragsmanuskripte und andere Notizen der Heiligen von Kalkutta, außerdem von Dritten mitgeteilte mündliche Äußerungen, und bietet so ein recht eindrückliches Bild von Mutter Teresas Persönlichkeit, ihrem Selbstverständnis und ihrer Berufung. Übrigens befasst sich die Einleitung des Herausgebers zu einem nicht unwesentlichen Teil mit dem Problem, dass es sich bei diesem Buch um eine Veröffentlichung von Schriftstücken handelt, von denen Mutter Teresa zu Lebzeiten wiederholt und nachdrücklich verlangt hat, sie sollten vernichtet werden. Dahinter stand offenbar das Bestreben der Heiligen, das öffentliche Interesse von ihrer Person ab- und auf Jesus hinzulenken. Ein sehr demütiger Wunsch, könnte man sagen; gleichzeitig ist es ein interessanter Gedanke, dass es der Heiligen wohl noch größere Demut abverlangte, das öffentliche Interesse an ihrer Person dennoch zuzulassen und zu ertragen. 

Hinsichtlich der Frage der #BenOp-Relevanz gilt hier zunächst, was ich schon anlässlich von Chestertons Biographien über Thomas von Aquin und Franz von Assisi angemerkt habe: Das Leben und Wirken großer Heiliger zu studieren, ist schon an und für sich #BenOp-relevant. In einem spezifischeren Sinne interessant ist "Komm, sei mein Licht" vor allem da, wo es sich um das Vorhaben der Gründung der "Missionarinnen der Nächstenliebe" und die Schwierigkeiten dreht, die sich diesem Projekt entgegenstellten. Beeindruckend fand ich allerdings auch eine Anekdote aus der Zeit, als Mutter Teresa noch dem Orden der irischen Loretoschwestern angehörte und als Lehrerin an einer von diesem Orden betriebenen Mädchenschule tätig war; genauer gesagt, eine Anekdote aus den Jahren 
1942/43, als in Bengalen eine schwere Hungersnot "mindestens zwei Millionen Menschen das Leben kostete" (S. 52): 
"Als die Schwestern und die Schülerinnen allmählich den Nahrungsmangel zu spüren bekamen, vertraute Mutter Teresa, die ja versprochen hatte, Gott nichts abzuschlagen, wiederum auf Gott, dass Er ihr nichts verweigern würde. Eine ihrer ehemaligen Schülerinnen erinnert sich: 'Eines Tages gab es nichts mehr zu essen. Um 8 Uhr morgens sagte Mutter (Teresa) zu uns: "Kinder, ich gehe jetzt los. Ihr bleibt in der Kapelle und betet." Um 16 Uhr war das Lagerhaus mit ganz verschiedenen Gemüsesorten gefüllt. Wir wollten unseren Augen nicht trauen.'" (ebd.) 
Zu den für mich unter dem Aspekt der #BenOp-Relevanz und des "Primats der Praxis", wie ich es hier unlängst mal genannt habe, interessantesten Passagen des Buches gehört der Anhang mit Mutter Teresas handschriftlichem Entwurf für die Ordensregel der "Missionarinnen der Nächstenliebe", verfasst im Jahr 1947. Darin heißt es: 
"Das besondere Ziel ist es, Christus in den Wohnstätten und Straßen der Slums zu tragen, (unter) die Kranken, die Sterbenden, die Bettler und die kleinen Straßenkinder. Die Kranken werden so weit wie möglich in ihren armen Wohnstätten gepflegt werden. Die kleinen Kinder werden eine Schule in den Slums haben. Die Bettler werden in ihren Löchern außerhalb der Stadt oder auf den Straßen ausfindig gemacht und besucht werden." (S. 393)
Die Schwestern, die in diese Gemeinschaft eintreten wollten, müssten - so heißt es weiter - "lernen, wie man landwirtschaftlich arbeitet, wie man kocht, wie man Kranke pflegt, und sie müssen ein wenig Unterrichten lernen - und stets bereit sein, irgendeine dieser Arbeiten auszuführen, wenn der Gehorsam es verlangt" (ebd.); ihre Kleidung solle "gemeinsam aufbewahrt, gewaschen und ausgebessert" werden und die Schwestern sollten "gemeinsam essen, schlafen und arbeiten" (S. 396). Zudem sollte die neue Ordensgemeinschaft "keine eigenen Gebäude besitzen", sondern, "was das Obdach angeht, abhängig von der Barmherzigkeit des Bischofs" sein, "unter dem sie arbeiten. - Der beste Raum und das Beste von dem, was sie haben, muss für die Kapelle genutzt werden" (ebd.). Dagegen könnten die Niederlassungen des Ordens "einen Bus, ein Fahrrad und ein Boot besitzen, mit denen die Schwestern umgehen lernen werden, wenn sie auf dem Missionsfeld sind" (ebd.). 

-- Ich gehe übrigens davon aus, dass viele Katholiken meiner Generation in ihrer Kindheit und Jugend ebenso wie ich die Erfahrung gemacht haben, dass Mutter Teresa zu ihren Lebzeiten als Inbegriff praktizierter Nächstenliebe galt, ja geradezu sprichwörtlich war ("Bin ich Mutter Teresa oder was?") und dass Religionslehrer, Katecheten, aber auch gänzlich kirchenferne oder betont kirchenkritische Personen sie gern als Vorbild herausstellten (wohingegen ich negative Äußerungen über sie - etwa weil sie entschieden gegen Abtreibung war, aber dazu später - in größerem Umfang, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, erst nach ihrem Tod wahrnahm); in der Rückschau habe ich den Eindruck, dass von der spirituellen Dimension von Mutter Teresas Arbeit bin diesen Lobeshymnen kaum je die Rede war und dass viele von denen, die gern Mutter Teresas Vorbildfunktion für die ansonsten viel zu reiche, viel zu satte und bequeme (und viel zu männliche) katholische Kirche betonten, mit dieser spirituellen Dimension eher wenig anfangen könnten. Möglicherweise wären sie überrascht, aus diesem Buch zu erfahren, dass nach Mutter Teresas eigener Auffassung das spirituelle Moment selbstverständlich im Zentrum ihrer Arbeit stand: "Die Arbeit, die wir zu tun haben, würde unmöglich sein ohne Seine beständige Gnade vom Tabernakel her", schrieb sie am 28.01.1948 an den damaligen Erzbischof von Kalkutta, Ferdinand Périer (S. 134); und in einem am Herz-Jesu-Freitag im Juli 1961 verfassten Rundschreiben Mutter Teresas an ihre Ordensschwestern heißt es: "Meine lieben Kinder -- ohne unsere Leiden wäre unser Arbeiten nur Sozialarbeit, zwar sehr gut und hilfreich, doch wäre es nicht das Werk Jesu Christi, es wäre nicht Teil der Erlösung" (S. 258). Für die tägliche Arbeit Mutter Teresas und der Angehörigen des von ihr gegründeten Ordens spielten die Eucharistie - auch die Eucharistische Anbetung - und das Rosenkranzgebet eine zentrale Rolle. 

Indessen nimmt das Ringen um die Ordensgründung in "Komm, sei mein Licht" zwar vergleichsweise großen Raum ein, aber das Hauptthema des Buches ist es nicht; als dieses wird hingegen bereits in der Einleitung Mutter Teresas "mystische Erfahrung" der "Dunkelheit" und Gottesferne hervorgehoben, von der der Herausgeber schreibt, dass sie "zur größten Prüfung ihres eigenen Lebens, ja zu einem fundamentalen Teil ihrer Mission werden würde" (S. 15). Das ist ein Thema, mit dem ich mich - wie ich gestehen muss - recht schwer tue: Das scheinbare Paradox, das sich hier auftut - auf der einen Seite ein Leben und ein Werk, das man sich gar nicht anders vorstellen kann als von einem starken und tiefen Glauben getragen, und auf der anderen Seite die Gefühle der Gottesferne, ja Gottverlassenheit und des Glaubensverlusts, zu denen Mutter Teresa sich in privaten Aufzeichnungen und in Briefen an ihre geistlichen Berater bekennt - ist für einen religiös eher durchschnittlich begabten Menschen (wie mich) schwer zu verdauen. So gesehen ist es im Grunde ein dankenswertes Unterfangen dieses Buches, sich um ein tieferes Verständnis dieses Problems zu bemühen, aber das ändert nichts daran, dass ich die betreffenden Passagen vielfach als schwierig, anstrengend und ermüdend empfunden habe -- und obendrein als teilweise arg redundant; da hätte man für mein Empfinden ruhig einiges kürzen können. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht auch zu diesem schwierigen Thema immer wieder interessante, bewegende und inspirierende Passagen gäbe. 

Man könnte vielleicht sagen, das Beispiel Mutter Teresas zeige, dass es im Glauben nicht in erster Linie darauf ankommt, was man fühlt. Mir selbst ist bei der Lektüre (und auch schon früher einmal beim Anschauen eines Films über Mutter Teresa) wiederholt der Gedanke durch den Kopf gegangen, möglicherweise erkläre sich die intensive Erfahrung der Gottesferne nur vor dem Hintergrund (bzw. im Kontrast zu) einer zuvor erlebten innigen Verbundenheit mit Christus, die der "Normalgläubige" gar nicht kennt und darum auch nicht vermisst. Einen wiederum anderen Aspekt hebt Pater Kolodiejchuk, der Herausgeber von "Komm, sei mein Licht", hervor: 
"Ihre Dunkelheit war eine Identifizierung mit jenen, denen sie diente. Sie wurde auf mystische Weise in den tiefen Schmerz jener Menschen hineingezogen, die spürten, dass sie ungewollt und zurückgewiesen sind, und vor allem, dass sie ohne Glauben an Gott lebten" (S. 254). 
Ein definitiv #BenOp-relevanter Aspekt von Mutter Teresas Wirken, der gegen Ende des Buches immer deutlicher zutage tritt, ist ihr wachsendes Bewusstsein für unterschiedliche Erscheinungsformen von Armut und Mangel in unterschiedlichen Teilen der Welt -- einschließlich der emotionalen und spirituellen Armut in den materiell reichen Ländern. Ein in dieser Hinsicht hoch bemerkenswerter Text ist Mutter Teresas Rede anlässlich der Entgegennahme des Friedensnobelpreises am 11. Dezember 1979 in Oslo:
"Ich war überrascht, im Westen so viele drogenabhängige junge Männer und Frauen zu sehen, und ich versuchte herauszufinden, wieso das so ist. ... 'Weil es in der Familie niemanden gibt, der sie annimmt.' Vater und Mutter sind so beschäftigt, dass sie keine Zeit haben ... Das Kind geht dann auf die Straße, und wird in irgendetwas hineingezogen ... Dies sind Dinge, die den Frieden zerstören.  
Doch ich glaube, der größte Zerstörer des Friedens ist heute die Abtreibung, weil es ein direkter Krieg ist, ein direktes Töten, ein direkter Mord durch die Mutter selbst. Und wir lesen in der Heiligen Schrift, was Gott ganz deutlich sagt: 'Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.' ... Dieses ungeborene Kind ist in die Hände Gottes eingezeichnet...  
Viele Leute sind sehr, sehr besorgt über die Kinder in Indien, über die Kinder in Afrika, wo sehr viele sterben, vielleicht an Unterernährung, Hunger und so weiter, doch Millionen von Kindern sterben bewusst durch den Willen der Mutter. Und dies ist auch der größte Zerstörer des Friedens heutzutage. Denn wenn eine Mutter ihr eigenes Kind töten kann, was kann mich dann noch davon abhalten, Sie zu töten, oder Sie, mich zu töten?" (S. 338f.) 
Das Buch betont auch Mutter Teresas Bestreben, "dass in jedem Land der Welt 'ein Tabernakel' (womit eine Niederlassung gemeint war) eröffnet werden sollte": "Mutter hatte eine große Vision von dem, was sie ihrem Herrn und Gott schenken wollte", berichtet eine Schwester ihres Ordens (S. 353). 
"Mutter brachte eines Tages eine Landkarte von Europa mit und breitete sie vor mir aus. Zu dieser Zeit war die Sowjetunion noch nicht zersplittert, und halb Europa war unter kommunistischer Herrschaft, und es war Missionaren nicht erlaubt, dort als Missionare einzureisen. Doch Mutter fuhr einfach mit dem Finger von Land zu Land und sagte: ‘Frankreich, hier sind wir. Deutschland, hier sind wir. Österreich, hier sind wir. Ungarn, noch nicht. Bulgarien, noch nicht.’ Und so ging es weiter. Dann fing sie an, die Länder, in denen wir ‘noch nicht’ waren, an den Fingern abzuzählen" (ebd.). 
So viel mal zum Stichwort "Think Global, Act Local"! -- Alles in allem gibt es an dem Buch als Buch wohl mancherlei zu kritisieren, aber die Faszination, die von Mutter Teresa und ihrem Werk ausgeht, dringt dennoch durch. Ich sortiere "Komm, sei mein Licht" daher vor Baumert, aber hinter Hildebrand ein. 

*

Ein bemerkenswertes Detail dieser Leseetappe ist es übrigens, dass ich, als ich alle oben aufgeführten Bücher ungefähr zur Hälfte durch hatte, erwogen habe, sie alle in die Rangliste aufzunehmen; das war zuvor noch nie der Fall gewesen, nicht einmal in der Advents-Etappe. Und mit einer Ausnahme haben's dann ja auch tatsächlich alle geschafft -- wobei zwei von ihnen ganz am unteren Ende der Rangliste gelandet sind und mit einiger Wahrscheinlichkeit recht bald weiter nach unten durchgereicht werden dürften. So jedenfalls sieht die Rangliste im Augenblick aus: 

1. (1) Carlo Carretto: Wir sind Kirche 
2. (2) G.K. Chesterton: Thomas & Franz 
3. (3) Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes   
4. (NE) Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht 
5. (4) Norbert Baumert (Hg.): Jesus ist der Herr 
6. (5) Georg Friedrich Rebmann: Ideen über Revolutionen in Deutschland 
7. (6) Sr. M. Lucia (Hg.): Umkehr - Heiligung - Freude in Gott 
8. (7) Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V. 
9. (NE) Valentin Katajew: In den Katakomben von Odessa
10. (8) Karl May: "Weihnacht!" 

11. (9) Maxim Gorki: Wanderungen durch Russland 
12. (10) George Orwell: Mein Katalonien  
13. (11) Martin Klein: Lene und die Pappelplatztiger 
14. (NE) C.J. Cherryh: Das Tor von Ivrel  
15. (NE) Alexander von Schönburg: In bester Gesellschaft  

Die Vorschau auf Etappe 6 hatte ich ebenfalls schon fertig, bevor ich das Projekt "100-Bücher-Challenge" erst einmal liegen ließ. Angesichts der seither ins Land gegangenen Zeit habe ich diese Vorschau nun teilweise etwas umformuliert, aber ohne dabei inhaltlich wesentliche Änderungen vorzunehmen. Schließlich ist es der Sinn der Vorschau auf die jeweils nächste Leseetappe, Einschätzungen über Bücher abzugeben, bevor ich sie gelesen habe. Also, zur Sache: 
  • Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten 
Eine Neuerscheinung von 2019; ich hatte mir vom Verlag (Suhrkamp!) ein Freiexemplar schicken lassen, da ich beabsichtigte, in einem Vortrag zum Thema "Transhumanismus und virtuelle Sexualität", den ich bei einer zunächst für Mitte Mai 2020 geplanten, dann aber aus pandemischen Gründen auf Oktober 2020 verschobenen Literaturtagung zu halten hatte, auf den Roman einzugehen. Womit also schon mal skizziert wäre, worum es in dem Buch geht. (Der besagte Vortrag - so viel sei hier schon mal verraten - würde per Zoom aufgezeichnet und kann auch auf YouTube bewundert werden.) 

Emma Braslavsky habe ich anno 2008 bei einer gemeinsamen Veranstaltung, einer vom Verein "Literaturplus Wesermarsch" veranstalteten Lesung auf einem Segelschiff, kennengelernt; damals stellte sie ihren zweiten Roman "Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik" vor, und ich war schwer begeistert. Eine Buchvorstellung ihres neuen Werks habe ich im vergangenen September besucht. "Die Nacht war bleich, die Lichter blinken" spielt in einer nahen Zukunft in Berlin: Dort brummt der Markt für sogenannte "Hubots", menschengestaltige Roboter, die, nach den individuellen Wünschen der Kunden gestaltet, als Lebens- und auch Sexualpartner fungieren. Theoretisch sollte so das gravierende gesellschaftliche Problem der Einsamkeit gelöst sein, aber gleichzeitig ereignet sich in der Stadt eine massive Selbstmord-Welle. Was ist da los? -- Changierend zwischen dystopischer Science Fiction und Krimi-Dramaturgie behandelt der Roman - so jedenfalls mein erster Eindruck - Grundfragen menschlicher Existenz und menschlicher Beziehungen und könnte sich mittels des Gesellschaftsporträts, das er entwirft, als ausgesprochen #BenOp-relevant erweisen. Mit einer Platzierung in den Top 5 rechne ich zwar nicht, aber ich ahne trotzdem beträchtliches Potential... 

  • Kim Philby: Im Secret Service 
Dieses Buch ist vor rund 20 Jahren aus dem Besitz des inzwischen verstorbenen Hörfunkregisseurs und Schauspielers Ingo Langberg in den meinen übergegangen. Ingo war im Zuge der Abwicklung des staatlichen DDR-Rundfunks Ende 1991 mit 57 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden und war daraufhin auf die Idee verfallen, bei studentischen Theaterprojekten vorzusprechen -- da gäbe es doch sicherlich mal Rollen für einen "alten Kerl", so seine Überlegung. Auf diese Weise lernten wir uns kennen. Irgendwann um das Jahr 2000 herum - ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob er umgezogen war oder seine Wohnung nur neu eingerichtet hatte - half ich ihm dann mal dabei, seine umfangreiche Privatbibliothek neu in die Regale einzuräumen; das war eine körperlich durchaus anstrengende Arbeit, und zum Dank für meine Hilfe durfte ich mir einige Bücher aus seinem Bestand  aussuchen. Dies war eins davon. Der Spionagefall Philby war mir ein Begriff, weil er - eher am Rande - in Thomas Powers' Reportage-Buch "CIA" erwähnt wird, das es in der Stadtbücherei meines Heimatstädtchens gab und das ich schon mit 14 oder 15 Jahren gelesen hatte. 

Im vorliegenden Buch erzählt Philby seine Geschichte also selbst, und auch wenn man davon ausgehen kann, dass er dabei kräftig kommunistische Propaganda betreibt, stelle ich mir das recht spannend vor. Warum ich das Buch in all den Jahren bisher nie gelesen habe, ist mir daher selbst ein Rätsel. Eine Teilantwort dürfte darin bestehen, dass ich es zwischenzeitlich verkramt hatte und erst 7n jüngerer Zeit - vor einem oder zwei Jahren, schätze ich - beim Sortieren meiner privaten Bücherbestände wiederentdeckt habe. -- Übrigens, à propos kommunistische Propaganda: Natürlich stellen die Philby-Memoiren ein weiteres Glied in jener Kette von Büchern dar, von denen ich schon oben in meiner Auswertung von Katajews "Katakomben von Odessa" angemerkt habe, dass sie bei manch einem #BenOp-skeptischen Leser meines Blogs  für hochgezogene Augenbrauen sorgen dürfte; ehrlich gesagt glaube ich allerdings nicht, dass Philby in Sachen #BenOp-Relevanz an Katajew, Gorki oder Orwell wird heranreichen können. Eine Ranglistenplatzierung unter "ferner liefen" erscheint mir hingegen durchaus möglich. -- Nebenbei möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, dass Philby in dem obrn besprochenen Buch von Alexander von Schönburg vorkommt: In einem Beitrag mit dem schönen Titel "Die Eleganz der Ignoranz" (S. 61ff., erstmals erschienen in Vogue Nr. 9/89) weiß der Gesellschaftskolumnist zu berichten: "Als dem Vorgesetzten des berühmten Spions Kim Philby das erste Mal von Verdachtsmomenten über Philby berichtet wurde, wehrte der Geheimdienstoffizier ab: 'Philby kann kein Verräter sein, er hat den gleichen Schneider wie ich!' - Für Engländer ein überzeugendes Argument" (S. 63). 

  • Gabriel Garcia Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit 
Das wohl bekannteste Werk des Literaturnobelpreisträgers von 1982, in einer Ausgabe der DDR-Reihe "Taschenbibliothek der Weltliteratur". Kann sein, dass ich dieses Buch ebenfalls als Belohnung für die Regal-Umräum-Aktion bei Old Ingo abgestaubt habe (und dann beide Bücher rund 20 Jahre lang zusammen aufbewahrt habe, ohne sie zu lesen? Ausgesprochen möglich!); kann aber auch sein, dass ich es ungefähr um dieselbe Zeit für ein paar Mark auf dem Bücherflohmarkt vor der Uni aufgerissen habe. Dass ich es seither nie gelesen habe, ist anders als bei Philby jedoch nicht bloß der Schlamperei geschuldet, sondern ich hatte (aus zugegebenermaßen etwas unklaren Gründen) einfach nie Lust darauf. Und Lust hatte ich auch jetzt noch nicht, war aber gewillt, mich dazu aufzuraffen. -- Einige Wochen bevor dieses Buch in meinem Lektüreplan an die Reihe kam, war auf Rod Drehers Blog von einer Literaturprofessorin zu lesen, die einem ihrer Studenten Rassismus und Sexismus vorwarf, weil dieser sich ihr ins Gesicht hinein geweigert hatte, ein für ihren Kurs vorgeschriebenes Buch (nämlich eben, genau, "Hundert Jahre Einsamkeit") zu lesen  - weil er, wie er freimütig zugab, schlichtweg keinen Bock hatte auf "hundert Jahre in der Geschichte einer kleinen Stadt, eine Familiengeschichte mit Vergewaltigung, Inzest, bla bla bla". Irgendwie kann ich mich einer gewissen Sympathie für diesen Studenten nicht erwehren.

Ganz erklären konnte ich mir meinen Widerwillen gegen dieses Buch, bevor ich es auch nur angelesen hatte, übrigens nicht. Allerdings habe ich als Teenager ein anderes, wesentlich unbekannteres Buch von Garcia Márquez, "Von der Liebe und anderen Dämonen", gelesen und fand es fesselnd, aber auch verstörend; wohl ungefähr um dieselbe Zeit habe ich mir (hauptsächlich wegen Winona Ryder) eine Verfilmung von Isabel Allendes "Geisterhaus" angetan, und beides zusammen hat mir den Eindruck vermittelt, bei dem viel gepriesenen "Magischen Realismus" der lateinamerikanischen Literatur handle es sich im Wesentlichen um eine Mischung aus Sex, Okkultismus, Antiklerikalismus und linker Ideologie. Na, schauen wir mal. Für die Rangliste qualifiziert sich das Buch jedenfalls nicht, da es trotz seines noch verhältnismäßig jungen Alters bereits als Klassiker der Weltliteratur gelten kann. Hoffen wir, dass es trotzdem einige interessante Impulse abwirft. 

  • Eva Völler: Ich bin alt und brauche das Geld 
Dieses Buch nun stammt aus einer Spende für das Büchereiprojekt; es fiel mir bzw. zuerst meiner Liebsten beim Sortieren der eingegangenen Bücherspenden in die Hände, und obwohl es schon auf den ersten Blick nach "bäh, witzig sein wollende postfeministische Unterhaltungsliteratur für Frauen in oder nach den Wechseljahren" aussah, waren wir beide der Meinung, man könne da ja ruhig mal reinschauen. Auch so etwas kann schließlich irgendwie interessant sein, wenn auch oft auf eine eher unbeabsichtigte Weise... Soweit man es dem Klappentext entnehmen kann, geht es in dem Roman um eine knapp 50-jährige Frau, die nach dem plötzlichen Tod eines Lebensabschnittsgefährten unversehens mit einem Haufen Schulden dasteht und sich obendrein noch um die Enkelinnen des Verblichenen kümmern soll/muss. So etwas gilt heutzutage als Komödienstoff. Na dann Prost. 

  • Henri Nouwen: Ich hörte auf die Stille 
Ein Buch aus den privaten Beständen meiner Liebsten; es fiel mir bei der Zusammenstellung des Lektüreplans für dieses Kirchenjahr ins Auge, und ich fragte meine Liebste: "Lohnt sich das?" -- "Sehr", lautete die Antwort. Also nimmt es den Platz des "mutmaßlich rechtgläubigen Buches" in Etappe 6 ein. Der Priester und populäre Pastoralpsychologe Nouwen schildert darin einen siebenmonatigen Aufenthalt in einem Trappistenkloster. Ich bin gespannt -- zumal die Inhaber des jeweiligen "Rechtgläubigkeits-Slots" in den bisherigen Etappen jeweils sehr gute Ergebnisse erzielt haben. Sollte dieses Buch sich als, wie der Berliner sagt, "richté jut" erweisen, dann harren sowohl in diesem Haushalt als auch im Büchereiregal noch weitere Nouwen-Werke der Lektüre.

Da "Hundert Jahre Einsamkeit" wie gesagt außer Konkurrenz läuft, kann die Rangliste in dieser Etappe also um maximal vier Neueinsteiger erweitert werden (wobei es wohl eher unwahrscheinlich ist, dass Eva Völler reinkommt, aber man hat schon Pferde kotzen sehen); daraus folgt, dass keins von den bisher platzierten Büchern aus den Top 20 herausfallen wird, und aus den Top 25 auch in der nächsten Etappe noch nicht. Danach geht es dann langsam ans Eingemachte...