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Dienstag, 31. August 2021

Kunstvoll gewoben im Mutterleib

Die September-Ausgabe der "Lebendigen Steine" ist da -- und den inhaltlichen Schwerpunkt des Hefts bildet diesmal das Thema Lebensschutz. Warum? Weil im September der "Marsch für das Leben" stattfindet. Dieses Jahr am Samstag, dem 18. September, um genau zu sein. Bereits am kommenden Sonntag, dem 5. September, veranstaltet der Förderverein unserer Pfarrkirche Herz Jesu Tegel im Anschluss an die 9:30-Uhr-Messe ein "Begegnungsfest", und da zu den Gruppen und Kreisen der Gemeinde, die bei dieser Veranstaltung über ihre Arbeit informieren, natürlich auch der "Mittwochsklub" gehört, hoffe ich auf die Gelegenheit, die Bekanntheit der Zeitschrift zu steigern. Habe extra eine etwas höhere Auflage gedruckt als sonst. 

Nun könnte man natürlich auf die Idee kommen, angesichts dieser Chance für eine stärkere Verbreitung der Zeitschrift sei es ein wenig unglücklich, dass ausgerechnet die aktuelle Ausgabe so ein kontroverses Thema hat; und ich müsste lügen, wenn ich leugnen wollte, dass dieser Gedanke mich einigermaßen beschäftigt hat. Aber im Grunde sage ich mir: Nö, wieso? Der Einsatz für das Lebensrecht eines jeden Menschen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod sollte eigentlich überhaupt kein "kontroverses Thema" sein, sondern vielmehr eine Selbstverständlichkeit; und wenn es das de facto nicht ist, dann kann das Heft hoffentlich dazu beitragen, diesen Standpunkt verständlich zu machen. 

Mit eigenen Meinungsbeiträgen habe ich mich diesmal übrigens, abgesehen vom Editorial, sehr zurückgehalten. Sicherlich hätte man aus meinen zahlreichen Blogartikeln zum Thema Lebensschutz - etwa aus meinen Berichten über die Teilnahme am "Marsch für das Leben" 2014 (2), 2015 (2), 2016 und 2017 (sogar 3); aber diesbezüglich habe ich doch lieber einem Artikel meiner Liebsten von 2015 den Vorzug gegeben, den ich "nur" ein bisschen überarbeitet habe. 

Eine wichtige Rolle spielt in diesem Heft auch die Überzeugung, dass - wie ich es im Editorial formuliert habe - 
"pro-life" zu sein sich nicht allein darin ausdrücken kann und darf, Abtreibung abzulehnen; das Bekenntnis zum Recht auf Leben fordert von uns auch, aktiv dazu beizutragen, dass Kinder in unserer Gesellschaft willkommen und erwünscht sind. Das ist nicht nur eine politische Aufgabe, sondern eine Aufgabe, die jeden Einzelnen von uns in seinem privaten und beruflichen Leben betrifft – und nicht zuletzt auch im Leben der Kirchengemeinde. 
Aus diesem Grund habe ich einen weiteren schönen Blogartikel meiner Liebsten - in dem es darum geht, von einem Baby das Leben im Hier und Jetzt zu lernen - für die neuen "Lebendigen Steine" adaptiert. 

Und ehe ich's vergesse: Hier ist der Link zum Heft. 

Keine Erwähnung findet der "Marsch für das Leben" in der ebenfalls gerade erschienenen Ausgabe des Pfarrbriefs unseres Pastoralen Raums für die Monate September bis November; das war in früheren Jahren schon mal anders, aber na ja. Dafür habe ich im neuen Pfarrbrief ein paar andere interessante Sachen gefunden. An erster Stelle wäre da ein Artikel mit der Überschrift "Ein altes Schild" (S. 19), in dem es um ein bemerkenswertes Fundstück aus dem Keller von St. Joseph geht: ein Schild, das wohl früher mal am östlichen Ausgang des S-Bahnhofs Tegel hing und über die Sonntagsmessen in der damaligen Pfarrkirche St. Joseph und in der damaligen Kuratie Allerheiligen informierte. Das Bemerkenswerte daran: An beiden Kirchorten - die gerade mal zwei Kilometer voneinander entfernt liegen - gab es jeweils drei Messen am Sonntagvormittag. Wie der Verfasser des Artikels aus verschiedenen Indizien folgert, stammt das Schild vermutlich aus den 1950er-Jahren. "Alle Kirchen waren damals Pfarrämter, wahrscheinlich mit Pfarrer, oftmals Kaplan, Pfarrsekretärin, Organist, Küster, Gemeindeschwester oder Gemeindehelferin, usw.", merkt der Verfasser an. "Davon können wir heute nur träumen. Wie wurde das damals eigentlich alles finanziert?" Eine interessante Frage -- umso mehr, als sie, wie mir scheint, nicht allzu häufig gestellt wird. Eine mögliche (Teil-)Antwort fiele mir allerdings ein: Stärkerer Gottesdienstbesuch bedingt höhere Einnahmen im Kollektenkörbchen. Man muss nur mal einen Blick in Länder werfen, in denen es keine Kirchensteuer gibt: Da ist die Kollekte in der Sonntagsmesse eine ganz zentrale Einnahmequelle für die Gemeinden. In Deutschland hat die Kirche zwar infolge der allgemeinen Entwicklung des Steueraufkommens mehr Kohle denn je, aber diese Einnahmen sind eben vom Gottesdienstbesuch unabhängig -- und einigermaßen folgerichtig wird das Geld dann auch zu einem großen Teil für Zwecke ausgegeben, die vom Gottesdienstbesuch unabhängig sind.  

In anderer Hinsicht interessant ist der "Bericht aus der Arbeitsgruppe Ehrenamt im Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd" (S. 7). Zum größten Teil besteht dieser ganzseitige Artikel zwar aus ebenso wohlklingenden wie nichtssagenden, etwas unbeholfen zusammenmontierten Textbausteinen, aber immerhin erfährt man, dass die AG "eine umfassende Tabelle für jede Kirchengemeinde des Pastoralen Raumes erstellt" hat "mit den jeweiligen Ansprechpartnern, der Anzahl der ehrenamtlich Helfenden, dem zeitlichen Aufwand und der Schnittstelle zu den Hauptamtlichen". Spannend! Wo kann man diese Tabelle denn wohl mal einsehen? Wahrscheinlich werde ich der AG-Leiterin mal eine Mail schreiben müssen. 

Im Übrigen teilt die Pfarrbriefredaktion mit, dass sie - wie schon angekündigt - einen Fortbildungs-Workshop mitgemacht hat: "Wir haben [...] viel Neues gehört und gelernt und werden in den nächsten Pfarrbief[sic]-Ausgaben das eine oder andere ausprobieren. [...] Wir werden in der nächsten Ausgabe berichten" (S.6) -- und die kommt, wohlgemerkt, im Dezember. Das ist auch so etwas, was mich an den volkskirchlichen Strukturen wahnsinnig macht: Alle tun so, als hätten sie ewig Zeit. Was wir dieses Jahr nicht mehr schaffen, machen wir im nächsten oder, wenn mal wieder eine Pandemie dazwischenkommt, im übernächsten Jahr. Ob dann noch irgendjemand übrig ist, den das interessiert, wird man sehen.  

Aber da wir gerade wieder beim Thema "Pressevielfalt in unserem Pastoralen Raum" sind: Für September/Oktober erwarte ich eigentlich eine neue Ausgabe des hier unlängst schon einmal gewürdigten Blattes "Kraft und Schönheit der Glaubenslehre"; bisher liegt diese wohl noch nicht vor, weder gedruckt noch online, aber das kann ja (und wird sehr wahrscheinlich) noch kommen. Mit einer August-Nummer der "Texte für den Augenblick" rechne ich hingegen nicht mehr, denn der Monat ist ja praktisch 'rum. Tja. Vor einem Monat habe ich dem Diakon, der allem Anschein nach die Federführung bei dieser Publikation innehat, per Mail den Vorschlag unterbreitet, die "Texte für den Augenblick" als regelmäßige Rubrik in die "Lebendigen Steine" zu integrieren. Ja, mir war schon klar, dass das - mafiös ausgedrückt - ein Angebot war, dass er nicht annehmen konnte. Finde es trotzdem ein bisschen schwach, dass er bis heute nicht auf die Mail geantwortet hat, nicht einmal ablehnend. Gesehen habe ich ihn im letzten Monat genau einmal, da stand er in liturgischer Kleidung vor der Kirche, weil er eine Taufe hatte, die Familie des Täuflings sich aber verspätete (das scheint in letzter Zeit häufiger vorzukommen). Ich fand, das sei wohl nicht die günstigste Gelegenheit, ihn anzusprechen, und grüßte daher nur von Weitem. 

Tja. Viel mehr gibt's im Moment nicht zu sagen, schätze ich. Die nächsten Updates folgen dann in der nächsten Ausgabe der "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim", also Montag früh. Ach ja: Ein paar Ideen für die Oktober-Ausgabe der "Lebendigen Steine" habe ich auch schon, würde mich aber auch über Gastbeiträge von Leserseite freuen -- also von Euch... 



Dienstag, 17. November 2020

Ernsthafte Frage an Experten für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste

Der Advent steht vor der Tür, und aus diesem Grund habe ich unlängst begonnen, mich auf YouTube nach geeigneter Musik für eine adventliche Gestaltung der Lobpreisandachten umzuschauen, die meine Liebste und ich allwöchentlich in unserer Pfarrkirche abhalten. Im Zuge dessen bin ich auf eine eindrucksvolle Version des traditionellen Adventslieds "Maria durch ein Dornwald ging" gestoßen: gesungen von einem klassischen Tenor, aber unterlegt mit trippigen Beats, sphärischen Synthesizer-Klängen und sonstigen elektronischen Soundeffekten. Auch wenn ich in meinem privaten Musikgeschmack tendenziell eher "Team Stromgitarre" bin, war ich spontan begeistert und dachte: Krass, genau so etwas habe ich gesucht seit dem "Diva Dance" aus dem Film "Das fünfte Element" und "Prince Igor" von The Rapsody feat. Warren G. & Sissel Kyrkjebø. Also seit 1997. 

Okay. Wo ist der Haken? Nun ja: Dieses interessante Fundstück veranlasste mich, mal nachzusehen, was die Urheber dieser "Maria durch ein Dornwald ging"-Version denn sonst noch so zu bieten hätten; und das Ergebnis dieser Recherche war eher... irritierend. Der Gesangspart stammt, wie schon gesagt, von einem klassischen Tenor, Daniel Sans; für das Arrangement zeichnet hingegen ein Ein-Mann-Projekt namens Apoptose verantwortlich. Das mag ein cleveres Wortspiel sein, da die Silbe "Pop" drin vorkommt, aber zunächst einmal ist Apoptose ein biologischer Fachterminus für ein Phänomen, das man als "programmierten Zelltod" beschreiben kann. Das klingt ja nun einigermaßen finster. Seinen Musikstil bezeichnet Apoptose als "Dark Ambient"; ich hätte TripHop dazu gesagt, aber das ist wohl, ähnlich wie seinerzeit "Neue Deutsche Welle", ein Label, das im Wesentlichen von Musikjournalisten geprägt bzw. in Umlauf gebracht wurde und von den so etikettierten Interpreten eher abgelehnt wird. Na, sei's drum. Zu den Veröffentlichungen von Apoptose zählen Alben mit Titeln wie "Blutopfer", "Schattenmädchen" und "Bannwald"; Letzteres ist offenbar ein Konzeptalbum, das auf einer angeblich wahren Geschichte basiert: Drei Mädchen verlaufen sich im Wald und bleiben unauffindbar; "Jahrzehnte später tauchen drei mysteriöse Frauen in der Gegend auf, und die Einheimischen erinnern sich an das Verschwinden der Mädchen vor langer Zeit". Rezensenten sahen Parallelen zum pseudo-dokumentarischen Horrorfilm "The Blair Witch Project". Zudem ist auf dem Album "Bannwald" mit "May the Circle be open" ein Lied enthalten, das "unter Wicca-Anhängern sehr bekannt" ist und "mittlerweile wohl weltweit auf Hexenzusammenkünften gesungen" wird. Ich sag mal: Hm. Auch sonst scheint es, dass Apoptose sein Nischenpublikum zu einem nicht unwesentlichen Teil in esoterisch-neopaganen Zirkeln findet. Wie passt da ein Marienlied ins Bild? Man ahnt es fast: Im Begleittext zur Apoptose-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" auf YouTube und auf dem Musikportal Bandcamp heißt es, "the words and the solemn melody evoke images of a goddess who cares for the eternal cycle of growth and decay" ("die Worte und die feierliche Melodie evozieren Bilder einer Göttin, die über den ewigen Kreislauf von Wachstum und Zerfall wacht"). Na sicher. 😒



Und nun bin ich mir unsicher, ob ich diese Version von "Maria durch ein Dornwald ging", so gut sie mir auch gefällt, guten Gewissens für eine Andacht in einer Kirche verwenden kann. -- Okay: Ich kenne - unter anderem, weil ich jahrelang im Berliner Gruselkabinett gearbeitet habe - einige auf dem Kunst- und Unterhaltungssektor tätige Leute, die sich auf Horror-Ästhetik spezialisiert haben, und habe auch darüber hinaus Freunde und Bekannte, die ein ausgeprägtes Faible für Makabres, Morbides und Mysteriöses haben, ohne deswegen Satanisten oder etwas Ähnliches zu sein. Und wie manche Leser sich erinnern werden, habe ich keinerlei Scheu an den Tag gelegt, mich mit Hexe Minerva und ihren Fans anzulegen, da ich den von dieser Dame kommerziell betriebenen neuheidnisch-naturmagischen Schnickschnack eher albern finde, als dass ich ihn für irgendwie bedrohlich hielte. Aber das Eine wie das Andere bedeutet ganz entschieden nicht, dass es nicht dennoch echte dämonische Mächte gäbe, mit denen ganz entschieden nicht zu spaßen ist. (Wer "an sowas nicht glaubt", der darf mich gerne auslachen -- und wird bis zum Ende des Artikels noch reichlich Gelegenheit dazu bekommen.) 

Womit haben wir es also hier zu tun? Hat sich der Künstler, der sich hinter dem Projektnamen Apoptose verbirgt, lediglich aus ästhetischer Faszination und/oder aus kommerziellen Erwägungen ein Image zugelegt, das mit Anmutungen von Hexerei und Schwarzer Magie spielt, handelt es sich um einen vielleicht etwas versponnenen, im Grunde aber harmlosen Möchtegern-Okkultisten, oder womöglich doch um jemanden, der seine Seele dem Bösen verschrieben hat? 

Natürlich drängt sich hier die Frage auf, ob es einem ernstzunehmenden Okkultisten zuzutrauen wäre, ausgerechnet ein Marienlied zu veröffentlichen. Und ob die gewissermaßen nach Rechtfertigung klingende Behauptung, das Lied enthalte heidnische Untertöne, nicht eher Hexe-Minerva-Niveau hat. Ich meine, klar: Neuheiden glauben so etwas. Das moderne Neuheidentum baut praktisch zur Gänze auf der Vorstellung auf, christliches Brauchtum sei in Wirklichkeit uraltes heidnisches Brauchtum, das im Laufe des Mittelalters lediglich oberflächlich christlich übertüncht worden sei. Im vorliegenden Fall können sie da einer bestimmten Sorte evangelikaler Fundis die Hand reichen, die ebenfalls meinen, Marienverehrung sei in Wirklichkeit heidnischer Götzendienst. Aber muss man sich als Katholik von so etwas beeindrucken lassen? 

Ich würde sagen: Nee. Dass sich in irgendwelchen Kellerlöchern blass geschminkte Darkwave-Gothic-Neuheiden traditionelle Marienlieder anhören, weil sie meinen, es handle sich um Hymnen an die Große Mutter, sehe ich nicht als Problem -- das finde ich eher witzig. Weit mehr beschäftigt mich die Frage, ob Apoptose-Rüdiger (ja, er heißt wirklich Rüdiger) womöglich unterhalb der Hörgrenze irgendwelche satanistischen Beschwörungsformeln oder Ähnliches in sein Arrangement von "Maria durch ein Dornwald ging" hineingemixt hat. Ja, lach ruhig, Leser; ich mein's ernst. 

Aber andererseits: Ist Maria nicht der Schrecken der Dämonen? Ist sie es nicht, die der höllischen Schlange den Kopf zertritt? Nicht ohne Grund finden sich ja die Marianischen Antiphonen im neuen Gotteslob unter der ominösen Nummer 666. Sollte man da nicht annehmen, dass der Versuch, ausgerechnet ein Marienlied für dämonische Zwecke zu missbrauchen - wenn denn jemand einen solchen Versuch unternähme - von vornherein zum Scheitern verurteilt sein müsste? 

Ich weiß es wirklich nicht, Leser. Vielleicht hat ja jemand einen guten Rat für mich. Natürlich könnte ich einfach eine schön schlichte a-cappella-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" verwenden, aber das wäre dann ja doch irgendwie langweilig. -- Bis zum Dienstag der zweiten Adventswoche will ich jedenfalls eine Entscheidung getroffen haben, denn da fällt unser wöchentlicher Lobpreis-Termin just auf das Hochfest Mariä Empfängnis. 

P.S.: Ich hatte diesen Artikel schon größtenteils zu Ende geschrieben, da stellte ich fest, dass es auf YouTube auch eine "Maria durch ein Dornwald ging"-Version von der Darkwave/Pop-Gruppe Chandeen gibt; im direkten Vergleich mit der Apoptose-Version klingt diese allerdings deutlich weniger spektakulär und ist davon abgesehen auch darum keine überzeugende Alternative, weil die Gruppe Chandeen offenbar ebenfalls einen esoterischen oder okkultistischen Hintergrund hat. -- Und die Version von Helene Fischer höre ich mir vorsichtshalber gar nicht erst an! 


Sonntag, 15. November 2020

Morgen früh, wenn Gott will -- Reloaded

Der Drogeriemarkt-Discounter dm verkauft Kuscheltiere mit eingebauten Spieluhren, die, wenn man an einer Schnur zieht, traditionelle Schlaflieder spielen. Zu den Melodien, die dabei Verwendung finden, gehört auch das Lied "Guten Abend, gute Nacht" -- allerdings in einer gewissermaßen "zensierten" Version: Zwar bringen die Spieluhren natürlich nur die Melodie zu Gehör und nicht den Text, aber es fällt dennoch auf, dass diejenige Melodiepassage, auf die die Verse "Morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt" zu singen wären, schlichtweg fehlt. Ich halte das für keineswegs zufällig. Weit eher könnte ich mir vorstellen, dass damit auf die Befindlichkeit von Müttern Rücksicht genommen wurde, die an just diesen beiden Versen Anstoß nehmen. Im Ernst: Wer sich mal ein bisschen in den Mami-Foren des Web 2.0 umschaut, in einschlägigen Facebook-Gruppen oder Blogs, der kann sich selbst davon überzeugen, dass das Lied "Guten Abend, gute Nacht" dort ein ganz heißes Eisen ist, und zwar genau wegen dieser zwei Verse. Der typische Einwand lautet: Wie brutal, Kinder damit zu konfrontieren, dass sie am nächsten Morgen womöglich nicht wieder aufwachen -- und das auch noch mit Gott in Verbindung zu bringen! 

Darauf könnte man nun schlicht erwidern: Na ja, aber is' doch nun mal so. 

Man kann sich mit einer Erwiderung auf die Kritik an diesem traditionellen Kinderlied aber auch ein bisschen mehr Mühe geben. 



Tatsächlich habe ich mich mit diesem Thema schon einmal befasst, lange bevor ich selbst Kinder hatte -- nämlich in einem Blogartikel aus dem Jahr 2012, der allerdings ziemlich lange braucht, um auf den Punkt zu kommen (und wer meint, das sei bei meinen Blogartikeln bis heute oft so, darf gern mal vergleichen), und auch sonst, wie ich aus heutiger Sicht finde, ein paar Schwächen hat. Teile des damaligen Artikels finde ich jedoch - so viel Eigenlob muss sein - zu gut, um in Vergessenheit zu geraten. Und daher haben mich die eingangs erwähnten Kuschel-Spieluhren bei dm auf die Idee gebracht, ich könnte mich mal an einer Neufassung des Artikels versuchen und dabei Teile der ursprünglichen Fassung übernehmen. Zumal ja gerade November ist, der traditionelle Monat des Totengedenkens; und die COVID-19-Pandemie, in deren "zweiter Welle" wir uns befinden, hat ja ein Übriges getan, dem Thema Tod und Sterben eine ganz neue Aktualität zu verleihen, aber dazu später. 

-- In meinem Artikel von 2012 erwähnte ich, dass derselbe Gedanke, der die besagten zwei Verse aus "Guten Abend, gute Nacht" so heikel erscheinen lässt, sogar noch expliziter in einem ebenfalls recht bekannten angloamerikanischen Kinder-Nachtgebet zum Ausdruck kommt:

Now I lay me down to sleep,
I pray the Lord my soul to keep,
If I shall die before I wake,
I pray the Lord my soul to take.
Gewiss spielt es eine Rolle, dass dieses Gebet und dieses Lied aus einer Zeit stammen, als auch in unseren Breiten die Kindersterblichkeit sehr viel höher war als heute -- oder anders ausgedrückt: Die statistischen Aussichten dafür, dass ein Kind das Erwachsenenalter oder auch nur das Alter von fünf Jahren erreicht, standen erheblich schlechter als heute. Die Möglichkeit, dass ein Kind, das man zu Bett bringt, den nächsten Morgen vielleicht nicht erlebt, war im kollektiven Bewusstsein - und, so möchte man annehmen, besonders in dem der Eltern - einfach präsenter als heute. Gleichwohl gibt es auch heute noch Fälle von plötzlichem Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS), und auch heute noch sterben kleine Kinder an Infektionskrankheiten oder Krebs oder verunglücken tödlich. Und ich denke, genau das ist der Punkt: Würden dieses "Morgen früh, wenn Gott will", dieses "If I shall die before I wake" nicht eine reale Möglichkeit ansprechen - sei sie statistisch auch noch so unwahrscheinlich -, dann wären dieses Lied und dieses Gebet wohl eher ungebräuchlich geworden und vielleicht in Vergessenheit geraten, aber jedenfalls würden sie nicht eine solche Beunruhigung auslösen. Es heißt, als der Komponist Gustav Mahler die von Friedrich Rückert verfassten "Kindertotenlieder" vertonte, habe seine Frau Alma ihm Vorwürfe gemacht: So etwas beschwöre Unglück herauf. Zwei Jahre nach der Uraufführung des Liederzyklus starb die ältere der beiden Töchter Mahlers im Alter von vier Jahren an Diphtherie. 

Sagen wir, wie's ist: Das menschliche Leben ist etwas sehr Zerbrechliches, und dass das auch und nicht zuletzt für das Leben von Kindern gilt, ist mir heute, da ich selbst Vater bin, auf eine sehr viel eindringlichere Weise bewusst als noch vor einigen Jahren; daher kann ich es emotional auch deutlich besser nachvollziehen als früher, dass der Gedanke an den Tod der eigenen Kinder etwas ist, das man gern möglichst weit von sich wegschiebt. Nur gehen die Dinge, vor denen man Angst hat, in der Regel nicht dadurch weg, dass man sie ignoriert oder ihre Existenz schlichtweg leugnet. Kleine Kinder mögen glauben, sie müssten nur fest genug die Augen schließen, damit das, wovor sie sich fürchten, von allein verschwindet; Erwachsene sollten es besser wissen. Und mehr noch: Wenn Erwachsene versuchen, ihren Kindern gegenüber die Existenz des Todes zu verleugnen, dann liegt der Verdacht nahe, dass sie damit letztlich nur ihre eigene Angst vor dem Tod auf die Kinder projizieren, die diese Angst sonst womöglich gar nicht hätten. 

Einer Mutter, die davor zurückschreckt, ihrem Kind die Verse "Morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt" vorzusingen,  würde vermutlich vor Schreck der Mund offen stehen, wenn man sie fragte, was denn so falsch daran sei, Kindern frühzeitig ein Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit zu vermitteln. Dass man jeden Gedanken an den Tod, ja möglichst das Wissen um die bloße Existenz des Todes so weit und so lange wie möglich von Kindern fernhalten sollte, erscheint ihnen so evident, dass ihnen gar nicht einfiele, das irgendwie zu begründen. Wahrscheinlich kennen sie es aber auch nicht anders, weil sie selbst so erzogen wurden. Der Tod ist eine Art negativer Weihnachtsmann: Es gibt ihn zwar, aber das Kind soll das erst möglichst spät erfahren.

Wenn hierzulande ein Kind zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Tod konfrontiert wird, dann dürfte es sich in den meisten Fällen entweder um den Tod älterer Familienangehöriger - etwa der Großeltern - oder aber um den Tod von Haustieren handeln. Aber wie viele Kinder - gerade in Großstädten - haben noch regelmäßigen Kontakt zu ihren Großeltern? Oder umgekehrt, wie viele Senioren sterben heute noch im Kreis ihrer Familie? Gestorben wird heute im Krankenhaus oder im Pflegeheim, und dahin müssen besorgte Eltern ihre Kinder ja nicht mitnehmen. Und was die Haustiere betrifft: Liegt der Hamster oder der Wellensittich eines Tages tot im Käfig, während das Kind im Kindergarten, in der Schule oder sonstwie außer Haus ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass viele Eltern den kleinen Kadaver stillschweigend entsorgen und dem Kind später weismachen, das Tier wäre davongelaufen oder -geflogen. Das ist für das Kind nicht unbedingt weniger traurig, aber es erspart den Eltern, das heikle Thema Tod ansprechen zu müssen.

Es steht zu vermuten, dass die Tendenz zur Ausblendung des Todes aus der Lebensrealität nicht allein durch eine stark gestiegene statistische Lebenserwartung bedingt ist, sondern mindestens ebensosehr durch das Schwinden des Glaubens an ein Leben nach dem Tod. Vom Mittelalter bis ins Barock war das memento mori - die permanente Erinnerung daran, dass dass der Tod gewiss, sein Zeitpunkt jedoch ungewiss ist - allgegenwärtig; so fanden sich Sinnsprüche, die den Gedanken an den Tod wach halten sollten, häufig auf Sonnenuhren, und so erklären sich auch häufige Abbildungen von Gerippen, Totenschädeln usw. in Kirchen, auf Gemälden, Reliefs und Siegeln. Aus der Unausweichliche und Unvorhersehbarkeit des Todes ergab sich nach damaligem Verständnis die Notwendigkeit, jederzeit auf den Tod vorbereitet zu sein. Das ist heute entschieden anders. Vielfach scheint die stillschweigende Überzeugung vorzuherrschen, der Mensch der westlichen Welt habe seine 70 oder 80 Jahre Lebenszeit gewissermaßen verbindlich gebucht, und stirbt jemand früher, dann wird das so aufgefasst, als sei er um etwas betrogen worden, das ihm zusteht. Zugleich  besagt aber eine alte Weisheit, dass die Welt betrogen werden will, und auch das spiegelt sich in der modernen Einstellung zum Tod wider. Fragt man Erwachsene, wie sie gern sterben möchten, dann erhält man häufig zur Antwort: Am liebsten möchten sie ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen, tot umfallen. Ohne Vorwarnung mitten aus dem Leben gerissen zu werden, das gilt als guter Tod. Mit anderen Worten: Die Angst vor dem Tod ist so groß, dass die Leute ihm auch dann noch nicht ins Auge sehen wollen, wenn er schon unmittelbar bevorsteht. Sie wollen leben, als ob es keinen Tod gäbe - und das bis zuletzt. Man muss gar nicht besonders religiös sein, um diese Haltung gegenüber dem Tod befremdlich und unreif zu finden. 

Und das bringt mich nun - irgendwie - auf die aktuelle Corona-Situation. Anlässlich der Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens im August dieses Jahres veröffentlichte die Pressestelle des Erzbistums eine Arbeitshilfe mit "Impulsen für den Gottesdienst"; insgesamt war ich, wie schon einmal angemerkt, eher mäßig beeindruckt, aber bemerkenswert fand ich ein in dieser Arbeitshilfe enthaltenes Gedicht von Andreas Knapp mit dem schlichten Titel "Corona-Virus": 
ein winziges Stück RNA
erinnert die Krone der Schöpfung
an ihre Sterblichkeit
alle Welt gerät in Panik
man hatte das tatsächlich
vergessen 
Doch doch, sagte ich mir, das hat was. Und in gewissem Sinne ist es auch ziemlich mutig, das zu veröffentlichen. 

Inwiefern? -- Ich würde hier gern versuchen, zwischen Coronazis und Covidioten bedingungslosen Befürwortern und ebenso bedingungslosen Gegnern staatlich verordneter Corona-Schutzmaßnahmen eine mittlere Position einzunehmen -- was allerdings schwierig ist, da es scheint, dass beide Seiten wenig Interesse an Differenzierung haben und dazu neigen, jeden, der nicht zu 100% mit ihnen übereinstimmt, pauschal der jeweiligen Gegenseite zuzurechnen. Aber versuchen wir's dennoch. Vielleicht können wir uns ja erst einmal auf die Feststellung einigen, dass der als  SARS-CoV-2 bezeichnete Erreger, mit dem wir es zu tun haben, ein hoch ansteckendes Virus ist, auf das, da es eben ein neues Virus ist, das menschliche Immunsystem (noch) nicht eingestellt ist und das deshalb bei einem Teil der Infizierten schwere Krankheitsverläufe mit diversen Komplikationen hervorruft, die zum Teil tödlich verlaufen und zum Teil vielfältige bleibende Folgeschäden hinterlassen. Die Situation ist also ausgesprochen ernst zu nehmen, und es ist nur vernünftig, dass Maßnahmen ergriffen werden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen oder wenigstens zu verlangsamen. Ich empfinde es auch nicht als unzumutbar, beim Einkaufen  oder im öffentlichen Personennahverkehr eine Stoffmaske über Mund und Nase zu tragen. Dennoch kann ich mich gleichzeitig nicht immer des Eindrucks erwehren, dass um die COVID-19-Pandemie - die als Geißel der Menschheit wohl doch nicht so ganz an den mittelalterlichen Schwarzen Tod, an die Cholera- und Typhus-Epidemien des 19. Jahrhunderts oder an die Spanische Grippe heranreicht - ein übertriebener Hype veranstaltet wird; gar nicht so sehr auf der Ebene konkreter Schutzmaßnahmen, aber in der Art und Weise, wie dieses Thema die Debatte in den Medien, in der Politik und sogar in der Kirche beherrscht. Man könnte den Eindruck bekommen, es herrsche die Auffassung vor, es wäre nicht nur möglich,  sondern geradezu die Pflicht von Politik und Zivilgesellschaft, Krankheit und Tod ein für allemal abzuschaffen, und solange dieses Ziel nicht erreicht sei, habe niemand das Recht, einfach ein normales Leben zu führen. Als könnte nicht auch jemand, der sich peinlichst genau an alle Corona-Vorschriften hält, trotzdem an einer Fischgräte ersticken, auf dem nassen Badezimmerfußboden ausrutschen und sich den Hals brechen oder von einem zufällig vom Himmel fallenden Klavier erschlagen werden. 

Gerade von kirchlicher Seite hätte ich mir daher in Sachen "Corona-Kommunikation" mehr und Anderes erhofft als fade "Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund"-Botschaften, wie man sie zu anderen Zeiten eher aus der Apothekenwerbung gewöhnt war. Um es mal ganz deutlich zu sagen: Wenn Priester und Bischöfe sich nicht einmal inmitten einer Pandemie dazu durchringen können, über die "letzten Dinge" zu predigen -- wann denn dann? Für den Christen ist der Tod schließlich nicht nur ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, sondern sogar ein ganz zentraler - der Übergang zu einem anderen, einem ewigen Leben. Daraus folgt nicht automatisch, dass der Christ mehr oder weniger Angst vor dem Tod hat als der Nichtchrist - denn einerseits erwartet er, dass er nach dem Tod für sein Tun und Lassen auf Erden gerichtet wird, andererseits vertraut er auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes -; in jedem Fall aber ist der Tod für den Christen ein allzu bedeutendes Ereignis, als dass er sich nicht darauf sollte vorbereiten wollen. Und es ist eine gewichtige Aufgabe und Pflicht der Kirche, dem Menschen bei dieser Vorbereitung zu helfen. 

Aber ist das - um zum Ausgangspunkt dieses Artikels zurückzukehren - etwas, das man schon Kindern beibringen kann und sollte? -- Ich denke ja. Beispielsweise denke ich da an ein Buch, das meine Oma mir vor nunmehr über dreißig Jahren zu meiner Erstkommunion geschenkt hat und das noch heute einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal hat: "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg (12. Auflage Düsseldorf 1977). Viele der 46 Geschichten in diesem Band sind als moralische Beispielerzählungen angelegt, in anderen geht es ganz konkret um die katholische Sakramentenlehre -- und in auffallend vielen geht es um den Tod. Gleich die erste Geschichte, "Gemeinschaft der Heiligen", die den Ausflug einer Schulklasse schildert, beginnt damit, dass die Schüler sich zum Beginn ihres Klassenausflugs am Grab eines ehemaligen Mitschülers versammeln. Der Lehrer erklärt:
"Wir sind seit seinem Tod schon oft an sein Grab gekommen, wenn wir dem Harald etwas sagen mußten, was wir auf dem Herzen hatten. Er gehört ja immer noch zu unserer Klasse, wenn er auch nicht mehr in unseren Bänken sitzt. Denn alle Christen, die Lebenden und die Toten, die im Fegefeuer und die im Himmel, sind eine große Familie, die man die Gemeinschaft der Heiligen nennt. Sie helfen einander und bitten füreinander. So hat Harald bei Gott für uns gebetet, als wir ihm vor drei Wochen erzählten, daß en Kind in unserer Klasse zum Dieb geworden war und ein Federmäppchen gestohlen hatte; und vorige Woche, als die Hannelore so schwer krank war. Alles, was wir dem Harald aus unserer Klasse erzählten, hat er dem lieben Gott weitererzählt." (S. 10)
Gegen Ende des Bandes folgt eine Geschichte, von der ich noch sehr wohl weiß, dass sie mich als Kind eher befremdet hat, die ich heute aber als eine der bewegendsten des Buches empfinde; sie trägt den Titel "Lebe täglich sterben". Darin geht es um einen Jungen, der während eines Familienurlaubs ertrinkt und in dessen Hosentasche man den Totengedenkzettel einer gewissen Frau Lindfart findet, der (auf Lateinisch) die Inschrift "Lerne täglich sterben; es ist die Kunst aller Künste!" trägt. Als die Eltern des verunglückten Knaben seinen Leichnam aus dem Leichenschauhaus abholen, sind sie verhältnismäßig gefasst. Angesichts des Totengedenkzettels erklärt der Vater:
"Die Frau Lindfart ist weder die Mutter noch die Großmutter des Kindes. Sie ist gar nicht mit uns verwandt. Der Junge hat den Zettel zufällig mal bekommen, als er in einer Totenmesse war. Es ging ihm nicht um den Zettel oder die tote Frau. Er hatte sich vielmehr den lateinischen Spruch von seinem Pastor übersetzen lassen. Seitdem hat er sich diesen Spruch als seinen Leitspruch überallhin mitgenommen. Er hat versucht, danach zu leben; so zu leben, daß Gott ihn täglich holen dürfte. Wir haben deshalb auch guten Mut und frohe Hoffnung, daß er wohl jetzt, wo wir diesen unglücklichen Ort verlassen, schon im Himmel ist." (S. 140f.) 

-- Sicherlich ist anzunehmen, dass Geschichten wie diese heutzutage eher nicht mehr in der Erstkommunion-Vorbereitung Verwendung finden. Aber was ich von den heutzutage gängigen Methoden der Kinderkatechese halte, dazu habe ich mich ja schon verschiedentlich geäußert. Und da ich folglich damit rechne, dass meine Liebste und ich die Erstkommunion-Katechese für unsere Kinder im Wesentlichen selbst werden übernehmen müssen, gedenke ich dabei sehr wohl auch Quadfliegs "Fromme Geschichten für kleine Leute" zum Einsatz zu bringen. 


Schließen möchte ich diesen Artikel mit dem Hinweis, dass der Vatikan anlässlich der Corona-Pandemie die Möglichkeiten zur Erlangung eines Allerseelen-Ablasses zugunsten Verstorbener erweitert hat: Einen solchen Ablass ist in diesem Jahr während des gesamten Monats November möglich, und wer aufgrund von Alter, Krankheit oder Ausgangsbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie nicht in der Lage ist, einen Friedhof zu besuchen, kann die vorgeschriebenen Gebete für die Verstorbenen auch zu Hause verrichten. Näheres dazu siehe hier. 



Mittwoch, 19. August 2020

Horrendum est -- oder: Wer hat Angst vorm Retrokatholizismus?

Am vergangenen Freitag, am Vorabend des Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (kurz "Mariä Himmelfahrt"), wurde in der Pfarrkirche Herz Jesu Berlin-Tegel eine Vigil anlässlich der Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens gefeiert -- mit Eucharistischer Anbetung, Lobpreis, Meditation und Fürbittgebet. Gemeinsam mit unserer Pastoralreferentin war ich wesentlich an der Planung dieser Vigil beteiligt; einzelne Andachtsabschnitte wurden von fünf verschiedenen Kreisen und Gruppen der Gemeinde sowie vom Pfarrer beigesteuert. Ich muss gestehen, dass ich im Vorfeld durchaus Bedenken wegen der (urlaubszeitbedingt) etwas knappen Vorbereitungszeit hatte und mir gewünscht hätte, es hätte genauere Absprachen zwischen den verschiedenen Mitwirkenden gegeben; aber im Nachhinein kann ich sagen, dass alles wunderbar geklappt hat und dass mir das eine Lehre sein sollte. Die unterschiedlichen Stile und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der einzelnen Beiträge haben sich zu einem durchaus stimmigen Gesamtbild ergänzt, und ich möchte sagen, die Veranstaltung hat gezeigt, was für ein Potential in dieser Gemeinde steckt. 

Herz-Jesu-Figur in der gleichnamigen Pfarrkirche in Berlin-Tegel (eigene Aufnahme) 

Aber spulen wir mal ein paar Wochen zurück: Die Ankündigung, dass Erzbischof Heiner Koch das Erzbistum Berlin dem Heiligsten Herzen Jesu und dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen wolle, hatte ich als durchaus überraschend empfunden, und da war ich zweifellos nicht der Einzige. Schließlich befanden wir uns (und befinden wir uns weiterhin) mitten in einer schwelenden Debatte darüber, ob (und wenn ja, wie) die Kirche eine geistliche Antwort auf die Coronakrise geben könne und solle, anstatt lediglich administrativ darauf zu reagieren. Ende März, auf dem Weg zum (ersten?) Höhepunkt der Corona-Infektionen in Deutschland, erregte etwa die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop Aufsehen mit ihrer Warnung vor einem "Retrokatholizismus", der, wie sie meinte, "fröhliche Urständ feiert", und äußerte in diesem Zusammenhang Zweifel, ob "ein täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Corona-Krise" seien. Wenn einige Wochen nach einer solchen Wortmeldung bekannt wird, dass das Hauptstadtbistum den Herzen Jesu und Mariens geweiht werden soll, dann sieht das nach einer deutlichen Positionierung aus -- die umso unerwarteter daherkam, als man den Berliner Erzbischof wohl kaum dem konservativen Flügel der deutschen Bischöfe zurechnen kann. Andererseits aber eben auch nicht der radikalen Abrissbirnen-Fraktion im Episkopat. Wie man hört, wurde Erzbischof Koch schon mehrfach zwar nicht direkt inkognito, aber doch in ausgesprochen unauffälliger Gewandung bei der Ewigen Anbetung im "Exerzitienzentrum der göttlichen Barmherzigkeit" in der Kreuzberger Hinterhofkirche St. Clemens gesehen, und in der Ankündigung des Weiheakts hieß es ausdrücklich, es habe "mehrfache Anregung aus den Reihen der Gläubigen" gegeben, das Erzbistum angesichts der Corona-Krise den Herzen Jesu und Mariens zu weihen. Mir scheint, mit einem Bischof, der betet und zuweilen auf einfache Gläubige hört, haben es die Katholiken Berlins, Brandenburgs und Vorpommerns nicht ganz schlecht getroffen. Dass ein solcher Hirte sich im "institutionellen Apparat" seiner Diözese nicht nur Freunde macht, ist allerdings auch kein Wunder. So bedarf es keiner großen Kaffeesatzleserei, um zu konstatieren, dass die Idee, das Erzbistum Berlin dem Heiligsten Herzen Jesu und dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen, im amtskirchlichen Establishment nicht unbedingt auf ungeteilte Begeisterung stieß. Schon zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu am 19. Juni, an dem das Weihe-Vorhaben des Erzbischofs öffentlich bekannt gegeben wurde (intern war es schon etwas länger bekannt, ich zum Beispiel habe am 17. Juni davon erfahren), gab es einige Wortmeldungen, die man durchaus als schlecht verhohlene Stänkerei auffassen konnte; exemplarisch sei hier auf einen Podcast des aus Funk und Fernsehen bekannten Dominikanerpaters Max Cappabianca mit der vielsagenden Überschrift „Ist das Herz-Jesu-Fest peinlich?“ verwiesen. Wie man sich vorstellen kann, kriegt der medienaffine Pater gegen Ende dieses Beitrags noch die Kurve, um die in der Überschrift gestellte Frage sinngemäß mit "nicht unbedingt" zu beantworten, aber bis dahin feuert er erst einmal allerlei negative "Buzzwords" ab, die sich dem Hörer besser einprägen (und wohl auch sollen) als die nachfolgenden Relativierungen: Von "toxischen Formen des Katholizismus" ist da die Rede, die "mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden" worden seien: "Kitschig, süßlich und von einem zweifelhaften Gottesbild geprägt". Irgendwie lustig finde ich ja das Eingeständnis, es seien "gerade ältere Katholiken", die mit der Herz-Jesu-Verehrung "nichts anfangen" können. Merken wir uns das mal für später. -- 

Die Strategie, sich zunächst einmal nach Kräften von der traditionellen Herz-Jesu-Frömmigkeit zu distanzieren, um dann mit einer auf erstaunliche Weise zugleich verkopft und banal wirkenden Neuinterpretation um die Ecke zu kommen, die die Herz-Jesu-Verehrung für den modernen, aufgeklärten Katholiken von heute wieder akzeptabel machen soll, zeichnete jedenfalls nicht allein Pater Cappabiancas Beitrag aus. Sogar die offiziellen Verlautbarungen des Erzbistums, einschließlich einer im RBB ausgestrahlten Radioansprache von Erzbischof Koch selbst, wirkten defensiv, ja vorauseilend entschuldigend: "Es geht nicht um das Heraufbeschwören einer magischen Weltsicht. Schon gar nicht darum, das Virus mit Gebet anstelle von Hygienemaßnahmen zu bekämpfen." #Sorrynotsorry, aber das ist ganz schlechte Pressearbeit. Wenn ich in meiner Zeit als Kundenberater bei einem Teleshopping-Kanal eines gelernt habe, dann, dass man Vorwürfe oder Verdächtigungen, die man unausgesprochen in der Luft liegend wähnt, keinesfalls selbst anspricht, auch nicht verneinend. Denn ähnlich wie im oben angesprochenen Podcast gilt auch hier: Die Verneinung bleibt im Bewusstsein des Adressaten nicht hängen, der ausgesprochene Vorwurf bzw. Verdacht aber sehr wohl. -- Auch sonst machte die Öffentlichkeitsarbeit des Erzbistums über Wochen hinweg eher den Eindruck, das Thema Herz-Jesu-Weihe nach Möglichkeit lieber totschweigen zu wollen. Es wurde zwar angeregt, die Weihe auf Pfarreiebene durch eigene Veranstaltungen "mitzufeiern", aber die versprochenen Materialien hierfür wurden erst ziemlich auf den letzten Drücker bereitgestellt und können beim besten Willen nicht gerade als großer Wurf bezeichnet werden. 

Nachdem die Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens nun aber trotz allem stattgefunden hat, legt häretisch.de, die hoch subventionierte Schismatikerpostille, noch einmal nach und veröffentlicht in der Rubrik "Standpunkt" einen Beitrag von Birgit Aschmann - ihres Zeichens Geschichtsprofessorin an der Humboldt-Uni und Mitglied im "ZdK" -, die sich bereits in der Überschrift "irritiert" über den Weiheakt zeigt. Frau Prof. Aschmann verweist auf die Geschichte des Herzens Jesu als "Kampfsymbol" der "Ultras unter den Royalisten und Katholiken", mit dem die "katholische Aufklärung [...] nichts anfangen konnte", das jedoch "auch im Ersten Weltkrieg" noch "eine wichtige Rolle" spielte: "versprach dessen Verehrung doch Sieg, Unversehrtheit oder zumindest einen würdigen Tod" -- Versprechen, von denen die Verfasserin meint, dass sie "unerfüllt blieben". 

Man kann häretisch.de für die Veröffentlichung dieses dümmlichen Elaborats im Grunde nur dankbar sein; besonders den letzten Satz - "Wenn wir aber nur die Kultformen einer fremd gewordenen Vergangenheit reaktivieren, steht es nicht gut um die Zukunftsfähigkeit der Kirche" - feiere ich ohne Ende ab, denn der erscheint mir geradezu als eine Art rückwirkende Steilvorlage für meinen unlängst in der Tagespost erschienenen Essay "Futur 2 - Die Zukunft ist schon vorbei", in dem ich mich mit den tieferen Beweggründen der "Retrokatholizismus"-Debatte befasst habe. Darin argumentiere ich, dass den (ihrem Selbstverständnis nach) "progressiven" Kreisen innerhalb der Kirche im Zuge der Corona-Krise der Glaube an die "Zukunftsfähigkeit" ihres eigenen Kirchenbildes - der Vision einer Kirche "als Anbieterin individuell bedarfsgerechter spiritueller Dienstleistungen", einer "moralistisch-therapeutische[n] Wellness-Spiritualität für Besserverdienende, eine[r] Kirche für die Soja-Latte-Bourgeoisie" - abhanden gekommen ist, und zwar zu Recht, weil sich immer deutlicher zeigt, dass die angepeilte Zielgruppe solcher Visionen "für ihre spirituellen Bedürfnisse, sofern sie überhaupt welche hat, schlichtweg keine institutionelle Kirche braucht". Und vor diesem Hintergrund des eigenen "Relevanzverlusts" reagieren die vermeintlich "zukunftsorientierten" Vertreter des Funktionärs- und Gremienkatholizismus so irritiert und aggressiv auf die unerwartete Vitalität einer längst totgesagten traditionellen Frömmigkeit. 

Wie ich in meinem Tagespost-Essay ebenfalls betont habe, wäre die Kritik am sogenannten "Retrokatholizismus" durchaus ernst zu nehmen, wenn und sofern sie als Warnung vor einem musealen Ästhetizismus, einem in Nostalgie erstarrten frommen Formalismus zu verstehen wäre. Im größeren Kontext aktueller "Reform"-Debatten in der Kirche ist aber recht unschwer zu erkennen, dass es darum letztlich nicht (oder höchstens nebenbei) geht. Schließlich wird aus derselben Richtung beispielsweise gegen die Praxis der Eucharistischen Anbetung auch und gerade dann polemisiert, wenn diese, wie etwa beim Nightfever, in einer Ästhetik daherkommt, die besonders Jugendliche und junge Erwachsene anspricht; und auch an der von großer stilistischer und konfessioneller Vielfalt geprägten Initiative "Deutschland betet gemeinsam" ließen einschlägig interessierte Kreise kein gutes Haar. Im Fokus der Kritik stehen nicht traditionelle und als "unzeitgemäß" empfundene Frömmigkeitsformen, sondern vielmehr das Gottesbild, das aus ihnen spricht. Wenn etwa Julia Knop im Zuge ihrer "Retrokatholizismus"-Polemik erklärt, "die Frage, ob Gott auf den krummen Zeilen dieser Monate am Ende wirklich gerade schreiben wird", ob also die Ereignisse im Zusammenhang mit der Corona-Krise "irgendeinen höheren Sinn hatten", müsse "offen bleiben", dann erscheint es durchaus folgerichtig, dass sie uneindeutige und zudem "deinstitutionalisierte und überkonfessionelle" Zeichen wie eine "Kerze im Fenster" bevorzugt. Ähnlich verhält es sich, wenn Frau Prof. Aschmann die "Bemühungen von Maria 2.0 um ein neues Marien- und Frauenbild" würdigt und folgerichtig an "Gebete[n] zum 'unbefleckten Herzen Mariens'" - man beachte die distanzierenden Gänsefüßchen! - Anstoß nimmt. 

Zugespitzt ausgedrückt verrät die Polemik gegen den "Retrokatholizismus" also letztlich nur das tiefe Unbehagen jener kirchlichen Apparatschiks, in deren Denken Gott bestenfalls als gedankliches Konstrukt vorkommt - als Metapher, als Personifikation irgendwelcher "Werte" oder "Haltungen", für die die Institution Kirche steht oder stehen sollte - gegenüber Gläubigen, die von oder womöglich sogar mit Gott sprechen, als gäbe es Ihn wirklich. Zum Teil mag dieses Unbehagen daher rühren, dass diese Leute den Gläubigen ihren Glauben, der ihnen selbst so zutiefst fremd ist, schlichtweg nicht abkaufen und daher argwöhnen, es müssten sich irgendwelche finsteren Absichten dahinter verbergen. Zum Teil mag es sich um die ehrliche Überzeugung handeln, ein solcher "unaufgeklärter", "fundamentalistischer" Glaube schade der Kirche und stehe ihrer eigentlichen Aufgabe im Wege (welche das auch immer sein mag; Immobilien verwalten vielleicht?). Aber meine persönliche Einschätzung ist, dass sich zuunterst, mehr oder weniger schlecht verborgen unter rational und intellektuell klingen sollenden Positionierungen, die nackte Angst regt, dass die geschmähten "Fundis" und "Retrokatholiken" Recht haben könnten. Dass es diesen Gott, den sich die liberale Theologie glücklich vom Hals geschafft zu haben wähnte, am Ende doch gibt. Häme ist hier wohlgemerkt unangebracht: Diese Angst ist nur allzu berechtigt. Horrendum est incidere in manus Dei viventis, heißt es in Hebräer 10,31: Furchtbar ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. 



Montag, 6. April 2020

Grüße aus dem Corona-Park #3 (Karwoche)

+++Was bisher geschah+++ 

Eine weitere Woche unter Ausgangsbeschränkung liegt hinter mir, und wieder war ich trotzdem fast jeden Tag ein bisschen draußen (oder sogar jeden Tag, wenn man unser "Gartenzimmer" als "draußen" wertet). Unsere Pfarrkirche ist nach wie vor tagsüber zum persönlichen Gebet und zur stillen Einkehr geöffnet, wie es die unverändert gültige Verordnung des Berliner Senats ja erlaubt und das Erzbistum Berlin es ausdrücklich befürwortet; und zu bestimmten Zeiten wird das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Damit haben wir es hier - das kann gar nicht deutlich genug betont werden - noch besser als viele andere Katholiken an anderen Orten. Gerade weil ich mich ja manches Mal eher ungnädig darüber geäußert habe, wie die Dinge in der örtlichen Gemeinde laufen, ist mir die Feststellung wichtig, dass hier im Rahmen des derzeit Möglichen wirklich das Beste aus der Situation gemacht wird, und das meine ich nicht zuletzt auch als uneingeschränktes Lob für den persönlichen Einsatz unseres Pfarrers. 

Was die angesprochene "Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin" übrigens auch ausdrücklich erlaubt, ist die "Ausübung [...] ehrenamtlicher Tätigkeiten, auch an wechselnden Einsatzstellen" (§ 14, Abs. 3 a), und folglich geht auch Foodsharing trotz Corona weiter. Meine Liebste hatte in der zurückliegenden Woche zwei Einsätze, einen in einem Biomarkt und einen in einer Bäckerei, und daraufhin konnten wir einiges an Gemüse, Obst und Brot an Freunde und Bekannte aus Kirchengemeinde und Krabbelgruppe weitergeben. 

Währenddessen hat meine unlängst festgehaltene Absicht, mein Gebetsleben zu intensivieren, in der zurückliegenden Woche immerhin graduelle Fortschritte gemacht; daneben habe ich einen Essay für die Tagespost geschrieben, der wohl am Gründonnerstag erscheinen soll, habe mich intensiv meinem Lektürepensum gewidmet, und in der verbleibenden Zeit male ich mit meiner Tochter Ausmalbücher voll, lese ihr Bilderbücher vor oder schaue mit ihr auf YouTube a-capella-Kinderlieder von "Eddi & Dän" (ehemals "Wise Guys"), "Die Sendung mit dem Elefanten", "Der Bär im großen blauen Haus" oder "Daniel Tiger's Neighborhood" -- letzteres ist zwar englisch, aber ich möchte behaupten, das Wesentliche daran versteht ein Kind auch ohne Sprachkenntnisse. Das Konzept der Sendung, ebenso wie der Großteil der Charaktere, basiert auf dem Klassiker "Mr. Rogers' Neighborhood", einer wohl unerreichten Spitzenleistung in der Geschichte des Kinderfernsehens; erstmals darauf aufmerksam wurde ich jedoch - fast ein Jahr vor der Geburt meiner Tochter - durch einen satirischen Beitrag des Online-Magazins The Federalist über hysterische Reaktionen der Linken auf die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Mysterious Ways, Freunde. 

Am Palmsonntag waren wir morgens in "unserer" Kirche zur Anbetung und schauten uns am späten Nachmittag per Livestream eine Messe aus dem Stift Heiligenkreuz an. Letzteres erwies sich mit Kind als nicht ganz unkompliziert, aber die gestreamte Messe war trotzdem schön, also werden wir während des Triduums voraussichtlich ebenso verfahren. 


+++Zitat der Woche+++ 
"Wir armen Nordländer! Wenn wir einmal den Wein der Freude in vollen Zügen kosten, so steigt er uns in den Kopf, und wir schlafen oder zanken und prügeln uns. Der Römer genießt ihn mit dem täglichen Brote, und je mehr er trinkt, desto besser er ihm schmeckt."  
(Wilhelm Müller: "Rom, Römer und Römerinnen", 15. Brief, 23.08.1818) 


+++Linktipps+++ 

Die sozialen Netzwerke sind derzeit voll mit Klagen von Eltern, die angesichts geschlossener KiTas und Schulen buchstäblich nicht wissen, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen. Andrea Tichy, selbst betroffene Mutter, versucht in ihrem Beitrag einen Kontrapunkt zu setzen. Auf mehr oder weniger humoristisch daherkommende Einlassungen nach dem Muster "Am liebsten mag ich meine Familie, wenn ich sie nicht so oft sehe" geht sie dabei gar nicht erst ein, sondern wendet sich explizit an diejenigen Eltern, die sich ernsthaft Sorgen machen, wie sie den Bedürfnissen ihrer Kinder ohne die Hilfe von Institutionen wie KiTa und Schule gerecht werden können. Diesen präsentiert sie eine Fülle von Indizien dafür, dass viel Zeit mit den Eltern und ohne Termindruck für viele Kinder exakt das ist, was sie brauchen und was ihnen in der Vor-Corona-"Normalität" gefehlt hat. So höre man etwa "von therapeutischer Seite", 
"dass Patientinnen mit Babys und Kleinkindern jetzt überrascht feststellen, dass ihre Kinder ausgeglichener werden. Dass zum Beispiel die Schrei- und Schlafstörungen abnehmen, seit die Krippen geschlossen sind. Seit der allgemeine Stress, die durchgetakteten Tage, der Freizeitstress aufgehört haben. Dass viele Babys und Kleinkinder jetzt entspannter sind und die Eltern dadurch auch." 
Weiter berichtet Andrea Tichy von Müttern, die in den Sozialen Medien schreiben "Wir genießen dieses Mehr an Familienzeit"; von Kindern, die morgens erwartungsvoll fragen "Mama, ist heut wieder so ein Urlaubstag? So wie gestern? Mit viel Spielen und nirgends hin müssen?"; und dergleichen Erfahrungsberichte mehr, bis hin zu einem Jungen im Grundschulalter, der in einer Fernsehreportage auf die sichtlich irritierte Frage des Interviewers, ob er "Homeschooling" etwa gut finde, unbefangen antwortet: "Ja, ich finde das sehr gut, am liebsten würde ich das immer so machen!" --- Natürlich ist nicht zu leugnen, dass die Corona-Krise eine Vielzahl sehr ernstzunehmender sozialer, ökonomischer und psychischer Probleme verursacht oder verschärft, und wenn jemand, der mit einer völligen Umwälzung seines gewohnten Tagesablaufs, massiven Verdienstausfällen und womöglich einem drohenden Zusammenbruch seiner gesamten beruflichen Existenz konfrontiert ist, inmitten all dieser Probleme die Notwendigkeit, seine Kinder zu Hause zu betreuen, nur als eine zusätzliche Belastung erlebt, ist es nicht unbedingt hilfreich, dem zu sagen "Aber sieh doch auch mal das Positive!" Das weiß auch Andrea Tichy und betont es mehrfach. Aber vielleicht sollte man - mit Blick auf eine früher oder später zu erwartende "Rückkehr zur Normalität" - die in diesem Artikel zusammengetragenen Beobachtungen zum Anlass nehmen, die in unserer Gesellschaft vorherrschenden Prioritäten zu hinterfragen. Und damit auch die vorherrschenden Vorstellungen darüber, was Kinder brauchen und was gut für sie ist: 
"Eine glückliche Kindheit entsteht nicht durch möglichst viel Action, Kurse, Attraktionen, Gruppen-Bespaßung oder ständige sogenannte Förderung. Eine glückliche Kindheit haben Kinder meistens genau dann, wenn sie spüren, dass ihre Eltern, die, die ihnen am nächsten und am wichtigsten sind, da sind. Einfach da sind und ihnen zeigen, dass sie sie lieben. Dass sie willkommen sind. Da braucht es dann nicht viel mehr, vor allem für die Kleinsten. So einfach gestrickt sind die Kinder, so genügsam. Und so weise."
Boah, ich wünschte, ich hätte das geschrieben. Und so etwas sage ich nicht oft.

Klar, das ist Satire. Aber der Beitrag wirft eine durchaus ernstzunehmende Frage auf: Was, wenn sich durch die Corona-bedingten Schulschließungen herausstellt, dass ein signifikanter Anteil der Schüler die Schule zum Lernen gar nicht braucht, ja ohne sie sogar besser lernt? (Noch bevor in Deutschland die Schulen geschlossen wurden, schrieb mir eine befreundete Mutter von vier Kindern, ein paar Wochen "Coronaferien" kämen ihr ganz recht, dann könnte sie nämlich endlich mal in Ruhe die Mathe-Probleme eines ihrer Söhne in Angriff nehmen -- die Schule sei da eher kontraproduktiv.) -- Sicherlich: Je nach häuslicher/familiärer Situation der Schüler (worin ich mal alle möglichen sozialen Faktoren nonchalant zusammengefasst wissen möchte) sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Zu-Hause-Lernen äußerst unterschiedlich, und wie man hört, ballern manche Lehrer ihre Schüler nach Kräften mit Aufgaben zu, damit sie die Zeit ohne Schule bloß nicht zu sehr genießen; aber man kann wohl doch zumindest davon ausgehen, dass das System "Schule" - besonders wenn die "Rückkehr zur Normalität" nicht schon nach den Osterferien erfolgt, wie es derzeit vielerorts noch in Aussicht gestellt wird - seine Selbstverständlichkeit verlieren dürfte. Und das ist für ein System, das im Wesentlichen davon lebt, für selbstverständlich gehalten zu werden, eine ernstzunehmende Bedrohung. 
Um auch mal wieder über etwas anderes zu reden als immer nur über die Corona-Krise: Dieser Artikel ist schon ein paar Jahre alt, aber ich bin erst jetzt durch einen Link auf Twitter auf ihn aufmerksam geworden und finde ihn ausgesprochen interessant. Es geht, wie man sich wohl schon denken kann, um konkurrierende "Narrative" zur Interpretation des II. Vatikanischen Konzils: Gleich einleitend stellt der Verfasser, ein Dominikanerpater und Hochschullehrer, die wesentlich von Küng und Schillebeeckx geprägte "progressive" Deutungstradition einer von Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger begründeten Interpretation gegenüber, die das Konzil in Kontinuität zur lehramtlichen Tradition der Kirche sieht. Okay, das hat man soweit auch schon woanders gehört oder gelesen. Spannend ist allerdings Whites These, die Deutung des Konzils als revolutionärer Bruch mit der Lehrtradition speise sich aus einer an Nietzsche geschulten Hermeneutik des "Willens zur Macht"; was übrigens einschließt - und das erscheint mir besonders interessant -, dass die Anhänger dieser Sichtweise auch die Position ihrer Gegner durch diese hermeneutische Brille betrachten: Nach einer vom Eigeninteresse des jeweiligen Interpreten unabhängigen Wahrheit wird nicht gefragt, es geht nur noch darum, den eigenen Positionen Geltung zu verschaffen. -- Dagegen empfiehlt White, das Konzil statt durch die Augen Nietzsches lieber durch diejenigen John Henry Newmans zu betrachten; dies erscheine umso plausibler, als Newmans Theologie Themen und Tendenzen des II. Vaticanums in einem solchen Maße vorweggenommen bzw. vorgeprägt habe, dass Papst Paul VI. von "Newmans Konzil" gesprochen habe. Vor dem Hintergrund von Newmans Verständnis von Lehrentwicklung, so White, erscheine das II. Vaticanum nicht etwa als Bruch mit der Lehrtradition der Kirche, sondern vielmehr als eine konsequente Fortsetzung von Tridentinum und I. Vaticanum. Ein umfangreicher und für Nichttheologen recht anspruchsvoller, aber allemal sehr lesenswerter Text!


+++Ohrwurm der Woche+++ 

Pearl Jam, "State of Love and Trust", 1992.


Einfach so, ohne Grund. 


+++Aus der Lesehore+++ 
"Aber beide, der Tempel und der Leib Jesu, scheinen mir gemäß einer der möglichen Auslegungen Bild der Kirche zu sein. Sie ist ja 'aus lebendigen Steinen erbaut', 'zu einem geistigen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft', 'gebaut auf das Fundament der Apostel und Propheten, der Schlussstein aber ist Christus Jesus selbst'; sie wird 'Tempel' genannt. Es heißt: 'Ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.' Auch wenn das Gefüge der Steine des Tempels sich aufzulösen scheint und in den Verfolgungen und Bedrängnissen alle Gebeine Christi scheinbar zerstreut werden [...], wird trotz der Verfolgungen durch die, welche die Einheit des Tempels bekämpfen, dieser doch wieder aufgebaut werden, und der Leib wird am dritten Tag auferstehen: nämlich nach dem bevorstehenden Tag des Greuels im Tempel* und dem darauffolgenden Tag der Vollendung**. Der dritte Tag aber wird dann im neuen Himmel und in der neuen Erde seinen Anfang nehmen." 
(Origines, Auslegung des Johannesevangeliums) 
* Vgl. Mk 13,14
** Vgl. 2 Petr 3,3.10.13

Montag, 30. März 2020

Grüße aus dem Corona-Park #2 (5. Woche der Fastenzeit)

+++Was bisher geschah+++ 


Zunächst einmal freue ich mich, mitteilen zu dürfen: Die Liebste, das Kind und ich sind wohlauf und machen das Beste aus der Situation. Dazu gehört, dass meine Liebste, nachdem sie bereits vorletzten Freitag in unserem sehr kleinen, von einer niedrigen Mauer, einem schmiedeeisernen Zaun und einigen Sträuchern eingefassten und vom Balkon der Wohnung im ersten Stock quasi überdachten Vorgarten ein "Gartenzimmer" (so nennt es unsere Tochter) mit Tisch und Stuhl, Rutsche, Buddelkiste und Schaukel-Zebra eingerichtet hat, nun auch das Kinderzimmer gründlich aufgeräumt und neu gestaltet hat. Indessen muss ich gestehen, dass ich trotz der seit letztem Montag geltenden Ausgangsbeschränkungen fast jeden Tag - außer Donnerstag und Samstag - mindestens einmal "draußen" war; allerdings ausschließlich zu solchen Zwecken, die die derzeit geltende "Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin" ausdrücklich erlaubt, wie zum Beispiel Einkaufen, ein bisschen Bewegung an der frischen Luft (zusammen mit dem Kind) und auch "idividuelle stille Einkehr in Kirchen, Moscheen, Synagogen und Häusern anderer Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften" (§14, Abs. 3 p). Aber dazu später. -- Jedenfalls habe ich bei meinen Ausflügen den Eindruck gewonnen, dass die Straßen und Plätze zwar spürbar weniger belebt sind als vor der Verhängung von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten, dass aber trotzdem noch eine ganze Menge Leute unterwegs sind -- so viele, dass Polizei und/oder Ordnungsamt heillos überfordert wären, wenn sie tatsächlich kontrollieren wollten, ob diese Leute wirklich alle einen legitimen Grund haben, ihre Behausung zu verlassen. Im Übrigen scheint es mir unter den Leuten, die man jetzt noch draußen antrifft, grob gesehen zwei Fraktionen zu geben. Die einen nehmen die ganze Krisensituation nicht so richtig ernst, befolgen aber trotzdem so einigermaßen die Regeln -- aber nicht ohne darüber zu meckern. (Das scheint mir geradezu klassisch Berlinerisch: sich aus staatsbürgerlichem Gehorsam an Vorschriften zu halten, dabei aber lautstark zu murren, das sei ja alles Schikane und Humbug.) Und die anderen schieben zwar total Panik, kriegen es aber trotzdem nicht hin, die grundlegendsten Schutzmaßnahmen zu beachten. Also zum Beispiel Leute, die sich beim Einkaufen einen Schal vors Gesicht binden, sich aber in der Kassenschlange vordrängeln, oder sich sogar Schutzmasken besorgen, diese dann aber so tragen, dass sie nicht die Nase bedecken. Nun gut, irgendwie muss man wohl Verständnis dafür haben, dass die Leut' mit der Gesamtsituation überfordert sind. Gerade das Einhalten von Abstandsregeln setzt schließlich voraus, andere Menschen überhaupt erst einmal wahrzunehmen, und im normalen Alltag ist der Berliner nun einmal darauf konditioniert, genau das nicht zu tun.

Okay, soweit die Außenwelt. Was das Leben innerhalb der eigenen vier Wände angeht, sehe ich derzeit keinen Grund zur Klage. Weder geht mir meine Familie auf den Keks - im Gegenteil, ich genieße es, dass wir alle drei so viel Zeit zusammen verbringen, und mir scheint, das Kind genießt es besonders -, noch verspüre ich die Notwendigkeit, die Zeit mit Binge-Watching oder Stadt-Land-Fluss-Spielen totzuschlagen. Mit Lesen, Schreiben, Papa-Sein und Gitarre-Üben habe ich schon mehr als genug zu tun.

Mittlerweile gefällt mir die schon vorige Woche angedeutete Idee, die Zeit der Ausgangsbeschränkung als eine Zeit der inneren Einkehr und geistig-geistlichen Vorbereitung auf künftige Großtaten zu betrachten und zu nutzen, immer besser, und unter diesem Blickwinkel habe ich es mit einer Rückkehr zur "Normalität" nicht unbedingt eilig. Ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Bestandteil einer solchen "Einkehrzeit" sollte bzw. müsste aber eigentlich auch eine Intensivierung des persönlichen Gebetslebens sein; und wie sieht es damit bei mir aus? -- Nun, ehrlich gesagt ist da noch Luft nach oben. Im Moment sieht das bei mir in etwa so aus: Montags #BenOp-Rosenkranz (habe ich den schon mal erwähnt? Ich glaube nicht. Okay, ich komme darauf zurück), dienstags Lobpreisandacht, freitags und sonntags Eucharistische Anbetung; davon abgesehen ein kurzes Tischgebet vor den Mahlzeiten, vor dem Einschlafen ein Nachtgebet, das ich noch aus meiner Kindheit kenne; und sonst so? Eigentlich wollte ich täglich wenigstens einmal, möglichst aber zweimal (um 12 und um 18 Uhr) den Angelus beten; und nun muss ich feststellen, dass ich das schon mal besser hingekriegt habe als in dieser Ausgangsbeschränkungs- und Kontaktverbots-Woche. Eigentlich wollte ich - mindestens in der Fastenzeit, aber dann möglichst auch noch darüber hinaus - jeden Tag die Lesehore aus dem Stundenbuch beten und die Tageslesungen aus dem Messlektionar lesen; aber tatsächlich musste ich am Freitag in der Anbetung das Pensum von drei Tagen "nachholen". Okay, ich bin guten Willens, mich zu bessern. Als hilfreich dafür könnte es sich erweisen, dass am gestrigen Sonntag eine Liebe Freundin aus unserer Pfarrgemeinde eine "Pilgernde Gottesmutter" aus Schönstatt, die sie rund eine Woche lang bei sich zu Hause beherbergt hatte, an uns weitergegeben hat. 



+++Special: Wie ist das jetzt genau mit dem #BenOp-Rosenkranz und der Lobpreisandacht?+++

Okay, ich wollte noch etwas zum #BenOp-Rosenkranz sagen. Das ist eine Initiative, die bereits im Oktober 2017 entstanden ist, und zwar daraus, dass Rod Dreher eine Kontaktliste mit den E-Mail-Adressen einiger Mitstreiter bzw. Gleich- und Ähnlichgesinnter in Sachen Benedikt-Option erstellte; hauptsächlich handelte es sich dabei um Personen, die er auf seinen Reisen nach Europa kennengelernt hatte. Ursprünglich waren (neben mir als einzigem Deutschen) hauptsächlich Franzosen und Italiener in dieser Gruppe vertreten, später kamen einige Tschechen, Slowaken und Ungarn dazu. Aus der naheliegenden Frage "So, und was machen wir jetzt mit dieser Adressenliste?" resultierte recht bald die Idee, Gebetsanliegen auszutauschen und einmal wöchentlich "gemeinsam"(d.h. ungefähr gleichzeitig, innerhalb eines verabredeten Zeitfensters) den Rosenkranz zu beten. Ich gebe zu, dass ich mich über die vergangenen zweieinhalb Jahre nicht absolut konsequent und verlässlich daran beteiligt habe, in den letzten Wochen dann aber doch, und ich hoffe das auch zukünftig beizubehalten.

Und über die wöchentliche Lobpreis-Andacht, die ich gemeinsam mit meiner Liebsten gestalte, wollte ich auch schon länger mal Genaueres schreiben. Wahrscheinlich wäre es sinnvoller, das erst dann zu tun, wenn die Ausgangsbeschränkungen so weit gelockert sind, dass man die Andacht wieder guten Gewissens öffentlich ankündigen bzw. dazu einladen kann. Noch vor drei Wochen hat unsere neue Pastoralreferentin mir geraten, zu diesem Veranstaltungsangebot einen Beitrag für den Pfarrbrief zu schreiben. Werde ich zum gegebenen Zeitpunkt wohl auch tun. Bisher war es nämlich auch dann, wenn diese Andacht im offiziellen Gottesdienstplan der Pfarrei stand, nicht unbedingt selten, dass außer uns selber (und Gott, natürlich) niemand dabei anwesend war oder einzelne Leute eher "zufällig" zur betreffenden Zeit in die offene Kirche kamen und je nachdem, ob sie mit dieser Form des Gebets etwas anfangen konnten oder eher nicht, dablieben oder eben nicht. Natürlich haben wir uns oft gewünscht, es würden mehr Leute teilnehmen, und natürlich haben wir uns immer gefreut, wenn das der Fall war; aber so richtig schlimm fanden wir es eigentlich auch nie, wenn außer uns keiner kam, denn einem "Publikum" zuliebe machten wir es ja letztlich nicht. Das war für uns auch ein wesentliches Argument, auch "unter Corona-Bedingungen" vorerst mit der Andacht weiterzumachen. 

Die seit dem 23.03. in Berlin gültigen verschärften Kontaktverbots-Vorschriften werfen nun natürlich durchaus Fragen auf. Ist eine Andacht, wenn sie in der offenen Kirche stattfindet, per definitionem eine öffentliche Veranstaltung, auch wenn außer den Vorbetern niemand daran teilnimmt (oder allenfalls noch 1-2 weitere Personen, die aber nur zufällig zur selben Zeit in der Kirche sind)? Inwieweit ist eine solche Andacht im Sinne der Berliner Corona-Verordnung anders zu beurteilen als etwa die in derselben Kirche stattfindende Eucharistische Anbetung? Spielt es eine entscheidende Rolle, ob die Andacht "still" ist oder ob dabei Musik abgespielt wird und hörbar Gebete gesprochen werden? Ist es überhaupt Sache der staatlichen Behörden, solche Unterscheidungen zu treffen? -- Fragen über Fragen! Da wir dienstags ohnehin zum Kirchenschließdienst eingeteilt sind, könnten wir, um ganz auf der sicheren Seite zu sein, den Beginn der Andacht auch um eine halbe Stunde nach hinten verlegen und die Kirche vorher abschließen statt hinterher; und sollte irgendwann auch die "offene Kirche" weiteren Verschärfungen der Ausgangsregeln zum Opfer fallen, könnten wir immer noch zu Hause lobpreisen. Das wäre aber wirklich nur eine Notlösung, denn unser Anliegen ist es ja gerade, dem Kirchenraum auch in diesen schwierigen Zeiten seinen Charakter als Ort des Gebets zu erhalten. Wie der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. im Jahr 1978 in einer Predigt sagte:
"Wir alle wissen, welch ein Unterschied ist zwischen einer durchbeteten Kirche und einer solchen, die zum Museum geworden ist. Wir stehen heute sehr in Gefahr, daß unsere Kirchen Museen werden und daß es ihnen dann geht wie Museen: Wenn sie nicht verschlossen sind, werden sie ausgeraubt. Sie leben nicht mehr. Das Maß der Lebendigkeit der Kirche, das Maß ihrer inneren Offenheit wird sich darin zeigen, daß sie ihre Türen offen halten kann, weil sie durchbetete Kirche ist."  
(Joseph Kardinal Ratzinger: "Eucharistie – Mitte der Kirche. Vier Predigten". München 1978, S. 62f) 
Aber wie dem auch sei: Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir es noch erleben, dass das Verbot gottesdienstartiger Zusammenkünfte irgendwann wieder aufgehoben oder zumindest gelockert wird; vielleicht wird es dann eine erhöhte Nachfrage nach so etwas geben, und vielleicht freut sich auch der eine oder andere meiner Leser über Anregungen, in der jeweils eigenen Ortsgemeinde Andachten zu gestalten, sofern und sobald das möglich und erlaubt ist. Also: Nachdem unsere wöchentlichen Lobpreis-Andachten anfangs (und das ist nun bald schon zwei Jahre her) komplett improvisiert waren, hat sich nach und nach ein recht fester Ablauf etabliert, bestehend aus einem frei formulierten Eröffnungsgebet, den Psalmen aus der Vesper vom jeweiligen Tag, einer Lesung (i.d.R. entweder die Kurzlesung aus der Vesper oder die 1. Lesung vom Tag), freien Fürbitten, Tagesgebet und Segensbitte, und dazwischen Lieder von der Lobpreis-Playlist auf meinem Handy (da meine Gitarren-Fertigkeiten noch nicht weit genug gediehen sind, um eine Andacht mit Livemusik zu bestreiten, aber ich arbeite daran). Um 18 Uhr beschließen wir die Andacht mit dem Angelus. Es handelt sich also um eine Mischung aus traditionellen und charismatisch-poppigen Elementen; was indes die freien Gebete betrifft, überlasse ich diese nach Möglichkeit gern meiner Liebsten, denn die kann so etwas einfach besser als ich. Dafür konzentriere ich mich auf die Musikauswahl. Aus der Playlist spontan Lieder auszuwählen, die zu den Psalmen, der Lesung und den aktuellen Gebetsanliegen des jeweiligen Tages passen, ist eine Herausforderung, der ich mich mit einigem Ehrgeiz widme; ich sehe das als eine Möglichkeit, Fertigkeiten, die ich im Zuge meiner Tätigkeit als DJ erworben habe, zur Ehre Gottes einzusetzen. 

Am vergangenen Dienstag hatten wir, wie schon in der Woche zuvor, wieder eine sehr schöne, bewegende Tageslesung -- diesmal aus Ezechiel 47. Diese Bibelstelle spielt eine zentrale Rolle im letzten Kapitel der "Benedikt-Option", und Johannes Hartl zitiert sie gegen Ende seines Vortrags "Ökologie des Herzens". Hier ein Auszug: 
"Und er maß noch einmal tausend Ellen ab. Da war es ein Fluss, den ich nicht mehr durchschreiten konnte; denn das Wasser war tief, ein Wasser, durch das man schwimmen musste, ein Fluss, den man nicht mehr durchschreiten konnte. Dann fragte er mich: Hast du es gesehen, Menschensohn? Darauf führte er mich zurück, am Ufer des Flusses entlang. Als ich zurückging, siehe, da waren an beiden Ufern des Flusses sehr viele Bäume. Er sagte zu mir: Diese Wasser fließen hinaus in den östlichen Bezirk, sie strömen in die Araba hinab und münden in das Meer. Sobald sie aber in das Meer gelangt sind, werden die Wasser gesund. Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben." (Ez 47,5-9) 
Das lasse ich mal ohne weiteren Kommentar so stehen.


+++Zitat der Woche+++ 
"Dreimal, nicht nur einmal, fällt Christus [unter dem Kreuz], als wollte Er uns damit zeigen, was es heißt, den Weg des Kreuzes zu gehen -- öffentlich, in Schande. Es muss notwendigerweise zu überwältigend für unsere körperlichen Kräfte sein, wenn es überwältigend genug sein soll, unsere Seelen zu Gott zu erheben."  
(Dorothy Day, Tagebucheintrag vom 18.09.1952. In: dies., The Duty of Delight. New York 2011, S. 194. Eigene Übersetzung.)   

+++extra viele Linktipps+++ 
Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, und wie so viele Menschen dieser Tage macht auch sie sich Gedanken über die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie. Bemerkenswert ist indes, an was für Auswirkungen sie dabei in erster Linie denkt:  Sie sieht in den Reaktionen der Kirche auf die Krise "problematische Entwicklungen" -- wie zum Beispiel: "täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe". Können diese Praktiken "im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Corona-Krise" sein?, fragt sie. Angesichts des charakteristischen Manövers denkfauler "Progressiver", die aktuelle Jahreszahl als Argument zu verwenden, möchte man ihr gern mit Chesterton antworten:
"Genausogut könnte man sagen, eine bestimmte Ansicht sei am Montag vertretbar, am Dienstag dagegen nicht. Ebensogut könnte man von einer bestimmten These über die Welt sagen, sie sei um halb vier angebracht, um halb fünf indes fehl am Platze."
Aber lassen wir das ruhig mal beiseite. Ginge es bloß um Vorbehalte gegenüber einer "Präsentation" von Frömmigkeit, deren "Ästhetik" allzu eindeutig auf vergangene Zeiten verweist und dadurch museal und unauthentisch wirkt, dann könnte ich das zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Aber es ist recht offensichtlich, dass diese Stänkerei aus derselben Richtung kommt, aus der beispielsweise gegen Eucharistische Anbetung auch und gerade dann polemisiert wird, wenn sie in modern-poppigem Gewand daherkommt wie etwa beim Nightfever. Da erzittern einfach die nachkonziliar-"progressiven" Bilderstürmer und ihre (un-)geistigen Erben vor der Wiederkehr von Dingen, die sie "überwunden" geglaubt haben. Und das ist in erster Linie keine Frage der Ästhetik, sondern des Gottesbildes. Frau Prof. Knop ist da erfreulich klar: Es gehe darum, den "fatalen Trost", den traditionelle Frömmigkeitsformen versprechen, "theologisch zu dekonstruieren". Als Alternative empfiehlt sie "neue Formen von Gebet und Solidarität", "eine andere, deinstitutionalisierte und überkonfessionelle Weise, Christ*in und Kirche oder einfach ein gottgläubiger Mensch zu sein", "Mensch vor Gott zu sein, wie auch immer dieses Drama ausgeht". Man tut gut daran, all dies im Zusammenhang damit zu betrachten, dass Frau Prof. Knop "die Frage der Verortung und Begründung dogmatischer Theologie angesichts der zunehmenden Irrelevanz und Implausibilität der Gottesfrage" zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. -- Warum empfehle ich diesen Artikel? Weil ich der Meinung bin, dass man die Existenz solcher Positionen zur Kenntnis nehmen sollte. Okay, und warum das? Weil ich der Meinung bin, der Umstand, dass eine Theologin (!) sich nicht bloß privatim solche Gedanken macht (was schon schlimm genug wäre), sondern damit an die Öffentlichkeit treten und offenkundig damit rechnen kann, damit ernst genommen zu werden und sogar Zustimmung zu ernten, ein solches Ausmaß von Glaubensabfall im Bereich der akademischen Theologie dokumentiert, wie ihn sich der normale Gläubige nicht einmal träumen lassen würde. (Dietrich von Hildebrand hat das freilich schon 1967 kommen sehen.) Wenig überraschend ist indes, dass Frau Prof. Knops Thesen im Umfeld von "Reform"-Initiativen wie Maria Zwonull viel Anklang finden; das beweist im Grunde nur einmal mehr, dass es in den Reihen der Kirche Leute gibt, die so wenig wissen, was eigentlich der Glaube der Kirche ist, dass sie ihn buchstäblich nicht einmal erkennen, wenn sie mit der Nase draufgestoßen werden. In der Haut derjenigen Theologen, die diese Verwirrung in den Köpfen der Laien angerichtet haben, möchte ich beim Jüngsten Gericht nicht stecken. 
Wem die Vorstellung, das Problematischste an der Coronakrise sei die Wiederkehr traditioneller Frömmigkeitsformen, noch nicht bizarr genug ist, für den geht's noch bizarrer: Ein sogenanntes "Bündnis Pro Choice" befürchtet, die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus könnten den straffreien Zugang zu Abtreibungen erschweren, und fordert deshalb beispielsweise die Aussetzung der Beratungspflicht und der dreitägigen Wartefrist zwischen Beratungs- und Abtreibungstermin; außerdem solle es Schwangeren ermöglicht werden, Abtreibungen mittels eines Medikaments namens Mifegyne oder RU487 allein und zu Hause vorzunehmen. Man könnte den Eindruck haben, die Moloch-Anhänger fürchteten um den ungehinderten Fortgang ihres blutigen Menschenopferkultes, aber das ist nur meine Assoziation und steht nicht in diesem Artikel. Hier dokumentiert mein Freund Rudolf lediglich die Kritik der Lebensrechts-Initiativen "Aktion Lebensrecht für Alle" (ALfA) und "Christdemokraten für das Leben" (CDL) an den Forderungen des Pro-Choice-Bündnisses: "Dass in Zeiten, in denen das Gesundheitssystem um das Leben besonders gefährdeter Personen ringt, vorgeburtliche Kindstötungen künftig Priorität genießen sollen, zeigt, wessen Geistes Kind diejenigen sind, die solche Forderungen erheben", wird eine Pressemitteilung von ALfA zitiert.

Leah Libresco gehört, seit ich angefangen habe, mich in Fragen der praktischen Umsetzung des Konzepts "Benedikt-Option" zu vertiefen, zu meinen Lieblingsautorinnen. Sie gehört außerdem auch zu meiner oben erwähnten montäglichen Rosenkranzgruppe, aber das nur nebenbei. Jedenfalls dachte ich mir, wenn Leah einen Artikel zu - wenn man das so nennen kann - spirituellen Aspekten der Corona-Krise schreibt, dann kann der eigentlich nur gut sein. Und ich wurde nicht enttäuscht. Tatsächlich weisen die Impulse, die dieser Text bietet, weit über den konkreten Anlass von Corona-Pandemie und social distancing hinaus: Ausgangspunkt von Leahs Überlegungen ist das Dilemma, dass social distancing in der aktuellen Situation zwar (möglicherweise) Leben retten kann, aber äußerlich betrachtet einfach nicht besonders heldenhaft wirkt und daher dem verständlichen Drang widerstreitet, zur Bewältigung einer Krisensituation große, dramatische Taten zu vollbringen. Aber gerade Christen, so argumentiert Leah, sollten mit dem Gedanken vertraut sein, "die Ökonomie der Gnade höher zu veranschlagen als weltliche Maßstäbe von Leistung und Erfolg: "Wir sind Leute, die daran glauben, dass klausurierte Nonnen mit ihrem privaten Gebet einen machtvollen Einfluss auf die Welt ausüben. Wir sind Leute, die daran glauben, dass Gebet, Fasten und Demut ebensosehr Teil einer Antwort auf die Pandemie sind wie die Forschung nach antiviralen Mitteln." Und schließlich: "Wenn wir uns mühen, Gott in kleinen Dingen zu dienen, wird Er uns vielleicht würdigen, uns zu großen und dramatischen Aufgaben zu berufen" (vgl.  übrigens Matthäus 25,21/23!). Na, wenn das nicht motivierend ist! -- Übrigens verweist Leah in diesem Artikel fortlaufend auf den Roman "Kristin Lavransdatter" von Nobelpreisträgerin Sigrid Undset, und bei mir verfestigt sich der Eindruck, ich würde ständig, quasi auf Schritt und Tritt, über lobende Erwähnungen oder explizite Empfehlungen dieses Romans stolpern. Ich schätze, ich werde ihn mal lesen müssen.

Niklas Schleicher gehört zu der Theologenblase auf Twitter, mit der ich mich hin und wieder herumstreite, und so bin ich auch mit ihm schon das eine oder andere Mal heftig aneinandergeraten. Persönlich ist er mir aber nicht direkt unsympathisch, daher dachte ich mir, als ich (dito auf Twitter) über den obigen Link stolperte: Schauste doch mal rein, könnte ja interessant sein. Und ist es auch. "Unzusammenhängende Notizen" verspricht die Überschrift, der Verfasser legt also keine stringente, geschlossene Argumentation vor, stellt auch nicht so sehr Thesen auf, als dass er Fragen aufwirft und Denkanstöße bietet. Das ist eine Form, die mir liegt, und gleichzeitig bedingt es das "Unzusammenhängende" daran, dass ich einige seiner Überlegungen zustimmungsfähiger finde als andere. So erklärt Niklas Schleicher zwar mit Entschiedenheit "Ja, dass wir keine Gottesdienste mehr feiern dürfen, ist schwer. Aber es ist richtig. Und dass viele Pfarrer und Pfarrerinnen nochmal vehement dafür eintreten, sich an dieses Verbot auch zu halten, ist gut"; aber gleichzeitig stellt er auch kritische Anfragen an diejenigen, die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote - auch und gerade im kirchlichen Bereich - allzu unkritisch bejubeln und jene, die dabei nicht mitmachen wollen, als "Pestratten" (!) diffamieren.  "Ja, die Ausgangssperren und die Einschränkung des öffentlichen Lebens sind wichtig und richtig", betont er sicherheitshalber nochmals. "Aber: Sie sind eben auch eine Güterabwägung. Eine Güterabwägung, bei der ein paar auf der Strecke bleiben werden. Das sollten wir schon so benennen." Diese Ehrlichkeit, das zu benennen, fehlt tatsächlich auch mir in vielen anderen Stellungnahmen zur Lage. -- Konkret auf den kirchlichen Kontext bezogen merkt Niklas Schleicher beispielsweise an, "wenn Menschen bestattet werden müssen und bei der Trauerfeier von vornherein nicht mehr als 10 Menschen dabei sein dürfen", finde er es "schon ein bisschen verstörend", dass sich "dagegen nicht Widerstand erhebt, sondern, dass das sogar begrüßt wird, auch von uns Kirchenmenschen". D'accord. Und was ist mit der "Bedeutung von menschlichen Beziehungen für das Person-Sein"? "Haben wir eigentlich darüber nachgedacht, was wir tun, wenn wir widerspruchslos hinnehmen, dass wir nun einige Menschen von Beziehungen abschneiden?" Schließlich gibt es jenseits der Social-Media-Bubble auch immer noch "diejenigen, deren Kontakt darin besteht, samstags auf den Markt zu gehen, oder mittwochs ins Wirtshaus. Und es wäre vermessen und dumm, anzunehmen, dass man die schon irgendwie anders erreicht."

Die mehr oder weniger konsequent durchgehaltene häusliche Isolation gibt uns allen reichlich Gelegenheit zum Nachdenken, aber wie so oft denkt Peter Winnemöller weiter als die meisten anderen. Was macht diese im Namen der Seuchenbekämpfung verordnete Isolation mit uns als Gesellschaft -- sozial, ökonomisch, psychisch? Was macht sie mit uns als Kirche? Gerade diese letztere Frage beleuchtet er aus einer Reihe verschiedener Blickwinkel -- kirchengeschichtlich, liturgiewissenschaftlich, sakramententheologisch und nicht zuletzt auch mit Blick auf die Machtfrage innerhalb der Kirche, die gerade den Schismatischen Weg so sehr umtreibt bzw. umgetrieben hat; und was er zu alledem anmerkt, gibt dem Zuschauer/Zuhörer eine Menge zu denken auf. Und das alles in achteinhalb Minuten! Lieber Leser, wenn Du Dir diese Woche nur einen einzigen Beitrag zum Thema "Die Kirche in der Coronakrise" ansiehst, dann möge es dieser sein. I mean it.

Ich gestehe, ich habe mir diese vom Heiligen Vater geleitete Andacht nicht live angesehen und bedaure das nun ein bisschen. Gleichzeitig empfinde ich die Reaktionen auf diese Andacht, die ich seit Freitagabend in den Sozialen Medien beobachtet habe, bemerkenswert und bewegend: Offenbar ist es Franziskus gelungen, so ziemlich alle Katholiken - abgesehen vielleicht von solchen, die man nur mit Abstrichen als katholisch bezeichnen kann, wie ultra-traditionalistische Kryptosedisvakantisten auf der einen und modernistische Kryptoprotestanten auf der anderen Seite - zusammenzubringen, trotz aller Meinungsverschiedenheiten über das richtige Verhalten angesichts der Coronakrise und auch sonst über annähernd alles. Gut, man könnte sage, genau dafür ist ein Papst im Grunde da; aber wenn man das so sieht, dann heißt das eben auch, dass Franziskus seine Aufgabe in diesem Moment vorbildlich erfüllt hat. -- Nun, immerhin habe ich inzwischen die Predigt nachgelesen, die der Heilige Vater zu diesem Anlass gehalten hat, und sie ist wirklich exzellent. Er legt darin das Evangelium vom Sturm auf dem See, bei dem der Herr im Boot schläft (Markus 4,35-41), mit Blick auf die aktuelle Krise aus; hier meine Lieblingspassage: 
"Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, 'wegzupacken' und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar 'heilbringenden' Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen."
Sehr starke, sehr notwendige Worte. Danke, Heiliger Vater.


+++Ohrwurm der Woche+++ 

David Bowie, "Thru These Architect's Eyes", 1995


"It's difficult, you see, to give up / to leave a job when you know the money's from day to day." 


+++Aus der Lesehore+++ 
"Sie erzählten Mose: Wir kamen in das Land, in das du uns geschickt hast: Es ist wirklich ein Land, in dem Milch und Honig fließen; das hier sind seine Früchte. Aber das Volk, das im Land wohnt, ist stark und die Städte sind befestigt und sehr groß. Auch haben wir die Söhne des Anak dort gesehen. [...] Kaleb beruhigte das Volk, das über Mose aufgebracht war, und sagte: Wir können trotzdem hinaufziehen und das Land in Besitz nehmen; wir werden es gewiss bezwingen." (Numeri 13,27-30)