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Dienstag, 17. November 2020

Ernsthafte Frage an Experten für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste

Der Advent steht vor der Tür, und aus diesem Grund habe ich unlängst begonnen, mich auf YouTube nach geeigneter Musik für eine adventliche Gestaltung der Lobpreisandachten umzuschauen, die meine Liebste und ich allwöchentlich in unserer Pfarrkirche abhalten. Im Zuge dessen bin ich auf eine eindrucksvolle Version des traditionellen Adventslieds "Maria durch ein Dornwald ging" gestoßen: gesungen von einem klassischen Tenor, aber unterlegt mit trippigen Beats, sphärischen Synthesizer-Klängen und sonstigen elektronischen Soundeffekten. Auch wenn ich in meinem privaten Musikgeschmack tendenziell eher "Team Stromgitarre" bin, war ich spontan begeistert und dachte: Krass, genau so etwas habe ich gesucht seit dem "Diva Dance" aus dem Film "Das fünfte Element" und "Prince Igor" von The Rapsody feat. Warren G. & Sissel Kyrkjebø. Also seit 1997. 

Okay. Wo ist der Haken? Nun ja: Dieses interessante Fundstück veranlasste mich, mal nachzusehen, was die Urheber dieser "Maria durch ein Dornwald ging"-Version denn sonst noch so zu bieten hätten; und das Ergebnis dieser Recherche war eher... irritierend. Der Gesangspart stammt, wie schon gesagt, von einem klassischen Tenor, Daniel Sans; für das Arrangement zeichnet hingegen ein Ein-Mann-Projekt namens Apoptose verantwortlich. Das mag ein cleveres Wortspiel sein, da die Silbe "Pop" drin vorkommt, aber zunächst einmal ist Apoptose ein biologischer Fachterminus für ein Phänomen, das man als "programmierten Zelltod" beschreiben kann. Das klingt ja nun einigermaßen finster. Seinen Musikstil bezeichnet Apoptose als "Dark Ambient"; ich hätte TripHop dazu gesagt, aber das ist wohl, ähnlich wie seinerzeit "Neue Deutsche Welle", ein Label, das im Wesentlichen von Musikjournalisten geprägt bzw. in Umlauf gebracht wurde und von den so etikettierten Interpreten eher abgelehnt wird. Na, sei's drum. Zu den Veröffentlichungen von Apoptose zählen Alben mit Titeln wie "Blutopfer", "Schattenmädchen" und "Bannwald"; Letzteres ist offenbar ein Konzeptalbum, das auf einer angeblich wahren Geschichte basiert: Drei Mädchen verlaufen sich im Wald und bleiben unauffindbar; "Jahrzehnte später tauchen drei mysteriöse Frauen in der Gegend auf, und die Einheimischen erinnern sich an das Verschwinden der Mädchen vor langer Zeit". Rezensenten sahen Parallelen zum pseudo-dokumentarischen Horrorfilm "The Blair Witch Project". Zudem ist auf dem Album "Bannwald" mit "May the Circle be open" ein Lied enthalten, das "unter Wicca-Anhängern sehr bekannt" ist und "mittlerweile wohl weltweit auf Hexenzusammenkünften gesungen" wird. Ich sag mal: Hm. Auch sonst scheint es, dass Apoptose sein Nischenpublikum zu einem nicht unwesentlichen Teil in esoterisch-neopaganen Zirkeln findet. Wie passt da ein Marienlied ins Bild? Man ahnt es fast: Im Begleittext zur Apoptose-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" auf YouTube und auf dem Musikportal Bandcamp heißt es, "the words and the solemn melody evoke images of a goddess who cares for the eternal cycle of growth and decay" ("die Worte und die feierliche Melodie evozieren Bilder einer Göttin, die über den ewigen Kreislauf von Wachstum und Zerfall wacht"). Na sicher. 😒



Und nun bin ich mir unsicher, ob ich diese Version von "Maria durch ein Dornwald ging", so gut sie mir auch gefällt, guten Gewissens für eine Andacht in einer Kirche verwenden kann. -- Okay: Ich kenne - unter anderem, weil ich jahrelang im Berliner Gruselkabinett gearbeitet habe - einige auf dem Kunst- und Unterhaltungssektor tätige Leute, die sich auf Horror-Ästhetik spezialisiert haben, und habe auch darüber hinaus Freunde und Bekannte, die ein ausgeprägtes Faible für Makabres, Morbides und Mysteriöses haben, ohne deswegen Satanisten oder etwas Ähnliches zu sein. Und wie manche Leser sich erinnern werden, habe ich keinerlei Scheu an den Tag gelegt, mich mit Hexe Minerva und ihren Fans anzulegen, da ich den von dieser Dame kommerziell betriebenen neuheidnisch-naturmagischen Schnickschnack eher albern finde, als dass ich ihn für irgendwie bedrohlich hielte. Aber das Eine wie das Andere bedeutet ganz entschieden nicht, dass es nicht dennoch echte dämonische Mächte gäbe, mit denen ganz entschieden nicht zu spaßen ist. (Wer "an sowas nicht glaubt", der darf mich gerne auslachen -- und wird bis zum Ende des Artikels noch reichlich Gelegenheit dazu bekommen.) 

Womit haben wir es also hier zu tun? Hat sich der Künstler, der sich hinter dem Projektnamen Apoptose verbirgt, lediglich aus ästhetischer Faszination und/oder aus kommerziellen Erwägungen ein Image zugelegt, das mit Anmutungen von Hexerei und Schwarzer Magie spielt, handelt es sich um einen vielleicht etwas versponnenen, im Grunde aber harmlosen Möchtegern-Okkultisten, oder womöglich doch um jemanden, der seine Seele dem Bösen verschrieben hat? 

Natürlich drängt sich hier die Frage auf, ob es einem ernstzunehmenden Okkultisten zuzutrauen wäre, ausgerechnet ein Marienlied zu veröffentlichen. Und ob die gewissermaßen nach Rechtfertigung klingende Behauptung, das Lied enthalte heidnische Untertöne, nicht eher Hexe-Minerva-Niveau hat. Ich meine, klar: Neuheiden glauben so etwas. Das moderne Neuheidentum baut praktisch zur Gänze auf der Vorstellung auf, christliches Brauchtum sei in Wirklichkeit uraltes heidnisches Brauchtum, das im Laufe des Mittelalters lediglich oberflächlich christlich übertüncht worden sei. Im vorliegenden Fall können sie da einer bestimmten Sorte evangelikaler Fundis die Hand reichen, die ebenfalls meinen, Marienverehrung sei in Wirklichkeit heidnischer Götzendienst. Aber muss man sich als Katholik von so etwas beeindrucken lassen? 

Ich würde sagen: Nee. Dass sich in irgendwelchen Kellerlöchern blass geschminkte Darkwave-Gothic-Neuheiden traditionelle Marienlieder anhören, weil sie meinen, es handle sich um Hymnen an die Große Mutter, sehe ich nicht als Problem -- das finde ich eher witzig. Weit mehr beschäftigt mich die Frage, ob Apoptose-Rüdiger (ja, er heißt wirklich Rüdiger) womöglich unterhalb der Hörgrenze irgendwelche satanistischen Beschwörungsformeln oder Ähnliches in sein Arrangement von "Maria durch ein Dornwald ging" hineingemixt hat. Ja, lach ruhig, Leser; ich mein's ernst

Aber andererseits: Ist Maria nicht der Schrecken der Dämonen? Ist sie es nicht, die der höllischen Schlange den Kopf zertritt? Nicht ohne Grund finden sich ja die Marianischen Antiphonen im neuen Gotteslob unter der ominösen Nummer 666. Sollte man da nicht annehmen, dass der Versuch, ausgerechnet ein Marienlied für dämonische Zwecke zu missbrauchen - wenn denn jemand einen solchen Versuch unternähme - von vornherein zum Scheitern verurteilt sein müsste? 

Ich weiß es wirklich nicht, Leser. Vielleicht hat ja jemand einen guten Rat für mich. Natürlich könnte ich einfach eine schön schlichte a-cappella-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" verwenden, aber das wäre dann ja doch irgendwie langweilig. -- Bis zum Dienstag der zweiten Adventswoche will ich jedenfalls eine Entscheidung getroffen haben, denn da fällt unser wöchentlicher Lobpreis-Termin just auf das Hochfest Mariä Empfängnis. 

P.S.: Ich hatte diesen Artikel schon größtenteils zu Ende geschrieben, da stellte ich fest, dass es auf YouTube auch eine "Maria durch ein Dornwald ging"-Version von der Darkwave/Pop-Gruppe Chandeen gibt; im direkten Vergleich mit der Apoptose-Version klingt diese allerdings deutlich weniger spektakulär und ist davon abgesehen auch darum keine überzeugende Alternative, weil die Gruppe Chandeen offenbar ebenfalls einen esoterischen oder okkultistischen Hintergrund hat. -- Und die Version von Helene Fischer höre ich mir vorsichtshalber gar nicht erst an! 


Montag, 12. Oktober 2020

Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie diese Hausbesetzer

Bis vor einigen Jahren habe ich ganz in der Nähe der unlängst geräumten #Liebig34 gewohnt. An der gegenüberliegenden Straßenecke war (und ist wahrscheinlich immer noch) ein Bäcker, bei dem ich mir oft Frühstück für unterwegs gekauft habe. 

-- Unterwegs wohin? Eigentlich egal, Hauptsache raus aus meiner vollgemüllten Wohnung. 

Sic.

Daran musste ich denken, als die Bilder und Filmaufnahmen aus der geräumten Liebig34 in den Sozialen Netzwerken zirkulierten und zahlreiche Mediennutzer aus dem "wertkonservativ-wirtschaftsliberalen" Spektrum und angrenzenden Lagern kübelweise Häme und Verachtung über die auf die Straße gesetzten Hausbesetzer ausschütteten, die meinten, die Welt verbessern zu können und zu müssen, aber dem Anschein nach nicht mal in der Lage waren, ihr Bett zu machen und ihr Geschirr zu spülen. Ich mag da gar nicht näher ins Detail gehen, denn das Ausmaß an Bosheit, das sich da Bahn brach, ging mir wirklich an die Nieren. Nicht zuletzt auch deshalb, weil derartige Äußerungen zum Teil auch von Leuten kamen, die ich ansonsten schätze und mag -- darunter auch und gerade solche, die in ihrem Social-Media-Auftritt dezidiert Wert darauf legen, als gläubige Christen wahrgenommen zu werden. 

Okay, okay, ich weiß: Ich bin selbst jemand, der auf kaum etwas empfindlicher reagiert als auf Ermahnungen à la "Das ist jetzt aber nicht sehr christlich von dir". Zumal ich dabei oft den Eindruck habe, dahinter stehe eine Einstellung, die das Christsein auf eine banale, harmlose "Seid nett zueinander"-Moral reduziert. Ich sollte also besser sehr vorsichtig damit sein, selbst solche Töne anzuschlagen. Dennoch: Häme - verstanden als die Neigung, sich über etwas Schlechtes zu freuen, weil und insofern es Leute in ein schlechtes Licht rückt, die man ohnehin nicht leiden kann - ist für mein Empfinden einer der hässlichsten menschlichen Charakterzüge überhaupt, unabhängig davon, gegen wen diese Häme sich richtet. Und wenn Christen sich öffentlich und mit erkennbarer Lust in einer solchen Haltung suhlen, dann darf man, denke ich, schon der Meinung sein, dass das christliche Zeugnis dadurch verdunkelt wird. Und dass die betreffenden Christen vielleicht mal in Erwägung ziehen sollten, dass es in ihrer eigenen Seele womöglich noch viel unaufgeräumter aussieht als im Treppenhaus der Liebig34.

Soweit hat das nun erst einmal gar nichts mit dem Thema Hausbesetzung zu tun. Ich hätte im Wesentlichen dasselbe über Leute schreiben können, die sich darüber freuen, dass Donald Trump an COVID-19 erkrankt ist. Aber wer mich kennt, der weiß (auch wenn er sich vielleicht darüber wundert), dass Hausbesetzer mir dann doch um einige Grade näher am Herzen liegen als Donald Trump.  

Rigaer Ecke Liebigstraße (Foto von Juli 2016)

Aus diesem Grund habe ich anlässlich des großen öffentlichen Interesses an der Räumung der Liebig34 ein bisschen in meinem Blog-Archiv gekramt und dabei neben diesem, diesem und diesem Artikel auch ein unveröffentlichtes Fragment wiedergefunden, das ich vor über vier Jahren, im Sommer 2016, geschrieben bzw. zu schreiben begonnen hatte. Es ist wirklich sehr fragmentarisch, es bricht praktisch schon ab, bevor ersichtlich wird, worauf ich eigentlich hinaus will. (Kritische Leser mögen an dieser Stelle anmerken, es komme bei mir öfter vor, dass das bis zum Schluss nicht ersichtlich werde. Danke für die konstruktive Kritik, gerngeschehen, Ihr mich auch.) Der Punkt ist, kurze Zeit später ging ich auf den Jakobsweg und hatte folglich erst mal eine Menge andere Dinge im Kopf, und irgendwie bin ich danach nie mehr dazu gekommen, den Entwurf weiterzubearbeiten. 

Bis jetzt. 

Ich schrieb seinerzeit: 

Letzten Montag habe ich gegen Mittag einen kleinen Spaziergangs durchs Gefahrengebiet unternommen - durch die Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain, wo seit einigen Monaten der Konflikt zwischen Hausbesetzern und der Staatsgewalt eskaliert. Vorläufiger Höhepunkt dieser Eskalation war eine Demonstration am Abend des 9. Juli, aus der heraus bzw. in deren Umfeld es zu schweren Ausschreitungen kam - der offizielle Polizeibericht spricht davon, "dass es sich um die aggressivste und gewalttätigste Demonstration der zurückliegenden fünf Jahre in Berlin handelte". 

Solidaritätsparolen an der Rigaer 78: "Regierung schafft keine Ordnung, nur Unterordnung" (Foto von Juli 2016)  

Und weiter: 
Diese Ausschreitungen lagen erst eineinhalb Tage zurück, als ich dort entlangspazierte, aber ich war zu Recht davon ausgegangen, dass es am helllichten Mittag ungefährlich genug sein würde im "Gefahrengebiet". Eine große Expedition war es für mich auch nicht, denn ich wohne - bislang noch - nicht allzu weit von dort, wenn auch nicht in unmittelbarer Nachbarschaft. In dem einen oder anderen der besetzten oder ehemals besetzten Häuser der Rigaer Straße bin ich auch gelegentlich mal zu Gast gewesen - bei der veganen VoKü im Fischladen (Rigaer 83), im Filmrisz-Kino (Rigaer 103) und auch mal bei einem oder zwei Punkkonzerten in einem Keller; in welchem Haus genau das war, habe ich vergessen. Das ist alles schon ein paar Jahre her, aber ich denke durchaus mit Sympathie daran zurück. 
Bildet Banden! 

Okay, worauf wollte ich damals wohl hinaus? Ich weiß es nicht mehr ganz genau, kann es mir aber noch so ungefähr vorstellen. Nämlich dass es zwar ohne Frage eine Reihe von Dingen gibt, die man an der militanten linksautonomen Besetzer-Szene kritisieren kann und sogar muss (Einschub: Geärgert habe ich mich im Zusammenhang mit der Liebig34-Räumung über einen Artikel von Marie Frank im Neuen Deutschland, in dem so allerlei stand, was ich zustimmungsfähig fand, bis zu dem Satz "Nun lässt sich wahrlich darüber streiten, ob Brandanschläge auf Signalkabel der S-Bahn oder auf Autos sinnvolle Akte politischer Gegenwehr sind". Sorry, aber da bin ich raus. Genau das - nämlich dass sie das nicht sind - sollte nämlich gerade nicht strittig sein); aber was immer man diesen Leuten vorwerfen kann, enthebt "uns" - als Christen, meine ich - nicht von der Pflicht, sie als Menschen wahrzunehmen, und das heißt:  als geliebte Kinder Gottes, als unsere Nächsten, die wir lieben sollen wie uns selbst. Auch und gerade dann, wenn sie diese Liebe nicht erwidern und über ihre Gegner, wie zum Beispiel Polizeibeamte, in dehumanisierenden Ausdrücken ("Bullen", "Schweine") sprechen und denken. Sorry, liebe Mitchristen: "Wie du mir, so ich dir" und "Die haben's doch nicht besser verdient" gilt bei uns nicht. Keiner hat behauptet, dass das einfach wäre. 

Aber auch das ist noch nicht alles. Wie sich gegen Ende des zitierten Artikelfragments schon andeutet, hatte ich im Laufe meiner Studentenzeit und, in geringerem Maße, auch noch später – vermittelt durch Kommilitonen oder auch durch Gelegenheits-Bekanntschaften - vielfältige Kontakte zu Kreisen, in denen das Erbe der Hausbesetzerbewegung lebendig erhalten wurde: Ich war zu Gast in selbstverwalteten Häusern und in "Volxküchen", besuchte Partys und Konzerte in Bauruinen, auf innerstädtischen Brachflächen und auf Hinterhöfen abbruchreif wirkender Häuser. Ich fühlte mich unter Punks und Autonomen zumeist wohl und auch willkommen, wenngleich es zu einem gewissen Grad stets spürbar blieb, dass ich in dieser Szene letztlich doch nicht zu Hause, sondern eben nur zu Gast war. Diese Erfahrungen sind sicherlich ein Grund dafür, dass Äußerungen über die Besetzerszene für mich in einem anderen Maße und auf andere Weise emotional besetzt ist als für jemanden, für den das nur ein Thema "aus den Medien" ist. Noch deutlicher: Ich habe - nicht, soweit ich weiß, direkt unter den Liebig34-Besetzerinnen, aber in deren weiterem Umfeld - Freunde in dieser Szene; einige davon waren schon meine Freunde, bevor meine "Wiederbekehrung" zum katholischen Glauben manifest wurde; einige sind inzwischen infolge "weltanschaulicher Differenzen" nicht mehr meine Freunde, aber das war nicht meine Entscheidung und ändert nichts an dem, was ich an ihnen gemocht und geschätzt habe. Daher, liebe Freunde und Geschwister im Glauben: Wenn Ihr diese Leute beleidigt, beleidigt Ihr auch mich. Ich verlange nicht, dass Euch das großartig kümmert, aber Ihr sollt es zumindest wissen.

Darauf, was grundsätzlich von Hausbesetzungen zu halten ist und wie sich dies zu dem klaren Bekenntnis der katholischen Soziallehre zum Recht auf Privateigentum verhält, will ich hier nicht groß eingehen; ein paar Andeutungen dazu finden sich schon in einem oder zwei meiner weiter oben verlinkten älteren Blogartikel, aber gleichzeitig denke ich, das Thema verdient es, erheblich weiter  vertieft zu werden, als ich es hier und jetzt so ad hoc leisten kann. Ich denke, dieser Aufgabe werde ich mich widmen, wenn ich Fratelli Tutti - und dann nach Möglichkeit, von da aus sozusagen "rückwärts" vorgehend, auch die wichtigsten Sozialenzykliken früherer Päpste - gelesen haben werde. 

Vorausschicken will ich an dieser Stelle nur eines (womit ich auch nur wiederhole, was ich an anderer Stelle schon geschrieben habe): Im Grundsatz dürfte der Anspruch, sich einem Recht verpflichtet zu wissen, das höher steht als irdische Gesetze, einem Christen eigentlich nicht ganz fremd sein, bei allen unterschiedlichen Auffassungen darüber, worin dieses höhere Recht besteht und was es vom Einzelnen fordert. Auf Facebook attestierte eine befreundete Bloggerin der Hausbesetzerbewegung eine "Selbstgerechtigkeit, mit der man sich über das Gesetz stellt im Dienste inakzeptabler Ideologien". Dies allerdings könnte man, je nach eigenem Standpunkt, gläubigen Christen genausogut vorwerfen (und tut das zuweilen ja auch). Ein augenfälliger Unterschied ist, dass die Hausbesetzer konsequenter für das eintreten, woran sie glauben, und mehr Opfer dafür bringen, als "wir" das in aller Regel tun. Und das halte ich für einen Umstand, den "wir" mit Demut betrachten sollten. 



Freitag, 18. Oktober 2019

Moloch Berlin: Pro femina droht Verbot

Frage: Was ist schlimmer als Einbrecher, die dir Hundescheiße an den Briefkasten schmieren? 

Antwort: Die SPD. 

Eine Leserin hat mich darauf aufmerksam gemacht: Nachdem erst kürzlich ein Anschlag auf die Berliner Schwangerenkonfliktberatungsstelle von Pro femina e.V. verübt worden ist, wurde nun bekannt, dass dem Landesparteitag der Berliner SPD, der am 26. Oktober stattfinden soll, zwei Anträge von Untergliederungen der Partei vorliegen, die darauf abzielen, dem Verein Pro femina die Betätigung im Land Berlin generell zu verbieten. Es handelt sich um einen Antrag der Kreisdelegiertenversammlung der SPD Steglitz-Zehlendorf und einen der Landesdelegiertenkonferenz der Jusos Berlin. 

Es fällt auf, dass die Antragsbegründungen teilweise bis in den Wortlaut hinein dieselben Vorwürfe gegen Pro femina erheben wie das auf dem linksradikalen Online-Portal indymedia veröffentlichte Bekennerschreiben zum Angriff auf die Beratungsstelle. Anders ausgedrückt: Teile der Berliner SPD agieren als "politischer Arm" einer Bewegung, deren militante Avantgarde handfesten Terror gegen all jene betreibt, die sich für das Lebensrecht der Ungeborenen einsetzen. Und offenkundig ist dieser politische Arm der weit gefährlichere, denn, um es sehr frei nach Brecht zu sagen: Was ist der Einbruch in eine Beratungsstelle gegen das Verbot der Beratung? 

Symbolbild: Landesparteitag der Berliner SPD (Quelle: Wikimedia Commons

In einer der Antragsbegründungen heißt es: "Wir kämpfen für das Recht von Menschen, selbst zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft fortführen möchten oder nicht!". Ein solches Recht gibt es allerdings nicht. Könnte man als Regierungspartei eigentlich wissen. Was es hingegen gibt, ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, und das gilt ausdrücklich auch für ungeborene Kinder. Dementsprechend ist es auch Augenwischerei, wenn gefordert wird, Schwangerenkonfliktberatungen müssten "ergebnisoffen" sein: Die als Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen gesetzlich vorgeschriebene Beratung soll gemäß § 219, Abs. 1 StGB explizit "dem Schutz des ungeborenen Lebens" dienen. In der öffentlichen Debatte wird indes mit Fleiß der exakt gegenteilige Eindruck erweckt: Zweck der Beratung ist es, einen Beratungsschein zu erlangen, der eine straffreie Abtreibung ermöglicht; Pro femina stellt einen solchen Schein nicht aus, also ist die Beratungstätigkeit dieses Vereins illegitim und gehört verboten. 

Abtreibungsbefürworter sprechen von Entscheidungsfreiheit, meinen damit aber ausschließlich die Entscheidung für die Abtreibung. Entscheidet sich eine Schwangere für das Leben ihres Kindes, muss sie manipuliert worden sein. Abtreibung muss sein, wer sie verhindern will, ist ein Feind, den es zu vernichten gilt. Rational ist dieser Abtreibungs-Fanatismus letztlich nicht erklärbar. Man könnte fast auf die Idee kommen, man hätte es mit einem bizarren Menschenopfer-Kult zu tun, der es schlichtweg nicht dulden kann, dass ihm auch nur eines seiner designierten Opfer entgeht. 


Hier geht es übrigens zu einer Online-Petition, die die Delegierten des SPD-Landesparteitags dazu auffordert, die beiden Anträge zurückzuweisen. 



Dienstag, 30. Juli 2019

Kirche wozu? Oder: Lagerdenken gibt's nur bei den anderen! (Teil 1)

Wenn man sich anschaut, was für ein Ton derzeit in innerkirchlichen Debatten angeschlagen wird, dann kann man es wohl niemandem verübeln, wenn der den Eindruck hat, es rieche verdächtig nach Schisma. "Kardinal Müller ätzt gegen kirchliche Reformprojekte": Diese Überschrift stand nicht in der taz oder im Neuen Deutschland, sondern in einem Magazin, als dessen Herausgeber laut Impressum ein katholischer Diözesanbischof firmiert. Derweil träumt in der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart", die früher mal Freiburger Katholisches Kirchenblatt hieß und deren Leserschaft laut einer Allensbach-Umfrage von 2004 zu 89% "jeden Sonntag in den Gottesdienst" geht, ein ungenannter Autor von einer runderneuerten, diskriminierungsfreien Kirche, aus der lediglich "ein paar alte Männer" ausgeschlossen bleiben sollen (was angesichts der typischen Altersstruktur der "Reform"-beflissenen kirchlichen Gremien und Verbände ein wenig tragikomisch wirkt, aber das nur nebenbei).

Wenn ich für die derzeitige innerkirchliche Polarisierung hier ausschließlich Beispiele von einer Seite gewählt habe, sehe ich das als ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit angesichts des Umstands, dass die breite Öffentlichkeit von der anderen Seite ohnehin nichts anderes erwartet. Aber Spaß beiseite: Wie tief gespalten die katholische Kirche, aber auch darüber hinaus die ganze Christenheit hierzulande ist - wobei es oft den Anschein hat, dass die tiefsten Gräben quer durch die Konfessionsgrenzen verlaufen statt entlang dieser -, zeigt sich in jüngster Zeit vielleicht mit zunehmender Deutlichkeit und Dramatik, aber sehen konnte man es schon länger, wenn man nur hinschauen wollte. Ein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht war für mich persönlich die Vorstellung des Mission Manifest Anfang 2018, oder genauer gesagt die Reaktionen darauf -- insbesondere die negativen. Darüber wollte ich schon lange mal was schreiben.

Lagerbildung, wie ich sie mag. (Bildquelle: Flickr
Bei der Live-Präsentation der Thesen des Manifests im Augsburger Messezentrum war ich nicht anwesend, da meine Liebste und ich währenddessen mit dem an jenem Abend lange erfolglos bleibenden Versuch beschäftigt waren, unsere Tochter ins Bett zu bringen. Aber immerhin war ich relativ dicht dran am Geschehen und las mir die zehn Thesen noch am selben Abend durch. Mein erster Eindruck war, dass diese Initiative eine ausgesprochene "Big Tent"-Strategie verfolge, ja ich dachte sogar, es wäre mir - im offenen Widerspruch zu dem Rat, den ein mir von jeher verhasstes Kinder-NGL gibt - lieber, den Kreis ein bisschen kleiner zu ziehen. Anders ausgedrückt, mir erschienen die Thesen derart inklusiv formuliert, dass ich dachte, da kann doch niemand was dagegen haben. Okay, an dem einen oder anderen Detail würde sicher der eine oder andere (möglicherweise einschließlich meiner Person) etwas auszusetzen haben, aber so im Großen und Ganzen...?

Tja. Werch ein Illtum.  

Noch eher vorhersehbar waren die einander gegenseitig auskonternden Reaktionen traditionell-konservativer Katholiken, denen das Manifest nicht katholisch genug war, und fundamentalistischer Evangelikaler, denen es zu katholisch war. Aber das war noch gar nichts gegen die Mischung aus Verachtung und blanker Panik, die die Reaktionen aus dem progressiv-relativistischen Lager prägte. Eine übersichtliche Zusammenschau derartiger Reaktionen hat seinerzeit das Zentralorgan der im Sitzen pinkelnden Föhnfrisurträger, otherwise known as "Die Eule", geliefert. Die gängigsten Vorwürfe in Stichworten: Das Mission Manifest sei von einem fundamentalistischen Glaubensverständnis geprägt; das Konzept von "Mission", das in den Thesen zum Ausdruck komme, sei bevormundend gegenüber Nicht- und Andersgläubigen; und außerdem seien die Initiatoren lauter Männer. Schlimm. 

Wohl auch in den Kontext solcher Äußerungen gehörte - wenngleich das Mission Manifest darin nur beiläufig und indirekt erwähnt wurde - ein Beitrag von Gabriele Höfling in der "Standpunkt"-Rubrik auf häretisch.de über, man lese und staune, "Bewegungen, die vermehrt auf Frömmigkeit setzen". Als konkrete Beispiele dafür nennt sie die MEHR und "neuere Jugendformate wie Nightfever". "Einfach mal einen Gang runterschalten", rät hat Frau Höfling solchen Initiativen bereits in der Überschrift ihres Kommentars:  Die sollen sich mal nicht so viel einbilden auf ihren Erfolg bei jungen Leuten, denn die "ganz normale" kirchliche Gremien- und Verbandsarbeit - beispielsweise "BDKJ, Pfadfinder und Ferienfreizeiten, denen aus bestimmten Kreisen gern ein mangelnder Glaubensgehalt unterstellt wird" - erreichten noch viel mehr Jugendliche, "ohne großen Hype". In "Lobpreis und Eucharistische[r] Anbetung" eine "bessere Antwort auf die Probleme der Kirche" zu sehen, "als es trockene Strukturreformen sein können", sei daher "ein Fehlschluss": "Von den genannten Angeboten werden eben nur die Leute angesprochen, mit einer solchen Frömmigkeit auch etwas anfangen können. Andere bleiben auf der Strecke." Oder, noch einmal anders ausgedrückt: "Ein solcher eher konservativer [!] Kurs, so formulierte es einmal der Religionssoziologe Detlef Pollack, könne zwar eine Minderheit enger an die Kirche binden. Eine große Mehrheit werde allerdings abgeschreckt."

Ach ja, Detlef Pollack. Der Münsteraner Religionssoziologe, der sowohl den Rat der EKD als auch die Deutsche Bischofskonferenz berät und zu dessen Glanzleistungen die Forderung gehört, Gottesdienste müssten kurz sein - auf jeden Fall kürzer als eine Stunde -, weil die Leut' am Sonntag schließlich auch noch was anderes vorhätten als in die Kirche zu gehen. Pollacks Dauerbrennerthema ist jedoch die Feststellung,  dass gerade die distanzierten Kirchenmitglieder - bzw. deren Geld - eine unverzichtbare Ressource für den Erhalt der institutionellen Strukturen der Großkirchen darstellen. Die daraus recht plausibel ableitbare Forderung, die Kirchen müssten sich gerade um diese Zielgruppe besonders bemühen, bedeutet für Pollack jedoch nicht, dass man versuchen sollte, die Distanzierten aus ihrer Distanziertheit herauszuholen; im Gegenteil, die sollen mal schön bleiben, wo sie sind, denn gerade so nützen sie - dem automatischen Kirchensteuereinzug sei Dank - den Kirchen am meisten. Ein ausgeprägtes religiöses Profil zu zeigen, ist viel zu riskant: Damit liefe man Gefahr, die weniger religiös interessierten Mitglieder zu verschrecken; genau das können die Kirchen sich nicht leisten; daher fahren sie besser damit, möglichst wenig Profil zu zeigen.

Ich muss mich selbst immer wieder ermahnen, zu bedenken, dass eine solche Sichtweise nicht zwangsläufig zynisch ist -- dass daraus nicht allein das Kalkül von "Strukturbesatzern" spricht, deren Loyalität zur Institution Kirche im Wesentlichen darin besteht, ihren Job und das Gehalt, das sie dafür beziehen, zu verteidigen. Nein, es gibt im "liberalen" oder "progressiven" institutionellen Apparat der Kirche sicherlich nicht wenige Leute, die ganz aufrichtig davon überzeugt sind, dass die Kirche als zuvilgesellschaftliche Institution gute, wichtige und gesellschaftlich notwendige Arbeit leiste und dass sie, um diese Arbeit leisten zu können, eben eine große Mitgliederbasis (und viel Geld) benötige. Nur dieser ganze "Glaubenskram", der ist eher hinderlich, weil sich davon eben nur eine Minderheit der Mitgliederbasis ansprechen lässt.

Jemand, der dieser Auffassung widerspricht, ist überraschenderweise Erik Flügge. So gern er sich über handelsübliche Methoden "milieusensibler Pastoral" lustig macht und etwa erklärt, es bringe nichts, Gottesdienste für ein Publikum zu konzipieren, das sich nicht für Gottesdienste interessiert, beharrt er andererseits darauf, die Kirche dürfe nicht den Anspruch aufgeben, "ihre Mitglieder auch religiös erreichen zu wollen", andernfalls könne sie "nicht dauerhaft bestehen". -- Darüber, wie die Kirche die Menschen "religiös erreichen" kann und soll, hat Flügge indes offenkundig erheblich andere Vorstellungen als etwa die Initiatoren des Mission Manifest. Die Kirche sieht er weniger in der Rolle der Trägerin und Botin einer göttlichen Offenbarung, sondern eher als Dienstleisterin für die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder, und der geringe Grad der Mitgliederbindung in den Großkirchen zeigt laut Flügge, dass diese erst wieder neu lernen müssen, was die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder eigentlich sind, um sich dann darauf einzustellen.

Wirklich frappierend finde ich es indes, dass es Kritiker Flügges gibt, denen diese Sichtweise immer noch zu religiös ist. Norbert Bauer zum Beispiel, einstmals Pastoralreferent in Köln, jetzt daselbst Leiter der Karl-Rahner-Akademie. In einem Beitrag für das Magazin futur2 attestiert er Flügge einen "Abwertungsjargon", weil er "wie die Glaubenskongregation überall Glaubensdefizite diagnostiziert"; er tadelt Flügge dafür, dass er sich ausdrücklich nicht für die Dauerbrennerthemen des kirchlichen "Reform"-Diskurses (z.B. Frauenweihe) interessiert und meint, mit solchen Debatten wollten "Liberale und Konservative nur ihre Zielgruppen befriedigen"; ja, schließlich wirft er Flügge vor, dieser wolle eine Kirche, die "sich nur noch als Glaubensgemeinschaft definiert und den daraus folgenden Anspruch als Dienstleister für die Gesellschaft und für ihre Mitglieder aufgibt".

Soweit, so bizarr; aber ich will mich hier nicht in Details verzetteln. Belassen wir es bei der Feststellung, dass es irgendwo da draußen, in "theologischen Feuilletons", an Hochschulen, in kirchlichen Gremien und pastoraltheologischen "Think Tanks", einen Diskurs gibt, in dem es bereits als anrüchig gilt, sich zu der Auffassung zu bekennen, eine zentrale Aufgabe der Kirche sei Glaubensverkündigung. Wenn man damit dann auch noch einen überindividuell verbindlichen, in seiner Substanz unverfügbar vorgegebenen Glauben meint, dann ist man, bevor man von Reizthemen wie Weihepriestertum, Zölibat, Rolle der Frau, Interkommunion oder Segnung gleichgeschlechtlicher Paare auch nur angefangen hat, bereits als Reaktionär, als Fundi, als "vorkonziliar" abgestempelt. Oder mindestens, allermindestens als "konservativ". Eine Bezeichnung, mit der ich mich schwer tue -- jedenfalls damit, sie auf mich selbst zu beziehen.

Sicherlich könnte ich mich lang und breit über unterschiedliche Definitionen von "konservativ" auslassen, von denen ich manche besser und andere schlechter mit meinem eigenen Standpunkt in Einklang bringen könnte; aber das spare ich mir an dieser Stelle lieber, denn ich muss ohnehin schon zusehen, dass dieser Artikel nicht zu sehr ausufert. Ich halte solche Erörterungen hier auch für verzichtbar, und das aus (mindestens) zwei Gründen. Zum einen kommt mir immer mal wieder der Verdacht, die Etikettierung bestimmter Positionen als "konservativ" verfolge ohnehin nur die Absicht, diese zu delegitimieren. Das funktioniert deshalb, weil in weiten Teilen des gesellschaftlichen Diskurses "konservativ" als negativ konnotierter Begriff wahrgenommen wird; das ist die logische Kehrseite eines ungebrochen positiv konnotierten Verständnisses von "Fortschritt". "Konservativ" gilt als gleichbedeutend mit "oll". Das ist mir neulich mal wieder aufgefallen, als ich mich beim "Klönschnack" in der OASE Tossens mit einem emeritierten Pfarrer aus dem westfälischen Teil des Bistums Münster unterhielt. Als das Gespräch darauf kam, dass ich für die Tagespost schreibe, wandte er an, diese Zeitung gelte doch als "ziemlich konservativ". So wie er das sagte, hielt er das offensichtlich für etwas Schlechtes. -- Zum zweiten (und wenn ich es recht bedenke, hängt das wohl einigermaßen eng mit dem erstgenannten Punkt zusammen) betrachte ich das Etikett "konservativ" nicht so sehr aufgrund bestimmter Begriffsdefinitionen als einen Schuh, der mir nicht passt, sondern vor allem aufgrund bestimmter assoziativer Vorstellungen, die sich nicht-nur-aber-auch für mich an diese Bezeichnung knüpfen. Nämlich vor allem die Vorstellung, konservativ sei jemand, der möchte, dass alles so bleibt, wie es schon immer war, WEIL es schon immer so war. Ich möchte behaupten, genau diese Motivation unterstellen "Progressive" den von ihnen als "konservativ" Eingeordneten permanent; da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt dazu, die Haltung des vermeintlich oder tatsächlich Konservativen wahlweise mit Dummheit, Faulheit oder Angst, namentlich Angst vor Veränderung, in Verbindung zu bringen,  

Tatsächlich habe ich mit einem Konservatismus, für den das Althergebrachte und Gewohnte prinzipiell identisch mit dem Guten und Wahren ist, ebenso wenig am Hut wie mit einem Fortschrittsbegriff, der jede Neuerung, einzig aufgrund ihrer Neuheit, für eine Verbesserung hält. Das betrifft alle möglichen Lebensbereiche, aber bleiben wir hier mal beim religiösen Bereich. -- Ich habe schon gelegentlich mal erwähnt, dass ich die "erste Fundi-Phase" meiner an Irrungen und Wirrungen nicht armen Glaubensbiographie im Alter von ca. 14-16 Jahren hatte, und ich erinnere mich, dass ich damals eines Tages einen skizzenhaften Essay über verschiedene Fraktionen innerhalb der Kirche, so wie ich sie wahrnahm, in mein Tagebuch kritzelte. Ich hoffe, ich finde den Text mal wieder, aber die Grundzüge habe ich noch ganz gut im Gedächtnis. Ich unterschied seinerzeit nämlich nicht zwei, sondern drei innerkirchliche Lager, die ich die "Alteingesessenen", die "Liberalen" und die "Radikalen" nannte. Mich selbst ordnete ich natürlich ins "radikale" Lager ein, was sonst. Der entscheidende Punkt bei diesem sozusagen "dreipoligen" Modell war jedenfalls, dass ich die religiöse Praxis der "Alteingesessenen" - die ich idealtypisch in meiner Oma, ein paar angeheirateten Tanten und anderen alten Damen aus Schlesien verkörpert sah - als ebenso im Widerspruch zu meinen Vorstellungen von "radikalem Christsein" stehend betrachtete wie den verweltlichten Moralismus der "Liberalen". Heute würde ich über die "schlesische Oma-Fraktion" sicher milder urteilen; schon allein, weil ich bestimmte traditionell katholische Frömmigkeitsformen, die mir damals suspekt waren - weil man mich in meiner Kindheit und Jugend nicht an sie "herangeführt" hatte, wohl in der Annahme, sie seien nicht mehr "zeitgemäß", und weil ich mitreißende Begeisterung für Christus eher in evangelikalen Kreisen kennengelernt hatte -, inzwischen schätzen, ja lieben gelernt habe. Also beispielsweise den Rosenkranz oder das Knien vor dem Allerheiligsten. Aber auch wenn ich in meiner teenagertypischen Arroganz allzu voreilig davon überzeugt war, dass die formalisierte, rituelle Frömmigkeit der alten Schlesierinnen lediglich die Fassade vor einer gähnenden geistlichen Leere sei, würde ich dennoch sagen, dass meine damals entworfene Einteilung nicht gänzlich falsch war.

Ich finde, das ist ein guter Cliffhanger. Fortsetzung folgt!



Mittwoch, 29. Mai 2019

Religionsunterricht und Pyrokinese

"Hat Jesus tatsächlich Tote erweckt und Kranke geheilt?" Wenn diese Frage im Teaser-Absatz eines Artikels auf häretisch.de gestellt wird, kann man es sich von vornherein abschminken, darauf ein klares "Ja" als Antwort zu erhalten. Und wenn Schüler im Religionsunterricht diese Frage stellen? Dann wahrscheinlich auch, jedenfalls wenn die Lehrerin Andrea Vogt heißt. Diese Dame, die am Marie-Curie-Gymnasium in Dresden unterrichtet, hat nämlich für die häretisch.de-Kolumne "Mein Religionsunterricht" geschildert, wie sie die Schüler einer 6. Klasse dazu anleitet, "die biblische Geschichte von der Heilung eines Taubstummen (neu) zu verstehen": "In Zweiergruppen wird immer ein Schüler bestimmt, der sich die Ohren zuhalten soll." Auf diese Weise soll für die Sechstklässler erfahrbar gemacht werden, "was den Taubstummen aus dem 7. Kapitel des Markusevangeliums quält". Der gewünschte Lerneffekt:
"Wie schön, sich vorzustellen, dass Jesus die Macht hatte, diesen Mann von seinen Leiden zu erlösen, seine Ohren zu heilen, ihn hörend und sprechend zu machen!"
Na fein: Wenn es nicht wahr ist, dann ist es doch immerhin schön, es sich vorzustellen, und das ist schließlich alles, worauf es letztlich ankommt, nicht wahr? -- Aber nein, nicht ganz
"[D]ann überlegen wir [...]: Wovor haben wir schon einmal unsere Ohren verschlossen? Was können wir nicht mehr hören? [...] Die Kinder reflektieren, dass auch sie schon einmal 'taub' für etwas waren. Ging es dem Taubstummen aus der Bibel vielleicht genauso? Ist er taub für seine Mitmenschen geworden? Hat er gemerkt, dass es ihm nicht gut damit geht? War es das, was ihn gequält hat?"
Ächz bzw. gähn. Damit aber nicht genug:
"Der für mich spannendste Teil der Stunde kommt jetzt. Ich frage die Schüler [...], an welche der beiden Varianten man denn jetzt glauben soll: Jesus, der einen medizinisch Kranken wieder gesund macht, oder Jesus, der einen in sich gekehrten, verschlossenen, selbstbezogenen und einsamen Menschen heilt? Von der Toleranz der Kinderantworten kann sich jeder Erwachsene eine Scheibe abschneiden: Beides ist okay!"
Oberflächlich betrachtet erscheint mir das Verblüffendste an diesem Beitrag, dass die Lehrerin ihren Schrottunterricht in einem Tonfall schildert, als wäre das etwas Tolles und der geneigte Leser müsste das ebenfalls toll finden. Aber wenn's nur das wäre, wär's ja harmlos: Doofen Unterricht haben wir wohl alle mal gehabt, nicht nur im Fach Religion, aber da vielleicht besonders. Auf das eigentlich Problematische an der geschilderten Unterrichtseinheit weist ein befreundeter Netzkatholik auf Twitter hin: Er beschreibt sie treffend als 
"ein Beispiel für die religionspädagogische Schutzimpfung gegen das Christentum, mit der die letzten zwei Generationen in D geimpft wurden. Als Christentum verpackter Unglaube. Und dann das Wehklagen über Relevanzverlust?"
Ich möchte hinzufügen: Das ist Religion, wie militante Atheisten sie sich vorstellen. Religion als institutionalisiertes Für-dumm-Verkaufen und sich willentlich für dumm verkaufen lassen

Natürlich hat diese systematische Verdummung auch Auswirkungen auf den außerreligiösen Bereich: Der Verstand der Schüler, ihre Fähigkeit zum logischen Denken, wird nachhaltig geschädigt, wenn man sie darauf trimmt, die Vorstellung zu akzeptieren,  eine Aussage könne wahr und unwahr zugleich sein; wenn man sie dazu konditioniert, "Entweder-Oder"-Fragen mit "sowohl als auch" zu beantworten, um nur ja nichts Falsches zu sagen, und ihnen somit beibringt, Opportunismus - als eine Verhaltensweise, zu der der Mensch, insbesondere der junge Mensch, sowieso von Natur aus neigt und die daher eigentlich nicht noch extra gefördert werden müsste - für eine Tugend zu halten und diese "Toleranz" zu nennen. Und dann wird den Schülern auch noch suggeriert, die Erwachsenen könnten in dieser Hinsicht noch was von ihnen lernen. Kurz gesagt, wenn es an den Schulen so zugeht, muss man sich wirklich nicht darüber wundern, wenn ein Drittel aller Erstwähler die Grünen wählt. Sondern eher darüber, dass es nicht noch mehr sind. 

Natürlich ist konfessioneller Religionsunterricht an staatlichen Schulen grundsätzlich eine zwiespältige Angelegenheit. Schließlich soll er - wie gerade seine Verteidiger, zu denen ich auch mal gehört habe, gern hervorheben - ausdrücklich nicht der Glaubensverkündigung dienen. Aber über Religion aus einer nicht explizit gläubigen Perspektive zu sprechen, gerät nahezu zwangsläufig irgendwie schief. 

"So gesehen ist es vielleicht doch ganz gut, dass es in Berlin keinen verpflichtenden Religionsunterricht gibt", resümiere ich, als ich mich mit meiner Liebsten über diesen doofen Artikel austausche. 

"Natürlich ist das gut!", erwidert sie emphatisch. "Was glaubst du, warum ich niemals an eine katholische Schule gehen würde!" Ich erwähnte wohl schon, dass sie Lehrerin ist; und eines ihrer Unterrichtspraktika hat sie an einer katholischen Schule absolviert. Sie weiß also, wovon sie redet. "Da würde direkt alles in Flammen aufgehen, sobald wir nur einen Fuß hinein setzen", fügt sie hinzu. 

Die Vorstellung gefällt mir irgendwie. "Wie hieß nochmal diese angebliche paranormale Fähigkeit, durch pure Willenskraft Feuer zu entzünden? Ach ja: Pyrokinese." Es gibt einen Roman von Stephen King darüber, allerdings habe ich den weder gelesen noch auch die Verfilmung (mit der damals achtjährigen Drew Barrymore in der Hauptrolle) gesehen. 

"Das wäre doch mal ein tolles Charisma", sinniere ich. "Levitation, Bilokation, alles gut und schön, aber Pyrokinese... wuuhaa." 

Etwas nachdenklicher füge ich hinzu: "Es wäre allerdings wohl ziemlich gefährlich, mir diese Gabe zu verleihen." 

"Mir nicht minder", lacht meine Liebste. "Ich glaube, zwischen uns gäbe es allenfalls marginale Unterschiede in Hinblick darauf, was wir jeweils in Flammen aufgehen lassen würden..." 


(P.S.: "Alles anzünden - auf katholisch" ist übrigens das Twitter-Motto von Judith Klaiber alias @youdidinvienna, Referentin für Führungskräfte in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und künftige Kardinälin. Ich glaube allerdings, was sie damit eigentlich meint, ist "Alles Katholische anzünden". Kann man ja mal verwechseln.)






Mittwoch, 27. März 2019

Von Küstern und Buchsbaumzünslern

Meine Wohnortpfarrei gehört, wie ich bestimmt schon mal erwähnt habe, zu einem Pastoralverbund aus vier formal (noch) selbständigen Pfarreien mit insgesamt sieben Standorten (oder acht, wenn man die Krankenhauskapelle im Vivantes-Klinikum mitrechnet). Daraus soll zukünftig ein "Pastoraler Raum" werden, wie das im Erzbistum Berlin heißt; aber der ist offiziell noch nicht eröffnet. Jedenfalls gibt es Woche für Woche zwei volle DIN-A-4-Seiten Vermeldungen aus allen Gemeindeteilen (wobei die tabellarische Übersicht über die Gottesdienstzeiten noch nicht mitgezählt ist), und wenn man Pech hat, werden die am Ende der Sonntagsmesse auch komplett und ungekürzt verlesen. Man kann sie sich natürlich auch als PDF von der Homepage der Pfarrei runterladen. Das habe ich mit den Vermeldungen der laufenden Woche getan -- in erster Linie, um mich zu überzeugen, wie dort die Büchertreff-Eröffnung angekündigt wurde. Dann fielen mir allerdings zwischen den zahlreichen mehr oder weniger banalen Ankündigungen zwei Vermeldungen auf, die ich aus unterschiedlichen Gründen einigermaßen beunruhigend fand. Zunächst diese: 
"Für unseren Standort Allerheiligen suchen wir ab Ende April drei zuverlässige Gemeindemitglieder, die abwechselnd ehrenamtlich den Küsterdienst übernehmen. Selbstverständlich gibt es eine Einführung in den Dienst. Sollte sich niemand finden, können wir den Sonntagsgottesdienst nicht mehr gewährleisten." 
Die im letzten hier zitierten Satz enthaltene Information, die einem da so ganz nebenbei in den Vermeldungen untergejubelt wird (bei denen die meisten Gottesdienstbesucher schon aufgrund der Überfülle an Informationen ohnehin die Ohren auf Durchzug zu stellen gewohnt sein dürften), ist im Grunde ein ganz schöner Hammer. Die Kirche Allerheiligen im Ortsteil Borsigwalde ist tatsächlich die einzige des Pastoralverbunds, in der ich noch nie war; aber das hat wahrscheinlich nicht besonders viel zu sagen. Jedenfalls habe ich mich ein bisschen über ihre Geschichte informiert: Eine eigene Kuratie für den Ortsteil Borsigwalde wurde im Jahr 1938 eingerichtet, zunächst wurde dort nur ein Pfarrhaus gebaut, der geplante Bau einer Kirche wurde durch den Zweiten Weltkrieg vorerst verhindert und erst 1954/55 mit Hilfe von Spenden aus den USA verwirklicht. Bis 2004 war Allerheiligen Borsigwalde eine eigenständige Pfarrei, dann wurde sie mit St. Bernhard Tegel-Süd zusammengelegt

Laut aktueller Gottesdienstordnung gibt es in Allerheiligen derzeit noch jeden Sonntag sowie an zwei Werktagen pro Woche eine Heilige Messe; aber jetzt läuten wegen akuten Küstermangels die Alarmglocken. Zu der vielleicht naheliegenden Frage, wieso die Pfarrei sich eigentlich keinen hauptamtlichen Küster leistet, kann ich nicht viel sagen, da ich über die finanzielle Situation dieser Pfarrei nichts Genaues weiß; ich kann nur sagen, dass auch an "meinem" Gottesdienststandort der Küsterdienst ausschließlich von einer Gruppe Ehrenamtlicher versehen wird (und dass diese zuweilen ganz schön auf dem Zahnfleisch gehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil es in dieser Kirche relativ viele Hochzeiten und Taufen außerhalb der regulären Gottesdienstzeiten gibt). Da ich, wie gesagt, in der Kirche Allerheiligen noch nie war, kann ich auch nichts darüber sagen, wie stark die Sonntagsmessen dort besucht sind, wie die Altersstruktur der Gemeinde ist, wie viele Leute es dort theoretisch gäbe, die geeignet wären, den Küsterdienst zu übernehmen, und was die womöglich für persönliche Gründe haben, dafür nicht zur Verfügung zu stehen. Kurz gesagt, ich kann mit so gut wie überhaupt keinen Details zu diesem speziellen Fall aufwarten; aber Fakt ist, wir sind hier mit der Aussicht konfrontiert, dass ein Gottesdienstort aufgegeben wird, weil es an Ehrenamtlichen fehlt. Wenn dieser Umstand nicht geeignet ist, der von mir hier schon mehrfach erhobenen Forderung Nachdruck zu verleihen, das gängige Verständnis von Mitgliedschaft und Mitarbeit in einer Pfarrgemeinde grundsätzlich zu überdenken, dann weiß ich es aber auch nicht. 

Freilich kann nicht ausgeschlossen werden, dass die drohende Abwicklung des Standorts Allerheiligen den Verantwortlichen des Pastoralverbunds im Grunde ganz recht ist und der Ehrenamtlichenmangel somit vielleicht sogar nur ein Vorwand ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der sogenannte "Pastorale Prozess 'Wo Glauben Raum gewinnt'" mittelfristig auf eine Reduzierung von Standorten hinauslaufen wird; und wie es aussieht, hat im Raum Reinickendorf-Süd die Kirche Allerheiligen soeben die Pole Position auf der Streichliste erobert. Man kann argumentieren, das sei halbwegs sozialverträglich: Die Pfarrkirche St. Bernhard ist nur 1,7 km entfernt und es gibt eine gute Busverbindung -- 5 Minuten Fahrzeit, weitere fünf Minuten Fußweg. Dennoch ist diese Vermeldung natürlich ein Warnschuss: Die Gemeindeteile an den anderen Standorten des Pastoralverbunds können sich schon mal Gedanken darüber machen, welche Kirche wohl als nächste dran ist. Von der Papierform her spricht wohl einiges für St. Joseph Tegel, aber andererseits: Die haben eine KiTa. Ob die aus Sicht der Pastoralplaner ein hinreichender Grund ist, die dortige Kirche auch als Gottesdienststandort zu erhalten, weiß ich zwar nicht, aber es könnte sein. Mit großer Sicherheit nicht geschlossen wird St. Marien Maternitas in Heiligensee, denn der dortige Gemeindeteil hat erstens Kohle und ist zweitens auch in den Gremien überrepräsentiert. Kurz und gut, mir scheint, "mein" Kirchenstandort sollte sich lieber mal warm anziehen. Ein Grund mehr, sich um eine Stärkung des Gemeindelebens zu bemühen

Und die andere Neuigkeit aus den Vermeldungen? 
"Ob am Palmsonntag Buchsbaumzweige und Weidenkätzchen von der Pfarrei bereit gestellt werden, können wir aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit und vermehrt aufgetretener Pflanzenkrankheiten noch nicht zusagen, Wer sich selbst etwas besorgten kann, möge dies im Blick behalten." 
Ich gestehe, meine erste spontane Reaktion darauf war "Die wollen uns doch wohl verarschen". Oder, eine Spur konzilianter ausgedrückt: Ich hatte den Verdacht, dass hier in Wirklichkeit wieder einmal mangelnde organisatorische Fähigkeiten den eigentlichen Kern des Problems darstellen. Die hauptamtlichen Mitarbeiter haben notorisch weder Zeit noch Lust, sich mit solchen Dingen zu befassen, diejenigen Ehrenamtlichen, an denen diese Art von Aufgaben seit Jahren hängen zu bleiben pflegt, haben langsam aber sicher den Kanal voll, und andere, die vielleicht Abhilfe schaffen könnten, wissen überhaupt nichts von der Existenz des Problems. (Okay, jetzt wissen sie's, vorausgesetzt sie lesen die Vermeldungen.) Und die Krönung des Ganzen ist die unverhohlene Indolenz, mit der den Gemeindemitgliedern mitgeteilt wird: Besorgt euch eure Palmzweige gefälligst selber.  

Eine kurze Recherche später muss ich allerdings einräumen, dass ich das Ausmaß des Problems unterschätzt habe. Genauer gesagt, ich habe den Buchsbaumzünsler unterschätzt. Wie Tante Wiki verrät, ist der Buchsbaumzünsler "ein ostasiatischer Kleinschmetterling", der "zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Mitteleuropa eingeschleppt wurde und sich heute zur invasiven Spezies entwickelt hat. Die Raupen können Schäden durch Kahlfraß an Buchsbaum verursachen." 

Buchsbaumzünsler-Raupe bei Verzehr eines Buchsbaumsblattes (gemeinfrei, Bildquelle hier
Dass diese gefräßigen Raupen die traditionelle Anfertigung von Buchsbaumsträußen zu Palmsonntag bedrohen, war schon im vorigen Jahr Thema in den Kirchenzeitungen der Bistümer Fulda, Limburg und Mainz sowie im Neuen Ruhr-Wort. Aktuell berichtet die Presse über Buchsbaummangel beispielsweise in Emmerich (Bistum Münster), Hamm (dito) und im Kreis Viersen (Bistum Aachen). Es war also offenkundig voreilig, die Schuld am Buchsbaumdilemma bei der Unfähigkeit oder Gleichgültigkeit der hiesigen Pfarreimitarbeiter zu suchen. 

Indes hat es den Anschein, dass die Probleme mit dem Buchsbaumzünsler lokal sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. In manchen Gegenden Deutschlands gibt es offenbar noch Buchsbaum bis zum Abwinken. So viel, dass die Leute nicht wissen, wohin damit. Bei "eBay Kleinanzeigen" habe ich just heute noch stolze 119 Einträge zum Stichwort "Buchsbaum zu verschenken" (!) gefunden, darunter auffälligerweise mehrere aus meiner Heimatgegend, also Nordenham/Butjadingen/Stadland. Ich erwähne das nicht etwa, weil ich meine, die vom Buchsbaumzünsler geplagten Pfarreien sollten sich Buchsbaumzweige aus anderen Bundesländern zuschicken lassen. Es ist mir nur so aufgefallen. 

Was also bleibt zu tun? Nun, der erste Schritt wäre, zu prüfen, ob sich nicht doch noch Mittel und Wege finden, irgendwo größere Mengen an Buchsbaum aufzutreiben; Mittel und Wege, auf die die "Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht"-Fraktion schlichtweg nicht kommen würde. Ich habe mal meine Liebste auf das Problem angesetzt (als hätten wir nicht schon genug anderes zu tun). Und wenn nicht, dann gibt es natürlich noch Alternativen in Form anderer immergrüner Sträucher.  Die sind in der Regel allerdings etwas teurer. Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.

Zusammenfassend gesagt könnte man aus beiden Meldungen - derjenigen über den Küstermangel wie auch derjenigen über den Buchsbaummangel - die Botschaft herauslesen, dass die "einfachen Gemeindemitglieder" (die "Kirchenbankdrücker", könnte man sagen) mehr Engagement, Eigeninitiative und Kreativität entwickeln müssen, wenn sie wollen, dass ihre Gemeinden am Leben bleiben. Und das wäre ja eine Botschaft, die mir durchaus aus der Seele spricht. Das Problem ist, dass das so klar nicht kommuniziert wird -- und schon gar nicht auf eine Art, die irgendwie motivierend oder ermutigend wäre. Kommuniziert wird stattdessen: Tja, Leute, alles geht den Bach runter; wir - die Verantwortlichen dieser Pfarrei bzw. dieses Verbunds von Pfarreien - können es nicht ändern, und ehrlich gesagt haben wir auch keinen Bock drauf. -- Und bei so einer Einstellung muss man sich natürlich über nichts wundern. Höchstens darüber, dass überhaupt noch irgendwas läuft.



Mittwoch, 13. März 2019

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 14

Erinnern wir uns: Am 21. Juli 1869 wurde bei der polizeilichen Durchsuchung eines Klosters der Unbeschuhten Karmelitinnen in der damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Stadt Krakau eine eingesperrte, offenbar geisteskranke Nonne namens Barbara Ubryk entdeckt, die, wie sich herausstellte, seit mehr als 20 Jahren in diesem Kloster gefangen gehalten worden war. Wenige Wochen darauf begann der Münchner Verlag Neuburger & Kolb mit der Veröffentlichung eines Fortsetzungsromans, der die Hintergründe der Affäre Ubryk zu enthüllen versprach. Tatsächlich füllte Autor "Dr. A. Rode" zunächst allerdings Druckbogen um Druckbogen mit einer ausufernden, mehrsträngigen Liebes- und Intrigenhandlung, die keinen zwingenden Zusammenhang mit dem realen Fall der Barbara Ubryk erkennen ließ und für die er vermutlich auf bereits früher geschriebenes Material zurückgriff. Erst nach 736 Seiten (und somit in der 16. von 20 angekündigten Lieferungen) kam die Romanhandlung an den Punkt, an dem die Titelheldin ins Kloster eintritt -- und dann ist es auch noch das falsche Kloster, nämlich der Karmel in Warschau, nicht in Krakau. Man könnte nun denken, dem Autor laufe allmählich mal die Zeit weg bzw. gehe der Raum aus, um seine Geschichte zu Ende zu erzählen, aber er selbst scheint das nicht so gesehen zu haben: Kaum haben sich die Klosterpforten hinter Barbara geschlossen, nimmt sich Dr. Rode erst einmal Zeit für zwei umfangreiche Exkurse, einen über die Geschichte des Karmeliterordens und einen über allerlei skandalöse Vorkommnisse in Klöstern, besonders solche sexueller Natur. Wir werden sehen, wie "modern" seine Vorwürfe teilweise anmuten. Aber dazu später. 

Übrigens betreibt der Verfasser nicht zuletzt auch dadurch schamlose Zeilenschinderei, dass er umfangreiche Zitate aus schon zu seiner Zeit antiquarischen Werken übernimmt; so bringt er in Kapitel LII zwei Auszüge aus dem "Verzeichnüß der geistlichen Ordens-Personen in der Streitenden Kirchen" des italienischen Jesuiten Philipp (bzw. Filippo) Bonanni, in Kapitel LIII einen Auszug aus der Satire "Gereinigter Bienenkorb der Heiligen Römischen Kirche" des niederländischen Humanisten Philips van Marnix. Abgesehen davon, dass sich so die Druckbogen schneller füllen lassen, hat Dr. Rode offenbar auch einfach Spaß an “dem damaligen Deutsch" (S. 737), und ganz nebenbei verraten solche Passagen dem Leser auch etwas über die Quellen, die dem Autor in einer Zeit ohne Google Books zugänglich waren. Dass er zur Geschichte des Karmeliterordens ausgerechnet das Werk eines Jesuiten zitiert, wirkt indes in doppelter Hinsicht sonderbar: einmal, weil der Jesuitenorden für ihn doch geradezu das Böse schlechthin verkörpert, und dann auch, weil er in Kapitel LI ausgeführt hatte, dass "ein Orden den andern haßt, die Mitglieder des einen auf die des andern eifersüchtig sind und sich aufs heftigste untereinander befehden" und dass insbesondere die Jesuiten "im Volke die abenteuerlichsten Gerüchte über die Karmeliter" verbreiteten (S. 723). Die Auszüge aus dem Werk des Paters Bonanni enthalten allerdings gar nichts Ehrenrühriges oder Verleumderisches über den Karmeliterorden; das übernimmt Dr. Rode schon selbst. Sein LII. Kapitel hat zwei inhaltliche Schwerpunkte: die Entstehungsgeschichte des Karmeliterordens und die Biographie der großen Ordensreformerin Teresa von Ávila. Hinsichtlich des ersteren Aspekte hebt er besonders auf die "Sage" ab, "daß der Prophet Elias die Karmeliter gestiftet habe"; diese Mär lebe "noch heute in diesem Orden fort" (S. 739). Man möchte das für ausgedachten Quatsch halten, aber tatsächlich liest man auch in Herders Conversations-Lexicon von 1855, die Karmeliter hätten lange behauptet, "ihr Orden sei vom Propheten Elias [...] gestiftet, bis 1698 ein päpstliches Breve den unnützen Streit hierüber niederschlug". 

Im Zusammenhang mit den biblischen und außerbiblischen Überlieferungen über den Propheten Elija kann Dr. Rode sich nicht g'nug über theologische Dispute hinsichtlich der Frage mokieren, ob der Prophet leiblich in den Himmel aufgenommen wurde oder aber "auf einer Poststation zwischen Himmel und Erde anhielt, wo er noch jetzt sitze und das Ende der Welt abwarte" (S. 740) -- und was dabei aus seinem Mantel wurde. In einer Fußnote liefert der Romanautor in diesem Zusammenhang zudem ein Beispiel für vergleichende Mythologiekritik in Stil und Qualität von Alexander Hislop, Jack Chick oder "Zeitgeist - The Movie" ab: "In der Mythologie lenkt bekanntlich Apollo ebenfalls einen feurigen Wagen, den Sonnenwagen. Wer sieht hier nicht auf den ersten Blick die Vermischung des jüdischen Monotheismus mit der griechischen Götterlehre?" (ebd.) 

Wesentlich interessanter ist dann aber doch, was Dr. Rode über die Hl. Teresa von Àvila mitzuteilen hat. "Man kann sagen, daß die Karmeliter erst durch eine Reformation zum besseren Gedeihen gebracht wurden", erklärt er nämlich. "Diese Reformation, die Verbesserung des Ordens, nahm eine weibliche Ordensperson vor, eine der größten Heiligen und die einzige Kirchenschriftstellerin, Theresia Sanchez de Cepeda" (S. 743f.). Unklar bleibt freilich, welche Definition des Begriffs "Kirchenschriftstellerin" Rode hier voraussetzt, wenn er die Hl. Teresa als die einzige dieser Art betitelt; was, so fragt man sich, ist mit Hildegard von Bingen, was mit Katharina von Siena? (Zur Kirchenlehrerin wurde Teresa von Àvila erst 100 Jahre nach dem Erscheinen des Romans ernannt, das kann Rode also nicht gemeint haben.) Insgesamt widmet der Romanautor dem Leben und Wirken der Ordensreformerin rund 15 Seiten. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, seine Angaben zur Biographie der Heiligen Punkt für Punkt mit vertrauenswürdigeren Quellen abzugleichen, aber zumindest oberflächlich ergibt sich der Eindruck, dass die wesentlichen Fakten im Großen und Ganzen stimmen. Der Romanautor legt ihnen lediglich mit Fleiß die denkbar ungünstigste Deutung bei. Kurz und schlicht zusammengefasst betrachtet er Teresas ganze Heiligkeit, insbesondere ihre mal als dämonische Attacken, mal als göttliche Offenbarungen daherkommenden Erlebnisse visionärer Entrückung als Folgen "gereizte[r] Stimmung und Ueberspanntheiten [...], welche in Klöstern sehr häufig zum Ausbruche kommen" (S. 746): "Die modernen Heiligen, welche sich in ähnlichen Verzückungen befinden, werden von unserer glaubenslosen Zeit in den Narrenhäusern einquartiert”"(S. 748). Mehr als nur angedeutet wird die Überzeugung, diese "Ueberspanntheiten" seien letztlich das Ergebnis einer unterdrückten und verleugneten Sexualität; über Teresas wohl berühmteste Vision - bei der ihr ein Engel mit dem Pfeil der göttlichen Liebe das Herz durchbohrte - schreibt Dr. Rode: "Die ganze Befangenheit eines umnachteten Hirnes gehört dazu, an dieser Erscheinung die handgreifliche Wahrheit zu übersehen. Das Stechen mit einem glühenden Pfeile und die Süßigkeit des Schmerzes muß jeden Denkenden auf gewisse Ansichten bringen" (S. 753). 

Die Verzückung der Hl. Theresa, Skulptur von Gian Lorenzo Bernini, Rom, Santa Maria della Vittoria.
(Bildquelle: Wikimedia Commons, Urheber: Dnalor_01, Lizenz: CC-BY-SA 3.0) 

Aus heutiger Sicht mag es überraschen, solche Äußerungen in einem Text vorzufinden, der rund ein Jahrhundert vor der "sexuellen Revolution" erschien. Tatsächlich befinden wir uns - wie etwa Michel Foucault aufgezeigt hat - in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. auf dem Höhepunkt einer Entwicklung, die die Wahrnehmung und Beurteilung der menschlichen Sexualität aus dem religiös-moralischen in den medizinisch-psychologischen Bereich verschiebt. 1859 war Darwins welterschütterndes Werk "Über die Entstehung der Arten" erschienen, ein Jahr später lag es schon in deutscher Übersetzung vor; die Vorstellung, der Mensch sei letztlich nichts anderes als ein Tier und müsse seinen Trieben gehorchen, war virulent. Man gewinnt zwangsläufig ein verzerrtes Bild des vermeintlich so sittenstrengen, gerade in erotischer Hinsicht so zugeknöpften Viktorianischen Zeitalters, wenn man es nur durch den Filter der Hochkultur wahrnimmt. Gewiss, auch in Familienzeitschriften - dem ersten echten Massenmedium des deutschsprachigen Raums - legten Herausgeber und Redakteure Wert darauf, dass belletristische Beiträge "in erotischer Hinsicht so gehalten" waren, "daß sie auch vor jüngeren Mitgliedern im Familienkreise vorgelesen werden können". Aber das zweite Massenmedium des deutschsprachigen Raums war eben der Kolportagebuchhandel, und da der weitgehend unterhalb des Radars der gutbürgerlichen Literaturkritik existierte, ging es da anders zur Sache. Dort wurden nicht nur schlüpfrige Romane unters Volk gebracht - ausdauernde Leser dieser Artikelserie mögen sich an die ménage à trois zwischen dem schurkischen Jesuiten Rebinsky, der Gräfin Zolkiewicz und deren blutjunger Stieftochter erinnern, die in den ersten Kapiteln von Dr. Rodes "Barbara Ubryk"-Roman geschildert wurde -, sondern auch populärwissenschaftliche Werke mit Titeln wie "Die Geheimnisse der Venustempel aller Zeiten und Völker" oder "Die Geschlechtskrankheiten des Menschen und ihre Heilung", in denen unter dem Deckmantel gesundheitlicher Aufklärung massive Pornographie betrieben wurde. 

Natürlich fehlte es in den respektablen Kreisen der Gesellschaft nicht an Warnungen vor den Folgen des Konsums von "Schundliteratur". Dr. Rode spielt selbst augenzwinkernd darauf an, wenn er "manche unserer schönen Leserinnen" anspricht, "welche die Barbara Ubryk unter tausend Aengsten und Sorgen, von der Mutter darüber ertappt zu werden, lesen" (S. 744f.), und kurz darauf bekräftigt: "Darum, liebe Kinder, liest [sic] keine Romane; sonst gehen Euch die Augen auf, sonst werdet Ihr eitel und putzsüchtig, und das kostet den Eltern Geld" (S. 745). 

Die oben angesprochenen Familienblattromane waren übrigens ganz so harmlos auch nicht, wie man sich das vorstellen würde. Im wenige Jahre vor der Affäre Ubryk, nämlich 1866, in der "Gartenlaube" erstveröffentlichten Roman "Goldelse" von E. Marlitt, einer von der Nachwelt gern als altjüngferliche Kitschtante belächelten Autorin, heißt es etwa im Zusammenhang mit der Beschreibung einer Klosterruine im Wald: 
"Die Reformation […] war […] durch den stillen Wald geschritten und hatte mit gewaltigem Finger über die Mauern des dunkeln Hauses gestreift […]. Und siehe da, […] ein Stein nach dem andern rollte herab neben die alten Eichenstämme, deren Wipfel ihn einst als zierlich gemeißelten Fenstersims oder als stattliches Glied der Mauer berührt hatten, und die nun jahraus, jahrein ihr Laub auf ihn streuten, bis er versank, weicher gebettet, als die Nonnenleichen da drunten". 
Man beachte die sexuell gefärbte Metaphorik: "gewaltige[r] Finger", "Eichenstämme", "stattliches Glied"! Das Kloster, das die jungen Frauen auf der Flucht vor den Versuchungen und Wirrnissen des Lebens aufsuchen, steht inmitten eines Waldes von Phallussymbolen, die zudringlich an die Fenster klopfen und so verhindern, dass der erhoffte Frieden in die Herzen der Nonnen einkehren kann. -- Auf die zeitgenössischen Anschauungen der Sexualpsychologie, die hier im Hintergrund wirksam sind, wird in Kürze noch zurückzukommen sein. 

Kapitel LIII beginnt mit einigen allgemeinen Zahlen, Daten und Fakten zur Entwicklung des Klosterwesens, und ganz nebenbei erledigt der Autor mit leichter Hand jedwede möglichen Einwände des Inhalts, Klöster hätten womöglich doch irgendwie eine Daseinsberechtigung: 
"Die Vertheidiger der Möncherei machen geltend, daß unsere Zeit Alles, was sie hat, nur den Mönchen verdanke. Sie erhielten und pflegten Kunst und Wissenschaften. Dieses Verdienst wollen wir ihnen, besonders den Benediktinern, nicht schmälern, weil es ihnen in Wahrheit gebührt. Für die Hinterwälder Amerikas und das Innere Afrikas könnten die Klöster sich noch jetzt ungeheure Verdienste erringen, wenn sie es nicht vorzögen, statt dessen gutes Bier zu brauen. Für unsere Tage aber sind sie nutzlos geworden." (S. 761) 
Alsbald wendet er sich dann aber ganz dem Thema des lasterhaften Lebens hinter Klostermauern zu. Hier kann Dr. Rode aus dem Vollen schöpfen, denn Greuelgeschichten aus dem Klostermilieu gehörten zum Standardrepertoire der deutschen Ritter- und Räuberromane wie auch der englischen Gothic Novel -- eines Genres, das der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler als im Ganzen "krass antikatholisch" bewertet. In einer Besprechung von M.G. Lewis' "The Monk"(1796), einem Werk, das, vermittelt über E.T.A. Hoffmanns Elixiere des Teufels (1815/16), auch die deutsche Spät- und Schauerromantik beeinflusste, merkt Fiedler an, Figuren wie "der verkommene Mönch, der korrupte Inquisitor, die boshafte Äbtissin" seien schon zur Entstehungszeit von Lewis' Werk "Standard" und "zu erwarten" gewesen. Geschichten über misshandelte, sexuell missbrauchte, eingekerkerte, lebendig eingemauerte oder in Wahnsinn oder Selbstmord getriebene Nonnen erlangten im Laufe des 19. Jhs. zunächst durch die kommerziellen Leihbüchereien, dann durch die Kolportage weite Verbreitung. So erwähnt Karl May in seinem gegen die Kolportageliteratur gerichteten Aufsatz "Ein wohlgemeintes Wort" (1883) Titel wie "Mönch und Nonne, oder das gemordete Kind" und polemisiert gegen Romane voller "zechende[r] Mönche" und "liebeglühende[r] Nonnen"; und in seiner fragmentarischen Autobiographie "Mein Leben und Streben" (1910) kommt er nochmals darauf zurück, als er seiner literarisch minderwertigen Jugendlektüre – darunter Romane wie "Emilia, die eingemauerte Nonne" und "Die Sünden des Erzbischofs" – gedenkt und nicht ohne Zerknirschung den Einfluss der "Raubritter, Räuber, Mönche, Nonnen, Geister und Gespenster aus der Hohensteiner Schundbibliothek" auf sein eigenes Werk eingesteht. Worüber May indes nicht reflektiert, ist die unterschiedliche Gestaltung des Motivs im traditionellen Schauerroman einerseits und im modernen Sensations- und Enthüllungsroman andererseits: Das traditionelle Modell bezog seine Wirkung aus dem Kontrast zwischen Erwartung und Wirklichkeit; vermeintlich fromme Ordensleute, die sich tatsächlich als besonders krasse Sünder entpuppen, gehören in diesem Sinne ebenso zum Genre der "verkehrten Welt" wie Hasen, die ihren Jäger braten (ein beliebtes Motiv mittelalterlicher Buchmalerei). In dem Maße aber, wie - siehe oben - die religiös-moralische Deutungshoheit über die menschliche Sexualität von einer medizinisch-psychologischen abgelöst wird, verlangt das sexuell deviante Verhalten von Priestern, Mönchen und Nonnen nach einer Erklärung -- und eine solche ist schnell gefunden im Verweis auf den Zölibat bzw. das Keuschheitsgelübde: 
"Die Folgen des Cölibats zeigen sich bei den Mönchen auf eine noch widerlichere Weise als bei den Weltgeistlichen, die durch ihren Verkehr mit den Menschen dasselbe eher umgehen können. Das ascetische Leben, die schwächende Diät und der häufige Genuß der Fische wie auch das Geißeln trugen sehr viel dazu bei, den 'Fleischesteufel' [...] aufzureizen. Die in den Klöstern herrschende Sittenlosigkeit übertrifft die kühnste Phantasie." (S. 767f.)
Den Hinweis auf die Folgen übermäßigen Fischverzehrs mag man eher skurril finden, aber die Kernthese ist hier offenkundig, dass die Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs abnorme sexuelle Gelüste hervorbringt. Dass solche aus der Vor- und Frühzeit der Sexualpsychologie stammenden Auffassungen auch heute noch, vielfach geradezu im Tonfall der Selbstverständlichkeit vorgetragen, durch die öffentliche Debatte geistern, ist im Grunde erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das dazu gewissermaßen komplementäre Konzept, die Ehe als ein Mittel zur gesunden, legalen und gesellschaftlich konformen Triebabfuhr zu betrachten, wohl kaum mehr auf großen Zuspruch rechnen könnte. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass der Romanautor die zitierte Passage, ohne Quellenangabe wohlgemerkt, Wort für Wort aus der erstmals 1845 veröffentlichten Schmähschrift "Historische Denkmale des christlichen Fanatismus" von Otto von Corvin abgeschrieben hat; Corvins Buch erlangte später unter dem Titel "Pfaffenspiegel" weite Verbreitung, unter anderem griffen auch die Nazis gern darauf zurück, um die katholische Kirche zu verleumden. Auch einige weitere Passagen des Kapitels sind nahezu wörtlich von Corvin übernommen, so etwa die folgende: 
"Kinder waren die Schattenseite des Nonnenlebens, aber die frommen Vcstalinnen wußten sich zu helfen. Das Mittel war sehr einfach, sie brachten die Kinder um. Bei Abbrechung des Klosters Mariakron fand man in den heimlichen Gemächern und sonst — Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben.
Bischof Ulrich von Augsburg erzählt, daß Papst Gregor I., der auch für das Cölibat sehr eingenommen gewesen, davon zurückgekommen sei, als einst aus einem Klosterteiche 6,000 Kinderköpfe herausgefischt wurden." (S. 768)
Die Geschichte über die Kinderköpfe in einem römischen Teich scheint übrigens tatsächlich auf eine (ziemlich sicher fälschlich) dem Hl. Ulrich von Augsburg zugeschriebene mittelalterliche Quelle ("Epistola de continentia clericorum") zurückzugehen. Schon die Reformatoren nutzten diese Schrift für ihre Polemik gegen den Zölibat. Für die Wirkungsgeschichte der Erzählung ist die Frage nach der Authentizität der Quelle indes zweifellos zweitrangig. Es kann nicht verwundern, dass auch die Romanliteratur von diesem schaurigen Motiv Gebrauch machte. So schilderte Karl May in seinem 1880-82 erschienenen Fortsetzungsroman "Die Juweleninsel" ein Kloster mit dem bezeichnenden Namen "Himmelreich", auf dessen "Klosterkirchhofe" es "einen Winkel [gibt], in welchem man beim Nachgraben nichts finden würde als die Ueberreste neugebore- ner Kinder. […] Die frommen Väter und Mütter haben einander sehr lieb, und der alte Basaltfelsen hat nicht umsonst so tiefe Klüftungen und unterirdische Gänge". Wie tief solche Schauergeschichten sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben, und zwar bis heute, kann man beispielsweise daran ablesen, wie die Öffentlichkeit reagierte, als im Jahr 2014 eine Geschichte über die angebliche Entdeckung eines Kinder-Massengrabs in der Klärgrube eines von Ordensschwestern betriebenen Waisenhauses durch die Medien geisterte. Natürlich musste die Geschichte stimmen, schließlich kennt man so etwas aus Romanen. 

Besonders ausführlich, nämlich auf knapp vier Seiten (S. 770-773), behandelt Dr. Rode einen Fall aus "der neueren Zeit", nämlich jenen der Magdalena Baumann, einer bayerischen Wundarzttochter, die mit 17 Jahren in ein Kloster eintrat, dort von ihrem Beichtvater sexuell bedrängt wurde und nach einem gescheiterten Fluchtversuch eingesperrt und schwer misshandelt wurde. Dieser Fall ist Gegenstand des 1808 in München erschienenen Büchleins "Gemälde aus dem Nonnenleben" des bayerischen Juristen und Historikers Felix Joseph Lipowsky, und es ist anzunehmen, dass Dr. Rode diese Schrift als Quelle benutzt hat, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagt. Der Frage nach der Authentizität von Lipowskys Schilderungen nachzugehen, wäre ein Thema für sich und würde hier den Rahmen sprengen, aber die Vermutung liegt nahe, dass die Aufdeckung eines Klosterskandals im Jahr 1808 nicht zuletzt auch dem Zweck diente, die in den Jahren 1802/03 erfolgte Aufhebung und Enteignung der bayerischen Klöster nachträglich gegenüber der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. So sieht es auch Dr. Rode: "Trotz solcher Erfahrungen gibt es doch noch heute Klöster!", ruft er empört aus (S. 773) -- und merkt zugleich an, der Fall Magdalena Baumann sei "nur ein schwaches Vorspiel gegen die schreckliche Barbarei, deren Opfer unsere Heldin geworden" (ebd.). 

Erst mit Kapitel LIV, das auf S. 774 beginnt, wird der Handlungsfaden um die Titelheldin Barbara Ubryk wieder aufgenommen; wir befinden uns also bereits in der 17. Lieferung des Romans. Das Kapitel beginnt mit Barbaras Eintritt ins Noviziat und endet mit ihrer Ewigen Profess, also ihrer endgültigen Aufnahme in den Orden; aber diese Vorgänge boten dem Autor offenbar wiederum nicht ausreichend Stoff für ein ganzes Kapitel, weshalb er abermals einen umfangreichen polemischen Exkurs einbaut, diesmal zum Thema Reliquienverehrung. Diesen immerhin knapp 9 Seiten langen Exkurs legt er der Novizenmeisterin des Klosters, Schwester Edeltrudis von den sieben Schmerzen Mariens, in den Mund, die offenbar entweder zu borniert ist, um zu bemerken, dass ihre Ausführungen geeignet sind, den Glauben ihrer Novizinnen an die Lehren der Kirche zu untergraben, oder die womöglich sogar ein perverses Vergnügen daran hat. Nicht umsonst betont Dr. Rode, Novizenmeisterinnen besäßen in der Regel "alle jene Untugenden, die man den alten Weibern nachredet, in verstärktem Maße": "Die Novizen sind unter dem unbeschränkten Commando derselben nichts weniger als zu beneiden. Auch Ediltrudis war ein liebenswürdiger Drache. Sie besaß eine eiserne Constitution, war übermäßig wohlbeleibt, hatte ein von den Blattern gezeichnetes Gesicht, einen Mund von übermäßiger Länge und schwarze Zähne." (S. 779) In ihrem Monolog über Reliquien jedenfalls bedient die Novizenmeisterin nicht nur sämtliche seit der Reformationszeit gängigen Klischees über bizarre Auswüchse des Reliquienkultes - so müsse etwa der Hl. Dionysius, wenn alle ihm zugeschriebenen Reliquien echt wären, "zwei vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe" gehabt haben (S. 783); "Splitter vom Kreuze gibt es soviele, daß man daraus eine Kriegsschiff bauen könnte, und die Nägel vom Kreuze wiegen nach Centnern. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich an jeder Hecke" (S. 784); einige andere groteske Anekdoten übernimmt der Autor abermals wörtlich von Corvin -, sondern sie behauptet darüber hinaus, "die ersten Christen" hätten "überhaupt ganz andere Anschauungen von der Lehre Christi" gehabt: "Hoffentlich werden sie als Ketzer auch nicht selig geworden sein, denn sie glaubten oft das reine Gegentheil von dem, was heute geglaubt werden muß." (S. 782). Das ist natürlich ein locus classicus der antikatholischen Propaganda, ob von atheistischer, neopaganer oder evangelikaler Seite; die Beispiele, die Dr. Rode der Schwester Edeltrudis in den Mund legt, sind mir so allerdings noch nirgends untergekommen: 
"So warf der berühmte Kirchenvater Tertullian der Jungfrau Maria vor, daß sie nicht an Christum geglaubt habe, Origines und der hl. Basilius beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und der große heil. Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, daß der Engel ihr die Empfängniß früher verkündet, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung leicht aus Scham ihrem Leben ein Ende hätte machen können." (ebd.) 
Nun, ich sag mal so: Ich habe mir erst kürzlich für schmales Geld die komplette "Bibliothek der Kirchenväter" auf meinem eBook-Reader installiert, ich könnte also durchaus mal gucken, ob sich in den Schriften der genannten Autoren etwas findet, was man mit ausreichend bösem Willen so interpretieren könnte wie hier geschehen. Ich bezweifle aber, dass der Aufwand sich lohnen würde. Möglicherweise befinden sich unter meinen Lesern aber Patristik-Kenner, die hier etwas zur Aufklärung beitragen können. Nur am Rande sei vermerkt, dass die Titulierung Tertullians als "berühmte[r] Kirchenvater" schon mal falsch ist: Zwar ist Tertullian ein bedeutender Autor des frühen Christentums, trägt aber nicht den Titel eines Kirchenvaters, da er sich gegen Ende seines Lebens der Häresie des Montanismus zuwandte. Auch Origines gilt kirchlicherseits nicht in allen seinen Schriften als verlässlich rechtgläubig. 

Abgesehen von diesem Exkurs geht es in Kapitel LIV im Wesentlichen um die Rituale bei Barbaras Noviziat, den Unheil verheißenden Neid der anderen Nonnen auf Barbaras Schönheit ("Die Novize brachte nach ihrer Ansicht einen ungeheuern Fehler mit — sie war schön, ja leider die schönste von allen Frauen im Kloster", S. 776), die strengen Regeln des Klosterlebens ("Der Gebrauch des Papieres auf dem Abtritte ist nicht erlaubt", S. 779) und schließlich, besonders ausführlich, die Feier ihrer Profess. Dabei lässt es der Autor, wie es Brauch ist, nicht an düsteren Vorausdeutungen fehlen: 
"Im Vorbeigehen [...] streckte ein kleines Mädchen die Hände nach Barbara aus und schrie laut genug, um von Jedermann gehört zu werden: — Ich will nicht, nein, ich will nicht, daß die Tante ins Kloster gehe! Diese Kinderstimme zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es war die Stimme der Unschuld, die sich gegen die Unnatürlichkeit des Klosters auflehnte.” (S. 792)
Des Kaisers neue Kleider, anyone? -- Das Kind, das sich hier Gehör verschafft, ist übrigens tatsächlich Barbaras Nichte, eine Tochter ihrer Schwester Therese. -- Und weiter: "Kaum hatte Barbara deu Fuß an die Schwelle des Klosters gesetzt, als sie in Thränen zerfloß. Was sie zum Weinen bewogen haben mochte, hat sie niemals gestanden." (S. 793). Aber auch damit noch nicht genug: 
"Als Barbara die Gelübde aussprach, stockte sie aus Beklommenheit ein wenig. Im nämlichen Augenblicke entglitt einer der Nonnen die brennende Kerze, die sie in ihren Händen hielt, fiel auf den Boden und erlöschte.
Seltsames Vorzeichen!" (S. 796)
Na dann. -- Im Rahmen der Zeremonie erhält Barbara auch einen neuen Namen, nämlich "Jovita von den Engeln" (S. 797). Wie der Autor erläutert, "soll [...] die Annahme eines neuen Namens das letzte Band noch zerreißen, welches den Menschen an die Welt kettet — das Familienband" (ebd.). Nun wissen wir ja inzwischen aus der polnischen Wikipedia, dass tatsächlich Barbara - oder genauer gesagt "Barbara Theresa vom Heiligen Stanislaus" - der Ordensname der "unglücklichen Nonne von Krakau" war, die bürgerlich eigentlich Anna mit Vornamen hieß. Für den Autor jedoch hat es einen unbestreitbaren Vorteil, dass "[d]er freundliche Leser [...] sich [...], wenn er sich mit uns in das Innere der Klöster wagen will, bequemen [muss,] den Namen Barbara zu vergessen, und sich dafür mit Jovita von den Engeln bekannt machen" muss (ebd.): Auf diese Weise braucht er selbst den Namen Barbara in den folgenden Kapiteln - die er ursprünglich sehr wahrscheinlich ohne jeden Bezug zum realen Fall der Barbara Ubryk verfasst hatte - nicht mehr zu verwenden und muss so nicht befürchten, sich bei der Benennung seiner Hauptfigur zu vertun. Möglicherweise war "Jovita von den Engeln" in der Urfassung des Romans sogar niemand anderes als... Elka? Dieser Vermutung werden wir in der nächsten Folge dieser Artikelserie nachgehen.