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Sonntag, 12. Januar 2020

Wachsmalstifte und Gebet

Meine zweijährige Tochter hat schon sehr früh Begeisterung für Musik an den Tag gelegt, und als ausgeprägter Rock- und Popmusik-Nerd bin ich natürlich bestrebt, das zu fördern und ihren Musikgeschmack frühzeitig in wünschenswerte Bahnen zu lenken. Neben Lobpreis, Lobpreis, Lobpreis und zeitlosen Rockklassikern spiele ich ihr gern auch Musik aus meinen wilden Teenagerjahren, also in etwa aus der ersten Hälfte der 90er, vor; und im Zuge dessen habe ich kürzlich auf YouTube etwas wiederentdeckt, was seit längerer Zeit ziemlich in den Hintergrund meines Musikbewusstseins gerückt war, nämlich das MTV unplugged-Konzert der Gruppe Soul Asylum vom 21. April 1993. 

Soul Asylum war ja eigentlich eine Punkband (auch wenn man es damals, zumindest bis der Erfolg des dritten Green Day-Studioalbums Dookie anno 1994 ein quasi offizielles Punk-Revival einläutete, nicht "Punk" nannte, sondern "Alternative Rock"), aber ausgerechnet ihr größter Hit "Runaway Train" war eine Ballade, die so harmlos daherkam, dass sie auch von Bon Jovi hätte sein können; nein, ehrlich gesagt war das Stück sogar noch etwas schlechter als vergleichbare Stücke von Bon Jovi. Die andere Single vom 1992er Album Grave Dancers Union, "Somebody to Shove", mochte ich hingegen, und zwar in ausreichendem Maße, um die Band auch insgesamt zu mögen und mir folglich auch ihren Auftritt bei MTV unplugged anzusehen. Damals war es in dieser Konzertreihe üblich, mindestens einen Song zusammen mit einem Gaststar zu performen; und im Rückblick scheint mir, besonders die "Alternative Rock"-Bands, die der Ehre teilhaftig wurden, bei MTV unplugged spielen zu dürfen, legten Wert darauf, Gaststars einzuladen, mit denen niemand gerechnet hätte. Im Falle von Soul Asylum war es die schottische Sängerin Lulu, die in den 60ern ein Teenie-Idol  mit eigener Fernsehshow gewesen war, inzwischen aber 44 war und aussah wie die ein Jahr ältere Hillary Clinton mit rot getönten Haaren. Soul Asylum-Sänger Dave Pirner outete sich als ihr Fan, und gemeinsam brachten sie Lulus 1967er Hit "To Sir with Love" (aus dem gleichnamigen Film) zu Gehör. Und was soll ich sagen: War jut, ey. 



Okay. Warum erzähle ich das Ganze? Weil es in "To Sir with Love" eine Textstelle gibt, über die ich mich damals geärgert habe, und das fiel mir wieder ein, als ich den Song jetzt zusammen mit meiner Tochter anhörte. Die Textstelle lautet – oder jedenfalls dachte ich das damals –: 

"But how do you thank someone 
Who has taken you 
From prayers to perfumes?" 

Was soll das heißen?, grummelte ich seinerzeit. Da wird ja so getan, als wäre Beten nur etwas für kleine Kinder. Man kann sich das sehr schön bildlich vorstellen: Lütt' Lulu, sechs Jahre alt und mit Zöpfchen, kniet sich jeden Abend vor dem Zubettgehen auf den Bettvorleger und spricht ein Nachtgebet ("As I lay me down to sleep..."), aber dann kommt irgendwann die Pubertät und mit ihr die Angst vor Körpergeruch und der Wunsch, dem anderen Geschlecht zu gefallen, und für Gott hat man keine Zeit mehr. Na toll. 

Okay, zugegeben: Da könnte schon was dran sein. Bei vielen Teenagern zumindest. Die Frage ist, ob man demjenigen, der einen auf diesem Weg begleitet oder gar geführt hat, wirklich danken sollte. 

Na ja, vielleicht ist es ja ein Lied über Firmkatechese. 

Nee, Scherz beiseite, das ist es natürlich nicht. Wie ich jetzt festgestellt habe, heißt es auch gar nicht "from prayers to perfumes". Sondern "from crayons to perfumes", also "von Wachsmalstiften zu Parfüm". Das ist natürlich etwas ganz Anderes. Aber komisch ist es doch, dass sich mir auch da gleich wieder kirchliche Assoziationen aufdrängen. Schließlich geht es auch in der handelsüblichen Kinderkatechese, so wie ich sie in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe, schwerpunktmäßig mehr um Wachsmalstifte als um Gebet...


Dienstag, 5. November 2019

Gas, Wasser, Apostolat: Eine #BenOp-Vision

Kürzlich bekam ich auf Facebook eine Art Hilferuf eines alten Bekannten aus meiner wilden Kneipenapostolats-Zeit zu Gesicht, der eine Bar in Prenzlauer Berg betreibt. (Ich verlinke die Bar jetzt mal nicht, weil es für den Fortgang dieser Erzählung unerheblich ist, um welche es sich handelt.) Er habe gerade eine Art Notfall, teilte mein Bekannter seinen Facebook-Freunden mit: In seiner Bar seien alle Toiletten verstopft, er müsse das Lokal schließen, bis das Problem behoben sei, folglich brauche er jetzt dringend einen guten Klempner.

Symbolbild, Quelle: Carol M. Highsmith’s America, Library of Congress collection, via Flickr 
Mein erster Impuls war es, zu bedauern, dass ich ihm nicht helfen konnte. Schließlich hatte er mir auch schon mal geholfen, in einer sehr brenzligen Situation, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Kurz und gut, ich phantasierte ein wenig darüber, wie es wäre, einen Klempner gut genug zu kennen - oder, präziser gesagt: mit einem Klempner gut genug befreundet zu sein -, dass ich zu diesem sagen könnte: Kümmer dich doch bitte darum, möglichst sofort.

Der nächste Gedanke stellte sich wie von selbst ein: In einer gut aufgestellten #BenOp-Community muss es unbedingt einen Klempner geben. 

Klar, einen Elektriker möglichst auch, und idealerweise sollten noch ein paar weitere Handwerksberufe vertreten sein. Unter dem Aspekt der Selbstversorgung der Community heißt es natürlich "Je mehr handwerkliches Know-How, desto besser", und während man sich so allerlei nützliche Fertigkeiten für Haus und Garten wohl mit Hilfe von Do-It-Yourself-Ratgeber-Literatur oder sogar YouTube-Tutorials selbst beibringen kann, sollte man mindestens für Elektrik und den Bereich Gas/Wasser/Heizung jemanden haben, der dafür professionell ausgebildet ist. Das ist eine Lehre, die ich vom Hausbesetzer-Lehrgang mitgenommen habe, aber im Grunde kann man sich das ja auch so denken. Hier und jetzt will ich aber gerade gar nicht auf den Selbstversorgungs-Aspekt hinaus. Sondern auf das missionarische Potential von Klempnerarbeiten.

Man stelle sich mal eine Situation wie die oben beschriebene vor: Eine Bar hat einen akuten Toiletten-Notfall, und ding-dong steht der #BenOp-Klempner vor der Tür wie ein rettender Engel. Er behebt das Problem schnell, kompetent und unschlagbar preisgünstig, und anschließend setzt er sich in der Bar, deren Existenz er soeben gerettet hat, an die Theke und lässt sich vom Wirt ein Bier ausgeben. Man unterhält sich, und dabei erzählt der Klempner natürlich von seiner Community. Vielleicht lädt er den Wirt zum nächsten Community Dinner ein, zumindest lässt er ein paar Flyer da. Und schon hat man einen sprichwörtlichen Fuß in der Tür der angesagten Kneipenszene. Gelingt es, beim Wirt - dem man immerhin aus einer üblen Patsche geholfen hat - ein wohlwollendes Interesse für die Aktivitäten der Community zu wecken, kann man in Zukunft vielleicht regelmäßig in der Bar für Veranstaltungen werben und/oder bestimmte Veranstaltungen sogar direkt dorthin verlegen. Und wenn die Community ihr eigenes Craft Beer produziert (und das sollte sie!), könnte man beispielsweise mal ein Tap Takeover veranstalten. Oder so.

Es gibt so viele Möglichkeiten. Man muss nur erst mal einen Anfang schaffen. 


Dienstag, 22. Oktober 2019

Suchen & Fragen Vol. IV (Gedanken beim Aufwachen)

Idee für einen Kurs für "kreatives Schreiben": 

Die Kursteilnehmer bekommen den Auftrag, auf der Website von Amazon einen beliebigen Haushalts-, Hygiene- oder Freizeitartikel (kein Buch, kein Film, kein Tonträger) aufzurufen. Und dann müssen sie eine Kurzgeschichte schreiben, in der die ersten vier Gegenstände aus der Rubrik "Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen" vorkommen müssen. 

Hier ein Beispiel: 


Wer es mal ausprobieren möchte, darf mir sein Ergebnis gern zusenden... 

***

Übrigens muss ich zu meinem Beitrag über die brutopische Gewürzgurkenbrause dringend ein Update loswerden; nämlich dies hier: 




Irgendwie wundert es mich überhaupt nicht, dass die sowas mag. Eine gewisse Gurken-Affinität war ihr ja auch schon früher anzumerken...



Sonntag, 20. Oktober 2019

Rocket Man und die Jugendlichen vom Brunowplatz

Gestern Abend war ich noch spät mit dem Kinderwagen unterwegs; genauer gesagt machte ich auf dem Nachhauseweg Umwege, in der Hoffnung, das Kind würde an der frischen Luft und im sanft schaukelnden Kinderwagen leichter einschlafen. Aus purer Gewohnheit ging ich auch bei unserer Kirche vorbei, und mit Entzücken registrierte ich schon aus einiger Entfernung, dass Gesang an mein Ohr drang. Vier oder fünf Jugendliche beiderlei Geschlechts saßen auf den Bänken auf dem Platz vor der Kirche, spielten auf einem Smartphone Musik ab und sangen laut, kräftig und durchaus gekonnt mit. Als ich bei ihnen ankam, sangen sie gerade "Rocket Man". Von Elton John. Aus der Zeit, als Elton John, oder jedenfalls seine Musik, noch gut war: 1972. Woher kennen heutige Jugendliche eigentlich einen fast schon ein halbes Jahrhundert alten Popsong? Ach ja, es gab da neulich diesen Film. 

Auf Facebook habe ich schon mehrfach über ein Video hinweggescrollt, das den Schauspieler Taron Egerton, der im Film den jungen Elton John spielt, im Gespräch mit dem echten, alten Elton John zeigt, und beim Anblick des Letzteren fiel mir auf, wie treffend es war, dass Stefan Raab Elton John schon vor Jahren mal als "die Queen Mum der Popmusik" bezeichnet hatte. Oder anders ausgedrückt: Einer Anekdote zufolge fragte der Maler Lovis Corinth, als er angefragt wurde, den Dichter Stefan George zu porträtieren, einen Kollegen: "Wie sieht dieser Stefan George eigentlich aus?" Der Kollege antwortete nach einigem Überlegen: "Er sieht aus wie ein altes Weib, das aussieht wie ein alter Mann, der wie ein altes Weib aussieht." 

Aber ich möchte eigentlich keine Debatte über die Meriten Elton Johns (oder gar Stefan Georges) vom Zaun brechen, daher hier die Coverversion von "Me First and the Gimme Gimmes": 



Aber zurück zum eigentlichen Thema: Jugendliche, die nachts vor der Kirche sitzen und singen. Find ich super. Ernsthaft. Die Frage, die sich mir dabei jedoch aufdrängt, ist: Wie bekommt man sie in die Kirche hinein? Und ich könnt' mich schon wieder aufregen, wenn ich daran denke, dass die meisten (haupt- wie ehrenamtlichen) Mitarbeiter der Pfarrei, trüge man diese Frage an sie heran, erst einmal zurückfragen würden: "Ja sind die denn überhaupt katholisch?" 

Wirklich, diese Schrebergartenvereinsmentalität regt mich auf. Und die Leute meinen es noch nicht einmal böse, sie sind einfach nur zu festgefahren in ihrem Denken. Die Vorstellung, die Kirchengemeinde sei ausschließlich für die Leute da, die schon seit eh und je dazugehören, ist derartig fest verwurzelt, dass darüber gar nicht mehr reflektiert wird. Man merkt das an tausend Kleinigkeiten, wie zum Beispiel auch daran, dass an der Tür zur Außentoilette der Kirche (die seit Kurzem, dank des tatkräftigen Einsatzes meiner Liebsten und meiner bescheidenen Person, auch mit einem Babywickeltisch ausgestattet ist), kein Toilettensymbol angebracht ist, damit bloß niemand diese Toilette benutzt, der nicht zur Gemeinde gehört. Wie gesagt: Ich könnt' mich schon wieder aufregen. 

Jedenfalls will ich diese Jugendlichen in der Gemeinde haben. Vielleicht sollte ich zukünftig öfter spätabends am Brunowplatz entlangspazieren. Teenager sind ja oft ein scheues Wild, aber vielleicht werden sie zutraulicher, wenn sie einen öfter sehen. Und dann kann man sie vielleicht zum nächsten Nightfever Special einladen, das für Ende Januar/Anfang Februar angedacht ist. Oder zum Dinner mit Gott. Oder zu unserer wöchentlichen Lobpreis-Andacht. 

Ich weiß: "belonging before believing" ist ein umstrittenes Konzept, und das durchaus "aus Gründen". Man darf es eben nicht als "belonging instead of believing" missverstehen. Aber irgendwo muss man ja mal anfangen mit der Gemeindeerneuerung. 

Jedenfalls sehe ich schon kommen, dass ich zukünftig jedesmal, wenn ich "Rocket Man" höre, an die Jugendlichen vom Brunowplatz werde denken müssen. Und das hat doch was sehr Motivierendes. 


Sonntag, 6. Oktober 2019

Ein Schelm, der nicht mit suppet!

Saludos, Compañeros! Gestern war "Suppe & Mucke", und obwohl ich im Vorfeld damit gerechnet hatte, dass wir zu viel anderes zu tun haben würden, um da hinzugehen, gingen wir doch hin. Ist ja schließlich eigentlich ein Muss. Außer 2017 sind meine Liebste und ich, seit wir uns kennen, immer zu diesem Festival gegangen, und davor auch schon ein paarmal unabhängig voneinander. 2016 und 2018 habe ich ja bereits recht ausführlich darüber gebloggt, wieso bzw. inwiefern ich dieses Event als Inspirationsquelle für "Punkpastoral"-Initiativen so interessant finde; das muss ich daher hier wohl nicht unbedingt wiederholen. 

Dieses Jahr war bei "Suppe & Mucke" allerdings manches etwas anders als sonst. "Kein Straßenfest" lautete das Motto, d.h. das Suppenfestival fand diesmal nicht auf offener Straße in Friedrichshain statt, sondern - "etwas kleiner und kuschliger", wie es auf der Facebook-Veranstaltungsseite hieß - auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks Berlin-Lichtenberg-Ost im Ortsteil Rummelsburg.

Auf dem Weg dorthin sah es übrigens zwischenzeitlich so aus, als seien wir rettungslos am Ostkreuz gestrandet: Der durch Baumaßnahmen ohnehin eingeschränkte S-Bahn-Verkehr brach infolge einer Stellwerksstörung vorübergehend völlig zusammen, und dank eines defekten Aufzugs konnten wir mit unserem Kinderwagen nicht einmal den Bahnsteig verlassen, an dem wir angekommen waren; na, dit is Berlin, wa. Schließlich kamen wir aber doch noch ans Ziel. 















Das Flair der Location war angenehm (und erwartungsgemäß) punkig, und außer Suppe, Mucke und allerlei Infoständen (z.B. von den Initiativen "200 Häuser", "A 100 stoppen", "Bucht für Alle" und "Volksentscheid Transparenz") gab es dort u.a. auch einen Mitmach-Zirkus für Kinder und einen Stand, an dem man Dosengitarren basteln konnte. Spaß für das Kind war also gewährleistet. Einige alte Bekannte aus meiner Friedrichshainer Zeit traf ich auch. Nebenbei sinnierte ich darüber, wie es wohl kommen mochte, dass es - soweit ich es überblicken konnte - offenbar keinerlei Schnittmengen zwischen den hier vertretenen Ausstellern und denjenigen Initiativen gibt, die nächste Woche beim "Emergent Berlin Festival" im Baumhaus vertreten sind. Ob das so ein Ost-West-Ding ist? Oder liegt es vielleicht daran, dass "Suppe & Mucke" explizit politisch ist und das Baumhaus-Umfeld das Thema "nachhaltige Entwicklung" eher aus einem spirituellen Blickwinkel betrachtet? Lagerdenken allenthalben! Vielleicht hat es aber auch gar nicht so viel zu bedeuten, wie ich denke. 

Ach ja, und außerdem muss ich noch die Überschrift dieses Artikels erläutern. Die bezieht sich auf eine Anekdote über den für seinen Humor und seine Schlagfertigkeit berühmten Philologen Friedrich Taubmann (1565-1613): Als Taubmann einmal beim Kurfürsten von Sachsen zum Essen eingeladen war und keinen Löffel dabei hatte, rief der Kurfürst aus: "Ein Schelm, der nicht mit suppet!" Daraufhin schnitt Taubmann ein Stück Brotrinde ab, löffelte damit die Suppe, aß anschließend die Rinde auf und sagte: "Ein Schelm, der seinen Löffel nicht isset!" 

(Zusammenhang: Bei "Suppe & Mucke" muss man, wie zu Taubmanns Zeiten, sein eigenes Geschirr und Besteck mitbringen.) 



Freitag, 20. September 2019

Suchen & Fragen Vol. II (Gedanken beim Aufwachen)

Bei der Lektüre von Manhattan Transfer hat mich - Achtung Spoiler! - Bud Korpennings plötzlicher Tod (nach nicht einmal einem Drittel der Roman-Gesamtlänge) auf sonderbare Weise erschreckt; so sehr, dass ich die Passage dreimal lesen und dann noch Sekundärliteratur aus dem Internet zu Rate ziehen musste, um sicher zu sein, dass er wirklich tot ist. Ich hatte gedacht, seine Geschichte hätte noch gar nicht richtig angefangen, und nun ist sie plötzlich vorbei. Frage mich nun, ob sein gescheiterter Versuch, in New York Fuß zu fassen, gewissermaßen eine Metapher für die ebenfalls zum Scheitern verurteilten Bemühungen des Lesers ist, sich in diesem Roman zurechtzufinden. Man denkt, man hat die Brücke gefunden, die ins Zentrum des Romans führt, und dann kippt man übers Geländer und zerschellt im Gewirr aus Wörtern, Buchstaben und Satzzeichen. 

Symbolbild, Quelle: Pexels 
Im Übrigen habe ich den Verdacht, dass in diesem Roman das Wort "Brunch" erfunden wurde oder zumindest durch diesen Roman allgemeine Verbreitung gefunden hat. In der etwas angestaubten deutschen Übersetzung von Paul Baudisch wird es mit "Frittag" wiedergegeben: "Was ist denn Frittag?", fragt Ruth Prynne, und Jimmy Herf antwortet: "Du ißt Frühstück und ich esse Mittag" (S. 113). 

Erheblich später unterhält sich Jimmy Herf mit einem Journalistenkollegen, der über einen mutmaßlichen Doppelmord an einem stadtbekannten langbärtigen Sonderling und dessen Tochter berichten will, aber fürchtet, dass der Krieg in Europa (=der I. Weltkrieg) das Interesse von diesem Fall ablenken wird. Daraufhin schlägt Jimmy vor:
"Du könntest dir was zusammenschwindeln, zum Beispiel, daß er ein verlorengegangener österreichischer Thronerbe war und aus politischen Gründen ermordet worden ist." (S. 185) 
Woran erinnert uns das? Also, mich jedenfalls an die "backstory" der "Drei ???"-Episode "Die flammende Spur" von M.V. Carey. Der Originalfassung wohlgemerkt, denn in der deutschen Fassung wurde die Hintergrundgeschichte dieses Falles nahezu zur Unkenntlichkeit umgemodelt. Überhaupt waren die Verantwortlichen für die deutsche "Drei ???"-Reihe auffallend überempfindlich gegenüber politischen Stoffen. Das wäre eigentlich mal eine eingehendere Analyse wert. 


Dienstag, 17. September 2019

Suchen & Fragen Vol. I (Gedanken beim Aufwachen)

Wie kommt es eigentlich, dass Angelika Express nie so groß geworden ist wie Kraftklub? Waren sie einfach zu früh? Oder liegt es daran, dass Kraftklub um das entscheidende Quentchen weniger sophisticated ist und darum auch beim Pöbel ankommt? 


(Überhaupt sollte man vielleicht erwägen, statt "breite Öffentlichkeit", "Mitte der Gesellschaft" oder dergleichen lieber wieder öfter "Pöbel" zu sagen. Wenn sich jemand darüber beschwert, kann man darauf hinweisen, dass das vom lateinischen "populus" kommt und daher nicht beleidigend sei.) 

Und was hat es eigentlich mit dem Text von "Teenage Fanclub Girl" auf sich? Ich meine, okay: Dass die in dem Song beschriebene Frau auf die Frage "nach der besten Gruppe aller Zeiten auf der ganzen Welt" die lahme Antwort gibt, "dass ihr Teenage Fanclub gut gefällt", soll zweifellos ihren trantütigen Charakter auf den Punkt bringen, aber ist das der Gruppe Teenage Fanclub gegenüber als "Diss" gemeint oder vielleicht eher als anerkennender bzw. respektvoller "Hat Tip" wie in "Let's Dance to Joy Division" von den Wombats oder "Sumisu" von Farin Urlaub? -- Nachdem ich auf YouTube mal kurz in ein paar Songs von Teenage Fanclub reingehört habe, glaube ich, es ist wohl doch eher als Diss gemeint. 

Übrigens habe ich geträumt, die SPD hätte die Wahl gewonnen - irgendeine Wahl, keine Ahnung welche, vielleicht die Urwahl um ihren eigenen Vorsitz[*] - und wollte jetzt Krebs verbieten; und ich saß mit drei Schweizer Pastoren in einer Hotellobby (war Rod Dreher auch dabei? Ich bin nicht sicher) und diskutierte darüber, was man davon nun halten solle und was für Konsequenzen das haben werde. 


[* Wär ja auch komisch, wenn die CDU die Urwahl um den SPD-Vorsitz gewinnen würde. Wobei, zuzutrauen wär's ihr...]


Montag, 6. Mai 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (3. Woche der Osterzeit)

Was bisher geschah: Über meinen Vater-Tochter-Ausflug zum Tegeler Fließ auf der Suche nach Wasserbüffeln habe ich ja bereits berichtet; außerdem war ich - am Donnerstagabend - mit Frau und Kind beim "Open Buffet" des Real Junk Food Project, einer Initiative gegen Lebensmittelverschwendung. Nach dem Veranstaltungsort zu urteilen - genauer gesagt: nach den dort an den Wänden prangenden Plakaten anderer Veranstaltungen zu urteilen - scheint diese Initiative etwas eindeutiger linksradikal orientiert zu sein als etwa Foodsharing, aber die Atmosphäre war sehr freundlich und das Essen - kredenzt aus Lebensmitteln, die sonst im Abfall gelandet wären - sehr lecker. Darunter waren interessante Kreationen wie Schoko-Brownies auf Rote-Bete-Basis. Klingt komisch, aber mjam mjam. -- Der ereignisreichste Tag der zurückliegenden Woche war indes der Mittwoch, denn da hatten wir zuerst Maiandacht und anschließend "Dinner mit Gott" plus Lokalausschussitzung. -- Ich habe ja schon mal erwähnt, dass die Maiandachten (und ebenso die Kreuzwegandachten in der Fastenzeit und die Rosenkranzandachten im Oktober) im Wechsel von verschiedenen Gemeindekreisen gestaltet werden; im Wochenplan und in den Vermeldungen wird aber in der Regel nicht verraten, welcher Kreis wann an der Reihe ist, und für einige ältliche Damen aus der Gemeinde war es offenbar eine unwillkommene Überraschung, dass die erste Maiandacht dieses Jahres ausgerechnet von meiner Liebsten und mir gestaltet wurde. Das ließen sie uns zu Beginn der Andacht recht deutlich spüren. Im Ganzen fand ich die Veranstaltung trotzdem gelungen, und die anschließende Kombination aus Dinner und Lokalausschussitzung war rundum erfreulich.  


Was ansteht: Insgesamt zeichnet es sich ab, dass der Monat Mai für mich stark im Zeichen von #BenOp-Promo stehen wird, und los geht's am kommenden Freitag mit einer Buchvorstellung in der mittelsächsischen Kreisstadt Döbeln. Veranstalter sind der von Stefan Friedrich geleitete Gesprächskreis "Colloquium Catholicum", mit dem ich schon früher bei verschiedenen Gelegenheiten zusammengearbeitet habe, und der Katholische Arbeitskreis der CDU Sachsen. Ich bin mal gespannt. Die CDU und ich, das ist ja bekanntlich nicht unbedingt a match made in heaven, und auch ganz abgesehen von meiner bescheidenen Person kann ich mir gut vorstellen, dass die Thesen der "Benedikt-Option" zum Thema "antipolitische Politik" bzw. "parallele Polis" bei den sächsischen Christdemokraten durchaus kontrovers aufgenommen werden. Aber hey, das macht die Sache ja gerade interessant.

Ansonsten steht für diese Woche noch nichts besonderes auf dem Programm. Aber das kann sich natürlich noch kurzfristig ändern, und wenn nicht, ist es vielleicht auch mal ganz gut...

Am kommenden Sonntag ist bei uns in der Gemeinde (und sicherlich nicht nur dort) übrigens Erstkommunion; außerdem ist aber auch Weltgebetstag um geistliche Berufungen --- und Muttertag! 


aktuelle Lektüre: Das Lesen, jedenfalls von Büchern, ist derzeit ein trauriges Thema bei mir. Immerhin, Anja Hradetzkys "Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde" habe ich innerhalb einer Woche durchgelesen -- übrigens nachdem meine Frau von den ersten Kapiteln, die ich ihr vorlas, so begeistert war, dass sie mir das Buch buchstäblich vor der Nase weglas. Ich selbst fand es ebenfalls sehr gut. Darüber wird noch mehr zu sagen sein, besonders auch über die überraschend stark ausgeprägten religiösen Untertöne.

Und sonst so? Mit "Kraft der Stille" komme ich nach wie vor nur sehr schleppend voran, "Christus vivit" nervt kolossal (trotz einiger guter Passagen); Bernhard Meusers "Christsein für Einsteiger" müsste ich mal wieder zur Hand nehmen, und den "Herrn der Ringe" natürlich auch... So nebenbei, aber durchaus mit Genuss habe ich in der letzten Woche ein weiteres Fundstück meiner fortlaufenden Büchersortierbemühungen durchgelesen, die mittelalterliche Versnovelle "Meier Helmbrecht" in einer sehr gefälligen neuhochdeutschen Nachdichtung von Karl Pannier. Und dann wartet ja auch noch das Buch "Laufen. Essen. Schlafen." von Christiane Thürmer auf mich. Mal sehen...  


Linktipps:
Ein Nachruf auf den Folksänger Pete Seeger (1919-2014), ursprünglich veröffentlicht wenige Wochen nach seinem Tod; aber vergangenen Freitag war Seegers 100. Geburtstag, und das soll mir Anlass genug sein, diesen Artikel zu empfehlen. Der Journalist und Blogger Neil Clark porträtiert den Schöpfer von Liedern wie "Where Have All the Flowers Gone?", "If I Had a Hammer" und "Turn! Turn! Turn!" als Verfechter eines utopischen Sozialismus, der in letzter Instanz zutiefst konservativen Idealen verpflichtet ist und mit der von der "Neuen Linken" seit den 1960er-Jahren betriebenen radikalen "Umwertung aller Werte" (Nietzsche) herzlich wenig gemein hat. "Er war ein besserer Sozialist als die trotzkistischen Ideologen, die ihn beschuldigten, Stalinist zu sein, und ein besserer Konservativer als die McCarthy-Anhänger, die ihn verfolgten", resümiert Clark.

Herzerwärmende Reflexionen einer vierfachen Mutter über die unvergleichlich intime Bindung zwischen Mutter und Kind; darin eingebettet eine Meditation über die Gottesmutter Maria in ihrer Eigenschaft als Inbegriff von Mütterlichkeit. Übrigens dürfte der Name der Autorin über kurz oder lang auf meiner Lektüreliste auftauchen; aber dazu mehr zu gegebener Zeit.


Heilige der Woche: Der Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet sieht für diese Woche keine besonderen Fest- und Gedenktage vor.  


Aus dem Stundenbuch: 

Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes * als wohnen in den Zelten der Frevler. (Psalm 84,11)



Freitag, 3. Mai 2019

Auf der Suche nach Wasserbüffeln

Alles begann am Ostermontag mit einem Familienausflug in den Tierpark Berlin-Friedrichsfelde. Zu den Tieren, die man dort bewundern konnte, gehörten nämlich auch asiatische Wasserbüffel. Und irgendwie - ich könnte selbst nicht sagen, warum - beeindruckten und faszinierten mich diese Tiere. 




"Werden nicht irgendwo in Brandenburg auch Wasserbüffel gezüchtet?", fragte ich meine Liebste. Keine Ahnung, wie ich darauf kam. In dem "Cowgirl"-Buch, das ich hier schon ein paarmal erwähnt habe, kommen Wasserbüffel vor, allerdings eher beiläufig, und da geht es um einen Hof in Bayern, auf dem die Protagonistin ein Praktikum im Rahmen ihres Ökolandbau-Studiums absolviert. Vor allem aber hatte ich das Buch zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht. Das konnte es also nicht gewesen sein. Waren bei der Buchvorstellung, die ich besucht hatte, Wasserbüffel erwähnt worden? Möglich, aber ich kann mich nicht daran erinnern.

Meine Liebste war jedenfalls auch der Meinung, irgendwie irgendwo schon mal was über Wasserbüffel in Brandenburg gehört oder gelesen zu haben, wusste aber ebenfalls nichts Genaueres. Ein paar Tage später fiel mir das Thema wieder ein, und ich befragte Onkel Google. Tatsächlich: Landwirtschaftliche Betriebe, die Wasserbüffel halten, gibt es in Brandenburg eine ganze Reihe -- zum Beispiel in Hirschfelde bei Werneuchen, Gröden (Elbe-Elster), Jüterbog und Werder (Havel). Der Geschmack von Büffelfleisch ist, wie man hört, nicht jedermanns Sache, aber die, die es mögen, betrachten es als Delikatesse; und die Milch der Büffel ist besonders fetthaltig. In Kremmen (Oberhavel) gibt es eine Käserei, die echten Büffelmozzarella herstellt. Aber noch interessanter als die Aufzucht von Büffeln zur Milch- und Fleischgewinnung fand ich den Einsatz von Büffeln in der Landschaftspflege. Entsprechende Beweidungsprojekte gibt es, wie ich erfuhr, beispielsweise im Nationalpark Unteres Odertal, wo "Cowgirl" Anja Hradetzky ihren Hof hat -- aber auch am Tegeler Fließ, und das ist ganz bei mir in der Nähe!

Wie ich feststellte, haben die Wasserbüffel am Tegeler Fließ eine hübsch gestaltete Website; ganz oben auf der Seite prangt der Schriftzug "Ein Biologieprojekt des GvB-Gymnasiums" -- was ich im ersten Moment so verstand, als sei die Ansiedlung der Büffel im Fließtal ein Projekt im Rahmen des schulischen Biologieunterrichts. Ich mein', hätt' ja sein können. Beispielsweise gehört zum Permakultur-Gartenprojekt "GleisBeet" auf dem Gelände des ehemaligen Wriezener Bahnhofs in Berlin-Friedrichshain auch eine im Rahmen eines Schulprojekts bebaute Fläche. Aber zugegeben, eine Büffelherde in einem Naturschutzgebiet weiden zu lassen ist da im direkten Vergleich wohl doch noch eine Nummer größer. Tatsächlich wird das Beweidungsprojekt vom Bezirksamt Reinickendorf in Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt betrieben und durch EU-Mittel gefördert. Schüler des Bio-Leistungskurses am Gabriele-von-Bülow-Gymnasium betreuen lediglich die Website, die das Projekt dokumentiert. Na dann. 

Interessanter ist ja allemal die Frage: Was soll das Ganze? Die Antwort ist ausgesprochen faszinierend. Ich versuch's mal mit meinem Laienverstand zusammenzufassen: Feuchtwiesen sind schwierig zu bewirtschaften, da man sie nicht maschinell mähen kann und sie sich auch für die Beweidung mit handelsüblichen Hausrindern kaum eignen, zumal diese dort kaum für sie geeignetes Futter finden. Überlässt man die Feuchtwiesen jedoch sich selbst, verwandeln sie sich nach und nach in einen Wald. ("Das nennt man Sukzession", klärte meine Liebste, die ja studierte Biologin ist, mich auf.) Das Problem dabei ist, dass im Zuge dieses Landschaftswandels seltene und bedrohte Tier- und Pflanzenarten verdrängt werden -- die exakt deshalb selten und bedroht sind, weil es infolge massiver Eingriffe des Menschen in die Landschaftsentwicklung seit der Industrialisierung insgesamt zu wenig Feuchtwiesen gibt. Und hier kommen nun die Wasserbüffel ins Spiel: Diese Tiere sind ausgezeichnet an das Leben auf feuchten Böden angepasst, fressen problemlos auch Schilf und Sauergras -- und zugleich tragen sie durch ihr Wandern und Suhlen, durch ihr Scheuern an Gehölzen und durch ihr Fressverhalten wesentlich zur Strukturierung der Landschaft bei, nicht zuletzt auch, indem sie die Ausbreitung des Baumbestands eindämmen. "Diese Effekte sind gewollt und dienen der Entwicklung vielfältiger Strukturen und der Förderung konkurrenzschwacher Arten", heißt es auf einer Infotafel des Bezirksamts. 

Somit sind die angestrebten Auswirkungen der Beweidung des Fließtals mit Wasserbüffeln also durchaus den von mir schon mehrfach erwähnten Auswirkung der Wiederansiedlung von Wölfen im Yellowstone-Nationalpark vergleichbar, wenn auch vielleicht nicht ganz so spektakulär. Mein Interesse an den imposanten Wiederkäuern wuchs in ungeahnte Höhen. 

Übrigens liegt das Naturschutzgebiet Tegeler Fließtal in einer, wenn man so will, ausgesprochen katholischen Umgebung: An seinem einen Ende grenzt es an die St.-Josephs-Siedlung an, ein in den 1920er-Jahren eigens für katholische Arbeiterfamilien angelegtes Siedlungsprojekt mit eigener Kirche (deren Zukunft auf mittlere Sicht allerdings ungewiss ist); und am anderen Ende liegen die katholische Salvator-Schule und das Franz-Jordan-Stift, ein Seniorenheim der Caritas. Aber das mal nur nebenbei. 

Kurz und gut, als hier neulich mal besonders schönes Wetter war, brach ich mit meiner kleinen Tochter zu einen Ausflug ans Tegeler Fließ auf. 


Gut zwei Stunden lang durchstreiften wir das Naturschutzgebiet von der St.-Josephs-Siedlung bis nach Hermsdorf und zurück, aber obwohl es sogar einen praktischen Übersichtsplan über die Weideflächen der Wasserbüffel und spezielle Aussichtspunkte gab... 


...und obwohl ich mir zeitweilig einbildete, die Büffel bereits riechen zu können, bekamen wir die Herde nicht zu Gesicht. Sehr schön war's trotzdem im Fließtal: 






Aber zufrieden geben mag ich mich doch nicht damit, die Büffel nicht gesehen zu haben. Ich muss wohl bald mal einen zweiten Versuch unternehmen. Wahrscheinlich - und damit komme ich kurz vor Schluss zur geistlichen Nutzanwendung dieser ganzen Büffelgeschichte - rührt mein Interesse in letzter Instanz daher, dass ich mich diesen Tieren irgendwie verwandt fühle. Oder besser gesagt, dass ich mich mit ihrer Aufgabe gut identifizieren kann. So ähnlich sehe ich meine Aufgabe in meiner Pfarrgemeinde auch: allmählich, beharrlich und schlicht durch mein "So-Sein" die Umweltbedingungen verändern. Mich an überhand nehmenden, verholzten Strukturen scheuern, offene Räume schaffen, Artenvielfalt ermöglichen. 

Okay, ehrlich gesagt habe ich mir diese Analogie gerade eben erst ad hoc zurechtgelegt. Aber ich glaube, da ist durchaus was dran. 

Muh.



Montag, 29. April 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (2. Woche der Osterzeit)

Was bisher geschah: Am Ostermontag gab's bei herrlichem Wetter einen sehr schönen Familienausflug in den Tierpark, und danach fuhren wir für drei Tage nach Neuzelle. Motto: "Familieneinkehrtage prima selbermachen". (Letztes Jahr um diese Zeit waren wir für vier Tage im Gebetshaus Augsburg.)  Die Anreise mit der Bahn dauerte infolge eines Stellwerkschadens in Berlin-Rummelsburg stolze drei Stunden länger als geplant, und auch der Aufenthalt selbst verlief deutlich anders, als wir uns das eigentlich vorgestellt hatten, aber so ist das wohl oft im Leben. Die Mönche des Zisterzienserpriorats Neuzelle stellten uns eine ziemlich komfortable Gästewohnung im Dachgeschoss des Florianstifts, einige hundert Meter außerhalb des Klostergeländes gelegen, zur Verfügung, aber davon abgesehen bekamen wir sie kaum zu sehen -- auch zu den Gebetszeiten nicht, denn zum Chorgebet versammeln sich die Mönche auf der Empore der Klosterkirche, während das gemeine Volk im Kirchenschiff lediglich zuhören darf. Dass man durch große Hinweistafeln über die empfindliche Akustik des Gebäudes belehrt und folgerichtig ermahnt wird, während des Chorgebets möglichst jedes Geräusch zu vermeiden, sorgt zusätzlich für eine gewisse Anspannung, wenn man ein putzmunteres eineinhalbjähriges Kind bei sich hat. Aber ich will gar nicht meckern: Alles in allem hatten wir eine ausgesprochen schöne Zeit in Neuzelle, nicht zuletzt auch dank der Tatsache, dass es unweit des Klosters einen tollen Kinderspielplatz gibt. Dort holte ich mir übrigens den ersten Sonnenbrand des Jahres -- auf dem Kopf, was mich veranlasst hat, nach unserer Rückkehr meinen im Sommer 2016 in Castrojeriz am Jakobsweg gekauften Strohhut mal wieder hervorzukramen. -- Und am gestrigen Sonntag stand dann die zweite Ausgabe des "Offenen Büchertreffs" auf dem Programm; schon spürbar besser besucht als beim ersten Mal, ausgezeichnete Stimmung, und unser Pfarrer stellte seine (durchaus umfangreichen) Publikationen zur lokalen bzw. regionalen Kirchengeschichte vor. Schade war nur, dass unsere Tochter diesmal das einzige Kind unter den Gästen war. Aber hey, in knapp drei Wochen startet der "Krabbel-Brunch"... 


Was ansteht: Ich muss eine Maiandacht vorbereiten -- und habe das noch nie gemacht! Okay, die Andacht ist erst am Mittwoch, aber sinnvoll wär's schon, wenn der Ablaufplan heute noch fertig würde. Die Chancen, das zu schaffen, stehen und fallen vermutlich mit der Mittagsschlaf-Dauer meiner Tochter... Ebenfalls am Mittwoch ist "Dinner mit Gott", und originellerweise hat der Lokalausschuss unserer Kirchengemeinde beschlossen, bei diesem Dinner seine nächste Sitzung abzuhalten. Also, falls das jetzt nicht unmissverständlich genug ausgedrückt war: Das Dinner ist zugleich die Sitzung. Um für eine produktive Atmosphäre zu sorgen, hat meine Liebste ein besonders vorbereitungsintensives Essen - bunte Gemüsepfanne und Hähnchengeschnetzeltes - auf den Menüplan gesetzt, damit alle Teilnehmer ordentlich was zu schnippeln haben. -- Davon abgesehen hoffe ich in dieser Woche endlich mal wieder etwas mehr zum Schreiben zu kommen und habe mir daher sonst nicht viel vorgenommen, außer dass ich, wenn das Wetter gut wird, mit meiner Tochter mal einen kleinen Ausflug zur Wasserbüffelherde am Tegeler Fließ unternehmen will. Und am Freitag ist großer Dublettenverkauf in der Bibliothek des Konservatismus... na, mal sehen. 


aktuelle Lektüre: Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, während des Aufenthalts in Neuzelle fleißig "Kraft der Stille" von Kardinal Sarah weiterzulesen, aber bezeichnenderweise bin ich dann doch relativ bald zum "Herrn der Ringe" abgeschweift, wo ich jetzt die Heerschau von Rohan hinter mich gebracht habe. Nichts für ungut, Eminenz, aber "Kraft der Stille" ist schwere Kost. Immerhin kann ich erneut mit einem beeindruckenden Zitat aufwarten: 
"Ohne Lärm fällt der postmoderne Mensch in eine dumpfe, quälende Unsicherheit. Er ist den ständigen Lärm gewohnt, der ihn einlullt und zugleich krank macht. Ohne Lärm ist der Mensch angespannt, gereizt und verloren. Der Lärm verschafft ihm Sicherheit, gleich einer Droge, von der er abhängig geworden ist. Nach außen scheint dieses Getöse wie ein Fest, aber es ist ein Wirbel, der den Menschen davon abhält, sich selbst anzuschauen, wie er wirklich ist. Die Unruhe wird zum Anästhetikum, zum Beruhigungsmittel, zur Morphiumspritze, zu einem fadenscheinigen Traumbild. Aber dieser Lärm ist ein gefährliches und illusorisches Medikament, eine teuflische Lüge, die den Menschen nur davon fernhält, seinem leeren Inneren zu begegnen." 
Davon abgesehen ist am Wochenende mein Rezensionsexemplar von "Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde" von Anja Hradetzky eingetroffen -- ich erwähnte dieses Buch bereits. Habe die ersten rd. 70 Seiten in einem Rutsch durchgelesen und bin soweit ziemlich angetan. Genaueres hierzu zu gegebener Zeit und an anderer Stelle. "Für danach" steht auch schon was auf der Leseliste: Eine Cousine meiner Liebsten hat uns das Buch "Laufen. Essen. Schlafen." von Christine Thürmer ausgeliehen (und nachdrücklich empfohlen). Was ich nicht zuletzt deshalb bemerkenswert finde, weil dieses Buch schon einmal auf meinem Blog erwähnt worden ist -- in einem Artikel von 2016.  Damals hatten meine Liebste und ich in einem Laden für Outdoor-Bedarf Werbung für das Buch (genauer gesagt, die Ankündigung einer Autorenlesung) gesehen, und meine Liebste hatte die Einschätzung geäußert, das sei "wahrscheinlich ein wesentlich besseres Buch als alle handelsüblichen Bestseller über den Jakobsweg"; und zwar weil es darin "um existenzielle Erfahrungen beim Wandern geht und nicht um spirituelle Erfahrungen beim Pilgern - beschrieben von Leuten, die den Unterschied dazwischen nicht kennen beziehungsweise nicht verstehen." Nun hat sie es innerhalb eines Tages durchgelesen und fand es tatsächlich sehr gut. Dann werde ich es wohl auch lesen müssen. Sobald ich Zeit dazu habe. 


Linktipps:
Viele meiner Leser werden die Situation aus eigener Erfahrung kennen -- ich selbst jedenfalls zur Genüge: Da geht man, nichts Böses ahnend oder vielleicht doch, zur Heiligen Messe und muss erleben, wie der Priester in der Predigt fundamentale Glaubenswahrheiten in Zweifel zieht oder gar geradeheraus leugnet. Tatsächlich, so meint Brantly Millegan, ist diese Erfahrung so verbreitet, dass viele gläubige Katholiken sich gar nicht mehr groß darüber aufregen. Das sollten sie aber! -- Ein Artikel, der Wut... äh, Mut macht.

Ostern, so scheint es, ist eine besonders beliebte Zeit für Schmähungen und Spott über den christlichen Glauben; das gilt für den SPIEGEL ebenso wie für vulgäratheistische Social-Media-Trolle. Dabei, so legt Rudolf Gehrig sehr eindringlich dar, verkennen diese Spötter und Verächter des Christentums etwas ganz Wesentliches: dass der christliche Glaube nicht einfach eine Theorie oder ein abstraktes System von Überzeugungen ist, sondern in allererster Linie eine Liebesbeziehung.  Lesebefehl! 



Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 29. April: Hl. Katharina von Siena (1347-1380), Ordensfrau (Dominikanerin), Mystikerin und Kirchenlehrerin. Wohl weil sie eine der profiliertesten, einflussreichsten Frauen der Kirchengeschichte ist und in ihren Briefen selbst Päpste zurechtwies, wird ihr Festtag von interessierten Kreisen als "Tag der Diakonin" kirchenpolitisch instrumentalisiert; aber glücklicherweise ist Katharina auch Schutzheilige gegen Kopfschmerzen und Patronin der Waschfrauen. Mehr will ich nicht gesagt haben. 

Dienstag, 30. April: Hl. Pius V. (1504-1572), ab 1566 Papst, zuvor Großinquisitor. Geschätzt für seine persönliche Integrität und tiefe Frömmigkeit, gefürchtet für seine Strenge v.a. gegenüber Häretikern. Reformierte die Kurie, ließ in der Folge des Reformkonzils von Trient Neufassungen von Katechismus, Brevier und Messbuch erstellen. Gründete mit Spanien und Venedig die Heilige Liga zum Kampf gegen die Türken, stiftete nach der siegreichen Seeschlacht von Lepanto (1571) das Rosenkranzfest (7. Oktober). 

Mittwoch, 1. Mai: Hl. Josef der Arbeiter. Diesen Festtag stiftete Papst Pius XII. im Jahr 1955, um den bereits 1890 von der Zweiten Sozialistischen Internationale ausgerufenen Internationalen Tag der Arbeiterbewegung gewissermaßen "ins Katholische zu übersetzen". Bereits Papst Leo XIII. hatte in seiner Enzyklika "Quamquam pluries" (1889) die Rolle des irdischen Ziehvaters Jesu als Schutzpatron der Arbeiter betont. 

Donnerstag, 2. Mai: Hl. Athanasius der Große (ca. 300-373), Kirchenlehrer. Dunkelhäutig und von kleiner Statur, wurde er von seinen Gegnern als "schwarzer Zwerg" geschmäht. Nahm am Konzil von Nizäa (325) teil, wurde 328 Patriarch von Alexandria. Bekämpfte vehement die Irrlehre des Arianismus und wurde mehrfach verbannt.  Einen informativen Vortrag über Leben und Wirken dieses Kirchenvaters gibt es hier. 

Freitag, 3. Mai: Hll. Philippus und Jakobus, Apostel. Während der Apostel Philippus bei Matthäus, Markus und Lukas lediglich in den Apostellisten erwähnt wird, spielt er im Johannesevangelium an mehreren Stellen eine etwas profiliertere Rolle. Jakobus, Sohn des Alphäus - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Sohn des Zebedäus und Bruder des Apostels Johannes - wird in der kirchlichen Tradition mit dem Herrenbruder Jakobus und Verfasser des Jakobusbriefs gleichgesetzt, was allerdings umstritten ist. 

Samstag, 4. Mai: Hl. Florian, Märtyrer der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian im heutigen Österreich, bekannt v.a. als Schutzpatron der Feuerwehr. 


Aus dem Stundenbuch: 

Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn. (Hohelied 8,7)



Montag, 15. April 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (Karwoche)

Was bisher geschah: Sagen wir's gerade heraus, die zurückliegende Woche hat mich, was meine Bereitschaft zur Mitarbeit in der örtlichen Pfarrgemeinde angeht, an meine Grenzen gebracht. In der ersten Wochenhälfte gab es gleich mehrere Vorfälle, die ein recht grelles Licht darauf geworfen haben, welches Maß an Feindseligkeit einige alteingesessene Gemeindemitglieder gegen meine Familie und unsere Aktivitäten in der Gemeinde hegen. Gut, mit so etwas muss man immer rechnen. Was mich im Grunde weit mehr stresst, ist der Eindruck, dass auch von denjenigen Leuten in der Gemeinde, die uns prinzipiell wohlgesonnen sind, im Ernstfall wenig Unterstützung zu erwarten ist. Kaum hatte ich mich von meinem Ärger darüber einigermaßen erholt, gab's am Wochenende den nächsten Tiefschlag -- aber ehe ich darauf zu sprechen komme, erst mal (im Interesse der chronologischen Erzählreihenfolge) was anderes: 

Am Dienstag erfuhr ich aus der Presse, dass der Kreispfarrer des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Wesermarsch, Jens Möllmann, im Alter von nur 57 Jahren "nach kurzer schwerer Krankheit" verstorben ist. Ich kannte ihn persönlich kaum, eigentlich fast gar nicht, aber im letzten Sommer war er bei meinem Vortrag zur "Benedikt-Option" in der OASE Tossens und beteiligte sich engagiert und aufgeschlossen an der Publikumsdiskussion, und dabei habe ich einen ziemlich positiven Eindruck von ihm gewonnen - positiver als ich es von Kirchenfunktionären mittlerweile zu erwarten gewohnt bin. Wie dem auch sei, sein unerwarteter Tod hat mich betroffen gemacht. In diesem Sinne: 

Der Herr schenke ihm die ewige Ruhe 
Und das ewige Licht leuchte ihm. 

Der für den Samstag angedachte "Urban Gardening Crawl" stand insofern unter ungünstigen Vorzeichen, als das Wetter einigermaßen ungemütlich zu werden versprach. Zum "himmelbeet" am Leopoldplatz fuhren wir trotzdem, und da war's auch wirklich schön, wenn auch auf die Dauer etwas kalt. Der Versuch, von dort aus zum "Peace of Land" weiterzufahren, geriet angesichts Berlin-typischer Unregelmäßigkeiten im öffentlichen Nahverkehr zur Odyssee. Schließlich gaben wir auf und verzogen uns stattdessen in ein gemütliches Familiencafé. 

Außerdem - und damit knüpfe ich nun an den ersten Absatz an - ereilte mich am Samstagnachmittag die Mitteilung, die Passionslesung in der Abendmesse am Palmsonntag (für die ich als Lektor eingeplant war) werde von der Gemeindereferentin und ihrem Firmkurs mit szenischen Elementen angereichert werden. Woraufhin ich erklärte, unter diesen Umständen würde ich nicht lesen. Ergebnis: Riesen-Drama. Ich ging dann stattdessen mit Frau und Kind in die Morgenmesse, aber liturgisch kam ich da vom Regen in die Traufe: Zwar wurde nicht an der Passionslesung herumgepfuscht, aber dafür hielt der Pfarrer es für angemessen, das Eucharistische Hochgebet zu einer Kinderkatechese auszugestalten. 
Ganz ehrlich, im Moment hätte ich nicht übel Lust, alles hinzuschmeißen. Aber natürlich wäre das genau die falsche Reaktion. Kapituliert wird nicht! Nur aus dem Lektorenkreis bin ich wohl raus. 




Was ansteht: Einerseits hat meine Liebste Urlaub, was gute Voraussetzungen dafür verspricht, gemeinsam Zeit und Energie in die Planung und Vorbereitung künftiger Aktivitäten in der Pfarrgemeinde (nächster Büchertreff am Sonntag nach Ostern, Krabbel-Brunch ab Mai, Patronatsfest am 30. Juni) zu investieren. Andererseits gilt es, sich seelisch auf die Kar- und Ostertage einzustimmen. Das österliche Triduum werden wir dieses Jahr in Heiligensee feiern (müssen), da unsere Pfarrkirche bei der Verteilung der zur Verfügung stehenden Geistlichen auf die Gottesdienststandorte des Pastoralverbunds heuer leer ausgegangen ist. Das Gute ist, dass in Heiligensee unser nigerianischer Pfarrvikar zelebriert, sodass man einigermaßen sicher sein kann, von liturgischen Grausamkeiten verschont zu werden. -- Einen nicht zu knapp bemessenen Besuch bei meinen Schwiegereltern gilt es übrigens auch noch ins Feiertagsprogramm zu integrieren. 


aktuelle Lektüre: Zum Lesen ist im Moment nicht viel Zeit und Muße vorhanden. An allen in der vorigen Woche aufgeführten Lektüren bin ich noch dran, sehr weit bin ich damit jedoch nicht gekommen. Den "Herrn der Ringe" habe ich in der vergangenen Woche auch endlich mal wieder zur Hand genommen; Aragorn will zum "Pfad der Toten", alle sagen ihm "Das kannst du doch nicht machen!", und er sagt: "Und ob ich das kann, ich bin Isildurs Erbe!" Sehr inspirierend. 


Linktipps:
Der eine oder andere wird's wohl mitbekommen haben: In der evangelisch-landeskirchlichen Netzgemeinde gab's in den letzten Wochen erhebliche Aufregung um die 19jährige Video-Bloggerin Jana Highholder, die mit dem YouTube-Kanal "Jana glaubt" insbesondere jungen Menschen die evangelische Kirche nahe bringen soll, aber ausgerechnet in einer Sendung zum Weltfrauentag mit einem aus Sicht des landeskirchlich-protestantischen Mainstreams "reaktionären" Geschlechterrollenverständnis auffiel.  Eine Einordnung von Josef Bordat ist in der Tagespost erschienen; ebenfalls um eine Einordnung bemüht sich Hanno Terbuyken in seinem auf dem Portal evangelisch.de gehosteten Blog "Confessio Digitalis". Was zunächst, verglichen mit der andernorts herrschenden Aufregung um "Jana glaubt", nach einer moderaten und um Ausgewogenheit bemühten Positionierung aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Versuch einer Rechtfertigung dafür, dass die EKD einer religiösen Fundamentalistin wie Jana Highholder überhaupt ein Forum bietet. Autor Terbuyken ist nämlich "Leiter Digitale Kommunikation" im "Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik" (GEP), das Janas YouTube-Kanal betreibt, und trägt somit eine gewisse Mitverantwortung für die ganze Affäre. So sehr man aus katholischer Perspektive geneigt sein mag, zu sagen "Ihr habt vielleicht Probleme, ey", ist Terbuykens Artikel doch zumindest in Hinblick darauf, wie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Kirchens so läuft, ausgesprochen informativ (und so groß werden die Unterschiede zwischen EKD und katholischer Kirche in Deutschland in dieser Hinsicht nicht sein). Gleichzeitig wirft der Artikel natürlich auch ein tragikomisches Licht darauf, wie die in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen in ihrer Eigenschaft als Glaubensgemeinschaften aufgestellt sind. Es wirkt doch sehr bezeichnend, wenn da die Frage aufscheint, ob eine YouTuberin, für die "Jesus, Gott und Glaube" eine "größere Rolle im Alltag" spielt, in der medialen Selbstrepräsentation der EKD einen legitimen Platz haben dürfe. Dass Terbuyken diese Frage vorsichtig abwägend bejaht - schließlich sei Jana keine "evangelikale Hetzerin" -, ändert an diesem Eindruck nicht viel. (Und übrigens: Auch in diesem Punkt neige ich zu der Annahme, dass es in der katholischen Medienarbeit vielleicht graduell, aber nicht prinzipiell anders zugeht als in der evangelischen.)

Als Kontrast mal eine gute Nachricht aus der katholischen Welt: In der Diözese Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania hat eine Gruppe von elf Unbeschuhten Karmelitinnen, überwiegend zwischen 20 und 40 Jahren alt, mit dem Bau eines Klosters nach Plänen der großen Ordensreformerin und Kirchenlehrerin Teresa von Àvila begonnen, und zwar mit Unterstützung einer benachbarten Amish-Gemeinschaft. Der Bericht im Catholic World Report enthält ein Interview mit der Subpriorin und Novizenmeisterin Mutter Therese von der Barmherzigen Liebe sowie eine Skizze der geplanten Klosteranlage. Das gesamte Bauvorhaben soll 12 Millionen Dollar kosten, 4 Millionen haben die Nonnen bereits per Crowdfunding zusammengebracht. Wer das Vorhaben finanziell unterstützen will, kann dies hier tun. 


Heilige der Woche: Gibt's nicht, es ist Karwoche. Die Wochentage der Karwoche, und das österliche Triduum natürlich erst recht, haben liturgisch höheren Rang als sämtliche Heiligenfeste, die somit entfallen. Dem Regionalkalender für den deutschen Sprachraum zufolge wären es aber ohnehin nicht besonders viele gewesen. 


Aus dem Stundenbuch: 

Harre auf Gott; denn ich werde Ihm noch danken, * meinem Gott und Retter, auf den ich schaue. (Psalm 42,6b)



Montag, 8. April 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (5. Woche der Fastenzeit)

Was bisher geschah: Eine ereignisreiche Woche liegt hinter mir -- ereignisreich vor allem, wie bereits angekündigt, in Hinblick auf die lokale Basisarbeit. Am Mittwoch gestalteten meine Liebste und ich in der örtlichen Pfarrkirche eine Kreuzwegandacht, anschließend gab's "Dinner mit Gott". Mit dabei war u.a. ein sehr nettes junges Ehepaar, das gerade auf Wohnungssuche in Berlin ist. Gebete dafür, dass sie eine Wohnung auf dem Gebiet unserer Pfarrei finden, sind durchaus willkommen! 

Am Donnerstag haben wir kurz entschlossen beim Pfarrbüro die Termine für den geplanten monatlichen Krabbel-Brunch klargemacht (der erste Termin ist im Mai, ich werde mich zu gegebener Zeit noch ausführlicher dazu äußern). Derweil treffen kontinuierlich weitere Bücherspenden für unser Büchereiprojekt bei uns ein, was mich dazu inspiriert hat, einige seit dem letzten Umzug ungeöffnet in der Rumpelkammer stehende Bücherkartons aufzumachen und ihren Inhalt zu sortieren. Dabei sind bislang 28 Bände für das Büchereiprojekt abgefallen, aber ich bin mir sicher, das ist erst die Spitze des Eisbergs. -- Am Samstag stand der Aktionstag zur Grundstückspflege auf dem Kirchengrundstück an; nachdem der Termin nicht einmal in den Vermeldungen erwähnt worden war (wo doch sonst, ich erwähnte es, jeder Furz vermeldet wird), fürchtete ich schon, es werde so gut wie niemand kommen, und tatsächlich war die Anzahl der Helfer recht überschaubar. Aber wir schafften trotzdem eine ganze Menge, und zumindest mir machte die körperliche Arbeit an der frischen Luft (bei herrlichem Wetter) sogar Spaß. Parallel fand in der Kirche übrigens eine Taufe statt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es kommt, dass man es den beteiligten Familien bei solchen Gelegenheiten schon von Weitem ansieht, wenn es sich bei ihnen um die Art von Kirchensteuerzahlern handelt, die über den festlichen Anlass hinaus keinerlei Interesse an der Kirche, geschweige denn der örtlichen Gemeinde haben. Trotzdem schaute ich während der Zeremonie, mit meiner kleinen Tochter auf dem Arm, mal kurz in die Kirche rein, genau rechtzeitig zum eigentlichen Taufakt; und einige der Angehörigen sahen uns an, als wären wir in ihre private Familienfeier hineingeplatzt. Ich gehe sogar davon aus, dass sie es - mehr oder weniger bewusst - tatsächlich so empfanden; und im Grunde kann man es den Leuten noch nicht einmal verübeln, solange die Pfarrei sich ihnen gegenüber mit der Rolle des Dienstleisters zufrieden gibt und die Taufeltern nicht wenigstens zu einem Crashkurs in Sakramentenkatechese verdonnert. Aber das nur am Rande. 

Die Grundstückspflegeaktion war jedenfalls erfolgreich, anschließend ging ich mit Frau und Kind noch für rund eine Stunde auf einen Spielplatz und dann Eis essen, und schließlich schaffte ich es sogar noch rechtzeitig zur Vorstellung des Buches "Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde" von Anja Hradetzky im "Baumhaus Berlin". Kurzkritik: Ich. Muss. Dieses. Buch. Haben. Wenn nötig, kaufe ich es sogar. Aber erst mal versuche ich über den Verlag ein Rezensionsexemplar an Land zu ziehen. 




Was ansteht: Wie es aussieht, wird die lokale Basisarbeit nicht so bald weniger. Am Mittwoch tagt nämlich der Lokalausschuss unserer Kirchengemeinde, und da wird es zweifellos eine Menge zu besprechen geben. Und für Samstag zeigt mir mein Facebook-Kalender ganze drei Veranstaltungen aus dem Urban Gardening- Bereich an: Sowohl das "himmelbeet" am Leopoldplatz (da waren wir letzten Sommer schon mal) als auch der Permakultur-Gemeinschaftsgarten "Peace of Land" in Prenzlauer Berg feiern ein Frühlingsfest zum Saisonbeginn, und im "Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor" auf dem Tempelhofer Feld gibt es einen "VHS-Kurs Urban Gardening". Das dürfte sich schon rein zeitlich kaum alles unter einen Hut bringen lassen; aber schauen wir mal. Letztendlich werden Frau und Kind sowieso ein gewichtiges Wort bei der Wochenendgestaltung mitzureden haben. Und dann ist schon Palmsonntag! Irre, wie die Zeit vergeht. 


aktuelle Lektüre:

Nachdem ich "Gott oder nichts" gestern zu Ende gelesen habe, ist jetzt konsequenterweise das nächste Buch von Kardinal Sarah an der Reihe; ich hatte die Absicht, in der diesjährigen Fastenzeit "Kraft der Stille" zu lesen, ja schon vor ein paar Wochen erwähnt. Ich habe noch nicht damit angefangen; ich bin gespannt.

Noch nicht fertig, und zwar noch lange nicht, bin ich mit "Christsein für Einsteiger" von Bernhard Meuser. Derzeit bin ich auf S. 106 und mithin bei Nr. 25 der "74 Werkzeuge der geistlichen Kunst". Da habe ich bis Ostern ja noch einiges vor mir. Insofern wäre es vielleicht klug, mir nicht zu viel anderes zu lesen vorzunehmen,  aber eins muss noch: 
  • "Christus vivit". Nachsynodales apostolisches Schreiben von Papst Franziskus an die jungen Menschen und an das ganze Volk Gottes.

Ich muss gestehen, das Lesen von Lehrschreiben unseres gegenwärtigen Papstes gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich finde es meist recht anstrengend, da Franziskus zumindest für mein Empfinden die Neigung hat, mit sehr vielen Worten sehr wenig auszusagen, und es dabei nach Kräften vermeidet, sich klar und deutlich auszudrücken. Ich sehne mich da immer nach Benedikt XVI. oder auch nach dem Hl. Johannes Paul II. zurück. Aber da sich bereits abzeichnet, dass diverse Interessengruppen das nachsynodale Schreiben "Christus vivit" für ihre jeweiligen Zwecke zu instrumentalisieren versuchen, wird es wohl unerlässlich sein, sich selbst ein Bild davon zu machen. Und, soviel kann ich schon mal sagen: Erste Stichproben haben mir den Eindruck vermittelt, der Text sei erheblich besser, als man hätte befürchten können.


Linktipps:

Den unmittelbaren Anstoß zu diesem Beitrag lieferte ein Artikel in der taz über den jüngsten Familienkongress in Verona, aber im Prinzip ist das, was Bloggerin "Mary of Magdala" hier abliefert, ein Beitrag zur jüngst mal wieder mit erneuter Heftigkeit aufgeflammten Debatte um die politischen (oder "antipolitischen") Implikationen von Rod Drehers Benedikt-Option. Und das trotz der Tatsache, dass  die Blogautorin das Buch eingestandenermaßen noch gar nicht gelesen hat. Das schadet aber nichts, denn die Auseinandersetzungen darüber hat sie offenbar aufmerksam verfolgt -- und hat darüber hinaus wohl einfach einen guten Instinkt für die heiklen Punkte der Debatte. So stellt ihr Artikel eine engagierte Warnung vor der Versuchung der Macht dar, die konservative Christen dazu verleiten kann, ihr Heil in fragwürdigen politischen Allianzen zu suchen -- etwa solchen mit Kräften der "Neuen Rechten". Dass christliche Positionen in der gegenwärtigen westlichen Welt vielfach ins gesellschaftliche und politische Abseits gedrängt werden, sei schmerzhaft, räumt "Mary of Magdala" ein; diesen Schmerz zu ertragen, sei für Christen aber letztlich ein Aspekt davon, ihr Kreuz auf sich zu nehmen.  

Grinsen musste ich übrigens bei der Bemerkung der Verfasserin, das, worum es bei der #BenOp, soweit sie dies ohne eigene Lektüre des Buches feststellen könne, im Kern gehe - "Christentum als kreative Minderheit, im eigenen, persönlichen Leben die Basis schaffen um aus dieser Position heraus durch lebendiges Wirken innerhalb und außerhalb der Kirche missionarisch tätig zu werden, sich als Subkultur dem Mainstream entziehen" -, sei doch im Grunde gar nichts Neues: "Dafür brauche ich keinen eingängigen Namen". #BenOp-Aktivistin Leah Libresco würde darauf erwidern: 
"Leute sagen zu mir: Dieses Benedikt-Option-Ding, da geht es doch eigentlich nur darum, einfach Christ zu sein,oder? Und ich sage: Ja! Du hast das Paradox gelöst [...]. Aber die Leute werden es nicht machen, wenn man es nicht anders nennt. Es geht darum, dass die Kirche dassein soll, was sie immer hätte sein sollen – aber erst wenn man der Sache einen besonderen Namen gibt, interessieren sich die Leute dafür" (BenOp S. 229 bzw. S.241 der Paperback-Ausgabe). 
Die in dem Artikel betonte Abgrenzung gegenüber der Neuen Rechten hat mich übrigens an einen anderen Blogartikel erinnert, den ich schon vor ein paar Monaten gelesen hatte, den ich bei dieser Gelegenheit aber gleichwohl ebenfalls gern empfehle:   

Diesem Beitrag von Bloggerin Crescentia ist es anzumerken, dass er seine Entstehung einer ordentlichen Portion Genervtheit über die Tendenz gewisser Kreise innerhalb wie außerhalb der Kirche verdankt, lehramtstreue Katholiken mit Hilfe von Schlagwörtern wie "Rechtskatholizismus" munter mit Anhängern nationalistisch-populistischer Gruppierungen und diese wiederum unterschiedslos mit Nazis in einen Topf zu werfen. Umso mehr ist anzuerkennen, wie produktiv die Verfasserin mit dieser Genervtheit umgeht. Ihre pointierte und gründliche Gegenüberstellung unterschiedlicher Merkmale von "Ultrakatholiken", Rechtspopulisten und Neonazis bietet reichlich Argumentationsfutter und ist stellenweise sogar ausgesprochen witzig. 


Heilige der Woche:

Donnerstag, 11. April: Hl. Stanislaus, 1072-1079 Erzbischof von Krakau. Einer der Nationalheiligen Polens. Der Überlieferung zufolge machte er dem polnischen König Boleslaw II. Vorhaltungen wegen dessen ehelicher Untreue, wurde in der Folge des daraus resultierenden Konflikts zwischen Staat und Kirche zum Tode verurteilt und vom König eigenhändig hingerichtet.

Samstag, 13. April: Hl. Martin I., Papst von 649-653. Bekämpfte die Lehre des Monotheletismus und geriet darüber in einen Konflikt mit dem oströmischen Kaiser Konstans II., der ihn nach Konstantinopel entführen, dort wegen Hochverrats vor Gericht stellen, auspeitschen und schließlich auf die Krim verbannen ließ, wo er 655 starb.


Aus dem Stundenbuch:

Die Stimme des Herrn erschallt über den Wässern. + Der Gott der Herrlichkeit donnert, * der Herr über gewaltigen Wassern. (Psalm 29, 3)