Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Mittwoch, 28. Juni 2017

Was ist dran an der "Benedict Option"? (Teil 5)

Ich hatte es schon angekündigt: Im vierten Kapitel von Rod Drehers "The Benedict Option" geht es um Politik. Was, auch das deutete ich an, insofern besonders interessant ist, als das Vorwort und einzelne Passagen des ersten Kapitels den Eindruck erwecken konnten, der Autor plädiere für einen völligen Ausstieg gläubiger Christen aus dem Politikbetrieb. Das, so stellt er nun im vierten Kapitel klar, ist durchaus nicht seine Absicht. Vielmehr geht es ihm - so auch der Titel des Kapitels - um "Eine neue Form christlicher Politik".  

(Ich schicke voraus, dass mir das vorliegende Kapitel auch deshalb besonders aktuell erscheint, weil ja just durchgesickert ist, dass im Bundestag noch diese Woche über die sogenannte "Ehe für alle" entschieden werden soll, und nun zahlreiche konservative Christen in Deutschland, die bislang treu CDU gewählt haben oder sogar Mitglieder dieser Partei waren, politisch desillusioniert sind und nicht wissen, wohin mit sich. Vielleicht kann dieses Benedict Option-Kapitel ihnen Trost bieten. Ich werde noch im Einzelnen darauf zurückkommen.) 

Aber erteilen wir erst mal meinem Freund Rod das Wort: 
"Die alten, vertrauten Kategorien, die den Rahmen für das politische Denken und den politischen Diskurs bildeten, sind tot oder liegen im Sterben. Wo finden rechtgläubige Christen ihren Platz in dieser anbrechenden Realität? Auf welcher Seite sollten wir stehen? Oder gibt es überhaupt eine [richtige] Seite für uns?
Die Antwort wird diejenigen konservativen Christen, die die Kirche als die Republikanische Partei beim Gebet betrachten oder mit mehr Überzeugung in die Wahlkabine gehen als zum Sonntagsgottesdienst, nicht zufriedenstellen." 
Da haben wir's schon. Die Formulierung mit der "Republikanischen Partei beim Gebet" hat mich zunächst mal beträchtlich amüsiert, aber so ganz fremd ist uns in Deutschland diese Denkweise wohl nicht. Allenfalls sind hier die Zeiten, in denen die CDU aus Sicht konservativer Christen unangefochten das Gute, Schöne, Wahre in der Politik verkörpert hat, schon etwas länger vorbei.  Aber erst mal weiter im Text: 
"Die Benedikt-Option erfordert eine radikal neue Art, Politik zu betreiben: einen praxisorientierten Lokalismus, der an die Pionierarbeit von Ostblock-Dissidenten anknüpfen kann, die während des Kalten Krieges dem Kommunismus trotzten. Eine an westliche Verhältnisse angepasste Variante 'antipolitischer Politik' - um einen von dem tschechischen politischen Gefangenen Václav Havel geprägten Begriff zu verwenden - ist der beste Weg nach vorn für gläubige Christen, die ein praktisches und effektives Engagement im öffentlichen Leben anstreben, bei dem sie nicht Gefahr laufen, ihre Integrität und letztlich ihre Menschlichkeit zu verlieren." 
Der Hinweis auf das Vorbild der tschechischen Dissidenten macht neugierig - so ging's mir jedenfalls bei der erstmaligen Lektüre -, deshalb warne ich schon mal: Es wird ein bisschen dauern, bis er darauf zurückkommt. Im ersten Drittel des Kapitels dreht sich erst mal ziemlich Vieles um die konkrete politische Situation in den USA, und man mag argwöhnen, dass das für den nicht-US-amerikanischen Leser etwas weniger interessant ist als für des Autors Landsleute. Aber andererseits: Für Trump scheint sich der durchschnittliche Deutsche ja kaum weniger zu interessieren als der durchschnittliche US-Bürger. Und zu Trump hat Rod Dreher eine ganze Menge zu sagen. Spoiler: Der Autor ist ausgesprochen anti-Trump. Allerdings auch ein bisschen anti-anti-Trump. Womit ich persönlich mich ganz gut identifizieren kann; zu den Details später. Der erste größere thematische Abschnitt des Kapitels trägt die interessante Zwischenüberschrift "Aufstieg und Fall des werteorientierten Wählers"; und darin zeigt Rod Dreher erst einmal auf, dass der in den USA geradezu sprichwörtliche Wählertypus des "values voter" eine relativ neue Erscheinung ist - bzw. war, da er seine große Zeit im Grunde auch schon wieder hinter sich hat.  
"Noch in den 1960er Jahren waren Fragen der Moral und der Kultur - mit der bedeutenden Ausnahme der Bürgerrechtsfrage - keine ausschlaggebenden Themen in der US-Politik. Amerikaner trafen ihre Wahlentscheidung im Wesentlichen unter ökonomischen Gesichtspunkten, wie schon seit der Weltwirtschaftskrise. In der kulturell christlich geprägten Gesellschaft herrschte ein ausreichender moralischer Konsens, um Fragen von Geschlecht und Sexualität aus der Politik herauszuhalten.
Die Sexuelle Revolution veränderte dies grundlegend. Angefangen mit dem Gerichtsurteil Roe vs. Wade zur Legalisierung von Abtreibung im Jahr 1973, begannen die Amerikaner, sich gemäß ihrer moralischen Gesinnung politisch zu positionieren. Innerhalb der Republikanischen Partei begann der Aufstieg der 'Religiösen Rechten' und zugleich innerhalb der Demokratischen Partei der Aufstieg der Säkularen Linken. Um die Jahrhundertwende war der Kulturkampf unbestritten der Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen in Amerika.
'Hatten Wahlen früher die Partei der Arbeiterklasse gegen die Partei der Wall Street in Stellung gebracht', schrieb der Journalist Thomas Byrne Edsall im Atlantic, "so stehen nun Wähler, die an eine festgelegte und universal gültige Moral glauben, solchen gegenüber, die moralische Fragen - vor allem soweit sie die Sexualität betreffen - als veränderlich und als eine Angelegenheit individueller Entscheidungsfreiheit betrachten.'
Das war im Jahr 2003. Heute ist der Kulturkampf, wie wir ihn kennen, vorbei. Die sogenannten 'werteorientierten Wähler' - also religiös und sozial Konservative - wurden besiegt und werden an die Ränder des politischen Spektrums gedrängt. [...] Obwohl Donald Trump die Präsidentschaft zum Teil dank starker Unterstützung von Katholiken und Evangelikalen gewann, ist die Vorstellung, jemand, der so stramm vulgär, heftig streitsüchtig und in moralischer Hinsicht unglaubwürdig ist wie Trump, könne zur Leitfigur einer Erneuerung christlicher Moral und sozialer Einigkeit werden, mehr als illusorisch. Er ist keine Lösung für das Problem von Amerikas kulturellem Niedergang, sondern ein Symptom davon." 
Da sind wir also schon mitten drin in der Trump-Kritik. Ging ja schnell. Im Folgenden setzt der Autor diese Kritik fort, differenziert sie aber auch: 
"Wo finden die einstigen 'werteorientierten Wähler' ihren Platz unter den neuen Verhältnissen? Ehrlich gesagt: gar nicht. Der Präsidentschaftswahlkampf von 2016 hat auf durchdringende, schmerzhafte Weise deutlich gemacht, dass konservative Christen, die einst ihren komfortablen und angestammten Platz in der Republikanischen Partei hatten, politisch heimatlos sind.
Unsere großen Themen - Abtreibung und Religionsfreiheit - spielten im Republikanischen Vorwahlkampf keine Rolle. Donald Trump eroberte die Nominierung der Partei, ohne um die religiös Konservativen werben zu müssen. In seiner Rede auf dem Nominierungsparteitag ignorierte er uns. Während des Hauptwahlkampfs sprangen einige prominente Evangelikale und eine Handvoll führender Katholiken aus nackter Angst vor einer Regierung Hillary Clintons auf den Trump-Zug auf. Bei seinem handstreichartigen Wahlsieg eroberte Trump 52% der katholischen und verblüffende 81% der evangelikalen Wählerstimmen.
Wird Trump sich in seiner Regierung als Freund der christlichen Konservativen erweisen? Möglich. Wenn er Richter an das Oberste Bundesgericht und die niederrangigeren Gerichte beruft, die entschieden die Religionsfreiheit verteidigen, dann mag seine Regierung sich als ein Segen für uns erweisen. Obwohl Trumps Bekehrung zum Anliegen des Lebensschutzes sehr spät und offenbar aus politischen Opportunitätsrücksichten erfolgte, kann man vernünftigerweise davon ausgehen, dass seine Regierung diesem Anliegen nicht so feindlich gegenüberstehen wird wie die seines Vorgängers. Für Christen, die sich innerlich bereits auf weitere vier Jahre fortgesetzter Attacken seitens eines progressiven Weißen Hauses eingestellt hatten, sind das keine Kleinigkeiten.
Dennoch geht von dem neuen Regime in Washington eine Reihe von Gefahren aus - offenkundige wie verborgene Gefahren. Zum einen hat Donald Trumps lange Karriere im Licht der Öffentlichkeit gezeigt, dass er, was immer man sonst über ihn sagen mag, nicht dafür bekannt ist, seine Versprechen zu halten. Die Warnung des Psalmisten, nicht "auf Fürsten zu bauen", bleibt ein exzellenter Ratschlag.
Zum zweiten, die Kirche ist nicht bloß eine Versammlung konservativer Weißer beim Gebet. Viele Hispanics und andere Christen aus ethnischen Minderheiten, ebenso wie alle, die aus welchen Gründen auch immer nicht für den polarisierenden Trump gestimmt haben, hören deswegen nicht auf, Christen zu sein. Die Kirche während der Trump-Jahre zusammenzuhalten wird für uns alle eine enorme Herausforderung darstellen.
Obendrein werden konservative Christen - ob zu Recht oder nicht - in der öffentlichen Wahrnehmung in den nächsten vier Jahren, und sicher auch noch darüber hinaus, mit Trump assoziiert werden. Wenn konservative Kirchenführer in der öffentlichen Darstellung ihres Verhältnisses zur Trump-Regierung nicht außerordentlich vorsichtig vorgehen, wird eine unausweichliche Anti-Trump-Welle dem Ansehen der Kirche schweren Schaden zufügen. Die Wahl Trumps mag einige Probleme für die Kirche lösen, aber angesichts des Charakters dieses Mannes schafft sie gleichzeitig neue Probleme." 
Kurz gesagt: Man kann Trump nicht vertrauen; es gibt aus christlicher Sicht Gründe, anzunehmen, eine von ihm geführte Regierung sei im Vergleich zu einer von Hillary Clinton geführten das kleinere Übel, aber ein Übel ist sie allemal. Und wie groß dieses Übel tatsächlich ist, muss sich erst noch zeigen: 
"Dies führt uns zu den subtileren, aber potentiell noch verheerenderen Auswirkungen dieses unerwarteten Wahlsiegs der Republikanischen Partei. Zunächst einmal wäre die Versuchung der Anbetung der Macht zu nennen - und die Versuchung, die eigene Seele zu kompromittieren, um den Zugang zur Macht zu bewahren. Es gibt viele Arten, ein Körnchen Weihrauch für Caesar zu opfern, und man kann behaupten, dass einige Pro-Trump-Christen diese Linie während des Wahlkampfs überschritten haben.
Zudem besteht die Gefahr, dass Christen dazu zurückkehren, die Hände in den Schoß zu legen. Keine Regierung in Washington, wie ostentativ pro-christlich sie auch sein mag, ist in der Lage, kulturelle Trends aufzuhalten, die in die Richtung von Desakralisierung und Fragmentierung weisen und die sich über Jahrhunderte hinweg aufgebaut haben. Etwas anderes zu erwarten, wäre eine falsche Idolisierung, ja Vergötzung von Politik." 
Aufgemerkt: Es geht in der Politik nicht nur um die Personen, auch nicht nur um die Parteien. Gründe für Christen, von der Politik nicht allzu viel Gutes zu erwarten, gibt es auch unabhängig davon, wer gerade das Ruder in der Hand hält: 
"Ein Grund dafür, dass die zeitgenössische Kirche in so großen Schwierigkeiten steckt, liegt darin, dass die religiös Konservativen der letzten Generation irrtümlich geglaubt haben, sie könnten sich auf die Politik konzentrieren und die Kultur würde sich um sich selbst kümmern. Während der letzten rund dreißig Jahre haben viele von uns geglaubt, sie könnten die Welle des aggressiven Liberalismus der 1960er zurückdrängen, indem sie konservative Republikaner wählten [...], die versprachen, eine sozialpolitisch konservative Gesetzgebung zu fördern und konservative Richter ans Oberste Bundesgericht zu berufen.
Die Ergebnisse an der Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsfront waren ausgesprochen durchwachsen, aber das Urteil über die übergeordnete politische Strategie ist eindeutig: Wir haben versagt. Ein grundsätzliches 'Recht' auf Abtreibung ist nach wie vor unangefochten, und Umfrageergebnisse des Meinungsforschungsinstituts Gallup zu diesem Thema zeigen keine signifikanten Veränderungen von der Zeit von Roe vs. Wade bis heute. Das traditionelle Verständnis von Ehe und Familie wurde weder im Gesetz noch in den Sitten bewahrt, und die Folge davon ist, dass Gerichtshöfe drauf und dran sind, die Religionsfreiheit im Interesse von 'Antidiskriminierung' in dramatischem Ausmaß zurückzudrängen." 
Und das blüht uns ja jetzt in Deutschland höchstwahrscheinlich auch
"Nochmals: Die neue Trump-Regierung mag in der Lage sein, einige dieser Entwicklungen durch ihre Richterberufungen abzuwehren oder zumindest zu verlangsamen - aber das ist ein schwacher Trost. Kann ein von konservativen Parlamentariern verabschiedetes und von konservativen Richtern angewandtes Gesetz die Gesetze des menschlichen Herzens überschreiben? Nein, das kann es nicht. Politik ist kein Ersatz für persönliche Heiligung. Das Beste, was rechtgläubige Christen heute noch von der Politik erhoffen können, ist, dass sie einen Freiraum schafft [oder bewahrt], innerhalb dessen die Kirche ihre Werke der Nächstenliebe, des Kulturaufbaus und der Bekehrung betreiben kann." 
Im zweiten Abschnitt des Kapitels kommt Rod Dreher dann auf konkrete Möglichkeiten und Grenzen politischen Engagements zu sprechen: "Herkömmliche Politik: Was weiterhin getan werden kann" ist der Abschnitt überschrieben. Darin betont er zunächst einmal, wie schon eingangs erwähnt, dass er Christen keine völlige politische Abstinenz empfiehlt. 
"Wohlgemerkt, Christen können es sich nicht leisten, sich vollständig aus dem öffentlichen Diskurs zurückzuziehen. Die Kirche darf sich nicht vor ihrer Verantwortung scheuen, für politische Führungspersönlichkeiten zu beten und prophetisch zu ihnen zu sprechen. Christliche Anliegen sind nicht darauf beschränkt, Abtreibung zu bekämpfen, die Religionsfreiheit und die traditionelle Familie zu verteidigen." 
Gleichzeitig betont er, dass gläubige Christen sich keinesfalls vom als "konservativ" etikettierten politischen Lager vereinnahmen lassen sollten: 
"Konservative Christen können und sollten damit fortfahren, mit Liberalen zusammenzuarbeiten, um Zwangsprostitution, Armut, AIDS und dergleichen zu bekämpfen." 
Wenn es also nicht um einen totalen Rückzug aus dem politischen Diskurs gehen soll - worum dann
"Die eigentliche Frage, der wir uns stellen müssen, ist nicht, ob wir die Politik gänzlich aufgeben sollten, sondern wie wir politische Einflussnahme besonnen einsetzen, insbesondere im Rahmen einer instabilen politischen Kultur. Wann ist es feige, aus einer übertriebenen Angst vor Verunreinigung nicht mit säkularen Politikern zu kooperieren - und wann würde man sich durch Beteiligung korrumpieren?" 
Noch größeren Wert legt der Autor jedoch auf eine andere Feststellung: 
"Vor allem jedoch erfordern es die Zeiten, unsere Aufmerksamkeit der lokalen Kirche und Gemeinschaft zuzuwenden, deren Wohl und Wehe nicht in erster Linie davon abhängt, was in Washington geschieht. Und die Zeiten erfordern eine scharfsichtige Beurteilung der Zerbrechlichkeit dessen, was auf dem Wege der Parteipolitik erreicht werden kann." 
Und was folgt daraus? 
"Yuval Levin, der Herausgeber des Magazins National Affairs [...], argumentiert, dass religiös Konservative besser beraten wären, 'florierende Subkulturen aufzubauen', statt politisch einflussreiche Positionen anzustreben. Warum? Weil in einer Zeit der zunehmenden und unaufhaltsamen Fragmentierung eine gemeinsame Kultur nicht mehr denselben Stellenwert hat wie früher." 
Das heißt nun allerdings wiederum auch nicht, dass Christen sich nur noch in Sichtweite ihres eigenen Kirchturms politisch betätigen sollen: 
"Wenngleich rechtgläubige Christen sich der lokalen Basisarbeit zuwenden müssen, da sie nicht mehr erwarten können, die Politik in Washington in dem Maße beeinflussen zu können, wie sie es früher konnten, gibt es ein Thema, dem sie alle Aufmerksamkeit zuwenden sollten, die sie für die nationale Politik noch erübrigen können: das Thema Religionsfreiheit.
Religionsfreiheit ist von entscheidender Bedeutung für die 'Benedikt-Option'. Ohne eine kraftvolle und erfolgreiche Verteidigung der Schutzrechte des Ersten Verfassungszusatzes werden Christen nicht in der Lage sein, die kommunalen Institutionen aufzubauen, die lebenswichtig sind, um unsere Identität und unsere Werte zu bewahren. Mehr noch: Christen, die innerhalb des umkämpften Freiraums, der uns noch bleibt, nicht entschieden handeln, vergeuden wertvolle Zeit - eine Zeit, die schneller ablaufen könnte, als wir denken." 
Die Sorge um die Zukunft der Religionsfreiheit mag erstaunen angesichts der Tatsache, dass dieses Grundrecht unter den von den Zusätzen zur US-Verfassung garantierten Rechten an erster Stelle steht. Aber wer Nachrichten aus dem land of the free und home of the brave verfolgt, der wird wissen, dass diese Sorge nicht unbegründet ist. Christliche Bäcker, Floristen und Hochzeitsfotografen können ein Lied davon singen. Ich habe entsprechende Fälle bereits im 4. Teil dieser Artikelreihe verlinkt. - Im weiteren Verlauf stellt Rod Dreher seinen Lesern beispielhaft einen umtriebigen Lobbyisten für die Religionsfreiheit vor: 
"Lance Kinzer steckt mitten in jenem politischen Wandel, den christliche Konservative derzeit durchmachen müssen. Nach zehnjähriger Amtszeit in der Legislative des Staates Kansas hat er sein Mandat im Jahr 2014 aufgegeben und bereist nun das Land, um für eine Religionsfreiheits-Gesetzgebung in den Kammern der Bundesstaaten zu werben. 'Ich war ein ganz normaler evangelikal-christlicher Republikaner, mit allem, was dazugehört - wozu insbesondere ein Glaube daran gehörte, dass dieses Land "uns" gehört. Das war vermutlich nicht gesund', sagt er. [...]
Dennoch hat Kinzer sich nicht völlig von der Politik abgewandt. Das oberste Ziel von Benedict Option-Christen in der Welt konventioneller Politik ist es, den Raum zu sichern und auszuweiten, innerhalb dessen wir wir selbst sein und unsere eigenen Institutionen aufbauen können." 
Ich überspringe hier die Details von Kinzers politischer Karriere und den Gründen dafür, dass er sein Abgeordnetenmandat aufgegeben hat, und wende mich lieber praktischen Aspekten der Lobbyarbeit für das Recht auf Religionsfreiheit zu:
"Kinzer ist überzeugt, dass Christen, auch wenn sie ihren Interessenschwerpunkt auf die lokale Ebene verlagern und sich darauf konzentrieren, ihre eigenen örtlichen Kirchengemeinden zu stärken, es sich nicht leisten können, sich ganz aus der Politik zurückzuziehen. In Sachen Religionsfreiheit steht zu viel auf dem Spiel. Welche praktischen Konsequenzen hat dies auf der Graswurzel-Ebene? Kinzer gibt die folgenden Anregungen:
  • Werde auf lokaler und bundesstaatlicher Ebene aktiv, wende dich mit persönlichen Briefen (nicht mir cut-and-paste-Rundmails aus dem Fundus von Aktivistengruppen) und in Vier-Augen-Gesprächen an Abgeordnete. 
  • Konzentriere dich auf vernünftige, erreichbare Ziele. Versuche nicht, allein den ganzen Kulturkampf auf einmal auszufechten, und vergeude das knappe politische Kapital nicht mit sinnlosen oder unnötig polarisierenden Gesten. 
  • Nichts ist wichtiger, als die Freiheit christlicher Institutionen zu bewahren, zukünftige Generationen im Glauben zu nähren. Angesichts unserer schwachen politischen Position müssen andere Anliegen zurückstehen. 
  • Suche den Kontakt zu lokalen Medien und lade dazu ein, in speziellen Auseinandersetzungen um Religionsfreiheit der religiösen Seite Gehör zu geben. 
  • Bleibe höflich und respektvoll. Gib der Gegenseite keinen Grund, sich in ihrer Auffassung bestätigt zu sehen, 'Religionsfreiheit' wäre nur ein Deckmantel für Bigotterie. 
  • Da die Kirche alle Verbündeten braucht, die sie finden kann, kooperiere konfessionsübergreifend und auch mit nichtchristlichen Religionen. Reiche auch Schwulen und Lesben, die nicht mit uns einverstanden sind, aber bereit sind, unser vom Ersten Verfassungszusatz garantiertes Recht auf Irrtum zu verteidigen, freundschaftlich die Hand." 
Der letzte Punkt scheint mir besonders kommentarwürdig. Besonders, soweit er nichtchristliche Religionen betrifft. In den Sozialen Netzwerken begegnen mir immer mal wieder Klagen konservativer Christen darüber, wie sehr hierzulande der Islam hofiert werde - von Politikern, Medien, aber auch von Repräsentanten der christlichen Kirchen. Was sich beispielsweise an einer Fülle von Grußbotschaften zum Beginn und zum Ende des Ramadan zeige: Der Österlichen Bußzeit der Christen werde ein solches Maß an Aufmerksamkeit nicht zuteil. Und auch sonst werde auf die religiösen Befindlichkeiten von Muslimen in der Öffentlichkeit viel mehr Rücksicht genommen als auf die von Christen. Zum Teil kann ich solche Beschwerden auf einem emotionalen Level nachvollziehen. Für klug halte ich sie jedoch nicht. Religionsfreiheit gibt es nur entweder für alle Religionen oder für keine. Wer gelegentlich mal ein Auge riskiert, um sich öffentliche Social-Media-Diskussionen zuzumuten, in denen es irgendwie um Kritik am Islam geht, wird feststellen können, dass es von Kommentatoren nur so wimmelt, die nur auf die Gelegenheit warten, den Hinweis loszuwerden, das Christentum sei ja (mindestens) genauso schlimm. Auch und gerade die AfD, die von manchen von der CDU enttäuschten Konservativen politisch favorisiert wird, macht bei ihren Angriffen auf den Islam oft genug keinen großen Hehl daraus, dass das Christentum - außer vielleicht als dekoratives kulturelles Relikt - ihr auch nicht wesentlich sympathischer ist. Was will ich mit alledem sagen? Dass es von Fall zu Fall durchaus eine Überlegung wert sein könnte, ob und zu was für Anlässen Christen und Muslime gut daran täten, im öffentlichen Diskurs an einem Strang zu ziehen. -- Ende des Exkurses. Zum Abschluss des zweiten Unterkapitels hat der Autor noch eine wichtige Mahnung an seine Leser: 
"Aber so wichtig Religionsfreiheit auch ist, dürfen Christen dennoch nicht vergessen, dass Religionsfreiheit kein Selbstzweck ist, sondern ein Mittel, das es uns ermöglichen soll, voll und ganz als Christen zu leben. Religionsfreiheit ist ein wichtiger Bestandteil der Bedingungen, die es uns erlauben, mit der eigentlichen Arbeit der Kirche und mit der 'Benedikt-Option' voranzuschreiten. Wenn das Ziel, die Religionsfreiheit zu bewahren, uns abverlangt, jene moralischen Überzeugungen zu kompromittieren, die uns als Christen auszeichnen, dann werden alle Siege, die wir möglicherweise erringen, fadenscheinig sein. Der Auftrag der Kirche ist nicht politischer Erfolg, sondern Treue." 
Symbolbild; Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0120-035 / Weisflog, Rainer / CC-BY-SA 3.0
(gefunden hier
Und dann kommt endlich die lang erwartete "Antipolitische Politik" an die Reihe - so lautet die dritte Zwischenüberschrift. Hier greift Dreher zunächst einmal auf das vorige Kapitel zurück und legt dar, warum eine Orientierung an der Spiritualität der Benediktinerregel, wie er sie empfiehlt, auch eine politische Relevanz hat: 
"Die 'Benedikt-Option' erfordert eine neue christliche Politik - eine, die aus unserer Position einer relativen Machtlosigkeit im zeitgenössischen Amerika erwächst. Es mag seltsam klingen, die Ordensregel des Hl. Benedikt als ein politisches Dokument zu bezeichnen; aber sie ist nichts Geringeres als eine Verfassung, die das Leben einer bestimmten Gemeinschaft regelt. Indem sie vorschreibt, wie die Benediktinischen Tugenden in mönchischen Gemeinschaften gelebt werden sollen, ist die Ordensregel politisch.
[...] Wenn wir an 'Politik' denken, stellen wir uns darunter Wahlkampf, Wahlen, Aktivismus, Gesetzgebungsprozesse vor - all die Elemente des Staatswesens einer Demokratie. Im fundamentalsten philosophischen Sinne jedoch ist Politik der Prozess, durch den wir uns darüber verständigen, wie wir miteinander leben wollen." 
Im Folgenden macht der Autor keinen Hehl daraus, dass er diesen erweiterten Politikbegriff wesentlich interessanter findet als die politischen Prozesse im demokratischen Staat - und auch wesentlich relevanter für die Situation gläubiger Christen in einer säkularen Gesellschaft. 
"Die Politik der 'Benedikt-Option' beginnt damit, anzuerkennen, dass die westliche Gesellschaft post-christlich ist und dass - wenn kein Wunder geschieht - keine Hoffnung besteht, dass sich dieser Zustand in der absehbaren Zukunft ändert. Das bedeutet, dass die Möglichkeiten für rechtgläubige Christen, auf dem Wege konventioneller Politik etwas zu erreichen, sich erheblich verringert haben. Die meisten Amerikaner werden viele Dinge, die traditionsorientierte Christen als gut betrachten, nicht nur ablehnen, sondern sie sogar für böse halten. Der Versuch, unseren verlorenen Einfluss zurückzugewinnen, wird sich als Verschwendung von Energie erweisen - oder Schlimmeres, wenn die finanziellen und sonstigen Ressourcen, die man dem Aufbau alternativer Institutionen für den langfristigen Widerstand widmen könnte, stattdessen für einen zum Scheitern verurteilten Versuch verpulvert werden, an der Macht festzuhalten." 

An dieser Stelle ein erneuter Exkurs. Gestern las ich auf der Facebook-Wall einer geschätzten Freundin die Sätze: "Nach den schockierend schnellen Entwicklungen zur Ehe für alle schrieb jemand, dass er jetzt aus der CDU austreten würde. Meine Antwort: 'Austreten?? Wann wurde schon mal was durch Austreten verändert?? EINTRETEN, liebe Freunde!!'" -- Ohne es überheblich zu meinen: So habe ich auch gedacht, als ich mit 14 Jahren in die Junge Union eintrat. Es war keine sonderlich erfolgreiche Strategie. Und mit der Lektüre der Benedict Option im Rücken würde ich heute nur umso überzeugter sagen: Nö. Durch die Mitgliedschaft, sogar ausgesprochen aktive Mitgliedschaft in einer Partei verändert man exakt gar nichts. Außer vielleicht sich selbst, und zwar nicht zum Besseren. Eine andere Freundin kommentierte auf Facebook: "Ne ne ne. Sorry. Mit der Einstellung könnte ich auch in die MLPD eintreten mit dem Ziel, daraus die Marianische Liga Papsttreuer Deutscher zu machen." Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Schon früher fand, meiner persönlichen Erfahrung zufolge, die politische Meinungsbildung in Parteien und Verbänden nicht von unten nach oben statt, sondern umgekehrt; und in der Ära Merkel ist das prinzipielle Ignorieren der eigenen Parteibasis ja nun wirklich zur Kunst perfektioniert worden. Und sie kann es sich ja auch leisten: Selbst wenn die eigene Partei wirklich einmal der Kanzlerin die Gefolgschaft verweigern würde, könnte sie problemlos mit Rot-Rot-Grün weiterregieren. -- Erneut: Ende des Exkurses! 

"Ein Teil des Wandels, den wir vollziehen müssen, besteht darin, zu akzeptieren, dass gläubige Christen in den kommenden Jahren möglicherweise vor der Wahl stehen werden, entweder gute Amerikaner oder gute Christen zu sein. In einer Nation, in der 'Gott und Land' [traditionell] so eng miteinander verwoben sind, ist die Vorstellung, dass Bürgerschaft und religiöser Glaube in einem radikalen Spannungsverhältnis zueinander stehen könnten, ungewohnt." 
Jetzt wird er wieder alarmistisch, der Rod! Oder? 
"Alexis de Tocqueville war überzeugt, dass die Demokratie den Verlust des christlichen Glaubens nicht überleben könne. Selbstregierung erfordert gemeinsame Überzeugungen hinsichtlich moralischer Wahrheiten. Der christliche Glaube verwies die Menschen über sich selbst hinaus und lehrte sie, dass Gesetze fest in einer moralischen Ordnung verwurzelt sein müssen, die von Gott geoffenbart und garantiert worden ist.
Wenn eine demokratische Nation ihren Glauben verliert, so Tocqueville, fällt sie einem ungeordneten Individualismus, Materialismus und 'demokratischen Despotismus' zum Opfer [...]. Darum 'muss das Christentum innerhalb der neuen Demokratien um jeden Preis festgehalten werden'.
Das haben wir nicht getan. Wenn Tocqueville Recht hat, müssen konservative Christen sich jetzt auf sehr düstere Zeiten gefasst machen. Die Wahl von 2016 war ein Menetekel. Amerikaner hatten die Wahl zwischen einer Establishment-Demokratin, die zentralen christlichen Werten und der Religionsfreiheit zutiefst feindselig gegenüberstand, und einem Republikanischen Außenseiter ohne besondere religiöse Bindung, der sich als Starker Mann verkaufte, der durch schiere Willenskraft Ordnung zu schaffen versprach." 
Es kommt noch schärfer: 
"In seinem 2016 erschienenen Buch 'Conserving America?' [...] stellt Patrick J. Deneen, ein politischer Theoretiker der [katholischen] Universität Notre Dame, die These auf, dass der Liberalismus der Aufklärung, aus dem beide US-Parteien hervorgegangen sind, auf der Prämisse aufbaut, Menschen seien von Natur aus 'frei und unabhängig' und der Zweck einer Regierung sei es, das autonome Individuum freizusetzen. [...]
Dies widerspricht dem, was sowohl die Heilige Schrift als auch die Erfahrung uns über die menschliche Natur lehren. Der Zweck der Zivilisation, so Deneen, 'ist es stets gewesen, familiäre, gesellschaftliche und kulturelle Strukturen zu erhalten und zu unterstützen, die persönliche und generationsübergreifende Formen von Verpflichtung und Dankbarkeit, von Pflicht und Schuldigkeit lebendig erhalten und vertiefen.'
Anders ausgedrückt: Zivilisation ist nicht dafür da, dem Individuum zu ermöglichen, zu tun und zu lassen, was es will. Dies zu glauben ist ein anthropologischer Irrtum. Eine Zivilisation, in der niemand eine Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit, der Zukunft, gegenüber einander oder gegenüber irgend etwas Höherem als der eigenen Befriedigung verspüren würde, wäre in gefährlichem Maße fragil. In den Jahrzehnten des Niedergangs des Weströmischen Reiches beschrieb Augustinus die Gesellschaft als vergnügungssüchtig, selbstbezogen und planlos in den Tag hinein lebend." 
Und schließlich: 
"Eine Demokratie kann, da sie die Herrschaft des Volkes vorschreibt, nur so stark sein wie die Menschen, die in ihr leben." 
Klingt plausibel. Aber was ist denn jetzt zu tun
"Was für eine Art von Politik sollten wir im Rahmen der 'Benedikt-Option' betreiben? Wenn wir unsere Auffassung von Politik so erweitern, dass sie auch die Kultur miteinbezieht, können wir feststellen, dass es praktisch unbegrenzte Möglichkeiten für Aktivität und Dienst gibt. Der christliche Philosoph Scott Moore sagt [...:] 'In der Politik geht es darum, wie wir unser gemeinsames Leben in der polis ordnen - ob das nun eine Stadt, eine Gemeinde oder auch eine Familie ist. [...] Es geht darum, wie wir zusammen leben, wir wir das, was uns am wichtigsten ist, identifizieren und bewahren, wie wir Freundschaft pflegen und unsere Kinder erziehen, wie wir lernen, darüber zu denken und zu sprechen, welche Art zu leben wirklich das Gute Leben ist.'
Betrachtet man  Politik in diesem Sinne, dann können amerikanische Christen viel von den Erfahrungen der tschechischen Dissidenten unter dem Kommunismus lernen. Die Essays, die der tschechische Dramatiker und politische Gefangene Václav Havel und sein Umfeld unter einem Ausmaß an Unterdrückung und Verfolgung verfassten, das weit über alles hinausgeht, was amerikanischen Christen aller Wahrscheinlichkeit nach in naher Zukunft bevorstehen könnte, präsentieren eine kraftvolle Vision authentischer christlicher Politik in einer Welt, in der wir eine machtlose, verachtete Minderheit sind.
Havel, der 2011 verstarb, vertrat ein Konzept, das er 'antipolitische Politik' nannte und dessen Wesenskern er als 'in der Wahrheit leben' beschrieb. Seine berühmteste und eindringlichste Äußerung war ein umfangreicher, 1978 entstandener Essay mit dem Titel 'Die Macht der Ohnmächtigen' [...].
Man stelle sich vor - schreibt Havel -, ein Gemüsehändler, der unter kommunistischer Herrschaft lebt, hängt ein Schild in sein Ladenfenster, auf dem steht 'Arbeiter der Welt, vereinigt euch!'. Er tut das nicht unbedingt, weil er daran glaubt. Er will einfach nur keinen Ärger. Und wenn er im Grunde gar nicht recht daran glaubt, wird er das Beschämende dieses Zwangs verbergen, indem er sich selbst sagt: 'Was ist falsch daran, wenn sich die Arbeiter der Welt vereinigen?'. Furcht gestattet es der offiziellen Ideologie, ihre Macht zu bewahren - und verändert schließlich die Überzeugungen des Gemüsehändlers. Jene, die, so Havel, 'in der Lüge leben', kollaborieren mit dem System und kompromittieren damit ihre Integrität als Mensch.
Jeder Akt hingegen, der der offiziellen Ideologie widerspricht, ist eine Verweigerung gegenüber dem System. Was, wenn der Gemüsehändler das Schild eines Tages nicht mehr in sein Ladenfenster hängt? Was, wenn er sich weigert, mitzumachen, nur um unbehelligt zu bleiben? 'Seine Revolte ist ein Versuch, in der Wahrheit zu leben' - und sie wird ihn eine Menge kosten. Vielleicht verliert er seine Arbeit und seine Stellung in der Gesellschaft. Vielleicht dürfen seine Kinder nicht auf die Hochschule gehen dürfen, auf die sie wollen - oder auf überhaupt keine Hochschule. Leute werden ihn drangsalieren und ausgrenzen. Aber indem er Zeugnis für die Wahrheit ablegt, hat er etwas potentiell Machtvolles vollbracht.
Er hat gesagt, dass der Kaiser nackt ist. Und da der Kaiser tatsächlich nackt ist, ist etwas extrem Gefährliches passiert: Durch sein Handeln hat der Gemüsehändler [...] es allen ermöglicht, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen. Er hat allen gezeigt, dass es möglich ist, in der Wahrheit zu leben." 
So, da wären wir endlich bei den tschechischen Dissidenten angekommen. Havels Beispiel mit dem Gemüsehändler gefällt mir übrigens sehr. Beim wiederholten Lesen verwandelte sich das Banner mit dem kommunistischen Slogan übrigens vor meinem geistigen Auge unversehens in eine Regenbogenflagge. Say no more. - Und was, außer sich der offiziellen Propaganda zu verweigern, kann und soll man noch tun? 
"Die Antwort besteht demnach darin, 'Parallelstrukturen' zu schaffen und zu erhalten, in denen die Wahrheit in Gemeinschaft gelebt werden kann. Ist das nicht eine Form von Eskapismus, ein Rückzug in ein Ghetto? Ganz und gar nicht, sagt Havel: Eine gegenkulturelle Gemeinschaft, die sich der Verantwortung entzöge, für andere da zu sein und ihnen zu helfen, wäre letztlich nur 'eine kultiviertere Art, in der Lüge zu leben'.
Ein gutes Beispiel dafür, wie ein besseres Leben unter solchen Bedingungen aussehen könnte, kommt von dem verstorbenen Mathematiker und Dissidenten Václav Benda. Benda, ein gläubiger Katholik, war überzeugt, dass der Kommunismus die Bevölkerung dadurch in einem eisernen Griff hielt, dass er die Menschen voneinander isolierte, ihre sozialen Bindungen fragmentierte. Das tschechische Regime ging massiv gegen die Katholische Kirche vor und zwang viele Gläubige dazu, ihren Glauben nur noch im privaten Rahmen zu praktizieren, verborgen hinter den Wänden ihres Heims, wo er nicht die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich ziehen konnte.
Bendas spezieller Beitrag zur Dissidentenbewegung war die Idee der 'parallelen polis' - einer abgetrennten, aber durchlässigen Gesellschaft, die neben der offiziellen kommunistischen Ordnung existierte. [...]
Unter erheblichem Risiko für sich selbst und seine Familie (er und seine Frau hatten sechs Kinder) verweigerte Benda sich der Ghettoisierung. Er sah keine Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit den Kommunisten, aber er lehnte auch Quietismus ab - als eine Haltung, die es versäumte, rechte christliche Sorge für Gerechtigkeit, Nächstenliebe und evangeliumsgemäßes Zeugnis für Christus im öffentlichen Raum zu zeigen. Für Benda konnte Havels Aufforderung zum 'Leben in der Wahrheit' nur Eines bedeuten: als Christ in Gemeinschaft zu leben.
Benda sprach sich nicht für einen Rückzug in ein christliches Ghetto aus. Er beharrte darauf, dass die parallele polis ihre Aufgabe im Kampf für 'die Bewahrung oder Erneuerung der nationalen Gemeinschaft im umfassendsten Sinne des Wortes' sehen müsse - 'verbunden mit der Verteidigung aller Werte, Institutionen und materiellen Bedingungen, von denen eine solche Gemeinschaft abhängt'. [...]
In diesem Verständnis geht es bei der parallelen polis nicht etwa darum, einen geschützten Raum für Christen aufzubauen, sondern vielmehr darum, gemeinsame Praktiken und gemeinsame Institutionen zu etablieren (oder wiederzubeleben), die die Isolation und Fragmentierung der gegenwärtigen Gesellschaft überwinden können." 
Auch hier also wieder die Klarstellung, dass es - anders als es auf den ersten Blick den Anschein haben konnte - bei der Benedict Option gerade nicht um "Ghettobildung" oder "Wagenburgmentalität" gehen soll. Eine christliche Gemeinschaft muss nicht nur für sich selbst da sein, sondern auch und gerade für andere. Nur die Reihenfolge gilt es einzuhalten: Um für andere da sein zu können, muss die Gemeinschaft erst mal eine Gemeinschaft sein. Dazu in Kürze noch mehr. 
"Ob man es nun 'antipolitische Politik' nennt oder 'parallele polis': Wie könnte die Vision der tschechischen Dissidenten in unseren Verhältnissen aussehen? Havel gibt eine Reihe von Beispielen. Man denke an Lehrer, die sicherstellen, dass Kinder Dinge lernen, die ihnen in den staatlichen Schulen nicht beigebracht werden. Man denke an Schriftsteller, die über die Dinge schreiben, an die sie wirklich glauben, und Wege finden, ihre Werke an die Öffentlichkeit zu bringen, koste es was es wolle. Man denke an Priester und Pastoren, die einen Weg finden, ihre religiöse Berufung trotz Anfeindungen und gesetzlichen Hürden auszuleben, und an Künstler, die sich einen Scheiß [!] um die offiziell herrschende Meinung kümmern. Man denke an junge Leute, die sich entschließen, dass Erfolg in den Augen der Gesellschaft ihnen egal ist, und die 'aussteigen', um nach einem Leben in Integrität zu streben, was es sie auch kosten mag. Diese Leute, die sich weigern, sich  anzupassen, und stattdessen ihre eigenen Strukturen aufbauen, leben die Benedikt-Option." 
Damit kann ich eine Menge anfangen. Ich hoffe, meine Leser auch. 
"Wenn wir darauf hoffen, dass unser Glaube eines Tages die Welt verändert, müssen wir vor Ort beginnen. Benedict Option-Gemeinschaften sollten klein sein, weil 'jenseits eines gewissen Punktes menschliche Bindungen wie persönliches Vertrauen und persönliche Verantwortung nicht mehr funktionieren'. Und sie sollten 'auf natürliche Weise von unten wachsen' - das soll heißen, sie sollen sich organisch entwickeln und nicht durch eine zentrale Planung verordnet werden. Dieses Gemeinschaftskonzept geht vom Herzen des Einzelnen aus und verbreitet sich von dort aus in die Familie, die Kirchengemeinde, die Nachbarschaft und darüber hinaus." 
Werbeblock: Ich glaube, mit dem Mittwochsklub sind meine Liebste und ich im Prinzip schon auf dem richtigen Weg. 
"Um herauszufinden, was unsere Nachbarn brauchen und wollen, müssen wir ihnen nahe sein. In Bendas Zeit hatten die Tschechen kaum eine Vorstellung von Gemeinschaft untereinander. Das totalitäre Regime hatte ihnen das genommen. Bendas Ansatz, die Menschen zu repolitisieren, bestand darin, ihr grundlegendes Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Geselligkeit zu aktivieren, in welcher Form auch immer es ihnen zusagte." 
Der letzte Satz versöhnt mich sogar ein bisschen mit solchen kirchlichen Kreisen und Gruppen, bei denen ich mich bisher immer darüber geärgert habe, dass sie außer gemütlichem Beisammensein gar nichts machen, oder jedenfalls nichts mit spezifisch christlichem Inhalt. Ich fände es nach wie vor besser, wenn in solchen Gruppen mehr Inhaltliches geboten würde, aber immerhin habe ich jetzt gelernt: Geselliges Beisammensein an und für sich kann auch schon ein revolutionärer Akt sein. Danke, Rod, danke, Václav! 
"Eine Freundin von mir, die früher ein wildes, hedonistisches Leben führte, konvertierte zum Christentum, nachdem sie die wahrhaft glückliche Familie ihres Bruders gesehen und die Erfahrung gemacht hatte, dass das Leuchten in ihren Gesichtern und die Liebe in ihren Herzen aus ihrem Glauben an Christus hervorgingen. Sie sagte mir: 'Später wurde mir klar, dass ich bloß jemanden gebraucht hatte, der mir die Erlaubnis gibt, gesund zu sein.' In dem Maße, wie der Westen sich der spirituellen Trägheit hingibt, wird es immer mehr Menschen geben, die nach etwas Echtem, etwas Sinnvollem und, ja, etwas Gesundem suchen. Es ist unser Auftrag als Christen, ihnen das anzubieten." 
Aber sowas von. - Wir nähern uns allmählich dem Schluss des Kapitels, was man daran merkt, dass die Absätze mit resümierendem Charakter zunehmen: 
"So heftig und raumgreifend parteipolitische Auseinandersetzungen auch sein mögen: Christen müssen sich klar vor Augen halten, dass konventionelle amerikanische Politik das, was in unserer Gesellschaft und Kultur falsch läuft, nicht beheben kann. Sie ist dazu ungeeignet, weil sowohl ihr linker wie ihr rechter Flügel davon ausgeht, das eigentliche Ziel aller Politik sei es, die individuelle Entscheidungsfreiheit zu begünstigen und zu erweitern. Die Linke und die Rechte sind sich bloß darin uneinig, wo die Grenzen zu ziehen sind. Das Programm keiner Partei ist völlig vereinbar mit der christlichen Wahrheit." 
Das gilt für Deutschland auch, möchte ich anmerken. 
"Im Gegensatz dazu geht die Politik der Benedikt-Option davon aus, dass die Verwirrung im öffentlichen Leben Amerikas aus der Verwirrung in der amerikanischen Seele hervorgeht. Die Politik der Benedikt-Option setzt bei der These an, dass die wichtigste politische Tätigkeit unserer Zeit darin besteht, eine innere Ordnung in Harmonie mit dem Willen Gottes wiederherzustellen. [...] Alles Weitere folgt auf natürliche Weise daraus.
Das bedeutet vor allem, auf die Liebe ausgerichtet zu sein. Wir werden zu dem, was wir lieben, und gestalten die Welt gemäß unserer Liebe. Wir sollten nicht aus einer Haltung von Furcht und Abscheu agieren, sondern aus Zuneigung und Zuversicht in Gott und Seinen Willen.
Wenn wir wahrhaft auf Gott ausgerichtet sind, brauchen wir uns über unmittelbare Ergebnisse unserer Bemühungen nicht zu sorgen - und das ist gut so." 
Und inwiefern und warum ist das gut so? 
"Benedict Option-Gemeinschaften aufzubauen, wird vielleicht unsere Nation nicht unmittelbar zurück auf die richtige Spur bringen, aber es lohnt sich dennoch. Jene, die sich dem Aufbau solcher Strukturen widmen, sollten sich von kurzfristigen Fehlschlägen nicht entmutigen lassen. Die wird es zwangsläufig geben." 
Das hat doch nun etwas sehr Ermutigendes. Finde ich. 
"Lasst euch von der Schlichtheit dieser Aufgabe nicht täuschen. Es handelt sich um Politik auf der fundamentalsten Ebene. Es ist Politik in Kriegszeiten, und wir führen nichts Geringeres als einen Krieg um das, was C.S. Lewis 'die Abschaffung des Menschen' nannte." 
Da fällt mir jetzt wieder dieses Mädel aus dem Café J ein, das sich über die allzu martialische Rhetorik von Johannes Hartls Vortrag "Erwecke die Helden" beschwerte. Ich schätze mal, an der Benedict Option hätte diese junge Dame auch keine rechte Freude. Wahrscheinlich aber auch noch aus anderen Gründen. 
"Im besten Falle legen Benedict Option-Gemeinschaften ein unwillkürliches politisches Zeugnis gegenüber der säkularen, liberalen Kultur ab, indem sie einen wirkungsvollen Kontrast zu einem Bündel aus zunehmend kalten und gleichgültigen politischen und ökonomischen Vorgängen bilden. Der Staat wird in Zukunft nicht in der Lage sein, sich um alle menschlichen Bedürfnisse zu kümmern - erst recht nicht, wenn die derzeitigen Prognosen bezüglich wachsender ökonomischer Ungleichheit sich bewahrheiten. Die schiere Menschlichkeit christlichen Mitgefühls und das Konzept menschlicher Würde, das sich in ihm ausdrückt, wird sich als außerordentlich attraktive Alternative erweisen - vergleichbar dem evangelisierenden Zeugnis der frühen Kirche inmitten des dahinschwindenden Heidentums im verbrauchten und entkräfteten Römischen Reich." 
Werden wir kurz vor Schluss noch einmal ganz praktisch:
"Wie soll man anfangen mit der antipolitischen Politik der Benedikt-Option? Grenze dich kulturell vom Mainstream ab. Schalte den Fernseher ab. Leg das Smartphone weg. Lies Bücher. Spiel Spiele. Mach Musik. Feiere mit deinen Nachbarn. Es genügt nicht, nur das Schlechte zu vermeiden - man muss auch das Gute ergreifen. Gründe eine Kirche oder eine Gruppe innerhalb deiner Kirche. Eröffne eine klassische christliche Schule oder schließe dich einer bestehenden an und unterstütze sie. Lege einen Garten an und beteilige dich an einem lokalen Wochenmarkt. Bring deinen Kindern bei, Instrumente zu spielen, und gründe eine Band. Tritt der Freiwilligen Feuerwehr bei." 
Diese Passage hatte ich auszugsweise schon einmal zitiert. Aus gutem Grund hatte ich dort ein paar Sätze weggelassen. Bei "Gründe eine Kirche" sehe ich einige meiner katholischen Leser (besonders einen - ich winke mal freundlich!) heftig zusammenzucken; man kann an dieser Stelle vielleicht beschwichtigend darauf hinweisen, dass das Buch schließlich unter anderem auch für protestantische Leser geschrieben ist, und vielleicht auch darauf, dass man diese Formulierung nicht zwingend im Sinne von "Mach deine eigene Konfession auf" verstehen muss: Es kann ja auch lediglich die Gründung einer Kirchengemeinde im Rahmen einer bestehenden Konfession gemeint sein. Auch das geht in der Katholischen Kirche natürlich nicht "einfach so", aber unmöglich ist es, wie ich gehört habe, auch nicht - wenn der Ortsbischof sich breitschlagen lässt, mitzuspielen. Ansonsten ist es für den katholischen Blutdruck vielleicht einfach besser, sich auf die "Gruppe innerhalb deiner Kirche" zu konzentrieren und die drei Wörter "eine Kirche oder" kurzerhand zu streichen. Was genau mit einer "klassisch christlichen Schule" gemeint ist, darauf wird in Kapitel 6 näher eingegangen. Und zum Stichwort "Wochenmarkt" fiele mir auch noch was ein, aber das hebe ich mir wohl lieber für einen eigenständigen Artikel auf. 
"Es geht nicht darum, dass wir aufhören sollten, wählen zu gehen oder uns anderweitig in der konventionellen Politik zu engagieren. Es geht vielmehr darum, dass das allein nicht mehr genügt. Als 1992 durch das Gerichtsurteil im Fall Planned Parenthood vs. Casey das 'Recht' auf Abtreibung bestätigt wurde, sah die Pro-Life-Bewegung ein, dass es auf kurze Sicht nicht möglich sein würde, das Roe vs. Wade-Grundsatzurteil zu revidieren. Also erweiterte die Bewegung ihre Strategie. Sie hörte nicht auf, Lobbyisten und Aktivisten zu beschäftigen, die den Guten Kampf in Washington und den Hauptstädten der Bundesstaaten kämpften; aber auf lokaler Ebene eröffneten kreative Lebensschützer Krisenschwangerschafts-Beratungszentren, und diese erlangten bald zentrale Bedeutung für das Anliegen des Lebensschutzes und retteten zahllosen Ungeborenen das Leben. Dies ist ein Vorbild, dem wir traditionsorientierte Christen folgen sollten. Die Zeiten haben sich dramatisch gewandelt, und wir können uns nicht länger darauf verlassen, dass Politiker und Aktivisten den Kulturkampf für uns führen." 
(Werbeblock Nr. 2: Unterstützt 1000plus!!) 

Und nun aber wirklich zum Schlussplädoyer: 
"Es kann nicht oft genug betont werden: Gläubige müssen die gewöhnliche Falle meiden, zu glauben, Politik könne kulturelle und religiöse Probleme lösen.
Das [fehlgeleitete] Vertrauen auf Republikanische Politiker und die von ihnen ernannten Richter, die Arbeit zu leisten, die nur kultureller Wandel und religiöse Bekehrung vollbringen können, ist ein bedeutender Grund dafür, dass wir Christen uns vielfach als so matt und kraftlos wahrnehmen. Die tiefgreifenden kulturellen Kräfte, die den Westen seit Jahrhunderten von Gott entfernt haben, werden nicht durch eine einzige Wahl aufgehalten oder zurückgedrängt werden - oder überhaupt durch Wahlen.
Wir glaubenstreuen Christen haben uns das innere Exil in einem Land, von dem wir dachten, es wäre das unsere, nicht ausgesucht, aber so ist die Situation nun einmal. Wir sind jetzt eine Minderheit, also lasst uns eine kreative Minderheit sein - eine, die warme, lebendige, lichterfüllte Alternativen zu einer zunehmend kalten, toten und dunklen Welt anbietet. [...] Der Verlust politischer Macht ist womöglich genau das, was die Seele der Kirche rettet. Indem wir aufhören zu glauben, das Schicksal des Amerikanischen Imperiums läge in unseren Händen, bekommen wir die Hände frei, um für das Königreich Gottes in unseren eigenen kleinen Auen zu arbeiten." 

(Ja, er schreibt shires. Wie in "Auenland". Sind wir nicht alle irgendwie Hobbits? Na, jedenfalls: Tolkien rulez. Forsetzung folgt!) 



Kommentare:

  1. Sofern ich das dem umfangreichen Konvolut richtig entnehmen kann möchte Rod Dreher ein Amerika in dem sich konservative Christen aus ihrem inneren Exil erheben und die Geschicke des Landes wieder selbst in die Hand nehmen. Das Problem dabei ist nur, das es für Menschen, die der Religiösität fern stehen in diesem Land keinen Platz mehr geben wird - außer im Gefängnis. Das kann man letztlich ja sehr gut in Ländern wie Saudi Arabien oder dem Iran sehen. Und letztlich ist das fundamentale Christentum auch um nicht menschenfreundlicher und toleranter als der Islam. In einem vielleicht schon, Mr. Dreher möchte sich zumindest ganz sicher sein, dass ein Verbrecher wirklich schuldig ist bevor er aufgehängt wird. Soviel Gerechtigkeit und Nächstenliebe muss sein.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Besonders ausgeprägte Fähigkeiten in puncto sinnerfassendes Lesen verrät dieser Kommentar nicht...

      Löschen
  2. Zur Politik gibt es zunächst einmal wenig herumzukritisieren, und das placet (wie im übrigen auch das non placet) geht immer sehr viel kürzer als ein iuxta modum (also nur ca. 4 Kommentare). Hierzu freilich:

    >>es gibt aus christlicher Sicht Gründe, anzunehmen, eine von [Trump] geführte Regierung sei im Vergleich zu einer von Hillary Clinton geführten das kleinere Übel, aber ein Übel ist sie allemal.

    Die Gründe gibt es; es sei angemerkt, daß meines Erachtens die besseren Gründe die waren, die dazu führten anzunehmen, die Sachlage sei umgekehrt. „Gott erhalte den Tyrannen, den Tyrannen Dionys, wenn er uns des Heils auch wenig und des Unheils viel erwies, bet' ich doch, er lebe lange, fleh' inbrünstig überdies: Gott erhalte den Tyrannen, den Tyrannen Dionys.“ Die Gefahr (wobei bloß „Gefahr“ fast ein bißchen wenig gesagt ist), daß die Christen mit Trump assoziiert werden werden und das vielleicht noch selber tun, wie Mr. Dreher im einzelnen ja darlegt, wäre seinerzeit mbMn um einiges gefährlicher gewesen als noch einmal vier Jahre auf dem progressiven Zug, den wir immerhin schon kennen, mitzufahren (geschweige denn wenn dieser gar von Bernie Sanders geführt worden wäre.) Und das trifft mutatis mutandis auch in Deutschland zu. Nunja.

    >>Keine Regierung in Washington, wie ostentativ pro-christlich sie auch sein mag, ist in der Lage, kulturelle Trends aufzuhalten, die in die Richtung von Desakralisierung und Fragmentierung weisen und die sich über Jahrhunderte hinweg aufgebaut haben. Etwas anderes zu erwarten, wäre eine falsche Idolisierung, ja Vergötzung von Politik." Kann ein von konservativen Parlamentariern verabschiedetes und von konservativen Richtern angewandtes Gesetz die Gesetze des menschlichen Herzens überschreiben? Nein, das kann es nicht. Politik ist kein Ersatz für persönliche Heiligung. Das Beste, was rechtgläubige Christen heute noch von der Politik erhoffen können, ist, dass sie einen Freiraum schafft [oder bewahrt], innerhalb dessen die Kirche ihre Werke der Nächstenliebe, des Kulturaufbaus und der Bekehrung betreiben kann."

    Das stimmt *so* allerdings nur zum Teil, wie Mr. Dreher selbst einzugestehen scheint, wenn er „heute noch“ sagt und damit auf die konkreten reellen *Chancen* eingeht. Tatsächlich neigt der Mensch dazu, das zu tun, was das Gesetz ihm vorschreibt, insbesondere, wenn es empfindliche Strafen darauf setzt – und es dann, wenn er es schon tun muß, vielleicht auch aus den richtigen Gründen zu tun; zumindest wäre dann das Bekehrungshindernis teilweise beseitigt, wenn er Christ würde, dürfe er ja soviel weniger und müsse so viel mehr. – Man darf von den Zeitumständen nicht auf das theoretische An-sich schließen; daß wir heute realistisch nicht in der Lage sind, die Gesetze zu bekommen, die wir bräuchten, heißt nicht, daß Gesetze nicht eine ganz gute Sache wären, wenn wir sie denn bekommen könnten; und das zu behaupten ist auch keine Politikvergötzung. (Auch wenn zugegebenermaßen nahegelegt von eben besagten Zeitumständen: Da spitzt eben doch teilweise ein – evangelikales und vielleicht auch östlich-orthodoxes – supranaturalistisches Staatsverständnis durch, der Staat gehöre komplett der verdorbenen Welt an etc. … und die Theorie ist immer praktisch wichtiger, als man meint.)

    >>"Die eigentliche Frage, der wir uns stellen müssen, ist nicht, ob wir die Politik gänzlich aufgeben sollten, sondern wie wir politische Einflussnahme besonnen einsetzen, insbesondere im Rahmen einer instabilen politischen Kultur. Wann ist es feige, aus einer übertriebenen Angst vor Verunreinigung nicht mit säkularen Politikern zu kooperieren - und wann würde man sich durch Beteiligung korrumpieren?"

    Sehr gut; nur gibt es darauf auch eine *Antwort*? Und was für politische Einflußnahme haben wir denn?

    >> gibt es ein Thema, dem sie alle Aufmerksamkeit zuwenden sollten, die sie für die nationale Politik noch erübrigen können: das Thema Religionsfreiheit.
    Religionsfreiheit ist von entscheidender Bedeutung für die 'Benedikt-Option'.

    AntwortenLöschen
  3. Hier scheint allerdings auch Mr. Dreher dem ein wenig zu unterliegen, was er selbst kritisiert. Der Gegner ist ja schließlich auch nicht strohdumm. Man kann ihn eventuell zum Christentum bekehren; man kann eventuell for the time being darauf setzen, daß er gewisse christliche Pekuliaritäten, die er ablehnt, für harmlose Schrullen hält und nicht tangiert. Aber anzunehmen, daß er sich *nicht* bekehrt und daß er uns *tatsächlich* für einen zumindest halbwegs mächtigen Einfluß in eine Richtung hält, die ihm nicht gefällt, und dennoch darauf setzen, daß er in treuem Buchstabendienst sich von irgendeinem Text von vor zweihundertdreißig oder knapp siebzig Jahren davon abhalten läßt, diese bekehrungsresistenten (nur in bezug auf eine andere Bekehrung) Hinterwäldler zu ihrem Glück zu zwingen? Das scheint mir dann eben doch reichlich illusorisch. Vor allem wenn er auf Grund der an und für sich ja richtigen und durchaus noch verfassungsmäßigen Überlegung, der Staat brauche nicht vor jedem Verfassungsfeind einknicken, wenn er das Zauberwort „Religionsfreiheit“ sagt, die Folgerung zieht, diese beziehe sich letztlich nur auf unpolitische Gottesdienste in Kirchenräumen – das würde ja sogar noch als bloße „Interpretation“ deklariert werden können.
    XXX
    >> Indem [die Benediktsregel] sie vorschreibt, wie die Benediktinischen Tugenden in mönchischen Gemeinschaften gelebt werden sollen, ist die Ordensregel politisch.
    That is stretching the definitions to breaking point. – Man wird natürlich sogar mit gewissem Recht sagen können: Alles ist politisch. Sofern man aber mit „politisch“ etwas bestimmtes meint, ist die Benediktsregel erstmal unpolitisch, solange die fragliche Benediktinerabtei nicht ein reichsständisches Stift regiert oder die fragliche Benediktinerkongregation den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts hat. Hier wird der Unterschied zwischen der privaten Vereinigung von Mönchen einerseits und der Lehre und Verfassung der *Kirche*, die politisch *sind*, deutlich.
    >>Der Versuch, unseren verlorenen Einfluss zurückzugewinnen, wird sich als Verschwendung von Energie erweisen - oder Schlimmeres, wenn die finanziellen und sonstigen Ressourcen, die man dem Aufbau alternativer Institutionen für den langfristigen Widerstand widmen könnte, stattdessen für einen zum Scheitern verurteilten Versuch verpulvert werden, an der Macht festzuhalten."

    Scheitern für die gute Sache ist beim Christen nicht ehrenrührig.


    >>"Ein Teil des Wandels, den wir vollziehen müssen, besteht darin, zu akzeptieren, dass gläubige Christen in den kommenden Jahren möglicherweise vor der Wahl stehen werden, entweder gute Amerikaner oder gute Christen zu sein. [usw.]

    Das ist sehr richtig, spricht aber zu einer spezifisch amerikanischen Zuhörerschaft. All das ist für den gläubigen Deutschen eine Selbstverständlichkeit, oder seien wir genauer: der Gedanke an ein pflichtbewußtes Spießbürgertum (ich gebrauche das Wort nicht pejorativ), in der der Glaube selbstverständlich wie alles andere auch zum Anstand dazugehört, ist allenfalls ein zartes Pflänzchen, das unter den weniger Intellektuellen vielleicht mal in den Fünfzigern aufgesprossen sein mag, vorher nie dawar, durch die gleichzeitige kriegsbedingte Durchschüttelung der Konfessionsverteilung nie wirklich gedeihen konnte und mittlerweile wieder offenkundig eingegangen ist, auch wenn es (man erlaube mir, ein wenig tongue-in-cheek zu sprechen) durch das Streichen der alten zweiten bis siebten Strophe des „Hauses voll Glorie“ im Gotteslob und ähnliche Maßnahmen kraftvoll gedüngt wurde.

    >>"Alexis de Tocqueville war überzeugt, dass die Demokratie den Verlust des christlichen Glaubens nicht überleben könne.

    Damit setzt er voraus, daß das, was er „demokratischen Despotismus“ nennt, keine Demokratie ist. Die Abgrenzung scheint mir definitorisch nicht ganz einfach zu sein. Ist aber bloß eine Notiz zum Begriffsgebrauch.

    >>Havels Beispiel mit dem Gemüsehändler gefällt mir übrigens sehr.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das "XXX" hat nichts zu bedeuten, hatte das zu löschen vergessen...

      Löschen
  4. Es ist gut, ja; allerdings könnte man gerade hier sein, daß *gerade wenn* die ganze Geschichte kein Spaziergang wird, es eben notwendig wird, zwischen dem noch Verteidigbaren („an sich ist eine nicht näher bestimmt geartete Vereinigung der Arbeiter der Welt ja eine gute Sache“) und dem von Grund auf Verkehrten (sagen wir „es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun“) scharf zu unterscheiden.

    >> Eine gegenkulturelle Gemeinschaft, die sich der Verantwortung entzöge, für andere da zu sein und ihnen zu helfen, wäre letztlich nur 'eine kultiviertere Art, in der Lüge zu leben'.

    Da ist Havel zu streng; oder er setzt voraus, daß die Gemeinschaft das von Grund auf und aus Hochnäsigkeit ablehnen würde.

    >>aber er [Benda] lehnte auch Quietismus ab

    Nur eine Begriffsnotiz: Quietismus ist eine ins Falsche hinein übertriebene Form christlicher Spiritualität, wie sie vor allem mit dem Namen Madame Guyon assoziiert wird, und hat mit dem hier gemeinten Problem erstmal wenig zu tun.

    >>Auch hier also wieder die Klarstellung, dass es bei der Benedict Option gerade nicht um "Ghettobildung" oder "Wagenburgmentalität" gehen soll.

    Nicht laut Rod Dreher. Allerdings muß ein Ghetto oder eine Wagenburg trotz ihres schlechten Rufes gar nicht so schlecht sein.

    >>Man denke an junge Leute, die sich entschließen, dass Erfolg in den Augen der Gesellschaft ihnen egal ist, und die 'aussteigen', um nach einem Leben in Integrität zu streben, was es sie auch kosten mag.

    Und wer befreit sie dann von dem Vorwurf, der im Einzelfall ja – der Mensch ist immer vielschichtig – berechtigt sein mag, sie setzten nur die Parabel vom Fuchs und den sauren Trauben in die Gegenwart um?

    >>Benedict Option-Gemeinschaften sollten klein sein, weil 'jenseits eines gewissen Punktes menschliche Bindungen wie persönliches Vertrauen und persönliche Verantwortung nicht mehr funktionieren'.

    Sorry für die Detailsucherei, aber wie klein denn genau, und ist nicht gerade das schöne am katholischen Christentum, daß im Prinzip jeder katholische Christ (und je nach Angebot andere; sicher aber immer sie) bei jeder katholischen Gemeinschaft willkommen ist? [*]

    [*mit gewissen Ausnahmen, die jugendliche Gemeinschaften durch ein im Einzelfall nicht immer penibel einzuhaltendes Höchstalter davon abhalten, von der älteren Generation überrannt zu werden.]

    >>Der letzte Satz versöhnt mich sogar ein bisschen mit solchen kirchlichen Kreisen und Gruppen, bei denen ich mich bisher immer darüber geärgert habe, dass sie außer gemütlichem Beisammensein gar nichts machen, oder jedenfalls nichts mit spezifisch christlichem Inhalt. Ich fände es nach wie vor besser, wenn in solchen Gruppen mehr Inhaltliches geboten würde, aber immerhin habe ich jetzt gelernt: Geselliges Beisammensein an und für sich kann auch schon ein revolutionärer Akt sein. Danke, Rod, danke, Václav!

    Dem kann man nur zu stimmen.

    >>“Das Programm keiner Partei ist völlig vereinbar mit der christlichen Wahrheit." Das gilt für Deutschland auch, möchte ich anmerken.

    Das ist *konkret* so (in bezug auf die relevanten Parteien); man würde aber in den schon angesprochenen Irrtum verfallen, meinte man, es müsse *notwendig* auf Grund des Wesens der Politik heraus (o. ä.) so sein. Und da unsere Leute ja irgendetwas wählen müssen, müßte man eine solche Partei, deren Programm vereinbar ist mit der christlichen Wahrheit, eigentlich dann eben entweder *gründen*, damit die Leute wenigstens auf dem Wahlzettel ein Kreuz machen können, das mit ihrem Gewissen in Ordnung geht, wenn sie auch sonst keinen Beitrag leisten; oder, wenn man zu dem Schluß kommt, dem, was man doch politisch tun will, am besten durch die Unterstützung einer existierenden Partei nahezukommen, dann müßte man eben zumindest die unvereinbaren Punkte feststellen und feststellen, daß man diese aufschiebt.

    AntwortenLöschen
  5. >>Da fällt mir jetzt wieder dieses Mädel aus dem Café J ein, das sich über die allzu martialische Rhetorik von Johannes Hartls Vortrag "Erwecke die Helden" beschwerte.

    Warum sie das tat, weiß ich nicht; tatsächlich aber ist es jedenfalls kontraproduktiv anzunehmen, nur der Held könne sich irgendwie am Krieg beteiligen ;-)

    >>Schalte den Fernseher ab. Leg das Smartphone weg.

    Machen wir jetzt wieder Kritik an der modernen Unterhaltungstechnik?
    >>Bei "Gründe eine Kirche" sehe ich einige meiner katholischen Leser (besonders einen - ich winke mal freundlich!) heftig zusammenzucken;

    Hier (*winkezurück*).

    >>man kann an dieser Stelle vielleicht beschwichtigend darauf hinweisen, dass das Buch schließlich unter anderem auch für protestantische Leser geschrieben ist,

    Das mag sein. Aber erstens ist uns mit einer neuen Spielart des Calvinismus auf lange Sicht ebensowenig oder jedenfalls ähnlich wenig gedient wie mit einer neuen Spielart des hier bekämpften Progressismus (vielleicht etwas mehr; vielleicht, wegen der damit eingebrachten falschen Assoziationen zum Thema Christentum, etwas weniger, ich weiß es nicht), von einer etwaigen taktischen Unterstützung ihrer Religionsfreiheit (s.o.) einmal abgesehen. Diese ganze Kirchengründerei ist aber *selbst* unter protestantischen Vorzeichen Unsinn; man gründet keine Kirche, jedenfalls nicht mit Absicht, auch Luther tat das nicht, auch Calvin tat das nicht, auch Zwingli tat das nicht, sondern man tritt in die wahre Kirche ein. Wenn man das Pech hat, sich darin zu irren, dann wird unter Umständen eine neue Kirche draus, aber mit Absicht eine Kirche gründen? Dies ist sicherlich aus der partikulären amerikanischen Geschichte verständlich, aber dann eben ein Unsinn. (Und Kirchengemeinden? Die gibt es vor Ort im Regelfall schon – wobei ich schon sehr stark vermuten, daß das nicht primär gemeint ist.)

    >>Es kann nicht oft genug betont werden: Gläubige müssen die gewöhnliche Falle meiden, zu glauben, Politik könne kulturelle und religiöse Probleme lösen.

    Es ist aber ebenfalls eine Falle zu glauben, Politik könne zum Lösen kultureller und religiöser Probleme prinzipiell (und nicht nur zur Zeit auf Grund der Umstände) gar keinen Beitrag leisten. Das ist natürlich eine theoretische Sache, aber Theorie wird letztlich immer irgendwo wichtig.


    >>Wir sind jetzt eine Minderheit, also lasst uns eine kreative Minderheit sein - eine, die warme, lebendige, lichterfüllte Alternativen zu einer zunehmend kalten, toten und dunklen Welt anbietet.

    Auch nicht schlecht. Besser bzw. zusätzlich wäre es also eben doch angebracht (wobei man dazu vermutlich katholisch sein muß), sich vor Augen zu führen, daß man außerdem „virtual majority“ ist, weil alle Menschen, insoweit sie das Gute wollen, das wollen, was wir wollen, und weil kaum jemand oder streng scholastisch gesprochen überhaupt keiner wirklich das Schlechte will. Wir umfassen das ganze Volk, nicht reell, aber intentionell. Aber gut, auch das ist natürlich wieder so ein theoretischer Punkt. Wie gesagt: solche können praktische Auswirkungen haben (in dem Fall zum Beispiel den, daß wir nicht über den Elitismus in zu hohe Selbstanforderungen und darüber in Verzweiflung, Murren gegen Gott, der uns das zumutet, etc. verfallen.)

    AntwortenLöschen
  6. Ein Einspruch zu dem Absatz über Islam & Christentum:

    "Religionsfreiheit gibt es nur entweder für alle Religionen oder für keine."
    Das ist einfach falsch. Das ist, als würde man sagen, "Politische Freiheit gibt es nur entweder für alle Parteien oder für keine". Das ist offensichtlich Blödsinn - gerade die Erhaltung der allgemeinen politischen Freiheit kann es in seltenen Fällen nötig machen, eine Partei (wie die NPD - ich verstehe die Argumentation des Bundesverfassungsgerichts hier immer noch nicht) zu verbieten. Sicher muss es politische Freiheit für viele Parteien geben, aber es gibt eben auch irgendwo eine Grenze (bei der Verfassungsfeindlichkeit). Die ist vielleicht nicht immer leicht zu finden, und vielleicht ist es besser, sie so großzügig wie möglich zu ziehen, aber irgendwann muss man sie irgendwo ziehen.

    Und das Gleiche gilt eben für Religionen. Muslime beten, fasten, tragen Kopftücher, trinken keinen Alkohol, wallfahrten nach Mekka, lehnen g'schlamperte Verhältnisse ab, etc. Von der Religionsfreiheit gedeckt, logisch. Aber was ist zum Beispiel mit… der Burka? Polygamen Ehen? Da wird es schon etwas schwieriger, aber so einfach ist es eben auch nicht, zu sagen, man schreibt denen jetzt vor, wie sie sich zu ihrem eigenen Besten zu verhalten haben. Aber dann - was ist mit Zwangsehen? Kinderehen? Ermordung von Apostaten? Noch extremeres Beispiel: Was, wenn jemand die Religion der Phönizier oder Azteken gern wiedereinführen würde und damit beginnt, Menschen dem Sonnengott zu opfern?
    Wenn jemand solche Dinge zu den Forderungen seiner Religion zählt, ist das dann auch noch von der Religionsfreiheit gedeckt? Oder muss man dann die Begriffe so umdefinieren, dass man sagt, "das gehört ja gar nicht zu seiner *richtigen* Religion, auch wenn er das so sieht" (eine Argumentation, mit der man auch sagen könnte, z. B. Gegnerschaft gegen die Homo-Ehe gehöre ja gar nicht zum "richtigen" Christentum), damit man es ihm verbieten und das Konzept der Religionsfreiheit trotzdem noch retten kann?
    Die Antworten sind offensichtlich; Religionsfreiheit hat eine Grenze, und deshalb muss es klare Vorstellungen von Gut und Böse geben - und dazu gehören auch klare Vorstellungen davon, in welche Bereiche der Staat wie weit eingreifen darf und in welche nicht. Ein Beispiel aus einem anderen Bereich: Ein Arzt darf einen Patienten nicht zwingen, eine Behandlung (z. B. Bluttransfusion, Chemotherapie, Operation, was auch immer) durchführen zu lassen, wenn der das nicht will, auch wenn das seine einzige Überlebenschance wäre. Da geht die Autonomie des Patienten vor. (Fälle von akut suizidgefährdeten oder fremdgefährdenden Menschen sind etwas anderes, aber auch mit denen darf man nicht einfach so alles machen, was einem einfällt.) Aber wenn z. B. Eltern, die Zeugen Jehovas sind, *ihrem dreijährigen Kind* eine absolut lebensnotwendige Bluttransfusion verweigern wollen, dann sieht die Sache wieder anders aus. Ein Staat darf nicht einfach in Entscheidungen religiöser Menschen eingreifen, die er für schlecht hält, solange nicht eine gewisse Schwelle überschritten ist. Da kann es sicher Diskussionen geben, und Grenzbereiche, und Fehlentscheidungen. Aber irgendwo muss es eine Grenze geben.

    (Fortsetzung folgt)

    - Crescentia.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist der Kern des Problems: Wir müssen klären, was "Religionsfreiheit" eigentlich meint, was darin eingeschlossen ist und wo deren Grenzen sind (Jede Freiheit hat irgendwo Grenzen.). Was meint eingentlich "Religionsfreiheit"? Wie ist "Religionsfreiheit" definiert (Das Grundgesetz definiert Religionsfreiheit nicht, sondern setzt - im christliche-aufgeklärten Verständnis voraus, jeder wisse, was das ist.)? Es gibt im allgemeinen Bewußtsein nur eine vage, changierende Vorstellung von Religionsfreiheit, die so beliebig interpretierbar ist. Was wir brauchen ist einen klaren Begriff der Religionsfreiheit!

      Löschen
    2. Sehr gute Punkte.

      Dieses Statement "Religionsfreiheit gibt es nur für alle oder keine" dürfte allerdings ebenfalls unter der von mir oben kritisierten unklaren Trennung von An-sich und Zur-Zeit leiden und lediglich soviel bedeuten wie "Religionsfreiheit ist zur Zeit nur für alle oder für keine Religion zu bekommen".

      Löschen
    3. Das Bundesverfassungsgericht und die deutsche Staatsrechtslehre haben Bedeutung und Umfang der Religionsfreiheit recht eindeutig definiert. Es bedarf also keineswegs einer Begriffsklärung, möglicherweise aber einer umfassenderen politischen Bildung, damit die entsprechenden Normen auch bekannt werden.

      Löschen
  7. "Wer gelegentlich mal ein Auge riskiert, um sich öffentliche Social-Media-Diskussionen zuzumuten, in denen es irgendwie um Kritik am Islam geht, wird feststellen können, dass es von Kommentatoren nur so wimmelt, die nur auf die Gelegenheit warten, den Hinweis loszuwerden, das Christentum sei ja (mindestens) genauso schlimm."
    Ja, und *genau deswegen* muss man solchen Leuten klarmachen, dass sie sich irren (z. B. mit ein paar Fakten zu den Kreuzzügen und solchen Sachen; es ist unglaublich, welche Vorstellungen vom christlichen Mittelalter oder den Lehren der katholischen Kirche bei manchen Leuten so herumgeistern – und welche Wissenslücken es auch in Bezug auf die islamische Geschichte gibt). Die CSU ist nicht die SED, und das Christentum ist eben nicht der Islam, und also auch nicht „(mindestens)genauso schlimm“.
    Wenn jemand eine schlechte Religion sieht (um nicht immer den Islam zu nehmen, sagen wir mal, irgendeine ganz schlimme Sekte, die ihren Anhängern den kollektiven Selbstmord befiehlt, oder eben irgendwelche menschenopfernden heidnischen Kulte), und dann überzeugt man ihn, dass im Grunde alle Religionen gleich sind, was ist dann das Resultat? Sicher nicht, dass er dann für alle Religionen eintritt, sondern dass er meint, das Kind mit dem Bade ausschütten, alle Religionen ablehnen und sich dem Atheismus zuwenden zu müssen - in etwa so, als würde man Anarchist werden und alles, was mit Staat, Politik und Regierung zu tun hat, verdammen, weil es Hitler und Stalin gab. Diesen Irrtum muss man aufklären.
    Vielleicht haben wir mit Muslimen mehr gemeinsam als mit Atheisten, und ja, viele Leute sind mit den gleichen (unsinnigen) Begründungen ("Wir leben im Jahr 2017!" Ach, tatsächlich?) gegen manche Aspekte des traditionellen Islams wie gegen manche Aspekte des traditionellen Christentums. Aber, na ja, ich möchte ehrlich gesagt auch nicht gerne in einer vom Islam geprägten Gesellschaft leben. Die Religionen sind eben nicht alle gleich, und was nicht gleich ist, das kann man nicht immer völlig gleich behandeln.

    Entschuldigung, dass ich mich mal wieder nicht kurz fassen konnte; es ist wahrscheinlich auch niemand für totale uneingeschränkte Religionsfreiheit, ich wollte das hier nur noch einmal ansprechen, weil ich finde, dass man da vorsichtig sein und verschiedene Dinge unterscheiden sollte, bevor man sich mit anderen Religionsgemeinschaften solidarisiert (was sicher zu manchen Zeiten sinnvoll und notwendig ist).

    - Crescentia.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, wenn Du die unwesentliche Bemerkung gestattest, das war doch echt kurz ;-)

      Löschen