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Samstag, 4. September 2021

Land unter im Erzbistum Hamburg

In der jüngsten Folge meiner "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" (Nr. 13) hatte ich in der Rubrik "Linktipps" einen Blick auf die Situation im Erzbistum Hamburg geworfen, dessen Oberhirte Stefan Heße derzeit quasi "beurlaubt" ist: Nach der Veröffentlichung eines Gutachtens, das ihm wiederholte und schwerwiegende Versäumnisse in der Handhabung von Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln vorwirft, wo Heße von 2006-2012 Leiter der Personalabteilung, und anschließend Generalvikar war, hat er am 18. März 2021 ein Rücktrittsgesuch an Papst Franziskus gerichtet, die Entscheidung darüber steht jedoch noch aus. Da ich anhand von Kommentaren auf der Facebook-Seite des Erzbistums Hamburg den Eindruck gewonnen hatte, unter den dortigen Diözesanen gebe es durchaus einige, die auf Erzbischof Heßes Verbleib im Amt hoffen, hatte ich angedeutet, "meine Leser im hohen Norden" könnten mir bezüglich der Frage, wie die Amtsführung des dortigen Oberhirten zu bewerten sei, vielleicht ein wenig "auf die Sprünge helfen".

Ein Echo auf diese Aufforderung hat nicht lange auf sich warten lassen. Allerdings - so viel sei gleich vorausgeschickt - ist dieses Feedback kaum geeignet, Erzbischof Heße oder seinen Generalvikar Ansgar Thim in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. 

Innenraum der Kathedrale St. Ansgar ("Kleiner Michel") in Hamburg mit einer Madonna von F.B. Schiller. Foto von Thomas Wagner, nachbearbeitet (Bildquelle und Lizenz hier

Ein Leser aus dem Erzbistum Hamburg hat mir recht umfangreiche Anmerkungen zur dortigen Situation zukommen lassen, gibt allerdings zu bedenken, das, was er schreibe, sei "alles weitgehend [s]ein persönlicher Eindruck aus der Sicht eines einfachen Gemeindemitglieds". Nun ja, gewiss -- aber genau das ist die Perspektive, die mich interessiert; Analysen vermeintlicher oder tatsächlicher "Experten" und offizielle Stellungnahmen von Funktionären könnte man schließlich auch woanders lesen. 

Womit also fangen wir an? Mit dem Geld natürlich. Jedwedes Urteil darüber, wie gut oder wie schlecht die Archidioecesis Hamburgensis von ihrem derzeitigen Spitzenpersonal verwaltet wird, muss den Umstand berücksichtigen, dass das Erzbistum "große Finanzprobleme" hat -- was, wie nicht nur mein Leser meint, zu einem wesentlichen Teil daran liegt, dass "es sich in Hamburg derzeit noch rd. 28 hochdefizitäre 'katholische' Schulen leistet" . -- Zu den Anführungszeichen bei "katholische" später mehr; dankbar bin ich meinem Leser jedenfalls für die Aufklärung darüber, dass bzw. warum diese Schulen "in Hamburg aus historischen Gründen eine Art heiliger Kühe" darstellen: 

"Nach der Reformation war es im besonders rigid-protestantischen Stadtstaat Hamburg jahrhundertelang den Katholiken untersagt, eigene Kirchen zu unterhalten. Die konfessionelle Apartheit ging so weit, dass Katholiken wie Juden eigene Schulen zu unterhalten hatten, damit ihre Kinder nicht mit den protestantischen zusammen lernten und quasi letztere konfessionell infizierten. In diesen Schulen hielten dann bis ins 19. Jahrhundert die wenigen Katholiken ihre sonn- und werktäglichen Messen ab. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der napoleonischen Besatzung gab es in Hamburg nach rd. 300 Jahren wieder eine echte römisch-katholische Kirche. Soviel also zum in der Öffentlichkeit gerne gepflegten Bild und Narrativ vom angeblich so weltoffenen und toleranten Hamburg." 

Ein bemerkenswertes und, wie mir scheint, relativ wenig bekanntes Stück Kirchengeschichte! Damit nicht genug: 

"Erst in der politischen CDU-geführten Ära Ole von Beusts Anfang der 2000er Jahre gab es endlich einen Staatsvertrag der Freien und Hansestadt Hamburg mit der rk Kirche und u. a. in staatlichen Schulen die Einführung kath. Religionsunterrichts." 

Nun ist die Frage nach der Qualität konfessionellen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen natürlich ein Thema für sich, aber von der Papierform her könnte dieser Staatsvertrag durchaus als Argument dafür herhalten, dass Hamburg seither eigentlich gar nicht mehr unbedingt eigene katholische Schulen braucht. Demnach - so meint auch mein Leser - 

"sind die dortigen privat geführten katholischen Schulen an sich eine für das Erzbistum kostspielige Hamburgensie -- d. h. eine (liebenswerte aber teure) hamburgische Besonderheit, die man eigentlich als Auslaufmodell betrachten und bewerten sollte." 

Verkompliziert wird der Sachverhalt dadurch, dass die fraglichen Schulen einerseits "in der Bevölkerung einen guten fachlichen Ruf besitzen", andererseits "jedoch weitgehend ihr besonderes katholisches Profil verloren haben" -- daher weiter oben die Anführungszeichen bei "katholisch". Im Grunde ist das Dilemma mit "einerseits - andererseits" wohl nur unzureichend beschrieben: Zu einem gewissen Grad darf man wohl annehmen, dass die Schulen des Erzbistums sich in der breiteren Öffentlichkeit gerade darum eines so guten Rufs erfreuen, weil sie kein ausgeprägtes katholisches Profil mehr aufweisen. Ein Aspekt davon ist, dass auch die Schülerschaft nur noch zum Teil aus Katholiken besteht. 

Was also tun? Wie mein Leser referiert, hatte das Erzbistum 
"ein finanzielles Gutachten einer renommierten Unternehmensberatungsfirma [...] erstellen lassen, das [...] zu dem Schluss kam, dass man sich - sozialverträglich - von einem erheblichen Teil dieser Schulen trennen und diese als Auslaufmodell betreiben müsse. Als das allerdings in der Öffentlichkeit bekannt wurde, gab es medial einen großen Aufschrei und eine Pressekampagne vornehmlich gegen den Erzbischof und seinen Generalvikar. Hier wäre nun m. E. seitens dieser Verantwortlichen klares Feststehen in der Sache, unaufgeregte Argumentation und ruhige abgewogene Erläuterung des Für und Wider der notwendigen Maßnahmen geboten gewesen -- stattdessen eierten sie, soweit ich es aus der Presse wahrnehmen konnte, mit Ausflüchten herum, relativierten die an sich klaren Untersuchungsergebnisse, vertagten und drückten sich zeitweise um notwendige Entscheidungen und waren vornehmlich bestrebt, persönlich ein möglichst gutes Bild in der Öffentlichkeit abzugeben. Genutzt hat es nichts." 

Das faktische Ergebnis des ganzen Dramas sieht (vorläufig) aus wie folgt: 

"Statt der ursprünglich zweistelligen Anzahl katholischer Schulen werden nun nur noch sechs als Auslaufmodell bis zur endgültigen Schließung betrieben -- eine halbherzige Entscheidung, die wenig nützt und eher geeignet ist, weiteres Vertrauen zwischen Gläubigen und Führung im Erzbistum Hamburg zu zerstören." 

Auch ein weiterer Leser meines Blogs kommentiert, die "Debatte um die Hamburger Schulschließungen" müsse man "leider als ein PR-Desaster für das Bistum Hamburg bezeichnen": 

"Das Hauptproblem aus meiner Sicht ist, dass nicht erkennbar ist, wo die rk. Kirche hin bzw. in 30 Jahren stehen will. So wird mal hier, mal da gekürzt und Schmerz verursacht, ohne dass man sich wirklich gesundschrumpft im Sinne einer nachhaltigen Idee." 

Diesen letztgenannten Aspekt, das Fehlen einer überzeugenden und auch überzeugend kommunizierten Vision, halte ich tatsächlich für einen ganz zentralen Mangel -- nicht nur was die Schulen betrifft, aber bleiben wir ruhig noch einen Moment bei diesen. Schon als ich erstmals von der prekären Finanzsituation der katholischen Schulen Hamburgs erfuhr - das dürfte so 2018 gewesen sein -, ging mir die in Rod Drehers "Benedikt-Option" geschilderte "Rettung" der St. Jerome Academy - einer katholischen Schule in Hyattsville/Maryland, einem Vorort von Washington, D.C. - nicht aus dem Kopf, und ich dachte: Stellen wir uns doch mal ganz dumm und sagen, einerseits unterhält das Erzbistum Hamburg mehr Schulen, als es sich leisten kann, andererseits haben diese Schulen kaum noch ein erkennbar katholisches Profil, was die Frage nach ihrer Existenzberechtigung als katholische Schulen nach sich zieht; wie wär's denn, wenn das Erzbistum sich von einem Teil seiner Schulen trennte, im Gegenzug aber mindestens eine der verbleibenden Schulen zu einem Modellprojekt machte -- mit einem klaren katholischen Profil, kombiniert mit einem alternativen Unterrichtskonzept? Vermutlich würde sich dafür nur eine eher überschaubare Zahl von Eltern interessieren, aber dafür wäre es ja eben auch nur eine Schule und nicht achtundzwanzig. Zudem wären die Eltern, die für ein solches Schulprojekt zugänglich wären, mit hoher Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich engagiert, würden sich zu ehrenamtlicher Mitarbeit heranziehen lassen und womöglich sogar Geld mitbringen. Natürlich würde ein solches Projekt total gegen den Trend gehen, aber das ist ja gerade das Gute daran: Wenn der Trend darin besteht, dass alles den Bach runter geht, dann könnte etwas, das gegen den Trend geht, tatsächlich funktionieren

Das Problem ist, dass ein solches Konzept nicht gewollt wird. Schon gar nicht der Teil mit dem klaren katholischen Profil. Man braucht sich nur mal die in den letzten 15-20 Jahren entstandenen, die Weisheit von Religionssoziologen wie Detlef Pollack reflektierenden Strategiepapiere zur Kirchenentwicklung anzusehen, da steht's mehr oder weniger wortwörtlich drin: Profil zu zeigen ist ganz schlecht, denn das verprellt die Lauen, und die braucht die Kirche doch, um als zivilgesellschaftliche Institution, als Akteurin im vorpolitischen Raum relevant zu bleiben. 

In letzter Konsequenz geht es hier also um nichts Geringeres als um die Frage nach dem Auftrag der Kirche in der Gesellschaft. Und das betrifft, wie wir gleich sehen werden, noch weit mehr als nur die Schulen. 

U.a. infolge der Pensionsansprüche der Lehrkräfte hat die Finanzmisere der katholischen Schulen ein so großes Loch in die Finanzen des Erzbistums gerissen, dass die Schließung der Schulen allein nicht ausreicht, um es wieder zu stopfen. Also muss noch mehr vom Familiensilber verscherbelt werden. "Vermögens- und Immobilienreform" (VIR) heißt das große Zauberwort, und mein Gewährsmann aus dem Erzbistum Hamburg berichtet in diesem Zusammenhang von einer "im Foyer der Kirche ausgelegten Broschüre", die "uns schmackhaft zu machen versucht, dass u. a. quasi alle kirchlichen Immobilien in Bezug auf Wirtschaftlichkeit auf den Prüfstand gestellt werden".  So so, hm hm. Worin aber besteht, beispielsweise, die Wirtschaftlichkeit eines Kirchengebäudes? 

Äh... genau

"Unser Erzbischof hat in der jüngeren Vergangenheit bereits einige Male Versuchsballons losgelassen dergestalt, dass er sich künftig u. a. vorstellen könne, ggf. Gottesdienste in Mehrzweckräumen statt in 'nur' und nahezu ausschließlich zu diesem Zweck vorgesehenen Kirchen stattfinden zu lassen." 

Tatsächlich erinnere ich mich, dazu schon einmal etwas geschrieben zu haben, wenn auch eher als Randbemerkung in einem Artikel, der sich nicht um das Erzbistum Hamburg drehte, sondern um meine zum Bistum Münster gehörende Heimatpfarrei St. Willehad und ihren "brillanten" Entschluss, die Filialkirche St. Josef in Stadland-Rodenkirchen zu profanieren und die zuletzt nur noch wenigen Gottesdienste, die dort stattgefunden hatten, künftig in ein Altenheim zu verlegen. Auch da hatte man die Stirn gehabt, dies der Öffentlichkeit als eine positive Entwicklung verkaufen zu wollen, und Ähnliches blüht im Zuge der  "Vermögens- und Immobilienreform" (VIR) im Erzbistum Hamburg nun wohl einer ganzen Reihe von Gottesdienstorten. Mein Gewährsmann verweist in diesem Zusammenhang auch auf einen Artikel von Hinrich E. Bues in der Tagespost vom 08.08., der mit Blick auf die schon angesprochene VIR-Broschüre und Beobachtungen in verschiedenen Pfarreien des Erzbistums Hamburg die Frage aufwirft, ob "der Abriss katholischer Kirchen und die Fusion mit den 'evangelischen Nachbarn und Nachbarinnen'" etwa "zum Modell werden" solle. Man kann diesen Eindruck haben, wenn man sich die in der besagten Broschüre als Positivbeispiele angeführten Fälle anschaut; so etwa  "die Schließung der Stella-Maris-Kirche in Alt-Heikendorf", wo die Katholiken "nun in Zukunft in der evangelischen Kirche ihre Gottesdienste feiern" sollen und dürfen, "Weihnachten und Ostern allerdings ausgenommen". Als vorbildlich wird in der Broschüre auch die evangelisch-lutherische Kirche im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd dargestellt: 

"Dort wurden zunächst drei Gemeinden fusioniert, dann Kirchen verkauft, um gemeinsam mit der 'Arbeiterwohlfahrt' (AWO) und anderen staatlichen Einrichtungen ein 'Zentrum für Kirche, Kultur und Soziales' neu zu erbauen. Die evangelische Kirche kann in diesem Zentrum Räume nutzen und spart so Finanzen. Der evangelische Pastor Einfeldt behauptet, dass dieses Zentrum auch für seine Gemeinde 'ein Gewinn' sei." 

Traumhaft, nicht? Mein Leser fühlt sich an die Zeit "um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts bis kurz nach dem 2. Weltkrieg" erinnert, "mit mehrzweckgenutzten Saal- bzw. Kneipengottesdiensten". Will man es nun  ernsthaft als Fortschritt verkaufen, zu solchen Verhältnissen zurückzukehren? Mein Leser meint, das wäre "eine Schande" -- "jedoch leider im Bereich des Möglichen", "insbesondere bei gering frequentierten Gottesdiensten". 

Bei der Lektüre von Hinrich E. Bues' Bericht in der Tagespost drängt sich indes der Eindruck auf, dass es bei den "Reform"-Plänen des Erzbistums in letzter Konsequenz um noch mehr und Anderes geht als darum, unrentable Immobilien loszuwerden. So stellt Bues fest, dass "in zahlreichen Kirchen werktags gar keine Gottesdienste mehr" gefeiert werden -- was sich nicht allein durch Priestermangel erklären oder entschuldigen lasse: So gebe es im gesamten Pastoralen Raum Nordfriesland - der drei Pfarreien mit insgesamt zehn Kircgenstandorten umfasst - "von Montag bis Freitag [...] nur fünf heilige Messen", obwohl dort vier Priester tätig sind: 

"Würde jeder der vier Priester nur der üblichen Pflicht des täglich zu feiernden Messopfers nachgehen, müssten eigentlich zwanzig heilige Messen in der Gottesdienstordnung stehen. Sie würden sicher von katholischen Gläubigen, die als Touristen auf den Inseln Sylt, Amrum und Föhr sowie auf der Halbinsel Eiderstedt weilen, gut frequentiert werden." 

Dass es sehr wohl auch anders geht, beweist "die katholische St. Sophiengemeinde in Barmbek-Süd [...], die von Mönchen und Priestern des Dominikanerordens betreut wird" und "ein reiches Angebot an heiligen Messen"  vorweisen kann: 

"In den zwei werktäglichen Messen finden sich zusammen 50 bis 60 Besucher ein. Die fünf Messen am Wochenende werden von mehreren Hundert Besuchern frequentiert". 

Aber genau das sieht das Erzbischöfliche Ordinariat offenkundig nicht als Positivbeispiel an -- im Gegenteil: Die Dominikaner wurden sogar dafür kritisiert, dass sie ihre Gemeinde "mit Messen überschwemmen". Da möchte ich mal den Apostel Paulus zitieren: "Was sollen wir nun hierzu sagen?" (Röm 6,1). Kann es sein - so fragt auch Bues - dass "Priester wie Gläubige gleichermaßen die Lust verloren" haben, "das Herzstück des katholischen Glaubens, die heilige Eucharistie zu feiern?" Man mag das bizarr finden, aber in letzter Konsequenz ist es, wie weiter oben schon angedeutet, schlichtweg eine Frage des Kirchenverständnisses. Wenn man daran glaubt, dass - wie der Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1324, unter Berufung auf das Konzilsdokument Lumen Gentium lehrt - die Eucharistie "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" ist, dann ist es selbstverständlich ein Unding, wenn die Leitung einer katholischen Diözese zu dem Schluss kommt, sie habe nicht nur zu viele Kirchen, sondern in diesen würden auch zu viele Messen gefeiert. Aber andererseits konsultieren die Ordinariate eben auch Unternehmensberater, die ihnen erklären, es sei unwirtschaftlich, so viele Ressourcen auf ein Produkt zu verwenden, das eine so geringe Nachfrage findet. Wenn über 90% der Kirchenmitglieder sich für das Angebot "Gottesdienst" nicht (oder höchstens zu besonderen Anlässen) interessieren, dann, so lautet die unternehmerische Logik, sollte die Kirche das Gottesfienstangebot reduzieren und stattdessen lieber was anderes machen. Und was sollte dieses Andere sein? Keine Ahnung, irgendwas halt. Wie ich vor längerer Zeit schon mal schrieb: Wenn die Nachfrage nach Brot sinkt, muss die Bäckerei eben Nudeln verkaufen. 

Wer schon mehr als einen Artikel von mir gelesen hat, wird sicher nicht im Zweifel darüber sein, was ich von der Anwendung einer solchen unternehmerischen Logik auf Belange der Kirche halte. Um es trotzdem noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich bin nicht nur der Auffassung, dass der Ansatz, Wirtschaftlichkeit zum Maßstab für kirchliches Handeln zu erheben, in offenem Widerspruch zum göttlichen Sendungsauftrag der Kirche steht; selbst unter dem Blickwinkel weltlicher Maßstäbe von "Erfolg" glaube ich noch nicht einmal, dass es funktioniert. Die Zusammenlegung von Pfarreien, nicht nur im Erzbistum Hamburg häufig gefolgt von Verkauf oder Abriss von Gebäuden, soll angeblich dazu dienen, die Kirche "zukunftsfähig" zu machen -- aber was für eine Zukunft soll das sein? Eine Zukunft ohne Gläubige?

Darüber, was die Zerstörung gewachsener Gemeindestrukturen unter dem Kirchenvolk anrichtet, sollte man sich keine Illusionen machen. Mein Leser aus dem Erzbistum Hamburg berichtet von einer ehemals "sehr engagierten und aktiven Gemeinde", deren Kirche im Zuge einer Pfarreienfusion "profaniert und platt gemacht" wurde; die Gemeinde 

"hat man erst mal ruhig gestellt, indem man anfangs Sonntagsmessen in der evangelischen Kirche des Ortes anbot. Inzwischen ist das eingestellt -- die Gemeinde hat sich zerstreut." 

Im biblischen Griechisch heißt "Zerstreuung" übrigens "Diaspora".  Aufgabe der Kirche in der Diaspora sollte es eigentlich sein, zu sammeln, was zerstreut war (vgl. Ez 11,17). In der norddeutschen Diaspora tut die Kirche derzeit explizit das Gegenteil. Nicht nur Hinrich E. Bues denkt in diesem Zusammenhang an das Jesuswort aus Lk 11, 23: 

"Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut."



Freitag, 7. Februar 2020

Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen löse ich die Kirchenkrise

"Im Laufe der Jahre hat sich die Selbstverständlichkeit des Glaubens immer weiter verflüchtigt" – das schreibt die Nordwest-Zeitung (in Gestalt von Svenja Gabriel-Jürgens, Volontärin im 2. Ausbildungsjahr), und fügt hinzu: "auch im oft als hoch-katholisch geltenden Cloppenburg." Tja. Ich habe zwar keine belastbaren empirischen Daten zur Hand, könnte mir aber vorstellen, dass es durchaus typisch für den rasanten Niedergang der Volkskirche ist, dass die Kirchenbindung großer Teile der Bevölkerung gerade dort besonders dramatisch wegbricht, wo sie lange Zeit als Selbstverständlichkeit behandelt worden ist. Was sich unschwer dadurch erklären ließe, dass man es dort über Jahrzehnte versäumt (sprich: nicht für nötig gehalten) hat, die Kirchenbindung "der Leute" auf ein solideres Fundament zu stellen als Gewohnheit und sozialen Konformitätsdruck. Und jetzt hat man den Salat. 

Aus diesem Grund haben sich, wie NWZ-Volontärin Svenja zu berichten weiß, "Mitglieder der Kirchengemeinde St. Andreas" in Cloppenburg "Gedanken gemacht" -- nämlich über die Frage: "Wie kann der Glaube bewahrt und dem Wohl der Menschen beitragen?" Ja, liebwerte Leser, der Satz steht tatsächlich wortwörtlich so in dem Artikel. Auch die Überschrift - "Was tun gegen die Glaubenskrise? Veranstaltungen in Cloppenburg sollen helfen" - mutet für mein Empfinden etwas tragikomisch an, aber es geht mir hier nicht darum, auf der Volontärin herumzuhacken. 

Anlass für ihren Bericht ist die Vorstellung einer Veranstaltungsreihe der St.-Andreas-Gemeinde, die sich so ziemlich durch das ganze Jahr 2020 ziehen soll und unter dem Motto "Memory – ein Jahr der Er-Innerung" steht. Na, ob das so ein gelungenes Motto ist? Ich höre im Geiste schon die Protestschreie von kfd, Maria Zwonull, Anna Selbdritt und wie sie alle heißen: "Was heißt denn hier Er-Innerung? Wieso nicht Sie-Innerung?" Tatsächlich glaube ich allerdings, die speziell im öffentlich-rechtlichen deutschen Kirchenjargon unausrottbar scheinende Marotte, Begriffe durch Bindestriche mehrdeutig und bedeutungsschwanger aussehen zu lassen, verfolgt in diesem Fall die Absicht, den Aspekt der Innerlichkeit zu betonen. Mit-Initiator Günter Kannen erklärt, es gehe "um die Frage, wie und wo wir Christen unserer Gotteshoffnung innewerden und wie und wo wir gemeinsam versuchen, im Leben zu entdecken, was uns Halt und Hoffnung gibt". Weiter heißt es in dem Artikel: 
"Auch der Verweis auf das bekannte Gesellschaftsspiel 'Memory', bei dem es darum geht, zwei zueinander passende Bilder zusammenzubringen, sei nicht zufällig gewählt. Im 'Jahr der Er-Innerung' geht es laut Organisatoren um die Verbindung der Lebenswirklichkeit mit dem überlieferten Glauben." 
Ächz. Ich könnte mich ja täuschen, vielleicht ist das Ganze total glaubensstarkund zugleich innovativ, aber dieses Vokabular beschwört bei mir eher Visionen von Batikhalstüchern, Kartoffeldruck-Wandzeitungen und Kerzenmeditationen herauf, von demselben esoterisch angehauchten moralistisch-therapeutischen Geraune, das sich seit mindestens vierzig Jahren wie eine zähe, klebrige Masse über die pastorale Praxis der Mainstream-Kirchen ausbreitet. Wen will man denn damit hinter dem Ofen hervorlocken? 

-- Aber à propos Ofen: Zu der Beteuerung Günter Kannens, es gehe nicht um eine "Nostalgieveranstaltung, die 'gute alte Zeiten' beschwört", steht es in einem gewissen Spannungsverhältnis, dass die Veranstaltungsreihe teilweise in Zusammenarbeit mit dem Museumsdorf Cloppenburg konzipiert wurde. Na klar, das Museumsdorf Cloppenburg, wer kennt es nicht. Zumindest wer wie ich im Oldenburger Land aufgewachsen ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mal einen Schulausflug dorthin mitgemacht haben, wenn nicht mehrere. Und nun findet dort beispielsweise am 27. Februar ein Kamingespräch zum Thema "Religion und Glaube in vorindustrieller Zeit und im 21. Jahrhundert" statt; damit aber nicht genug: 
"An der sinnlichen Erfahrung der christlichen Botschaft können Interessierte am 14. August im Backhaus und Brauhaus im Museumsdorf teilnehmen. Neben dem Brotbacken findet eine Agapefeier statt." 
Beinahe hätte ich "christliche Brotschaft" gelesen. (Bildquelle: Pixabay
Da spare ich mir nun jedweden eigenen Kommentar und zitiere stattdessen lieber Christian Schmitt ("Bewußt aus den Quellen leben: Katechese", in:  Hanns-Gregor Nissing/Andreas Süß [Hg.], Nightfever. Theologische Grundlegungen. München: Pneuma 2013, S. 153-163):
"Es wird immer noch ganz viel Brot gebacken in der Eucharistiekatechese und immer noch zu wenig von der realen und substantialen Gegenwart desHerrn gesprochen, der unter den eucharistischen Gestalten die Gemeinschaft seiner Kirche aufbaut. Es wird das Symbol in seinem menschlichen Gehalt erschlossen [...]. Aber das Entscheidende, wofür die Tischgemeinschaft ein Symbol ist, darf nicht unterbelichtet oder weggelassen werden. Was sonst herauskommt, ist [...] ein rein horizontaler Vorgang: Brot ist zum Essen da, und beim Herstellungsvorgang sowie beim Verzehr entsteht, wenn es gut geht, Gemeinschaft. [...] Was wirklich deutlich werden muß, ist, daß die Gabe des Brotes nicht nur dem irdischen Leben dient, sondern Symbol für die Hingabe Jesu Christi an uns als Speise zum ewigen Leben. Das ist nicht unmöglich. Es müßte nur gemacht werden.“ (S. 156)
Aber Backen und Brauen ist noch nicht alles, was die Cloppenburger an sinnlichen Erfahrungen im Programm haben: 
"In den Monaten Mai, Juni und Juli sollen bei Prozessionen und beim Pilgern der Glauben 'erlaufen' bzw. 'erfahren' werden. Beginn ist am 3. Mai mit einer meditativen Fahrradprozession" ---- 
Nein, ich mag darüber nicht einmal mehr Witze machen. Ich finde es nur noch traurig, diesen ganzen fehlgeleiteten Aktionismus, mit dem man die Grube, in der man sitzt, nur immer tiefer schaufelt. Weil man merkt, dass einem die Felle wegschwimmen, und denkt, man müsste irgend etwas dagegen tun, aber es fällt einem schlichtweg nichts anderes ein als noch mehr von dem, was man schon immer gemacht hat. Leute, ich hätte einen Vorschlag. Vielleicht solltet ihr mal damit anfangen, in Erwägung zu ziehen, dass es diesen Gott, von dem bei euch zumindest hin und wieder mal die Rede ist, womöglich wirklich gibt. "Wirklich" in dem Sinne, dass Er in der Welt und im Leben von Menschen WIRKT. Und dass die Kirche Ihm gehört und nicht euch. Und dann setzt ihr euch vielleicht mal still hin und fragt Ihn - gern zum Beispiel in der Eucharistischen Anbetung -, was Er eigentlich von euch und von Seiner Kirche will. Vielleicht wärt ihr überrascht von der Antwort, die ihr bekommt. Und das wäre doch schön mal ein guter Anfang. 

Ach ja, eins noch:
"Am 8. November wird in der St.-Josefs-Kirche zum Mahl in der Tradition der Gemeinschaft St. Edigio eingeladen. Die Veranstaltung richtet sich besonders an Menschen, die es schwer haben" -- 
und trifft das nicht auf uns alle zu, irgendwie? 


Sonntag, 17. November 2019

Was emergiert denn da?

...oder: Porno-Rolf is at it again 

Vor einiger Zeit kriegte ich mal eher zufällig mit, wie jemand auf Twitter die Frage stellte, was denn im christlichen Kontext unter der Bezeichnung "emergent" zu verstehen sei. Mir war diese Vokabel als Selbstbezeichnung einer Bewegung bzw. eines "Trends" in Gottes buntem Zoo erst relativ kurz zuvor in einigen Blogs begegnet, auf die mich Theoradar, der alte Westgotenhäuptling, aufmerksam gemacht hatte -- zuerst, wenn ich mich nicht irre, auf "Gott ist links"; der ist sowas von weird,  dass ich ihn nur empfehlen kann, wenn auch in vorsichtiger Dosierung. Jedenfalls antwortete ich dem vorgenannten Twitterer, meinem bisherigen Eindruck zufolge sei "emergent" eine Eigenbezeichnung von "Ex-Evangelikalen, die sich von ihrer bisherigen Glaubensrichtung abgewandt haben, um endlich Sex haben zu dürfen". Ein bisschen überrascht war ich von den Reaktionen auf meine sarkastisch-polemische Einlassung: Der Fragesteller meinte nur "Klingt ja schon mal nicht schlecht", und ein Dritter, der sich offenbar angesprochen fühlte, präzisierte lediglich, die emergente Bewegung sehe sich nicht als "ex-evangelikal", sondern als "postevangelikal"

Nun räume ich gern ein, dass beispielsweise Tante Wiki unter "Emerging Church" ein erheblich vielschichtigeres und heterogeneres Phänomen versteht, als meine aus dem Ärmel geschüttelte Arbeitsdefinition es vermuten lassen mag; aber wie dem auch sei: Die Existenz und offenbar zunehmende Publizität einer ex- oder postevangelikalen Bewegung bzw. "Szene" finde ich als Phänomen ausgesprochen interessant. Mein Interesse daran hat zu einem nicht unerheblichen Teil damit zu tun, dass ich seit meinen frühen Teenagerjahren allerlei Begegnungen mit unterschiedlichen Ausprägungen des evangelikalen Christentums gehabt habe; die Eindrücke, die ich davon "mitgenommen" habe, waren zwar ausgesprochen durchwachsen, haben mich insgesamt aber in einem Maße geprägt, dass ich nicht direkt widersprechen könnte, wenn jemand auf die Idee käme, den Begriff "evangelikaler Katholizismus", der in jüngerer Zeit immer mal wieder durch die Debatte geistert, auf mich zu beziehen. Darüber gäbe es eine Menge zu sagen, wofür hier aber nicht der Platz ist; hingegen scheint mir, dass das um sich greifende Phänomen eines Ex- oder Postevangelikalismus meinen (zugegebenermaßen primär auf anekdotischer Evidenz basierenden) Eindruck unterstreicht, dass das evangelikale Christentum ein Nachhaltigkeitsproblem hat. 

Was meine ich damit? -- Dass die Begeisterung und der Glaubenseifer, die typischerweise Neu- oder Wiederbekehrte auszeichnen, nach einer gewissen Zeit abflachen oder sogar in eine Art Ernüchterung und Erschöpfung umschlagen, ist sicherlich ein ganz normaler Vorgang -- eine Art "geistlicher Jojo-Effekt", könnte man sagen. Allerdings habe ich den Eindruck - wie gesagt: Vorsicht, anekdotische Evidenz! -, dass Evangelikale eher als andere Christen dazu neigen, in solchen Zeiten geistlicher Dürre gleich ganz vom Glauben abzufallen. Kann es sein, dass es dem evangelikalen Glaubensverständnis schlichtweg an Ressourcen mangelt, die geeignet wären, die Gläubigen durch solche Krisen hindurchzutragen? Hat es vielleicht damit zu tun, dass vom evangelikalen Gläubigen - mehr oder weniger unterschwellig - erwartet wird, permanent "hochengagiert" zu sein?  

Dafür, dass das nicht nur mein persönlicher Eindruck ist, spricht es, dass auch in der "Benedikt-Option" darauf eingegangen wird. Dort weist Freund Rod darauf hin, 
"dass die evangelikale Bewegung sich, historisch gesehen, nicht auf die Etablierung von Institutionen konzentriert, sondern auf Erweckungsbewegungen – was zu einer inhärenten Instabilität führt. Obendrein neigen Evangelikale zu einem individualistischen Zugang zum Glauben, was sie anfällig für popularkulturelle Trends macht." 
Rod verweist in diesem Zusammenhang auf den in Singapur ansässigen pfingstkirchlichen Theologen Simon Chan, der meint, "dass ein Gottesdienstverständnis, das das Streben nach spirituellen Hochgefühlen ins Zentrum stellt – Kirche als Motivationsseminar –, nicht dauerhaft tragfähig ist." (BenOp S. 179f. / Paperback-Ausgabe S. 191f.) -- Und dann natürlich der Sex. Auch wenn ich in meiner eingangs erwähnten Einschätzung der "emergenten" Bewegung übertrieben haben mag, fällt es schon sehr auf, dass Sex für die Postevangelikalen ein Riesen-Thema ist. Und das ist ja an sich auch nicht überraschend, denn für den Rest der Welt ist es das ja auch -- auf die eine oder andere Weise. Werfen wir dazu abermals einen Blick in die "Benedikt-Option"
"Es ist unschwer einzusehen, dass die säkulare Welt die Gründe für die christliche Einstellung zum Sex nicht versteht: Viele Christen verstehen sie ebenso wenig. Seit Generationen hat die Kirche es weitgehend kampflos zugelassen, dass die säkulare Kultur die Jugendlichen in ihrem Sinne katechisiert hat." (BenOp S. 310 / Paperback-Ausgabe S. 322)
Und weiter:
"Eine in rechter Weise geordnete Sexualität ist in sich selbst nicht das Herzstück des christlichen Glaubens, aber [...] nah genug an dessen Zentrum, dass der Verlust der klaren biblischen Lehre zu diesen Fragen die Gefahr in sich birgt, dass der Glaube seine fundamentale Integrität einbüßt. Das zeigt sich darin, dass Christen, die damit anfangen, die kirchlichen Lehren über Sexualität abzulehnen, entweder damit enden, sich ganz vom Christentum abzuwenden, oder die Grundlagen dafür legen, dass ihre Kinder es tun." (BenOp S. 323 / Paperback-Ausgabe S. 335) 
Symbolbild, Quelle: Flickr
Ein aussagekräftiges Beispiel hierfür ist der Blogger Rolf Krüger, den ich im Zusammenhang mit dem Thema "sexuelle Befreiung des Christenmenschen" schon einmal am Wickel hatte; mein damaliger Artikel hat, als Gastbeitrag auf Rod Drehers Blog bei "The American Conservative", sogar internationale Verbreitung gefunden. Neulich habe ich dann - aus einem Anlass, auf den ich weiter unten noch zu sprechen kommen werde - wieder einmal einen Blick auf Rolf Krügers Blog geworfen und sah auf der Startseite die folgenden Artikelüberschriften: "Sex: Christen, entspannt euch!", "...und er schuf sie nicht als Mann und Frau", "'Overflow' – warum Menschen sich mit #VulvenMalen so schwer tun (und wie es leichter ginge)", "Schnitzel oder Kuchen? Eine Anmerkung zu Konversionstherapien für Schwule", "Konsens im Bett - nicht nur in Schweden!". Der Mann hat sein Thema gefunden, könnte man sagen. Einen Hinweis darauf, wer dieser Rolf Krüger eigentlich ist bzw. früher mal war, fand ich in einem Artikel von Markus Till auf dessen Blog "Aufatmen in Gottes Gegenwart", der seinerseits auf einen Artikel von Krüger über das Verhältnis zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen antwortet und seinen Kontrahenten als "de[n] langjährige[n] Leiter von jesus.de und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Fresh X" vorstellt. Letzeres ist Krüger offenbar noch heute, ersteres nicht; was in der Zwischenzeit mit ihm passiert ist, weiß ich nicht, aber damit geht es mir so ähnlich wie mit Walter Kohls Selbstmordgedanken: Irgendwie interessiert es mich schon, aber gleichzeitig bin ich mir peinlich bewusst, dass es mich eigentlich nichts angeht. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass es (bei Rolf Krüger, nicht etwa bei Walter Kohl!) etwas mit Pornokonsum zu tun hat. 

Im Ernst? Ja, im Ernst. Auf Twitter habe ich neulich einen Ausschnitt aus einem Psychology Today-Artikel zu sehen bekommen, in dem Pornokonsum als Weg zu mehr "open-mindedness" ausdrücklich empfohlen wurde. Pornokonsum, so heißt es da, fördere die Wertschätzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau am Arbeitsplatz (!) und verringere die Akzeptanz gender-basierter Diskriminierung; zudem zeigten Pornokonsumenten größere Akzeptanz gegenüber "sexueller Diversität" und neigten weniger zur Stigmatisierung von Homosexualität. Weiter heißt es in dem Artikel - und nun wird es richtig interessant -, dass der Konsum von Pornographie "weniger religiös" mache und unter Umständen Glaubenskrisen auslösen könne: "Der Genuss von Pornos führt Menschen dazu, ihre Glaubensüberzeugungen in Bezug auf Sex und Gender zu verändern und in einigen Fällen die rigiden dogmatischen Wertvorstellungen in Bezug auf Sex und Gender abzulehnen, die ihnen in ihrer Kirche vermittelt werden." (Der Artikel verrät übrigens auch, dass Sexualtherapeuten aus den genannten Gründen zu Fortbildungen verpflichtet werden, bei denen sie Pornos anschauen müssen.) 

Dass ich bei diesem Psychology Today-Artikel an Rolf Krüger denken musste - den ich zuvor fast völlig vergessen hatte -, hat zu tun mit seiner Reaktion auf einen Facebook-Beitrag von Johannes Hartl, in dem dieser davor warnte, dass Pornokonsum schwach, süchtig und impotent mache, die Phantasie vergifte und die Seele verdunkle. Rolf Krüger widersprach: "Sorry, Johannes, das finde ich totalen Unfug. Pornos machen weder schwach noch süchtig und schon gar nicht impotent." Zwar räumte er ein, es gebe "viele Probleme an Pornografie, zum Beispiel die Arbeitsbedingungen von Pornostars und dass sie bei unreflektiertem Konsum ein Frauenbild vermitteln, das ganz und gar nicht gut ist"; dennoch beharrte er, es gebe auch "gute, ethisch saubere und sehr anregende Pornographie [...]. Sie kann stimulieren, Paare auf neue Gedanken bringen, und einfach schön sein." Hier spricht offenkundig jemand, der sich auskennt; zudem meint Krüger, die negativen Folgen des Pornokonsums, vor denen Hartl warnt, träfen allenfalls dann ein,
"wenn man selbst ein ungesundes Bild von Sexualität hat. Deine Liste liest sich für mich nach einem sehr unentspannten Bild von Sexualität. Das ist sicher nicht hilfreich für einen gesunden Umgang damit. [...] Also, ich habe ein anderes Bild von Sexualität - ein sehr viel positiveres." 
Nun, gewiss: Das ist ja ein Standard-Topos aus dem propagandistischen Arsenal der Sexuellen Revolution, dass die "freiere""offenere" - sprich: permissivere -  Einstellung zur Sexualität immer auch die "positivere" und damit auch gesündere sei; die totale sexuelle Befreiung kritisch zu sehen, erscheint folglich als ein sicheres Anzeichen dafür, dass man irgendwo einen Knoten in der Psyche hat. 

Ich will an dieser Stelle nicht bestreiten, dass möglicherweise viele, die von einem christlichen Hintergrund kommend auf den Zug der Sexuellen Revolution aufgesprungen sind, diesen Weg deshalb eingeschlagen haben, weil sie die traditionelle christliche Lehre zur menschlichen Sexualität tatsächlich stets nur als eine rein negative Haltung erlebt haben. Und es kann durchaus sein, dass auch dieses Problem im evangelikalen Zweig des Christentums besonders ausgeprägt ist. Wobei ich einräumen muss: Dass die katholische Lehre zur Sexualität gerade von einer hohen Wertschätzung derselben ausgeht, hat sich, Theologie des Leibes hin oder her,  auch noch nicht in alle Winkel der katholischen Welt herumgesprochen, und "nach draußen" erst recht nicht. Aber das ist ein Thema für sich.

Krüger jedenfalls hat so sehr die Auffassung verinnerlicht, das einzige relevante Kriterium für ethische Legitimität in sexualibus sei die Frage, ob "es freiwillig geschieht und alle damit glücklich sind", dass er gar nicht auf die Idee kommt, es könnte - zumindest aus Sicht seiner Debattengegner - auch noch andere Kriterien geben. Somit kommt er zu dem Schluss, es gäbe an Pornos grundsätzlich nichts auszusetzen, sofern gewährleistet sei, dass die Beteiligten "freiwillig und gerne" daran mitwirkten; in diesem Fall könne auch der Konsument
"die Person(en) auf dem Bildschirm wertschätzend ansehen, [s]ich an ihrer Schönheit freuen, [s]ich erregen lassen."
Tatsächlich schreibt Krüger, wie ich durch die eckigen Klammern angedeutet habe, an dieser Stelle nicht "sich", sondern ganz konkret "dich". Er meint nämlich: 
"Das tust du in deiner Fantasie auch, Johannes. Erzähle mir nicht, dass du nicht bei der Selbstbefriedigung an andere Menschen denkst - und zwar auch an real existierende Frauen oder Männer aus deinem Umfeld oder Freundeskreis. Das tut jeder Mensch - Männer wie Frauen. Würdest du sagen, du machst das nie, dann würde ich dir das nicht abnehmen." 
Also, ich würde es ja schon eklig genug finden, von so einem Schmierlappen derart kumpelhaft geduzt zu werden, aber wenn der dann auch noch öffentlich Einschätzungen über mein putatives Masturbationsverhalten abgäbe, wäre bei mir nun endgültig der Ofen aus. Allerdings will ich an dieser Stelle nicht verschweigen, dass es - wie ich ebenfalls via Twitter erfahren habe - im Rolling Stone neulich einen Artikel gab, der davor warnte, nicht zu masturbieren, unter anderem deshalb, weil man davon zum Nazi werden könnte. So gesehen ist es vielleicht sogar als ein Zeichen von Wohlwollen zu verstehen, dass der Krüger sich so sicher ist, dass der Hartl selbstverständlich auch wichst wie jeder normale Mensch. Dass der Hartl das aber, weil er ja so ein "unenspanntes Bild von Sexualität" (und wahrscheinlich genau deshalb vier Kinder) hat, nicht zugeben will oder kann, das freut den Krüger, deshalb reibt er's ihm so richtig rein: 
"Das steht meines Empfindens aufgrund der fehlenden Freiwilligkeit dieser Menschen viel eher in der Gefahr der Objektivierung als wenn du Menschen hast, [d]ie dich gerne und freiwillig anregen."
Mit anderen Worten: Pornos sind ethisch weniger problematisch als selbst ausgedachte Masturbationsphantasien, denn diese beziehen oft auch Menschen ein, die darin nicht eingewilligt haben und sich auch nicht dagegen wehren können. Nun gut, immerhin eine originelle These. Nur dass sie bei jemandem, der beides nicht okay findet, gar nicht verfängt. Aber das überschreitet Rolf Krügers Vorstellungsvermögen. Dem Reinen ist alles rein, dem Porno-Rolf ist alles Porno. 

Ungefähr zeitgleich mit dieser Porno-Debatte auf der Facebook-Wall von Johannes Hartl startete Rolf Krüger auf seiner eigenen Wall eine Anfrage in anderer Angelegenheit: 
"Wer von euch hat ne Vulva und zockt gerne? Ich bin für eine Podiumsdiskussion beim CVJM angefragt, da sitzen aber schon drei Penisträger." 
Man könnte nun vielleicht denken, hinter einer derart reduktionistischen Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie sie sich in der Gegenüberstellung von Menschen mit Vulva einerseits und Penisträgern andererseits äußert, müsse sich irgendeine provokante oder sogar augenzwinkernde Intention verbergen. Insofern war ich nicht überrascht, in den Kommentaren den pedantischen Hinweis "Es gibt auch Frauen* mit Penis" zu finden. Erheblich mehr überraschte mich Krügers Reaktion darauf. Anders als ich kannte der den Urheber des Kommentars nämlich, hatte anscheinend schon früher einschlägige Debatten mit ihm geführt und war nun seinerseits (offenbar nicht ganz zu Unrecht) überzeugt, dieser Hinweis auf "Frauen* mit Penis" könne nur ironisch bzw. polemisch gemeint sein. Krügers Erwiderung lautete folgerichtig: 
"[K]omm, mach dich bitte nicht darüber lustig. Ich weiß, dass du ein Problem damit hast." 
(Merke: "Probleme" mit etwas haben immer nur die Anderen. Die bösen Konservativen.)
"Lass es nicht an anderen aus." 
Der Kommenator stellte daraufhin klar, er wolle seine Anmerkung "nicht als lustig machen verstanden wissen, sondern als subtile Kritik an bzw. Irritation darüber, dass Identitätspolitik mittlerweile auch im christlichen Bereich angekommen ist". Im Anschluss an diese Klarstellung führt er recht ausführlich und (wie ich finde) plausibel aus, was er an den Prinzipien der "Identitätspolitik" problematisch findet; ich präsentiere hier mal ein paar exemplarische Auszüge: 
"Natürlich ergibt es wenig Sinn eine Podiumsdiskussion zum Thema Rassismus nur mit weißen Menschen zu besetzen, eine Diskussionsrunde zum Thema Sexismus am Arbeitsplatz nur mit männlichen Führungskräften und zum Thema Antisemitismus nur Buddhisten einzuladen. 
Wenn dagegen eine kapitalismuskritische Podiumsdiskussion veranstaltet wird und irgendjemand darauf hinweist, dass drei von vier vergebenen Plätzen schon mit Juden besetzt wären oder mit Homosexuellen, dann würde mich das schockieren." 
Und dann: 
"Diversität an sich ist ja kein Wert. Diversity und Identität funktioniert nicht nur in progressiver, sondern auch in umkehrter Richtung." 
Das wird jetzt heikel. 
"Es gibt eben mittlerweile gute Argumente dafür, dass ein Grund für das Erstarken des Rechtsextremismus und ganz allgemein separatistischer Bewegungen (Spanien, Schottland, Baskenland etc.), das Denken in Identitäten ist. Die identitäre Bewegung heißt nicht zufällig so."
Anschließend betont der Kommentator, ihm selbst sei "das alles fremd":
"Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben in der ich oder du als ein alter, weißer Mann gelten oder wir über unser Geschlecht als Gruppe wahrgenommen werden." 
Und daraufhin rastet Krüger komplett aus
"Das ist völliger Bullshit, [...] verzeih die harten Worte, aber das muss ganz klar so benannt werden - sonst glaubt irgendwer noch, du hättest damit Recht."
Und das wäre ja ganz furchtbar
"Ich erkläre es mal für das Publikum" --
-- denn das ist ja bekanntlich zu blöd zum Selberdenken und liefe darum Gefahr, zu glauben, der Diskussionspartner hätte Recht! -- 
"Das, was die Neue Rechte mit "Identitätspolitik' bezeichnet, ist in Wirklichkeit Rassismus, ummantelt mit heute gesellschaftlich akzeptierten Begrifflichkeiten. Sie deuten Identität um und an deiner Argumentation merkt man, dass sie offensichtlich Erfolg damit haben, weil du das nachplapperst." 
Wohingegen er selbst natürlich nie, nie, nie etwas "nachplappern" würde! 
"Damit nutzen sie linke Argumentationen" --
Total wichtig ist es offenbar auch, Priorität einzuklagen: "Wir", d.h. die Linken, haben's erfunden, die bösen Rechten sind bloß Plagiatoren --
"nämlich dass es gut ist, wenn alle Menschen ihre jeweils ganz eigene Identität finden und wir sie darin bestärken sollten.
Diversität ist dann gerade die Haltung, dass alle diese Identitäten gleichwertig sind und eine gemeinsame Gesellschaft bilden können, ohne das man sie voneinander trennt und einzelne Menschen diskriminiert werden. Diversität ist ein Wert in sich! Ein großer!
Identitär ist dagegen die Haltung, dass diese Identitäten jeweils eigene Gesellschaften bilden sollen, meist gepaart mit einer Minderbewertung von Identitäten, denen man nicht selbst angehört. Das ist Nazilehre."
Das ist sehr schön idealtypisch schwarzweißgemalt; stimmt halt bloß nicht: Spätestens seit Orwells "Animal Farm" wissen wir, dass immer manche Tiere gleicher sind als andere. Aber selbst wenn diese Gegenüberstellung der Standpunkte korrekt wäre, bewiese das letztlich bloß genau das, was der Herr Krüger so hysterisch abzustreiten versucht: dass beiden Positionen prinzipiell dasselbe Denkmuster zugrunde liegt. Dass sie sich überhaupt nicht voneinander unterscheiden, hat sein Kontrahent schließlich gar nicht behauptet. Nichtsdestoweniger resümiert Krüger:
"Das zu vermischen ist richtig übel [...]! Ein lautes NEIN dazu von mir - und damit ist die Diskussion von meiner Seite hier auch beendet. Sorry, aber so geht das echt nicht."
Man sieht so richtig vor sich, wie er sich die Ohren zuhält und "Lalala" singt, um die Argumente seines Gegners nur ja nicht zu hören, oder? Er versteht zwar nicht, was sein Kontrahent sagen will, ist sich aber trotzdem sicher, dass er Unrecht hat, ja, Unrecht haben muss. Dieses Reaktionsschema ist durchaus typisch für (laut Selbstwahrnehmung) "Linke", wenn sie darauf hingewiesen werden, dass ihr Denken sich gar nicht so grundlegend von dem der "Rechten" unterscheidet, wie sie meinen. Auf so einen Anwurf antwortet man nicht mit Argumenten, sondern der, der so etwas sagt, wird kurzerhand gesteinigt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Linken sind schließlich die Guten und die Rechten die Bösen, also kann es überhaupt keine Übereinstimmungen zwischen ihnen geben. 

Ich persönlich halte es ja schon allein deshalb für unglücklich, in politischen Fragen mit den Begriffen "links" und "rechts" zu operieren, weil das den Eindruck erweckt, es handle sich um zwei einander diametral entgegengesetzte Ideologien. Tatsächlich würde ich sie eher als zwei unterschiedliche Varianten derselben Ideologie betrachten. Dass die, die sich selbst einer dieser beiden Richtungen zurechnen, das nicht so sehen, ist aber auch klar: Man nimmt immer diejenigen seiner Gegner, die einem selbst weltanschaulich noch vergleichsweise am nächsten stehen, als seine schärfsten Gegner wahr. Das ist bei mir auch so. Ich streite mich auch sehr viel mehr und heftiger mit anderen Katholiken als mit Christen anderer Konfessionen, und mit Nichtchristen noch viel weniger. Trotzdem wird es für einen Unbeteiligten, der von außen draufschaut, offensichtlich sein, dass die Gemeinsamkeiten zwischen den streitenden Parteien viel größer sind als die Unterschiede, und genauso ist es auch mit den Positionen, die heutzutage als "rechts" und "links" bezeichnet werden. (Das war wohlgemerkt nicht immer so. Von, sagen wir mal, 1848 bis 1918 bedeutete "rechts" in der Politik etwas völlig anderes als heute - das gibt es heute überhaupt nicht mehr. Aber das ist ein Thema für sich und würde hier zu weit führen.)

Jedenfalls: Darin, dass Rolf Krüger sich mit Leib und Seele einer Ideologie verschrieben hat, die er selbst nicht versteht, stellt er keinen Einzelfall dar. Es gehört geradezu zur Erfolgsstrategie dieser Ideologie, dass man sie nicht versteht. Möglicherweise versteht sie niemand. Es handelt sich um eine neue Qualität von Totalitarismus, die gerade deshalb, weil sie so neu ist, vielfach nicht als totalitär erkannt wird. Das Neue dieser Art von Totalitarismus besteht nicht zuletzt darin, dass sie nicht mit den Mitteln einer diktatorischen Staatsgewalt durchgesetzt wird, sondern auf einem "Langen Marsch durch die Institutionen" die Medien, das Bildungs- und Gesundheitswesen unterwandert hat -- und damit, zumindest mittelbar, auch die Kirchen.

Im Prinzip tun all diese Queerdenker, Vulvenmaler, Gendersternchen-Verwender und LGBT-Brückenbauer in den Reihen der christlichen Kirchen nichts anderes, als was die "Deutschen Christen" unter der NS-Herrschaft und die Verfechter des Konzepts "Kirche im Sozialismus" in der DDR getan haben: Sie versuchen das Christentum der säkularen Heilslehre du jour anzupassen und unterzuordnen. Natürlich fühlen sie sich dabei im Recht, natürlich glauben sie, sie täten damit etwas Gutes. Das haben ihre Vorgänger auch geglaubt.



Freitag, 21. Juni 2019

Verstuhlkreisung und Sonnenbrandverharmlosung

Bei den Kollegen von Introibo, dem Ministranten-Blog, ist unlängst ein Gastbeitrag erschienen, der mir über den konkreten Anlass hinaus beachtenswert erscheint. Der Bezug zum konkreten Anlass wird auf Introibo nur durch einen Link hergestellt; ein paar mehr Worte möchte ich darüber dann doch verlieren. Also: Vorausgegangen war dem Beitrag ein Shitstorm gegen die Social-Media-Abteilung des Bistums Mordor Essen. Dieser ging nicht von "unserer" Seite aus, diesmal nicht. Vielmehr hatte die Redaktion über die Pfingsttage eine Serie von "Visuals" zum Thema "Pfadfinder-Pfingstlager" veröffentlicht, und in mindestens zweien dieser Beiträge fiel das Reizwort "Sonnenbrand". Okay, könnte man sagen, ist ja jetzt eine nicht ganz abwegige Assoziation, dass man sich beim Zelten einen Sonnenbrand holen kann, gerade bei diesem Wetter. Aber irgendwie wurde eine Hautkrebs-Awareness-Selbsthilfegruppe (oder mehrere?) auf die Kampagne aufmerksam und schrie Zeter und Mordio. Ich kann nur empfehlen, die oben verlinkte Facebook-Kommentarschlacht in voller Länge nachzulesen, sie ist schlichtweg bizarr. Wer geglaubt hat, der Missbrauchsskandal oder vielleicht "Maria 2.0" würden die Kirche zu Fall bringen, sieht sich eines Schlimmeren belehrt: Sonnenbrandverharmlosung ist der heißeste (!) Neueinsteiger im Sündenregister der Kirche.

Als die Redaktion aus der Frühstückspause zurückkam und den Scherbenhaufen sah, knickte sie prompt ein, schlug sich mit fliegenden Fahnen auf die Seite der Kritiker und schubste damit diejenigen, die die "Pfingstlager"-Beiträge verteidigt hatten - darunter mehrere aktive Pfadfinder-Gruppenleiter - sprichwörtlich unter den Bus. Ich könnte mich lange damit aufhalten, wie erbärmlich ich das finde, gerade wenn man bedenkt, wie vollkommen gegensätzlich dieselbe Redaktion mit Kritik aus dem "frommen Lager" umgegangen wäre. Aber regen wir uns nicht auf, sondern betrachten es lieber analytisch. Was die Debatte zeigt - so meint Gastbloggerin Cassandra in ihrem Beitrag auf Introibo -, ist, "dass 'Kirche' mit 'nett bis zum plemplem' und 'betroffener Mitmenschlichkeit' gleichgesetzt wird": Praktisch jeder, der "irgendwie 'kirchlich engagiert'" sei, werde früher oder später mit einer besonders unter Kirchenfernen verbreiteten Erwartungshaltung konfrontiert, derzufolge man "grundsätzlich alles unterstützen" müsse, "weil 'Jesus hat gesagt, ihr sollt nicht richten' und Glauben bedeute Gefühligkeit und Betroffenheit sowie allerlei soziale und in den letzten 10 Jahren immer stärker auch ökologische Projekte zu unterstützen". Da stellt sich nun natürlich die Frage:
"Wie konnte das passieren?
Wann sind wir zum Stuhlkreis im Kindergarten geworden?
Genau da. Im Kindergarten der katholischen Gemeinde St. Anonyma in Klein-Hinter-Pusemuckel.
Dort hat man sich zwar verhalten wie in der stinknormalen städtischen Betreuungseinrichtung, aber man war Kirche.
Man nahm Kinder aus allen möglichen Familien auf ('nicht richten!'), hatte aber gar nicht den Anspruch, missionieren zu wollen.
Falls sich die Familien mal in den 'FamiGo' getraut haben, wurde zwar was von Jesus erzählt, aber im Vordergrund stand das 'Thema' des Gottesdienstes, wahrscheinlich sogar ein löbliches Anliegen.
Nur verfestigte sich der Eindruck, Kirche sei halt ein Sozialverein." 
Da sind wir natürlich bei einem Themenkomplex, an dessen unterschiedlichen Facetten ich mich schon mehrfach abgearbeitet habe - zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier und kürzlich erst hier - und der mich wohl auch weiterhin stark beschäftigen wird, mindestens solange, bis alle meine Kinder (ich habe zwar, anders als Cassandra, bisher nur eins, aber das muss ja nicht so bleiben) ihre Erstkommunion hinter sich haben: Was stellen sich Eltern, die eine "christliche Erziehung" für ihre Kinder wünschen, unter diesem Begriff vor, und wie sieht das in der Praxis aus? Was für eine Vorstellung davon, was christlicher Glaube sei, wird Kindern in kirchlichen Einrichtungen vermittelt? Und was für ein Glaube wird daraus, wenn die Kinder größer werden?  Ich denke, man kann mit einigem Recht behaupten, jenes Phänomen, für das der Soziologe Christian Smith die Bezeichnung "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" geprägt hat, ist in den christlichen Großkirchen ein weitgehend hausgemachtes Problem. Nicht dass irgend etwas falsch daran wäre, Kindern beizubringen, nett und rücksichtsvoll miteinander umzugehen; ganz im Gegenteil. Aber wenn man den Eindruck vermittelt bekommt, das sei im Großen und Ganzen bereits die Kernbotschaft des Christentums, wird's problematisch. "Gott will, dass wir gut sind" ist laut Smith einer der fünf zentralen Glaubenssätze von MTD, und natürlich ist dieser Satz an sich richtig; aber was ist denn "gut", und woher wissen wir, was gut ist? Wenn die Kirche (oder der Kindergarten oder die Schule in kirchlicher Trägerschaft) den Kindern darauf keine überzeugenden Antworten gibt, dann suchen sie sich ihre Antworten auf diese Fragen eben woanders. Und wenn dann vom Kindergarten her noch die Vorstellung im Hinterkopf festsitzt, das moralisch Gute sei zugleich das Christliche, ergeben sich mitunter recht eigenwillige Vorstellungen davon, wie Christen zu sein und zu handeln hätten. Da steht dann der, der sich zur Lehre der Kirche bekennt, schon mal unversehens als "unchristlich" da.


Wohlgemerkt ist dies alles nicht nur ein Problem der Kinder- und Jugendkatechese. Cassandras These ist ja lediglich, dass das Phänomen der Verstuhlkreisung seinen Anfang im Kindergarten genommen habe. Diese Anfänge liegen aber mittlerweile schon lange genug zurück, dass die heutigen Kinder und Jugendlichen wohl bereits die dritte Generation von Katholiken bilden, die ihre kirchenbezogene Sozialisation in dieser Form erfährt. Wir müssen daher davon ausgehen, dass Viele, die in den letzten Jahrzehnten Erzieher in kirchlichen Kindergärten, Religionslehrer, haupt- oder ehrenamtliche Katecheten, Pastoral- oder Gemeindereferentinnen oder gar, Gott bewahre, Priester geworden sind, diese Friede-Freude-Eierkuchen-Pastoral schon allein deshalb weitertradieren, weil sie es selbst nicht anders kennen und folgerichtig annehmen, das müsse so sein. Und das wirkt sich dann in allen möglichen Bereichen kirchlicher Arbeit aus. Hören wir nochmals Gastbloggerin Cassandra: 
"Ich will auf keinen Fall die Caritas und ihre vielen und tatsächlich wertvollen Dienste niederreißen, aber worin unterscheidet sich eigentlich die kirchliche Sozialberatung von anderen Anbietern? Kirche präsentiert sich als Vereinigung von irgendwie 'engagierten Menschen' -- da sollte sich eigentlich keiner wirklich wundern, wenn man vor allem als Betroffenheitsclub 'rüberkommt." 
Die Kirche, so resümiert sie, habe sich selbst "das Image eines 'du, ich versteh das total'-Vereins gegeben"; und nun müsse sie wohl damit leben, dass sie so wahrgenommen wird. 

--- Muss sie das? Nun ja, vielleicht dann, wenn sie sich weiterhin an dem festklammern will, was im Pastoralplan-Sprech so gern als "gesellschaftliche Relevanz" angepriesen wird. Wobei ich mich mehr und mehr frage, ob diese Bezeichnung nicht eigentlich Etikettenschwindel ist. Ich wüsste jedenfalls nicht, was an "den Leuten nach dem Mund reden, um nur ja keine schlechte Presse zu bekommen" so sonderlich relevant sein sollte. But maybe that's just me... 



Samstag, 4. Mai 2019

Macht euch also keine Sorgen und fragt: Was wird 2060 sein?

Kirchliche, kirchennahe und/oder an kirchlichen Themen interessierte Medien sind mit einem Paukenschlag ins Wochenende gegangen: Eine vom Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegebene Studie des "Forschungszentrums Generationenverträge" (FZG) an der Universität Freiburg zur "langfristigen Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens" prognostiziert, dass die beiden Großkirchen in Deutschland im Jahr 2060 nur noch rund halb so viele Mitglieder haben werden wie heute. Mir drängten sich angesichts dieser Meldung einige zum Teil durchaus konträre Gedanken auf, die ich hier in loser Folge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Systematik und innere Stimmigkeit skizzieren möchte. 

Symbolbild, Quelle: Pixabay 
  • Was heißt hier "Christen"? 
Gelesen habe ich die Meldung zuerst auf der deutschsprachigen Website der Catholic News Agency (CNA), und da lautet die Überschrift: "Neue Prognose: Bis 2060 halbiert sich die Zahl der Christen in Deutschland". Ich gestehe, mein spontaner Gedanke war: Das ist doch Quatsch, um Christen geht's in dieser Studie doch gar nicht. Im Text des Artikels selbst ist die Formulierung aus der Überschrift dann schon insoweit relativiert, dass da von "Kirchensteuer zahlenden Christen" die Rede ist, aber auch so scheint mir die Formulierung den Kern der Sache noch nicht ganz zu treffen: Ob die Leute, die Kirchensteuer zahlen, tatsächlich Christen sind, wird von der Studie doch gar nicht erfasst.

Mir ist klar, dass es höchst problematisch ist, so etwas zu sagen. Im Geiste höre ich schon von der einen Seite die Beschwerden, man könne bzw. dürfe doch nicht Anderen das Christsein absprechen, das sei doch anmaßend, fundamentalistisch und sowieso und überhaupt unchristlich; während mir von der anderen Seite mit strengem Stirnrunzeln der character indelebilis der Taufe in Erinnerung gerufen wird. Trotzdem würde ich prinzipiell darauf beharren, dass das entscheidende Kriterium des Christseins der christliche Glaube ist, und insofern würde es mir widersinnig erscheinen, Menschen als Christen zu bezeichnen, die zentrale Glaubensinhalte des Christentums - etwa: den Glauben an Gott, an die Göttlichkeit Jesu Christi, an Seine Auferstehung - dezidiert ablehnen und/oder sich aus allerlei Versatzstücken einen individuellen "Glauben" zusammenbasteln, der mit den Lehren des Christentums allenfalls entfernte Ähnlichkeit hat. Natürlich gibt es Leute, auf die diese Beschreibung zutrifft und die dennoch darauf bestehen, sich selbst als Christen zu betrachten und zu bezeichnen. Ich habe solche Leute durchaus schon im echten Leben getroffen. Aber da kann ich dann nur sagen, sorry, deine privaten Begriffsdefinitionen interessieren mich nicht besonders. Du kannst deine Katze auch als Huhn bezeichnen, Eier legen wird sie trotzdem nicht.

Was ich mit alledem sagen will: Ich würde mal davon ausgehen, dass man hierzulande schon jetzt maximal die Hälfte der Kirchenmitglieder in einem irgendwie aussagekräftigen Sinne als Christen bezeichnen kann. Wäre dem nicht so, würde es mich wundern, dass es nur so wenige von ihnen - knapp 10% der Katholiken und rund 3% der landeskirchlichen Protestanten - einigermaßen regelmäßig in den Gottesdienst schaffen. 

  • Glaubt ihr echt, ihr überlebt noch 40 Jahre? 
Bezogen auf die rein formale Kirchenmitgliedschaft halte ich die Prognose jedenfalls für viel zu optimistisch. Halb so viele Kirchenmitglieder wie jetzt? Wo sollen die denn bitte herkommen, wenn man voraussetzt (wie es die Studie ja ausdrücklich tut), dass die gegenwärtigen Trends sich fortsetzen? Bis 2060 sind es noch über 40 Jahre; die heutigen aktiven Kirchenmitglieder werden dann größtenteils tot sein. Bei den nicht aktiven Kirchenmitgliedern kann man davon ausgehen, dass sie an ihre Kinder eine noch schwächer ausgeprägte Bindung an die Kirche weitergeben, als sie selbst sie haben. Schauen wir uns mal einen Jahrgang von Firmlingen an, denken daran, dass diese jungen Leute 2060 kurz vor der Rente stehen werden (falls es dann noch Rente gibt), und fragen uns, wie viele von ihnen wohl eine ausreichend starke Bindung an die Kirche haben, um bereitwillig ihr ganzes Berufsleben lang Kirchensteuer zu zahlen. Gar nicht erst zu reden von den Kindern, die heute getauft werden und 2060 mitten im Berufsleben stehen werden. Eine Kalkulation der Mitgliederentwicklung, die darauf baut, dass ausreichend viele Getaufte zu faul oder zu vergesslich sein werden, ihren Austritt zu erklären, ist für die Tonne. 

Und nicht nur das. Auch heute schon, trotz Kirchensteuereinnahmen in Rekordhöhe, hängt die - wenn man das so ausdrücken kann - Funktionstüchtigkeit der Kirchengemeinden vor Ort wesentlich von dem Einsatz unbezahlter Freiwilliger (sog. "Ehrenamtlicher") ab. Wenn die wegbrechen - und dieses Wegbrechen ist vielerorts schon jetzt zu beobachten -, wird die Kirche auch nicht mehr in der Lage sein, die Anspruchshaltung derjenigen (nicht gerade wenigen) Mitglieder zu befriedigen, die die Sakramente der Kirche lediglich als Dienstleistungen in Anspruch nehmen; und in dem Maße, in dem diese "Dienstleistungsempfänger" von der Kirche nicht mehr das bekommen, was sie von ihr erwarten, wird ihre Austrittsbereitschaft steigen. 

Kurz gesagt, ich bin überzeugt, dass es erheblich weniger als 40 Jahre dauern wird, bis die kirchensteuerfinanzierten Strukturen der Großkirchen krachend zusammenbrechen. Die Kirche, die sich aus den Trümmern dieses Zusammenbruchs aufrappeln und, wie W.H. Auden es formulierte, "voll Freude vorwärts stolpern" wird, wird in puncto Sozialgestalt und Organisationsform erheblich anders aussehen als die, die wir heute (noch) kennen. 

  • Was ist mit dem Klimawandel? 
Zugegeben, diese Zwischenüberschrift ist ein bisschen frech. Klar, wenn - wie man mancherorts hört - die Welt in spätestens zwölf Jahren im flammenden Klimakatastrophen-Inferno zugrunde geht, dann muss man sich über den Zustand der Kirche im Jahr 2060 keine Gedanken mehr machen. Aber auch wenn man nicht von einem sofortigen Weltuntergang ausgeht, bleibt der Einwand prinzipiell valide: Es kursieren allerlei Szenarien darüber, wie Klimaveränderungen in den kommenden Jahrzehnten massive Naturkatastrophen, Hungersnöte etc. verursachen und, mit oder ohne die Zwischenstufe der politisch-militärischen Destabilisierung ganzer Weltregionen, Flüchtlingswellen auslösen werden, gegen die die Migrationsbewegungen, die wir bisher erlebt haben, sich wie ein laues Lüftchen ausnehmen dürften. Es muss aber auch gar nicht unbedingt und ausgerechnet das Klima sein, das die Welt, wie wir sie kannten, radikal über den Haufen wirft. Der Punkt ist, wir wissen schlichtweg nicht, was in den nächsten 41 Jahren so alles passieren wird. Man stelle sich mal vor, 1978 wäre eine "langfristige Projektion" der Kirchenmitgliedschaftsentwicklung bis zum Jahr 2019 erstellt worden. Die schlauen Wissenschaftler hätten weder den Mauerfall noch die Erfindung des Internets vorausgesehen, vermutlich - ein Jahr vor der Islamischen Revolution im Iran - nicht einmal den globalen Aufstieg eines militanten Islamismus mit all seinen politischen und gesellschaftlichen Folgen. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass die kommenden 41 Jahre weniger unvorhersehbare Ereignisse globaler Tragweite mit sich bringen werden als die zurückliegenden. Die Vorstellung, im Jahr 2060 wäre im Großen und Ganzen alles so ähnlich wie jetzt, bloß noch mehr so wie jetzt, erscheint mir jedenfalls extrem naiv. 

  • Wenn nun aber der Herr wiederkommt...? 
Zu den Dingen, die ich persönlich für wahrscheinlicher halte, als dass bis zum Jahr 2060 alles ungefähr so weiter läuft, wie es derzeit läuft, gehört die Möglichkeit, dass bis dahin die Parusie eintritt. Das heißt nicht, dass ich fest damit rechne. Das Problem ist aber, ich habe das Gefühl, dass die Kirchenverantwortlichen überhaupt nicht damit rechnen. Oder mit irgendeinem Eingreifen Gottes in ihre Geschäfte. Schon allein, dass diese Studie überhaupt in Auftrag gegeben wurde, erweckt den Eindruck, dass die Bürokraten in den Ordinariaten die Kirche betrachten und behandeln wie irgendein x-beliebiges Unternehmen und daher nicht auf Gott vertrauen, sondern auf weltliche Management-Instrumente. Noch schärfer ausgedrückt, in der kirchlichen Bürokratie hat sich ein struktureller Atheismus ausgebreitet: Man handelt, als ob es Gott nicht gäbe -- wie jener böse Knecht in Matthäus 24,48ff., der in seinem Herzen sagt "Mein Herr kommt noch lange nicht". 

Einige meiner Leser werden sich sicher noch erinnern, dass ich hier unlängst eine Kinderbuchversion des Gleichnisses vom reichen Bauern (Lukas 12,16-21) thematisiert habe. Und was sagt Gott bei Lukas zu diesem reichen Bauern? "Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern." -- Ich habe das Gefühl, unsere Bischöfe - zumindest einige von ihnen - werden ganz schön doof gucken, wenn der Herr Seine Kirche von ihnen zurückfordert.

  • Das Netz auf der anderen Seite auswerfen 
Noch bevor ich die Meldungen über die 2060-Prognose gelesen hatte, stieß ich auf Twitter auf eine engagierte Stellungnahme von Sabrina Hoppe, Vikarin in der Evangelischen Landeskirche Bayerns

"Und ich bleibe dabei: Wir sollten investieren. Geld, Menschen, Hoffnung, Geist, Inspiration, Liebe, Sorgfalt. Nicht zurückschrauben, kürzen, knapsen. Und die Netze waren leer. Und sie fuhren hinaus. Und die Netze wurden so voll, dass sie zu reißen drohten." 
Wenn ich mir anschaue, wer diesen Tweet so alles mit "gefällt mir" markiert hat - nämlich so ziemlich die halbe linksintellektuell-postchristliche Theologenblase auf Twitter, einschließlich solcher Leute wie Hannes Leitlein und Philipp Greifenstein - wird mir zwar ganz anders, aber das ändert nichts daran, dass ich die Aussage selbst, so Unterschiedliches man darunter in der konkreten Praxis offenbar verstehen kann, erst einmal richtig und wichtig finde. Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass der institutionelle Apparat der großen Kirchen die FZG-Prognose zum Anlass bzw. Vorwand nehmen wird, flächendeckende Sparmaßnahmen, ja ein allgemeines Zurückschrauben des kirchlichen "Angebots" zu begründen bzw. zu rechtfertigen; man kann nicht einmal ausschließen, dass die Studie eigens zu diesem Zweck in Auftrag gegeben wurde. Mit einer solchen Strategie gerät man aber, wie ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe, leicht in eine Abwärtsspirale, an deren Ende man nur noch jemanden braucht, der das Kirchengebäude endgültig zusperrt

Natürlich muss man sich in Zeiten knapper werdender Mittel fragen, was von all den Strukturen, die in Zeiten des Überflusses geschaffen wurden, man sich in Zukunft noch leisten kann, leisten will und leisten muss. Entscheidend ist dabei aber natürlich die Frage, nach welchen Kriterien Kosten und Nutzen verschiedener kirchlicher "Angebote" gegeneinander abgewogen werden. Und da ist ein gewisses Misstrauen gegenüber dem institutionellen Apparat der Kirchen wohl durchaus am Platz. Kein Geringerer als Papst Franziskus warnte anlässlich des ad-limina-Besuchs der deutschen Bischöfe vor "einer Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen." In seiner Apostolischen Exhortation Evangelii Gaudium schreibt Franziskus, eine "Reform der Strukturen" der Kirche im Sinne einer "pastorale[n] Neuausrichtung" müsse darauf ausgerichtet sein, dass diese Strukturen "alle missionarischer werden" (EG 27) -- eine Forderung, die das "Mission Manifest" in seiner Präambel aufgreift. Dafür, wie das auch ohne viel Geld - und sogar gerade dann - funktionieren kann, wenn man das Verhältnis von Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Kirche radikal anders auffasst, als es in der kirchensteuerfinanzierten Volkskirche zur Normalität geworden ist, bietet das "Mission Manifest" allerlei wertvolle Impulse, ebenso natürlich auch die "Benedikt-Option", Father James Mallons "Divine Renovation"-Konzept oder auch das "Pfarrzellen"-Modell. Und, na ja, was ich selbst so mittels trial and error zu einer solchen missionarischen Erneuerung der Kirche beizutragen versuche, davon ist in diesem Blog ja fortlaufend zu lesen. Vielfach drängt sich indes der Eindruck auf, dass solche Ansätze sich eher gegen den Widerstand der institutionellen Strukturen der Kirche behaupten müssen, als dass sie etwa von diesen unterstützt würden. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir in solchen Initiativen die Keimzellen dessen sehen, was nach der Volkskirche kommt

Und damit mache ich jetzt erst mal einen Punkt. 



Samstag, 27. April 2019

Postchristliche Wellness-Spiritualität für Besserverdienende

Hatte ich nicht schon zu Beginn der diesjährigen Fastenzeit in Aussicht gestellt, etwas über die "Klimafasten"-Aktion "So viel du brauchst..." - eine gemeinsame Initiative von elf evangelischen Landeskirchen sowie den Diözesanräten der katholischen Bistümer Hildesheim, Berlin und Passau - zu schreiben? In der Tat, das hatte ich -- allerdings mit der Einschränkung, ich würde es vielleicht doch bleiben lassen. Und genau dieses "Vielleicht" hat mich über die letzten Wochen konstant begleitet, mit beständigem Pendeln zwischen "vielleicht doch" und "vielleicht doch nicht". Zunächst tendierte ich eher dazu, es zu lassen. Schließlich habe ich bereits 2015 über den "Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit" vom Leder gezogen, und wie viel mehr als das kann man sinnvollerweise dazu sagen? Dann allerdings teilte mir eine katholische Freundin auf digitalem Wege ihre Eindrücke vom Flyer der "Soviel du brauchst"-Aktion mit, und das brachte dann doch einige interessante Denkanstöße. Andererseits begegnet mir in den Weiten des Internets, insbesondere auf Facebook, immer wieder ein Typus konservativer Katholiken, die aus lauter Grimm über die "Klimareligion" ihre Plastikverpackungen absichtlich in den Restmüll werfen und hinter jedem Aufruf zur Bewahrung der Schöpfung gleich Häresie, Apostasie und Schisma wittern, und mit diesen Leuten möchte ich ja nun nicht verwechselt werden. Zwischenzeitlich hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, diese Zielgruppe so richtig zu ärgern, indem ich etwas Positives über diese Klimafastenaktion schreibe. Aber das gibt sie beim besten Willen nicht her. Hinzu kam, dass ich mich angesichts mancher allzu anbiederischer Äußerungen aus Kirchenkreisen - auch und nicht zuletzt von Bischöfen - eines gewissen Maßes an Verständnis für die Fraktion der "Klimareligions"-Verächter denn doch nicht erwehren konnte und kann. 

Kurz und gut, nach allerlei Abwägen war ich schon drauf und dran, das Thema schließlich doch fallen zu lassen, da stellte ich fest, dass die "So viel du brauchst..."-Broschüre auch im Vorraum "meiner" Pfarrkirche auslag. Das ist ein Zeichen!,  sagte ich mir und nahm ein Exemplar mit nach Hause. 


Und was sollen wir nun dazu sagen? -- Darüber, ob und inwieweit diese "Klimafasten"-Aktion in einem Zusammenhang mit dem christlichen Glauben steht, braucht man glücklicherweise nicht lange zu sinnieren, denn das steht explizit im Einleitungstext der Broschüre: 
"Mit dieser Fastenaktion stellen wir uns in die christliche Tradition, die in der Zeit vor Ostern des Leidens gedenkt und bewusst Verzicht übt, um frei zu werden für neue Gedanken und andere Verhaltensweisen." 
Äh. Das soll "die christliche Tradition" sein? Wohl eher nicht, aber man muss mit der Möglichkeit rechnen, dass die Verantwortlichen für diese Broschüre den Unterschied tatsächlich nicht (er)kennen. Besonders bezeichnend finde ich die Formulierung, zur christlichen Tradition gehöre es, "in der Zeit vor Ostern des Leidens [zu] gedenk[en]". Ja schon, aber welches Leidens? Die richtige Antwort müsste natürlich lauten: des Leidens Christi. Aber offenbar ist die Klimafasten-Aktion derart beflissen, als weltoffen und undogmatisch 'rüberzukommen, dass man sich sogar scheut, Jesus Christus beim Namen zu nennen. Und so verwandelt sich das Gedächtnis Seines heilbringenden Leidens und Sterbens schwuppdiwupp in ein irgendwie schwammiges Gedenken des Leidens schlechthin, oder im Kontext des Klimaschutzes wohl am ehesten des Leidens von Mutter Erde. "Wenn wir nicht spüren, die Erde, sie weint wie kein and'rer Planet, dann haben wir umsonst gelebt", dichtete Drafi Deutscher schon während einer früheren Hochphase der Ökologiebewegung, in den frühen 1980-ern. 

Aber im Grunde ist die zitierte Passage aus der Broschüren-Einleitung ja entwaffnend ehrlich, indem sie zu verstehen gibt: Um christlichen Glauben geht es hier nicht, sondern die Traditionen des Christentums werden lediglich als Material aufgefasst, dessen man sich bedient. Man greift sich nach Bedarf einzelne Versatzstücke heraus und füllt sie mit neuen Inhalten. Wobei, und das ist der Witz, der Inhalt letztlich genauso beliebig ist wie die Form. Okay, das bedarf nun aber wohl doch einer genaueren Erklärung. 

Die Kerngedanken des Konzepts "Klimafasten" werden gleich am Anfang der Broschüre in farbigem Fettdruck hervorgehoben: Die Aktion soll "Leib und Seele gut [tun]", es geht um "Spüren und erleben" mit "Herz, Hand und Verstand", zusammenfassend gesagt also um Selbstoptimierung durch spirituelle Wellness. Das erklärte Ziel aller spirituellen Wellness-Angebote ist es, im Einklang mit dem Kosmos zu sein, was in unserer egozentrischen Kultur allerdings vorrangig heißt: im Einklang mit sich selbst

Im Grußwort von EKD-Synoden-Präses Dr. Irmgard Schwaetzer und "ZdK"-Vizepräsidentin Karin Kortmann wird zwar auf die Enzyklika "Laudato si'" von Papst Franziskus Bezug genommen, allerdings lediglich zur Untermauerung der Wohlfühl-Message, ein "achtsame[r] und genügsame[r] Lebensstil" müsse "kein schmerzlicher Verzicht sein", sondern könne sogar "eine Intensivierung von Leben" bedeuten. Inhaltlich bin ich da übrigens durchaus d'accord. Unter den in der Broschüre versammelten Anregungen dazu, was man im Rahmen der Aktion "So viel du brauchst..." so alles Tolles machen könnte, findet sich so Manches, was ähnlich auch in der "Benedikt-Option" oder, for that matter, in "Crunchy Cons" stehen könnte. So zum Beispiel die Anregung, "mal wieder Kniffel, Scrabble oder Memory" zu spielen, "statt am Fernseher oder PC zu sitzen". Oder auch selbst zu kochen, regional und saisonal einzukaufen, sich zu informieren, "ob es in meiner Nähe direktvermarktende Bauernhöfe gibt". Auch zu erwägen, ob Lebensmittel, die man im Kühlschrank oder in der Speisekammer hat, "trotz vielleicht abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar" sein könnten, findet meine Zustimmung; sich die Hände mit kaltem Wasser zu waschen, ebenso. Dass es manchem Leser der Broschüre indes gehen dürfte wie dem reichen Jüngling, der zu Jesus sagt "Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch?" (Matthäus 19,20), steht auf einem anderen Blatt, aber die gehören dann wohl einfach nicht zur angepeilten Zielgruppe; darauf komme ich noch. Was an dieser Broschüre jedenfalls schon auf den ersten Blick gar förchterlich nervt, ist der Umstand, dass durchaus vernünftige Vorschläge darin partout mit salbungsvollem Esoterik-Geschwalle schmackhaft gemacht werden sollen; die Empfehlung, Kuchenteig "von Hand" zu rühren und Treppen zu steigen "statt Lift zu fahren", wird beispielsweise damit begründet, dass man so "der eigenen Kraft nach[spüren]" könne. 

Ebenso charakteristisch für das ganze Konzept ist es, dass die ganzen in der Broschüre aufgeführten Möglichkeiten, die persönliche Ökobilanz zu verbessern, als lifestyle choices präsentiert werden, die man jeweils mal für eine Woche ausprobieren und dann entscheiden kann, ob sie zur eigenen Wunsch-Personality passen. Der Adressat der Broschüre wird im Grunde zu einer Shopping-Tour in der Klimaschutz-Boutique eingeladen -- mit Rückgaberecht. Besonders aufgemerkt habe ich beim Wochenmotto "plastikfreies Leben", und zwar deshalb, weil eine Schulfreundin von mir, die jetzt in unserer gemeinsamen Heimatstadt als Buchhändlerin tätig ist und in derselben Reihenhaussiedlung wohnt wie meine Mutter, seit einigen Monaten das Projekt verfolgt, in ihrem Privathaushalt so weitgehend wie möglich auf Plastikverpackungen zu verzichten, worüber die Lokalpresse und andere Medien berichtet haben. Daher weiß ich, wie anspruchsvoll es ist, das wirklich konsequent durchzuziehen. Es erfordert eine wirklich durchgreifende Veränderung des Konsumverhaltens, bis hin dazu, Produkte, die es ohne Plastikverpackung nicht zu kaufen gibt, durch solche zu ersetzen, die man selbst herstellen kann. Das ist nichts, was man mal eben so für eine Woche ausprobiert.

Das Beispiel macht, denke ich, den mangelnden Ernst der ganzen Angelegenheit hinreichend deutlich. Es geht letztendlich gar nicht ums Klima, es geht lediglich darum, dass Klimaschutz bzw. "Klimagerechtigkeit" (überhaupt ein bescheuertes Schlagwort, nebenbei bemerkt) gerade im Trend liegt, und indem man diesen Trend aufgreift, hofft man "gesellschaftliche Relevanz" - oder das, was gemeinhin unter dieser Bezeichnung verstanden wird - simulieren zu können. Weil man ja irgendwie mitspielen muss auf dem großen Markt der Spiritualitäts- und Lebenshilfeangebote. Wenn das öffentliche Interesse am Thema Klimaschutz irgendwann wieder nachlässt, dann macht man halt was anderes. Der Opportunismus, der hinter dieser Marketingstrategie steckt - das völlige Fehlen jedweder echter Überzeugung, sei es nun eine christliche oder was auch immer sonst für eine -, ist mit Händen zu greifen. Es geht nur noch darum, die Zielgruppe irgendwie bei der Stange zu halten. Wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb: 
"Wenn die Marktforschung herausfindet, dass immer weniger Brot und immer mehr Nudeln gegessen werden, dann muss die Bäckerei halt Nudeln verkaufen, um sich auf dem Markt zu halten. Why not? Opel hat auch zuerst Nähmaschinen hergestellt." 
Dass es sich bei der angepeilten Zielgruppe der Aktion vorrangig um Besserverdienende handelt, wird nicht nur, aber besonders beim Thema Mobilität (Wochenmotto "anders unterwegs sein") deutlich. Da wird man beispielsweise aufgefordert, sich "endgültig gegen eine Flugreise im Sommer" zu entscheiden. Na hallo. Ich habe, wenn ich mich recht erinnere, in meinem ganzen Leben erst viereinhalb Flugreisen unternommen (bei der "halben" bin ich nur auf dem Hinweg geflogen und habe für den Rückweg die Bahn genommen). Aber wenn man von vornherein nicht in Erwägung zieht, im Sommer per Flugzeug zu verreisen, kann man sich halt auch nicht bewusst dagegen entscheiden und bekommt somit auch kein goldenes Sternchen. Ebenso kann jemand, der - wie ich - kein Auto hat, sich nicht bewusst dafür entscheiden, es mal nicht zu benutzen. -- Bei dem Vorschlag, mal ein "E-Bike" oder gar ein "E-Lastenrad" auszuprobieren, habe ich das "E" zunächst schlicht überlesen. Weil, mal ehrlich, was soll der Scheiß? Wieso nicht lieber der eigenen Kraft nachspüren und selber in die Pedale treten? Meine Liebste zum Beispiel hat in dieser Fastenzeit tatsächlich mal ein Lastenfahrrad probegefahren, und wenn ich mich nicht irre, war das sogar (wenn auch unabsichtlich) in genau der Woche, in der "anders unterwegs sein" auf dem Klimafasten-Programm stand. Für das Lastenfahrrad interessierte sie sich hauptsächlich in Hinblick auf ihre Foodsaving-Aktivitäten. Oh, noch mehr goldene Sternchen für unsere persönliche Ökobilanz. Schließlich meinte sie aber doch, der Kinderwagen reiche als Transportmittel aus. Aber à propos Kinderwagen...: Ich habe insgesamt den zugegeben etwas vagen Eindruck, dass die ideale Zielgruppe dieser "Klimafasten"-Aktion sowieso keine Kinder haben. Und das gar nicht mal unbedingt deshalb, weil Fortpflanzung, wie wir in jüngster Zeit wiederholt zu hören bekommen haben, der Klimakiller Nummer 1 ist; sondern ganz einfach deshalb, weil viele der in der Broschüre vorgeschlagenen Handlungsoptionen für Singles oder kinderlose Paare erheblich leichter realisierbar sein dürften als für Familien mit Kindern. Kinder zu haben ist gewissermaßen die eine lifestyle choice, die die Auswahl an ansonsten noch zur Verfügung stehenden lifestyle choices radikal reduziert. Deshalb sind, obwohl (oder gerade weil) Kinder eine Menge Geld kosten, Kinderlose die "besseren" - weil spontaneren, flexibleren und vielseitigeren - Konsumenten; und "Konsum-Fasten" funktioniert nun mal umso besser, je mehr man normalerweise konsumiert. 

In diesem Zusammenhang fällt es übrigens auf, dass der gesamte Wellness-Markt eine Tendenz dazu hat, sich auf Kinderlose als Zielgruppe zu konzentrieren. Es gibt kinderfreie Hotels und Restaurants, kinderfreie Strände, kinderfreie Bäder -- wen wundert es da, wenn sich auch ein Trend zu kinderfreien Kirchen abzeichnet? Kaum etwas stört die Harmonie des spirituellen Egozentrikers mit dem Kosmos, also sich selbst, so sehr wie die ungestüme Lebendigkeit von Kindern. 

Übrigens liegt es wahrscheinlich schlichtweg in der Natur der Sache, dass eine steuerfinanzierte Kirche in Zeiten sinkender Mitgliedszahlen ihre Kundenbindungsstrategien auf solche Zielgruppen konzentriert, von denen ein hohes Steueraufkommen zu erwarten ist -- also die höheren Einkommensklassen, und unter diesen insbesondere Singles und kinderlose Doppelverdiener. Dass übrigens Homosexuelle ein wichtiges Teilsegment dieser hochgradig werberelevanten Zielgruppe darstellen, haben "weltliche" Marketingstrategen schon vor Jahrzehnten erkannt, und auch "bei Kirchens" kommt diese Erkenntnis mehr und mehr an. Aber das mal nur am Rande. 

Jedenfalls tut man gut daran, sich bewusst zu machen, dass Pastoralstrategen, wenn sie davon sprechen, man müsse Angebote für "die Menschen von heute" machen, dabei stets ganz bestimmte "Menschen von heute" im Auge haben, nämlich solche, die sie als eine lohnende Zielgruppe ansehen. Nicht umsonst finden in der Pastoraltheologie des 21. Jahrhundert verstärkt Methoden aus dem Bereich der Marktforschung Anwendung. Wenn die sogenannte "milieusensible Pastoral" eine Dominanz des "bürgerlich-konservativen" Milieus in den Kirchengemeinden beklagt und dieser entgegenwirken will, dann in erster Linie deshalb, weil dieses Milieu im Schwinden begriffen ist und die "Neue Mitte" - wie Gerhard Schröder schon 1998 proklamierte - eher nach links tendiert, im Biosupermarkt einkauft und ihre Kinder gendersensibel erzieht. Aber so oder so, von einem in gewissem Sinne "gutbürgerlichen" - nämlich am gesellschaftlich-kulturellen Mainstream orientierten - Selbstbild kommen die Kirchenfunktionäre nicht weg. 

Das ist mir neulich noch in einem anderen Kontext aufgefallen, nämlich anhand der Veranstaltungsreihe "Kieztouren mit Herz" im Erzbistum Berlin. Demnächst, am 4. Mai, geht es in dieser Reihe um das Thema "Leben im Gefängnis", und ich habe über den Presseverteiler des Erzbistums eine Einladung zu dieser Veranstaltung bekommen: 
"In der ersten Etappe fragen wir uns: Was passiert mit den Menschen dort drin? Wir hören persönliche Erfahrungen [...]. Bei einer so genannten Ausführung, bei der Inhaftierte begleitet von JVA-Personal das Gefängnis verlassen können, begegnen uns ihre Lebensläufe und Gedanken." 
Das ist (vermutlich) alles total gut gemeint, aber mir rollen sich bei dieser "Wir vs. die Anderen"-Diktion die Fußnägel auf. Die Anderen, das sind die Gefängnisinsassen, die von den unbescholtenen Bürgern bestaunt werden wie exotische Tiere im Zoo. Gewiss, man will den Häftlingen nur Gutes, aber als einen Teil von "Uns" betrachtet man sie nicht; "Wir", das sind ausschließlich die Anständigen, für die es vollkommen undenkbar ist, dass sie oder jemand aus ihrer Familie oder ihrem Bekanntenkreis in den Knast kommen könnten. Ich bin mir sicher, den Verantwortlichen sind diese Implikationen des Texts überhaupt nicht bewusst; aber genau das ist der Kern des Problems. Mitte September gibt es übrigens eine Kieztour zum Thema "Leben als Sexarbeiterin". Ich will mich gar nicht lange damit aufhalten, mich über die Verwendung des beschönigenden, die Prostitution als vermeintlich "ganz normalen Beruf" verharmlosenden Begriffs "Sexarbeiterin" aufzuregen; sehr wohl möchte ich aber die Frage in den Raum stellen, ob wir den braven Bürgerlein, die auf Einladung von Erzbistum, Caritas und KDFB an dieser Veranstaltung teilnehmen, wirklich abkaufen wollen, dass sie noch nie in ihrem Leben mit Prostituierten zu tun hatten. 

Okay, zugegeben, ich reagiere in dieser Angelegenheit ziemlich unwirsch. Aber das hat Gründe. Dieser Mief der bürgerlichen Wohlanständigkeit, den es, wie man sieht, sowohl in einer "konservativen" als auch in einer "progressiven" Duftnote gibt, hat erheblichen Anteil daran gehabt, mich von meinen späten Teenagerjahren an für rund ein Jahrzehnt effektiv aus der Kirche zu vertreiben. Der Widerspruch zwischen einer Kirche, in der es anscheinend vor allem darauf ankam, gut angezogen zu sein und sich gut zu benehmen, und einem Jesus, der auf Erden als "Freund von Zöllnern und Sündern" (Lukas 7,34) verschrieen war und den Hohepriestern und Ältesten des Volkes auf den Kopf zusagte "Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr" (Matthäus 21,31), sagte mir deutlich, dass mit dieser Kirche etwas faul ist. Ich möchte wetten, so wie mir damals geht es zahlreichen kirchlich sozialisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis heute. Und nicht alle - längst nicht alle - finden den Weg zurück.