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Montag, 16. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #11 (20. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Den Montag letzter Woche verbrachte ich praktisch zur Gänze im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde, mit meiner Familie und der Familie von Blogleserin Maren aus Bayern (bzw. Franken), deren zwei Söhne vom Alter her zwischen unseren Kindern liegen: Ihr Ältester ist etwa ein Jahr jünger als unsere Tochter, ihr Jüngster etwas über einen Monat älter als unser Sohn. Insbesondere die beiden "Großen" verstanden sich prächtig, es war eine Freude, zuzuschauen, wie sie zusammen herumrannten, kletterten und den 146 von Künstlern aus aller Welt gestalteten Buddy-Bären Namen gaben. 

Zur Lobpreisandacht am Dienstag ging ich diesmal wieder allein, da das große Kind lieber zu Hause bleiben und mit der Mama auf dem Kinderzimmerfußboden Memory spielen wollte und wir Eltern es beide nicht für gut hielten, sie gegen ihren Willen zum Mitkommen zu verdonnern. Übrigens hatte sich herausgestellt, dass mein Terminkalendereintrag, demzufolge am Mittwoch der Pfarrgemeinderat tagen sollte, doch stimmte: Die Einladung, einschließlich vorläufiger Tagesordnung, kam am Dienstagmorgen. Zum Inhalt der Sitzung kann und darf ich mich hier nicht äußern, aber was ich dennoch loswerden möchte, ist: Ohne dass ich es an etwas Konkretem festmachen könnte, was irgendein Teilnehmer der Sitzung gesagt oder getan oder nicht gesagt oder nicht getan hätte, hat dieser Abend bei mir insgesamt das Gefühl hinterlassen, ich sollte mir mal ganz grundsätzlich überlegen, ob ich mir Gremienarbeit in der Pfarrei weiterhin antun will. Oder ob das nicht letztlich doch nur vergebliche Liebesmüh und eine Verschwendung von Zeit und Nerven ist. Weil die Strukturen einfach stärker sind als der Einzelne, einfach aufgrund ihrer Massenträgheit. Man mag sich einbilden, man könnte hier und da mal einen Impuls einbringen, aber der institutionelle Apparat ist immun gegen Impulse. Der zieht unbeirrt sein Programm durch und verwaltet alles in Grund und Boden, bis es irgendwann nichts mehr zu verwalten gibt -- und selbst dann wird er vermutlich noch eine Weile damit weitermachen. 

Ehe jetzt wieder jemand beleidigt ist: Es liegt nicht an den einzelnen Leuten. Jedenfalls nicht in erster Linie. Ich sagte ja bereits, das Problem liegt gerade darin, dass die Strukturen stärker sind als der Einzelne. Den allermeisten Leuten, mit denen ich in der Institution Kirche zu tun habe, würde ich keinesfalls einen Mangel an guter Absicht unterstellen; eher ein Übermaß an Pragmatismus, das Bedürfnis, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe zu sein, statt zu hinterfragen, wohin die ganze Maschine überhaupt rollt. 

Vielleicht sollte ich bei zukünftigen Gremiensitzungen - in allen Gremien und Arbeitsgruppen, in denen ich vertreten bin - hartnäckig darauf bestehen, dass mein bereits vor über einem halben Jahr vorgelegtes Thesenpapier zur Gemeindeentwicklung (hier zum Download -- ich möchte behaupten, große Teile davon lassen sich unschwer auf andere Gemeinden übertragen) diskutiert wird. Vielleicht sollte ich für jede Sitzung einen thematisch passenden Abschnitt heraussuchen. Aber es ist eben auch schwierig, sich auf eine Sitzung vernünftig vorzubereiten, wenn man die Tagesordnung erst einen Tag vorher bekommt. 

Die Alternative wäre, es einfach zu lassen. Den Staub von den Füßen zu schütteln und, mit den unsterblichen Worten König Friedrich Augusts III. von Sachsen, zu sagen "Macht euren Dreck doch alleene". Aber was dann? Wenn man innerhalb der bestehenden Strukturen nicht fruchtbringend für das Reich Gottes arbeiten kann, wie kann man es dann außerhalb dieser Strukturen tun? Diese Frage dürfte, ganz unabhängig von den konkreten Verhältnissen vor Ort, noch erheblich an Dringlichkeit zunehmen, je konsequenter die institutionelle Kirche in Deutschland auf ihrem Schismatischen Weg voranschreitet. Ein paar Denkanstöße dazu gibt's in den Linktipps. 

Am Donnerstag machten das große Kind und ich uns ziemlich spontan und ungeplant einen ausgedehnten Vater-Tochter-Tag: Während meine Liebste mit dem Baby zu Hause blieb, erkundeten wir die Kinderbuchabteilung der Humboldt-Bibliothek, schauten bei der Kirche vorbei und trafen dort eins der Nachbarsmädchen, mit dem Bernadette eine Weile im Garten spielte; später schauten wir dann noch am Sportplatz des FC Arminia Tegel beim Fußballtraining zu, und als das Kind dann immer noch nicht nach Hause wollte, zockelten wir einfach noch eine Weile mit dem Bollerwagen durch die Gegend, bis ich fand, es sei Zeit, das Abendessen vorzubereiten. -- Zum Ausgleich hatte ich am Freitag mal einen Nachmittag für mich, während Frau und Kinder mit den Omas ins unlängst wiedereröffnete Strandbad Tegel gingen. 

Am Samstag erhielt ich eine Büchersendung vom Herder-Verlag; ich nahm an, es würde sich um ein Rezensionsexemplar von "Den ersten Schritt macht Gott" von Bischof Stefan Oster und meinem Freund Rudolf Gehrig handeln, aber tatsächlich war es ein Rezensionsexemplar von "Alfred Bengsch - Bischof im geteilten Berlin" von Stefan Samerski. Drei Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin. Sehr erfreulich, zumal ich das andere Buch wohl auch noch bekommen werde. Die Bengsch-Biographie nehme ich jedenfalls in Etappe 9 meines Lektüreplans für die "100-Bücher-Challenge" auf, und wenn ich das Buch ausgelesen habe, spende ich es dem Büchereiprojekt. 

Am frühen Samstagnachmittag brachen wir dann zu viert auf zum Linienstraßenfest. Bei dieser Veranstaltung handelte es allerdings, anders als der Name nahezulegen schien, nicht so sehr um ein Fest der Anwohner der Linienstraße insgesamt, sondern eher um eine Art Soli-Party für das Haus Linie 206, eine der namhaftesten Trutzburgen der Hausbesetzerszene

Symbolbild: Sommer in Berlin
(Innenhof der Linie 206) 

So sieht das Haus von außen aus... 

...und hier sieht man den Kontrast zum Nachbarhaus. Seh'n Se, dit is Berlin. 

Bereits auf dem Weg dorthin, an der Ecke Linienstraße/Rosenthaler Straße, erlebten wir eine recht skurrile Szene mit: Vom Hackeschen Markt her näherte sich eine kleine, aber dank Lautsprecherwagen dennoch geräuschvolle Querdenker-Demo, und hinter einer Polizeiabsperrung hatte sich eine Gruppe linker Aktivisten versammelt, die den Demonstrationszug mit antifaschistischen Slogans empfingen -- weil "Coronaleugner" dem offiziellen Narrativ zufolge schließlich "rechts" sind, na logisch. Gerade sinnierte ich noch leicht amüsiert darüber, dass die Teilnehmer der Querdenker-Demo vermutlich ebenfalls überzeugt waren, gegen den Faschismus auf die Straße gegangen zu sein -- da begann die Mikrofon-Inhaberin der Querdenker-Demo tatsächlich zu skandieren "Alle! Zusammen! Gegen den Faschismus!", und ich hatte den Eindruck, dass die Antifa-Gegendemonstranten vor lauter Verwirrung zumindest teilweise in diesen Sprechchor einstimmten. 

Ich fand diese Szene durchaus über die rein anekdotische Skurrilität hinaus bezeichnend. Denn was immer man inhaltlich von den Positionen der Querdenker halten mag, liegt es doch auf der Hand, dass sie derzeit erheblich konsequenter und glaubwürdiger den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse verkörpern als die Antifa. Und das, so möchte ich behaupten, verweist wiederum auf ein weit grundlegenderes Problem der radikalen Linken, das über die Frage der Compliance mit Corona-Vorschriften weit hinausgeht. 

Finde den Fehler. 

Damit meine ich das Problem, dass die rebellische Attitüde der Linksautonomen immer weniger authentisch wirkt, je mehr die Positionen, die sie vertreten, im Mainstream ankommen. Die Linke hat den Kulturkampf (bis auf Weiteres) gewonnen, inszeniert sich aber weiterhin als furchtlose Barrikadenkämpferin gegen die Übermacht von Gott, Staat und Patriarchat; ich kann nicht anders, als das ein bisschen albern zu finden. Okay, natürlich sind die Hausbesetzer nach wie vor gegen den Kapitalismus, aber große Teile ihrer sozialpolitischen Visionen sind vom Woke Capitalism aufgekauft worden, der sie, wie es dem Kapitalismus nun einmal eigen ist, billiger, schneller und in leuchtenderen Farben nachbaut. 

Dass sich mir solche Gedanken aufdrängen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich kürzlich endlich die vierte Folge (von sieben) von Darryl Coopers Podcast über Jim Jones und den People's Temple zu Ende angehört habe. Darin ist viel vom Niedergang linker Bewegungen in den USA die Rede -- wie etwa der Studentenvereinigung SDS (Students for a Democratic Society, nicht zu verwechseln mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der allerdings eine teilweise durchaus vergleichbare Entwicklung durchmachte), die sich in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren durch mehrere Radikalisierungswellen und ideologische Grabenkämpfe selbst zerlegte, wobri auch die Sexuelle Revolution eine durchaus destruktive Rolle spielte. Wenn man bedenkt, dass seither ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen ist, könnte man auf die Idee kommen, so ein linksautonomes Straßenfest sei nur graduell weniger anachronistisch als ein Mittelaltermarkt

Und dennoch ist mir die Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen grundsätzlich sympathisch, und die Leute, die man da trifft, ebenso; und die Linie 206 ist mir noch mal extra sympathisch, weil sie es schafft,  in einem ansonsten gnadenlos durchgentrifizierten Stadtteil voller Hipstercoffeeshops, Boutiquen und E-Scooter-fahrenden Yuppies zu überleben wie ein gallisches Dorf. -- Ein paar ehemalige Bekannte traf ich auch; kann man das eigentlich so sagen? Ehemalige Bekannte? Kann man jemanden, den man früher mal gekannt hat, irgendwann nicht mehr kennen? Nun ja, anscheinend geht das. Der Wirt einer Kneipe, in der ich bestimmt zehn Jahre lang Stammgast war, sieht inzwischen aus wie ein Studienrat an meinem alten Gymnasium, und das, obwohl er sich eigentlich gar nicht so sehr verändert hat. Das gibt zu denken, sagt aber vielleicht auch ein bisschen was über mein altes Gymnasium aus. 

Wie dem auch sei, beim Linienstraßenfest gab's preiswerte Getränke, leckeren Kuchen und sehr leckere Fritten, Livemusik und Akrobatik, und am Bücherstand der Anarchistischen Bibliothek Kalabal!k griff ich für schmales Geld einen Band mit Texten zur informellen Organisation 1845-1948 ab. Dürfte interessant werden! -- Nach ungefähr eineinhalb Stunden strichen wir aber doch die Segel und zogen weiter zu einem nahegelegenen Spielplatz. 

Am gestrigen Sonntag war Mariä Himmelfahrt, in Berlin allerdings zugleich auch der erste Sonntag seit Beginn des neuen Schuljahres, weshalb in unserer Pfarrkirche Familiengottesdienst mit Schulanfängersegnung auf dem Zelebrationsplan stand. Da wichen wir lieber aus auf die Allerheiligenkirche in Borsigwalde; dort gab es eine Kräutersegnung, und wir durften uns sogar ein vom Förderverein spendiertes Kräutertütchen mitnehmen. Außerdem erfuhren wir, dass das Singen im Gottesdienst ab sofort wieder erlaubt sei, und das wurde auch ausgiebig genutzt: Es gab ein gesungenes Kyrie, gesungenes Gloria, einen gesungenen Kehrvers im Antwortpsalm, ein gesungenes Vaterunser, gesungenes SanctusAgnus Dei und sogar einen gesungenen Entlassungssegen. Jetzt warte ich eigentlich nur noch darauf, dass die Mundkommunion wieder zugelassen wird... 


Was ansteht: Die aktuelle Woche sieht im Terminkalender noch einigermaßen entspannt aus; das wird nächste Woche ganz anders, aber dazu zu gegebener Zeit mehr. Natürlich bedeutet das auch, dass ich wohl ganz gut daran täte, mich frühzeitig darum zu kümmern, mich auf die ab nächster Woche anstehenden Termine gründlich vorzubereiten. Dazu gehört auch, an der nächsten Ausgabe der "Lebendigen Steine" zu arbeiten, denn der Redaktionsschluss wirft schon wieder seine Schatten voraus.

Gleichwohl erwäge ich wieder einmal, heute  erst einmal zum von meiner Liebsten organisierten kindergartenfrei-Familientreffen im Bürgerpark Pankow mitzukommen. Kann mich dann ja eventuell nach einer Weile wieder abseilen. Morgen ist natürlich wieder Lobpreis; der "Omatag", der üblicherweise meist mittwochs ansteht, fällt diese Woche wohl aus, da die Omas in Urlaub sind. Am Donnerstag ist der Gedenktag des Hl. Johannes Eudes, der, weil er ein großer Förderer der Herz-Jesu-Verehrung war, in "meiner" Pfarrkirche auf einem Buntglasfenster verewigt ist: 

Am Samstag laden wir - zum ersten Mal seit 17 Monaten! - wieder zum Krabbelbrunch ins Gemeindehaus von Herz Jesu Tegel ein. Natürlich unter Beachtung der aktuell gültigen Hygienevorschriften. In der Vergangenheit kamen zu dieser Veranstaltung zwar nie so viele Leute, dass Probleme mit der für den Saal zugelassenen Personenanzahl zu befürchten wären, aber vorsichtshalber bitten wir trotzdem um Anmeldung. Und am Sonntag, dem 22. August, findet ab 16 Uhr das erste "Maria 1.0"-Regionaltreffen für das Erzbistum Berlin statt. Als Zoom-Konferenz. Leser und besonders Leserinnen aus dem Hauptstadtbistum seien hiermit herzlich eingeladen, daran teilzunehmen (Anmeldung per Mail erforderlich, dann gibt's den Zoom-Link). Ich bin gespannt!  


Linktipps: 

Vorweg: Von der Existenz von Hanniel Strebels Blog habe ich ursprünglich durch Theóradár, den alten Westgotenhäuptling, erfahren, und wer meinen fast fünf Jahre alten Artikel über dieses Ranking-Datenbank-Projekt für christliche Blogs (oder was sich so nennt) nachliest, der wird feststellen, dass ich dort angemerkt habe, ich fände "Hanniel bloggt" "eher gruselig, ohne genau sagen zu können, woran das liegt". Nun ja: Ein erster Eindruck. Hanniel Strebel, ein studierter Betriebswirt, der seine Brötchen in der betrieblichen Erwachsenenbildung verdient, daneben aber auch einen US-amerikanischen Hochschulabschluss in Theologie hat, schien mir ein knallharter, knochentrockener Evangelikaler zu sein, sehr verkopft, verklemmt, verbissen -- sehr ähnlich jenen Evangelikalen, die vor jemandem wie Johannes Hartl warnen, weil der schließlich katholisch sei und darum alle möglichen "unbiblischen" Glaubenslehren vertrete. In diesem Punkt war dieser mein erster Eindruck nachweislich falsch, und in einigen anderen wohl auch. Dazu veranlasst, dem Hanniel-Blog sozusagen noch eine zweite Chance zu geben, wurde ich zunächst durch sehr nachdrückliche Empfehlungen, die aus dem christlichen Segment der kindergartenfrei- und Homeschooling-Szene an mich herangetragen wurden, und dann, ich gebe es zu, vor allem auch dadurch, dass er Rod Drehers "Benedikt-Option" sehr wohlwollend rezensierte. Mein absoluter Lieblingsblogger ist Hanniel nach wie vor nicht und wird es wohl auch nicht mehr werden, aber ich finde doch, dass er zuweilen Interessantes und Bedenkenswertes zu sagen hat. 

-- Da ich gerade seine #BenOp-Rezension erwähnte: Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich bei meiner Übersetzungsarbeit an die Stelle kam, an der Rod Dreher seinen Lesern ungerührt den Rat gibt, ihre eigenen Kirchen (bzw. wohl eher Kirchengemeinden) zu gründen, und wie ich dabei an das Stirnrunzeln denken musste, das dieser Vorschlag wohl bei vielen katholischen Lesern auslösen würde. Womit wir direkt beim Thema des hier zur Debatte stehenden Hanniel-Artikels wären: Sicherlich muss man beachten, dass Hanniel, wenn er über Gemeindeneugründungen spricht, von einem dezidiert protestantischen Kirchenverständnis (dazu äußere ich mich gleich noch genauer) und von freikirchlichen Organisationsstrukturen ausgeht; das schließt aber, wie ich finde, nicht aus, dass man auch aus katholischer Sicht "etwas damit anfangen kann" -- mutatis mutandis, versteht sich. 

Ich will Hanniels zehn Thesen zum Thema Gemeindeneugründung hier nicht Punkt für Punkt durchgehen - da bliebe für Dich, Leser, schließlich nichts mehr zum Selberlesen übrig -, aber so viel sei doch verraten, dass gleich der erste seiner zehn Punkte ein echtes Aha-Erlebnis für mich bereithielt. Ich zitiere: 

"Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann besteht sehr wohl genügend Platz für neue Gemeinden."

Was mich an dieser lakonischen Aussage so fasziniert, ist der fundamentale Gegensatz zur Denkstruktur großkirchlicher Pastoralstrategen; denn die würden ja wohl eher sagen: "Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann kann man die Kirche dort auch zumachen." Sich "aus der Fläche zurückziehen" wie die Deutsche Post oder neuerdings die Commerzbank. Hanniel hat da einen entschieden anderen Ansatz: Das Wort Gottes muss verkündet werden, muss zu den Leuten gebracht werden et pereat mundus, und wenn die bestehenden Kirchen das nicht gebacken kriegen, dann braucht es für diese Aufgabe eben neue Kirchen. Hier kommt nun allerdings das bereits angemerkte protestantische Kirchenverständnis zum Tragen; wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb:

"Protestantische Ekklesiologie geht - zugespitzt gesagt - vom Ansatz her eigentlich kaum über die jeweilige Ortsgemeinde als Versammlung von Gläubigen hinaus, größere organisatorische Einheiten haben da gewissermaßen nur eine rein verwaltungstechnische Funktion; es gibt demnach kaum überzeugende theologische Argumente dafür, warum eine Gruppe protestantischer Gläubiger, wenn sie sich innerhalb ihres Verbands nicht genügend repräsentiert sieht, nicht austreten und ihren eigenen Verein gründen sollte. Und genau das geschieht ja in der Geschichte des Protestantismus praktisch permanent." 

Für jemanden, der katholisch ist und bleiben will, stellt sich der Sachverhalt denn doch erheblich anders dar; denn der katholische Glaube besagt nun einmal, dass die "einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen [...], verwirklicht [ist] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird" (Lumen Gentium 8). Und diese Kirche ist nun einmal territorial organisiert -- was dazu führt, dass es, egal wo man hinkommt, selbst an Orten, an denen weit und breit keine katholische Kirche zu finden ist, immer schon eine zuständige Pfarrei gibt, und einen Ortsbischof, dessen kirchenrechtlicher Jurisdiktion man unterliegt. 

Was kann man aber dann tun? Zum Beispiel "Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt [...] gründen und [...] leiten" (can. 215 CIC) und "durch eigene Unternehmungen [...] eine apostolische Tätigkeit in Gang [...] setzen oder [...] unterhalten" (can. 216 CIC); das kann nämlich jeder, ohne dafür eine Erlaubnis von irgendwem zu benötigen. Gerade da in den deutschen Diözesen die Schaffung von Großpfarreien von zum Teil wirklich unüberschaubarer Fläche massiv voranschreitet, dürften sich allerlei Freiräume für diese Art von  Graswurzelinitiativen auftun. Und auf solche freien Vereinigungen von Gläubigen lässt sich - mutatis mutandis, wie gesagt - Manches von dem anwenden, was Hanniel über Gemeindeneugründungen sagt; ich denke dabei besonders an seine Punkte 7 ("Ein Kernstück im ent-kirchlichten Westen wird das gemeinsame Leben sein – also die Kunst eines christlichen Lebens in den beiden Ständen als Familien und Singles") und 8 ("Gastfreundschaft [...] über Generationen, Nationalitäten, soziale Schichten und Interessensschwerpunkte hinweg ist ein Schlüssel für Evangelisation und das Entfalten der Schönheit der von Christus wiederhergestellten Beziehungen"). 

Auch als Mitglied einer solchen freien Vereinigung von Gläubigen untersteht der Katholik natürlich immer noch der Autorität seines jeweiligen Ortsbischofs, und die Gemeinschaften werden gut daran tun, auch zu der für ihren Standort zuständigen Pfarrei ein möglichst gutes Verhältnis zu pflegen, zumal sie ja auch einen Priester benötigen, der ihnen die Sakramente spendet. Gleichwohl halte ich es für durchaus denkbar, dass aus solchen eher informellen Zusammenschlüssen von Gläubigen auf längere Sicht neue Gemeinden entstehen können, die irgendwann in Zukunft, wenn die Großpfarreien sich als Irrweg erwiesen haben werden, vielleicht auch den Status eigenständiger Pfarreien bekommen können. -- Ich schätze, zu diesem Thema wird man hier noch öfter etwas lesen. 

Auch den oder das Jugendleiter-Blog (den oder das es auch als App gibt, kein Scheiß) habe ich über Theoradar entdeckt; der Gründer und (laut Selbstbezeichnung) "Kopf hinter dem Jugendleiter-Blog", Daniel Seiler, ist ein Eigengewächs des BDKJ  Coburg und der Franziskanische Jugend Coburg St. Marien und kann auf über zehn Jahre "Erfahrung in der Leitung und Organisation von Gruppenstunden und Ferienlagern" zurückblicken, die er mittels seines Blogs weitergeben möchte. Soweit, so schön --oder auch unschön, je nachdem, was man so von der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit hält. Der zufälligerweise erste Artikel des Jugendleiter-Blogs, den ich je zu Gesicht bekommen habe, erscheint jedenfalls geeignet, meine schlimmsten diesbezüglichen Vorurteile zu bestätigen. 

"Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" Jede*r, der/ die das Dschungelcamp auch nur einmal geschaut hat, kann sich wohl an diesen Satz erinnern. Von unappetitlichen Dschungel-Buffets, über krabbelige Aufgaben, bis hin zu aufregenden Mutproben ist beim Dschungelcamp wirklich alles dabei. 

Äh ja. Und? 

Veranstaltet eurer eigens lustiges und vor allem verrücktes Dschungelcamp.

Ähm. Nö. Mal abgesehen davon, dass da statt eines Punkts ein Ausrufezeichen hingehört: Wieso sollte man so etwas tun? 

Weil, meint Daniel Seiler, "die Teilnehmer*innen" dabei lernen, "Ängste und Ekel zu überwinden". Aha. Also zum Beispiel den Ekel, den ich empfinde, wenn ich sowas lese? -- Zu der Frage, ob kirchliche Kinder- und Jugendgruppen gut daran tun, ihrer Klientel den Ekel abzutrainieren, würden mir so einige Anmerkungen einfallen, sarkastische wie bitterernste; aber die darfst Du, Leser, Dir selbst ausmalen, derweil ich mich auf den Hinweis beschränke: Wer den ausgesprochen entzückenden Pixar-Film "Alles steht Kopf" gesehen hat, der weiß, dass Ekel eine durchaus sinnvolle Funktion erfüllt -- nämlich vor Vergiftung zu schützen, und zwar körperlich wie auch mental

Womit wir beim Thema wären: mentale Vergiftung. Die Spielideen, die in diesem Blogartikel vorgestellt werden - mit verbundenen Augen verschiedene Lebensmittel am Geschmack erkennen, Wasser mit einem Löffel transportieren, einen Stein auf dem Fuß balancieren - sind an und für sich gar nicht mal so doof oder zumindest nicht besonders schändlich; ich könnte mir vorstellen, dass so etwas bei Kindergeburtstagen gut ankommt. Mit anderen Worten, als Zielgruppe für solche Spielideen stelle ich mir vorrangig Kinder im Grundschulalter vor. Ist das aber eine Zielgruppe, von der man annehmen sollte, dass sie das RTL-"Dschungelcamp" kennt? 

Nun, eigentlich sollte überhaupt niemand das RTL-"Dschungelcamp" kennen. Ich denke, diese Aussage sollte man nicht begründen müssen. Es ist ein Sendeformat, das alle, die daran beteiligt sind - einschließlich der Zuschauer, ja besonders die Zuschauer - beschmutzt, entwürdigt, entmenschlicht. Das Konzept "Dschungelcamp-Gruppenstunde" geht nun offensichtlich von der Voraussetzung aus, dass tatsächlich aber eben doch so ziemlich jeder diese Sendung kennt - was vermutlich eine einigermaßen realistische Einschätzung ist, aber wie der alte Hegel sagen würde: "Desto schlimmer für die Tatsachen!" -, und will sich diesen Umstand zunutze machen, um das eigene Angebot interessant zu machen. Was letztlich darauf hinausläuft, dass die kirchliche Jugendarbeit sich opportunistisch an die dekadente Massenkultur anbiedert, anstatt ihr etwas entgegenzusetzen. Denjenigen Teilnehmern, die schäbige RTL-Shows kennen und womöglich sogar anschauen, wird vermittelt, das sei ganz normal und völlig in Ordnung, und diejenigen, deren Eltern es bisher womöglich gelungen ist, sie davon fernzuhalten, werden auch noch neugierig darauf gemacht. -- Überraschen sollte einen derartige Zustände in der kirchlichen Jugendarbeit aber wohl nicht. "Engagierte Eltern können die moralische und geistliche Erziehung ihrer Kinder nicht einfach an die Kirche oder eine kirchennahe Organisation delegieren", stellt Rod Dreher in der "Benedikt-Option" fest -- und führt aus: 

In einer Reihe von Interviews, die ich im Zuge der Arbeit an diesem Buch mit einem breiten Spektrum von Christen geführt habe, hörte ich immer wieder Beschwerden darüber, dass kirchliche Jugendgruppen mehr danit beschäftigt sind, die Kinder zu bespaßen, als sie zu Jüngern Jesu zu erziehen. Eine evangelikale Jugendliche erzählte mir, sie sei aus ihrer kirchlich organisierten Jugendgruppe ausgestiegen, weil es ihr zunehmend gegen den Strich ging, wie die anderen Gruppenmitglieder rauchten, tranken und Sex hatten. "Ehrlich gesagt hänge ich lieber mit ungläubigen Kids ab", sagte sie mir. "Die akzeptieren mich, obwohl sie wissen, dass ich gläubig bin. Wenn ich mit denen zusammen bin, kriege ich wenigstens ein Gefühl dafür, was es heißt, Christ zu sein." (S. 206f.) 

Sicherlich gilt das nicht immer und überall. Im Einzelfall gibt es bestimmt auch in der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit Mitarbeiter, die nicht nur bek der Bespaßung der jungen Leute (denn dass diese auch ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist, soll hier nicht bestritten werden), sondern auch bei Evangelisierung, Katechese und Anleitung zur Jüngerschaft gute Arbeit leisten. Aber im Ganzen, so wage ich zu behaupten, ist die institutionelle Jugendarbeit der Volks- und Großkirchen darauf nicht ausgerichtet. Deren eigentliches Zielpublikum sind Leute, die sich der Kirche irgendwie (noch) verbunden fühlen, obwohl sie mit dem ganzen Glaubenskram eher nicht so viel anfangen können. Diesen Leuten - bzw. deren Kindern, als der nächsten Generation potentieller Beitragszahler - will man positive Erlebnisse im Zusammenhang "mit Kirche" bieten, um sie an die Institution zu binden. Em tasol, wie man in Papua-Neuguinea sagen würde. 

Aber vielleicht sollte ich mich nicht so sehr auf einen alles in allem doch eher banalen Jugendleiter-Blog-Beitrag einschießen. Schließlich geht es, wie wir gleich sehen werden, noch erheblich blöder: 

Vor Jahren schrieb ich mal über das oft recht peinlich anmutende Bemühen der Großkirchen, von der Massenwirkung medialer Großereignisse wie der Fußball-WM oder des Eurovision Song Contest ein paar Brosamen zu erhaschen, das sei "in etwa so, als hätte der Prophet Elija am Fuße des Bergs Karmel einen Kiosk eröffnet, um denen, die zum Baalskult pilgern, Popcorn in Tüten mit dem Logo seines Gottes zu verkaufen". Nun ist die Satire einmal mehr von der Realität überholt worden. Unter dem Motto "paradEIS" bietet das Erzbistum Berlin, finanziell gefördert u.a. vom Bonifatiuswerk (!), derzeit und noch bis zum 22. August kostenlos Eiscreme an. Okay, kann man machen, Eis mag  ja schließlich so ziemlich jeder. Der  Haken an der Sache ist, dass die Aktion partout eine irgendwie symbolische Ebene haben muss. Und da wird's dann mehr als nur peinlich

Die Begeisterung, die alle für Eis haben – die hätten wir auch gern für den Glauben. Der Glaube an sich ist schließlich etwas Sinnliches", erklärt Pastoralreferentin Carla Böhnstedt, die das neue Projekt "paradEIS" konzipiert hat. Dabei gehe es nicht um Missionierung --

Ja nee klar, natürlich nicht. Soll ich Dir mal was sagen, Leser? Ich wünsche mir eine Kirche, in der Aussagen wie "Wir wollen nicht missionieren" ein Grund für eine fristlose Kündigung sind. Aber keine Bange, es kommt noch ärger. Die "Citypastoral des Erzbistums" hat für diese Eiswagen-Aktion nämlich "fünf besondere Eissorten" kreiert: 

"Eden für jeden" weist etwa daraufhin, dass auch im Glauben jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Die Sorte "Trostgold" wird als "Sattmacher für die Seele" angepriesen. Und "Traute Nuss" soll mit ihrem erwartbar knackigen Geschmack Urvertrauen wecken. Als Topping gibt es etwa "Streuzweifel" oder "Fragsahne". Jeder Kunde soll - so die Idee - zunächst überlegen, was für seinen Glauben wesentlich ist und dann entsprechend wählen. 

Entwickelt wurden diese fünf Eissorten übrigens in Zusammenarbeit mit der Berliner Eismanufaktur "Süße Sünde". Im Ernst. Die Leute merken überhaupt nichts mehr, oder? "Ein Denkanstoß soll das Ganze sein, ein leichtes Augenzwinkern"; mich hingegen beschleicht der Eindruck, dass die "Citypastoral"-Leute vor lauter Augenzwinkern schon nicht mehr geradeaus gucken können. -- 

Mir geht da wirklich jeglicher Humor ab. Das Ganze ist für mich ein schauriger Einblick in die Gedankenwelt von Leuten, denen man niemals eine Position in der Kirche hätte geben dürfen. Weil sie nicht im Ansatz verstehen, was die Kirche ist und wozu sie da ist, geschweige denn, was die Kirche unter Glauben versteht. Ich zitiere mal, der Geschmeidigkeit halber, den YOUCAT: 

Der Glaube ist das Persönlichste eines Menschen, aber er ist dennoch keine Privatsache. [...] Der einzelne Gläubige gibt seine freie Zustimmung zum "Wir glauben" der Kirche. Von ihr hat er den Glauben empfangen. Sie war es, die ihn durch die Jahrhunderte zu ihm herübergetragen, vor Verfälschungen bewahrt und immer wieder zum Leuchten gebracht hat. Glauben ist daher Teilnahme an einer gemeinsamen Überzeugung. (YOUCAT, 24) 

Aber nicht bei der Citypastoral! Da kann, darf und soll jede*r glauben, wie und was und woran er*sie mag, und die Kirche lächelt fein dazu und sagt "Schön, das wir drüber  geredet haben". -- Ich finde es ziemlich traurig, dass "mein" Erzbischof, den ich persönlich durchaus schätze, bei sowas mitmacht. Man muss allerdings einräumen, dass das durchaus in das Gesamtkonzept von Öffentlichkeitsarbeit passt, das Heiner Koch verfolgt, seit er Erzbischof von Berlin ist (oder vielleicht auch schon vorher), und das im Wesentlichen darin besteht, "Kirche" in der Öffentlichkeit auf positive, d.h. sympathisch 'rüberkommende Weise sichtbar zu machen. Die gute Absicht kann ich durchaus anerkennen, aber ich halte diese Strategie dennoch für problematisch -- und dafür, was daran so problematisch ist, ist die Aktion "paradEIS" letztlich nur ein besonders illustratives Beispiel. 

Diesen Blogartikel hat meine Liebste auf Twitter entdeckt und dort mit dem lakonischen Kommentar "Weil isso" re-tweetet. Es geht darin, kurz und schlicht gesagt, um die Feststellung, dass ein Familienmodell, in dem sich beide Eltern zu ungefähr gleichen Teilen um die Kinder kümmern, schlechterdings nicht arbeitsmarktkompatibel ist: 

"Ich lese immer wieder, wie Frauen sich beschweren, dass sie in der Berufswelt nicht mehr ernst genommen werden, sobald sie Kinder haben. Gute Jobs werden ihnen verweigert, oder sie werden nach Ablauf der Elternzeit nicht weiterbeschäftigt, eben weil sie Mütter sind. 

Daneben haben Väter allerdings auch nicht viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. 

Wer nicht voll für den Arbeitgeber zur Verfügung steht, wird entsorgt."
Und weiter: 
"Eine Umfrage im örtlichen Radio vor etlichen Wochen ergab genau das, was wir auch schon herausfanden: Die Arbeitgeber wollen keine Halbtageskräfte. Entweder Vollzeit, voll zu ihrer Verfügung, oder gar nicht."

Obendrein stellt die Verfasserin fest, ein System, das darauf ausgerichtet sei, dass Eltern Vollzeit arbeiten und ihre Kinder zu diesem Zweck in Ganztagsbetreuung zu geben, benachteilige besonders "die, die an der Basis mit Menschen oder ihren eigenen Händen arbeiten" --
"denn diese Menschen haben häufig Schichtarbeit, oder eben Arbeitszeiten, für deren Zeit es keine Kinderbetreuung gibt."

Den Ansatz, dieses Problem durch "24h Kinderbetreuung" zu lösen, betrachtet die Verfasserin als "für die Kinder unzumutbar" -- und stellt zudem die Frage: "Wofür hat man dann Familie?" Tja.

Mir persönlich ist der Artikel zwar im Grunde noch nicht radikal genug - insofern, als er im Prinzip immer noch an der Vorstellung festhält, das Schlagwort von der "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" stehe für ein sowohl realisierbares als auch erstrebenswertes Modell und es hapere lediglich an der Umsetzung. Aber okay, was soll man machen, wenn man Familie und Beruf nun mal irgendwie unter einen Hut bekommen muss. So oder so ist der Artikel als auf persönlicher Erfahrung basierende Stellungnahme einer Mutter definitiv lesenswert. 

Ohrwurm der Woche: Kris Kristofferson, "To Beat the Devil" (1970) 

Ich werde wohl nie vergessen, wie ich in den Besitz des Albums kam, auf dem dieser Song erschienen ist: Eines Tages kam ich in einen kleinen Second-Hand-Plattenladen und fragte den Inhaber nach "bekifft klingendem Bluesrock". Er hatte ein paar Empfehlungen für mich, aber so richtig überzeugte mich nichts davon -- bis mir plötzlich auffiel: :Sag mal, was läuft da eigentlich gerade im Hintergrund?" -- "Das ist das Debütalbum von Kris Kristofferson", teilte mir der Ladeninhaber strahlend mit. "Gerade neu auf CD rausgekommen mit vier Bonustracks." 

Okay: Bluesrock war das nicht direkt , aber ich kaufte ihm die CD auf der Stelle ab und habe es nie bereut. Erstaunlich finde ich eigentlich , dass ich den Song "To Beat the Devil" nicht in meine "Sound der #BenOp"-Hitliste aufgenommen habe; er würde sich da stilistisch gut einfügen, und nicht nur der Titel ist entschieden #benOppig, sondern auch und vor allem der Text des zweiten Refrains. Übrigens auch sehr motivierend, wenn man mal wieder frustriert vom Kampf gegen institutionelle Windmühlen ist... 


Aus der Lesehore: 

Ich bitte dich, denk daran, dass unser Herr Jesus Christus dein Haupt ist und dass du eines deiner Glieder bist. Er will, dass alles, was in ihm ist, in dir lebt und herrscht: sein Geist in deinem Geist, sein Herz in deinem Herzen, alle Fähigkeiten seiner Seele in den Fähigkeiten deiner Seele, damit sich an dir das Wort erfüllt: "Verherrlicht Gott und tragt ihn in eurem Leib, damit das Leben Jesu an euch sichtbar wird" (1 Kor 6,20)

 Sei eins mit Jesus wie die Glieder mit dem Haupt. Darum musst du einen Geist mit ihm haben, eine Seele, ein Leben, einen Willen, eine Absicht, ein Herz. Er muss dein Geist sein, dein Herz, deine Liebe, dein Leben und alles, was dein ist.  

(Hl. Johannes Eudes, "Über das bewundernswerte Herz Jesu")  


 

Dienstag, 20. Juli 2021

Eine Vorschule des Priestertums

Gestern Abend habe ich mich dazu verleiten lassen, mich in eine Diskussion auf der Facebook-Seite von häretisch.de einzuschalten. Sollte man eigentlich nicht machen, tja, das hab ich jetzt davon. Aufhänger für die Diskussion war ein Artikel darüber, dass die CSU-Politikerin Dorothee Bär, Digitalstaatsministerin im Bundeskanzleramt, früher mal Messdienerin werden wollte und nicht durfte und dass sie deshalb (?) der Meinung ist, "Bewegungen wie 'Maria 2.0'" sollten "nicht abgetan" werden, schließlich müsse die Kirche zusehen, dass sie nicht "den Anschluss an die Menschen des 21. Jahrhunderts verliere". Das Übliche also. In den Kommentaren äußerte eine Friseurmeisterin aus Brandenburg an der Havel, in ihrer Gemeinde seien Ministrantinnen "ungefähr ab 1990 erlaubt", und inzwischen stünden "[o]ft [...] ausschließlich Mädchen am Altar!!!". -- Die drei Ausrufezeichen hätte man nun natürlich so und so verstehen können, aber da darauf noch drei Applaus-Emojis folgten, musste man wohl davon ausgehen, dass die Dame den geschilderten Sachverhalt für etwas Gutes hält. Da konnte ich mich dann doch nicht zurückhalten, zu erwidern: 
"Und genau das ist das Problem." 
Die Reaktionen, die ich mit diesem Kommentar erntete, bestanden aus einer bunten Mischung von Lach- und Wut-Smileys und der indignierten Rückfrage, was daran denn wohl ein Problem sein solle. Ich erklärte daraufhin, ich hielte das für offensichtlich: 
"Wenn die Mädchen die Jungen aus dem Ministrantendienst verdrängen, braucht man sich über ausbleibenden Priesternachwuchs nicht zu wundern."
Weitere Lach- und Wut-Smileys waren die Folge, dazu ein paar Antwortkommentare, deren Verfasser mehr oder weniger subtil andeuteten, dass sie meine These (und somit mich) für dumm hielten. (Dunning-Kruger-Effekt, sag ich da mal nur.) Heute morgen erhielt ich dann erstmals einen sachbezogenen Antwortkommentar. Von einem Priester. Einem, der auf Facebook als "Top-Fan" von häretisch.de geführt wird, aber immerhin ein echter Priester, der auf seinem Profilbild sogar Kollar trägt. Und was schreibt der so? 
"[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig. Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein. Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht. Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Nun ja, sagen wir so: Immerhin eine sachbezogene Antwort. Immerhin ein Versuch, mit Argumenten auf Argumente zu antworten. Das ist, wie man am Gesamtverlauf der Diskussion ablesen kann, in diesem Forum schon selten und daher beachtlich genug -- und verdient daher auch eine entsprechende Antwort. 

Symbolbild: Messdiener in der Kirche St. Robert Bellarmin, Jones, Oklahoma, 2020 (Bildquelle und Lizenz hier).

Also, der Reihe nach: 

  • "[D]ie Wege der Berufung sind vielfältig." 
Sicherlich sind sie das, und das ist auch gut so. Dennoch dürfte es auf der Hand liegen, dass manche Berufungswege, sagen wir mal, "typischer" sind als andere. Und wenn man solche typischen Berufungswege verbaut (oder jedenfalls erschwert), sollte man sich nicht darüber wundern, wenn es im Ergebnis weniger Berufungen gibt
  • "Ich bin heute Priester ohne jemals Ministrant gewesen zu sein."
Das nennt man anekdotische Evidenz. Um mal von meiner eigenen Fachrichtung zu sprechen: Es gibt auch Menschen, die als Kind nicht gern gelesen haben und später trotzdem Literaturwissenschaftler geworden sind. Solche Fälle sind exakt deshalb erwähnenswert, weil sie die Ausnahme sind. Das heißt, sie verweisen dialektisch darauf, dass es normalerweise anders ist. Es gibt sogar ein altes deutsches Sprichwort, das diesen Sachverhalt beschreibt; es lautet: "Ausnahmen bestätigen die Regel"
  • "Und ich bin froh über jede Ministrantin und jeden Ministranten, die oder der diesen Dienst übernimmt, ganz unabhängig vom Geschlecht." 
Das bin ich auch. In meiner Pfarrgemeinde (die natürlich nur insofern "meine" ist, als ich auf ihrem Gebiet wohne und in ihr ehrenamtlich tätig bin, auch wenn ich den Begriff "Ehrenamt" eigentlich verabscheue) herrscht chronischer Ministrantenmangel, in den Gremien der Gemeinde wird regelmäßig über Gründe und mögliche Abhilfen für dieses Problem diskutiert, aber dass es zu viele Mädchen gäbe, die ministrieren wollen, gehört eindeutig nicht zu den Gründen. Kirchenrechtlich spricht nichts dagegen, dass Mädchen ministrieren, sofern der zuständige Bischof es erlaubt (dazu weiter unten noch eine Anmerkung); persönlich habe ich überhaupt kein Problem damit, dass es Ministrantinnen gibt, und hätte z.B. auch nichts dagegen, wenn meine Tochter, sobald sie alt genug dafür ist, Ministrantin werden wollte. Problematisch wird es aus meiner Sicht erst, wenn - siehe oben - "oft ausschließlich Mädchen am Altar stehen". 
  • "Die Messdienergemeinschaft ist keine Vorschule für Priester" -- 
Doch. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man das ernsthaft leugnen kann. Zumindest sollte sie das sein, und wenn sie es faktisch nicht ist, sollte man sich vielleicht mal überlegen, was mit der Messdienerausbildung falsch läuft. 
  • "und der Junge, der nicht Messdiener wird, weil da Mädchen sind und sich so 'verdrängen' lässt, ist sicherlich für einen Beruf, der so viel Kontakt zu Frauen und Männern erfordert wie der des Priesters, nicht unbedingt perfekt geeignet." 

Eine bemerkenswert sozialdarwinistische Argumentation, zu sagen, wenn jemand sich aus einer Position verdrängen lasse, sei er für diese Position wohl schlichtweg nicht geeignet gewesen. -- Dass jemand, der sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlt, "nicht unbedingt perfekt geeignet" für die Anforderungen des Priesterberufs ist, ist zweifellos richtig, ist im vorliegenden Kontext aber ein reines Strohmannargument. Immerhin kommen wir hier aber so langsam mal zum Kern der ganzen Debatte: Wieso meine ich, dass Jungen durch Mädchen aus dem Ministrantendienst "verdrängt" werden? 

Nun, zunächst einmal ist es einfach eine empirische Tatsache, die auch dadurch nicht weggeht, dass sie einem nicht gefällt bzw. nicht ins ideologische Konzept passt. In dem Kommentar, auf den ich ursprünglich geantwortet habe, liegt dieser Sachverhalt ganz offen zutage: In den 90ern wurden erstmals Mädchen zum Ministrantendienst zugelassen, heute sind die Mädchen dort deutlich in der Überzahl. Das betrifft nicht nur diese eine Gemeinde, das ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich auch statistisch nachweisen lässt. Und wenn man nur ein bisschen was von Pädagogik und/oder Kinder- und Jugendpsychologie versteht, ist das auch nicht besonders verwunderlich. 

Beachten wir die Altersgruppe, um die es hier geht: Ich wage mal zu behaupten, im Kern haben wir es hier mit Kindern und Jugendlichen zwischen Erstkommunion und Schulabschluss zu tun. Es geht also mit ungefähr zehn Jahren los und geht dann weiter bis ins Teenageralter. Mit anderen Worten, die Entscheidung, Messdiener zu werden oder nicht, findet in den allermeisten Fällen in einem Alter statt, in dem es vollkommen normal ist, seine sozialen Kontakte überwiegend unter Angehörigen des eigenen Geschlechts zu suchen und zu finden. Wo überwiegend Mädchen sind, da gehen auch überwiegend Mädchen hin -- und umgekehrt. 

Hinzu kommt, dass gerade in diesem Alter Mädchen typischerweise ordentlicher, disziplinierter, zuverlässiger und autoritätsbezogener sind als Jungen; und es liegt auf der Hand, dass das alles Eigenschaften sind, die ihnen beim Ministrantendienst zugute kommen. (Aber nicht nur da: In der Pädagogik und der Lehrerausbildung ist die Benachteiligung von Jungen in geschlechtsgemischten Gruppen seit mindestens 50 Jahren ein großes Thema, die Fachliteratur ist voll davon. Könnte man ruhig mal zur Kenntnis nehmen.) 

Die natürliche Folge daraus ist: Wenn man weiterhin auch Jungen im Ministrantendienst haben will, dann muss man sie besonders fördern. Aber vielleicht will man das ja gar nicht. Das würde Einiges erklären. Übrigens nicht nur den Priestermangel: Auch unter den sogenannten "Ehrenamtlichen" oder überhaupt unter den aktiven Gemeindemitgliedern grassiert in der Kirche ein Männermangel. Aber das wäre mal ein Thema für sich. 

Den Zusammenhang zwischen Ministrantendienst und Priesterberufung habe ich mir übrigens nicht ausgedacht, falls das jemand denkt. Schon in der Enzyklika "Mediator Dei" von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 wird die Förderung von Priesterberufungen als ein gewichtiges Argument dafür angeführt, "Knaben aus allen Gesellschaftsklassen [...] unter der wachsamen Aufsicht der Priester" zum Ministrantendienst auszubilden; im Zusammenhang mit der Zulassung von Mädchen zum Ministrantendienst betonte die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 15.03.1994, "dass es immer sehr angemessen sein wird, der edlen Tradition zu folgen, Jungen am Altar dienen zu lassen", da es "wohlbekannt" sei, "dass dies erfreulich zur Entwicklung priesterlicher Berufungen beiträgt"; und die Kongregation für das katholische Bildungswesen hielt noch 2012 in ihren "Pastoralen Leitlinien zur Förderung der Berufungen zum Priesteramt" fest, der Ministrantendienst könne "als ein echter Weg der Öffnung zum Priesterberuf angesehen werden". 

Abschließend, wie angekündigt, noch ein Wort dazu, dass es der Entscheidung des jeweiligen Bischofs obliegt, ob Mädchen ministrieren dürfen oder nicht. Schon bevor ich in der besagten Diskussion bei häretisch.de das Fass mit der "Verdrängung" der Jungen aus dem Ministrantendienst aufmachte, war mir ein Kommentar einer Mitarbeiterin des Kindermissionswerks "Die Sternsinger" aufgefallen, die ich zwar ausschließlich via Facebook kenne, dort aber schon ein paarmal mit ihr aneinandergeraten bin. Sie schrieb, unter Kardinal Meisner - in seiner Berliner Zeit - hätten Mädchen auch nicht ministrieren dürfen, und seine einzige Begründung dafür sei gewesen "Weil ich das nicht wünsche". Dazu merkte ich an, das sei doch eine vollkommen ausreichende Begründung. Als Reaktion erntete ich diesmal ausschließlich Lach-Smileys. Ich meine das aber ernst. Es steht einem Bischof zu, diese Frage nach eigenem Gutdünken zu entscheiden; und wer das nicht akzeptieren kann oder will, dem fehlt es vielleicht einfach an Demut. Was, etymologisch betrachtet, übrigens nichts anderes bedeutet als "Bereitschaft zum Dienen"

Aber diese Tugend scheint ja innerhalb der "häretisch.de"-Zielgruppe insgesamt nicht so en vogue zu sein. 

Dienstag, 17. November 2020

Ernsthafte Frage an Experten für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste

Der Advent steht vor der Tür, und aus diesem Grund habe ich unlängst begonnen, mich auf YouTube nach geeigneter Musik für eine adventliche Gestaltung der Lobpreisandachten umzuschauen, die meine Liebste und ich allwöchentlich in unserer Pfarrkirche abhalten. Im Zuge dessen bin ich auf eine eindrucksvolle Version des traditionellen Adventslieds "Maria durch ein Dornwald ging" gestoßen: gesungen von einem klassischen Tenor, aber unterlegt mit trippigen Beats, sphärischen Synthesizer-Klängen und sonstigen elektronischen Soundeffekten. Auch wenn ich in meinem privaten Musikgeschmack tendenziell eher "Team Stromgitarre" bin, war ich spontan begeistert und dachte: Krass, genau so etwas habe ich gesucht seit dem "Diva Dance" aus dem Film "Das fünfte Element" und "Prince Igor" von The Rapsody feat. Warren G. & Sissel Kyrkjebø. Also seit 1997. 

Okay. Wo ist der Haken? Nun ja: Dieses interessante Fundstück veranlasste mich, mal nachzusehen, was die Urheber dieser "Maria durch ein Dornwald ging"-Version denn sonst noch so zu bieten hätten; und das Ergebnis dieser Recherche war eher... irritierend. Der Gesangspart stammt, wie schon gesagt, von einem klassischen Tenor, Daniel Sans; für das Arrangement zeichnet hingegen ein Ein-Mann-Projekt namens Apoptose verantwortlich. Das mag ein cleveres Wortspiel sein, da die Silbe "Pop" drin vorkommt, aber zunächst einmal ist Apoptose ein biologischer Fachterminus für ein Phänomen, das man als "programmierten Zelltod" beschreiben kann. Das klingt ja nun einigermaßen finster. Seinen Musikstil bezeichnet Apoptose als "Dark Ambient"; ich hätte TripHop dazu gesagt, aber das ist wohl, ähnlich wie seinerzeit "Neue Deutsche Welle", ein Label, das im Wesentlichen von Musikjournalisten geprägt bzw. in Umlauf gebracht wurde und von den so etikettierten Interpreten eher abgelehnt wird. Na, sei's drum. Zu den Veröffentlichungen von Apoptose zählen Alben mit Titeln wie "Blutopfer", "Schattenmädchen" und "Bannwald"; Letzteres ist offenbar ein Konzeptalbum, das auf einer angeblich wahren Geschichte basiert: Drei Mädchen verlaufen sich im Wald und bleiben unauffindbar; "Jahrzehnte später tauchen drei mysteriöse Frauen in der Gegend auf, und die Einheimischen erinnern sich an das Verschwinden der Mädchen vor langer Zeit". Rezensenten sahen Parallelen zum pseudo-dokumentarischen Horrorfilm "The Blair Witch Project". Zudem ist auf dem Album "Bannwald" mit "May the Circle be open" ein Lied enthalten, das "unter Wicca-Anhängern sehr bekannt" ist und "mittlerweile wohl weltweit auf Hexenzusammenkünften gesungen" wird. Ich sag mal: Hm. Auch sonst scheint es, dass Apoptose sein Nischenpublikum zu einem nicht unwesentlichen Teil in esoterisch-neopaganen Zirkeln findet. Wie passt da ein Marienlied ins Bild? Man ahnt es fast: Im Begleittext zur Apoptose-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" auf YouTube und auf dem Musikportal Bandcamp heißt es, "the words and the solemn melody evoke images of a goddess who cares for the eternal cycle of growth and decay" ("die Worte und die feierliche Melodie evozieren Bilder einer Göttin, die über den ewigen Kreislauf von Wachstum und Zerfall wacht"). Na sicher. 😒



Und nun bin ich mir unsicher, ob ich diese Version von "Maria durch ein Dornwald ging", so gut sie mir auch gefällt, guten Gewissens für eine Andacht in einer Kirche verwenden kann. -- Okay: Ich kenne - unter anderem, weil ich jahrelang im Berliner Gruselkabinett gearbeitet habe - einige auf dem Kunst- und Unterhaltungssektor tätige Leute, die sich auf Horror-Ästhetik spezialisiert haben, und habe auch darüber hinaus Freunde und Bekannte, die ein ausgeprägtes Faible für Makabres, Morbides und Mysteriöses haben, ohne deswegen Satanisten oder etwas Ähnliches zu sein. Und wie manche Leser sich erinnern werden, habe ich keinerlei Scheu an den Tag gelegt, mich mit Hexe Minerva und ihren Fans anzulegen, da ich den von dieser Dame kommerziell betriebenen neuheidnisch-naturmagischen Schnickschnack eher albern finde, als dass ich ihn für irgendwie bedrohlich hielte. Aber das Eine wie das Andere bedeutet ganz entschieden nicht, dass es nicht dennoch echte dämonische Mächte gäbe, mit denen ganz entschieden nicht zu spaßen ist. (Wer "an sowas nicht glaubt", der darf mich gerne auslachen -- und wird bis zum Ende des Artikels noch reichlich Gelegenheit dazu bekommen.) 

Womit haben wir es also hier zu tun? Hat sich der Künstler, der sich hinter dem Projektnamen Apoptose verbirgt, lediglich aus ästhetischer Faszination und/oder aus kommerziellen Erwägungen ein Image zugelegt, das mit Anmutungen von Hexerei und Schwarzer Magie spielt, handelt es sich um einen vielleicht etwas versponnenen, im Grunde aber harmlosen Möchtegern-Okkultisten, oder womöglich doch um jemanden, der seine Seele dem Bösen verschrieben hat? 

Natürlich drängt sich hier die Frage auf, ob es einem ernstzunehmenden Okkultisten zuzutrauen wäre, ausgerechnet ein Marienlied zu veröffentlichen. Und ob die gewissermaßen nach Rechtfertigung klingende Behauptung, das Lied enthalte heidnische Untertöne, nicht eher Hexe-Minerva-Niveau hat. Ich meine, klar: Neuheiden glauben so etwas. Das moderne Neuheidentum baut praktisch zur Gänze auf der Vorstellung auf, christliches Brauchtum sei in Wirklichkeit uraltes heidnisches Brauchtum, das im Laufe des Mittelalters lediglich oberflächlich christlich übertüncht worden sei. Im vorliegenden Fall können sie da einer bestimmten Sorte evangelikaler Fundis die Hand reichen, die ebenfalls meinen, Marienverehrung sei in Wirklichkeit heidnischer Götzendienst. Aber muss man sich als Katholik von so etwas beeindrucken lassen? 

Ich würde sagen: Nee. Dass sich in irgendwelchen Kellerlöchern blass geschminkte Darkwave-Gothic-Neuheiden traditionelle Marienlieder anhören, weil sie meinen, es handle sich um Hymnen an die Große Mutter, sehe ich nicht als Problem -- das finde ich eher witzig. Weit mehr beschäftigt mich die Frage, ob Apoptose-Rüdiger (ja, er heißt wirklich Rüdiger) womöglich unterhalb der Hörgrenze irgendwelche satanistischen Beschwörungsformeln oder Ähnliches in sein Arrangement von "Maria durch ein Dornwald ging" hineingemixt hat. Ja, lach ruhig, Leser; ich mein's ernst

Aber andererseits: Ist Maria nicht der Schrecken der Dämonen? Ist sie es nicht, die der höllischen Schlange den Kopf zertritt? Nicht ohne Grund finden sich ja die Marianischen Antiphonen im neuen Gotteslob unter der ominösen Nummer 666. Sollte man da nicht annehmen, dass der Versuch, ausgerechnet ein Marienlied für dämonische Zwecke zu missbrauchen - wenn denn jemand einen solchen Versuch unternähme - von vornherein zum Scheitern verurteilt sein müsste? 

Ich weiß es wirklich nicht, Leser. Vielleicht hat ja jemand einen guten Rat für mich. Natürlich könnte ich einfach eine schön schlichte a-cappella-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" verwenden, aber das wäre dann ja doch irgendwie langweilig. -- Bis zum Dienstag der zweiten Adventswoche will ich jedenfalls eine Entscheidung getroffen haben, denn da fällt unser wöchentlicher Lobpreis-Termin just auf das Hochfest Mariä Empfängnis. 

P.S.: Ich hatte diesen Artikel schon größtenteils zu Ende geschrieben, da stellte ich fest, dass es auf YouTube auch eine "Maria durch ein Dornwald ging"-Version von der Darkwave/Pop-Gruppe Chandeen gibt; im direkten Vergleich mit der Apoptose-Version klingt diese allerdings deutlich weniger spektakulär und ist davon abgesehen auch darum keine überzeugende Alternative, weil die Gruppe Chandeen offenbar ebenfalls einen esoterischen oder okkultistischen Hintergrund hat. -- Und die Version von Helene Fischer höre ich mir vorsichtshalber gar nicht erst an! 


Sonntag, 15. November 2020

Morgen früh, wenn Gott will -- Reloaded

Der Drogeriemarkt-Discounter dm verkauft Kuscheltiere mit eingebauten Spieluhren, die, wenn man an einer Schnur zieht, traditionelle Schlaflieder spielen. Zu den Melodien, die dabei Verwendung finden, gehört auch das Lied "Guten Abend, gute Nacht" -- allerdings in einer gewissermaßen "zensierten" Version: Zwar bringen die Spieluhren natürlich nur die Melodie zu Gehör und nicht den Text, aber es fällt dennoch auf, dass diejenige Melodiepassage, auf die die Verse "Morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt" zu singen wären, schlichtweg fehlt. Ich halte das für keineswegs zufällig. Weit eher könnte ich mir vorstellen, dass damit auf die Befindlichkeit von Müttern Rücksicht genommen wurde, die an just diesen beiden Versen Anstoß nehmen. Im Ernst: Wer sich mal ein bisschen in den Mami-Foren des Web 2.0 umschaut, in einschlägigen Facebook-Gruppen oder Blogs, der kann sich selbst davon überzeugen, dass das Lied "Guten Abend, gute Nacht" dort ein ganz heißes Eisen ist, und zwar genau wegen dieser zwei Verse. Der typische Einwand lautet: Wie brutal, Kinder damit zu konfrontieren, dass sie am nächsten Morgen womöglich nicht wieder aufwachen -- und das auch noch mit Gott in Verbindung zu bringen! 

Darauf könnte man nun schlicht erwidern: Na ja, aber is' doch nun mal so. 

Man kann sich mit einer Erwiderung auf die Kritik an diesem traditionellen Kinderlied aber auch ein bisschen mehr Mühe geben. 



Tatsächlich habe ich mich mit diesem Thema schon einmal befasst, lange bevor ich selbst Kinder hatte -- nämlich in einem Blogartikel aus dem Jahr 2012, der allerdings ziemlich lange braucht, um auf den Punkt zu kommen (und wer meint, das sei bei meinen Blogartikeln bis heute oft so, darf gern mal vergleichen), und auch sonst, wie ich aus heutiger Sicht finde, ein paar Schwächen hat. Teile des damaligen Artikels finde ich jedoch - so viel Eigenlob muss sein - zu gut, um in Vergessenheit zu geraten. Und daher haben mich die eingangs erwähnten Kuschel-Spieluhren bei dm auf die Idee gebracht, ich könnte mich mal an einer Neufassung des Artikels versuchen und dabei Teile der ursprünglichen Fassung übernehmen. Zumal ja gerade November ist, der traditionelle Monat des Totengedenkens; und die COVID-19-Pandemie, in deren "zweiter Welle" wir uns befinden, hat ja ein Übriges getan, dem Thema Tod und Sterben eine ganz neue Aktualität zu verleihen, aber dazu später. 

-- In meinem Artikel von 2012 erwähnte ich, dass derselbe Gedanke, der die besagten zwei Verse aus "Guten Abend, gute Nacht" so heikel erscheinen lässt, sogar noch expliziter in einem ebenfalls recht bekannten angloamerikanischen Kinder-Nachtgebet zum Ausdruck kommt:

Now I lay me down to sleep,
I pray the Lord my soul to keep,
If I shall die before I wake,
I pray the Lord my soul to take.
Gewiss spielt es eine Rolle, dass dieses Gebet und dieses Lied aus einer Zeit stammen, als auch in unseren Breiten die Kindersterblichkeit sehr viel höher war als heute -- oder anders ausgedrückt: Die statistischen Aussichten dafür, dass ein Kind das Erwachsenenalter oder auch nur das Alter von fünf Jahren erreicht, standen erheblich schlechter als heute. Die Möglichkeit, dass ein Kind, das man zu Bett bringt, den nächsten Morgen vielleicht nicht erlebt, war im kollektiven Bewusstsein - und, so möchte man annehmen, besonders in dem der Eltern - einfach präsenter als heute. Gleichwohl gibt es auch heute noch Fälle von plötzlichem Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS), und auch heute noch sterben kleine Kinder an Infektionskrankheiten oder Krebs oder verunglücken tödlich. Und ich denke, genau das ist der Punkt: Würden dieses "Morgen früh, wenn Gott will", dieses "If I shall die before I wake" nicht eine reale Möglichkeit ansprechen - sei sie statistisch auch noch so unwahrscheinlich -, dann wären dieses Lied und dieses Gebet wohl eher ungebräuchlich geworden und vielleicht in Vergessenheit geraten, aber jedenfalls würden sie nicht eine solche Beunruhigung auslösen. Es heißt, als der Komponist Gustav Mahler die von Friedrich Rückert verfassten "Kindertotenlieder" vertonte, habe seine Frau Alma ihm Vorwürfe gemacht: So etwas beschwöre Unglück herauf. Zwei Jahre nach der Uraufführung des Liederzyklus starb die ältere der beiden Töchter Mahlers im Alter von vier Jahren an Diphtherie. 

Sagen wir, wie's ist: Das menschliche Leben ist etwas sehr Zerbrechliches, und dass das auch und nicht zuletzt für das Leben von Kindern gilt, ist mir heute, da ich selbst Vater bin, auf eine sehr viel eindringlichere Weise bewusst als noch vor einigen Jahren; daher kann ich es emotional auch deutlich besser nachvollziehen als früher, dass der Gedanke an den Tod der eigenen Kinder etwas ist, das man gern möglichst weit von sich wegschiebt. Nur gehen die Dinge, vor denen man Angst hat, in der Regel nicht dadurch weg, dass man sie ignoriert oder ihre Existenz schlichtweg leugnet. Kleine Kinder mögen glauben, sie müssten nur fest genug die Augen schließen, damit das, wovor sie sich fürchten, von allein verschwindet; Erwachsene sollten es besser wissen. Und mehr noch: Wenn Erwachsene versuchen, ihren Kindern gegenüber die Existenz des Todes zu verleugnen, dann liegt der Verdacht nahe, dass sie damit letztlich nur ihre eigene Angst vor dem Tod auf die Kinder projizieren, die diese Angst sonst womöglich gar nicht hätten

Einer Mutter, die davor zurückschreckt, ihrem Kind die Verse "Morgen früh, wenn Gott will / wirst du wieder geweckt" vorzusingen,  würde vermutlich vor Schreck der Mund offen stehen, wenn man sie fragte, was denn so falsch daran sei, Kindern frühzeitig ein Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit zu vermitteln. Dass man jeden Gedanken an den Tod, ja möglichst das Wissen um die bloße Existenz des Todes so weit und so lange wie möglich von Kindern fernhalten sollte, erscheint ihnen so evident, dass ihnen gar nicht einfiele, das irgendwie zu begründen. Wahrscheinlich kennen sie es aber auch nicht anders, weil sie selbst so erzogen wurden. Der Tod ist eine Art negativer Weihnachtsmann: Es gibt ihn zwar, aber das Kind soll das erst möglichst spät erfahren.

Wenn hierzulande ein Kind zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Tod konfrontiert wird, dann dürfte es sich in den meisten Fällen entweder um den Tod älterer Familienangehöriger - etwa der Großeltern - oder aber um den Tod von Haustieren handeln. Aber wie viele Kinder - gerade in Großstädten - haben noch regelmäßigen Kontakt zu ihren Großeltern? Oder umgekehrt, wie viele Senioren sterben heute noch im Kreis ihrer Familie? Gestorben wird heute im Krankenhaus oder im Pflegeheim, und dahin müssen besorgte Eltern ihre Kinder ja nicht mitnehmen. Und was die Haustiere betrifft: Liegt der Hamster oder der Wellensittich eines Tages tot im Käfig, während das Kind im Kindergarten, in der Schule oder sonstwie außer Haus ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass viele Eltern den kleinen Kadaver stillschweigend entsorgen und dem Kind später weismachen, das Tier wäre davongelaufen oder -geflogen. Das ist für das Kind nicht unbedingt weniger traurig, aber es erspart den Eltern, das heikle Thema Tod ansprechen zu müssen.

Es steht zu vermuten, dass die Tendenz zur Ausblendung des Todes aus der Lebensrealität nicht allein durch eine stark gestiegene statistische Lebenserwartung bedingt ist, sondern mindestens ebensosehr durch das Schwinden des Glaubens an ein Leben nach dem Tod. Vom Mittelalter bis ins Barock war das memento mori - die permanente Erinnerung daran, dass dass der Tod gewiss, sein Zeitpunkt jedoch ungewiss ist - allgegenwärtig; so fanden sich Sinnsprüche, die den Gedanken an den Tod wach halten sollten, häufig auf Sonnenuhren, und so erklären sich auch häufige Abbildungen von Gerippen, Totenschädeln usw. in Kirchen, auf Gemälden, Reliefs und Siegeln. Aus der Unausweichliche und Unvorhersehbarkeit des Todes ergab sich nach damaligem Verständnis die Notwendigkeit, jederzeit auf den Tod vorbereitet zu sein. Das ist heute entschieden anders. Vielfach scheint die stillschweigende Überzeugung vorzuherrschen, der Mensch der westlichen Welt habe seine 70 oder 80 Jahre Lebenszeit gewissermaßen verbindlich gebucht, und stirbt jemand früher, dann wird das so aufgefasst, als sei er um etwas betrogen worden, das ihm zusteht. Zugleich  besagt aber eine alte Weisheit, dass die Welt betrogen werden will, und auch das spiegelt sich in der modernen Einstellung zum Tod wider. Fragt man Erwachsene, wie sie gern sterben möchten, dann erhält man häufig zur Antwort: Am liebsten möchten sie ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen, tot umfallen. Ohne Vorwarnung mitten aus dem Leben gerissen zu werden, das gilt als guter Tod. Mit anderen Worten: Die Angst vor dem Tod ist so groß, dass die Leute ihm auch dann noch nicht ins Auge sehen wollen, wenn er schon unmittelbar bevorsteht. Sie wollen leben, als ob es keinen Tod gäbe - und das bis zuletzt. Man muss gar nicht besonders religiös sein, um diese Haltung gegenüber dem Tod befremdlich und unreif zu finden. 

Und das bringt mich nun - irgendwie - auf die aktuelle Corona-Situation. Anlässlich der Weihe des Erzbistums Berlin an das Heiligste Herz Jesu und das Unbefleckte Herz Mariens im August dieses Jahres veröffentlichte die Pressestelle des Erzbistums eine Arbeitshilfe mit "Impulsen für den Gottesdienst"; insgesamt war ich, wie schon einmal angemerkt, eher mäßig beeindruckt, aber bemerkenswert fand ich ein in dieser Arbeitshilfe enthaltenes Gedicht von Andreas Knapp mit dem schlichten Titel "Corona-Virus"
ein winziges Stück RNA
erinnert die Krone der Schöpfung
an ihre Sterblichkeit
alle Welt gerät in Panik
man hatte das tatsächlich
vergessen 
Doch doch, sagte ich mir, das hat was. Und in gewissem Sinne ist es auch ziemlich mutig, das zu veröffentlichen. 

Inwiefern? -- Ich würde hier gern versuchen, zwischen Coronazis und Covidioten bedingungslosen Befürwortern und ebenso bedingungslosen Gegnern staatlich verordneter Corona-Schutzmaßnahmen eine mittlere Position einzunehmen -- was allerdings schwierig ist, da es scheint, dass beide Seiten wenig Interesse an Differenzierung haben und dazu neigen, jeden, der nicht zu 100% mit ihnen übereinstimmt, pauschal der jeweiligen Gegenseite zuzurechnen. Aber versuchen wir's dennoch. Vielleicht können wir uns ja erst einmal auf die Feststellung einigen, dass der als  SARS-CoV-2 bezeichnete Erreger, mit dem wir es zu tun haben, ein hoch ansteckendes Virus ist, auf das, da es eben ein neues Virus ist, das menschliche Immunsystem (noch) nicht eingestellt ist und das deshalb bei einem Teil der Infizierten schwere Krankheitsverläufe mit diversen Komplikationen hervorruft, die zum Teil tödlich verlaufen und zum Teil vielfältige bleibende Folgeschäden hinterlassen. Die Situation ist also ausgesprochen ernst zu nehmen, und es ist nur vernünftig, dass Maßnahmen ergriffen werden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen oder wenigstens zu verlangsamen. Ich empfinde es auch nicht als unzumutbar, beim Einkaufen  oder im öffentlichen Personennahverkehr eine Stoffmaske über Mund und Nase zu tragen. Dennoch kann ich mich gleichzeitig nicht immer des Eindrucks erwehren, dass um die COVID-19-Pandemie - die als Geißel der Menschheit wohl doch nicht so ganz an den mittelalterlichen Schwarzen Tod, an die Cholera- und Typhus-Epidemien des 19. Jahrhunderts oder an die Spanische Grippe heranreicht - ein übertriebener Hype veranstaltet wird; gar nicht so sehr auf der Ebene konkreter Schutzmaßnahmen, aber in der Art und Weise, wie dieses Thema die Debatte in den Medien, in der Politik und sogar in der Kirche beherrscht. Man könnte den Eindruck bekommen, es herrsche die Auffassung vor, es wäre nicht nur möglich,  sondern geradezu die Pflicht von Politik und Zivilgesellschaft, Krankheit und Tod ein für allemal abzuschaffen, und solange dieses Ziel nicht erreicht sei, habe niemand das Recht, einfach ein normales Leben zu führen. Als könnte nicht auch jemand, der sich peinlichst genau an alle Corona-Vorschriften hält, trotzdem an einer Fischgräte ersticken, auf dem nassen Badezimmerfußboden ausrutschen und sich den Hals brechen oder von einem zufällig vom Himmel fallenden Klavier erschlagen werden. 

Gerade von kirchlicher Seite hätte ich mir daher in Sachen "Corona-Kommunikation" mehr und Anderes erhofft als fade "Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund"-Botschaften, wie man sie zu anderen Zeiten eher aus der Apothekenwerbung gewöhnt war. Um es mal ganz deutlich zu sagen: Wenn Priester und Bischöfe sich nicht einmal inmitten einer Pandemie dazu durchringen können, über die "letzten Dinge" zu predigen -- wann denn dann? Für den Christen ist der Tod schließlich nicht nur ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, sondern sogar ein ganz zentraler - der Übergang zu einem anderen, einem ewigen Leben. Daraus folgt nicht automatisch, dass der Christ mehr oder weniger Angst vor dem Tod hat als der Nichtchrist - denn einerseits erwartet er, dass er nach dem Tod für sein Tun und Lassen auf Erden gerichtet wird, andererseits vertraut er auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes -; in jedem Fall aber ist der Tod für den Christen ein allzu bedeutendes Ereignis, als dass er sich nicht darauf sollte vorbereiten wollen. Und es ist eine gewichtige Aufgabe und Pflicht der Kirche, dem Menschen bei dieser Vorbereitung zu helfen

Aber ist das - um zum Ausgangspunkt dieses Artikels zurückzukehren - etwas, das man schon Kindern beibringen kann und sollte? -- Ich denke ja. Beispielsweise denke ich da an ein Buch, das meine Oma mir vor nunmehr über dreißig Jahren zu meiner Erstkommunion geschenkt hat und das noch heute einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal hat: "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg (12. Auflage Düsseldorf 1977). Viele der 46 Geschichten in diesem Band sind als moralische Beispielerzählungen angelegt, in anderen geht es ganz konkret um die katholische Sakramentenlehre -- und in auffallend vielen geht es um den Tod. Gleich die erste Geschichte, "Gemeinschaft der Heiligen", die den Ausflug einer Schulklasse schildert, beginnt damit, dass die Schüler sich zum Beginn ihres Klassenausflugs am Grab eines ehemaligen Mitschülers versammeln. Der Lehrer erklärt:
"Wir sind seit seinem Tod schon oft an sein Grab gekommen, wenn wir dem Harald etwas sagen mußten, was wir auf dem Herzen hatten. Er gehört ja immer noch zu unserer Klasse, wenn er auch nicht mehr in unseren Bänken sitzt. Denn alle Christen, die Lebenden und die Toten, die im Fegefeuer und die im Himmel, sind eine große Familie, die man die Gemeinschaft der Heiligen nennt. Sie helfen einander und bitten füreinander. So hat Harald bei Gott für uns gebetet, als wir ihm vor drei Wochen erzählten, daß en Kind in unserer Klasse zum Dieb geworden war und ein Federmäppchen gestohlen hatte; und vorige Woche, als die Hannelore so schwer krank war. Alles, was wir dem Harald aus unserer Klasse erzählten, hat er dem lieben Gott weitererzählt." (S. 10)
Gegen Ende des Bandes folgt eine Geschichte, von der ich noch sehr wohl weiß, dass sie mich als Kind eher befremdet hat, die ich heute aber als eine der bewegendsten des Buches empfinde; sie trägt den Titel "Lebe täglich sterben". Darin geht es um einen Jungen, der während eines Familienurlaubs ertrinkt und in dessen Hosentasche man den Totengedenkzettel einer gewissen Frau Lindfart findet, der (auf Lateinisch) die Inschrift "Lerne täglich sterben; es ist die Kunst aller Künste!" trägt. Als die Eltern des verunglückten Knaben seinen Leichnam aus dem Leichenschauhaus abholen, sind sie verhältnismäßig gefasst. Angesichts des Totengedenkzettels erklärt der Vater:
"Die Frau Lindfart ist weder die Mutter noch die Großmutter des Kindes. Sie ist gar nicht mit uns verwandt. Der Junge hat den Zettel zufällig mal bekommen, als er in einer Totenmesse war. Es ging ihm nicht um den Zettel oder die tote Frau. Er hatte sich vielmehr den lateinischen Spruch von seinem Pastor übersetzen lassen. Seitdem hat er sich diesen Spruch als seinen Leitspruch überallhin mitgenommen. Er hat versucht, danach zu leben; so zu leben, daß Gott ihn täglich holen dürfte. Wir haben deshalb auch guten Mut und frohe Hoffnung, daß er wohl jetzt, wo wir diesen unglücklichen Ort verlassen, schon im Himmel ist." (S. 140f.) 

-- Sicherlich ist anzunehmen, dass Geschichten wie diese heutzutage eher nicht mehr in der Erstkommunion-Vorbereitung Verwendung finden. Aber was ich von den heutzutage gängigen Methoden der Kinderkatechese halte, dazu habe ich mich ja schon verschiedentlich geäußert. Und da ich folglich damit rechne, dass meine Liebste und ich die Erstkommunion-Katechese für unsere Kinder im Wesentlichen selbst werden übernehmen müssen, gedenke ich dabei sehr wohl auch Quadfliegs "Fromme Geschichten für kleine Leute" zum Einsatz zu bringen. 


Schließen möchte ich diesen Artikel mit dem Hinweis, dass der Vatikan anlässlich der Corona-Pandemie die Möglichkeiten zur Erlangung eines Allerseelen-Ablasses zugunsten Verstorbener erweitert hat: Einen solchen Ablass ist in diesem Jahr während des gesamten Monats November möglich, und wer aufgrund von Alter, Krankheit oder Ausgangsbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie nicht in der Lage ist, einen Friedhof zu besuchen, kann die vorgeschriebenen Gebete für die Verstorbenen auch zu Hause verrichten. Näheres dazu siehe hier



Montag, 12. Oktober 2020

Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie diese Hausbesetzer

Bis vor einigen Jahren habe ich ganz in der Nähe der unlängst geräumten #Liebig34 gewohnt. An der gegenüberliegenden Straßenecke war (und ist wahrscheinlich immer noch) ein Bäcker, bei dem ich mir oft Frühstück für unterwegs gekauft habe. 

-- Unterwegs wohin? Eigentlich egal, Hauptsache raus aus meiner vollgemüllten Wohnung. 

Sic.

Daran musste ich denken, als die Bilder und Filmaufnahmen aus der geräumten Liebig34 in den Sozialen Netzwerken zirkulierten und zahlreiche Mediennutzer aus dem "wertkonservativ-wirtschaftsliberalen" Spektrum und angrenzenden Lagern kübelweise Häme und Verachtung über die auf die Straße gesetzten Hausbesetzer ausschütteten, die meinten, die Welt verbessern zu können und zu müssen, aber dem Anschein nach nicht mal in der Lage waren, ihr Bett zu machen und ihr Geschirr zu spülen. Ich mag da gar nicht näher ins Detail gehen, denn das Ausmaß an Bosheit, das sich da Bahn brach, ging mir wirklich an die Nieren. Nicht zuletzt auch deshalb, weil derartige Äußerungen zum Teil auch von Leuten kamen, die ich ansonsten schätze und mag -- darunter auch und gerade solche, die in ihrem Social-Media-Auftritt dezidiert Wert darauf legen, als gläubige Christen wahrgenommen zu werden. 

Okay, okay, ich weiß: Ich bin selbst jemand, der auf kaum etwas empfindlicher reagiert als auf Ermahnungen à la "Das ist jetzt aber nicht sehr christlich von dir". Zumal ich dabei oft den Eindruck habe, dahinter stehe eine Einstellung, die das Christsein auf eine banale, harmlose "Seid nett zueinander"-Moral reduziert. Ich sollte also besser sehr vorsichtig damit sein, selbst solche Töne anzuschlagen. Dennoch: Häme - verstanden als die Neigung, sich über etwas Schlechtes zu freuen, weil und insofern es Leute in ein schlechtes Licht rückt, die man ohnehin nicht leiden kann - ist für mein Empfinden einer der hässlichsten menschlichen Charakterzüge überhaupt, unabhängig davon, gegen wen diese Häme sich richtet. Und wenn Christen sich öffentlich und mit erkennbarer Lust in einer solchen Haltung suhlen, dann darf man, denke ich, schon der Meinung sein, dass das christliche Zeugnis dadurch verdunkelt wird. Und dass die betreffenden Christen vielleicht mal in Erwägung ziehen sollten, dass es in ihrer eigenen Seele womöglich noch viel unaufgeräumter aussieht als im Treppenhaus der Liebig34.

Soweit hat das nun erst einmal gar nichts mit dem Thema Hausbesetzung zu tun. Ich hätte im Wesentlichen dasselbe über Leute schreiben können, die sich darüber freuen, dass Donald Trump an COVID-19 erkrankt ist. Aber wer mich kennt, der weiß (auch wenn er sich vielleicht darüber wundert), dass Hausbesetzer mir dann doch um einige Grade näher am Herzen liegen als Donald Trump.  

Rigaer Ecke Liebigstraße (Foto von Juli 2016)

Aus diesem Grund habe ich anlässlich des großen öffentlichen Interesses an der Räumung der Liebig34 ein bisschen in meinem Blog-Archiv gekramt und dabei neben diesem, diesem und diesem Artikel auch ein unveröffentlichtes Fragment wiedergefunden, das ich vor über vier Jahren, im Sommer 2016, geschrieben bzw. zu schreiben begonnen hatte. Es ist wirklich sehr fragmentarisch, es bricht praktisch schon ab, bevor ersichtlich wird, worauf ich eigentlich hinaus will. (Kritische Leser mögen an dieser Stelle anmerken, es komme bei mir öfter vor, dass das bis zum Schluss nicht ersichtlich werde. Danke für die konstruktive Kritik, gerngeschehen, Ihr mich auch.) Der Punkt ist, kurze Zeit später ging ich auf den Jakobsweg und hatte folglich erst mal eine Menge andere Dinge im Kopf, und irgendwie bin ich danach nie mehr dazu gekommen, den Entwurf weiterzubearbeiten. 

Bis jetzt. 

Ich schrieb seinerzeit: 

Letzten Montag habe ich gegen Mittag einen kleinen Spaziergangs durchs Gefahrengebiet unternommen - durch die Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain, wo seit einigen Monaten der Konflikt zwischen Hausbesetzern und der Staatsgewalt eskaliert. Vorläufiger Höhepunkt dieser Eskalation war eine Demonstration am Abend des 9. Juli, aus der heraus bzw. in deren Umfeld es zu schweren Ausschreitungen kam - der offizielle Polizeibericht spricht davon, "dass es sich um die aggressivste und gewalttätigste Demonstration der zurückliegenden fünf Jahre in Berlin handelte". 

Solidaritätsparolen an der Rigaer 78: "Regierung schafft keine Ordnung, nur Unterordnung" (Foto von Juli 2016)  

Und weiter: 
Diese Ausschreitungen lagen erst eineinhalb Tage zurück, als ich dort entlangspazierte, aber ich war zu Recht davon ausgegangen, dass es am helllichten Mittag ungefährlich genug sein würde im "Gefahrengebiet". Eine große Expedition war es für mich auch nicht, denn ich wohne - bislang noch - nicht allzu weit von dort, wenn auch nicht in unmittelbarer Nachbarschaft. In dem einen oder anderen der besetzten oder ehemals besetzten Häuser der Rigaer Straße bin ich auch gelegentlich mal zu Gast gewesen - bei der veganen VoKü im Fischladen (Rigaer 83), im Filmrisz-Kino (Rigaer 103) und auch mal bei einem oder zwei Punkkonzerten in einem Keller; in welchem Haus genau das war, habe ich vergessen. Das ist alles schon ein paar Jahre her, aber ich denke durchaus mit Sympathie daran zurück. 
Bildet Banden! 

Okay, worauf wollte ich damals wohl hinaus? Ich weiß es nicht mehr ganz genau, kann es mir aber noch so ungefähr vorstellen. Nämlich dass es zwar ohne Frage eine Reihe von Dingen gibt, die man an der militanten linksautonomen Besetzer-Szene kritisieren kann und sogar muss (Einschub: Geärgert habe ich mich im Zusammenhang mit der Liebig34-Räumung über einen Artikel von Marie Frank im Neuen Deutschland, in dem so allerlei stand, was ich zustimmungsfähig fand, bis zu dem Satz "Nun lässt sich wahrlich darüber streiten, ob Brandanschläge auf Signalkabel der S-Bahn oder auf Autos sinnvolle Akte politischer Gegenwehr sind". Sorry, aber da bin ich raus. Genau das - nämlich dass sie das nicht sind - sollte nämlich gerade nicht strittig sein); aber was immer man diesen Leuten vorwerfen kann, enthebt "uns" - als Christen, meine ich - nicht von der Pflicht, sie als Menschen wahrzunehmen, und das heißt:  als geliebte Kinder Gottes, als unsere Nächsten, die wir lieben sollen wie uns selbst. Auch und gerade dann, wenn sie diese Liebe nicht erwidern und über ihre Gegner, wie zum Beispiel Polizeibeamte, in dehumanisierenden Ausdrücken ("Bullen", "Schweine") sprechen und denken. Sorry, liebe Mitchristen: "Wie du mir, so ich dir" und "Die haben's doch nicht besser verdient" gilt bei uns nicht. Keiner hat behauptet, dass das einfach wäre. 

Aber auch das ist noch nicht alles. Wie sich gegen Ende des zitierten Artikelfragments schon andeutet, hatte ich im Laufe meiner Studentenzeit und, in geringerem Maße, auch noch später – vermittelt durch Kommilitonen oder auch durch Gelegenheits-Bekanntschaften - vielfältige Kontakte zu Kreisen, in denen das Erbe der Hausbesetzerbewegung lebendig erhalten wurde: Ich war zu Gast in selbstverwalteten Häusern und in "Volxküchen", besuchte Partys und Konzerte in Bauruinen, auf innerstädtischen Brachflächen und auf Hinterhöfen abbruchreif wirkender Häuser. Ich fühlte mich unter Punks und Autonomen zumeist wohl und auch willkommen, wenngleich es zu einem gewissen Grad stets spürbar blieb, dass ich in dieser Szene letztlich doch nicht zu Hause, sondern eben nur zu Gast war. Diese Erfahrungen sind sicherlich ein Grund dafür, dass Äußerungen über die Besetzerszene für mich in einem anderen Maße und auf andere Weise emotional besetzt ist als für jemanden, für den das nur ein Thema "aus den Medien" ist. Noch deutlicher: Ich habe - nicht, soweit ich weiß, direkt unter den Liebig34-Besetzerinnen, aber in deren weiterem Umfeld - Freunde in dieser Szene; einige davon waren schon meine Freunde, bevor meine "Wiederbekehrung" zum katholischen Glauben manifest wurde; einige sind inzwischen infolge "weltanschaulicher Differenzen" nicht mehr meine Freunde, aber das war nicht meine Entscheidung und ändert nichts an dem, was ich an ihnen gemocht und geschätzt habe. Daher, liebe Freunde und Geschwister im Glauben: Wenn Ihr diese Leute beleidigt, beleidigt Ihr auch mich. Ich verlange nicht, dass Euch das großartig kümmert, aber Ihr sollt es zumindest wissen.

Darauf, was grundsätzlich von Hausbesetzungen zu halten ist und wie sich dies zu dem klaren Bekenntnis der katholischen Soziallehre zum Recht auf Privateigentum verhält, will ich hier nicht groß eingehen; ein paar Andeutungen dazu finden sich schon in einem oder zwei meiner weiter oben verlinkten älteren Blogartikel, aber gleichzeitig denke ich, das Thema verdient es, erheblich weiter  vertieft zu werden, als ich es hier und jetzt so ad hoc leisten kann. Ich denke, dieser Aufgabe werde ich mich widmen, wenn ich Fratelli Tutti - und dann nach Möglichkeit, von da aus sozusagen "rückwärts" vorgehend, auch die wichtigsten Sozialenzykliken früherer Päpste - gelesen haben werde. 

Vorausschicken will ich an dieser Stelle nur eines (womit ich auch nur wiederhole, was ich an anderer Stelle schon geschrieben habe): Im Grundsatz dürfte der Anspruch, sich einem Recht verpflichtet zu wissen, das höher steht als irdische Gesetze, einem Christen eigentlich nicht ganz fremd sein, bei allen unterschiedlichen Auffassungen darüber, worin dieses höhere Recht besteht und was es vom Einzelnen fordert. Auf Facebook attestierte eine befreundete Bloggerin der Hausbesetzerbewegung eine "Selbstgerechtigkeit, mit der man sich über das Gesetz stellt im Dienste inakzeptabler Ideologien". Dies allerdings könnte man, je nach eigenem Standpunkt, gläubigen Christen genausogut vorwerfen (und tut das zuweilen ja auch). Ein augenfälliger Unterschied ist, dass die Hausbesetzer konsequenter für das eintreten, woran sie glauben, und mehr Opfer dafür bringen, als "wir" das in aller Regel tun. Und das halte ich für einen Umstand, den "wir" mit Demut betrachten sollten.