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Montag, 20. November 2023

Ein neuer Priester für St. Willehad

Am vergangenen Wochenende überraschte die Pfarrei St. Willehad in meinem Heimatstädtchen Nordenham die Öffentlichkeit mit einer Neuigkeit, die praktisch gleichzeitig in den Pfarrnachrichten und in beiden lokalen Tageszeitungen publiziert wurde: Ein neuer – zusätzlicher – Priester kommt in die Pfarrei. "Ab sofort", so war es am Freitag in der Online-Ausgabe der Nordwest-Zeitung zu lesen, werde der 56-jährige Michael Kenkel "das Seelsorgeteam verstärken. Bereits an diesem Wochenende wird er sich der Gemeinde vorstellen: am Sonnabend ab 17 Uhr in der Messe in der Herz-Mariä-Kirche in Burhave und am Sonntag ab 10.30 Uhr in der St.-Willehad-Kirche in Nordenham." Pfarrer und Diakon äußern auf der Titelseite der Pfarrnachrichten "Freude und Begeisterung" angesichts der "Nachricht der Abteilung 'Seelsorge Personal' des Bischöflich Münsterschen Offizialates in Vechta, Herrn Dr. Markus Wonka, [...] dass unsere Pfarrei St. Willehad in Nordenham, Butjadingen und Stadland einen weiteren zusätzlichen Priester zugeteilt bekommt". --- 

Eine Frage, die sich hier eigentlich aufdrängen müsste, die aber anscheinend noch niemand gestellt hat, lautet: Warum? Seit 2014, also seit die Pfarrer Erhard Bögershausen und Alfons Kordecki in den Ruhestand entlassen wurden, hat es in der Pfarrei St. Willehad nur einen Priester gegeben – von Juli 2014 bis November 2015 Torsten Jortzick, dann, nachdem dieser durch massives Mobbing zum Amtsverzicht veranlasst wurde, seit Mai 2016 Karl Jasbinschek – und dazu einen Diakon, der zugleich die Aufgaben eines Pastoralreferenten übernimmt. Als Pfarrer Jortzick sein Amt antrat, gab es in der Pfarrei noch fünf Kirchen als regelmäßige Gottesdienststandorte (nicht mitgerechnet die vorrangig für die Urlauberseelsorge in der Tourismussaison bestimmte OASE in Tossens), von denen inzwischen drei geschlossen und profaniert sind; damit nicht genug, ist an den verbleibenden Standorten die Zahl der wöchentlichen Heiligen Messen stark reduziert worden: In der Pfarrkirche in Nordenham gibt es neben der wöchentlichen Sonntagsmesse nur noch dreimal im Monat (!) Werktagsmessen, in der kleinen Filialkirche Herz Mariae Burhave eine wöchentliche Vorabendmesse, donnerstags eine Wort-Gottes-Feier bzw. am ersten und dritten Donnerstag im Monat entweder eine Eucharistiefeier oder einen "besonders gestaltete[n] Gottesdienst", was immer man sich darunter vorstellen mag. That's all, folks. Wenn die Entsendung eines zusätzlichen Priesters nach St. Willehad dazu führen sollte, dass die Zahl der Messen sich wieder erhöht, wäre das selbstverständlich zu begrüßen; dennoch liegt es auf der Hand, dass die Pfarrei St. Willehad nicht deshalb einen zusätzlichen Priester bekommt, weil sie diesen so dringend bräuchte, sondern umgekehrt, weil das Bistum Münster einen Priester "übrig" hat, für den es eine Beschäftigung braucht. 

Aber wie kann das sein? Wo man doch immer so viel über Priestermangel hört? – Nun ja: Wie schlimm es mit dem Priestermangel in den deutschen Diözesen tatsächlich steht, ist eine Frage der Perspektive, aber darauf will ich hier gar nicht näher eingehen; der eigentliche Punkt ist hier ein anderer, nämlich der, dass ein Bistum verpflichtet ist, für den Unterhalt seiner Priester zu sorgen. Wenn also ein Pfarrer seine Pfarrstelle verliert und es nicht angemessen erscheint, ihn gleich in den Ruhestand zu versetzen, muss das Bistum halt zusehen, dass es ihm eine andere Stelle verschafft. Ein bewährtes Vorgehen in diesem Fall ist es, den Priester "zur Aushilfe" in eine Pfarrei (oder auch in eine andere Einrichtung, wie ein Krankenhaus oder ein Seniorenheim) zu entsenden, auch wenn es in dieser eigentlich gerade keine offene Planstelle für einen weiteren Priester gibt. Die kirchenamtliche Bezeichnung für einen solchen Aushilfspriester lautet "Subsidiar". 

Klassische Gründe dafür, vom leitenden Pfarrer an einem Ort zum Subsidiar an einem anderen Ort heruntergestuft zu werden, waren früher z.B. Alkoholismus, psychische Probleme oder auch Verstöße gegen den Zölibat (darauf wird noch zurückzukommen sein); in neuerer Zeit ist der Grund zunehmend der, dass es gegen den betreffenden Priester Ermittlungen wegen Missbrauchsvorwürfen gegeben hat. 

Gemäß den in den letzten Jahren in den deutschen Diözesen flächendeckend eingeführten Richtlinien zur Prävention sexualisierter Gewalt werden Priester, gegen die Missbrauchsvorwürfe erhoben werden, bis zur Klärung dieser Vorwürfe beurlaubt. Auch wenn die Anschuldigungen sich dann als unbegründet herausstellen oder bei der Untersuchung nichts herauskommt, ist der betroffene Priestet dadurch in seiner bisherigen Gemeinde in der Regel "verbrannt", und man muss an einem anderen Ort nach einer neuen Einsatzmöglichkeit für ihn suchen. 

Tatsächlich verhehlt die Pfarrei St. Willehad nicht, dass genau dies auch auf Pfarrer Kenkel zutrifft. Wie es in der NWZ heißt, wurde "im Sinne der Transparenz" ein Pressegespräch anberaumt, in dem über "die Vorgeschichte von Michael Kenkel" informiert wurde. Dabei wurde sowohl mitgeteilt, dass der Geistliche "ein Jahr lang beurlaubt" gewesen ist, sondern auch, was der "Hintergrund" dieser Suspendierung gewesen war, nämlich eben der "Vorwurf des sexuellen Missbrauchs": 

"Eine erwachsene Frau hatte 2009 eine entsprechende Anzeige gegen den Pfarrer erstattet. Wie Michael Kenkel mitteilt, sind diese Vorwürfe sowohl von der Staatsanwaltschaft als auch vom Bistum 2010 untersucht und als nicht zutreffend eingestuft worden. Öffentlich geworden sind sie 2022, was zu einer erneuten Untersuchung durch das Bistum im vergangenen und in diesem Jahr führte. Auch diesmal sei kein sexueller Missbrauch festgestellt worden, so Michael Kenkel, sodass der Bischof von Münster, Felix Genn, alle Dekrete gegenüber dem Pfarrer zurückgenommen hat." 

Nahezu gleichlautend steht's auch in den Pfarrnachrichten; man könnte also den Eindruck haben (und soll es wohl auch), der Fall sei durch und durch unproblematisch. Fragen bleiben aber doch offen. Nehmt's mir nicht zu sehr übel, Nordenhamer, aber: Die Entsendung auf eine Subsidiarsstelle in einer notorisch "schwierigen" Pfarrei am entlegensten Ende des Bistums muss man vielleicht nicht zwingend als Strafversetzung auffassen, aber nach einer vollen Rehabilitierung, einem "Freispruch erster Klasse" sozusagen, sieht es ja nun offenkundig auch nicht aus. Daher habe ich mir den Fall mal etwas genauer angesehen. 

Der in Moers am Niederrhein geborene Michael Kenkel wurde 1994 zum Priester geweiht, war Kaplan in Emsdetten und Vikar in Garrel, bevor er 2004 Pfarrer von St. Peter und Paul in Holdorf (Kreis Vechta) und zugleich Pfarrverwalter der Nachbargemeinde St. Barbara Handorf-Langenberg wurde; aus der Zeit seiner dortigen Tätigkeit stammen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Von 2011-2021 war er Pfarrer in Raesfeld im westmünsterländischen Kreis Borken, 2021/22 dann in Lindern im Kreis Cloppenburg. Am 10. August 2022 wurde er durch Bischof Felix Genn mit sofortiger Wirkung beurlaubt; in einer Pressemitteilung des Bistums Münster vom Folgetag wurde dies damit begründet, dass dem Priester "ein grenzüberschreitendes Verhalten aus dem Jahr 2010 vorgeworfen" werde: "Der Priester hat dies eingeräumt und selber um die Beurlaubung gebeten." Bis zum Abschluss einer kirchenrechtlichen Voruntersuchung wurden "dem Priester alle priesterlichen Tätigkeiten untersagt". Der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, wird in dieser Pressemitteilung mit der Erläuterung zitiert, es habe zu diesem Fall "bereits im Jahr 2010 eine Meldung beim Bistum Münster" gegeben: 

"Seinerzeit gab es auch polizeiliche Ermittlungen, die allerdings eingestellt wurden, weil die betroffene Person volljährig war. Eine kirchenrechtliche Voruntersuchung oder eine Weiterleitung des Falls nach Rom ist 2010 aus diesem Grund nicht erfolgt. Das Vorgehen des Bistums entsprach formal den damaligen Regelungen." 

Eine Veränderung der Lage trat ein, als sich im November 2021 die betroffene Person an die Unabhängige Kommission für Anerkennungszahlungen (UKA) wandte und einen Antrag auf "Leistungen in Anerkennung des Leids" stellte. Ende Mai 2022 entschied die UKA, dass der betroffenen Person eine Anerkennungszahlung  im unteren fünfstelligen Euro-Bereich zustehe – und das Bistum Münster bezahlte diese Summe. "Mit der Entscheidung der UKA und der Zahlung der Anerkennungsleistung wurde anerkannt, dass die betroffene Person Opfer eines grenzüberschreitenden Verhaltens wurde", erläuterte der Interventionsbeauftragte Frings. "Damit haben wir einen anderen Sachstand als 2010." 

Aus einem Bericht des Nachrichtenportals "OM Online" (das "OM" steht für "Oldenburger Münsterland") vom 06.01.2023 geht weiterhin hervor, dass sich "[n]ach der Veröffentlichung des Falls in der Presse [...] eine zweite Person gemeldet" habe, "die ähnliche Vorwürfe gegen den Priester erhebt". Unter Berufung auf Mitteilungen der Bistumsleitung heißt es weiter, "[d]ie folgenden Untersuchungen hätten zwar keine neuen Anhaltspunkte für straf- oder kirchenrechtliche Sanktionen ergeben. Trotzdem hat das Bistum nach eigenen Angaben Erkenntnisse über das Verhalten des Pfarrers gewonnen": "Dieses Verhalten widerspricht in beiden Fällen deutlich den Schutzpflichten eines Seelsorgers in vertraulichen seelsorgerlichen Beziehungen". 

Vor diesem Hintergrund wirkt es einigermaßen irritierend, dass am nächsten Tag auf demselben Portal ein äußerst polemischer Kommentar des Cloppenburger Rechtsanwalts Otto Höffmann erschien, der nicht nur die öffentliche Vorverurteilung des Geistlichen anprangert ("[E]r stand mehr als ein halbes Jahr als Opfer kirchlicher Ermittlungen am Pranger und in der Presse, des Jobs am Altar enthoben, gezwungen, untertänigst um Zwangsurlaub zu bitten, der ihm aus unerschöpflicher bischöflicher Gnade gewährt wurde, geopfert auf dem Altar der kirchlichen Reinwaschung von deren [!] sexuellen Irrungen"), sondern auch behauptet, es sei "allen Beteiligten eigentlich von Anfang an klar" gewesen, "dass nichts dran war an den aktuellen Beschuldigungen".  

Zu diesem Zeitpunkt stand die Zukunft von Kenkels priesterlicher Laufbahn auf der Kippe: Die Gremien der Pfarrei in Lindern hatten gegenüber dem Bistum "mit deutlicher Mehrheit erklärt, nicht mehr vertrauensvoll mit dem Pfarrer zusammenarbeiten zu können", andererseits hatten sich in einer Unterschriftenaktion "mehr als 500 Menschen für den Verbleib Kenkels in Lindern ausgesprochen". Bischof Genn hatte den Pfarrer "mit Nachdruck" zum Amtsverzicht aufgefordert, dieser hatte das zunächst abgelehnt – worauf ihm eine Rückkehr an die Pfarrstelle in Lindern unter einer Reihe von Auflagen gestattet wurde: 

"Demnach darf der Pfarrer 4 Jahre lang keinerlei Einzelkontakt mit jungen Frauen bis zum Alter von 27 Jahren haben, weder im Pfarrhaus noch in sonstigen seelsorglichen Situationen der Gemeinde, wie etwa bei Wallfahrten. Zudem übernimmt der Priester die Hälfte der im Frühjahr 2022 einer Frau zuerkannten fünfstelligen Anerkennungsleistung. Außerdem wird er verpflichtet, weiterhin regelmäßige Beratung in Anspruch zu nehmen. Diese Beratung wird von der Interventionsstelle des Bistums Münster begleitet", 

so berichtete "OM Online" am 6. Januar 2023. Eine Woche später trat Kenkel dann doch von seinem Amt als Pfarrer von Lindern zurück. Ob seine "Bewährungs"-Auflagen damit hinfällig sind, ist zumindest mir nicht ganz klar. 

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Da ich, wie berichtet, erst kürzlich an einer Schulung zur Prävention sexualisierter Gewalt teilgenommen habe, ist mir sehr bewusst, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen "grenzverletzendem Verhalten" und strafrechtlich relevantem Missbrauch gibt. Trotzdem haben wir es hier nicht einfach mit einer Bagatelle zu tun. Der Fall von grenzverletzendem Verhalten, den Pfarrer Kenkel ausdrücklich eingeräumt hat, war immerhin gravierend genug, dass dem Opfer eine Entschädigungszahlung in fünfstelliger Höhe zuerkannt wurde und das Bistum ihm den Verbleib in seiner bisherigen Pfarrei nur unter strengen Auflagen gestatten wollte. 

Man muss somit also feststellen, dass es mit der vermeintlichen Transparenzoffensive der Pfarrei St. Willehad tatsächlich nicht so weit her ist: Während in den Pfarrnachrichten wie auch gegenüber der lokalen Presse der Eindruck erweckt wird, Pfarrer Kenkel habe die Stelle in Nordenham bekommen, weil in Sachen Missbrauch nichts gegen ihn vorliegt, ist es tatsächlich so, dass er die Stelle bekommen hat, weil das, was gegen ihn vorliegt, nicht schwerwiegend genug ist, als dass das Bistum Münster ihm die Weiterbeschäftigung verweigern könnte. 

Was übrigens das gute alte böse alte innerkirchliche Lagerdenken angeht, passt Pfarrer Kenkel augenscheinlich in keine Schublade. Wie aus einem Bericht der Münsteraner Bistumszeitung Kirche + Leben hervorgeht, war Kenkel während seiner Zeit als Pfarrer in Raesfeld wegen seiner Nähe zum Regnum Christi sowie wegen seines Engagements in der Karl-Leisner-Jugend umstritten: Ende 2016 kam sogar der stellvertretende Generalvikar des Bistums nach Raesfeld, um in einer Fragestunde Besorgnisse hinsichtlich einer "Unterwanderung der Seelsorge" durch "rückwärtsgewandt[e]" Gruppierungen mit "traditionalistische[n] Tendenzen" und [...] fundamentalistischen Angeboten" zu zerstreuen. Ob die Gremien von St. Willehad, die sich mit Kenkel "eine Zusammenarbeit gut vorstellen" können (wie es in den Pfarrnachrichten hieß), davon wissen? In der NWZ wird derweil hervorgehoben, dass Kenkel Erfahrung in der "Internet-Seelsorge" habe und "Messen für Motorradfahrer veranstaltet": "Der 56-Jährige fährt selbst eine BMW R 1200 RT und ist damit gerne in Irland unterwegs." Im Übrigen machte "[d]er neue Priester" beim Pressegespräch "kein Geheimnis daraus, eine Beziehung mit einer Frau gehabt und damit gegen das Zölibat verstoßen zu haben". Man muss damit rechnen, dass dieses Bekenntnis in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit eher dazu beiträgt, ihn sympathisch zu machen; nach Reue oder Unrechtsbewusstsein sieht es jedenfalls eher nicht aus. 

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass die NWZ notiert, ob Kenkel "Nachfolger von Karl Jasbinschek (68) wird, wenn dieser 2025 in den Ruhestand geht, sei [...] keineswegs abgemachte Sache"; was darauf schließen lässt, dass eine solche Lösung immerhin im Gespräch ist. 


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Samstag, 18. November 2023

Creative Minority Report Nr. 4

Servus, großgünstiger Leser! Bekanntlich wunderte sich schon Karl Valentin darüber, dass auf der Welt jeden Tag gerade so viel passiert, wie in die Zeitung passt; und so langsam geht es mir mit meinen Wochenbriefings ähnlich: Egal ob in einer Woche viel oder wenig los ist, die Artikel werden immer ungefähr gleich lang. Ehrlich gesagt liegt das natürlich zum Teil daran, dass ich bei Bedarf schon Inhalte aus einer Woche in die nächste verschiebe oder einzelne Rubriken auch mal ganz weglasse. – Auf jeden Fall aber glaube ich behaupten zu dürfen, dass es mir auch diesmal wieder gelungen ist, ein thematisch vielseitiges und gehaltvolles Wochenbriefing vorzulegen, obwohl ich in der zurückliegenden Woche, aus Gründen, nicht so aktiv war wie ich es gern gewesen wäre. Aber mal der Reihe nach...! 

So eine Tüte voll Freude kann man immer gut gebrauchen. Die gab's beim Familientag in St. Stephanus Haselhorst als Geschenk für die teilnehmenden Familien. 

Was bisher geschah 

Eigentlich hätte dies eine ereignisreiche Woche werden sollen; und tatsächlich stand das erste Highlight schon am Sonntag an, nämlich der Familientag in St. Stephanus Haselhorst, von dem weiter unten noch verschiedentlich die Rede sein wird. Der weitere Verlauf der Woche war dann aber zu einem wesentlichen Teil davon geprägt, dass das Tochterkind wegen einer fiesen Magen-Darm-Grippe mehrere Tage nicht zur Schule gehen konnte. Dadurch fielen einige geplante Aktivitäten flach, so z.B. der Messebesuch mit dem Jüngsten am Mittwochmorgen in Heiligensee und der Besuch beim JAM am Mittwochnachmittag; zum ersten Tag des großen Baumhaus-Jubiläumswochenendes, am gestrigen Freitag, schafften wir es ebenfalls nicht. Am Dienstagabend hatte ich eigentlich vorgehabt, mit der ganzen Familie zum "Stammtisch" der Pfarrei St. Mauritius Lichtenberg/Friedrichshain zu gehen; diesen Plan musste ich nun verwerfen, aber meine Liebste meinte, wenn ich allein hinginge, wäre das immer noch besser, als wenn wir gar nicht hingingen. Also machte ich mich auf den Weg – nur um vor Ort festzustellen, dass es offenbar eine Termin-Unstimmigkeit gegeben hatte: Dem Lokal, in dem der Stammtisch hätte stattfinden sollen, lag eine Reservierung für nächsten Dienstag vor, und außer mir fand sich nur ein einziger weiterer Mensch ein, der zum Stammtisch wollte – ein knapp 70jähriger Katholik mit DDR-Biographie, wie ich kurz darauf erfahren sollte. "Trinken wir ein Bier zusammen?", fragte er mich jovial; darauf ging ich gern ein, und er erzählte mir so allerlei aus seinem Leben, was zum größten Teil gar nicht uninteressant war. Aber im Endergebnis war ich dann doch ganz zufrieden damit, nicht mit der ganzen Familie dort angetanzt zu sein. 

Zum Wichtelgruppentreffen am heutigen Vormittag ging ich allein, obwohl ich den Jüngsten gern zum Mitkommen überredet hätte. Näheres zu diesem Treffen weiter unten... Und das war's dann auch schon für diese Woche! 


Was ansteht 

Sollte ich dem St.-Mauritius-Stammtisch am kommenden Dienstag noch eine Chance geben? Ich bin da im Moment eher skeptisch. Aber bevor diese Frage akut wird, geht ja erst mal noch das Baumhaus-Jubiläumswochenende weiter, und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass wir als Familie und/oder auch ich alleine dort noch einige Zeit verbringen werden. Ansonsten steht nichts Besonderes im Terminkalender, aber lassen wir uns mal überraschen – meist kommt's ja doch anders, als man denkt... 



Nachtrag zu St. Martin 

Eigentlich noch in den Berichtszeitraum des vorigen Wochenbriefings hätte es gehört, dass wir am Vorabend des Martinstages zu einer St.-Martins-Feier im benachbarten Ortsteil Hermsdorf gingen. Hermsdorf gehört zusammen mit Frohnau, Waidmannslust, Lübars, Wittenau und dem Märkischen Viertel bereits seit 2017 zur Großpfarrei St. Franziskus Reinickendorf-Nord; die 1933/34 erbaute Kirche Maria Gnaden ist in meinen Augen übrigens ein Beispiel dafür, dass moderne Sakralarchitektur nicht zwingend hässlich oder nichtssagend sein muss, auch wenn insbesondere der Turm mal wieder einen neuen Anstrich oder zumindest eine Behandlung mit dem Hochdruckreiniger vertragen könnte. 

Im Übrigen ist zu erwähnen, dass meine Liebste vor unserer Heirat einige Jahre ganz in der Nähe dieser Kirche gewohnt hat, es aber vermieden hat, dort zur Messe zu gehen, weil die Gemeinde allzu "progressiv" war. Ein Kaplan, der den Versuch unternahm, in der Gemeinde "üblich" gewordene liturgische Missbräuche einzudämmen, wurde regelrecht weggemobbt (St. Willehad lässt grüßen, möchte ich mal hinzufügen). Aus diesem Grund haben wir auch nicht dort geheiratet. Seit Kurzem hat die Gemeinde nun zwar, wie unlängst schon erwähnt, einen neuen Pfarrer, den meine Liebste und ich, als er noch Kaplan in Tegel war, als ausgesprochen konservativ kennengelernt haben (normalerweise verwende ich diese Bezeichnung ja gern in Anführungszeichen, aber auf ihn passt sie), und man wird sehen, ob sich dadurch etwas ändert; allerdings zeigt die Erfahrung, dass die über Jahrzehnte gewachsene Kultur (oder Unkultur) einer Gemeinde stärker ist als der einzelne Pfarrer. Entweder er passt sich an, oder... na ja: Warten wir's ab. 

Die kleine Andacht in der Kirche, die dem Laternenumzug voranging und in die das Martinsspiel der KiTa-Kinder eingebettet war, wurde von einer Gemeindereferentin (in Mantelalbe!) geleitet, die bis vor ein paar Jahren ebenfalls in der Tegeler Pfarrei tätig war und die wir also aus unserer dortigen aktiven Zeit kennen. Unser Eindruck von ihr lautete: persönlich sympathisch und durchaus guten Willens – z.B. hat sie die Idee unseres Büchereiprojekts unterstützt (als Idee, wohlgemerkt) –, allerdings war man sich bei ihr nie ganz sicher, ob ihre Vorstellung vom christlichen Glauben wesentlich über "Gott ist ein Konzept, das uns dabei hilft, gute Menschen zu sein" hinausgeht. Genau diese Frage konnte man sich auch bei dieser St.-Martins-Andacht stellen, aber immerhin stellte die Gemeindereferentin mit den von ihr vorgetragenen Texten sicher, dass in dieser Andacht überhaupt von Gott und von Jesus Christus die Rede war. 

Was das von der zur Kirchengemeinde gehörenden KiTa beigesteuerte Martinsspiel angeht, möchte ich mein Urteil mal so formulieren: Jetzt weiß ich umso mehr zu schätzen, wie vergleichsweise gehaltvoll das Martinsspiel der KiTa St. Joseph Tegel war, von dem ich ein paar Tage zuvor eine Probe miterlebt hatte. Fairerweise muss man sagen, dass die Kinder, die beim Hermsdorfer Martinsspiel mitwirkten, im Schnitt wohl noch ein bis zwei Jahre jünger waren als die in Tegel; ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das eine ausreichende Erklärung oder Entschuldigung für den eklatanten Niveauunterschied ist. Es gab zwar allerlei Soundeffekte und phantasievoll gestaltete Nebenrollen (ein Mädchen spielte Martins Pferd, mindestens zwei weitere Kinder stellten den Wind dar, indem sie mit blauen Tüchern wedelten), aber der von einer KiTa-Erzieherin vorgelesene Text beschränkte sich darauf, die bekannte Szene mit St. Martin und dem Bettler blumig auszuschmücken; eine Szene, in der Martin im Traum Jesus begegnet, gab es hier nicht, stattdessen hieß es lediglich, dass Martin durch die Begegnung mit dem Bettler irgendwie zu dem Schluss kam, er wolle – sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert – "kein Soldat mehr sein, sondern lieber Menschen helfen". 

Für die zahlreichen im Publikum anwesenden Kinder, einschließlich unserer eigenen, war ohnehin der Laternenumzug das eigentliche Highlight der Veranstaltung; umso mehr, als dieser von einer St.-Martin-Darstellerin auf einem echten Pferd angeführt wurde. Der Umzug führte von der Kirche Maria Gnaden auf Umwegen zur gleichnamigen KiTa (auf direktem Wege wäre es nur eine Strecke von 300 Metern gewesen); im Garten der KiTa folgte dann noch etwas "geselliges Beisammensein" mit Kinderpunsch, Würstchen, Blasmusik und einem Lagerfeuer, das zur Sicherheit einigermaßen weiträumig abgesperrt war. Als Leiter einer pfadfinderisch inspirierten Kindergruppe fand ich letzteren Umstand ein bisschen lahm, andererseits aber ehrlich gesagt auch irgendwie beruhigend. Die Geselligkeit litt allerdings etwas unter dem ungemütlichen Wetter und in unserem Fall auch darunter, dass wir niemanden kannten. Ein bisschen hatten wir darauf spekuliert, den Pfarrer zu treffen, aber der ließ sich nicht blicken. Nächstes Jahr schaffen wir es hoffentlich zu einer St.-Martins-Feier in Spandau – falls uns die Vorsehung bis dahin nicht ganz woanders hinverschlagen hat... 


Predigtnotizen (kluge und törichte) 

Zur Sonntagsmesse gingen wir in St. Stephanus Haselhorst, weil dort, wie erwähnt, Familientag war. Es war der 32. Sonntag im Jahreskreis, als Evangelium sah die Leseordnung das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13) vor, und der Pfarrvikar verstand es souverän, diese Perikope zum Thema des Familientags in Beziehung zu setzen; aber ehe ich darauf näher eingehe, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Facebook mich unlängst an die Predigt erinnert hat, die ich vor drei Jahren am 32. Sonntag im Jahreskreis zum selben Evangelium gehört habe. Damals gingen wir gewöhnlich in Herz Jesu Tegel zur Sonntagsmesse, die Predigt hielt der dortige Pfarrer, und sein Ausgangspunkt war die Frage: Warum teilen die klugen Jungfrauen ihr Öl nicht mit den törichten, obwohl das Teilen doch so ein wichtiger christlicher Wert ist? Was mag da wohl die Message sein? Na? Richtig: Es geht darum, wie wichtig Eigenverantwortung ist. Wie zum Beispiel auch beim Klimaschutz und bei der Eindämmung der Covid-19-Pandemie. – Ich möchte betonen: Ich denke mir das nicht aus! Ebenfalls total wichtig war in diesem Zusammenhang die Präsidentschaftswahl in den USA in jenem Jahr: Wie gut es sei, dass Trump abgewählt wurde und jetzt wieder ein verantwortungsbewusster Politiker ans Ruder komme, war ein Aspekt, dem gefühlt die (erste!) Hälfte der Predigt gewidmet war. In Kombination mit der Tatsache, dass derselbe Geistliche einmal anlässlich der Perikope vom reichen Prasser und dem armen Lazarus (Lk 16,19-31) über das Thema Lebensmittelverschwendung predigte, mag diese Erinnerung plausibel machen, weshalb ich unlängst anmerkte, von diesem Priester wolle ich um keinen Preis eine Predigt zum Thema "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" hören... 

Heuer in St. Stephanus gab es zu diesem Evangelium jedenfalls eine völlig andere Predigt. In ihrem ersten Drittel wandte sich der Pfarrvikar an die recht zahlreich erschienenen Erstkommunionkinder und stellte einen Bezug zwischen der Hochzeitsfeier, von der im Evangelium die Rede war, und eben der Erstkommunion her; der Hauptteil der Predigt richtete sich dann an die Erwachsenen und nahm, wie schon erwähnt, auf den Familientag Bezug. "Der Bräutigam Christus ist der, der das Leben neu macht", betonte der Pfarrvikar – und richtete sein Augenmerk sodann auf die Frage: Warum schlafen die zehn Jungfrauen eigentlich? Wenn die Jungfrauen im Gleichnis für uns stehen sollen – und natürlich sollen sie das –, was ist dann mit uns los, dass wir schlafen, während wir eigentlich voll Freude die Ankunft des Bräutigams erwarten sollten? – Dieser Schlaf, so meinte der Pfarrvikar, rühre von der "Routine des Lebens" her. "Man ist normalerweise gewohnt zu funktionieren von Montag bis Freitag, am Samstag ist das große Einkaufen, Wochenend-Wahn und so weiter – kennen Sie alles. Aber heute kommt der Bräutigam, um uns die Freude zu schenken. Verpassen wir es nicht." Das Öl, von dem im Gleichnis die Rede sei, stehe für den Heiligen Geist, "der ein Geist der Freude ist"; alles, was zum äußeren Funktionieren des Familienlebens gehört – "dass das Bankkonto nicht zu sehr im Rot ist, dass der Kühlschrank voll ist, dass die Wohnung sauber ist, dass die Arbeit irgendwie funktioniert" – sei gewissermaßen nur der Krug für das Öl; ohne das Öl der Freude jedoch "bleibt dieser Krug hart und leer". 


Aus meinem Wichtelbuch 

Der Familientag in St. Stephanus war, wenn ich nicht in den zurückliegenden Monaten einen verpasst (d.h. schlicht nicht mitgekriegt) habe, der dritte seiner Art; bei den bisherigen Veranstaltungen dieser Reihe hatte meine Liebste zu den Workshops für Ehepaare allein gehen müssen, da Insbesondere unser Tochterkind sehr nachdrücklich darauf bestanden hatte, dass ich zum Kinderprogramm mitkam. Diesmal kam erschwerend hinzu, dass ich als Leiter der Wichtelgruppe offiziell beim Kinderprogramm involviert war. 

Allerdings hatte ich in der Woche zuvor nicht so richtig Zeit und Muße gehabt, etwas vorzubereiten, und war daher sehr froh gewesen, dass meine Co-Leiterin zugesagt hatte, ein Bastelangebot vorzubereiten. 

Und dann sagte sie kurzfristig ab. 

Da stand ich nun doof da mit nichts in der Hand außer zwei Büchern mit Vorlesegeschichten und meinen begrenzten Gitarrenspiel-Fähigkeiten; und es waren um die zwanzig Kinder da (die meisten allerdings wohl schon über das Wichtelgruppen-Alter hinaus). – Nach der Messe gab es erst einmal ein Brunch-Büffet im Pfarrsaal, und währenddessen führte ich ein Krisengespräch mit dem Gemeindereferenten und ein paar weiteren Mitarbeitern. Wie sich zeigte, war die Krise nicht ganz so groß: Ein paar junge Leute (die, wenn ich es richtig mitbekam, zur Neokatechumenalen Gemeinschaft gehörten) gestalteten ein Bastelangebot im Keller, zusätzlich gab's Bewegungsspiele im Garten (trotz des durchwachsenen Wetters), und die Erstkommunionkinder durften unter Anleitung des Gemeindereferenten das Ministrieren üben. Mir blieb somit nicht viel mehr zu tun, als überall ein bisschen dabei zu sein, Fotos zu machen und die rechtzeitig fertig gewordenen aktualisierten Wichtelgruppen-Flyer unter die Leute zu bringen. 


Wichtel sind überall! 

Diese Kerze hat unser Jüngster gestaltet. Reife Leistung für sein Alter, finde ich. 

Meine Liebste nahm derweil wieder am Erwachsenenprogramm teil, das diesmal – wie sich in der Predigt ja schon abgezeichnet hatte – unter dem Oberthema "Freude" stand. Zum Inhalt kann ich nicht viel sagen, da ich ja nicht dabei war; aber meine Liebste empfand die Teilnahme als sehr bereichernd. 

Ein reguläres Treffen der Wichtelgruppe stand dann am heutigen Vormittag an, und zwar im Pfarrsaal von St. Joseph Siemensstadt; angedacht war es gewesen, bei gutem Wetter in den Siemenspark zu gehen und Blätter zu sammeln, aber mangels Beteiligung verzichteten wir dann doch darauf. Außer mir erschienen nämlich lediglich zwei Teamkolleginnen mit ihren Töchtern zu dem Treffen. Unter "Teambuilding"-Gesichtspunkten würde ich das Treffen aber trotzdem, oder gerade so, als Erfolg bezeichnen; unter anderem berieten wir über die musikalische Gestaltung des Familiengottesdienstes am 1. Advent, und die Kinder bastelten währenddessen Schnecken aus Kastanien und Knete. 

Ist ja auch ein schönes Symbolbild dafür, dass man beim Aufbau einer neuen Gruppe einen langen Atem braucht.

Queer-sensible Pastoral in Tegel 

Noch ein von letzter Woche übrig gebliebenes Thema ist der Tagesordnungspunkt 11 des Protokolls der Pfarreiratssitzung von St. Klara Reinickendorf-Süd vom 7. September, "Seelsorge für queer-sensible Menschen – Synodaler Weg". Da fand ich zunächst einmal schon die Überschrift irritierend. Was soll man sich denn bitte unter "queer-sensiblen Menschen" vorstellen? Sollte nicht vielleicht eher gemeint sein, dass die Seelsorge "queer-sensibel" sein soll? Vielleicht handelt es sich lediglich um einen Patzer des Protokollführers; aber so, wie die Formulierung dasteht, erweckt sie jedenfalls den Eindruck, diese Seelsorge richte sich explizit nicht an Menschen, die sich selbst als queer empfinden und/oder bezeichnen, sondern lediglich an solche, die irgendwie "sensibel" für das Thema sind. Es kann aber natürlich auch sein, dass es tatsächlich so gemeint ist. Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie queer-sensible Pastoral in der Tegeler Pfarrei aussehen könnte, drängt sich mir unwillkürlich die Assoziation "Gay-Pride-Parade in Stars Hollow" auf. Mancher wird sich vielleicht erinnern: In einer Folge der abschließenden "Gilmore Girls"-Staffel "A Year in the Life" wurde das Vorhaben diskutiert, im beschaulichen Städtchen Stars Hollow eine Gay-Pride-Parade abzuhalten; diesem Plan stand allerdings der Umstand im Wege, dass es in der ganzen Stadt nur einen einzigen Homosexuellen gab, weshalb die Idee aufkam, vielleicht könne man, um eine Parade zusammenzubekommen, Homosexuelle aus anderen Orten "ausleihen". – Tja, und so, wie ich die Gemeinde in Tegel kennengelernt habe, würde es mich nicht wundern, wenn das Pastoralteam sich für seine "queer-sensible" Seelsorge auch erst mal queere Menschen aus anderen Gemeinden ausleihen müsste. Vielleicht hat man sich deshalb gedacht, man fängt erst mal mit irgendwie "queer-sensiblen Menschen" an, oder solchen, die es womöglich (und sei es nur, um "mit der Zeit zu gehen") werden wollen. 

Als Ansprechpartner für dieses Thema werden übrigens Pater Mephisto und der Diakon genannt. Das passt ins Bild: Pater Mephisto hatte ja schon vor gut zwei Jahren im Zuge der Namensfindung für die neue Großpfarrei einen Telefonimpuls dazu genutzt, für den Namen "Regenbogen-Pfarrei" zu werben; und was den Diakon angeht, bekommt man so immerhin einen etwas genaueren Eindruck davon, was er gemeint haben könnte, als er neulich beim Pfarrbrief-Krisengespräch davon sprach, "eher nach vorn zu schauen als zurück". – Charakteristisch ist auch, dass der Pfarrer sich bei diesem Thema eher zurückhält: Man kann über ihn sagen was man will, aber ein dezidierter "Progressiver" ist er nicht. Eher würde ich ihn als "moderat aus Wurschtigkeit" bezeichnen: weder in die eine noch in die andere Richtung besonders engagiert, weil es ihm dazu schlicht an Begeisterungsfähigkeit fehlt. Wahrscheinlich ist das ein nicht unwesentlicher Grund dafür, dass ich mit Pater Mephisto besser auskomme: Der hat zwar zum Teil sehr problematische Ansichten, aber von denen ist er wenigstens überzeugt. 


Währenddessen in der Wesermarsch

Gibt es eigentlich was Neues aus der Pfarrei St. Marien in Brake/Unterweser, über die ich neulich hier berichtet habe? – Ja, durchaus, wenn auch (noch) nicht so viel, dass es für einen weiteren eigenständigen Artikel reicht. Daher hier in aller Kürze: Nachdem die lokale Presse am 10. November berichtet hatte, der derzeit beurlaubte Pfarrer Wolfgang Schmitz werde definitiv nicht auf seine Pfarrstelle in Brake zurückkehren, ruderte die Nordwest-Zeitung am 13. November zurück: "Unklarheit in St. Marien – Zukunft von Pfarrer Schmitz bleibt offen"  ist ein Artikel überschrieben, in dem es heißt, es stehe "noch nicht fest, dass Pfarrer Schmitz sein Amt aufgeben wird". Zwar verweist der Artikel auf eine Übereinkunft zwischen Schmitz und dem Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta, "dass Schmitz auf die Pfarrstelle in Brake verzichten wird – sobald Einvernehmen über seinen künftigen Einsatz als Priester erzielt wird"; indes wird Pastoralreferent Thomas Fohrmann mit der Einschätzung zitiert, "aus dem Schreiben" des Offizialats sei "nicht deutlich zu erkennen, dass Pfarrer Wolfgang Schmitz nun definitiv die Pfarrstelle in Brake verlässt. Er sei bislang zwar beurlaubt. Eventuell gebe es aber auch eine Wiedereinsetzung. Es sei schwierig, einen Priester seines Amtes zu entheben. Noch sei einiges möglich". – Inzwischen hat auch die Online-Ausgabe der Münsteraner Bistumszeitung Kirche + Leben über den Fall berichtet. 

Auch nicht unerwähnt lassen will ich, dass mir manche Leser vorgeworfen haben, ich würde mich an einer "Schmutzkampagne" gegen Pfarrer Schmitz beteiligen. Nun ist es mir zwar offen gesagt unverständlich, wie man nach Lage der öffentlich bekannt gewordenen Fakten zum Erbschaftsfall Fastje zu dem Schluss kommen kann, der suspendierte Geistliche sei in dieser Angelegenheit ein unschuldiges Opfer übler Nachrede; aber dass es – anders als es in der Berichterstattung der lokalen Presse scheinen mag – durchaus Leute gibt, die auf der Seite des Pfarrers stehen, ist jedenfalls ein Faktum, dass es zu beachten gilt. Was die Frage nach der Art des Verhältnisses zwischen Pfarrer Schmitz und seiner Haushälterin angeht, hätte ich mich vielleicht etwas vorsichtiger positionieren können oder sollen, aber ich bleibe dabei, dass ich die Art und Weise, wie Pfarrer Schmitz in einem 2021 auf der Website des Bistums Münster erschienenen Artikel über sich und seine Haushälterin spricht, recht auffällig finde. 

Derweil erreicht mich die Mitteilung, dass es auch in der Pfarrei St. Willehad in meinem Heimatstädtchen Nordenham eine Personalie gibt, bei der man damit rechnen kann oder muss, dass kritische Berichterstattung darüber als "Schmutzkampagne" wahrgenommen werden wird. "Zusätzlicher Priester für St. Willehad Nordenham", lautet die Titelschlagzeile der aktuellen Pfarrnachrichten; die Nordwest-Zeitung macht prompt einen "zusätzlichen Pfarrer" daraus, was natürlich Quatsch ist – Pfarrer ist immer nur einer –, aber ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, das Thema verlangt ohnehin nach einem eigenständigen Artikel (mindestens). Der heikle Punkt an dieser Personalie wird auf S. 4 der Pfarrnachrichten angesprochen: Gegen den Priester, der ab dem morgigen Sonntag "das Seelsorgeteam der katholischen Kirche in St. Willehad in Nordenham" verstärkt, "wurden 2022 Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegenüber einer Erwachsenen aus dem Jahr 2009 öffentlich". Diese Vorwürfe seien indes "bereits 2010 sowohl von der Staatsanwaltschaft Oldenburg als auch vom Bistum untersucht und als nichtzutreffend eingestuft" worden; auch bei einer erneuten Untersuchung durch das Bistum in den Jahren 2022/2023 sei kein sexueller Missbrauch festgestellt" worden, "so dass der Bischof von Münster alle Dekrete gegenüber Pfarrer Kenkel zurückgenommen hat". So liest man es auch in der NWZ. Also alles in Butter und kein Problem? Sagen wir so: Mir hat schon eine nur oberflächliche Recherche den Eindruck vermittelt, dass es da ein paar Punkte gibt, die man sich genauer ansehen sollte, und das gedenke ich in naher Zukunft zu tun. 


Aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung

Dem Vorlesestoff fürs Tochterkind wird wohl in sehr absehbarer Zeit wieder ein eigenständiger Artikel zu widmen sein, aber festhalten möchte ich schon mal, dass wir den zweiten Band von Kira Gembris "Ruby Fairygale"-Reihe zu Ende gelesen haben; und nachdem ich im vorigen Wochenbriefing meinen nicht gerade euphorischen ersten Eindruck von diesem Buch skizziert habe, sei verraten, dass mein Urteil über die Qualität des Bandes im weiteren Verlauf der Lektüre stark geschwankt hat. Zuerst hatte ich den Eindruck, dass die ärgerlichen stilistischen Schwächen und die Oberflächlichkeit der Erzählweise noch zunahmen; dann allerdings wurde die Handlung unerwartet spannend, und zwar vor allem dank der phantastischen Elemente, die im ersten Band so schwach ausgeprägt gewesen waren, dass ich sie geradezu als überflüssig empfunden hatte. Zum Ende hin hatte ich dann aber doch wieder den Eindruck, dass die Verknüpfung zwischen den phantastischen und den nicht-phantastischen Handlungselementen recht oberflächlich und keineswegs zwingend geraten sei. Zugleich erzeugte der Schluss jedoch so viel Spannung in Hinblick auf die Frage, "wie's weitergeht", dass es wohl nicht ausbleiben kann, dass wir auch Band 3 lesen müssen. Erst einmal steht aber anderer Lesestoff auf dem Programm. "Bibi und Tina – Der fliegende Sattel" hat sich als besser erwiesen, als ich erwartet hätte; das kriegen wir höchstwahrscheinlich heute Abend durch, und dann mal sehen, was als nächstes drankommt. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Als Paulus, gefangen wegen des Zeugnisses für die Wahrheit, einst in großer Not war, schickten ihm die Brüder Gaben, um ihm in seiner Not und Bedrängnis beizustehen. In der Antwort dankte er ihnen und schrieb: "Ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden: Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. Trotzdem habt ihr recht daran getan, an meiner Bedrängnis teilzunehmen" (Phil 4,11-12.13-14). Er wollte aber nicht zu denen gehören, die für sich selbst und nicht für die Schafe sorgen. 

Die also nicht wie Paulus handeln und sich mit der Arbeit ihrer Hände durchbringen können, mögen für ihren Lebensunterhalt von der Milch der Herde nehmen. Sie sollen den nötigen Unterhalt nehmen, aber auf die Schwachheit der Schafe Rücksicht nehmen. Sie sollen es nicht um ihres persönlichen Vorteils willen verlangen, als verkündigten sie das Evangelium wegen ihrer eigenen Bedrängnis und Not. Vielmehr sollen sie das Licht des wahren Wortes bieten, um die Menschen zu erleuchten. Sie sind ja wie Lampen gemäß dem Schriftwort: "Legt eure Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampen brennen" (Lk 12,35), und: "Man zündet nicht ein Licht an und stellt es unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet es allen, die im Hause sind. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen" (vgl. Mt 5,14-15). Wenn dir ein Licht im Haus angezündet würde, würdest du nicht Öl zugießen, damit es nicht erlischt? Wenn nun aber die Lampe nicht leuchtet, auch wenn sie Öl bekommt, wäre sie nicht wert, auf den Leuchter gestellt zu werden; man sollte sie gleich zerbrechen. Was zum Lebensunterhalt notwendig ist, muss man in der Bedrängnis annehmen und aus Liebe schenken. Das Evangelium ist nicht käuflich, als wäre der Unterhalt für die Verkünder der Preis dafür. Wenn sie es auf diese Weise verkaufen, dann verkaufen sie um einen lächerlichen Preis eine große Sache. Sie sollen den Lebensunterhalt vom Volk bekommen, den Lohn für die Verkündigung aber vom Herrn. 

(Augustinus, Über die Hirten der Kirche)  

 

Ohrwurm der Woche 

New Order: Regret 

Ich muss gestehen: Ich war nahe daran, "Laura non c'è" von Nek alias Filippo Neviani zum Ohrwurm der Woche zu ernennen, denn mit diesem Lied im Kopf bin ich am Mittwoch aufgewacht. Aber dann musste ich an meinen alten Freund Robert denken, der seinerzeit zu sagen pflegte: "Italienische Popmusik? Kann ich mir nicht anhören. Da denke ich immer, ich müsste gleich 'ne Pizza bestellen." – Damit will ich gegen den Herrn Neviani persönlich nichts gesagt haben: Er ist Katholik, erregte beim Sanremo-Festival 1993 Aufsehen mit einem Song mit Pro-Life-Message, und dafür, dass er (wie anscheinend so ziemlich alle italienischen Popstars mit Ausnahme von Zucchero) aussieht wie ein Unterwäsche-Model, kann er ja nichts. (Das erinnert mich übrigens an den Italo-Disco-Star Den Harrow, den es eigentlich gar nicht gab, aber das ist ein Thema für sich; dazu vielleicht ein andermal mehr.) An dem Lied "Laura non c'è" gefällt mir übrigens am besten der Anfang der zweiten Strophe, denn für den nicht der italienischen, dafür aber der deutschen Sprache mächtigen Hörer klingen die Verse "Laura dov'è? Mi manca, sai" wie "Lauter Doofe, niemand gescheit". 

Insgesamt finde ich den Song aber ganz so toll eben doch nicht, und so bin ich auf assoziativem Wege bei einem Song gelandet, der ungefähr aus derselben Zeit stammt und stilistisch halbwegs ähnlich klingt, aber, wie ich finde, deutlich besser ist. Auch wenn ich mir gut vorstellen kann, dass er unter eingefleischten New Order-Fans umstritten sein mag. Denjenigen, die New Order vor allem als 80er-Jahre-Synthi-Pop-Gruppe schätzen, ist "Regret" möglicherweise zu "indie-poppig", und denen, die vor allem der Zeit nachtrauern, als die Band noch Joy Division hieß, zu soft, zu entspannt und harmonisch. Aber mich spricht der Song irgendwie an, und das Video finde ich auch schön. 



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Montag, 13. November 2023

Der seltsame Fall des Hauses Fastje (Teil 1?)

Ich weiß: Eigentlich wird es höchste Zeit, dass ich die Saga um die "eingekerkerte Nonne" fortsetze; und das habe ich auch vor. Nun hat mich allerdings ein befreundeter Nordenhamer Lokalblogger, der mich schon seit Jahren immer mal wieder mit Interna aus meiner alten Heimat versorgt, auf einen Fall aufmerksam gemacht, der einem antiklerikalen Kolportageroman aus dem 19. Jahrhundert in Sachen "Mystery", Intrige und Klischeehaftigkeit nicht viel nachsteht – aber in der Realität spielt, in der Gegenwart und in Brake/Unterweser. 

Die katholische Kirche St. Marien in Brake (Foto: Gerd Fahrenhorst; Quelle und Lizenz hier. Belichtung und Farbe nachbearbeitet von mir.) 

Einen "Nachlass-Streit in St. Marien Brake" meldete am 6.11. die Nordwest-Zeitung: 
"In der katholischen Kirchengemeinde St. Marien Brake rumort es. Denn der sicher geglaubte Nachlass zweier vermögender Wohltäterinnen, die in der Kirchengemeinde fest verankert waren, fällt nun nach deren Ableben nicht etwa der katholischen Gemeinschaft zu. Stattdessen hat die älteste der beiden Schwestern das gemeinsame Haus an der Wilhelmstraße 24 dem katholischen Pfarrer Wolfgang Schmitz und dessen Haushälterin zu gleichen Teilen überschrieben." 
Es wird betont, nach bürgerlichem Recht sei der Vorgang nicht zu beanstanden: "Ein Notar aus Brake hat das wasserdicht gemacht", heißt es. Anders stellt sich der Fall aus kirchenrechtlicher Sicht dar, denn gemäß einer 2019 im kirchlichen Amtsblatt des Bistums Münster veröffentlichten Richtlinie ist es den Priestern der Diözese untersagt, Schenkungen zu ihrem persönlichen Vorteil anzunehmen. Das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta habe Pfarrer Schmitz daher "beurlaubt"; weiter bzw. näher mochte sich die kirchliche Behörde gegenüber der NWZ nicht äußern, "[d]a es sich um ein laufendes Verfahren in einer Personalangelegenheit handelt". 

Kein Blatt vor den Mund nimmt hingegen Pfarrer Schmitz' Amtsvorgänger Gregor Stratmann, der zur Vertretung seines suspendierten Nachfolgers temporär aus dem Ruhestand zurückgeholt worden ist. "Er sei wütend, der Vorgang mache ihn fassungslos", heißt es in dem Pressebericht, und er habe sich "auch in den Predigten während der Gottesdienste" in diesem Sinne geäußert. 
"Auch in der katholischen Kirchengemeinde herrschen Unverständnis und Fassungslosigkeit. [...] In einem Brief ans Bistum drücken die Unterzeichner ihre Verunsicherung darüber aus, wie es in Brake weitergehen soll. Einen gemeinsamen Weg mit Pfarrer Wolfgang Schmitz könne man sich nicht mehr vorstellen, so das Fazit. Die Glaubwürdigkeit habe Schaden genommen." 
Ein ausführlicherer Artikel zum Thema – verfasst von meinem alten Bekannten Detlef Glückselig – erschien tags darauf, also am 7.11., in der Kreiszeitung Wesermarsch. "Erbschaftsstreit in Brake: Schwere Vorwürfe gegen katholischen Pfarrer", lautet die Überschrift dort, und im Text erfährt man Näheres zur Vorgeschichte: 
"Die beiden Schwestern Helga Fastje, Jahrgang 1938, und Margrit Fastje, Jahrgang 1936, waren wohlhabend. Und sie waren äußerst gläubig und der katholischen Kirchengemeinde in Brake eng verbunden. So bedachten sie unter anderem das katholische St.-Bernhard-Hospital in Brake mit einer sehr großzügigen Spende. 
Die Schwestern hatten sich, beide kinderlos, angeblich schon sehr früh entschieden, nach ihrem Tod ihr gesamtes Vermögen St. Marien zu vermachen. So stellt es ein langjähriges Mitglied des Kirchenausschusses dar, das namentlich nicht in Erscheinung treten möchte, der Redaktion aber bekannt ist. Am 8. Dezember vergangenen Jahres verstarb, 'plötzlich und unerwartet', wie das Kirchenausschussmitglied schreibt, Helga Fastje." 

Plötzlich und unerwartet, so so, hm hm. Der geschulte Kolportageroman-Leser fragt sich, was das ungenannte Kirchenausschussmitglied damit andeuten will. 

– Aber mal zurück zum zitierten Artikel: "Ihre Schwester Margit folgte ihr am 28. Mai dieses Jahres." Okay, das ist nun schon etwas auffällig. Kommt aber vor. Gerade bei alten Ehepaaren ist es ein vertrautes Phänomen, dass die Partner kurz hintereinander sterben, weil sie sich so aneinander gewöhnt haben, dass der eine ohne den anderen buchstäblich nicht mehr leben kann. Warum sollte es das also nicht auch bei Geschwisterpaaren geben. 

Halten wir jedenfalls fest: Der Kirchenvorstand ging fest davon aus, dass die Pfarrei St. Marien die Fastje-Schwestern beeerben würde. 

"Doch tatsächlich kam alles ganz anders. Im April dieses Jahres habe Wolfgang Schmitz auf die Frage, was mit dem Erbe der Fastje-Schwestern geschehen werde, nur ausweichend geantwortet. Im August habe er schließlich dem Kirchenausschuss auf dessen Drängen hin mitgeteilt, dass die Kirche leer ausgehen werde. Die Schwestern hätten ihr Haus in der Wilhelmstraße 24 in Brake noch zu Lebzeiten zu gleichen Anteilen ihm, Wolfgang Schmitz, und seiner Haushälterin Anne Therhardt." 

Auf die Rolle, die diese Haushälterin in der ganzen Geschichte spielt, wird wohl noch zurückzukommen sein; derweil konzentriert sich das Interesse der Lokalzeitungen ebenso wie die Empörung der Gemeinde auf die Person des Pfarrers. "[V]iele Mitglieder der Gemeinde und des Kirchenausschusses", so heißt es in der Kreiszeitung, sähen "in dem Vorfall mindestens eine moralische Verfehlung des Pfarrers". Dieser habe "seine Stellung als Pastor missbraucht und es gezielt darauf abgesehen, sich privat zu bereichern", urteilt das ungenannte, aber der Redaktion bekannte Kirchenausschussmitglied. 

Auffällig erscheint es in diesem Zusammenhang auch, dass Schmitz erst seit gut zwei Jahren in Brake ist: Von 1995-2018, fast ein Vierteljahrhundert lang, war Karl-Heinz Vorwerk Pfarrer von St. Marien, dann drei Jahre lang Gregor Stratmann. Im Frühjahr 2021, rund ein halbes Jahr vor Wolfgang Schmitz' feierlicher Antseinführung an der Unterweser, erschien auf der Website des Bistums Münster ein Artikel, dem man einige Eckdaten zu seinem Werdegang entnehmen kann: geboren 1966, Priesterweihe 1997, Kaplansstellen in Kirchhellen und Voerde, erste Pfarrstelle ab 2004 in Rheinberg am Niederrhein, ab 2017 dann Pastor (bzw., wie man anderswo sagen würde, Pfarrvikar) in Ennigerloh im Münsterland; außerdem ist er Gehörlosenseelsorger. – Weiterhin erfährt man in diesem Artikel: "Der neue Pfarrer wird von seiner Haushälterin Anne Terhardt" – hier, anders als in der Kreiszeitung, ohne Th geschrieben; welche Schreibweise die richtige ist, sei mal dahingestellt – "nach Brake begleitet, die bereits mit ihm vom Niederrhein in den Kreis Warendorf gezogen war." – 

Ach guck. Von diesem Typus der Pfarrhaushälterin, die ihrem Dienstherrn treu von einer Pfarrstelle zur anderen folgt, hätte ich eigentlich angenommen, dass er in ein anderes Jahrhundert gehört. Ich kenne ja nun so einige Priester persönlich, im Erzbistum Berlin und auch in anderen Diözesen, und von denen hat kein einziger so eine Haushälterin. Umso interessanter ist es, was der Artikel auf der Bistumsseite so alles über das Verhältnis zwischen Pfarrer Schmitz und seiner Haushälterin verrät. "Wir gehen mit einem traurigen Herzen aus Enniger weg, denn wir fühlen uns hier zu Hause, sind menschlich und geistlich gut aufgehoben", wird Schmitz anlässlich seiner Versetzung zitiert, und weiter heißt es: "Die Vorfreude auf den Umzug in den Norden überwiegt dennoch bei beiden." Wiederum O-Ton Schmitz: "Den Wunsch, in den hohen Norden zu gehen, in eine Gegend, die geprägt ist von Deichen und Gezeiten, tragen wir seit fast 25 Jahren mit uns". 

Wonach sieht das aus, geschätzter und verehrter Leser? Ich würde sagen, es sieht danach aus, dass die Bezeichnung "Haushälterin" hier als Platzhalter für "Lebensgefährtin" eingesetzt wird, weil man "Lebensgefährtin" eben nicht offen sagen darf, aber im Grunde ist es für jedermann offensichtlich, was hier tatsächlich der Fall ist, und es wird auch gar nicht der Versuch unternommen, das zu verbergen, nicht einmal auf der offiziellen Website des Bistums Münster. 

Und jetzt haben die beiden sogar ein gemeinsames Haus an ihrem Sehnsuchtsort. Wie schön für sie. 

Nur eine Pfarrstelle hat Schmitz dort zukünftig wohl nicht mehr: Nachdem die Nordwest-Zeitung ihre Leser noch vorige Woche auf ein "[l]angwieriges Verfahren" einstellte, hat das Offizialat in Vechta letzten Pressemeldungen zufolge den Amtsverzicht des Pfarrers bekanntgegeben. Was zukünftig aus ihm wird, bleibt abzuwarten – und ebenso, wie es mit der Braker Pfarrei weitergeht. In der Kreiszeitung war Ruhestandspfarrer Stratmann mit der Einschätzung zitiert worden, die "große Mehrheit der Gemeindemitglieder sei der Meinung, dass Wolfgang Schmitz nicht ins Amt zurückkehren sollte. Die Minderheit, die den Geistlichen zurückhaben möchte, sei von der Sorge getrieben, dass St. Marien künftig überhaupt keinen Pfarrer mehr hat" – und diese Befürchtung ist wohl kaum ganz aus der Luft gegriffen. 

Es soll indes nicht verschwiegen werden, dass es auch Stimmen gibt, die den Fall ganz anders beurteilen, als er in der Darstellung der Lokalpresse erscheint. In den Leserkommentaren auf der Facebook-Seite der Nordwest-Zeitung überwiegt die Auffassung, die Schwestern würden wohl "ihre Gründe gehabt haben", ihr Haus an den Pfarrer und seine Haushälterin zu überschreiben: Diese hätten sich "rührend um die beiden Damen gekümmert", daher hätten sie es "wohl auch verdient". Überhaupt könne doch jeder Mensch "mit seinem Hab und Gut machen was er möchte" und "sein Eigentum an diejenigen vermachen, die dem Erblasser zu Lebzeiten wichtig waren". "Wenn das ihr Wille war, so soll doch auch die katholische Kirche dieses respektieren." Dafür, dass "so einseitig berichtet wird", werden "Neider" verantwortlich gemacht, und es wird kritisiert, dass der Pfarrer "an den Pranger gestellt" werde: "Sein Ruf ist damit sehr geschädigt worden, obwohl [er] rechtlich nichts falsches getan hat".

Soweit also der derzeitige Stand der Dinge. Ich werde die Sache auf jeden Fall weiterhin im Auge behalten und wäre insbesondere für Kommentare und sachdienliche Hinweise von Lesern aus der Region dankbar...



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Samstag, 11. November 2023

Creative Minority Report Nr. 3

Willkommen zu einem neuen Wochenbriefing, Freunde! Und ich darf gleich mit einer guten Nachricht für diejenigen Leser beginnen, die meinen Blog – oder überhaupt meine Familie und mich – gern finanziell unterstützen möchten: Meine Liebste und ich haben, unter dem bewährten Namen "Mittwochsklub", eine gemeinsame Patreon-Seite erstellt. Gegen einen bescheidenen Beitrag von 5-15 € im Monat gibt's dort allerlei exklusiven Content – z.B. Bilder, kleine Impulse, Glossen und Reflexionen –, und darüber hinaus plane ich, ausgewählte Blogartikel (nicht jedoch die Wochenbriefings und andere Artikel zu "kurzfristig aktuellen" Themen) zukünftig dort zuerst (d.h. bis zu einer Woche früher als hier) zu posten, damit die Abonnenten sich darüber freuen können, sie als erste zu lesen. Und wenn diese Vorzüge der Patreon-Seite euch als Anreiz nicht ausreichen, dann seht es als solidarischen Akt: Jeder, der für die Patreon-Seite zahlt, leistet einen Beitrag dazu, dass dieser Blog für den Rest der Welt kostenlos bleibt! 

Danke für die Aufmerksamkeit; nun aber zu den Neuigkeiten der Woche! 


Was bisher geschah 

Wie im vorigen Wochenbriefing schon erwähnt, stand ich am vergangenen Samstag vor der Wahl, entweder zu einer "Männerkonferenz" mit Pater Paulus Tautz von den Franziskanern der Erneuerung oder mit meinen Kindern aufs Straßenfest in der Gorkistraße zu gehen. Theoretisch wäre ich ja durchaus gern zu beidem gegangen, wenn sich das irgendwie miteinander hätte vereinbaren lassen; aber die Männerkonferenz ging den ganzen Tag, von 9 bis 18 Uhr, und auf dem Gorkistraßenfest gab es eine riesige Piratenschiff-Hüpfburg, ein Karussell, Kinderschminken, Popcorn und Zuckerwatte, alles gratis (bzw. aus dem Werbeetat der Veranstalter finanziert) – da fiel die Wahl letztlich doch nicht schwer. Ganz nett hätte ich es ja gefunden, mich am Abend noch mit einigen Teilnehmern der Männerkonferenz, idealerweise auch Pater Paulus selbst, auf ein Bier (oder so) zu treffen, aber na ja: vielleicht ein andermal. 

Am Sonntag gingen wir wieder in St. Joseph Siemensstadt zur Messe, die von einem mir bzw. uns bisher unbekannten Priester zelebriert wurde – Näheres dazu unter "Predigtnotizen". Und dann fing die Schule wieder an! Der Wiedereinstieg in den Alltag verlief reibungsloser, als man hätte befürchten können; was ich, während die Liebste bei der Arbeit und das Tochterkind in der Schule war, Spannendes mit dem Jüngsten erlebte, wird in der Rubrik "Wenn der Vater mit dem Sohne" geschildert. 

Unter anderem wird da auch ersichtlich werden, was es mit diesem Bild auf sich hat. 

Am Dienstag ging ich mit den Kindern in den Zirkus, nämlich in den "Circus Hopplahopp", der am Kurt-Schumacher-Damm gastierte; ein kleiner, altmodischer Familienzirkus, in dem Zirkusdirektor Sven Rogall und seine zwei Kinder praktisch das gesamte Programm allein bestritten – wer gerade nicht auftrat, machte die Ansagen oder half bei den Umbauten mit. In einem Zirkus dieser Art war ich buchstäblich seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen und war geradezu gerührt, dass es so etwas heutzutage überhaupt noch gibt; am schönsten fand ich aber die ungebremste Begeisterung, die meinen Kindern ins Gesicht geschrieben stand. – Was man auch erwähnen sollte: In seiner Pausenansprache verriet Zirkusdirektor Rogall, da sein Zirkus auch Tiere halte – vor allem Pferde und Hunde, aber auch Kamele, Lamas, Ziegen und Kaninchen –, sei er häufig Anfeindungen seitens radikaler Tierschützer, bis hin zu regelrechten Sabotageakten, ausgesetzt. Dabei, so betonte er, gebe es im Zirkusgewerbe regelmäßige veterinäramtliche Kontrollen, um sixherzustellen, dass es den Tieren gut geht; und gegen sein Unternehmen habe es diesbezüglich noch nie Beanstandungen gegeben. "Zirkus ohne Tiere ist kein Zirkus", erklärte er. "Es ist Varieté, Cabaret, Theater – aber kein Zirkus." 



Am Mittwoch gingen wir zum JAM in der EFG The Rock Christuskirche in Haselhorst, am Donnerstag gab es keine besonderen Vorkommnisse; am Freitag – also gestern – gingen wir in Maria Gnaden Hermsdorf zur St.-Martins-Feier. Der eigentliche Martinstag ist zwar erst heute, aber wie ich vorige Woche schon angekündigt habe, feiert heute eine der engsten Schulfreundinnen des Tochterkindes ihren Geburtstag nach, daher waren wir recht froh über die Gelegenheit, schon am Vorabend zu einer St.-Martins-Feier zu gehen. Über dieses Hermsdorfer Martinsfest gäbe es durchaus einiges zu sagen; aus Zeit- und Platzgründen muss das jedoch bis zur nächsten Ausgabe warten. 


Was ansteht 

Morgen, am 32. Sonntag im Jahreskreis, ist in St. Stephanus Haselhorst Familientag, und wie ich schon vermutet habe, ist die Wichtelgruppe gebeten worden, etwas zum Kinderprogramm beizutragen. – Am Dienstag wollen wir zum "Stammtisch" der Pfarrei St. Mauritius Lichtenberg/Friedrichshain, um Kontakte zu knüpfen und/oder aufzufrischen. Auf der Website der Pfarrei wird dieser Stammtisch als ein Angebot für eine Zielgruppe beschrieben, die zu alt für den Kreis junger Erwachsener, aber zu jung für den Seniorenkreis ist; und das klingt ja recht vielversprechend, zumal meine Liebste und ich vor einigen Jahren recht regelmäßig beim zu dieser Pfarrei gehörenden Kreis junger Erwachsener in St. Antonius Friedrichshain zu Gast waren. – Am Wochenende feiert einerseits das "Baumhaus" sein elfjähriges Bestehen, andererseits ist wieder Wichtelgruppentreffen; man wird sehen, wie sich das unter einen Hut bringen lässt. 


Predigtnotizen 

Wie oben schon erwähnt, stand bei der Sonntagsmesse in Siemensstadt ein Priester am Altar, den wir bisher nicht kannten; in seinen Begrüßungsworten sagte er aber ein paar Sätze zu seiner Person: Er sei seit Anfang des Monats als Krankenhausseelsorger im Vivantes Klinikum Spandau und zugleich auch als Pfarrvikar in der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland tätig. – 

Das Evangelium dieses Sonntags war Mt 23,1-12, die Rede Jesu gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten – eine Perikope, von der man sich unschwer vorstellen kann, dass sie landauf, landab von synodalbewegten Predigern als Vorlage genutzt wird, um gegen die schlimmen, verstockten "Konservativen" in der Kirche zu polemisieren, sie als die Pharisäer und Schriftgelehrten von heute hinzustellen und Klerikalismus, Prunk und Protz anzuprangern. Denkbar wäre andererseits natürlich auch, dezidiert gegen ein solches Verständnis dieser Perikope "anzupredigen". Der neue Krankenhausseelsorger-Schrägstrich-Pfarrvikar zog es hingegen vor, überhaupt nicht über dieses Evangelium zu predigen; es war nämlich nicht nur der 31. Sonntag im Jahreskreis, sondern zugleich der Gedenktag (und 80. Todestag) des Sel. Bernhard Lichtenberg, und das ist im Erzbistum Berlin eine große Sache: Auch die Kollekte an diesem Sonntag war – bistumsweit, wie ich annehme – der Finanzierung des Heiligsprechungsprozesses Bernhard Lichtenbergs gewidmet. Die Predigt, die wir in dieser Messe hörten, war fast eine Viertelstunde lang, und davon entfielen mehr als zehn Minuten auf eine eindrückliche, mit Zitaten aus zeitgenössischen Quellen angereicherte Darstellung der Biographie des Seligen, von den Umständen seines Todes auf dem Weg ins KZ Dachau chronologisch rückwärts vorgehend über seine Haft in Tegel bis zu seinem Eintreten für die Verfolgten des NS-Regimes, das ihm diese Haftstrafe eingebracht hatte. Inhaltlich war das alles mehr oder weniger bekannt – wir haben sogar ein Bilderbuch über Leben und Tod des Sel. Bernhard Lichtenberg zu Hause –, aber der Prediger setzte ein paar durchaus bemerkenswerte Akzente. So hob er hervor, ein Gefängniswärter habe über Lichtenberg geurteilt, dieser habe "den Zug der Zeit verpasst", habe an der modernen Zeit "vorbeigelebt". – "Gott sei Dank", so kommentierte der Prediger dieses Zitat, sei Lichtenberg auf diesen "Zug der Zeit" "nicht mit aufgesprungen". Konnte man hier bereits zwischen den Zeilen heraushören, dass er meinte, eine kritische Distanz zum "Zug der Zeit" sei nicht allein unter der Herrschaft des Nationalsozialismus ratsam und lobenswert gewesen, so wurde er diesbezüglich später noch deutlicher, indem er betonte, auch heute komme es "darauf an, dass wir unser Leben gestalten aus dem Geiste Jesu Christi, egal wer gerade regiert, unabhängig von den politischen Mächten". Gegen Ende der Predigt gab er seinen Zuhörern als "Take-Home-Message" sogar eine praktische Anregung mit: Er verwies auf ein "kleines Gebet", das sich unter der Nummer 7.1 im Gotteslob findet – "Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe" – und empfahl, dieses täglich morgens beim Aufwachen zu beten – "damit wir nicht mit dem falschen Fuß aufstehen". Ich fand, das sei eine ausgezeichnete Idee – muss jedoch zugeben, dass es mir bisher nicht gelungen ist, sie konsequent umzusetzen. Na, ich arbeite daran. 

Wenn ich allerdings im vorigen Wochenbriefing über den neuen Pfarrvikar von St. Klara Reinickendorf-Süd angemerkt habe, er neige anscheinend zu "seibstgestrickten" Zusätzen oder Unformulierungen bei liturgischen Texten und auch sonst zu "gewisse[n] Manierismen [...], die mir für 'liberal' und 'modern' sein wollende Priester typisch zu sein scheinen", dann muss man fairerweise gestehen, dass das für den neuen Pfarrvikar von Heilige Familie tendenziell noch mehr gilt. Ich konnte zwar die Absicht dahinter – nämlich, durch den leitmotivischen Gebrauch von Begriffen wie "Gewissen" und "Orientierung" den Bezug zu den Kernpunkten der Predigt deutlich zu machen – durchaus erkennen und nachvollziehen, aber auch bei noch so guter Absicht wirkt so etwas einfach immer irgendwie "cringe", wie die jungen Leute sagen. Ganz allgemein bin ich der Überzeugung, wenn ein Priester glaubt, er könnte die liturgischen Texte mittels seiner eigenen Kreativität "verbessern", ist das immer ein Irrtum, und er würde nicht nur der Gemeinde, sondern nicht zuletzt auch sich selbst einen Gefallen tun, wenn er sich dazu entschließen könnte, einfach "das Schwarze zu sagen und das Rote zu tun". 


Wenn der Vater mit dem Sohne 

Am Montag, dem Gedenktag des Hl. Leonhard von Limoges, brachte ich zum ersten Mal nach zwei Wochen Ferien das Tochterkind zur Schule, und der Jüngste kam natürlich mit; schon auf dem Weg zur S-Bahn fragte er mich: "Heute Kirche offen?" Damit meinte er offenbar die Kirche in Heiligensee, in der wir vor den Ferien regelmäßig mittwochs in der Werktagsmesse waren; die ist nämlich außerhalb der Gottesdienstzeiten nicht geöffnet, aber man kann wohl kaum von einem zweieinhalbjährigen Steppke erwarten, dass er einen Überblick darüber hat, welcher Wochentag gerade ist. Ich erklärte ihm daher, wenn er in einer Kirche eine Kerze anzünden wolle, könnten wir in eine der tagsüber geöffneten Kirchen in Tegel gehen, und er bestätigte, ja, das wolle er. "Nur eine Kerze anzünden oder auch Beten mit Musik?", hakte ich nach, und der junge Mann entschied: "Auch Musik." Wir steuerten also St. Joseph Tegel an – was sich als bemerkenswerte Fügung erwies: Regelmäßige Leser werden sich vielleicht erinnern, dass wir Ende September am selben Ort eine Probe für den Erntedankgottesdienst der KiTa-Kinder miterlebt haben; und nun ereignete sich praktisch dieselbe Situation noch einmal, nur dass es sich diesmal um eine Probe für eine St.-Martins-Feier handelte. Ich muss sagen: In einem fiktionalen Text würde ich diese Dopplung der Ereignisse – bis hin zu dem Detail, dass die KiTa-Gruppe genau in dem schmalen Zeitfenster zwischen dem Anzünden einer Opferkerze und der Inbetriebnahme der mobilen Lautsprecherbox für die Lobpreisandacht hereinkam – nicht recht glaubwürdig finden; meine einzige Entschuldigung ist, dass es wirklich passiert ist: Truth is mal wieder stranger than fiction. Unter der Leitung von zwei Erzieherinnen probten die Kinder ein Einzugs- und ein Auszugslied sowie ein Singspiel über den heiligen Martin; und ich muss (oder darf) sagen: Ich fand das gar nicht schlecht. Gerade im Vergleich zu dem Martinsspiel im Rahmen der ökumenischen St.-Martins-Feier in Tegel im Jahr 2019, über das ich mich seinerzeit in meiner Serie "Kaffee & Laudes" echauffiert habe: Seinerzeit hatte ich den Text des Martinsspiels schon vorab zu sehen bekommen und festgestellt, dieser vollbringe "das Kunststück, jedweden Bezug zum Christentum konsequent zu eliminieren": 

"Ich konnte es zuerst gar nicht glauben und habe mir das Anspiel daher dreimal durchgelesen, aber es bleibt dabei: Gott, Jesus, christlicher Glaube werden darin mit keinem Wort erwähnt." 

Das war hier nun ganz anders. Auf die klassische Szene mit dem Bettler, dem Martin die Hälfte seines Mantels überlässt, folgt wie in der legendarischen Überlieferung eine Szene, in der Jesus, mit dem halben Mantel bekleidet, Martin im Traum erscheint und ihm erklärt: "Alles, was du anderen Menschen Gutes tust, tust du auch mir." Damit nicht genug, folgt noch eine weitere, ebenfalls der legendarischen Überlieferung entnommene Szene, in der das Volk Martin zum Bischof  ausrufen will und er sich in einem Gänsestall versteckt. Am Ende ist es der immer noch kn den halbierten Mantel gehüllte Jesus-Darsteller, der Martin den Bischofshut aufsetzt. Ich muss schon sagen, ich war ausgesprochen angetan; fast scheint es, die katechetische Arbeit in dieser KiTa sei doch besser, als ich eigentlich anzunehmen geneigt wäre. – Anders als bei der Erntedank-Probe hatte ich diesmal auch nicht den Eindruck, dass die Kinder in übertriebenem Maße gedrillt wurden. 

Da die Probe recht lange dauerte, fragte ich meinen Jüngsten hinterher, ob wir trotzdem noch unsere Lobpreisandacht abhalten sollten; er bejahte das nachdrücklich, und am Ende sagte er aus tiefster Seele: "Das war schön." Das fand ich auch. 

Am Dienstag, dem Gedenktag des Friesenapostels Willibrord, kehrten wir vormittags kurz in der Kapelle von St. Rita ein, spielten ein Lobpreislied und beteten zwei der drei Psalm-Abschnitte aus der Terz, aber dann wollte der Junior weiter – allerdings nicht ohne aus dem Büchertauschregal des Augustinerkonvents das Buch "Das Wunder des Malachias" von Bruce Marshall mitzunehmen. Als wir am frühen Nachmittag an Herz Jesu Tegel vorbeikamen, bestand der Knabe darauf, auch dort wenigstens kurz einzukehren. 

Diese Madonnenfigur mit Rosenkranz stand nur im Oktober vor dem Altar in der Kapelle von St. Rita. Aber immerhin! 

Unter diesen Voraussetzungen stand es praktisch nicht in Frage, dass wir am Mittwoch wieder in Heiligensee zur Messe gingen, nachdem wir in den Ferien damit pausiert hatten. "Ich finde toll Kirche", bekräftigte der Jüngste, als wir uns dorthin auf den Weg machten. – Irgendwie hatte ich die Vorahnung gehabt, der Pfarrer werde die Messe zelebrieren, aber das erwies sich als Irrtum: Tatsächlich war's der Pfarrvikar aus Nigeria. Die Messe war besser besucht als sonst meist, und ich war entzückt, als mein kleiner Sohn freudestrahlend auf einen im Rollstuhl im Mittelgang sitzenden sehr alten Mann (der, wie sich zeigte, bei der anschließenden Kaffeetafel seinen 95. Geburtstag feierte) zulief und ihn begrüßte wie einen alten Bekannten ("Ach, Hallo!").– Insgesamt kann man zwar nicht behaupten, dass der Knabe sich in dieser Messe vorbildlich ruhig und konzentriert verhalten hätte, aber die Gemeinde scheint sich inzwischen an ihn gewöhnt zu haben: Bei der Kaffeetafel saßen wir direkt neben der Frau, die sich vor einigen Wochen bei Pater Mephisto über uns beschwert hatte, und sogar die verhielt sich uns gegenüber ausgesprochen freundlich. Was wohl mal wieder zeigt, dass man Leute nie vorschnell "abschreiben" soll. 


Sonstiges aus Tegel 

Leicht verspätet möchte ich noch auf etwas zurückkommen, wofür in den beiden vorigen Wochenbriefings nicht so richtig Platz war: In der Allerheiligenkirche in Borsigwalde habe ich, als ich unlängst mal auf einem ausgedehnten Solo-Spaziergang dort hineinschneite, das Protokoll der jüngsten Pfarreiratssitzung von St. Klara Reinickendorf-Süd aushängen sehen und kurz überflogen; erst mit einiger Verspätung kam ich auf die Idee, dass man dieses Protokoll eigentlich auch als Download-Datei im Internet finden können müsste, und das erwies sich auch als richtig. Die Sitzung liegt übrigens schon wieder ein Weilchen zurück, sie fand bereits am 7.9. statt. Mein Interesse wurde jedenfalls vorrangig von Tagesordnungspunkt 12, "Neue Gottesdienstordnung", geweckt, denn davon, dass eine solche in Vorbereitung sei, hatte ich schon bei meinen Besuchen in St. Marien Maternitas in Heiligensee vage etwas läuten hören. Aus dem Protokoll geht hervor, dass eine "Arbeitsgruppe [...] einen Vorschlag mit verschiedenen Varianten erstellt" habe; Details zu den einzelnen Varianten verrät das Protokoll nicht, außer dass es dabei u.a. um "eine regelmäßige Implementierung von Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionspendung" gehen soll. Was halten wir davon? Offen gesagt: Nicht viel. Beim Stichwort "Wort-Gottes-Feier mit Kommunionspendung" sehe ich pensionierte Gemeindereferentinnen in Mantelalbe vor mir, die eine Art "Frauenpriestertum light" performen. Womit ich jedoch nicht sagen will, dass ich keine oder signifikant weniger Einwände gegen Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionspendung hätte, wenn sie von männlichen Gottesdienstbeauftragten geleitet würden, ob alt oder jung, mit oder ohne Mantelalbe. Das grundlegende Problem dieser Gottesdienstform ist, dass sie oberflächlich betrachtet fast wie eine Heilige Messe aussieht, nur dass ihr gerade das Entscheidende, das Herzstück sozusagen, fehlt: die Wandlung, oder, um's mit einem aus der Mode gekommenen Begriff zu sagen, das heilige Messopfer. Eher unbedarften Gläubigen wird auf diese Weise leicht der Eindruck vermittelt, es mache ja gar keinen so großen Unterschied, gerade diesen Teil wegzulassen, und schwupps ist man dem Ziel einer Kirche ohne Weihepriestertum und Sakramente ein Stück näher gerückt. – Um's ganz deutlich zu sagen: Unter bestimmten Voraussetzungen kann Kommunionspendung außerhalb der Heiligen Messe legitim und sinnvoll sein; etwa als Krankenkommunion, oder auch wenn Gläubige aus anderen Gründen über einen längeren Zeitraum nicht die Möglichkeit haben, eine Messe mitzufeiern. (Ein solcher Grund könnte durchaus auch Priestermangel sein, aber darauf komme ich gleich noch.) In jedem Fall ist es aber eine Notlösung; eine "regelmäßige Implementierung von Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionspendung" liefe hingegen darauf hinaus, die Ausnahme zum Normalfall zu deklarieren – und das buchstäblich ohne Not. Von Priestermangel kann in einer Pfarrei mit vier Priestern wohl kaum die Rede sein. In Vorpommern, das auch zum Erzbistum Berlin gehört, müssen manche Katholiken bis zu 100 Kilometer mit dem Auto fahren, um in eine Sonntagsmesse zu kommen; von solchen Verhältnissen ist man in Berlin-Reinickendorf weit entfernt. Zur Pfarrei St. Klara gehören sieben Kirchen, und wie mir aus den beiden Sitzungen des Arbeitskreises Liturgie, an denen ich während der "Entwicklungsphase" teilgenommen habe, erinnerlich ist, sah der Pastoralplan vor, an jedem dieser Standorte mindestens eine Sonntagsmesse (einschließlich Vorabendmessen) und mindestens eine Werktagsmesse pro Woche anzubieten. Wenn die Verantwortlichen meinen, dies zukünftig nicht mehr leisten zu können und deshalb eine neue Gottesdienstordnung zu benötigen, dann möchte ich zu bedenken geben, dass die Kirchenstandorte zum Teil so nah beieinander liegen, dass es den ortsansässigen Gläubigen durchaus zugemutet werden kann, mal in eine andere Kirche zu gehen; man könnte also sehr wohl die eine oder andere Messe an dem einen oder anderen Standort streichen, ohne dass ein geistlicher Notstand entstünde. Wenn da nun eingewandt wird, man wolle aber auch an den von solchen Streichungen betroffenen Standorten kirchliches Leben erhalten und darum andere gottesdienstliche Angebote schaffen, dann ist mir das im Grundsatz durchaus sympathisch. Allerdings drängt sich mir da die Frage auf: Was ist denn mit Rosenkranz, Stundengebet, Lobpreis oder den vielfältigen anderen Andachtsformen aus dem Schatz der Kirche, die jeder Gläubige ohne besondere Qualifikation und Beauftragung anleiten kann und darf? Ich habe auch nicht unbedingt etwas gegen "Wort-Gottes-Feiern" – außer eben, dass man dafür eine besondere Beauftragung durch die Diözese benötigt. Den "Stand" der Gottesdienstbeauftragten als unechte Hierarchiestufe zwischen Geistlichen und "normalen" Laien betrachte ich wirklich als ein Übel, als verkappten Klerikalismus. Und wenn die "Wort-Gottes-Feier" dann auch noch mit Kommunionspendung kombiniert wird, muss man sich vollends nicht mehr wundern, wenn diese "Erzlaien" sich so fühlen (und auch von manchen Gemeindemitgliedern so wahrgenommen werden), als wären sie "fast schon Priester". Ob mit oder ohne Mantelalbe, wie gesagt. 

Aber wie dem auch sei: Sehr viel mehr als über den Inhalt der geplanten neuen Gottesdienstordnung verrät das Protokoll über das Prozedere der Beschlussfassung – und das wirft ebenfalls Fragen auf. Zunächst liest man da: "Über die Abgabe eines Votums wird abgestimmt: 3 Ja-Stimmen, 7 Nein-Stimmen, 2 Enthaltungen." Wenn ich das richtig verstehe, ist das nicht das Votum, sondern vielmehr eine Abstimmung darüber, ob der Pfarreirat überhaupt ein Votum abgeben soll – und dies wird mehrheitlich abgelehnt. Aha. Und nun? "Nun sollen die Vorschläge in den Gemeinderäten abgestimmt werden." Na gut. Irritierend wirken dann aber wiederum die beiden letzten Sätze des Abschnitts auf mich: "Auf der Klausurtagung im November wird die neue Gottesdienstordnung vom Pfarreirat beschlossen. Mit der Fastenzeit 2024 wird die neue Gottesdienstordnung umgesetzt." Man beachte: Die neue Gottesdienstordnung wird beschlossen und wird umgesetzt. Es wird offenbar überhaupt nicht in Betracht gezogen, dass die Gemeinderäte sie ablehnen könnten. Das ist zwar vermutlich eine realistische Einschätzung, macht aber gleichzeitig deutlich, dass es als reine Formsache betrachtet wird, sie überhaupt darüber abstimmen zu lassen. Im Grunde ist damit alles gesagt, was man über Gremienarbeit in der katholischen Kirche wissen muss. 

-- Beinahe übersehen hätte ich in diesem Protokoll den Tagesordnungspunkt 11, "Seelsorge für queer-sensible Menschen – Synodaler Weg"; denn der umfasst nur wenige Zeilen. Ihn zu kommentieren, würde jedoch zweifellos mehr als ein paar Zeilen in Anspruch nehmen, daher verschiebe ich das lieber auf die nächste Ausgabe. 


Was ist denn bloß in Brake los? 

Noch ein Thema, auf das ich hier aus Platzgründen nicht umfassend eingehen kann, zu dem ich aber wenigstens einen "Teaser" loswerden möchte. Die Pfarrei St. Marien in Brake/Unterweser, unweit meines Heimatstädtchens Nordenham, wird derzeit von einem handfesten Erbschleichereiskandal erschüttert, der in vielen Details so anmutet, als sei er einem antiklerikalen Kolportageroman aus dem 19. Jahrhundert entsprungen. Soweit es aus den mir bisher vorliegenden Informationen ersichtlich ist, geht es in groben Zügen um folgendes: In Brake sind im Abstand von ein paar Monaten zwei Schwestern gestorben, die als Wohltäterinnen der katholischen Gemeinde galten und von denen daher allgemein erwartet wurde, dass sie ihr gemeinsames Haus der Pfarrei vererben würden. Nun hat sich jedoch herausgestellt, dass die beiden alten Damen das Haus bereits zu Lebzeiten dem örtlichen Pfarrer und seiner Haushälterin (!) überschrieben haben. Nach bürgerlichem Recht scheint die notariell beurkundete Schenkung nicht anfechtbar zu sein; anders stellt sich der Fall aus kirchenrechtlicher Sicht dar, denn gemäß der Richtlinien des Bistums Münster hätte der Pfarrer eine solche Schenkung zu seinem persönlichen Vorteil gar nicht annehmen dürfen. Folgerichtig hat das Offizialat in Vechta ihn erst einmal suspendiert; und in der Gemeinde brennt derweil die Luft. Ich schätze, dieser Fall birgt Stoff für einen eigenständigen Artikel – wenn nicht sogar mehrere... 


Aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung 

"Nächste Woche gibt's wieder mehr zu dieser Rubrik", hatte ich im vorigen Wochenbriefing angekündigt; dieses Versprechen habe ich nun allerdings bereits mit einem eigenständigen Artikel eingelöst. Von den vier frisch aus der Bibliothek ausgeliehenen Büchern, die dort vorgestellt werden, habe ich derweil aber immer noch keines zu lesen angefangen, denn am selben Tag, an dem das Tochterkind und ich mit C. Alexander Londons "Wir werden von Kannibalen zum Essen eingeladen (oder gegrillt)" fertig wurden, holten wir uns den zweiten Teil von "Ruby Fairygale" aus der Bücherei – das war bei unserem letzten Besuch gerade ausgeliehen gewesen, deshalb hatte ich es vorgemerkt. Und ich muss sagen, ich war recht zufrieden damit, dass das Tochterkind auf die Frage hin, was wir denn nun als nächstes lesen sollten, "Ruby Fairygale" den Vorzug vor "Sternenschweif", "Bibi und Tina", "Ella" und "Ostwind" gab. Gleichwohl muss ich gestehen, dass mein Eindruck von den ersten Kapiteln des zweiten "Ruby Fairygale"-Bandes noch um einige Grade zwiespältiger ausfällt als mein Gesamteindruck vom ersten Band. Die Handlung hat zweifellos Potential, aber die Erzählweise erscheint mir oberflächlich und stellenweise geradezu schlampig. Das ist wohlgemerkt nur ein vorläufiges Urteil; ich werde bei späterer Gelegenheit noch ausführlicher darauf zurückkommen. 


Geistlicher Impuls der Woche 

Die ganze Kirche ist in Stufen aufgebaut, und das Ganze des mystischen Leibes besteht aus Gliedern, die unter sich verschieden sind. Dennoch sind wir, wie der Apostel sagt, "einer in Christus Jesus" (Gal 3,28). So sehr ist keiner durch das heilige Amt vom andern getrennt, dass sein bescheidener Teil keinen Zusammenhang mit dem Haupt mehr hätte. In der Einheit des Glaubens und der Taufe besitzen wir eine ungeteilte Gemeinschaft und eine gemeinsame Würde, die die Stimme des seligen Apostels Petrus erklärt: "Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen", und weiter "Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde" (1 Petr 2,5.9). Alle, die in Christus wiedergeboren sind, macht das Zeichen des Kreuzes zu Königen und weiht die Salbung des Heiligen Geistes zu Priestern. So sollen geisterfüllte und vernünftige Christen erkennen, dass sie ungeachtet unseres besonderen Dienstes ein königliches Geschlecht sind und Anteil am priesterlichen Amt besitzen. Denn was ist so königlich, wie wenn der Gott untergebene Geist Beherrscher seines Leibes ist? Und was ist so priesterlich, wie wenn wir Gott ein reines Gewissen weihen und auf dem Altar unseres Herzens unbefleckte Gaben der Frömmigkeit darbringen? Das ist durch die Gnade Gottes allen gemeinsam. 

(Leo der Große, Die Kirche als mystischer Leib Christi) 


Ohrwurm der Woche 

Norah Jones: Sunrise 

Zur Abwechslung mal wieder ein Ohrwurm ohne programmatische Hintergedanken – einer, der mir schlichtweg "zugeflogen" ist, in diesem Fall im Café Familia in Siemensstadt, wo wir am Sonntag nach der Messe frühstücken waren. Sehr netter Laden mit Kinderspielecke, das Frühstück war lecker, reichlich und nicht zu teuer und die Bedienung außerordentlich freundlich. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls lief da dieses Lied und versetzte mich prompt zurück in die Zeit vor rund 20 Jahren, als diese Art von smoothem Jazz-Pop (oder wie ich damals sagte: "Gute Musik, um dabei Milchkaffee zu trinken") der absolute Hype war. Ausgelöst wurde diese Welle vermutlich durch Robbie Williams' Album "Swing When You're Winning", und dafür wollen wir dem einstigen Teenie-Idol dann auch brav Dankeschön sagen, denn dadurch verhalf er neben Norah Jones z.B. auch Katie Melua und Jamie Cullum zum Durchbruch, mittelbar wahrscheinlich auch Leuten wie Jason Mraz, Jack Johnson oder Bruno Mars – und im deutschen Sprachraum Roger Cicero, Stefan Gwildis und natürlich Annett Louisan, wobei ich letztere schon damals eher doof fand. Was jedenfalls Norah Jones angeht – deren Vater übrigens der Sitar-Großmeister Ravi Shankar war, der seinerzeit die Hippie-Generation auf den Indien-Trip brachte –, so sagt mir meine Erinnerung, dass ihr Debütalbum "Come Away With Me" mitsamt der Single "Don't Know Why" seinerzeit (2002) als absolute Sensation wahrgenommen wurde, wohingegen zwei Jahre später die Jazz-Pop-Welle schon so sehr Mainstream geworden war, dass ihr nächstes Album mit der Single "Sunrise" kein sonderlich großes Aufsehen mehr erregte. Kommerziell war "Sunrise" indes erfolgreicher als "Don't Know Why", und für die jeweiligen Alben, auf denen diese Songs erschienen, gilt dasselbe; aber wahrscheinlich ist das überhaupt kein Widerspruch. Wie dem auch sei, ich mag den Song; und da ich hier gerade Jamie Cullum erwähnte, fällt mir ein, dass ich dessen aus derselben Zeit stammendes Album "Twentysomething" wohl auch mal in dieser Rubrik würdigen sollte.