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Mittwoch, 10. April 2019

Von #ParentHacks zu #ParishHacks: Nur mal so ne Idee

Wer regelmäßig meine Wochenvorschauen unter dem Motto "Kaffee & Laudes" liest, wird wissen, dass ich kürzlich zum wiederholten Male das Buch "Life Hacks für Eltern" von Asha Dornfest gelesen habe, das meine Liebste während ihrer (ersten) Schwangerschaft von meiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Worum es in dem Buch geht, beschreibt die Autorin im Vorwort wie folgt: 
"Ein Life Hack ist eine kreative, unverhoffte Lösung für ein Problem, das im Zusammenhang mit deinem Baby oder Kleinkind aufgekommen ist. Es ist ein cleveres Work-around, eine inspirierte Fehlerumgehung, ein Klebeband-und-Kaugummi-Trick, der das Spiel drastisch verändert." (S. 8)
Erstaunlich viele der 134 "Hacks" in diesem Buch drehen sich um die Zweckentfremdung von Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs. Das Prinzip lautet: Kauf nicht teure Spezialprodukte, die nur für exakt einen Zweck zu gebrauchen sind, wenn Produkt X, das du sowieso im Haushalt hast, diesen Zweck (und noch zahlreiche andere) genauso gut erfüllt. Was, du hast Produkt X nicht sowieso im Haushalt? Kauf es dir. Sofort. Leg am besten einen nicht zu kleinen Vorrat davon an, denn du wirst es öfter (und zu mehr verschiedenen Zwecken) brauchen, als du es dir träumen lässt. 

Maler-Kreppband zum Beispiel. 
Überhaupt: Vorratshaltung. Was man in einem Haushalt mit kleinen Kindern immer in ausreichender Menge vorrätig haben sollte, ist ein weiteres großes Thema des Buches. Und dann natürlich Zeit- und Raummanagement. Kleine Tipps und Tricks, wie man mit den wertvollen, stets knappen Ressourcen Zeit und Raum möglichst effizient umgeht, ohne den Verstand zu verlieren. 

Aus dem Vorwort erfährt man auch, dass das Buch aus einem Blog der Autorin namens ParentHacks.com hervorgegangen ist:
"Im Jahr 2005 stellte ich ParentHacks.com ins Netz. Mein Gedanke dabei war, dass ein Blog zu mehr gut ist als nur zum Geschichtenerzählen: nämlich dazu, mit anderen Eltern Ideen und Tricks auszutauschen. Ich hoffte, dass, wenn möglichst viele von uns ihre Entdeckungen beisteuern, wir voneinander lernen können. Der Moment einer genialen Lösungsfindung eines Vaters oder einer Mutter würde anderen Eltern in einem Moment der Krise helfen." (S. 10f.) 
Es handelt sich also durchweg um praxiserprobte, nicht selten durch Improvisation entstandene Alltagstricks, und ihr gemeinsamer Nenner bei aller sonstigen Verschiedenheit ist, dass sie schnell, einfach, ohne besondere Voraussetzungen und ohne viel Geld realisierbar sein müssen. Ich kann sagen, dass meine Liebste und ich in unserer Eigenschaft als Eltern schon von einigen Tipps in diesem Buch erheblich profitiert haben, aber als ich es neulich noch einmal von vorn zu lesen begann, kam mir ein ganz anderer Gedanke, nämlich:

So etwas bräuchte man auch für Pfarrgemeinden.

Das muss ich jetzt wohl erklären. 

Bei einem Buchvorstellungs-Vortrag zur Benedikt-Option in Nordenham im letzten Sommer habe ich recht spontan geäußert, wenn man mich fragen würde, was in durchschnittlichen Kirchengemeinden hierzulande so alles falsch gemacht werde, würde ich lieber darüber sprechen, was in durchschnittlichen Kirchengemeinden hierzulande richtig gemacht werde; nicht nur, weil es immer gut ist, sein Augenmerk auf das Positive zu richten, sondern auch und vor allem, weil ich damit schneller fertig wäre -- da gebe es nämlich nicht sonderlich viel zu sagen. Die Aussage war natürlich etwas frech, aber ich stehe dazu, dass sie einen wahren Kern hat. Allzu viele Pfarrgemeinden, die ich kennengelernt habe, warten im Grunde nur noch auf den Tod. Andere vergeuden ihre Energie in hilflosem und letztlich kontraproduktivem Aktionismus. Und was an angeblich erfolgversprechenden Gemeindeerneuerungs-Konzepten über den Großen Teich geschwappt kommt, hat, so jedenfalls mein Eindruck, überwiegend mit Hochglanzästhetik, Top-Down-Management und viel Geld zu tun. Und mal ganz abgesehen davon, dass mir vor der Vision einer hippen Besserverdienenden-Kirche tendenziell noch mehr graut als vor dem vielfach tristen Ist-Zustand, muss man auch einfach mal ganz nüchtern konstatieren, dass die ohnehin in ihrem Bestand bedrohte "klassische Pfarrei" als Kirche vor Ort mit solchen Konzepten nicht zu retten ist.

Meine Überzeugung ist, dass Kirchengemeinden, wenn sie überlebensfähig sein wollen, in der Lage sein müssen, sich von innen heraus zu erneuern. Mit "Bordmitteln", so zu sagen. Also indem sie die Ressourcen entdecken, die ungenutzt in ihnen schlummern oder falsch eingesetzt und dadurch "verheizt" werden, und lernen, kreativ mit ihnen umzugehen. Der Postkartenspruch "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern" mag klebrig-kitschig klingen, aber er bringt das Prinzip "Graswurzelrevolution" eigentlich ziemlich gut auf den Punkt. 

Natürlich ist das nicht leicht. Gerade in Pfarrgemeinden, in denen man gegen die schiere Massenträgheit des "Das haben wir schon immer so gemacht" ankämpfen muss. Wo alles Neue erst einmal als Störung wahrgenommen wird. Aber wir haben keine Wahl. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und womöglich auch unsere Enkel noch eine Kirche vor Ort erleben, dann müssen wir jetzt etwas tun. 

Nun haben meine Liebste und ich in den zurückliegenden gut zwei Jahren in unserer Wohnortpfarrei ja schon so allerlei auf die Beine gestellt, teils mit, teils ohne Unterstützung anderer Gemeindemitglieder. Neben der Mit-Organisation eines Nightfever Specials im September 2018 und gelegentlicher Gestaltung von Andachten wären da vor allem zu erwähnen: 
  • "Dinner mit Gott" (monatlich, seit März 2017) 
  • regelmäßige Lobpreis-Andachten mit Fürbitten in Anliegen der Gemeinde (wöchentlich, offiziell seit Oktober 2018) 
  • Offener Büchertreff (monatlich, seit März 2019) 
Und die nächste Veranstaltungsreihe steht auch bereits in den Startlöchern: 
  • Krabbel-Brunch (monatlich, ab Mai 2019). 
Dass wir das überhaupt alles gestemmt bekommen, hat natürlich sehr viel mit einem Faible für unkonventionelle Organisationsmethoden zu tun, aber selbst so ist es wohl halbwegs verständlich, dass wir gelegentlich an die Grenzen unserer Belastbarkeit stoßen. Was schade ist, denn Ideen für weitere Aktivitäten hätten wir noch reichlich. Ein paar Leitgedanken habe ich vor gut einem Jahr hier skizziert, und seitdem sind durchaus noch weitere Ideen hinzugekommen. Aber wir können eben nicht alles allein stemmen, und selbst wenn wir es könnten, wäre es im Grunde nicht Sinn der Sache. Was uns also fehlt, sind (für den Anfang) drei bis fünf Leute, die genauso verrückt sind wie wir; Leute mit Zeit, Energie und der Fähigkeit und Bereitschaft, "außerhalb der Box zu denken". Wobei der letztere Punkt wohl besonders wichtig ist. Es braucht nicht einfach nur Leute, die irgendwie "mitmachen" - wobei natürlich auch die schon sehr hilfreich sein können -, sondern vor allem Leute mit eigenen Ideen. Und zwar nicht nur Ideen dazu, was man noch so alles veranstalten könnte, sondern auch und vor allem, wie man auf eine unkonventionelle Weise an die Dinge herangeht. 

Kurz gesagt, wir - und damit meine ich in diesem Fall nicht nur meine Liebste und mich, sondern alle, denen es ein Anliegen ist, der Kirche vor Ort neues Leben einzuhauchen - brauchen Life Hacks für die Pfarrgemeinde. #ParishHacks eben. 

Ich stelle mir gern vor, dass ein gewisser, vielleicht sogar ein überdurchschnittlich großer Anteil der Leser meines Blogs in irgendeiner Form in seiner jeweiligen Pfarrgemeinde aktiv ist, und ein anderer Teil wäre es vielleicht gern, wenn er nur wüsste wie. Wir können uns gegenseitig helfen! Ob es um den Küsterdienst in der Heiligen Messe geht oder um die Organisation eines Büffets fürs Pfarrfest, um Erstkommunion- oder Firmunterricht, Ministrantenausbildung, eine weniger zeitraubende und weniger frustrierende Strukturierung von Gremiensitzungen oder oder oder: So ziemlich jeder, der in einem oder mehreren dieser Bereiche über eine gewisse Erfahrung verfügt, hatte mit Sicherheit schon mal den einen oder anderen Geistesblitz, wie man die Dinge mit einfachen Mitteln entscheidend verbessern kann. Jeder hat irgendwann einmal eine geniale Idee, die vor ihm noch kein anderer hatte. Sorgen wir dafür, dass diese Ideen nicht ungenutzt in Vergessenheit geraten! Lernen wir voneinander! 


Ich freue mich auf Kommentare.



Dienstag, 9. April 2019

Essen wie Gott es schuf

Neulich habe ich einen Apfelkuchen gebacken, und beim Einkaufen der Zutaten habe ich mich dabei ertappt, erstmals - soweit ich mich erinnern kann - bewusst auf die Herkunft der Äpfel zu achten und gezielt Äpfel aus Deutschland zu kaufen statt solcher aus Spanien oder Italien. Sogleich meldete sich mein habitueller Sarkasmus zu Wort und warf die Frage auf, ob es nicht ganz schön "rechts" sei, Äpfel nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Haben spanische und italienische Äpfel nicht dasselbe Recht, in einem deutschen Kuchen verbacken zu werden, wie deutsche Äpfel? Keine Pflanze ist illegal! -- Aber mal im Ernst: Mir ist durchaus klar, dass die Lebensmitteleinkaufs-Maxime "regional und saisonal" in der Regel nichts mit Nationalismus zu tun hat, sondern mit der Vermeidung unnötiger und umweltschädlicher Transportwege. Das Fünkchen Ernst in der Witzelei darüber, ob "regional und saisonal" nicht irgendwie "rechts" sei, besteht indes darin, dass mir die gängige Verortung ökologischen Bewusstseins im politisch-ideologischen Spektrum prinzipiell fragwürdig erscheint. Wenn man mal in die Zeit des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik zurückgeht, findet man Vorstufen dessen, was heute Umwelt- und Naturschutz heißt, zu einem bedeutenden Teil in der sogenannten Heimatschutzbewegung, die sich selbst zwar als "unpolitisch" verstand oder bezeichnete, aber allerlei völkisch-reaktionäre Tendenzen aufwies. Noch in der Gründungsphase der Partei "Die Grünen" waren zeitgenössische Beobachter sich keinesfalls sicher, ob das eine linke oder eine rechte Partei werden würde; allerdings wurde der rechte Flügel dann recht bald konsequent aus der Partei hinausgedrängt. Seither gelten "Öko-Themen" weitestgehend als Domäne der Linken; und das in einem solchen Maße, dass es vielfach den Anschein hat, in bürgerlich-konservativen Kreisen gehöre es geradezu zum guten Ton, auf alles, was mit Umweltschutz zu tun hat, mit Augenrollen oder Spott zu reagieren. Dabei sollte man doch eigentlich annehmen, Themen wie Landschaftsschutz, Erhaltung bedrohter Tier- und Pflanzenarten und der Schutz von Wasser, Luft und Boden vor Verschmutzung, ja Vergiftung seien im besten Sinne des Wortes konservative Anliegen. Letzten Sommer habe ich in der Tagespost etwas darüber geschrieben, und kürzlich war ich äußerst erfreut, festzustellen, dass mein Freund Rod Dreher sich in seinem erstmals 2006, als aktualisierend überarbeitete Taschenbuchausgabe 2010 erschienenen Buch "Crunchy Cons" ausführlich diesem Thema widmet. 

Bereits das einleitende Kapitel "What are Crunchy Conservatives?" beginnt mit einer bezeichnenden Anekdote aus der Zeit, als Rod mit seiner Frau und seinem ersten Kind in New York lebte und für den National Review, das journalistische Flaggschiff des ideologischen Konservatismus in den USA, arbeitete. Eines Tages, so berichtet er, erklärte er seiner Redakteurin, er müsse ausnahmsweise mal früher Feierabend machen, um die wöchentliche Lieferung Bio-Obst und -Gemüse von einer lokalen Food Coop abzuholen. Die Redakteurin reagierte mit einer Mischung aus Spott und Befremden: So etwas, meinte sie, sei doch nur etwas für Linke. Nach diesem Einstieg kommt Rod in demselben anekdotischen Plauderton auf das Thema Homeschooling, auf die Kirchengemeinde, in der seine junge Familie in New York zum Gottesdienst ging, und auf Natürliche Familienplanung (NFP) zu sprechen; aber dem Thema Ernährung und Landwirtschaft ist ein ganzes Kapitel gewidmet, und wie ich kürzlich schon angedeutet habe, zeigen sich da durchaus thematische Überschneidungen zu einzelnen Beiträgen des Werkhefts "Gut genährt?!" der Katholischen Landjugendbewegung Bayern, mit dem ich mich hier unlängst befasst habe. Wobei ich behaupten möchte, dass Rod dem Thema eine erheblich größere Tiefe abgewinnt; ganz besonders auch den religiösen Bezügen des Themas, von denen ich fand, dass sie in der KLJB-Broschüre (jedenfalls gemessen daran, dass sie von einem katholischen Verband herausgegeben wurde) etwas kurz kamen. Das kurz und schlicht "Food" betitelte dritte Kapitel von "Crunchy Cons" ist 38 Seiten lang und spricht eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte des Themas an, aber ich will hier mal versuchen, einige wenige Leitgedanken herauszugreifen: 



I. Mit "Slow Food” gegen die "McDonaldisierung" 

Über einen Beitrag im KLJB-Werkheft, der die "Slow Food"-Bewegung vorstellt, schrieb ich, dieser wirke besonders dadurch sympathisch, dass er das Anliegen dieser Initiative - "sehr im Unterschied zu der angestrengten Miesepetrigkeit, durch die manche anderen Initiativen für politisch korrekte Ernährung sich auszeichnen - als betont genussorientiert"  beschreibe. Freund Rod sieht es ähnlich: "Nichts ist ermüdender und geisttötender als der Versuch, das alltägliche Leben zu ideologisieren", schreibt er (S. 61) -- und führt "Slow Food" als positiven Gegenentwurf zu einem freudlos-verbissenen Zugang zum Thema politisch bzw. ökologisch korrekte Ernährung an: "Als ich von der Slow Food-Bewegung erfuhr, begriff ich, dass es zutiefst konservative Gründe gibt, Essen und Esskultur ernst zu nehmen" (S. 63). Dabei verrät er auch - was aus dem KLJB-Werkheft nicht hervorging -, dass diese Bewegung von italienischen Kommunisten gegründet wurde, und merkt dazu augenzwinkernd an, dieser Umstand zeige zweierlei: einerseits, dass "nicht einmal der verdrießliche Dogmatismus des Kommunismus die Sinnlichkeit in der italienischen Seele ersticken kann", aber andererseits auch, dass eine "Crunchy Con"-Gesinnung zuweilen "recht exotische Bettgenossen" mit sich bringe (ebd.). 

Tatsächlich rührte der Anstoß zur Gründung der Initiative Slow Food in den 1980er-Jahren von der Erkenntnis her, dass die Industrialisierung und Globalisierung von Lebensmittelproduktion und -handel nicht nur traditionellen Landwirtschaftsbetrieben die Existenzgrundlage entzieht, sondern auch eine regional verwurzelte kulinarische Kultur und somit letztlich eine ganze angestammte Lebensart bedroht. "Wenn lokale Spezialitäten und lokale Essgewohnheiten der McDonaldisierung zum Opfer fallen, dann geht etwas Bedeutendes verloren", kommentiert Rod Dreher (S. 64). Die Strategie von Slow Food, auf diese Bedrohung zu reagieren, besteht nun schlichtweg darin, ein Bewusstsein für den Wert kulinarischer Traditionen zu wecken, und das heißt ganz wesentlich: ein Bewusstsein für den Wert einfacher, traditioneller Speisen regionaler Herkunft und guter Qualität und für den Wert altmodischer Geselligkeit. "Die Slow Food-Mentalität zeigt, dass man zutiefst konservativ in Hinblick auf lebensspendende Traditionen und zugleich ausgesprochen empfänglich für den sinnlichen Genuss guten Essens sein kann", betont Rod (S. 87) -- und zitiert den Gastrojournalisten Corby Kummer mit der Feststellung, die Slow Food-Bewegung sei deshalb so populär, weil sie darauf ausgerichtet sei, "zu feiern und zu bewahren statt zu kritisieren und zu bekämpfen." (S. 86) Das scheint mir ein richtungsweisender Gedanke zu sein.



II. Kochen und gemeinsames Essen als Kulturgut 

Übrigens muss ich gestehen, dass ich beim Stichwort "Erhaltung traditioneller, regional verwurzelter Esskultur" spontan ein kleines, gemütliches, familienbetriebenes Restaurant mit karierten Tischdecken vor meinem geistigen Auge sehe. Möglicherweise rührt diese Assoziation daher, dass die Slow Food-Begründer aus Italien stammen. Aber eigentlich wäre der Ort, an den man in diesem Zusammenhang in erster Linie denken sollte, das eigene Zuhause. "Kultur beginnt in der Küche, nicht im Opernhaus", wird in "Crunchy Cons" die Ernährungsberaterin Kathy O'Brien zitiert (S. 82). 

Freilich erwähnt Rod auch, dass weder er noch seine Frau - ebensowenig wie viele andere Angehörige seiner Generation - in ihrer Kindheit oder Jugend Kochen gelernt haben. Ich übrigens auch nicht, oder höchstens sehr rudimentär. Der Grund dafür - so meint Rod - ist schlicht und einfach der, dass die Generation unserer Eltern darauf konditioniert wurde, Hauswirtschaft und Nahrungszubereitung nicht mehr als wertvolle Fertigkeiten zu betrachten, die es an die Kinder weiterzugeben gelte. Insbesondere Frauen aus der Arbeiterklasse wurden seit den 1950er-Jahren mit einer "Besser leben durch Chemie"-Propaganda bombardiert, die ihnen einredete, "traditionelles Kochen sei eine Plackerei und industriell gefertigte Nahrung ein Statussymbol" (S. 57). 

Und warum? Nun, ich gebe zu, ich habe manchmal schon selbst den Eindruck, dass Konsumkritik zumindest oberflächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Verschwörungsdenken hat, aber sagen wir ruhig trotzdem: Es gab handfeste wirtschaftliche Gründe dafür, den Hausfrauen das Kochen abzugewöhnen. "Das Gebot des Komforts, der Bequemlichkeit und der Erschwinglichkeit - mit anderen Worten: Effizienz über alles - hat eine enorme, und enorm lukrative, amerikanische Nahrungsmittelindustrie geschaffen. Und so leben wir heute unser kulinarisches Leben: schnell, billig und unkontrolliert." (S. 59) Was bei dieser Industrialisierung des Ernährungswesens jedoch vergessen wurde, ist, dass "Essen nicht nur den Körper ernährt; Essen - und auch die Rituale, die mit seiner Zubereitung einhergehen - nährt auch etwas in der menschlichen Seele." (ebd.) 

Folgerichtig fehlt der menschlichen Seele etwas, wenn das Essen auf die bloße Funktion der Nahrungsaufnahme reduziert und schnell und schlampig nebenbei erledigt wird. Erinnern wir uns, dass auch die erste stellvertretende Landesbäuerin Bayerns, Christine Singer, sich veranlasst gesehen hat, in einem Beitrag für das KLJB-Werkheft für das hohe Gut des gemeinsamen Essens zu werben. 

Rod Dreher tut dies, wie es seine Art ist, noch deutlich eindringlicher und mit mehr Pathos: 
"Wenn wir dem gemeinsamen Abendessen im Kreis der Familie die höchste Priorität unter allem einräumten, was die Familie den ganzem Tag lang tut, [...] dann könnten wir unserem Zuhause eine Atmosphäre der Ordnung und des Friedens zurückgeben und der Familienmahlzeit wieder einen sakralen Charakter verleihen. [...] Und wenn Mütter und Väter danach strebten, die Freude am Kochen zu erlernen und sie an ihre Kinder weiterzugeben, indem sie sie an der Zubereitung der Familienmahlzeiten beteiligten, würde sich unsere ganze Einstellung zum Thema Ernährung und zu unserer kulinarischen Tradition verändern." (S. 90)
(Bildquelle: Pixabay


III. "buy local" 

Ein bewussteres Umgang mit dem Thema Ernährung bedingt, wie ich aus eigener Erfahrung - siehe oben - bestätigen kann, auch ein bewussteres Einkaufsverhalten. "Indem man lernt, das Kochen zu lieben, lernt man auch, auf die Qualität der Zutaten zu achten und dankbar für sie zu sein", schreibt Rod (S. 59). Unter diesem Aspekt liegt es auf der Hand, welche Vorteile es hat, seine Lebensmittel von kleinen lokalen Händlern zu beziehen, zu denen man ein persönliches Vertrauensverhältnis hat. Das ist aber noch nicht alles. Als mindestens ebenso wichtig hebt Rod hervor, dass man, wenn man bei kleinen Betrieben in der eigenen Nachbarschaft einkauft, damit einen Beitrag zur Ökonomie seines Wohnortes leistet -- wobei Rod, wie er betont, den Begriff "Ökonomie" nicht allein auf Geschäftsbeziehungen beschränkt verstanden wissen will, sondern als Oberbegriff für "das unvollständige und komplexe System menschlicher Beziehungen", das die lokale Gemeinschaft zusammenhält (S. 60). 

Beide Aspekte - die Bedeutung selbständiger Kleinbetriebe für die Erhaltung der ländlichen Sozialstruktur und das Interesse an der Qualität der Produkte - bieten gewichtige Argumente dafür, "kleine Farmer zu unterstützen, die sich bemühen, auf eigenen Beinen zu stehen, und nicht die große, unpersönliche Agrarindustrie" (S. 61). "Es stimmt zwar, dass Massenproduktion das Fleisch billiger macht", gibt Rod zu bedenken, "aber jeder Konservative weiß - oder sollte wissen -, dass auf dieser Welt nichts umsonst ist. Es gibt immer einen versteckten Preis zu zahlen" (S. 67). So bedingt die Massenproduktion von Fleisch Zustände in der Viehhaltung, die unter ethischen wie ökologischen und nicht zuletzt auch gesundheitlichen Gesichtspunkten mehr als bedenklich sind: In der industriellen Massentierhaltung stehen Rinder "bis an die Knie im Kot, atmen verschmutzte Luft, fressen das billigste Zeug, mit dem man sie füttern kann, man injiziert ihnen Wachstumshormone, damit sie so schnell wie möglich so groß wie möglich werden, und Antibiotika gegen die Krankheiten, die sie von dieser Art der Haltung bekommen. Natürlich bekommt man auf diese Weise billiges Fleisch, aber was ist mit der Qualität?" (S. 73) 

Wie aber sehen die Alternativen aus, wenn man nicht gleich ganz auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten möchte? "Man sagt uns, dass Landwirtschaft in kleinem Maßstab betrieben ineffizient sei, und das stimmt auch", räumt Rod ein. "Man sagt uns, unsere Agrarfabriken ernährten die Massen, und zwar billig, und damit sollten wir zufrieden sein. [...] Unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten verstehe ich, warum Amerikaner so handeln. Was ich nicht verstehe, ist, warum das als konservativ bezeichnet wird." (S. 63) 

Vielleicht habe ich es schon mal erwähnt, vielleicht auch nicht - dann tue ich es eben jetzt: Ich bin in einer sogenannten "landwirtschaftlichen Nebenerwerbssiedlung" aufgewachsen, das heißt, wir hatten einen ziemlich großen Gemüsegarten hinter dem Haus und auch ein bisschen Kleintierhaltung, und als Teenager habe ich Gartenarbeit gehasst. Deshalb starrt mich mein 15jähriges Ich auch immer so irritiert an, wenn ich in jüngster Zeit immer häufiger darüber sinniere, dass es doch eigentlich wünschenswert wäre, wenigstens einen Teil der Lebensmittel, die man verbraucht, selbst zu produzieren. Mir ist klar, dass das keine besonders realistische Vorstellung ist, schon gar nicht in Berlin, Urban Gardening-Boom hin oder her. Umso mehr habe ich mich von einer Passage in "Crunchy Cons" angesprochen gefühlt, in der es heißt: 
"Ich habe nicht vor, aufs Land zu ziehen und Hühner zu züchten, und die meisten von euch werden das ebensowenig tun. Aber Städter und Vorstädter wie ich und du können es anderen ermöglichen, das zu tun -- indem wir das Fleisch, die Eier, das Gemüse und die Milchprodukte kaufen, die sie produzieren, entweder direkt vom Hof, über Einkaufsgemeinschaften oder auf einem lokalen Wochenmarkt.” (S. 88)


IV. Achtung vor der Schöpfung 

Lebensmittel direkt vom Erzeuger zu kaufen, kann die Einstellung zum Thema Ernährung zudem auch auf eine Weise verändern, die über ökonomische und/oder ökologische Erwägungen weit hinausgeht.  "Es ist heutzutage selten, dass Amerikaner sich überhaupt Gedanken darüber machen, wo ihr Essen herkommt”, heißt es in "Crunchy Cons", "aber wenn du das Gesicht der Frau siehst, die es gepflanzt hat, wenn du die Hand des Mannes schüttelst, der es geerntet hat, dann wird dir die intime menschliche Verbindung zwischen dir, dem Bauern und der Erde bewusst. Und das bedeutet, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, in was für einem radikalen Ausmaß unser ganzes Leben ein Geschenk ist." (S. 62) 

In ähnlicher Weise bezeichnet der Kulturkritiker Wendell Berry - in den USA eine Leitfigur der ökologischen Landbau-Bewegung, hierzulande aber, wie mir scheint, weitgehend unbekannt - das Wesen traditioneller Landwirtschaft als "den rechten Gebrauch und die rechte Sorge für ein unschätzbares Geschenk" (S. 60). Hier wird es nun auch in religiöser Hinsicht interessant, denn ein Geschenk setzt einen Schenkenden voraus, und Dankbarkeit erfordert jemanden, dem man danken kann. -- Angesichts der oft an Aussichtslosigkeit grenzenden Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat, wenn man versucht, sich mit einem kleinen Bio-Bauernhof auf einem von großen Agrarkonzernen beherrschten Markt zu behaupten, leuchtet es ein, dass es einer starken ideellen Motivation bedarf, diesen Versuch trotzdem zu unternehmen; und es ist nicht unbedingt überraschend, dass dabei nicht selten auch eine spirituelle Komponente mit im Spiel ist. Zumindest hierzulande - das ist jedenfalls mein Eindruck von diversen einschlägigen Facebook-Seiten und -Gruppen - scheint es sich dabei überwiegend um eine irgendwie esoterisch-pantheistisch-naturreligiös orientierte Spiritualität zu handeln, gern auch garniert mit ein paar Bröckchen Hindu- oder Buddhismus oder was der westliche Mensch halt (mehr oder weniger irrtümlich) dafür hält. Eine solche "pantheistische, gewissermaßen die Erde anbetende" Einstellung (S. 72) findet sich, wie in "Crunchy Cons" mehrfach erwähnt wird, in ökologisch engagierten Kreisen in den USA durchaus auch (und die sind dann politisch zumeist eher linksgerichtet); andererseits gibt es dort aber auch ein Phänomen, von dem ich hierzulande - zu meinem Bedauern, wie man sich wohl vorstellen kann - noch nicht sonderlich viel gehört habe, nämlich christliche Öko-Bauern. Und damit meine ich nicht solche, die bloß nominell einer christlichen Glaubensgemeinschaft angehören und sich selbst als irgendwie gläubig verstehen, sich in ihren religiösen Vorstellungen aber tatsächlich nur oberflächlich von ihren esoterisch oder schamanistisch orientierten Nachbarn unterscheiden, sondern ich meine ausgesprochen strenggläubige Christen. Als ein Beispiel dafür stellt Rod seinen Lesern den evangelikalen Farmer Robert Hutchins vor, für den sein christlicher Glaube die zentrale Motivation dafür darstellt, das zu tun, was er tut: "Wir arbeiten mit Methoden des ökologischen Landbaus, wir verschmutzen die Umwelt nicht, und wir betrachten das als einen Weg, Gottes Schöpfung zu ehren und wiederherzustellen", erklärt Hutchins (S. 69). In diesem Konzept spielt artgerechte Tierhaltung eine wesentliche Rolle. Hutchins führt aus: "Wenn man das Vieh aus seinem natürlichen Lebensraum herausnimmt und ihm Futter gibt, das nicht seiner natürlichen Ernährung entspricht, dann hat das unerwünschte Auswirkungen auf die Qualität des Fleisches." (S. 70) Soweit würden nichtchristliche Bio-Bauern ihm sicherlich zustimmen, aber Hutchins geht es um mehr als um die Qualität seiner Erzeugnisse. Eine nicht artgerechte Viehhaltung ist in seinen Augen geradezu ein Sakrileg gegen die Schöpfungsordnung: "Wir bilden uns ein, wir wüssten besser als Gott, wie man diese Tiere aufzieht." (ebd.) 

In diesem Zusammenhang fällt mir etwas ein, was Max Goldt bereits 1989 schrieb:
"Die Natur schenkt uns köstliche Früchte etc. Diese zum falschen Zeitpunkt zu ernten, sie falsch zu lagern oder schlecht zuzubereiten, ist ein Vergehen an der Schöpfung, glatte Blasphemie. Jeder, der einigermaßen herumgekommen ist, weiß, daß in atheistischen Staaten ausgesprochen schlecht gekocht wird, weil der Respekt vor den Gaben Gottes fehlt. Anders ausgedrückt: Gut zu kochen ist praktiziertes Christentum." 
Doch noch einmal zurück zu "Crunchy Cons": Die weiter oben bereits erwähnte Ernährungsberaterin Kathy O'Brien, eine konservative Katholikin, verweist auf eine Passage aus der "Philothea" des Hl. Franz von Sales, in der dieser hervorhebt, dass alles, was wir besitzen, und von Gott anvertraut wurde, und dass wir uns daher als "Gärtner" betrachten sollten, die "den Garten des Königs pflegen" (S. 81). Was mich übrigens daran erinnert, dass auch bei dem Männereinkehrtag im Kloster Neuzelle, an dem ich unlängst teilgenommen habe, der Bibelvers Genesis 2,15 angesprochen wurde, demzufolge Gott dem Menschen den Garten Eden ausdrücklich dazu als Wohnsitz gab, dass er "ihn bearbeite und hüte". Na also, dachte ich. Gartenarbeit ist buchstäblich das, wozu wir geschaffen wurden.





Montag, 8. April 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (5. Woche der Fastenzeit)

Was bisher geschah: Eine ereignisreiche Woche liegt hinter mir -- ereignisreich vor allem, wie bereits angekündigt, in Hinblick auf die lokale Basisarbeit. Am Mittwoch gestalteten meine Liebste und ich in der örtlichen Pfarrkirche eine Kreuzwegandacht, anschließend gab's "Dinner mit Gott". Mit dabei war u.a. ein sehr nettes junges Ehepaar, das gerade auf Wohnungssuche in Berlin ist. Gebete dafür, dass sie eine Wohnung auf dem Gebiet unserer Pfarrei finden, sind durchaus willkommen! 

Am Donnerstag haben wir kurz entschlossen beim Pfarrbüro die Termine für den geplanten monatlichen Krabbel-Brunch klargemacht (der erste Termin ist im Mai, ich werde mich zu gegebener Zeit noch ausführlicher dazu äußern). Derweil treffen kontinuierlich weitere Bücherspenden für unser Büchereiprojekt bei uns ein, was mich dazu inspiriert hat, einige seit dem letzten Umzug ungeöffnet in der Rumpelkammer stehende Bücherkartons aufzumachen und ihren Inhalt zu sortieren. Dabei sind bislang 28 Bände für das Büchereiprojekt abgefallen, aber ich bin mir sicher, das ist erst die Spitze des Eisbergs. -- Am Samstag stand der Aktionstag zur Grundstückspflege auf dem Kirchengrundstück an; nachdem der Termin nicht einmal in den Vermeldungen erwähnt worden war (wo doch sonst, ich erwähnte es, jeder Furz vermeldet wird), fürchtete ich schon, es werde so gut wie niemand kommen, und tatsächlich war die Anzahl der Helfer recht überschaubar. Aber wir schafften trotzdem eine ganze Menge, und zumindest mir machte die körperliche Arbeit an der frischen Luft (bei herrlichem Wetter) sogar Spaß. Parallel fand in der Kirche übrigens eine Taufe statt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es kommt, dass man es den beteiligten Familien bei solchen Gelegenheiten schon von Weitem ansieht, wenn es sich bei ihnen um die Art von Kirchensteuerzahlern handelt, die über den festlichen Anlass hinaus keinerlei Interesse an der Kirche, geschweige denn der örtlichen Gemeinde haben. Trotzdem schaute ich während der Zeremonie, mit meiner kleinen Tochter auf dem Arm, mal kurz in die Kirche rein, genau rechtzeitig zum eigentlichen Taufakt; und einige der Angehörigen sahen uns an, als wären wir in ihre private Familienfeier hineingeplatzt. Ich gehe sogar davon aus, dass sie es - mehr oder weniger bewusst - tatsächlich so empfanden; und im Grunde kann man es den Leuten noch nicht einmal verübeln, solange die Pfarrei sich ihnen gegenüber mit der Rolle des Dienstleisters zufrieden gibt und die Taufeltern nicht wenigstens zu einem Crashkurs in Sakramentenkatechese verdonnert. Aber das nur am Rande. 

Die Grundstückspflegeaktion war jedenfalls erfolgreich, anschließend ging ich mit Frau und Kind noch für rund eine Stunde auf einen Spielplatz und dann Eis essen, und schließlich schaffte ich es sogar noch rechtzeitig zur Vorstellung des Buches "Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde" von Anja Hradetzky im "Baumhaus Berlin". Kurzkritik: Ich. Muss. Dieses. Buch. Haben. Wenn nötig, kaufe ich es sogar. Aber erst mal versuche ich über den Verlag ein Rezensionsexemplar an Land zu ziehen. 




Was ansteht: Wie es aussieht, wird die lokale Basisarbeit nicht so bald weniger. Am Mittwoch tagt nämlich der Lokalausschuss unserer Kirchengemeinde, und da wird es zweifellos eine Menge zu besprechen geben. Und für Samstag zeigt mir mein Facebook-Kalender ganze drei Veranstaltungen aus dem Urban Gardening- Bereich an: Sowohl das "himmelbeet" am Leopoldplatz (da waren wir letzten Sommer schon mal) als auch der Permakultur-Gemeinschaftsgarten "Peace of Land" in Prenzlauer Berg feiern ein Frühlingsfest zum Saisonbeginn, und im "Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor" auf dem Tempelhofer Feld gibt es einen "VHS-Kurs Urban Gardening". Das dürfte sich schon rein zeitlich kaum alles unter einen Hut bringen lassen; aber schauen wir mal. Letztendlich werden Frau und Kind sowieso ein gewichtiges Wort bei der Wochenendgestaltung mitzureden haben. Und dann ist schon Palmsonntag! Irre, wie die Zeit vergeht. 


aktuelle Lektüre:

Nachdem ich "Gott oder nichts" gestern zu Ende gelesen habe, ist jetzt konsequenterweise das nächste Buch von Kardinal Sarah an der Reihe; ich hatte die Absicht, in der diesjährigen Fastenzeit "Kraft der Stille" zu lesen, ja schon vor ein paar Wochen erwähnt. Ich habe noch nicht damit angefangen; ich bin gespannt.

Noch nicht fertig, und zwar noch lange nicht, bin ich mit "Christsein für Einsteiger" von Bernhard Meuser. Derzeit bin ich auf S. 106 und mithin bei Nr. 25 der "74 Werkzeuge der geistlichen Kunst". Da habe ich bis Ostern ja noch einiges vor mir. Insofern wäre es vielleicht klug, mir nicht zu viel anderes zu lesen vorzunehmen,  aber eins muss noch: 
  • "Christus vivit". Nachsynodales apostolisches Schreiben von Papst Franziskus an die jungen Menschen und an das ganze Volk Gottes.

Ich muss gestehen, das Lesen von Lehrschreiben unseres gegenwärtigen Papstes gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich finde es meist recht anstrengend, da Franziskus zumindest für mein Empfinden die Neigung hat, mit sehr vielen Worten sehr wenig auszusagen, und es dabei nach Kräften vermeidet, sich klar und deutlich auszudrücken. Ich sehne mich da immer nach Benedikt XVI. oder auch nach dem Hl. Johannes Paul II. zurück. Aber da sich bereits abzeichnet, dass diverse Interessengruppen das nachsynodale Schreiben "Christus vivit" für ihre jeweiligen Zwecke zu instrumentalisieren versuchen, wird es wohl unerlässlich sein, sich selbst ein Bild davon zu machen. Und, soviel kann ich schon mal sagen: Erste Stichproben haben mir den Eindruck vermittelt, der Text sei erheblich besser, als man hätte befürchten können.


Linktipps:

Den unmittelbaren Anstoß zu diesem Beitrag lieferte ein Artikel in der taz über den jüngsten Familienkongress in Verona, aber im Prinzip ist das, was Bloggerin "Mary of Magdala" hier abliefert, ein Beitrag zur jüngst mal wieder mit erneuter Heftigkeit aufgeflammten Debatte um die politischen (oder "antipolitischen") Implikationen von Rod Drehers Benedikt-Option. Und das trotz der Tatsache, dass  die Blogautorin das Buch eingestandenermaßen noch gar nicht gelesen hat. Das schadet aber nichts, denn die Auseinandersetzungen darüber hat sie offenbar aufmerksam verfolgt -- und hat darüber hinaus wohl einfach einen guten Instinkt für die heiklen Punkte der Debatte. So stellt ihr Artikel eine engagierte Warnung vor der Versuchung der Macht dar, die konservative Christen dazu verleiten kann, ihr Heil in fragwürdigen politischen Allianzen zu suchen -- etwa solchen mit Kräften der "Neuen Rechten". Dass christliche Positionen in der gegenwärtigen westlichen Welt vielfach ins gesellschaftliche und politische Abseits gedrängt werden, sei schmerzhaft, räumt "Mary of Magdala" ein; diesen Schmerz zu ertragen, sei für Christen aber letztlich ein Aspekt davon, ihr Kreuz auf sich zu nehmen.  

Grinsen musste ich übrigens bei der Bemerkung der Verfasserin, das, worum es bei der #BenOp, soweit sie dies ohne eigene Lektüre des Buches feststellen könne, im Kern gehe - "Christentum als kreative Minderheit, im eigenen, persönlichen Leben die Basis schaffen um aus dieser Position heraus durch lebendiges Wirken innerhalb und außerhalb der Kirche missionarisch tätig zu werden, sich als Subkultur dem Mainstream entziehen" -, sei doch im Grunde gar nichts Neues: "Dafür brauche ich keinen eingängigen Namen". #BenOp-Aktivistin Leah Libresco würde darauf erwidern: 
"Leute sagen zu mir: Dieses Benedikt-Option-Ding, da geht es doch eigentlich nur darum, einfach Christ zu sein,oder? Und ich sage: Ja! Du hast das Paradox gelöst [...]. Aber die Leute werden es nicht machen, wenn man es nicht anders nennt. Es geht darum, dass die Kirche dassein soll, was sie immer hätte sein sollen – aber erst wenn man der Sache einen besonderen Namen gibt, interessieren sich die Leute dafür" (BenOp S. 229 bzw. S.241 der Paperback-Ausgabe). 
Die in dem Artikel betonte Abgrenzung gegenüber der Neuen Rechten hat mich übrigens an einen anderen Blogartikel erinnert, den ich schon vor ein paar Monaten gelesen hatte, den ich bei dieser Gelegenheit aber gleichwohl ebenfalls gern empfehle:   

Diesem Beitrag von Bloggerin Crescentia ist es anzumerken, dass er seine Entstehung einer ordentlichen Portion Genervtheit über die Tendenz gewisser Kreise innerhalb wie außerhalb der Kirche verdankt, lehramtstreue Katholiken mit Hilfe von Schlagwörtern wie "Rechtskatholizismus" munter mit Anhängern nationalistisch-populistischer Gruppierungen und diese wiederum unterschiedslos mit Nazis in einen Topf zu werfen. Umso mehr ist anzuerkennen, wie produktiv die Verfasserin mit dieser Genervtheit umgeht. Ihre pointierte und gründliche Gegenüberstellung unterschiedlicher Merkmale von "Ultrakatholiken", Rechtspopulisten und Neonazis bietet reichlich Argumentationsfutter und ist stellenweise sogar ausgesprochen witzig. 


Heilige der Woche:

Donnerstag, 11. April: Hl. Stanislaus1072-1079 Erzbischof von Krakau. Einer der Nationalheiligen Polens. Der Überlieferung zufolge machte er dem polnischen König Boleslaw II. Vorhaltungen wegen dessen ehelicher Untreue, wurde in der Folge des daraus resultierenden Konflikts zwischen Staat und Kirche zum Tode verurteilt und vom König eigenhändig hingerichtet.

Samstag, 13. April: Hl. Martin I., Papst von 649-653. Bekämpfte die Lehre des Monotheletismus und geriet darüber in einen Konflikt mit dem oströmischen Kaiser Konstans II., der ihn nach Konstantinopel entführen, dort wegen Hochverrats vor Gericht stellen, auspeitschen und schließlich auf die Krim verbannen ließ, wo er 655 starb.


Aus dem Stundenbuch:

Die Stimme des Herrn erschallt über den Wässern. + Der Gott der Herrlichkeit donnert, * der Herr über gewaltigen Wassern. (Psalm 29, 3)



Donnerstag, 4. April 2019

Der Sound der #BenOp, Platz 10-6

Und weiter geht's mit meiner Hitliste von Songs mit #BenOp-Feeling! Platz 20-16 können hier nachgelesen und -gehört werden, Platz 15-11 hier; und nun ohne weitere Vorrede kopfüber hinein in die Top Ten!

Platz 10: Bon Jovi, "Keep the Faith" (1992) 


Okay, das war jetzt vom Titel her fast ein bisschen zu offensichtlich. Der Song ist aber echt nicht übel -- und jedenfalls erheblich besser, als ich damals, als er aktuell war, zugegeben hätte. Unter meinen Freunden und Bandkollegen gehörte es damals nämlich zum guten Ton, Bon Jovi uncool zu finden. Okay, ganz unbegründet war das natürlich nicht. Aber immerhin, die Comeback-Single "Keep the Faith" und das gleichnamige Album waren, nachdem die Band sich vier Jahre zuvor so gut wie aufgelöst hatte, die Rock-Sensation des Jahres und markierte die Abwendung vom Haarspray-Rock hin zu einem erdigeren und reiferen Sound. Der Text ist, wie ich annehmen möchte, bewusst vieldeutig gehalten, enthält aber auch über die Titelzeile hinaus so allerlei, womit der #BenOpper etwas anfangen kann: Tell your children that their time has just begun / I have suffered from my anger, fought wars that can't be won... Father, Father... forgive your wayward son... I've been walking in the footsteps of society's lies / don't like what I see no more... Ich würde mal sagen, was immer man sonst von Bon Jovi halten mag, dieser Song hat sich einen Platz in den Top 10 redlich verdient. 



Platz 9: Marvin Gaye, "What's Going On" (1971) 


Mal abgesehen davon, dass dies einfach ein ganz großer Klassiker ist, ein Wendepunkt in der Karriere von Soul-Legende Marvin Gaye und ein Meilenstein in der Geschichte sozial und politisch engagierter R&B-Musik, verdient "What's Going On" seinen Platz auf dieser Liste schon allein dadurch, dass meine Liebste und ich diesen Song zusammen auf dem Torstraßenfestival 2016 gehört haben. Inwiefern ist das relevant? Insofern, als unser Besuch beim Torstraßenfestival ein Bestandteil ebenjenes "Straßenfest-Crawls" war, bei dem wir den Entschluss fassten, das Projekt einer christlichen Graswurzelrevolution in Angriff zu nehmen. Talk to me so you can see what's going on, Alter.



Platz 8: Buffalo Springfield, "For What It's Worth" (1966) 


Ein Klassiker des Genres "Protestsong", wenngleich die wahre Geschichte seiner Entstehung etwas hinter den Erwartungen zurückbleibt: Stephen Stills wurde zu diesem Song nicht durch den Vietnamkrieg, nicht durch Proteste gegen die Rassentrennung in den Südstaaten oder sonstige Ereignisse vergleichbarer Größenordnung inspiriert, sondern durch die "Sunset Strip Curfew Riots" -- Proteste gegen die Einführung einer Sperrstunde für die Lokale am Sunset Strip in Hollywood, durchaus vergleichbar mit den "Schwabinger Krawallen" in München einige Jahre zuvor. Immerhin, von den letzteren heißt es, sie hätten entscheidend zur Radikalisierung eines gewissen Andreas Baader beigetragen. -- Aber das mal nur am Rande. Tatsächlich ist es eine unbestreitbare Stärke des Songs, dass der Text nicht so richtig verrät, worum es eigentlich geht. Die ersten Verse ("There's something happening here / What it is ain't exactly clear...") sind da durchaus symptomatisch. Wenn die Vietnamkriegs-Generation meinte, in dem Song gehe es um den Vietnamkrieg, dann kann ich auch meinen, es gehe darin um die #BenOp. -- Atmosphärisch ist der Song jedenfalls kaum zu toppen. Ich habe mich hier für das Original entschieden, obwohl es auch sehr gute Coverversionen gibt, wie z.B. von Sergio Mendes & Brasil ‘66 oder Del McCoury & Friends



Platz 7: Tracy Chapman, "Talkin' ‘Bout a Revolution" (1988) 


In seiner Titanic-Kolumne vom Dezember 1989 wunderte sich der große Max Goldt darüber, dass "heute gar die Kunst des sozialistischen Liederschmiedens in Gestalt von Tracy Chapman aus den USA importiert" werde, und warf die Frage auf, ob die Sängerin wohl wisse, dass "ihre Lieder hier die Funktion von 'Kuschel-Rock' übernehmen": "Und wie würden wohl Amerikaner reagieren, wenn ihre Radiostationen Tag und Nacht Franz Josef Degenhardt spielen würden?" In der Tat stellte sich die Singer-Songwriterin unter der Revolution, von der sie sang, offenkundig eine dezidiert sozialistische vor, und dass sie eine solche gegen Ende der Reagan-Ära und mithin gegen Ende des Kalten Krieges in der Luft liegend zu wähnen schien, mag man aus heutiger Sicht als skurrile historische Fehleinschätzung betrachten. Das Lied ist trotzdem unkaputtbar. Im Jahr 2011 fungierte es gewissermaßen als inoffizielle Hymne des "Arabischen Frühlings" in Tunesien, 2016 setzte US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders es in seinem Wahlkampf ein. Wenn der Song also derart vielseitig einsetzbar ist, warum dann nicht auch als #BenOp-Hymne? -- Zugegeben: Dass "die armen Leute aufbegehren und sich nehmen, was ihnen zusteht", ist nun nicht direkt das primäre Ziel der Benedikt-Option, und zwar auch dann nicht, wenn man etwa versuchen wollte, den Sinn dieser Textstelle vom Materiellen ins Spirituelle zu wenden. Was mir hingegen sehr gut gefällt und sehr passend erscheint, ist das "It sounds like a whisper": Die Vorboten der Revolution sind leise, unscheinbar, leicht zu übersehen bzw. zu überhören.  Das ist geradezu ein Kerngedanke des Prinzips "Graswurzelbewegung": eine Bewegung, die heimlich, still und leise wächst, von ihren Gegnern unbemerkt, ignoriert oder zumindest nicht ernst genommen, und auf diese Weise unmerklich, aber nachhaltig das Antlitz der Erde verwandelt.



Platz 6: R.E.M., "It's the End of the World As We Know It" (1987) 


Da wären wir thematisch wieder bei der Apokalypse: "It starts with an earthquake, birds und snakes and aeroplanes" -- nur der geradezu ausgelassen heitere Tonfall irritiert zunächst ein wenig. Aber, hey: Warum nicht mal ein fröhliches, optimistisches Lied über den Weltuntergang? -- Wobei es sich, wie der Titel verrät, ja gar nicht eigentlich um das Ende der Welt handelt, sondern um das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Und dass das die Situation, in der wir uns derzeit befinden, ausgesprochen treffend beschreibt, dürfte ja wohl kaum einer besonderen Erläuterung bedürfen. Nicht umsonst wurde der Song nach dem 11. September 2001 von zahlreichen US-Radiosendern aus dem Programm genommen: Er passte einfach zu gut. 

Darüber hinaus ist der Songtext nicht weiter von Belang; über weite Strecken handelt es sich bloß um assoziative Aneinanderreihungen von Namen und Begriffen nach dem Vorbild von Bob Dylans "Subterranean Homesick Blues". Da sollte man den Wortlaut nicht auf die Goldwaage legen. Hingegen empfehle ich, in einer stillen Stunde mal über die Metaphorik des Videos zu meditieren. Es ist großartig. Obwohl ich zugeben muss, dass ich eigentlich erwartet hätte, der Junge würde das Haus mit dem ganzen Krempel darin am Ende kurzerhand anzünden


So, das war's schon wieder für heute! Die Top Five gibt's dann nächste Woche... Stay tuned!  



Montag, 1. April 2019

Kaffee & Laudes - Die Wochenvorschau (4. Woche der Fastenzeit)

Was bisher geschah: Die wenig familienfreundlichen Arbeitszeiten meiner Liebsten, ein zeitweilig recht launisches Kind sowie der Umstand, dass das vorangegangene Wochenende nicht unbedingt sehr erholsam gewesen war, summierten sich zu einer ziemlich anstrengenden Woche; aber zur Belohnung ging's am Samstag zum Männereinkehrtag im Zisterzienserkloster Neuzelle, geleitet von Pater Paulus Maria Tautz von den Franziskanern der Erneuerung.  Es gab Vorträge, gemeinsame Mahlzeiten, eine Heilige Messe, Eucharistische Anbetung, die Möglichkeit, dem (gesungenen, lateinischen) Stundengebet der Mönche beizuwohnen --- und Bier. Alles gegen freiwillige Spende. Ebenfalls ganz nach meinem Geschmack war, dass es schon während des einführenden Vortrags einen Eklat gab: Ein (älterer) Teilnehmer verließ die Veranstaltung unter Protest, weil er die Ausführungen des Referenten zur unterschiedlichen Natur und unterschiedlichen Berufung von Mann und Frau "mittelalterlich" und "frauenfeindlich" fand. Diese Ausrichtung der Veranstaltung könne auch nicht im Sinne des Klosters Neuzelle sein, tobte er und drohte an, das werde "ein Nachspiel haben". Pater Paulus blieb allerdings recht unbeeindruckt. "Die Leute sind ja so verwirrt, man darf schon gar nicht mehr sagen: Eine Frau ist eine Frau und ein Mann ist ein Mann", merkte er nach der Mittagspause an. "Das ist im Prinzip schon verboten. Ich warte eigentlich die ganze Zeit darauf, dass ich abgeführt werde. Ich habe aber keine Angst. Ich habe den Kommunismus überlebt."

Ach, und übrigens: Auf der Website der Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland ist nach gut vier Wochen endlich das Protokoll der jüngsten Pfarreiratssitzung veröffentlicht worden. Seht es Euch selber an, Leute -- ich sag lieber nichts dazu. 


Was ansteht: Es sieht stark danach aus, dass diese Woche erneut stark im Zeichen der lokalen Basisarbeit stehen wird. Am Mittwoch lädt der Mittwochsklub ab 19 Uhr zu seinem 23. "Dinner mit Gott" ein; es wird ein fastenzeittaugliches vegetarisches Menü geben, eventuell selbstgemachte Knöpfle mit Pilzen und Frühlingszwiebeln. Da mein Hermann-Backkalender zudem vorsieht, dass ich am Vortag einen Kuchen backen muss, könnte es zudem sein, dass ich den kurzerhand als Nachtisch mitbringe. Aber damit nicht genug: Vorher, um 18 Uhr, findet in der Herz-Jesu-Kirche Berlin-Tegel eine von uns gestaltete Kreuzwegandacht statt. Wie schon letztes Jahr einmal erwähnt, ist es in unserer Gemeinde üblich, dass die verschiedenen Gemeindekreise und -gruppen (Legio Mariae, Kolping, Glaubensgesprächskreis...) an der Gestaltung von Kreuzweg-, Mai- und Rosenkranzandachten beteiligt werden; auf diese Weise hatten meine Liebste und ich im Namen des Mittwochsklubs schon voriges Jahr eine Kreuzwegandacht zusammengestellt, die die Passion Christi im Licht der "Gottesknechtlieder" aus Jesaja 42-53 und anderer prophetischer Texte aus dem Alten und Neuen Testament betrachtet; ich denke, die werden wir kurzerhand nochmals verwenden. Und am Samstag steht schon die nächste Veranstaltung in meiner Wohnortpfarrei an, nämlich die alljährliche Frühjahrsputz- und Grundstückspflegeaktion am Kirchort Herz Jesu. Im Vorfeld hatte meine Liebste dem Lokalausschuss den Vorschlag unterbreitet, diese Aktion unter dem Motto "Ora et Labora" zu einem Exerzitien-Angebot auszugestalten, aber letztlich hatten sie und ich dann doch zu viel anderes um die Ohren, um ein spezielles Programm dafür auszuarbeiten. Die Minimallösung besteht nun darin, dass der Arbeitseinsatz um 10:30 Uhr mit einem von der Ortsgruppe der Legio Mariae geleiteten Rosenkranzgebet beginnt.

Ein bisschen schade ist es, dass dieser Termin mit dem Käserei-Workshop im Baumhaus Berlin (unter dem Motto "Stolze Kühe und das Klima") kollidiert. Aber vielleicht schaffe ich es wenigstens bis 16 Uhr dorthin, denn dann stellt Anja Hradetzky dort ihr Buch "Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde" vor. Ansonsten muss ich mich wohl beim Verlag um ein Rezensionsexemplar bemühen. (Aber das sollte ich vielleicht ohnehin tun, unabhängig davon, ob ich es zur Lesung schaffe oder nicht.)


aktuelle Lektüre: Wie vorige Woche bereits angekündigt, habe ich Rod Drehers "Crunchy Cons"  und Johannes Hartls "Gott ungezähmt" zu Ende gelesen und mir "Gott oder nichts" (Robert Kardinal Sarah mit Nicolas Diat), "Christsein für Einsteiger" (Bernhard Meuser) und "Lifehacks für Eltern" (Asha Dornfest) vorgeknöpft. Bei "Gott oder nichts" bin ich zur Zeit beim vierten von zehn Kapiteln; die autobiographischen Passagen, besonders diejenigen über Robert Sarahs Aufwachsen in einem abgelegenen Dorf in Guinea, seinen Weg zum Priesteramt und seine Zeit als Pfarrer und Bischof unter dem diktatorischen Regime Sékou Tourés, lesen sich ausgesprochen fesselnd, aber auf einer anderen Ebene noch viel interessanter und, wenn man das so sagen kann, gewichtiger wird das Buch, sobald der Kurienkardinal seine Sicht auf Entwicklungen in der Kirche seit dem II. Vatikanischen Konzil darlegt. In diesem Zusammenhang fällt mir wieder die Buchhändlerin ein, die meinte, das Buch gelte bei ihrer Kundschaft als "grenzwertig". Ich muss sagen, ich finde es ernsthaft tragisch, dass "ganz normale", eigentlich gutwillige Katholiken, deren Glaubenssinn aber unter dem Einfluss von Priestern der sogenannten "Konzilsgeneration", linksfeministischen Gemeindereferentinnen und der Lektüre von Bistumszeitungen oder, schlimmer noch, katholisch.de verkümmert ist, jemanden wie Kardinal Sarah für einen ultrakonservativen Hardliner halten. Dass seine tiefe Frömmigkeit vielen hiesigen "Normalkatholiken" fremd ist, kann ich durchaus nachvollziehen; die Positionen, die er in diesem Buch vertritt, würde ich allerdings in der Mitte des katholischen Glaubens verorten, und wer das als extrem empfindet, müsste sich eigentlich fragen (lassen), was das über seine eigene Position verrät.

Mit Bernhard Meusers "Christsein für Einsteiger" komme ich sehr viel langsamer voran, und zwar deshalb, weil viele Stellen darin mich so stark berühren, dass ich daraufhin das Buch erst mal zuklappen und die betreffenden Abschnitte "sacken lassen" muss. Immerhin bin ich auf diese Weise mittlerweile bis S. 70 vorgedrungen,  mithin bis zum 13. der "74 Werkzeuge der geistlichen Kunst". -- Erwähnen sollte ich wohl, dass der Verfasser mir das Buch geschickt hat, weil er der Meinung war, es korrespondiere in einem gewissen Maße mit der "Benedikt-Option". Ich stimme dieser Einschätzung zu, und nicht nur, weil beide Bücher sich auf die Ordensregel des Hl. Benedikt berufen. Was mich an Meusers "Christsein für Einsteiger" besonders anspricht, ist, dass er in seinen Ausführungen zur praktischen, alltäglichen Anwendung der "74 Werkzeuge der geistlichen Kunst" ein entschieden gegenkulturelles Bild von gelebtem Christsein entwirft. Dass unsere ganze Gesellschaft zutiefst von christlichen Werten geprägt sei, gehört ja - wie altgediente "Huhn meets Ei"-Leser wissen werden - zu jenen Binsenweisheiten, die ich im dringenden Verdacht habe, in Wirklichkeit bloß Selbstbetrug zu sein, im Speziellen eine insbesondere bei "gemütskonservativen", aber lauen Christen beliebte Selbstberuhigungsstrategie. In einem oberflächlichen Sinne, und vor allem bezogen auf solche "Werte", von denen unsere Gesellschaft gern behauptet, sie hochzuhalten, mag an der Plattitüde etwas dran sein, aber wie Bernhard Meuser auf nahezu jeder Seite seines Buches aufzeigt, steht ein entschieden gelebtes Christsein in vielerlei Hinsicht in diametralem Gegensatz zu jenen Wertvorstellungen, die unsere Gesellschaft tatsächlich prägen. Man mag das bedauern, aber die #benOppige Antwort  auf diesen Umstand besteht darin, dazu zu stehen und es als eine Chance für das Christentum zu betrachten.

Und was "Lifehacks für Eltern" angeht, so ist es schlechthin unbezahlbar. Dieses Buch ist im Grunde nicht dafür gemacht, von vorn bis hinten durchgelesen und dann beiseite gelegt zu werden, sondern eher dafür, bedarfsabhängig immer mal wieder einzelne Abschnitte darin nachzuschlagen. In den letzten Monaten hat es durchaus die eine oder andere Situation gegeben, in der meine Liebste und/oder ich sehr davon hätten profitieren können, das Buch zur Hand zu nehmen. Daneben habe ich aber festgestellt, dass es noch in anderer und gänzlich unerwarteter Hinsicht eine anregende Lektüre ist -- dazu werde ich mich demnächst ausführlicher äußern. 

Linktipps:

Auf dieses fast 15 Jahre alte Dokument, für das der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, verantwortlich zeichnet, wurde ich unlängst im Zuge einer Twitter-Debatte über die Rolle von Frauen in der Kirche aufmerksam gemacht, und zwar von der streitbaren Journalistin und Buchautorin Christiane Florin. Sie meinte, jeder Katholik und erst recht jede Katholikin müsse diesen Text kennen, denn er sei die "Grundlage" für ihr Buch "Der Weiberaufstand". Ich vermute mal, was sie damit meint, ist, dass dieses Dokument exemplarisch für das Frauenbild der katholischen Kirche sei, gegen das sie aufbegehrt. Weiterhin wirkt diese Aussage auf mich so, als meine sie damit zugleich, jeder Katholik und erst recht jede Katholikin müsse ihr Buch kennen, was für ein recht bemerkenswertes Selbstbewusstsein zu sprechen scheint; aber so oder so bin ich ihr uneingeschränkt dankbar für den Linktipp, denn ich finde dieses Schreiben der Glaubenskongregation ausgesprochen lesenswert. Im Grunde geht es darin gar nicht so sehr um die konkrete Frage der Rolle der Frau in der Kirche, sondern viel allgemeiner um die Bedeutung der Geschlechtlichkeit des Menschen im Gesamtkontext der Schöpfungsordnung. Ich habe da durchaus Berührungspunkte mit Pater Paulus' Vorträgen beim Männertag in Neuzelle festgestellt, aber das rührt vermutlich in erster Linie daher, dass diese Vorträge ebenso wie das hier angesprochene Dokument der Glaubenskongregation sehr wesentlich auf der Theologie des Leibes des Hl. Johannes Paul II. aufbauen. Das Schreiben sieht im Schöpfungsbericht und der Paradieseserzählung aus Genesis 2-3 "die Herzmitte des ursprünglichen Planes Gottes und der tiefsten Wahrheit über Mann und Frau" dargestellt, "so wie Gott sie gewollt und geschaffen hat" -- die jedoch "durch die Sünde entstellt und verdunkelt" sei. "Wenn der Mensch Gott als seinen Feind betrachtet, wird auch die Beziehung von Mann und Frau verdorben. Andererseits droht der Zugang zum Antlitz Gottes gefährdet zu werden, wenn die Beziehung von Mann und Frau entstellt wird". Daher seien zwischenmenschliche Beziehungen, insbesondere die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, "immer gut und zugleich entstellt", nämlich einerseits "von einer ursprünglichen Güte, die Gott vom ersten Augenblick der Schöpfung an kundgetan hat", andererseits "aber auch entstellt durch die Disharmonie zwischen Gott und Mensch, die mit der Sünde gekommen ist".
Ein hartes Brett: Der Theologiestudent und ehemalige Seminarist John Monaco aus Boston vergleicht sexuellen Missbrauch durch Kleriker mit liturgischem Missbrauch, was ihm zumindest hierzulande - würden seine Äußerungen hier in größerem Ausmaß zur Kenntnis genommen - zweifellos einen heftigen Shitstorm einbringen würde. Man kann ihm im Grunde aber nicht vorwerfen, er würde den sexuellen Missbrauch relativieren oder gar verharmlosen -- zumal er, wie er erwähnt, in seiner Zeit im Priesterseminar selbst wiederholt zum Opfer sexueller Belästigung wurde. Das zentrale Argument seines Artikels findet sich bereits in der Titel-Unterzeile: "Wie kann man erwarten, dass Bischöfe und Priester die Körper der Gläubigen respektieren, wenn sie nicht einmal Respekt vor dem Leib des Herrn haben?" Eindringlich betont Monaco, massive willkürliche Verstöße gegen liturgische Vorschriften seien keine Lappalie, sondern ein "Missbrauch des Leibes Christi, der Kirche, und der heiligen Mysterien, die die Kirche feiert". Die Heilige Messe, die "eine intime Begegnung mit dem Herrn sein sollte", werde auf diese Weise zu einer "unehrfürchtigen, banalen, gewöhnlichen Serviceleistung", die die Priester "ihrer eigenen Persönlichkeit und ihren eigenen Vorlieben anpassen". Zudem weist er darauf hin, dass dieselben Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensmuster, die Psychologen als typisch für Missbrauchstäter ("sei es im sexuellen, emotionalen oder verbalen Sinne") ausgemacht hätten - wie etwa Narzissmus, manipulatives Verhalten und Kontrollsucht - sich auch bei Priestern fänden, die mit der Liturgie nach ihrem Gutdünken umsprängen: "Sie verwandeln die Messe in eine Show, die sich nur um sie und ihre Vorlieben dreht. Sie reißen Witze am Anfang, in der Mitte und am Ende der Zeremonie. Sie lassen verpflichtende Gebete aus Bequemlichkeit weg. Sie verändern die Worte der Messe gemäß ihrem persönlichen Geschmack. Sie erlauben dir nicht, die Heilige Kommunion kniend zu empfangen, weil das so 'vorkonziliar' sei. Und manchmal verkleiden sie sich als Hund." (Und da letzteres wie ausgedachter Quatsch wirken könnte, dokumentiert Monaco diese Aussage mit einem Foto.) Der Artikel enthält eine umfangreiche Sammlung liturgischer Missbräuche, von denen Monacos Twitter-Follower ihm berichtet haben, und die sind zum Teil von einer solchen "Qualität", dass einem das, was man in seiner eigenen Ortspfarrei manchmal erdulden muss, im Vergleich einigermaßen harmlos erscheint. (Es sei denn natürlich, es handelt sich um Familiengottesdienste. Die stammen direkt aus der Hölle.)  


Heilige der Woche: 

Dienstag, 2. April: Hl. Franz von Paola (1416-1507), Einsiedler, Gründer der Minimiten bzw. Paulaner, eines Ordens der franziskanischen Tradition mit besonders strenger Ordensregel, zu der auch eine vegane Ernährungsweise gehört (auch wenn das damals noch nicht so hieß). 

Donnerstag, 4. April: Hl. Isidor von Sevilla (ca. 560-636), ab 600 Erzbischof von Hispalis (heute Sevilla) im damaligen Westgotenreich. Verfasser einer 20-bändigen Enzyklopädie, in der er das gesamte erhaltene Wissen der Antike zusammenzufassen anstrebte; gilt als letzter Kirchenvater des Westens sowie inoffiziell als Schutzpatron des Internets

Freitag, 5. April: Hl. Vinzenz Ferrer (1350-1419), Dominikaner, Wanderprediger. 


Aus dem Stundenbuch: 

Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht kennen, * auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern. (Jesaja 42,16)




Donnerstag, 28. März 2019

Der Sound der #BenOp, Platz 15-11

Es ist wieder Donnerstag, und somit ist es Zeit für den zweiten Teil meiner persönlichen Hitliste von Songs, die für mein Empfinden den Spirit der Benedikt-Option einfangen! Die Plätze 20-16 habe ich letzte Woche vorgestellt; nun also ohne große Umschweife weiter im Text:  


Platz 15: Jimmy Page & Robert Plant feat. Najma Akhtar, "The Battle of Evermore" (1994) 


Wiederum ein Text, in dem es um nichts Geringeres geht als um den endzeitlichen Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis; und dabei fehlt es nicht an Tolkien-Anleihen, was ja wohl Grund genug sein dürfte, das Herz insbesondere des katholischen #BenOppers freudig hüpfen zu lassen. -- Gut und schön, wird nun Mancher sagen, aber warum diese Version und nicht das Original vom vierten Led Zeppelin-Album? Ahem. Mal ehrlich, Freunde: Habt Ihr die Originalversion in letzter Zeit mal gehört? Sie ist räudig bis an die Grenze des Unerträglichen. Das Musikmagazin SPIN platziert den Song in einem Ranking aller Led Zeppelin-Songs auf Platz 52 und nennt ihn den "schlechtesten Song des besten Albums der Band". Vertraut mir, die 1994er Version ist wesentlich besser. Sogar der Umstand, dass Robert Plant mit gut 20 Jahre älteren Stimmbändern nicht mehr so messerscharf intoniert wie dereinst, tut dem Song gut, und das Orchester-Arrangement und die orientalischen Instrumente tun ein Übriges. 



Platz 14: Creedence Clearwater Revival, "Proud Mary" (1969) 


An dieser Stelle sehe ich den Einwand - beispielsweise von meinem Stammleser Imrahil - voraus: "Wenn du schon einen Song von CCR auf diese Liste setzt, wieso dann nicht 'Bad Moon Rising'?" Nun ja: Ich hatte es erwogen. Allerdings dachte ich mir, man kann es mit den Songs mit apokalyptischer Thematik auch übertreiben. Okay, mag man einwenden, aber warum dann "Proud Mary"? Der Titel bezieht sich doch nur auf den Namen eines Mississippidampfers und hat somit höchstens ganz ganz indirekt etwas mit der Allerseligsten Jungfrau zu tun! -- Wohl wahr, aber mir geht es hier um etwas anderes. Nämlich, in erster Linie jedenfalls, um die Textstelle 
"You don’t have to worry ‘cause you have no money
people on the river are happy to give"
Gastfreundschaft, ein sehr großes #BenOp-Thema. Davon abgesehen: der Sound...! (Nebenbei bemerkt ist "Proud Mary" eins der Lieblingslieder meiner kleinen Tochter.) 



Platz 13: Tesla, "Signs" (1990) 


Der Song "Signs" wurde erstmals 1970 veröffentlicht, und zwar von einer außerhalb ihrer Heimat eher wenig bekannten kanadischen Gruppe namens Five Man Electrical Band; aber 20 Jahre später machte die kalifornische Band Tesla daraus einen Five Man Acoustical Jam (so der Titel des Live-Albums, auf dem die Nummer erschien). Und, ich kann es nicht leugnen: Das Hippie-Revival der frühen 90er war eine sehr prägende Zeit für mich. Allerdings dachte ich damals zunächst, der Song hieße "Science" (und war der Meinung, die Textstelle "Science says you’ve got to have a membership card to get inside" ergebe voll und ganz Sinn). 

Tatsächlich ist das "lyrische Ich" von "Signs" eine Art moderner Eulenspiegel, der durch eine Welt voller Ge- und Verbotsschilder spaziert und die auf diesen Schildern eingeforderten Verhaltensmaßregeln radikal infrage stellt. In der letzten Strophe bekommt hier auch die institutionalisierte Religion ihr Fett weg, aber man kann feststellen, dass sie im Vergleich zu anderen Repräsentanten von Autorität noch ziemlich gut wegkommt: Stein des Anstoßes ist hier lediglich der Umstand, dass der Protagonist kein Geld für die Kollekte hat. Dass er sich daraufhin ein Schild bastelt, auf dem er Gott dankt, dass Er sich quasi "trotzdem" um ihn kümmert, empfinde ich als eine ausgesprochen sympathische Wendung. 



Platz 12: Blind Melon, "Tones of Home" (1992) 


Das Debütalbum der kurzlebigen kalifornischen Band Blind Melon würde ich ebenfalls dem Hippie-Revival der frühen 90er zurechnen. Folgerichtig handelt es sich auch bei "Tones of Home" - eher noch mehr als bei dem großen Hit der Band, "No Rain" - um ein Bekenntnis zum Nonkonformismus, zum Ausstieg aus dem Hamsterrad der Zivilisation. Die zweite Strophe ("I always thought this would be the land of milk and honey / But I’ve come to find out that it's all hate and money") kann als explizite Absage an den "Amerikanischen Traum" bzw. an das Glücksversprechen des Kapitalismus interpretiert werden, und kontrastiert wird dieses mit einer Vision von "Zuhause", im Video repräsentiert durch ein kleines altes Farmhaus, komplett mit Veranda, Schaukelstuhl, Autoreifenschaukel und einer liebenswert exzentrischen Oma im Blümchenkleid -- die sich dem aufmerksamen Zuschauer am Ende übrigens als das alt gewordene Bienenmädchen aus dem "No Rain"-Video zu erkennen gibt. Schön. 



Platz 11: Canned Heat, "Goin' Up the Country" (1968) 


Nun aber vom Hippie-Revival zurück zur originalen Hippie-Generation! "Goin’ Up the Country" gilt als Hymne der Hippie-Landkommunenbewegung, was einerseits naheliegend erscheint, aber andererseits ist es wohl kein großes Geheimnis, dass es in dem Songtext zumindest auf einer Bedeutungsebene um die Flucht vor der Einberufung zum Wehrdienst geht. 

Nebenbei gilt der Song auch als inoffizielle Hymne des Woodstock-Festivals; er spielt auch eine prominente Rolle im Film zum Festival, wo im Anschluss an die Anmoderation von Bandmitglied Bob "The Bear" Hite (in der dieser den Songtitel "Goin’ Up the Country" scherzhaft darauf bezieht, sich zum Pinkeln in die Büsche zu schlagen) allerdings die Studioaufnahme des Songs eingespielt wird, und zwar zur Untermalung von Aufnahmen der Anreise von Festivalbesuchern. Und ich muss sagen: Ich find's entzückend, wie da die farbenprächtig gewandeten Hippies, einige mit Kindern, einige mit Wanderrucksäcken, einige mit bunt angemalten und mehr oder weniger klapprigen Autos, auf das Farmgelände strömen. Mir ist bewusst, dass manche konservativen Gemüter mein Wohlgefallen hieran wohl eher nicht teilen werden, aber die hätten bestimmt auch gemeckert, als König David nackt vor der Bundeslade tanzte. Hab ich Recht? -- Hervorzuheben ist übrigens, dass in dem Filmausschnitt auch drei Ordensschwestern zu sehen sind. Die Hintergrundgeschichte dazu gibt es hier


Soviel einstweilen für heute; nächste Woche steigen wir dann in die Top 10 ein! 




Mittwoch, 27. März 2019

Von Küstern und Buchsbaumzünslern

Meine Wohnortpfarrei gehört, wie ich bestimmt schon mal erwähnt habe, zu einem Pastoralverbund aus vier formal (noch) selbständigen Pfarreien mit insgesamt sieben Standorten (oder acht, wenn man die Krankenhauskapelle im Vivantes-Klinikum mitrechnet). Daraus soll zukünftig ein "Pastoraler Raum" werden, wie das im Erzbistum Berlin heißt; aber der ist offiziell noch nicht eröffnet. Jedenfalls gibt es Woche für Woche zwei volle DIN-A-4-Seiten Vermeldungen aus allen Gemeindeteilen (wobei die tabellarische Übersicht über die Gottesdienstzeiten noch nicht mitgezählt ist), und wenn man Pech hat, werden die am Ende der Sonntagsmesse auch komplett und ungekürzt verlesen. Man kann sie sich natürlich auch als PDF von der Homepage der Pfarrei runterladen. Das habe ich mit den Vermeldungen der laufenden Woche getan -- in erster Linie, um mich zu überzeugen, wie dort die Büchertreff-Eröffnung angekündigt wurde. Dann fielen mir allerdings zwischen den zahlreichen mehr oder weniger banalen Ankündigungen zwei Vermeldungen auf, die ich aus unterschiedlichen Gründen einigermaßen beunruhigend fand. Zunächst diese: 
"Für unseren Standort Allerheiligen suchen wir ab Ende April drei zuverlässige Gemeindemitglieder, die abwechselnd ehrenamtlich den Küsterdienst übernehmen. Selbstverständlich gibt es eine Einführung in den Dienst. Sollte sich niemand finden, können wir den Sonntagsgottesdienst nicht mehr gewährleisten." 
Die im letzten hier zitierten Satz enthaltene Information, die einem da so ganz nebenbei in den Vermeldungen untergejubelt wird (bei denen die meisten Gottesdienstbesucher schon aufgrund der Überfülle an Informationen ohnehin die Ohren auf Durchzug zu stellen gewohnt sein dürften), ist im Grunde ein ganz schöner Hammer. Die Kirche Allerheiligen im Ortsteil Borsigwalde ist tatsächlich die einzige des Pastoralverbunds, in der ich noch nie war; aber das hat wahrscheinlich nicht besonders viel zu sagen. Jedenfalls habe ich mich ein bisschen über ihre Geschichte informiert: Eine eigene Kuratie für den Ortsteil Borsigwalde wurde im Jahr 1938 eingerichtet, zunächst wurde dort nur ein Pfarrhaus gebaut, der geplante Bau einer Kirche wurde durch den Zweiten Weltkrieg vorerst verhindert und erst 1954/55 mit Hilfe von Spenden aus den USA verwirklicht. Bis 2004 war Allerheiligen Borsigwalde eine eigenständige Pfarrei, dann wurde sie mit St. Bernhard Tegel-Süd zusammengelegt

Laut aktueller Gottesdienstordnung gibt es in Allerheiligen derzeit noch jeden Sonntag sowie an zwei Werktagen pro Woche eine Heilige Messe; aber jetzt läuten wegen akuten Küstermangels die Alarmglocken. Zu der vielleicht naheliegenden Frage, wieso die Pfarrei sich eigentlich keinen hauptamtlichen Küster leistet, kann ich nicht viel sagen, da ich über die finanzielle Situation dieser Pfarrei nichts Genaues weiß; ich kann nur sagen, dass auch an "meinem" Gottesdienststandort der Küsterdienst ausschließlich von einer Gruppe Ehrenamtlicher versehen wird (und dass diese zuweilen ganz schön auf dem Zahnfleisch gehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil es in dieser Kirche relativ viele Hochzeiten und Taufen außerhalb der regulären Gottesdienstzeiten gibt). Da ich, wie gesagt, in der Kirche Allerheiligen noch nie war, kann ich auch nichts darüber sagen, wie stark die Sonntagsmessen dort besucht sind, wie die Altersstruktur der Gemeinde ist, wie viele Leute es dort theoretisch gäbe, die geeignet wären, den Küsterdienst zu übernehmen, und was die womöglich für persönliche Gründe haben, dafür nicht zur Verfügung zu stehen. Kurz gesagt, ich kann mit so gut wie überhaupt keinen Details zu diesem speziellen Fall aufwarten; aber Fakt ist, wir sind hier mit der Aussicht konfrontiert, dass ein Gottesdienstort aufgegeben wird, weil es an Ehrenamtlichen fehlt. Wenn dieser Umstand nicht geeignet ist, der von mir hier schon mehrfach erhobenen Forderung Nachdruck zu verleihen, das gängige Verständnis von Mitgliedschaft und Mitarbeit in einer Pfarrgemeinde grundsätzlich zu überdenken, dann weiß ich es aber auch nicht. 

Freilich kann nicht ausgeschlossen werden, dass die drohende Abwicklung des Standorts Allerheiligen den Verantwortlichen des Pastoralverbunds im Grunde ganz recht ist und der Ehrenamtlichenmangel somit vielleicht sogar nur ein Vorwand ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der sogenannte "Pastorale Prozess 'Wo Glauben Raum gewinnt'" mittelfristig auf eine Reduzierung von Standorten hinauslaufen wird; und wie es aussieht, hat im Raum Reinickendorf-Süd die Kirche Allerheiligen soeben die Pole Position auf der Streichliste erobert. Man kann argumentieren, das sei halbwegs sozialverträglich: Die Pfarrkirche St. Bernhard ist nur 1,7 km entfernt und es gibt eine gute Busverbindung -- 5 Minuten Fahrzeit, weitere fünf Minuten Fußweg. Dennoch ist diese Vermeldung natürlich ein Warnschuss: Die Gemeindeteile an den anderen Standorten des Pastoralverbunds können sich schon mal Gedanken darüber machen, welche Kirche wohl als nächste dran ist. Von der Papierform her spricht wohl einiges für St. Joseph Tegel, aber andererseits: Die haben eine KiTa. Ob die aus Sicht der Pastoralplaner ein hinreichender Grund ist, die dortige Kirche auch als Gottesdienststandort zu erhalten, weiß ich zwar nicht, aber es könnte sein. Mit großer Sicherheit nicht geschlossen wird St. Marien Maternitas in Heiligensee, denn der dortige Gemeindeteil hat erstens Kohle und ist zweitens auch in den Gremien überrepräsentiert. Kurz und gut, mir scheint, "mein" Kirchenstandort sollte sich lieber mal warm anziehen. Ein Grund mehr, sich um eine Stärkung des Gemeindelebens zu bemühen

Und die andere Neuigkeit aus den Vermeldungen? 
"Ob am Palmsonntag Buchsbaumzweige und Weidenkätzchen von der Pfarrei bereit gestellt werden, können wir aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit und vermehrt aufgetretener Pflanzenkrankheiten noch nicht zusagen, Wer sich selbst etwas besorgten kann, möge dies im Blick behalten." 
Ich gestehe, meine erste spontane Reaktion darauf war "Die wollen uns doch wohl verarschen". Oder, eine Spur konzilianter ausgedrückt: Ich hatte den Verdacht, dass hier in Wirklichkeit wieder einmal mangelnde organisatorische Fähigkeiten den eigentlichen Kern des Problems darstellen. Die hauptamtlichen Mitarbeiter haben notorisch weder Zeit noch Lust, sich mit solchen Dingen zu befassen, diejenigen Ehrenamtlichen, an denen diese Art von Aufgaben seit Jahren hängen zu bleiben pflegt, haben langsam aber sicher den Kanal voll, und andere, die vielleicht Abhilfe schaffen könnten, wissen überhaupt nichts von der Existenz des Problems. (Okay, jetzt wissen sie's, vorausgesetzt sie lesen die Vermeldungen.) Und die Krönung des Ganzen ist die unverhohlene Indolenz, mit der den Gemeindemitgliedern mitgeteilt wird: Besorgt euch eure Palmzweige gefälligst selber.  

Eine kurze Recherche später muss ich allerdings einräumen, dass ich das Ausmaß des Problems unterschätzt habe. Genauer gesagt, ich habe den Buchsbaumzünsler unterschätzt. Wie Tante Wiki verrät, ist der Buchsbaumzünsler "ein ostasiatischer Kleinschmetterling", der "zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Mitteleuropa eingeschleppt wurde und sich heute zur invasiven Spezies entwickelt hat. Die Raupen können Schäden durch Kahlfraß an Buchsbaum verursachen." 

Buchsbaumzünsler-Raupe bei Verzehr eines Buchsbaumsblattes (gemeinfrei, Bildquelle hier
Dass diese gefräßigen Raupen die traditionelle Anfertigung von Buchsbaumsträußen zu Palmsonntag bedrohen, war schon im vorigen Jahr Thema in den Kirchenzeitungen der Bistümer Fulda, Limburg und Mainz sowie im Neuen Ruhr-Wort. Aktuell berichtet die Presse über Buchsbaummangel beispielsweise in Emmerich (Bistum Münster), Hamm (dito) und im Kreis Viersen (Bistum Aachen). Es war also offenkundig voreilig, die Schuld am Buchsbaumdilemma bei der Unfähigkeit oder Gleichgültigkeit der hiesigen Pfarreimitarbeiter zu suchen. 

Indes hat es den Anschein, dass die Probleme mit dem Buchsbaumzünsler lokal sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. In manchen Gegenden Deutschlands gibt es offenbar noch Buchsbaum bis zum Abwinken. So viel, dass die Leute nicht wissen, wohin damit. Bei "eBay Kleinanzeigen" habe ich just heute noch stolze 119 Einträge zum Stichwort "Buchsbaum zu verschenken" (!) gefunden, darunter auffälligerweise mehrere aus meiner Heimatgegend, also Nordenham/Butjadingen/Stadland. Ich erwähne das nicht etwa, weil ich meine, die vom Buchsbaumzünsler geplagten Pfarreien sollten sich Buchsbaumzweige aus anderen Bundesländern zuschicken lassen. Es ist mir nur so aufgefallen. 

Was also bleibt zu tun? Nun, der erste Schritt wäre, zu prüfen, ob sich nicht doch noch Mittel und Wege finden, irgendwo größere Mengen an Buchsbaum aufzutreiben; Mittel und Wege, auf die die "Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht"-Fraktion schlichtweg nicht kommen würde. Ich habe mal meine Liebste auf das Problem angesetzt (als hätten wir nicht schon genug anderes zu tun). Und wenn nicht, dann gibt es natürlich noch Alternativen in Form anderer immergrüner Sträucher.  Die sind in der Regel allerdings etwas teurer. Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.

Zusammenfassend gesagt könnte man aus beiden Meldungen - derjenigen über den Küstermangel wie auch derjenigen über den Buchsbaummangel - die Botschaft herauslesen, dass die "einfachen Gemeindemitglieder" (die "Kirchenbankdrücker", könnte man sagen) mehr Engagement, Eigeninitiative und Kreativität entwickeln müssen, wenn sie wollen, dass ihre Gemeinden am Leben bleiben. Und das wäre ja eine Botschaft, die mir durchaus aus der Seele spricht. Das Problem ist, dass das so klar nicht kommuniziert wird -- und schon gar nicht auf eine Art, die irgendwie motivierend oder ermutigend wäre. Kommuniziert wird stattdessen: Tja, Leute, alles geht den Bach runter; wir - die Verantwortlichen dieser Pfarrei bzw. dieses Verbunds von Pfarreien - können es nicht ändern, und ehrlich gesagt haben wir auch keinen Bock drauf. -- Und bei so einer Einstellung muss man sich natürlich über nichts wundern. Höchstens darüber, dass überhaupt noch irgendwas läuft.