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Donnerstag, 13. Juli 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #38

Seid gegrüßt, Leser! Dieses Wochenbriefing ist das letzte, bevor ich mit meiner Familie in den Sommerurlaub abdampfe, und ich übernehme keinerlei Garantie dafür, dass die Reihe "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim" auch aus dem Urlaub heraus pünktlich jeden Donnerstag um 18 Uhr erscheinen wird. Lasst Euch überraschen! Übrigens möchte ich gleich vorausschicken, dass im aktuellen Wochenbriefing nicht nur erneut die Rubrik "Währenddessen in Tegel", sondern erstmals auch die Rubrik "Neues aus Synodalien" entfallen muss. Bin einfach zu sehr in Urlaubsstimmung, um mich mit so etwas zu befassen. Genug Stoff fürs Wochenbriefing gibt es zudem auch ohnedies!  


Spandau oder Portugal 

Die Sonntagsmesse in St. Joseph Siemensstadt sollte von den Haselhorster Pfadfindern mitgestaltet werden – genauer gesagt von den Wölflingen, und die älteren Wichtelkinder durften als Komparsen dabei sein; die Vorbereitungen fanden im Rahmen des Stammestreffens am Samstag statt, und die Wichtelgruppenleiter nutzten dieses Treffen dann auch gleich für Terminansprachen und sonstige Planungen. Angepeilt ist jetzt, dass die Wichtelgruppe im September noch zwei Schnuppertermine anbietet und ab Oktober dann alle zwei Wochen regelmäßige Gruppentreffen veranstaltet. Genaueres werde ich noch bekanntgeben. Jedenfalls kann ich schon mal festhalten, dass ich die Atmosphäre innerhalb des Wichtelgruppen-Leitungsteams als sehr angenehm und vielversprechend empfinde – und gespannt bin, wie die Dinge sich weiter entwickeln. 

Als wir nach dem Pfadfinder-Stammestreffen zur Bushaltestelle gingen, trafen wir eine Mitarbeiterin der EFG The Rock Christuskirche, die wir vom JAM kennen. Sie erzählte uns, dass in ihrer Gemeinde an diesem Wochenende die Spandauer Bibeltage stattfanden, und lud uns sehr herzlich dazu ein; meine Liebste wäre im Prinzip auch durchaus interessiert gewesen (ich selbst ehrlich gesagt etwas weniger, auch wenn ich mich über die freundliche Einladung freute), aber so richtig passte es nicht in unseren Tagesablauf. Dass in der Gorkistraße, kaum fünf Minuten von unserem Zuhause, ein Sommerfest mir Straßenmusik, Kinderschminken, Riesenseifenblasen und allem Pipapo gab, kriegten wir auch erst mit, als es schon wieder so gut wie vorbei war. 

Die Mitwirkung der Wölflinge an der Sonntagsmesse umfasste drei Kyrie-Rufe, fünf Fürbitten sowie vor allem ein Predigt-Anspiel, bei dem wie gesagt auch die älteren Wichtelkinder mit auftreten durften und das den doppelten Zweck erfüllte, der Gemeinde einen Eindruck davon zu vermitteln, was bei den Haselhorster Pfadfindern so alles gemacht wird, und einen Bezug zum Evangelium vom Tage herzustellen. Ich würde sagen, es gelang recht gut. 

"Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid" (Mt 11,28 – aus dem Evangelium vom Sonntag)

Im Anschluss an die Messe grillte die örtliche Kolpingsfamilie auf dem Kirchenvorplatz Würstchen, da blieben wir natürlich noch ein bisschen und bauten unsere sozialen Kontakte in der Gemeinde aus. 


Bei der Gelegenheit bekam ich auch die aktuelle Ausgabe der Mitgliederzeitschrift des Kolping-Diözesanverbands Berlin ("KiEB – Kolping im Erzbistum Berlin") in die Hände und überflog das Editorial – in dem mir zwei Details auffielen, die ich aus ganz unterschiedlichen Gründen interessant fand. Das eine war ein Zitat aus einem Brief Karl Marx' an Friedrich Engels aus dem Jahr 1869, in dem der große Theoretiker des Sozialismus sich bitter über die Konkurrenz der katholischen Arbeiterbewegung beklagt: "Die Hunde", so Marx, "kokettieren [...], wo es passend scheint, mit der Arbeiterfrage"; daher müsse "energisch, speziell in den katholischen Gegenden, gegen die Pfaffen losgegangen werden". Ein bisschen tragikomisch wirkt es, dass als Quelle für dieses Zitats ausgerechnet ein Buch eines anderen bekannten Autors namens Marx angegeben wird, nämlich des heutigen Erzbischofs von München und Freising. – Das andere interessante Detail dieses Editorials war die Information, dass beim jüngsten Konveniat der Diözesan-Präsides des Kolpingwerks in Köln Erik Flügge als Vortragsredner zu Gast war. Von dem hat man in letzter Zeit ja wenig gehört, aber im Geschäft ist er demnach also doch noch. Bei seinem Kolping-Gig verunsicherte er seine Zuhörer mit der Frage, wieso die Zeugen Jehovas in Deutschland bekannter seien als das Kolpingwerk, obwohl das letztere deutlich mehr Mitglieder habe. Ich muss schon sagen: Flügge ist zwar ein Dummschwätzer vor dem Herrn, aber wie es ihm immer wieder gelingt, die Apparatschiks in den kirchlichen Gremien und Verbänden zu verblüffen und herauszufordern, einfach weil er über die in diesen Kreisen ausgesprochen rare Fähigkeit und Bereitschaft verfügt, außerhalb der Box zu denken, das gefällt mir zuweilen doch ziemlich gut. 


Tagesreste (musikalische und andere) 

Nach dem Kolping-Grill-Event ging es für uns direkt weiter zum Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel bzw. der zukünftigen Urban Tech Republic, wo ein "Erlebnistag" der Berliner Feuerwehr stattfand. Da war mächtig was los – für meinen Geschmack, angesichts meiner tief sitzenden Abneigung gegen Menschenmengen, im Grunde zu viel, und die Hitze machte das Ganze noch zusätzlich anstrengend. Interessant war allerdings die Erfahrung, dass man, sobald man ein bisschen vernetzt ist, in jeder Menschenmenge Bekannte trifft: Wir begegneten zwei Familien, die wir von der Pfarreiarbeit in Siemensstadt und Haselhorst kennen, und einer weiteren, die wir vom JAM kennen. 

Ich hielt mich überwiegend in der Halle auf, wo die Temperaturen einigermaßen erträglich waren und wo es auf der Bühne zeitweilig Live-Musik gab; zunächst von der Band Monkey on a Wire, die ihren Stil und ihr Repertoire als "Mischung aus klassischem Country, gefühlvollen Balladen, aktueller Musik und auch eigenen Songs" beschreibt.  Ich würde sie als "so ähnlich wie Texas Lightning, falls sich an die noch jemand erinnert" beschreiben. Eigentlich nicht unbedingt mein bevorzugter Musikstil, aber irgendwie fand ich sie doch ganz gut. Neben allerlei Stücken, die ich nicht kannte, coverten sie so unterschiedliche Songs wie "I'm a Train" von Albert Hammond, "Solsbury Hill" von Peter Gabriel und "This is the Life" von Amy Macdonald, alle in demselben Stil, was mich mit dem obskuren Wunsch erfüllte, noch mehr Lieder in diesem locker-flockigen Country-Pop-Sound interpretiert zu hören. "Seven Nation Army" von den White Stripes, "Self Esteem" von The Offspring, "99 Luftballons" – warum denn nicht. Ich will damit sagen, das Konzept ist ausbaufähig. Aber irgendwann hatte die Band halt auch mal Feierabend. Zum Abschluss des Programms spielte die Rock-Coverband Suarez, die mich schon beim Soundcheck, bei dem sie "All Along the Watchtower" anspielte, für sich einnahm und ihren Auftritt dann mit "It's a Long Way to the Top (If You Wanna Rock'n'Roll" von AC/DC eröffnete. Dieses Stück enthält notorischerweise einen prägnanten Dudelsack-Part, und tatsächlich trat die Band hier zusammen mit einem in Ehren ergrauten, stilecht in Kilt, Plaid und Glengarry gewandeten Dudelsackpfeifer auf; das hatte was. 

Allgemein war das Programm beider Bands erheblich besser als die Konservenmusik, die dazwischen lief, denn die bestand überwiegend aus Schlagern der Helene-Fischer-Richtung (z.B. "Herzbeben"). Ein Song ließ mich hier allerdings aufhorchen, zunächst wegen der extrem larmoyanten Stimme, die mich an das grässliche "Die immer lacht" erinnerte, und dann wegen des Texts, in dem der moralische Zeigefinger eher schon ein Daumen war. Eine bezeichnende Textstelle lautete: 

"Er und er, zwei Eltern die ihr Kind zur KiTa bring'n / 
Sie und sie tragen jetzt den gleichen Ring /
Alles ganz normal" – 

wozu ich zunächst mal anmerken möchte: Wäre das wirklich so normal, gäbe es keinen Grund, darüber zu singen. – Eine schnelle Google-Recherche verriet mir, dass es sich um das Lied "Regenbogenfarben" von Kerstin Ott (und ja, das ist tatsächlich die, die "Die immer lacht" verbrochen hat) im Duett mit Helene Fischer handelte. Noch Fragen? Insgesamt erinnerte mich das Ganze an ein Thema, über das ich schon gelegentlich mal sinniert habe; nämlich, welchen Anteil das Schlager-Business daran hat, klassische Kaffeekränzchen-Omis mit Blumenkohllöckchen zu "Allies" der LGBTQ-Bewegung zu machen. Vielleicht sollte ich darüber mal bloggen; ich nehme es mal in die Themenvorschlagsliste für die nächste Publikumsumfrage auf, unter dem Arbeitstitel "Die Rosenstolz-Verschwörung"

Die Feuerwehr baut einen Regenbogen. 

Am Dienstag hatte unsere Große zum letzten Mal vor den Sommerferien einen Probe- bzw. Eingewöhnungstag an ihrer zukünftigen Schule,  und währenddessen machten unser Jüngster und ich uns einen Vater-Sohn-Tag. Als während einer Spaziertour mit dem Kinderwagen plötzlich laute Musik an mein Ohr drang, von der ich fand, dass sie sich ziemlich "live" anhöre, fragte in den Junior: "Sollen wir mal gucken, wo die Musik herkommt?" Er bejahte das entschieden, und so gelangten auf das Gelände des "Grünen Hauses", dessen Räumlichkeiten teils vom Humboldt-Gymnasium, teils von der Musikschule Reinickendorf genutzt werden. Dort fand ein Hoffest statt, und eine Schülerband coverte Rockklassiker. (Einer der beiden Gitarristen war vermutlich ein Lehrer; für einen Schüler sah er jedenfalls ein bisschen zu alt aus.) Das Fest neigte sich bereits dem Ende zu, als wir ankamen, aber mein Herr Sohn weigerte sich entschieden, das Gelände wieder zu verlassen, solange die Band spielte. Ich schätze, seine Leidenschaft für Musik sollten wir wirklich im Auge behalten. 

Der gestrige Mittwoch war in Berlin und Brandenburg (und übrigens, der Vollständigkeit halber sei's gesagt, auch in Hamburg) der letzte Schultag vor den Sommerferien und somit für meine Liebste der letzte Arbeitstag vor unserem Urlaub. Als wir nach ihrem Feierabend gemeinsam mit den Kindern durch die Tegeler Fußgängerzone schlenderten, fiel uns auf, dass einige Geschäfte am Zeugnistag mit Sonderangeboten für Schüler warben, die Einsen auf dem Zeugnis hatten: 


– worauf wir uns natürlich fragten: Ist das nicht unfair gegenüber denjenigen Kindern bzw. Jugendlichen, die Alternativschulen besuchen, an denen es gar keine Zensuren gibt? – Verteidiger des Regelschulsystems (und die gibt es ja – ein paar kenne ich sogar persönlich) würden hier vielleicht sarkastisch einwenden, die Schüler von Alternativschulen hätten noch ganz andere Probleme oder würden spätestens dann welche bekommen, wenn sie ins Berufsleben einzutreten versuchen. Umgekehrt könnten Kritiker des Regelschulsystems aber auch sagen, es sei den Schülern, die sich rund 200 Tage im Jahr für gute Noten abplagen, doch wohl zu gönnen, dass sie dafür wenigstens an einem Tag im Jahr Slush-Eis und Crêpes mit Nutella bekommen. 

Jedenfalls veranlassten diese Beobachtungen uns zu einer längeren Diskussion über Sinn und Unsinn unterschiedlicher Schulkonzepte und der Anforderungen, die da jeweils an die Schüler gestellt werden; wir führten dieses Gespräch in der Snack-Ecke des REWE-Markts im Tegel-Quartier, und wie es sich fügte, saßen am Nebentisch zwei Frauen mit zusammen ungefähr vier Kindern, die sich, nachdem sie aufgeschnappt hatten, worüber wir redeten, kurzerhand ins Gespräch einschalteten, da sie sich ebenfalls für Themen wie Freilernen und alternative Schulkonzepte interessierten. Daraus entwickelte sich eine sehr nette und anregende Unterhaltung. 

Am Nachmittag gingen wir dann zum JAM – zum vorerst letzten Mal, denn in den Schulferien findet diese Veranstaltungsreihe nicht statt. Dafür gibt es aber im August, in der vorletzten Ferienwoche, die Kinderbibelwoche. Da waren wir schon letztes Jahr mit unseren Kindern, und es war super; daher gehe ich davon aus, dass wir auch dieses Jahr wieder mit dabei sind. Bei der Kinderbibelwoche gibt es alles, was am JAM so toll ist, nur noch mehr davon. Also, vielleicht trifft man da ja mal den einen oder anderen...  


Was ich gerade lese 
  • zu Studienzwecken: Norbert Greinacher, Ja zur weltlichen Welt. Vortrag beim 82. Deutschen Katholikentag 1968 in Essen. 
Ich hatte ja schon vorige Woche prognostiziert, dass dieser Vortrag schlimm werden würde, aber dass er so schlimm werden würde, hatte ich dann doch nicht erwartet. Ärgerlich sind nicht nur die Anschauungen, die Greinacher vertritt, sondern auch und nicht zuletzt die mangelnde intellektuelle Redlichkeit seiner Argumentation. Dieser Vortrag wimmelt nur so von Passagen, die als Paradebeispiele dafür herhalten könnten, was der Lateiner "non sequitur" nennt: Ausgehend von religions- oder theologiegeschichtlichen Darlegungen, die mehr oder weniger plausibel, zum Teil wohl sogar unstrittig sind, springt Greinacher zu Schlussfolgerungen, die eigentlich keine sind, weil sie sich nicht logisch aus dem zuvor Gesagten ableiten lassen. Er macht das so oft, dass man denken könnte, er habe eine Wette darüber am laufen, wie lange man ihm das durchgehen lässt. Seine zentrale These lautet, die geschichtliche Entwicklung hin zu einer weltlichen, d.h. der Sphäre des Religiösen gegenüber autonomen Welt sei im Christentum, ja eigentlich sogar schon im Alten Bund bereits angelegt – insofern, als die Welt als Schöpfung eines allmächtigen und transzendenten Gottes und somit, anders als in den heidnischen Religionen, als selbst nicht göttlich angesehen werde. Mag diese Argumentation dem normalen menschlichen Verstand bereits ein gewisses Kopfzerbrechen bereiten, ist sie mit ein bisschen Übung in Dialektik durchaus noch verdaulich; Greinacher treibt diese Dialektik jedoch ins offensichtlich absurde Extrem, bis hin zu der Behauptung, eine "authentische Verweltlichung der Welt" sei "christlich bedingt und vom Glauben her erfordert" und das Ansinnen einer "Verkirchlichung der Welt" sei "in sich unchristlich". – Der argumentative Pferdefuß des ganzen Vortrags besteht darin, dass Greinacher nirgends klarstellt, wo er von der Kirche als Institution – als Machtapparat, wenn man so will – und wo von der Kirche als Glaubensgemeinschaft spricht. Dabei wäre das eine ausgesprochen wichtige Unterscheidung: Während es sicherlich auch und gerade aus christlicher Sicht überzeugende Gründe gibt, es gutgeheißen, wenn zahlreiche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, der Wissenschaft, Sozialfürsorge etc. institutionell unabhängig von der Kirche sind, ist der Glaube, den zu verkünden und zu lehren zentraler Auftrag der Kirche ist, dem Anspruch nach universell gültig, und es wäre aus gläubiger Perspektive absurd, zu sagen, für gesellschaftliche Bereiche, die sich von der Kirche emanzipiert haben, könne oder dürfe die kirchliche Lehre keine Gültigkeit mehr beanspruchen. Diese Ebenen vermengt Greinacher permanent miteinander, und ich habe den Verdacht, er macht das nicht etwa aus Doofheit, sondern mit voller Absicht. 
Wenn mich jemand fragte, was meiner Auffassung nach von dem Engagement, das meine Liebste und ich fünf Jahre lang in die Gemeinde Herz Jesu Tegel investiert haben, geblieben ist, dann würde ich antworten: das Büchertauschegal im Vorraum zur Besuchertoilette der Kirche. Das war wirklich eine reine Eigenleistung von uns: Wir hatten die Idee, wir haben das Regal als solches besorgt, es an Ort und Stelle aufgestellt und auch die ersten ca. 100 Bücher eingestellt. (In einem ganz ähnlichen Sinne ist auch der Babywickeltisch in der Besuchertoilette ein Vermächtnis von uns, aber davon wollte ich jetzt nicht reden.) Allem Anschein nach wird das Büchertauschegal immer noch gut genutzt, und als ich da neulich mal wieder nach dem Rechten sah, fiel mir sofort das Buch "Ella auf Klassenfahrt" von Timo Parvela ins Auge. Ein anderes Buch dieser Reihe, "Ella und das Abenteuer im Wald", hatten wir unlängst aus der Bücherei ausgeliehen gehabt; dieser Umstand veranlasste mich, "Ella auf Klassenfahrt" kurzerhand mitzunehmen, und das Tochterkind wählte es, nachdem wir "Eine zauberhafte Verwandlung" aus der Reihe "Silberwind, das weiße Einhorn" durch hatten, direkt als neue Gutenachtlektüre aus. Es scheint das grundlegende Handlungsmuster der "Ella"-Reihe zu sein, dass die Ich-Erzählerin und ihre Klassenkameraden mitsamt ihrem gutwilligen, aber tollpatschigen und vom Pech verfolgten Lehrer wider Willen in ein Abenteuer hineingeraten. Im vorliegenden Fall geht es damit los, dass die Schulklasse eigentlich auf Klassenfahrt in den sonnigen Süden fliegen will, durch eine Verwechslung jedoch ins falsche Flugzeug gerät und ohne ihr Gepäck in Lappland landet. Die ersten Kapitel waren für meinen Geschmack etwas allzu überkandidelt und dick aufgetragen, aber ab dem Zeitpunkt, als der Betreiber einer Ferienhäuser- und Wintersportanlage, der sich als der Vater des Lehrers herausstellt und den die Kinder für den Weihnachtsmann halten, sich der Gestrandeten annimmt, wird es dann doch interessant: Aufgrund einer Reihe von mit kindlicher Phantasie fehlinterpretierten Indizien glauben Ella und ihre Klassenkameraden, der Weihnachtsmann wolle sich zur Ruhe setzen und seinen Sohn, also ihren Lehrer, zu seinem Nachfolger machen, und sie selbst sollten Weihnachtswichtel werden. Und ein Buch über Wichtel finde ich als Wichtelgruppenleiter selbstverständlich interessant...! 


Aus dem Stundenbuch 
Sooft du etwas Gutes zu tun beginnst, bitte zuerst inständig darum, dass Gott es vollende. Dann braucht er, der uns jetzt gnädig unter seine Söhne aufgenommen hat, nicht dereinst über unser böses Tun betrübt zu sein. Denn immer müssen wir ihm mit den Gaben, die er in uns legt, so gehorchen, dass er nie als erzürnter Vater uns, seine Söhne, enterbt oder als strenger Herr, zornig über unsere Sünden, uns wie nichtsnutzige Knechte der ewigen Strafe überantwortet, weil wir ihm zur Herrlichkeit nicht folgen wollten. 
Stehen wir also endlich einmal auf; die Schrift weckt uns und sagt: Die Stunde ist gekommen, sich vom Schlaf zu erheben.  Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht, und hören wir mit aufmerksamem Ohr, was die Stimme Gottes uns jeden Tag mahnend zuruft: "Wenn ihr heute seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht!" (Ps 95,7-8) Ferner: "Wer Ohren hat zum Hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt." (Mk 4,9; Offb 2,7) Und was sagt er? "Kommt, meine Söhne, hört mir zu! Ich will euch in der Furcht des Herrn unterweisen." (Ps 34,12) "Lauft, solange ihr noch das Licht des Lebens habt, damit euch nicht die Finsternis des Todes überfällt." (Vgl. Joh 12,35
Was könnte uns, liebe Brüder, willkommener sein, als diese Stimme des Herrn, der uns einlädt? Seht doch, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben.
Umgürten wir uns also mit dem Glauben und der Übung der guten Werke, und gehen wir unter der Führung des Evangeliums seine Wege, damit wir ihn schauen dürfen, der uns in sein Reich gerufen hat. Wenn wir im Zelt seines Reiches wohnen wollen, müssen wir mit guten Taten vorwärtseilen; sonst werden wir nie dorthin gelangen. 
Wie es einen bösen und bitteren Eifer gibt, der von Gott trennt und zur Hölle führt, so gibt es auch einen guten Eifer, der von der Sünde trennt und zu Gott und zum ewigen Leben führt. 

Ohrwurm der Woche 

Fettes Brot: Falsche Entscheidung 


Ein solidarischer Gruß der Rapper aus Halstenbek, Pinneberg und Schenefeld ("Das war leider nie der Mittelpunkt der Szenewelt") an "alle Mauerblümchen, alle grauen Mäuschen, alle Streberleichen, alle Pickelfressen, alle hässlichen Entlein, alle Linkshänder, alle Bettnässer und dicke Mädchen, Muttersöhnchen, Spargeltarzans, Bohnenstangen, Mäusemelker, Brillenschlangen, Sitzenbleiber, alle Angsthasen und alle Schreckschrauben". Ich denke, da kann sich manch einer, einschließlich meiner bescheidenen Person, drin wiederfinden – was freilich einmal mehr die Frage aufwirft, wer eigentlich die Lieder, Bücher und Filme für die Leute schreibt, die in ihrer Jugend am oberen Ende der sozialen Hackordnung unter ihren Altersgenossen standen. Ich habe mir diese Frage schon öfter gestellt, und meine Arbeitshypothese lautet: Wahrscheinlich sind die allgemein nicht so kunstinteressiert


Blogvorschau 

Zunächst einmal möchte ich mir ein wenig selbst auf die Schulter klopfen, dass es mir endlich mal wieder gelungen ist, zwischen zwei Wochenbriefings ein paar andere Artikel fertigzustellen und zu veröffentlichen, nämlich die zwei Teile des "Traums von der erneuerten Gemeinde". Und ich bin recht optimistisch, dass auch der Urlaub mich nicht daran hindern wird, diesen positiven Trend in Sachen Produktivität fortzusetzen. "Bloggen als unehrenhafte Form des Journalismus" ist jedenfalls schon mal in Arbeit, das Dossier "Warum eigentlich 'Punkpastoral'?" ebenfalls (letzteres verspricht allerdings ziemlich aufwendig zu werden). Aus der letzten Publikumsumfrage ist dann noch "Shopping-Queens und Horsefluencerinnen" offen, einige Artikelserien warten auf Fortsetzung (darunter natürlich nicht zuletzt die eingekerkerte Nonne!), und an neuen Artikelideen mangelt es ebenfalls nicht. Wie ich im Zuge der Arbeit am "Traum von der erneuerten Gemeinde" festgestellt habe, steckt in diesem Thema noch Stoff für mindestens zwei weitere Artikel (über "Predigt als Information und 'call to action'" sowie "'Zeitgemäße' oder 'überzeitliche' Liturgie?"), und oben in den "Tagesresten" habe ich ja die Idee zu einem Artikel mit dem Arbeitstitel "Die Rosenstolz-Verschwörung" festgehalten. Zum Thema "Freilernen u./o. alternative Schulkonzepte" sollte ich wohl auch mal was schreiben, aber vielleicht überlasse ich das Thema doch lieber meiner Liebsten, schließlich ist sie die studierte Pädagogin in der Familie. 

Da fällt mir übrigens ein, ich muss sie mal wieder daran erinnern, dass sie der Netzwelt noch einen Artikel zum Thema "Mit kleinen Kindern im Gottesdienst" schuldet. Immerhin hat sie ja jetzt Urlaub... 


Mittwoch, 12. Juli 2023

Der Traum von der erneuerten Gemeinde (Teil 2)

Wir erinnern uns: Kürzlich habe ich hier die Überlegungen zum Thema Gemeindeerneuerung vorgestellt, die Lothar Zenetti, seinerzeit Stadtjugendpfarrer in Frankfurt am Main, 1966 in seinem Buch "Heiße (W)Eisen" darlegte; und wie schon angekündigt, möchte ich diese nun zu einem ebenfalls dem Thema Gemeindeerneuerung gewidmeten, 32 Seiten starken Anhang zum "Komm-mit-Kalender" für das Jahr 1970 in Beziehung setzen. – 

Wer den "Komm-mit-Kalender" nicht kennt, dem sei verraten, dass es sich dabei um ein von 1949 bis 2001 jährlich erscheinendes Taschenbuch mlt wetterfestem Kunststoffeinband handelte, das neben einem Kalendarium und den üblichen Tabellen mit Maßen und Gewichten, Postleitzahlen und Autokennzeichen, unregelmäßigen englischen Verben usw. umfangreiche Text- und Bildbeiträge zu einer recht großen Bandbreite an Themen enthielt. Die Publikation war entschieden katholisch ausgerichtet und richtete sich vorrangig an die Mitglieder kirchlicher und/oder in der Tradition der Wandervogelbewegung stehender Jugendverbände, Pfadfinder, Ministranten etc. In seiner Spätzeit, in den 80er und 90er Jahren, galt der "Komm-mit-Kalender" als ausgesprochen konservativ bzw. als das, was man heute gern "rechtskatholisch" nennt; insbesondere infolge eines kritischen Beitrags des Fernsehmagazins "report" im Jahr 1994 stand der "Komm-mit-Kalender" teilweise sogar im Ruf rechtsextremer Tendenzen. – Diese Einordnung schicke ich hauptsächlich deshalb voraus, weil man allein aufgrund der Textpassagen, die ich im Folgenden zu zitieren gedenke, wohl kaum auf die Idee käme, diese Publikation für besonders konservativ zu halten. 

"Seit dem Konzil hat sich – Gott sei Dank! – vieles bei uns in der Kirche gewandelt", heißt es da gleich einleitend (S. 385). Freilich wird sogleich auch vor Fehlentwicklungen gewarnt, die aus der nachkonziliaren Aufbruchsstimmung entstehen könnten – insbesondere vor der "Gefahr [...], dass aus unserer bisher 'braven' Kirche eine Kirche wird, die nur diskutiert und alles zerredet" (ebd.). Im Lichte späterer Entwicklungen eine sehr profunde Aussage, möchte man meinen... Das zentrale Anliegen des gesamten Anhangs wird zusammengefasst in der Feststellung: "Nur der aktive, mitwirkende Christ, der sich gleichermaßen um den tiefen Christus-Glauben wie um dessen Verwirklichung in dieser Welt täglich müht, wird bestehen können. [...] [W]enn wir tatsächlich Christi Lehre ernst nehmen, sein Gebot der Gottes- und Nächstenliebe verwirklichen und uns auf Erden ernstlich um den Himmel bemühen wollen, müssen wir alle Kräfte in uns und um uns mobilisieren" (S. 385f.). Man kann gar nicht nachdrücklich genug betonen, dass das im Horizont der Zeit eine progressive Position ist: Die Reformen des II. Vatikanischen Konzils werden begrüßt, weil und insofern sie darauf abzielen, die Laien, die einfachen Gemeindemitglieder zu aktivieren, zu fordern und in die Verantwortung zu nehmen. Die Notwendigkeit solcher Reformen wird begründet mit der Einsicht, dass die scheinbar heile Welt des vorkonziliaren Kirchenmodells längst auf tönernen Füßen stand. So heißt es, die christliche Prägung des Familienlebens sei durch "linksliberales Fernsehen, unchristliche Zeitungen, antichristliche Zeitschriften" untergraben worden – und derartige schädliche Einflüsse zurückzudrängen, könne und dürfe man nicht allein der institutionellen Kirche überlassen: "Selbst wenn der Kaplan ein Supermann wäre, Starfußballspieler, Meisterboxer, Jugendleiter und begeisternder Prediger in einer Person" – ein interessantes Anforderungsprofil übrigens! –, "er kann auch nicht allein gegen eine antichristliche, oberflächliche, gleichgültige Welt ankommen, die allein auf Genuss und Luxus ausgerichtet ist" (S. 385). 

Okay, zugegeben: Nach Gaudium et Spes klingt das nun nicht gerade. Wenn man gerade erst einige auf dem 82. Deutschen Katholikentag in Essen 1968 (unter dem bezeichnenden Motto "Mitten in dieser Welt") gehaltene Ansprachen gelesen hat, in denen es darum geht, dass die Kirche ihre Frontstellung gegenüber der vermeintlich bösen und gottlosen Welt aufgeben müsse, dann fällt umso mehr auf, mit welcher Selbstverständlichkeit hier die "Welt" als ein dem Christentum feindlich gegenüberstehendes Prinzip identifiziert wird. Dennoch ist das Verhältnis zur Welt, das dem Christen hier anempfohlen wird, nicht etwa – wie sowohl im zeitgenössischen als auch im heutigen Diskurs immer wieder gern unterstellt wird – von Abschottung, vom "Rückzug ins Ghetto" geprägt, sondern vielmehr von einem missionarischen Impetus: Man soll und muss auf die Leute zugehen, aber nicht, um es sich in ihrer Welt gemütlich zu machen, sondern um sie ins eigene Lager herüberzuholen. 

Das beginnt mit einem Thema, das – wie mir nicht zuletzt die persönliche Erfahrung zeigt – in nicht wenigen Gemeinden bis heute ungebrochen aktuell ist: dem Thema "Willkommenskultur für Neuzugezogene und/oder seltene Kirchgänger". So liest man auf S. 392: "Vielleicht finden wir in der Kirche neue Gesichter, Neuzugezogene, Studenten, Rentner, Bundeswehrsoldaten. Mögen die Älteren den Mut haben, sie einzuladen, die Jüngeren die neuzugezogenen Kinder anzusprechen und zu Spiel, Sport und Gruppe einzuladen!" Ein logisch folgerichtiger nächster Schritt besteht darin, die Voraussetzungen dafür zu verbessern, dass mehr Leute überhaupt erst einmal den Weg in die Kirche finden; hierzu werden praktische Maßnahmen empfohlen, mit denen die Pfarrkirche im Ort "sichtbarer" und attraktiver gemacht werden kann – von der Verbesserung der Beleuchtung (innen und außen), einer besseren Ausschilderung der Eingänge und der Öffnungszeiten sowie der Aufstellung von Papierkörben auf dem Kirchenvorplatz zur Vermeidung wild herumliegenden Abfalls (z.B. "Zigarettenpackungen und -Kippen", S. 399) über die Aufstellung von Schaukästen nicht nur vor der Kirche selbst, sondern "an allen wichtigen Punkten" des Pfarreigebiets bis hin zur Beschriftung der Fassade mit dem Namen der Kirche "in großen Metall-Buchstaben"; ja, es wird sogar angeregt, "auf dem Turm und auf dem Kirchenschiff je ein Tag und Nacht leuchtendes Neon-Kreuz" anzubringen, zudem soll der "Turm nach allen 4 Seiten eine große Leuchtuhr erhalten" (S. 398). 

Zu den Anregungen für die handfeste, zupackende Praxis (die bei Zenetti, der sich eher auf die Liturgie konzentriert, weitgehend fehlen; aber vielleicht müsste man zur Ergänzung noch ein anderes Buch von Zenetti – "Initiativen. Junge Christen in einer großen Stadt"  von 1964 – lesen) zählt auch die Gründung einer "Bau-Hütte": "alle handwerklich begabten Männer und Handwerker" der Gemeinde sollen gebeten werden, "bestimmte Arbeiten in der Kirche und dem Jugendheim am Samstag kostenfrei zu übernehmen" – eine Art "Subbotnik" also. "Das Material wird gestellt", immerhin (S. 402). Angeregt wird weiterhin "ein Jugendspielplatz direkt auf der Wiese vor der Kirche", denn: "besser so die Jugend zur Kirche heranzuholen als gar nicht". In dieselbe Richtung geht der "Ausbau des großen Kirchenkellers als Tischtennis- und Sportraum" (S. 403). 

Indes ist es durchaus nicht so, dass der bei Zenetti so stark in den Fokus gerückte Aspekt der Gottesdienstgestaltung hier keine oder nur eine marginale Rolle spielte. Vielmehr wird eingeräumt, die "Gestaltung des Gottesdienstes" sei "sicher verbesserungsfähig" – woraus die Aufforderung resultiert: "Überlegen wir uns, wie wir helfen können. Als Vorbeter, Ordner, Fürbitten zusammenstellen, Texte, Lieder aussuchen, Organist, Kirchenchor oder noch besser Jugendchor und Musikschar gründen, Gestaltung von Kinder- oder Jugend-Gottesdiensten, Predigtvorschläge machen" (S. 393). Geeignete "Sprecher, Vorbeter" usw. sollen durch einen Vorlesewettbewerb ermittelt werden; nicht fehlen darf auch ein "liturgischer Arbeitskreis", der sich "um die abwechslungsreiche Auswahl guter Gebete, um die Gestaltung der Kindergottesdienste, Jugendmessen usw." kümmert – sowie auch um den "Vortrag von passenden Gedichten, Sprechchor" – aha?!? (S. 401). 

Das progressive Selbstverständnis, dass diesen gesamten Anhang prägt, wird exemplarisch deutlich, wenn die Erwähnung der zur Nachahmung empfohlenen Praxis, dass der Pfarrer sich nach der Messe vor das Hauptportal der Kirche stellt, um die Messbesucher zu begrüßen, mit dem Hinweis eingeleitet wird: "Unser Pfarrer ist modern" (S. 400). Es wird aber noch erheblich moderner: "Bei uns hat bereits einmal ein Laie über Biafra gepredigt. Wir hoffen, dass die Laien jetzt regelmäßig predigen dürfen. Auch sind statt Predigten Podiums-Diskussionen geplant und auch Diskussionen mit den Kirchenbesuchern." Da staunt der Fachmann, und der Basischrist wundert sich! Interessant ist dabei allerdings auch, dass es ein durchaus waches Bewusstsein für die Gefahren einer solchen "offenen Form" gibt – z.B für die Gefahr, dass "fremde Störtrupps" versuchen könnten, "den Gottesdienst umzufunktionieren". Für diesen Fall wird – sofern ein "gewaltloses Hinausdrängen unmöglich" sein sollte – empfohlen, "sofort die Kirche zu verlassen und nach Hause zu gehen. Nur der Pfarrer und zwei bis drei Ordner sollen zur Beobachtung zurückbleiben" (S. 403). Reizende Zustände! – Angeregt wird weiterhin "die Heranziehung von Tonband- und Schallplattenpredigten [...]. Auch ein guter Kurzfilm könnte bei unserer auf Bilder und Fernsehen eingestellten Jugend und Zuhörerschaft besser informieren und überzeugen als eine Predigt" (ebd.). – Man bekommt einen Eindruck davon, wie revolutionär das Klima in der Kirche damals gewesen sein muss, wenn selbst eine nach heutigen Maßstäben ausgesprochen konservative Publikation solche Ideen äußert. 

Auch interessant ist ein Artikel auf S. 404f., der sich unter der Überschrift "Von der Theorie zur Praxis" hauptsächlich einem Einzelaspekt der Mitwirkung von Laien an der Gottesdienstgestaltung widmet: dem Projekt eines "Predigt-Arbeitskreises". "Es begann damit, dass wir nach dem Abendgottesdienst mit dem Pfarrer ins Jugendheim zogen und über die Predigt diskutierten. Unser Pfarrer drehte den Spieß um und bat uns um Vorschläge und Anregungen." Als Beispiele für die Früchte eines solchen Arbeitskreises werden in dem Artikel zehn Vorschläge für Predigt-Themen zu verschiedenen Evangelien-Perikopen vorgestellt; die Entwürfe zielen sämtlich darauf ab, den Hörern der Predigt konkrete, praxisbezogene Anregungen für tätiges Christsein "mitzugeben". Die Vorstellung, Predigten sollten einen ausgeprägten Praxisbezug haben und idealerweise auch konkrete Handlungsanweisungen oder jedenfalls -anregungen für die Hörer enthalten, wird in den nachfolgenden Jahrgängen des "Komm-mit-Kalenders" noch häufiger eine Rolle spielen; man vergleiche auch, wie Zenetti sich die Wortverkündigung im Rahmen der von ihm propagierten Jugendgottesdienste in freier Form vorstellt: "Die Lesung des Gotteswortes trifft [...] die Hörer [...]. Man hört, vergleicht und diskutiert[!]: Was ist von uns gefordert, wie verhalten wir uns, wie helfen wir? Daraus wird ein Gebet formuliert, eine Fürbitte, ein Gotteslob. Und wenn irgend möglich, erwächst uns auch die Einsicht, was zu tun ist, und der Wille zur Konsequenz" (Zenetti, S. 34). Man könnte hier noch darauf verweisen, dass die Verbindung der Elemente Information, Konfrontation mit biblischen Texten, Ansprache, Aufruf zur Aktion und Diskussion mit der Gemeinde auch für das "Politische Nachtgebet" kennzeichnend war, das Dorothee Sölle, Fulbert Steffensky und andere ab Herbst 1968 monatlich in der Kölner Antoniterkirche abhielten, aber das würde an dieser Stelle wohl etwas zu weit führen. Insgesamt scheint mir, dass die verschiedenen Belege für ein Predigtkonzept, das im Wesentlichen auf Information und "call to action" setzt, ebenso wie die weiter oben angeklungenen Ideen zur Modernisierung und "Multimedialisierung" der Liturgie, ausreichend Stoff für einen eigenständigen Artikel abgibt. 

Ausgesprochen bezeichnend für die grundsätzliche Ausrichtung des Anhangs "Du und deine Kirche" im "Komm-mit-Kalender" 1970 finde ich ein auf S. 394 abgedrucktes Gebet, das ich daher ohne weiteren Kommentar hier wiedergeben möchte: 

"HERR, gib, dass ich in dem Kampf um Deine Weltherrschaft nicht meine Nächsten vergesse: meine Angehörigen, meine Mitarbeiter, meine Nachbarn. 

Herr, schenke mir 
den Opfermut eines Kommunisten, 
die Beharrlichkeit eines Zeugen Jehovas, 
die Unermüdlichkeit eines Kapitalisten, 
wenn es gilt, Deiner Sache zum Siege zu verhelfen." 

Ganz zum Schluss, auf S. 416, folgt dann noch ein nur gut eine halbe Seite langer Beitrag über "Unsere Welt-Kirche", in dem u.a. auf das Problem des Priestermangels hingewiesen wird – allerdings vorrangig nicht im eigenen Land, sondern eher in "den unterentwickelten Ländern" ("so fehlen allein in Südamerika über 100 000 Priester"). In diesem Zusammenhang heißt es, es seien "Überlegungen im Gange, wie man bei diesem Priestermangel doch Gottes Auftrag, allen Menschen die frohe Botschaft zu verkünden, erfüllen" könne. "So werden heute verheiratete, angesehene Männer zu Diakonen geweiht, die den Priester bis auf due Sakramente-Spendung vertreten können. Man hat jetzt auch einen Herrn (Witwer) zum 'Priester im Nebenberuf' geweiht. Es gibt auch Priester und Laien, die vorschlagen, dass man das Priesteramt (Priesterweihe) nicht immer unbedingt mit der Verpflichtung zum Zölibat (Ehelosigkeit) verbinden solle'." 

Ein eindeutiges Urteil über solche Vorschläge wird nicht gefällt; stattdessen heißt es: "Wie die Entwicklung auch sein wird, wir alle müssen beten und arbeiten, dass Christi Wunsch in Erfüllung geht und die Kirche immer weiter wächst." Denn: "Es geht nicht um die Erfüllung unserer Wünsche, sondern um den Wunsch Christi." Dieser Satz drückt präzise aus, worin sich die Haltung zu kirchlichen Reformen, die auf diesen Seiten des "Komm-mit-Kalenders" vertreten wird, von der Haltung zahlreicher anderer "progressiver" Initiativen und Bewegungen der Nachkonzilszeit unterscheidet. 

Insgesamt möchte ich diesen Anhang als bemerkenswertes Dokument einer Haltung betrachten, die man "rechtgläubige Progressivität" nennen könnte: Die Reformimpulse des II. Vatikanischen Konzils werden als Aufruf zur Stärkung und Vertiefung des Glaubenslebens, nicht zu dessen Aufweichung und Verflachung verstanden (das nimmt übrigens auch Zenetti explizit für sich in Anspruch); das progressive Element liegt in dem Bewusstsein, dass die pastorale Praxis und die öffentliche Selbstrepräsentation der Kirche in vielerlei Hinsicht einer Modernisierung bedürfen, aber auch wenn in dieser Hinsicht zum Teil deutlich übers Ziel hinausgeschossen wird, wird die Glaubenslehre als solche nicht in Frage gestellt, im Gegenteil. Aus heutiger Sicht erscheint diese "rechtgläubige Progressivität" als "a path not taken in Church history"; erst in neuerer Zeit findet man Elemente davon unter dem Leitgedanken der Neuevangelisierung wieder. – Dass der Zug der kirchlichen Entwicklung, gerade in Deutschland, in der Nachkonzilszeit in eine ganz andere Richtung dampfte, müsste eigentlich spätestens seit dem Essener Katholikentag von 1968 deutlich zu erkennen gewesen sein; dieser Umstand wird im "Komm-mit-Kalender" jedoch nicht reflektiert, auch in den folgenden Jahrgängen nicht. 

Wie sich bereits abgezeichnet hat, werden wir auf diesen ganzen Themenkomplex wohl noch verschiedentlich zurückkommen müssen; bevor ich aber für diesmal zum Schluss komme, möchte ich doch noch ein paar fragmentarische Überlegungen dazu anstellen, warum aus den Impulsen zur Gemeindeerneuerung, die in den späten 60ern und frühen 70ern im Schwange waren, so wenig geworden ist. Eine nicht unbedeutende Rolle dürfte es gespielt haben, dass ein großer Teil der "einfachen, normalen Gläubigen" in den Kirchenbänken schlichtweg kein besonderes Interesse an Neuerungen und Veränderungen hatte und schon genug damit zu tun hatte, die einschneidenden Änderungen der gottesdienstlichen Praxis zu verdauen, die infolge der Liturgiereform über sie hereinbrachen, als dass sie noch darüber hinaus bereit gewesen wären, sich für Neues und Unvertrautes zu begeistern oder gar aktiv dafür zu engagieren. Auf der anderen Seite gerieten diejenigen, deren Naturell es eher entsprach, Dinge bewegen zu wollen, statt alles beim Alten zu lassen, in dieser Zeit allzu leicht in den Sog politischer Radikalisierung, genereller Rebellion gegen Tradition, Dogma und Hierarchie und/oder esoterisch-universalistischer Irrlehren. Man kann davon ausgehen, dass diese Tendenzen sich wechselseitig verstärkten, dass also der Konservatismus der Einen die Anderen noch weiter ins "progressive" Lager trieb und umgekehrt; und ich möchte darüber hinaus die These wagen, dass die dadurch bedingte Vertiefung des ideologischen Grabens innerhalb der Kirche bis heute (und gerade heute) dazu führt, dass die Etiketten "konservativ" bzw. "progressiv" auch solchen Gruppierungen, Strömungen oder Einzelpersonen angeheftet werden, auf deren Positionen diese Bezeichnungen kaum oder gar nicht sinnvoll anwendbar sind

Aber das muss alles noch zu Ende gedacht werden... 


Sonntag, 9. Juli 2023

Der Traum von der erneuerten Gemeinde (Teil 1)

"Das Ende des ersten nachkonziliaren Jahres ist davon gekennzeichnet, dass sich die Kirche in leidenschaftliche innere Kämpfe verstrickt hat", liest man in Manfred Plates Buch über die Würzburger Synode. Dieses erste nachkonziliare Jahr war das Jahr 1966 – jenes Jahr, in dem John Lennon mit der Aussage Aufsehen erregte, die Beatles seien "beliebter als Jesus"' und das Christentum werde in absehbarer Zeit "abnehmen und verschwinden". Es war auch das Jahr, in dem Lothar Zenetti – damals Stadtjugendpfarrer in Frankfurt am Main – ein Buch mit dem Titel "Heiße (W)Eisen – Jazz, Spirituals, Beatsongs, Schlager in der Kirche" veröffentlichte. Im selben Jahr hatte die Deutsche Bischofskonferenz einen Beschluss gefasst, demzufolge "Musik mit Jazz und jazzähnlichen Elementen [...] für die Eucharistiefeier nicht gestattet" sei, und es verwundert nicht, dass Zenetti als vielleicht größter Jazzkenner im deutschen Klerus (bereits 1953, noch als Kaplan, hatte er in der Zeitschrift "Jazz-Podium" eine Artikelserie zum Thema "Der Jazz und die Religion" publiziert) sich zu einer Stellungnahme veranlasst sah. In dem Buch geht es aber um weit mehr als um die Frage, welche Art von Musik für den Gottesdienst taugt und welche nicht: Zenetti betrachtet diese Frage explizit nur als einen Teilaspekt weit umfassenderer Erwägungen zu einem erneuerten Kirchen- und Gemeindeverständnis nach dem II. Vatikanischen Konzil. In seinem Vorwort betont er, er wolle mit diesem Buch "ein volles Ja zur Verkündigung des Evangeliums" sagen, "das wir nicht unserem Geschmack angleichen dürfen, das vielmehr uns herausfordert, umzudenken und umzukehren", zugleich jedoch ein "Nein [...] zu bloßem Wiederkauen des Gewesenen und Gehabten. Nein zu allem Sichabfinden, zu aller Selbstsicherheit, die so tut, als sei alles in bester Ordnung. Nein aber auch zu einem Modernsein um jeden (meist um den halben) Preis. Nein zu verbilligtem Christentum. Aussendung und Ausverkauf ist nicht dasselbe" (S. 6). 

"Macht Euch Luft in der etablierten Kirche". Foto aus Manfred Plate, "Das deutsche Konzil" (nachbearbeitet) 

Aus heutiger Sicht möglicherweise überraschend – besonders für Anhänger der Vorstellung, "vor dem Konzil" wäre die katholische Welt im Großen und Ganzen noch in Ordnung gewesen und erst danach wäre alles den Bach runter gegangen – ist es, dass Zenetti schon 1966 einen massiven Niedergang der religiösen Praxis in katholischen Familien diagnostiziert, der wohl kaum über Nacht eingetreten ist: 

"Gemeinsames Gebet, abendlichen Schriftlesung, religiöses Gespräch, vielfältiges Brauchtum sollten doch eigentlich die außer der Arbeit bleibenden Werktagsstunden, vor allem aber den 'Tag des Herrn' prägen. [...] In vielen Familien, die sich katholisch nennen, ist aber all das erstorben. Während das Vergnügungsprogramm, das Fernsehen im Mittelpunkt stehen (bezeichnenderweise 'Zerstreuung' statt 'Sammlung'), macht jeder bestenfalls 'Religion' privat mit sich ab. Ohne die Stützen gemeinsamer Frömmigkeit aber ist der einzelne in seinem privaten Bereich überfordert, und so ist bald die bleibende Klage unvermeidlich, man könne nicht mehr beten. Die Gebets- und Glaubensnot als Folge religiöser Verkümmerung unserer Familien belastet schon die Überzahl unserer Kinder und Jugendlichen – sie belastet natürlich auch die religiöse Verkündigung in Schule, Kirche und Jugendarbeit" (S. 36f.). 

Wenn Zenetti in diesem Zusammenhang anmerkt "Was in Familien gläubiger evangelischer Christen, aller Sekten und auch der Juden selbstverständlich ist, müsste auch bei uns lebendig sein" (ebd.), dann fällt es auf, dass er den Begriff "Sekte", ganz anders als im heutigen Sprachgebrauch üblich, ohne negative Konnotation verwendet – etwa in dem Sinn, wie in der Religionssoziologie Max Webers und Ernst Troeltschs "Sekte" eine weitgehend wertfreie Bezeichnung für eine bestimmte Sozialgestalt von Religionsgemeinschaften ist, die man heute eher "Freikirche" nennen würde. Dass Zenetti, wie sich hier schon andeutet, und die religiöse Praxis in den sogenannten "Sekten" sogar als vorbildlich gegenüber der volkskirchlichen Ödnis herausstellt, wird noch deutlicher, wenn er in einem Kapitel mit der Überschrift "Die erneuerte Gemeinde" den Besuch eines Sonntagsgottesdiensts in einer "pfingstbewegten 'Freien Christengemeinde'" (S. 306) schildert und gegen den Besuch einer Heiligen Messe am selben Tag kontrastiert. 

"In der Kirche der 'Freien Christengemeinde' ist um 9.30 Uhr und nachmittags um 17 Uhr Gottesdienst", beginnt Zenetti seinen Bericht. "Ich sehe, dass die meisten Leute sich begrüßen und leise ein paar Worte wechseln, wenn sie sich zueinander setzen. [...] Trotz der Größe – [...] unten rund zweihundert Sitze, oben eine [...] jetzt unbesetzte Empore mit vielleicht nochmals hundert Plätzen – wirkt alles sehr familiär" (S. 304). Auch noch nach dem Gottesdienst "steht man lange beisammen, und der Prediger spricht mit den Leuten" (S. 306). Von genau dieser "Familiarität und Herzlichkeit", von der Zenetti sich "beeindruckt" zeigt (ebd.), findet er in der katholischen Kirche, die er am selben Tag besucht, keine Spur: "Keiner nahm Notiz vom anderen. Jeder suchte sich einen Platz in der Bank, betete kurz und setzte sich nieder" (S. 307). – Sicherlich könnte man mit einigem Recht einwenden, das Gemeinschaftserlebnis sei ja nun nicht unbedingt das wichtigste am Gottesdienst; allerdings stellt Zenetti fest, dass die Haltung der Gottesdienstteilnehmer zueinander auch mit ihrer Haltung zum Gottesdienstgeschehen zu korrespondieren scheint. Das beginnt damit, dass in der Freikirche, als das erste Lied gespielt wird, "alle aus voller Kehle mitsingen" (S. 304), während er in der katholische Kirche die Beobachtung macht: "Die Orgel intonierte sehr laut das erste Lied, aber es sang kaum jemand mit. Die Leute blieben reserviert. Sie lasen in mitgebrachten Büchern oder schauten vor sich hin. Ich denke, es waren ebenso viele wie in dem Gottesdienst der Freien Gemeinde gewesen. Aber während dort alle merklich beteiligt waren, so spürte man in der Messe bei allem, was auch geschah, eine eigenartige Distanz und Kühle" (S. 307). Dabei betont er, die Pfarrei, in der diese Messe gefeiert wurde, gelte "als eine der besten in der Stadt, und die Form, wie die Messe gestaltet war, konnte im Sinne der Neuregelung der Liturgie durch das Konzil durchaus würdig und gerecht genannt werden" (S. 306); "am Altar vollzog sich alles mit Würde und Feierlichkeit. Und doch schien es, als gehe das Rituell [sic] weit da vorne niemanden aus dem Volk in Wirklichkeit etwas an" (S. 307).  

Zenettis auch an anderen Stellen seines Buches zum Ausdruck kommendes generelles Misstrauen gegenüber der Liturgie – dem "Rituell", wie er es nennt (komisches Wort!) – wird besonders deutlich, wenn er die Frage aufwirft, "ob ein derart strenggezügeltes und bis ins Letzte festgelegtes Rituell nicht alles ausschließt und verhindert, was wir als Voraussetzung für ein vitaleres Beten und Singen gefordert hatten: Freiheit, Familiarität und Freude, vor allem aber auch jene Gelöstheit und Offenheit, jene Erlebnis-Intensität, die das Wehen und Wirken des Heiligen Geistes wohl erst ermöglicht" (S. 310). Dagegen ließe sich allerlei einwenden, u.a. unter Verweis auf das Liturgie-Unterkapitel der "Benedikt-Option"; aber das wäre wohl eher mal ein Thema für einen separaten Artikel – in dem man auch näher auf den Umstand eingehen könnte, dass Zenetti sich tendenziell selbst widerspricht, wenn er der Liturgie die Schuld an der fehlenden "Familiarität und Freude", "Gelöstheit und Offenheit" und "Erlebnis-Intensität" in katholischen Gottesdiensten zuweist. An anderer Stelle bemerkt er nämlich: "Wir sind dabei, die Liturgie neu zu ordnen. Wir freuen uns über jeden echten guten Schritt nach vorn. Aber vertrauen wir nicht doch zu sehr auf neue Rubriken, die von oben angeordnet sind? Das wirklich Neue wächst von innen" (S. 308). Dass er an keiner Stelle darauf zu kommen scheint, dass das intensive Gemeinschaftsgefühl, das er in der Freikirche erlebt hat, nicht zuletzt auch daher rühren könnte, dass die Gemeindemitglieder sich eben nicht nur sonntags im Gottesdienst treffen, wirkt bedenklich; auch darauf wird gegebenenfalls noch zurückzukommen sein. 

Als bedeutsam betrachtet Zenetti es hingegen, dass im freikirchlichen Gottesdienst die Trennlinie zwischen aktiv Mitwirkenden und bloßem "Publikum" dadurch durchlässiger erscheint als im katholischen, dass erheblich mehr Gemeindemitglieder in die Gestaltung und den Ablauf des Gottesdienstgeschehens einbezogen sind; das beginnt schon damit, dass nach dem ersten Lied der Prediger ankündigt, "nun werde Bruder Schneider ein paar Worte der Eröffnung sagen. Der Angesprochene kommt nun vor ans Pult. Er weist auf eine Stelle im Jakobusbrief hin (4,13-17), über die er sich manchmal seine Gedanken mache, morgens auf dem Weg zur Bank, wo er arbeitet. Er spricht einfach und gebraucht Vergleiche aus dem alltäglichen Leben. Anschließend singt der Chor mit Gitarren und Orgel ein Lied von Jesu Güte und Treue" (S. 304); und wie wir noch sehen werden, kommen im weiteren Verlauf des Gottesdienstes noch zahlreiche andere Gemeindemitglieder zu Wort. Hingegen sei, so konstatiert Zenetti, "bei uns", also in der katholischen Kirche, der Gottesdienst "[n]och immer [...] Sache des Klerus, der dazu bestellten Leute – und nicht die Sache aller. Es kommt ja auch sonst niemand zu Wort, selbst da nicht, wo es leicht möglich wäre, etwa bei den Fürbitten" (S. 309). Dem Thema Fürbitten widmet er daher bei seinem Vergleich zwischen freikirchlichem Gottesdienst und katholischer Messe besondere Aufmerksamkeit. In der Messe, die Zenetti schildert, liest der Pfarrer die Fürbitten "aus einem Buch vor": 

"Aber was außer frommen Gemeinplätzen war da eigentlich ausgesprochen? Abgesehen davon, dass eigentlich nur Bitten für uns selber, also keine wirklichen Fürbitten für andere ausgesprochen waren. Manche solcher vorgedruckten Bitten sind mit ihrem 'dass Du ... wollest' auch sprachlich schlimm. Und landauf, landab nehmen die Geistlichen sonntags solche ärmlichen oder ärgerlichen Vorlagen her, um die Bitten ihrer Gemeinde an diesem Sonntag vor Gott zu tragen. Man sollte doch meinen, wenn die so oft und so gern 'mündig' genannten Christen der Gemeinde schon nicht zu Wort kommen (wollen?), dann sollte wenigstens der Priester soweit ein Mann Gottes sein, dass er die aktuellen Anliegen ohne Briefsteller formulieren könnte. Neulich allerdings sagte einer: 'Ich bin froh, dass unser Pfarrer aus einem Buch vorliest, dadurch wird das Schlimmste verhütet...' Aber ist das nicht schlimm genug?" (S. 308). 

Ganz anders läuft es im freikirchlichen Gottesdienst ab; hier "kündigt der Prediger an, man wolle nun fürbittend vor Gott treten, und er empfehle dem Gebet besonders die Schwester, die Mitte der Woche gestürzt sei und sich ein Bein gebrochen habe" (S. 305). Und prompt wird die Gemeinde lebendig: 

"Auf der linken Seite fragt eine Frau, in welchem Krankenhaus sie liege, und der Prediger nennt das Bürgerhospital. Ein Mann meint, man sollte die Schwester K. nicht vergessen; sie könne schon so lange wegen ihrer Krankheit den Gottesdienst nicht besuchen. Andere Namen werden genannt. Dann beginnt der Prediger das Gebet. Nach ihm spricht eine Frau in der zweiten Reihe vorne, ein junger Mann vom Chor, ein Mädchen, eine alte Frau [...] und so noch drei oder vier Leute mitten aus der Gemeinde. Jeder betet in seiner Weise, aber jeder echt und mit großem Ernst, ganz aus dem Augenblick. Keiner benutzt einen geschriebenen Text oder eine Notizzettel. Und dennoch gibt es eigentlich niemals eine Unsicherheit, ein Stocken, eine missglückte Wendung [...]. Während des Betens haben alle die Augen geschlossen und denken mit ungeheuren Ernst, ja einer gewissen Anstrengung, das Gebet mit. Die verschiedenen freien Gebete aus dem Munde der Gläubigen scheinen aus einer Tiefe und Glaubenskraft zu kommen, wie sie nur wirkliches und lange geübtes Gebetsleben bringen kann. Die Formulierung überzeugen nicht nur persönlich, sondern sind auch sicher und durchweg von großer Schönheit. Das Ganze geht an die zehn Minuten, und es gibt keinerlei Unordnung, aber auch kein Reglement. Da man aufeinander hört, ergibt sich alles wie von selbst, und die einzelnen Stimmen fügen sich wie zu einem einzigen Gebet zusammen" (S. 305f.). 

Ein paar Seiten später kommt Zenetti noch einmal auf diese Schilderung zurück: 

"Als ich einer jungen Ordensschwester, die im Schwesternhaus bei der Messe vorzubeten pflegt, von dem freien Beten in jener Freien Gemeinde erzählte, sozusagen mit dem Hinweis, ähnlich solle man es doch auch einmal versuchen, da äußerte sie erschrocken: Nein, so etwas könne sie nicht, da würde sie sich selbst im kleinen Kreis ihrer Mitschwestern genieren. – 'Sie waren ein Herz und eine Seele', so heißt es von den ersten Christen. – Aber wenn heute offensichtlich nicht einmal Priester und Schwestern es mehr vermögen oder wagen, von Herzen zu beten, selbst im kleinen Kreis der Werktagsmesse oder Andacht nicht, wie sollen dann die Gläubigen aktiv werden und im Gottesdienst einmütig und frei um etwas bitten?" (S. 308f.).

Die Reaktion dieser Ordensschwester kann man als exemplarischen Beleg für Zenettis Einschätzung betrachten, viele, vielleicht "die meisten" Katholiken seien "wohl sogar zufrieden damit", nicht aktiv in das Gottesdienstgeschehen einbezogen zu werden: "Sie suchen ihre Ruhe und ihre Andacht und wollen nicht weiter behelligt sein. Man mache einmal den Versuch, in einer Stadtpfarrei bei Ausfallen eines Vorbeters etwa einen der nächstbesten Gläubigen (!) zum Vorbeten zu bitten oder zu ministrieren oder den Sammelkorb zu nehmen. Wer wird schon, wenn kein Organist da sein sollte, aus sich, ohne Weisung, nur um des Gottesdienstes willen, ein Lied anstimmen?" (S. 309). Man darf wohl konstatieren, dass das in vielen Kirchengemeinden auch heute noch nicht grundsätzlich anders aussieht, und bei manch einem Leser mag sich hier der Einwand regen, wenn die Leut' nun mal so seien, dann solle man sie doch lassen, wie sie sind. Dieser Meinung ist Zenetti ganz entschieden nicht: "Immer wieder fordert die Liturgiekonstitution die Konzils die tätige Teilnahme der Christen", ruft er in Erinnerung. Wie aber bringt man die Leute dazu, dies auch zu wollen? Zenetti meint: "Erst wenn eine brüderliche, geistliche Atmosphäre entsteht (entstehen darf!), in der – ähnlich den Neger-[sic!] und vielen Sektenkirchen – Herzlichkeit, Spontaneität und leibseelische Beteiligung aller bestimmend sind, wird eine wirklich 'tätige Teilnahme' der Gemeinde möglich werden" (ebd.). An anderer Stelle äußert er: "Von Christen, die ständig vom Mindestmaß leben, kann lebendiger Glaube in den einzelnen und den Gemeinden nicht kommen. Religiöses Leben erwächst aus Eifer, Interesse, aus Opfer und Dienst (wider alle Bequemlichkeit), aber auch aus Freude, eben aus dem, was über das 'Muss' hinaus geschieht" (S. 37f). 

Wer mich und/oder meinen Blog schon etwas länger kennt, den wird es nicht unbedingt überraschen, dass diese Zeilen Zenettis bei mir auf einige Sympathie stoßen. Es bleibt aber natürlich die Frage: Wie erreicht man es denn, nicht nur einzelne Personen dazu zu motivieren, sich "über das 'Muss' hinaus" einzusetzen (um einmal nicht "engagieren" zu sagen), sondern in einer ganzen Gemeinde ein Klima zu schaffen, das nicht von Minimalismus und Mittelmäßigkeit geprägt ist, sondern von Eifer und Freude? – Zum Teil muss man die Überlegungen, die Zenetti hierzu anstellt, unter dem Gesichtspunkt "Hinterher weiß man immer mehr" betrachten. Einigermaßen tragikomisch wirken so beispielsweise Überlegungen, ob die Gemeinden nicht einfach zu groß seien, um persönliche Beziehungen zu ermöglichen. Ein echtes Luxusproblem in einer Zeit, in der man, ohne rot zu werden, 150 Teilnehmer bei einer Frühmesse oder Andacht als Normalität voraussetzen konnte (wie Zenetti es beiläufig auf S. 305 tut). Nun könnte man sagen, dieses Problem habe sich inzwischen gründlich erledigt; aber hat die Gemeinschaft in den Pfarrgemeinden dadurch an Intensität gewonnen? Wohl kaum! – Zum Teil mag das natürlich daran liegen, dass die Strukturen der Volkskirche immer noch weitgehend auf sakramentale Grundversorgung für eine breite Mitgliederbasis ausgerichtet ist, die zu ca. 92% nur noch auf dem Papier existiert, und nicht darauf, mit der Minderheit der tatsächlich aktiven Mitglieder eine konzentrierte, intensive Aufbauarbeit zu leisten. Gleichzeitig sollte man auch nicht ganz verschweigen, dass mancherorts die wenigen Leute, die noch zur Kirche gehen, zu einem nicht unwesentlichen Teil gerade die sind, die am meisten dazu beigetragen haben, die Anderen aus der Kirche zu vertreiben. Dies alles eingeräumt, muss ich dennoch sagen, dass die Idee, Gemeinde "von kleineren Gemeinschaften her neu zu beleben und neu aufzubauen" – "die kleine Gemeinschaft [...] als Zelle, Keimzelle des Reiches Gottes" (S. 311) –, durchaus etwas #benOppiges hat, und es würde mich doch sehr interessieren, was aus den Beispielen für solche Versuche, die Zenetti anführt ("Statt der Großkirchen versucht man in Holland Wohn-Kirchen zu bauen; in Wien hat man in Keller und Erdgeschoss eines Wohnhauses eine erste 'Hauskirche' errichtet", ebd.), geworden sein mag. 

Im Übrigen erhofft sich Zenetti Impulse für die Gemeindeerneuerung von "neuen Formen im Gottesdienst" jenseits der liturgisch strikt festgelegten Heiligen Messe; bei den "Vorkämpfern und Befürwortern" experimenteller Gottesdienstformen nimmt er "Eifer, Leben und Begeisterung" jedenfalls "durchweg eher" wahr "als bei vielen, die vom 'Bewahren des Guten, Alten', vom 'Bedächtigvorgehen' reden, weil sie phlegmatisch oder feige oder ideenlos sind" (S. 38.). Von den Letzteren grenzt er allerdings "[w]irkliche Hüter echter Tradition" ab: Diese, so meint er, würden ihm "wohl rechtgeben" (ebd.) – eine interessante Einschätzung. 

Als eine Art Versuchslabor für neue Gottesdienstformen betrachtet Zenetti vor allem Jugendgottesdienste; hierzu führt er aus: 

"An einigen Orten werden religiöse Jugendveranstaltungen als sehr frei geformte Gottesdienste gehalten. Hier – in einem Saal, in einem Kino, im Jugendheim, überall – lassen sich alle modernen Möglichkeiten der Darbietung anwenden: Ein Film, eine geschickt zusamengestellte Lichtbildfolge, eine Spiel- oder Hörspielszene, eine Folge von Zeitungsmeldungen, eine Reportage, Schallplatten – all das kann, ganz in der Sprache von heute, unser Leben, unseren Alltag spiegeln, kann Fragen und Nöte der Welt, in der wir leben, deutlich machen. Fast immer muss ja die Botschaft, um uns einmal neu und unmittelbar zu treffen, ungewohnt, 'verfremdet' gesagt werden" (S. 34). 

– Da wünscht man sich ja nun doch eine Zeitmaschine, um zurückzureisen und den Leuten zu sagen, sie sollen den Scheiß bleiben lassen. Dem zuletzt zitierten Satz würde ich ja "an sich" gern zustimmen; was ich jedoch nicht verstehe und nie verstehen werde, ist, wie man glauben kann, man könne dem Ruf Gottes die erwünschte Wirkung dadurch verschaffen, dass man ihn dem Klang dessen angleicht, was der Mensch aus seinem "außerkirchlichen" Alltag sowieso kennt und gewohnt ist. Das ist gerade keine "Verfremdung" im Brechtschen Sinne, sondern eher eine "Verbekanntung"

Aber lassen wir das vorerst mal beiseite; ich habe ja bereits angedeutet, dass die liturgischen Aspekte des Themas ausreichend Stoff für einen eigenständigen Folgeartikel bieten. Hervorzuheben ist einstweilen, dass der 2019 hochbetagt verstorbene Zenetti, der heute wohl hauptsächlich als Texter des Liedes "Das Weizenkorn muss sterben" und Übersetzer von Huub Oosterhuis' "Ik sta voor U" ("Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr") bekannt ist, mit seinen Ideen zur Gemeindeerneuerung seinerzeit durchaus kein einsamer Rufer in der Wüste war. Eine nicht minder interessante, wenige Jahre später entstandene Quelle zu diesem Thema ist der "Komm-mit-Kalender" für das Jahr 1970 – oder präziser gesagt, der die letzten 32 Seiten dieses insgesamt über 400 Seiten starken Taschenkalenders umfassende Abschnitt "Du und deine Kirche". Schauen wir uns den also beim nächsten Mal an – und machen für heute erst mal einen Punkt! (Oder ein Ausrufezeichen.) 


Donnerstag, 6. Juli 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #37

Es ist wieder Wochenbriefing-Zeit – und es gibt jede Menge Stoff! Daher will ich mich gar nicht lange mit der Vorrede aufhalten; seht selbst, was die zurückliegende Woche gebracht hat: 

Aus meinem Symbolbilder-Archiv. Make of that what you will.


Tagesreste 

Am Samstag feierte meine Liebste ihren Geburtstag nach, und zwar in Form eines Picknicks auf einer beschaulichen Halbinsel an der Großen Malche, einer Bucht des Tegeler Sees. Zu den Vorbereitungen zu diesem Picknick gehörte es, noch morgens zwei Kuchen zu backen, weil wir es am Abend zuvor nicht geschafft hatten (da waren die Kinder zu überdreht und chaotisch): Zusammen mit den Kindern bereitete ich einen "Fantakuchen" zu... 

Das ist schon das dritte Mal, dass ich zusammen mit meinen Kindern diesen Kuchen gebacken habe. Gelingt immer.

....meine Liebste selbst steuerte einen Schoko-Kirsch-Kuchen bei. So ziemlich alles andere brachten die Gäste mit. 

Hier nur ein Ausschnitt.

Insgesamt waren wir zehn Erwachsene und fünf Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren (d.h. das jüngste und das älteste Kind waren tatsächlich unsere eigenen); wären alle gekommen, die eingeladen waren, wären es noch zwei Erwachsene und ein Kind mehr gewesen, ich würde sagen, das ist eine ganz gute Quote. Die Stimmung war gut, das Essen auch, und wir schafften es sogar, den Rückzug anzutreten, bevor es anfing zu regnen. 

Am Montag war wieder regulär Omatag; im Übrigen hatte meine Liebste die ganze Woche nur sehr wenig Unterricht zu geben, da die Abiturienten und Fachoberschul-Absolventen bereits verabschiedet waren und die Jahrgangsstufe 12 fast komplett auf Klassenfahrt war; dadurch hatte sie mehr Zeit für die Kinder und ich im Gegenzug mehr Zeit für andere Tätigkeiten. Wie man im Folgenden sehen wird... 


Spandau oder Portugal 

Ich hatte es schon angekündigt: Aus der zurückliegenden Woche gibt es mal wieder allerlei zum Thema "Kirchliche Basisarbeit in Siemensstadt und Haselhorst" zu berichten, und mein Bericht dazu beginnt, wie es sich gehört, mit dem Sonntag. Es handelte sich um den ersten Sonntag im Monat, daher entschieden wir uns wie schon vor vier Wochen erneut dazu, zuerst in St. Stephanus zur Messe zu gehen und anschließend in die EFG The Rock Christuskirche (die ihren Sonntagsgottesdienst nämlich nur einmal im Monat vormittags feiert). In St. Stephanus nahmen um die 40 Personen an der Messe teil, darunter mindestens acht Kinder – eine bemerkenswerte Quote für diese oft so überaltert wirkende Gemeinde; am Altar stand wie schon vor vier Wochen der Ruhestandsgeistliche aus Falkensee, der erneut schon aus den Begrüßungsworten eine Predigt machte und dann nach den Vermeldungen auch noch ein Wort des Bischofs (zur anstehenden Entscheidung des Bundestags über die Legalisierung des assistierten Suizids) verlas, das im Prinzip noch einmal eine Predigt war. Für Letzteres konnte der Zelebrant natürlich im Grunde nichts, aber es passte schon ins Bild. Die eigentliche Predigt hatte inhaltlich durchaus einige interessante und gute Punkte, die ich, was die Frage nach dem Verhältnis des Christen zur "Welt" betrifft, geradezu als Antithese zu dem ärgerlichen Vortrag von Otto Knoch empfand, über den ich mich schon letzte Woche ausgelassen habe; auch Kritik daran, dass sich in der Kirche hierzulande und heutzutage allzu viel um Geld und Strukturen drehe, fehlte nicht. Trotzdem werde ich mit dem Stil dieses Priesters einfach nicht warm, er erscheint mir allzu verkopft und bildungseitel. Ich hoffe, ich werde nicht so, wenn ich alt bin. 

Gegenüber bei den Freikirchlern teilten eir uns wieder so auf wie beim vorigen Mal: Meine Liebste ging mit unserem Jüngsten in den Eltern-Kind-Raum, während ich mit dem Tochterkind zur Kinderkatechese ging. Die fand ich allerdings diesmal, ganz anders als vor vier Wochen, eher enttäuschend. Es ging um den Aufbau der Bibel – die Namen, die Reihenfolge und den ungefähren Inhalt verschiedener biblischer Bücher und ein paar Fakten zur Entstehungsgeschichte des biblischen Textkorpus. Alles ziemlich trocken und "verschult", und es drängte sich die Frage auf, was die Kinder – vorausgesetzt, sie vergessen nicht gleich alles wieder – eigentlich mit diesem Wissen anfangen sollen. Mal ganz abgesehen davon, dass auch manches Halb- und Falschwissen dabei war, so etwa die Behauptung, Martin Luther hätte als erster die Bibel ins Deutsche übersetzt

Die eigentliche Pointe kam aber erst noch: Im Anschluss an den Gottesdienst gab es noch geselliges Beisammensein (mit Kaffee) im Garten der Kirche, wir trafen einige JAM-Mitarbeiter und -Eltern und unterhielten uns nett, und dann wies uns jemand darauf hin  dass es drinnen noch einen Bibelkreis für Erwachsene gab. Meine Liebste beschloss, da mal reinzuschnuppern, während ich unsere Kinder beim Spielen im Garten beaufsichtigte; Und wie sich zeigte, kamen da exakt dieselben Inhalte dran wie in der Kinderkatechese. Mir gegenüber merkte meine Liebste hinterher kritisch an, sie könne sich nicht so recht erklären, wieso Leute mit einem fundamentalistischen Bibelverständnis überhaupt Wert darauf legen, Kenntnisse über die Entstehungsgeschichte der Bibel zu vermitteln: "Inwieweit soll das für den persönlichen Glauben relevant sein? Wieso genügt es nicht, einfach zu sagen: Die Bibel ist Gottes Wort, Punkt!?" 

Darauf könnte man erwidern, dass die evangelikalen Theorien zur Entstehungsgeschichte der Bibel zumindest teilweise und tendenziell eine "Gegenerzählung" zu den herrschenden Meinungen der historisch-kritischen Exegese darstellen und somit gerade darauf abzielen, ein fundamentalistisches Bibelverständnis zu rechtfertigen. Das impliziert aber zumindest, dass man eine gewisse Notwendigkeit sieht, die Plausibilität dieses Bibelverständnisses mit rationalen Argumenten abzusichern. Was nun wieder zu meiner noch der systematischen Ausarbeitung harrenden Lieblingsthese passt, die evangelikale Bewegung sei letztlich ein – wenn auch etwas aus der Art geschlagenes – Kind der Aufklärung. Vermeintlich intellelle [sic] Atheisten bzw. Religionskritiker neigen zwar zu der Vorstellung, Evangelikalismus sei durch und durch antirational und antiintellektuell, aber das halte ich für einen gewaltigen Irrtum: Meiner Erfahrung nach ist es für die evangelikale Ausprägung des Christentums eher charakteristisch, dass sie zu verkopft, zu "linkshirnig" ist. Natürlich steht da alles Denken, Lernen und Forschen unter dem Vorbehalt der Rechtgläubigkeit, aber darüber sollten sich säkulare Intellektuelle nicht mokieren, denn deren Denken, Lernen und Forschen steht in der Regel auch unter gewissen dogmatischen Vorbehalten, die sie sich noch dazu oft nicht einmal bewusst machen. – Bezeichnend für die Verkopftheit der Evangelikalen finde ich es auch, dass – wie ich schon beim JAM mehrfach mit Verwunderung festgestellt habe – die Kinderkatechesen (und, so darf man vermuten, ebenso auch katechetische Angebote für Erwachsene) in der The Rock Christuskirche unter der Bezeichnung "Andacht" laufen. Das, was man "bei uns" als Andacht bezeichnet, kennen die gar nicht. Das kontemplative Element fehlt völlig. Das nehme ich, bei aller Sympathie für diese Gemeinde, dann doch als eine bedenkliche spirituelle Armut wahr. 

Ich will aber andererseits auch nicht so tun, als wäre das ein rein evangelikales Problem. Tatsächlich erinnerte mich das Ganze in gewissem Sinne an ein Erlebnis aus meiner wenig ruhmreichen Amtszeit im Pfarrgemeinderat von Herz Jesu Tegel, wo die liebe Pastoralteferentin es in einer Sitzung angemessen fand, anstelle eines geistlichen Impulses eine Einführung in die Zweiquellentheorie zu den synoptischen Evangelien zu geben. Sie verteilte sogar ein Handout dazu, das mich stark an ein Arbeitsblatt aus dem Religionsunterricht der 10. oder 11. Klasse auf dem Gymnasium erinnerte; es würde mich nicht einmal wundern, wenn es tatsächlich das gleiche Arbeitsblatt gewesen sein sollte. Meine Pfarrgemeinderatskollegen fanden das alles ausgesprochen interessant und aufschlussreich oder taten zumindest so, während ich schlichtweg fassungslos darüber war, dass man auf die Idee kommen konnte, so etwas könne einen geistlichen Impuls ersetzen. 

Jetzt aber erst mal genug von diesem Thema! Am Dienstagabend fand im Pfarrgarten von St. Stephanus ein informelles Treffen von Vertretern verschiedener Gruppen der Gemeinde statt, bei dem über die Gestaltung und Nutzung dieses großen, aber schon seit einiger Zeit nicht gut gepflegten Gartens zu beraten, und da war ich in meiner Eigenschaft als Co-Leiter der Wichtelgruppe dabei. Idealerweise hätten wohl alle Gemeindegruppen, die den Garten nutzen, bei diesem Gespräch vertreten sein sollen, ich hatte aber nicht den Eindruck, dass das der Fall war, denn es kam nur ein eher kleiner Kreis zusammen. Auch so wurde schon deutlich, dass es nicht ganz einfach war, die verschiedenen Vorstellungen zur Gestaltung und Nutzung des Gartens unter einen Hut zu bringen, zumal neben den Interessen und Bedürfnissen der verschiedenen Gruppen der Gemeinde auch noch diejenigen der angrenzenden KiTa, des angrenzenden Caritas-Seniorenheims und der Mieter der angrenzenden, ebenfalls der Pfarrei gehörenden Wohnhäuser zu berücksichtigen sind. Ziemlich bald konzentrierte sich die Diskussion auf die kaum zu leugnende Tatsache, dass die schönsten Gestaltungsideen für den Garten nichts nützen, wenn er nicht ordentlich gepflegt wird. Der Pfarrvikar vertrat den Standpunkt, alle Gruppen, die den Garten regelmäßig nutzten, sollten sich auch an seiner Pflege beteiligen; das fand ich gut und richtig, wies aber darauf hin, dass das nur funktionieren könne, wenn ein Plan dafür erstellt werde – sprich: eine Übersicht darüber, was für Arbeiten im Garten regelmäßig anfallen und welche Gruppen diese Arbeiten in welchen Zeitabständen übernehmen könnten. Da ich den Eindruck hatte, dieser Punkt drohe in der phasenweise etwas unstrukturierten Diskussion unterzugehen, wiederholte ich ihn so lange, bis mir die Aufgabe übertragen wurde, einen solchen Plan zu erstellen. Tja. Geschieht mir recht, schätze ich. Aber ich wollte ja sowieso schon lange mal was mit Gartenarbeit machen. 

Und am Mittwoch nach dem JAM fuhr ich nach St. Joseph Siemensstadt zu einer Sitzung des Ausschusses "Kinder, Jugend und Familie". Im Unterschied zum Garten-Arbeitskreis handelt es sich dabei um ein offizielles Gemeindegremium, sodass ich nun also doch wieder, trotz aller schlechten Erfahrungen, in der Gremienarbeit angekommen bin. Die "Kernbesetzung" des Ausschusses bildeten, wenn man das überhaupt so sagen kann, zwei Frauen aus dem Gemeinderat St. Joseph/St. Stephanus,  von denen eine zusätzlich auch dem Pfarreirat der Großpfarrei Heilige Familie angehört, sowie der Gemeindereferent; da die Satzung aber erlaubt, dass in den Ausschüssen des Gemeinderats auch Personen mitarbeiten, die selbst nicht dem Gemeinderat angehören, waren zu der Sitzung auch weitere engagierte Gemeindemitglieder eingeladen worden, die Kinder im relevanten Alter haben. Dieser Einladung folgten eine junge Mutter von drei Kindern, die ich flüchtig beim "Familientag" in St. Stephanus Anfang Juni kennengelernt hatte, und eben ich. 

Die Stimmung bei der Sitzung war erfreulich konstruktiv; der wichtigste Punkt der Tagesordnung betraf die einmal im Monat in St. Joseph stattfindenden Kinderwortgottesdienste: Diese werden derzeit vom Gemeindereferenten allein gestaltet und geleitet, zukünftig soll es aber ein Team dafür geben, und, tja, jetzt bin ich eben in diesem Team. Was natürlich ein bisschen ironisch ist angesichts der wohlbekannten Tatsache, dass ich kein Fan des Formats "separater Kinderwortgottesdienst während der Messe" bin; aber das ist so ein klassischer Fall von pragmatischer Inkonsequenz, wo ich mir denke: Wenn es das nun einmal gibt, ist es vielleicht besser, ich bringe mich da ein, als dass ich es womöglich den falschen Leuten überlasse. (Außerdem ist es ja nur einmal im Monat, es bleiben also noch genug Gelegenheiten, mit den Kindern eine "normale" Sonntagsmesse mitzufeiern.) – Wir haben innerhalb des Teams sicherlich unterschiedliche Vorstellungen, die sich früher oder später bemerkbar machen werden (es würde mich sehr wundern, wenn das nicht der Fall wäre); aber die Chemie stimmt, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Auch jenseits des Themas "Kinderwortgottesdienste" wurden in der Ausschusssitzung einige vielversprechende Ideen diskutiert. Man darf gespannt sein, wie sich das weiter entwickelt. 

Die Rubrik "Währenddessen in Tegel" fällt diese Woche aus; da gibt es gerade nichts Neues, was aus Platzgründen vielleicht auch ganz gut ist. 


Neues aus Synodalien: Die Kirchenaustrittszahlen sind da! 

Wir haben es wohl alle aus der einen oder anderen Quelle mitgekriegt: Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihre Mitgliederstatistik für das Jahr 2022 veröffentlicht, und siehe da, eine satte halbe Million Menschen, die in Deutschland leben und Steuern zahlen, sind im vergangenen Kalenderjahr aus der katholischen Kirche ausgetreten. Das stellt frühere, auch nicht gerade mickrige jährliche Kirchenaustrittszahlen noch einmal deutlich in den Schatten. Dem offiziellen Narrativ der amtskirchlichen und amtskirchennahen Presse zufolge hat das natürlich nichts mit dem Schismatischen Weg zu tun, bzw. wenn doch, dann nur insofern, als seine "Reform"-Impulse nicht weit genug gehen, zu zögerlich umgesetzt werden oder von den schlimmen Konservativen blockiert werden. Man kennt das: Seit Jahrzehnten reißt sich die Institution Kirche ein Bein ums andere aus, um "gesellschaftlich relevant" zu bleiben, stellt Jahr um Jahr fest, dass diese Bemühungen tatsächlich nur zu einem immer weiteren Verlust von Relevanz führen, und reagiert darauf, indem sie dieselben Bemühungen immer weiter verstärkt. Das Ergebnis ist genau so, wie man es sich eigentlich vorher hätte denken können. War es nicht Einstein, der sagte, immer wieder dasselbe zu tun und darauf zu hoffen, dass es endlich einmal zu einem anderen Ergebnis führt, sei die Definition von Wahnsinn? 

Nun sage ich ja immer gern, man solle sich bei der Auswertung der alljährlichen DBK-Statistiken nicht allein auf die Zahl der Ausgetretenen konzentrieren, und auch wenn das angesichts der imposanten Größe dieser Zahl heuer etwas schwierig sein mag, gilt das auch für die Statistiken des Jahres 2020. Wie üblich haben die einzelnen Bistümer (oder jedenfalls einige von ihnen) die sie betreffenden Zahlen in Infografiken verpackt, die in den Sozialen Netzwerken kursieren; und da gibt es schon ein paar kommentarwürdige Auffälligkeiten. So sind in allen Bistümern, von denen ich solche Infografiken gesehen habe, die Zahlen für die Teilnahme am Gottesdienst und die Spendung "lebensabschnittsbezogener" Sakramente (Heirat, Taufe, Erstkommunion) nach dem "Corona-Knick" wieder nach oben gegangen – mit einer signifikanten Ausnahme: der Firmung. Machen wir uns das bitte klar: Es gab im Jahr 2022 weniger Firmungen als in den Corona-Jahren. Gibt es schon irgendwelche Stellungnahmen von Pastoraltheologen und Religionssoziologen dazu, welche Konsequenzen man daraus für die Zukunft des Firmsakraments ziehen sollte? 

Mein allerzweitliebstes Bistum (Münster) setzt derweil voll auf Zweckoptimismus und hat die Kampagne #KircheistMehr lanciert, die man ehrlicherweise auch gleich #Esistnichtallesschlecht hätte nennen können oder sollen. "Die katholische Kirche im Bistum Münster ist keineswegs nur eine Kirche mit negativem Trend", schrieb das wohl bestbezahlte Social-Media-Team der deutschen Diözesen auf Facebook. "Die katholische Kirche macht weiter Angebote, die von vielen Menschen wahrgenommen werden. Schaut Euch die positiven Zahlen an und lest mehr darüber in den kommenden Tagen hier auf Facebook!" – Zu diesen "positiven Zahlen" gehörten beispielsweise Zuwächse bei der Anzahl der Kita-Kinder, der "Lernende[n] [sic!] an Bistumsschulen" und "Teilnehmer bei Ferienfreizeiten", der "Beratungen in der Schuldner- und Insolvenzberatung" und der "Schwangeren-Beratung" sowie nicht zuletzt der "Follower in den Sozialen Netzwerken"; besonders auffällig fand ich es indes den Umstand, dass die Zahl der "Beschäftigten[n] beim Bistum und in den Kirchengemeinden" im Jahr 2022 um stolze 680 Personen gewachsen ist. "Trotz schrumpfender Mitgliederbasis wächst der institutionelle Apparat weiter", kommentierte ich diesen Sachverhalt auf Facebook. "Bezeichnend, dass das als gute Nachricht verkauft wird." – Ich war verblüfft (und bin es im Grunde immer noch), was für einen "Beef" ich mir mit dieser doch recht nüchternen Feststellung einhandelte: zunächst seitens der Redaktion selbst ("Fragen Sie doch nur beispielsweise mal die Menschen, die eine der Caritas-Beratungsstellen aufsuchen, was diese von Ihrem Kommentar halten", wurde mir in bewährt passiv-aggressiver Manier nahegelegt), dann aber auch seitens zahlreicher "Fans" der Seite. Eine Antwort auf meinen Kommentar sei hier exemplarisch zitiert: 
"Was wollen Sie eigentlich? Dass all die Angebote von Kitas bis Beratungsstellen abgeschafft werden, weil das in Ihren augen nur 'institutioneller Apparat' ist? Wenn das Ihre Meinung ist, so zeugt das von wenig Respekt für die Arbeit, die dort geleistet wird, von wenig Respekt, gegenüber den Menschen, die diese Arbeit leisten aber auch gegenüber jenen, die die Angebote in Anspruch nehmen. Und eigentlich ist der Bedarf noch viel höher." 

Man beachte, wie zielsicher diese Erwiderungen an dem in meinem Kommentar angesprochenen Punkt vorbeischießen. Die Aufblähung des institutionellen Apparats ist der Elefant im Raum der katholischen Kirche in Deutschland. Es sei daran erinnert, dass Papst Franziskus die deutschen Bischöfe schon anno 2015 vor einer "Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche" warnte: "Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat." – Viel geholfen hat diese Ermahnung offenbar nicht. Tatsächlich halte ich es für offenkundig, dass der gesamte Synodale Weg sehr wesentlich von dem Bestreben dieses institutionellen Apparats motiviert war, seine Pfründe zu verteidigen. Das ist natürlich ein etwas peinliches Thema, deshalb spricht man lieber über KiTas und Beratungsstellen – gegen die ich ja kein Wort gesagt hatte, obwohl man durchaus hätte anmerken können, dass es eventuell ein bisschen zynisch 'rüberkommen könnte, einen gestiegenen Bedarf an Schuldner- und Insolvenzberatungen und Schwangerenkonfliktberatungen als positive Entwicklung darzustellen. Ich persönlich finde ja, dass dasselbe auch für die gestiegene Zahl von KiTa-Kindern gilt, bin mir aber bewusst, dass das eine Außenseiterposition ist. 

– Bei alledem darf man natürlich eins nicht vergessen: An dem im weitesten Sinne sozial-caritativen Aufgabenbereich der institutionellen Kirche hängen sehr, sehr viele Arbeitsplätze, aber das sind nicht einfach nur Zahlen, sondern hinter diesen Zahlen stehen konkrete Menschen, von denen wohl die meisten subjektiv und nicht unbedingt zu Unrecht überzeugt sind, mit ihrer Arbeit etwas Gutes zu tun. Dass diese Leute darunter leiden, dass der zunehmend schlechte Ruf der Kirche in der Gesellschaft auch auf sie abfärbt, und dass sie sich deshalb durch eine Kampagne wie #KircheistMehr wertgeschätzt fühlen, ist verständlich. Was jedoch nichts daran ändert, dass eine Kirche, die ihre Existenz durch den Hinweis darauf zu rechtfertigen sucht, dass sie schließlich auch viel Gutes tue, einen mehr als peinlichen Anblick bietet. Im Prinzip signalisiert sie damit der säkularen Gesellschaft: "Friss mich nicht, ich könnte noch nützlich für dich sein". – Um es ganz deutlich zu sagen: Caritas – im Sinne tätiger Nächstenliebe, wenn auch nicht zwingend in der Gestalt des gleichnamigen Unternehmens – gehört zu den wesentlichen und unverzichtbaren Aufgaben der Kirche, aber als ein Aspekt ihres göttlichen Sendungsauftrags und nicht losgelöst von diesem. Noch schärfer formuliert: Dass, wie das Münsteraner Kampagnenmotto betont, "Kirche mehr ist", nützt nichts, wenn sie nicht zunächst und vor allem das ist und sein will, wozu Christus sie gestiftet hat. Wenn sie nichts anderes sein will als eine zivilgesellschaftliche Institution – und sei sie noch so wohltätig –, dann, da zitiere ich jetzt mal Klaus Hemmerle aus seiner Keynote Speech beim Katholikentag 1968 in Essen, "wäre es beileibe das beste, wir würden diesen Verein so schnell wie möglich auflösen und uns effizienteren Organisationen zuwenden". 


Was ich gerade lese 

Hier kann ich mich diesmal weitgehend auf Nachträge zu den schon vorige Woche besprochenen Texten beschränken. Den Vortrag "Die Welt im Wort der Bibel" von Otto Knoch habe ich weitergelesen, obwohl schon nach den einleitenden Einsätzen klar genug war, wohin da der Hase läuft; tatsächlich wurde er im weiteren Verlauf noch übler. Sollte man noch irgendwelche Zweifel gehegt haben, ob man Knochs Intention – was seine Haltung zum technokratischen Fortschrittsverständnis angeht – nicht doch vielleicht einfach missverstanden hat, so dürfte der folgende Absatz wohl endgültig Klarheit schaffen: 

"Die menschliche Welt [...], in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, satt zu werden, sich frei zu entfalten, menschenwürdig zu leben, [...] ist nach Christus Ziel des Kultur- und Weltauftrags des Menschen. Diesem Ziel hat alles zu dienen, die Sorge um Arbeitsplätze, Wohnungen, Bildungseinrichtungen, die Gleichberechtigung der Frau, der Kampf um gleiche Rechte für alle Menschen und Rassen, um Ausschaltung von Krieg, Hunger, Krankheit und Elend, die größere Freiheit und der größere Rechtsschutz des einzelnen, die Erforschung aller Bereiche der Welt und des Menschen, die Ausweitung der Wirtschaft, die Planung der Zukunft. Hier sind viele Aufgaben und Möglichkeiten gegeben, die sich z.Z. Jesu noch nicht abzeichneten, die aber seiner Haltung dienstbereiter [!] Menschenliebe entsprechen". 

In letzter Konsequenz und trotz mancher eher lustlos wirkenden Relativierungen propagiert Knoch ein religionsloses Christentum als ein rein innerweltliches Programm der technokratischen Selbstoptimierung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft, das sich gleichwohl auf Christus beruft und darum christlich nennt. Darin offenbart sich die Vorstellung, Christus habe seine Lehre als Religion verkündet, weil das dem Verständnishorizont seiner Zeit entsprach, aber heutzutage brauchen wir diese religiöse Einkleidung nicht mehr, im Gegenteil, sie stört eigentlich nur. In den evangelischen Kirchen waren derartige Vorstellungen schon länger im Schwange, hier sehen wir, wie sie auch in der katholischen Einzug halten. – Das zweite Referat im Forum "Diese Welt und Gottes Wort" beim 1968er Katholikentag hält Norbert Greinacher (1931-2022), seinerzeit Privatdozent an der Universität Münster, und es trägt den Titel "Ja zur weltlichen Welt". Lässt schon diese Überschrift noch Schlimmeres erwarten, als wir von Knoch gehört haben, so gilt das auch und erst recht für die Person des Referenten: Wie ich Manfred Plates Buch "Das deutsche Konzil" entnommen habe, wurde Norbert Greinacher einige Jahre später – 1973 – von Kardinal Döpfner als Berater der Würzburger Synode abberufen, nachdem er sich "öffentlich für die Straffreiheit bei Abtreibungen" ausgesprochen hatte; auch in einem Beitrag des "Komm-mit-Kalenders" 1981 wird Greinacher neben Hans Küng als Hauptvertreter bzw. Wortführer der "Supermodernen" bzw. "Progressisten" innerhalb der Kirche genannt. Zu seinem Vortrag werde ich mich nächste Woche äußern. 

Dagegen wird "Kalle Blomquist, Eva-Lotta und Rasmus" zum Ende hin immer besser. Der Schluss hat mich so begeistert, dass ich geneigt bin, mein bisheriges Gesamturteil über die "Kalle Blomquist"-Trilogie – welches lautete: Der erste Teil ist der beste, und die Fortsetzungen werden ihm, unbeschadet ihrer sonstigen Qualitäten, letztlich nicht gerecht –, teilweise zu revidieren: Wenn man es unterlässt, den ersten Teil zum Maßstab für die ganze Serie zu machen, wenn man sich also von der Erwartung frei macht, "Kalle Blomquist" müsse ein Serienkrimi wie etwa "Die drei ???" sein, bei dem alle Episoden mehr oder weniger nach demselben Schema aufgebaut zu sein hätten, dann sind alle drei Teile sehr gut; der mittlere allerdings wohl im direkten Vergleich doch am schwächsten. 

Nachdem wir nun also den ganzen "Kalle Blomquist"-Sammelband durch haben, hat das Tochterkind sich für einen Band aus der Reihe "Silberwind, das weiße Einhorn" entschieden; zu dieser Serie habe ich mich ja schon einmal geäußert, und ich möchte nochmals den Eindruck unterstreichen, dass sie in gewisser Weise abgründiger und düsterer wirkt als vergleichbare Buchreihen wie etwa "Sternenschweif". Trotzdem freue ich mich darauf, danach wieder etwas inhaltlich wie stilistisch Anspruchsvolleres zu lesen... 


Aus dem Stundenbuch 
Saul ergriff ein Gespann Rinder und hieb es in Stücke, schickte die Stücke durch Boten in das ganze Gebiet von Israel und ließ sagen: Wer nicht hinter Saul und Samuel in den Kampf zieht, dessen Rindern soll es ebenso ergehen (1 Sam 11,7). Auch der Herr schickte in alle Gegenden der Kirche die mit seiner Hilfe vollbrachten Werke der Evangelisten, die Boten der guten Nachricht heißen. Er ließ sagen: Wer nicht auszieht, nämlich aus der weltlichen Lebensart seiner Väter, wer nicht in Bekenntnis und Werk gemäß den Mahnungen des Evangeliums und der Propheten auszieht, wer sich nicht zur Aufnahme des geistlichen Kampfes rüstet, wird sich am Ende verworfen finden. Das gläubige Volk hört das Evangelium und vernimmt mit heilsamem Schrecken, was denen beschieden ist, die nicht glauben. So gibt es die Begierden des alten Menschen auf und versammelt sich in der Einheit der katholischen Kirche. Es verabscheut die dunklen Winkel der Lügenpropheten und möchte im strahlenden Licht des Evangeliums durch Christus gemustert werden und seine Namen für den Himmel angeben. 
(Beda Venerabilis, Auslegung zum 1. Buch Samuel) 

Ohrwurm der Woche 

4 Non Blondes: What's Up 


"And I try 
Oh my God, do I try 
I try all the time 
in this institution 

And I pray 
Oh my God, do I pray 
I pray every single day 
for a revolution." 

Need I say more? 


Blogvorschau 

Endlich gibt es in dieser Rubrik mal wieder etwas Neues zu vermelden: Mit dem lange erwarteten Artikel "Der Traum von der erneuerten Gemeinde" bin ich in den letzten Tagen sehr gut vorangekommen, gleichzeitig hat er dabei aber einen solchen Umfang angenommen, dass ich mich dazu entschieden habe, ihn in mindestens zwei Teilen zu veröffentlichen. Teil 1 ist so gut wie fertig und erscheint in Kürze; und dann werde ich mich entscheiden, ob ich Teil 2 direkt hinterherschiebe oder mich erst einmal dem Thema "Bloggen als unehrenhafte Form des Journalismus" zuwende, das mir ziemlich unter den Nägeln brennt. Ebenfalls allmählich mal Zeit wird's für das Dossier "Warum eigentlich 'Punkpastoral'?"; und wenn ich dann soweit bin, mit "Shopping-Queens und Horsefluencerinnen" anzufangen, dürfte auch die nächste Themenvorschlags-Umfrage fällig werden. Einige Ideen habe ich schon...