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Donnerstag, 16. März 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #21 – Die (erneute) Rückkehr des Wochenbriefings

Du siehst richtig, Leser: Nachdem ich nach langer, allzulanger Pause kürzlich wieder mit dem Bloggen angefangen habe, habe ich mir vorgenommen, nicht so bald wieder damit aufzuhören; und ich habe mir gedacht: Die beste Methode, mich zu einigermaßen regelmäßigem "Output" zu motivieren, ist es, das erpobte Format "Wochenbriefing" wieder aufzugreifen. Auch wenn es aus praktischen Gründen vorläufig donnerstags abends statt montags morgens erscheint und ich zudem keine Garantie dafür übernehme, jede Woche eine neue Folge rauszuhauen. Wir werden sehen, wie die Sache sich entwickelt. – Aber lassen wir die Vorrede und wenden uns lieber mal der Frage zu: Was ist eigentlich aus der Alternative 

Spandau oder Portugal 

geworden? – Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Entscheidung sei gefallen, und bis auf Weiteres ist sie das wohl auch: Bis auf Weiteres haben meine Familie und ich unsere kirchliche Heimat in der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland gefunden, präziser gesagt in den Gemeinden St. Joseph Siemensstadt und St. Stephanus Haselhorst, die, bevor sie mit Beginn des laufenden Kalenderjahres in der besagten Großpfarrei aufgingen, eine gemeinsame Pfarrei bildeten; und in jüngster Zeit zeichnen sich auch einige recht interessante Perspektiven für ein verstärktes Engagement in der Gemeinde ab – darüber wird weiter unten noch einiges zu sagen sein. Dennoch ist die Option Portugal damit noch nicht vom Tisch: Erst kürzlich hat meine Liebste sich einen Pilgerführer für den Caminho Português – den portugiesischen Jakobsweg – gekauft, mit der expliziten Absicht, zu prüfen, wo ein strategisch günstiger Ort wäre, um eine Pilgerherberge zu eröffnen. Auch dazu später mehr... 

Symbolbild zur Fastenzeit. 
(Der Stapel lag übrigens tatsächlich so im Regal, ist also nicht eigens für das Foto arrangiert worden.) 

Zur kirchlichen Situation in Siemensstadt und Haselhorst ist zunächst einmal zu sagen, dass der für diese Gemeindestandorte zuständige Pfarrvikar (bis vor kurzem noch: Pfarrer) sympathisch und glaubwürdig 'rüberkommt, die Liturgie geradlinig und ohne Firlefanz zelebriert, oft anregende und manchmal sogar ganz exzellente Predigten hält und wiederholt zu verstehen gegeben hat, dass er mit der Agenda des "Synodalen Weges" nichts am Hut hat. Von den beiden genannten Gottesdienstorten ist St. Stephanus in Haselhorst für uns zwar schneller und unkomplizierter zu erreichen, aber St. Joseph in Siemensstadt ist, sowohl von der Sozialstruktur der Gemeinde als auch von den Räumlichkeiten her, familienfreundlicher. In der Regel entscheiden wir daher von Fall zu Fall, ob wir da oder dort zur Sonntagsmesse gehen. 

Was nun den Punkt "Engagement in der Gemeinde" betrifft, wird mancher Leser sich vielleicht erinnern, dass ich schon vor bald einem Jahr schrieb, meine Liebste und ich würden in St. Stephanus Haselhorst die Leitung einer Krabbelgruppe übernehmen. Nun ja, das haben wir auch gemacht, aber so richtig befriedigend hat sich dieses Projekt nicht entwickelt. Die Nachfrage nach diesem Angebot war innerhalb der Gemeinde offenbar überschaubar, es gab wiederholt Unklarheiten bezüglich der Raumbelegung, und zu guter Letzt fackelte unser Jüngster beinahe die Küche ab (okay, das ist jetzt übertrieben dramatisch ausgedrückt). Vor allem aber stellte ich, nachdem meine Liebste nach dem Ende der Elternzeit wieder arbeiten ging und ich die Leitung der Krabbelgruppe allein weiterführen musste, fest, dass das eigentlich nicht so mein Ding ist. Aber hey, sogar in der Benedikt-Option steht, man soll sich nicht scheuen, Projekte aufzugeben, wenn sich abzeichnet, dass sie nicht funktionieren. Also machen wir jetzt was anderes. 

Zum Beispiel: Seit Herbst 2021 gibt es in St. Stephanus eine kleine Pfadfindergruppe – "Stamm", sagt man, glaube ich, dazu. Sie gehört bislang keinem Verband an, aber ich schätze mal, man darf sagen, dass sie der KPE tendenziell näher steht als der DPSG. Derzeit gibt es Pläne, diese Gruppe um ein Angebot für Kinder im Alter von 5-7 Jahren, eine sogenannte "Wichtelgruppe" zu ergänzen; und siehe, ich bin gebeten (!) worden, gemeinsam mit einer Frau aus der Gemeinde diese Wichtelgruppe zu leiten. Nach Ostern soll's losgehen, und zur Vorbereitung habe ich ein paarmal bei der Leitung der "Wölflinge" – also der 8- bis 11jährigen – "hospitiert" und meine Tochter, obwohl sie erst 5 und somit gerade mal im "Wichtel"-Alter ist, kurzerhand dazu mitgenommen. Sie findet's super: Abenteuer, Lagerfeuer... 


Nun habe ich bei früherer Gelegenheit ja mal geschrieben, so ziemlich alles, was ich über Pfadfinder wisse, hätte ich von Tick, Trick und Track und dem Fähnlein Fieselschweif; insofern könnte man vielleicht meinen, ich sei nicht unbedingt eine naheliegende Wahl für die (Co-)Leitung einer pfadfinderisch inspirierten Kindergruppe, aber ich sage mir, gerade dieser "fremde Blick" auf die pfadfinderischen Bräuche und Gepflogenheiten kann die Sache interessant machen. Davon abgesehen bin ich dank einer Spende aus Leserkreisen im Besitz von ca. 40 Jahrgängen des legendären "Komm-mit-Kalenders" und denke, daraus lassen sich bestimmt allerlei Anregungen beziehen – wenn auch natürlich mit angemessener kritischer Distanz. 

Und sonst so? Zum einen muss ich sagen, dass ich sehr darauf erpicht bin, das bewährte Konzept unserer Lobpreisandachten (unter der Überschrift "Lobpreis mit dem Stundenbuch") wieder aufzugreifen, sei es in Siemensstadt oder in Haselhorst. Die Osterzeit wäre vielleicht ein guter Anlass, damit anzufangen. Ich sollte wohl mal mit dem zuständigen Vikar darüber sprechen. – Davon abgesehen war unlängst "Familientag" in St. Stephanus, und während ich mit unserer Tochter zum Kinderprogramm (Trommelworkshop, Kinderschminken, Lagerfeuer) ging, knüpfte meine Liebste Kontakte beim Erwachsenenprogramm. Daraus hervorgegangen ist die Idee zur Gründung einer Frauen- und einer Männergruppe. (Meine erste Frage dazu: "Gibt's bei der Männergruppe Bier?" – "Unbedingt!"). Schauen wir mal, wie die Sache sich entwickelt... 

Was ich auch schon mal erwähnt habe, ist, dass in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche St. Stephanus in Haselhorst die EFG The Rock Christuskirche liegt; und da gehen wir mit unseren Kindern fast jede Woche zum Kinderprogramm, das sich JAM nennt – ein Kürzel für "Jungschar am Mittwoch". Das Konzept dieser Veranstaltungsreihe finde ich so gut, dass ich es hier kurz vorstellen möchte: Ab 16 Uhr geht es los mit freiem Spiel, dann folgt kindgerechter Lobpreis (mit Bewegungsliedern), eine Katechese und zum Abschluss ein gemeinsames Abendessen. Alles kostenlos übrigens. Parallel zum Kinderprogramm findet auch ein "Elterntreff" (mit Kaffee) statt, aber ich gehe meistens mit unserer Tochter zur Kinderkatechese – und habe selten etwas daran auszusetzen, was, wenn man mich kennt, schon einiges heißen will. Wenn meine katholischen Leser nun die Frage aufwerfen möchten, wie es denn mit konfessionellen Eigenheiten aussehe – ob die Kinderkatechese in einer evangelischen Freikirche nicht mehr oder weniger zwangsläufig gewisse Elemente enthalte, die aus katholischer Sicht einer gewissen Richtigstellung oder zumindest Ergänzung bedürfen – dann kann ich nur sagen: Ja, das gibt es durchaus; aber meinen bisherigen Erfahrungen zufolge hält sich das sehr im Grenzen, und verglichen mit dem Niveau, das man in der volkskirchlichen Kinderkatechese vielfach antrifft, finde ich das eher unproblematisch. – Im Übrigen möchte ich über die The Rock-Freikirche noch zu Protokoll geben, dass die Leute dort wirklich gut darin sind, Besuchern das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein. Davon könnten sich die meisten katholischen Gemeinden, die ich kenne, eine dicke Scheibe abschneiden. 

Nun aber noch einmal kurz zurück zu den Stichworten "Caminho Português" und "Pilgerherberge": Der Wunschtraum, "irgendwann mal" – und sei es im Rentenalter – eine Herberge für Jakobspilger zu eröffnen und zu leiten, bewegt meine Liebste wohl schon länger, als wir uns kennen; seit unserem gemeinsamen Jakobsweg im Sommer 2016 ist das jedenfalls immer mal wieder Gesprächsthema zwischen uns gewesen, und mich reizt die Vorstellung auch – nicht zuletzt, weil sie sich sicherlich unschwer mit anderen Aspekten eines Konzepts kombinieren ließe, wie es im Buch "Mission Manifest" unter der Überschrift "Der Traum vom lebendigen Pfarrhaus" beschrieben wird. Und etwas in der Art wollen wir mittelfristig auf jeden Fall machen. Das muss natürlich nicht unbedingt am portugiesischen Jakobsweg sein, aber es könnte immerhin. Mit dem Pilgerführer habe ich mich noch nicht besonders eingehend befasst, aber einen Ort an der Strecke gibt es schon mal, der mir auf den ersten Blick reizvoll erscheint: die Stadt Tui, direkt am Grenzfluss Minho bzw. Miño gelegen, allerdings bereits auf dessen spanischer Seite. Na, bei Gelegenheit mal mehr zu diesem Thema. 


Währenddessen in Tegel 

Derweil wohnen wir – u.a. deshalb, weil die Situation auf dem Wohnungsmarkt es nahezu unmöglich macht, umzuziehen – nach wie vor auf dem Territorium unserer "Ex-Gemeinde", in fußläufiger Entfernung von der Pfarrkirche. Da bleibt es nicht aus, dass ich immer mal wieder – z.B. beim Einkaufen oder wenn ich mit den Kindern spazieren gehe – Leuten aus der Gemeinde begegne. Mehrfach wurde ich in den vergangenen Monaten sogar von Gemeindemitgliedern angesprochen, die ich persönlich gar nicht oder nur flüchtig vom Sehen kannte, denen meine Liebste und ich aber durch unsere früheren Aktivitäten in der Pfarrgemeinde bekannt waren und die sich nun erkundigen wollten, wie es denn komme, dass man uns "gar nicht mehr sehe". Ich habe es bei solchen Gelegenheiten vermieden, aus dem Nähkästchen zu plaudern, und stattdessen lediglich angedeutet, es habe "Konflikte" mit den tonangebenden Leuten in der Gemeinde (worunter nicht nur die hauptamtlichen Mitarbeiter zu verstehen sind) gegeben. Umso überraschter war ich, dass die Reaktion meiner Gesprächspartner durchweg lautete, ja, das hätten sie sich schon gedacht, und sie hätten selbst auch schon öfter die Erfahrung gemacht, dass Leute, die neue Impulse ins Gemeindeleben einzubringen versuchten, in dieser Gemeinde einen schweren Stand hätten. Einige erklärten sogar ganz direkt, dass sie uns und unser Engagement vermissten. Das hat ja doch etwas Tröstliches. 

Übrigens sind auch die bislang vier Pfarreien des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd inzwischen offiziell zu einer Großpfarrei mit dem Namen St. Klara fusioniert. Viel geändert hat sich dadurch abgesehen vom Briefkopf,  aber wohl nicht. Positiv ist zu vermerken, dass es am Standort Herz Jesu Tegel nach wie vor jeden Freitag Eucharistische Anbetung gibt; manchmal gehe ich da hin, bemühe mich aber, nicht gesehen zu werden. An dem wöchentlichen Termin, an dem früher unsere Lobpreisandacht stattfand, gibt es jetzt (und wohl auch schon seit rund einem Jahr) ein Friedensgebet für die Ukraine; num gut. Das von uns installierte Büchertauschregal gibt es auch noch, und offenbar erfreut es sich eines recht regen Zuspruchs. Und schließlich kann ich mir nicht verkneifen, noch ein weiteres Detail anzusprechen, das ich einigermaßen bezeichnend für diese Gemeinde finde: Noch bis vor kurzem wurde in den Vermeldungen allwöchentlich auf die Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen gepocht, und das mit einer solchen Eindringlichkeit, dass ich mich, als das Erzbischöfliche Ordinariat die Aufhebung des Schutzkonzepts beschloss und verkündete, unwillkürlich fragte: Was schreiben die wohl jetzt in ihre Vermeldungen? Und siehe da, seitdem findet sich in den Vermeldungen der Satz: 

Wir bitten weiterhin alle um ehrliches Bemühen zur Minimierung des Covid-19-Ansteckungs-Risikos und ermutigen zur Eigenverantwortung! 

So schwer kann es sein, loszulassen. Man frage nur mal Björn Casapietra


Neues aus Synodalien 

Es läge vielleicht nahe, in dieser neu ersonnenen Rubrik darauf einzugehen, was es in der Butjenter Regenbogenflaggen-Affäre Neues gibt – denn Neues gibt es da in der Tat –, aber das hebe ich mir lieber für einen separaten Artikel auf. Es ist ja auch nicht so  dass es nicht auch sonst genug Stoff für eine Rubrik "Neues aus Synodalien" gäbe. Zum Beispiel bin ich unlängst auf den Twitter-Account des BDKJ-Bundesvorsitzenden Gregor Podschun aufmerksam geworden. Das war allerdings ein kurzes Vergnügen, da er mich gleich nach der ersten Interaktion geblockt hat. Das ist an und für sich nicht unbedingt ehrenrührig: Ich halte die großzügige Nutzung der Blockierfunktion in Sozialen Netzwerken für ein völlig legitimes Mittel zur Optimierung des eigenen Nutzererlebnisses und habe selbst enorm viele Leute auf Facebook und Twitter geblockt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Gregor Podschun indes fühlt sich auch beim Leute-Blocken als Rächer der intersektionell Marginalisierten: "Ich habe in den letzten Tagen viele Hassbotschaften auf Twitter bekommen", twitterte er am 11. März. "Oft gegen mich gerichtet, aber ich viel gegen Trans*Personen und homosexuelle Menschen. In der Konsequenz habe ich die schlimmsten Account blockiert, komme aber nicht bei allen hinterher." – Meine Interaktion mit ihm fand wohlgemerkt erst ein paar Tage später statt; und sie bestand lediglich darin, dass ich zu einem Tweet von ihm, in dem er die Zustimmung der Synodalversammlung zum "Handlungstext zu Frauen im sakramentalen Amt" als "Mega wichtig für alle Frauen!" bezeichnete und darüber hinaus forderte "Wir brauchen endliche [sic] die Priester*innenweihe und Öffnung aller Ämter für Frauen!", anmerkte, so eine Äußerung könne man "doch schon rein sprachlich unmöglich ernst nehmen". Ja, schlimm sowas. Schon klar, dass die "Solidarität mit allen Menschen, die auf Twitter und sonst wo aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung Hass erfahren", es erfordert  so üble Typen wie mich zu blockieren. Nun, wie gesagt: Kann er ja ruhig machen. Wobei ich allerdings zu bedenken geben möchte, dass man, wenn man offiziell als Repräsentant eines großen Verbands in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist, vielleicht doch die Weisheit "Zieh die Filterblase nicht zu klein" beherzigen sollte. Derzeit hat Podschun jedenfalls nur gut halb so viele Twitter-Follower wie, beispielsweise, ich; ich finde, das sollte ihm zu denken geben. 


Was ich gerade lese 

  • zu Studienzwecken: Günter Hegele (Hg.), Warum neue religiöse Lieder? Eine Dokumentation. Regensburg: Bosse,  1964. 
Ein zeitgeschichtliches Dokument aus der Frühzeit des Neuen Geistlichen Liedes, herausgegeben von einem der zentralen Anreger dieser ganzen kirchenmusikalischen Bewegung. Auch wenn das Buch sich "Dokumentation" nennt, kann es seinen Charakter als Streitschrift nicht verleugnen. Abgesehen von einer gewissen unfreiwilligen Komik ist die Lektüre nicht unbedingt unterhaltsam, aber aufschlussreich. 

Der letzte Band einer uneingeschränkt empfehlenswerten Fantasy-Trilogie. So empfehlenswert, dass es eine Überlegung wert wäre, die Trilogie in einem separaten Blogartikel angemessen ausführlich zu rezensieren. Wenn ich mal dazu komme... 


Aus dem Stundenbuch 

Wenn seine Söhne meine Weisung verlassen, *
nicht mehr leben nach meiner Ordnung,

wenn sie meine Gesetze entweihen, *
meine Gebote nicht mehr halten,

dann werde ich ihr Vergehen mit der Rute strafen *
und ihre Sünde mit Schlägen.

Doch ich entziehe ihm nicht meine Huld, *
breche ihm nicht die Treue.

Meinen Bund werde ich nicht entweihen; *
was meine Lippen gesprochen haben, will ich nicht ändern. 

(Psalm 89,31-35 – dem Synodalen Weg gewidmet) 

Ohrwurm der Woche 

Helge Schneider: Comeback 


Selbsterklärend, oder? 



Sonntag, 12. März 2023

Einige Anfragen an die Pfarrei St. Willehad. Und ein Gebet.

Ich hatte es bereits angekündigt: Im Zusammenhang mit der Butjenter Regenbogenflaggen-Affäre möchte ich noch einmal speziell die Rolle, die die Pfarrei St. Willehad in diesen Vorgängen gespielt hat und weiterhin spielt, ins Auge fassen. Wie erfahrene Leser meines Blogs wissen, bin ich von dieser Pfarrei ja Kummer gewohnt, aber was da neuerdings los ist, übertrifft meine schlimmsten Erwartungen dann doch noch um Einiges. Gleichzeitig könnte man meinen, angesichts der Katastrophe des "Synodalen Weges" sei das, was in Butjadingen abläuft, nur ein Nebenkriegsschauplatz. Das mag so sein. Aber auch Nebenkriegsschauplätze – und vielleicht gerade sie – verdienen es, dass jemand um sie kämpft

Ich habe daher unten ein paar Textbausteine für eine kritische Bewertung des Verhaltens der örtlichen Kirchenvertreter zusammengestellt, und diese Textbausteine würde ich gern für eine Briefaktion nutzen; will sagen: Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele meiner Leser diesen Text (oder Teile davon) als Vorlage nähmen, um den Verantwortlichen der Pfarrei ein bisschen Feedback für ihr Agieren in dieser Angelegenheit zukommen zu lassen – sei es per Mail an 

pfarrbuero@st-willehad-nordenham.de 

oder aber, um den Empfängern das Ausdrucken zu ersparen, direkt mit der guten alten Schneckenpost an die Adresse 

Katholische Pfarrei St. Willehad
St.-Willehad-Straße 37
26954 Nordenham.

Davon abgesehen denke ich, noch wichtiger, als den Verantwortlichen der Pfarrei die Meinung zu geigen, ist es, für die Gemeinde zu beten, und auch dafür habe ich weiter unten ein paar Textbausteine zusammengestellt. Auch hier würde ich mich freuen und wäre dankbar, wenn sich mir möglichst viele Leser im Gebet anschließen würden, und auch hier ist der von mir formulierte Text natürlich nur als Anregung zu verstehen und kann gern individuell angepasst werden. Zuerst aber zur Briefvorlage: 


Sehr geehrter Pfarrer Jasbinschek, sehr geehrter Diakon Richter, sehr geehrte Mitglieder des Pfarreirates von St. Willehad, 

in der Gemeinde Butjadingen hat es in jüngster Zeit erhebliche Aufregung um eine am Fahnenmast des zu Ihrer Pfarrei gehörigen Rat-Schinke-Hauses in Burhave gehisste Regenbogenflagge gegeben. Stein des Anstoßes war dabei – so hat es, aus der Distanz betrachtet, jedenfalls den Anschein – nicht so sehr die Anbringung der Flagge als vielmehr der Umstand, dass ein Mitglied des Gemeinderates von Butjadingen die Flagge als "kulturelle Schande" bezeichnete und ihre Entfernung verlangte.  Mit Datum vom 07.03. veröffentlichten daraufhin verschiedene politische und gesellschaftliche Gruppen aus der Wesermarsch eine "Gemeinsame Erklärung zur Äußerung des Butjadinger Ratsherrn Dr. Hortig", in der "die Hissung der Regenbogenfahne am katholischen Gästehaus in Burhave durch die katholische Kirchengemeinde" gutgeheißen und die Kritik daran scharf zurückgewiesen wurde. Unter den Unterzeichnern der Erklärung steht die "Kath. Kirchengemeinde Nordenham-Butjadingen-Stadland" an prominenter Stelle, direkt nach dem "CSD Wesermarsch Verein"

Dass es in der Erklärung weiter heißt "Wir betrachten die Regenbogenfahne nicht als Symbol von Minderheiten, sondern als Symbol für Akzeptanz, Vielfalt und eine bunte Gesellschaft", verschleiert den Umstand, dass die Regenbogenflagge seit Jahrzehnte als Erkennungszeichen der Schwulenbewegung (heute meist "LGBT"- bzw. "LGBTTIQ"-Bewegung o.ä. genannt) etabliert und bekannt ist. Es handelt sich also gewissermaßen um das "Parteisymbol" einer ideologisch ausgerichteten Bewegung, deren Programmatik nicht bloß der Sittenlehre, sondern dem gesamten Menschenbild der katholischen Kirche entschieden widerspricht. Man kann den Verantwortlichen der Pfarrei St. Willehad daher schwerlich den Vorwurf ersparen, dass sie mit ihrem demonstrativen Bekenntnis zur Regenbogenflagge sowie dazu, "dass alle Menschen so sein können wie sie sind und lieben können, wen sie wollen" (wie es in der oben genannten Erklärung heißt), die Öffentlichkeit, aber auch und nicht zuletzt die eigenen Gemeindemitglieder darüber in die Irre führen, was die katholische Kirche tatsächlich über die Geschlechtlichkeit und Sexualität des Menschen lehrt. So heißt es im Katechismus der katholischen Kirche

2357 Homosexuell sind Beziehungen von Männern oder Frauen, die sich in geschlechtlicher Hinsicht ausschließlich oder vorwiegend zu Menschen gleichen Geschlechtes hingezogen fühlen. [...] Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie als schlimme Abirrung bezeichnet (vgl. Gen 19, 1-29; Röm 1,24-27; 1 Kor 6,9-10; 1 Tim 1,10), hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, "daß die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind" (CDF, Erkl. "Persona humana" 8). [...] Sie sind in keinem Fall zu billigen.

2358 Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen haben tiefsitzende homosexuelle Tendenzen. Diese Neigung [...] stellt für die meisten von ihnen eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfasstheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.

2359 Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich [...] durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern.

Papst Franziskus betont im nachsynodalen Schreiben Amoris Laetitia (2016), es gebe "keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn" (AL 251). Erinnert sei auch an die Klarstellung der Glaubenskongregation, vom 21. März 2021, es sei "nicht erlaubt, Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe (das heißt außerhalb einer unauflöslichen Verbindung eines Mannes und einer Frau, die an sich für die Lebensweitergabe offen ist) einschließen, wie dies bei Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts der Fall ist". 

Sie mögen persönlich der Meinung sein, diese Lehren der katholischen Kirche seien nicht mehr zeitgemäß, nicht menschenfreundlich o. dergl.; Sie sollten sich jedoch darüber im Klaren sein, dass Sie im lokalen Maßstab die Kirche als Ganze repräsentieren und dass die Gläubigen, aber auch die breitere Öffentlichkeit ein Recht darauf haben, dass man ihnen die Lehre der Kirche unverfälscht und unverkürzt verkündet.  

Kennen Sie diesen Herrn, und hat Er in Ihrer Kirche noch etwas zu sagen? 
(Wandgemälde in St. Willehad Nordenham, verfremdet) 

Gerade Priester und Diakone sollten sich bewusst sein, dass sie keine andere Autorität besitzen als die, die die Kirche ihnen durch das Sakrament der Weihe verliehen hat. Es ist daher ausgesprochen widersinnig, wenn sie diese Autorität dazu nutzen, gegenüber der Öffentlichkeit Auffassungen zu vertreten, die der Lehre der Kirche widersprechen. 

Mag der sogenannte "Synodale Weg" der Deutschen Bischofskonferenz und des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken" den Eindruck erweckt haben, die Lehre der Kirche in den genannten Punkten könne gewissermaßen per Mehrheitsbeschluss geändert werden, so ist an die Mahnung Papst Franziskus' vom 21. Juli letzten Jahres zu erinnern, der "Synodale Weg" sei "nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten". 

Der verstorbene Papst Benedikt XVI. bemerkte: "Vor hundert Jahren hätte es noch jedermann für absurd gehalten, von homosexueller Ehe zu sprechen. Heute ist gesellschaftlich exkommuniziert, wer sich dem entgegenstellt. [...] Die moderne Gesellschaft ist dabei, ein antichristliches Credo zu formulieren, dem sich zu widersetzen mit gesellschaftlicher Exkommunikation bestraft wird." In Butjadingen entsteht derzeit der fatale Eindruck, dass die institutionelle Kirche sich auf die Seite derer schlägt, die diese gesellschaftliche Exkommunikation über die Kritiker der herrschenden Ideologie der "sexuellen Vielfalt" verhängen. 

Ich wäre Ihnen dankbar für eine Stellungnahme dazu, inwieweit Sie der Auffassung sind, mit Ihrem Verhalten in dieser Angelegenheit Ihrer Verantwortung vor Gott und für die Ihnen anvertraute Gemeinde gerecht zu werden. 


*  *  *


Gebet für die Pfarrei St. Willehad Nordenham-Butjadingen-Stadland

Gott, stelle uns wieder her! Lass dein Angesicht leuchten und wir sind gerettet! Einen Weinstock hobst du aus in Ägypten, du hast Völker vertrieben und ihn eingepflanzt. Du schufst ihm weiten Raum, er hat Wurzeln geschlagen und das ganze Land erfüllt. Sein Schatten bedeckte die Berge, seine Zweige die Zedern Gottes. Warum rissest du seine Mauern ein? Alle, die des Weges kommen, plündern ihn. Der Eber aus dem Wald wühlt ihn um, es fressen ihn ab die Tiere des Feldes. Gott der Heerscharen, kehre doch zurück, blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock! (Psalm 80,4.9-11.13-15

Allmächtiger Gott, 

Du hast Dir in Nordenham, Butjadingen und Stadland Dein Haus unter den Menschen erbaut, und Du wolltest, dass es ein Haus aus Lebendigen Steinen sei. Lass nicht zu, dass jene, denen Du die Sorge für Dein Haus anvertraut hast, seine Mauern einreißen und es der Verwüstung preisgeben. Schenke Deiner Gemeinde treue Hirten, die sich nicht scheuen, Dein Wort und Deinen Willen "gelegen oder ungelegen" (2 Tim 4,2) zu verkünden. Gewähre Deinem Volk in dieser Fastenzeit den Geist der Umkehr und Buße, erbarme Dich der Seelen, die durch falsche Lehren in die Irre geführt wurden, und steh denen bei, die für die Treue zu Deinem Wort Verfolgung erleiden. Darum bitten wir durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit Dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. 

Amen. 

Heiligstes Herz Jesu – erbarme Dich unser
Heilige Maria, Mutter der Christenheit – bitte für uns
Heiliger Josef, Beschützer der Heiligen Familie – bitte für uns
Heiliger Petrus, du Fels, auf dem die Kirche erbaut ist – bitte für uns
Heiliger Johannes, du Jünger, den Jesus liebte – bitte für uns

Heiliger Benedikt – bitte für uns
Heiliger Bonifatius – bitte für uns 
Heiliger Willehad – bitte für uns 
Heiliger Liudger – bitte für uns 
Heiliger Petrus Canisius – bitte für uns 
Heiliger Pfarrer von Ars – bitte für uns 
Heiliger Papst Johannes Paul II. – bitte für uns 

Heiliger Karl Lwanga und Gefährten – bittet für uns 
Heiliger Petrus Damiani – bitte für uns 
Heilige Perpetua und Heilige Felizitas – bittet für uns 
Heiliger Sebastian – bitte für uns 
Heiliger Antonius von Padua – bitte für uns 
Heiliger Aloysius von Gonzaga – bitte für uns 
Heilige Maria Goretti – bitte für uns 

Alle Heiligen Gottes – bittet für uns 

Unter deinen Schutz und Schirm 
fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin 
Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten 
sondern erlöse uns jederzeit aus allen Gefahren 
O du glorwürdige und gebenedeite Jungfrau 
Unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin 
Versöhne uns mit deinem Sohne 
Empfiehl uns deinem Sohne 
Stelle uns vor deinem Sohne. 

O mein Jesus, 
verzeih uns unsere Sünden 
bewahre uns vor dem Feuer der Hölle 
führe alle Seelen in den Himmel 
besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen. 

Komm, Heiliger Geist 
Komm durch die mächtige Fürsprache 
des Unbefleckten Herzens Mariens, 
Deiner so geliebten Braut. 

Maria mit dem Kinde lieb – uns allen deinen Segen gib. 

Marienstatue in Herz Mariae Burhave, verfremdet 



Samstag, 11. März 2023

Havels Gemüsehändler ist jetzt Tierarzt in Butjadingen

Die Butjenter haben es mal wieder geschafft. Seit Monaten werde ich von verschiedenen Seiten mit zunehmender Dringlichkeit, ja zuweilen fast mit Besorgnis gefragt, ob ich denn nicht endlich mal wieder was bloggen wolle, und immer sage ich: Wollen schon, wenn ich nur mal die Zeit dafür fände. Aber natürlich findet man die Zeit nie, wenn man sie sich nicht einfach mal nimmt. Man muss sich halt erst mal dazu aufraffen. Und den entscheidenden Schubs, damit ich das tue. haben mir, ich sagte es bereits, ausgerechnet mal wieder die Einwohner meiner idyllischen Herkunftsgemeinde an der Waterkant verpasst. Ganz unbeabsichtigt, versteht sich. 

Nämlich wie bzw. wodurch? – Seit einigen Tagen war mir in diversen Facebook-Gruppen und -Seiten aus Butjadingen eine gewisse Häufung von Beiträgen aufgefallen, die darauf schließen ließen, dass da irgendeine große virtue-signalling-Kampagne mit Regenbogenflaggen im Gange sei. Zunächst dachte ich an sowas wie "Gay-Pride-Parade in Stars Hollow" und nahm die ganze Sache nicht weiter ernst, aber nach und nach schnappte ich doch ein paar Hinweise darauf auf, dass die Aktion einen konkreten und brisanten Hintergrund hat. Irgendjemand in irgendwie prominenter Position in der Gemeinde hatte wohl irgendwas gesagt, wovon sich alle Gutgesinnten schleunigst distanzieren mussten. Es dauerte dann noch ein paar weitere Tage, bis ich dahinter kam, worum es tatsächlich ging; und dabei half mir ein am 06.03. in der Online-Ausgabe der Nordwest-Zeitung veröffentlichter Artikel von Eyleen Thümler. Über die journalistische Qualität dieses Artikels wird noch allerlei zu sagen sein, aber kommen wir erst mal zu den zentralen Fakten des Falles: 

Auslöser der ganzen Affäre war, wie es in dem Artikel heißt, "eine Regenbogenflagge vor dem Gästehaus der katholischen Kirche in Burhave". Hinzufügen sollte man, dass es sich bei diesem "Gästehaus" um das frühere Pfarrhaus handelt, das sich im selben Gebäude befindet wie die katholische Kirche Herz Mariae selbst. An einem Fahnenmast auf dem Kirchengrundstück war also eine Regenbogenflagge gehisst worden – warum? Von wem bzw. auf wessen Veranlassung? Das verrät der Artikel nicht; wohl aber, dass ein Mitglied des Gemeinderates von Butjadingen, der Tierarzt Dr. Hans Hortig, in einer Sitzung des Ausschusses für Familie, Jugend, Sport und Kultur die Entfernung der Flagge forderte und von einer "kulturellen Schande" sprach. 

Ehrlich gesagt, ich weiß nicht genau, was die Formulierung "kulturelle Schande" ausdrücken soll, und davon abgesehen meine ich mich vage zu erinnern, dass Dr. Hortig sich irgendwann mal zu einem völlig anderen Thema (oder verschiedenen) auf eine Weise positioniert hat, die ich nicht so richtig knorke fand, kann dafür aber keinen konkreten Beleg anführen. Aber wie dem auch sei, man kann wohl schwerlich leugnen, dass er mit seinem Protest gegen das Hissen einer Regenbogenflagge vor einem katholischen Kirchengebäude Rückgrat bewiesen hat. 

Und so etwas mögen die Butjenter nicht. 

Symbolbild (Quelle hier)

Zu sagen, Dr. Hortigs Einlassung habe Empörung hervorgerufen, wäre geradezu eine Untertreibung. Vielmehr scheint die Auffassung vorzuherrschen, er habe mit seiner Äußerung Schande über ganz Butjadingen gebracht, und diese Schmach könne nur dadurch abgewaschen werden, dass die ganze Gemeinde in ein Meer von Regenbogenflaggen getaucht wird. Angesichts der rituellen Qualität dieses kollektiven Bußakts möchte man als Katholik fast neidisch werden. Der oben bereits angesprochene Artikel der Nordwest-Zeitung feiert die Aktion "Butjadingen zeigt Flagge" mit der Überschrift "Jetzt zeigen die Butjenter, dass sie weltoffen und tolerant sind". Da muss man erst mal drauf kommen! Von dem journalistischen Grundsatz, sich mit keiner Sache gemein zu machen – auch nicht mit einer, die man für eine gute hält – haben Fräulein Thümler und ihre Redaktion offenbar auch noch nichts gehört, aber das ist man heutzutage ja kaum anders gewohnt. Bei den Stichworten Weltoffenheit und Toleranz will ich allerdings doch nochmal nachfassen. "Die Regenbogenflagge steht nicht nur [!] für Weltoffenheit und Toleranz", räumt Eyleen Thümler in ihrem Artikel ein, "sondern auch [!] für die LGBTQI*-Gemeinschaft und damit für sexuelle Selbstbestimmung."  Ach. Mal abgesehen davon, wie unkritisch-unreflektiert hier mit Propagandabegriffen wie "sexuelle Selbstbestimmung" hantiert wird, ist dieses "nicht nur, sondern auch" schon eine Glanzleistung in Sachen semantischer Verschleierung; es kommt aber noch besser: "Unabhängig davon ist der Regenbogen schon immer ein christliches Symbol, weshalb die bunte Flagge unter anderem auch an vielen Kirchen oder Gemeindehäusern hängt." Äh. Glaubt die Frau eigentlich selber, was sie schreibt? Man kann es wohl nicht ganz ausschließen. 

Wie dem auch sei: "Weltoffenheit und Toleranz" kann ich in dieser ganzen Angelegenheit nicht erkennen, sondern vielmehr eine beängstigende Mitläufermentalität, die der Regenbogenflagge ebenso huldigt, wie zu anderen Zeiten anderen Flaggen gehuldigt wurde. Erinnern wir uns an die Parabel vom Gemüsehändler, die Václav Havel in seinem Essay "Versuch, in der Wahrheit zu leben" (1978) erzählt und die in Rod Drehers "Benedikt-Option" wie folgt zusammengefasst und paraphrasiert wird: 

Man stelle sich vor – schreibt Havel –, ein Gemüsehändler, der unter kommunistischer Herrschaft lebt, hängt ein Schild in sein Ladenfenster, auf dem steht "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!". Er tut das nicht unbedingt, weil er daran glaubt. Er will einfach nur keinen Ärger. Und wenn er im Grunde gar nicht recht daran glaubt, wird er das Beschämende dieses Zwangs verbergen, indem er sich selbst sagt: "Warum sollten sich eigentlich die Proletarier aller Welt nicht vereinigen?". Furcht gestattet es der offiziellen Ideologie, ihre Macht zu bewahren – und verändert schließlich die Überzeugungen des Gemüsehändlers. Jene, die, so Havel, "in der Lüge leben", kollaborieren mit dem System und kompromittieren damit ihre Integrität als Mensch.

Jeder Akt hingegen, der der offiziellen Ideologie widerspricht, ist eine Verweigerung gegenüber dem System. Was, wenn der Gemüsehändler das Schild eines Tages nicht mehr in sein Ladenfenster hängt? Was, wenn er sich weigert, mitzumachen, nur um unbehelligt zu bleiben? "Seine Rebellion wird ein Versuch um das Leben in Wahrheit sein" – und sie wird ihn eine Menge kosten.
Wie ich schon vor ein paar Jahren mal schrieb: Das Propagandabanner unserer Tage ist die Regenbogenflagge, und wer sie sich nicht wenigstens im metaphorischen Sinne "ins Fenster hängt", bekommt Probleme. – Mit der großflächigen Regenbogen-Beflaggung des Gemeindegebiets, die die Aktion "Butjadingen zeigt Flagge" anstrebt, ist es indes noch nicht getan: Mit Datum vom 07.03. veröffentlichten diverse politische und gesellschaftliche Gruppen aus der Wesermarsch eine "Gemeinsame Erklärung zur Äußerung des Butjadinger Ratsherrn Dr. Hortig", mit folgendem Inhalt: 

1. Wir, die Unterzeichnenden dieser gemeinsamen Erklärung, begrüßen die Hissung der Regenbogenfahne am katholischen Gästehaus in Burhave durch die katholische Kirchengemeinde und erteilen der Forderung nach Entfernung dieser eine klare Absage.

2. Wir verurteilen, unter Respektierung des Rechts auf freie Meinungsäußerung, die Äußerung des Butjadinger Ratsherren Dr. Hortig, in der dieser die Regenbogenfahne als "kulturelle Schande" bezeichnet, aufs Schärfste.

3. Wir betrachten die Regenbogenfahne nicht als Symbol von Minderheiten, sondern als Symbol für Akzeptanz, Vielfalt und eine bunte Gesellschaft, in der gemäß Grundgesetz alle Menschen ihre Persönlichkeit frei entfalten dürfen. Entsprechend sehen wir in der Äußerung von Herrn Dr. Hortig einen Angriff auf diese Werte.

4. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die durch die diskriminierende Äußerung angegriffen wurden, und stehen hinter ihnen.

5. Wir, die Unterzeichnenden dieser gemeinsamen Erklärung, bekennen uns zu Respekt, Akzeptanz, Vielfalt und freier Persönlichkeitsentfaltung und stehen dafür ein, dass alle Menschen so sein können wie sie sind und lieben können, wen sie wollen.
– Leute, Orwell hat "1984" als Warnung geschrieben und nicht als Anleitung. Schon allein bei der salvatorischen Klausel "unter Respektierung des Rechts auf freie Meinungsäußerung" in Punkt 2 wird mir ganz anders. Und dann in Punkt 3: "Wir betrachten die Regenbogenfahne nicht als [...], sondern als [...]": Das ist Augenwischerei im Sinne von "Was ist so falsch daran, dass sich die Proletarier aller Länder vereinigen?" Symbole zeichnen sich nun einmal dadurch aus, dass sie eine festgelegte Bedeutung haben. Man kann sich auch nicht darauf berufen, dass die Swastika ein buddhistisches Glückssymbol sei – stopp, nehmen wir lieber ein anderes Beispiel: Wenn einen die Verkehrspolizei dafür belangt, dass man an einem Stoppschild nicht angehalten hat, kann man auch nicht sagen "Für mich hat dieses Schild aber eine andere Bedeutung". 

An erster Stelle bei den Unterzeichnern dieser Erklärung steht übrigens der "CSD Wesermarsch Verein", und direkt danach – vor dem "Ev.-luth. Kirchenkreis Wesermarsch" – folgt dann schon die "Kath. Kirchengemeinde Nordenham-Butjadingen-Stadland"; was, mit Blick auf Punkt 1, u.a. bedeutet, dass sie sich für die Anbringung der Regenbogenflagge am Rat-Schinke-Haus ein kräftiges Eigenlob zollt. Nun könnte man natürlich sagen, in Zeiten von "Synodalem Weg", #LoveIsNoSin, #OutInChurch usw. usw. brauche man sich über all das nicht sonderlich zu wundern. Es fällt allerdings auf, dass die Pfarrei St. Willehad, soweit ich sehe – sollte mir etwas entgangen sein, bitte ich um Mitteilung – weder auf ihrer Website noch auf ihrer Facebook-Seite noch gar in ihren Pfarrnachrichten irgendwie zu der Rolle, die sie in dieser ganzen Affäre gespielt hat und weiterhin spielt, Stellung nimmt. Ganz so billig, finde ich, sollte man sie nicht davonkommen lassen. Aber dazu folgt in Kürze noch ein eigener Artikel... 



Dienstag, 12. April 2022

Neustart in Haselhorst

Hallo, Leser. 

Ja, ich weiß, ich habe schrecklich lange nichts von mir hören lassen. Wie mir zugetragen wurde, hatten einige Leser schon Sorge, ob ich wohl überhaupt noch lebe. Das kann ich hiermit offiziell bestätigen: Es geht uns gut, der ganzen Familie. Ja, Corona hatten wir inzwischen auch -- offiziell allerdings nur meine Liebste; die Kinder und ich mussten halt mit in Quarantäne, wir hatten aber auch alle ungefähr dieselben Erkältungssymptome, nur unterschiedlich stark ausgeprägt. Was mich persönlich betrifft, fühlte ich mich ungefähr zwei Wochen lang nicht so richtig gesund, davon netto vielleicht drei bis vier Tage so schlecht, dass ich am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben wäre. Ging aber nicht, wegen der Kinder. Kurz und gut, ich bin in meinem Leben schon schlimmer krank gewesen, und das soll's jetzt auch zu diesem Thema gewesen sein, zumal das nicht der wesentliche Grund war, weshalb ich so lange nichts gebloggt habe. 

Nein, der wesentliche Grund war, dass es mir in den letzten Monaten schlicht an Zeit und Muße zum Bloggen gefehlt hat. Und dann spielte auch noch ein gewisser Unwille eine Rolle, mir, was die Zukunftsperspektiven des Projekts "Punkpastoral" angeht, allzu tief in die Karten schauen zu lassen, solange mehr oder weniger noch alles in der Schwebe war. 

Was das angeht, sind meine Liebste und ich in den vergangenen Monaten alles andere als müßig gewesen. Wir haben Konzepte entwickelt, Briefe geschrieben, Gespräche geführt - unter anderem mit unserem Erzbischof; das war ein sehr nettes und ermutigendes Gespräch, auch wenn es vorläufig noch keine konkreten Ergebnisse erbracht hat -; und noch dazu sind einige Projekte "von außen" an uns heran getragen worden bzw. uns in den Schoß gefallen (dazu bei Gelegenheit mehr). Und auch wenn Vieles weiterhin noch in der Schwebe ist und einige unserer Ideen sich zumindest vorläufig noch nicht umsetzen lassen, gibt es doch immerhin schon mal einen Erfolg zu verkünden: 

Ab dem 22. April leiten wir die Krabbelgruppe in St. Stephanus Berlin-Haselhorst! 

Die Krabbelgruppen-Ausstattung vor dem "Umzug"

Und zwar jeden Freitag, es sei denn, wir sind gerade nicht da. -- Natürlich sehen wir die Krabbelgruppe auch und nicht zuletzt als ein Angebot für Eltern, sich kennenzulernen und zu vernetzen, und daraus können und sollen sich dann auch weitere Projekte ergeben. Das Angebot steht daher ausdrücklich allen interessierten Familien offen, ob sie zur Gemeinde von St. Stephanus gehören oder nicht. In unmittelbarer Nachbarschaft von St. Stephanus befindet sich übrigens die EFG The Rock Christuskirche, die allem Anschein nach eine sehr aktive Jugendarbeit leistet; da zeichnen sich also auch Kooperationsmöglichkeiten ab, zumal wir uns mit den dortigen Mitarbeitern schon ein paarmal sehr nett unterhalten haben. 

Alles in allem kann ich sagen, dass mich die Aussicht, nach einigen Monaten Auszeit wieder mit der praktischen Gemeindearbeit durchzustarten, mit Freude und gespanntem Optimismus erfüllt. Vor allem ist es im Vergleich zu den zurückliegenden fünf Jahren schon mal eine ganz neue Erfahrung, dass sich Mitarbeiter einer Gemeinde aktiv darum bemühen, dass wir bei ihnen was machen. Wenn man es gewohnt ist, mit seinen Initiativen immer und immer wieder auf eine Mischung aus Desinteresse und Ablehnung zu stoßen, dann liegt es nahe, sich mit der Vorstellung zu trösten, woanders sei es auch nicht besser. Aber die gute Nachricht ist, das stimmt nicht. Sicherlich muss man überall damit rechnen, Verhältnisse vorzufinden, die nicht gerade ideal sind, aber es gibt doch erhebliche Unterschiede, und zwar nicht nur graduelle, sondern auch prinzipielle. Ich will hier nicht groß ins Detail gehen, aber ich muss schon sagen, im Rückblick frage ich mich, wie wir es überhaupt so lange in unserer jetzt ehemaligen Gemeinde ausgehalten haben. 

Zugeben muss man natürlich, dass die räumliche Nähe ein echtes Argument ist. Die Hürde, in einer Gemeinde aktiv zu sein, zu deren Standort man erst mal 20 Minuten mit dem Bus fahren muss (plus Wartezeit), ist schon signifikant höher als bei einem Fußweg von ca. 7 Minuten. Besonders mit Kindern. Aber auch wenn es eine Hürde ist, ist es doch keine unüberwindliche. Wenn die Krabbelgruppe erst mal gut angelaufen ist, würde ich gern als nächstes das "Dinner mit Gott" wieder aufleben lassen. Gern auch in Kombination mit einer Lobpreisandacht. Vorerst noch ungeklärt ist, wie es mit dem Büchereiprojekt weitergeht. Aber da sage ich mir: Kommt Zeit, kommt Rat. Konzentrieren wir uns erst mal auf einen guten Start für die Krabbelgruppe. Gebetsunterstützung ist selbstverständlich willkommen; und wem Berlin-Haselhorst nicht zu weit ist und wer Kinder im Krabbelalter hat, der sei herzlich eingeladen, einfach mal vorbeizukommen! 

St. Stephanus, Gorgasring 5, 13599 Berlin-Haselhorst. Die Parkplatzsituation ist derzeit, baustellenbedingt, schwierig. Dafür ist aber die ÖPNV-Anbindung gut. 


Montag, 27. Dezember 2021

Spandau oder Portugal #5 (Weihnachtsoktav)

Frohe und gesegnete Weihnachten, lieber Leser! Eröffnen möchte ich dieses Wochenbriefing mit einem kleinen Gebet, das ich zum vorigen Weihnachtsfest auf der Facebook-Seite des Mittwochsklubs veröffentlicht hatte und heuer mit Hilfe der Erinnerungsfunktion von Facebook wiedergefunden habe: 

Lob sei dir, Herr Jesus Christus, für das Geschenk deiner Menschwerdung. 

Lob sei dir für deine Gegenwart in der Heiligen Eucharistie. 

Lob sei dir für die Verheißung deiner Wiederkunft in Herrlichkeit. 

Und nun zu den Neuigkeiten der Woche: 

Option Spandau (im engeren Sinne): Ich hatte mich schon so halbwegs darauf eingestellt, dass wir es angesichts der allgemein erschwerten Bedingungen dieses Jahr in keine Christmette schaffen würden, und hatte mir einen groben Plan für eine Hausandacht zurechtgelegt (Psalmen und Fürbitten aus der 1. Vesper von Weihnachten, Weihnachtsevangelium nach Lukas, Lobpreismusik); aber dann studierten wir doch noch einmal die Gottesdienstordnungen der infrage kommenden Pfarreien, stellten fest, dass es um 18 Uhr in der Spandauer Hauptkirche Maria, Hilfe der Christen eine 3G-Christmette gab, und beschlossen dort hinzugehen. Dann wäre dieser Plan aber in letzter Minute beinahe doch noch gescheitert, da wir nicht bedacht hatten, dass das nahe gelegene Einkaufszentrum, in dem wir uns unseren obligatorischen Nasenabstrich holen wollten, an Heiligabend nur bis 16 Uhr geöffnet war. Wir hatten dann aber doch noch Glück: Obwohl in Alt-Tegel schon kurz nach 16 Uhr nahezu sämtliche Gehwege hochgeklappt waren, fanden wir noch eine bis 18 Uhr geöffnete Corona-Schnellest-Stelle in einer Fischfußpflege-Praxis, wo wir ohne Wartezeit drankamen, von einer freundlichen jungen Hijab-Trägerin getestet und mit "Frohe Weihnachten!" verabschiedet wurden; unsere Tochter bekam bei dieser Gelegenheit sogar Schokolade geschenkt. 

Anschließend begaben wir uns ohne weitere Zwischenfälle per Bus und Bahn nach Spandau und erreichten die Kirche rechtzeitig vor Beginn des Gottesdienstes. Aber mal ehrlich, Leser: Hättest du vor zwei oder mehr Jahren im Rahmen einer ausgedachten, vage Science-Fiction-mäßig angehauchten Geschichte gelesen, dass eine Familie, die an Weihnachten in die Kirche gehen und zu diesem Zweck mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren will, sich erst mal einen Nasenabstrich abnehmen lassen muss, weil sie andernfalls weder in den Bus noch in die Kirche gelassen würde, hättest du wahrscheinlich gedacht, das sei aber ein bisschen arg übertrieben, oder? Ich finde es wirklich erschreckend, wie schnell wir uns alle daran gewöhnen, so etwas für normal zu halten. Aber lassen wir das und schauen uns lieber ein paar schöne Bilder an: 

Die Christmette war übrigens schwach besucht, was aber wohl zumindest zum Teil dadurch bedingt war, dass es am selben Ort um 21:30 Uhr noch eine weitere (unter 2G-Bedingungen) gab; und vielleicht wirkte die Kirche zum Teil auch deshalb so leer, weil sie so groß ist. Von allen Gottesdienstorten im Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee, die wir bisher besucht haben, hat mich diese Kirche ehrlich gesagt am wenigsten angesprochen, und ich glaube, das hat nicht unwesentlich mit ihrer Größe zu tun. Vielleicht hängt es mit meiner Herkunft zusammen - damit, dass mich die sehr, sehr kleine Kirche Herz Mariä in meinem Heimatort Burhave einfach nachhaltig geprägt hat -, aber irgendwie finde ich auch, dass kleine und etwas ärmlich wirkende Kirchen eine #benOppigere Ausstrahlung haben als solche Repräsentationsbauten. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, dass es in dem besagten Pastoralen Raum immer noch drei katholische Kirchen gibt, in denen meine Familie und ich überhaupt noch nicht waren -- was sich im Fall von St. Johannes der Täufer (Dallgow-Döberitz) und St. Konrad von Parzham (Falkensee) unschwer dadurch begründen lässt, dass sie so abgelegen in der havelländischen Pampa liegen, aber die dritte im Bunde der noch unbesuchten Kirchen, St. Stephanus in Haselhorst, ist von allen Spandauer Kirchen ausgerechnet die, die am nächsten an unserem Zuhause liegt und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am unkompliziertesten erreichbar wäre. Tja. Hat sich einfach noch nicht ergeben. Kommt noch. 

Aber à propos havelländische Pampa: Bei dem Versuch, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Kirchenstandorte im Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee ich bisher besucht habe und welche noch nicht, bin ich darauf aufmerksam geworden, dass es in Finkenkrug, einem Ortsteil von Falkensee, bis vor einigen Jahren eine Kapelle mit dem schönen Namen Regina Pacis, "Friedenskönigin", gab. Genaueres darüber herauszufinden, erwies sich als gar nicht so einfach. Einige Eckdaten konnte ich immerhin dem "Kirchenwiederfinder" von moderne-regional.de entnehmen; insgesamt eine sehr interessante und empfehlenswerte Ressource, auf die ich, wie ich mich kenne, noch öfter zurückgreifen werde. 

Über Regina Pacis erfährt man dort jedenfalls, dass die Kapelle in einem 1965 erworbenen Wohnhaus errichtet und 1967 geweiht wurde; 2014 wurde die Kapelle profaniert und das Gebäude verkauft, man darf wohl davon ausgehen, dass es jetzt wieder als Wohnhaus genutzt wird. Mit einiger Mühe und Findigkeit habe ich einen Archivlink zu einem seinerzeit auf der Website der Falkenseer Pfarrei erschienenen Artikel ausgegraben, dem man Näheres zu diesem Vorgang entnehmen kann. Dort erfährt man etwa, dass das Erzbischöfliche Ordinariat den Neubau des Gemeindezentrums St. Konrad nur unter der Bedingung genehmigt hatte, "dass die Pfarrei St. Konrad mit dem Erlös von Immobilienverkäufen den Neubau zum größeren Teil selbst finanziert". -- Bedenkt man, dass die kirchenrechtlichen Hürden für die Profanierung von Sakralräumen bzw. -bauten eigentlich, also theoretisch sehr hoch sind und so etwas, wenn nicht gerade die Hunnen mit Feuer und Schwert vor der Tür stehen, eigentlich so gut wie nie vorkommen sollte, lässt die Nonchalance, mit der ein geweihter Ort zugunsten der Finanzierung eines neuen Gemeindezentrums aufgegeben wird, wohl auf ein arg verweltlichtes Selbstverständnis schließen; aber das ist natürlich nichts, was man speziell den Falkenseer Katholiken ankreiden könnte oder müsste. Der angesprochene Artikel verweist auch auf einen "Sanierungsplan des Erzbistums Berlin" von 2006, der vorsieht, "dass in den Gemeinden 25% der pastoral genutzten Flächen abzubauen sind". Nun kann man sich unter "pastoral genutzten Flächen" natürlich so ziemlich alles Mögliche vorstellen, und ich unterstelle mal, dass das Absicht ist. "Pastoral" wird im amtskirchlichen Sprachgebrauch gern als ein Gummibegriff verwendet, der alles und nichts bedeuten kann und mit dessen Hilfe man es vermeiden kann, eine klare Aussage darüber treffen zu müssen, was man als den eigentlichen Daseinszweck der Institution Kirche betrachtet. Aber wo Worte nichts mehr aussagen, da sprechen Taten eine umso deutlichere Sprache, und ich schätze mal, man wird es kaum erleben, dass eine Pfarrei lieber eine KiTa an einen nichtkirchlichen Träger abgibt als einen Kirchenstandort zu schließen. Dies mal zim Thema Selbstverständnis. 

(Übrigens habe ich mich - da der angesprochene Sanierungsplan des Erzbistums ja kein gar so großes Geheimnis ist - schon oft gewundert, dass beispielsweise der Pastoralausschuss für den Raum Reinickendorf-Süd beharrlich so tut, als gehe er davon aus, alle seine sieben Kirchen erhalten zu können. Aber das geht mich ja zum Glück nichts mehr an.) 

(im erweiterten Sinne:) Am Tag vor Heiligabend stattete ich dem Pfarrbüro meiner bisherigen Pfarrei einen eigentlich schon überfälligen Besuch ab, um die Schlüssel für Kirche und Gemeinderäume zurückzugeben, die ich noch hatte. Einer der Gründe dafür, dass ich das nicht schon längst geran hatte, war, dass ich eigentlich gern vorher geklärt hätte, was z.B. aus der von meiner Liebsten auf eigene Kosten angeschafften Krabbelgruppen-Ausstattung und aus den von mir zum Teil aus eigenen Beständen, v.a. aber durch Spenden von Bloglesern und anderen Kontaktpersonen akquirierten Büchern für das Büchereiprojekt werden würde. Aber nachdem ich, wie berichtet, versucht hatte, dieses Thema im Lokalausschuss anzusprechen, und damit auf demonstratives Desinteresse gestoßen war, war mir im Grunde klar gewesen, dass es nicht sonderlich zielführend war, die Schlüssel gewissermaßen in Geiselhaft zu halten. 

Also habe ich zusammen mit meiner Liebsten diejenigen Krabbelgruppensachen, die definitiv zu gut sind, um irgendwie unter die Räder zu kommen, die wir ohne größere Probleme trandportieren konnten und die wir vorläufig, d.h. bis zu einer dauerhaften Lösung, bei uns zu Hause unterbringen können, in unseren Bollerwagen geladen, bevor ich die Schlüssel abgegeben habe. In ähnlicher Weise auch mit den Büchereibüchern zu verfahren, erwies sich hingegen als unpraktikabel, die mussten wir also vorerst zurücklassen. -- Jedenfalls verbrachten wir an diesem Nachmittag alles in allem rund zwei Stunden auf dem Gelände der Pfarrei, trafen in dieser Zeit allerlei Bekannte, darunter einige uns wohlgesonnene Gemeindemitglieder, führten nette Gespräche und bekamen sogar ein paar kleine Weihnachtsgeschenke. Das erfreut doch das Herz. 

Und wie nun weiter? Das wird man im neuen Jahr sehen, schätze ich. Dafür, das Veranstaltungsformat "Krabbelbrunch" an neuem Ort weiterzuführen, hatte sich ja neulich schon mal eine Möglichkeit abgezeichnet; in den letzten Wochen hat es zwar keine Gelegenheit gegeben, diese Option weiterzuverfolgen, aber ich denke mal, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Vor allem will und muss ich mich demnächst mal darum kümmern, irgendwo, idealerweise nicht übermäßig weit von meiner Wohnung entfernt, einen Raum für mein Büchereiprojekt zur Verfügung gestellt zu bekommen. Einen Raum und drei bis fünf Regale, mehr braucht es für den Anfang nicht. Da müsste sich doch was machen lassen... 

Ich hatte die Suche nach einem thematisch passenden Linktipp schon fast aufgegeben, als ich über diesen Artikel aus dem Online-Magazin der Marquette University in Milwaukee stolperte. Dass es sich um eine katholische Universität handelt, war für die Auswahl des Linktipps nicht entscheidend, aber ich empfinde es als ein nettes Detail. 

Es ist ein geradezu sprichwörtlicher guter Rat an Studenten, dass sie nicht versuchen sollten, in der Bücherei zu wohnen; aber Marquette-Studentin Claire Nowak hat sich gefragt: Wieso eigentlich nicht? Vielleicht ist das der ultimative Trick gegen studentische Wohnungsnot! Also hat sie es ausprobiert. Drei Tage lang. Herausgekommen ist dabei ein ebenso unterhaltsamer wie aufschlussreicher Erfahrungsbericht. Lesenswert! 

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Option Portugal (im engeren Sinne): Am ersten Weihnachtstag waren wir bei meinen Schwiegermüttern eingeladen; es gab Ente, und ich bekam dazu ein friesisch-herbes Bier, direkt aus der Flasche. Auf dem rückwärtigen Etikett der Flasche prangte der Hinweis, mit Hilfe eines Gewinncodes auf der Innenseite des Kronkorkens könne man einen Camper-Van gewinnen. Könnten wir ja gut gebrauchen für unsere "Option Portugal", dachte ich mir. Also, wenn ich das Teil jetzt wirklich gewinnen würde, mit dem Code aus dem Kronkorken einer Bierflasche, die ich mir beim Weihnachtsessen aufgemacht habe --- also wenn DAS kein Zeichen wäre...! Vor meinem geistigen Auge sah ich uns schon auf einem Campingplatz in Südportugal Lobpreisandachten und Familienkatechese für deutsche Auswandererfamilien veranstalten, aber als ich die Website der Brauerei aufrief, konnte ich nicht den kleinsten Hinweis auf dieses Preisausschreiben entdecken -- was, wie ich bei genauerer Betrachtung des Bierflaschenetiketts feststellte, daran lag, dass das Preisausschreiben schon seit Monaten vorbei war. Tja. (Das Bier war aber noch gut.) 

Jedenfalls bin ich durch dieses Bier-Erlebnis auf den Geschmack gekommen und habe im Internet mal nach Erfahrungsberichten zum Thema Camping in Portugal gesucht. Dabei bin ich auf einen Reiseblog mit dem sehr sympathischen Namen "Komm wir machen das einfach!" gestoßen, und ich würd' mal sagen, der umfangreiche, mit diversen weiterführenden Links ausgestattete "Camping in Portugal"-Artikel wird dem Spirit, der sich im Namen des Blogs ausdrückt, voll und ganz gerecht. Man möchte am liebsten gleich losfahren. (Aber ganz so schnell und unkompliziert geht es eben doch nicht.) -- Demnächst,  also vielleicht schon nächste Woche, sollte ich mir dann mal das Thema Pilgerwege in Portugal genauer ansehen... 

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(im erweiterten Sinne:) Ein paar Tage vor Weihnachten waren meine Liebste und ich in ernster Stimmung und sprachen über die totalitären Tendenzen, die sich in der Gesellschaft zunehmend breit machen. Ja, okay, zugegeben: Dass wir auf dieses Gesprächsthema kamen, hatte durchaus etwas mit den auf Facebook, Twitter und Co. grassierenden Debatten über Corona-konformes Verhalten an den Feiertagen ("Was tun, wenn Querdenker zum Essen kommen?") zu tun, aber sehen wir davon mal ab. Selbst wenn ich der Überzeugung wäre, mRNA-Impfstoffe seien die beste Erfindung seit geschnittenem Brot, fände ich es beunruhigend, wie lustvoll große Teile der Bevölkerung ihre Rechte und Freiheiten opfern, wenn man ihnen nur das Gefühl gibt, damit auf der moralisch richtigen Seite zu stehen und Andersdenkende verachten zu dürfen. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass die Coronavirus-Pandemie lediglich die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass diese Tendenzen sich ungehemmter ausleben können, dass sich aber, wenn es dieses Virus nicht gäbe, früher oder später irgendein anderer Anlass dafür hätte finden lassen. -- Damit jetzt aber genug der Kontextualisierung; eigentlich ging es in dem Gespräch zwischen meiner Liebsten und mir, von dem ich berichten wollte, gar nicht um Corona, sondern darum, dass unsere lieben Landsleute - um es mit einer Formulierung Johann Wilhelm Ludwig Gleims zu sagen - "der Despotie so hold" sind, dass sie vermutlich noch Beifall klatschen würden, wenn die Regierung nach dem Vorbild der Volksrepublik China ein "Social Credit"-System zur Durchsetzung ihrer gesellschaftspolitischen Agenda einzuführen beschlösse. "Mir macht das angst", sagte meine Liebste, woraufhin ich mich sagen hörte: "Ich habe keine Angst." Eine erstaunliche Aussage, wenn man bedenkt, dass normalerweise ich derjenige von uns beiden bin, der mehr dazu neigt, sich Sorgen um die Zukunft zu machen. Aber dieses war offenbar mal wieder einer dieser "Du bist Frodo und ich bin Sam"-Momente, die es bei uns eben auch mal gibt. 

Wie ich meiner Liebsten erklärte, war mir anlässlich der Frage, ob man Angst vor den genannten Entwicklungen haben müsse, spontan Psalm 118, Vers 6 durch den Kopf gegangen: "Der Herr ist bei mir, ich fürchte mich nicht. Was können Menschen mir antun?". -- Ich habe eine besondere Beziehung zu Psalm 118, seit der Zeit, als ich gerade anfing, das Stundengebet zu praktizieren, und mich noch nicht wirklich damit auskannte. Ich weiß nicht, woran es lag - ob die erste Stundenbuch-App, die ich auf meinem Mobilgerät installiert hatte, sich nicht automatisch aktualisierte oder ob ich einfach zu blöd war, die App richtig zu bedienen -, jedenfalls wurde mir tage- und wochenlang, wenn ich eine der Kleinen Horen beten wollte, immer und immer und immer Psalm 118 angezeigt. Wahrscheinlich hatte ich diese Ermutigung nötig. 

"Aber vielleicht", meinte meine Liebste, "kommt es irgendwann wirklich dazu, dass wir nach Portugal oder sonstwohin ziehen und auf dem Land als Selbstversorger leben müssen." 

"Wenn es dazu kommt", erwiderte ich, "dann machen wir das." 

Währenddessen im Land of the Free and Home of the Brave: Die Regierung von US-Präsident Biden plant im Rahmen eines groß angelegten Infrastruktur-Konjunkturprogramms Fördermittel in Höhe von 400 Milliarden (!) Dollar für Kleinkindbetreuung und frühkindliche Bildung locker zu machen. Toll, oder? Theoretisch können auch Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft an diesem Förderprogramm partizipieren. Noch toller, oder? -- Na ja, wie man's nimmt. Die Ausschüttung der Fördermittel ist nämlich an Bedingungen geknüpft: Geld gibt's nur für solche Einrichtungen, die sich zur Einhaltung einer "Antidiskriminierungs"-Richtlinie verpflichten, die, man ahnt es schon, u.a. Toleranz in Sachen sexueller Orientierung und Gender-Identität vorschreibt. Kritiker der Vorlage bemängeln, durch diese Richtlinie erscheine das Konjunkturpaket wie maßgeschneidert für den Zweck, religiös orientierte Träger aus dem Kinderbetreuungs-Sektor zu vertreiben. Derweil erklärt Thomas Carroll, der Leiter der Schulabteilung der Erzdiözese Boston, man werde sich nicht auf einen Handel einlassen, der der Kirche praktisch abverlange, ihren Glauben zu verleugnen: "In der katholischen Kirche haben wir eine 2.000-jährige Lehrtradition. Die geben wir nicht einfach auf, um Geld von der Regierung zu bekommen." 

Respekt für diese Haltung, kann ich da nur sagen. Ich habe den bösen Verdacht, die meisten deutschen Bistümer würden das Geld nehmen und dafür alles tun, was die Regierung von ihnen verlangt. Möglicherweise werden wir schon bald Gelegenheit haben, zu sehen, ob ich mit dieser Einschätzung richtig liege. 

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Was es sonst Neues gibt: Die Woche begann mit einer Pressemitteilung des Erzbistums Berlin: "Sechs neue Pfarreien im Erzbistum Berlin im Jahr 2022". Nanu, möchte man da ja erst mal denken: Was ist denn da los? Wachstum gegen den Trend? Eine plötzliche Bekehrungswelle? Ja, Pustekuchen. Was in Wirklichkeit passiert, ist  dass sechs Pastorale Räume ihre "Entwicklungsphase" abschließen und zu Pfarreien erhoben werden. Rein formal betrachtet ist die Überschrift der Pressemeldung also korrekt: Es handelt sich rechtlich tatsächlich um die Neugründung von Pfarreien, die es vorher nicht gab. Nur dass die betreffenden Pastoralen Räume bisher aus jeweils zwei bis vier Pfarreien bestanden, die nunmehr aufgehoben, abgeschafft, abgewickelt werden. Die "Gründung von sechs neuen Pfarreien" läuft mithin darauf hinaus, dass es im Erzbistum Berlin fortan netto elf Pfarreien weniger geben wird. 

Die Pressemitteilung vor diesem Hintergrund als "Verarsche" zu bezeichnen, wäre viel zu milde: Es ist Orwellsches Neusprech in Reinkultur. Der Satz "Zum 1. Januar 2022 werden im Erzbistum sechs neue Pfarreien errichtet" ist ein Satz wie "Transfrauen sind Frauen": der Versuch, mittels Sprachregelung die Realität außer Kraft zu setzen und eine alternative Realität zu schaffen. Die  Korruption der Sprache zielt auf die Korruption der Wahrnehmung und des Denkens. 

Ich bin durchaus bereit, anzunehmen, dass Kardinal Woelki gute Absichten hatte, als er in seiner Amtszeit als Erzbischof von Berlin den Pastoralen Prozess "Wo Glauben Raum gewinnt" ins Leben rief und damit den waghalsigen Versuch unternahm, die Flächensanierung der pfarrlichen Strukturen im Erzbistum als etwas Positives, ja geradezu als einen geistlichen Aufbruch zu verkaufen. Wahrscheinlich war auch Wunschdenken im Spiel. Aber die Auswirkungen kann man nur bizarr nennen. Es wird ein unfassbarer Aufwand betrieben, um den Schein zu wahren -- mit Festgottesdiensten, gestalteten Kerzen, Arbeitsgruppen, lokalen Pastoralplänen... eine gigantische Beschäftigungstherapie für haupt- wie ehrenamtliche Mitarbeiter, von denen man doch denken sollte, sie hätten auch ohnedies genug zu tun. 

Das ist auch - noch vor allen persönlichen und sachlichen Gründen, die speziell meine bisherige Pfarrei betrafen - ein Hauptgrund dafür, dass ich mich aus der Gremienarbeit zurückgezogen habe. Denn durch die Mitarbeit in den Gremien trägt man eben, ob man will oder nicht, zur Legitimation dieses sogenannten Pastoralen Prozesses bei, oder schärfer ausgedrückt, man wird zum Komplizen einer Lüge gemacht. Natürlich kann man aufstehen und sagen "Das ist doch alles komplett sinnlos, was wir hier machen"; aber was man dann nicht kann, ist, sich wieder hinsetzen und damit weitermachen. 

Mancher wird nun meinen, dass ich übertreibe, gar aus einer Mücke einen Elefanten mache, aber weißte was, Leser: Genau das - dass man denkt "Na, so eine große Sache ist das ja nun auch nicht" - ist Teil der Strategie. Ich kann nur immer wieder auf Vaclav Havels Beispielerzählung über den Gemüsehändler verweisen: Ein Gemüsehändler, der unter einem kommunistischen Regime lebt, kann davon ausgehen, dass er Probleme bekommt, wenn er nicht am 1. Mai oder bei ähnlichen Anlässen ein Transparent mit der Aufschrift "Proletarier aller Länder, vereingt euch!" ins Schaufenster seines Ladens hängt. Also hängt er das Transparent auf, um keinen Ärger zu bekommen, aber gleichzeitig schämt er sich ein bisschen dafür. Um dieses Schamgefühl zu beschwichtigen, sagt er sich: Na ja -- was ist eigentlich falsch daran, dass sich die Proletarier aller Länder vereinigen sollen? Und so fängt er nach und nach an, die Propaganda zu akzeptieren und an sie zu glauben. Diesen Mechanismus kann man derzeit überall beachten, sei es bei den Themen sexuelle Orientierung und Gender-Identität, in der Corona-Impfdebatte oder beim "Synodalen Weg". Aber jetzt hör ich besser mal auf -- und komme lieber zum letzten Linktipp für diese Woche: 

Schachmatt für Klimaleugner und Coronaskeptiker: Der weltgrößten Frikadellenbraterei gehen die Fritten aus, und wer ist schuld daran? Na? "Grund für die Knappheit seien die heftigen Überschwemmungen im Westen Kanadas sowie Unterbrechungen in den globalen Lieferketten wegen der Corona-Pandemie." Das Ende ist nahe! 
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Ohrwurm der Woche: Jona Lewie, "Stop the Cavalry" (1980) 

Dies war, neben "Fairytale of New York" von den Pogues feat. Kirsty MacColl, schon immer einer meiner liebsten Weihnachts-Popsongs, auch schon, als ich außer dem Wort "Christmas" noch nichts von Text verstand. Das heißt folglich auch, dass mir die Anti-Kriegs-Message des Songs zunächst völlig entging, aber irgendwann kam ich natürlich doch dahinter. Und auch wenn ich die derzeitige Lage nun wirklich nicht mit Krieg auf eine Stufe stellen will, muss ich doch sagen, dass die Refrainzeile "Wish I was at home for Christmas" mich heuer besonders angesprochen hat. Auch der Vers "She's been waiting two years long" gewinnt anlässlich dieser zweiten Corona-Weihnacht eine besondere Bedeutung. 

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Aus der Lesehore: 

Ein kleines Kind wird geboren, es ist der große König. Als die Weisen die Geburt des Königs verkündeten, erschrak Herodes und suchte das Kind zu töten, um seine Herrschaft nicht zu verlieren. Hätte er an das Kind geglaubt, hätte er hier in Sicherheit herrschen können und ohne Ende im ewigen Leben. Warum fürchtest du dich, Herodes, bei der Kunde von der Geburt des Königs? Er kommt doch nicht, dich zu stürzen, sondern den Teufel zu überwinden. Aber du erkennst es nicht, du erschrickst und wütest. Um den einen zu verderben, den du suchst, ermordest du grausam die vielen Kinder. Du mordest den Leib der Kleinen, aber die Furcht mordet dein Herz. Du meinst ein langes Leben zu gewinnen, wenn es dir gelingt, den umzubringen, der das Leben selber ist. Der Quell der Gnade, so klein und so groß, der noch in der Krippe liegt, erschreckt dich auf deinem Thron. 

Die Kinder sterben für Christus und wissen es nicht. Gott macht die Kinder, die noch nicht sprechen können, fähig, Zeugnis zu geben für ihn. Sie können noch nicht sprechen, und schon bekennen sie Christus! Noch vermögen sie nicht die Glieder zum Kampf zu regen, und schon gewinnen sie die Palme des Sieges! 

(Quodvultdeus, Predigt über das Glaubensbekenntnis) 


Montag, 20. Dezember 2021

Spandau oder Portugal #4 (4. Woche im Advent)

Meine Güte, ist so eine Woche manchmal schnell rum! Also gut, hier das Neueste: 

Option Spandau (im engeren Sinne): Die Erkundung des Pastoralen Raums Spandau-Nord/Falkensee macht Fortschritte, obwohl ich wieder nicht in der Freitagabend-Messe in St. Stephanus war (dazu später). Hingegen waren wir Mittwoch früh - und zwar die ganze Familie - in der Kapelle des St.-Elisabeth-Seniorenheims in Hakenfelde


Anlass dafür war, dass unsere Freundin und Bloggerkollegin Claudia den Jahrestag ihres Gelübdes feierte -- in sehr bescheidenem Rahmen: Außer ihr und uns (und dem Zelebranten natürlich) nahmen an der Messfeier zwei ältere Leutchen sowie eine Handvoll indischer Ordensschwestern teil, die im Haus wohnen und arbeiten. Auf jeden Fall war es aber eine schöne, wohltuend schlicht gefeierte Messe, und ich fand auch die Kapelle ausgesprochen hübsch: 


Eine interessante Geschichte hat das Haus auch: Eingeweiht wurde es 1928 als Wohnheim für erwerbstätige Frauen und Mädchen, wurde allerdings schon in den 30ern zum Seniorenheim umgewidmet -- es ist also nicht so, wie ich zunächst dachte, dass der Verwendungszweck des Hauses mit seinen Bewohnerinnen "mit-gealtert" wäre. Die Hauskapelle war zunächst eine Filiale der Spandauer Pfarrei "Maria, Hilfe der Christen", 1953 wurde St. Elisabeth dann eine eigenständige Kuratie -- bis 1975 das nur knapp zwei Kilometer entfernte Gemeindezentrum St. Lambertus eingeweiht wurde. Seither gehörte St. Elisabeth zur Pfarrei von St. Lambertus, die im Jahr 2002 wiederum mit "Maria, Hilfe der Christen" fusioniert wurde; und wie wir ja wissen, läuft derzeit der nächste Fusionsprozess: Aus dem Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee soll in absehbarer Zeit die Großpfarrei Heilige Familie werden. 

Indes verrate ich wohl kein besonders streng gehütetes Geheimnis, wenn ich sage, dass die Zukunft des (wie es im amtlichen Pastoralprozess-Sprech heißt) Ortes kirchlichen Lebens St. Elisabeth ausgesprochen ungewiss ist: Für das Seniorenheim ist bereits ein neuer Standort in Planung; ob sich kirchenintern Interessenten für eine Nachnutzung von St. Elisabeth finden lassen, erscheint eher fraglich, zumal der Standort so abgelegen ist (und der nächste Nachbar ein Gefängnis ist; JVA und j.w.d. sind wohl beides nicht so attraktive Standortfaktoren). Und da das Haus zudem (was mich eigentlich wundert) nicht einmal denkmalgeschützt ist, steht zumindest theoretisch die Option im Raum, es abzureißen. Fände ich sehr schade... 

Der Geistliche, der die Messe in St. Elisabeth zelebrierte, ist ein Freund der Familie, und wir freuten uns, ihn bei dieser Gelegenheit mal wiederzusehen. Theoretisch wäre er natürlich auch ein naheliegender Ansprechpartner für strategische Überlegungen zu unserer "Option Spandau", aber in der Zeit, die er im Anschluss an die Messe noch für uns hatte, sprachen wir dann doch hauptsächlich über andere Dinge. Wir werden darauf zurückkommen. 

Was nun die Messe am Freitagabend in St. Stephanus betrifft, hatte mir einer meiner Spandauer Kontakte in Aussicht gestellt, wenn ich da hinkäme, könnte mir im Anschluss an die Messe den Pfarrer vorstellen und mir eventuell schon mal die Gemeinderäume zeigen; das wäre natürlich sehr interessant gewesen, aber dann sagte er mir wegen eines anderen Termins doch ab. Das hätte nun nicht unbedingt zwingend dagegen gesprochen, trotzdem dort zur Messe zu gehen, aber da ich am Freitag dringend einen Artikel für die Tagespost fertigschreiben, fürs Wochenende einkaufen und Abendessen für meine Familie kochen musste, war ich letztendlich doch ganz zufrieden damit, mir den Trip nach Haselhorst zu sparen. Es kommen noch andere Gelegenheiten. Wie schon mehrfach angemerkt: Nach Weihnachten dürfte alles etwas entspannter werden -- für alle Beteiligten. 

André Görke, so viel glaube ich inzwischen herausgefunden zu haben, scheint so etwas wie der Spandau-Experte und -Korrespondent des Tagesspiegels zu sein und schreibt auch einen "Spandau-Newsletter", den ich vielleicht mal abonnieren sollte. Vorerst jedoch habe ich einen etwas älteren Artikel von ihm entdeckt, den ich recht interessant finde. Darin geht es um die Band Die Ärzte und darum, was die mit Spandau verbindet; das ist so Einiges. So zum Beispiel dass die beiden Ärzte-Begründer Jan Vetter alias Farin Urlaub und Dirk Felsenheimer alias Bela B. ihren ersten gemeinsamen Auftritt, noch unter dem Bandnamen Soilent Grün, 1981 im Evangelischen Johannesstift in Hakenfelde hatten, gerade mal eine Viertelstunde Fußweg vom oben erwähnten Haus St. Elisabeth. Wie viele Punkbands ihre ersten Karriereschritte in kirchlichen Einrichtungen machten, ist übrigens insgesamt ein spannendes Thema. -- Zu den Ärzten sei übrigens noch gesagt, dass sie mir in jüngerer Zeit zwar wegen ihrer Nähe zum Regime, die in so auffallendem Kontrast zu ihrem gern gepflegten rebellischen Image steht, eher suspekt geworden sind (insofern ist es recht passend, dass auf dem Foto zum Artikel nur Bela nicht wie ein in die Jahre gekommener Politiker aussieht, und auch der eigentlich nur dank seines zweifarbigen Haarschopfs), aber hey, ein kulturhistorisches Phänomen sind und bleiben sie so oder so, und viele ihrer Songs "von früher" höre ich immer noch gern. 

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(im erweiterten Sinne:) Es ist mir ein bisschen peinlich, aber ausgerechnet nachdem ich im vorigen Wochenbriefing auf meine regelmäßige Mittwochnachmittags-Andacht in St. Joseph Tegel hingewiesen habe, und das explizit mit der Bemerkung "wenn mal jemand vorbeikommen mag...", ist die Andacht letzte Woche ausgefallen. Stattdessen waren wir ja, wie oben erwähnt, morgens in Hakenfelde zur Messe. Jetzt hoffe ich mal, dass nicht ausgerechnet an diesem Mittwoch jemand zu meiner Andacht kommen wollte und enttäuscht wieder abgezogen ist. -- Aber ich predige hier ja nicht umsonst immer wieder, dass Punkpastoral vom Selbermachen lebt. Daher, geschätzter Leser: Solltest Du mal in eine Kirche kommen, wo eigentlich gerade eine Andacht stattfinden sollte, aber es ist kein Vorbeter da -- gib dir einen Ruck und bete selber vor! Ich weiß, das ist nicht so einfach, wenn man's noch nie gemacht hat, und kostet eine Menge Überwindung. Aber weißte was, Leser? Jeder, der so etwas macht, hat es irgendwann mal zum ersten Mal gemacht. Ich zum Beispiel dachte früher auch, ich kann sowas nicht. Bei unseren wöchentlichen Lobpreisandachten in Herz Jesu Tegel habe ich die "freien" Passagen - Eröffnungsgebet, Schriftauslegung, Bittgebet - gern meiner Liebsten überlassen, die von uns beiden einfach die ausgeprägtere charismatische Ader hat, und habe mich auf die Liedauswahl konzentriert und auf die Texte, die vom Stundenbuch her vorgegeben waren. Tja, und dann wurde meine Liebste in ihrer zweiten Schwangerschaft fast vier Monate lang zu Bettruhe verdonnert, und ich musste ihren Part in der Andacht mit-übernehmen. Und siehe da, es ging. Man kann in so etwas 'reinwachsen. Wenn man sich der Führung des Heiligen Geistes anvertraut, lässt Er einen nicht im Stich.  

Unlängst habe ich hier mal angemerkt, es bereite mir etwas Kummer, in was für eine Richtung sich Simcha Fishers Blog entwickle. Aber da geht's mir ähnlich wie mit den Ärzten (s. Linktipp 1): Die alten Sachen sind immer noch gut. Habe daher mal einen Artikel herausgesucht, den ich sehr mag und der mir zudem dazu zu psssen scheint, was ich gerade über das Sich-Überwinden zum Vorbeten geschrieben habe; auch wenn es in dem Artikel nicht ums öffentliche Vorbeten geht, sondern ums private Gebet. Dies allerdings mit einem besonderen Fokus darauf, sich auch an solche Gebrtsformen heranzutrauen, von denen man zunächst meint, dass sie einem "nicht so liegen". Im Besonderen geht es um das Beten mit dem Stundenbuch, eine Praxis, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, nachdem ich sie erst relativ spät "entdeckt" habe. Simcha Fisher bezieht Zeugnisse zweier damals ziemlich "frischer" Konvertitinnen, Leah Libresco (die ich in meinem Blog schon öfter erwähnt habe und mit der ich, so viel Wichtigtuerei sei mir erlaubt, in gelegentlichem eMail-Kontakt stehe) und Jen Fulwiler, in ihre Ausführungen ein. 

Man beachte übrigens, dass Simcha Fisher damals noch (unter anderem) für das National Catholic Register schrieb. Vier Jahre später wurde sie dort gefeuert, auf das Betreiben von Leuten hin, denen sie zu unkonventionell, zu frech und außerdem zu Trump-kritisch war. Ich schätze, die damalige Kampagne gegen sie wirkt sich bis heute auf ihre Arbeit aus. Aber das mal nur am Rande. 

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Option Portugal (im engeren Sinne): Ich war schon drauf und dran, zu schreiben "In dieser Kategorie gibt es weiterhin nichts Neues", aber just in dem Moment entdeckte meine Liebste im Internet ein Foto, das ein Dorf auf einer Steilküste zeigte - einer sehr, sehr hohen Steilküste -, und eine derart intensive Aussteiger-Romantik ausstrahlte  dass es geradezu zwingend die Frage nach sich zog: "Wo ist das?" Antwort: Der Ort befindet sich tatsächlich in Portugal, heißt Azenhas do Mar und ist nicht weit entfernt vom westlichsten Punkt des europäischen Festlands, dem Cabo da Roca. Die Vorstellung, aus dem Fenster zu schauen und nichts als Meer zu sehen, löst bei mir eine ganz eigentümliche Mischung aus Fernweh und Heimatgefühlen aus. -- Im portugiesischen Wikipedia-Artikel über den Ort Azenhas do Mar habe ich (mit Hilfe der automatischen Übersetzung von Google; meine Portugiesisch-Kenntnisse gehen bislang nicht wesentlich über "bom dia" und "tudo bem" hinaus) eine eher knappe Bemerkung über lokales religiöses Brauchtum gefunden, umd bei dem (speziell auf diesen Ort bezogen leider nicht erfolgreichen) Versuch, Genaueres darüber in Erfahrung zu bringen, bin ich auf diese Quelle gestoßen: 

Zugegeben: Mit präzisen Informationen glänzt diese Seite nicht gerade. Aber wenn ich da lese "Neben den nationalen Feiertagen gibt es überall im Land und das ganze Jahr hindurch traditionelle Festtage", dann macht mir das schon Lust auf die "Option Portugal". Weiter heißt es: "Jede Gemeinde hat 'ihr' eigenes Fest – und das ist oft eng mit dem Stadt- oder Dorfheiligen verbunden." Sehr löblich -- wobei anzumerken wäre: Das gab es hierzulande auch mal. Unsere Großeltern wussten noch davon zu erzählen. Was aber im Grunde nur ein Grund mehr ist, sich zu wünschen, dass die eigenen Kinder mit solchen Sitten aufwachsen -- um dann irgendwann ihren Enkeln davon erzählen zu können. Im weiteren Verlauf des Artikels erfährt man dann noch mancherlei über die "[v]or allem in den eher abgelegenen Dörfern im nördlichen Portugal" verbreiteten Kirchweihfeste ("Romarias"), über Wallfahrten, Prozessionen, Trachten und mit bestimmten festlichen Anlässen verbundene Speisen; alles in allem könnte man den Eindruck bekommen, ganz Portugal wäre eine Art katholisches Bullerbü. Ist wahrscheinlich etwas idealisiert dargestellt, aber neugierig macht es mich schon. 

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(im erweiterten Sinne:) Unerwartet gute Nachrichten gibt es derweil aus der Heimat -- genauer gesagt und ausgerechnet aus dem Problemstadtteil Nordenham-Einswarden, auf den ich hier in meinem Blog schon öfter mein Augenmerk gerichtet habe. Insbesondere galt mein Interesse dabei der 1928 geweihten Kirche Herz Jesu, die bereits seit Ende 2015 ungenutzt war und Ende November 2019 schließlich profaniert wurde. Gebäude und Grundstück sollten verkauft werden, hieß es, aber wer Interesse haben könnte, das Ensemble zu kaufen - und zu welchem Zweck -, blieb zunächst unklar. Auf diese Frage gibt es nun eine Antwort, und sie ist besser, als ich es mir hätte träumen lassen. Denn nun ist der Verkauf in Sack und Tüten, und der Käufer ist...: das Koptisch-Orthodoxe Bistum Norddeutschland! Der betreffende Bericht auf NWZ Online befindet sich hinter einer Bezahlschranke, aber ich habe ja zum Glück meine Kontaktpersonen vor Ort, die mir den vollständigen Artikel zugänglich gemacht haben. Eine "Bildungs- und Exerzitienstätte", erfährt man da, wollen die Kopten in Einswarden einrichten, mit einem "besonderen Schwerpunkt auf Angebote für Kinder und Jugendliche". Zu diesem Zweck soll in der ehemaligen katholischen Kirche "ein Mönch stationiert" werden. Jucheirassa! Habe ich nicht schon vor Jahren die Rückkehr der Mönche in die Wesermarsch prophezeit? -- Okay, "prophezeit" ist nicht ganz das richtige Wort, es war mehr so in den Tag hinein gewunschträumt; aber dass mir gefälligst keiner mehr damit kommt, die Luftschlösser, die ich in meinem Blog zu bauen geruhe, wären realitätsfern! Okay, es ist (vorerst) nur ein Mönch, und kein katholischer. Aber ich freue mich und bin gespannt auf die Dynamik, die diese Gründung in diesem geistlich verödeten Landstrich in Gang setzen wird. "Als  Einzugsbereich" für das neue Zentrum werden in dem Presseartikel "die koptischen Gemeinden in Bremen, Hamburg, Hannover und Wilhelmshaven" genannt; das nenn' ich mal sportlich. Weiter heißt es, es sei "eine enge ökumenische Zusammenarbeit mit der St.-Willehad-Gemeinde geplant"; na, die werden sich wundern, auf beiden Seiten. -- Wie dem auch sei: Wenn es mir irgendwann mal wieder möglich sein wird, mit der Familie nach Nordenham und/oder Butjadingen zu reisen, werde ich dem neuen koptischen Exerzitienzentrum auf jeden Fall einen Besuch abstatten. Ich bin schon jetzt voller gespannter Vorfreude. 

Bloggerkollege Peter Winnemöller nimmt die familienpolitischen Pläne der neuen Bundesregierung unter die Lupe -- und stellt fest: Das Modell "Ein Mann, eine Frau und ihre gemeinsamen Kinder" hat als familienpolitische Norm ausgedient. Okay, das ist nicht unbedingt überraschend; aber was das konkret im Einzelnen bedeutet - Ausweitung des Sorgerechts auf mehr als zwei Personen, "Verantwortungsgemeinschaft" als neue, trendige Umschreibung für legale Polygamie, ein Abstammungsrecht, das vo  der leiblichen Verwandtschaft abgekoppelt wird - ist alles andere als banal. "Für Katholiken", so prognostiziert Peter Winnemöller, "brechen in gewisser Weise finstere Zeiten an": 
"Noch kann nicht die Rede von Verfolgung sein, doch Angriffe und Diskriminierungen nehmen zu. Da auch die Bischöfe sich dem Mainstream geschmeidig anschmiegen, wird es auch im Binnenraum der Kirche immer kühler." 
Was also ist zu tun?[...] Peter Winnemöller meint: Es braucht eine Benedikt-Option für Familien (auch wenn er diese Bezeichnung nicht explizit verwendet). 
"Langfristig wird es darum gehen, Inseln zu bauen. Auch geografische Areale, in denen gleichdenkende zusammen in räumlicher Nähe leben und für sich die Diversität einfordern so zu leben, wie sie es wollen und ihre Kinder so zu erziehen, wie es ihnen recht erscheint und ihre Alten bei sich zu behalten, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Klingt romantisch? Ist es aber nicht. Solche Areale werden nur mühsam am fortschreitenden Wohlstand partizipieren können. Das muss man wissen."
Solche "Inseln", die es christlichen Familien erlauben sollen, ihrem Glauben und ihren Überzeugungen entsprechend zu leben, auch wenn die Welt sie dafür hasst, sind aber nicht nur dazu da, sich selbst und die eigenen Angehörigen vor der bösen Welt in Sicherheit zu bringen und dann gelassen zuzusehen, wie alles andere den Bach runtergeht. Vielmehr geht es darum, "in der gelebten Praxis" eine Alternative zur zunehmenden Dekonstruktion der Familie aufzuzeigen. Mit dieser Klarstellung beweist Peter Winnemöller, dass er den Grundgedanken der #BenOp besser verstanden hat als die Meisten. 
"Letztendlich erfinden wir doch damit das Rad gar nicht neu. In der Antike waren Christen die, die keine Kinder aussetzten, keine Alten töteten, sich um Kranke kümmerten. Christen sind die, die nicht Abtreiben, keine Sterbehilfe leisten, die die Kinder annehmen, die Gott ihnen schenkt und ohne In Vitro- Fertilisation etc. auskommen, in der Ehe treu sind, die Armen helfen und im Grunde so gegen den Mainstream schwimmen, dass man sich die Augen reibt, wie es sowas geben kann." 
Darum geht's. Zeugnis geben nicht nur mit Worten, sondern mit seinem ganzen Leben ein Zeugnis sein

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Was es sonst Neues gibt: Wie schon erwähnt, habe ich in der zurückliegenden Woche mal wieder einen Beitrag für die Tagespost verfasst. Einen Essay fürs Feuilleton, der in der Weihnachtsausgabe erscheinen soll. Die thematische Vorgabe der Redaktion lautete "etwas Frommes ohne Corona"; das war mir ausgesprochen recht, aber wie es bei mir so oft der Fall ist, machte ich mich erst konsequent an die Arbeit, als der Abgabetermin bereits am Horizont dräute. Jetzt freue ich mich aber auf die Veröffentlichung. 

Neues gibt es auch von der WENIGER-Konferenz, die ja, wie neulich schon erwähnt, aus pandemischen Gründen "noch WENIGER" wird als ursprünglich geplant. Das wirkt sich zum Beispiel dahingehend aus, dass gar nicht so viele Personen teilnehmen können und dürfen, wie bereits Tickets verkauft wurden. Nun könnte das Gebetshaus Augsburg, das die Veranstaltung ausrichtet, möglicherweise darauf spekulieren, dass dieses Problem sich von selbst reguliert, weil bestimmt ein gewisser Teil der Ticket-Inhaber die Voraussetzungen für die 2G-Regel nicht erfüllt und deshalb nicht teilnehmen kann; umso sympathischer finde ich es, dass die Veranstalter nicht diesen Weg wählen, sondern stattdessen alle bereits verkauften Tickets rückerstatten und mit dem Vorverkauf noch einmal von vorn beginnen. 

Mein letzter Linktipp für diese Woche betrifft ein Thema, das in meinem kommenden Tagespost-Artikel erwähnt wird, dort allerdings nicht viel mehr als eine Randbemerkung ist: 

Eins vorweg: Die Sängerin Billie Eilish, die vorgestern ihren 20. Geburtstag gefeiert hat (Alles Gute nachträglich!) ist mir dem Namen nach ein Begriff - letztes Jahr hat sie alle vier Hauptkategorien der Grammy Awards abgeräumt -, aber da ich irgendwann in den "Nuller Jahren" aufgehört habe, mich aktiv für Neuerscheinungen auf dem Popmusikmarkt zu interessieren, habe ich keine Ahnung, wie ihre Musik klingt. Sehr gut möglich, dass ich das eine oder andere Lied von Billie Eilish kenne, weil ich's mal im Einkaufsradio oder in unverlangt aufpoppenden Werbevideos im Internet gehört habe, aber ich wüsste es nicht. Natürlich hätte ich mir, wenn ich schon über die junge Dame schreibe, ein paar Songs von ihr auf YouTube anhören können, habe mir aber gedacht: Nö, nun gerade nicht. Denn darum, ob mir ihre Musik gefällt oder nicht, geht's hier nicht, also will ich mich davon auch nicht beeinflussen lassen. 

Worum geht's dann? Darum, dass eine enorm populäre, als "Stilikone für Mädchen ihrer Generation" gehandelte Popsängerin öffentlich vor den psychischen Folgeschäden von Pornographiekonsum warnt. So etwas erwartet die Öffentlichkeit ja normalerweise eher von evangelikalen Predigern und rechtsgerichteten Kolumnisten. Billie Eilish verweist jedoch auf ihre eigenen Erfahrungen: Sie habe mit elf Jahren angefangen, Pornos zu schauen, und es habe ihr "Gehirn zerstört". Sie habe Albträume und Schlafstörungen davon bekommen, und nicht zuletzt habe ihr Pornokonsum sich negativ auf ihre ersten eigenen sexuellen Erfahrungen ausgewirkt. Mancher wird sagen "Na ja, aber dass Pornos nichts für Elfjährige sind, ist ja wohl klar"; aber wie man so hört, scheint das tatsächlich ein ziemlich typisches Einstiegsalter zu sein. Im Übrigen, so Billie Eilish, sei Pornographie entwürdigend für Frauen, vermittle ein unrealistisches Bild von Sexualität und (ver)führe dazu, missbräuchliche und gewalttätige Sexualpraktiken für normal zu halten. Nun sehe ich natürlich direkt Leute wie Rolf Krüger vor mir, die erklären, ja, Pornos, auf die diese Kritik zutreffe, seien natürlich schlimm und abzulehnen, aber es gebe auch ethisch einwandfreie Pornographie. Woraufhin ich mit den Augen rolle und etwas nicht Zitierfähiges murmele. 

Auf der anderen Seite kann man sich natürlich fragen: Wenn man nun schon vorher wusste, dass Pornographie schlecht ist, was ist dann so bemerkenswert an Billie Eilishs Einlassung? Worauf ich mit "Federalist"-Autorin Madeline Osburn antworten möchte: Sie ist ein Beispiel dafür, dass sich in der sogenannten "Generation Z" vermehrt Zweifel regen, ob die sexuelle Revolution wirklich ein reiner Segen war. Dass das manchen Leuten nicht gefällt, ist auch wiederum kein Wunder. 

(Nebenbei bemerkt: Natürlich gibt es auch deutschsprachige Quellen zu dieser Meldung. Aber ich hatte wirklich keine Lust, hier stern oder Bild zu verlinken, und im Übrigen hat mir eine schnelle Google-Recherche den Eindruck vermittelt, dass das, was die deutschen Medien zu diesem Thema bringen, nicht wesentlich über schlecht übersetzte Agenturmeldungen hinausgeht.)

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Ohrwurm der Woche: Ton Steine Scherben, "Allein machen sie dich ein" (1972) 

Ich fürchte, ich habe einen fragwürdigen Einfluss auf den Musikgeschmack meiner kleinen Tochter: Nachdem sie schon seit unserem letzten Urlaub eine ausgeprägte Vorliebe für das Frühwerk Udo Lindenbergs entwickelt hat, hat sie nun auch Ton Steine Scherben für sich entdeckt. Für den Song "Allein machen sie dich ein" habe ich mich zunächst vor allem wegen der Titelähnlichkeit zu dem NGL-Kanon "Einsam bist du klein" interessiert (den Einfluss von Ton Steine Scherben auf das Genre "Neues Geistliches Lied" betrachte ich als ein Phänomen, das der Angloamerikaner als "hiding in plain sight" bezeichnen würde: Es fällt nur deshalb niemandem auf, weil niemand danach fragt); allerdings haben diese Lieder über die Titelzeile hinaus gar nicht so viel miteinander gemeinsam. Dafür hat "Allein machen sie dich ein" aber vom Stil her bemerkenswerte Ähnlichkeit mit "The Ballad of John and Yoko" von den Beatles,  was mich daran erinnert, dass John Lennons Wandlung von "Die Beatles sind beliebter als Jesus" hin zu "Ich BIN Jesus" auch ein ziemlich spannendes Thema ist. Christ, you know it ain't easy. Aber ich schweife ab. 

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Aus der Lesehore: 

Maria sagt: Mit so großer und unvorstellbarer Gnade hat der Herr mich erhöht, daß kein Wort es zu erklären vermag und daß es kaum mit der innersten Bewegung des Gemütes erfaßt werden kann. Darum biete ich alle Kräfte meiner Seele auf, um Lob und Dank zu sagen. Indem ich seine grenzenlose Größe betrachte, gebe ich freudig dankend alles dahin, alles, was ich erlebe, fühle und denke. Denn mein Geist erfreut sich an der Gottheit Jesu, des Retters, der in der leiblichen Empfängnis die Frucht meines Leibes geworden ist. 

(Beda Venerabilis, Kommentar zum Lukasevangelium)