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Freitag, 13. Oktober 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #51

Willkommen beim nur noch unwesentlich verspäteten Wochenbriefing, Leser! Ja, der reguläre Erscheinungstermin wäre gestern gewesen, aber das ist ja, nachdem wir vor nicht allzu langer Zeit noch einen Rückstand von beinahe zwei Wochen hatten, kaum noch der Rede wert... Freut euch also mit mir auf den Bericht über die Woche vom 6.-12. Oktober – und darauf, dass das nächste Wochenbriefing wieder pünktlich erscheinen wird!

Symbolbild: Achilleus hat die Schildkröte (fast) eingeholt. Dank Kaffee. 


Spandau oder Portugal 

Am Sonntag, dem 8. Oktober – dem 27. Sonntag im Jahreskreis – gingen wir "ganz normal" (und ohne größere Schwierigkeiten mit dem ÖPNV) mit der ganzen Familie in St. Joseph Siemensstadt zur Messe; der örtliche Pfarrvikar zelebrierte, und in der ersten Reihe saßen sieben Kinder aus dem neuen Erstkommunionkurs. Wie der Pfarrvikar nebenbei erwähnte, waren zuvor in St. Stephanus weitere sieben gewesen, womit also rund zwei Drittel des Erstkommunionkurses an diesem Sonntag in der Messe waren; ich bin geneigt anzunehmen, dass das eine bemerkenswert gute Quote ist, aber der Kurs hat ja auch gerade erst angefangen. Jedenfalls nahm der Pfarrvikar die starke Präsenz angehender Erstkommunionkinder zum Anlass, diesen in der Messe eine Katechese über die Messe zu erteilen. Dies tat er einerseits dadurch, dass er an verschiedenen Punkten der Liturgie kurze Erläuterungen darüber einschob, was gerade geschah und was das bedeutete, andererseits und vor allem aber in der Predigt, die er – abgesehen von einigen am Ende angefügten Sätzen "für die Erwachsenen" – als Dialog mit den Kindern gestaltete. Bisher war ich immer der Meinung gewesen, die Messe zu feiern und eine Katechese über die Messe zu halten seien zwei verschiedene Dinge, die man nicht miteinander vermischen sollte; Versuche anderer Geistlicher in anderen Gemeinden, beides gleichzeitig zu tun, hatte ich eigentlich immer als peinlich und ungelenk empfunden. Aber so, wie der Pfarrvikar es hier machte, fand ich es gut; und für diesen Sinneswandel gibt es sicherlich mehrere Gründe. Zum einen habe ich jetzt selber Kinder, und meine Älteste nähert sich langsam aber sicher dem Erstkommunionalter. (Ich machte meine Tochter mehrfach darauf aufmerksam, dass die an die Kinder gerichteten Erläuterungen des Priesters auch für sie seien, und antwortete flüsternd auf ihre Nachfragen; im Übrigen hatte ich den Eindruck, sie wäre durchaus in der Lage gewesen, im "Predigtgespräch" ähnlich sinnvolle Antworten auf die Fragen des Priesters zu geben wie die ein paar Jahre älteren Kinder aus dem Erstkommunionkurs.) Ein weiterer Aspekt ist sicherlich, dass der Pfarrvikar einfach "gut mit Kindern kann" – dass er im Umgang mit ihnen weder herablassend noch anbiedernd noch pedantisch wirkt; das ist, wie mir scheint, nicht nur unter Geistlichen, sondern überhaupt unter Erwachsenen eine nicht allzu häufig anzutreffende Gabe. Und dann kommt noch etwas hinzu, was meine Liebste auf ihre unnachahmliche Art wir folgt formulierte: "Es ist halt hilfreich, wenn man selbst an das glaubt, was man da vorne erzählt. Dann hat man auch seine Prioritäten klar." – Ja, meine Liebste ist ziemlich hardcore. Könnte damit zusammenhängen, dass sie als Teenager gläubig geworden ist. An der Aussage ist aber zweifellos was dran. "Wenn der Lektor hier steht und die Lesung vorträgt oder der Priester das Evangelium, dann spricht Gott zu euch. Da müsst ihr gut zuhören", erklärte der Pfarrvikar den Kindern. Im Predigtgespräch nutzte er Jesajas Lied vom Weinberg (Jes 5,1-7) für eine Einführung in die metaphorische Redeweise biblischer Texte: Diese müsse man "lernen wie eine andere Sprache, zum Beispiel Englisch"; allerdings sei es "zum Glück viel einfacher", ja er meinte sogar, im Grunde sei die Bibel "kinderleicht" zu verstehen. Da würde nun sicherlich so mancher Theologe die Stirn runzeln und mürrisch "Fundamentalismus!" murmeln; aber ich möchte mal zu bedenken geben: Wenn man Kindern vermittelt, die Bibel sei viel zu kompliziert für sie und sie könnten sie gar nicht verstehen, muss man sich nicht wundern, wenn sie das Interesse an ihr verlieren (oder gar nicht erst entwickeln). 

Im Übrigen ist – ich erwähnte es bereits – die zweite Nummer des gemeinsamen Pfarrbriefs für die Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland erschienen, und natürlich muss ich auch darüber ein paar Worte verlieren. Wir erinnern uns, dass die erste Ausgabe dieses Pfarrbriefs mir den Eindruck vermittelt hat, die Synodalbewegten hätten die Redaktion fest im Griff, was in einem gewissen Missverhältnis dazu stehe, dass sie in dieser Pfarrei ansonsten keine so große Rolle zu spielen scheinen. Schon dass dem Pfarrbrief der Name "Auf neuen Wegen" gegeben wurde, ist in dieser Hinsicht vielsagend, auch wenn dieser Name sich vordergründig auf den gemeinsamen Weg der in der neuen Großpfarrei zusammengeschlossenen Gemeinden bezieht. Zudem stand die Erstausgabe unter dem Oberthema "Wandel", in der zweiten Nummer lautet das Oberthema "Vielfalt". Ich erwähnte es ja schon mal: Theoretisch sind "Vielfalt" und "Buntheit" in progressiven Kreisen positiv besetzte und mit großem Pathos propagierte Begriffe, aber inwieweit das ihrer tatsächlichen Einstellung entspricht und sich in ihrem Verhalten niederschlägt, ist eine andere Frage. – "Vielfalt ist bunt" lautet denn auch die Überschrift des ersten Artikels in dieser neuen Pfarrbrief-Ausgabe, womit der Einführung eines neuen Farbschemas für die verschiedenen Rubriken des Pfarrbriefs offenbar ein höherer symbolischer Sinn verliehen werden soll. Mehr zur Sache geht's in einem Beitrag meines kritischen Lesers und Kommentarschreibers Egidius unter der Überschrift "Vielfalt – biblisch". Dieser Titel ist insofern etwas irreführend, als biblische Belege für den Wert der Vielfalt (angeführt werden 1 Kor 12,7-25 und Gal 3,27-28) nur einen eher kleinen Teil des drei Seiten langen Texts ausmachen; der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Artikels ist ein Satz aus dem Pastoralplan der Großpfarrei: "Wir wollen in unserer Pfarrei die Einheit in der Vielfalt leben." Mir kommt es so vor, als sei das eine Formulierung, die man schon so oft gehört hat, dass man unwillkürlich aufhört, sich zu fragen, woher sie eigentlich stammt und ob sie nicht eigentlich umgekehrt lauten müsste. Übrigens ist "Einheit in der Vielfalt" – auf Lateinisch "In varietate concordia" – zufällig auch das Motto der Europäischen Union, aber ich bitte, daran keine Verschwörungstheorien zu knüpfen. Egidius jedenfalls bemerkt ungefähr in der Mitte seines Artikels: "Die Delegierten des Synodalen Wegs in Deutschland setzten im Februar 2022 denselben Akzent wie unser Pastoralkonzept, als sie die 'Theologischen Grundlagen des Synodalen Weges' beschlossen: Einheit der Kirche meint nicht Uniformität." (Das Zitat aus den "Theologischen Grundlagen des Synodalen Weges" geht noch weiter, und es ist durchaus bemerkenswert, was dort darüber gesagt wird, worin die Einheit der Kirche denn nun wirklich bestehe – zumal in den späteren Debatten und Beschlüssen der Synodalversammlungen von dem hier beschworenen Verständnis von "Einheit im gemeinsam geteilten Glauben, in den Sakramenten und in der Gemeinschaft der Kirche unter dem Nachfolger des Apostels Petrus" nicht mehr viel zu spüren war. Das scheint auch Egidius aufzufallen, der anmerkt: "Dem Synodalen Weg wird von manchen etwas anderes nachgesagt[...]. Nein, hier steht es anders." Na wie schön. Ich denke da ja eher an Schiller, Die Piccolomini, IV. Akt, 7. Auftritt. Aber lassen wir das hier.) 

Am Schluss des Artikels wird "die Vielfalt von Charakteren, Fähigkeiten und Vorlieben" in der Spandauer Pfarrei gepriäesen, "die unterschiedlichen Lebens- und Ausdrucksformen, seien es Messfrömmigkeit, Anbetung, Rosenkranz oder Stundengebet, 'FEIERabend' mit 'Wolke 7', Marienverehrung, Mitarbeit in der Suppenküche, Ökumene oder Jugendarbeit: jedes ein Ausdruck persönlicher Spiritualität. Frauengemeinschaft, Pfadfinder und Kolpingsfamilie, Neokatechumenaler Weg, Chöre, Musik- und Gebetsgruppen, Gruppe Synodale Kirche/Maria 2.0, Familien- und Seniorenkreise und Ministranten verwirklichen jeweils mit eigenem Akzent zusammen die Vielfalt des Christlichen." Das klingt ja sehr inklusiv und friedfertig und weist damit demjenigen, der nun etwa einwenden wollte, die aufgezählten Elemente seien eben nicht alle gleichwertig und gleichermaßen gut katholisch, die Position des intoleranten Spalters zu. Indes hat ja gerade der Synodale Weg gezeigt, wie es um die Toleranz der "Progressiven" bestellt ist, sobald sie sich in einer überlegenen Position sehen. In diesem Zusammenhang mag man – auch wenn ich nicht so weit gehen würde, den Synodalen Weg mit dem Bösen schlechthin zu identifizieren – an einen Satz des emeritierten Erzbischofs von Philadelphia, Charles J. Chaput, denken: "Das Böse predigt solange Toleranz, bis es eine dominante Stellung innehat. Dann versucht es das Gute zum Schweigen zu bringen." Dass im hier besprochenen Text die "Gruppe Synodale Kirche/Maria 2.0" so bescheiden als eine Facette des Katholischen in trauter Eintracht mit dem Neokatechumenalen Weg, Anbetung und Rosenkranz erscheint, darf man dieser Logik nach wohl als ein Zeichen von Schwäche bewerten, und das hat ja auch was Beruhigendes. 

Im Übrigen trägt diese Pfarrbrief-Ausgabe ihrem Oberthema "Vielfalt" auch insofern Rechnung, als darin das Pastoralteam – bestehend aus dem Pfarrer, vier Pfarrvikaren und zwei Gemeindereferenten (m/w) – sowie diverse Kreise und Gruppen der Gemeinden mit ihren jeweiligen Aktivitäten vorgestellt werden. Das ist ausgesprochen informativ, und auf den einen oder anderen Punkt sollte man da wohl noch mal näher eingehen; aber das hat ja noch Zeit: Die nächste Ausgabe des Pfarrbriefs erscheint voraussichtlich erst im Advent. 


Währenddessen in Tegel 

Unlängst schrieb ich noch, beim Projekt "Religiöse Frühförderung für den Jüngsten" zeichne sich allmählich ein festes Wochenschema ab; aber dann kam die erste Oktoberwoche und brachte dieses Wochenschema gründlich durcheinander, denn am Dienstag war Feiertag und am Freitag hatte meine Liebste außerplanmäßig unterrichtsfrei und machte mit dem Kleenen einen Ausflug, während die Große sich freiwillig dafür entschied, lieber zur Schule zu gehen (!). Danach erwies es sich als schwierig, wieder zum einmal etablierten Wochenschema zurückzukehren – wozu auch schwankende Mittagsschlafzeiten beitrugen, verbunden mit der Tatsache, dass mein Herr Sohn sehr launisch wird, wenn er nicht rechtzeitig seinen Mittagsschlaf bekommt. Am Dienstag hielten wir daher keine Lobpreisandacht in St. Joseph Tegel ab, aber als der Knabe endlich im Kinderwagen eingeschlafen war, kehrte ich mit ihm in Herz Jesu ein und betete dort den Rosenkranz (es ist ja gerade Rosenkranzmonat). Am Mittwoch, dem Gedenktag des Hl. Papstes Johannes XXIII., gingen wir wieder – zum sechsten Mal in Folge – in St. Marien Maternitas zur Messe; auf dem Weg dorthin fragte ich mich, welcher Priester denn wohl diesmal "dran" wäre, und dachte: Am liebsten wäre mir der nigerianische Pfarrvikar, der meinen Sohn, wie schon mal erwähnt, auch getauft hat; am zweitliebsten der neue Pfarrvikar (aus Neugier); und am drittliebsten Pater Mephisto. Nicht aufs Treppchen schafft es mithin der leitende Pfarrer, aber wie dem auch sei, mir wurde diesmal mein erster Wunsch erfüllt. Die Messe verlief ohne besondere Vorkommnisse und das anschließende Frühstück ebenso; während des Mittagsschlafs des Juniors betete ich erneut einen Rosenkranz in Herz Jesu. Erst am Donnerstag, und somit nach fast vollen zwei Wochen, kamen wir dazu, mal wieder eine kleine Lobpreisandacht abzuhalten, und zwar wiederum St. Joseph Tegel. Mein Jüngster hatte das "Beten mit Musik", wie wir es untereinander nennen, wohl auch schon vermisst, denn am Ende der Andacht forderte er energisch noch ein weiteres (viertes) Lied. Den Wunsch erfüllte ich ihm natürlich gern und spielte zum Abschluss "Wir lieben deinen Namen" von Sebastian und Veronika Lohmer. 

Übrigens fiel mir in der Kirche ein Wandbild auf, zu dem ich noch ein paar Sätze anmerken möchte. Noch gegen Ende der Zeit, in der meine Liebste und ich in der Tegeler Pfarrei aktiv waren, hatte eine Gruppe von KiTa-Eltern in St. Joseph eine "Familienandacht" ins Leben gerufen; bei der ersten Veranstaltung dieses Formats waren wir und fanden sie gar nicht schlecht. Inzwischen finden diese Familienandachten regelmäßig statt – ungefähr einmal im Monat, glaube ich –, und zwar sonntags vormittags, was in Hinblick auf die vieldiskutierte Alternative "Familienmesse oder separater Kinderwortgottesdienst?" im Grunde the worst of both worlds ist: Die ganze Familie kommt nicht in die Messe. Dass den Veranstaltern nicht in den Sinn zu kommen scheint, dass das irgendwie problematisch sein könnte, finde ich recht vielsagend; aber über die inhaltliche und gestalterische Qualität der Familienandachten sagt das wohl noch nicht zwingend etwas aus. – Jedenfalls ist mir in jüngster Zeit, wenn ich die Kirche St. Joseph Tegel besuchte, aufgefallen, dass dort neuerdings am Rande des Altarraums stets ein Wandbild hängt, das sich auf das Thema der jeweils letzten zurückliegenden Familienandacht bezieht; offenbar werden diese Bilder in der jeweiligen Familienandacht gemeinsam erstellt und bleiben dann bis zur nächsten in der Kirche hängen. – Nun war die jüngste Familienandacht in St. Joseph just am vergangenen Sonntag gewesen, aber inhaltlich war es darin, wie das aktuelle Wandbild verriet, offenbar um das Evangelium vom Sonntag davor gegangen: das Gleichnis von den Ungleichen Söhnen, um das es ja auch im Kinderwortgottesdienst in St. Stephanus Haselhorst gegangen war. Was ich bei der Besprechung dieses Kinderwortgottesdienstes zu erwähnen vergessen hatte, ist, dass es eine sehr hübsche und witzige Version dieses Gleichnisses in dem entzückenden Buch "Jesus erzählt von Schafen, Perlen und Häusern" von Nick Butterworth und Mick Inkpen gibt. Und nun entdeckte ich Illustrationen aus genau dieser Version der Geschichte als Bestandteil des Familienandachts-Wandbildes! 

Also, ich muss sagen: Dass der Familienandachts-Arbeitskreis in St. Joseph Tegel mit diesem Buch arbeitet, gefällt mir wirklich gut. 

Neues von den Wichteln wird es erst im nächsten Wochenbriefing geben; dafür gibt's diesmal aber Neues aus der lange vernachlässigten Rubrik 


Was ich gerade lese 
Bruce Low, geboren 1913 als Ernst Gottfried Bielke in Paramaribo in der damaligen niederländischen Kolonie Suriname, gestorben 1990 in München, war in den 1950er Jahren in Deutschland als Schlagersänger, vorwiegend mit Cowboy- und Seemannsliedern, sowie als Musicaldarsteller erfolgreich; nachdem er durch die Rock'n'Roll- und Beat-Welle einen Karriereknick erlitten hatte, feierte er in den 70er Jahren ein Comeback mit teilweise parodistisch anmutenden Nachdichtungen traditioneller Spirituals bzw. Gospel-Songs und anderen Liedern mit religiöser Thematik (so coverte er 1978 das durch die Disco-Truppe Boney M. populär gewordene "Rivers of Babylon" unter dem Titel "Die Legende von Babylon"). Dass er – der Sohn eines Missionars der Herrnhuter Brüdergemeinde – diese religiösen Themen stets mit einem gewissen süffisanten Humor behandelte, hinderte ihn nicht daran, z.B. 1980 beim Katholikentag aufzutreten. – Nachdem ich Lows Autobiographie zu etwas mehr als einem Drittel durchgelesen habe, muss ich sagen: Ich weiß nicht genau, was ich von der Lektüre erwartet habe, aber jedenfalls nicht das, was ich bis hierher vorgefunden habe, nämlich eine romanhaft erzählte Mordgeschichte aus einer Missionsstation in der Kolonialzeit. Teile der Handlung – in der der Ich-Erzähler kaum eine besonders signifikante Rolle spielt, zumal er zu dieser Zeit erst vier oder fünf Jahre alt ist – könnte man sich mit nur wenigen Änderungen als Nebenhandlungsstrang eines Romans von Sir John Retcliffe vorstellen, manche Details erinnern an Jack Londons Südsee-Erzählungen. Es handelt sich also durchaus um eine spannende und gut erzählte Geschichte, aber der Umstand, dass sie gut ein Drittel eines Buches einnimmt, das eigentlich die Autobiographie eines Schlagersängers sein sollte, wirft doch zumindest Fragen auf. Ginge es dabei nur darum, das Publikum mit Spannung und Exotik zu unterhalten, wäre das wohl ein schlechter Tausch dafür, wie sehr die berechtigten Erwartungen der Leser und Käufer (!) des Buches unterlaufen damit unterlaufen werden. Nach und nach stellt sich allerdings der Eindruck ein, Low verfolge mit dieser Episode noch eine andere Absicht: Gewissermaßen an dieser Geschichte entlang versucht er gleichzeitig darzustellen, wie ihm, dem Missionarssohn, der Glaube seiner Väter schon früh fragwürdig wurde. Eine große Rolle spielt dabei die Verteufelung von Sexualität, die Low zu Recht oder zu Unrecht in der Konfession seiner Eltern wahrzunehmen meint. – Wie dem auch sei, ich gehe davon aus, dass im Handlungsverlauf des Buches demnächst mal ein größerer Zeitsprung fällig wird, sonst ist das Buch zu Ende, bevor Bruce Lows Karriere als Schlagersänger überhaupt begonnen hat. Und das wäre ja nun wirklich bizarr. 

Dieses Buch hat mein Jüngster unlängst in einer Büchertelefonzelle entdeckt, und ich dachte mir: Kann man ja mal mitnehmen. Als ich es wenig später dem Tochterkind als Gutenachtlektüre vorschlug, verband ich damit die Hoffnung, es würde mir beim Vorlesen mehr Spaß bereiten als die diversen Buchreihen über Einhörner, Meerjungfrauen, Elfen und Wolkenpferde, die sie sich aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der örtlichen Stadtteilbibliothek auszuleihen pflegt (wobei die teilweise gar nicht so doof sind, wie man denken könnte, aber dazu vielleicht ein andermal). Und ich wurde nicht enttäuscht: Das Buch "Rabenspaß in der Regenwassergasse" enthält drei in sich abgeschlossene Episoden aus dem turbulenten Alltag der Familie Jones, die im fiktiven Londoner Stadtteil Rumbury lebt und einen Raben namens Mortimer als Haustier hält. Wie es sich für einen literarischen Raben gehört, sagt Mortimer gern "Nimmermehr!"; auch sonst ist er sehr intelligent, allerdings auch äußerst gefräßig und stets darauf bedacht, Chaos anzurichten. Innigst geliebt wird Mortimer von Arabel, der Tochter der Familie Jones, die zugleich, gerade im Kontrast zu ihren auf unterschiedliche Weise schrulligen Eltern, ein Ausbund an Besonnenheit und gesundem Menschenverstand ist. (Wie alt sie ist, wird nicht explizit gesagt oder ich habe es mir nicht gemerkt, aber ich würde mal schätzen: Grundschulalter.) In der ersten und längsten Erzählung des Bandes, "Arabels Geburtstag", wird Arabel zusätzlich gegen eine etwa gleichaltrige, arg verzogene Cousine kontrastiert, die jede Menge teures Spielzeug besitzt – insbesondere elektronisches Spielzeug, das im Grunde mit sich selber spielt und gar keinen Menschen braucht; Michael-Ende-Kenner mögen sich an "Bibigirl, die vollkommene Puppe" aus "Momo" erinnert fühlen. Auch ein Buch, das schon seit einiger Zeit auf meiner Vorschlagsliste für die Gutenachtlektüre steht. Vorläufig wäre ich aber auch ganz zufrieden, wenn ich irgendwo noch mehr "Arabel & Mortimer"-Bücher auftreiben könnte; soweit ich bisher ermitteln konnte, umfasst die Reihe im Original mindestens 16 Teile, und in deutscher Übersetzung sind mindestens sieben Bände erschienen, zum Teil, wie im vorliegenden Fall, mit mehreren Geschichten in einem Band. Wie ich außerdem herausgefunden habe, produzierte die BBC 1993/94 eine 36-teilige Puppentrickserie "Mortimer and Arabel". Die gibt's aber offenbar nicht auf Deutsch. 


Aus dem Stundenbuch

Du selige Kirche! Es gab eine Zeit, da du hörtest, und eine Zeit, da du sahst. Du hörtest in den Verheißungen, und in der Verwirklichung schautest du. Du hörtest in der Weissagung und schautest im Evangelium; denn alles, was sich jetzt erfüllt, war schon vorausgesagt.

Heb also deine Augen, und lass sie durch die Welt schweifen! Sieh das Erbe bis an die Enden der Erde! Sieh, schon erfüllt sich, was gesagt wurde: "Alle Könige müssen ihm huldigen, alle Völker ihm dienen" (Ps 72,11). Siehe, schon ist das Wort erfüllt: "Erheb dich über die Himmel, o Gott! Deine Herrlichkeit erscheine über der ganzen Erde" (Ps 108,6). 

Schau auf ihn, den Gekreuzigten: Seine Hände und Füße festgenagelt, seine Gebeine hängen am Holz, und man kann sie zählen. Um sein Gewand werfen sie das Los. Siehe, den sie da hängen sahen, der herrscht als König! Siehe, den sie verachteten, als er auf der Erde wandelte, er thront im Himmel. Sieh, so wird das Wort erfüllt: "Alle Enden der Erde sollen daran denken und werden umkehren zum Herrn: Vor ihm werfen sich alle Stämme der Völker nieder" (Ps 22,28). Wenn du das alles siehst, dann rufe voll Freude: Wie wir’s gehört haben, so erlebten wir’s jetzt. 

(Augustinus, Auslegung zu Psalm 48) 

 

Ohrwurm der Woche 

Bruce Low: Rum aus Jamaica 


Da ich nicht unbedingt annehme, dass meine geschätzten Leser den weiter oben erwähnten Bruce Low kennen, hier eine Kostprobe seines Schaffens – nicht aus dem Fundus seiner Gospel-Parodien und religiösen Schlager (wer sich diese antun mag, dem empfehle ich den Song "Gestern wollt' ich beten geh'n" – das ist noch einer der erträglichsten und gleichzeitig einigermaßen "repräsentativ"), sondern mit einem klassischen Seemannslied, vorgetragen im Rahmen eines Gastauftritts in der legendären NDR-"Haifischbar". Am Tisch, mit Kapitänsmütze, ist übrigens Ralf Bendix zu sehen – der heute wohl allenfalls noch für seinen Nr.-1-Hit "Babysitter-Boogie" von 1961 bekannt ist, aber ebenfalls eine interessante Rolle in der Geschichte des religiösen Schlagers und des frühen NGL gespielt hat. 


Preview auf Nr. 52 

Im Grunde kann ich natürlich noch gar nicht wissen, was es im nächsten Wochenbriefing so alles zu berichten geben wird, schließlich hat der Berichtszeitraum kaum erst begonnen. Ein paar Dinge sind aber doch schon absehbar: So steht am morgigen Samstag eine neue Wichtelgruppen-Schnupperstunde an und tags darauf mein erster Einsatz als Kinderwortgottesdienst-Mitarbeiter. Das dürfte einiges an Stoff ergeben; und eine neue Bettlektüre wird es auch zu besprechen geben, nämlich "Ruby Fairygale – Der Ruf der Fabelwesen" von Kira Gembri. Was alles Weitere betrifft, gilt: Lass dich überraschen, Leser – ich tue es auch! 


Mittwoch, 11. Oktober 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #50 (verspätet)

Willkommen zu einem weiteren leicht zeitverzögerten Wochenbriefing, Leser! Der Rückstand gegenüber dem regulären Veröffentlichungstermin ist auf unter sechs Tage zusammengeschrumpft; gleichzeitig ist diese Nummer der Ansichten aus Wolkenkuckucksheim wieder deutlich umfangreicher geraten als die vorherigen verspäteten Wochenbriefings, und das trotz der Konzentration auf eine schmalere Auswahl von Themen. Wenn ich's recht bedenke, dreht sich der vorliegende Artikel zum allergrößten Teil um den Themenbereich "Kirche und Kinder", aber der ist ja in sich schon durchaus facettenreich. Und wenn ich mir ansehe, in welche Richtung sich mein Engagement in der kirchlichen Basisarbeit aktuell entwickelt, dürfte diese Schwerpunktsetzung sich zukünftig noch weiter verfestigen. Ich hoffe, meine Leser ziehen da mit... Jetzt aber erst mal zur Sache – d.h. zu den Ereignissen des Zeitraums vom 29. September bis 5. Oktober! 

Auch in den Einkaufspassagen stehen die Zeichen auf Erntedank. 

Währenddessen in Tegel 

Ich gebe zu, das Wort "Währenddessen" im Rubrikentitel lässt es in stilistischer Hinsicht etwas unelegant erscheinenden, mit dieser Rubrik anzufangen, aber dafür, dass die chronologische Abfolge der Geschehnisse dies nahelegt, kann ich ja nun nichts. Am Freitag nämlich – präzise gesagt: am 29. September, dem Fest der Heiligen Erzengel –machte ich mich, während das Tochterkind in der Schule war, mit dem Jüngsten einmal mehr auf den Weg nach St. Joseph Tegel; wir zündeten eine Kerze an, und danach wollten wir eigentlich wieder eine kleine Lobpreisandacht abhalten. Ich hatte schon meine mobile Lautsprecherbox in Stellung gebracht und ein Lied zur Eröffnung (passend zum Tag "Die Engel im Himmel" von Miriam Buthmann) ausgewählt, da ging die Tür auf und es kamen Leute herein. "Wollen mitbeten, glaube ich", merkte mein Sohn an, aber ich war mir da nicht so sicher und wartete lieber erst mal ab. Tatsächlich kamen nämlich nicht nur ein paar zufällige Einzelpersonen herein, sondern eine recht große Schar KiTa-Kinder mit vier Betreuungspersonen. Ich fragte mich schon, ob ich im Wochenplan der Pfarrei etwas übersehen hätte, aber das war nicht der Fall: Es handelte sich lediglich um eine Probe der KiTa-Kinder für ihre Mitwirkung am Erntedankgottesdienst, der tags darauf als Vorabendmesse (am sehr frühen Abend, eigentlich eher Nachmittag) gefeiert werden sollte. Die Dame, die augenscheinlich die Gesamtleitung innehatte, kannte ich "von früher" als ehrenamtliche Küsterin in der Tegeler Pfarrei; ich fragte brav, ob mein Sohn und ich zuschauen dürften, und es wurde uns gewährt. Die Kinder probten zwei Lieder – "Komm, sag es allen weiter", eine klassische Spiritual-Nachdichtung aus der Frühzeit des NGL-Genres, und ein Erntedanklied auf die Melodie der "Vogelhochzeit" – sowie ein "Anspiel", eine sehr moralische, im Tonfall leicht märchenhaft anmutende Geschichte über einen reichen und einen armen Bauern. Inhaltlich habe ich dazu nichts Besonderes anzumerken, aber ich muss sagen, ich war überrascht bis befremdet, wie die zum größten Teil wohl drei bis vier, höchstens fünf Jahre alten Kinder gedrillt und herumkommandiert wurden. Ihnen selbst schien das nichts auszumachen, was darauf schließen lässt, dass sie es gewohnt sind; aber ich dachte mir dabei: Es hat schon seinen Grund, dass meine Kinder nicht in die KiTa gehen bzw. gegangen sind. 

Als die Probe beendet war und die Kinder mitsamt ihren Betreuungspersonen die Kirche wieder verlassen hatten, sagte mein Sohn zu mir: "Los, Papa!" Zunächst dachte ich, er meinte, wir sollten ebenfalls gehen, aber wie sich zeigte, meinte er in Wirklichkeit, ich solle "unsere" Lobpreismusik anmachen. Das tat ich dann auch, allerdings gestaltete ich die Lobpreisandacht aus Rücksicht auf die Tatsache, dass wir ja nun schon einige Zeit in der Kirche zugebracht hatten, etwas kürzer – mit nur einem von drei Psalm-Abschnitten und nur zwei statt drei Liedern. 

Symbolbild zum Thema "Lobpreis mit dem Stundenbuch"; kein aktuelles Foto, wie man an der Farbe der Stundenbücher erkennen kann. 

Spulen wir nun mal ein Stück vor zum Mittwoch, dem 4. Oktober – dem Gedenktag des Hl. Franz von Assisi. An diesem Tag gingen mein Jüngster und ich wieder, wie mittlerweile schon gewohnt, in Heiligensee in die Messe, die wieder von Pater Mephisto zelebriert wurde; zwar predigte er nicht, merkte aber in seinen Begrüßungsworten an, der Tagesheilige habe in einer Zeit gelebt und gewirkt, in der die Kirche "in keinem guten Zustand" gewesen sei, und das könne man wohl auch über die Gegenwart sagen. So gesehen habe die Kirche so viel Grund wie nur je, um die Fürsprache des Heiligen Franz zu bitten. Im Prinzip bin ich geneigt, ihm darin zuzustimmen, vermute allerdings, dass unsere Vorstellungen darüber, was sich in der Kirche ändern müsse, wohl doch recht weit auseinandergehen. 

Erntedankaltar in St. Marien Maternitas 

Schon während des Rosenkranzgebets, das hier der Messe vorauszugehen pflegt, hatte mein Jüngster einmal mehr Anstoß erregt. Wie üblich hatte er sich für uns Plätze in der ersten Reihe ausgesucht (was ich auch vernünftig finde, weil er so am meisten vom Geschehen am Altar mitbekommt), aber dann fiel ihm ein, dass er etwas trinken wollte, und seine Trinkflasche hatten wir im Kinderwagen gelassen, den wir im Eingangsbereich der Kirche abgestellt hatten. In der Hoffnung, für einen möglichst störungsfreien Ablauf sorgen zu können, ließ ich den Knaben nicht allein zum Wagen laufen, sondern begleitete ihn – aber das wurde nicht honoriert: Als wir hinten angekommen waren drehte sich – nein, nicht die Frau von letzter Woche, sondern diesmal ein noch nicht ganz so alter Mann um und merkte in indigniertem Tonfall an: "Dies ist ein Seniorengottesdienst mit Rosenkranz, wir bitten um etwas Andacht." Das erste, was mir dazu einfiel – "Für deine Andacht bist du doch wohl selbst verantwortlich, was hat das mit uns zu tun?" –, verkniff ich mir, aber dann bissen sich meine Gedanken an der Bezeichnung "Seniorengottesdienst" fest. Ich gestehe, ich könnte nicht beschwören, dass der Mann das wirklich gesagt hat, aber das war es, was ich gehört habe. Und das wirft ja nun eine interessante Grundsatzfrage auf: Sind Werktagsmessen, zumindest solche am Vormittag, exklusiv für Senioren da? 

Sehen wir mal davon ab, dass die 9:45-Uhr-Messe am Mittwoch in St. Marien Maternitas im Wochenplan der Pfarrei nicht als "Seniorengottesdienst" gekennzeichnet ist; wäre sie es, könnte man sich immer noch darauf berufen, dass solche Zielgruppenangaben bei Gottesdiensten eigentlich nie als exklusiv zu verstehen sind: Familiengottesdienste werden durchaus auch von alleinstehenden Personen besucht und Jugendgottesdienste von Menschen aller Altersgruppen. Das ist also nicht der Punkt. Zu fragen ist eher: Wenn Senioren meinen, die Werktagsmesse sei (wenn schon nicht exklusiv, so doch vorrangig) für sie da, inwieweit haben sie dann Recht mit dieser Einschätzung, und warum ist das so? 

Fangen wir mal ganz simpel an: Vom empirischen Befund her ist da offensichtlich was dran, und in dieser Kirche ganz besonders: Soweit ich es bisher beobachten konnte, geht da jeden Mittwoch dasselbe überschaubare Grüppchen älterer Leute zur Messe, mal sind es ein paar mehr, mal ein paar weniger, aber außer meinem Sohn und mir kommen keine neuen Leute hinzu, und außer uns ist niemand jünger als Mitte 60. Das mag ein Extrembeispiel sein, das auch mit der Lage der Kirche in einer beschaulichen Wohnsiedlung "hinter'm Wald" zu tun haben könnte – montags morgens in Herz Jesu Tegel sieht es nicht ganz so aus (und ehe jemand fragt, warum ich dann nicht lieber da hingehe: Würde ich vielleicht gern, schaffe ich aber zeitlich nicht, wenn ich vorher meine Tochter zur Schule bringen muss) –, aber eine gewisse Dominanz älterer Mitbürger ist sicherlich auch in urbaneren Gemeinden anzutreffen. Und mindestens ein Grund dafür liegt ja ziemlich auf der Hand: Die haben nun mal Zeit. Dass uns diese Erklärung so unmittelbar einleuchtend erscheint, verweist allerdings auf etwas, was zumindest ich zutiefst problematisch finde (auch wenn es im vorliegenden Kontext vielleicht ein bisschen zu weit führt): nämlich, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, in einer Gesellschaft zu leben, in der die meisten Menschen wenn schon nicht buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre, so doch für einen ziemlich großen Teil dazwischen von 8 bis 16 Uhr oder vielleicht von 9 bis 17 Uhr in Anstalten eingesperrt sind, ob diese Anstalt nun Kindergarten, Schule oder Arbeitsplatz heißt. Andererseits gibt es aber ja außer Rentnern durchaus noch andere Personengruppen, für die das nicht gilt – etwa Studenten, Arbeitslose, Freiberufler, Arbeitnehmer mit normabweichenden Arbeitszeiten (z.B. in der Gastronomie, aber auch in vielen sozialen Berufen) und schließlich Hausfrauen oder -männer mit noch nicht schulpflichtigen Kindern oder ohne. Dass man diese Personengruppen kaum in signifikantem Ausmaß in Werktagsmessen antrifft, mag sich zum Teil damit erklären lassen, dass es davon im Vergleich zu Rentnern einfach sehr viel weniger gibt, und dann natürlich damit, dass die heutigen Senioren in einer Zeit sozialisiert wurden, als die Kirchenbindung in der Gesellschaft noch erheblich stärker war als in den nachfolgenden Generationen. So zutreffend diese Erklärungsmuster sein mögen, sollte man dabei ein Problem nicht außer Acht lassen, nämlich das Problem der Milieuverengung. Wo eine bestimmte demographische Gruppe – hier also die Senioren – eine gewisse dominante Stellung innehat, da neigt sie dazu, ein Klima zu schaffen, das für andere Gruppen unattraktiv ist, oder vertreibt sie sogar aktiv. In manchen Kirchengemeinden betrifft das nicht nur die Werktags-, sondern auch die Sonntagsmessen. Und deshalb reagiere ich so allergisch, wenn sich in Kirchengemeinden kleine Zirkel bilden, die sich so verhalten, als gehöre die Kirche ihnen und sie hätten darüber zu bestimmen, wer hinein darf und wer nicht. 

Kongeniale Liedauswahl übrigens. 

Okay, Ende des Exkurses. Bis zum Beginn des Gemeindefrühstücks hatte ich mir für den Fall, dass sich noch jemand über meinen Sohn beschweren würde, eine dreistufige Erwiderung zurechtgelegt, die dann zwar nicht zum Einsatz kam, die ich hier aber trotzdem mal festhalten will – vielleicht haben ja auch mal andere Eltern Verwendung dafür: 

  1. Mein Sohn verhält sich lediglich altersgerecht. Vielleicht denken Sie mal darüber nach, ob Sie dasselbe auch von sich behaupten können. 
  2. Als Vater freue ich mich darüber, dass mein Sohn in seinem Alter schon Interesse und Freude daran zeigt, in der Kirche zu sein und den Gottesdienst im Rahmen seiner Möglichkeiten mitzufeiern. Ich möchte das gern weiterhin fördern. Das machen Sie mir mit Ihren Reaktionen nicht gerade leicht. 
  3. Ob Sie die Anwesenheit eines fröhlichen und lebhaften Kindes in der Kirche als Störung empfinden, ob Sie es ignorieren oder ob Sie sich darüber freuen, ist Ihre eigene Entscheidung. Wenn Sie sich dafür entscheiden, sich darüber zu ärgern, ist das Ihrer Andacht sicherlich nicht förderlich, aber das liegt nicht in der Verantwortung meines Sohnes und auch nicht in meiner. 

Tatsächlich verlief das Gemeindefrühstück sehr friedlich; einer der Anwesenden – der in den vergangenen Wochen mehrfach den Küster- und Lektorendienst ausgeübt hatte, diesmal jedoch nicht – lobte sogar, diesmal sei der Knabe aber brav gewesen. Ich konnte zwar keinen so großen Unterschied zu seinem Verhalten in den vorigen Wochen feststellen, bedankte mich aber trotzdem für die freundlichen Worte; der Junior setzte sich derweil unbefangen neben Pater Mephisto und begrüßte ihn mit einem fröhlichen "Hallo". 

Beim Tischgespräch tauchte auch die Frage auf, wer denn der neue Pfarrvikar sei, der am 1. Oktober seinen Dienst in dieser Pfarrei (mit einer 50%-Stelle) angetreten habe. Pater Mephisto verriet, es handle sich um einen Ordenspriester von der Gesellschaft der Afrikamissionare (auch "Weiße Väter"). Dieser Orden hat seit 1994 eine Niederlassung in Berlin, die sich seit 2004 in der Wildenowstraße im Wedding (gewissermaßen im Hinterhof der temporären Bischofskirche) befindet. Über den neuen ("halben") Pfarrvikar der Großpfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd war im Netz zu erfahren, dass er bis 2013 als Missionar in Tansania und danach im Provinzökonomat seines Ordens in Köln tätig war. Ich bin gespannt, wann ich ihm mal persönlich begegne. 


Aus meinem Wichtelbuch 

Am Samstag, dem 30. September – dem Gedenktag des Hl. Hieronymus – hatte ich eine verpflichtende Qualifikation für meine Tätigkeit als Gruppenleiter in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit zu erwerben: Es handelte sich um die "Basisschulung Prävention", und ja, gemeint ist die Prävention sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und/oder Schutzbefohlene. Wer im Erzbistum Berlin (in anderen Bistümern dürfte es ähnliche Regelungen geben) eine ehrenamtliche Tätigkeit ausüben will, in der er hauptsächlich oder schwerpunktmäßig mit Kindern und/oder Jugendlichen zu tun hat, ist verpflichtet, innerhalb des ersten Jahres dieser Tätigkeit eine solche Basisschulung zu absolvieren. 

Folglich finden diese Schulungen recht regelmäßig an verschiedenen Orten Berlins statt; im vorliegenden Fall war der Ort des Geschehens das Gemeindezentrum St. Markus im Spandauer Ortsteil Falkenhagener Feld, das seit Anfang des Jahres zur Großpfarrei St. Johannes der Täufer gehört, der "anderen" Spandauer Pfarrei, wenn man so will. Die Kirche St. Markus samt angeschlossenem Gemeindezentrum wurde 1975-77 erbaut und sieht für mein Empfinden teils so aus, als sei ein UFO in der Hochhaussiedlung gelandet, und teils wie ein Baha'i-Tempel. 

Wie dem auch sei: Die Schulung selbst, an der 17 Personen aus verschiedenen Pfarreien teilnahmen und die einschließlich Mittagessen gut fünf Stunden dauerte, fand ich gut und betrachte es als ausgesprochen sinnvoll, dass jeder, der in der Kinder- und Jugendarbeit tätig ist, so eine Schulung mitmacht. Unter anderem ging es darum, was für Verhaltensweisen als Grenzverletzung, als sexueller Übergriff und als strafbarer sexueller Missbrauch einzustufen sind und welche Maßnahmen man als Mitarbeiter ergreifen kann oder ggf. – den Präventionsrichtlinien des Erzbistums entsprechend – ergreifen muss, wenn man entsprechende Vorfälle beobachtet oder von ihnen erfährt. Ein Aha-Erlebnis gab es für mich beim Thema "Institutionelle Risiken" – will sagen: institutionelle Strukturen, die Missbrauch begünstigen bzw. die Prävention erschweren. Die konventionelle Weisheit der Synodalbewegten besagt ja, ein missbrauchsbegünstigender Faktor in der Kirche sei es, dass die Geistlichkeit zu viel Macht habe; in der Basisschulung Prävention war dagegen die Rede davon, dass "diffus strukturierte Institutionen unkontrollierte Freiräume erlauben", und der Lehrgangsleiter führte dazu aus, ein Problem sei es, dass viele Pfarrer zu wenig Leitungskompetenz und Leitungsverantwortung zeigten und die Dinge in ihrem Verantwortungsbereich einfach laufen ließen. Ich muss sagen, das leuchtet mir ein. 

Im Zusammenhang mit meiner Aussage von weiter oben, ich fände es "ausgesprochen sinnvoll, dass jeder, der in der Kinder- und Jugendarbeit tätig ist, so eine Schulung mitmacht", scheint es mir indessen erwähnenswert, dass ich verschiedenen Gesprächen entnommen habe, dass andere (nicht-kirchliche, aber auch evangelische) Jugendarbeits-Träger derartige Präventionsschulungen nicht verpflichtend vorschreiben, und zwar nicht einmal ihren hauptamtlichen Mitarbeitern. Darüber, wie das zu beurteilen ist, mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen; von meiner Seite nur soviel: So sauer es mir aufstößt, wenn Repräsentanten der institutionellen Kirche beim Thema Missbrauch mit dem Finger auf andere Institutionen zeigen, um von sich selbst abzulenken, so problematisch erscheint es andererseits, wenn das Problem sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige in der öffentlichen Wahrnehmung allzu ausschließlich auf die katholische Kirche eingeengt wird. 


Spandau oder Portugal 

Der 1. Oktober ist eigentlich der Gedenktag der Hl. Therese von Lisieux, dieser wurde heuer jedoch liturgisch vom Sonntag verdrängt – außer in Nordafrika, in beiden Zweigen des Karmeliterordens sowie bei den Comboni-Missionaren, denn da wird dieser Gedenktag als Fest gefeiert, das liturgisch höherrangig ist als ein einfacher Sonntag im Jahreskreis. Ein schönes Fallbeispiel dafür, dass die Grundordnung des Kirchenjahres ein gefundenes Fressen für Nerds ist. – Jedenfalls war es (offensichtlich) der erste Sonntag im Monat, und nachdem wir an dem beiden vorherigen Sonntagen jeweils nach der Heiligen Messe noch zum freikirchlichen Gottesdienst in der EFG The Rock Christuskirche gegangen waren, wollten wir das auch diesmal gern wieder so halten; allerdings ist, wie ich schon ein paarmal erwähnt habe, am ersten Sonntag im Monat der freikirchliche Gottesdienst vormittags, annähernd zeitgleich mit der Messe in St. Joseph Siemensstadt. Die Lösung für uns bestand darin, früh in St. Stephanus Haselhorst zur Messe zu gehen und direkt im Anschluss schräg über die Straße zum nächsten Gottesdienst. 

Die Messe in St. Stephanus hielt Padre Ricardo aus Mexiko, und ich war etwas überrascht, als er ankündigte, zwischen Tagesgebet und Gabenbereitung werde es einen Kinderwortgottesdienst im Pfarrsaal geben: Irgendwie hatte ich gedacht, Kinderwortgottesdienste gäbe es nur am Standort St. Joseph. Es waren aber ein paar Kinder aus dem neuen Erstkommunionkurs in der Messe und dazu noch ein paar weitere, insofern "lohnte es sich". Inhaltlich ging es um das Gleichnis von den Ungleichen Söhnen (Mt 21,28–32): Zunächst gab's eine recht originalgetreue Nacherzählung des biblischen Texts, dann eine Parallelerzählung aus dem Erfahrungsbereich heutiger Kinder (in der es, offenbar aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit, um eine Mutter mit zwei Töchtern ging), und zum Schluss wurde als weitere thematisch verwandte Erzählung auch noch das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (mit Illustrationen von Kees de Kort) präsentiert. War das nicht ein bisschen viel Stoff für einen Kinderwortgottesdienst, hätte man da nicht lieber mehrere draus machen sollen? – Na, noch hab ich leicht reden, ab demnächst darf ich selber zeigen, was ich in diesem Bereich drauf habe. 

Interessant war jedenfalls der Quervergleich mit der Kinderkatechese bei den Freikirchlern gegenüber, die übrigens von derjenigen Mitarbeiterin geleitet wurde, bei deren Hochzeitsfeier wir am vorigen Sonntag waren. "Wenn Jenny das macht, ist es immer super", erklärte mir ein Junge im mittleren Grundschulalter voller Überzeugung. Dass hier ungefähr doppelt so viele Kinder waren wie in der Messe in St. Stephanus, sei nur beiläufig bemerkt – das ist ja auch nur eine Momentaufnahme. Jedenfalls wurde in dieser Kinderkatechese ein Film gezeigt; darin ging es um einen Missionar, der mit Pick-up-Truck und Diaprojektor abgelegene Dörfer im Regenwald Nord-Thailands abklappert. Eines Tages versperrt ein großer umgestürzter Baum die einzige Straße, und er kommt nicht weiter. Einer der Dorfbewohner, die er zuvor zu evangelisieren versucht hat, rät ihm, er solle seinen Gott um Hilfe bitten – dann könne er gleich mal zeigen, was dieser Gott so drauf hat. – Wie es weitergeht, sei hier nicht verraten; den Film gibt's, wie ich im Nachhinein festgestellt habe, auch bei YouTube. Jedenfalls soll es sich um eine wahre Geschichte handeln, und die offenkundige Lehre daraus lautet, dass man auch dann auf Gott vertrauen soll, wenn es aussichtslos erscheint und wenn Gebete zunächst nicht erhört zu werden scheinen. Auf den Film folgte ein Gespräch zur "Ergebnissicherung", dann ein Gebet, und dann durften die Kinder im Garten spielen gehen. (Diese Möglichkeit hat man natürlich nicht überall und nicht bei jedem Wetter.) 

Jedenfalls konnte ich voller Eindrücke am Mittwochabend zu einem Treffen des Arbeitskreises Kinderwortgottesdienste in St. Joseph gehen. Das Treffen war leider etwas unterbesetzt – neben dem Pfarrvikar, dem Gemeindereferenten und mir fand sich nur ein weiteres Arbeitskreis-Mitglied ein, die beiden anderen hatten aus familiären Gründen kurzfristig abgesagt. Trotzdem verlief der Termin einigermaßen ertragreich. Ein Ergebnis war, dass ich schon am 15. Oktober – dem 28. Sonntag im Jahreskreis – erstmals einen Kinderwortgottesdienst mitgestalten darf, zusammen mit dem Gemeindereferenten, der bisher weitgehend allein für diese Aufgabe zuständig war. Ein weiteres Ergebnis war, dass es am 1. Advent einen Familiengottesdienst geben soll. 

Ein besonders bemerkenswerter Moment der Sitzung war es aus meiner Sicht, als die Frage nach der musikalischen Gestaltung des Familiengottesdienstes aufkam und ich die These wagte, nach 60 Jahren "Danke für diesen guten Morgen" sei es vielleicht doch mal an der Zeit, sich von dem Genre "Neues Geistliches Lied" (NGL) zu verabschieden. Ich blickte in ratlose Gesichter, und als mich dann ausgerechnet die studierte Relugionspödagogin im Raum (deren Beiträge ich ansonsten durchaus schätze, bitte nicht falsch verstehen!) ernsthaft fragte, wie man einen Gottesdienst denn sonst musikalisch so gestalten solle, dass sich auch Kinder und Jugendliche davon angesprochen fühlen, musste ich doch ein bisschen kichern. Ich entschuldigte mich sogleich dafür, erklärte aber, auch wenn mir bewusst sei, dass die Kirche in Jahrhunderten denkt, fände ich es auf etwas tragikomische Weise bezeichnend, dass ein Musikgenre, dessen Blütezeit 40-60 Jahre zurückliegt, in der katholischen Kirche immer noch weithin als der Goldstandard kinder- und jugendgemäßer Kirchenmusik gilt. Um zu demonstrieren, dass es durchaus Alternativen gibt, spielte ich auf meinem Handy ein paar Lobpreislieder für Kinder vor, wie sie beispielsweise beim JAM zum Einsatz kommen; und ich glaube, ich habe mittels dieser Intervention tatsächlich durchgesetzt, dass das Lied "Runtergekommen" von Daniel Kallauch in den Familiengottesdienst zum 1. Advent eingebaut wird. Und zwar mit den dazugehörigen Bewegungen. Mit meinen Wichteln werde ich das schon im Vorfeld einüben, und die können es dann den Erwachsenen beibringen. Ich freu mich drauf! 

– Übrigens hatte ich ja in der Vorschau auf diesen Artikel angekündigt, etwas zum neu erschienenen zweiten Pfarrbrief der Großpfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland schreiben zu wollen, aber das verschiebe ich aus Platzgründen doch lieber auf das nächste Wochenbriefing; es gibt nämlich noch...: 


Neues aus Synodalien 

Am 5. Oktober, dem Gedenktag der Hl. Faustyna Kowalska, überraschte häretisch.de, das Zentralorgan des postchristlichen deutschen Synodalkatholizismus, seine Facebook-Fans mit einer pompös aufgeputzten Neuigkeit "in eigener Sache" – in der es bis zum Ende des dritten Absatzes dauerte, bis man erfuhr, worin die Neuigkeit eigentlich bestand, aber darüber sollte ich wohl nicht spotten, ich bin ja auch nicht gerade bekannt dafür, schnell zum Punkt zu kommen. 

Am Anfang der Bekanntmachung steht jedenfalls die Feststellung "schon das deutsche Reformprojekt Synodaler Weg" habe "gezeigt, dass das Interesse an kirchlichen Themen noch immer groß ist – und zwar auch oder gerade [!] über den deutschen Sprachraum hinaus": "Von den USA bis nach Australien, in Spanien oder Frankreich und natürlich auch im Vatikan hat man aufmerksam nach Deutschland geschaut, als hier Bischöfe gemeinsam mit dem Dachverband der katholischen Laien, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), Themen wie den Zölibat, die Möglichkeit der Frauenweihe oder die kirchliche Sexualmoral diskutiert und Reformvorschläge erarbeitet haben", nun ja, aufmerksam, das mag wohl sein. Und nun? 

"Nun steht uns mit der Weltsynode zum Thema 'Synodalität' in Rom ein noch größeres kirchliches Ereignis bevor: 375 Bischöfe und Laien, Frauen und Männer aus allen Winkeln der Erde kommen zusammen, um über Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung zu sprechen – und damit über die zukünftige Gestalt der katholischen Kirche insgesamt. Dabei prallen nicht nur unterschiedliche Positionen und Welten, sondern auch Sprachen aufeinander." So ähnlich wie beim Turmbau zu Babel, könnte man sagen. Und diesem Zustand will das Portal häretisch.de, man höre und staune, sein eigenes, hausgemachtes Pfingstwunder entgegensetzen – womit wir endlich zum konkreten Gegenstand dieser Mitteilung kommen: Um "möglichst vielen kirchlich interessierten Menschen Zugang zu Informationen rund um die Synode – und darüber hinaus – zu verschaffen",  berichtet häretisch.de "[a]b sofort [...] zusätzlich auf Englisch. Damit wollen wir auch international zur Meinungsbildung bei kirchlichen, aber auch politischen und gesellschaftlichen Fragen beitragen." Also, da hab ich ja erst mal herzlich gelacht – und mich sodann daran erinnert, wie Björn Odendahl, der als häretisch.de-Redaktionsleiter seinen Namen unter dieses Rundschreiben gesetzt hat, es schon einmal geschafft hat, dem Bonner Portal internationale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das war Ende 2015, und damals wurde ein von Odendahl verfasster Beitrag für die "Standpunkt"-Rubrik des Portals sogar einer Entgegnung im einflussreichen US-amerikanischen Magazin First Things gewürdigt. Der Beitrag hieß "Romantische, arme Kirche" und gibt geradezu exemplarisch zu erkennen, wie Leute wie Odendahl ticken; u.a. führt er darin den Umstand, dass die Kirche in Afrika besonders stark wächst, darauf zurück, dass "die Menschen sozial abgehängt sind und oft nichts anderes haben als ihren Glauben" und dass "der Bildungsstand durchschnittlich auf einem niedrigeren Niveau ist". Im Ernst. First Things-Autor Leroy Huizenga attestierte Odendahl daraufhin "sanften Rassismus" und beurteilte den Artikel insgesamt als "das beklommene Wimmern einer verdorrten kulturellen und institutionellen Form des Christentums, die noch nicht gemerkt hat, dass sie besiegt ist". Zu diesem Urteil kam Huizenga seinerzeit ganz ohne die Hilfe einer englischsprachigen häretisch.de-Ausgabe, er versteht nämlich Deutsch. Man darf gespannt auf die Reaktionen sein, die häretisch.de zukünftig aus dem nicht-deutschsprachigen Raum zuteil werden. 

"Themen gibt es genug"; das ist wohl kaum zu bestreiten, aber bezeichnend ist es doch, an was für ein Themenspentrum Odendahl hier vorrangig denkt: Dieses reicht "von der Debatte über den assistierten Suizid" – ob er damit wohl den assistierten Suizid der institutionellen Kirche in Deutschland meint? 'Tschuldigung, wenn das geschmacklos 'rüberkommt, aber das war meine erste, spontane Assoziation an dieser Stelle – "über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in Deutschland und dem Rest der (kirchlichen) Welt bis hin zum Krieg in der Ukraine." 

Es wird aber noch schräger: Die Inhalte des Portals werden nämlich "mit Hilfe eines in das Redaktionssystem implementierten und auf künstliche Intelligenz (KI) basierendem Onlinedienstes übersetzt" – was natürlich billiger ist, als wenn man die Texte von echten, dafür qualifizierten Menschen übersetzen ließe, und schneller geht's obendrein; aber andererseits: Hätte man sich den Aufwand dann nicht gleich ganz sparen können? Mit Google Translate werden die erhofften nicht-deutschsprachigen Leser ja wohl selbst umgehen können. 

Man sollte allerdings wohl die Möglichkeit einkalkulieren, dass die häretisch.de-Redaktion und ihre Fans gar nicht auf die Idee kommen, dass eine KI-gestützte Übersetzung als billig und schlampig wahrgenommen könnte, sondern meinen, gerade damit voll auf der Höhe der Zeit zu sein. Die Begeisterung der synodalbewegten Strukturkatholiken für das Thema "Künstliche Intelligenz" ist ja schon ein bisschen auffällig. Manch einer wird sich vielleicht erinnern, wie die Facebook-Seite des Bistums Essen in der diesjährigen Karwoche KI-generierte Bilder präsentierte, die zeigen sollten, wie Stationen der Passion Christi "heute aussehen könnten"; oder auch daran, dass Bischof Bätzing in seiner Pfingstpredigt den KI-basierten Chatbot ChatGPT als Positivbeispiel für die Segnungen des technischen Fortschritts erwähnte. Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, was für Schlüsse man daraus ziehen könnte, wenn man zu Verschwörungstheorien neigt; aber tatsächlich ist es wohl viel banaler: Man möchte nun mal um jeden Preis als modern, zeitgemäß und fortschrittlich wahrgenommen werden, und weil KI nun mal gerade der heißeste Scheiß ist, hängt man sich eben mit fliegenden Fahnen an diesen Trend dran. Was natürlich auch mit einem gewissen Mangel an natürlicher Intelligenz zu tun hat. 


Aus dem Stundenbuch 
Wie glücklich und gesegnet sind alle, die den Herrn lieben und tun, wie der Herr im Evangelium sagt: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele und deinen Nächsten wie dich selbst" (Mt 22,37.39). Lasst uns also Gott lieben und ihn mit reinem Herzen und reinem Geist anbeten; denn das verlangt er mehr als alles und sagt: "Die wahren Beter beten den Vater im Geist und in der Wahrheit an" (Joh 4,23). Alle, die ihn anbeten, müssen ihn im Geist der Wahrheit anbeten. Lasst uns Tag und Nacht Lob und Gebet an ihn richten und sprechen: "Vater im Himmel"; denn so sollen wir allezeit beten und darin nicht nachlassen. 
Darüber hinaus lasst uns Frucht hervorbringen, die unsere Umkehr zeigt. Wir wollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, Liebe und Demut hegen und Almosen geben, denn sie reinigen unsere Seele vom Schmutz der Sünde. Alles, was die Menschen in dieser Welt zurücklassen, verlieren sie. Doch den Lohn für die Liebe und die Almosen, die sie gegeben haben, nehmen sie mit sich. Für sie werden sie vom Herrn Ehre und gerechte Vergeltung empfangen. 
Im irdischen Sinne sollen wir nicht weise und klug sein, sondern einfältig, demütig und rein. Niemals sollen wir verlangen, über anderen zu stehen; lieber wollen wir um Gottes willen Knechte und Untergebene aller Menschen sein. Über allen, die so handeln, und darin beharrlich sind, wird der Heilige Geist ruhen und ihnen Wohnung und Bleibe schaffen. Sie werden Kinder des Vaters im Himmel sein, dessen Werke sie tun. Sie sind Bräutigam, Bruder und Mutter unseres Herrn Jesus Christus. 
(Franz von Assisi, Brief an alle Gläubigen) 

 

Ohrwurm der Woche 

Foyer des Arts: Schimmliges Brot 


Dieses Stück widme ich dem Inhalt der in der Schule verbummelten und einige Tage später in der Fundsachenkiste wieder aufgetauchten Frühstücksbox meiner Tochter. 


Preview auf Nr. 51 

Spandau oder Portugal: Erstkommunion-Katechese über die Messe in der Messe +++ Ein Blick in den neuen Pfarrbrief, jetzt aber wirklich +++ Was ich gerade lese: Bruce Low, "Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand" / Joan Aiken, "Rabenspaß in der Regenwassergasse" +++ weitere Themen stehen noch nicht fest +++ 


Samstag, 7. Oktober 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #49 (verspätet)

Voilà, Freunde: Meine Bemühungen, den Rückstand bei den Wochenbriefings aufzuholen, machen Fortschritte! War die vorige Ausgabe der Ansichten aus Wolkenkuckucksheim gut zwölfeinhalb Tage nach dem regulären Termin erschienen, beträgt der Rückstand jetzt nur noch knapp neun Tage. Aus dem Zeitraum vom 22.-28. September gibt es wieder eine Menge zu berichten, daher also ohne weitere Vorrede hinein ins Vergnügen: 


Aus meinem Wichtelbuch 

Aus chronologischen Gründen beginne ich mal mit dieser Rubrik, denn am Samstag, dem 23. September, stand eine Wichtelgruppen-Schnupperstunde an; die erste seit den Sommerferien, die erste nach dem erfolgreichen Gemeindefest. Es hatte sich schon im Vorfeld abgezeichnet, dass der Termin nicht ganz glücklich gewählt war: Meine Co-Leiterin, und damit auch ihre Tochter, war durch einen anderen Termin verhindert, meine Liebste und ich hatten unsererseits eine Einladung zu einer interessanten Veranstaltung erhalten, die zeitgleich stattfand, und dann erhielt das Tochterkind auch noch eine Geburtstagseinladung von einem ihrer neuen Schulkameraden, und wir fanden, dass es nicht ratsam wäre, diese Einladung auszuschlagen. Aber der Wichtel-Termin stand nun mal auf den Flyern, die wir beim Gemeindefest verteilt hatten, also musste zumindest ich dafür Sorge tragen, dass er auch stattfand. Also brachte meine Liebste das Tochterkind zum Kindergeburtstag und nahm auch unseren Jüngsten dorthin mit, und ich ging allein zum Wichtelgruppentreffen. 


Die gute Nachricht war, dass ich Verstärkung in der Leitung bekam. Dass eine Mutter von zwei Wölflingen sich entschieden hatte, mit ihrem dritten, jüngsten Kind bei den Wichteln mitzumachen, hatte ich bereits gewusst; zusätzlich durfte ich nun noch zwei "Praktikantinnen" begrüßen – zwei Schülerinnen im Alter von 13 und 14 Jahren, die im Rahmen eines Schulprojekts "Soziale Verantwortung" in der Wichtelgruppe mithelfen wollen. 

Im Übrigen hatte ich mir in Vorbereitung auf diesen Schnuppertermin ein paar Gedanken zu einem "strukturierten Schluss" der Gruppenstunden gemacht; man könnte allerdings auch sagen, die Ideen dazu seien mir eher in den Schoß gefallen. Bereits am ersten Schultag meines Tochterkindes hatte ich im Internet nach Gebeten für den Schulweg gesucht; dabei war ich auf einen Text gestoßen, von dem ich nach mehrmaligem Lesen fand, wenn man den expliziten Bezug zum Schulweg wegließe, könnte er sich auch gut als Schlussgebet bzw. Segenswunsch für die Wichtelgruppenstunden eignen. Dann lautet er nämlich so:  

Sei behütet jeden Tag. 
Sei freundlich und fair mit den Menschen, die dir begegnen. 
Sei tapfer, wenn es einmal querläuft. 
Sei stark und mutig für dich und andere. 
Sei begierig, zu wissen und zu teilen. 
Ich bin bei dir, sagt dir Gott. Du bist nicht allein.  

Zudem waren das Tochterkind und ich übereinstimmend der Meinung, dieses Gebet passe zu dem Lied "Sei mutig und stark", das wir vom JAM und der Kinderbibelwoche kennen; daher strebe ich an, dieses Lied zukünftig als festes Schlusslied der Wichtelgruppenstunden einzusetzen. Es ist übrigens ein Bewegungslied, und ich habe das Tochterkind bereits beauftragt, in der nächsten Gruppenstunde den anderen Kindern die Bewegungen beizubringen. 

Am Dienstag traf sich erstmals die neue "Leiterrunde" der Katholischen Pfadfinder Haselhorst, zu der ich als Vertreter der Wichtelgruppe eingeladen war. Da die Wichtel den Pfadfindern ja – sowohl orgamisatorisch als auch hinsichtlich der inhaltlichen Gestaltung der Gruppenstunden – nur lose angegliedert sind und mit Kindern im Wichtelalter auch noch keine Fahrten und Lager veranstaltet werden, waren viele der besprochenen Themen – Fragen von Kluft und Ausrüstung, von Prüfungen und Ritualen, Überlegungen zu gemeinsamen Fahrten, Lagern usw. mit Pfadfindergruppen unterschiedlicher Verbände u.v.m. – für mich nicht unmittelbar relevant, aber interessant fand ich's doch. 

Übrigens fand das Treffen nicht in Räumlichkeiten der Kirchengemeinde statt, sondern im Außenbereich einer Pizzeria am Haselhorster Damm; dieser Umstand ermöglichte es einerseits, während der Sitzung gemütlich ein Bierchen zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, andererseits ergab sich daraus aber gleich zu Beginn des Treffens eine interessante Debatte, nämlich darüber, ob es in diesem doch sehr öffentlichen Setting angebracht wäre, die Sitzung mit einem geistlichen Impuls bzw. einem Gebet zu eröffnen. Ich war ganz entschieden dafür und argumentierte, wir hätten schließlich einen Auftrag, vor der Öffentlichkeit Zeugnis für unseren Glauben abzulegen (wer, wenn nicht wir?). Es gab jedoch Einwände – die sich zu meiner Verwunderung um die Frage drehten, ob Nicht- oder Andersgläubige nicht ein Recht darauf hätten, außerhalb klar definierter Orte und Zeiten von religiösen Äußerungen unbehelligt zu bleiben. Wenn ich hier von Verwunderung spreche, dann sollte ich wohl präzisieren: Mir ist durchaus bewusst, dass – besonders (aber offenbar nicht nur) im Osten Deutschlands – die Vorstellung recht verbreitet ist, Religionsfreiheit bedeute, dass der öffentliche Raum frei von Religion sein solle. Befremdlich finde ich es aber, wenn gläubige Katholiken diese Perspektive übernehmen. – In der Diskussion fehlte auch der bezeichnende Hinweis nicht, man würde ja wohl auch nicht wollen, dass Muslime ihre Gebete in der Öffentlichkeit verrichten. So, würde man das nicht? Als ich noch in der Nähe des Anhalter Bahnhofs arbeitete, sah ich auf dem Weg zur Arbeit manchmal einen Mann, der auf einer kleinen Grünfläche unweit der Aufzüge zum unterirdischen S-Bahnhof seinen Gebetsteppich ausrollte; und ich fand das gut, ja eigentlich sogar vorbildlich. Nicht umsonst habe ich mir mit meinem Blog den Ruf eines "Islamverstehers" erworben: Immer mal wieder drängt sich mir der Eindruck auf, Ressentiments gläubiger Christen gegenüber gläubigen Muslimen rührten zu einem nicht ganz geringen Anteil von dem mehr oder weniger verdrängten Bewusstsein her, dass diese einige Dinge besser bzw. richtiger machen als "wir". Um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Ich würde mir wünschen, dass es mehr Katholiken gäbe, die, wenn die Kirchenglocken zum Angelus läuten, alles stehen und liegen lassen und erst mal beten. Von Zeit zu Zeit versuche ich das durchzuziehen, aber es ist nicht leicht, sich dazu zu überwinden, wenn sogar die "eigenen Leute" einen für seltsam halten. – 

Ich schätze, letztlich ist das das eigentliche Problem: nicht der Islam, nicht der Anspruch der säkularen Gesellschaft, mit Religion in Ruhe gelassen zu werden, sondern ganz schlicht der Umstand, dass man als volkskirchlich sozialisierter Christ mit hoher Wahrscheinlichkeit allzu wenig Übung und Gewohnheit im persönlichen Gebet außerhalb jenseits rituell festgelegter Formen, Zeiten und Orte hat. Und etwas, was man nicht gewohnt ist, hat immer etwas Peinliches an sich, besonders in der Öffentlichkeit. Dagegen hilft nur Übung; und unter anderem deshalb halte ich es für so wichtig, dass Christen wenigstens bei ihren eigenen Veranstaltungen, Gruppentreffen usw. ein Klima schaffen, in dem Beten etwas ganz Normales ist. 

Tatsächlich wurde dann bei der Pfadfinder-Leiterrunde auch noch gebetet, nämlich ein Gruppenleitergebet der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE), das ich bisher nicht kannte, aber sehr gut finde: 


Ich finde, das könnte man in Zukunft ruhig öfter mal beten. 


Spandau oder Portugal 

Sonntag, der 24. September, war der 25. Sonntag im Jahreskreis, und wir hatten die Absicht, erneut in St. Joseph Siemensstadt zur Messe zu gehen; meinem Kalender zufolge sollte da der monatliche Kinderwortgottesdienst "dran" sein, was früher™️ für mich eher ein Grund gewesen wäre, diese Messe zu meiden, aber da ich ja nun ab demnächst selbst zum KiWoGo-Team der Gemeinde gehöre, interessierte mich das ja nun doch. Wir kamen auch früh genug zu Hause los, um es verschmerzen zu können, dass wir in Haselhorst unseren Anschlussbus verpassten; allerdings fühlte meine Liebste sich etwas unpässlich, und während des Wartens auf den nächsten Bus verschlimmert sich dies rapide: Sie meinte, es sei ein Migräneanfall im Anzug und sie müsse so schnell wie möglich nach Hause und ins Bett. Für lange Diskussionen darüber, was für Konsequenzen das nun für unsere weitere Tagesplanung hätte, war offensichtlich nicht der richtige Zeitpunkt, also stieg ich mit beiden Kindern in den nächsten Bus nach Siemensstadt, damit meine Liebste ein bisschen Ruhe hatte und allein nach Hause fahren konnte. 

Nun habe ich ja eigentlich reichlich Übung damit, allein beide Kinder zu betreuen, aber allein mit beiden Kindern in die Kirche zu gehen ist doch noch einmal eine andere Herausforderungsstufe. Zumal die Große, als wir an unserer Zielhaltestelle ankamen, verkündete, sie müsse dringend aufs Klo. Wir hatten jedoch Glück: Der Eingang zum Gemeindesaal war offen, als wir ankamen, und so konnten wir den Toilettenbesuch noch vor Beginn der Messe einigermaßen unkompliziert erledigen. 

Kinderwortgottesdienst war übrigens doch nicht, stattdessen aber Vorstellung des neuen Erstkommunionkurses (mit über 20 Kindern; entsprechend gut besucht war der Gottesdienst, auch und gerade von Leuten, die man sonst – gelinde gesagt – nicht jeden Sonntag in der Kirche sieht) und gleichzeitig Erntedank. Der örtlich zuständige Pfarrvikar zelebrierte die Messe und predigte, und er verstand es bemerkenswert gut, die beiden Spezialthemen des Tages miteinander zu verknüpfen. Soweit ich nicht von meinen Kindern abgelenkt wurde, habe ich mir die folgenden Punkte gemerkt: Ernten könne man nur, was man gesät habe; auch beim Erstkommunionunterricht gehe es darum, Samen auszustreuen, damit sie mit Gottes Hilfe wachsen und Frucht bringen können; bei der Kommunion werde auch der Leib Christi wie ein Same in den Gläubigen gelegt, damit er Frucht bringt, nämlich indem der Empfänger des Sakraments Christus gleichgestaltet wird. Ich hatte den Eindruck, dass der Pfarrvikar bei diesen Ausführungen durchaus auch die zu erwartenden kirchenfernen Familienangehörigen der künftigen Erstkommunionkinder im Blick hatte, trotzdem (oder gerade deswegen) war die Predigt nicht gerade das, was man gemeinhin als "niederschwellig" bezeichnet und betrachtet. Ich war wieder mal begeistert. 

Zum Ende der Messe hin wurden meine Kinder dann doch recht unruhig; bis zur Kommunion hielten wir durch, aber danach verzogen wir uns nach draußen – wo es im Anschluss an die Messe noch einen Stehempfang mit Grillwurst, Kaffee und Saft gab. Das traf sich günstig, denn so konnten wir etwas Zeit überbrücken, während ich noch unschlüssig war, wie wir den weiteren Tagesablauf gestalten sollten – und ob wir es wohl schaffen würden, wie geplant zu der Hochzeitsfeier in der freikirchlichen Gemeinde in Haselhorst zu gehen. Dann schrieb mir meine Liebste, sie habe zu Hause ein wenig geschlafen und fühle sich jetzt besser. Ich entschied mich dafür, vorläufig mit den Kindern zurück nach Tegel zu fahren, und auf dem Weg dorthin schlief der Jüngste im Kinderwagen ein. Dem Tochterkind schlug ich vor, auf einen Spielplatz zu gehen, darauf hatte sie aber gerade keine Lust, also machten wir stattdessen einen Spaziergang. Und bald darauf ging es meiner Liebsten dann auch wieder gut genug, dass wir alle zusammen zu der Hochzeitsfeier fahren konnten. 


Das parallel zum Gottesdienst stattfindende Kinderprogramm bestand diesmal aus Spielen im Garten, wozu z.B. gehörte, dass die Kinder gruppenweise biblische Geschichten als lebende Bilder darstellten und die jeweils anderen Gruppen erraten mussten, um welche Geschichte es sich handelte; unser Tochterkind fand dabei prompt eine neue Freundin. Nach dem Gottesdienst wurde auf den Stufen vor der Kirche ein Gruppenfoto mit allen Gästen geschossen, und im Garten wurde ein üppiges Büffet aufgetafelt; aber im Grunde unterschied sich die Hochzeitsfeier nicht prinzipiell, sondern lediglich graduell (im Sinne von "mehr von allem") von dem geselligen Beisammensein nach dem Gottesdienst am vorigen Sonntag. Wie schon gesagt: In dieser Gemeinde ist jeden Sonntag Gemeindefest! Jedenfalls war es schön, dort zu sein, und wir führten einige gute Gespräche, nicht zuletzt mit der Familie, für deren Anliegen es am Sonntag zuvor einen so eindringlichen Gebetsaufruf gegeben hatte. 


Währenddessen in Tegel 

Was das Projekt "Religiöse Frühförderung für den Jüngsten" angeht, kristallisiert sich allmählich ein festes Wochenschema heraus: Am Dienstag, dem Gedenktag der Hll. Kosmas und Damian, waren wir wieder in St. Joseph Tegel – diesmal zur Sext, was für die Gestaltung unserer Lobpreisandacht allerdings keinen wesentlichen Unterschied machte. Am Mittwoch, dem Gedenktag des Hl. Vinzenz von Paul, gingen wir wieder – zum vierten Mal in Folge – in St. Marien Maternitas zur Messe. Schon auf dem Weg zur Kirche ging mir durch den Kopf, dass uns von den derzeit in der Großpfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd tätigen Geistlichen eigentlich nur noch "Pater Mephisto" fehlte – ein Ordenspriester, dem ich diesen Spitznamen einerseits aus physiognomischen Gründen zugedacht hatte, andererseits aber auch, weil er teilweise recht problematische Anschauungen mit einem äußerst gewinnenden Charme zu präsentieren weiß. Tja, und wer saß, als wir die Kirche betraten, ganz unprätentiös zusammen mit der üblichen Seniorenrunde in der Bank und betete den Rosenkranz mit? Pater Mephisto! Nach dem Rosenkranz ging er in die Sakristei und zog sich das Messgewand über seine Ordenstracht. Die Messe hielt er weitgehend untadelig, außer dass er beim Vaterunser den Embolismus wegließ (und falls du es noch nicht wusstest, Leser: Da stirbt jedesmal ein knopfäugiges Robbenbaby!); von meinem Jüngsten muss man sagen, dass er nicht ganz so bei der Sache war wie sonst schon mal, z.B. baute er einen Turm aus Gesangbüchern und lief mehrfach zwischen dem Platz in der ersten Bankreihe, den er sich für uns ausgesucht hatte, und dem im Eingangsbereich abgestellten Kinderwagen hin und her. Einmal wurde er dabei von einer alten Frau aus der Gemeinde angeschnauzt, von der ich schon immer fand, sie gucke etwas grimmig; aber Gesichtsausdrücke können ja auch trügen, und bisher hatte sie nie etwas gesagt. Jetzt jedoch war ihre Geduld offenbar erschöpft – wie sich sehr eindrücklich beim anschließenden Gemeindefrühstück zeigte. 

Aus Gründen, die man sich leicht zusammenreimen kann, ist beim Gemeindefrühstück nach der Messe oft der Priester der letzte am Tisch; so auch diesmal. Pater Mephisto setzte sich neben mich und begrüßte mich freundlich – ich glaube, ich hatte tatsächlich vergessen, wie charmant er sein kann –, und das nahm die erwähnte grimmgesichtige Seniorin zum Anlass, sich beim Pater (nicht etwa bei mir!) zu beschweren, so ein kleines Kind in der Messe sei aber doch eine arge Belästigung. "Kinder müssen in der Kirche immer willkommen sein", erwiderte Pater Mephisto milde lächelnd. "Auch unser Herr Jesus sagt..." – "Ich kenne die Heilige Schrift", unterbrach ihn die alte Dame schroff und fuhr fort, sich zu ereifern – über Andacht und Würde, über Besinnung und Anbetung, über die Unterscheidung der Geister, die unserer Zeit so sehr fehle; und aus irgendeinem Grund hielt sie es für erwähnenswert, dass aus ihrer Familie "zehn Priester hervorgegangen" seien. "Wie schön", warf Pater Mephisto, weiterhin milde lächelnd, ein. Inzwischen wirkten auch einige der anderen Anwesenden teils amüsiert, teils peinlich berührt von den Tiraden ihrer Generationsgenossin; "Gebt der Frau doch mal 'nen Kaffee, damit sie sich beruhigt", murmelte einer. Ich fand es derweil ausgesprochen eindrucksvoll, wie Pater Mephisto nur durch Nicken und Lächeln die Situation handhabte, und vermied es, mich selbst zu Wort zu melden. 

Am Donnerstag, dem Gedenktag der Hl. Lioba von Tauberbischofsheim, statteten wir dann wieder Herz Jesu einen Besuch ab; und dabei bekam ich einen Eindruck von den Früchten, die die "religiöse Frühförderung" bei meinem Jüngsten trägt. Er hatte sich "Ida Intercity", einen kleinen Spielzeugzug aus der Produktreihe "Der kleine ICE", als sein Lieblingsspielzeug des Tages erkoren, und als wir in die Kirche kamen, erklärte er "Ida" eifrig und mit dem Wortschatz eines Zweieinhalbjährigen, was eine Kirche ist und was man da tut. Ich fand das ausgesprochen entzückend – und bin gespannt, was ich in dieser Hinsicht in nächster Zeit noch so mit meinem Jüngsten erlebe... 


Aus dem Stundenbuch 
Gehorsam ist die größte Ehre, die es im Himmel und auf Erden gibt, weshalb ihr trachten müsst, einander gehorsam zu sein, und Weisheit ist das allerliebste, denn sie fängt alle Dinge am besten an. Den offenen Sünden soll man wehren und der Gerechtigkeit allwegs beistehen. Ihr sollt auch das Leiden Gottes in Eurem Herzen tragen, denn es ist des Menschen größter Trost an seinem letzten Ende. Mancher Mensch ist zweifelhaftig in seinem Glauben, und der Teufel tut manchen Angriff im Glauben und allermeist durch den Glauben. Wir sollen darin aber nicht zweifelhaft sein, denn er ist so, wie er gesetzt ist. Und ich schreibe euch dies nicht etwa weil ich glaube, dass ihr nicht recht glaubt, ich zweifle nicht daran, dass ihr gute Christen seid, ich schreibe es euch zu einer Ermahnung, dass ihr, wenn der böse Feind euch anficht, desto ritterlicher widersteht. 
(Aus einem Brief von Bruder Klaus an die Ratsherren von Bern) 


Ohrwurm der Woche 

Procol Harum: A Whiter Shade of Pale 

Einfach so, ohne Grund. Erwähnen sollte ich aber wohl, dass ich diesen Meilenstein des frühen Prog-Rock zuerst in Form einer Coverversion von Doro Pesch kennenlernte. Da war ich so ungefähr 14, und ich finde das durchaus verzeihlich. Ungefähr so, wie man auch seine ersten Begegnungen mit Klassikern der Weltliteratur in Form von Comic-Adaptionen aus der Reihe Lustiges Taschenbuch erleben kann. 

Preview auf Nr. 50 

Spandau oder Portugal: Kindergottesdienste im Quervergleich +++ Ein Blick in den neuen Pfarrbrief +++ Das Neueste aus dem Arbeitskreis Kinderwortgottesdienst +++ Währenddessen in Tegel: Als Gast bei der Probe für den KiTa-Gottesdienst +++ Ein neuer ("halber") Pfarrvikar +++ Sind Werktagsmessen nur für Senioren? +++ Was man zu Leuten sagen kann, die sich über Kinder in der Kirche beschweren +++ Aus meinem Wichtelbuch: Ich bin jetzt präventionsgeschult +++ Neues aus Synodalien: häretisch.de blamiert sich ab sofort international (und KI-unterstützt) +++ 

In diesem Sinne: Bis demnächst, Leser!