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Montag, 12. August 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (19. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Am vergangenen Montag war ich vor allem damit beschäftigt, sämtliche Bücher durchzulesen, mit denen ich in der Woche zuvor nicht ganz fertig geworden war; dazu weiter unten mehr. Die Gründungsversammlung des Vereins "Freunde der katholischen Kirche Herz Jesu Tegel" am Abend verlief - erwartungsgemäß, würde ich mal sagen - chaotisch, aber immerhin insofern erfolgreich, als ein Beschluss zur Vereinsgründung gefasst, eine Satzung (nach diversen Änderungen) verabschiedet und ein Vorstand gewählt wurde. Für den Vorsitz schlug ich meine Liebste vor, und dieser Vorschlag wurde einstimmig (!) angenommen; für mich selbst fiel hingegen kein Vorstandsposten ab, aber darüber bin ich im Grunde nicht unglücklich. -- Am Mittwoch kam Kollegin Claudia vorbei und widmete sich einige Stunden lang dem Sichten und Sortieren des Bücherbestandes unseres Büchereiprojekts; am Abend hatten wir wieder mal "Dinner mit Gott", die Beteiligung ließ - rein quantitativ - etwas zu wünschen übrig, aber schön war's trotzdem. Den Rest der Woche war ich hauptsächlich mit Lesen (s.u.) und mit meinem Kind beschäftigt, und zwischendurch trafen per Mail und Messenger-App allerlei Kontaktanfragen in Sachen #BenOp-"community building", Einladungen zu Vorträgen u.ä. ein -- ich bin noch gar nicht dazu gekommen, alle zu beantworten. Ach ja, und am Donnerstag saß ich in der S-Bahn einer Frau gegenüber, die in der Taschenbuch-Ausgabe der "Benedikt-Option" las; mit dieser Dame musste ich natürlich ein Gespräch anfangen und verpasste dadurch meine Ausstiegshaltestelle. 


Was ansteht: Feste Termine gibt es, soweit ich sehe, in dieser Woche nicht viele; irgendwann in der ersten Wochenhälfte werde ich allerdings einen Radiokommentar schreiben und aufnehmen müssen, der dann am Samstag im Wochenmagazin auf Radio Horeb gesendet werden soll. Am Donnerstag ist Mariae Himmelfahrt, und am Abend findet in St. Rita eine Informationsveranstaltung zum Thema Erstkommunionvorbereitung statt. Ich habe erwogen, dort mit Frau und Kind hinzugehen, obwohl unsere Tochter ja noch längst nicht im relevanten Alter ist; einfach nur, um sich mal anzuhören, was da so erzählt wird, andere Eltern kennenzulernen und gegebenenfalls etwas Unruhe und Irritation zu verbreiten. Andererseits könnte man es auch einfach lassen und stattdessen friedlich zur Abendmesse in St. Josef gehen; zur Frühmesse in Herz Jesu könnte meine Liebste nämlich nicht mit, da sie arbeiten muss. Und am Samstag ist mal wieder Krabbelbrunch. Meine Liebste hat neue Flyer gestaltet, und wir haben in den letzten Tagen schon einige davon unter die Leute gebracht. Mal sehen, wie sich das auswirkt. 

aktuelle Lektüre: Wie oben bereits erwähnt, habe ich die fünf Bücher, die zuletzt auf meinem Lektüreplan standen, sämtlich durchgelesen; nunmehr möchte ich ihre Besprechung mit einem bezeichnenden Zitat aus jedem dieser Bücher abschließen. 

"Jesus, wie wir ihn aus den Evangelien kennen, hat mich [...] stets beeindruckt. Im Gegensatz zu unseren Aktivisten rekrutierte er zunächst seine Anhänger und lehrte sie erst anschließend, so als ob er das Reich bereits erobert hätte. In der subversiven Kriegführung haben unsere besten Spezialisten noch nie eine solche Virtuosität entwickelt. Jesus sammelt seine Jünger um sich, ohne sie gegen einen Unterdrücker oder einen Feind aufzuwiegeln oder in ihnen Gier auf irgendeinen Lohn zu erwecken; er verlangte nur ihre totale, uneingeschränkte Zustimmung. Er argumentierte ganz anders als die Kirche, deren Taktik gelegentlich an die Mätzchen von Versicherungsgesellschaften erinnert. Jesus verlangte alles, und zwar sofort." (S  103)
"Die Jungmolche waren offenbar für den Fortschritt ohne Vorbehalte und Einschränkungen, und verkündeten, daß auch unter dem Meere die gesamte Bildung des Festlandes mit allem Drum und Dran, Fußball, Flirt, Faschismus und sexuelle Inversion nicht ausgenommen, nachgeholt werden müßte; die Altmolche dagegen schienen konservativ an dem natürlichen Molchtum zu hängen und wollten die alten guten tierischen Gewohnheiten und Instinkte nicht aufgeben; zweifelsohne verurteilten sie die fieberhafte Sucht nach Neuheiten und sahen darin eine Erscheinung des Niedergangs und den Verrät an den ererbten Molchidealen" (S. 208).
"'Glaubst du denn wirklich an Gott?' -- 'Ja', sage ich [...], 'ich glaube, es hilft, an ihn zu glauben.'" (S. 150)
"Es ist schon komisch [...], wie übersättigt dein Geist von der Religion ist, an die du nicht zu glauben behauptest." (S. 275)
"Ich bin Watchman Nee. Das ist eine für mich verläßliche Tatsache. Natürlich kann ich mein Gedächtnis verlieren oder träumen, ich sei jemand anders. Aber ob ich es fühle oder nicht, ob ich wache oder schlafe, ob ich mir bewußt bin oder es vergesse, ich bin immer Watchman Nee." (S. 46)
Zum "Verräter" muss ich übrigens noch anmerken, dass der Autor dem Leser ganz kurz vor Schluss nochmals eine überraschende Wendung auftischt -- eine, die mich eher irritiert hat; irgendwie gefällt mir das Buch besser, wenn ich mir vorstelle, der Inhalt der letzten Seiten sei lediglich eine Halluzination des Protagonisten, eine Art "Letzte Versuchung" im Sinne Nikos Kazantzakis' etwa. So oder so ein bemerkenswertes Buch, das sich den Büchereistempel redlich verdient hat, ebenso wie "Der Krieg mit den Molchen". Hingegen sind "Der Pater" und "Das normale Christenleben" eindeutig Giftschrankmaterial, aber ich werde sie vorläufig wohl noch behalten. "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" behalte ich auf jeden Fall, aber "privat". In die Bücherei kommt es mir, wie schon letzte Woche begründet, nicht.

Nun aber zu meinen aktuellen, also in der vergangenen Woche begonnenen Lektüreprojekten:
  • Joseph Roth: Der Leviathan / Stationschef Fallmerayer 
Hier haben wir es mit einem Sonderfall zu tun: Von einer meiner jüngsten "Bücherrunden" habe ich ein Taschenbuch mit Novellen von Joseph Roth mitgebracht, mit dem Titel "Das falsche Gewicht". Dann fiel mir auf, dass es in den noch nicht ins Regal einsortierten Bücherspenden ein Buch mit demselben Titel gibt, aber es handelt sich um eine andere Ausgabe: Das frisch erbeutete Buch enthält neben dem titelgebenden Kurzroman "Das falsche Gewicht" und der ebenfalls in beiden Ausgaben enthaltenen "Legende vom heiligen Trinker" noch drei weitere Novellen - "Stationschef Fallmerayer", "Triumph der Schönheit" und "Die Büste des Kaisers" -, das schon länger unbeachtet im Karton gelegen habende hingegen nur noch eine andere, "Der Leviathan". Habe daher beschlossen, zunächst einmal diejenigen Erzählungen zu lesen, die nur in jeweils einem der beiden Bücher enthalten sind. Als erstes "Der Leviathan"; die gefiel mir so gut, dass ich fand, sie hänge die Messlatte für die anderen drei Texte sehr hoch. Dann las ich "Stationschef Fallmerayer" und stellte fest, dass die beiden Geschichten einige Parallelen aufweisen: In beiden geht es um einen vermeintlich "einfachen Mann", in dessen Herzen eine tiefe Sehnsucht nach etwas Großem schlummert und der schließlich seine solide, eintönige Existenz, einschließlich einer unbefriedigenden Ehe, aufgibt, um dem Objekt seiner Sehnsucht nachzujagen, und dabei zugrunde geht -- wobei dieses Zugrundegehen irgendwie doch als eine Art von Erfüllung erscheint. -- Ganz allgemein finde ich Joseph Roths Prosastil ausgesprochen ansprechend; im direkten Vergleich der beiden Texte liegt "Der Leviathan" weiterhin vorn, "Triumph der Schönheit" und "Die Büste des Kaisers" knöpfe ich mir dann demnächst vor.
Ehe jemand fragt: Ja, auch das habe ich aus einer Büchertelefonzelle. Natürlich war es praktisch nicht zu verkennen, dass es sich um ein Trivialfabrikat im Fahrwasser von Donna W. Cross' "Die Päpstin" handelt; es steht sogar hinten auf dem Buch drauf, in Form eines Zitats aus einer Buchkritik aus dem "Hamburger Abendblatt": "Wer den Roman 'Die Päpstin' von Donna Cross mochte, wird 'Die Herrin der Päpste' verschlingen!" In einer Leserrezension auf dem Portal lovelybooks.de heißt es: "Einer der besten hist. Romane, vergleichbar mit der Päpstin v. Cross". Nun denn. Zwar habe ich "Die Päpstin" nicht gelesen, verweise aber hilfsweise auf die mehrteilige Rezension von Bloggerkollegin Crescentia. Von diesem Roman habe ich schon mehrere Exemplare aus den Bücherspenden für unser Büchereiprojekt aussortieren müssen, und ich gehe davon aus, dass das auch in Zukunft noch mehrfach der Fall sein wird; diese Art von Büchern wächst nach.  Gegenüber dem Vorbild hat das Billig-Imitat von Eric Walz immerhin den Vorteil, auf einem echten historischen (und nicht bloß legendären) Stoff zu basieren: Die Titelfigur ist die römische Senatrix Marozia (auch wenn Walz sie beharrlich Marocia schreibt), die im frühen 10. Jahrhundert den Kirchenstaat und das Papsttum beherrschte. Okay, clevere Idee, einen historischen Stoff aus dem saeculum obscurum zu bearbeiten, wo die Quellenlage so dünn ist, dass überreichlich Leerstellen bleiben, die man mit seiner eigenen Phantasie ausfüllen kann. Sofern man welche hat, heißt das. Die Phantasie des Eric Walz erweist sich leider als dümmlich und primitiv. Das mag nach einem sehr harten Urteil klingen, aber wenn ich Passagen lese wie z.B.:
"In dieser Nacht schlief Marocia wie ein Stein. Sie hatte zwei eindeutige Angebote hinter sich, eines vom Geliebten ihrer Mutter, eines vom Papst, und das war viel für eine sechzehnjährige Frau, welche die Liebe bisher nur durch Schlüssellöcher beobachtet hatte" (S. 104)
-- dann stelle ich mir im Grunde nur zwei Fragen: Wie muss jemand drauf sein, um so etwas zu schreiben, und wie muss jemand drauf sein, um so etwas zu lesen und es gut zu finden?

Was Romane wie dieser allerdings immer wieder schlagend beweisen, ist, dass man mit einem "atheist mindset" schlichtweg unmöglich ist, das Mittelalter zu verstehen. Was ich mit "atheist mindset" meine, ist unabhängig davon, ob der Autor sich selbst als Atheist, als Agnostiker oder vielleicht als "säkularer Christ" (R. Habeck) versteht: Es ist eine Einstellung, der der Glaube an Gott so vollständig fremd ist, dass sie sich diesen auch bei anderen höchstens als eine abstrakte Idee, als ein gedankliches Konstrukt vorstellen kann, aber keinesfalls als gelebte Realität. Folglich gibt es im Italien des frühen 10. Jahrhunderts, wie Eric Walz es sich vorstellt, praktisch keine echten Christen. Die stadtrömische Oberschicht, aus der sich auch die Päpste rekrutieren, ist schlichtweg zu gebildet für einen so primitiven Glauben und pflegt ein bestenfalls formales Verhältnis zur Religion; anders ausgedrückt, diesen Leuten ist "Gott [...] gerade noch so viel wert, ihm eine Floskel zu widmen", wie es auf S. 148 explizit heißt. Marocia selbst wird eine "ironische Einstellung zu Gott" attestiert (S. 278), und die lateinische Weihnachtsliturgie bezeichnet sie als "verstaubte Formeln" (S. 156). Ernsthafter, unironischer Glaube scheint höchstens etwas  für "die Illiterates, die arbeitende ländliche Bevölkerung Italiens" zu sein, "der die Prälaten nicht mehr Verstand als einer Kuh zubilligten" (S. 185); gleichzeitig hält sich in dieser Bevölkerungsschicht aber auch hartnäckig ein heidnischer Aberglaube: So heißt es von den Einwohnern Spoletos, dass sie "den Neumond anriefen und ihm Mut zusprachen, damit er die Kraft fände, seinen vollen Glanz wiederzugewinnen" (S. 194). Letztendlich, so wird suggeriert, sind christlicher Glaube und volkstümlicher Aberglaube gleichwertig und austauschbar. Die (zumindest auf den ersten 330 Seiten, denn weiter bin ich noch nicht) einzige positiv dargestellte Romanfigur, die als gläubiger Christ beschrieben wird - Pater Bernard, "der in seiner schlichten braunen Kutte, den ledernen Sandalen und dem schmucklosen Holzkreuz um den Hals leicht als Geistlicher der alten Schule zu erkennen war" (S. 37) -, wird schließlich "vom Wahnsinn befallen", sodass "sogar anerkannte Ärzte" meinen, er sei "vom Teufel besessen" (S. 140).

Tatsächlich ist die Geschichte des Mittelalters voll von Menschen, die entschieden und sogar leidenschaftlich an Gott und an die Lehren der Kirche glaubten und dennoch zu schwersten Verbrechen, einschließlich Vergewaltigung, Gatten- oder Kindermord, fähig waren. Das hat nicht notwendigerweise etwas mit Heuchelei zu tun; vielfach waren die betreffenden Personen sich sehr wohl bewusst, dass sie schlimme Sünder waren. Einem relativistischen und emotivistischen Zeitgeist, der davon ausgeht, dass das Individuum sich die ethischen Maßstäbe seines Handelns selbst setzt, ist das gewiss schwer vermittelbar; aber wahrscheinlich beginnt das Missverständnis schon mit einer spätestens seit der Aufklärung grassierenden Tendenz zur Reduktion des Christentums auf seinen ethischen Gehalt -- einfacher ausgedrückt: Nicht mehr der Glaube, sondern der tugendhafte Lebenswandel wurde als Maßstab wahren Christseins angesehen. Mit einer solchen Vorstellung im Kopf kann man natürlich wie weiland Diogenes am helllichten Tage mit der Laterne auf dem Marktplatz herumgehen und im saeculum obscurum keinen echten Christen finden.

Kaum weniger fragwürdig erscheint es, dass Walz seiner Heldin eine große politische Vision andichtet: Ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, Italien von der Oberhoheit des Byzantinischen Reiches zu befreien; darum sucht sie die Annäherung an das Ostfränkische (also deutsche) Reich und wird so zur Wegbereiterin des Heiligen Römischen Reiches. Abgesehen davon, dass diese Darstellung den tatsächlichen historischen Fakten kaum gerecht wird, verrät sie auch ein Geschichtsverständnis, das aus der Zeit der "Achse Berlin-Rom" stammen könnte. Damit will ich Autor Eric Walz keine Neigung zum Faschismus unterstellen; ich glaube eher, er hat das Weltbild eines durchschnittlichen Spiegel-Lesers. Kurz und gut, das ist wieder mal ein Buch, bei dem einem das Papier leid tut, auf dem es gedruckt ist.

Ein 1970 bei Rowohlt erschienener schmaler Auswahlband (136 Seiten inklusive editorischem Anhang) von justizkritischen Texten Tucholskys aus den Jahren 1913-32, dazu ein Vorwort von Franz Josef Degenhardt, in dem dieser (damals) aktuelle Bezüge etwa zu den Prozessen gegen den Kommunarden Fritz Teufel oder den "umherschweifenden Haschrebellen" Kalle Pawla herstellt. Somit geradezu in zweifacher Hinsicht ein interessantes zeithistorisches Dokument; aber was halte ich inhaltlich davon? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Für Tucholskys scharfe Zunge und scharfen Verstand habe ich durchaus ein Faible, auch bin ich geneigt, ihm und Degenhardt darin Recht zu geben, dass ein gewisser Korpsgeist und Standesdünkel in der Juristenzunft tatsächlich zu einer Art "Klassenjustiz" führt, auch heute noch. Ärgerlich ist indes Tucholskys dogmatischer Marxismus, der ihn veranlasst, alle, aber auch alle gesellschaftlichen Konfliktfelder durch die Brille des "Klassengegensatzes" zu betrachten. Zum Beispiel also auch Fragen der Sexualmoral. Man könnte denken, die wären für das Thema dieses Buches gar nicht so relevant, aber er kommt doch immer wieder zumindest nebenbei darauf zu sprechen; jeder hat wohl so seine Themen, von denen er schlechterdings nicht schweigen kann. Bekanntermaßen war Tucholsky - ebenfalls aufgrund seines "Klassenstandpunkts" - auch Abtreibungsbefürworter, und auch darüber schweigt er in diesem Bändchen nicht. Ich weiß noch nicht recht, was ich mit dem Buch machen soll. Vielleicht nehme ich es vorläufig in den Büchereibestand auf, aber ohne Stempel. Mal sehen. 

Ein Beutestück eines meiner jüngsten Büchertausch-Streifzüge und der wohl prototypische Industrieroman der DDR. Bekannt ist ja vor allem die Verfilmung, nicht zuletzt wohl deshalb, weil sie verboten wurde. Worum geht's? Irgendwo in der sachsen-anhaltinischen Pampa soll ein riesiger Chemiekomplex hochgezogen werden, aber das Bauvorhaben krankt an sämtlichen Übeln der Planwirtschaft: Das Baumaterial ist nicht in ausreichender Menge zur rechten Zeit am rechten Ort, Entwürfe erweisen sich als fehlerhaft, Termin- und Budgetierungspläne hauen vorn und hinten nicht hin, die großen und teuren Baumaschinen können nicht effizient ausgelastet werden. Ein bisschen wie beim Flughafen BER also. Der Verfasser lässt zwar keinen Zweifel daran, dass er - ebenso wie die positiven Identifikationsfiguren unter seinen Romancharakteren - das Anliegen, den Sozialismus aufzubauen, voll und ganz unterstützt, aber er sieht eben auch die Probleme und ist in deren Darstellung so ehrlich, dass es aus propagandistischer Sicht unbequem wird. Bemerkenswert ist dabei natürlich, dass die Verfilmung verboten wurde, das Buch selbst jedoch nicht. Sicherlich gab es dafür verschiedene Gründe, aber zumindest einen kann ich mir gut vorstellen: Im Buch ist der junge, idealistische Parteisekretär als zentraler Sympathieträger angelegt; im Film hingegen wird der anarchische, aufmüpfige Zimmerer-Brigardier, der, wenn seine Brigade nichts zu arbeiten hat, schon mal Material klaut, das für einen anderen Bauabschnitt vorgesehen war, von none other than Manne Krug verkörpert, und dadurch gerät die sorgsam ausbalancierte Sympathielenkung in eine aus Sicht des Regimes problematische Schieflage.

Übrigens finde ich das Buch nicht zuletzt deshalb so interessant, weil mir zuweilen scheint, in ihrer Eigenschaft als bürokratische Institution habe die Kirche eine gewisse Ähnlichkeit mit der DDR.

Wer von Plass nur das "Tagebuch eines frommen Chaoten" kennt, dürfte überrascht sein: Zwar schimmert der Humor des Autors auch in diesem Buch - das ich aus der von meinem Bruder zusammengestellten Bücherkiste habe - immer wieder durch, aber im Ganzen ist es kein lustiges Buch. Es handelt sich um die Biographie eines anglikanischen Priesters namens Philip Ilott, der zwar, wie Plass in seinem Vorwort schreibt, an und für sich keine besonders prominente Persönlichkeit ist oder war, aber nach Meinung des Autors ein eindrucksvolles Beispiel dafür abgibt, wie die Liebe Gottes das Leben eines Menschen verwandeln kann. Ich habe das Buch zu gut einem Viertel durch und bin äußerst angetan -- so sehr, dass ich ihm am liebsten sofort einen Büchereistempel geben würde. Dagegen spräche allenfalls, dass es fremdsprachig ist und man angesichts des begrenzten Platzes in den Regalen vielleicht erwägen sollte, deutschsprachigen Büchern den Vorrang zu geben. 


Linktipps: 

Diesem Thema wollte ich mich eigentlich schon letzte Woche widmen, aber dann kam mir Magnus Striet mit seinen Thesen zur Neuevangelisation dazwischen. Dann also jetzt: Der evangelikale Buchautor  und Megachurch-Pastor Joshua Harris hat via Instagram (!) bekannt gegeben, dass er sich nach 21 Jahren Ehe von seiner Frau trennt. Wenige Tage später folgte die Mitteilung, er betrachte sich nicht länger als Christ. Ich gestehe, dass ich zuvor noch nie etwas von Joshua Harris gehört hatte; wieso also interessiert mich dieser Fall jetzt? Die simple Antwort lautet: Weil es eben ein Fall ist. Ein "fall from grace", wie der Angloamerikaner sagt. Harris war bekannt als entschiedener "Kein Sex vor der Ehe"-Verfechter, sein Buch "I Kissed Dating Goodbye" von 1997 (auf Deutsch ein Jahr später unter dem etwas zwanghaft witzigen Titel "Ungeküsst und doch kein Frosch" erschienen) war in evangelikalen Kreisen geradezu ein Standardwerk der Jugendpastoral in Sachen Sex. Kein Wunder, dass die Apologeten der sexuellen Revolution, von erklärten Atheisten bis hin zu "liberalen Christen", über Harris' "Bekehrung" jubeln. Freund Rod merkt auf seinem Blog zweierlei dazu an: nämlich einerseits, dass eine rein negative Sexualmoral - ein bloßes "Du sollst nicht" - keine adäquate christliche Antwort auf die Herausforderungen der sexuellen Revolution ist; und andererseits, dass der Umstand, dass Harris nun gleich ganz mit dem christlichen Glauben gebrochen hat, auf die Unvereinbarkeit von christlichem Bekenntnis und sexueller Libertinage verweist. Insofern, meint Rod, habe er vor Joshua Harris entschieden mehr Respekt als vor gewissen "progressiven" Theologen, die die christliche Lehre so lange verbiegen, bis sie einem ungezügelten Ausleben individueller sexueller Begierden keine Schranken mehr setzt.

National Review-Kolumnist David French kommt in seiner Bewertung des Falles Joshua Harris zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Rod, allerdings ist sein Schwerpunkt ein anderer -- was nicht zuletzt daran liegt, dass French just zu der Zeit, als Harris' oben erwähntes Buch auf dem Höhepunkt seines Erfolges war, als Aushilfs-Jugendseelsorger in einer kleinen Gemeinde in Kentucky war und so aus erster Hand miterlebte, was Harris'  Vorstellungen von "sexueller Reinheit" bei den Jugendlichen anrichteten. Der entscheidende Fehler jenes typisch evangelikalen Konzepts von "Reinheit", für das Joshua Harris' berühmtes Buch prototypisch ist und das man außer auf Sex beispielsweise auch auf Alkohol und Drogen beziehen kann, besteht laut French in der Fixierung auf Sünde als Befleckung -- eine Befleckung, die nie mehr gänzlich getilgt werden könne, was in eklatantem Widerspruch zur zentralen christlichen Lehre von der Vergebung der Sünden steht. In der Praxis führen solche Anschauungen nicht selten dazu, dass der, der einmal gegen das beschworene "Reinheits"-Ideal verstoßen hat, direkt und ungebremst ins andere Extrem fällt, da er denkt, nun sei ja sowieso schon alles egal. Man könnte den Eindruck haben, Joshua Harris selbst sei hierfür ein gutes Fallbeispiel. 


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 12. August: Hl. Johanna Franziska von Chantal (1572-1641), Ordensgründerin. Wenn das Klischee stimmt, ist sie die Namenspatronin zahlreicher Kinder aus dem Prekariat; zu Lebzeiten hingegen war die früh verwitwete sechsfache Mutter bedeutend als geistliche Gefährtin des Hl. Franz von Sales, mit dem sie in regem Briefverkehr stand, den Orden der Schwestern von der Heimsuchung Mariens mitbegründete und dessen Nachlass sie herausgab. 

Dienstag, 13. August: Hll. Pontianus und Hippolyt, Märtyrer. Dieser gemeinsame Gedenktag für zwei Männer, die zu Lebzeiten zumindest zeitweilig in gegnerischen "kirchenpolitischen Lagern" standen, ist, wie ich finde, ein schönes Zeichen dafür, dass "Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann". Hippolyt war ein Schüler des Kirchenvaters Irenäus von Lyon und auch selbst ein bedeutender Kirchenschriftsteller; als profilierter Kritiker des Papstes Calixt I., dem er eine allzu unentschiedene Haltung gegenüber Irrlehren und vor allem einen zu laxen Umgang mit Todsündern vorwarf, wurde er ca. 217 zum ersten Gegenpapst der Kirchengeschichte erhoben und behielt diese Position auch unter Calixts Nachfolgern Urban I. (222-230) und eben Pontianus (ab 230) bei. Im Jahr 235 beendete der neue römische Kaiser Maximinus Thrax dieses Schisma, indem er sowohl Pontianus als auch Hippolyt zur Deportation nach Sardinien und zur Zwangsarbeit in einem Bergwerk verurteilte. Der infolge dieses Verbannungsurteilsam 28. September 235 erfolgte Rücktritt des Pontianus von seinem Amt  gilt übrigens als das früheste exakt datierbare Ereignis in der Geschichte des Papsttums. In der gemeinsamen Verbannung sollen Pontianus und Hippolyt sich miteinander ausgesöhnt und infolge der Strapazen der Zwangsarbeit den Tod gefunden haben, weshalb beide als Märtyrer verehrt werden. 

Mittwoch, 14. August: Hl. Maximilian Kolbe (1894-1941), Ordenspriester und Märtyrer. Am bekanntesten dürfte der Franziskanerpater Kolbe für sein Martyrium im Konzentrationslager Auschwitz sein: Als einige willkürlich ausgewählte Gefangene in den Hungerbunker gesperrt werden sollten, meldete sich Kolbe anstelle eines jungen Familienvaters freiwillig; nachdem er 14 Tage im Hungerbunker überlebt und seine Mitgefangenen seelsorgerisch betreut hatte, wurde er mittels einer Giftspritze ermordet. Näheres über sein früheres Leben erfuhr ich erst durch eine Ausstellung in Lourdes, die ich im Sommer 2017 in Lourdes besuchte: Nachdem Kolbe eine Vision der Allerseligsten Jungfrau Maria gehabt hatte, trat er im Alter von 16 Jahren in den Orden der Franziskaner-Konventualen ein und wurde 1918 in Rom zum Priester geweiht; mit der von ihm 1917 gegründeten Vereinigung "Militia Immaculatae" widmete er sich besonders der Jugend- und Pressearbeit, gab eine Monatszeitschrift heraus, ging von 1930-36 als Missionar nach Japan und baute nach seiner Rückkehr die 1927 von ihm gegründete Ordensniederlassung Niepokalanów bei Warschau zu einer regelrechten kleinen Stadt mit Bahnhof, Flugplatz und Radiostation aus. Wenn der Mann kein Vorbild für die #BenOp ist, dann weiß ich auch nicht! Nach Auschwitz kam Kolbe übrigens unter anderem deshalb, weil er in Niepokalanów mehreren tausend Juden und anderen vom NS-Regime Verfolgten Zuflucht gewährt hatte. Heiliger Maximilian Kolbe, bitte für uns! 

Freitag, 16. August: Hl. Stephan (István) I. (969-1038), König, Staatsgründer und Nationalheiliger Ungarns. Wurde 985 von Hl. Adalbert von Prag getauft, erhielt im Jahr 1000 mit Unterstützung Kaiser Ottos III. von Papst Silvester II. den Königstitel. Trieb die Christianisierung seines Landes voran und wird darum als "apostelgleicher Heiliger" verehrt. 


Aus dem Stundenbuch: 

Am Ende der Tage wird es geschehen: † Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; * er überragt alle Hügel. (Jesaja 2,2)



Montag, 5. August 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (18. Woche im Jahreskreis)


Was bisher geschah: Wie schon angekündigt, stand die zurückliegende Woche sehr wesentlich im Zeichen unseres Besuchs beim Internationalen Forum Altötting der Gemeinschaft Emmanuel; aber vorher hatten wir noch drei Tage in Berlin hinter uns zu bringen. Innerhalb dieser Zeit brachte meine Liebste im Rahmen einer Foodsaving-Aktion gut und gerne 15 Kilo Hummus mit nach Hause -- glücklicherweise in übersichtlichen Packungsgrößen, und bis auf einige wenige Packungen, die wir einfroren, und eine, die wir direkt verbrauchten, bekamen wir das ganze Zeug ziemlich schnell weiterverteilt. Außerdem unternahm ich ganze zwei "Bücherrunden", d.h. ich verteilte Bücher, die ich autoritativ aus dem Bestand unseres Büchereiprojekts verbannt hatte, auf verschiedene "öffentliche Bücherregale" und nahm im Gegenzug andere von dort mit -- bessere und wenigere: 56 Bücher wurde ich los, 24 sammelte ich ein. Unterwegs wurde mir auch klar, warum mir diese Tätigkeit so viel Spaß macht: Diese Art der allmählichen Veredelung des Bücherbestands ist in gewissem Sinne vergleichbar mit Gartenarbeit; oder präziser gesagt: damit, ein total verwildertes Grundstück in einen Garten zu verwandeln. 

Dem Trip nach Altötting werde ich zweifellos in Kürze einen eigenständigen Beitrag widmen müssen, aber ebenso zweifellos schulde ich meinen Lesern hier und jetzt schon ein paar skizzenhafte Impressionen. Also, sagen wir mal so: Gemessen an der ausgeprägten Unlust, mit der ich diesem Event noch vor wenig mehr als einer Woche entgegengesehen hatte, fällt meine Bilanz entschieden positiv aus. Überhaupt in Altötting zu sein, ist schon an sich schön -- ach, was heißt "schön"; das ist grob untertrieben. Altötting wird nicht ohne Grund als "Gnadenort" bezeichnet: Irgendwie ist dort die ganze Atmosphäre auf besondere Weise mit der Gegenwart Gottes gesättigt. Ich schätze, das haben Orte so an sich, an denen besonders viel gebetet wird. Auch wenn es pathetisch und für Manche vielleicht ein bisschen verrückt klingt: Es gibt Momente, wo man sich des Aufgehobenseins in der Gnade Gottes und des Wirkens des Heiligen Geistes auf besondere Weise bewusst ist; ich habe das z.B. manchmal auf dem Heimweg vom Nightfever verspürt, hatte das Gefühl, dass meine Füße beim Gehen nicht den Boden berühren oder dass ich, wenn ich wollte, mit einer Geste meiner Hand den Straßenverkehr anhalten könnte. Jetzt in Altötting hatte ich ähnliche Empfindungen, in erheblich weniger konzentrierter Dosis, dafür aber länger anhaltend. -- Besonders eindrucksvoll war natürlich die Gnadenkapelle, aber auch die im Jahr 2006 von Papst Benedikt XVI. eingeweihte Anbetungskapelle in der Stiftskirche sowie der Kreuzweg-Garten des Marienwerks, der für die Dauer des Forums als Anbetungsgarten genutzt wurde; das heißt, zwischen den neo-expressionistischen Steinplastiken aus den 60er-Jahren, die die 14 Stationen des Kreuzwegs darstellen, und den kleinen Wasserfontänen des Gartens war auf einem Tisch eine Monstranz mit dem Allerheiligsten aufgestellt. Sehr, sehr schön. -- Davon abgesehen waren beim Forum Altötting viele nette Leute, insbesondere viele Familien mit Kindern aller möglichen Altersstufen; es gab einige schöne Begegnungen und Gespräche, unter anderem waren auch die magischen 3 B am Start: Blogleser, Bekannte und Berliner. Besonders erfreulich war die Begegnung mit "Maria 1.0"-Initiatorin Johanna und ihrer Familie; bisher hatten wir Johanna nur via Facebook gekannt. Alles in allem haben wir in diesen vier Tagen also viel Schönes erlebt; nur das Programm des Forum Altötting war überwiegend zum Davonlaufen. Im Detail erläutere ich das, wie gesagt, lieber mal an anderer Stelle; in Stichworten lautet mein Eindruck: zu gefühlig, zu wischiwaschi, viel Blabla, wenig Substanz. Gemessen daran, dass die Gemeinschaft Emmanuel zur Charismatischen Bewegung gerechnet wird bzw. aus ihr hervorgegangen ist, wurde zudem überraschend wenig gebetet. Auch die Musik war eher oll. Aber wie gesagt, Details später. Meine Liebste hat bereits den Vorschlag gemacht, nächstes Jahr sollten wir, statt "offiziell" am Forum teilzunehmen, lieber "einfach so" zur selben Zeit in Altötting sein und außerhalb des regulären Programms Gelegenheiten suchen, mit den Teilnehmern zu "socializen". Und ansonsten mehr Zeit in der Gnadenkapelle und der Anbetungskapelle verbringen --- und in der "Roxy Bar"... 

Was ansteht: In Berlin und Brandenburg sind die Sommerferien vorbei, das heißt, dass für meine Liebste wieder der Arbeitsalltag beginnt und ich wieder wesentlich mehr Zeit allein mit meiner Tochter verbringen werde. Übrigens habe ich festgestellt, dass die meisten Kinder, die (bzw. deren Eltern) wir im Laufe des letzten Jahres auf Spielplätzen, in Krabbelgruppen usw. kennengelernt haben, nach den Ferien mit der KiTa-Eingewöhnung beginnen. Ich kann mir nicht helfen: Es befremdet mich immer mehr, dass es als so normal angesehen wird, Kinder schon unter drei Jahren in Fremdbetreuung zu geben; und nicht einmal als notwendiges (oder vermeintlich notwendiges) Übel, sondern als positive Errungenschaft. 

Davon abgesehen ist heute nicht nur der Weihetag der Basilika Santa Maria Maggiore, sonderm am Abend steht außerdem die Gründungsversammlung des Vereins "Freunde der katholischen Kirche Herz Jesu Tegel" an. So richtig sexy finde ich die typisch deutsche Vereinsmeierei ja nicht, aber meine Liebste ist entschlossen, eine führende Rolle in diesem Verein einzunehmen, und darin muss ich sie natürlich unterstützen. Zumal sie prognostiziert, dass dieser Verein de facto die Funktion des jetzigen Lokalausschusses übernehmen wird, mit dem entscheidenden Unterschied, dass er über ein eigenes Budget verfügen und folglich erheblich handlungsfähiger sein wird. Im Übrigen habe ich mir den Satzungsentwurf angesehen und festgestellt, dass der dort formulierte Vereinszweck unschwer so interpretiert werden kann, dass er auch unsere diversen "Mittwochsklub"-Aktivitäten abdeckt. Also rein in den Verein! Am Dienstag ist das Fest der Verklärung des Herrn, das in unserer Pfarrei allerdings zu keinerlei Abweichung vom normalen Gottesdienst-Wochenplan Anlass gibt; um das Festgeheimnis gebührend zu würdigen, bleibt also nur unsere regelmäßige dienstägliche Lobpreiszeit. Am Mittwoch ist dann wieder "Dinner mit Gott". Meine Liebste hat angekündigt, ihre berühmten Spaghetti Carbonara zu kredenzen, und an interessantem Gesprächsstoff dürfte es angesichts unserer vom Forum Altötting mitgebrachten Eindrücken, der Vereinsgründung und der neuesten Entwicklungen in Sachen Büchereiprojekt wohl nicht mangeln...! 

aktuelle Lektüre: Beinahe hätte ich es geschafft, meine aktuelle Leseliste noch vor Beginn der neuen Arbeitswoche "abzuarbeiten", aber dann bin ich auf der Rückreise von Altötting kein bisschen zum Lesen gekommen, mit dem Ergebnis, dass ich praktisch alle Bücher, die ich in der vergangenen Woche gelesen habe, fast durch habe. Dass ich es nicht ganz geschafft habe, ist besonders im Falle des Romans "Der Verräter" von Lavr Divomlikoff alias Vladimir Volkoff bedauerlich, denn der ist kurz vor Schluss durch zwei rasch aufeinander folgende überraschende Wendungen (die ich hier nicht verraten werde) sehr, sehr spannend geworden. Die Frage der Eignung dieses Romans für die Pfarrbücherei ist indes nicht unheikel. Der Zynismus des Protagonisten, seine Brutalität, die Verachtung, die er dem christlichen Glauben und dessen Anhängern insgeheim entgegenbringt, sind ganz schön härter Tobak, zumal der Roman praktisch zur Gänze aus dem Blickwinkel dieser Figur erzählt wird. Trotzdem habe ich noch Hoffnung, dass dem Protagonisten ganz zum Schluss ein christliches Martyrium erster Klasse erwartet. Aber selbst wenn der Roman bis zum Schluss ambivalent bleiben sollte, glaube ich, ich werde ihm den Bibliotheksstempel nicht vorenthalten. 

Ambivalent gegenüber dem christlichen Glauben ist, wie wir schon früher gesehen haben, auch "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" von James Joyce, und hier ist eine eindeutige Auflösung dieser Ambivalenz nach einer Seite hin definitiv nicht zu erwarten, auch nicht, nachdem sich Stephen - der ja recht deutlich als alter ego des Autors zu erkennen ist - dagegen entschieden hat, Priester zu werden, und stattdessen die Kunst zu seiner Religion erwählt hat. Auch in seiner Abwendung von der Kirche bleibt Stephen naturgemäß zutiefst geprägt von seiner katholischen Erziehung; und gerade dieser heterodox-"kulturkatholische" Ästhetizismus (mit dem ich mich, offen gestanden, in einer gewissen Phase meines Lebens sehr gut hätte identifizieren können, hätte ich das Buch schon damals in die Finger bekommen) erscheint mir schlichtweg zu gefährlich, als dass ich das Buch in einer katholischen Bibliothek sehen möchte. Das schmälert natürlich seine literarische Qualität nicht; im Gegenteil, könnte man fast schon sagen. 

Übrigens hat derselbe Online-Rezensent, der sich auf lovelybooks.de, wie letzte Woche geschildert, so unerleuchtet über die sexuellen Verirrungen des Protagonisten und seine Abkehr von diesen geäußert hat, auch an der ästhetischen Theorie, die Stephen Dedalus im letzten Viertel des Romans seinen Kommilitonen unterbreitet, etwas zu mäkeln: "Sie basiert auf Aristoteles und Thomas von Aquin und man muss sie eigentlich nicht zur Kenntnis nehmen. Warum soll man so was lesen? Noch dazu in einem Roman, nicht in einer philosophiehistorischen Dissertation?" Beim Lesen dieser Kritik konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. "Geschieht dir recht", dachte ich. Tatsächlich sind die hier bekrittelten Passagen durchaus interessant, wenn man sich dafür interessiert. Ich gebe zu, ich habe auch noch nicht die Muße gefunden, mich dafür zu interessieren. Hole ich vielleicht irgendwann mal nach. 

Zu dem vernichtenden Urteil, das ich letzte Woche über "Der Pater" von Eva Winde-Schwarz gefällt habe, habe ich übrigens noch etwas zu ergänzen. Natürlich ist das Buch nicht von vorne bis hinten nur doof. Die Auseinandersetzungen der Protagonistin mit Leuten, die Einwände gegen ihre Konversion haben oder sie Ihr auszureden versuchen - bis hin zum evangelischen Landesbischof - sind teilweise durchaus interessant und/oder geben der Autorin Anlass zu Reflexionen, die hier und da einer richtigen und guten Erkenntnis nahe kommen. Auch die theologischen Lesefrüchte der Autorin, Zitate etwa aus Werken von Teresa von Àvila, Romano Guardini, Alfred Delp, Simone Weil, Karl Rahner... nun ja, Karl Rahner... aber doch, auch dessen Zitate, manche davon jedenfalls -- sind gelegentlich ziemlich anregend. Aber die bildungsbürgerliche Dünkelhaftigkeit und in ihrer Überzogenheit schon lächerliche "self-importance" der Autorin, und nicht zuletzt die synkretistische Konsummentalität, mit der sie sich - wie sie an irgendeiner Stelle ganz ungeniert zugibt - aus dem Reichtum der katholischen Spiritualität und Glaubenspraxis das herauspickt, von dem sie meint, dass es ihren Bedürfnissen entspricht, nervt einfach extrem. Der titelgebende Pater ist eine kaum weniger unsympathische Figur; schon irgendwie klar, dass die beiden sich gesucht und gefunden haben. Ein typischer post-rahnerianischer Jesuit, der sich einbildet, er allein sei nicht nur klüger, sondern sogar weiser - tiefsinniger, poetischer, empathischer - als die ganze überlieferte Weisheit der Kirche. -- Zusammenfassend gesagt, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das Buch "privat" behalte, um einzelne interessante Passagen bei Bedarf nochmals nachzulesen, oder ob ich es lieber rituell verbrennen sollte. In die Bücherei kommt es mir jedenfalls nicht! 

Auf eine ganz andere, um ein paar Ecken aber vielleicht doch vergleichbare Art bizarr ist "Das normale Christenleben" von Watchman Nee. Sicherlich kann man in dem Buch so einige interessante und sogar potentiell wertvolle Denkanstöße finden, aber ehrlich gesagt habe ich weder die Muße, die Geduld noch das theologische Know-How, um das, was an diesem Buch brauchbar ist, aus dem Wust von Häresie und purem Blödsinn herauszusortieren, in dem es sich versteckt. Zur allgemeinen Erheiterung sei hier eine besonders skurrile Äußerung des Autors zitiert, die sich auf Römer 6,11 - "So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus" - bezieht: "Ich selbst wurde jahrelang nach meiner Bekehrung gelehrt, daß ich mich für tot zu halten habe. Das versuchte ich von 1920 bis 1927" (S. 38f.). Man wagt kaum, sich das bildlich vorzustellen. 

Was fehlt noch? Ach ja: Karel Čapeks "Krieg mit den Molchen". Der ist einfach nur klasse. Eine Passage, die sich um die Frage dreht, "ob die Molche getauft werden dürften" (oder sollten oder müssten), möchte ich meinen Lesern keinesfalls vorenthalten:
"Die katholische Kirche vertrat von Anfang an [...] den verneinenden Standpunkt; da die Molche keine Nachkommen Adams seien und nicht in der Erbsünde geboren wurden, könnten sie auch nicht durch das Sakrament der Taufe von dieser Sünde befreit werden. Die heilige Kirche wolle keineswegs die Frage entscheiden, ob die Molche eine unsterbliche Seele oder sonst einen Anteil an der Gnade und der Erlösung Gottes hätten; ihr Wohlwollen den Molchen gegenüber könne nur dadurch ausgedrückt werden, daß sie ihrer in einem Sondergebet gedenkt, das an bestimmten Tagen neben der Andacht für die Seelen im Fegefeuer und neben der Fürbitte für Ungläubige gelesen wird. [Fußnote: Siehe die Enzyklika des Heiligen Vaters: Mirabilia Dei opera.] Weniger einfach hatten es die protestantischen Kirchen; man erkannte zwar den Molchen Vernunft zu und damit die Fähigkeit, die christliche Lehre zu begreifen, doch zögerte man, sie Mitglieder der Kirche und damit Brüder in Christo werden zu lassen. Man beschränkte sich daher darauf, eine Heilige Schrift für Molche (in gekürzter Fassung) auf wasserdichtem Papier herauszugeben und diese in vielen Millionen Exemplaren zu verbreiten; ferner wurde erwogen, für die Molche (in Analogie zum Basic-English) eine Art Basic-Christian, eine grundlegende und vereinfachte christliche Lehre zusammenzustellen [...].  
Soweit bekannt ist, erreichte der Monismus eine größere Verbreitung unter den Molchen; einige Molche glaubten auch an den Materialismus, an den goldenen Standard und andere wissenschaftliche Glaubenslehren. Ein volkstümlicher Philosoph namens Georg Sequenz hatte sogar eine besondere Glaubenslehre für die Molche verfaßt, deren obersten und höchsten Abschnitt der Glaube an den Großen Salamander bildete. Dieser Glaube fiel zwar bei den Molchen auf keinerlei fruchtbaren Boden, dagegen fand er viele Anhänger unter den Menschen, namentlich in den Großstädten, wo fast über Nacht eine Menge geheimer Tempel, dem Salamanderkult geweiht, entstanden." (S. 191ff.) 
Natürlich habe ich mir auch schon eine neue Leseliste zusammengestellt, mit der ich anfangen will, wenn ich die obigen fünf Bücher durch habe (also bald); aber darauf komme ich nächste Woche zu sprechen. 


Linktipps: 

Mir scheint, ich empfehle relativ häufig Artikel von diesem Blog! Aber das hat eben auch Gründe. Im aktuellen Artikel knöpft sich Bloggerin "Mary of Magdala" den... äh... sagen wir mal "postchristlichen" Tübinger Theologen Magnus Striet vor, der, wie die KNA zu berichten wusste, jüngst in einem Vortrag bei den Salzburger Hochschulwochen gegen die Neuevangelisierung vom Leder gezogen hat. "Antiintellektuell" sei diese Bewegung, und schon der Begriff als solcher "seltsam phrasenhaft". -- Kein Wunder, dass Striet auf die Neuevangelisierung schlecht zu sprechen ist, meint "Mary of Magdala": 
"Neuevangelisierung braucht ihn und seine Kollegen nicht, weil Neuevangelisierte nicht nach dem neuesten wissenschaftlichen Trend fragen, sondern nach Jesus. So ein Mist aber auch." 
Zugleich, so die Bloggerkollegin weiter, zeigen Striets Einlassungen aber auch, dass er schlichtweg keine Ahnung hat, wovon er redet -- und zwar weil "Menschen wie er den Bezug zur real existierenden Kirche bereits komplett verloren haben": 
"Hat der Mann überhaupt ein einziges der Neuevangelisierung geschuldetes Phänomen selbst besichtigt? Hat er gesehen, wie coole Jugendliche feixend eine Kirche betreten, in die sie eingeladen wurden, hochrot im Gesicht ein Kerzchen anzünden, dann aber ganz still werden und am Ende gar noch auf einen der ihren warten müssen, der sich ins seelsorgerliche Gespräch mit einem der anwesenden Priester getraut hat? Nein, das hat er nicht gesehen, weil die Hipsterbrille der intellektuellen Unangreifbarkeit einen effektiven Schutz vor der Strahlung des heiligen Geistes bietet."
Mir sind im Zusammenhang mit diesem Artikel und seinem Anlass übrigens einige Gedanken durch den Kopf gegangen, die ich dann auch gleich mal festhalten möchte, wenigstens skizzenhaft. -- Ich möchte behaupten, es ist ein Dilemma der "liberalen" akademischen Theologie, dass an den Gott, den sie postuliert, letztlich niemand glaubt; ja im Grunde gar niemand glauben kann, weil es allzu offensichtlich ist, dass dieser Gott nur ein theoretisches Konstrukt ist. In einem ähnlichen Sinne, wie auch ein "germanischer" Neuheide nicht wirklich an Odin und Thor glaubt. Diese "Götter" haben für ihn eine Bedeutung, sie stehen für etwas, aber sie existieren nicht an und für sich. Dasselbe, würde ich sagen, gilt auch für den Gott des sogenannten  "liberalen" oder "progressiven Christentums", und deshalb können sich die Anhänger dieser traurigen Pseudoreligion so schwer (oder gar nicht) vorstellen, dass die aus ihrer Sicht "konservativen" Christen tatsächlich an ihren Gott glauben. Sie gehen vielmehr - bewusst oder unbewusst - davon aus, dass die sich ihren Glauben auch bloß nach eigenem Gutdünken und Bedarf zurechtkonstruiert haben. Nur so ergibt es überhaupt einen Sinn, bestimmte Glaubensinhalte (bzw. die, die sich zu diesen bekennen) als "homophob", "frauenfeindlich" oder sonstwie diskriminierend zu tadeln. Vielleicht werde ich das doch noch mal an anderer Stelle vertiefen müssen. 
Die Überschrift lässt es bereits erahnen: Auch dieser Artikel widmet sich den ebenso kenntnisarmen wie geringschätzigen Einlassungen Magnus Striets zum Stichwort "Neuevangelisierung". Dabei konzentriert sich Kollegin Claudia allerdings darauf, große und kleine Beispiele dafür zusammenzutragen, wie Neuevangelisierung in der Praxis aussehen und funktionieren kann. Es könnte schließlich sein, dass mancher Leser davon ebenso wenig weiß oder sich darunter ebenso wenig vorstellen kann wie der Freiburger Universitätsdozent. Es ist eine ermutigende Aufzählung, und ich bin nicht wenig stolz darauf, dass darin auch der "Mittwochsklub" lobende Erwähnung findet.


Heilige der Woche: 

Mittwoch, 07. August: Hl. Xystus (od. Sixtus) II., Papst von 257-258, Märtyrer. Beendete den sogenannten "Ketzertaufstreit" zwischen der römischen und der nordafrikanischen Kirche; wurde im Zuge der Christenverfolgungen unter Kaiser Valerian beim Feiern einer Messe überfallen und zusammen mit vier Diakonen getötet. Schutzpatron für das gute Gedeihen von Trauben und Bohnen. Hl. Kajetan (1480-1547), Begründer des Theatinerordens. Gründete 1533 ein Institut zur Zurückdrängung der Reformation.

Donnerstag, 08. August: Hl. Dominikus (ca. 1170-1221), Begründer des Predigerordens (Dominikaner). Wurde 1206 von Papst Innozenz III. nach Südfrankreich entsandt, um gegen die Irrlehren der Albigenser zu predigen; ab 1220 predigte er in der Lombardei gegen die Humiliaten. Förderte das Rosenkranzgebet; den Auftrag hierzu soll er in einer Vision von der Gottesmutter selbst erhalten haben.

Freitag, 09. August: Hl. Theresia Benedikta vom Kreuz (1891-1942), bürgerlich Edith Stein, Ordensfrau und Märtyrerin. Von Haus aus Jüdin, bekannte sich seit ihrer Jugend zum Atheismus, konvertierte aber 1922 zum Katholizismus. Promovierte Philosophin, eine Habilitation wurde ihr jedoch verwehrt. Trat 1933 in den Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen ein, würde 1942 von den Nazis festgenommen, nach Auschwitz deportiert und dort in der Gaskammer  ermordet. 1987 von Papst Johannes Paul II. selig-, 1998 heiliggesprochen und 1999 zur Patronin Europas ernannt.

Samstag, 19. August: Hl. Laurentius, Diakon und Märtyrer. Wurde im Zuge der Christenverfolgungen unter Kaiser Valerian zu Tode gefoltert, der Legende nach auf einem Bratrost. Als der Kaiser von ihm verlangte, ihm die Schätze der Kirche auszuhändigen, soll Laurentius ihm die Armen, Kranken, Witwen und Waisen der römischen Christengemeinde gezeigt und erklärt haben, diese seien der wahre Schatz der Kirche. 


Aus dem Stundenbuch: 

Das Herz geht mir über, wenn ich daran denke: † wie ich zum Haus Gottes zog in festlicher Schar, * mit Jubel und Dank in feiernder Menge. (Psalm 42,5)



Mittwoch, 31. Juli 2019

Büchereien pflasterten seinen Weg

Wie regelmäßige Leser meiner "Kaffee & Laudes"-Reihe wissen werden, fand am Sonntag in Herz Jesu Tegel die vierte Ausgabe des "Offenen Büchertreffs" statt -- einer Veranstaltungsreihe, die ursprünglich mit der Perspektive eingeführt worden war, das Projekt einer Leih- und Tauschbibliothek in den Räumen der Pfarrei voranzubringen. Die Gründung ist zwar noch gar nicht so lange her - die erste Veranstaltung der Reihe war im März -, aber ich hatte in letzter Zeit trotzdem ein bisschen das Gefühl, die ursprüngliche Motivation gerate in Vergessenheit. Damit meine ich: Der "Offene Büchertreff", ein Veranstaltungsformat, das "thematische" Beiträge (etwa Vorträge, Lesungen o.ä.) mit "geselligem Beisammensein", einem Brunch-Büffet und einer Kinderspielecke verbindet, ist an und für sich eine feine Sache und verdient es, weitergeführt zu werden, aber bislang ist die Ausrichtung dieser Veranstaltung so ziemlich das einzige, was die "AG Bücherparadies Herz Jesu Tegel" überhaupt tut, und dabei droht - so meine Befürchtung - aus dem Blick zu geraten, dass in dem Büchereiprojekt insgesamt ein weit größeres Potential schlummert, als diese Veranstaltungsreihe allein ausschöpfen könnte. Simpler gesagt: Auf längere Sicht wäre es unbefriedigend, wenn die Bücherei ausschließlich im Rahmen dieser Veranstaltung (und somit nur einmal im Monat) benutzbar wäre.

Aus diesem Grund habe ich im Vorfeld des jüngsten "Büchertreffs" ein kleines Thesen- und Konzeptpapier zum aktuellen Stand und zu zukünftigen Entwicklungsperspektiven des Projekts "Bücherparadies Herz Jesu Tegel" ausgearbeitet und als Diskussionsgrundlage an die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft und weitere potentiell Interessierte verschickt -- letzteres vor allem deshalb, weil es auf der Hand liegt, dass wir für eine Weiterentwicklung des Projekts weitere Mitarbeiter brauchen werden. 

Bei meinem acht Seiten langen Papier handelt es sich zugegebenermaßen eher um assoziativ-spontane als um systematische Ausführungen; mein vorrangiges Ziel dabei war es, ein Bewusstsein für das Potential zu schaffen, das in diesem Projekt schlummert und darauf wartet, entschlossen verwirklicht zu werden. Ich glaube nämlich tatsächlich, dass bislang niemand dieses Potential so deutlich sieht wie ich -- was zum Teil sicherlich daran liegt, dass ich bis zum jetzigen Zeitpunkt mehr Zeit und Mühe auf das Sichten, Sortieren und Aussortieren des Bücherbestandes verwendet habe als alle anderen Teammitglieder zusammen. Ich sage das weder als Eigenlob noch als Klage, schließlich mache ich das, weil ich Spaß daran habe. So viel Spaß, dass ich mir - wie neulich schon mal angemerkt - vorstellen könnte, noch mehrere solcher Büchereiprojekte an unterschiedlichen Orten zu realisieren.

Vielleicht muss ich aber auch nicht alles selber machen und kann stattdessen einige Leser meines Blogs dazu anregen und motivieren, an ihren jeweiligen Wohn- und Wirkungsorten ähnliche Projekte in Angriff zu nehmen. Aus dieser Erwägung heraus möchte ich Teile meines "Bücherparadies"-Konzeptpapiers in überarbeiteter Form auch hier meinen Lesern vorstellen. Fangen wir mal mit den Zielen an, die ein solches Büchereiprojekt im Rahmen einer Pfarrgemeinde verfolgt. Relativ offensichtlich sind die folgenden (wobei die Reihenfolge keine Prioritäts-Rangfolge implizieren soll): 
    a) Spendeneinnahmen generieren
    b) das gesellige Leben innerhalb der Pfarrgemeinde stärken
    c) einen („niederschwelligen“) Zugang für Personen schaffen, die (noch) nicht zur („Kern“-)Gemeinde gehören
    d) Menschen für die Mitarbeit in der Pfarrei gewinnen.
Darüber hinaus ist mir persönlich aber auf längere Sicht noch ein weiteres, zweifellos erheblich ambitionierteres Ziel wichtig, nämlich
    e) die Bücherei zu einer Ressource für katechetische Bildung und Jüngerschaftsschulung ausbauen.
An dieser Stelle gleich mal ein Exkurs, den ich in das Konzeptpapier für meine Teamkollegen nicht reingeschrieben habe. Ich war mit meiner Liebsten mal in einem im Aufbau befindlichen anarchistischen Jugendzentrum in einer besetzten ehemaligen Kirche in Hamburg zu Besuch (und habe für die Tagespost darüber berichtet). Da hatten die Besetzer auch eine Bibliothek eingerichtet, in einem Turmzimmer, aber der junge Mann, der uns herumführte, erklärte mit erkennbarem Stolz, die Bibliothek müsse demnächst in einen anderen Raum des Zentrums umziehen, da der Bücherbestand für das Turmzimmer zu groß werde. Ich habe mir die dortige Bibliothek nicht sehr genau angesehen, möchte aber mal behaupten, dass die da keine Romane von Rosamunde Pilcher, Minette Walters oder Judith Merkle Riley in den Regalen hatten, sondern dass es sich - zumindest schwerpunktmäßig - um eine anarchistische Fach- und Schulungsbibliothek handelte. Und so etwas will ich auch: eine benOppige Fach- und Schulungsbibliothek. Zumindest schwerpunktmäßig, wie gesagt.

-- Aber ist das eine realistische Zielvorstellung, wenn man den Buchbestand im Wesentlichen aus privaten Spenden bezieht und im Idealfall durch gezieltes Tauschen mit anderen gemeinnützigen Büchereiprojekten optimiert? Die Antwort lautet: ja, allerdings. Ein Großteil meiner Motivation rührt exakt daher, dass wir schon jetzt einige echt gute Sachen im Bestand haben, die uns im Laufe der vergangenen Monate buchstäblich in den Schoß gefallen sind. So habe ich beispielsweise feststellen können, dass unser Bücherbestand - auch wenn in unseren Regalen vorerst noch großes Chaos herrscht - im Sinne des mir vorschwebenden Konzepts schon jetzt "besser" ist als derjenige der Pfarrbücherei in Heiligensee. Was vermutlich daran liegt, dass die ein anderes Konzept haben oder (nicht unwahrscheinlich) gar keins.

Das hauptsächliche Problem, das wir im Moment haben - abgesehen davon, dass das Büchereiteam Verstärkung gebrauchen könnte - ist Platz. Die zur Verfügung stehenden Bücherregale sind schon jetzt praktisch überfüllt, aber es kommen weiterhin ständig neue Bücherspenden 'rein. Eine Erweiterung durch Anschaffung weiterer Regale wäre theoretisch denkbar, aber es ist absehbar, dass sich dies zumindest unter dem jetzigen Pfarrer nicht wird durchsetzen lassen. Bis auf Weiteres werden wir uns also darauf einstellen müssen, dass das "Bücherparadies" Platz für maximal ca. 600-800 Bände (je nach Format) hat. Da braucht es transparente Kriterien dafür, was man behalten will und was nicht. Diesem Aspekt habe ich den bei Weitem größten Teil meines Konzeptpapiers gewidmet, denn hier muss man sorgsam abwägen und gewissermaßen einen Kompromiss zwischen der oben unter e) skizzierten strategischen Ausrichtung und den anderen genannten Zielen finden; zumindest vorläufig ist es schlicht nicht praktikabel, die Bücherauswahl komplett dem Konzept einer "benOppigen Fach- und Schulungsbibliothek" zu unterwerfen. Praktisch heißt das, man will einerseits eine große thematische Bandbreite abdecken, andererseits aber nichts im Bestand haben, was dem strategischen Ziel direkt zuwiderläuft; und gleichzeitig sollen Bücher, die im Sinne der angestrebten konzeptionellen Ausrichtung eher uninteressant sind, dem "guten Stoff" nicht zu viel Platz wegnehmen.

Hier zum Beispiel hätten wir etwas "guten Stoff". 
Hier auch. 
Ein Grundgedanke, der meine Ausführungen zur inhaltlichen Schwerpunktsetzung implizit sehr stark prägt, den ich aber explizit vielleicht noch stärker hätte herausstellen können, ist: Eine Pfarrbücherei kann ihre Existenzberechtigung nicht darin finden, dass sie dasselbe bietet wie jede andere Bücherei, sondern vielmehr in dem, wodurch sich ihr Sortiment von anderen unterscheidet. Das heißt, wenn ich eine bestimmte Sorte von Büchern nicht im Bestand haben will, meine ich damit nicht zwingend, dass es diese Bücher besser überhaupt nicht geben bzw. dass kein guter Katholik, oder überhaupt kein anständiger Mensch, sie lesen sollte. In einigen Fällen meine ich das allerdings schon so, Zwinkersmiley.

Der Löwenanteil der eingehenden Bücherspenden besteht aus zeitgenössischer Trivialliteratur; viele der Bücher sehen so aus, als wären sie nur einmal gelesen worden, und wahrscheinlich wird diese Art von Literatur zu genau diesem Zweck produziert: Läse der Kunde ein Buch mehrmals, könnte man ihm weniger oft ein neues verkaufen. Ehrlich gesagt würde ich den Anteil solcher Bücher am Bestand der Bücherei am liebsten auf Null reduzieren, bin mir aber bewusst, dass sich dies wahrscheinlich nicht durchsetzen lassen wird -- erstens weil man schließlich auch Leute "mitnehmen" muss, die mit dem Büchereiprojekt keine so hehren Ziele verfolgen wie ich, und zweitens, weil damit zu rechnen ist, dass zukünftige Bücherspenden für ständigen Nachschub in dieser Kategorie sorgen werden. Man wird also schon genug damit zu tun haben, die Bücher schneller loszuwerden, als sie "nachwachsen". Ja, moderne Trivialliteratur ist eine Hydra. Wesentlich toleranter bin ich ja gegenüber älterer (sagen wir: mindestens rd. 100 Jahre alter) Unterhaltungsliteratur. Einmal, weil das seit meinem Studium ein spezielles Steckenpferd von mir ist, dann auch, weil solche Bücher mindestens aus rezeptionsästhetischer Perspektive einen gewissen zeithistorischen Wert haben; und nicht zuletzt sind ältere Werke der Unterhaltungsliteratur - im Gegensatz zur "hohen" Literatur - häufig nicht (mehr) in öffentlichen Bibliotheken zu finden, weil sie nicht als literarisch wertvoll angesehen werden und durch neuere Werke verdrängt werden. Daher finden sich in diesem Bereich zuweilen interessante Raritäten, die man tendenziell eher behalten sollte (außer sie sind ideologisch allzu fragwürdig).

Da wir gerade von "hoher Literatur" sprechen: Einen gewissen Bestand an Literatur-"Klassikern" im Angebot zu haben, gibt einer Bücherei ein seriöses bildungsbürgerliches Aussehen und kann daher gerade in der Gründungsphase des Projekts durchaus positive Effekte haben. Andererseits findet man diese Werke mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in praktisch jeder öffentlichen Bibliothek, es gibt also keinen überzeugenden Grund, warum Leute solche Bücher ausgerechnet "bei uns" suchen sollten. Empfehlung daher: Schöne u./o. seltene Ausgaben, insbesondere mehrbändige, tendenziell behalten, den übrigen Bestand nach und nach ausdünnen.

Überhaupt würde ich den Gesamtbereich "Fiktionale Literatur/Belletristik" nach Möglichkeit auf maximal die Hälfte der verfügbaren Regalfläche beschränken, auf längere Sicht idealerweise sogar auf nur ein Drittel -- da solche Literatur für die angestrebte strategische Ausrichtung des Projekts relativ uninteressant ist. Mit Ausnahmen, versteht sich. Eine Abteilung, die es definitiv zu pflegen und auszubauen gilt, wäre - natürlich - die der christlichen Literatur. Wir haben im Bestand bereits einige schöne Werke von Autoren wie Georges Bernanos, François Mauriac, Ruth Schaumann oder Franz Werfel; aus der Richtung hätte ich gern noch mehr, beispielsweise auch von Reinhold Schneider und Gertrud von Le Fort, aber auch Chesterton und C.S. Lewis; Tolkien würde ich quasi ehrenhalber mit zur christlichen Literatur rechnen. Auch ein gewisses Repertoire an geistlichen Schauspielen - von Calderón, Claudel, Max Mell... fände ich sinnvoll und wünschenswert.

Sodann natürlich: Kinderbücher. Für die Pfarrgemeinde ist es auf mittlere und längere Sicht überlebensnotwendig, gezielt Familien mit Kindern anzusprechen, folglich liegt es nahe, dass Familien mit Kindern auch für das Büchereiprojekt eine wichtige Zielgruppe sein sollten. Aus diesem Grund gibt es beim "Offenen Büchertreff" eine Kinderspielecke, und es ist auch zu bedenken, dass der monatliche "Krabbelbrunch" im selben Raum stattfindet und somit eine weitere Gelegenheit darstellt, bei der der Bücherbestand öffentlich zugänglich ist. All dies spricht dafür, eine gut sortierte und nicht zu kleine Kinderbuchabteilung aufzubauen und zu pflegen. Ein Schwerpunkt sollte dabei auf guten christlichen Kinderbüchern liegen, also etwa kindgerechte Bearbeitungen biblischer Erzählungen oder Heiligenviten, aber auch das ziemlich aus der Mode gekommene Genre der "katechetischen Beispielgeschichten". Das klingt vielleicht etwas sauertöpfisch und oll, aber tatsächlich gibt's da wirklich schöne Sachen; einige ziemlich gute Beispiele hierhür haben wir bereits im Bestand. -- Bei nichtchristlichen Kinderbüchern könnte es sich als notwendig erweisen, ein Auge darauf zu haben, ob darin problematische Botschaften vermittelt werden. Unabhängig vom Inhalt würde ich auch Bücher mit Charakteren aus Filmen und Fernsehserien oder mit anderen als Markenzeichen lizenzierten Figuren (z.B. "Hello Kitty"), die darauf abzielen, die Kinder auf ein bestimmtes Konsumverhalten zu konditionieren, tendenziell eher aussortieren.

Alles in allem relevanter für die Ausrichtung des Büchereiprojekts auf Katechese und Jüngerschaftsschulung erscheint mir aber doch der Sachbuchbereich, weshalb dieser längerfristig auch am stärksten ausgebaut werden sollte. Dass für den katechetischen Anspruch des Büchereiprojekts - "Katechese", so schrieb ich in meinem Konzeptpapier, lasse sich "relativ eindeutig mit 'Vermittlung von Glaubenswissen' übersetzen" - theologische Literatur (im weitesten Sinne)  eine entscheidender Rolle zu spielen hat, dürfte selbsterklärend sein; gleichzeitig betonte ich gegenüber meinen Büchetei-Teamkollegen (und denen, die es möglicherweise werden wollen) aber auch,
"dass gesteigerte Aufmerksamkeit darauf zu richten ist, dass die Bücher, die wir in dieser Abteilung sammeln, im Einklang mit der kirchlichen Lehre (und, bei neueren Titeln, insbesondere mit dem nachkonziliaren Lehramt Johannes Pauls II. und Benedikts XVI.) oder zumindest nicht in offenbarem Widerspruch zu diesem stehen. Jedes in Frage kommende Buch einer Einzelfallprüfung zu unterziehen, werden wir aber bis auf Weiteres nicht leisten können; daher empfiehlt es sich, Bücher, bei denen schon der Name des Autors verschärften Häresieverdacht nahelegt (z.B. Drewermann, Küng, Hasenhüttl, Schockenhoff, Striet), pauschal auszusortieren. Umgekehrt sollten lehramtliche Texte, Werke von Heiligen und Seligen sowie Texte aus dem Umfeld Neuer Geistlicher Bewegungen, der Gebetshausbewegung (Johannes Hartl) und der YOUCAT-Reihe unbedingt behalten werden." 
Anders liegt der Fall im Bereich Philosophie; hier argumentierte ich:
"Für die intellektuelle Auseinandersetzung mit den geistigen Grundlagen der (Post-)Moderne sind gewisse philosophische Grundkenntnisse ausgesprochen wichtig. Ein gewisser Bestand an philosophischen Werken (oder auch, tendenziell vielleicht sogar besser, Überblicksdarstellungen über Philosophie) kann dem Zweck des Büchereiprojekts also durchaus dienlich sein, aber allzu umfangreich braucht diese Abteilung nicht zu sein; wer sich vertiefend mit Philosophie befassen will, findet die entsprechenden Werke ohnehin andernorts. Es ist ohnehin nicht anzunehmen, dass wir über private Bücherspenden große Mengen an philosophischer Literatur hereinbekommen. Soweit das doch der Fall ist, wird es wenig praktikabel sein, dezidiert nicht- oder sogar antichristliche Philosophen (z.B. Nietzsche!) strikt auszusortieren; der Wert der Beschäftigung mit Philosophie liegt schließlich nicht zuletzt auch darin, das Denken des Feindes zu verstehen." 
Dieses Argument für die Auseinandersetzung mit Philosophie zielt natürlich in Richtung Apologetik -- eine theologische Disziplin, die ich gewissermaßen zwischen Katechese und Jüngerschaftsschulung ansiedeln würde. Mit einer gewissen apologetischen Motivation argumentiere ich im Konzeptpapier auch bezüglich des Fachgebiets Geschichte:
"Historische Sachbücher sind für den Bereich Katechese und Jüngerschaft besonders dann interessant, wenn sie einen Bezug zur Geschichte des Christentums und der Kirche aufweisen – was etwa bei Büchern über das europäische Mittelalter praktisch immer der Fall ist, bei anderen Epochen aber ebenfalls nicht ganz selten. Besonders wertvoll wären in diesem Zusammenhang Bücher, die verbreitete historische Irrtümer bzw. Fehlurteile (Glaubten die Menschen im Mittelalter wirklich, die Erde wäre eine Scheibe?) richtigstellen; umgekehrt erscheint es ratsam, Bücher auszusortieren, die von antireligiösen bzw. antikirchlichen Vorurteilen geprägt sind bzw. diesen Nahrung geben."
Da wir uns nunmehr, wie schon angedeutet, allmählich vom Bereich Katechese zum Bereich Jüngerschaft vorarbeiten, dürfte es ratsam sein, etwas genauer auszuführen, was ich unter diesem Begriff verstehe. Bei der Katechese war das ja, wie wir gesehen haben, relativ einfach; hingegen wurde mir im Laufe der Arbeit an meinem Thesenpapier klar, dass ich mit einem Begriff von Jüngerschaft operierte, dessen Bedeutungsradius alles andere als selbsterklärend war - nicht einmal für mich selbst. Meinen Teamkollegen erklärte ich daher erst einmal, unter Jüngerschaft verstünde ich "ein Programm zur Nachfolge Christi im persönlichen Leben" - und führte weiter aus:
"Es ist kein Geheimnis, dass meine Vorstellungen davon, wie Jüngerschaft in der (post-)modernen westlichen Gesellschaft verwirklicht werden kann und sollte, sehr wesentlich vom Konzept der 'Benedikt-Option' geprägt sind, also von der Idee einer christlichen Parallelkultur als Gegenpol zu einer zunehmend nicht- oder sogar antichristlich dominierten Öffentlichkeit."
Was dieses Konzept beispielsweise für die Auswahl an Büchern aus dem Themenbereich "Politik und Gesellschaft" bedeutet, versuchte ich exemplarisch anhand zweier Bücher zu erläutern, die wir bereits im Bestand haben und die mir beim Büchersortieren ins Auge bzw. in die Hand gefallen sind: "Die Löwen kommen" von Vladimir Palko und "Gender-Gaga" von Birgit Kelle.
"Mir ist bewusst, dass manch einer diese und ähnliche Bücher in die Kategorie 'rechte Verschwörungstheorien' einordnen würde, aber ich selbst bin nicht dieser Ansicht; ich würde vielmehr sagen, es handelt sich um engagierte Warnungen vor der kulturellen Dominanz der säkularen Linken und den Gefahren des 'social engineering' – und das sind Gefahren, über die Christen sich im Klaren sein müssen. Wo genau die Grenze zu tatsächlichen 'rechten Verschwörungstheorien' verläuft, die entschieden abzulehnen sind, wird wohl am jeweiligen Einzelfall zu klären sein. Auf der anderen Seite wären aber auch Bücher über alternative Lebens- und Gesellschaftsentwürfe interessant, die man gewöhnlich eher dem 'linken' Spektrum zuordnen würde (selbstverwaltetes Wohnen, 'Recht auf Stadt' etc.)." 
Da weiß natürlich kein Mensch, was das sein soll. Was mich nicht davon abhielt, im oben bereits angesprochenen Abschnitt über historische Sachbücher noch eins draufzusetzen und zu erklären, ein interessantes Thema seien auch
"historische Beispiele ethnischer, religiöser oder weltanschaulicher 'Sondergemeinschaften'; auch dann, wenn man mit der 'inhaltlichen' Ausrichtung solcher Gruppen wenig oder nichts gemein hat, kann man doch von ihren Organisationsformen mancherlei lernen." 
Klingt vielleicht auch ein bisschen kryptisch; konkret gesagt ist aber exakt das der Grund, dass ich den "Erinnerungen eines Nihilisten" von Wladimir Debogory-Mokriewitsch einen Büchereistempel verpasst habe und, auf die Gefahr hin, dass das missverständlich wirkt, erwäge, dasselbe sowohl mit dem "Baader-Meinhof-Komplex" als auch mit diesem Buch über Völkische Siedler zu tun.

Mein derzeitiges Lieblings-Steckenpferd beim Büchereiaufbau ist jedoch der Themenbereich "Do It Yourself" -- worunter ich Hierzu zähle ich alle Arten von Ratgeberbüchern zum Thema "Dinge selbermachen" verstehe, einschließlich Koch- und Handarbeitsbüchern. Warum interessiert mich das so? Weil gemäß meinem benOppigen Verständnis von "Jüngerschaft" auch die Vermittlung praktischer Fertigkeiten, die für den Aufbau und die Erhaltung "subkulturell"-christlicher Gemeinschaften und Netzwerke nützlich sein können, zur Jüngerschaftsschulung gehört. Das umfasst, wie ich in meinem Konzeptpapier schrieb, ein Spektrum
"vom Kochen über Gartenbau bis hin zu Möbeltischlerei und Gebäudeversorgungstechnik. Ich halte diese Forderung nicht einmal für besonders radikal. Dass und warum es in jeder Kirchengemeinde jemanden geben sollte, der in der Lage ist, eine Heizung zu reparieren, werden wir spätestens im nächsten Winter wieder am eigenen Leibe zu spüren bekommen." 
Ergänzend erwähnte ich noch, dass ich beispielsweise bei Kochbüchern
"'Lecker und gesund kochen mit überall erhältlichen billigen Zutaten' als relevanter ansehen würde als '150 fancy Fingerfood-Ideen im Stil von Fernsehserien der 70er-Jahre', wenn ich das mal so sagen darf. Analoges gilt natürlich auch für Handarbeits-, Handwerk- und Gartenbauratgeber und was es sonst noch so alles gibt. [...] Das entscheidende Auswahlkriterium für diese Abteilung sollte sein, ob man sich vorstellen kann, dass die im jeweiligen Buch vermittelten Fertigkeiten zum Nutzen der Gemeinde eingesetzt werden können."
Hier ein paar interessante Neuzugänge.
Als weitere eventuell interessante Themengebiete notierte ich:
  • Lokal- bzw. Regionalgeschichte/"Heimatkunde" (Brandenburg, Berlin, Bezirk Reinickendorf, Ortsteil Tegel)
  • Bildende Kunst, Theater, Film usw. 
  • Gesundheit, Familie, Kindererziehung (hier ist natürlich Vorsicht vor fragwürdigen ideologischen Einflüssen, Esoterik/Homöopathie etc. geboten!) 
  • Ratgeber-Literatur zu Themen wie Marketing, Fundraising, ggf. auch bestimmte juristische Fachgebiete 
Die Liste ist sicherlich noch erweiterbar.

Aber inhaltliche Schwerpunktsetzung hin oder her, vorrangig muss es erst einmal darum gehen, die praktische Benutzbarkeit der Bücherei zu verbessern. Maßnahmen dazu bilden den zweiten Schwerpunkt meines Konzeptpapiers, und ich kann erfreut zu Protokoll geben, dass die Diskussion darüber am Sonntag bereits bessere Ergebnisse erbracht hat, als ich auf kurze Sicht erwartet hätte. Wie es aussieht, können wir wahrscheinlich schon im August damit beginnen, die Bücherei regelmäßig einmal pro Woche für jeweils einige Stunden zu öffnen, außerdem soll es in Kürze einen Termin zum gemeinsamen thematischen Sortieren des Bücherbestands geben. Nun bin ich allerdings der Meinung, ehe man effizient sortieren kann, muss erst einmal gründlich Platz in den Regalen geschaffen werden, und damit beißt sich die Katze gewissermaßen in den Schwanz. Ich wäre aber wohl nicht der Tobi, wenn ich mir nicht schon Gedanken über eine Lösung gemacht hätte. --

Einen Büchertrödel zu veranstalten, bei dem Bücher, die man (sei es aus Platzgründen oder aus konzeptionellen Erwägungen) nicht im Bestand behalten möchte, gegen Spende abgegeben werden, ist ja an sich eine feine Sache, zumal es sogar Geld für das Projekt einbringt. Neulich beim Pfarrfest hat das schon mal ganz gut funktioniert, und sicherlich könnte man zukünftig etwa beim "Büchertreff" und anderen Veranstaltungen in der Pfarrei, an denen wir beteiligt sind, jeweils einen kleinen Bücher-"Grabbeltisch" anrichten. Das allein wird jedoch kaum ausreichen, um genügend Platz im Regal zu schaffen und die permanent neu eingehenden Bücherspenden zu bewältigen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, "überschüssige" Bücher auf die diversen "öffentlichen Bücherschränke", "Bücher-Telefonzellen" etc. zu verteilen, von denen es in Berlin nicht gerade wenige gibt. Das habe ich ja schon ein paarmal gemacht und werde es sicher gern noch öfter machen, zumal man da praktisch immer etwas Interessantes zum Tauschen findet. Aber das erfordert eben einen gewissen Aufwand an Zeit und Kraft. Wie wäre es hingegen,  wenn wir selbst ein offen zugängliches Büchertauschregal auf dem Kirchengrundstück einrichten und dieses auf der Website openbookcase.org registrieren? Man kann davon ausgehen, dass dies auch einen positiven Werbeeffekt für unser Büchereiprojekt hätte. Über die Aufstellung eines solchen Regals an einem nach Möglichkeit einigermaßen wettergeschützten Platz wäre mit dem Lokalausschuss oder zukünftig vielleicht mit dem Förderverein zu verhandeln, dessen Gründungsversammlung für nächste Woche geplant ist. Ich habe auch schon einen konkreten Standort im Auge. Es bleibt spannend, Leser...



Dienstag, 30. Juli 2019

Kirche wozu? Oder: Lagerdenken gibt's nur bei den anderen! (Teil 1)

Wenn man sich anschaut, was für ein Ton derzeit in innerkirchlichen Debatten angeschlagen wird, dann kann man es wohl niemandem verübeln, wenn der den Eindruck hat, es rieche verdächtig nach Schisma. "Kardinal Müller ätzt gegen kirchliche Reformprojekte": Diese Überschrift stand nicht in der taz oder im Neuen Deutschland, sondern in einem Magazin, als dessen Herausgeber laut Impressum ein katholischer Diözesanbischof firmiert. Derweil träumt in der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart", die früher mal Freiburger Katholisches Kirchenblatt hieß und deren Leserschaft laut einer Allensbach-Umfrage von 2004 zu 89% "jeden Sonntag in den Gottesdienst" geht, ein ungenannter Autor von einer runderneuerten, diskriminierungsfreien Kirche, aus der lediglich "ein paar alte Männer" ausgeschlossen bleiben sollen (was angesichts der typischen Altersstruktur der "Reform"-beflissenen kirchlichen Gremien und Verbände ein wenig tragikomisch wirkt, aber das nur nebenbei).

Wenn ich für die derzeitige innerkirchliche Polarisierung hier ausschließlich Beispiele von einer Seite gewählt habe, sehe ich das als ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit angesichts des Umstands, dass die breite Öffentlichkeit von der anderen Seite ohnehin nichts anderes erwartet. Aber Spaß beiseite: Wie tief gespalten die katholische Kirche, aber auch darüber hinaus die ganze Christenheit hierzulande ist - wobei es oft den Anschein hat, dass die tiefsten Gräben quer durch die Konfessionsgrenzen verlaufen statt entlang dieser -, zeigt sich in jüngster Zeit vielleicht mit zunehmender Deutlichkeit und Dramatik, aber sehen konnte man es schon länger, wenn man nur hinschauen wollte. Ein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht war für mich persönlich die Vorstellung des Mission Manifest Anfang 2018, oder genauer gesagt die Reaktionen darauf -- insbesondere die negativen. Darüber wollte ich schon lange mal was schreiben.

Lagerbildung, wie ich sie mag. (Bildquelle: Flickr) 
Bei der Live-Präsentation der Thesen des Manifests im Augsburger Messezentrum war ich nicht anwesend, da meine Liebste und ich währenddessen mit dem an jenem Abend lange erfolglos bleibenden Versuch beschäftigt waren, unsere Tochter ins Bett zu bringen. Aber immerhin war ich relativ dicht dran am Geschehen und las mir die zehn Thesen noch am selben Abend durch. Mein erster Eindruck war, dass diese Initiative eine ausgesprochene "Big Tent"-Strategie verfolge, ja ich dachte sogar, es wäre mir - im offenen Widerspruch zu dem Rat, den ein mir von jeher verhasstes Kinder-NGL gibt - lieber, den Kreis ein bisschen kleiner zu ziehen. Anders ausgedrückt, mir erschienen die Thesen derart inklusiv formuliert, dass ich dachte, da kann doch niemand was dagegen haben. Okay, an dem einen oder anderen Detail würde sicher der eine oder andere (möglicherweise einschließlich meiner Person) etwas auszusetzen haben, aber so im Großen und Ganzen...?

Tja. Werch ein Illtum.  

Noch eher vorhersehbar waren die einander gegenseitig auskonternden Reaktionen traditionell-konservativer Katholiken, denen das Manifest nicht katholisch genug war, und fundamentalistischer Evangelikaler, denen es zu katholisch war. Aber das war noch gar nichts gegen die Mischung aus Verachtung und blanker Panik, die die Reaktionen aus dem progressiv-relativistischen Lager prägte. Eine übersichtliche Zusammenschau derartiger Reaktionen hat seinerzeit das Zentralorgan der im Sitzen pinkelnden Föhnfrisurträger, otherwise known as "Die Eule", geliefert. Die gängigsten Vorwürfe in Stichworten: Das Mission Manifest sei von einem fundamentalistischen Glaubensverständnis geprägt; das Konzept von "Mission", das in den Thesen zum Ausdruck komme, sei bevormundend gegenüber Nicht- und Andersgläubigen; und außerdem seien die Initiatoren lauter Männer. Schlimm. 

Wohl auch in den Kontext solcher Äußerungen gehörte - wenngleich das Mission Manifest darin nur beiläufig und indirekt erwähnt wurde - ein Beitrag von Gabriele Höfling in der "Standpunkt"-Rubrik auf häretisch.de über, man lese und staune, "Bewegungen, die vermehrt auf Frömmigkeit setzen". Als konkrete Beispiele dafür nennt sie die MEHR und "neuere Jugendformate wie Nightfever". "Einfach mal einen Gang runterschalten", rät hat Frau Höfling solchen Initiativen bereits in der Überschrift ihres Kommentars:  Die sollen sich mal nicht so viel einbilden auf ihren Erfolg bei jungen Leuten, denn die "ganz normale" kirchliche Gremien- und Verbandsarbeit - beispielsweise "BDKJ, Pfadfinder und Ferienfreizeiten, denen aus bestimmten Kreisen gern ein mangelnder Glaubensgehalt unterstellt wird" - erreichten noch viel mehr Jugendliche, "ohne großen Hype". In "Lobpreis und Eucharistische[r] Anbetung" eine "bessere Antwort auf die Probleme der Kirche" zu sehen, "als es trockene Strukturreformen sein können", sei daher "ein Fehlschluss": "Von den genannten Angeboten werden eben nur die Leute angesprochen, mit einer solchen Frömmigkeit auch etwas anfangen können. Andere bleiben auf der Strecke." Oder, noch einmal anders ausgedrückt: "Ein solcher eher konservativer [!] Kurs, so formulierte es einmal der Religionssoziologe Detlef Pollack, könne zwar eine Minderheit enger an die Kirche binden. Eine große Mehrheit werde allerdings abgeschreckt."

Ach ja, Detlef Pollack. Der Münsteraner Religionssoziologe, der sowohl den Rat der EKD als auch die Deutsche Bischofskonferenz berät und zu dessen Glanzleistungen die Forderung gehört, Gottesdienste müssten kurz sein - auf jeden Fall kürzer als eine Stunde -, weil die Leut' am Sonntag schließlich auch noch was anderes vorhätten als in die Kirche zu gehen. Pollacks Dauerbrennerthema ist jedoch die Feststellung,  dass gerade die distanzierten Kirchenmitglieder - bzw. deren Geld - eine unverzichtbare Ressource für den Erhalt der institutionellen Strukturen der Großkirchen darstellen. Die daraus recht plausibel ableitbare Forderung, die Kirchen müssten sich gerade um diese Zielgruppe besonders bemühen, bedeutet für Pollack jedoch nicht, dass man versuchen sollte, die Distanzierten aus ihrer Distanziertheit herauszuholen; im Gegenteil, die sollen mal schön bleiben, wo sie sind, denn gerade so nützen sie - dem automatischen Kirchensteuereinzug sei Dank - den Kirchen am meisten. Ein ausgeprägtes religiöses Profil zu zeigen, ist viel zu riskant: Damit liefe man Gefahr, die weniger religiös interessierten Mitglieder zu verschrecken; genau das können die Kirchen sich nicht leisten; daher fahren sie besser damit, möglichst wenig Profil zu zeigen.

Ich muss mich selbst immer wieder ermahnen, zu bedenken, dass eine solche Sichtweise nicht zwangsläufig zynisch ist -- dass daraus nicht allein das Kalkül von "Strukturbesatzern" spricht, deren Loyalität zur Institution Kirche im Wesentlichen darin besteht, ihren Job und das Gehalt, das sie dafür beziehen, zu verteidigen. Nein, es gibt im "liberalen" oder "progressiven" institutionellen Apparat der Kirche sicherlich nicht wenige Leute, die ganz aufrichtig davon überzeugt sind, dass die Kirche als zuvilgesellschaftliche Institution gute, wichtige und gesellschaftlich notwendige Arbeit leiste und dass sie, um diese Arbeit leisten zu können, eben eine große Mitgliederbasis (und viel Geld) benötige. Nur dieser ganze "Glaubenskram", der ist eher hinderlich, weil sich davon eben nur eine Minderheit der Mitgliederbasis ansprechen lässt.

Jemand, der dieser Auffassung widerspricht, ist überraschenderweise Erik Flügge. So gern er sich über handelsübliche Methoden "milieusensibler Pastoral" lustig macht und etwa erklärt, es bringe nichts, Gottesdienste für ein Publikum zu konzipieren, das sich nicht für Gottesdienste interessiert, beharrt er andererseits darauf, die Kirche dürfe nicht den Anspruch aufgeben, "ihre Mitglieder auch religiös erreichen zu wollen", andernfalls könne sie "nicht dauerhaft bestehen". -- Darüber, wie die Kirche die Menschen "religiös erreichen" kann und soll, hat Flügge indes offenkundig erheblich andere Vorstellungen als etwa die Initiatoren des Mission Manifest. Die Kirche sieht er weniger in der Rolle der Trägerin und Botin einer göttlichen Offenbarung, sondern eher als Dienstleisterin für die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder, und der geringe Grad der Mitgliederbindung in den Großkirchen zeigt laut Flügge, dass diese erst wieder neu lernen müssen, was die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder eigentlich sind, um sich dann darauf einzustellen.

Wirklich frappierend finde ich es indes, dass es Kritiker Flügges gibt, denen diese Sichtweise immer noch zu religiös ist. Norbert Bauer zum Beispiel, einstmals Pastoralreferent in Köln, jetzt daselbst Leiter der Karl-Rahner-Akademie. In einem Beitrag für das Magazin futur2 attestiert er Flügge einen "Abwertungsjargon", weil er "wie die Glaubenskongregation überall Glaubensdefizite diagnostiziert"; er tadelt Flügge dafür, dass er sich ausdrücklich nicht für die Dauerbrennerthemen des kirchlichen "Reform"-Diskurses (z.B. Frauenweihe) interessiert und meint, mit solchen Debatten wollten "Liberale und Konservative nur ihre Zielgruppen befriedigen"; ja, schließlich wirft er Flügge vor, dieser wolle eine Kirche, die "sich nur noch als Glaubensgemeinschaft definiert und den daraus folgenden Anspruch als Dienstleister für die Gesellschaft und für ihre Mitglieder aufgibt".

Soweit, so bizarr; aber ich will mich hier nicht in Details verzetteln. Belassen wir es bei der Feststellung, dass es irgendwo da draußen, in "theologischen Feuilletons", an Hochschulen, in kirchlichen Gremien und pastoraltheologischen "Think Tanks", einen Diskurs gibt, in dem es bereits als anrüchig gilt, sich zu der Auffassung zu bekennen, eine zentrale Aufgabe der Kirche sei Glaubensverkündigung. Wenn man damit dann auch noch einen überindividuell verbindlichen, in seiner Substanz unverfügbar vorgegebenen Glauben meint, dann ist man, bevor man von Reizthemen wie Weihepriestertum, Zölibat, Rolle der Frau, Interkommunion oder Segnung gleichgeschlechtlicher Paare auch nur angefangen hat, bereits als Reaktionär, als Fundi, als "vorkonziliar" abgestempelt. Oder mindestens, allermindestens als "konservativ". Eine Bezeichnung, mit der ich mich schwer tue -- jedenfalls damit, sie auf mich selbst zu beziehen.

Sicherlich könnte ich mich lang und breit über unterschiedliche Definitionen von "konservativ" auslassen, von denen ich manche besser und andere schlechter mit meinem eigenen Standpunkt in Einklang bringen könnte; aber das spare ich mir an dieser Stelle lieber, denn ich muss ohnehin schon zusehen, dass dieser Artikel nicht zu sehr ausufert. Ich halte solche Erörterungen hier auch für verzichtbar, und das aus (mindestens) zwei Gründen. Zum einen kommt mir immer mal wieder der Verdacht, die Etikettierung bestimmter Positionen als "konservativ" verfolge ohnehin nur die Absicht, diese zu delegitimieren. Das funktioniert deshalb, weil in weiten Teilen des gesellschaftlichen Diskurses "konservativ" als negativ konnotierter Begriff wahrgenommen wird; das ist die logische Kehrseite eines ungebrochen positiv konnotierten Verständnisses von "Fortschritt". "Konservativ" gilt als gleichbedeutend mit "oll". Das ist mir neulich mal wieder aufgefallen, als ich mich beim "Klönschnack" in der OASE Tossens mit einem emeritierten Pfarrer aus dem westfälischen Teil des Bistums Münster unterhielt. Als das Gespräch darauf kam, dass ich für die Tagespost schreibe, wandte er an, diese Zeitung gelte doch als "ziemlich konservativ". So wie er das sagte, hielt er das offensichtlich für etwas Schlechtes. -- Zum zweiten (und wenn ich es recht bedenke, hängt das wohl einigermaßen eng mit dem erstgenannten Punkt zusammen) betrachte ich das Etikett "konservativ" nicht so sehr aufgrund bestimmter Begriffsdefinitionen als einen Schuh, der mir nicht passt, sondern vor allem aufgrund bestimmter assoziativer Vorstellungen, die sich nicht-nur-aber-auch für mich an diese Bezeichnung knüpfen. Nämlich vor allem die Vorstellung, konservativ sei jemand, der möchte, dass alles so bleibt, wie es schon immer war, WEIL es schon immer so war. Ich möchte behaupten, genau diese Motivation unterstellen "Progressive" den von ihnen als "konservativ" Eingeordneten permanent; da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt dazu, die Haltung des vermeintlich oder tatsächlich Konservativen wahlweise mit Dummheit, Faulheit oder Angst, namentlich Angst vor Veränderung, in Verbindung zu bringen,  

Tatsächlich habe ich mit einem Konservatismus, für den das Althergebrachte und Gewohnte prinzipiell identisch mit dem Guten und Wahren ist, ebenso wenig am Hut wie mit einem Fortschrittsbegriff, der jede Neuerung, einzig aufgrund ihrer Neuheit, für eine Verbesserung hält. Das betrifft alle möglichen Lebensbereiche, aber bleiben wir hier mal beim religiösen Bereich. -- Ich habe schon gelegentlich mal erwähnt, dass ich die "erste Fundi-Phase" meiner an Irrungen und Wirrungen nicht armen Glaubensbiographie im Alter von ca. 14-16 Jahren hatte, und ich erinnere mich, dass ich damals eines Tages einen skizzenhaften Essay über verschiedene Fraktionen innerhalb der Kirche, so wie ich sie wahrnahm, in mein Tagebuch kritzelte. Ich hoffe, ich finde den Text mal wieder, aber die Grundzüge habe ich noch ganz gut im Gedächtnis. Ich unterschied seinerzeit nämlich nicht zwei, sondern drei innerkirchliche Lager, die ich die "Alteingesessenen", die "Liberalen" und die "Radikalen" nannte. Mich selbst ordnete ich natürlich ins "radikale" Lager ein, was sonst. Der entscheidende Punkt bei diesem sozusagen "dreipoligen" Modell war jedenfalls, dass ich die religiöse Praxis der "Alteingesessenen" - die ich idealtypisch in meiner Oma, ein paar angeheirateten Tanten und anderen alten Damen aus Schlesien verkörpert sah - als ebenso im Widerspruch zu meinen Vorstellungen von "radikalem Christsein" stehend betrachtete wie den verweltlichten Moralismus der "Liberalen". Heute würde ich über die "schlesische Oma-Fraktion" sicher milder urteilen; schon allein, weil ich bestimmte traditionell katholische Frömmigkeitsformen, die mir damals suspekt waren - weil man mich in meiner Kindheit und Jugend nicht an sie "herangeführt" hatte, wohl in der Annahme, sie seien nicht mehr "zeitgemäß", und weil ich mitreißende Begeisterung für Christus eher in evangelikalen Kreisen kennengelernt hatte -, inzwischen schätzen, ja lieben gelernt habe. Also beispielsweise den Rosenkranz oder das Knien vor dem Allerheiligsten. Aber auch wenn ich in meiner teenagertypischen Arroganz allzu voreilig davon überzeugt war, dass die formalisierte, rituelle Frömmigkeit der alten Schlesierinnen lediglich die Fassade vor einer gähnenden geistlichen Leere sei, würde ich dennoch sagen, dass meine damals entworfene Einteilung nicht gänzlich falsch war.

Ich finde, das ist ein guter Cliffhanger. Fortsetzung folgt!