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Mittwoch, 13. Dezember 2023

Vorlesestoff fürs Tochterkind – Dezember '23

Symbolbild: Schön gestaltetes Bücherregal bei "Frieseneis" in Norddeich.

Was gibt's Neues aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung? Regelmäßigen Lesern meiner Wochenbriefings wird schon aufgefallen sein, dass bei meinem Tochterkind derzeit Kira Gembris Romanserie "Ruby Fairygale" hoch im Kurs steht. Ich selbst bin nicht ganz so begeistert – was indes nicht etwa bedeutet, dass ich die beiden Bände der Reihe, die wir bisher gelesen haben, schlecht fände. Vielmehr finde ich sie – wie ich es schon einmal formuliert habe – gut genug, um mir zu wünschen, sie wären noch etwas besser. Nachdem schon der erste Band ("Der Ruf der Fabelwesen") diesen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen hatte, hat auch mein Urteil über die Qualität des zweiten Bandes ("Die Hüter der magischen Bucht") im Verlauf der Lektüre stark geschwankt. 

Man könnte vielleicht meinen, ich sei in meiner Beurteilung dieser Buchreihe unverhältnismäßig streng, jedenfalls im Vergleich zu meinen Besprechungen mancher anderer Kinder- und Jugendbücher. Aber das hat seinen Grund. Natürlich spielt "Ruby Fairygale" inhaltlich wie stilistisch in einer ganz anderen Liga als etwa "Sternenschweif" oder gar "Bibi und Tina", aber genau deshalb halte ich es für angemessen, auch entsprechend strengere kritische Maßstäbe an die Bücher dieser Reihe anzulegen. 

Zunächst einmal fällt es auf, dass ebenso wie der erste auch der zweite "Ruby Fairygale"-Roman einen Haupthandlungsstrang hat, der weitestgehend unabhängig von den phantastischen Elementen der Handlung funktioniert oder jedenfalls funktionieren könnte. Hier handelt es sich darum, dass sich die schon im ersten Band angedeuteten Herzbeschwerden von Rubys "Nana" nach einer dramatischen nächtlichen Rettungsaktion für gestrandete Wale so stark verschlimmern, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden und operiert werden muss. Danach wird sie, um sich endlich einmal richtig zu erholen, für mehrere Wochen zur Kur geschickt; infolgedessen ist nicht nur Ruby auf sich allein gestellt, sondern auch die Tierarztpraxis auf der kleinen Insel vor der irischen Küste ist unbesetzt. Bald findet sich eine Vertretung in Gestalt der energischen Mildred Silverton, die die Inselbewohner durch ihr adrettes Erscheinungsbild und ihr selbstbewusstes Auftreten für sich einzunehmen weiß; aber für Ruby und ihren Freund und Mitbewohner Noah fangen die Probleme damit erst richtig an, denn Dr. Silverton quartiert sich nicht etwa im Gasthaus, sondern in "Nanas" Privathaus ein, das sie mit ihrem Ordnungs- und Hygienefimmel komplett umkrempelt, sie kommandiert Ruby und Noah herum und begegnet ihrem Irischen Wolfshund "Schmuggel" mit unverhohlener Feindseligkeit. Bald kommen Ruby und Noah zudem auch ernste Zweifel an Dr. Silvertons tierärztlichen Behandlungsmethoden. – Im Zuge von Rubys und Noahs Bemühungen, Dr. Silvertons fragwürdigen Machenschaften auf die Schliche zu kommen, kommen durchaus phantastische bzw. magische Handlungselemente zum Einsatz, sodass man sagen kann, die Verknüpfung von phantastischer und nicht-phantastischer Handlung ist hier schon erheblich besser gelungen als im ersten Band. Dennoch erscheint diese Verknüpfung nicht gerade zwingend – zumal sich auch die Auflösung des Konflikts (d.h. die Art und Weise, wie die Insel die böse Tierärztin wieder loswird) auf gänzlich nicht-magische Weise vollzieht. 

Der phantastische Handlungsstrang beginnt damit, dass eine Fee mit Heuschnupfen in die magische Pflegestation kommt und nach erfolgreicher Behandlung Nana, Ruby und Noah je eine Schriftrolle mit einer Prophezeiung überreicht; bevor sie diese aber lesen können, werden die Schriftrollen von den frechen Kobolden gemopst, und als sie sie endlich wieder herausrücken, ist nicht mehr klar zu erkennen, welche Prophezeiung eigentlich für wen bestimmt war. Das ist eigentlich ein vielversprechender Einfall, aber leider wird nicht besonders viel daraus gemacht. Was den weiteren Fortgang des phantastischen Handlungsstrangs angeht, rufe ich msl vorsichtshalber 

+++++Spoiler-Alarm!+++++ 

Nachdem schon im ersten Band leise angedeutet war, die Protagonistin Ruby sei womöglich selbst ein Fabelwesen, beginnen bislang ungeahnte Kräfte in ihr zu erwachen, als sie gestresst vom täglichen Umgang mit der hyperkorrekten Dr. Silverton und zugleich in Sorge um ihre herzkranke Nana ist. Anzeichen für diese Kräfte äußern sich zunächst in plötzlicher Veränderung der Sinneswahrnehmung, dann aber auch darin, dass sie das Bewusstsein verliert und an einem anderen Ort wieder zu sich kommt. Mit Hilfe der zuvor bereits erwähnten Fee kommt Ruby schließlich dahinter, dass sie eine Pooka (auch: Púca) ist: ein Wesen, das über die Fähigkeit verfügt, die Gestalt verschiedener Tiere anzunehmen. Allerdings muss sie erst noch lernen, diese Fähigkeit kontrolliert einzusetzen.  

+++++Spoiler-Alarm Ende!+++++ 

Auf die Frage, welchen der beiden bisher gelesenen "Ruby Fairygale"-Bände ich als den besseren betrachte, kann ich übrigens keine eindeutige Antwort geben. Am ersten Bsnd hat mir vor allem die Entwicklung der Freundschaft zwischen Ruby und Noah gefallen – und zwar so gut, dass ich dafür ohne Weiteres auf die phantastischen Elemente der Handlung hätte verzichten können. Was Charakterzeichnung und emotionale Tiefe angeht, hat der zweite Band nichts Gleichwertiges zu bieten, dafür sind hier die phantastischen Elemente stärker ausgeprägt und besser in die Handlung integriert, wodurch die Handlung auch insgesamt spannender wird. 

Als einen Schwachpunkt des zweiten Bandes empfinde ich es, dass die Autorin sich allzu sehr darauf verlässt, dass die Leser den ersten Band bereits kennen; so gibt sie sich keine besondere Mühe, den Schauplatz und die handelnden Personen einzuführen – weil sie das ja schon einmal gemacht hat. Ich denke, ein bisschen leichter sollte man Lesern, die die Lektüre einer Buchreihe zufällig nicht mit dem ersten Band beginnen den Einstieg schon machen; und es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie das gelingen kann, ohne diejenigen Leser, die die Vorgeschichte bereits kennen, durch Wiederholung zu langweilen. 

Schließlich wäre noch auf eine Kleinigkeit einzugehen, über die ich mich vielleicht unverhältnismäßig stark geärgert habe: Auf S. 98 wird die Tierärztin Mildred Silverton als "Mischung aus Dolores Umbridge und Cruella DeVil" beschrieben. Frau Gembri, so etwas tut man nicht!, war meine spontane Reaktion. Man spielt nicht in einer Romanreihe des Genres "Phantastische Kinder- und Jugendliteratur" auf eine andere Romanreihe desselben Genres an, das ist ganz, ganz schlechter Stil, das wirkt einfach unbeholfen und peinlich. Später dann, auf S. 151, findet Ruby eine Werbebroschüre für ein Internat, die Noah von seinem Vater zugeschickt bekommen hat, und findet, diese Schule werde in dem Prospekt als "das tollste Internat gleich nach Hogwarts" dargestellt. Oops, she did it again, dachte ich. Aber dann machte meine Liebste mich auf etwas aufmerksam: Die Autorin Kira Gembri ist Geburtsjahrgang 1990 und gehört damit zu der Generation, die gewissermaßen mit Harry Potter lesen gelernt hat ("Harry Potter und der Stein der Weisen" erschien erstmals 1998 in deutscher Übersetzung). Aus ihrer Sicht, so darf man unterstellen, gehört Harry Potter demnach wohl zum allgemeinen Kulturgut, ähnlich wie beispielsweise Grimms Märchen oder die Sagen des Klassischen Altertums. Dies erwägend, finde ich die zitierten Passagen zwar immer noch irgendwie doof, aber doch halbwegs verzeihlich. 

Anerkennen muss man übrigens, dass es der Autorin im epilogartigen Schlusskapitel so gut gelingt, Spannung hinsichtlich der Fortsetzung zu erzeugen, dass nicht nur das Tochterkind, sondern auch meine Liebste am liebsten sofort mit Band 3 angefangen hätte. Der war allerdings in der Bibliothek unseres Vertrauens gerade nicht verfügbar; ich hätte mir das eBook per OnLeihe temporär auf mein Handy oder Tablet laden können, aber diese Option fand ich nicht so reizvoll, zumal wir ja noch vier andere aus der Bücherei ausgeliehene Bücher auf dem Nachtkästchen liegen hatten, die wir noch nicht gelesen hatten

Von diesen hätte mich "Ostwind – Der große Orkan" eigentlich am meisten interessiert (wenn auch nur, oder hauptsächlich, aus dem eher obskuren Grund, dass ich bei dem Reihentitel an die "Ostwind-Mission" der Franziskaner der Erneuerung denken muss und mir daher "Neuevangelisierung für Pferdemädchen" darunter vorstelle); ich war aber nicht direkt überrascht, dass meine Kinder, und zwar beide, erst einmal "Bibi und Tina" den Vorzug gaben. Danach votierten sie, wie ich an anderer Stelle schon zu Protokoll gegeben habe, für "Ella und ihre Freunde außer Rand und Band", und danach wiederum entschied das Tochterkind sich für "Sternenschweif – Freunde für immer". Immerhin sind alle diese Bücher recht kurz, sodass wir damit einigermaßen rasch fertig wurden; aber als wir mit allen dreien durch waren und ich dachte, nun würden wir wohl endlich mal zu "Ostwind" kommen, wollte das Tochterkind lieber ein Buch erneut vorgelesen bekommen, das wir nicht aus der Bücherei haben und das wir schätzungsweise schon: mindestens dreimal gelesen haben – nämlich "Lola macht Schlagzeilen" von Isabel Abedi. Zu diesem Buch hatte ich eigentlich schon längst mal einen eigenständigen Artikel in Aussicht gestellt, und die erneute Lektüre bietet eigentlich einen sehr willkommenen Anlass, auf diese Ankündigung zurückzukommen; aus genau diesem Grund werde ich hier und jetzt jedoch nicht näher auf dieses Buch eingehen. 

Kommen wir lieber erst einmal zu "Bibi und Tina – Der fliegende Sattel": Schon in meinen Wochenbriefings habe ich wiederholt angemerkt, dass mich dieses Buch positiv überrascht hat; und das möchte ich hier noch einmal bekräftigen. Die Ausgangssituation – Bibi und Tina entdecken bei einem Trödler einen alten Sattel, den Tinas Mutter auf das Drängen der Mädchen im Tausch gegen irgendwelchen anderen Krempel erwirbt; kurz darauf zeigt sich jedoch, dass es Leute gibt, die viel Geld für diesen Sattel zu zahlen bereit sind – erinnert frappierend an den letzten Roman des "Drei ???"-Erfinders Robert Arthur, "Die drei ??? und der sprechende Totenkopf" (1969/dt. 1971). Ganz so spannend wie dort geht's bei Bibi und Tina nicht weiter, aber es ist dennoch, bei aller Oberflächlichkeit der Erzählweise, eine gut durchdachte und überzeugend aufgebaute Geschichte – bis zum Schluss, den ich als eine ziemlich enttäuschende Antiklimax empfinde (Spoiler: Der Sattel ist gar nicht so wertvoll, wie praktisch alle handelnden Personen zwischenzeitlich angenommen haben). 

Wenn ich trotz dieses schwachen Schlusse dabei bleibe, dass dieses Buch meine Erwartungen übertroffen hat, dann könnte man vielleicht einwenden, das sei ja kein Kunststück, da meine Erwartungen an ein Buch der Reihe "Bibi und Tina" zweifellos von vornherein niedrig waren. Insofern darf man es vielleicht als bemerkenswert bezeichnen, dass "Sternenschweif – Freunde für immer" es geschafft hat, meine nicht gerade hohen Erwartungen zu unterbieten

Dazu ist zunächst zu sagen, dass unter den zahlreichen "Sternenschweif"-Büchern, die ich meiner Tochter bisher habe vorlesen müssen, durchaus einige waren, die ich gar nicht so blöd fand; was zugegebenermaßen ein recht zurückhaltendes Lob ist. Bei dem Band "Freunde für immer" fand ich den Klappentext einigermaßen vielversprechend: 

"Laura und Mel sind beste Freundinnen. Doch seit der Übernachtungsparty im Heu verhält sich Mel ganz seltsam. Laura ist traurig. Was ist bloß mit ihrer Freundin los?" 

Lach mich ruhig aus, Leser: Ich hielt es ernsthaft für möglich, dass hier, in der 38. Folge der Serie, die Pubertät in die Welt von "Sternenschweif" Einzug hält – und dass Mels Problem darin besteht, dass sie während der Heuboden-Übernachtungsparty ihre Tage bekommt. Wer nun meint, das sei ja wohl eine reichlich abwegige Vorstellung, dem sei gesagt, dass es beispielsweise in "5 Sterne für Lola" eine Szene gibt, in der... na, dazu lieber ein andermal; die Lola-Bücher spielen nun mal in einer ganz, ganz anderen Liga. 

Tatsächlich rührt Mels Verstimmung nämlich daher, dass sie neidisch auf das vertraute Verhältnis zwischen Laura und ihrem Pony Sternenschweif ist und außerdem das Gefühl hat, dass Laura ihr etwas verheimlicht. Man muss zugeben, das ist plausibel: Dass Laura Sternenschweifs Einhorn-Geheimnis sogar vor ihren besten Freundinnen geheim halten muss, musste ja irgendwann mal zu Konflikten führen. Man kann der Ghostwriterin Anne Scheller also zugute halten, dass sie sich bemüht, die Handlungsprämissen der Buchreihe ernst zu nehmen; aber in der Umsetzung ist es dann doch unbefriedigend. Insbesondere die Auflösung des Konflikts (Spoiler: Laura lässt Mel Sternenschweif in seiner Einhorngestalt sehen, lässt sie dann aber den "Trank des Vergessens" trinken, der in etwa so wirkt wie das "Blitzdings" bei den "Men in Black") fand ich eher so naja. Alles in allem wird man wohl sagen dürfen, dass "Freunde für immer" innerhalb der "Sternenschweif"-Reihe eines der besseren Bücher ist, aber dieses Urteil wird eben dadurch überschattet, dass ich mir mehr von diesem Buch versprochen hatte.  

Schließlich wären auch noch zu "Ella und ihre Freunde außer Rand und Band" ein paar Worte zu verlieren. Dass ich es etwas schwächer fand als die beiden anderen "Ella"-Bücher, die ich bisher gelesen habe, hatte ich bereits in meinem Wochenbriefing vom 25. November zu Protokoll gegeben, und ebenso, dass ich geneigt bin, dies darauf zurückzuführen, dass das Buch statt einer zusammenhängenden Handlung drei kurze, nur lose miteinander verknüpfte Episoden enthält. In gewissem Maße wirken diese Episoden unfertig, skizzenhaft, so als hätte der Verleger sie dem Autor vom Schreibtisch geklaut, ehe dieser ihnen den letzten Schliff verpassen konnte. Gleichwohl muss ich zu Protokoll geben, dass das Buch auch so noch genügend Komik und originelle Einfälle zu bieten hat, dass ich erheblichen Spaß an der Lektüre hatte – und meine Kinder auch. 

In der ersten Episode, "Pekka muss bleiben!", will die Schuldirektorin nach Spanien auswandern, weil sie den finnischen Winter nicht erträgt; Ellas Klassenlehrer rechnet sich daraufhin Chancen aus, selbst der neue Schuldirektor zu werden. Allerdings ist die Schuldirektorin die Mutter von Ellas Klassenkameraden Pekka, und Pekka will nicht nach Spanien. Also müssen Ella und ihre Freunde sich so einiges einfallen lassen, um die Auswanderungspläne der Direktorin zu vereiteln... Dieser Plot hätte, wie ich finde, eigentlich für ein ganzes Buch ausreichen sollen, wird aber tatsächlich auf nur 37 Seiten abgehandelt. Etwas länger, nämlich 51 Seiten lang, ist die zweite Episode, "Die Schatzsuche". Hier findet Ellas Klassenkamerad Timo in einem Ordner mit Bildern, die sein Vater als Kind im Kunstunterricht gemalt hat, ein Stück Papier, das aussieht wie ein Stück von einer Schatzkarte. Natürlich setzen die Kinder daraufhin alles daran, auch die anderen Stücke aufzutreiben – und am Ende den Schatz zu finden... Die letzte Episode, "So ein Zirkus!", ist nur 29 Seiten lang. Hier kommt ein Zirkus in den Ort, in dem Ella und ihre Freunde wohnen – aber dann bricht das Zirkuszelt zusammen, und Ella und ihre Freunde kommen auf die Idee, den Zirkus in der Turnhalle ihrer Schule unterzubringen. Und ausgerechnet an diesem Tag steht eine Inspektion vom Schulamt an... 

Kurz und gut, auch ein vergleichsweise schwaches "Ella"-Buch ist immer noch besser als vieles Andere, was der Kinderbuchmarkt so hergibt; ich schätze, wir werden uns noch weitere Bände dieser Reihe ausleihen. 


Bonus: Sven Nordqvist, Eine Geburtstagstorte für die Katze. Deutsch von Angelika Kutsch. Hamburg: Oetinger, 1984. 

Regelmäßige Leser meiner Wochenbriefings werden wissen, dass mein Tochterkind sich unlängst auf dem Heimweg aus der Schule – eigentlich direkt beim Verlassen des Schulhauses – verletzt hat; nachdem die Wunde in der Unfallambulanz versorgt worden war, sollten wir uns am nächsten Tag bei einem Unfallarzt zur Nachkontrolle bzw. Weiterbehandlung vorstellen. Die Praxis, bei der wir dies taten, vergab keine Termine, stattdessen sollte man innerhalb der Sprechzeiten "einfach vorbeikommen" – musste dafür aber auch erhebliche Wartezeiten in Kauf nehmen, umso mehr, als die Patienten offenbar nicht nach Ankunftsreihenfolge, sondern nach Priorität drangenommen wurden. Und die Nachkontrolle einer bereits versorgten Wunde hat naturgemäß eher niedrige Priorität. Dafür habe ich durchaus Verständnis, aber für zwei kleine Kinder (ja, zwei: der Jüngste musste mangels Betreuungsalternative mit) ist es kein Spaß, rund zwei Stunden in einem Wartezimmer zu sitzen – zumal es eben keine Kinderarztpraxis war und der Wartebereich daher keine Spielecke hatte. Was es hingegen gab, war dankenswerterweise ein Regal mit Kinderbüchern, und so las ich meinen Kindern im Laufe der Wartezeit zwei Bücher vor: zuerst "Gullivers Reise ins Zahnspangenland" (im Ernst!) und dann eben "Eine Geburtstagstorte für die Katze", das Buch, das die "Pettersson und Findus"-Reihe begründete. 

Ich scheue mich nicht, zuzugeben, dass ich Pettersson und Findus bisher nahezu ausschließlich vom Hörensagen kannte; oder vielleicht wäre es richtiger zu sagen "vom Sehen": Der Stil der Illustrationen, insbesondere das "character design" der beiden Hauptfiguren, ist mir seit einer gefühlten Ewigkeit bekannt und vertraut, aber die dazugehörigen Geschichten kannte ich bisher kaum – mit einer Ausnahme: Wir haben mal einen Schuhkarton voller Hörspiel- und Kinderliederkassetten geschenkt bekommen, und darin fand sich auch eine Musical-Fassung von "Aufruhr im Gemüsebeet". Und nun also "Eine Geburtstagstorte für die Katze", das erste Buch der Reihe. Ich möchte behaupten, es ist ein echtes Qualitätsmerkmal, dass dieser Band sich zwar ausgezeichnet als Auftakt zu einer Serie eignet, aber zugleich auch sehr gut für sich allein stehen könnte, also nicht eindeutig erkennen lässt, ob Pettersson und Findus von vornherein als Serienfiguren konzipiert waren. 

Der Handlungsverlauf folgt dem Muster einer bestimmten Sorte von Schwankerzählung, von der man z.B. auch in Grimms Märchen einige Beispiele findet und die die typische Struktur von Abenteuererzählungen (der Held benötigt, um seine Aufgabe zu erfüllen, Hilfsmittel – ein bestimmtes Schwert, ein bestimmtes Pferd usw. –, die er nur erringen kann, wenn er zunächst andere Aufgaben bewältigt), parodiert, indem sie dieses Schema auf ganz alltägliche Verrichtungen anwendet; in diesem Fall auf das Backen eines Kuchens. Pettersson will seinem Kater zum Geburtstag eine Pfannkuchentorte backen, hat aber kein Mehl im Haus; um ins Dorf zu fahren und neues zu kaufen, muss er aber erst sein Fahrrad reparieren, und der Schlüssel zu dem Schuppen, in dem er sein Werkzeug aufbewahrt, ist in den Brunnen gefallen. Die Angel, mit deren Hilfe er den Schlüssel zurückerlangen kann, liegt jedoch auf dem Dachboden, und um dorthin zu gelangen, braucht Pettersson eine Leiter, die auf der Weide des Nachbarn liegt. Folglich muss Pettersson mit Hilfe von Kater Findus erst einmal den bösen Stier des Nachbarn von der Weide weglocken. 

Was das Fazit angeht, können wir uns kurz fassen: "Eine Geburtstagstorte für die Katze" ist eine ebenso witzig wie warmherzig erzählte, raffiniert konstruierte und außerordentlich reizend illustrierte Geschichte, und ich denke, wir werden uns das Buch mal besorgen – mindestens leihweise aus der Bibliothek. Unter anderem deshalb, weil es auf den letzten Seiten ein Rezept für Pfannkuchentorte enthält... 


Hinweis in eigener Sache: Dieser Artikel erschien zuerst am 6.12. auf der Patreon-Seite "Mittwochsklub". Gegen einen bescheidenen Beitrag von 5-15 € im Monat gibt es dort für Abonnenten neben der Möglichkeit, Blogartikel bis zu einer Woche früher zu lesen, auch allerlei exklusiven Content, und wenn das als Anreiz nicht ausreicht, dann seht es als solidarischen Akt: Jeder, der für die Patreon-Seite zahlt, leistet einen Beitrag dazu, dass dieser Blog für den Rest der Welt kostenlos bleibt! 

Samstag, 9. Dezember 2023

Creative Minority Report Nr. 7

Servus, Leser! Weihnachtet's bei euch sehr? Oder seid ihr krank? In unserer Umgebung rollt die erste große Erkältungswelle der Saison gar mächtig und hat auch meine Familie nicht verschont; aber immerhin, den Kindern geht's gut. Derweil ist heute Mittag bekannt gegeben worden, dass der bisherige Mainzer Weihbischof und Generalvikar Udo Bentz neuer Erzbischof von Paderborn und Weihbischof Herwig Gössl neuer Erzbischof von Bamberg wird. Diese Meldungen sind so kurz vor dem Redaktionsschluss 'reingekommen, dass ich darauf wohl erst nächste Woche werde näher eingehen können. Was es sonst Neues gibt, erfahrt ihr sogleich... 


Was bisher geschah 

Die zurückliegende Woche begann für mich, wie sich im vorigen Wochenbriefing schon abgezeichnet hatte, mit Männergrippe: Am Samstagnachmittag befand ich mich in einem Zustand, der den Weg vom Bett zum Klo als eine Reise erscheinen ließ, die gründlicher Planung bedurfte; am Sonntag ging es mir schon erheblich besser, aber doch noch nicht gut genug, um das Haus zu verlassen und unter Leute zu gehen. Meine Teilnahme am mit Spannung erwarteten Familiengottesdienst zum 1. Advent musste ich daher schweren Herzens absagen; was mich indes nicht davon abhalten soll, unter der Rubrik "Schwarzer Gürtel in KiWoGo" noch einiges zu diesem Familiengottesdienst zu sagen – wenn auch naturgemäß hauptsächlich zu den Vorbereitungen. – Für Montag verabredete ich mit der Mutter einer Schulfreundin unseres Tochterkindes, dass sie das Tochterkind bei uns abholte und zur Schule brachte; am Dienstag fühlte ich mich dann schon wieder fit genug, das selbst zu tun. Derweil hatte die Erkältung allerdings auch meine Liebste erwischt, die sich daher ab Mittwoch bei der Arbeit krank meldete. Auf diese Weise kamen wir am Nikolaustag weder zur Nikolausfeier in St. Joseph Siemensstadt noch zum JAM; das Tochterkind war recht zufrieden damit, stattdessen länger in der Schule bleiben zu dürfen, fand es allerdings doch etwas schade, auf diese Weise nicht mitzubekommen, wie beim JAM die Geschichte von Josef in Ägypten weitergeht. Also stellte ich ihr in Aussicht, ihr die Fortsetzung der Geschichte nach der Schule aus der Kinderbibel vorzulesen, und tat das dann am Abend auch noch; das kam bei beiden Kindern gut an, könnte man also wohl ruhig öfter machen. Zum "Beten mit Musik" in einer der tagsüber geöffneten Kirchen der Umgebung kamen wir wieder die ganze Woche nicht, und auch sonst blieben wir möglichst viel zu Hause – bis auf das Tochterkind, das unverdrossen jeden Tag zur Schule ging. 


Was ansteht 

Nach dem ganzen erkältungsbedingten Ausnahmezustand im Familienalltag fühle ich mich ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Im Terminkalender steht von Montag bis Freitag nichts, trotzdem habe ich die vage Ahnung, dass am 14. und/oder am 15. Dezember "irgendwas war" (bzw. sein wird); hoffen wir mal, dass es mir rechtzeitig wieder einfällt. Am Samstag ist dann die Weihnachtsfeier der Katholischen Pfadfinder Haselhorst, und da sind auch die Wichtel mit dabei. Was alles Weitere betrifft, lass dich überraschen, Leser – ich tue es auch... 


Schwarzer Gürtel in KiWoGo 

Wenn ich etwas über den Familiengottesdienst zum 1. Advent in St. Joseph Siemensstadt sagen will, obwohl ich nicht dabei war, dann fange ich wohl am besten hinten an. Nachdem ich am Samstagabend noch gehofft hatte, über Nacht ausreichend zu genesen, dass ich meinen vorgesehenen Part bei diesem Familiengottesdienst würde übernehmen können, stellte ich beim Aufwachen am Sonntag fest, dass das wohl illusorisch war, und schickte daher eine Nachricht an den Gemeindereferenten: Ich sei krank und könne daher nicht, wie beabsichtigt, mit der Gemeinde die neuen Lieder einüben, insbesondere auch nicht die Bewegungen zu dem Lied "Runtergekommen" von Daniel Kallauch. Er fragte daraufhin, ob denn die von mir ins Boot geholte Gitarristin und Vorsängerin (nämlich die Co-Leiterin der Wichtelgruppe) kommen würde, ich bejahte das, woraufhin der Gemeindereferent meinte, dann würden sie das schon hinkriegen, und mir gute Besserung wünschte. Nach dem Gottesdienst meldete er sich bei mir zurück: Es sei alles gut gelaufen, insbesondere lobte er die Performance meiner Teamkollegin und meinte, sie könne gern öfter im Gottesdienst musizieren. – Soweit also Happy End. Ehe ich nun ein Stück zurückspule und einige Bemerkungen über die Vorbereitungen zu diesem Familiengottesdienst festhalte, möchte ich fürs Protokoll festhalten, dass ich das Klima in der Gemeinde St. Joseph/St. Stephanus, was z.B. die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen "haupt- und ehrenamtlichen" Mitarbeitern (ich mag diese Bezeichnungen bekanntlich nicht besonders, aber es weiß wenigstens jeder, was damit gemeint ist), die Offenheit für neue Ideen und ganz allgemein die Wertschätzung von Engagement angeht, als so gut empfinde, wie ich es noch in keiner der Pfarreien, in denen ich seit meiner Kindheit aktiv war, erlebt habe. Das gilt es einfach mal anzuerkennen und denen, die dazu beitragen, dass es so ist, Danke zu sagen. – Das verhindert indes nicht, dass es im Einzelfall doch mal Verdruss gibt oder Dinge nicht optimal laufen. 

Also mal von vorne: Meine Motivation, mich bei der Vorbereitung des Advents-Familiengottesdienstes um die Musikauswahl zu kümmern, bestand wesentlich in meinem Ansinnen, zu demonstrieren, dass "für Familiengottesdienste geeignete Musik" nicht zwingend "NGL" heißen muss. Was ich anstrebte, war eine wohlabgewogene Mischung aus traditionellen Adventsliedern und modernem Lobpreis; darunter sollte mindestens ein Bewegungslied für Kinder sein, nämlich eben "Runtergekommen" von Daniel Kallauch, da es thematisch in den Advent passt. Meine Idealvorstellung wäre es gewesen, die traditionellen Lieder vom Vortragsstil her eher den Lobpreisliedern anzupassen als ungekehrt; um den anderen Mitgliedern des KiWoGo-Arbeitskreises einen Eindruck davon zu vermitteln, wie ich mir das vorstellte, schickte ich ihnen einen YouTube-Link zur "Credo unplugged"-Version von "Herr, send herab uns deinen Sohn" (GL 222), arrangiert von meinem Freund Raphael Schadt. Damit erntete ich allerdings kein nennenswertes Feedback. Ohnehin zeigte sich schon früh, dass meine Wunschvorstellung, den gesamten Familiengottesdienst musikalisch ohne Orgel, dafür mit Gitarre, ggf. E-Piano und ein bisschen Percussion (Cajón o.ä.) zu gestalten, mangels geeigneten musikalischen Personals wohl nicht zu verwirklichen sein würde. Meine Liedvorschläge wurden dennoch positiv aufgenommen, und als ich dann am Rande eines Wichtelgruppentreffens mit meinen Teamkolleginnen über dieses Thema ins Gespräch kam, zeigte die Wichtel-Co-Leiterin, die sehr schön singen und Gitarre spielen kann, Interesse, sich an der Gestaltung des Familiengottesdienstes zu beteiligen. Zu diesem Zeitpunkt waren es noch zwei Wochen bis zum 1. Advent, und in den folgenden Tagen vereinbarte ich mit meiner Teamkollegin, dass sie "Runtergekommen" und ein weiteres Lobpreislied spielen sollte – ursprünglich hatte ich an "Fürst des Friedens" von Johannes Hartl & Friends gedacht, aber meine Teamkollegin gab zu bedenken, das Lied sei melodisch nicht sehr eingängig und daher vielleicht nicht besonders gemeindetauglich. Als Alternative schlug sie "Hosanna (Ich seh' den König kommen)" von Hillsong United vor; das gefiel mir auch, und ich fand es auch inhaltlich passend zum Advent. – Diese Lieder sollten vor Beginn der Messe mit der Gemeinde eingeübt werden, und für mich selbst sah ich die Aufgabe vor, dieses Einüben anzuleiten. 

Während auf dieser Seite also alles so ziemlich zu meiner Zufriedenheit lief, war ausgerechnet meinen anderen, erheblich konventionelleren Liedvorschlägen ein weniger günstiges Schicksal beschieden. Ein paar Tage vor dem Termin reichte nämlich der für diese Messe eingeteilte Organist – der nicht informiert worden war, dass es sich um einen Familiengottesdienst handelte – eine eigene Liste mit Liedvorschlägen ein. Nun gut, Kommunikationspannen können vorkommen, aber jedenfalls musste nun ein Kompromiss zwischen seiner und meiner Liste gefunden werden, der am Ende so aussah, dass zwar die zwei Lobpreislieder mit Gitarrenbegleitung unangefochten blieben, von den anderen Liedern von meiner Liste aber nur das Auszugslied,  "Maria durch ein Dornwald ging", in die endgültige Liedauswahl aufgenommen wurde. – Ich will mich darüber gar nicht groß beschweren, zumal ich einerseits ja letztendlich gar nicht selbst dabei sein konnte und mir andererseits, wie gesagt, berichtet wurde, es sei alles gut gelaufen. Ich denke aber doch, der gesamte Verlauf der Vorbereitungen dokumentiert so einigermaßen, mit was für Schwierigkeiten man rechnen muss, wenn man mal etwas machen will, was jenseits der eingespielten volkskirchlichen Gewohnheiten liegt. Selbst dann, wenn man es mit wirklich gutwilligen Leuten zu tun hat. 

Am liebsten wäre es mir auf mittlere Sicht, eine Lobpreisband aufzubauen, die bei Familien- und Jugendgottesdiensten spielen und vielleicht einmal im Monat eine eigene Andacht gestalten könnte. Aber vorläufig ist das natürlich nur ein Wunschtraum... 


Neues aus Synodalien: Maria Zwonull sucht eine Bischöfin 

Am 4. Dezember hat Papst Franziskus den altersbedingten Rücktritt des Bischofs von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, angenommen; Fürst war zu diesem Zeitpunkt der dienstälteste katholische Diözesanbischof Deutschlands, er hatte den bischöflichen Stuhl von Rottenburg seit 2000 inne, als Nachfolger von Kardinal Kasper übrigens. Damit waren also für kurze Zeit – nämlich bis zur Ernennung der neuen Erzbischöfe von Paderborn und Bamberg – vier der 27 deutschen Diözesen vakant, und die Sedisvakanz im ausgeprägt liberalen Bistum Rottenburg-Stuttgart hat nun die "Reform"-Initiative Maria 2.0 zum Anlass genommen, eine Stellenanzeige für "eine neue Bischöfin/einen neuen Bischof (w/m/d)" zu veröffentlichen. "Weibliche Bewerberinnen werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt", heißt es darin; als eine solche Qualifikation wird ausdrücklich der "Nachweis" eines "aktiven Engagements für Reformen" genannt. 

Mir drängen sich angesichts dieser Nachricht drei unterschiedliche und zum Teil widerstreitende Gedanken auf, die ich hier mal in aller fragmentarischen Kürze folgen lassen möchte: 

1. Sollen sie mal machen, sich eine eigene Bischöfin wählen. Das ist dann wenigstens mal ein handfester schismatischer Akt, damit wäre dann endlich und endgültig klargestellt, dass diese Gruppe nicht auf dem Boden der katholischen Kirche steht und folglich auch keine Stimme im innerkirchlichen Diskurs beanspruchen kann. 

2. Aber das meinen die doch sowieso nicht ernst. Was natürlich die Frage nach sich zieht: Was soll das dann? Mit viel gutem Willen könnte man vielleicht von Satire sprechen, eine präzisere Bezeichnung wäre wohl Travestie. Nur dass es eben nicht geistreich und originell wirkt, sondern verkrampft und sauertöpfisch, wie so ziemlich alles, was aus dem Hause Maria Zwonull kommt. Wahrscheinlich ist das die mehr oder weniger natürliche Folge, wenn Damen aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die 30, 40 oder mehr Jahre lang als Gemeindereferentinnen, Gotresdienstbeauftragte oder Kommunionhelferinnen oder in der Verbandsarbeit (kfd, KDFB usw.) Dienst getan haben, plötzlich unter dem Motto "Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei!" ihre in jüngeren Jahren verpasste Sponti-Phase nachholen wollen. Man kann wahrscheinlich froh sein, dass sie bei ihren Protestaktionen ihre Blusen anbehalten

3. Es steht zu hoffen, dass Katholiken, die ein bisschen was von ihrem Glauben verstehen,  bemerken, was für eine unangemessene Sicht des Bischofsamts aus dieser Anzeige spricht. Der sakramentale Charakter des Amtes kommt überhaupt nicht in Betracht, es wird so getan, als wäre ein Bischof bloß so etwas wie ein Regionaldirektor eines großen Franchise-Unternehmens. Sicherlich kann man sagen, dass es schon heute Bischöfe gibt, die den Eindruck erwecken, ihr Amt so zu verstehen; aber vielleicht muss man erst so richtig mit der Nase draufgestoßen werden, damit man merkt, wie falsch das ist. 


Weiteres zur Causa Kenkel in St. Willehad, und worum es mir dabei eigentlich geht 

Ich hatte es im vorigen Wochenbriefing schon kurz erwähnt: In der Nordwest-Zeitung erschien am 1. Dezember ein Leserbrief, in dem "[d]as Verhalten der Vorgesetzten des Pfarrers Michael Kenkel" als "fragwürdig" beurteilt wird. Der Verfasser dieses Leserbriefs, der Nordenhamer Hautarzt Dr. Volker Meyer, wünscht "Pfarrer Kenkel, dass er bei uns in Nordenham eine neue Heimat finden darf", und meint, dass die "Art des Umgangs" mit ihm, die das Bischöflich Münstersche Offizialat an den Tag lege, "nicht unserem christlichen Menschenbild entspricht". Indem ihm die Tätigkeit als Seelsorger nur unter Auflagen gestattet werde, drücke man ihm "öffentlich einen Stempel auf". – Fragt man allerdings, was Dr. Meyer dem Offizialat konkret vorwirft bzw. was es seiner Meinung nach hätte anders machen können oder sollen, fällt es auf, dass er die Vorgänge, die er kritisiert, völlig falsch darstellt

"Zunächst entsendet man den Mann, der vor 13 Jahren eine nicht näher bezeichnete 'Übergriffigkeit' an einer damals 19-Jährigen verübt haben soll, nach Nordenham und gibt ihm eine zweite Chance. Wenige Tage später gibt das Bistum sinngemäß öffentlich zu Protokoll, der Mann müsse sich von unter 27-jährigen Frauen fernhalten". 

Das ist ja nun, mit Verlaub gesagt, Quatsch. Die besagten Auflagen wurden nicht erst verhängt, nachdem P. Kenkel seine Stelle in der Pfarrei St. Willehad angetreten hatte; vielmehr wurde die Pressemitteilung des Bischöflich Münsterschen Offizialats, in der auf diese Auflagen hingewiesen wurde, dadurch veranlasst, dass zuvor P. Kenkel selbst und die Verantwortlichen der Pfarrei St. Willehad in einem angeblich "im Sinne der Transparenz" (!) anberaumten Pressegespräch sowie in den eigenen Pfarrnachrichten die bestehenden Auflagen  verschwiegen und fälschlich behauptet haben, alle Dekrete gegen Kenkel seien aufgehoben worden. Dass diese misslungene Informationspolitik im Endergebnis das Ansehen P. Kenkels in der Öffentlichkeit beschädigt hat und eine Belastung für seine Tätigkeit in St. Willehad darstellt, ist kaum von der Hand zu weisen; aber die Schuld daran kann man wohl kaum dem Bistum zuschreiben. 

Weiterhin versucht Dr. Meyer die Maßnahmen des Bistums gegenüber P. Kenkel auch dadurch als unsinnig darzustellen, dass er betont, dass "die Polizei damals nichts Strafbares fand und er nie verurteilt wurde (also auch nicht dazu, sich von jungen Frauen fernzuhalten)". Also, sorry: Die Fähigkeit, zwischen weltlichem Strafrecht und dem disziplinarischen Recht der Kirche zu unterscheiden, sollte man einem Akademiker doch eigentlich zutrauen können. 

Doch der Dermatologe trägt noch dicker auf: "Jesus hat die Selbstgerechten und Pharisäer seiner Zeit, die gerade die Ehebrecherin steinigen wollten, entlarvt, indem er denjenigen, der ohne Sünde sei, zum ersten Steinwurf aufforderte", ruft er in Erinnerung. Betrachtet er das als eine passende Analogie zum hier in Frage stehenden Vorgang? Kommt es ihm nicht in den Sinn, dass es gegenüber dem Opfer von P. Kenkels "nicht näher bezeichnete[r] 'Übergriffigkeit'" (schon die Anführungsstriche sind hier eigentlich eine Frechheit) irgendwie unsensibel sein könnte, den Geistlichen in der Rolle dessen zu sehen, den man vor der Steinigung bewahren müsse? – Zumal es ja gar nicht darum geht, ihn zu steinigen. Schließlich darf er weiter als Seelsorger tätig sein, wenn auch für begrenzte Zeit nur unter Auflagen. Ich bin überzeugt, dass es in der Pfarrei St. Willehad genug Aufgaben für ihn gibt, für die diese Auflagen kein Hindernis darstellen. 

Übrigens gehe ich davon aus, dass Dr. Meyer über die konkreten Hintergründe des Falles nicht mehr weiß als ich oder irgendein anderer beliebiger NWZ-Leser; insofern finde ich diesen reflexartigen Drang, den Geistlichen in Schutz zu nehmen, einigermaßen befremdlich. – Möglicherweise wird der eine oder andere Leser nun meinen, ebenso gut könnte man mir einen reflexartigen Drang attestieren, dem Geistlichen am Zeug zu flicken, und dieser sei nicht weniger befremdlich. Das würde ich allerdings als ein grobes Missverstehen meiner Absichten bezeichnen. Wie ich schon einmal betont habe, habe ich überhaupt kein Interesse daran, P. Kenkel persönlich schlecht zu machen; im Gegenteil macht das, was ich bisher über sein Selbstverständnis und sein Tätigkeitsprofil als Priester und Seelsorger gehört und gelesen habe, einen überwiegend guten Eindruck auf mich. Insofern erscheint es nachvollziehbar, dass man sich wünschen möchte, bei dem grenzverletzenden Verhalten gegenüber (mindestens) einer jungen Frau, dessen er sich schuldig gemacht hat, möge es sich um einen verzeihlichen Ausrutscher gehandelt haben. Tatsächlich kann ich nicht ausschließen, dass es sich bei diesem Vorfall um etwas gehandelt haben könnte, bei dem auch ich sagen würde: Wenn in den dreizehn Jahren, die seitdem vergangen sind, nicht noch mehr vorgefallen ist, dann könnte man die Sache so langsam auch mal auf sich beruhen lassen. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass Leute, die genauere Kenntnis des Falles haben – wie etwa der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings –, zu einem anderen Urteil kommen. 

Was mich aber auch unabhängig von der Frage, wie gravierend P. Kenkels damaliges Fehlverhalten denn nun wirklich war, umtreibt, ist, dass sich in dem Verhalten der Mitarbeiter der Pfarrei St. Willehad, aber auch in Reaktionen wie etwa derjenigen des Dr. Meyer, ein Muster widerspiegelt, das in meinen Augen zu den systemischen Ursachen von Missbrauchsvertuschung in hierarchisch strukturierten Institutionen zählt (nicht nur in der Kirche übrigens; aber der Hinweis, dass es dergleichen auch in Schulen, Sportvereinen usw. gibt, soll nicht dazu dienen, die Schuld kirchlicher Institutionen zu relativieren): eine starke Tendenz zum Täterschutz, zur Solidarisierung und Identifikation mit dem Täter statt mit den Opfern. Als ich in Berlin-Tegel im Pfarrgemeinderat war, habe ich dieses Reaktionsschema in erschütternder Deutlichkeit kennengelernt. Ein ehemaliger Pfarrer der hiesigen Pfarrei, der wegen des Bekanntwerdens von noch aus seiner Kaplanszeit datierenden Fällen sexueller Belästigung männlicher Jugendlicher sein Amt verlor, steht in der Gemeinde immer noch im Ruf, das Opfer falscher Beschuldigungen geworden zu sein, dabei ist der Fall in den Akten des Erzbistums ausgesprochen gut dokumentiert und im Teil C des Gutachtens über sexuellen Missbrauch im Erzbistum Berlin, trotz der Schwärzung personenbezogener Angaben in der veröffentlichten Version, ohne große Mühe aufzufinden. Aber niemand hat ein Interesse daran, die Sache noch einmal aufzurühren; lieber lässt man die Leut' in dem Glauben, ihr früherer Pfarrer wäre zu Unrecht verleumdet worden. Dahinter steckt offenbar die Auffassung, wenn das Ansehen des früheren Pfarrers beschädigt werde, ziehe das auch das Ansehen der Pfarrei, wo nicht gar der gesamten Kirche in Mitleidenschaft; dass dieser Ansehensverlust noch weit gravierender ausfallen dürfte, wenn etwas, das man zunächst zu verheimlichen versucht hat, schließlich doch herauskommt, wird bei solchen Überlegungen offenbar nie in Betracht gezogen. Erst recht nicht, was für ein fragwürdiges "Wir-Gefühl" das eigentlich ist, in das der Missbrauchstäter einbezogen wird, während die Opfer ausgeschlossen bleiben. 

Dass sich im vorliegenden Fall nun das Bischöflich Münstersche Offizialat um Transparenz bemüht und dafür kritisiert wird, kann ich nur als bizarr empfinden. Derweil erreicht die Entschlossenheit der Pfarrei St. Willehad, angesichts der Kritik an ihrer Informationspolitik den Kopf in den Sand zu stecken, ein Ausmaß, das man nur noch als schamlos bezeichnen kann. Eine Stellungnahme zu der Pressemitteilung aus Vechta ist noch immer nicht erfolgt, auf der Facebook-Seite der Pfarrei sind in der letzten Woche nur ein Foto vom Adventskranz in der Burhaver Kirche und eine Bilderserie zum 40jährigen Jubiläum der Kolpingsfamilie Einswarden (das, da die Kirche in Einswarden samt Gemeindesaal und sonstigen Nebengebäuden ja inzwischen der Koptisch-orthodoxen Kirche gehört, ebenfalls in Burhave gefeiert wurde) veröffentlicht, sonst nichts; und das Problem mit dem Sicherheitszertifikat der Website wurde auch immer noch nicht behoben, möglicherweise mit Absicht. 

Über das besagte Kolping-Jubiläum sollte man vielleicht noch ein paar Sätze mehr sagen, und auch sonst gibt es aus den Pfarreien der Wesermarsch noch ein paar interessante Neuigkeiten; aber ich glaube, die hebe ich mir aus Platzgründen lieber für ein andermal auf. 


Ostwind: Neuevangelisierung für Pferdemädchen (oder auch nicht) 

Hurra, endlich sind wir bei der Gutenachtlektüre fürs Tochterkind bei "Ostwind – Der große Orkan" angekommen! Und was soll ich sagen: Es gefällt mir. Es ist schon viel wert, wenn für mich als Vorleser die Motivation, mit der gerade aktuellen Lektüre rasch voranzukommen, nicht darin liegt, mit dem Buch fertig werden zu wollen, um danach was anderes lesen zu können, sondern darin, dass ich selbst wissen will, wie die Geschichte weitergeht. 

Wie ich schon einmal festgehalten habe, handelt es sich bei "Ostwind – Der große Orkan" nicht etwa, wie ich zuerst gedacht oder gehofft hatte, um den ersten, sondern vielmehr um den sechsten Teil der Reihe; ich habe bisher der Versuchung widerstanden, mir die Vorgeschichte in Form von Inhaltsangaben aus dem Internet anzulesen, und habe es, um mir die Spannung zu erhalten, sogar unterlassen, den Klappentext zu lesen. So findet man sich nach und nach in die Handlung hinein – ganz im Sinne des alten Sir John Retcliffe: 
"Im Uebrigen tritt Jeder einmal in seine Zeit ein, die ja niemals einen Abschluß findet, und muß sich an die bunten Gestalten halten, wie sie ihm gerade begegnen. Auch der neue Leser wird, wie wir hoffen, des Neuen so Manches in dem neuen Buch finden. Interessiren ihn die Bilder, so weiß er ja, wo er das Vorhergegangene zu suchen hat!" 

Bisher habe ich folgendes verstanden: Im Mittelpunkt der Handlung steht die 13jährige Arielle, genannt Ari, die jahrelang vom Jugendamt von einer Pflegefamilie zur nächsten herumgereicht wurde, bis sie auf dem Gutshof Kaltenbach in Mittelhessen ein Zuhause gefunden hat: Dieser Hof gehört einer ehemals sehr erfolgreichen Sportreiterin, die jetzt ein Therapiezentrum für traumatisierte Pferde betreibt. Ari verspürt eine enge, nahezu telepathische Verbindung zu dem temperamentvollen Rappen Ostwind und trainiert mit ihm – sehr zum Missfallen der für sie verantwortlichen Personen – eine seltene und gefährliche Sportart, nämlich berittenes Bogenschießen

Und wo ist da nun die Verbindung zur "Ostwind-Mission" der Franziskaner der Erneuerung? – Na, die gibt's natürlich nicht; dass es eine solche geben könnte oder sollte, ist schließlich nur ausgedachter Quatsch Marke Eigenbau. Wobei ich festgestellt habe, dass es gar nicht so viel Phantasie erfordert, sich eine solche Verbindung auszudenken. Zum Beispiel finde ich, dass man den besonnenen und verständnisvollen Herrn Kaan – von dem mir vorläufig noch nicht ganz klar ist, was eigentlich seine Funktion auf Gut Kaltenbach ist – recht problemlos durch einen Franziskanerpater ersetzen könnte, und es würde auch gar nicht so viel Mühe kosten, das plausibel zu machen, etwa indem man aus Gut Kaltenbach ein regelrechtes (wenn auch möglichst nicht übertrieben protziges) Schloss mitsamt Schlosskapelle macht, und die Kapelle wird eben von einem Franziskaner betreut. Why not? – Schauen wir mal, wie die Geschichte sich weiter entwickelt. 


Geistlicher Impuls der Woche 
Himmel und Sterne, Erde und Flüsse, Tag und Nacht, alles, was bestimmt ist, dem Menschen untertan zu sein und ihm Nutzen zu bringen, sie alle beglückwünschen sich, Herrin, dass sie durch dich zu der verlorenen Schönheit vom Schlaf wiedererweckt und mit einer neuen, unsagbaren Gnade beschenkt sind. Sie alle waren geschaffen, den Menschen, die Gott loben, untertan zu sein und ihnen zu dienen. Aber diese Würde war verlorengegangen, und sie alle waren wie tot; sie waren unterdrückt und verdorben durch die Götzendiener, für die Gott sie nicht gemacht hat. Nun sind sie zu dieser Würde gleichsam wiedererweckt und freuen sich ihrer, da sie nun wieder unter der Herrschaft derer stehen, die Gott loben, und wieder den Menschen dienen dürfen. 
(Anselm von Canterbury, Über die Gottesmutter Maria) 

Ohrwurm der Woche 

The Pogues: The Body of an American 

Shane MacGowan, der tragische Held des irischen Folk-Punk, ist tot – gestorben an einer Lungenentzündung im Alter von noch nicht ganz 66 Jahren, ein fast schon gutbürgerlicher Tod für jemanden, dessen Leben so sehr von Alkohol- und Drogenexzessen geprägt war. Und wenn ich mir anschaue, wie mein Facebook-Feed seit nunmehr über einer Woche von Nachrufen auf Shane MacGowan überschwemmt wird, habe ich den Eindruck, kein Todesfall in der Welt der Rock- und Popmusik in den letzten Jahren, nicht einmal der Tod von Lou Reed 2013 oder David Bowie 2016, hat in meinem Winkel des Internets so starke und emotionale Reaktionen ausgelöst wie dieser. Mir selbst geht's da nicht anders. Ich muss wohl 20 oder vielleicht 21 gewesen sein, als ich mir bei Saturn am Alexanderplatz eine Best Of-CD der Pogues kaufte, von denen ich bis dahin bewusst nur zwei Songs gekannt hatte: den unsterblichen Weihnachts-Hit "Fairytale of New York" (feat. Kirsty MacColl) und "Fiesta" (ein Dauerbrenner bei den Feten meines Abi-Jahrgangs). Diese Best-Of-Kollektion jedenfalls erschloss mir eine Bandbreite der Fähigkeiten MacGowans als Sänger und Songwriter, die mich zutiefst beeindruckte. Shane MacGowan war eine so charismatische Gestalt wie sein guter Freund Joe Strummer von The Clash, der fünf Jahre älter war als er, aber bereits 2002 starb; ein feinfühliger und wortgewaltiger Poet im Körper eines besoffenen Punks mit schiefen Zähnen. Seine Texte verraten eine profunde Kenntnis irischer Geschichte, Folklore und Mythologie, und auch Elemente katholischer Glaubenspraxis spielen in ihnen immer wieder eine Rolle. 

Angesichts der erwähnten Fülle von Nachrufen auf Shane MacGowan in den Sozialen Medien fällt erst so richtig auf, wie viele Lieder er geschrieben und gesungen hat, in denen es irgendwie um den Tod geht; will man also einen seiner eigenen Songs zu seinem Gedenken spielen bzw. posten, hat man eine große Auswahl an passenden Titeln. Auf meiner Facebook-Wall habe ich mich nach längerem Abwägen für "The Sick Bed of Cuchulainn" entschieden, aber der erste Song, der mir in diesem Zusammenhang in den Sinn gekommen war, war tatsächlich dieser hier gewesen, "The Body of an American". Für mich ein absolutes Meisterwerk MacGowans, besonders was den Text betrifft. Jedem, der sich mit der Absicht trägt, in einem literarischen Text eine aus dem Ruder laufende Beerdigungsfeier zu schildern (und ich selbst habe in der Tat einen Romanentwurf in der Schublade, der eine solche Szene vorsieht), würde ich diesen Songtext, neben der Schilderung von Bunnys Beerdigung in Donna Tartts "Die geheime Geschichte", als Inspirationsquelle empfehlen. 

Wie die Catholic News Agency (CNA) unter Berufung auf Familienkreise berichtet, hat MacGowan kurz vor seinem Tod die Sterbesakramente empfangen; beigesetzt wurde er gestern, am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Der Herr schenke ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm! 


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Mittwoch, 6. Dezember 2023

Neues aus Synodalien: "KMU" steht für "kann meinetwegen untergehen"

Wenn die "tagesschau" verkündet "Kirche und Glaube verlieren laut Studie an Bedeutung", dann mag man zunächst geneigt sein zu denken: "Na toll, da wäre ich zur Not auch noch ohne diese Studie drauf gekommen." Wenn dann aber hochrangige Kirchenfunktionäre erklären, sie fühlten sich durch die Ergebnisse der besagten Studie in ihrem Kurs bestätigt, dann muss man sich sagen: Irgend etwas läuft hier falsch. 

Wobei zugegebenermaßen auch das etwas ist, worauf man auch ohnedies hätte kommen können.  

Aber mal der Reihe nach: Bei der Studie, um die es hier geht, handelt es sich um die 6. Kirchenmitgliedschaftsstudie (KMU) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die KMU ist ein religionssoziologisches Langzeit-Forschungsprogramm mit dem Ziel, "durch die Erforschung der Einstellungen und Erwartungshaltungen von Kirchenmitgliedern, aber auch von Ausgetretenen und Konfessionslosen, frühzeitig neue Trends in Bezug auf Religion und Kirche zu erkennen, deren Ursachen zu verstehen sowie kirchliche Handlungsoptionen im Umgang mit diesen Trends auszuloten" (Quelle: Tante Wikipedia). Die erste Datenerhebung im Zuge dieser Langzeitstudie wurde 1972 durchgeführt, weitere Befragungen folgten ungefähr alle zehn Jahre. Jetzt sind wir also in der sechsten Runde dieser Untersuchung, die auf einer im letzten Quartal 2022 durchgeführten Befragung von 5000 "repräsentativ aus der Gesamtbevölkerung ausgewählt[en]" Personen basiert. "Zum ersten Mal wirkte auch die römisch-katholische Kirche, vertreten durch die Deutsche Bischofskonferenz, an der Umfrage mit", wird auf der Website der EKD betont; konkret bedeutet das, dass die Deutsche Bischofskonferenz – wie sie selbst es formuliert – "die Erhebung durch fachliche Expertise und finanzielle Mittel unterstützt" hat.  

Ich will mich hier nicht damit aufhalten, grundsätzliche Zweifel an der Aussagekraft solcher Studien anzumelden oder kritische Anfragen an die Methodik der Untersuchung zu stellen; gehen wir ruhig davon aus, dass die Umfrageergebnisse ein im Großen und Ganzen zutreffendes Bild ergeben. Und wie sieht dieses Bild aus? 

In den Zusammenfassungen der Ergebnisse, die in jüngster Zeit durch die Medien gegangen sind, wird vor allem "eine deutliche Zuspitzung bei den Kirchenaustritten" hervorgehoben: "43 Prozent der Menschen in Deutschland sind bereits konfessionslos, zwei Drittel der evangelischen und drei Viertel [!] der katholischen Kirchenmitglieder neigen zum Austritt." Zugegeben, das sind drastische Zahlen, aber so richtig überraschend ist es, wenn man es recht bedenkt, wohl doch nicht. Es kommt mir so vor, als hätte ich das schon öfter gesagt: Wenn man die Mitgliederzahlen der Großkirchen in Deutschland mit den Zahlen derer vergleicht, die zum Gottesdienst kommen oder sich womöglich noch darüber hinaus irgendwie aktiv am Leben und der Sendung der Kirche beteiligen, dann müsste man sich eher darüber wundern, dass so viele Menschen noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind. In vielen Fällen dürfte das kaum tiefere Beweggründe haben als Gewohnheit, Trägheit oder der Wunsch, der frommen Oma keinen Kummer zu machen. Aber diese Faktoren für "Austrittshemmung" verlieren gegenwärtig zusehends an Kraft, und sei es nur, weil die Oma schon gestorben oder aber dement ist und es nicht mehr mitkriegt. Abgesehen von einzelnen Omas gibt es natürlich auch noch den Aspekt der allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz. Noch vor einigen Jahrzehnten wurde ein Kirchenaustritt als gewagter, mindestens aber als Aufsehen erregender Schritt wahrgenommen; das ist heute wohl allenfalls noch in sehr überschaubaren sozialen Milieus der Fall. Je mehr Menschen aus der Kirche austreten, desto mehr erscheint dieser Schritt auch denjenigen als eine plausible Handlungsoption, die bisher noch Kirchenmitglieder sind, aber selbst schon lange nicht mehr so genau wissen, warum sie es noch sind. Kurzum, die Zeit massenhafter Kirchenmitgliedschaft – die Kirchenmitgliedschaft als gesellschaftlicher Normalzustand – ist vorbei, und das ist der Religionssoziologie längst bekannt. Diese Entwicklung wird seit Jahrzehnten in pastoraltheologischen Strategiepapieren diskutiert. Wenn jetzt angesichts der Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung alle lange Gesichter machen, dann offenkundig nur deshalb, weil der Zusammenbruch der massenhaften Mitgliedschaft schneller voranschreitet als erwartet. Mit anderen Worten: Man hatte gedacht oder gehofft, man hätte noch etwas mehr Zeit, sich auf das Unvermeidliche einzustellen

Symbolbild, Quelle: Pixabay

Tendenziell gravierender erscheint es, dass die Studie einen "rapide[n] Rückgang der Religiosität der gesamten Bevölkerung" diagnostiziert. Wobei man da eigentlich fragen müsste, was das überhaupt heißt. Einerseits setzt ein "rapider Rückgang" eigentlich voraus, dass es vorher eine große Religiosität in der Bevölkerung gegeben hätte, und diesen Eindruck hatte ich in meiner Lebenszeit eigentlich noch nie, nicht einmal in meiner Kindheit auf dem Dorfe, ja eigentlich gerade da nicht. Andererseits müsste man hier eigentlich hinterfragen, was Menschen meinen, wenn sie von sich sagen, sie seien "nicht religiös"; was sie möglicherweise dazu motiviert, sich selbst so zu sehen bzw. zu definieren. Und ehrlich gesagt habe ich erhebliche Zweifel, ob eine soziologische Studie über das Instrumentarium verfügt, solchen Fragen vertiefend nachzugehen. 

Weiter heißt es in der Ergebniszusammenfassung auf der EKD-Website: "Zwar spielen die Kirchen nach wie vor eine wichtige und anerkannte gesellschaftliche Rolle in der Wahrnehmung der Menschen – das bezieht sich aber vor allem auf den sozialen Bereich. Außerdem werden von den Kirchen ein angemessenerer Umgang mit Schuld und grundlegende Reformen erwartet." Nun will ich die Forderung nach einem "angemessene[n] Umgang mit Schuld" durchaus nicht kleinreden, aber davon abgesehen fällt es schon sehr auf, dass diese Ergebnisse aus "synodalbewegter" Sicht geradezu "wie bestellt" kommen. Es verwundert daher nicht, wie sehr beispielsweise die "ZdK"-Vorsitzende Irme Stetter-Karp diese Studienergebnisse abfeiert; aber dazu später. Man darf hier indes nicht vergessen, dass es sich hier die Ergebnisse einer Befragung von Menschen handelt, von denen ein großer Teil eingestandenermaßen nicht nur den Glauben der Kirche nicht teilt, sondern ganz allgemein mit Kirche und Religion nicht viel anfangen kann. Wenn man diese Leute trotzdem dazu auffordert, Erwartungen an die Kirche zu formulieren, dann kann dabei eigentlich nicht viel Sinnvolles herauskommen. – Ganz grundsätzlich möchte ich die These wagen: Wenn man Menschen nach ihrer Meinung zu einem Thema befragt, von dem sie nicht viel verstehen und für das sie sich auch nicht besonders interessieren, legen sie oft ein bemerkenswertes Geschick darin an den Tag, zu erspüren, was der Fragesteller von ihnen hören will — ganz ähnlich wie das berühmte Zirkuspferd "Kluger Hans" (ich habe darüber mal etwas für die Tagespost geschrieben). Im Zweifel reproduzieren sie einfach das, was ihnen in den Medien als der vernünftige, moralisch richtige und "zeitgemäße" Standpunkt präsentiert wird.  

Wenn in der Ergebniszusammenfassung sodann die Frage in den Blick genommen wird, wie "Menschen trotz ihres nachlassenden Interesses an explizit religiösen Inhalten auch weiterhin erreicht werden" können, fällt es auf, dass dieses nachlassende Interesse an Religion nicht als ein Problem betrachtet wird, das die Kirchen womöglich selbst mitverschuldet haben und gegen das sie etwas unternehmen müssten, sondern vielmehr als eine Tatsache, die man als unabänderlich hinnehmen und sich auf sie einstellen müsse, etwa indem die Kirchen ihr Angebot der veränderten Nachfragesituation anpassen. "Hier sehen die Autor*innen vor allem Chancen im sozialen Engagement, in der Jugendarbeit, in einer allgemeinverständlicheren Sprache, bei den Kasualien und in vielfältigen Gottesdienst- und Begegnungsformen." 

– Wie schon gesagt, darf man nicht vergessen, dass es sich um eine soziologische Studie handelt. Soziologen wird man wohl kaum einen Vorwurf daraus machen können oder wollen, dass sie in soziologischen Kategorien denken. Aber von hochrangigen Amtsträgern der Kirche – also zum Beispiel Bischöfen – sollte man doch eigentlich erwarten können, dass sie das Wesen und den Auftrag der Kirche nicht allein unter soziologische Kriterien betrachten. Dass ihnen bewusst ist, dass die Kirche von Jesus Christus zu einem klar definierten Zweck und mit einem klar definierten Auftrag gestiftet wurde und dass sie, wenn sie diesen Zweck und Auftrag nicht erfüllt, zu nichts mehr Nütze ist als dazu, "weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden" (vgl. Mt 5,13). – In dieser Hinsicht gibt die Stellungnahme des Bischofs von Mainz, Peter Kohlgraf, der die Ergebnisse der KMU-Studie im Namen der Deutschen Bischofskonferenz kommentiert hat, ein recht gemischtes Bild ab.  

Positiv hervorzuheben ist immerhin, dass Bischof Kohlgraf betont: "Wir verlieren als Christen nicht unseren Auftrag, Zeugen der Hoffnung zu sein, die uns trägt – das Evangelium anzubieten, Menschen dabei zu begleiten, in eine lebendige Christusbeziehung hineinzuwachsen und in ihr zu wachsen." Aber was er damit meint, bleibt doch recht unscharf, und insgesamt wirken diese Passagen erheblich weniger eindringlich und konkret als diejenigen, in denen er sich "dankbar" zeigt, "dass die Institution Kirche gesellschaftlich immer noch eine Rolle spielt", und unterstreicht, die Kirche wolle auch in Zukunft "ein wichtiger Faktor in gesellschaftlicher wie religiöser Hinsicht bleiben". 

Wenn Bischof Kohlgraf einerseits erklärt, die Kirche habe "noch eine Botschaft", gleich darauf jedoch einräumt, "das Evangelium" verliere "für immer mehr Menschen an Lebensrelevanz", und meint, die "zentrale Herausforderung" für die Zukunft sei es, "zu sehen, wie wir diese beiden Größen (die Institution und ihre Botschaft) zueinander entwickeln", dann gilt es zu beachten, dass auch Soziologen und Unternehmensberater den Kirchen nicht etwa raten, ihren Charakter als Religionsgemeinschaften ganz aufzugeben und sich als rein diesseitige Lebenshilfe-Dienstleister neu zu erfinden. Weil das schlichtweg nicht ginge. Die Rede von Gott, die Verwendung von Kommunikationsformen wie Gebet und Segen gehören in dieser Sicht zur "corportate identity" der Kirchen, sie sind Wiedererkennungseffekte, Unterscheidungsmerkmale gegenüber anderen Anbietern auf dem Lebenshilfemarkt, und dafür braucht man sie auch in Zukunft noch. Auch der Pasta-König Guido Barilla war sich, als er 2002 die Bäckereikette Kamps übernahm, einigermaßen im Klaren darüber, dass die Leute in der Bäckerei nicht unbedingt Nudeln kaufen wollen. Das ist aber auch schon so ziemlich alles. Ich will Bischof Kohlgraf nicht unbedingt unterstellen, dass diese Analogie seine Sichtweise widerspiegelt, aber eine klare Aussage dazu, welche der von ihm benannten Größen "Botschaft" und "Institution" für ihn die primäre ist – ob in seinen Augen die Institution um der Botschaft willen da ist oder umgekehrt – ist ihm jedenfalls nicht zu entlocken. 

Bezeichnend ist es in diesem Zusammenhang vor allem, dass Bischof Kohlgraf meint, angesichts der "Situation einer säkularen Mehrheitsgesellschaft" könne es der Kirche "nicht um die Perspektive der kleinen Herde bzw. des heiligen Rests" gehen. Da mag man geneigt sein zu fragen: Warum nicht bzw. was denn sonst? Aber natürlich sind uns solche Abwehrreflexe gegen die Vision einer Kirche, die ihren unvermeidlich scheinenden Schrumpfungsprozess als Aufruf zu innerer Bekehrung und geistlicher Erneuerung begreift, hinlänglich bekannt. Gerade der Bischof von Mainz ist schon öfter mit Äußerungen dieser Art aufgefallen. So erklärte er im Rahmen einer Tagung "Bistümer im epochalen Umbruch" im Januar 2019, die Kirche könne in Zukunft "nicht ein gallisches Dorf, eine Insel der Seligen inmitten einer mobilen Welt" sein; und in einer Predigt zur Eröffnung des Gedenk- und Jubiläumsjahres "1000 Jahre Heribert von Köln" im März 2021 warnte er vor "Tendenzen, von einer kleinen, reinen Herde der Rechtgläubigen zu träumen". Man fragt sich indes, was die Apologeten der Institution Volkskirche – oder besser gesagt, des von der Volkskirche übrig gebliebenen institutionellen Apparats, dem mehr und mehr die Mitgliederbasis abhanden kommt – dieser Vision eigentlich positiv entgegenzusetzen haben. Eine Kirche, die sich ihren Status als gesellschaftlich relevante Institution irgendwie auch ohne eine massenhafte Mitgliederbasis bewahrt, eine Art FDP des vorpolitischen Raums? Wie sollte das funktionieren, und selbst wenn: Wozu sollte das gut sein? Fast könnte man den Verdacht haben, die boshafte Unterstellung, man habe es mit einem elitären Zirkel zu tun, der sich – so Kohlgraf wörtlich! – "schmollend zurückzieht und abschottet" (wie anders hätte die Kirchengeschichte verlaufen können, hätte nur jemand zur rechten Zeit den Christen in den Katakomben des alten Rom gesagt, sie sollten das Schmollen sein lassen!), all die Polemik gegen "Wagenburgmentalität" und "Versektung", diene nicht zuletzt dazu, solche kritischen Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen. 

Gemäß der bewährten Rollenverteilung bleibt es dem "ZdK" vorbehalten, ein Statement abzugeben, das die Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz im direkten Vergleich einigermaßen moderat, ja fast schon "moderat-konservativ" aussehen lässt. "Wir sehen klar, dass der Wandel der Kirche in der postmodernen Gesellschaft nicht schnell und nicht nachhaltig genug gelingt", stellt die Vorsitzende Irme Stetter-Karp fest; mit anderen Worten: Frechheit, dass der Felsen Petri sich im Säurebad der säkularen Postmoderne einfach nicht rückstandsfrei auflösen will. Derweil findet Frau Stetter-Karp es "besonders interessant", dass unter der Mehrheit der Befragten, die "sich selbst als säkular oder eher säkular" beschreiben, "auch Kirchenmitglieder" sind (als hätte irgendwer ernsthaft etwas anderes erwartet): "Für die Kirchen heißt das, zu akzeptieren, dass Religiosität nicht auf den Genen liegt." Schon allein damit, dass sie in diesem Zusammenhang von Genen spricht, offenbart Frau Stetter-Karp einen derart kruden Materialismus, dass sie sich für eine Diskussion über religiöse Phänomene eigentlich von vornherein disqualifiziert; dass sie aus den Ergebnissen der KMU-Studie schlussfolgert, es gebe "keine selbstverständliche Sehnsucht" nach dem Transzendenten, "die jedem Menschen innewohnt", mag man folgerichtig finden oder auch nicht, bemerkenswert ist jedenfalls, dass sie dies aus ihrer Perspektive als "ZdK"-Präsidentin als eine gute Nachricht bewertet: Religion ist den Menschen gar nicht so wichtig, darum sollte auch die Kirche sie nicht so wichtig nehmen und sich lieber auf ihre Rolle "als Kämpferin für Klimaschutz, für Menschenwürde und für sozialen Ausgleich in der Gesellschaft" konzentrieren. 

Eine ganz andere Sicht auf die Ergebnisse der KMU-Studie legt der katholische Publizist und YouCat-Initiator Bernhard Meuser in einem Beitrag auf Facebook dar. Den Ausgangspunkt seiner Anmerkungen stellt der Umstand dar, dass der Studie zufolge "[n]ur noch 27 % der Katholiken [...] für sich einen Kirchenaustritt aus[schließen]" – ein Phänomen, das Meuser als "Kirchenflucht" bezeichnet. Als ursächlich hierfür macht er ein ganzes "Bündel von Problemen" aus: 

"Lange vor der Missbrauchskrise gab es die Kirche als Behörde, das Dabeisein als unverbindliche Mitgliedschaft. Und war da die Langeweile, die routinierte Betreuung, der Ritualismus der 'Sonntagspflicht'." 

Hier unterbreche ich erst einmal, um auf die Absurdität der Tatsache hinzuweisen, dass das "Lager", aus dem solche Kritik am altgewohnten Alltagstrott der gemächlich vor sich hin sterbenden Volkskirche geäußert wird – am "Verwesungsgeruch der Mediokrität", der aus den "Verbandsschubladen" aufsteigt, wie Meuser etwas weiter unten schreibt – in der innerkirchlichen Debatte regelmäßig als das "konservative" etikettiert wird, das "Reformen verhindern" wolle. Das grenzt schon an Gaslighting, finde ich. – Auch auf Bischof Kohlgrafs Polemik gegen die "kleine Herde" bzw. den "heiligen Rest" hat Meuser, ohne direkt auf sie einzugehen, die richtige Antwort parat. Schon seit geraumer Zeit, so meint er, konnte man der "alt und kalt gewordenen Konsumentenkirche" mit ihren "toten Gemeinden" "gläubig mit seinen Kindern nur entkommen konnte durch Flucht ins Charismatische oder Traditionalistische, auf geistliche Inseln, an Sonderorte und in besondere Gemeinschaften, wo man auftankte, um wieder im braven Trott der Volkskirche mitzutrotten". Es sei daher kein Wunder, dass die "Institution" diese "kleinen Fluchten ihrer Mitglieder [...]  als Vorwurf begriff" – und folglich vor ihnen "zitterte": 

"Die Disziplinierung der flüchtenden Intellektuellen, Jungen und Frommen, denen man abwechselnd Restauration ('Die wollen das Heilige!') , Quietismus ('Die beten!'), Eskapismus ('Die sind unpolitisch!') und Fundamentalismus ('Die glauben alles!') nachwarf, scheiterte je länger desto mehr." 

Und nun, da – nicht zuletzt infolge des Missbrauchsskandals – "das ganze System über den Kipppunkt hinaus" sei und "die panischen Bischöfe" sich "in Mehrheit für die Flucht in die diametral falsche Richtung entschieden" haben ("Noch mehr vom Falschen! Noch gründlicher die Spuren verwischen! Noch kernloser verkündigen! Noch geringere Ansprüche an sich selbst! Noch mehr Bürokratie! Noch mehr Verweltlichung! Noch weniger Identität!"), 

"ginge es heillos gegen die Wand, gäbe es die verachteten Ränder der Kirche nicht, in denen unverdrossen geglaubt, freifinanziert geliebt, unbezahlt angebetet, gläubig gelehrt, sakramental gelebt und das Gotteslob in neuen Liedern dargebracht wird". 

(Nochmals zwischengefragt: Klingt das "konservativ"?) 

"Fern vom Getue der Unverzichtbaren sammeln sie sich: die Jungen, die Frommen, die Intellektuellen. Und sind hoffentlich noch da, wenn die ZDK-Kirche und der laikale Apparat seine Insolvenz eingestanden hat." 

Das Stichwort "Insolvenz" kann man hier sowohl im buchstäblichen, also finanziellen Sinne als auch metaphorisch, im Sinne eines geistig-moralischen Bankrotts, verstehen; und es ist noch nicht gesagt, was von beidem zuerst eintritt. – Wir wissen, dass Christus der Kirche, die auf dem Felsen Petri gegründet ist, zugesagt hat, die Pforten der Hölle würden sie nicht überwältigen. Die Geschichte der letzten 2000 Jahre hat indes gezeigt, dass diese "Bestandsgarantie" nicht zwingend für die konkrete Sozialgestalt und Organisationsstruktur der Kirche in einer bestimmten Weltgegend in einer bestimmten historischen Epoche gilt. Und es liegt auf der Hand, dass diese Zusage erst recht nicht für den Fall gilt, dass Kirchenfunktionäre in dem Versuch, die Institution zu retten, Glaubensgut und Verkündigungsauftrag über Bord werfen. Wenn die aktuellen Entwicklungen sich fortsetzen, liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass wir noch in unserer Lebenszeit den totalen Zusammenbruch der institutionellen Strukturen der Kirche in unserem Land sehen werden. Das ist, wenn es so kommt, kein Grund zum Verzweifeln, denn die Kirche Jesu Christi wird, wie sie es immer getan hat, andere Wege finden, um zu überleben und weiterzuwirken – an den Rändern, in den Nischen, notfalls in der Wagenburg, im Untergrund. Gleichwohl sollte man sich bewusst sein, dass in einem solchen Zusammenbruch nicht für vieles Überflüssige und sogar Schädliche, das es heute in der institutionellen Kirche gibt, untergehen wird, sondern auch Manches, das es wert wäre, bewahrt zu werden. Die obige Aussage, ein totaler Kollaps der kirchlichen Strukturen sei aus gläubiger Perspektive "kein Grund zum Verzweifeln", wäre somit zu ergänzen um die Klarstellung, dass er andererseits aber auch nichts ist, was man herbeisehnen oder gar – im Sinne des Diktums Nietzsches, "was fällt, das soll man auch noch stoßen"aktiv fördern sollte. 

Warum erscheint mir diese Klarstellung notwendig? – Bernhard Meuser spricht davon, dass der Kurs der "Majorität der Bischöfe", mit dem sie "noch vor dem kompletten Absaufen das rettende Ufer allgemeiner Wertschätzung erreichen" zu können hofften, in Wirklichkeit nur dazu geführt habe, "beide Lager zugleich, die Traditionalisten wie die Utopisten", zu verprellen: 

"Die eilen nun alle zum Standesamt, um ihren Kirchenaustritt zu erklären - und zwar wegen der jeweils 'Anderen'. Die einen, weil sie nicht finanzieren wollen, wie man mit bischöflichem Beistand gerade die Kirche kaputtmacht, die anderen, weil man ihnen eine Kirche versprach, die es nie geben wird. Wenn das jemals 'Strategie' war, was sich die Strategen des Synodalen Weges ausgedacht haben, dann war es die blödeste Strategie der Welt." 

Hier klingt ein sehr bedenkliches Phänomen an, nämlich die wachsende Zahl gläubiger Katholiken, die gerade darum, weil sie gläubige Katholiken sind, erwägen, aus der Kirche auszutreten: weil sie in der Körperschaft öffentlichen Rechts, die innerhalb Deutschlands die katholische Kirche zu verkörpern beansprucht, immer weniger die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche wiedererkennen, zu der sie sich im Credo bekennen, und weil sie diese Körperschaft auch nicht mit ihren Steuern mitfinanzieren wollen. Ich habe in meinem "erweiterten persönlichen Umfeld" – sowohl online als auch vor Ort – von so einigen Leuten gehört, die sehr ernsthaft über diesen Schritt nachdenken. Ich kann nur sagen, ich rate davon ab. Man kann noch so ehrlich überzeugt sein, dass die Mitgliedschaft in der kirchensteuerfinanzierten Körperschaft öffentlichen Rechts und die Zugehörigkeit zur Kirche als dem Mystischen Leib Christi zwei verschiedene Dinge seien, und noch so entschlossen, mit dem standesamtlichen Kirchenaustritt nur die erstere und nicht die letztere aufzukündigen: Die Gefahr, dass unmerklich eben doch das eine in das andere übergeht, dass der Versuch, getrennt von der verfassten Kirche sein Christsein zu bewahren, schließlich also doch auf die Gründung einer Ein-Personen-Sekte hinausläuft, in der man sein eigener Papst ist, ist ausgesprochen real. --- Natürlich ist es letztlich eine Gewissensentscheidung. Aber wenn mich jemand um meinen Rat fragt, sage ich: Ich würd's nicht tun. Ich würde vielmehr empfehlen, "die Anderen" austreten zu lassen, die "Progressiven", die "Maria 2.0"-Leute, die Leute, denen die Selbstdemontage der institutionellen Kirche immer noch nicht schnell genug geht. Und dann die Lücken zu nutzen, die sich durch diese Austritte auftun. Sich an der Basis, in den Pfarrgemeinden einbringen, besonders an solchen Stellen, an denen man langfristig nachhaltigen Einfluss ausüben kann: in der Kinderkatechese, in der Jugendarbeit, der Familienarbeit. Das wären – neben der Öffentlichkeitsarbeit, die auf Pfarreiebene allerdings ein undankbares Feld sein kann – die Arbeitsbereiche, die mir einfallen würden; es gibt sicherlich noch weitere, je nach Charismen und Interessen des Einzelnen. 

Derweil gilt es im Blick zu behalten, dass es – wie Papst Benedikt XVI. in seiner Freiburger Konzerthausrede betonte – bei der "Entweltlichung" der Kirche nicht darum gehen darf, "eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen". Einschätzungen darüber, was die Kirche tun oder unterlassen müsse, damit nicht "noch mehr Leute austreten", hört man ebenso aus dem "konservativen" wie aus dem "progressiven" Lager; so weit die jeweiligen Vorstellungen hierzu inhaltlich auseinandergehen, steckt doch in beiden Fällen dasselbe Denkmuster dahinter, und das ist eben falsch. Als Christus infolge seiner "Brotrede" in der Synagoge von Kafarnaum (Joh 6,22-59) einen Großteil Seiner Anhänger verlor, dachte Er nicht über Strategien nach, wie Er sie zurückgewinnen könnte; stattdessen wandte er sich an den engsten Kreis Seiner Jünger und fragte: 

"Wollt auch ihr weggehen?" 

Ich empfehle jedem, der mit dem Gedanken spielt, um des Glaubens willen aus der Kirche auszutreten, zur Eucharistischen Anbetung zu gehen, sich vom Herrn anschauen zu lassen und sich diese Frage stellen zu lassen. 


Hinweis in eigener Sache: Dieser Artikel erschien zuerst am 1.12. auf der Patreon-Seite "Mittwochsklub". Gegen einen bescheidenen Beitrag von 5-15 € im Monat gibt es dort für Abonnenten neben der Möglichkeit, Blogartikel bis zu einer Woche früher zu lesen, auch allerlei exklusiven Content, und wenn das als Anreiz nicht ausreicht, dann seht es als solidarischen Akt: Jeder, der für die Patreon-Seite zahlt, leistet einen Beitrag dazu, dass dieser Blog für den Rest der Welt kostenlos bleibt! 

Samstag, 2. Dezember 2023

Creative Minority Report Nr. 6

Wir sagen euch an den lieben Advent, Muchachos! Ich weiß nicht, wie's bei euch zu Hause aussieht, aber hier ist seit Montagabend Winter Wonderland; da wird einem schon recht weihnachtlich zumute, und tatsächlich sind es ja nur noch gut drei Wochen bis zum Hochfest der Geburt des Herrn. Es steht allerdings zu erwarten, dass es ereignisreiche Wochen werden; hier also der neueste Stand der Ereignisse! 

Was bisher geschah 

Der Einstieg in die letzte Woche des Kirchenjahres gelang uns gut, indem wir am Vorabend von Christkönig ins Baumhaus gingen, zur letzten Community Networking Night des Jahres; darauf möchte ich weiter unten etwas ausführlicher eingehen, ebenso wie auf den Kinderwortgottesdienst zu Christkönig in St. Joseph Siemensstadt. Am Montag konnte das Tochterkind endlich wieder in die Schule gehen, und am Nachmittag war mal wieder "Omatag". Am Dienstag rutschte das Tochterkind beim Verlassen der Schule auf Glatteis aus und erlitt eine Platzwunde am Kinn, die in der Unfallambulanz genäht werden musste, tags darauf mussten wir zur Nachkontrolle, wodurch der Jüngste und ich es erneut nicht zur Werktagsmesse in Heiligensee schafften (ob man uns wohl schon vermisst?). Zum JAM gingen wir aber trotz aller Widrigkeiten, und dieser Umstand gibt mir Gelegenheit, endlich einmal die schon in der Vorschau auf die neue Wochenbriefing-Reihe angekündigte Rubrik "Auf der anderen Straßenseite" einzuführen. – Am Donnerstag, dem Fest des Apostels Andreas, machte ich endlich mal wieder mit dem Jüngsten – auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin – eine spontane Lobpreisandacht ("Beten mit Musik") in St. Joseph Tegel; das war super, ich hoffe, wir kriegen das in Zukunft wieder öfter hin. Am gestrigen Freitag war abends Ehemaligentreffen in der Schule, an der meine Liebste arbeitet; eigentlich wollte sie da mit den Kindern hin, aber die Kinder fanden, ich solle auch mitkommen. Es war auch gar nicht schlecht dort, nur die Musikauswahl veranlasste mich, laut darüber nachzudenken, ob ich mich für die nächste Veranstaltung dieser Art nicht als DJ bewerben solle; einige Kolleginnen meiner Liebsten befürworteten das. (Darauf, was ich an der Playlist bei diesem Ehemaligentreffen, sagen wir mal, verbesserungswürdig fand, komme ich ggf. nächsten Woche oder an anderer Stelle zurück.) 

Davon abgesehen hatte ich, wie erwartet, einiges mit den Vorbereitungen zum bevorstehenden Familiengottesdienst zum 1. Advent zu tun, bei dem mir die Verantwortung für die Musikauswahl zugefallen war. Oder vielleicht wäre es richtiger, von einer "Mitverantwortung" zu sprechen. Wie dem auch sei, es hat sich als notwendig erwiesen, einige pragmatische Kompromisse einzugehen, was das musikalische Konzept für diesen Gottesdienst angeht; darauf werde ich im nächsten Wochenbriefing wohl noch ausführlicher eingehen. Heute Vormittag hätte zudem Wichtelgruppentreffen sein sollen, aber aufgrund diverser Krankheitsfälle in den Familien der Teammitglieder entschieden wir uns kurzfristig dazu, es ausfallen zu lassen – in der Hoffnung, dass wir morgen zum Familiengottesdienst alle wieder fit sind. 


Was ansteht 

Für heute Nachmittag hatten wir geplant, mit der ganzen Familie (einschließlich meiner Schwiegermütter) zu einem Wintermarkt auf dem Nettelbeckplatz im Wedding zu gehen; aber angesichts eines Anfalls von Männergrippe habe ich mich doch dafür entschieden, zu Hause zu bleiben. Die Option, stattdessen zur ersten Ausgabe des neuen Jugendgottesdienst-Formates der Pfarrei St. Klara Reinickendorf-Süd zu gehen, hat dich damit so oder so erledigt – obwohl die mich ja durchaus auch interessieren würde (nicht zuletzt, weil aus dem Zelebrationsplan der Pfarrei hervorgeht, dass Pater Mephisto diesem Gottesdienst vorsteht). Morgen ist dann wie gesagt der mit Spannung erwartete Familiengottesdienst zum 1. Advent. Am Mittwoch ist Nikolaustag, und da gibt es in St. Joseph Siemensstadt am frühen Abend eine Nikolausfeier –  es wäre sicher schön, da mit den Kindern hinzugehen, allerdings kollidiert sie zeitlich mit dem JAM; da werden wir uns also gründlich überlegen müssen, wo wir hingehen. 

Letztes Jahr war ich bei der Nikolausfeier in Siemensstadt selbst der Nikolaus.

Für den Rest der Woche steht bisher nichts Besonderes im Terminkalender; da heißt es also offen für Überraschungen sein. 


Eine Ode an das "Baumhaus", wieder mal 

Ich erwähnte es schon: Nachdem sich das Befinden des Tochterkindes im Laufe des Samstags langsam, aber stetig gebessert hatte, fanden wir gegen Abend, wir könnten ruhig ins Baumhaus gehen; die Kinder wollten das auch. (Ich finde es, nebenbei bemerkt, immer wieder erstaunlich, wie gern unsere Kinder dort hingehen, obwohl nur sehr selten andere Kinder dort sind.) Wir waren kaum angekommen, da kamen wir auch schon mit einem sehr netten Afro-Franzosen (ist das die politisch korrekte Bezeichnung?) ins Gespräch, der meinte, er habe das Gefühl, uns zu kennen, könne sich aber nicht erinnern, woher (wir konnten es auch nicht). Beim Essen (es gab zwei verschiedene Suppen, allerlei Ofengemüse und zum Nachtisch veganen Milchreis mit Bratäpfeln) saß er neben unserem Jüngsten und machte unermüdlich Späße mit ihm; als die Kinder zwischendurch einmal das Obergeschoss des Baumhauses besichtigten und, als sie zurückkamen, unser neuer Freund nicht am seinem Platz war, weil er sich gerade am Büffet Nachschlag holte, fragte unser Jüngster prompt: "Wo lustiger Mensch?" 

Im Gespräch mit dem "lustigen Menschen" kamen wir übrigens darauf, dass unser erster Besuch bei der "Community Networking Night" im Baumhaus bereits fast viereinhalb Jahre zurückliegt. Damals, in jenen mythischen Zeiten "vor Corona", von denen wir dereinst noch unseren Enkeln erzählen werden, fand dieses Veranstaltungsformat jede Woche statt, und wie meine damaligen Wochenbriefings dokumentieren, hatten wir rund einen Monat lang Woche für Woche den Vorsatz, da mal hinzugehen, ehe wir es endlich wirklich zum ersten Mal schafften. 

Dazu, was ich am Baumhaus so toll finde, habe ich schon Anfang 2020 einen ganzen Artikel verfasst, und dazu, was am Konzept der dortigen Community Networking Night vorbildlich für ähnliche Veranstaltungsformate auch im kirchlichen Rahmen (wie unser "Dinner mit Gott") sein könnte, sogar fast ein weiteres halbes Jahr vorher. Was ich da bereits geschrieben habe, müsste ich hier vielleicht nicht unbedingt wiederholen; aber noch einmal besonders akzentuieren möchte ich einige meiner damaligen Aussagen doch

Fangen wir mal damit an, was ich im Herbst 2019 als Aufhänger für den Artikel zur Community Networking Night verwendet habe, nämlich die Aussage, dass das Baumhaus einfach ein zauberhafter Ort sei; das gilt heute sogar eher noch mehr, da die Innenraumgestaltung seither erhebliche Fortschritte gemacht hat. 



Das Obergeschoss z.B. gab es "vor Corona" schlichtweg überhaupt noch nicht.

Demnächst soll noch ein vertikaler Garten hinzukommen. – Jedenfalls bin ich zutiefst überzeugt davon, dass das Ambiente des Raums entscheidenden Anteil daran hat, was für Leute dort hingehen und was für eine Stimmung sich unter ihnen entfaltet. 

Dass es in der Community Networking Night im Baumhaus immer wieder so bemerkenswert gut gelingt, Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Interessenschwerpunkten buchstäblich "an einen Tisch" und miteinander ins Gespräch zu bringen, hat zweifellos viel damit zu tun, dass hier ein ganzheitliches Verständnis jenes "sozial-ökologischen Wandels" gepflegt wird, den dieser Projektraum laut Eigenbeschreibung anstrebt. Das ist ja nicht gerade selbstverständlich. Ich habe den Eindruck, besonders in neuerer Zeit trifft man in ökologisch bewegten Kreisen häufig auf ein ausgeprägt technokratisches Denken – etwa in Form der Idee, es gehe darum, wissenschaftliche Erkenntnisse (z.B. über Klimawandel) mittels politischer Maßnahmen in ökonomisches Handeln umzusetzen – oder auf eigentümlich obsessive Kausal- und Schuldverknüpfungen à la "Der Klimawandel ist schuld an der Flüchtlingskrise; Frauen, PoC und LGBT-Personen leiden am meisten unter dem Klimawandel, d.h. klimaschädigendes Verhalten ist rassistisch, sexistisch und homophob". Okay, ich schweife ab. Der ganzheitliche Ansatz des Baumhauses findet seinen Ausdruck in den Akronym PEACES – dessen einzelne Buchstaben für "personal", "ecological", "aesthetic", "cultural", "economic" und "social" stehen. Man beachte, dass das P nicht für "politisch" steht; das S allerdings auch nicht für "spirituell", obwohl das zweifellos auch seine Berechtigung hätte. Der Vorstellung bzw. Erläuterung dieser PEACES-Philosophie war im Sommer 2021 im Rahmen des Emergent Berlin Festivals eine Reihe von Vorträgen und Workshops gewidmet; ich war zwar nur bei zwei dieser Veranstaltungen, aber besonders die erste, ein "Teach-In" mit Baumhaus-Co-Initiator Scott Bolden unter dem Titel "Dynamic Balance and the Inner Commons", empfand ich als sehr grundlegend für das Verständnis von "Community Building", das die Veranstaltungen im Baumhaus prägt. Ausgangspunkt des Konzepts ist, wie ich schon damals notierte, 

die Frage [...], wie Menschen mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Überzeugungen, unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, unterschiedlichem Glauben etc. sich dennoch verständigen, Konflikte vermeiden und konstruktiv für das Gemeinwohl zusammenarbeiten können. 

Der Schlüssel hierzu liegt nach Scotts Überzeugung in einem Fundus menschlicher Grunderfahrungen, die er die "Inner Commons" nennt: Erfahrungen, die unausweichlich zur conditio humana gehören wie z.B. "Neugier", "Angst/Vorsicht", "Anwenden von erlerntem Wissen", "Anzweifeln von Autorität". Man könnte, wenn man denn wollte, an die berühmten Anfangsworte der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute, "Gaudium et Spes", denken: 

"Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute [...] sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände." 

Weniger hymnisch formuliert, könnte man beispielsweise sagen: Die Erfahrung, für die Dinge einzustehen, an die man glaubt und die einem am Herzen liegen, kann auch dann eine Verbindung zwischen Menschen, einen Ansatzpunkt für Verständigung und Kooperation herstellen, wenn die Dinge, an die diese Menschen glauben und die ihnen am Herzen liegen, unterschiedliche sind. – Vor ein paar Monaten habe ich Scott mal gefragt, was eigentlich aus seinen Plänen geworden sei, ein Buch zu den Themen seines "Teach-Ins" zu veröffentlichen; seine Antwort lautete, er arbeite daran, und er stellte für Mitte November, anlässlich des elfjährigen Bestehens des Baumhauses, eine Bekanntmachung in dieser Sache in Aussicht. Dieser Termin ist ja nun inzwischen verstrichen, aber ich muss auch gestehen, dass ich diese Ankündigung inzwischen wieder vergessen hatte und Scott daher auch nicht nochmals darauf angesprochen habe. Wie auch immer: Wenn das Buch herauskommt, würde ich es gern rezensieren. 


Um aber noch einmal auf das Stichwort "spirituell" zurückzukommen: Ein fester Programmpunkt dieser Community-Abende im Baumhaus, an dem ich gleichwohl noch nie teilgenommen habe – und viele andere Gäste ebensowenig –, heißt "FLOW – A Social Meditation". Praktisch jedesmal weist Scott während der "News You Can Use"-Runde auf dieses Meditationsangebot hin und fragt, wer von den Anwesenden daran Interesse habe; oft melden sich daraufhin zwei oder drei Personen, selten mehr. Manchmal meldet sich niemand, dann findet die Meditation nicht statt. Sind Personen anwesend, die schon mal an einer solchen Meditation teilgenommen haben, dann versichern diese durchweg, was für eine tolle Erfahrung das sei; gleichwohl wird es problemlos toleriert, dass regelmäßig die große Mehrheit der Anwesenden kein Interesse daran zeigt. Ich erwähne das, weil ich die vage Ahnung habe, genau diese Haltung könnte vorbildlich für eine Neuauflage des "Dinners mit Gott" sein – insofern, als sie es ermöglichen könnte, das "Dinner" zwar mit explizit religiösen Elementen wie z.B. "Lobpreis mit dem Stundenbuch" zu verbinden, aber gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass die Veranstaltung auch für Besucher, die für solche Formen von Spiritualität (noch?) nicht zugänglich sind, "niederschwellig" bleibt. 


– Moment mal: Habe ich da gerade von einer Neuauflage des "Dinners mit Gott"  gesprochen? – Nun, es ist nicht so, als gäbe es da schon irgendwelche konkreten Pläne. Aber ich möchte doch festhalten, dass mir dieser Abend im Baumhaus erhebliche Lust darauf gemacht hat, ein Projekt dieser Art in nicht allzu ferner Zukunft neu in Angriff zu nehmen... 


Schwarzer Gürtel in KiWoGo 

Am vergangenen Sonntag war Christkönig, und zu diesem Anlass war in St. Joseph Siemensstadt Kinderwortgottesdienst – der zweite, seit das neue KiWoGo-Team die Arbeit aufgenommen hat, und schon jetzt zeigt sich der durchaus erwünschte Effekt, dass die Zusammensetzung des Teams zu einer gewissen Pluralität von Stilen und Methoden führt. Den Oktober-KiWoGo hatte ich gemeinsam mit dem Gemeindereferenten konzipiert und geleitet, jetzt an Christkönig übernahm ein junges Ehepaar die Gestaltung, das meines Wissens in der Neokatechumenalen Gemeinschaft aktiv ist. Als eine nicht unbeträchtliche Herausforderung erwies es sich, dass rund zwanzig Kinder in einem Altersspektrum von grob geschätzt zwei bis zwölf Jahren zur Messe erschienen und für den KiWoGo nur das kleine Pfarrzimmer zur Verfügung stand, da im großen Pfarrsaal der Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) Suppe kochte. Trotz dieser schwierigen Bedingungen würde ich diesen KiWoGo als gelungen bezeichnen: Zunächst gab es in kindgerechter Sprache einige Erläuterungen zum Inhalt und zur Entstehungsgeschichte des Hochfests Christkönig, dann wurde das Tagesevangelium vorgetragen – und zwar nicht in einer auf Kinder zugeschnittenen Version, sondern in demselben Wortlaut,, den auch die Erwachsenen zu hören bekamen. Anschließend wurden einige zentrale Punkte herausgegriffen und auf kindgerechtem Niveau ausgedeutet, und dann durften die Kinder Kronen basteln – weil sie als Kinder Gottes schließlich allesamt Königskinder seien. 



Ein kleiner Wermutstropfen war es für mich, dass ich durch die Teilnahme am Kinderprogramm eine wahrscheinlich brillante Predigt des Pfarrvikars versäumt habe, aber man kann eben nicht immer alles  haben. Der nächste KiWoGo in St. Joseph Siemensstadt ist übrigens erst für Ende Januar geplant; einen Termin für das nächste Arbeitsgruppentreffen gibt es meines Wissens noch nicht. 


Auf der anderen Straßenseite 

Ich muss mal ein bisschen angeben: Ich bin ziemlich stolz auf diese Rubrikenüberschrift, die ich im Vorfeld des Starts der neuen Wochenbriefing-Reihe "Creative Minority Report" ausgeheckt habe, aber in der aktuellen Folge erstmals wirklich benutze. Sie bezieht sich einerseits darauf, dass die EFG The Rock Christuskirche in Berlin-Haselhorst, von der benachbarten katholischen Kirche St. Stephanus aus gesehen, tatsächlich "auf der anderen Straßenseite" liegt, andererseits aber auch darauf, dass sie – und das, was mich im Rahmen meines Blogs an ihr interessiert – auch in konfessioneller Hinsicht eine "andere Seite" repräsentiert. – Das auf Kinder bis zum Alter von 12 Jahren zugeschnittene Veranstaltungsformat "JAM" ("Jungschar am Mittwoch"), das wir mit unseren Kindern seit wohl ca. eineinhalb Jahren ziemlich regelmäßig besuchen, habe ich schon häufig erwähnt, bin aber, wie mir scheint, nur selten näher darauf eingegangen. Okay, den grundsätzlichen Aufbau bzw. Ablauf so eines JAM-Nachmittags habe ich schon in den Ansichten aus Wolkenkuckucksheim Nr. 21 geschildert und dann nochmal in der Nr. 43; aber insbesondere was den katechetischen Anteil der Veranstaltung angeht, denke ich, da kann und darf man ruhig mal etwas mehr ins Detail gehen. 

Halten wir zunächst fest: Das primäre Ziel der Katechesen beim JAM ist es offenkundig, dass die Kinder die Bibel kennenlernen (ein beliebtes Lied zur Eröffnung ist daher "Ich bin ein Bibelentdecker"). Im Wesentlichen dreht sich also alles um ausführliche Nacherzählungen biblischer Geschichten – so ausführlich, dass sich eine Geschichte (z.B.: Die Arche Noah; Davids Aufstieg zum König; Jona; Daniel am Hof des Königs von Babel; Esther; im Moment ist gerade die Geschichte von Josef und seinen Brüdern dran) meist über mehrere Wochen hinzieht, wobei nach Möglichkeit jede wöchentliche Episode mit einem "Cliffhanger" endet; man will die Kinder ja motivieren, nächste Woche wiederzukommen. 

In der Regel werden die Kinder für diese Katechesen in zwei Gruppen eingeteilt, und zwar ihrem Alter entsprechend: Es gibt eine Gruppe für Kinder bis ca. 6 Jahre und eine für die Älteren (von denen zumeist erheblich mehr da sind). Im Vergleich zu dem Programm für die "Kleinen" scheint das für die "Großen" tendenziell interaktiver (z.B. mit Rollenspielelementen angereichert) und multimedialer zu sein, aber allzu viel kann ich dazu nicht sagen, da meine Kinder ja beide noch zur Gruppe der "Kleinen" gehören. Hin und wieder kommt es aber vor, dass für ein separates Angebot für die "Kleinen" keine Mitarbeiter verfügbar sind oder dass aus der Altersgruppe der "Kleinen" so wenige Kinder da sind, dass es nicht sinnvoll erscheint, die Gruppe zu teilen; dann gibt es ein gemeinsames Programm für alle Kinder. Zuletzt war das einmal vor den Herbstferien der Fall, als es um das Buch Esther ging; und da wurde eine Folge aus der Zeichentrickserie "Superbuch" gezeigt. Meiner Liebsten, die währenddessen im Elterncafé war, erläuterte ich das Konzept der Serie anschließend wie folgt: "Das ist ungefähr so wie SimsalaGrimm, nur mit der Bibel statt mit Grimms Märchen." – "Wie geil", erwiderte meine Liebste spontan. – "Ja, aber dazu gibt es eine Rahmenhandlung, in der die Hauptfiguren einen Gewissenskonflikt haben, und die biblische Geschichte, in die sie hineinversetzen werden, hilft ihnen dabei, in ihrem wirklichen Leben die richtige Entscheidung zu treffen." – "Wow." - - - Wie ich inzwischen herausgefunden habe, gibt es zahlreiche Folgen dieser Serie online, und wir haben uns vorgenommen, sie auch mal zu Hause anzuschauen; wenn wir mal dazu kommen, d.h. wenn die Kinder die ihnen pro Tag bewilligte Fernsehzeit nicht komplett mit "Paw Patrol" und "My Little Pony" aufbrauchen... 

Währenddessen in der Wesermarsch 

Wie ist derweil eigentlich der Stand der Dinge in der Pfarrei St. Willehad in meinem Heimatstädtchen Nordenham? Nun, man könnte sagen, die größte Neuigkeit ist, dass es nichts Neues gibt. Und das gibt zu denken: Immerhin steht seit der Pressemitteilung des Bischöflich Münsterschen Offizialats vom 23. November der Verdacht im Raum, die Verantwortlichen der Pfarrei hätten die Presse und damit die Öffentlichkeit wissentlich falsch informiert, was den Stand des kirchenrechtlichen Verfahrens gegen den neuen Aushilfspriester Michael Kenkel angeht; man könnte auch einfach lügen dazu sagen. Da wäre doch eigentlich zu erwarten, dass die Pfarrei ein Interesse daran haben müsste, zu diesem Vorwurf Stellung zu nehmen; stattdessen hüllt man sich einfach in Schweigen. In den Pfarrnachrichten für die erste Dezemberhälfte wird P. Kenkel unter der im Bistum Münster üblichen Amtsbezeichnung "Pastor" als Mitglied des Pastoralteams aufgeführt und hat neben Pfarrer Jasbinschek und Diakon Richter auch das (arg banale) Advents-Grußwort mitunterzeichnet; eine Richtigstellung der fehlerhaften Angaben zu seiner Person in der vorigen Ausgabe sucht man vergeblich. Auf der Facebook-Seite von St. Willehad erschien, nachdem der Beitrag über P. Kenkels erste Messe in Burhave stillschweigend gelöscht worden war, erstmals am 29. November wieder ein Update – nämlich ein Aufruf an "Kinder ab dem 3. Schuljahr, Jugendliche und auch Erwachsene" zur Teilnahme an der anstehenden Sternsingeraktion. Klar, auch ein wichtiges Thema. Aber glauben der Pfarrer, der Diakon und die sonstigen Mitarbeiter und Gremienvertreter der Pfarrei wirklich, sie könnten in der Causa Kenkel so tun, als wäre nichts gewesen, und einfach zur Tagesordnung übergehen? – Zu allem Übel hat die Website der Pfarrei offenkundig ein Problem mit ihrem Sicherheitszertifikat: Seit nunmehr einer Woche erhält man, wenn man die Seite aufrufen will, den Warnhinweis, es handle sich um "keine sichere Verbindung". – "Mögliche Gründe sind eine fehlerhafte Konfiguration oder ein Angreifer, der deine Verbindung abfängt." Dasselbe Problem trat zeitweilig auch bei der Website der benachbarten Pfarrei St. Marien Brake auf, die ja gerade ihren eigenen Skandal hat; da fällt es ein bisschen schwer, das für Zufall zu halten. 

Derweil scheint sich auch bei der lokalen Presse das Interesse an den Vorgängen in den katholischen Gemeinden der Wesermarsch eher in Grenzen zu halten. Ich verfolge sehr aufmerksam die Updates auf den Facebook-Seiten der Kreiszeitung Wesermarsch sowie der Wesermarsch-Lokalredaktion der Nordwest-Zeitung, aber da geht's immer nur um Handball, Volleyball und Friesensport, um die Rodung des Nordenhamer Strandwaldes, um Energiekosten, Weservertiefung und fehlende KiTa-Plätze, Weihnachtsmärkte und plattdeutsches Laientheater. – Sicherlich darf man nicht unterschätzen, zu welchem Grad der Berufsalltag eines Lokalredakteurs darin besteht, eingehende Pressemitteilungen nach Relevanz zu sortieren und so zu kürzen und umzuformulieren, dass sie auf die Seite passen. Für investigativen Journalismus bleiben da keine großen Kapazitäten. Hinzu kommt wohl, dass die katholischen Gemeinden in der seit 500 Jahren evangelisch-lutherisch geprägten Wesermarsch weithin immer noch als eine "Welt für sich" betrachtet wird, für die die breite Öffentlichkeit sich nicht interessiert. Über Interna aus den örtlichen Moscheegemeinden wird schließlich auch nicht (bzw. noch weniger) berichtet. 

(P.S.: Kurz vor dem Redaktionsschluss für dieses Wochenbriefing erreicht mich die Information, dass die Nordwest-Zeitung einen Leserbrief abgedruckt hat, der für P. Kenkel Partei ergreift und den Umgang des Bistums mit ihm kritisiert; aber darauf kann ich hier und jetzt nicht mehr eingehen, das wird bis zu einer zukünftigen Gelegenheit warten müssen.) 


Geistlicher Impuls der Woche 
Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird. Denn wie am Tag von Midian zerbrichst du das drückende Joch, das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers. Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. 
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen. 

Ohrwurm der Woche 

Paul Westerberg: Waiting for Somebody 

Der 1959 geborene Paul Westerberg ist seit Ende der 70er Jahre als Sänger, Gitarrist und Songwriter in der Punk- bzw. Alternative-Rock-Szene aktiv, aber der wohl bedeutendste Moment seiner Karriere war es, dass er den Soundtrack zu Cameron Crowes Spielfilm "Singles" aus dem Jahr 1992 zusammenstellen durfte. Wer wollte es ihm verübeln, dass er dabei auch zwei seiner eigenen Songs (diesen hier und "Dyslexic Heart") unterbrachte. 

Den Film "Singles" habe ich seinerzeit im Kino gesehen und später noch mindestens ein weiteres Mal im Fernsehen oder auf Video. Es handelt sich um einen Episodenfilm, in dem die einzelnen Episoden jedoch nicht nacheinander, sondern ineinander verschachtelt erzählt werden – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war das damals ziemlich innovativ, wurde im weiteren Verlauf der 90er dann aber immer häufiger. Vor allem aber markiert der Film den Punkt, an dem die aus der Alternativ-Szene der US-Westküstenmetropole Seattle (in der der Film spielt) hervorgegangene Musikrichtung Grunge im popkulturellen Mainstream ankam. Dazu trug neben Westerbergs Soundtrack vor allem der Umstand bei, dass in einem der drei Haupthandlungsstränge der Sänger einer fiktiven Grunge-Band namens Citizen Dick eine bedeutende Rolle spielte; der Sänger wurde von Matt Dillon verkörpert, seine Bandkollegen jedoch von echten Grunge-Musikern: Jeff Ament und Stone Gossard, die erst bei Green River, dann bei Mother Love Bone und schließlich bei Pearl Jam spielten, sowie Pearl Jam-Sänger Eddie Vedder als Schlagzeuger. Den Film fand ich nett, aber das Soundtrack-Album finde ich von vorne bis hinten brillant. Ich hatte sogar schon einmal, in der Karwoche 2020, einen Song von dieser Platte zum Ohrwurm der Woche ernannt, nämlich "State of Love and Trust" von Pearl Jam


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