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Montag, 19. Juli 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #7 (16. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Vorweg möchte ich um Nachsicht bitten, dass ich in diesem Wochen-Briefing nicht auf das neue Papstschreiben "Traditionis Custodes" eingehen werde. Ich bin einfach nicht so der Ansprechpartner für dieses Thema. Vielleicht sag ich nächste Woche was dazu, oder noch besser: Ich plane für nächste Woche ein "Linktipps-Special" zu diesem Thema ein, in dem ich auf die Stellungnahmen von Anderen verweise. Und bis dahin reden wir von was Anderem, ja? 

Zum Beispiel: Am Dienstag fuhr meine Liebste mit den Kindern in den Tierpark, ich gestaltete unsere wöchentliche Lobpreisandacht also allein -- und danach, als ich gerade dabei war, die Kirche abzuschließen, fiel mir schlagartig ein, dass am selben Abend ja das "Teach-In" mit Baumhaus-Mitbegründer Scott Bolden zum Thema "Dynamic Balance and the Inner Commons" anstand. Hätte ich fast vergessen, aber nun fuhr ich da hin -- und das erwies sich als eine sehr gute Entscheidung. Es war eine hübsche kleine Veranstaltung (nur acht Teilnehmer) in idyllischer Atmosphäre -- im Garten des "Panke"-Clubs, zu dem man durch den fünften (!) Hinterhof eines Altbaus im Wedding gelangt. Berlin von seiner schönsten Seite, unironically


Ich fühlte mich ausgesprochen wohl und war einmal mehr sehr angetan von Scotts Charisma; unter dem Thema der Veranstaltung hatte ich mir zunächst ehrlich gesagt nicht sonderlich viel vorstellen können, aber was Scott über das Prinzip der "dynamischen Balance" als Schlüssel zur "persönlichen Nachhaltigkeit" (klingt ein bisschen doof, aber ich wüsste nicht, wie ich "personal sustainability" sonst übersetzen sollte) und letztlich als ein Grundprinzip des Lebens überhaupt zu sagen hatte, fand ich durchaus überzeugend und gar nicht (wie man vielleicht hätte annehmen oder befürchten können) esoterisch-versponnen. Noch mehr galt das für das Konzept der "Inner Commons" (worunter ich mir nun so richtig gar nichts hatte vorstellen können): Scott erläuterte, der Ausgangspunkt seiner Überlegungen sei die Frage gewesen, wie Menschen mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Überzeugungen, unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, unterschiedlichem Glauben etc. sich dennoch verständigen, Konflikte vermeiden und konstruktiv für das Gemeinwohl zusammenarbeiten können. Zu diesem Zweck habe er sich mit verschiedenen Theorien über menschliche Grundbedürfnisse befasst, sei dann aber zu dem Schluss gekommen, dass es zu kurz greife, das Verbindende zwischen den Menschen allein in ihren Bedürfnissen zu suchen; vielmehr müsse es um ein umfassenderes Verständnis menschlicher Grunderfahrungen gehen -- aller Arten von Erfahrungen, die unausweichlich zur conditio humana gehören; und diese Grunderfahrungen sind die "Inner Commons". Eine umfangreiche, aber nicht notwendigerweisr vollständige Liste dieser "Inner Commons", die Scott an die Teilnehmer des Workshops verteilte, umfasst beispielsweise Punkte wie "Neugier", "Angst/Vorsicht", "Anwenden von erlerntem Wissen", "Anzweifeln von Autorität" -- man kann vielleicht erahnen, wo da der Zusammenhang mit der "dynamischen Balance" liegt. -- Scott betonte, es gehe ihm nicht darum, diese "Inner Commons" zu einem hierarchischen System (wie etwa die Maslowsche Bedürfnispyramide) zu ordnen; vielmehr könne man sie sich vorstellen wie einen großen Suppentopf: Im Topf sind zahlreiche verschiedene Zutaten, die alle zusammen eine Suppe ergeben, aber was davon man jeweils gerade auf seinem Löffel hat, kann von Fall zu Fall erheblich variieren. Dieses Bild gefiel mir sehr. 

Freilich könnte man meinen, dieses Konzept sei gar nichts Besonderes und schon gar nicht besonders originell, aber das Schöne ist: Das behauptet Scott auch gar nicht. Im Gegenteil. Dass es nicht originell sei, sei gerade das Gute daran. Es gehe nicht darum, etwas Neues zu erfinden, sondern vielmehr, etwas wiederzuentdecken, das im Grunde immer da war. -- Scott hat vor, demnächst (was auch immer das konkret heißt) ein Buch zu den in diesem Vortrag behandelten Themen zu veröffentlichen. Ich bin sehr gespannt. Wenn das Buch rauskommt, werde ich mir definitiv ein Rezensionsexemplar besorgen und auf meine Leseliste setzen. 

Im Anschluss an die Veranstaltung gab es noch Gelegenheit, einen Blick auf den Stand der Umbauarbeiten im Baumhaus zu werfen: 



Am Mittwoch war wieder "Omatag", und anders als vorige Woche fuhr ich diesmal mit zu meinen Schwiegereltern. Am Donnerstag war dann wieder Arbeitseinsatz fürs Büchereiprojekt, und der war sehr ertragreich: Wir schafften es nicht nur, die Belletristik-, die Kinder- und Jugendbuch-Abteilung sowie den Sonderbereich "religiöse Belletristik" (mit Werken z.B. von Bernanos, Claudel, Gertrud von le Fort, Reinhold Schneider und Franz Werfel) komplett alphabetisch nach Autoren zu sortieren, sondern nahmen auch eine ungefähre thematische Sortierung des Sachbuchbereichs in Angriff. Diese genauer auszudifferenzieren, wird allerdings noch Arbeit machen. 

Im Übrigen mehren sich die Anzeichen dafür, dass unser Jüngster seine ersten Zähne kriegt. Ist eigentlich noch ein bisschen früh dafür, aber sein Verhalten zeigt eindeutig in diese Richtung. Das verheißt unruhige Nächte... 

Was ansteht: Heute ist der offizielle Redaktionsschluss für die Nr. 6 der "Lebendigen Steine", auch wenn im Prinzip nicht viel dagegen spricht, ihn noch um eine Woche zu verschieben; aber immerhin ist die Arbeit am neuen Heft schon ein gutes Stück weiter gediehen als letzten Monat um diese Zeit, und da meine Liebste heute wieder mit den Kindern in den Tierpark will, bin ich optimistisch, im Laufe des Tages noch Einiges zu schaffen. Morgen ist natürlich wieder Lobpreis; für den nächsten Bücherei-Arbeitseinsatz haben Kollege Timo und ich vorläufig den Mittwoch angepeilt. Am Donnerstag soll es zum ersten Mal seit rund eineinhalb Jahren wieder eine "Community Networking Night" im Baumhaus geben, bzw. genauer gesagt draußen vor dem Baumhaus; und da möchte ich schon sehr gern hin, wenn sich's einrichten lässt. Möglichst MIT Frau und Kindern. Und irgendwann im Laufe der Woche will ich mich mal im Pfarrbüro nach der aktuellen Fassung des Hygienekonzepts für die Nutzung der Gemeinderäume unserer Pfarrei erkundigen, um zu sondieren, ob man das Dinner mit Gott, den Krabbelbrunch und/oder den Büchertreff in absehbarer Zeit mal wiederbeleben kann.  Fürs Wochenende habe ich - wieder einmal - keine besonderen Pläne; vielleicht ergibt sich ja noch was, und wenn nicht, ist das vielleicht auch nicht unbedingt schlimm.  


Zitat der Woche: 

Keine Finsternis des Irrtums und der Sünde vermag das Licht des Schöpfergottes im Menschen völlig auszulöschen. In der Tiefe seines Herzens besteht immer weiter die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit und das Verlangen, in den Vollbesitz ihrer Erkenntnis zu gelangen. Davon gibt das unermüdliche menschliche Suchen und Forschen auf jedem Gebiet ein beredtes Zeugnis. Das beweist noch mehr die Suche nach dem Sinn des Lebens. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik ist zwar ein großartiges Zeugnis der Fähigkeit des Verstandes und der Ausdauer der Menschen, befreit aber die Menschheit nicht davon, sich letzte religiöse Fragen zu stellen, sie spornt sie vielmehr dazu an, die schmerzlichsten und entscheidendsten Kämpfe, jene im Herzen und im Gewissen, auszutragen.

(Hl. Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis Splendor, 1) 


Linktipps: 

Verändert die Erfahrung pandemiebedingter Schulschließungen die gesellschaftliche Akzeptanz - und vielleicht sogar die rechtlichen Voraussetzungen - für Homeschooling und/oder alternative Schulformen? Die Frage klang in meinen jüngsten Blogartikeln schon hier und da an, und im Großen und Ganzen bin ich da nicht sehr optimistisch: Mein Eindruck ist eher, dass das Zeitfenster, in dem die Gesellschaft offen für eine solche Debatte gewesen wäre, sich schon wieder geschlossen hat und alle nur noch darauf brennen, die Kinder nach den Sommerferien wieder "normal zur Schule" schicken zu können. Aber eine evangelische Schule im baden-württembergischen Laichingen, von der hier schon einmal die Rede war, will es genau wissen und zieht vor Gericht, um die staatliche Anerkennung ihres am "Uracher Plan" orientiertes Schulmodell zu erstreiten. Dieses Schulkonzept sieht lediglich einen Präsenz-Unterrichtstag pro Woche vor, der dann - wie es im Bericht von SWR Aktuell ohne nähere Erläuterung heißt - "eher Projektunterricht" ist; in der übrigen Zeit sollen die Schüler von zu Hause aus lernen. In den USA ist eine solche Mischung aus Schulbesuch und Homeschooling, die dort als "hybrid schooling" oder "blended learning" bezeichnet wird, nicht unbedingt ungewöhnlich. Im Fall der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Laichingen hingegen hatte das Verwaltungsgericht Sigmaringen Ende Januar 2019 entschieden, ein Präsenztag in der Woche sei zu wenig, um "die staatlichen Erziehungsziele" zu erreichen. Wenn ich so etwas höre, reagiere ich ja prompt allergisch und sage: Ein weltanschaulich neutraler Staat hat überhaupt keine eigenen "Erziehungsziele" zu haben! (Darüber habe ich mich schon in meiner eigenen Schulzeit mit meinen Lehrern gestritten.) 

Die in einem anderen Artikel zum Thema erwähnte Befürchtung des Regierungspräsidiums Tübingen, das Unterrichtskonzept der Dietrich-Bonhoeffer-Schule laufe auf "die Einführung des in Deutschland verbotenen 'Homeschooling' (Hausunterricht) durch die Hintertür" hinaus, erscheint umso abwegiger, wenn man bedenkt, dass der Unterricht an dieser Schule inhaltlich sehr wohl "am Bildungsplan des Landes" orientiert ist, dass die Lehrer "eine anerkannte pädagogische Ausbildung vorweisen" müssen und dass die Schule sich "der Aufsicht der Behörden" unterstellt -- all das erfährt man in einem dem Laichinger Schulprojekt prinzipiell wohlgesonnenen Artikel auf der Website der Evangelischen Landeskirche Württembergs. Die dort betonte scharfe Abgrenzung "zum in Deutschland verbotenen Hausunterricht" mag taktisch durchaus klug sein, aber ich kann nicht leugnen, dass sie meine Sympathie für dieses Schulprojekt eher schmälert. 

Aber wie dem auch sei: Nachdem im Zuge des Corona-Lockdowns der Wechsel vom Präsenz- zum Online-Unterricht bzw. eine Mischung dieser Unterrichtsformen auch an staatlichen Schulen notwendig wurde, rechnet sich die Laichinger Privatschule gute Chancen aus, im Berufungsverfahren am Verwaltungsgerichtshof Mannheim ein günstigeres Urteil zu erhalten. "Man kann nicht an allen Schulen verordnen, Wechselunterricht zu machen und gleichzeitig sagen: Das ist keine richtige Schule", meint Schulleiter Joachim Erz, und: "Die Haltung, dass nur in einem Betongebäude auf unbequemen Stühlen richtig gelernt werden kann, ist überholt". Derweil dämpft ein Sprecher des Gerichts die Erwartungen: Selbst wenn das Gericht "die Genehmigung als Ersatzschule erteilt", werde das "wahrscheinlich aber keine Auswirkungen auf öffentliche Schulen haben"; "Fern- und Wechselunterricht würde eine absolute Ausnahme in der Pandemie bleiben". Na, warten wir's mal ab. Wenn uns die Pandemie eins gelehrt hat, dann ja wohl, wie schnell Ausnahmesituationen zur "neuen Normalität" werden können. 

Schon vorige Woche war an dieser Stelle Einiges über die im Entstehen befindliche Ansiedlung Veritatis Splendor, Texas zu lesen, und ich hatte in Aussicht gestellt, weiter an dem Thema "dranzubleiben". Wie man sich wohl vorstellen kann, interessiert mich besonders die Frage, in welchem Verhältnis dieses Siedlungsprojekt zur Idee der "Benedikt-Option" steht, und folgerichtig war ich entzückt, einen Artikel zu finden, der just diese Frage schon in der Überschrift stellt. Die Antwort, die der Artikel gibt, lautet: Es ist kompliziert. Einerseits urteilt der Verfasser, wer die "Benedikt-Options"-Bewegung aufmerksam verfolge, könne den Eindruck haben, Veritatis Splendor sei "ein Ast vom selben Baum", und er zitiert Rod Dreher mit der Aussage, er wisse zwar nicht viel Konkretes über das Projekt Veritatis Splendor, aber die Grundidee scheine ihm doch sehr auf der Linie der #BenOp zu liegen. Andererseits weist der Artikel darauf hin, dass die Initiatoren des Siedlungsprojekts in Texas sich bemerkenswert scharf von der "Benedikt-Option" distanzieren: Sowohl Kari Beckman, Gründerin und Geschäftsführerin der Trägerfirma Regina Caeli, Inc., als auch Bischof Joseph Strickland von Tyler werden mit der Aussage zitiert, ihre Vision sei geradezu das Gegenteil der #BenOp

Wie das? -- Er sehe das Projekt Veritatis Splendor "nicht als eine 'Wagenburg', sondern eher als eine unterstützende Gemeinschaft", erklärte Bischof Strickland gegenüber dem National Catholic Register, und Kari Beckman teilt mit, ihr gehe es nicht darum, "die Tür zuzumachen und sich zurückzuziehen", sondern vielmehr darum, "Menschen zusammenzubringen und einen Ort zu schaffen, an dem sie von der Wahrheit des Glaubens erfüllt werden, die Liebe zu dieser Wahrheit zu kultivieren und sie der Welt mitzuteilen". Mit anderen Worten, das, wovon Beckman und Strickland sich abgrenzen, ist lediglich eine einseitig verzerrte und missverstandene Version dessen, was die #BenOp angeblich bedeute -- aber gerade durch ihre Distanzierung perpetuieren sie dieses Missverständnis. "Die Vorstellung, bei der Benedikt-Option gehe es darum, vor der Welt davonzulaufen, ist schlichtweg Unsinn", stellt Rod Dreher klar. "Das kann jeder bestätigen, der das Buch gelesen hat." Es sei aber offenbar sein "Fluch", es immer wieder mit "lautstarken Kritikern" zu tun zu bekommen, "die es nicht für nötig halten, ein Buch erst zu lesen, bevor sie es beurteilen". 

Tatsächlich hat es etwas ausgesprochen Tragikomisches, wie Kari Beckman ihre Vorstellungen davon, was Siedlungsprojekte wie Veritatis Splendor für die Bewahrung und Weitergabe des Glaubens leisten können und sollen, in teilweise fast denselben Worten beschreibt, mit denen auch Rod Dreher sein Konzept der "Benedikt-Option" darlegt, dabei aber gleichzeitig betont, mit der #BenOp habe das alles nichts zu tun. -- Offenbar ist diese bemühte Distanzierung im Zusammenhang damit zu sehen, dass Kari Beckman unbedingt vermeiden möchte, dass Veritatis Splendor als "Kommune" oder "Sekte" wahrgenommen wird. Na, das hat ja, wie wir vorige Woche gesehen haben, prima funktioniert. Nicht. 

David Larson schließt seinen Artikel im "Crisis Magazine" mit einem Plädoyer, das man vereinfacht als "Jetzt vertragt euch doch mal, ihr wollt doch eigentlich dasselbe!" wiedergeben könnte; aber angesichts der von Simcha Fisher aufgezeigten Fragwürdigkeiten des Projekts Veritatis Splendor, von denen hier vorige Woche die Rede war, kann ich mich des Gedankens nicht ganz erwehren, man könne im Grunde doch froh sein, wenn Veritatis Splendor mit der #BenOp nichts zu tun haben möchte... 

Ebenfalls im Zusammenhang mit der Kritik an dem Unternehmen "Veritatis Splendor" ist mir die Frage durch den Kopf gegangen, wie es wohl kommen mag, dass, wenn in öffentlichen Debatten vor sektiererischen und sezessionistischen Tendenzen in Religionsgemeinschaften gewarnt wird, selten, wenn überhaupt je, auf das wohl drastischste Beispiel für das katastrophale Scheitern eines utopischen Gemeinschaftsprojekts eingegangen wird, das das 20. Jahrhundert zu bieten hat: das Jonestown-Massaker in Guyana 1978. Eine mögliche Erklärung, die ich mir zusammengereimt habe, lautet: Jonestown kann man schwerlich den religiös "Konservativen" anlasten, da es sich um ein dezidiert "progressives" Projekt handelte. Der "People's Temple"-Gründer Jim Jones erlangte in den 1960er-Jahren Prominenz als Vorkämpfer gegen Rassentrennung und genoss bis weit in die 70er hinein beträchtliches Ansehen im politisch linken und liberalen Lager; zu seinen Unterstützern zählten US-Vizepräsident Walter Mondale, First Lady Rosalynn Carter und der Bürgerrechtler Harvey Milk, bis heute eine Kultfigur der LGBT-Bewegung. Dass ebendieser Jim Jones als größenwahnsinniger Diktator einer Dschungelkommune endete und für den Tod von über 900 Menschen (darunter mehr als 300 Kinder) verantwortlich war, macht die Erinnerung an ihn, gelinde gesagt, peinlich

Unlängst, nämlich am 13. Mai, wäre Jim Jones 90 Jahre alt geworden, und zu diesem Anlass widmete der New Zealand Herald ihm ein ausführliches Portrait. Dass Jones darin gleich eingangs als "one of the most evil men in American history" apostrophiert wird, erscheint mir unglücklich, da dadurch von vornherein der Blick auf die Frage verstellt wird, ob es sein könnte, dass der Sektengründer und -führer zumindest anfangs und zumindest seiner eigenen Wahrnehmung zufolge eigentlich gute Absichten hatte. So erscheint alles Positive, das man seinem Wirken abgewinnen könnte - wie eben sein Engagement gegen Rassendiskriminierung - als bloße Taktik, beziehungsweise als bloßes Mittel, um Anhänger zu gewinnen und somit Macht zu erlangen

Möglicherweise trifft diese Einschätzung auf Jim Jones tatsächlich zu; vielleicht liegt der Fall aber auch komplexer. Schon als Kind sei Jones als intelligent, aber auch sonderbar aufgefallen, heißt es im Artikel des New Zealand Herald; er sei fasziniert von Marx, Stalin, Mao, Gandhi und Hitler (!) gewesen, gleichzeitig habe er starkes Interesse an Religion gezeigt -- und am Tod. Als junger Erwachsener habe er Veranstaltungen der Kommunistischen Partei der USA besucht; ungefähr gleichzeitig oder etwas später habe er, u.a. beeinflusst durch das Erlebnis charismatischer Heilungsgottesdienste, gesteigertes Interesse am Potential der Kirche zur Beeinflussung von Menschen entwickelt. -- Bereits hier macht sich die Oberflächlichkeit des Artikels - dem es mehr darum zu gehen scheint, Jim Jones zum filmreifen Bösewicht zu stilisieren, als darum, seinen Werdegang präzise nachzuzeichnen - nachteilig bemerkbar. In welchem Verhältnis standen Jones' Sympathien für den Kommunismus und seine religiösen Interessen zueinander? Strebte er - zumindest anfangs - eine genuine Synthese von christlichem Glauben und marxistischer Ideologie an? Benutzte er religiöse Rituale und religiöses Vokabular nur als ein Vehikel, um sozialistische Ideen unters Volk zu bringen? Oder war für ihn beides von vornherein nur Mittel zum Zweck, nämlich dazu, einen Kult um die eigene Person aufzubauen? Je nachdem, was für Quellen man befragt, bekommt man hierauf durchaus unterschiedliche Antworten, aber dieser Artikel stellt noch nicht einmal die Frage. Auch über Jones' kirchliche Karriere erfährt man so gut wie nichts: Autor Graham bezeichnet ihn als "selbsternannten" Geistlichen, was strenggenommen nicht stimmt, da Jones sogar von zwei verschiedenen Denominationen - den zur Pfingstbewegung zählenden "Independent Assemblies of God" und den eher liberal-protestantischen "Disciples of Christ" - ordiniert wurde. Seine eigene Gemeindegründung, aus der nach mehreren Orts- und Namenswechseln schließlich der "People's Temple" wurde, stand zumindest anfangs der Pfingstbewegung nahe, entfernte sich aber etwa ab Mitte der 60er immer deutlicher vom Christentum und entwickelte sich zu einem ganz auf die Person Jones' als Quasi-Messias zugeschnittenen Kult. 

An dieser Stelle mal ein Einschub: Man könnte vielleicht fragen, warum ich diesen Artikel empfehle, wenn ich andererseits so viel an ihm auszusetzen habe. Aber ich denke, als Einstieg ins Thema eignet er sich durchaus gut, gerade auch dann, wenn man sich durch seine Leerstellen dazu motivieren lässt, eigenständig weiterzurecherchieren  Und in dem Maße, wie der Artikel sich inhaltlich dem dramatischen Showdown in Jonestown nähert, wird er tatsächlich besser. So enthält er geradezu eine "Checkliste" zum Thema "Ist meine spirituelle Gemeinschaft dabei, sich zu einem extremistischen, destruktiven Kult zu entwickeln?", mit den folgenden Punkten: 

  1. Personenkult: Der Leiter der Gemeinschaft wird zur einzigartigen Lichtgestalt verklärt. Nur er allein hat die Antworten auf die Sorgen und Nöte seiner Anhänger, nur er kann eine bessere Zukunft schaffen. Ohne ihn ist alles sinnlos. 
  2. "Wir" gegen "die": Alle, die der Gemeinschaft nicht angehören oder sie nicht zumindest unterstützen, werden als Feinde betrachtet, denen man nicht trauen dürfe und vor denen man sich schützen müsse. 
  3. Abschottung: Die Mitglieder der Gemeinschaft werden von der "Außenwelt" isoliert, sollen keine sozialen Kontakte außerhalb der Gemeinschaft haben, nicht einmal zu Familienmitgliedern, sofern diese nicht ebenfalls der Gemeinschaft angehören. 
Der Artikel zeichnet ein durchaus eindringliches Bild vom Leben in der mitten im Dschungel von Guayana errichteten Kommune Jonestown und insbesondere von der Eskalation der Ereignisse, die mit dem Besuch des Kongressabgeordneten Leo Ryan und einer Gruppe "besorgter Angehöriger" begann und in den Tod fast aller Einwohner von Jonestown mündete. Obendrein verdanke ich diesem Artikel die Erkenntnis, dass die sarkastische Redewendung "drink the Kool-Aid", die mir schon ein paarmal begegnet ist, die ich aber nicht recht einordnen konnte ("to drink the Kool-Aid" heißt sinngemäß so viel wie "kritiklos an die Propaganda glauben"), sich auf das mit Blausäure vergiftete Fruchtsaftgetränk bezieht, mit dem die Einwohner von Jonestown ihren erzwungenen Massenselbstmord begingen. -- Insgesamt erscheint mir die Geschichte von Jim Jones und dem "People's Temple", so schrecklich sie auch ist, als in vielfacher Hinsicht lehrreich, und ich denke, es kann nicht schaden, sich noch eingehender damit zu befassen. 

Im US-Bundesstaat Michigan wurde ein Priester wegen des Inhalts einer Predigt verklagt. Das Gericht hat die Klage jedoch angewiesen: Aufgrund der verfassungsmäßig garantierten Religionsfreiheit sei ein staatliches Gericht schlichtweg nicht befugt, den Inhalt einer Predigt zu beurteilen. 

Soweit die Kurzfassung; besondere Brisanz gewinnt der Fall allerdings dadurch, dass es bei diesem Streitfall um eine Predigt bei einer Beerdigung ging, und die Kläger waren die Eltern des Toten -- der im Alter von 18 Jahren Selbstmord begangen hatte. Die Eltern hatten die Todesursache ihres Sohnes nicht öffentlich gemacht und reagierten nun entsetzt, dass der Priester in seiner Predigt darauf einging; und erst recht entsetzt waren sie offenbar über die Art und Weise, wie er das tat. Jedenfalls werfen sie ihm absichtliche Verletzung ihrer Gefühle und ihrer Privatsphäre vor; der Priester seinerseits erklärt, "wie bei jeder Beerdigung" habe er die Absicht gehabt, den Hinterbliebenen in ihrem Kummer beizustehen, und er bedaure zutiefst, dass ihm dies im vorliegenden Fall entschieden misslungen sei und er der Familie stattdessen "zusätzlichen Schmerz bereitet" habe. 

Aber was hat er in der Predigt denn nun eigentlich gesagt? Der Artikel des Catholic News Service stellt klar, aus dem von der Erzdiözese veröffentlichten Text der Predigt gehe hervor, dass der Priester nicht - wie man ihm vorgeworfen hatte - erklärt habe, Selbstmörder könnten nicht in den Himmel kommen; im Gegenteil habe er die "Hoffnung auf die Ewigkeit auch für jene" betont, "die ihrem Leben selbst ein Ende setzen", und erklärt "Nichts - nicht einmal Selbstmord" könne "uns trennen von der bedingungslosen Liebe Gottes"; andererseits habe er aber auch nicht verschwiegen, dass der Akt der Selbsttötung "gegen Gott gerichtet ist, der uns geschaffen hat, und zugleich auch gegen alle, die uns lieben": 

"Unser Leben ist nicht unser Eigentum. Wir können nicht einfach damit tun und lassen, was uns beliebt." 

Sofern diese Auszüge geeignet sind, einen zutreffenden Eindruck von der gesamten Predigt zu vermitteln, würde ich sagen, inhaltlich hat der Priester schlichtweg Recht, und es entspricht auch seiner Verantwortung als Seelsorger, diese Dinge anzusprechen -- wobei die Frage legitim erscheint, ob er dies nicht besser im Rahmen eines persönlichen Seelsorgegesprächs hätte tun sollen statt in einer öffentlichen Predigt. Zu denken gibt es jedenfalls, dass das Erzbistum Detroit beschlossen hat, den Priester nicht mehr bei Beerdigungen predigen zu lassen und seine sonstigen Predigten von einem geistlichen "Mentor' kontrollieren zu lassen. 

Was soll man nun zu alledem sagen? Natürlich, es handelt sich um eine hochgradig emotional aufgeladene Angelegenheit, die man als Unbeteiligter, speziell wenn man bei der Beerdigung nicht dabei war, schwer beurteilen kann und vielleicht auch gar nicht sollte; aber ich kann mir nicht helfen: Tendenziell liegen meine Sympathien eher auf der Seite des Priesters. Mehr als alles andere hat dazu ein früherer Artikel zum selben Thema beigetragen, in dem eine Pressemitteilung der von den Eltern beauftragten Anwaltsfirma zitiert wird. Darin heißt es, die Eltern hätten den Priester im Vorfeld ausdrücklich ersucht, eine "positive, aufbauende" Predigt zu halten, die "das Leben ihres Sohnes feiern" sollte, und der Priester habe sich über diesen ausdrücklichen Wunsch hinweggesetzt. 

Was stört mich daran? Zweierlei. Erstens entsteht hier der Eindruck, die Eltern hielten die Predigt bei der Beerdigung ihres Sohnes für eine bestellte Dienstleistung und glaubten ein Recht darauf zu haben, dass der Priester so predigt, wie sie es wollen. Diese Erwartungshaltung ist schon mal ganz grundsätzlich abzulehnen. Und zweitens: Wenn ich bei einem christlichen Begräbnis bin, und die Predigt (bzw. Ansprache, wie man in so einem Fall wohl besser sagen sollte) dreht sich ganz oder überwiegend darum, die Biographie des Verstorbenen zu würdigen, dann denke ich unwillkürlich: Tun das nicht auch die Heiden? Sinn und Zweck einer Predigt bei einer christlichen Begräbnisfeier ist es, den Trauergästen eine christliche Perspektive auf das Thema Tod, Auferstehung und Ewiges Leben zu eröffnen; liebevolle Erinnerungen an den Verstorbenen austauschen können die Gäste zweifellos ohnehin besser untereinander

Einen detaillierteren Kommentar zur beanstandeten Predigt bietet der Kirchenrechtler Ed Peters auf seinem Blog

Ohrwurm der Woche: Clifton Hicks, "Cotton-Eyed Joe" 


Ich fürchte, dies ist das neue Lieblingslied meines vier Monate alten Sohnes; jedenfalls freut er sich immer, wenn ich es ihm vorsinge. Wer bisher nur die schröcklich schlimme Eurodance-Version der schwedischen Radaukapelle Rednex kannte, dem sei gesagt, dass "Cotton-Eyed Joe" ein traditioneller Folksong ist, von dem es zahllose verschiedene Versionen (übrigens auch mit sehr unterschiedlichen Textvarianten) gibt; ich mag die Version von Clifton Hicks am liebsten, zum Teil wohl auch, weil sie so etwas Düsteres an sich hat. 

Aus der Lesehore: 

Vor allem ermahnen wir euch, dass ihr die Liebe habt: nicht allein untereinander, sondern auch zu denen, die draußen stehen, ob sie nun Heiden sind, die noch nicht an Christus glauben, oder, von uns geschieden, sich zwar zum Haupt bekennen, aber vom Leib getrennt sind. Wir wollen um sie trauern wie um Brüder; denn ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, sie sind unsre Brüder. Von gewissen Menschen sagt der Prophet: "Zu denen, die da sagen: Ihr seid nicht unsre Brüder, sprecht: Ihr seid unsre Brüder" (Jesaja 66,5). 

 (Hl. Augustinus)


 

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