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Samstag, 19. Januar 2019

Keine Gentrifizierung in Nordenham-Einswarden


Beim Stöbern in meinem Blog-Archiv bin ich unlängst auf einen, wie ich finde, arg unterschätzten - d.h. viel zu wenig gelesenen - Artikel aus dem Sommer 2018 gestoßen: Es geht darin um Wölfe im Yellowstone-Nationalpark und ehemalige Klöster in der Wesermarsch, aber eigentlich bildet dieser Artikel sozusagen das Kernstück einer ganzen Reihe von Beiträgen aus dem letzten Sommer, in denen ich mir Gedanken über mögliche Kombinationen aus alternativen Wohn- und christlichen Missionsprojekten gemacht habe – sozusagen eine Schnittmenge aus BenOp und Punkpastoral, und das alles mit Blick auf meinen Heimatlandkreis, die schöne Wesermarsch. Denn einerseits kenne ich mich da aus und andererseits sind strukturschwache Regionen ja aus offensichtlichen Gründen besonders geeignet für solche Projekte.

Nicht eingegangen war ich in diesem Zusammenhang auf den Nordenhamer Stadtteil Einswarden – und das ist eigentlich erstaunlich, denn gerade über diesen gäbe es eine ganze Menge zu sagen. Einswarden ist nämlich ein sogenannter "sozialer Brennpunkt". Bemerkenswerterweise gibt es mindestens zwei Blogs von Einwohnern Einswardens, die sich mit dem Wohl und Wehe ihres Stadtteils befassen: Der eine heißt schlicht "Einswardenblog", der andere "Blogwarden". 

In beide Blogs hatte ich schon früher gelegentlich mal reingeschaut, aber so richtig wurde mein Interesse an den aktuellen Plänen der Stadt Nordenham zur Stadtteilsanierung erst geweckt durch einen Artikel, der am letzten Tag des Jahres 2018 auf "Blogwarden" erschien. Darin berichtet der Autor, er habe "eine Einladung der Stadt Nordenham zu einer Bürgerversammlung im Mehrzweckhaus Einswarden am 15. Januar 2019 um 18 Uhr" erhalten, und richtet dabei besonderes Augenmerk auf den Umstand, dass im Text der Einladung sogenannte "Schrottimmobilien" als "Schwerpunkte der Missstände" im Stadtteil hervorgehoben werden:
"[I]n dem Anschreiben ist nunmehr [...] die Rede [...] von 'Schrottimmobilien' im Bereich Niedersachsenstraße/Friesenstraße […]. Mit anderen Worten, es geht der Stadt nicht nur um den Abriss der Schrottimmobilien an der Niedersachsenstraße. Die Stadt und die Stadtbaurätin denken in größeren Dimensionen",
stellt der Blogger fest -- und fügt hinzu: 
"Man darf nun gespannt sein, mit welchen wohlgesetzten Worten den Einswarder Bürgern der Abriss eines ganzen Stadtviertel-Karres und somit die Verknappung von Wohnraum mit entsprechenden Auswirkungen auf die Mieten schmackhaft gemacht wird."
Da wurde ich dann doch hellhörig! -- Wie ein Blick aufs Datum uns belehrt, hat die angekündigte Bürgerversammlung inzwischen stattgefunden - laut einem Bericht der Nordwest-Zeitung "vor rund 60 Bürgern" -, und der Verfasser des "Einswardenblogs" fasst seinen Gesamteindruck gleich zu Beginn seines Berichts mit den Worten "Bürgerbeteiligung gleich Null!" zusammen (dieselbe Formulierung findet sich einen Tag später auch als Artikelüberschrift auf "Blogwarden"), und in einem "P.S." merkt er an: "Ob das den Bewohnern des Sanierungsgebietes so 'schmeckt' wage ich zu bezweifeln." 

Nun, jedenfalls ist das "Städtebauliche Entwicklungskonzept für den Bereich Einswarden-Zentrum", das auf dieser Bürgerversammlung vorgestellt wurde, online als PDF-Datei verfügbar, also habe ich mir das mal zu Gemüte geführt. Praktisch das erste, was mir daran auffiel, war, dass auf S. 4 der Umstand, dass der Stadtteil Einswarden trotz seiner Randlage "flächenmäßig außerordentlich stark eingeengt" sei, u.a. damit begründet wurde, dass 
"auf den westlich der stark befahrenen Martin-Pauls-Straße liegenden Flächen [...] wegen der gegenwärtig zu hohen Schadstoffbelastungen des Bodens eine Wohnbebauung nur nach erheblichen Sanierungsmaßnahmen möglich" 
sei.  Hm, dachte ich. Verseuchte Böden? Da gab es doch mal diesen Anime-Film, mit Pilzen, die dem Boden Schadstoffe entziehen -- wie hieß der denn noch? Ach ja: 



Den Film habe ich vor Jahren mal mit meiner Liebsten gesehen, die, wie ich wohl schon verschiedentlich erwähnt habe, Biologin ist und mich darauf hinwies, dass so eine Art biologischer Abbau von Schadstoffen im Boden im Prinzip durchaus möglich sei, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie im Film. Ein Twitter-Bekannter von mir (ein Dominikanerpater, der zugleich auch Biochemiker ist) hat sogar über dieses Thema promoviert und mir ein Abstract seiner Doktorarbeit geschickt. Aber das vorerst nur mal am Rande. 

Zur Gesamtsituation in Einswarden ist übrigens anzumerken, dass von 1999 bis 2013 im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt" bereits  rd. 7 Mio Euro an Fördermitteln in den Stadtteil investiert wurden; demgegenüber sehen die aktuellen Sanierungsvorhaben lediglich ein Budget von rd. 1,2 Mio Euro vor. Im Entwicklungskonzept heißt es auf S. 4, die "in den Stadtteil Einswarden geflossenen Städtebauförderungsmittel" hätten "ihre positiven Spuren hinterlassen und dazu geführt, wesentliche Zielsetzungen zu erreichen"; auch hätten die "durchgeführten investiven Maßnahmen [...] bei der Einswarder Bevölkerung einen positiven Eindruck hinterlassen". Ich habe indes den Eindruck, dass beispielsweise die Autoren von "Einswardenblog" und "Blogwarden" dieser optimistischen Einschätzung eher widersprechen würden; genauer gesagt hat einer von ihnen die behaupteten positiven Auswirkungen mir gegenüber auf Nachfrage explizit bestritten. Was umso weniger überrascht, als die Ausführungen im Entwicklungskonzept sich im Grunde selbst widersprechen: Auf S. 7 liest man nämlich, "[s]eit dem Ende des Städtebauförderungsprogramms 'Soziale Stadt'" habe sich "die Situation in Einswarden entgegen den Erwartungen leider verschlechtert". Schuld daran sollen vor allem die weiter oben bereits angesprochenen "Schrottimmobilien" sein.

"Hierbei handelt es sich um Wohnblöcke, die sich in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand befinden oder zum großen Teil nicht mehr bewohnbar sind und daher leer stehen", heißt es auf S. 6. "Die Vernachlässigung dieser Wohnblöcke, die sich heute in einem noch schlimmeren Zustand befinden, schädigt das Image des Stadtteils nachhaltig" (ebd.). "Teilweise zeigen sich irreparable Schäden. Das negative Bild in diesem Gebiet färbt sich auf den gesamten Stadtteil ab" (S. 7). "Insofern sorgt der Zahn der Zeit für eine kontinuierliche Abwärtsspirale, die es aufzuhalten gilt" (ebd.). 

Das mit der "Abwärtsspirale" ist übrigens ein durchaus interessantes Stichwort. Es gibt allerlei empirische Studien über den sozialen Abstieg von Wohnvierteln, und auch präzise darüber, wie bzw. womit ein solcher Abstieg beginnt. Eine zentrale Erkenntnis dieser Forschungen wird in dem Schlagwort "Broken-Window-Effekt" zusammengefasst, benannt nach dem Phänomen, dass eine einzige kaputte Fensterscheibe, wenn sie nicht innerhalb einer bestimmten Zeitspanne repariert wird, in der Nachbarschaft eine wahre Kettenreaktion der Verwahrlosung auslösen kann. Ähnlich ist es etwa mit Müll, der auf dem Gehsteig liegt: Ab einer bestimmten Menge ist die Wahrscheinlichkeit, dass Leute ihren eigenen Müll dazu schmeißen, höher als die, dass sich mal jemand die Mühe macht, den Müll wegzuräumen. 

In diesem Sinne mag also durchaus etwas dran sein an der Vorstellung, die "Schrottimmobilien" seien quasi ein eiternder Entzündungsherd im Organismus des Stadtteils. Die stadtplanerischen Überlegungen, die dem Entwicklungskonzept zugrunde liegen, zielen jedoch auf mehr ab als bloß darauf, den Trend zum weiteren Verfall des Stadtteils aufzuhalten und, soweit möglich, umzukehren. In dem bereits angesprochenen NWZ-Artikel ist von "Vorhaben mit Initialwirkung" die Rede, "um den Stadtteil nach vorne zu bringen und ihm zu einem besseren Image zu verhelfen"; das Entwicklungskonzept selbst spricht von einer "zukunftsorientierte[n] Stadtentwicklungspolitik" mit dem Ziel einer "frühzeitige[n] Anpassung [...] auf die städtebaulichen Auswirkungen des Strukturwandels, der hauptsächlich durch demographische Veränderungen ('Weniger-Bunter-Älter') und wirtschaftlichen Wandel herbeigeführt wird" (S. 3).
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Die angestrebte "Aufwertung" des Stadtteils hat somit nicht in erster Linie zum Ziel, die Lebensqualität für die vorhandenen Einwohner zu verbessern; vielmehr werden die vorhandenen Einwohner als Teil des Problems betrachtet:
"Der völlig veraltete Immobilienbestand mit Schwerpunkt im südlichen Zentrum, der stark anwachsende Anteil von Migranten und von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen, der starke Rückgang der ehemals intakten Handels- und Handwerkerstruktur und damit des Mittelstandes, die Auflösung von Vereinen sowie die Konzeptlosigkeit einer großen auswärtigen Immobiliengesellschaft und von anderen Privateigentümern bilden letztlich die Ursache für den stetigen Abstieg des Stadtteils." (S. 8)
Mit anderen Worten: Der Kern des ganzen Problems 
"liegt ganz offensichtlich im Zusammenhang zwischen niedrigeren Einkommen und dem günstigem, da wenig attraktivem Wohnraum. Gleichzeitig verhindern diese Rahmenbedingungen zum einen die Sanierung der betroffenen Wohnungen, da eine Abschöpfung von Investitionen über die Mieten kaum möglich ist, zum anderen blockieren diese Entwicklung und die sich im Verfall befindlichen Gebäude einen Zuzug einkommensstärkerer Bevölkerungsgruppen, die die Sozialstruktur in diesem Gebiet verändern würden." (S. 7)
Das eigentliche Ziel des von der Stadtverwaltung betriebenen Sanierungsvorhabens liegt also, wie das Entwicklungskonzept mit bemerkenswerter Offenheit zu erkennen gibt, darin, den Stadtteil Einswarden zu gentrifizieren. Das Dumme daran ist: Gentrifizierung kann man eben nicht "machen". Sie ist ein organischer Prozess, der üblicherweise damit beginnt, dass eine im weitesten Sinne irgendwie "alternative" Klientel sich, gewissermaßen als "Pioniere", gezielt in schlechten und darum billigen Wohngegenden niederlässt und diesen durch ihre Kreativität und Eigeninitiative ein Flair verschafft, das auf längere Sicht auch Besserverdienende anlockt. Ob das in einer Industriesiedlung in Randlage wie Einswarden, die weder die Vorzüge des Landlebens noch echte Urbanität bieten kann und somit quasi "worst of both worlds" ist, überhaupt funktionieren würde, ist schon fraglich genug; was jedoch ganz sicher nicht funktioniert, ist der Versuch, die "Pionierphase" der Gentrifizierung durch stadtplanerische Maßnahmen quasi zu überspringen und gleich mit den Besserverdienenden anzufangen. Mal ganz abgesehen von der Frage, wo die Besserverdienenden angesichts offenbar nicht gerade berauschender Erwerbsmöglichkeiten vor Ort überhaupt herkommen sollen -- bzw. wie man erwarten können sollte, dass sie ihr höheres Einkommen quasi nach Einswarden mitbringen, wenn sie es nicht vor Ort erwirtschaften können. Das ergäbe ja höchstens bei einer Klientel Sinn, die ihr Geld ortsunabhängig, also beispielsweise im Internet, verdient. Aber ob die sich nun gerade in einer Industriesiedlung in Randlage... ich wiederhole mich. 

Das scheint mir der entscheidende Webfehler auch derjenigen Aspekte des Entwicklungskonzepts zu sein, die sich an und für sich gar nicht so schlecht anhören. Etwa der Punkt "Gemeinschaftliches Wohnen": Nach einem geplanten "Abbruch der sich im Verfall befindlichen Gebäude an der Niedersachsenstraße 52 bis 62", wodurch "die wohl problematischste Bausubstanz in Einswarden beseitigt" und zugleich "eine neue Platzsituation" entstehen würde, der "eine neue urbane Funktion zugewiesen werden" soll ("mit der Möglichkeit, dort durch ein/einen Cafe/Bäcker/Kiosk etc. einen neuen Ort des Miteinanders zu etablieren" -- alle Zitate von S. 12), wobei im Gegenzug geplant ist, "den leider wenig ambitioniert gestalteten und funktionslos gewordenen Marktplatz aufzugeben" und dessen Fläche lieber "für eine Wohnbebauung" zu nutzen (S. 14), wird eine "Modernisierung/Instandsetzung/Erweiterung der verbliebenen 'Schrottimmobilen“ zur Schaffung eines 'Mehrgenerationenquartiers'" angestrebt -- 
"ein vielfältiges Immobilienangebot für Jung und Alt, Familien und Singles [...]. Altbauflair in Neubau-Qualität. [...] Ein lebendiger Austausch zwischen den Generationen, Kulturen, Menschen mit und ohne Behinderungen bereichert den Lebensalltag und fördert die Gemeinschaft und Integration der Menschen. Barrierefreie Architektur ermöglicht Gemeinschaft und schafft gleichzeitig Raum für Rückzug und Privatheit." (S. 11) 
Die strategische Überlegung hinter diesem Wohnkonzept lautet: 
"Das Wohnen im zukünftigen Quartier soll auf die demographische Entwicklung und die Veränderungen der Stadt eingehen. Diese ist geprägt von der Singularisierung der älteren Menschen und Migranten in jedem Alter, Alleinerziehende, Auflösung nachbarschaftlicher und familiärer Strukturen, Bindungen und Unterstützungen. [...] Bei diesem Wohnmodell/Mehrgenerationenwohnen besteht die Idee darin, dass aus dem bewussten Miteinander verschiedener Generationen gegenseitige Hilfestellung und Betreuung erwachsen. Auch die sog. soziale Kontrolle kann durch solche Wohnformen zunächst entwickelt und dann gestärkt werden ('verlässliche Nachbarschaft'). Hilfsbedürftige Ältere können mit Unterstützung der Mitbewohner länger in ihrer Wohnung bleiben, Jüngere (zum Beispiel Alleinerziehende mit Kindern) erfahren Entlastung durch Ältere, die geistig und körperlich noch vital sind. Mitgefördert werden soll darüber hinaus auch das gemeinschaftliche Wohnen von überwiegend Älteren, die bereit sind, sich gegenseitig zu unterstützen (Alt hilft Alt)." (ebd.) 
Klingt eigentlich ganz vielversprechend, oder? -- Nun ja, teils-teils, würde ich mal sagen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist offenbar die Feststellung: Die Auflösung traditioneller Familien- und Nachbarschaftsstrukturen hat die Menschen voneinander isoliert, und das verursacht soziale Probleme. Soweit stimme ich zu. Daraus schlussfolgert man nun einen Bedarf an neuen Formen von Gemeinschaft. Ebenfalls einverstanden. Aber was für eine Gemeinschaft soll das denn überhaupt sein, was ist das gemeinschaftsstiftende Element? Glauben die Stadtplaner ernsthaft, die Menschen hätten sich quasi aus Versehen voneinander isoliert, und man müsse ihnen nur die Infrastruktur für gemeinschaftliches Wohnen hinstellen, dann würden sie schon von alleine merken, dass das viel besser ist? 

"Das Zusammenleben basiert ausschließlich auf Freiwilligkeit, verbindliche, das heißt verpflichtende Regeln für einen qualifizierten Leistungsaustausch gibt es nicht", stellt das Entwicklungskonzept klar (ebd.). Na, viel Glück damit. Ich hätte da mal einen Pro-Tipp: Die goldene Mitte zwischen totaler Unverbindlichkeit und Zwang heißt freiwillige Selbstverpflichtung -- die dann aber, wenn sie einmal eingegangen wurde, sehr wohl verbindlich sein muss, sonst hat das Ganze von vornherein keinen Zweck. Freilich kann man eine solche freiwillige Selbstverpflichtung nur von Menschen erwarten, die mehr miteinander verbindet als nur die zufällige Tatsache, im selben Wohnblock zu leben. Und da fragt sich dann eben wieder, was dieses Mehr in diesem Falle sein soll. 

Und schließlich stellt das Entwicklungskonzept auch hier wieder klar, dass es darum geht, eine einkommensstarke Klientel anzulocken: "Und dieses Quartier sollte ein gehobenes Niveau haben, um eine entsprechende Zielgruppe zu erreichen" (ebd.). --- Lest es mir von den Lippen ab, Freunde: 

Es. Wird. Nicht. Funktionieren. 

Wesentlich aussichtsreicher erschiene es mir, diejenigen "Schrottimmobilien", die noch nicht völlig irreparabel verkommen sind, gezielt (und billig) an "Pioniere" im oben angedeuteten Sinne zu vermieten -- Leute mit wenig Geld, aber viel Eigeninitiative, Do-It-Yourself-Heimwerker-Fähigkeiten und einem Hang zu sozialem Engagement. Und die könnten dann ihre eigenen Mehrgenerationen-Gemeinschaftswohnprojekte organisch "von unten her" aufbauen, statt sie von überambitionierten Stadtplanern fertig hingestellt zu bekommen. 

Dafür, wie realistisch solche Überlegungen sind, ist es natürlich nicht unerheblich, wie schlimm die Verslummung im Einswarder Zentrum tatsächlich ist. Ob also beispielsweise Familien, die sich da ansiedeln wollten, ernsthaft Angst um ihre Kinder haben müssten. -- Wie die NWZ berichtet, hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen eine Befragung unter Schülern der 7. bis 10. Klassen an Nordenhamer Schulen durchgeführt und dabei festgestellt,  dass Gewalt, Mobbing und sexuelle Belästigung unter Nordenhamer Schülern häufiger vorkommen als im niedersächsischen Landesdurchschnitt. Interessant wäre nun, ob die Ergebnisse der Studie - die auch "delinquentes und abweichendes Verhalten" wie z.B. "Alkohol- und Drogenkonsum, Glücksspielsucht, Schulschwänzen" erfasst - nach einzelnen Schulen aufgeschlüsselt sind und wie da z.B. die Werte für das zum Stadtteil Einswarden gehörende Schulzentrum am Luisenhof aussehen. Wie mir die Projektleiterin auf Nachfrage mitteilte, ist der Forschungsbericht noch nicht veröffentlicht, aber sie hat versprochen, mir Bescheid zu geben, wenn es soweit ist. Aber auch damit wären ja diejenigen sozialen Brennpunktfaktoren, die sich außerhalb des schulischen Bereichs abspielen, noch nicht erfasst. Wie sieht's aus mit Drogensucht und Drogenhandel, Bandenkriminalität, illegaler Prostitution? Ich frag ja nur. Sollten die Straßenzüge mit den sogenannten "Schrottimmobilien" tatsächlich nicht nur in Hinblick auf die Bausubstanz, sondern auch in Hinblick auf die Sozialstruktur ihrer Bewohner ein echtes "shithole" sein, dann wäre das eventuell ein Fall für die "Franziskaner der Erneuerung". Die lassen sich gezielt in richtig üblen Gegenden nieder, um den Leuten dort sowohl lebenspraktische Hilfeleistungen als auch seelsorgerische Betreuung zu bringen. Ich habe mal einen spannenden Film darüber gesehen -- hier der Trailer: 


Sollte es - was ich ehrlich gesagt nicht glaube - im Einswarder Sanierungsgebiet tatsächlich so finster aussehen wie in den Gegenden, in denen der Film spielt, könnte ich durchaus einen Kontakt zu den Franziskanern der Erneuerung herstellen. Falls es aber doch nicht so arg ist, stellt sich die Frage: Was macht eigentlich die örtliche Kirchengemeinde so? Ich denke da in erster Linie an die katholische. Deren Geschichte (die in einem NWZ-Artikel aus dem Jahr 2007 übersichtlich zusammengefasst wird) hat nämlich einen engen Bezug zur spezifischen Sozialstruktur des Stadtteils -- denn wie kommen überhaupt Katholiken in so eine seit Jahrhunderten erz-evangelisch geprägte Gegend? Die Antwort lautet: erstens durch Arbeitsmigration und zweitens durch die Vertreibung aus den Ostgebieten, insbesondere Schlesien, im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg. In Einswarden war es zunächst die Industrialisierung, die den Zuzug von "Werft- und vor allem Hüttenarbeiter[n] katholischer Konfession aus dem Ruhrgebiet" veranlasste; diese feierten ihre Gottesdienste "zunächst im Kasino Friedrich-August-Hütte [...], seit 1921 [...] in der Volksschule [...]. Zunächst kam dafür ein katholischer Pfarrer aus Brake. [...] 1927 begann der Bau einer Kirche […], d[ie] Anfang 1928 geweiht wurde" und das Patrozinium Herz Jesu erhielt.
"Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Katholiken durch die Vertreibungen aus den Ostgebieten stark an: von 650 im Jahre 1940 auf 2500 im Jahre 1949. Erst 1964 wurde Einswarden von der Mutterpfarre St. Willehad abgetrennt und selbstständig." 
Diese Selbständigkeit bewahrte die Pfarrei Herz Jesu Einswarden bis 2010, dann wurde sie erneut mit St. Willehad zusammengelegt. Anfang 2015 wurde die Einswarder Kirche als Gottesdienststandort geschlossen -- "vorläufig", da über eine endgültige Schließung der Bischof in Münster entscheiden müsste. Was meines Wissens bis heute nicht erfolgt ist, weder in die eine noch in die andere Richtung.

Alles in allem scheint die Parreienfusion dem Einswarder Gemeindeteil nicht gut getan zu haben, und ich neige dazu, einen Grund dafür im sozialen Gefälle zwischen den Gemeindeteilen zu sehen. Ich mag mich täuschen, aber mein Eindruck ist, dass der katholische Bevölkerungsanteil in der Nordenhamer Innenstadt und im Stadtsüden eher von "Besserverdienenden-Arbeitsmigration" geprägt ist und dass folglich am Gemeindestandort St. Willehad eher Lehrer, Ärzte, Juristen und Unternehmer den Ton angeben. Und die haben mit den erheblich ärmeren Einswardern wohl eher wenig am Hut. Das ist bedauerlich, denn angesichts der zahlreichen Probleme in Einswarden hätte die Kirche dort einen echten sozialen Auftrag -- der leicht auch einen missionarischen (oder sagen wir "neuevangelisierenden") Aspekt haben könnte. Dem NWZ-Artikel von 2007 zufolge gehör(t)en zur Gemeinde von Herz Jesu "alt gewordene Vertriebene, Spätaussiedler aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion sowie Asylbewerber"; "In unserem Gottesdienst versammeln sich bis zu 30 Nationen", wird der damalige Pfarrer Alfons Kordecki zitiert. Da es im "Städtebaulichen Entwicklungskonzept" heißt, im Sanierungsgebiet lebten neben "Bürger/Innen mit türkischer Herkunft [...] auch deutsche Familien und Familien mit osteuropäischen Hintergrund, vielfach mit sozialen Problemen" (S. 7), könnte ich mir vorstellen, dass ein signifikanter Teil der Letzteren katholisch ist -- und selbst wenn nicht: Es hat wohl noch keiner Kirchengemeinde geschadet, sich auch um Menschen zu kümmern, die (noch) nicht zu ihrer Glaubensrichtung gehören. Wenn in Einswarden schon keine Gottesdienste mehr stattfinden, könnte man doch zumindest das Gemeindehaus - das 1978 errichtete "Witten-Huus" - für allerlei soziale Projekte nutzen. Eine Suppenküche, einen Foodsharing-Treffpunkt, einen Waschsalon auf Spendenbasis, was weiß ich. Ich spinne einfach mal rum. Wer die Verhältnisse vor Ort besser kennt, könnte leicht noch bessere Ideen haben als ich. Oder einfach mal in Erfahrung bringen, was die Leute vor Ort wollen und brauchen.

Ich gebe zu, ich habe keine Ahnung, was in dieser Richtung womöglich bereits unternommen wird. Immerhin hat der Einswarder Gemeindeteil noch eine eigene Kolpingsfamilie, und es kann ja sein, dass die schon eine ganze Menge macht, was bloß nicht so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, dass ich in Berlin etwas davon mitkriegen würde. Da lasse ich mich also gern von gut informierten Lesern belehren. Das gilt im Übrigen auch für andere Aspekte dessen, was ich in diesem Artikel so alles zusammenspekuliert habe. Ich freue mich also auf Kommentare, auch und gerade auf kritische!


Donnerstag, 17. Januar 2019

Nenn mich nicht heterosexuell!

Matthias Albrecht, Jahrgang 1982, schreibt für den auf dem Portal evangelisch.de gehosteten Blog "kreuz & queer" und führt einen einsamen Feldzug für die Aufnahme der Formulierung "homosexuell begabt" in den allgemeinen Sprachgebrauch. Ich nenne diesen Feldzug "einsam", weil man, wenn man diese Phrase bei Google eingibt, praktisch ausschließlich Fundstellen angezeigt bekommt, die auf Texte von Matthias Albrecht verweisen.

Dass der junge Mann mit seinem Bemühen, seine Lieblingsformulierung zu popularisieren, so wenig Erfolg hat, ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die ihr zugrunde liegende Überzeugung, Homosexualität sei "eine gute Gabe Gottes", doch von nicht gerade wenigen liberalen Theologen und auch von Amtsträgern der in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen mehr oder weniger explizit geteilt wird. 

Albrechts jüngsten Artikel auf "kreuz & queer", in dem er näher zu erläutern versucht, warum er "lieber von homosexuell begabten Menschen, als von Homosexuellen, Lesben oder Schwulen" spricht, finde ich daher ganz unironisch lesenswert: Zwar halte ich viele der darin dargelegten Auffassungen für völlig falsch, immerhin aber auf sehr aufschlussreiche und illustrative Weise falsch; an manchen anderen Stellen kommt er einer richtigen Erkenntnis bemerkenswert nahe, auch wenn er dann doch die falschen Schlussfolgerungen daraus zieht. 


Albrechts Ausgangsthese, Homosexualität sei "etwas Schönes an sich", wird zunächst einmal damit begründet, dass sie ein Bestandteil von Gottes guter Schöpfung sei:
"Gott schenkt dem Menschen das Dasein aus reiner Güte. […] Er hat dich als sein geliebtes Kind ins Dasein gerufen, konstitutionell ausgestattet mit dem Geschenk unveräußerlicher Würde. Diese Würde erstreckt sich auf den gesamten Menschen in all seinen Facetten. Auch die Sexualität ist darin eingeschlossen. Sie ist eine gute Gabe Gottes, deshalb bedarf sie keiner weiteren Rechtfertigung. Diese Konsequenz haben freilich Generationen von Theolog_innen nicht gezogen. Lange haben Verantwortliche in der Kirche etwa Homosexualität, Masturbation oder außerehelichen Geschlechtsverkehr geradezu verteufelt. Das entspricht jedoch nicht dem Kern dessen, was uns das Evangelium – und dadurch motiviert, die reformatorische Botschaft – sagt. […] Die Sexualitätsfeindlichkeit, die in vielen christlichen Kirchen bis heute gepredigt wird, verstellt den Blick auf ein wunderbares Geschenk. Wir sind daher aufgerufen, jene Lehren, die falsche Scham, Schuldgefühle und Verfolgung hervorgebracht haben, entschieden zurückzuweisen, denn all das negiert das Werk unseres Schöpfers." 
Das Problem an dieser Argumentation ist, dass sie just das voraussetzt, was sie begründen bzw. belegen müsste: Ist Homosexualität ein "Werk unseres Schöpfers"? -- Gewiss könnte man einwenden, der Glaube an einen allmächtigen Schöpfergott bedinge es geradezu, anzunehmen, dass alles, was ist, von diesem Gott geschaffen wurde -- und dass alles, was von einem guten Gott geschaffen wurde, gut sei. Dennoch erscheint es sehr fraglich, ob Matthias Albrecht dieselbe Logik auch auf Dinge anwenden würde, die er persönlich weniger schätzt als Homosexualität. Das ist insofern relevant, als seine Argumentation eine Grundfrage des Gottes- und Weltverständnisses berührt: Wenn Gott alle Dinge gut erschaffen hat, wie kommt dann das Böse in die Welt? Die klassische Antwort, die die Bibel und die jüdische und christliche Theologie darauf geben, lautet: durch den Sündenfall. Gott hat zwar alle Dinge gut geschaffen, aber gut sind sie nur im Rahmen der Ordnung, die Er für Seine Schöpfung vorgesehen hat, und diese Ordnung wurde durch den Sündenfall – den man sich demnach als eine kosmische Katastrophe im vollsten Umfang des Begriffs vorstellen muss – fundamental gestört. Seither lebt nicht nur der Mensch, sondern die gesamte Schöpfung in einer "Existenzweise der Uneigentlichkeit" (diese Formulierung habe ich mir von meinem alten Deutsch- und Religionslehrer ausgeborgt, möglicherweise hat der sie aber wiederum von Heidegger, das habe ich nicht überprüft.) In diesem Sinne lässt sich durchaus schlüssig argumentieren, die Sexualität des Menschen sei von Gott sehr wohl als etwas Gutes geschaffen worden, aber in dem Maße, wie sie sich von ihren legitimen Platz in der Schöpfungsordnung losreiße und frei umherschweife, höre sie auf, gut zu sein. Einen Zusammenhang zwischen der Abwendung des Menschen von Gott (d.h. Sünde) und der Verirrung der geschlechtlichen Leidenschaften zeigt auch der Apostel Paulus auf, wenn er an die Römer schreibt: 
"Sie [=die Heidenvölker] vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge [...]. Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung." (Römer 1,25ff.) 
Die Frage nach dem legitimen Platz der Sexualität in der Schöpfungsordnung greift Matthias Albrecht übrigens implizit durchaus auf -- wenn auch nur, um sie zu verwerfen: 
"Gott hat seine Freunde an der Sexualität an sich und hat sie uns daher zu unserer Freude geschenkt. Darin allein ist ihre Würde begründet. Eine weitere Legitimation, etwa durch den Verweis auf Fortpflanzung, ist nicht notwendig."
Auf so eine Idee kann man allerdings wohl nur kommen, wenn man "Fortpflanzung" als etwas Zusätzliches zum Geschlechtsakt betrachtet und nicht als etwas, das seinem innersten Wesen entspricht. – Das Stichwort "Legitimation" im obigen Exzerpt lässt darauf schließen, dass Matthias Albrecht hier die auch sonst recht verbreitete Vorstellung im Hinterkopf hat, die traditionelle christliche (und insbesondere katholische) Sexualmoral "erlaube" Sex "nur zur Fortpflanzung". Einmal abgesehen davon, dass das Wörtchen "nur" eine bedenkliche Geringschätzung gegenüber der Gabe der Prokreation erkennen lässt, stellt diese gern in vorwurfsvollem Ton vorgebrachte Behauptung auch eine arg verzerrte Sichtweise dessen dar, was etwa der Hl. Papst Johannes Paul II. in seinen Katechesen zur "Theologie des Leibes" lehrte. Es geht nämlich nicht darum, dass die Weitergabe des Lebens der einzig legitime Zweck des Geschlechtsakts wäre, sondern darum, dass die Fruchtbarkeit ein so zentraler, wesensgemäßer Aspekt von Sexualität ist, dass Praktiken, die die Prokreation prinzipiell ausschließen, das wahre Wesen (und damit den wahren Wert) der Sexualität verfehlen.

Nehmen wir zur Verdeutlichung mal ein anderes Beispiel: Essen. Wollte jemand behaupten, der alleinige, einzig legitime Zweck des Essens bestehe darin, dem Körper Nahrung zuzuführen, dann gäbe es gute Gründe, dieser These zu widersprechen. Man könnte darauf hinweisen, dass auch sinnlicher Genuss sehr wohl ein wichtiger Aspekt des Essens sei (denn wer würde schon gern Tag für Tag einen zwar nährstoffreichen, aber farb-, form- und geschmacklosen Brei in sich hineinlöffeln?), oder auch darauf, dass gemeinsames Essen mit anderen Menschen auch eine soziale und kommunikative Funktion habe. Dennoch würde wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen, dass der Zweck der Ernährung dem Essen wesensgemäß inhärent ist. Essgewohnheiten, die den Nahrungsbedarf des Körpers (qualitativ oder quantitativ) nicht angemessen berücksichtigen, sind ungesund; steht das Essverhalten in überhaupt keinem physiologisch sinnvollen Verhältnis zum Zweck der Ernährung, spricht man von einer Essstörung. Wenn das so allgemein bekannt und akzeptiert ist, wieso gilt es dann als ein solcher Affront, die Auffassung zu vertreten, auch ein Sexualverhalten, das den natürlichen Zweck der Prokreation prinzipiell ausklammere, sei ungesund oder sogar gestört? 

Nun, ich schätze, der Grund liegt darin, dass in unserer Kultur ein ungesundes Verhältnis zur Sexualität so allgemein verbreitet ist, dass es uns erstens gar nicht mehr auffällt und wir zweitens auch nicht wahrhaben wollen, dass damit etwas nicht in Ordnung ist. Die Normalisierung von Empfängnisverhütung hat – wie der Hl. Papst Paul VI. es in seiner Enzyklika "Humanae vitae" (1968) vorausgesehen hat – unser ganzes Verständnis von Sexualität auf den Kopf gestellt. Zugespitzt ausgedrückt: Ohne die Pille hätten wir heute auch nicht die "Ehe für alle". 


Womit wir beim Stichwort wären: Wenn Matthias Albrecht aus seiner These, "dass die Homosexualität eine Gabe ist", ableitet, "dass es Unrecht ist, Menschen aufgrund dieser wunderbaren Gabe zu diskriminieren, etwa indem ihnen verwehrt bleiben soll, den Segen für ihre Ehen in einer kirchlichen Trauung zugesprochen zu bekommen", dann setzt er abermals etwas voraus, was er eigentlich erst einmal begründen müsste. Denn wenn man der Auffassung ist, die Ehe sei eine Verbindung, die ihrer Natur gemäß nur ein Mann und eine Frau miteinander eingehen können, dann ist es durchaus keine ungerechte Diskriminierung, zu konstatieren, dass eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft keine Ehe sein kann. Und wenn der Verfasser beklagt, dass gleichgeschlechtlichen Paaren "die vollen Elternrechte für ihre Kinder" vorenthalten würden, dürfte es legitim sein, an den Umstand zu erinnern, dass jedes Kind zunächst einmal einen Mann und eine Frau als Eltern hat. (Darüber, dass es gleichwohl gleichgeschlechtliche Paare gibt, die gemeinsam die Elternrolle für ein oder mehrere Kinder ausüben, braucht man mich nicht zu belehren, das kenne ich aus meinem unmittelbaren familiären Umfeld. Aber es gibt in solchen Fällen eben irgendwo noch ein weiteres leibliches Elternteil.) 

Vollends skurril wirkt es (zumindest auf mich), wenn Matthias Albrecht versucht, sich bei seiner Heiligsprechung der Homosexualität "auf Luthers Rechtfertigungslehre" zu berufen, "die im Kern besagt, dass der Mensch sich seine Würde nicht verdienen muss, sondern, dass er diese hat, weil Gott ihn sein lässt." Pardon, ich bin zwar kein Lutheraner und auch kein Theologe (letzteres ist Albrecht indes auch nicht, sondern diplomierter Sozialarbeiter mit einem Master in Gender Studies), aber so viel meine ich dann doch verstanden zu haben, dass es in Luthers Rechtfertigungslehre nicht darum geht, dass der Mensch gerechtfertigt sei, weil er so gut ist -- sondern im Gegenteil darum, dass der Mensch Rechtfertigung aus dem Glauben finden kann, obwohl er gar nicht gut ist. Wenn es Matthias Albrecht darum geht, "deutlich [zu] machen, dass es hierbei um Menschen geht. […] Menschen mit einer unveräußerlichen Würde. Unveräußerlich, weil gottgegeben"; wenn er sich aus diesem Grund (selbstverständlich zu Recht!) dagegen wendet, "dass Menschen versucht wird diese Würde, aufgrund eines Attributes, der sexuellen Präferenzen, abzusprechen"; dann müsste oder sollte es doch eigentlich überhaupt keine Rolle spielen, ob man Homosexualität gut, schlecht oder neutral findet: Die Würde, ein geliebtes Kind Gottes zu sein, kommt den betreffenden Personen unabhängig davon zu. Das sieht übrigens auch die katholische Kirche so. 

Letztendlich stellt sich Matthias Albrecht argumentativ selbst ein Bein, wenn er meint, er müsse Homosexualität zu etwas Gutem erklären, um die Würde homosexuell empfindender (oder, in seinen Worten, "homosexuell begabter") Menschen zu verteidigen. Sein Ausgangspunkt bei der Erläuterung seiner bevorzugten Wortwahl war nämlich ein ganz anderer: Er äußert "Unbehagen gegenüber Subjektbezeichnungen, die Menschen in ihrer Identität auf deren Sexualität reduzieren", und in dem Punkt bin ich ganz auf seiner Seite. 
"Es gibt nicht den Schwulen oder die Lesbe, deren ganzes Wesen durch die sexuellen Präferenzen bestimmt wird. Es lassen sich folglich auch nicht alle, auf die diese Bezeichnung zutrifft, zu einer homogenen Gruppe, die der Homosexuellen, vereinen. Das ist eine entindividualisierende Sprache, die die einzelne Person in ihrer geschöpflichen Besonderheit negiert." 
Ironischerweise erinnert mich das an den Titel eines Buches, an dem Matthias Albrecht insgesamt wohl keine große Freude haben würde: "Why I Don't Call Myself Gay" von Daniel C. Mattson, einem klassischen Posaunisten und gläubigen Katholiken, der sich dazu bekennt, gerade mit Hilfe der so oft als "homophob" verschrieenen Lehre der katholischen Kirche über Homosexualität seinen Frieden mit seinen eigenen gleichgeschlechtlichen Neigungen gemacht zu haben. Damit nimmt er sicherlich eine Außenseiterposition in den allgegenwärtigen Auseinandersetzungen um das Verhältnis zwischen christlichem Glauben und Sexualität ein, aber allein auf weiter Flur steht er durchaus nicht: Gerade im angloamerikanischen Raum liest man durchaus einiges über - wie Matthias Albrecht sagen würde - "homosexuell begabte" Katholiken, die sich darum bemühen, in Einklang mit der Lehre ihrer Kirche zu leben, und die es ablehnen, sich als "homosexuell" etikettieren zu lassen, sondern lieber den Begriff "same sex attraction" (SSA), wörtlich "gleichgeschlechtliche Anziehung", verwenden. Und das aus genau dem Grund, den Matthias Albrecht anführt: weil sie in ihrer Identität nicht auf ihre sexuellen Neigungen reduziert werden wollen. Das finde ich eigentlich am spannendsten an der ganzen Geschichte: dass man von so unterschiedlichen Positionen ausgehend doch in einem Punkt zum selben Ergebnis kommen kann. 

Während der Arbeit an diesem Artikel kam mir dann übrigens noch die Erinnerung an eine weitere bemerkenswerte Stellungnahme zum Thema "sexuelle Orientierung als Identitätsmarker" in den Sinn, die ich meinen geschätzten Lesern ebenfalls nicht vorenthalten möchte: Anno 1992 übte kein Geringerer als Max Goldt in einer Kolumne mit dem sperrigen Titel "Scheiß-Artikel über Outing, zu dem mich die Redaktion gezwungen hat, weil ich angeblich für so was zuständig bin" deutliche Kritik an 
"jenen Schwulen, die so ein Getöse um ihr bißchen Anderssein machen, daß sie sich gar von einem schwulen Lebensgefühl geleitet wähnen – eine Chimäre, die nicht nur durch die Homopresse geistert. Weiß der Kuckuck, was das sein soll. Offenbar handelt es sich dabei um eine dunkle Macht, die Leute zwingt, nur weil sie Männer attraktiver finden als Frauen, zeit ihres Lebens 'schwule Bücher', 'schwule Filme' etc. herzustellen bzw. diese zu konsumieren, um sich eine billige Identität zu erschwindeln."
Nun gut, wahrscheinlich muss man schon Max Goldt sein, um so etwas ungestraft schreiben zu dürfen. Andererseits: Möglicherweise dürfte selbst der das heute nicht mehr. Der Text ist immerhin schon über ein Vierteljahrhundert alt. Heute stehen die Zeichen im gesellschaftlichen Diskurs ja volles Rohr auf identity politics, gerade bei der intersektionalistischen Linken, die praktisch unter jedem Stein, den sie umdreht, strukturelle Diskriminierung entdeckt. Wer selbst nicht Opfer struktureller Diskriminierung ist, der ist automatisch Täter und soll sich gefälligst was schämen. 

Ganz in diesem Sinne spricht auch Matthias Albrecht allen Ernstes von einer "heteronormativen Ideologie". Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wann und wo ich zum ersten Mal den Begriff "heteronormativ" gehört habe. Ich verstehe genug von Wortbildung, um mir zusammenreimen zu können, was damit gemeint sein sollte; aber gleichzeitig war mir auch klar, dass dieser Begriff Blödsinn ist. Auf die Idee muss man erst mal kommen, es für ideologisch motiviert und diskriminierend zu halten, die sexuelle Orientierung auf das jeweils andere Geschlecht hin "zur Norm zu erheben" – wo doch eigentlich klar sein sollte, dass es uns alle überhaupt nicht gäbe, wenn das nicht faktisch die Norm wäre. Erst wesentlich später ging mir auf, dass das Problem schon damit anfängt, überhaupt die Bezeichnung "heterosexuell" zu verwenden. Dieser Begriff ist natürlich analog zu "homosexuell" gebildet und wird auch analog zu diesem verwendet; und schon allein das begünstigt die Auffassung, beides seien sozusagen gleichberechtigte Alternativen. Ja, mehr noch: Dass es überhaupt einen besonderen Begriff für die sexuelle Orientierung auf das andere Geschlecht hin gibt, begünstigt die Auffassung, es handele sich dabei nur um eine von mehreren legitimen Spielarten menschlicher Sexualität, und man dürfe sie daher nicht gegenüber anderen "privilegieren". Genau diesen Eindruck will die zeitgenössische "Diversity"-orientierte Sexualerziehung natürlich erwecken, aber falsch ist es trotzdem – und zwar so offensichtlich falsch, dass es schon ein gerüttelt Maß an ideologischer Verblendung erfordert, das nicht zu erkennen. Kurz gesagt, die Begriffe "heterosexuell" bzw. "Heterosexualität" gefallen mir nicht und ich halte ihre Verwendung für kontraproduktiv, aber ich sehe ehrlich gesagt nicht, wie man sie konsequent vermeiden könnte. Sie lediglich durch einen anderen Begriff zu ersetzen, der letztendlich aber dasselbe meint, würde das Problem schließlich nicht lösen.




Dienstag, 15. Januar 2019

Die Kinder und der nicht nur liebe Gott


Hatten wir das Thema nicht neulich erst? – In der Tat; allerdings hatte ich, als ich mir Johannes Schneiders in der "Antichrist &Unterwelt" erschienenen Artikel zum Thema "Hilfe, meine Kinder sind frömmer als ich" vorknöpfte, nicht den Hauch einer Vorahnung, dass ich kurze Zeit später auf einen thematisch verwandten Artikel stoßen würde, der diesen in puncto Doofheit noch weit in den Schatten stellen würde. Wobei, wenn's nur Doofheit wäre. In beiden Fällen kann man den Autoren persönlich, so gern man es möchte, nur schwer einen Vorwurf machen, denn beide geben sehr deutlich zu erkennen, dass sie selbst bereits Opfer einer von Grund auf verkorksten religiösen Sozialisation sind. Was übrigens genau der Grund ist, weshalb es sich dennoch lohnt, die Texte zu lesen, denn wenn man sie gründlich genug gegen den Strich bürstet, stößt man hier und da doch auf eine bemerkenswerte Erkenntnis.

Genug der Vorrede: "Es gibt keine kindgerechte Version von Gott" lautet der Titel eines von einer in Berlin lebenden zweifachen Mutter unter dem Pseudonym "Anna Wronska" verfassten Beitrags auf "Schlaflos", dem "Familienblog der F.A.Z.", über den ich in den Weiten der sozialen Netzwerke gestolpert bin. Unter dem Titel hätte man sich ja durchaus auch eine Kritik an der Tendenz vorstellen können, christliche Glaubensinhalte zu verflachen und zu verniedlichen, um sie auf diese Weise vermeintlich "kindgerecht" vermitteln zu können, und eine solche Kritik hätte bei mir offene Türen eingerannt; der erste Absatz könnte auch tatsächlich in diese Richtung verstanden werden, aber man merkt doch recht bald, dass die Verfasserin eigentlich ganz andere Sorgen hat.

"Unser Sohn Ben geht in eine evangelische Kita", heißt es da zunächst:
"Das steht zumindest vorne dran [...]. Ich weiß, dass die Kinder einmal im Monat gemeinsam in die Kirche gehen, dass sie in der Adventszeit Weihnachtslieder singen und im Eingangsbereich eine Krippe steht, aber viel mehr als das scheint es an frühkindlicher religiöser Prägung nicht zu geben. Das hat mich auch nie gestört, obwohl ich selbst christlich erzogen bin [...]."
So einen Fall hatten wir neulich schon mal: Erneut ist das entscheidende Wort im letzten hier zitierten Satz das Wörtchen "obwohl". Wie ist es gemeint? Der Wortlaut scheint zunächst nahe zu legen: Obwohl die Mutter "selbst christlich erzogen" wurde, hat es sie bis vor Kurzem "nie gestört", dass die religiöse Erziehung in der konfessionellen Kita, die ihr Sohn besucht, so oberflächlich ist. Der weitere Verlauf des Texts legt jedoch eine andere Deutung nahe: Obwohl sie selbst christlich erzogen wurde, hat es sie bisher nicht gestört, dass ihrem Sohn in der Kita überhaupt eine – wenn auch nur oberflächliche – religiöse Erziehung zuteil wird. Aber neuerdings stört es sie doch. Weil diese Spurenelemente von Religion beim Kind Fragen aufwerfen, die sie als Mutter teils nicht beantworten kann und teils nicht beantworten will.

Das ist jedenfalls das "framing", das die Autorin ihrem Artikel zu geben versucht; ich muss allerdings gestehen, dass mich das umso weniger überzeugt, je öfter ich den Text lese. Dass der kleine Ben im Alter von drei Jahren plötzlich doch anfängt, "Interesse an spirituellen Fragen" zu zeigen, hat nämlich zunächst einmal überhaupt nichts mit religiöser Erziehung zu tun – sondern vielmehr mit dem "Tod seiner polnischen Ur-Oma". Die Autorin berichtet:
"Der 'Klassiker', dass sie in den Himmel zu Gott gekommen war, kam von uns Eltern wie auch den anderen Verwandten automatisch, und er nahm das ohne weitere Nachfragen hin. Doch mit der Zeit wurde ihm die Sache unheimlich [...]." 

Bemerkenswert ist die Konsequenz, die sie daraus zieht: "Wir lernten also: Himmel weglassen. Himmel ist nicht gut." (Ich komme noch darauf zurück, warum ich diese Reaktion für problematisch halte.) "Und beim vermeintlich unverfänglichen Thema Dinosaurier/Fossilien bekamen wir vor ein paar Monaten zu hören: 'Müssen wir auch sterben, wie die Dinos?'"

Spätestens an diesem Punkt hätte die Mutter eigentlich selbst merken müssen, dass das Problem, das sie hier beschreibt, primär nichts mit Religion zu tun hat. Sondern schlichtweg damit, dass das Kind erstmals mit der Realität des Todes konfrontiert worden ist und dass diese Realität naturgemäß "unheimlich" ist. Diese Konfrontation mit dem Tod ist etwas, das allen Kindern (und ihren Eltern) früher oder später blüht, egal ob religiös erzogen oder nicht; ich habe vor Jahren schon mal was darüber geschrieben. Sicherlich macht es für die Art und Weise, wie man mit seinem Kind über den Tod spricht, einen erheblichen Unterschied, ob man an ein Leben nach dem Tod glaubt und diesen Glauben auch an seine Kinder weitergeben möchte oder eben nicht. Aber eines zeigt "Anna Wronskas" Erfahrungsbericht eben ganz deutlich: Die Erzählung vom Himmel lediglich als "Trostpflaster" einsetzen zu wollen, um den Schmerz und den Schrecken der Begegnung mit dem Tod zu beschwichtigen, das funktioniert eben nicht.

Dennoch legt die Mutter eine solche Beschwichtigungsstrategie auch in anderer Hinsicht an den Tag. Etwa, wenn sie ihrem Sohn aus einem "Erklärbuch für Kinder zum Thema Bibel" vorliest, das sie von der Oma geschenkt bekommen hat, nachdem sie sich "an die deutschen und polnischen Kinderbibeln im Regal […] bislang nicht herangetraut" hat:
"Bei Kain und Abel formulierte ich bereits etwas um ('Er ging mit Abel aufs Feld und… äh… schimpfte mit ihm')."

Echt jetzt? – Das erinnert mich daran, wie ich mal im Wartezimmer beim Kinderarzt mitbekam, wie eine Mutter ihrer Tochter eine Bilderbuchversion von "Schneewittchen" vorlas und dabei die Passage, in der der Jäger Schneewittchen im Wald umbringen soll, auf ganz ähnliche Weise "entschärfte". Mir ist klar, dass manch ein Vulgäratheist es mit triumphalem Leuchten in den Augen als Steilvorlage auffassen wird, wenn ich hier biblische Geschichten mit Märchen vergleiche, aber davon lasse ich mich einfach mal gar nicht stören und sage: Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, und natürlich gibt es zwischen biblischen Erzählungen und Märchen ein gewisses Maß an Ähnlichkeit. Und dazu gehört zum Beispiel eben das "Archaische", von dem Johannes Schneider in seinem Christ & Welt-Beitrag meinte, dass es ein wesentlicher Grund für die Anziehungskraft sei, die die Sphäre von Bibel, Glaube und Kirche auf seine Kinder ausübe: Es handle sich um "eine Gegenwelt, die nicht nur grausamer, sondern auch größer, feierlicher und älter ist als alles, was sich die Kinder sonst vorstellen können". Wenn Eltern meinen, diese Grausamkeit sei Kindern nicht zuzumuten, dann kann man sich vielleicht darüber streiten, für welche Altersstufe das gilt, aber grundsätzlich halte ich diese Einstellung für falsch. Wie Chesterton sagte – ich zitiere sinngemäß aus dem Gedächtnis:
"Aus Märchen lernen Kinder nicht, dass es Drachen gibt. Dass es Drachen gibt, wissen sie bereits. Aus Märchen lernen sie, dass Drachen besiegt werden können." 
Hingegen gehört "Anna Wronska" offenkundig eher zu den Eltern, die ihren Kindern lieber einreden, es gäbe die Drachen nicht - oder zumindest würden sie verschwinden, wenn man vor ihnen die Augen verschließt. Diese Haltung ist, wie schon angedeutet, ihr persönlich nicht unbedingt zum Vorwurf zu machen; sie scheint bei Eltern aus der Millennial-Generation insgesamt nicht gerade selten zu sein, und dass das durchaus etwas mit den eigenen Kindheitserfahrungen dieser Generation zu tun haben könnte, deutet die Verfasserin an mehreren Stellen ihres Beitrags an. Aber darauf will ich hier eigentlich gar nicht hinaus. Schauen wir uns lieber an, was nach dem Tod der Uroma das nächste Ereignis in der Erlebniswelt des kleinen Ben war, das seine Eltern in metaphysische Erklärungsnöte brachte:

Weihnachten. Ja, echt:
"Ben, mittlerweile vier Jahre alt, wollte wissen, wie das ist mit dem Himmel und dem Weihnachtsmann, äh, dem Nikolaus, äh, dem Christkind. [...] Allesamt weniger tiefsinnige als vielmehr praktische Fragen und Überlegungen, aber schon die brachten uns in Erklärungsnöte: Ja, WIE soll das Christkind reinkommen, wenn es – wie man regelmäßig beteuern muss, damit der Sohn beruhigt einschlafen kann – ganz bestimmt kein Einbrecher in unsere Wohnung schafft? […] Und: Wenn das Christkind nur den lieben Kindern Geschenke bringt, dann sind die nicht so lieben ja traurig! GEMEIN!" 
In gewissem Sinne hat die Verfasserin hier mein Mitgefühl, denn die hier geschilderte Problematik weist mich darauf hin, dass meine Liebste und ich eher früher als später vor der Herausforderung stehen werden, unserer Tochter (und möglichen zukünftigen weiteren Kindern) zu erklären, dass es zwar den Weihnachtsmann nicht gibt, dass aber andere Kinder in ihrem Alter an ihn glauben und dass das okay ist. Eine Art frühes Aufklärungsgespräch. Ich freu mich schon. Nicht. Der zentrale Unterschied zwischen "Anna Wronska" und mir hinsichtlich der Frage, was das nun aber mit religiöser Erziehung zu tun habe, ist indes: Ich möchte mein(e) Kind(er) lehren, an Gott zu glauben und an den Weihnachtsmann nicht zu glauben, wozu auch gehört, begreiflich zu machen, dass das zwei völlig unterschiedliche Arten von Glaube sind. Dagegen spricht die F.A.Z.-Bloggerin über den Glauben an den Weihnachtsmann (bzw. das "Christkind") und den Glauben an Gott so, als sei beides strukturell gesehen so ziemlich dasselbe. Und in gewissem Sinne sieht sie das wohl tatsächlich so.
"Um Werte und Botschaften zu vermitteln, müssen mein Mann und ich uns darüber im Klaren (und dann auch noch einig) sein: Was hat uns als Kindern Halt gegeben, was war und ist uns wichtig? Was glauben wir, und was wollen wir, dass die Kinder für wahr halten – wenn auch nur für die ersten Jahre? Denn dass Ben im Moment und noch für eine ganze Weile zumindest ein paar Orientierungspunkte, ein paar Skizzen für ein erstes Weltbild braucht, bevor er sein eigenes zeichnet, davon bin ich überzeugt. Nur: Braucht er dafür auch ein paar geflügelte Wesen, die Geschenke bringen? Braucht er dafür einen lieben, beschützenden Gott, oder gar einen strengen, strafenden?" 
Es ist bemerkenswert, wie offen der Glaube an Gott hier als eine bloße Hilfskonstruktion aufgefasst wird, die dazu dienen soll, dem Kind "Werte" zu vermitteln -- bis es irgendwann reif genug ist, ohne ein solches Konstrukt auszukommen. Man erahnt hier eine – den vulgärdarwinistischen Theorien von Leuten wie Ernst Haeckel ("Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese") strukturell nicht ganz unähnliche – Vorstellung, derzufolge die Entwicklung des heranwachsenden Menschen mit der Entwicklung der Menschheit als Ganzer korrespondiere: Das Kleinkind ist gewissermaßen ein Steinzeitmensch, das Vorschulalter der Bronze- und Eisenzeit, im Grundschulalter werden Mittelalter und frühe Neuzeit durchlaufen, die Pubertät ist eine Art 30jähriger Krieg, und danach bricht das Zeitalter der Aufklärung an. Klingt albern? Sicherlich, aber in mehr oder weniger bewusstem Ausmaß scheinen solche Vorstellungen doch recht verbreitet zu sein. Folgerichtig fand "Anna Wronska" an dem bereits erwähnten "Erklärbuch für Kinder zum Thema Bibel" insbesondere "Einleitung [...] vielversprechend": 
"Vor tausenden von Jahren 'hatten die Menschen ein anderes Wissen als heute. Sie glaubten, dass nur eine große Kraft wie Gott diese schöne Schöpfung zustande bringen konnte'. Das klang etwas weniger absolut, das gefiel mir."
Der Haken an einem so pragmatischen Zugang zum Phänomen Religion - einem Zugang, der nicht fragt "Ist es wahr?", sondern "Ist es nützlich?" - wird unmittelbar einsichtig, wenn die Verfasserin fortfährt:  
"Wie viel Glauben/Religion will und soll ich meinen Kindern vermitteln, um ihnen Nächstenliebe, Empathie, Toleranz, Zuversicht beizubringen? Und: Taugt Religion überhaupt dafür? Man muss kein Historiker sein, um das anzuzweifeln. [...] Selbst die Pfarrerin in der Kirche sagte in ihrer Weihnachtspredigt sinngemäß: 'Der Heiland ist geboren! Hurra! Aber es stimmt: Vom versprochenen Frieden sind wir bis heute weit entfernt… also: Beten wir! Für den Frieden!' Wie soll ich meinem Kind überzeugend die frohe Botschaft erklären, wenn selbst die Profis es nicht vermögen?"
Okay: Wo sie Recht hat, hat sie einfach mal Recht. Den Eindruck, dass Pfarrer und andere "pastorale Mitarbeiter" in Kirchengemeinden es selbst nicht besonders gut hinkriegen, den Leuten zu vermitteln, worin die Frohe Botschaft des Christentums besteht und weshalb sie sich dafür interessieren sollten, habe ich auch oft. Und dann darf man sich tatsächlich nicht wundern, wenn die Glaubensweitergabe in den Familien nicht funktioniert: Woher sollten die Eltern (und Paten) das denn können, wenn sie selbst keine vernünftige Katechese erhalten? -- Andererseits sind die Leute aber schon auch selbst schuld: Sie wollen eine Religion, die ihnen Orientierung und Halt (gerade auch in schlechten Zeiten) gibt, aber gleichzeitig soll diese Religion keine Ansprüche an sie stellen, sie zu nichts verpflichten und sie in nichts einschränken. Woher dann der Halt und die Orientierung kommen sollen, könnten sie wahrscheinlich selbst nicht sagen. Ein klassischer Fall von "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass". 

In der Bergpredigt erklärt Jesus Seinen Jüngern: "Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben" (Matthäus 6,33). Im Gegensatz dazu zeigt sich immer wieder, dass eine Religion, die man auf ihren ethischen und/oder therapeutischen Gebrauchswert zu reduzieren versucht, gerade diesen Zweck meist herzlich schlecht erfüllt. Und das ist ja auch kein Wunder, denn wie sollte man an eine bedarfsgerecht zusammengeschneiderte Religion ernsthaft glauben können? 


Wie dem auch sei: Vorläufig jedenfalls führen die Autorin und ihr Mann den kleinen Ben zwar "nicht aktiv an Glaube und Religion heran und hoffen, dass die ganz tiefgehenden Fragen noch eine Weile auf sich warten lassen", aber gleichzeitig verspürt die Mutter doch auch ein "Bedürfnis, Ben von Gott zu erzählen":
"Vermutlich, weil ich ein paar der Geschichten über ihn selbst nicht aufgeben will. Ich mag den Gedanken, meine Ur-Omas und Ur-Opas wiederzusehen. Oder den Gedanken, dass ich meine Kinder niemals für immer verlassen muss, Wissenschaft und Aufklärung hin oder her."
Kurz gesagt also: "die guten, tröstlichen Sachen". Das ist ein Glaube, wie ihn Vulgäratheisten gern den Gläubigen unterstellen: Gott als imaginärer Freund, den man herbeiphantasiert, wenn man ohne Ihn nicht mehr weiter weiß. 

Hand aufs Herz: Sieht so dein Gott aus? (Bildquelle: Flickr) 
Man könnte es auch so formulieren: "Anna Wronska" hat den Gott, an den sie als Kind geglaubt hat, zusammen mit anderen alten Spielsachen in einem Karton auf dem Dachboden aufbewahrt, und nun, da sie selbst ein Kind hat, holt sie den Karton wieder hervor und schaut nach, ob da etwas drin ist, was sie für ihren Sohn gebrauchen kann. Dabei findet sie auch ihren alten Gott wieder, stellt aber fest, dass sie den irgendwie schon immer ein bisschen unheimlich fand, und zögert daher, ihn ihrem Sohn zum Spielen zu geben.

Kurz vor Schluss bezeichnet die Autorin eine vage Kalenderspruch-Spiritualität auf etwas, worauf man sich "ganz gut einigen kann (sofern man nicht gerade Atheist ist)"; demnach betrachtet sie sich selbst offenbar nicht als Atheistin, und das empfinde ich als das womöglich verblüffendste Detail des Artikels. -- Im Ernst: Dass das Ganze mich überhaupt so interessiert, hat natürlich mit meinen eigenen Vorstellungen von religiöser Kindererziehung zu tun, und mit der Erkenntnis, dass man es als Eltern schwer haben wird, wenn man mit seinen Bemühungen, die eigenen Kinder im Glauben zu erziehen, allein auf weiter Flur steht. Wenn man von seiner Kirchengemeinde nicht unterstützt wird (und schon froh sein kann, wenn sie nicht gegen einen arbeitet) und auch keine anderen Eltern ungefähr gleichaltriger Kinder in seinem Umfeld hat, die mit einem am selben Strang ziehen. Dann werden nämlich auch die Kinder Schwierigkeiten haben, gleichgesinnte Freunde zu finden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie das ist. In der Pfarrgemeinde, in der ich aufgewachsen bin, gab es kaum andere Kinder in meinem Alter; mit den wenigen, die es gab, verstand ich mich nicht besonders gut; und umgekehrt teilte von meinen Schulfreunden niemand meinen Glauben. Dass das gesamtgesellschaftliche Klima seither noch erheblich ungünstiger für den christlichen Glauben geworden ist, kommt erschwerend hinzu. Welche Schwierigkeiten das für das Bemühen um eine christliche Kindererziehung mit sich bringt und wie man diesen Schwierigkeiten konstruktiv begegnen kann, dürfte ein Thema sein, das mich noch einige Jahre beschäftigen und daher auch hier im Blog immer mal wieder eine Rolle spielen wird. Vorerst möchte ich lediglich festhalten: Mit Eltern, die ihren Kindern zwar ein bisschen Religion mit auf den Weg geben wollen, aber so richtig dann doch nicht, weil ihnen das zu "extrem" wäre, habe ich ein Problem -- vorläufig noch in der Theorie, zukünftig wohl auch in der Praxis. Da sind mir sogar erklärte Atheisten lieber...




Sonntag, 6. Januar 2019

Jetzt rappen sie auch noch

Es ist mal wieder soweit: Die Sternsinger stehen vor der Tür, teilweise metaphorisch, teilweise wortwörtlich. Ich persönlich erwarte sie heute zwischen 13 und 17 Uhr; ja, wir haben uns in die in unserer Kirche ausliegende Liste der Haushalte eingetragen, die einen Besuch der Sternsinger wünschen. Das Dorfkind in mir findet es ja eigentlich schade, dass es überhaupt solche Listen braucht. Wobei ich die Notwendigkeit durchaus einsehe, zumindest in von großen Mietshäusern geprägten städtischen Wohngegenden. Ich nehme allerdings an, auch in Einfamilienhaussiedlungen, ja möglicherweise sogar auf dem Dorfe ziehen die Sternsinger heutzutage nicht mehr "einfach so" von Haus zu Haus und singen ihre Lieder "gelegen oder ungelegen". Und das finde ich wirklich schade, nicht nur wegen des Kulturerbes, das da verloren geht, sondern auch, weil es erheblich punkiger und zugleich missionarischer wäre, auch und gerade die Häuser derer zu segnen, die nicht darum gebeten haben.

Aber à propos Kulturerbe: Schon vor drei Jahren habe ich mich in einem Blogartikel bitter darüber beklagt, dass das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" sich den „Gesamtzusammenhang der Aktion Dreikönigssingen“ im Jahr 2003 hat urheberrechtlich schützen lassen – und damit ein Stück traditionelles, seit dem 16. Jahrhundert bezeugtes christliches Brauchtum für seine alljährliche Fundraising-Kampagne instrumentalisiert und monopolisiert. Der besagte Artikel hat mir seinerzeit viel Unverständnis und Kritik eingebracht, auch und gerade von Lesern, die mir normalerweise wohlgesonnen sind; aber ich kann meine Meinung in diesem Punkt beim besten Willen nicht ändern. Wobei ich es, wie anno 2016 ausführlich dargelegt, besonders ärgerlich finde, dass der religiöse Charakter des Dreikönigssingens hinter dem Spendenzweck der jeweiligen Jahresaktion mehr und mehr zu verschwinden droht.

Recht bezeichnend hierfür ist der am 27. Dezember veröffentlichte Motto-Song der diesjährigen Sternsingeraktion, ein Rap-Song mit dem Titel "Das singen die Sterne", performt von Rapper Florian Schäfer, Sängerin Kat Wulff und Florians Bruder Franz an der Gitarre sowie den Sternsingerkindern Johannes, Elisabeth Anna, Stella und Pauline als Background-Chor. 



Fangen wir mal mit dem Positiven an: Sowohl die Musik als auch das Video wirken ausgesprochen professionell produziert und ragen qualitativ durchaus aus dem heraus, was man von kirchlicher Medienarbeit sonst so gewohnt ist. Okay, das habe ich über das umstrittene Stewardessen-Video des Bistums Essen zu Weihnachten auch gesagt. Aber stimmt ja auch. Dass mir die Nase des Rappers nicht gefällt, weil sie mich an einen Bekannten aus meinen späten Teenagerjahren erinnert, der damals aus unerfindlichen Gründen alle Mädels rumkriegte, braucht andere Adressaten dieses Videos nicht sonderlich zu stören. Aber wie sieht's mit dem Inhalt aus? Zugegeben, man könnte durchaus der Meinung sein, eine inhaltliche Kritik erübrige sich weitgehend, denn der Text des knapp drei Minuten langen Liedes besteht zu gefühlten zwei Dritteln aus assoziativem Wortgeklingel. Was für das Rap-Genre wohlgemerkt nicht ungewöhnlich ist. Ein Erfahrungsbericht aus der Berliner S-Bahn: Wenn jemand in die Bahn einsteigt und wirres Zeug vor sich hin brabbelt, ist er wahrscheinlich psychisch krank und/oder auf Drogen; ist das wirre Zeug jedoch rhythmisiert und reimt sich in mehr oder minder regelmäßigen Abständen, dann handelt es sich um Rap. – Ehe jetzt jemand meint, ich legte es darauf an, mich als kulturpessimistischer Waldschrat in Szene zu setzen: Ich erkenne Rap sehr wohl als eine Kunstform an, und auch wenn es nicht zwingend zu den spezifischen Qualitätsmerkmalen dieser Kunstform gehört, dass die Texte einen tieferen Sinn ergeben, gibt es sehr wohl Rap-Songs mit guten Texten. Dieser gehört nicht dazu.

Man tut daher gut daran, den Liedtext auch da, wo er über bloßes Reimgeläute hinaus geht, nicht allzu genau beim Wort zu nehmen. An mehreren Stellen sagt er nämlich nicht das aus, was er eigentlich aussagen will oder sollte, sondern lediglich etwas Ähnliches. Zum Beispiel: 

"Schau ruhig über deinen Tellerrand /
Nicht jeder Mensch hat Besteck in der Hand"

Was hier – wie ich mal wohlwollend unterstellen möchte – eigentlich gemeint ist, ist, dass nicht jeder Mensch ausreichend zu essen hat. Aber was hat das Besteck damit zu tun? Ist das nicht irgendwie kulturimperialistisch, zu verlangen, alle Menschen sollten mit Besteck essen? Ehrlich gesagt finde ich, die Vorstellung eines Hilfswerks, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, dafür zu Sorgen, dass die Menschen überall auf der Welt lernen, mit Besteck zu essen, ergäbe durchaus Stoff für eine groteske Filmkomödie (Arbeitstitel "Knigge's Army“). Und weiter:

"Nicht jedes Kind sieht 'ne Schule von innen."

Gemeint ist natürlich: Nicht jedes Kind hat Zugang zu Bildung. Okay: Dass "Zugang zu Bildung" nicht zwingend dasselbe ist wie „Schulbesuch“, dürfte speziell in Deutschland wohl gar nicht groß auffallen. Da haben die Nazis mit ihrem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 wirklich ganze Arbeit geleistet: Die meisten Deutschen scheinen tatsächlich anzunehmen, echte Bildung gebe es nur in der Schule, Homeschooling sei nur eine Marotte von Junge-Erde-Kreationisten und schießwütigen Hinterwäldlern und daher in Deutschland zu Recht verboten; und wenn sie doch mal einen jungen Erwachsenen zu Gesicht bekommen, der überdurchschnittlich gebildet und sozial kompetent ist, "obwohl" er nie zur Schule gegangen ist, dann staunen sie ihn an wie ein Weltwunder. Aber das ist eigentlich ein Thema für sich.

Die eigentlichen Adressaten des Songtexts und auch des ganzen Videos scheinen übrigens die Sternsinger selbst zu sein, insbesondere auch potentielle zukünftige Sternsinger, die es noch zu rekrutieren gilt ("Werde Sternsinger!", sagt ein Mädchen am Ende des Videos in die Kamera, und unvermeidlicherweise fügt ein Junge hinzu "Und Sternsingerin!"). "Ich frage dich: Bist du dabei, wenn es um Herz und Hilfe geht?", heißt es in den gerappten Strophen, und:

"Wir können nach den Sternen greifen /
Nur zusammen sind wir frei /
Lass uns für bess're Zeiten fighten /
Ich frag nochmal: Bist du dabei?" 

Was hier auffallend abwesend ist, ist jede Spur eines religiösen oder gar spezifisch christlichen Gehalts. Nun ja, fast jede Spur. Gelegentlich kommt am Rande ein bisschen religiös konnotiertes Vokabular vor, etwa in den Versen

"Wie bringt man den Segen bei Sonne und Regen? /
Die Antwort, mein Freund: Glaube und Stärke".

Okay, aber Glaube woran? An "diese Welt", an "bess're Zeiten", an "mehr Mitgefühl"? Das wird nicht verraten. Übrigens wundert man sich beinahe, dass auf "Stärke" nicht irgendwas mit "gute Werke" gereimt wird, denn offensichtlich geht es ja genau darum. Ein Schelm, wem da das Stichwort "Werkgerechtigkeit" einfällt; hatten wir nicht gerade erst Reformationsjubiläum?

Natürlich verweist man gerade als Katholik gegenüber der reformatorischen Kritik an der Werkgerechtigkeit gern und zu Recht auf den Jakobusbrief, demzufolge "der Glaube für sich allein tot" sei, "wenn er nicht Werke vorzuweisen hat". Und unter den Werken, die dem gläubigen Christen explizit aufgetragen sind, nehmen tätige Nächstenliebe und speziell der Einsatz für die Armen tatsächlich eine ganz zentrale Stellung ein. Dennoch entsteht ein schiefes Bild, wenn man das Christentum auf eine reine "Ethik der Nächstenliebe" reduziert bzw. diese aus ihrem Kontext herauslöst. In erster Linie ist das Christentum schließlich eine Erlösungslehre, und die Erlösung kommt von Jesus Christus, der Mensch geworden und zur Sühne unserer Sünden am Kreuz gestorben ist und der in Seiner Auferstehung den Tod besiegt hat. Wir befinden uns immer noch im Weihnachtsfestkreis, das heißt, wir feiern die heilbringende Menschwerdung Gottes – und in diesem Kontext lautet die primäre Botschaft der Heiligen Drei Könige (oder müsste sie lauten) "Wir sind gekommen, um Ihn anzubeten" (vgl. Matthäus 2,2).

Fällt diese Dimension der Sternsinger-Botschaft unter den Tisch, dann bleibt nur Selbsterlösung: Mit einer Spende für das Kindermissionswerk kauft man sich von der Schuld des "white privilege" frei, die darin besteht, dass man mit "Besteck in der Hand" und mit Schulpflicht aufgewachsen ist. Das ist ohne Zweifel total zeitgemäß und dürfte sich auch vorteilhaft auf die Spendenbereitschaft auswirken, besonders bei "nicht so religiösen" Leuten. Allerdings könnte man sich nun natürlich fragen, wie die Sternsinger überhaupt zu "nicht so religiösen" Leuten kommen, wenn man ihren Besuch doch, wie eingangs erwähnt, bei der örtlichen Pfarrei quasi bestellen muss. Das verweist auf ein tiefer liegendes Problem: Auch unter einigermaßen regelmäßigen Kirchgängern dürfte eine rein horizontale, rein diesseitige Sicht auf die Kirche als Wohltätigkeitsorganisation und/oder Anbieterin spiritueller Wellness nicht eben selten sein. Weil genau dieses Bild nicht bloß in der medialen Selbstrepräsentation kirchlicher Hilfswerke gepflegt wird, sondern auch in anderen Bereichen kirchlicher Kommunikation, vielfach bis hin zur sonntäglichen Predigt. Was vor Jahrzehnten vielleicht einmal damit begonnen hat, dass man die Basics der christlichen Glaubenslehre (schon damals irrtümlich) als allgemein bekannt und selbstverständlich akzeptiert voraussetzte und deshalb glaubte, man könne sich in der Verkündigung auf die praktische Nutzanwendung für den Alltag konzentrieren, hat schließlich dazu geführt, dass vielfach gar kein Vokabular mehr vorhanden ist, um über den Glauben zu sprechen. (Das gilt es übrigens im Auge zu behalten, wenn mehr oder minder prominente Kirchenvertreter wieder einmal äußern, die Kirche brauche eine "neue Sprache", um "die Menschen von heute" erreichen zu können. Das ist Bullshit. Die "Menschen von heute" unterscheiden sich nicht so grundsätzlich von den Menschen früherer Zeiten, dass sie die uralte Sprache des Glaubens nicht mehr verstehen könnten. Es sind die Kirchenfunktionäre, die es verlernt haben, diese Sprache zu sprechen.)

Am Ende muss man sich nicht wundern, wenn viele Leute ehrlich überzeugt sind, die Essenz des Christlichen ließe sich in der Aussage "Gott hat uns alle lieb, und deshalb sollen wir nett zueinander sein" zusammenfassen. – Wohlgemerkt: Das Christentum lehrt tatsächlich, dass Gott alle Menschen liebt und dass wir gut zueinander sein sollen; problematisch wird es erst, wenn man annimmt oder so tut, als sei dies die allein entscheidende Glaubensaussage und alles andere, was das Christentum sonst noch lehrt, sei (sofern man es überhaupt zur Kenntnis nimmt) bloß "storytelling", bloß eine narrative Einkleidung dieser vermeintlichen „Kernbotschaft“. Für eine solche um wesentliche Dimensionen verkürzte Version des Christentums haben – ich erwähne es immer wieder gern – die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton in einer Studie aus dem Jahr 2005 den Begriff "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" geprägt; und dafür stellt der Text des Sternsinger-Raps ein illustratives Beispiel dar, nicht zuletzt insofern, als er exemplarisch deutlich macht, wie der moralistische und der therapeutische Aspekt des MTD eigentlich miteinander zusammenhängen: "Die Probleme der Welt machen sauer und traurig", aber "es macht mich stolz, etwas zu tun" – oder anders ausgedrückt: Gutes zu tun ist gut dafür, sich selbst gut zu fühlen, das ist das eigentliche, das ultimative Ziel.

Indessen hat die Comédienne Sophie Passmann auf Twitter mit der Bemerkung Aufsehen erregt, Sternsingen sei "ja auch nix anderes als Betteln mit Blackface". Der teilweise energische Widerspruch, den sie dafür erntete, war in seiner Tendenz bezeichnend: Man könne ja der katholischen Kirche ja vieles vorwerfen, aber gerade das Sternsingen sei eine gute Sache (Subtext: eben weil es nichts mit dem Glauben zu tun hat, sondern nur darum geht, Spenden für bedürftige Kinder zu sammeln). Diese teilweise etwas humorlose Kritik veranlasste Sophie Passmann nun, ihre Äußerung ebenso humorlos zu verteidigen und darauf herumzureiten, "Blackfacing" sei nun mal rassistisch und daher auch durch einen wohltätigen Zweck nicht zu rechtfertigen. Also, Freunde, jetzt wird’s aber allmählich echt albern. Die Darstellungskonvention, derzufolge einer der Heiligen Drei Könige schwarz ist, rührt daher, dass sie traditionell als Repräsentanten der drei Weltteile der Alten Welt (und somit der ganzen Menschheit) aufgefasst wurden, und ist daher gerade antirassistisch. Dies nicht vom "Blackfacing" der tatsächlich ausgeprägt rassistischen "Minstrel Shows" unterscheiden zu können, ist schlichtweg kultureller Analphabetismus.

Aber okay: Ich persönlich find's ja eigentlich gut, wenn katholisches Brauchtum als "edgy" und polarisierend wahrgenommen wird. Auch wenn die Realität meist viel langweiliger ist.  




Donnerstag, 3. Januar 2019

Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig – oder: Die Hermann-Option

Tja, Freunde: Jetzt ist es wohl an der Zeit, Euch von meinem Projekt fürs neue Jahr zu erzählen. 

Am Rande der neulich schon einmal erwähnten "Tauferinnerungsfeier" unseres Pastoralverbunds für Familien, in denen im vergangenen Jahr ein Kind getauft wurde, wurde den anwesenden Eltern der sogenannte "Essener Adventskalender" zum Kauf angepriesen: ein vom Medienforum des Bistums Essen in Zusammenarbeit mit dem Bonifatiuswerk, dem Hilfswerk Adveniat und dem Kindermissionswerk "Die Sternsinger" herausgegebener Wandkalender für die Advents- und Weihnachtszeit, der "[n]eben Geschichten, Liedern, Spielen, Gebeten, Back- und Bastelanleitungen für 4- bis 12-Jährige" auch "Reportagen" darüber enthält, "wie Kinder in aller Welt Großes schaffen". Ich erinnerte mich, etwas in dieser Art als Kind auch jedes Jahr gehabt zu haben – ob der Kalender auch damals schon aus Essen kam, weiß ich nicht, hätte mich damals wohl auch nicht sonderlich interessiert. Ich glaube mich zwar zu erinnern, dass diese Kalender in meiner Kindheit irgendwie schöner gestaltet gewesen waren, aber egal, das Teil kostete nur zwei Euro, also kauften wir einen. Dem Adventskalender war in unserem Haushalt allerdings kein glückliches Schicksal beschieden: Noch ehe wir einen sinnvollen Platz an der Wand gefunden hatten, um ihn aufzuhängen, hatte unsere kleine Tochter die äußersten Seiten abgefetzt, mit dem Ergebnis, dass wir ihn nun gar nicht mehr aufhängten, sondern auf dem geräumigen Sofa herumliegen ließen, wo nach und nach immer größere Teile des Kalenders der Lust unserer Tochter am Papierzerreißen zum Opfer fielen. Als wir aber – noch vor Weihnachten – den Gedanken ins Auge fassten, die traurigen Reste des Kalenders endgültig wegzuwerfen, fiel mir das (inzwischen ebenfalls lose herumfliegende) Inhaltsverzeichnis in die Hände, und in der Rubrik "kochen & backen" las ich unter dem Datum vom 18. Dezember: "Hermann! – Kleiner Teig ganz groß".

"Ich werde in diesem Leben ganz sicher keinen 'Hermann' mehr ansetzen", merkte meine Liebste an, als sie mein Interesse registrierte. Wer weiß, dass "Hermann" der Name einer traditionellen Sauerteigmischung ist, wird dieser Reaktion meiner Liebsten entnehmen können, dass sie bereits Erfahrungen mit dem Ansetzen von Sauerteig gesammelt hatte, und zwar keine durchweg positiven Erfahrungen. "Hm, dann werde ich das eventuell machen müssen", erwiderte ich.

"Aber schau doch mal, ist er nicht niedlich?"
"Was heißt hier niedlich, das ist doch bloß Teig in einer Schüssel."
"NEIN, schau genau hin! Das ist Hermann, der in der Teigschüssel chillt!"

Das war nun, wie ich selbst zugeben muss, ein in geradezu absurdem Maße untypischer Gedanke für mich. Und ich wäre wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, mich für Sauerteig zu interessieren, wenn ich nicht einige Wochen zuvor das Buch "Building the Benedict Option: A Guide to Gathering Two or Three Together in His Name" von Leah Libresco gelesen hätte. Aufmerksamen Lesern von Rod Drehers "Benedikt-Option" wird der Name der Autorin nicht unbekannt sein: Auf S. 228f. schildert Rod Leah als "eine vor Energie übersprudelnde 'Benedikt-Options'-Aktivistin", die, "[b]evor sie heiratete, [...] 'Benedikt-Options'-Veranstaltungen im Kreise ihrer alleinstehenden christlichen Freundinnen in Washington, D.C." organisierte: "sie war zu der Überzeugung gekommen, dass die Leute in ihrem Umkreis mehr 'kulturelle Liturgien' christlicher Prägung in ihrem Alltag brauchten". Über ihren persönlichen Ansatz, die Idee der "Benedikt-Option" mit einfachen Mitteln und im kleinen privaten Kreis in die Praxis umzusetzen, hat sie nun also ihr eigenes Buch veröffentlicht; es liegt noch nicht auf Deutsch vor, aber wenn sich ein deutschsprachiger Verlag dafür interessiert, es herauszubringen, möchte ich mich hiermit schon mal als Übersetzer bewerben.

In einem Kapitel ihres Buches schildert Leah ihre Erfahrungen aus den ersten Jahren nach ihrem Studienabschluss, als sie eine Reihe befristeter Jobs an unterschiedlichen Orten hatte und deshalb häufig umziehen musste – und zeitweise auch überhaupt keine eigene Wohnung hatte, sondern bei Freunden auf der Couch übernachtete. Und in diesem Zusammenhang findet sich in dem Buch die folgende Passage:
"Am albernsten war, dass ich mir aufgrund meines Mangels an Sesshaftigkeit sogar versagte, Sauerteig zu machen. Es hatte mir Spaß gemacht, Sauerteig aufzubewahren, zu 'füttern' und damit zu backen, doch als ich ans andere Ende des Landes umziehen musste, hatte ich den Grundteig weggeworfen, und jetzt kam es mir so vor, als hätte ich kein Recht auf einen neuen. Es wäre mir töricht erschienen, einen Sauerteig zu füttern, wenn ich möglicherweise bald schon wieder würde umziehen müssen und dann entweder einen Weg würde finden müssen, das blubbernde Schlamassel zu transportieren, oder es erneut in den Abfall würde löffeln müssen. Also gab ich es auf, verzichtete darauf, Sauerteigbrot und Pizzateig herzustellen. Ich gab es auf, meine Mitbewohner mit Sauerteigpfannkuchen zu überraschen, wenn ich mir etwas einfallen lassen musste, um den überschüssigen Teig zu verbrauchen. Ich gab den Spaß auf, den es mir bereitet hatte, so ein sonderbares lebendes Etwas zu betreuen und zu pflegen.  
Ich hatte übertriebene Schuldgefühle bei dem Gedanken, dass meine unbeständige Lebensweise dazu führen könnte, dass ich einem Sauerteig Unrecht tat – etwas Primitiverem als einer Pflanze. Es handelt sich ja nur um eine Mischung aus Hefe, Wasser und teilweise vergorenem Mehl. Ich fragte mich: Wenn ich schon das Gefühl hatte, ich könne es mir nicht einmal erlauben, Verpflichtungen gegenüber einem Mikroorganismus einzugehen, wie zurückhaltend war ich dann erst gegenüber anderen Menschen, wenn es darum ging, ihnen etwas anzubieten oder etwas von ihnen anzunehmen?"

Irgendwie, ich weiß selbst nicht genau warum, hatte diese Passage bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Und als ich nun in dem zerfetzten Adventskalender die "Hermann"-Seite suchte und fand, stellte ich entzückt fest, dass es sich nicht einfach nur um eine Anleitung zum Herstellen und "Füttern" von Sauerteig handelte, sondern dass diese auch mit einer Art "geistlichem Impuls" kombiniert war. Natürlich auf einem Niveau, das der konzeptionellen Ausrichtung des Kalenders auf die Altersgruppe der 4-12jährigen entspricht, aber hey: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder... und so.

Natürlich wird in diesem Impuls auf das Gleichnis Jesu vom Sauerteig (Matthäus13,33) hingewiesen, und erläutert wird es wie folgt:
"Was er damit gemeint hat, spürt ihr vielleicht am ehesten, wenn ihr euch vorstellt, wie das damals mit dem Brotbacken war. Der Sauerteig war die wichtigste Zutat […]. Man mischte aber nie alles unter das Mehl, sondern behielt immer ein bisschen davon zurück. Dann gab man wieder etwas Mehl dazu und ließ den Teig gären, damit man auch für das nächste Brot wieder genug davon hatte. Manchmal passierte es, dass der Teig schlecht wurde. Dann half einem die Nachbarin aus oder die Verwandten gaben etwas von ihrem Sauerteig weiter […]. Und so ist es auch mit dem Reich Gottes."

Es folgt die Anregung, es selbst einmal mit der Sauerteigherstellung zu versuchen, und dann heißt es:  
"Das Schöne daran ist: Ihr müsst ihn 'füttern', fast wie ein Haustier, allerdings nur alle paar Tage. Und: Ihr könnt den gebackenen Teig dann als Weihnachtsgeschenk weitergeben oder einfach so zum Adventskaffee mitbringen. Und auch den Sauerteig könnt ihr weiterverschenken! Immer nur ein kleines Stückchen von dem, was ihr selbst braucht. Aber stellt euch vor: Aus diesem kleinen Stückchen von eurem Teig entsteht ganz viel neues Gebäck, von dem andere satt werden – auch Menschen, die ihr gar nicht kennt! Das und mehr muss Jesus wohl mit seinem Gleichnis gemeint haben..."

Wer nicht intuitiv versteht, wieso die Vorstellung des sich durch Teilung immer weiter verbreitenden Sauerteigs mich irgendwie fesselte, dem werde ich es wohl auch nicht erklären können. Der nächste Impuls ließ nicht lange auf sich warten: Eine katholische Bloggerin und Podcast-Betreiberin aus den USA fragte via Twitter nach Anregungen dafür, wie man sein Leben im neuen Jahr Hobbit-mäßiger gestalten könne, und das erste, was mir dazu einfiel, war "Irgendwas mit Sauerteig". Kurz und gut, die Erkenntnis, dass das Thema mich irgendwie nicht losließ, wurde allmählich unausweichlich, also sagte ich mir: Alles klar. Projekt fürs neue Jahr: Die Hermann-Option. 

"Dir ist aber schon klar, dass du dann jede Woche Kuchen backen musst, oder?", fragte mich meine Liebste. 

Nein, das war mir selbstverständlich nicht klar. Aber hey, sagte ich mir: Das macht die ganze Sache doch eigentlich noch besser! Und lässt sich auch prima mit den Foodsaving-Aktivitäten meiner Liebsten verbinden: Obst- oder gelegentlich auch Gemüsekuchen mit "geretteten" Zutaten backen, je nachdem, was gerade so reinkommt, und den Kuchen dann zum Krabbelfrühstück oder zum Lesecafé in der Kirchengemeinde mitbringen... (Diese Veranstaltungsreihen gibt es noch nicht. Das sind auch noch Projekte fürs neue Jahr. Ich werde berichten.) Wenn ich mich recht erinnere, habe ich seit meiner Schulzeit keinen Kuchen mehr gebacken (und auch damals nur mit Hilfe von Fertigbackmischungen, was natürlich Quatsch war, weil mein die Bestandteile von Fertigbackmischungen genauso gut für ein Drittel des Preises einzeln kaufen und selbst zusammenschütten kann, aber erklär das mal einem Teenager). Ein Grund mehr, endlich (wieder) damit anzufangen. Man wächst schließlich mit seinen Aufgaben. Wie der Sauerteig selber ja ooch. 

Letzteres ist natürlich noch einmal eine Herausforderung für sich. Will man jeweils einen Teil des angefütterten Sauerteigs weiterverschenken und die Empfänger dazu motivieren, dasselbe zu tun, dann braucht man dafür auf mittlere Sicht natürlich einen nicht zu kleinen Kreis an Abnehmern, sonst wächst einem der Sauerteig irgendwann buchstäblich über den Kopf. (Für die Veganer in meinem Bekanntenkreis mag es in diesem Zusammenhang eine relevante Information sein, dass es auch eine vegane "Hermann"-Variante gibt; sie hört auf den Namen "Volker". Kein Scheiß.)

Na, ich bin jedenfalls gespannt, wie die Sache sich entwickelt. Es ist vermutlich keine große Überraschung, wenn ich sage, dass ich auch darin das Potential für ein Projekt innerhalb der Pfarrgemeinde sehe: Mir scheint, das Ansetzen, Füttern und Weitergeben von Sauerteig ist nicht nur eine hervorragende (weil biblische) Metapher dafür, neues Leben in die Gemeinde zu bringen, sondern kann auch ganz praktisch zu diesem Ziel beitragen. Nicht zuletzt, wie schon angedeutet, mittels der auf diesem Wege entstehenden Backwaren.

Ich werde berichten...