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Montag, 19. Juni 2017

Der theologische Totenvogel setzt zum Flug an

(Bildquelle hier.) 

Unlängst war ich beim "Tag der Offenen Tür" im Priesterseminar Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf. Zu den Highlights der Veranstaltung gehörte neben Grillfleisch und Bier die Möglichkeit, sich Bücher aus dem Dubletten-Bestand der Bibliothek mitzunehmen. Ich machte ausgiebig davon Gebrauch. Kurz darauf traf ich auf dem Gelände einen befreundeten Priester, der an diesem Seminar ausgebildet worden war, und zeigte ihm die erbeuteten Bücher - darunter "Das Trojanische Pferd in der Stadt Gottes" von Dietrich von Hildebrand. "Das war ja klar", kommentierte er lachend. -- "Meinst du, das passt zu mir?", hakte ich amüsiert nach, und er bejahte das. 

Nachdem ich das Buch knapp zur Hälfte durch habe, kann ich diese Einschätzung nur bestätigen. Und das, obwohl Dietrich von Hildebrand offenbar kein Freund des Rock'n'Roll war.


Im Ernst: Was mich an dem Buch spontan begeisterte, war zunächst einmal das, was Hildebrand über die Verwendung der Begriffe "konservativ" und "progressiv" im kirchlichen Kontext anmerkt. Unterschiedliche Standpunkte in Fragen der kirchlichen Glaubenslehre mit diesen Begriffen zu belegen, konstruiere eine "falsche Alternative", meint Hildebrand. Warum? Darum:
"Es gibt zweifellos Menschen, die an dem Bekannten, Gewohnten hängen, noch unabhängig von seinem spezifischen Gehalt. Etwas ist ihnen lieb und vertraut, weil sie daran gewöhnt sind, weil es den selbstverständlichen Rahmen für ihr Leben abgibt. Alles Neue, Ungewohnte erschreckt sie und erfüllt sie mit Verdacht - eben weil es ihnen ungewohnt ist. Wir können solche Menschen ihrem Temperament nach als 'konservativ' bezeichnen. Für einen anderen Menschentypus hingegen besitzt alles Neue, Ungewohnte eine besondere Anziehungskraft: etwas ist ihnen lieb, weil es neu ist; das Gewohnte langweilt sie eher; die Gewohnheit hat sie für seinen Gehalt abgestumpft. Sie verlangen nach Wechsel und genießen etwas um so mehr, je neuer es ihnen ist. Solche Menschen können wir als 'progressiv' bezeichnen. Solange es sich um eine bloße temperamentmäßige Veranlagung handelt, ist gegen beide nichts zu sagen. Warum sollten Menschen nicht verschieden veranlagt sein? - Sobald diese ihre Veranlagung aber ihre Stellung zur Wahrheit und zu echten Werten beeinflußt, übt sie offenbar eine völlig illegitime, unsachliche Wirkung aus."
(S. 17f., Hervorhebungen im Original.) 
Kein Wunder, dass mich diese Passage von Hildebrands Buch anspricht - wo ich doch in Diskussionen über religiöse Fragen immer wieder in der "konservativen" Ecke lande, dabei aber gleichzeitig behaupten würde, dass ich vom Naturell her sooo konservativ (im oben beschriebenen Sinne) gar nicht bin. Umso mehr ärgert es mich immer, wenn Vertreter des "progressiven" Lagers mal verdeckt, mal offen unterstellen, "die Konservativen" hätten lediglich "Angst vor Veränderung". Tatsächlich habe ich mir meine "konservativen" Standpunkte hart erarbeitet, zum Teil gegen erhebliche innere Widerstände. Das heißt: Für mich sind sie gerade nicht das Althergebrachte, Vertraute und Gewohnte. Das könnte einen nun natürlich auf die Idee bringen, dass umgekehrt vielleicht so manch ein theologisch "Progressiver" lediglich der theologischen "Schule" anhängt, die ihm vertraut und gewohnt ist - und also vom Naturell her insgeheim viel "konservativer" ist, als es nach außen hin den Anschein hat.

Aber eigentlich will ich auf etwas Anderes hinaus. Hören wir abermals Dietrich von Hildebrand:
"Angesichts einer [...] Frage, bei der es allein auf die wahre Antwort ankommt, von 'konservativ' und 'fortschrittlich' zu sprechen, ist nicht nur sinnlos, sondern sogar ausgesprochen dumm. Denn jedes andere Motiv als das der Wahrheit ist ebenso unsachlich, wie wenn jemand ein Bild für schön hält, bloß weil es sein Vetter gemalt hat. Wir müssen ein für allemal verstehen, daß an allem Wahren und wahrhaft Wertvollen festzuhalten - unabhängig von allen Schwankungen der Zeitmode - nicht das Symptom einer konservativen Haltung ist, sondern die Antwort auf eine im Wesen der Wahrheit und des Wertes gelegene Forderung. Es wäre offensichtlich ein Unsinn, jemanden als konservativ zu bezeichnen, weil er sein ganzes Leben daran festhält, daß zwei und zwei vier ist. Sobald jemand nicht versteht, daß das Festhalten an einer Wahrheit - unabhängig von aller temperamentmäßigen Veranlagung - die einzig vernünftige, sachgemäße Antwort ist, sondern dies als konservative Haltung bezeichnet, beweist er, daß er das Wesen der Wahrheit nicht verstanden hat."
(S. 18f.) 
Nun beschleicht mich allerdings der Verdacht, meine bewährten "progressiven" Debattengegner würden hier einwenden, die Rede von "Wahrheit" - in dem Sinne, dass diese etwas objektiv Gegebenes sei - sei an sich schon konservativ. Worauf Hildebrand, lebte er noch, erwidern würde, eben dieser Einwand zeige, dass sie "das Wesen der Wahrheit nicht verstanden" hätten. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich den Eindruck, der entscheidende Unterschied zwischen den im kirchlichen Kontext als "konservativ" und "progressiv" (oder "liberal") bezeichneten Gruppen ist nicht so sehr, dass sie unterschiedliche Dinge für wahr halten, sondern vielmehr, dass sie unterschiedliche Auffassungen von Wahrheit haben.

Freilich: Wenn jemand der Auffassung ist, Wahrheit in einem objektiven Sinne gebe es entweder überhaupt nicht, oder wenn doch, dann sei es zumindest unmöglich, sie als solche zu erkennen, dann ist er im Grunde - und zwar im wortwörtlichen Sinne - Agnostiker. Zuweilen kann man den Eindruck bekommen, dieser Agnostizismus sei in der zeitgenössischen akademischen Theologie state of the art. Das mag zum Teil einem Wissenschaftsverständnis geschuldet sein, das sich allzu einseitig (um nicht zu sagen unpassenderweise) an naturwissenschaftlichen Paradigmen orientiert. Unangenehm wird's allerdings, wenn die jungen Leute, denen man im Laufe ihres Studiums mit Fleiß sämtliche Glaubensgewissheiten ausgetrieben hat, anschließend als Seelsorger auf die Gemeinden losgelassen werden. Dass es zwischen den Anforderungen der Seelsorge und dem, was sie gelernt haben, eine gewisse Diskrepanz gibt, merken sie übrigens in der Regel recht schnell selber. Und um sich abzureagieren, bloggen sie.

Okay, das war jetzt gemein.

Mit einigen Betroffenen habe ich hin und wieder auf Twitter zu tun, und ein paar von diesen haben jüngst ein neues Online-Magazin gestartet: Die Eule. Meine spontane Assoziation lautete: Kein Wunder, dass das Dingens nach einem Tier benannt ist, das sich erst in Bewegung setzt, wenn's dunkel wird. Reingeschaut habe ich trotzdem mal. In einem ersten Selbstdarstellungs-Artikel heißt es: 
"Die Eule bietet euch Nachrichten und Meinungen zu Kirche, Politik und Kultur, immer mit einem kritischen Blick aufgeschrieben für eine neue Generation." 
Kritischer Blick? Geschenkt. Neue Generation? Muss sein. Wobei ich mich an dieser Stelle schon frage, wie viel Substanz eigentlich wirklich hinter dem Pathos der "neuen Generation" steckt. Lockt man mit "liberaler" bzw. "progressiver" Theologie wirklich noch jemanden hinter dem Ofen vor, der nicht seinerseits sowieso schon in diese Richtung geprägt worden ist? Wäre es nach dem oben über die akademische Theologie Festgehaltenen nicht einigermaßen logisch, anzunehmen, dass die "liberale" bzw. "progressive" Variante des Christentums sich in zunehmendem Tempo selbst zerlegt? Vielleicht ist es ein Filterblasenphänomen, oder vielleicht kann man mir auch Wunschdenken vorwerfen, aber ich würde denken, die "neue Generation" geht eher zu Nightfever oder zu charismatischen Gebetshaus-Initiativen. - Aber weiter: 
"Wir wollen [...] in Themen tiefer einsteigen, über die Grenzen unserer eigenen Frömmigkeit" - okay, könnte man hier etwas spöttisch einwerfen, das sind ja wohl auch recht enge Grenzen -, "Kirchen und Länder hinaus schauen." 
Über den eigenen ideologischen Horizont hingegen nicht
"Unsere Beiträge sind anschlussfähig an eine plurale Gesellschaft, einen aufgeklärten christlichen Glauben und wissenschaftliche Theologie." 
Na fein, zur "wissenschaftlichen Theologie" habe ich mich ja bereits geäußert. Bemerkenswerter und bezeichnender finde ich den "aufgeklärten christlichen Glauben". Diese abgrenzende Formulierung macht nämlich deutlich, dass man den normalen christlichen Glauben für unaufgeklärt hält. Irgendwas muss das Studium schließlich gebracht haben - oder, schärfer formuliert: Wenn einem, wie oben schon angemerkt, alle Glaubensgewissheit ausgetrieben wurde, dann lebt sich's besser, wenn man sich wenigstens einreden kann, das sei etwas Positives. Wenn man sich den doofen Fundis, die noch so richtig echt an Gott und Jesus und Auferstehung und Himmel und Hölle und sowas glauben, überlegen wähnen kann, weil man ja so aufgeklärt ist. 
"Die Eule ist der Ort für Debatten über wichtige Zukunftsthemen im Raum der Kirche: Reformationsjubiläum, LGBTQ, Rechtsextremismus, Neue Medien, demographischer Wandel. An diesen Themenfeldern bleiben wir dran, weil sie unsere Themen sind. [...] Wir schreiben mit klarer Haltung." 
Gewiss. Man könnte hier die Frage zu stellen wagen, worüber denn noch debattiert werden soll, wenn die Haltung sowieso klar ist, aber lassen wir das mal beiseite - und schauen uns lieber mal die "wichtige[n] Zukunftsthemen" an. Das Reformationsjubiläum fällt da ein bisschen aus der Reihe, denn das ist ja gottlob bald vorbei und somit im eigentlichen Sinne wohl kaum ein Zukunftsthema. Bleiben noch "LGBTQ, Rechtsextremismus, Neue Medien, demographischer Wandel". Klar, das sind allgemein wichtige Themen, und angesichts ihrer allgemeinen Wichtigkeit sind sie durchaus auch für die Kirche wichtig. Aber doch eigentlich nur indirekt, oder sagen wir: mittelbar. Was ist mit Themen, die spezifisch für die Kirche wichtig sind? Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, ich habe da diese unausrottbare Vorstellung, dass die Kirche in erster Linie für das Seelenheil der Menschen zuständig bzw. verantwortlich ist. Nun will ich keinesfalls in Abrede stellen, dass die genannten Themen durchaus einen Bezug zum Seelenheil der von ihnen betroffenen Menschen haben. Aber doch nicht zwingend mehr als zahllose andere, hier nicht genannte Themen auch. Unter "Zukunftsfragen für die Kirche" würde ich mir eher so etwas vorstellen wie "Was tun wir für die Neuevangelisation?", "Wie bringen wir den Menschen die heilbringende Wirkung der Sakramente nahe?" und nicht zuletzt: "Wie stehen wir eigentlich da, wenn der Herr uns fragt, was wir mit den uns anvertrauten Seelen angestellt haben?". Ja, ja, ich weiß schon. Fundamentalismus und so. 
"Weil christlicher Glaube nicht allein in Kirchenmauern gelebt werden kann, richten wir unseren Blick auch auf Themen aus Politik und Kultur. Weil Christen auch fernsehen, lesen, streiten und wählen gehen, spielen diese Themen bei uns mehr als nur eine Nebenrolle und werden auch nicht permanent durch die Brille des christlichen Glaubens (oder der Theologie) betrachtet." 
Schön, dass hier so en passant eingestanden wird, dass christlicher Glaube und Theologie zwei paar Schuhe sind. Etwas deutlicher als wahrscheinlich beabsichtigt kommt hier aber eine andere Botschaft rüber: "Dieser ganze Religionskram wird auf die Dauer ja langweilig, also schreiben wir auch über andere Sachen, denn wir wollen ja schließlich auch unterhaltsam sein." Kann man so machen - aber eine ausgesprochene Frechheit ist es, das mit der Aussage zu begründen, dass "christlicher Glaube nicht allein in Kirchenmauern gelebt werden kann". Die Aussage selbst ist ja richtig und sogar ausgesprochen wichtig. Aber wenn man sie ernst nähme, müsste die Folgerung daraus lauten, dass Christen auch dann Christen sind (oder sein sollten), wenn sie "fernsehen, lesen, streiten und wählen gehen". Was das praktisch heißt - wie man also konkret sein Christsein in diesen und vielen anderen Tätigkeiten ausleben und bewähren kann oder muss - DAS wäre doch mal eine spannende (und bedeutsame) Fragestellung. Aber nö, man will all diese Dinge ja gerade nicht "permanent durch die Brille des christlichen Glaubens" sehen. 

Und schließlich: 
"Wir schreiben nicht, was anderswo schon steht, sondern drehen den Blick, finden einen neuen Aspekt oder halten die Klappe." 
Nun, Letzteres lässt immerhin hoffen. 



Mit Rod Dreher im Biergarten und in der "BMW Welt"

"Hi, ich bin Rod. Kann ich dir ein Bier ausgeben?" 

Ich muss sagen, ganz so locker und freundschaftlich hatte ich mir meine erste leibhaftige Begegnung mit Rod Dreher, dem Autor der "Benedict Option", nicht vorgestellt. Wobei: Warum eigentlich nicht? Die leutselige, unprätentiöse Art, mit der der Verfasser des "meistdiskutierten religiösen Buches des Jahres", dessen Blog auf der Website des Magazins "The American Conservative" täglich gut eine Million Leser erreicht, sich mir vorstellte, ist meiner Erfahrung zufolge durchaus charakteristisch für US-Amerikaner, und genau das mag ich so sehr an dieser Nation. 

Rod Dreher; im Hintergrund die "BMW Welt". 
Aber wie war es überhaupt zu dieser Begegnung gekommen? - Nun: Mit meinem Tagespost-Artikel "Christen als 'kreative Minderheit'" vom 15. Mai war ich, soviel ich weiß, der erste Journalist gewesen, der in einer deutschen Zeitung über das Buch "The Benedict Option" geschrieben hat; und kurz darauf erreichte mich über die Tagespost-Redaktion ein bemerkenswerter Leserbrief. Rod Dreher würde über Fronleichnam für ein paar Tage mit seinem ältesten Sohn nach München kommen und während dieser Zeit beim Verfasser des Leserbriefs wohnen. Sofern ich interessiert sei, würde er uns gern miteinander bekannt machen. Hallo?! Natürlich war ich interessiert! 

Also brach ich am Mittwoch in aller Frühe nach München auf. Bloggerkollegin Gardinenpredigerin hatte mir freundlicherweise eine Übernachtungsmöglichkeit in Aussicht gestellt. Aus dem ICE twitterte ich, ich sei auf dem Weg nach München - woraufhin ich von meiner langjährigen Twitter-Bekannten @gudruncita die Nachricht erhielt: "Du kommst nach München? - Wollen wir uns treffen?" 

Ansicht aus dem ICE - gut ausgerüstet mit Lektür, Kaffee und Snacks, und Esel Pepe war auch mit dabei. 


Im Real Life ist @gudruncita Co-Vorsitzende der Münchner Grünen und außerdem Mitglied im "ZdK". Im Sinne des guten alten bösen alten "Lagerdenkens" also total auf der Gegenseite. Ich habe mich hier auf meinem Blog auch schon mal sehr kritisch mit einem von ihr verfassten katholisch.de-Kommentar zum Thema Eucharistieverständnis auseinandergesetzt. Was soll's - wir mögen uns. Und ist ja auch schön, dass das möglich ist. Also verabredeten wir uns spontan für den späten Nachmittag am Isarstrand. Am Vater-Rhein-Brunnen. Erst mal ein bisschen verwirrend, dass an der Isar ein Vater-Rhein-Brunnen steht. Der stand allerdings früher wirklich mal am Rhein. In Straßburg, genau gesagt. Dort wurde er 1919 abgebaut und 1932 an seiner jetzigen Stelle aufgestellt. 

So sieht er aus, der Vater Rhein. 
Gudrun hatte ihre kleine Tochter dabei, die mir gegenüber zunächst etwas misstrauisch wirkte - aber mein kleiner Plüschesel Pepe brach das Eis. Beinahe hätte sie ihn nicht wieder hergegeben. 

Am Abend traf ich mich dann mit der Gardinenpredigerin und bekam von ihr eine recht komfortable Schlafcouch zur Verfügung gestellt; und am nächsten Morgen fuhren wir gemeinsam zum Marienplatz, wo der Festgottesdienst zum Hochfest des heiligsten Leibes und Blutes Christi (kurz: Fronleichnam) stattfand. 


Man hatte mich gewarnt, dass Kardinal Marx gern sehr ausführlich predigt. Und dass er die Angewohnheit habe, in die Mitte seiner Predigten eine Passage einzubauen, die fälschlich den Eindruck vermittle, er käme allmählich zum Schluss. Nebenbei fiel mir auf, dass seine behäbige westfälische Diktion mich irgendwie an Rüdiger Hoffmann erinnert. Aber sei's drum. Extrem heiß war es obendrein - und auf der Prozessionsstrecke (die in diesem Jahr wegen S-Bahn-Bauarbeiten von der traditionellen Route abwich) gab es kaum Schatten. Dennoch trug ich nur einen leichten Sonnenbrand davon. 


Im Anschluss an die Prozession trafen wir uns mit meinem Stammleser und unermüdlichen Kommentarschreiber Imrahil und gingen essen in einem netten, studentisch geprägten Lokal in der Maxvorstadt; ich nahm Schinkennudeln, an die Weißwurst traute ich mich nicht so richtig ran. Und kaum hatten wir aufgegessen, erhielt ich eine Nachricht von Till, dem Leserbriefschreiber, bei dem Rod Dreher zu Gast war. Sie seien gerade im Biergarten am Chinesischen Turm im Englischen Garten. Ob wir uns dort treffen wollten oder später irgendwo in der Innenstadt. 
"Wie weit ist es von hier zum Englischen Garten?", fragte ich meine ortskundigen Begleiter. 
"Zwanzig Minuten", erwiderte die Gardinenpredigerin. "Ich bring' dich hin." 

Und dort traf ich dann also mit Rod Dreher zusammen. Ebenfalls mit dabei war Yves Reichenbach, ein Schweizer, der sich mit Agroökologie beschäftigt. Ebenfalls eine sehr interessante Bekanntschaft. -- Rod wollte wissen, wie ich überhaupt auf sein Buch aufmerksam geworden sei; also erzählte ich es ihm und merkte dabei an, meine spontane Reaktion auf die ersten Informationen zum Inhalt der "Benedict Option", auf die ich gestoßen sei, sei gewesen, zu meiner Frau zu sagen: "Das ist genau das, wonach wir gesucht haben." Das machte Rod nun natürlich neugierig. Also erzählte ich ihm von unserem Besuch auf dem punkig-hausbesetzerischen Kreutzigerstraßenfest im letzten Jahr ("Da habe ich mich gefragt: Wieso sollten Christen so etwas nicht auch auf die Beine stellen können?" - Zustimmendes Lachen von Rod), von unserem gemeinsamen Jakobsweg und vom Dinner mit Gott des Mittwochsklubs ("Das ist genau das, wovon ich rede!", freute sich Rod). Kurz, wir verstanden uns glänzend. Eigentlich wollte und sollte ich ihn ja für die Tagespost interviewen, und das tat ich auch - aber vom Gefühl her war es weit eher ein angeregtes Gespräch auf Augenhöhe als ein Interview; Rod machte den Eindruck, ebensosehr daran interessiert zu sein, was ich zu erzählen hatte, wie umgekehrt. 

Wie ich erfuhr, hatte er wenige Tage zuvor in Trient an einer Konferenz teilgenommen; der Abstecher nach München war vor allem dadurch motiviert, dass sein 17jähriger Sohn Matthew ein Technik-Freak ist und sich sehr für deutsche Technologie (und insbesondere deutsche Autos) interessiert. Aus diesem Grund schlug Yves vor, wir könnten alle zusammen zur "BMW Welt" fahren; dort könne Matthew sich das BMW-Museum ansehen, während wir anderen uns ins Café setzten und uns weiter unterhielten. Und so machten wir es dann auch. Wir diskutierten verschiedene Aspekte der Benedict Option und was man so alles tun könne, um christliches Gemeinschaftsleben inmitten einer zunehmend glaubensfeindlichen Umwelt zu stärken. Unter anderem berichtete ich von der MEHR-Konferenz - und außerdem davon, dass in Hamburg gerade ein ungenutztes evangelisches Kirchengebäude von einer anarchistischen Gruppe besetzt worden sei, die dort ein selbstverwaltetes Jugendzentrum einrichten und einen Gemüsegarten anlegen will. "Im Grunde gefällt es mir, was die da machen", gestand ich, "aber es würde mir noch weit besser gefallen, wenn eine christliche Initiative so etwas machen würde." Rod wirkte interessiert und nachdenklich. 

Insgesamt verbrachten wir an diesem Nachmittag wohl etwa vier bis fünf Stunden zusammen - die Zeit verging wie im Flug. Rod hat auf seinem Blog auch schon darüber berichtet. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt - und meine Artikelreihe mit kommentierten Exzerpten aus den einzelnen Kapiteln der Benedict Option wird ebenfalls in Kürze fortgesetzt... 


Donnerstag, 1. Juni 2017

Die Sisyphos-Option - oder: Fast richtige Erkenntnisse

Der Blog feinschwarz.net, der sich im Untertitel "Theologisches Feuilleton" nennt, taucht mit schöner Regelmäßigkeit in den oberen Rängen der Theoradar-Wertung auf, aber meist vergeht mir schon bei Überschrift und Teaser-Text die Lust, die Artikel zu lesen. Das ist jetzt natürlich keine fundierte Kritik - ja, im Grunde ist es sogar das glatte Gegenteil einer fundierten Kritik -, aber was soll ich machen, es is' halt so. Im Gespräch mit gleichgesinnten Netzkatholiken habe ich auch schon mal unwirsche Sätze geäußert wie "Bei feinschwarz.net weiß man auch nicht so genau, für wen die eigentlich arbeiten". Inzwischen habe ich aber immerhin herausgefunden, dass man Letzteres gar nicht wissen kann - da eine Vielzahl unterschiedlicher Autoren auf dieser Plattform publiziert und die Autoren dabei ganz unterschiedliche, zuweilen sogar gegensätzliche Standpunkte vertreten. 

So hatte ich mir unlängst einen feinschwarz.net-Beitrag von Rainer Bucher über "Organisationsentwicklungsprozesse" vorgeknöpft und - obwohl ich einige Aussagen des Grazer Pastoraltheologen durchaus zustimmungsfähig oder mindestens bedenkenswert fand - meine grundsätzliche Skepsis gegenüber "innovativen" pastoraltheologischen Ansätzen an ihm ausgelassen. Und siehe, kaum mehr als zwei Wochen später stoße ich an gleicher Stelle auf einen Beitrag von Judith Müller, der von derselben Skepsis geprägt scheint. Das müsste mir doch gefallen, oder?

Nun ja, zugegeben - wenn ich gleich zu Beginn eines Essays Sätze lese wie
"Gemessen an der Zahl von Abteilungen oder Agenturen, die in deutschen Diözesen und Landeskirchen sei es als interne oder als externe Dienstleister mit der Vokabel 'Entwicklung' (Kirchen-, Organisations-, Pastoral-, Gemeinde-) auftreten, müsste das kirchliche Leben im Lande nur so brummen [...]. Nimmt man noch die Initiativen und Firmen hinzu, die sich durch ein X (z.B. FreshX, PfinXten, Xpand) oder eine 2 im Namen (Kirche², Futur2) empfehlen, könnte man den Eindruck gewinnen, wir erlebten gerade eine kraftvolle kirchliche Aufbruchszeit", 
dann bekomme ich schon ein bisschen Lust, die Lektüre kurz zu unterbrechen, um ein bisschen im Rumpelstilzchen-Style durch die Wohnung zu tanzen. Und auch im weiteren Verlauf schenkt Judith Müller - ihres Zeichens "Theologin, Seelsorgerin, Organisations- und Gemeindeberaterin in München" - ihren innovationsversessenen Kollegen nichts. Bei ihrer Kritik am 
"Ruf nach 'geistlichen Prozessen', die den Geruch atmosphärischer Weichspüler zu 'harten' Strukturmaßnahmen nie ganz loswerden", 
müssten manchen Pastoralstrategen in den Ordinariaten gewaltig die Ohren klingeln. Und weiter: 
"Viele der kirchlichen Entwicklungsprozesse nennen sich 'Zukunftsprozesse'. Es sind 'Weichen in die Zukunft' zu stellen. Kirchliche Strukturen und pastorales Handeln sollen 'zukunftsfähig' ausgerichtet werden. 'Innovationen' und 'Experimente' sollen gewagt werden. Bräuchten es nicht mehr Mut zur Gegenwart? [...] Zu oft entsteht bei haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die bisher gut und beständig ihre Arbeit getan und dabei kontinuierlich versucht haben, dranzubleiben an dem, was die Situation vor Ort erfordert und ermöglicht, der Eindruck, das alles zähle nicht mehr. Es gehe jetzt darum, die Dinge ganz anders, eben richtig innovativ zu machen. – Wen wundert da die Ermüdung?" 
(Bildquelle hier.)

Diese Ermüdung, so meint die Verfasserin, ist umso weniger verwunderlich, als der ganze Innovationsaufwand am Ende ja doch nichts bringt. Sie verweist auf einen "ernüchternde[n] religionssoziologische[n] Befund": 
"Abgesehen von punktuellen und flüchtigen Phänomenen sind weit und breit keinerlei Indizien dafür auszumachen, dass der Entkirchlichungstrend, der seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts voranschreitet, und der von den Kirchlichkeitsnachblüten der Nachkriegs- und der Konzilszeit lediglich kurz unterbrochen wurde, grundlegend aufzuhalten oder gar umzukehren wäre. Ausschlaggebend dafür ist nicht ein mehr oder weniger ungeschicktes Handeln von Kirchenakteuren, sondern vielmehr der Umstand, dass die großen Bewegungen von Individualisierung und Pluralisierung sich nicht umkehren lassen. Wie die Zahnpasta, die nun einmal nicht in die Tube zurück will."
An dieser Stelle fielen mir erstmals Berührungspunkte mit meiner derzeitigen Lieblingslektüre, "The Benedict Option" von Rod Dreher, ins Auge. Denn dass der gesamtgesellschaftliche Relevanzverlust der Kirchen - und des christlichen Glaubens überhaupt - in der westlichen Welt auf absehbare Zeit nicht aufzuhalten, geschweige denn umzukehren sei, ist ja auch dort die Ausgangsthese. Nur dass Dreher "die großen Bewegungen von Individualisierung und Pluralisierung" nicht bloß konstatiert, sondern - wie ich hier auf meinem Blog kürzlich skizziert habe - als vorläufigen Endpunkt einer historischen Entwicklung deutet, deren Fundamente schon vor Jahrhunderten gelegt wurden. Aber solche Überlegungen würden in Judith Müllers Essay zweifellos den Rahmen sprengen. Bemerkenswerter erscheint mir etwas Anderes: Kritik an Drehers "Benedict Option" entzündete sich ja zu einem wesentlichen Teil an der These des Autors, die Kirche solle auf diese Situation reagieren, indem sie anerkennt, dass sie den öffentlichen Raum verloren hat, und sich aus Kämpfen zurückzieht, die sie (zumindest bis auf Weiteres) nicht gewinnen kann. Das wurde ihm vielfach geradezu als Defätismus ausgelegt. Umso frappierender fand (und finde) ich es, dass Judith Müller zustimmend auf einen Text rekurriert, der von einem noch weit radikaleren Defätismus geprägt ist: einen Vortrag, den der Schriftsteller Robert Schneider ("Schlafes Bruder", "Kristus") auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003 gehalten hat und den Frau Dr. Müller als "schonungslos" und "frei von falschen Hoffnungen" lobt. Sie zitiert Schneider wie folgt: 
"Die deutschsprachige Kirche – die katholische wie die evangelische – ist im Zerfallen. Ihr Zerfall geschieht unmerklich, schleichend, leise [...]. Noch hin und wieder bäumt sich ihr sterbender Körper auf. Er wehrt sich mit verzweifelten Konzepten der Hoffnung gegen die Ohnmacht, in die er gesunken ist. [...] Glanz und Herrlichkeit sind vergangen, die Macht zerronnen, die Autoritäten verspielt, die Inhalte verstellt und vergessen gar. Zur Marginalie ist die deutsche Kirche geworden[.]"
Soweit die Wahrnehmung des Ist-Zustands; und was soll man da nun tun? - Gar nichts, meint Robert Schneider: 
"Eben nichts ist zu tun. Es kann gar nichts getan werden – das ist meine Überzeugung –, denn alle künstlichen Wiederbelebungskonzepte, jeder bemühte Neuaufbruch, all die hilflosen Versuche einer scheinbar zeitgemäßen Bild- und Sprachfindung müssen scheitern. Auszuhalten ist die Ohnmacht, ohne in Tatenlosigkeit zu versinken oder die Umstände verantwortlich zu machen. Einzuüben ist die Ohnmacht, anzunehmen, sie zu respektieren, sich endlich ihr zu stellen. Das ist menschliches, christliches, kirchliches Tun genug." 
Das heißt dann wohl "Hurra, wir kapitulieren!", oder? -- Man könnte nun natürlich fragen, was einen Schriftsteller, dem man anhand seines literarischen Werks (wie auch anhand seiner in besagtem Vortrag geäußerten Ansicht, dass "[d]ie Wirklichkeit [...] weder Gut noch Böse, noch Richtig oder Falsch erkennt, sondern dieser Trennung nicht bedarf") wohl ein einigermaßen gebrochenes Verhältnis zum christlichen Glauben attestieren kann, eigentlich dazu qualifiziert, der Kirche zu sagen, was sie tun und was sie lassen soll. Gab es wenigstens eine Gegenrede? -- Andererseits: Den Vortrag hat er 2003 gehalten? Vor vierzehn Jahren? Hat er - bis jetzt, d.h. bis zu diesem Artikel von Judith Müller - irgendwelche Auswirkungen gehabt? Wenn ein Baum im Wald umfällt, und niemand ist da, der es hört - macht er dann überhaupt ein Geräusch? 

Judith Müller jedenfalls ist voll des Lobes für Schneiders Einsichten: 
"'Nichts ist zu tun – ohne in Tatenlosigkeit zu versinken.' Damit ist in paradoxer Sprache die geistliche Haltung beschrieben, die so wesentlich wie notwendig ist: Absichtslose, wach engagierte Präsenz, die Kraft des Gegenwärtigseins. [...] Diese Grundhaltung ist eine weisheitliche. [...] Ja, vieles wird zu Ende gehen. Aber warum nicht den Dingen ihre Zeit lassen – die Aufgabe eingeschlossen, sie gut zu Ende zu bringen, wenn sie ihre Zeit gehabt haben."
Hm. Ist die Kirche ein Hospizpatient, für den man nichts Anderes mehr tun kann, als ihm ein Sterben in Würde zu ermöglichen? 

Lassen wir diese Frage mal ein Weilchen im Raum stehen - werfen aber parallel dazu nochmals einen Blick darauf, wie Frau Dr. Müller Bemühungen beurteilt, sich eben nicht mit der Ohnmacht und dem schleichenden Tod der Kirche abzufinden. Wie sehen die aus? 
"Einzelne Gemeinden, die gegen den Trend zu wachsen scheinen, oder auch einzelne charismatische Priester, die ihre Kirche voller haben als andere, haben Prominentenstatus und werden in der Kircheninnovationsszene von Bühne zu Bühne, von Kongress zu Kongress herumgereicht." 
Da könnte man nun fragen, was eigentlich so falsch daran ist, sich aufmerksam anzuschauen, was wachsende Gemeinden eigentlich anders machen als schrumpfende. Auch wenn man dabei sicher nicht dem Trugschluss verfallen darf, was in einer Gemeinde gut funktioniere, sei deshalb automatisch das Patentrezept für alle anderen. Nebenbei bin ich ein bisschen an dem Wort "charismatisch" hängen geblieben, nehme aber an, Frau Dr. Müller meint dies allgemein im Sinne von "mit großer Ausstrahlung begabt" und nicht spezifisch auf die Charismatische Bewegung innerhalb der verschiedenen christlichen Konfessionen bezogen. Dabei würde es wohl auch so verstanden einen Sinn ergeben, denn charismatisch orientierte Gemeinden und Gemeinschaften scheinen tendenziell tatsächlich stärkeren Zulauf zu haben als andere; aber diese Dose Würmer will ich jetzt nicht auch noch aufmachen

Eine andere hingegen sehr wohl: Judith Müller wirft ihren Kollegen vor, sie suchten nach einem "Heilmittel, die Quoten kirchlicher Beteiligung noch einmal ins Plus zu drehen". Da frage ich mich: Geht es tatsächlich nur um die Quote? Um die Unternehmensbilanz? Will die Verfasserin diese Sichtweise kritisieren, oder sitzt sie dieser Sichtweise selbst auf? Ich bin mir da tatsächlich nicht so sicher. Über weite Strecken liest sich der Aufsatz jedenfalls so, als würde "Kirche" darin lediglich als "Organisationsform" betrachtet und beurteilt. Von Gott ist im ganzen Text keine Rede; und von den Menschen, aus denen die Kirche besteht und zu deren Heil sie dienen soll, ebenfalls kaum. 

Das hat natürlich Konsequenzen. Sich ein allmähliches Dahinsterben der Kirche, wie es Robert Schneider prophezeit, vorzustellen oder sich sogar damit anzufreunden, fällt naturgemäß erheblich leichter, wenn man den Gedanken an den göttlichen Auftrag an die Kirche und an ihre Heilsnotwendigkeit für die Menschen ausklammert. Bezieht man diese Gedanken jedoch in seine Überlegungen ein, dann liegt es nahe, dabei auch an die Worte Jesu zu denken: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwinden" (Matthäus 16,18). -- Angehörige christlicher Konfessionen, die weder das Petrusamt noch die Apostolische Sukzession kennen bzw. anerkennen, werden dieses Bibelwort zweifellos anders verstehen, als die Katholische Kirche es tut. Ohne hier nun konkrete Belege anführen zu können, würde ich mal annehmen, dass Protestanten diese Zusage Jesu auf die "Christenheit" als Ganze beziehen, die sie sich als unabhängig von einer konkreten Institution "Kirche" vorstellen. Von dieser Sichtweise ausgehend kann man durchaus zu der Auffassung gelangen: "Das Christentum wird überleben, auch wenn die Kirche stirbt". Frau Dr. Müller ist allerdings katholisch, auch wenn man das ihrem Text kaum anmerkt. Nun besagt das katholische Kirchenverständnis, dass die Wahre Kirche Jesu Christi in der konkreten Gestalt der Katholischen Kirche subsistiert (vgl. Lumen Gentium 8); d.h. die Kirche als Mystischer Leib Christi ist mit der "Organisationsform" Katholische Kirche nicht einfach identisch, kann aber auch nicht von ihr losgelöst betrachtet werden.

Geht man dementsprechend davon aus, dass die "Bestandsgarantie" Jesu explizit auch der "Institution" Kirche gilt, dann könnte man natürlich folgern: Um das Überleben der Kirche müssen wir uns letztlich keine Sorgen machen. Die Kirche kann schrumpfen, kann an gesellschaftlichem Einfluss und Ansehen verlieren, aber untergehen kann sie nicht.

Sollte man daraus nun schließen, wir müssten für das Überleben der Kirche gar nichts tun? Rod Dreher ist nicht dieser Ansicht - jedenfalls nicht, wenn uns daran gelegen ist, dass die Kirche nicht nur global gesehen überlebt, sondern auch hier bei uns
"Jesus Christus hat versprochen, dass die Pforten der Hölle Seine Kirche nicht überwinden werden - aber Er hat nicht versprochen, dass die Hölle Seine Kirche im Westen nicht überwinden wird. Das hängt von uns ab - und von den Entscheidungen, die wir hier und jetzt treffen", 
schreibt er im Vorwort zu "The Benedict Option". Auch Johannes Hartl warnt in seinem Vortrag "Erwecke die Helden", den ich immer wieder gern zitiere, vor einer Haltung, die nur den lieben Gott lässt walten und ansonsten die Hände in den Schoß legt: 
"Es gibt Dinge, die Gott für dich tut, und es gibt Dinge, die Gott nicht für dich tut. Zum Beispiel musst du nicht jeden Morgen neu beten: Lieber Gott, bitte reinige meine Zähne. Sondern Er hat dir Hände gegeben und Zahnpasta und eine Zahnbürste." 
Auch der Hl. Augustinus sagte: "Bete, als ob alles von Gott abhinge, und arbeite, als ob alles von dir abhinge." -- Aber meint Judith Müller eigentlich wirklich, man könne, solle und müsse nichts weiter tun, als der Kirche beim gemächlichen Verscheiden zuzusehen? Das dürfte denn doch ein Missverständnis sein, das über die erste Hälfte des Titels ihres Essays - "Nichts ist zu tun" - die zweite Hälfte übersieht: "ohne in Tatenlosigkeit zu versinken". Abgelehnt wird ein aktionistischer Innovationseifer, okay; aber wie soll die Alternative aussehen? 
"Es geht um die Gelassenheit, nicht etwas sein zu müssen, was man nicht ist, sondern die konzentrierte Selbstverständlichkeit, das zu sein, was man – und zwar ohne das Wörtchen 'noch' – ist: als Kirche in der Gesellschaft, als Seelsorger und Seelsorgerinnen in den Begegnungen, als Christenmensch im Leben. Es ist was es ist: Die Liebe. Der Glaube. Eine Gemeinde. Eine Ordensgemeinschaft. Die Kirche. [...] Lasst Gemeinden sein was sie sind, so lange sie es sind! Erspart ihnen Prozesse, die nur dem Überleben der Organisation und zu wenig dem Glaubenkönnen der Menschen heute dienen. Aber helft ihnen entdecken, was aus ihnen werden will, wenn sie danach fragen. Es muss nicht immer alles innovativ sein. Es genügt gegenwärtig und in Bewegung zu sein." 
Klingt erst mal nicht schlecht. Aber was dient denn dem "Glaubenkönnen der Menschen"? Was heißt es konkret, "gegenwärtig und in Bewegung zu sein"? Heißt es, mit dem, was man schon immer gemacht hat, weiterzumachen, solange es eben geht? Den Stein immer wieder den Berg hinaufrollen, obwohl man weiß, dass er gleich darauf wieder herunterrollen wird? Müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen? 

Nun ja: Vielleicht. Dass die Kirche sich darauf konzentrieren solle, zu sein, was sie ist, ist durchaus auch in der Benedict Option eine Kernaussage. Was Judith Müllers Essay allerdings so unbefriedigend macht, ist - ich deutete es bereits an - das völlige Fehlen einer transzendenten Ebene. Das "Es ist was es ist" bleibt auf diese Weise inhaltlich unbestimmt. Möglicherweise hat die Verfasserin selbst keine klare Vorstellung davon. Da halte ich es dann doch lieber mit Rod Dreher: Eine Reform der Kirche - "Reform" in dem Sinne, dass die Kirche sich darauf zurückbesinnt, was sie eigentlich sein soll - muss immer im eigenen Herzen beginnen; also damit, das eigene Denken, Wollen und - in der Konsequenz - das eigene Handeln auf Gott hin auszurichten. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an einen Satz der Hl. Mutter Teresa: "Was muss sich in der Kirche ändern? - Sie und ich!" 

Zweifellos hat Judith Müller Recht, wenn sie meint, der "Erfolg" kirchlichen Handelns lasse sich nicht "in steigenden Beteiligungszahlen" messen. Es erscheint durchaus plausibel, dass die Kirche erst noch mehr schrumpfen, noch weiter an gesellschaftlichem Einfluss und "Status" verlieren muss, um wieder zu sich selbst zu finden. Schmerzhaft ist dieser Schrumpfungsprozess nicht um der "Organisationsform" willen, sondern um der Menschen willen, die die Kirche nicht erreicht. Diese Menschen können und dürfen der Kirche nicht gleichgültig sein. Aber gerade deshalb muss sie sich zunächst einmal darauf besinnen, was es eigentlich ist, das sie den Menschen zu geben hat. 



Mittwoch, 31. Mai 2017

Was ist dran an der "Benedict Option"? (Teil 3)

So, Freunde: Nach einem vorübergehenden Abstieg in die geistlichen Niederungen des Evangelischen Kirchentages wird es nun aber Zeit, dass ich meine Lektürenotizen zu Rod Drehers "The Benedict Option" fortsetze. Das zweite Kapitel des Buches trägt die Überschrift "Die Wurzeln der Krise". Darin wagt sich der Autor - nach der einleitenden Schilderung eines Verandagesprächs zwischen zwei alten Damen, die sprichwörtlich "die Welt nicht mehr verstehen" - an einen geistes- bzw. ideengeschichtlichen Abriss der Ursachen dafür, dass eine traditionell christliche Weltanschauung der modernen Gesellschaft zutiefst fremd geworden ist. Dabei greift er erheblich weiter in die Geschichte zurück, als man hätte annehmen können: 
"Der Verlust der christlichen Religion ist die Ursache dafür, dass der Westen seit geraumer Zeit dabei ist, sich zu fragmentieren - ein Prozess, der an Geschwindigkeit zunimmt. Wie ist es dazu gekommen? Im Laufe von sieben Jahrhunderten haben fünf bahnbrechende Ereignisse die westliche Zivilisation erschüttert und sie des Glaubens ihrer Vorväter beraubt:
  • im 14. Jahrhundert der Verlust des Glaubens an den integralen Zusammenhang zwischen Gott und Schöpfung - oder, in philosophischer Terminologie, zwischen transzendenter und materieller Realität; 
  • der Zusammenbruch von religiöser Einheit und religiöser Autorität in der protestantischen Reformation des 16. Jahrhunderts; 
  • die Aufklärung im 18. Jahrhundert, die die christliche Religion durch den Kult der Vernunft ersetzte, das religiöse Leben privatisierte und das Zeitalter der Demokratie einläutete; 
  • die Industrielle Revolution (ca. 1760-1840) und der Aufstieg des Kapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert; 
  • die Sexuelle Revolution (1960-heute)." 
Freilich räumt Dreher ein: 
"Dieser Abriss westlicher Kulturgeschichte seit dem Hohen Mittelalter lässt zugegebenermaßen eine ganze Menge aus. Zudem ist er voreingenommen zugunsten eines intellektuellen Verständnisses historischer Kausalität. Tatsächlich ist es so, dass materielle Erscheinungen oft erst die Geburt von Ideen ermöglichen. Die Entdeckung der Neuen Welt und die Erfindung der Druckerpresse, beides im 15. Jahrhundert, und die Erfindung der Verhütungspille und des Internets im 20. Jahrhundert ermöglichte es Menschen, sich Dinge vorzustellen, die zuvor unvorstellbar waren, und somit neue Gedanken zu denken. Die Geschichte gibt uns keine sauberen und geraden kausalen Linien, die Ereignisse miteinander verbinden und sie in eine klare Ordnung bringen. Geschichte ist ein Gedicht, kein Syllogismus." 
William Hogarth: Tail Piece (1764) 

Historiker werden an dem Geschichtsbild, das Dreher auf den folgenden Seiten entwirft, sicherlich Manches zu bemängeln haben.  Gleichwohl betont der Autor: 
"Es ist wichtig, diese Darstellung - so unvollständig und übersimplifiziert sie auch sein mag - zu begreifen, um zu verstehen, warum der bescheidene benediktinische Weg eine so wirkungsvolle Gegenkraft zu den zersetzenden Strömungen der Moderne darstellt." 
Man könnte ergänzen: Wichtig ist diese Darstellung auch, um dem Leser, der vielleicht meint, Drehers düstere Prognosen über die nahe Zukunft der Christenheit in der westlichen Welt seien überdramatisiert und die Christenheit habe schon viel schlimmere Krisen er- und durchlebt, begreiflich zu machen, wie er zu der Auffassung gelangt, die moderne westliche Kultur habe sich nahezu völlig von ihren christlichen Wurzeln gelöst.

Dem vorhersehbaren Vorwurf, das christliche Mittelalter über Gebühr zu idealisieren, begegnet er mit der Feststellung: 
"Das mittelalterliche Europa stellte keinen christlichen Idealzustand dar. Die Kirche war in spektakulärem Ausmaß korrupt, und die gewaltsame Ausübung von Macht - zuweilen auch durch die Kirche selbst - schien die Welt zu regieren. Aber trotz der tiefgreifenden Gebrochenheit der Welt trugen die Menschen des Mittelalters in ihrer Vorstellung eine kraftvolle Vision von Ganzheit. Dem mittelalterlichen Konsens zufolge konstruierte der Mensch seine Realität auf eine Weise, die ihn in die Lage versetzte, alle Dinge in einer konzeptuellen Harmonie zu sehen und Sinn inmitten des Chaos zu finden." 
Diese mittelalterliche Weltsicht skizziert Dreher unter Berufung auf den kanadischen Philosophen Charles Taylor (*1931) und auf dessen Rezeption von Grundprinzipien der scholastischen Philosophie: 
"Zu den zentralen Lehren der Scholastik gehörte das Prinzip, dass alle Dinge unabhängig vom menschlichen Denken existieren und eine ihnen von Gott gegebene essentielle Natur haben. Diese Auffassung nennt man 'metaphysischen Realismus'. Aus diesem Prinzip leiten sich laut Charles Taylor die drei Grundpfeiler ab, auf denen die mittelalterliche christliche Vorstellungswelt - das heißt, die von allen rechtgläubigen Christen von der Zeit der frühen Kirche bis ins Hochmittelalter geteilte Wahrnehmung der Realität - ruhten:
  • Die Welt und alle Dinge in ihr sind Teil eines von Gott eingerichteten und mit Sinn erfüllten harmonischen Ganzen - und alle Dinge sind Zeichen, die auf Gott hindeuten. 
  • Die Gesellschaftsordnung ist in dieser höheren Ordnung verwurzelt. 
  • Die Welt ist aufgeladen mit spiritueller Kraft. 
Diese drei Pfeiler mussten erst zerbröckeln, ehe die moderne Welt sich aus den Trümmern erheben konnte, sagt Taylor. Und in der Tat zerbröckelten sie. Das geschah nicht auf einmal und nicht auf geradem Wege, aber es geschah." 
Wie Dreher, von dieser Feststellung ausgehend, einen Bogen vom Nominalismusstreit des 14. Jhs. über Renaissance-Humanismus, Reformation und Religionskriege, die Philosophie der Aufklärung und das Zeitalter der Revolutionen, die Industrialisierung und die Weltkriege bis zum Aufstieg der Psychologie und zur Sexuellen Revolution schlägt, ist bei aller modellhaften Vereinfachung faszinierend zu lesen, aber ich möchte mich nicht allzu lange dabei aufhalten, dies im Einzelnen nachzuzeichnen. Auch wenn die Auslassungen, die ich vornehme, womöglich wieder Missverständnissen Vorschub leisten. Lest das Kapitel einfach selber, Leute! -- Einige Punkte möchte ich dennoch besonders hervorheben. So stellt Dreher gleich eingangs, im Zusammenhang mit dem Nominalismusstreit, fest: 
"Das mittelalterliche Weltmodell erzitterte unter philosophischen Attacken, aber es wurde auch von grauenhaften Ereignissen von außerhalb der Welt der Künste und Ideen bis auf den Grund erschüttert. Krieg - besonders der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England - verwüstete das westliche Europa, das im 14. Jahrhundert obendrein von einer katastrophalen Hungersnot heimgesucht wurde. Am schlimmsten war aber der Schwarze Tod - eine Seuche, die zwischen einem Drittel und der Hälfte der europäischen Bevölkerung dahinraffte, ehe sie sich wie ein Buschfeuer selbst verzehrte. Wohl wenige Zivilisationen könnten solchen traumatischen Erschütterungen standhalten, ohne dass es zu gewaltigen Umbrüchen käme." 
(Vgl. dazu übrigens auch das Handout The Disastrous 14th Century der University of Wisconsin.)

-- Auch im weiteren Verlauf macht Dreher immer wieder deutlich, dass er die von ihm beschriebenen Phänomene wie Reformation, Aufklärung und Industrialisierung durchaus nicht schlichtweg "verteufeln" will; vielmehr zeigt er auf, dass es sich vielfach um folgerichtige und von guten Absichten getragene Reaktionen auf real existierende Missstände handelte - die aber im Endergebnis dennoch das kollektive Bewusstsein der westlichen Gesellschaften immer weiter von seinen christlichen Wurzeln entfernten. Ausgesprochen interessant sind Drehers Ausführungen zu dem scheinbar paradoxen Faktum, dass die USA trotz der starken christlichen Prägung ihrer Gesellschaft als säkularer Staat gegründet wurden: 
"Die Verfassung der USA, ein zutiefst von der Philosophie John Lockes geprägtes Dokument, privatisiert die Religion, indem sie sie vom Staat trennt. Jedes amerikanische Schulkind lernt, dies als einen Segen zu betrachten, und vermutlich ist es auch einer. Dennoch hatte diese Art der Trennung von sakraler und säkularer Sphäre tiefgreifende Auswirkungen auf die Ausformung des religiösen Bewusstseins der Amerikaner.
Bei allem Guten, das der Grundsatz religiöser Toleranz einem jungen Land bescherte, dessen Bevölkerung aus vielfältigen und miteinander zerstrittenen protestantischen Sekten und einer katholischen Minderheit bestand, legte diese Toleranz zugleich auch das Fundament für einen Ausschluss der Religion aus dem öffentlichen Raum, indem sie diese zu einer Frage privater, individueller Wahl erklärte. [...]
Wenn eine Gesellschaft durch und durch christlich geprägt ist, ist dies ein genialer Weg, den Frieden zu bewahren und allgemeines Florieren zu ermöglichen. Doch von einem christlichen Standpunkt aus gesehen enthielt der Liberalismus der Aufklärung bereits die Samenkörner für den Niedergang des Christentums." 
In diesem Zusammenhang zitiert Dreher einen Brief von John Adams - einem der Gründerväter der USA - an die Miliz des Staates Massachusetts vom 11. Oktober 1798: 
"Unsere Verfassung ist ausschließlich für ein moralisches und religiöses Volk gedacht. Um ein anderes zu regieren, wäre sie vollkommen ungeeignet." 
Zu einem prinzipiell ähnlichen Urteil kam Alexis de Tocqueville in seinem Werk Über die Demokratie in Amerika (1835): 
"Tocqueville kam zu dem Schluss, dass in der Demokratie die Zukunft Europas liege, stellte jedoch fest, dass sie mit ihrem Streben nach Gleichheit, das dazu tendierte, Normen vom Willen der Mehrheit abhängig zu machen, Gefahr laufe, ebenjene Tugenden zu eliminieren, die die Selbstregierung erst ermöglichten." 
(Denken wir an dieser Stelle kurz an das zu Recht berühmte Diktum des Staats- und Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Bockenförde: "Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann".) -- Demokratien, so Tocqueville, können
"nur erfolgreich sein, wenn 'vermittelnde Institutionen' - darunter die Kirchen - in ihnen gedeihen." 
Nun spule ich aber mal ein Stück vor, mitten hinein in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: 
"Dies war eine Zeit, in der der Westen nach den Worten des Soziologen Zygmunt Bauman von der 'soliden Moderne' - einer Phase, in der der gesellschaftliche Wandel noch einigermaßen vorhersehbar und beherrschbar war - zur 'liquiden Moderne' überging - unserem gegenwärtigen Zustand, in dem Veränderungen so rasch vor sich gehen, dass gesellschaftliche Institutionen keine Zeit haben, sich zu verfestigen." 
Als bedeutenden Paradigmenwechsel in dieser Phase der Kulturgeschichte benennt Dreher - unter Berufung auf den Soziologen und Kulturkritiker Philip Rieff - den Siegeszug der Psychologie, insbesondere der Freudschen Psychoanalyse. Dreher zitiert Rieff, der mehrere Bücher über Freud verfasst hat, mit den Worten:
"Der Religiöse Mensch war dazu geboren, erlöst zu werden. Der Psychologische Mensch ist dazu geboren, befriedigt zu werden." 
Daran anknüpfend führt Dreher aus:
"Die 1960er waren das Jahrzehnt, in dem der Psychologische Mensch voll und ganz zu seinem Recht kam. In diesem Jahrzehnt wurde die Freiheit des Individuums, der Erfüllung seiner eigenen Begierden nachzujagen, zu unserem kulturellen Leitstern, und in der Folge begann der rapide Abfall der Moral Amerikas von ihrem christlichen Ideal. Trotz eines konservativen Backlashs in den 1980ern hat der Psychologische Mensch auf ganzer Linie gesiegt und beherrscht nun unsere Kultur - einschließlich der meisten Kirchen - so sicher, wie einst die Ostgoten, Westgoten, Vandalen und andere Eroberervölker die Überreste des Weströmischen Imperiums beherrschten." 
Und damit ist Mr. Dreher auf seinem tollkühnen Ritt durch die Geistesgeschichte auch schon in der Gegenwart angekommen. Natürlich habe ich sehr viel übersprungen, und sicherlich leidet die Stringenz darunter nicht unwesentlich. Lest das Kapitel nach! Es lohnt sich. Schauen wir nun aber auf die Gegenwart und absehbare Zukunft:
"Das romantische Ideal des sich selbst erschaffenden Menschen findet seine Erfüllung in der neuesten Avantgarde der Sexuellen Revolution: den Transgender-Personen. Diese lehnen es ab, sich durch biologische Fakten definieren zu lassen, und haben dabei eine Elite-Bewegung hinter sich, die die neuen Generationen lehrt, Gender sei einzig das, was das Individuum sein zu wollen entscheidet." 
Hui! Muss ich fürchten, dass gleich die Hate-Speech-Polizei an die Tür klopft? Ich hoffe nicht. Schließlich stellt Dreher lediglich einen Sachverhalt dar, der als solcher - wie man ihn auch bewerten mag - kaum zu leugnen ist: nämlich, dass Transgenderismus mit einem auf Bibel und Tradition gestützten christlichen Geschlechter- und überhaupt Menschenbild schlechthin unvereinbar ist. -- Sagte ich gerade, dieser Widerspruch sei kaum zu leugnen? Nun, natürlich gibt es Theologen, die leugnen ihn doch - beziehungsweise meinen, um diesen Widerspruch aufzulösen, müsse die Kirche ihre Lehre eben ändern. Zu dieser Sorte von Kirchenleuten sagt Dreher - natürlich - auch noch was, aber vorher will ich noch eins meiner Lieblingszitate aus diesem Kapitel der "Benedict Option" anbringen:
"Natürlich gibt es zu allen Zeiten moralisch laxe Menschen und solche, die Idealen und höheren Zielen abschwören, um stattdessen den Begierden ihres Herzens nachzujagen. Tatsächlich ist jeder von uns Christen zuweilen so. Man nennt das Sünde." 
Und wie verhalten sich nun die Kirchen dazu? Nun, da gibt es natürlich solche und solche, aber Dreher hat ja schon früher deutlich gemacht, dass er von vielen von ihnen keine besonders hohe Meinung hat.
"Kirchen - gleich welcher Konfession -, die nichts anderes sind als lockere Vereinigungen von Individuen, die danach streben, ihre jeweilige individuelle 'Wahrheit' zu finden, hören auf, in irgendeinem sinnvollen Verständnis Kirche zu sein - denn es gibt in ihnen keinen gemeinsamen Glauben mehr." 
Ich würde mal behaupten, das konnte man auf dem Evangelischen Kirchentag nun wirklich in idealtypischer Grausigkeit beobachten. Aber ob es sich dafür gelohnt hat, da hinzugehen? -- Kommen wir zum Fazit des Kapitels:
"In diesem Sinne mögen Christen heutzutage meinen, sie stünden in Opposition zur säkularen Kultur, aber in Wahrheit sind wir ebenso Geschöpfe unserer Zeit wie die säkularen Leute auch. [...] Wir mögen bestreiten, dass Gott tot sei, aber wenn man den religiösen Individualismus und seinen theologischen Überbau, den Moralistisch-Therapeutischen Deismus, akzeptiert, dann läuft das auf das Bekenntnis hinaus, Gott sei vielleicht noch nicht ganz tot, aber in Hospizpflege und ans Bett gefesselt." 
Tja. Was nun? Im dritten Kapitel, "Eine Regel zum Leben", führt der Autor aus, wie man aus den Kern- und Leitgedanken der Benediktinischen Ordensregel Impulse für eine geistliche Erneuerung beziehen kann, die ein christliches Leben inmitten einer feindlichen Umwelt ermöglichen sollen. Das Kapitel ist ziemlich umfangreich - das zweitlängste des Buches; noch länger ist nur Kapitel 7, in dem es um das Bildungs-, insbesondere das Schulwesen geht -, und auch ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, wird es da erheblich mehr zu exzerpieren geben als in Kapitel 2. Deshalb mache ich an dieser Stelle erst mal einen Punkt. Fortsetzung folgt!


Dienstag, 30. Mai 2017

Big in Berlin - Ein Abgesang auf den #dekt2017

"Wir wissen nicht mehr, wo wir sind, und steigen lieber aus / 
Wir sind unterwegs und doch irgendwie zu Haus / 
Ein Himmel voller Lichter wärmt die Herzen hier / 
Ein Meer voll Attraktionen und dazwischen wir. / 

Wir sind viele und wir sind zu zweit / 
Wir sind big in Berlin tonight." 

(Die Sterne, "Big in Berlin", 1999) 



Eigentlich gehörte die sogenannte "Hamburger Schule" nie zu meinen bevorzugten Musikrichtungen, aber so langsam bin ich doch schwer beeindruckt von der Weisheit, die sich in diesem Genre verbirgt. Erst Kettcar und "Valerie und der Priester", jetzt Die Sterne und der Evangelische Kirchentag. Hier wie dort gilt: Auch über das obige Zitat hinaus passt der ganze Liedtext zum Anlass wie die Faust aufs Auge. Und schaut Euch unbedingt das Video an. Es ist großartig. Sänger Frank Spilker reitet als mit Lichterketten illuminierter Cowboy durch Berlin. Muss man gesehen haben. 

Außerdem an dieser Stelle ein Hat-Tip ans ZDF, dessen Eröffnungsbericht zum 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag ich die Assoziation zu diesem Song letztlich verdanke. Der Beitrag trug nämlich den Titel "Wir sind viele"

Ansonsten bleibt mir eigentlich nur noch, auf einige lesenswerte Beiträge zum Kirchentag aus fremder Feder hinzuweisen: 

  • Josef Bordat beschrieb unter der Überschrift  "Kirchentagsvorglühen" schon im Vorfeld ausgesprochen treffend, was von diesem Event zu erwarten sein würde.  
  • "Mary of Magdala" widmet sich in "Rettet die Jugend!" dem soeben erwähnten ZDF-Beitrag, genauer gesagt: jenem Teil des Beitrags, in dem es um das "Zentrum Jugend" am Anhalter Bahnhof ging, und kommt zu dem Schluss: Was die Jugendlichen da zeigen, das ist ein Hilfeschrei. Ein Schrei nach Gott, aus der Tiefe der spirituellen Verblödung. 
  • Sebastian Baer-Henney, evangelischer Pfarrer in Köln, präsentiert seinen persönlichen Rückblick auf den Kirchentag unter der Überschrift "Augen, die nicht weinen können". Darin schreibt er zwar "Was ich gesehen habe, ist durchaus gut. Es ist gut für die Menschen, die noch kirchlich sind. Es ist gut für die Menschen, die kirchlich sozialisiert wurden. [...] Unsere theologisch korrekten Antworten, unsere politisch korrekten Aussagen – all das ist richtig", macht sich aber gleichwohl Sorgen, dass die auf dem Kirchentag gepflegte "Binnenkirchlichkeit" immer weniger Relevanz für die "Außenwelt" habe. Unnötig zu erwähnen, dass ich in Vielem grundsätzlich anderer Meinung bin als Pfarrer Baer-Henney, aber gerade deshalb finde ich die Schlussfolgerungen, die er zieht, höchst interessant. 
  • Wie jemand, der sich in der "Binnenkirchlichkeit" des Kirchentags fühlt wie ein Fisch im Wasser, die Veranstaltung erlebt hat, kann man auf dem Blog Kirchengeschichten von Holger Pyka - auch er evangelischer Pfarrer - unter der Überschrift "Was vom Tage übrig bleibt?" bewundern. Einige Kritikpunkte führt auch er an, aber das positive Wir-Gefühl überwiegt. Es lohnt sich, den Artikel zur Kenntnis zu nehmen. Was mir beim Lesen durch den Kopf ging: Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wohltuend und fruchtbar Veranstaltungen sein können, bei denen Gleichgesinnte mehr oder weniger unter sich sind. Komisch nur, dass das bei Manchen als "sektiererisch" gilt und bei Anderen nicht
  • Und abschließend noch einmal Josef Bordat, diesmal ganz sachlich-seriös, mit einem Kommentar in der Tagespost (bitte schnell lesen, ehe der Artikel hinter der Bezahlschranke verschwindet): "Mehr Kant als Luther"

Und nun aber genug von diesem Thema! Mein heimlicher Manager W. hat sich mal wieder zu Wort gemeldet: Er meint, ich sollte mich nicht so viel an der doofen und langweiligen p.c.-Fraktion abarbeiten, sondern lieber positive Alternativen aufzeigen. Deshalb geht's hier demnächst weiter mit der "Benedict Option"... 





Montag, 29. Mai 2017

Sacropop-News: Wessen Gott ist "Mein Gott"?

In meiner Fotoreportage vom 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag hatte ich am Rande erwähnt, dass meine Liebste und ich das neue Album von Miriam Buthmann & Band, "Mein Gott", erworben haben; und ich hatte dort auch schon zu Protokoll gegeben, ich hätte "den Verdacht, dass [es] nicht ganz so gut sein [werde] wie das Vorgängeralbum 'Mit einem anderen Blick'". Woher rührte dieser Verdacht? 

Nun, zunächst einmal hatte das vor zwei Jahren erschienene Album "Mit einem anderen Blick" die Messlatte ziemlich hoch gehängt. Zwölf Songs, von der musikalischen Seite her solider, eingängiger Pop mit Elementen von Rock, Reggae, Funk, Jazz und HipHop, vom Text her sämtlich Psalmen-Nachdichtungen in einer Sprache, die "heutig" wirkte, ohne banal zu sein oder zu allzu plumpen Aktualisierungen zu greifen. Insgesamt eine Scheibe, die ich stundenlang rauf und runter hören könnte. 

Demgegenüber enthält das neue Album "Mein Gott" nur neun Nummern, und darunter sind zwei Lieder, die jeweils in einer hoch- und einer plattdeutschen Version ("Du bist ein Gott, der mich anschaut"/"Du büst en Gott, de mi ankiekt"; "Allens, wat du bruukst"/"Das, was du brauchst") vertreten sind. Somit reduziert sich die Anzahl der verschiedenen Songs auf sieben; zwei davon habe ich bei Mires Auftritt auf der "Bühne im Sommergarten" live gehört, ein weiteres sogar schon beim letzten Kirchentag in Stuttgart vor zwei Jahren, und eins ist als YouTube-Video auf Mires Website verlinkt. Viel Raum für Überraschungen blieb da also nicht übrig. 



Nun gut: Fangen wir mal vorne an. Der erste Song des Albums ist jener, den ich schon vom Video auf der Website her kannte: "Du bist ein Gott, der mich anschaut" - ein Titel, der sicherlich nicht zufällig mit dem Kirchentagsmotto "Du siehst mich" korrespondiert. Im CD-Booklet trägt der Song den Untertitel "Hagars Lied". Aha, ein biblischer Bezug! Worin besteht er? - Hagar, das werden einige von uns wissen, ist die ägyptische Nebenfrau Abrahams, mit der er seinen ersten Sohn Ismael zeugt. In Genesis 16 kann man nachlesen, wie die schwangere Hagar aus Angst vor Abrahams Hauptfrau Sara in die Wüste flieht und dort einem Engel des Herrn begegnet, der sie zu Abraham zurückschickt, ihr aber immerhin eine Prophezeiung über ihre Nachkommenschaft mit auf den Weg gibt. "Da nannte sie den Herrn, der zu ihr gesprochen hatte: El-Roï (Gott, der nach mir schaut). Sie sagte nämlich: Habe ich hier nicht nach dem geschaut, der nach mir schaut?" (Gen 16,13). Tatsächlich ist auch das Kirchentagsmotto dieser biblischen Episode entnommen, und der Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Ueberschär, war es bei der Vorstellung des Mottos besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Episode nicht nur in der Bibel, sondern auch im Koran vorkommt. Was an sich nicht besonders überraschend ist, da Hagars Sohn Ismael als Stammvater der Araber gilt. 

Ein Lied Hagars gibt es in der Bibel nicht, aber halb so wild: Jetzt gibt es eins. Den Text dazu hat - als einzigen des Albums - nicht Mire Buthmann selbst verfasst, sondern Susanne Brandt. Der Refrain lautet:
"Du bist ein Gott, der mich anschaut
Du bist die Liebe, die Würde gibt
Du bist ein Gott, der mich achtet
Du bist die Mutter, die liebt." 
Der letzte Vers klingt verdächtig nach einer Verbeugung in Richtung der feministischen Theologie und verursacht mir daher einen gewissen Juckreiz, aber vielleicht sehe ich das zu eng. Schließlich gibt es durchaus Bibelstellen, die die mütterlichen Eigenschaften Gottes hervorheben - exemplarisch sei Jesaja 66,13 genannt ("Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch"). -- Interessant ist allerdings auch, dass in diesem Refrain die Achtung, die Gott dem Menschen zu Teil werden lässt, betont wird - und nicht etwa umgekehrt. Merken wir uns das für später. 

Während der Text des Liedes also keine rechte Begeisterung bei mir aufkommen lässt, tut es die Musik noch weniger. Eine locker-flockige Uptempo-Nummer mit leichtem Country-Einschlag -- erinnert sich noch irgendwer an Deutschlands Beitrag zum Eurovision Song Contest 2006, "No no never" von Texas Lightning feat. Olli Dittrich? So ähnlich klingt das. Für ein geistliches Lied allzu banal, finde ich. 

Der zweite Titel, "Allens, wat du bruukst", war, wie ich soeben nachrecherchiert habe, schon auf dem Kirchentag 2013 in Hamburg vorgestellt worden und auch 2015 in Stuttgart im offiziellen Kirchentags-Liederbuch enthalten gewesen. Dass es jetzt, Jahre später, auf CD erscheint (und das auch noch in zwei Fassungen), verstärkt den Verdacht, dass es an neuem Material fehlte, um die CD einigermaßen voll zu kriegen. Der Song an sich ist aber so übel nicht: Musikalisch ein nettes, vielleicht etwas allzu harmloses Liedchen, vom Text her eine Mahnung zum Gottvertrauen, bei der der bibelkundige Hörer an Matthäus 6,31f. denken mag: 
"Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht." 
Ein bisschen schade ist es freilich, dass ein inhaltliches Äquivalent zum folgenden Vers - "Euch aber muss es zuerst um Sein Reich und um Seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben" - im Liedtext fehlt; aber man kann wohl nicht alles haben.

Es folgt der Titelsong des Albums: "Mein Gott". Er ist funky und tanzbar, hätte für meinen Geschmack im Mix ruhig noch etwas schärfer und kantiger rüberkommen können, aber okay. Richtig schlimm ist hier der Text
"Mein Gott steht auf Männer und auf Frau'n" - 
Was soll das? - Wollte man diesen Satz mit "Gottes Liebe gilt Männern und Frauen gleichermaßen" übersetzen, dann wäre die Aussage zweifellos richtig, allerdings nicht unbedingt originell. Die Formulierung klingt jedoch arg nach "Gott ist bisexuell", und ich kann mir kaum vorstellen, dass diese Assoziation nicht gewollt sein sollte. Ein Hat-Tip an die Regenbogenfraktion. Weiter geht's wie folgt: 
"steht auf alle, die sich trau'n" - 
"Trauen" im Sinne von "Trauung"? Ehe für alle? Okay, das mag jetzt eine Überinterpretation meinerseits sein. 
"steht auf Mut und Gerechtigkeit" - 
Fair enough
"Mein Gott steht auf für jede Minderheit,
für die Bedrängten dieser Zeit" - 
Dagegen ist nun inhaltlich nicht viel zu sagen, außer dass es auf enervierende Weise politically correct klingt. Womit es natürlich ausgezeichnet auf den Evangelischen Kirchentag passt. Und schließlich: 
"versteckt sich nicht hinter Heiligkeit". 
Und was soll der Scheiß jetzt? Inwiefern sollte Heiligkeit etwas sein, wohinter Gott sich "versteckt"? Auf dem Vorgängeralbum "Mit einem anderen Blick" gab es noch einen Song mit dem Titel "Denkt daran, dass Er heilig ist". Nun, so scheint es, wird ein "desakralisiertes" Gottesbild gepredigt. Nachdem der Refrain die soziale oder, wenn man so will, "sozialpolitische" Dimension seines Gottesbildes betont hat, kommt in den Strophen eine stark individualisierte Gottesbeziehung zum Ausdruck, was in Sätzen gipfelt wie "Und das, was ich verschieben will auf morgen / das macht Gott Sorgen". -- Unversehens gewinnt das Possessivpronomen "mein" im Titel des Songs - der ja zugleich der Titel des ganzen Albums ist - eine neue Bedeutung: Es scheint, als werde hier ein Gott gepriesen, der sich quasi in "Privatbesitz" befindet - ein Flaschengeist, den man zu Hause im Regal stehen hat und bei Bedarf hervorholt. Und dessen wesentliche Aufgabe darin zu bestehen scheint, das Selbstbild seines "Besitzers" zu bestätigen oder nötigenfalls aufzupolieren. Das ist ein Gottesbild, das perfekt zu jenem Phänomen passt, dem die US-Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton den Namen "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" (MTD) gegeben haben: eine "schwammige Pseudoreligion", deren Inhalt nicht wesentlich über "Gott hat uns alle lieb und möchte, dass wir nett zueinander sind" hinausgeht. Wenn man es recht bedenkt, sind auch die anderen Songtexte auf "Mein Gott" - und tendenziell oder zum Teil auch die auf dem Vorgängeralbum - mit diesem reduzierten Gottesbild kompatibel. Was wohlgemerkt nicht zwingend bedeutet, dass sie so gemeint sind. Dass es von Fall zu Fall so schwierig ist, MTD und authentisches Christentum voneinander zu unterscheiden, liegt ja nicht zuletzt daran, dass die Aussage "Gott hat uns alle lieb und möchte, dass wir nett zueinander sind" zwar arg harmlos und banal formuliert daherkommt, aber nicht direkt falsch ist. Das Problem ist vielmehr, dass eine Verengung des Gottesbildes auf allein diese Aussage wesentliche Aspekte des christlichen Glaubens unterschlägt. Von einem Liedtext wird man aber keine umfassende Theologie erwarten, und somit gibt es zweifellos eine Menge christliches Liedgut älteren wie jüngeren Datums, von dem man behaupten könnte, es sei durch und durch MTD-kompatibel. Das ist im Prinzip nicht schlimm. Aber die doch sehr ausgeprägte MTD-haftigkeit des Songs "Mein Gott" - moralistisch im Refrain, therapeutisch in den Strophen - gibt doch zu denken. Dass all dies nur allzu gut zum Evangelischen Kirchentag passt, auf dem ein über MTD-Plattitüden hinausgehendes Bekenntnis zum christlichen Glauben ja insgesamt eher unerwünscht zu sein schien, habe ich ja bereits angemerkt. 

Somit bleiben auf dem neuen Buthmann-Album noch vier Songs, die eine genauere Betrachtung verdienen - zwei in englischer und zwei in deutscher Sprache, und alle vier präsentieren sich als Nachdichtungen biblischer Texte: "Never ending story" basiert auf 1. Korinther 13 ("Die Liebe hört niemals auf"), "Seek Peace" - das auf das Motto des 101. Deutschen Katholikentags in Münster im kommenden Jahr, "Suche Frieden", vorausweist - auf Psalm 34, "Wo die Sonne aufgeht" auf Psalm 139 und "Gott, segne uns" auf Psalm 67. Musikalisch kommen diese vier Nummern eher ruhig und langsam daher, wenngleich "Seek Peace" einen dezidiert rockigen Gitarrensound aufweist. An den Texten gibt es - wohl auch dank der soliden biblischen Fundierung - nicht viel zu bemängeln; lediglich zu "Wo die Sonne aufgeht", das Mire und ihre Band gerade spielten, als ich an der Bühne im Sommergarten ankam, habe ich zwei kleine Anmerkungen zu zwei aufeinanderfolgenden Versen: 
"Du hast mich gewollt, so, wie ich bin" - 
Da wittere ich wieder einen Hauch von MTD, denn so ein Satz kann nur allzu leicht zur Rechtfertigung des eigenen Selbstbildes eingesetzt werden: Ich bin gut so, wie ich bin, schließlich hat Gott mich so geschaffen. Das Problematische an dieser Sichtweise ist, dass sie den Sündenfall und folgerichtig die Erbsünde ignoriert. Der Mensch nach dem Sündenfall ist eben nicht (mehr) so, wie Gott ihn gewollt hat. Gott liebt die Menschen zwar so, wie sie sind, aber gerade weil Er sie liebt, will Er nicht, dass sie so bleiben, wie sie sind. 
"Schon vor der Geburt hast du mich gesehn" - 
Da kann ich nun nur applaudieren. Klare Pro-Life-Message. Hätte ich so gar nicht erwartet. Aber das steht nun mal so drin in dem Psalm. 

Während "Gott, segne uns" - sparsam arrangiert mit Akustikklampfe und mehrstimmigem Gesang - ein bisschen an das gute alte böse alte NGL-Genre erinnert, würden die drei anderen zuletzt genannten Songs auf einer Compilation charismatischer Lobpreislieder - etwa im Rahmen der Reihe "Feiert Jesus!" oder in trauter Nachbarschaft zu Songs aus dem Gebetshaus Augsburg, der Bethel Church oder der Hillsong Church - nicht unbedingt aus dem Rahmen fallen. Ich würde diese drei Nummern definitiv als die Highlights des Albums bezeichnen; an Knüller des Vorgängeralbums wie "Dankt Ihm", "Du gibst Dich mit uns ab" oder "Beschützer der Welt"  reichen sie allerdings beiweitem nicht heran. 

Wie lautet also mein abschließendes Urteil? - Sagen wir so: Beim Titelsong "Mein Gott" ist der Text eine Zumutung und bei "Du bist ein Gott, der mich anschaut" die Musik; davon abgesehen ist die Scheibe nicht schlecht. Man kann sie sich anhören. 

Muss man aber nicht. 




Freitag, 26. Mai 2017

Die freudigen Christen und die Sektenmentalität

Heute morgen - ich war noch nicht ganz wach - las ich auf Twitter die folgenden Sätze
"Am frühen Morgen so viele glückliche Christen um einen rum. Dabei will ich nur Kaffee." 
Den Urheber dieses wohl scherzhaft gemeinten Tweets kenne ich aus dem Real Life. Er sagt von sich selbst, dass er "von Religion nichts versteht", und ich teile diese Einschätzung. Daher dachte ich mir, ich sag mal was dazu, und antwortete: 
"Christen, die glücklich über den #dekt2017 sind? Mindestens eins von beidem würde ich anzweifeln." 
Im Rückblick sehe ich ein, dass das ungeschickt war. Das sieht so nach "Christsein-Absprechen" aus, und wir wissen ja alle: Wer Anderen das Christsein abspricht, der ist selbst kein... öh, jetzt wird's paradox. Jedenfalls hatte ich in dem Moment, als ich das schrieb, überhaupt nicht auf dem Schirm, dass es Leute geben könnte, die sich davon persönlich angegriffen fühlen. Tja, war dumm von mir. Natürlich gibt's die. Und wie es die gibt. Ehe ich's mich versah, wurde mir eine 
"Mischung von traditionellem Katholizismus und evangelikaler Sektenmentalität" 
attestiert. Nicht dass ich mich damit nun gänzlich falsch charakterisiert fühlte, aber der Ausdruck "Sektenmentalität" ärgerte mich dann doch. Sollte er allerdings wohl nicht. Meist wird dieser Vorwurf ja von dem Lauen und den Laschen dazu genutzt, ihre eigene Lauheit und Laschheit als etwas Positives darzustellen. (Disclaimer: Das meine ich als allgemeine Feststellung und nicht persönlich auf den Verfasser des betreffenden Tweets bezogen.) - Die "Sektenmentalität", so wurde mir weiterhin beschieden, zeige sich, 
"wenn man lieber stänkern will, damit andere sich aufregen, um sich dann erst recht bestätigt zu fühlen". 
Parallel dazu regte ein anderer Twitterer an, ich solle doch 
"einfach frei raussagen, dass du uns nicht für Christen hältst. Kann ich mit leben, ist mir dann auch wurscht." 
Auf Nachfrage, wer denn mit "uns" gemeint sei, erfuhr ich
"Uns, die wir uns über den #dekt17 freuen und glücklich darüber sind." 
Hm. Was würde wohl passieren, wenn ich dieses Wir-Verständnis kurzerhand mit "Sektenmentalität!" kommentieren würde? 

Im Ernst: Dass der liberale Mainstream innerhalb der großen Kirchen mit dem Anspruch auftritt, wer nicht seiner Meinung ist, müsse sich dafür rechtfertigen, ist vielleicht ein Phänomen, das bei allen Mainstream-Positionen zu allen Zeiten und in allen Milieus auftritt. Aber wenn die Leute so überzeugt von ihrem Standpunkt sind und sich dabei auch noch als die Mehrheit, ja geradezu als die "Sieger der Geschichte" zu wissen meinen, wieso reagieren sie dann eigentlich so extrem empfindlich, wenn ihnen doch mal jemand widerspricht? Das gibt zu denken, scheint mir. 

Klar ist: Wenn Leute sich über ein Ereignis freuen und man selber tut es nicht - und hat für diese Freude kein Verständnis -, dann steht man schnell als Miesepeter da, und das ist keine sehr sympathische Rolle. Aber es liegt tatsächlich jenseits meiner Vorstellungskraft, was an diesem Kirchentag - oder schränken wir redlicherweise ein: an dem, was ich von diesem Kirchentag gesehen habe - für einen Christen Grund zur Freude sein sollte. Für mein Empfinden verkörpert diese Veranstaltung vielmehr exemplarisch den Niedergang des christlichen Glaubens nicht nur in der Gesellschaft als Ganzer, sondern auch und gerade innerhalb der großen Kirchen selbst. Klaus Kelle schreibt dazu in The GermanZ
"Die evangelische Amtskirche EKD hat ein Problem mit Gott. Nein, kein Problem, sie braucht Gott nicht mehr, sie hat Götzen und Propheten wie Obama und Käßmann, die selbst für banalste Aussagen frenetisch bejubelt werden. Es erfüllt sich, was der frühere Bundesverteidigungsminister Hans Apel von der SPD in seinem Buch 'Volkskirche ohne Volk' über den Niedergang des deutschen Protestantismus aufschrieb, von Pastoren, die nicht an Gott glauben, von Geistlichen, die Kirchen mit Anti-Nato-Gottesdiensten und schrägen Klampfenklängen entweihten. [...] Damit ich nicht falsch verstanden werde: Der Zustand der katholischen Kirche in Deutschland ist keinen Deut besser, angepasste Bischöfe ohne jeden Mut, dem Zeitgeist entgegenzutreten, ein Kardinal, der mit eine Sprühdose übers Kölner Straßenpflaster kriecht, um dem Wort 'Gutmensch' einen besseren Klang zu verschaffen. Man kann sich diesen Irrsinn gar nicht ausdenken." 
Gegen Kelles Einschätzung, "der Zustand der katholischen Kirche" sei "keinen Deut besser" als der der evangelischen, also exakt genauso schlecht, wird man aus katholischer Perspektive vielleicht mancherlei einwenden wollen und können, aber gut ist er jedenfalls auch nicht. -- Hätte ich ins Fazit meiner gestrigen Fotoreportage vom Kirchentag, wie ich zwischenzeitlich beabsichtigt hatte, den Satz "Und deshalb brauchen wir die Benedict Option!" eingebaut, dann hätte mich das wohl die uneingeschränkte Zustimmung von Leser Imrahil gekostet, und das wäre schade drum gewesen; aber dennoch bin ich entschieden dieser Meinung. Auf institutioneller Ebene - gerade auf der Ebene der Lauen-, äh: Laienverbände - sind unsere großen Kirchen dermaßen verkorkst, dass einem wirklich nicht mehr viel Anderes übrig bleibt, als von der lokalen Basis her eine Gegenstruktur aufzubauen. (Disclaimer für treue Katholiken: Nein, keine Gegenstruktur zur in der Nachfolge der Apostel stehenden kirchlichen Hierarchie. Aber zu dem vom emeritierten Papst Benedikt XVI. wiederholt, zuletzt in seinen "Letzten Gesprächen" mit Peter Seewald, beklagten "Überhang ungeistlicher Bürokratie".) 

Wenn Klaus Kelle den Evangelischen Kirchentag im Einleitungssatz seines Artikels allerdings als "eine Art frommes Woodstock" bezeichnet, dann muss mein innerer Hippie doch Protest anmelden. Diesen Vergleich hat Woodstock nicht verdient. In Woodstock war die Musik besser, die Menschen waren geschmackvoller gekleidet, und als ein linker Polit-Aktivist das Wort ergreifen wollte, wurde er von Pete Townshend mit der Gitarre von der Bühne geprügelt...


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(Ach ja, und abschließend hat mein innerer Hippie noch eine Musik-Empfehlung. Sähe der Evangelische Kirchentag so aus wie die Bilder im Video, würde ich das schon mal als erhebliche Verbesserung betrachten.)