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| (Bildquelle hier.) |
Unlängst war ich beim "Tag der Offenen Tür" im Priesterseminar Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf. Zu den Highlights der Veranstaltung gehörte neben Grillfleisch und Bier die Möglichkeit, sich Bücher aus dem Dubletten-Bestand der Bibliothek mitzunehmen. Ich machte ausgiebig davon Gebrauch. Kurz darauf traf ich auf dem Gelände einen befreundeten Priester, der an diesem Seminar ausgebildet worden war, und zeigte ihm die erbeuteten Bücher - darunter "Das Trojanische Pferd in der Stadt Gottes" von Dietrich von Hildebrand. "Das war ja klar", kommentierte er lachend. -- "Meinst du, das passt zu mir?", hakte ich amüsiert nach, und er bejahte das.
Nachdem ich das Buch knapp zur Hälfte durch habe, kann ich diese Einschätzung nur bestätigen. Und das, obwohl Dietrich von Hildebrand offenbar kein Freund des Rock'n'Roll war.
Im Ernst: Was mich an dem Buch spontan begeisterte, war zunächst einmal das, was Hildebrand über die Verwendung der Begriffe "konservativ" und "progressiv" im kirchlichen Kontext anmerkt. Unterschiedliche Standpunkte in Fragen der kirchlichen Glaubenslehre mit diesen Begriffen zu belegen, konstruiere eine "falsche Alternative", meint Hildebrand. Warum? Darum:
"Es gibt zweifellos Menschen, die an dem Bekannten, Gewohnten hängen, noch unabhängig von seinem spezifischen Gehalt. Etwas ist ihnen lieb und vertraut, weil sie daran gewöhnt sind, weil es den selbstverständlichen Rahmen für ihr Leben abgibt. Alles Neue, Ungewohnte erschreckt sie und erfüllt sie mit Verdacht - eben weil es ihnen ungewohnt ist. Wir können solche Menschen ihrem Temperament nach als 'konservativ' bezeichnen. Für einen anderen Menschentypus hingegen besitzt alles Neue, Ungewohnte eine besondere Anziehungskraft: etwas ist ihnen lieb, weil es neu ist; das Gewohnte langweilt sie eher; die Gewohnheit hat sie für seinen Gehalt abgestumpft. Sie verlangen nach Wechsel und genießen etwas um so mehr, je neuer es ihnen ist. Solche Menschen können wir als 'progressiv' bezeichnen. Solange es sich um eine bloße temperamentmäßige Veranlagung handelt, ist gegen beide nichts zu sagen. Warum sollten Menschen nicht verschieden veranlagt sein? - Sobald diese ihre Veranlagung aber ihre Stellung zur Wahrheit und zu echten Werten beeinflußt, übt sie offenbar eine völlig illegitime, unsachliche Wirkung aus."(S. 17f., Hervorhebungen im Original.)
Kein Wunder, dass mich diese Passage von Hildebrands Buch anspricht - wo ich doch in Diskussionen über religiöse Fragen immer wieder in der "konservativen" Ecke lande, dabei aber gleichzeitig behaupten würde, dass ich vom Naturell her sooo konservativ (im oben beschriebenen Sinne) gar nicht bin. Umso mehr ärgert es mich immer, wenn Vertreter des "progressiven" Lagers mal verdeckt, mal offen unterstellen, "die Konservativen" hätten lediglich "Angst vor Veränderung". Tatsächlich habe ich mir meine "konservativen" Standpunkte hart erarbeitet, zum Teil gegen erhebliche innere Widerstände. Das heißt: Für mich sind sie gerade nicht das Althergebrachte, Vertraute und Gewohnte. Das könnte einen nun natürlich auf die Idee bringen, dass umgekehrt vielleicht so manch ein theologisch "Progressiver" lediglich der theologischen "Schule" anhängt, die ihm vertraut und gewohnt ist - und also vom Naturell her insgeheim viel "konservativer" ist, als es nach außen hin den Anschein hat.
Aber eigentlich will ich auf etwas Anderes hinaus. Hören wir abermals Dietrich von Hildebrand:
"Angesichts einer [...] Frage, bei der es allein auf die wahre Antwort ankommt, von 'konservativ' und 'fortschrittlich' zu sprechen, ist nicht nur sinnlos, sondern sogar ausgesprochen dumm. Denn jedes andere Motiv als das der Wahrheit ist ebenso unsachlich, wie wenn jemand ein Bild für schön hält, bloß weil es sein Vetter gemalt hat. Wir müssen ein für allemal verstehen, daß an allem Wahren und wahrhaft Wertvollen festzuhalten - unabhängig von allen Schwankungen der Zeitmode - nicht das Symptom einer konservativen Haltung ist, sondern die Antwort auf eine im Wesen der Wahrheit und des Wertes gelegene Forderung. Es wäre offensichtlich ein Unsinn, jemanden als konservativ zu bezeichnen, weil er sein ganzes Leben daran festhält, daß zwei und zwei vier ist. Sobald jemand nicht versteht, daß das Festhalten an einer Wahrheit - unabhängig von aller temperamentmäßigen Veranlagung - die einzig vernünftige, sachgemäße Antwort ist, sondern dies als konservative Haltung bezeichnet, beweist er, daß er das Wesen der Wahrheit nicht verstanden hat."(S. 18f.)
Nun beschleicht mich allerdings der Verdacht, meine bewährten "progressiven" Debattengegner würden hier einwenden, die Rede von "Wahrheit" - in dem Sinne, dass diese etwas objektiv Gegebenes sei - sei an sich schon konservativ. Worauf Hildebrand, lebte er noch, erwidern würde, eben dieser Einwand zeige, dass sie "das Wesen der Wahrheit nicht verstanden" hätten. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich den Eindruck, der entscheidende Unterschied zwischen den im kirchlichen Kontext als "konservativ" und "progressiv" (oder "liberal") bezeichneten Gruppen ist nicht so sehr, dass sie unterschiedliche Dinge für wahr halten, sondern vielmehr, dass sie unterschiedliche Auffassungen von Wahrheit haben.
Freilich: Wenn jemand der Auffassung ist, Wahrheit in einem objektiven Sinne gebe es entweder überhaupt nicht, oder wenn doch, dann sei es zumindest unmöglich, sie als solche zu erkennen, dann ist er im Grunde - und zwar im wortwörtlichen Sinne - Agnostiker. Zuweilen kann man den Eindruck bekommen, dieser Agnostizismus sei in der zeitgenössischen akademischen Theologie state of the art. Das mag zum Teil einem Wissenschaftsverständnis geschuldet sein, das sich allzu einseitig (um nicht zu sagen unpassenderweise) an naturwissenschaftlichen Paradigmen orientiert. Unangenehm wird's allerdings, wenn die jungen Leute, denen man im Laufe ihres Studiums mit Fleiß sämtliche Glaubensgewissheiten ausgetrieben hat, anschließend als Seelsorger auf die Gemeinden losgelassen werden. Dass es zwischen den Anforderungen der Seelsorge und dem, was sie gelernt haben, eine gewisse Diskrepanz gibt, merken sie übrigens in der Regel recht schnell selber. Und um sich abzureagieren, bloggen sie.
Okay, das war jetzt gemein.
Mit einigen Betroffenen habe ich hin und wieder auf Twitter zu tun, und ein paar von diesen haben jüngst ein neues Online-Magazin gestartet: Die Eule. Meine spontane Assoziation lautete: Kein Wunder, dass das Dingens nach einem Tier benannt ist, das sich erst in Bewegung setzt, wenn's dunkel wird. Reingeschaut habe ich trotzdem mal. In einem ersten Selbstdarstellungs-Artikel heißt es:
"Die Eule bietet euch Nachrichten und Meinungen zu Kirche, Politik und Kultur, immer mit einem kritischen Blick aufgeschrieben für eine neue Generation."
Kritischer Blick? Geschenkt. Neue Generation? Muss sein. Wobei ich mich an dieser Stelle schon frage, wie viel Substanz eigentlich wirklich hinter dem Pathos der "neuen Generation" steckt. Lockt man mit "liberaler" bzw. "progressiver" Theologie wirklich noch jemanden hinter dem Ofen vor, der nicht seinerseits sowieso schon in diese Richtung geprägt worden ist? Wäre es nach dem oben über die akademische Theologie Festgehaltenen nicht einigermaßen logisch, anzunehmen, dass die "liberale" bzw. "progressive" Variante des Christentums sich in zunehmendem Tempo selbst zerlegt? Vielleicht ist es ein Filterblasenphänomen, oder vielleicht kann man mir auch Wunschdenken vorwerfen, aber ich würde denken, die "neue Generation" geht eher zu Nightfever oder zu charismatischen Gebetshaus-Initiativen. - Aber weiter:
"Wir wollen [...] in Themen tiefer einsteigen, über die Grenzen unserer eigenen Frömmigkeit" - okay, könnte man hier etwas spöttisch einwerfen, das sind ja wohl auch recht enge Grenzen -, "Kirchen und Länder hinaus schauen."
Über den eigenen ideologischen Horizont hingegen nicht:
"Unsere Beiträge sind anschlussfähig an eine plurale Gesellschaft, einen aufgeklärten christlichen Glauben und wissenschaftliche Theologie."
Na fein, zur "wissenschaftlichen Theologie" habe ich mich ja bereits geäußert. Bemerkenswerter und bezeichnender finde ich den "aufgeklärten christlichen Glauben". Diese abgrenzende Formulierung macht nämlich deutlich, dass man den normalen christlichen Glauben für unaufgeklärt hält. Irgendwas muss das Studium schließlich gebracht haben - oder, schärfer formuliert: Wenn einem, wie oben schon angemerkt, alle Glaubensgewissheit ausgetrieben wurde, dann lebt sich's besser, wenn man sich wenigstens einreden kann, das sei etwas Positives. Wenn man sich den doofen Fundis, die noch so richtig echt an Gott und Jesus und Auferstehung und Himmel und Hölle und sowas glauben, überlegen wähnen kann, weil man ja so aufgeklärt ist.
"Die Eule ist der Ort für Debatten über wichtige Zukunftsthemen im Raum der Kirche: Reformationsjubiläum, LGBTQ, Rechtsextremismus, Neue Medien, demographischer Wandel. An diesen Themenfeldern bleiben wir dran, weil sie unsere Themen sind. [...] Wir schreiben mit klarer Haltung."
Gewiss. Man könnte hier die Frage zu stellen wagen, worüber denn noch debattiert werden soll, wenn die Haltung sowieso klar ist, aber lassen wir das mal beiseite - und schauen uns lieber mal die "wichtige[n] Zukunftsthemen" an. Das Reformationsjubiläum fällt da ein bisschen aus der Reihe, denn das ist ja gottlob bald vorbei und somit im eigentlichen Sinne wohl kaum ein Zukunftsthema. Bleiben noch "LGBTQ, Rechtsextremismus, Neue Medien, demographischer Wandel". Klar, das sind allgemein wichtige Themen, und angesichts ihrer allgemeinen Wichtigkeit sind sie durchaus auch für die Kirche wichtig. Aber doch eigentlich nur indirekt, oder sagen wir: mittelbar. Was ist mit Themen, die spezifisch für die Kirche wichtig sind? Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, ich habe da diese unausrottbare Vorstellung, dass die Kirche in erster Linie für das Seelenheil der Menschen zuständig bzw. verantwortlich ist. Nun will ich keinesfalls in Abrede stellen, dass die genannten Themen durchaus einen Bezug zum Seelenheil der von ihnen betroffenen Menschen haben. Aber doch nicht zwingend mehr als zahllose andere, hier nicht genannte Themen auch. Unter "Zukunftsfragen für die Kirche" würde ich mir eher so etwas vorstellen wie "Was tun wir für die Neuevangelisation?", "Wie bringen wir den Menschen die heilbringende Wirkung der Sakramente nahe?" und nicht zuletzt: "Wie stehen wir eigentlich da, wenn der Herr uns fragt, was wir mit den uns anvertrauten Seelen angestellt haben?". Ja, ja, ich weiß schon. Fundamentalismus und so.
"Weil christlicher Glaube nicht allein in Kirchenmauern gelebt werden kann, richten wir unseren Blick auch auf Themen aus Politik und Kultur. Weil Christen auch fernsehen, lesen, streiten und wählen gehen, spielen diese Themen bei uns mehr als nur eine Nebenrolle und werden auch nicht permanent durch die Brille des christlichen Glaubens (oder der Theologie) betrachtet."
Schön, dass hier so en passant eingestanden wird, dass christlicher Glaube und Theologie zwei paar Schuhe sind. Etwas deutlicher als wahrscheinlich beabsichtigt kommt hier aber eine andere Botschaft rüber: "Dieser ganze Religionskram wird auf die Dauer ja langweilig, also schreiben wir auch über andere Sachen, denn wir wollen ja schließlich auch unterhaltsam sein." Kann man so machen - aber eine ausgesprochene Frechheit ist es, das mit der Aussage zu begründen, dass "christlicher Glaube nicht allein in Kirchenmauern gelebt werden kann". Die Aussage selbst ist ja richtig und sogar ausgesprochen wichtig. Aber wenn man sie ernst nähme, müsste die Folgerung daraus lauten, dass Christen auch dann Christen sind (oder sein sollten), wenn sie "fernsehen, lesen, streiten und wählen gehen". Was das praktisch heißt - wie man also konkret sein Christsein in diesen und vielen anderen Tätigkeiten ausleben und bewähren kann oder muss - DAS wäre doch mal eine spannende (und bedeutsame) Fragestellung. Aber nö, man will all diese Dinge ja gerade nicht "permanent durch die Brille des christlichen Glaubens" sehen.
Und schließlich:
"Wir schreiben nicht, was anderswo schon steht, sondern drehen den Blick, finden einen neuen Aspekt oder halten die Klappe."
Nun, Letzteres lässt immerhin hoffen.








