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Montag, 12. Dezember 2016

Blog-Vorschau: Weihnachten in Nordenham!

It's the Time of the Season: In wenig mehr als einer Woche werde ich meine Koffer packen, um mal wieder ein paar Tage in meinem Heimatstädtchen N. an der W. zu verbringen. Hauptsächlich natürlich, um Weihnachten zusammen mit meiner Mutter zu verbringen; gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass meine Leser sich dieses Jahr wieder auf meinen traditionellen Weihnachts-Blogartikel aus Nordenham freuen dürfen, der letztes Jahr aus familiären Gründen ausfallen musste. Und das Schönste ist: Dieses Jahr ist erstmals meine Frau mit von der Partie! 

("Erstmals" gilt allerdings nur in Bezug auf Weihnachten, denn in Nordenham war sie schon mal - letztes Jahr im Oktober. Da war sie allerdings noch nicht meine Frau.) 

Nordenhamer Wetter -- mit Blick auf die St.-Willehad-Kirche.
(Foto: Initiative "Wir sind Willehad"


Neben dem familiären Aspekt dieses Weihnachtsurlaubs gilt mein bzw. unser Hauptinteresse natürlich insbesondere der örtlichen Pfarrei St. Willehad, deren Wohl und Wehe ja nun schon seit geraumer Zeit auch außerhalb der Weihnachtszeit ein regelmäßiges Thema auf diesem Blog ist. Besonders freue ich mich darauf, erstmals Gelegenheit zu haben, mir persönlich ein Bild vom neuen Pfarrer Karl Jasbinschek zu machen. Dankenswerterweise hat die Pfarrei ihre Weihnachts-Gottesdienstzeiten bereits auf Facebook veröffentlicht, wodurch sich schon mal einige terminliche Fixpunkte für unseren Nordenham-Aufenthalt ergeben. Am Donnerstag, dem 22. Dezember, kommen wir ziemlich spät abends in Nordenham an und werden dann wohl erst mal direkt in die Heia gehen; am Freitagvormittag dürfte dann ein Besuch in der Stadtbücherei auf dem Programm stehen, bevor diese über die Feiertage schließt; und um 17 Uhr ist Messe in St. Willehad. Anschließend bis 19 Uhr Beichtgelegenheit. Ich denke mal, das werden wir nutzen. Am Samstag ist dann schon Heiligabend; ob wir's um 15 Uhr zur Krippenfeier schaffen, bleibt abzuwarten, aber die Christmette um 22 Uhr ist ein Muss. Alles Weitere ergibt sich. Als unverzichtbar darf wohl ein Besuch der Kultkneipe Eldorado gelten, es sei denn, die hat ausgerechnet über Weihnachten zu; in dem Fall bliebe dann wohl nur das Bistro am Markt, aber ich denke, da wird es uns so oder so ein-, zweimal hin verschlagen. Und wie sieht's eigentlich mit einem Ehemaligentreffen am Gymnasium aus? Ob das, wie in früheren Jahren, am 2. Weihnachtstag ansteht, habe ich noch nicht herausfinden können. 

Bereits im Vorfeld der anstehenden Reise habe ich besonders aufmerksam die Online-Ausgabe des Nordenhamer Lokalteils der Nordwest-Zeitung studiert, besonders in Hinblick auf Nachrichten, die mehr oder weniger direkt mit der katholischen Kirchengemeinde in Zusammenhang stehen. Und siehe da, da gibt es eine ganze Menge Neuigkeiten. Als Erstes fiel mir am 30.11. ein Artikel mit der Überschrift "NSW-Chef verabschiedet sich" ins Auge. Darin hieß es, Dr. Günter Schöffner, seit Februar 2013 Geschäftsführer des 1899 gegürndeten Nordenhamer Traditionsunternehmens Norddeutsche Seekabelwerke GmbH, werde zum Jahresende seinen Posten aufgeben und damit dann wohl auch die Stadt verlassen. -- Nun könnte man fragen: Was gehen mich die Norddeutschen Seekabelwerke an? An und für sich zugegebenermaßen nicht sehr viel. Allerdings war Dr. Schöffner auch Vorsitzender des Pfarreirats von St. Willehad - bis er im Februar 2015 im Streit mit dem damaligen Pfarrer Torsten Jortzick von diesem Amt zurücktrat, was eine Welle weiterer Rücktritte und schließlich die Auflösung des Gremiums nach sich zog. In dem NWZ-Artikel zu Dr. Schöffners Abschied von den Seekabelwerken stolperte ich über einen bemerkenswerten Satz: 
"Mit der Bekanntgabe des Ausscheidens des bisherigen NSW-Geschäftsführers seien 'eine Last und ein Druck' von etlichen Mitarbeitern genommen worden, kommentierte Betriebsratsvorsitzende Andrea Lukes gegenüber der NWZ ".
Nanu?! Dass dieser Satz da so völlig unkommentiert inmitten eines in Hinblick auf Dr. Schöffners Person ansonsten sehr neutral gehaltenen Artikels herumstand, warf, wie ich fand, Fragen auf. Also stieß ich in der Facebook-Gruppe "Du kommst aus Nordenham, wenn..." eine Diskussion darüber an; und diese geriet recht farbenprächtig. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich zahlreiche Nordenhamer Facebook-Nutzer mit ihrer Meinung über den scheidenden NSW-Geschäftsführer zu Wort, und diese Meinungen waren zum überwiegenden Teil nicht gerade freundlich. Zitieren will ich hier nur zwei Äußerungen: 
"Als 'Mensch' eine völlige Fehlbesetzung."
"Ich glaube[,] er war die Person[,] auf der der Film [H]orrible Bosses basiert." 
Andere Stimmen betonten, Dr. Schöffner sei als harter Sanierer auf den Geschäftsführerposten bei NSW gesetzt worden, und diese Aufgabe habe er konsequent und erfolgreich erfüllt. Die NWZ brachte übrigens am 09.12. einen Folgeartikel zur Personalie Schöffner, in dem diese Facebook-Debatte aufgegriffen wurde. -- Ich selbst kenne Dr. Schöffner überhaupt nicht und kann mir daher kein eigenes Urteil erlauben; allerdings musste ich in diesem Zusammenhang an ein Detail der Pfarrversammlung in St. Willehad im vergangenen Februar denken, der ich beigewohnt hatte. Dort hatte Offizialatsrat Monsignore Bernd Winter erwähnt, auf dem Höhepunkt des Konflikts mit dem damaligen Pfarreiratsvorsitzenden habe der damalige Pfarrer Jortzick ihm gegenüber wörtlich geäußert: "Ich werde mit diesem Menschen nicht mehr reden." Diese Haltung hatte Monsignore Winter als inakzeptabel bezeichnet: "Ein Pfarrer muss immer gesprächsbereit sein" - eine Einschätzung, der ich grundsätzlich zustimmen würde, aber man hat nun doch den Eindruck, dass Pfarrer Jortzick nicht der einzige Mensch in Nordenham war, der mit Dr. Schöffner nicht zurecht kam. 

Nun aber genug zu diesem Thema! Es gibt, wie schon angekündigt, auch noch ganz Anderes aus St. Willehad zu berichten. Zum Beispiel, dass es am zweiten Adventssonntag, dem 04. Dezember, einen Familiengottesdienst unter dem Motto "Nikolaus – der gute Mann, was der alles Gutes kann" gab (hier eine Fotostrecke mit Musik). In der Presseankündigung las man den funkelnden Satz: 
"Außerdem werden schöne Adventslieder mit der Gitarre von Diakon Christoph Richter begleitet."
Ob Diakon Richter selbst zugegen sein oder seine Gitarre jemand Anderem leihen würde, stand zu Redaktionsschluss wohl noch nicht fest. Beruhigend jedenfalls, dass ausdrücklich nur schöne Adventslieder gespielt werden sollten und keine garstigen

Nun aber mal Frotzelei beiseite. Unter dem leider etwas allzu gemütvoll-gemütlichen Titel "So wird Advent mehr als kuschelig-schön" erschien am 03.12. in der NWZ ein Artikel mit geistlichen Impulsen von Pfarrer Karl Jasbinschek zum Advent. Man hat das Gefühl, dass der Text besser geworden wäre, wenn Lokalredakteur Horst Lohe den Pfarrer mehr selbst zu Wort hätte kommen lassen, anstatt lediglich eine mit wenigen kurzen wörtlichen Zitaten garnierte freie Zusammenfassung seiner Aussagen abzuliefern, aber das, was an Substanz auch so noch 'rüberkommt, ist durchaus lesenswert. Und am 3. Advent, also gestern, war für 14 Jugendliche Firmung in St. Willehad. Auch dazu brachte die NWZ am 03.12. einen Vorbericht, und auf der Facebook-Seite der Pfarrei gibt's ein schönes Foto zu sehen. Gespendet wurde das Sakrament der Firmung übrigens von dem oben schon erwähnten Monsignore Bernd Winter. Üblicherweise ist im oldenburgischen Teil des Bistums Münster der Offizial von Vechta, gleichzeitig Regionalbischof, für die Spendung der Firmung zuständig - allerdings ist dieser Posten derzeit vakant, da der bisherige Amtsträger Heinrich Timmerevers seit Ende August Bischof von Dresden-Meißen ist und sein designierter Nachfolger, Weihbischof Wilfried Theising, noch nicht ins Amt eingeführt ist. Derweil ist Monsignore Winter, der den Nordenhamer Katholiken durch sein Krisenmanagement im Zusammenhang mit den Konflikten um Pfarrer Jortzick gut bekannt ist, zum Ständigen Vertreter des Offizials avanciert; sein Vorgänger in dieser Position, Prälat Peter Kossen, wechselt auf eigenen Wunsch in die Seelsorge - und zwar in die Pfarrei Seliger Niels Stensen in Lengerich, wo der jetzige Nordenhamer Pfarrer Karl Jasbinschek bis zum vergangenen Frühjahr tätig war. Die Welt ist doch sehr klein. 

Und wo wir schon von Personalien sprechen: Auch bei den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Pfarrei St. Willehad gibt es Veränderungen. Bereits im Oktober hat eine neue Pfarrsekretärin ihren Dienst angetreten, und zudem hat der Kirchenausschuss auf Vorschlag von Pfarrer Jasbinschek einen neuen Provisor ernannt. Mit Letzterem bin ich seit meiner Berichterstattung rund um den Rücktritt von Pfarrer Jortzick auf Facebook befreundet, wo er auch schon den einen oder anderen Artikel von mir geteilt hat. Da hoffe ich also auf weitere gute Zusammenarbeit. 

Heute Abend soll übrigens eine Informationsveranstaltung zum geplanten Bau eines neuen Pfarrzentrums stattfinden, über den ich ja jüngst schon etwas geschrieben habe. Zu diesem Info-Abend "laden das Bischöflich Münstersche Offizialat Vechta und die katholische Kirchengemeinde St. Willehad Nordenham ein", heißt es in der Pressemitteilung, und weiter: "Die Veranstaltung findet statt an diesem Montag, 12. Dezember, im Pfarrheim an der Willehad-Straße in Nordenham." Äh, Moment, war mein erster Gedanke, als ich das las: Ich dachte, das ist längst abgerissen! Und schon sah ich eine Versammlung auf der grünen Wiese vor meinem geistigen Auge: 
"So, meine Damen und Herren. Nu stell'n Se sich mal ein schniekes, niegelnagelneues Pfarrzentrum um sich herum vor. Wär doch bestimmt viel besser als jetzt, näch? Vor allem weniger zugig." 
Bei nochmaligem Nachdenken bin ich allerdings zu dem Schluss gekommen, dass das Pfarrheim dann wohl doch ein anderes Gebäude ist als das ehemalige Pfarrhaus und das zukünftige Pfarrzentrum. Auch wenn man die Benennung etwas irreführend finden mag.

Ach ja, und am 17. Dezember findet in der St.-Willehad-Kirche, wie schon im letzten Jahr, ein Weihnachtskonzert von Patricia Kelly statt. Da bin ich leider noch nicht vor Ort, aber das Konzert ist ohnehin bereits seit einiger Zeit ausverkauft. Dafür werde ich knapp drei Wochen später zu einem Konzert von Patricias Bruder Paddy gehen. Kein Scheiß. 

Abschließend sei noch eine interessante Reaktion auf meinen oben erwähnten Artikel zum geplanten Pfarrzentrums-Neubau erwähnt. In der oben bereits angesprochenen Facebook-Gruppe "Du kommst aus Nordenham, wenn..." kommentierte eine Nutzerin, sie habe sich sehr geärgert, 
"dass sich die katholische Kirche von der klammen Stadt Nordenham einen Zuschuss für ein paar PCs ihrer Grundschule mit allem Nachdruck erbettelt hat - dafür fehlt wohl das Geld". 
Sonderbar - oder sagen wir: fragwürdig - an dieser Einschätzung ist schon allein, dass die St.-Willehad-Grundschule in Nordenham zwar eine katholische Bekenntnisschule ist, der Schulträger jedoch nicht die Kirchengemeinde, sondern die Stadt ist - ein Konstrukt, das auf den ersten Blick sonderbar erscheinen mag, aber einer Besonderheit des Niedersächsischen Schulgesetzes geschuldet ist. Es kann also keine Rede davon sein, dass "die Kirche" der Stadt Nordenham Geld für "ihre" Schule aus dem Kreuz geleiert hätte; aber wenn es um die Stichworte "Kirche" und "Finanzen" geht, nimmt es wohl manch Einer vor lauter Empörung nicht so genau mit den Fakten. Der weitere Verlauf der Diskussion auf Facebook hat mir allerdings gezeigt, dass es unter den Bürgern Nordenhams wohl noch mehr und andere Konflikte um die Willehad-Grundschule gibt, und ich sehe schon kommen, dass ich darüber einen eigenen Artikel werde schreiben müssen. Das wird aber noch etwas Rechercheaufwand erfordern. So gesehen ist es fast schade, dass gerade Schulferien sind, wenn ich nach Nordenham komme...



Sonntag, 11. Dezember 2016

Zur rechten Zeit geboren - (K)ein Weihnachtslied

Mein Musikgeschmack ist älter als ich. Das klingt komisch, ist aber so. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hat, obwohl ich da erst Anfang 20 war, mein Interesse an der jeweils gerade aktuellen Popmusik rapide abgenommen, während ich mich gleichzeitig umso mehr mit Rock und Pop beschäftigt habe, der aus einer Zeit stammt, in der ich noch gar nicht geboren war. Was ich dabei selbst ein bisschen komisch finde, ist, dass dieses Desinteresse an neueren Entwicklungen in der Popmusik so weit geht, dass ich sogar Neuerscheinungen von solchen Künstlern, deren früheres Schaffen ich sehr schätze, weitgehend ignoriert habe. Paul Simon zum Beispiel. Seine letzten fünf Studioalben sind so gut wie spurlos an mir vorübergegangen. Die letzte Platte von Paul Simon, die ich praktisch mitsingen kann, ist "The Rhythm Of The Saints" -- von 1990. 

Das musikalisch vielleicht nicht unbedingt brillanteste, für mein Empfinden aber das schönste Stück dieses Albums heißt "Born At The Right Time" -- "zur rechten Zeit geboren". Im Text dieses Liedes geht es - zunächst jedenfalls - um ein Findelkind: ein gesegnetes Kind, mit "Augen, so klar wie Jahrhunderte"; "geboren in dem Augenblick, in dem die Kirchenglocken läuten - die ganze Welt flüstert: Du bist zur rechten Zeit geboren".

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Besonders wenn man dieses Lied zur Weihnachtszeit hört, kann man leicht auf den Gedanken kommen, hier werde auf das Jesuskind angespielt. Auch wenn Jesus - anders als etwa Moses - bekanntermaßen kein Findelkind war. Es ist Paul Simon auch durchaus zuzutrauen, dass er solche Assoziationen vorausgesehen und sogar beabsichtigt hat. Aber gerade als man sich in eine schön weihnachtliche Stimmung "eingegroovt" hat, kommt die zweite Strophe und reißt einen da völlig raus:

"Meine Kumples und ich, wir sind viel unterwegs 
Wir geh'n gern bummeln durch die Restaurants 
Hauen Kohle raus 
Auf dem weg von Washington nach Tokio..." 

Nanu!? Was hat denn das nun mit der ersten Strophe und dem Refrain zu tun? - Keine Bange, die Strophe geht noch weiter:

"Doch ich seh' sie in der Flughafenlounge 
An ihrer Mütter Brust 
Sie folgen mir mit off'nen Augen 
Wie uneingeladene Gäste." 

Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie genial ich diese Wendung finde. Was hier nicht explizit ausgesprochen, aber doch angedeutet wird, ist, dass die kleinen Kinder an der Mutterbrust, die das lyrische Ich mit ihren Augen verfolgen, eine Herausforderung, eine kritische Anfrage an den in der ersten Hälfte der Strophe beschriebenen Lifestyle darstellen. - In der dritten und letzten Strophe fällt der Kontrast zwischen den ersten und den letzten vier Versen noch krasser aus, denn hier geht es zunächst um Überbevölkerung:

"Zu viele Leute im Bus vom Flughafen 
Zu viele Löcher in der Erdkruste 
Der Planet stöhnt 
Jedesmal, wenn er eine neue Geburt registriert." 

Auch das ist fein beobachtet: Die Wahrnehmung, es gebe einfach zu viele Menschen auf der Erde, wird zunächst durch das Erlebnis angestoßen, zwischen all diese Menschen selbst nicht genug Platz zu haben - Platz im Bus nämlich. Was hier zum Ausgangspunkt zu einer Reflexion über das globale Problem der Überbevölkerung wird, ist zunächst unverkennbar ein egoistischer Impuls: Zuviel sind immer die Anderen. Aber im direkten Anschluss daran werden die Verse der ersten Strophe wiederholt - über das Findelkind mit den strahlenden Augen, und im Refrain flüstert wieder die ganze Welt: "Du bist zur rechten Zeit geboren."

Das Kind, das in der ersten Strophe noch ein Junge war, ist in dieser Wiederholung nun ein Mädchen. Mit Gender Mainstreaming hat das nichts zu tun - das war damals, 1990, noch kein so präsentes Thema. Vielmehr, so jedenfalls verstehe ich es, soll damit deutlich gemacht werden, dass es sich nicht um ein bestimmtes Kind handelt, sondern dass jedes Kind dieses wundersam gesegnete Kind mit den strahlenden Augen sein könnte, das zur rechten Zeit geboren ist. Erst aus diesem Verständnis gewinnt die Message der letzten Strophe ihre Kraft und ihre Brisanz: Mag es abstrakt gesehen so scheinen, als gäbe es ohnehin schon zu viele Menschen, als dass die Erde noch weitere verkraften könnte, ist das konkrete Ereignis der Geburt eines Kindes doch, jedesmal aufs Neue, ein absolutes Wunder.

Zu diesem Wunder JA zu sagen - auch wenn es eigentlich gar nicht passt, wenn die Vernunft dagegen zu sprechen scheint, wenn es Lebenspläne umstößt und Weltbilder ins Wanken bringt -, das hat dann doch auch etwas mit Weihnachten zu tun.



Freitag, 9. Dezember 2016

Ausgerechnet Kondome!

Mein Lieblings-Debattengegner auf Twitter hat mal wieder zugeschlagen. Nachdem wir uns nach unserem letzten großen Krach - bei Fortbestand grundsätzlicher inhaltlicher Meinungsverschiedenheiten - auf "zwischenmenschlicher Ebene" gründlich miteinander versöhnt haben, bin ich diesmal gewillt, von vornherein nicht in übertriebenem Maße persönlich zu werden, und ich bin auch optimistisch, dass mir das gelingen wird. Dies umso mehr, als ich annehme, dass mein Kontrahent mit seiner Sicht auf die hier im Folgenden zu verhandelnden Fragen quasi repräsentativ für Viele steht. Wäre dem nicht so, würde es sich ja auch kaum lohnen, die ganze Debatte hier noch einmal aufzurollen. 

Worum also geht's? -- Ich war in den Weiten des Netzes auf einen Artikel des streitbaren Father Dwight Longenecker mit der provokanten Überschrift "11 Reasons Why Progressive Christianity Will Soon Die Out" gestoßen und hatte ihn auf Twitter geteilt. Dass mein erprobter Debattengegner sich dadurch auf den Schlips getreten fühlen würde, war zunächst mal keine Überraschung. Sicher ist die Gegenüberstellung von "historischem" und "progressivem" Christentum, die Father Longenecker in besagtem Artikel vornimmt, idealtypisch vereinfachend, ja vergröbernd - das räumt der Verfasser selbst ein -; im realen Leben wird es eine Vielzahl von Christen geben, die sich selbst mit beiden Füßen auf verschiedenen Seiten dieser Trennlinie sehen oder auch ganz und gar "irgendwo dazwischen" stehen. Dennoch kann man auf der Grundlage der Erfahrungen aus früheren Auseinandersetzungen wohl davon ausgehen, dass die Sympathien meines Gegenübers tendenziell eher auf der "progressiven" Seite liegen. Kein Wunder also, dass Father Longeneckers Thesen ihn zum Widerspruch reizten. Mit einem speziellen (sarkastisch vorgebrachten) Einwand hatte ich hingegen nicht gerechnet: 
"Immer diese Modernisten mit ihren Kondomen! :)" 
Äh... Kondome? Was haben die denn jetzt damit zu tun? Zunächst war ich geneigt, das für einen reinen "Strohmann"-Einwurf zu halten und folglich zu übergehen, aber im weiteren Verlauf der Debatte kam mein Kontrahent noch einmal darauf zurück - also war es ihm wohl ernst. Tatsächlich gibt es in Father Longeneckers Artikel einen Anknüpfungspunkt für dieses Thema: 
"Another aspect [...] is that progressive Christians use artificial contraception". 
Im Gesamtduktus des Texts ist das kaum mehr als eine Fußnote; man könnte es also etwas willkürlich finden, sich in einer Auseinandersetzung über diesen Artikel gerade auf diesen Punkt zu stürzen, aber andererseits: Wäre dieser Aspekt nicht relevant für das Thema des Artikels, wieso stünde er dann da? Gestehen wir also zu, dass es grundsätzlich legitim ist, dieses Detail aufzugreifen. Es mag von nachrangiger Bedeutung sein, aber auch eine nachrangige Bedeutung ist immer noch eine Bedeutung. Gleichwohl würde ich sagen, es macht einen erheblichen Unterschied, ob man sich argumentativ vom Größeren zum Kleineren vorarbeitet oder ob man den umgekehrten Weg einschlägt. Was ich damit meine, werde ich im Folgenden auszuführen versuchen. 

Stellen wir zunächst einmal fest, dass Father Longenecker gar nicht ausdrücklich von Kondomen spricht, sondern allgemein von künstlicher Empfängnisverhütung. Dasselbe gilt übrigens auch für den Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 2370). Nun trifft es zwar zu, dass die ablehnende Haltung des Lehramts der Katholischen Kirche gegenüber künstlicher Empfängnisverhütung sich auch auf den Gebrauch von Kondomen erstreckt; dennoch fällt es auf, dass Kritiker dieser Haltung sich mit Vorliebe ausgerechnet auf das Kondom versteifen (sorry!), und nicht, beispielsweise, auf die Pille. Woran liegt das? -- Ich denke, es gibt mehrere Gründe dafür. Während man die Antibabypille auch aus ganz anderen als "nur" religiösen Gründen kritisch sehen kann, dürfte es - zumindest seit es AIDS gibt und Kampagnen zur HIV-Prävention hierzulande fast ausschließlich in Form von Werbung für den Gebrauch von Kondomen daherkommen - weitgehend common sense sein, dass Kondome eine gute Sache seien. Anderer Meinung sind höchstens noch unverbesserliche Machos, die finden, Verhütung habe Sache der Frau zu sein -- und strenggläubige Katholiken. Will man also die Morallehre der Katholischen Kirche angreifen, dann macht man es sich besonders einfach, wenn man auf das "Kondomverbot" hinweist - weil dieses so absurd wirkt. 

Scherzkondome im Wiener Condomi-Museum; Bildquelle: Wienwiki / Johann Werfring, CC BY-SA 3.0 (Link)

So absurd wirkt es allerdings nur, wenn man den Kontext außer Acht lässt. Der grundlegende lehramtliche Text zum Thema Empfängnisverhütung dürfte - wenngleich es sicher nicht schadet, ergänzend Familiaris Consortio (1981) und die Katechesen des Hl. Johannes Paul II. zur "Theologie des Leibes" zu Rate zu ziehen - nach wie vor die Enzyklika Humanae Vitae (1968!) des Sel. Paul VI. sein. Zugegeben, diese Enzyklika war von Anfang an umstritten, und auch wenn einer päpstlichen Enzyklika disziplinäre Lehrautorität zukommt, kann man über die Stimmigkeit der darin vorgebrachten Argumente durchaus unterschiedlicher Meinung sein - als Nichtkatholik sowieso und erst recht. Aber man könnte diese Argumentation ja zumindest mal zur Kenntnis nehmen. Dann könnte man nämlich feststellen, dass die dort formulierte Ablehnung künstlicher Empfängnisverhütung nicht einfach so in der Luft hängt, sondern stringent aus der katholischen Ehelehre und darüber hinaus aus dem katholischen Geschlechter- und allgemeinen Menschenbild, ja in letzter Instanz aus dem katholischen Verständnis der Schöpfungsordnung hergeleitet ist. Das ist es, was ich meine, wenn ich davon spreche, "argumentativ vom Größeren zum Kleineren fortzuschreiten". Ein wichtiger Punkt in der Argumentationskette ist, dass laut katholischer Lehre der geschlechtliche Verkehr seinen einzig legitimen Platz in der auf Lebenszeit geschlossenen, monogamen Ehe zwischen Mann und Frau hat. Ist das nicht für den modernen Menschen eine viel größere Provokation als die Kondomfrage? Wieso setzt der Widerspruch dann nicht da an? Man könnte es für einen rhetorischen Trick halten, das Kleinere anzugreifen, um sich mit dem Größeren gar nicht erst auseinandersetzen zu müssen. Es liegt jedoch auf der Hand, dass die Verkürzung bzw. Verengung der Debatte um die katholische Sexuallehre auf die Frage "Kondome - ja oder nein?" zu einem völlig verzerrten Bild führt. Als würde außerehelicher Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern moralisch "besser", wenn dabei kein Kondom benutzt wird. Das ist ja nun offenkundig Quatsch.

Nun ist ja oben schon einmal angeklungen, dass die Frage des Kondomgebrauchs nicht allein - und angesichts einer Vielzahl anderer Verhütungsmethoden wohl nicht einmal hauptsächlich - für die Empfängnisverhütung relevant ist, sondern auch und besonders für den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten einschließlich HIV/AIDS. Auch hier gilt natürlich, dass ein schiefes Bild entsteht, wenn man die ablehnende Haltung des Lehramts zu Kondomen nicht im Zusammenhang mit seiner ablehnenden Haltung zu außerehelichem Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern betrachtet. Hinzu kommt, dass man grundsätzlich zwischen allgemeinen ethischen Normen und ihrer pastoralen Anwendung im konkreten Einzelfall differenzieren muss. Im Einzelfall spielt immer die Intention eine entscheidende Rolle. Wenn etwa ein infizierter Ehepartner zum Kondom greift, um den ehelichen Verkehr fortsetzen zu können, ohne den anderen Ehepartner dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen, wird das ethisch anders zu beurteilen sein, als wenn jemand das Kondom als Freifahrtschein für "folgenlosen" Gelegenheits-Sex betrachtet und nutzt.

Aber das nur am Rande. Etwas, was mir an einer weiteren Wortmeldung meines Debattengegners zu dieser Frage besonders auffiel, geht in seinen Konsequenzen im Grunde weit über den konkreten Anlass hinaus.
"[U]nd wenn dein 'authentischer Glaube' bedeutet, dass wer kondome benutzt draußen ist, will ich damit nix zu tun haben[.]" 
Diese - sagen wir mal - "ergebnisorientierte" Beurteilung theologischer Argumentationen illustriert exemplarisch, was dabei herauskommt, wenn man vom Kleineren auf das Größere schließt statt umgekehrt. Denn im Grunde besagt diese Haltung ja: Wenn sich aus einer Glaubenslehre ethische Standpunkte bzw. Forderungen ableiten lassen, die mir nicht gefallen, dann ist sie inakzeptabel. Ob das nun das Thema Empfängnisverhütung betrifft, das Thema Homo-Ehe oder oder oder. Man könnte hier von einem augenfälligen "weltlichen Dogmatismus" sprechen - einem Dogmatismus, der nicht bei fundamentalen Glaubensaussagen ansetzt, sondern bei gesellschaftspolitischen Schlussfolgerungen.

Dieser Ansatz, eine Argumentation von ihrem Ergebnis her zu beurteilen statt von ihren Voraussetzungen her, erscheint mir schon allein unter dem Aspekt formaler Logik fragwürdig; darüber hinaus stellt sich mir - was möglicherweise "typisch katholisch" ist, vielleicht aber auch nicht unbedingt - die Autoritätsfrage: Woher weiß der "Progressive" eigentlich, was das Gute und das Richtige ist, wenn er von vornherein nur solche Begründungen zulässt, die zu dem von ihm favorisierten Ergebnis führen?

Wie die Antwort auf diese Frage lautet, kann ich meinerseits nur vermuten; also vermute ich mal: Er (und damit meine ich, um's nochmal klarzustellen, nicht meinen Debattengegner persönlich, sondern "den Progressiven" als abstrakte Figur) weiß es eben nicht - geht aber davon aus, dass es auch kein Anderer weiß, und fühlt sich daher berechtigt, anzunehmen, was ihm eben anzunehmen beliebt

Und ironischerweise ist just dieser erkenntnistheoretische (und ethische) Subjektivismus einer der Punkte, die Father Longenecker als Ursachen dafür anführt, dass das "progressive" Christentum sich selbst zerlegt:
"It is not long [...] before the individualist and sentimentalist inclinations drive a person from a church that is dogmatic and demanding. Modernists will prefer their own spirituality and emotional experiences to any sort of formal, corporate religious commitment. [...] When this attitude prevails, modernist religion dies because it’s devotees don’t see the point of belonging and believing."


Eigentlich sollte dies nur die Antwort auf einen Kommentar werden...

...aber dann wurde der Text länger und länger und geriet außerdem auch inhaltlich so "grundsätzlich", dass ich fand, es wäre Verschwendung, ihn im Kommentarfeld eines fast zwei Wochen alten Artikels zu "verstecken". Gemessen am Durchschnitt meiner sonstigen Blogartikel ist er zwar immer noch ziemlich kurz, aber ich denke, auch das wird einigen meiner Leser durchaus recht sein. 

Also, zur Sache: Mein Bericht über das Ökumenisch-häretische Frauengedöns am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen hat sich binnen Kurzem zu meinem mit erheblichem Abstand meistgelesenen Artikel des laufenden Jahres gemausert und - naturgemäß, möchte man sagen - teilweise recht kontroverse Debatten nach sich gezogen. In einer der ersten Reaktionen, die mich erreichten - auf Twitter -, wurde kritisiert, ich würde "ästhetische" und "inhaltliche" Kritik miteinander vermengen. Daraufhin hatte ich einige Mühe, dem Kommentator begreiflich zu machen, dass und warum ich es nicht als eine bloß ästhetische Angelegenheit betrachte, wenn Gott mit weiblichen Pronomina angeredet wird. Ich holte mir Argumentationshilfe aus der Facebook-Gruppe "Ein ungenanntes Bistum" und konnte daraufhin auf diesen und diesen Artikel verweisen. Nun, knapp zwei Wochen später, erschien direkt auf meinem Blog ein Kommentar, der insofern in eine ähnliche Richtung ging, als er hauptsächlich auf die vermeintlich "ästhetische" Seite meiner Kritik reagierte. In meiner Antwort zitiere ich diesen Kommentar in weitreichenden Auszügen; wer ihn trotzdem in Gänze lesen möchte - und sei es nur, um sich davon zu überzeugen, dass ich beim Zitieren nicht tendenziös verkürzend vorgehe -, wird den Original-Kommentar unschwer zu finden wissen. 

Der Kommentar erfolgte übrigens anonym. Ich lasse anonyme Kommentare auf meinem Blog durchaus zu, sofern ich finde, dass sie inhaltlich einen sinnvollen Debattenbeitrag darstellen; aber ein bisschen lästig ist es ja doch, wenn man persönlich angesprochen wird und nicht weiß, wer da eigentlich spricht. Meine leichte Irritation über diesen Umstand spiegelt sich wohl auch im Tonfall meiner Antwort wider. Sie lautet wie folgt: 

Da werfen Sie nun aber Einiges durcheinander, Gnädigste(r). Ich gehe mal der Reihe nach vor. 
>>Wer denkt denn auch, dass es in einer ökumenisch-feministischen Wort-Gottes-Feier zugeht, wie in einem Sonntagsgottesdienst?
Das ist nicht der Punkt. Gottesdienstformen können und dürfen unterschiedlich sein, und ein Themengottesdienst", der nicht anstelle einer Heiligen Messe stattfindet, sondern sozusagen zusätzlich, braucht sich nicht an irgendwelche liturgischen Vorgaben zu halten. Wenn jedoch biblische Texte lediglich als Rohmaterial für freie Assoziationen verwendet werden, Jesus Christus durchweg ausschließlich als "Sohn der Maria", nicht als Sohn Gottes, apostrophiert wird, der Text des Vaterunser verfälscht wird und Gott durchweg mit weiblichen Pronomina angeredet wird, habe ich Zweifel, ob man DAS noch als christlichen (!) Gottesdienst gelten lassen kann. 
>>Vor was haben Sie denn Angst?
Woraus schließen Sie, dass ich Angst hätte? Ich habe keine. Dennoch sei es mir an dieser Stelle erlaubt, die Hl. Bernadette Soubirous zu zitieren - die, als sie angesichts ihrer auffallend gelassenen Reaktion auf den Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges gefragt wurde "Haben Sie denn vor gar nichts Angst?", geantwortet haben soll: "Nur vor schlechten Katholiken!" 
>>Ich denke Gottes Geist ist größer...
Sätze, die so anfangen, sind IMMMER richtig. Gott ist prinzipiell größer als alles, was wir von Ihm begreifen und erkennen können. Das heißt aber nicht, dass das, WAS wir von Ihm erkennen können - weil Er es uns offenbart hat: durch Seine Menschwerdung in Jesus Christus, durch die Lehre der von Ihm eingesetzten Kirche, durch das Zeugnis Seiner Heiligen - nicht wichtiger und richtiger wäre als irgendwelche Spekulationen darüber, wie oder was Gott außerdem auch noch sein könnte. 
>>Weiter als unsere Trennung zwischen konservativ und liberal und unser binäres Denken.
Für "binäres Denken" bin ich der falsche Ansprechpartner. Was die "Trennung zwischen konservativ und liberal" angeht, so verwende ich diese Begriffe schon auch mal - als Arbeitsbegriffe, weil sie nun mal gebräuchlich sind und sich jeder etwas darunter vorstellen kann -, aber im Grunde glaube ich nicht, dass sie den Kern der Sache treffen. Letztlich geht es nicht um "konservativ" oder "liberal", sondern darum, ob man an DEN Gott glaubt, den die Kirche verkündet -- oder an einen selbstgemachten. 
>>Adventliche Grüße! 
Danke, gleichfalls!



Dienstag, 6. Dezember 2016

Worauf warten wir eigentlich?




Kann man behaupten, unter den "geprägten Zeiten" des Kirchenjahres sei der Advent eine besonders schwierige? - Ich denke, man kann. Für die säkulare Gesellschaft ist der Advent schlicht "Vorweihnachtszeit" - ja, in gewissem Sinne sogar die eigentliche Weihnachtszeit, denn wenn die Geschenke ausgepackt sind und der Gänsebraten verputzt ist, ist Weihnachten aus weltlicher Sicht ja schon wieder so gut wie vorbei - der Baum nadelt schon und muss bald raus, zumal man ja auch Platz für die Silvester-Deko braucht. Dass die liturgische Weihnachtszeit mit dem Weihnachtsfest erst beginnt, dürfte Nicht-Kirchgängern kaum vermittelbar sein. Muss ja auch nicht. Aber was bedeutet der Advent denn nun für Christen

Eine Zeit der Vorbereitung soll der Advent sein, heißt es. Aber Vorbereitung worauf? Auf Weihnachten? Da würde der nichtchristliche Weihnachtsmarktbesucher ja noch zustimmen, auch wenn Weihnachten für ihn etwas Anderes bedeutet. Christen feiern an Weihnachten das Mysterium der Menschwerdung Gottes, ein zentrales Ereignis der Heilsgeschichte, und natürlich soll die Adventszeit auch der inneren Vorbereitung darauf dienen. Aber Advent bedeutet noch mehr als das: Die Adventszeit soll auch und nicht zuletzt eine Zeit sein, in der Christen sich auf die Wiederkunft Christi vorbereiten. Und da wird es schwierig. 
"Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen." (Apostelgeschichte 1,11
Wir bekennen es allsonntäglich im Credo: "Von dort wird Er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten". Aber glauben wir das eigentlich wirklich? Oder, präziser gefragt: Leben wir so, wie es diesem Glauben entspräche? Mir geht in diesem Zusammenhang immer mal wieder ein Liedtext von Manfred Siebald durch den Kopf: 
Wir haben es uns gut hier eingerichtet
der Tisch, das Bett, die Stühle steh'n
der Schrank mit guten Dingen vollgeschichtet
wir sitzen, alles zu besehn.
Dann legen wir uns ruhig nieder
und löschen, müd' vom Tag, das Licht
und beten laut: Herr, komm doch wieder
und denken leise: Jetzt noch nicht.
(Wer alle vier Strophen des Liedes nachlesen möchte, kann das hier tun. Es lohnt sich.)

Wir machen so viele Pläne für die Zukunft. Wir arbeiten für unsere Rente. Wir haben immer etwas vor, haben Ziele, im privaten wie im beruflichen Bereich. Wenn der Herr wiederkommt, werden all diese Pläne und Vorbereitungen für die Zukunft hinfällig sein. Kann es sein, dass wir das eher als eine Bedrohung empfinden - und deshalb so ungern daran denken? 

Freilich: Wenn der Herr wiederkommt, dann kommt Er, um die Welt zu richten. Das allein mag schon ein Grund sein, Seine Wiederkunft lieber nicht allzu bald erwarten zu mögen. So sehr mit Gott und seinen Nächsten im Reinen ist wohl kaum jemand, dass ihn der Gedanke an das Gericht nicht mit einem gewissen Unbehagen erfüllen würde. Eben darum ist die Adventszeit, ebenso wie die Fastenzeit vor Ostern, auch eine Bußzeit, eine Zeit, in der wir in besonderem Maße zur Umkehr aufgerufen sind. Aber ich vermute, die Furcht vor dem Gericht ist nicht der einzige, vielleicht nicht einmal der hauptsächliche Grund, weshalb wir in unserem Alltag dazu neigen, den Gedanken an die Wiederkunft Christi möglichst weit von uns wegzuschieben. Ein viel banalerer Grund ist, dass wir - trotz aller Misshelligkeiten des täglichen Lebens - einfach viel zu sehr an diese Welt und dieses Leben gewöhnt sind, als dass wir uns ohne Weiteres mit dem Gedanken anfreunden könnten, diese Welt und dieses Leben könnten plötzlich zu Ende sein

Im Neuen Testament finden sich allerlei Hinweise darauf, dass die ersten Christen - oder zumindest einige von ihnen - die Wiederkunft Christi noch zu ihren Lebzeiten erwartet haben. Seither sind rund zwei Jahrtausende vergangen, und der Herr ist noch immer nicht wiedergekommen; das allein mag ein nachvollziehbarer Grund dafür sein, dass der Gedanke an die Parusie im täglichen Leben vieler Christen nicht besonders präsent ist: Wenn es bisher so lange gedauert hat, kann es auch nochmals sehr lange dauern, und warum sollten wir davon ausgehen, dass ein Ereignis, auf das die Christenheit seit bald 2000 Jahren wartet, ausgerechnet in unserer Lebenszeit stattfinden sollte? Andererseits hat es in der Geschichte des Christentums, auch in jüngerer Zeit, nicht an Versuchen gefehlt, den "Termin" des Jüngsten Gerichts vorauszuberechnen oder zumindest anhand bestimmter "Zeichen der Zeit" festzustellen, das Weltende müsse unmittelbar bevorstehen. Gegenüber beiden Einstellungen - der vermeintlich "sicheren" Naherwartung wie auch der vermeintlichen Gewissheit "Mein Herr kommt noch lange nicht!" (Matthäus 24,48) - gilt es jedoch an die Mahnung Jesu zu erinnern: "Den Tag und die Stunde kennt niemand" (Matthäus 24,36). -- Die Tageslesungen der Adventszeit, insbesondere die Tagesevangelien, rufen dazu auf, wachsam zu sein: 
"Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die mit derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt."
(Matthäus 24,37-42; Evangelium vom 1. Adventssonntag) 
"Darum, Brüder, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor."
(Jakobus 5,7f.; aus der 2. Lesung zum 3. Adventssonntag) 
Die Adventszeit mahnt uns, jeden Tag so zu leben, dass der Herr jederzeit wiederkommen könnte; und mehr noch: Sie ruft uns dazu auf, die Wiederkunft Christi nicht als etwas zu betrachten, das wir fürchten müssten, sondern sie vielmehr freudig zu erwarten.  Im Zuge der Vorbereitung dieses Beitrags habe ich ein bisschen im Gotteslob geblättert, und als ich im Stichwortverzeichnis nach dem Begriff "Wiederkunft" suchte, wurde ich auf einen Andachtstext verwiesen, der sich unter der Nummer 680,9 findet. Mit einigen Auszügen aus diesem Text möchte ich schließen: 
"Am Ende der Zeiten wird Jesus Christus wiederkommen in Herrlichkeit. Den Tag Seines Kommens weiß nur der Vater. Aber, dass Er kommt, ist gewiss. Was bewegt uns, wenn wir daran denken: Angst oder Erwartung, Bangen oder Hoffnung?
[...]
Herr Jesus Christus, einst wirst Du kommen, um Alles zu vollenden.
Dann werden die Mächte des Bösen entmachtet
und der Tag Deines Reiches bricht an.
Dann werden die Herren der Welt entwaffnet
und Deine Herrschaft wird offenbar.
[...]
Herr Jesus Christus, Deine Wiederkunft wird Gericht sein und in ein Fest münden. Der Himmel wird neu, die Erde wird neu. Die Völker werden sich in Deinem Frieden versammeln. Ostern wird sein für alle im Himmlischen Jerusalem. Lass uns dabei sein und leben in Ewigkeit. 
Amen." 

(Das nächste Türchen im Blogoezesen-Adventskalender öffnet sich morgen im Blog "Geistliches Schatzkästchen"!) 



Freitag, 2. Dezember 2016

Konservatismus im Karohemd

Na, lieber Leser und vor allem liebe Leserin: Hast du schon die lang und bang erwartete neue Gilmore Girls-Staffel auf Netflix gesehen? - NEIN? - Hast du es denn noch vor? Wenn ja, dann hör sofort auf zu lesen. Spoileralarm und so. 

-- Na gut: Ein Absatz geht noch. Wie ich schon einmal ausgeführt habe, bin ich ja erst recht spät auf den Gilmore Girls-Geschmack gekommen, und das verdanke ich, wie so Vieles, meiner Liebsten, die schon während der deutschen Erstausstrahlung der zwischen 2000 und 2007 entstandenen Serie ein Fan war. Im zurückliegenden Frühjahr hat sie mich dazu angestiftet, die komplette Serie - sieben Staffeln! - mit ihr zusammen anzuschauen; oft so um die drei Episoden an einem Abend. Das Ziel war, damit fertig zu sein, ehe auf Netflix die Fortsetzung Gilmore Girls - A Year In The Life erschiene. Tatsächlich waren wir sogar deutlich früher am Ende der 7. Staffel angelangt, und dann ging's erst mal auf den Jakobsweg. Nach unserer Rückkehr gab es mindestens zwei Anläufe meiner Liebsten, mich zum Anschauen der Fortsetzung zu überreden, worauf ich erwiderte, ich fühle mich "innerlich noch nicht bereit dazu". Letztlich erübrigte sich da jegliche Diskussion, da sich herausstellte, dass die neue Staffel ohnehin noch gar nicht draußen war. Am Freitag, dem 25.11., kam sie dann endlich - aber an dem Abend hatten meine Liebste und ich Anderes zu tun. Also begannen wir am Samstag mit dem Anschauen und schafften die vier Episoden in drei Tagen.  

(Bildquelle hier.)

Zur Freude der Fans ist nahezu die gesamte Originalbesetzung der Serie wieder mit von der Partie. Die bedeutendste Ausnahme betrifft "Grandpa" Richard Gilmore: Der Darsteller dieser Rolle, Edward Herrmann, starb im Jahr 2014, folglich musste auch sein Rollencharakter sterben. Eine umfangreiche Rückblende in der ersten Episode von A Year In The Life schildert seine Beerdigung und Trauerfeier; und natürlich hat der Umstand, dass er nicht mehr da ist, erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung des Verhältnisses zwischen den Gilmore-Frauen, besonders zwischen Emily und Lorelai. Dieser Umstand prägt die gesamte Staffel bis zum Schluss. 

Lange auf der Kippe stand die Mitwirkung von Melissa McCarthy als Sookie - bedingt dadurch, dass Ms. McCarthys Schauspielkarriere seit der letzten Gilmore Girls-Staffel erheblich Fahrt aufgenommen hat; u.a. war sie jüngst in einer der Hauptrollen im Remake von Ghostbusters zu sehen. Aber nachdem dreieinhalb Episoden lang darüber geredet wird, warum Sookie nicht da ist und wie sehr sie vermisst wird, taucht sie pünktlich zum Finale doch wieder auf - nur für eine Szene, aber das ist eine Sookie-Szene wie aus dem Bilderbuch. 
Ansonsten fehlen von den wichtigen Seriencharakteren eigentlich nur Liz und T.J. (von denen gleichwohl wiederholt die Rede ist: Sie befinden sich vorübergehend in den Fängen einer obskuren Gemüse-Sekte), und der Vollständigkeit halber könnte man noch Max Medina und Dave Rygalski erwähnen, die aber ja schon lange aus der Serie verschwunden waren. Insgesamt unterstreicht es den warmherzigen, liebevollen Charakter, der die Serie von jeher ausgezeichnet hat, dass in diesem Revival sogar ausgesprochen episodischen Charakteren ein kleines Comeback gegönnt wird; sogar Robert, Colin und Finn, Logan Huntzbergers verrückte Freunde aus der Life & Death Brigade, haben in der letzten Episode einen ausgesprochen grandiosen Gastauftritt. 

Gleichzeitig ist festzuhalten, dass das im Vergleich zur ursprünglichen Serie erheblich veränderte Sendeformat  - nur vier Episoden, diese dafür aber jeweils in Spielfilmlänge - auch eine erheblich veränderte Dramaturgie bedingt. Für eigenständige Nebenhandlungsstränge um andere Charaktere als die Mitglieder der Familie Gilmore ist da kein Platz mehr. In besonders auffälligem Maße betrifft das Rorys beste Freundin Lane, die in den früheren Staffeln phasenweise eine gleichberechtigte Hauptfigur war, in A Year In The Life hingegen zu einer bloßen Randfigur schrumpft. Das ist ein bisschen schade, aber man kann nun mal nicht Alles haben.  

Soweit in loser Folge einige erste Eindrücke. Nun aber mal ans Eingemachte. Nachdem ich mir vorerst nur die erste der vier neuen Episoden angesehen hatte, entdeckte ich mittels der Sozialen Netzwerke zwei Rezensionen zu Gilmore Girls - A Year In The Life, die ich, da sie ebenfalls Spoiler enthielten, zunächst nur anlas, inzwischen aber, nachdem ich mit dem Gucken fertig bin, doch ganz gelesen habe: eine von Amy Plitt im Rolling Stone und eine von Gracy Olmstead im Federalist. Beide Rezensentinnen sind sich in überraschend vielen Punkten einig, und in einigen davon kann auch ich ihnen zustimmen. Voll des Lobes, und zwar zu Recht, sind sie über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Lorelai Gilmore und ihrer Mutter Emily. Durch den Tod ihres Mannes droht Emilys wohlgeordnetes Upper-Class-Leben zwischenzeitlich gründlich aus den Fugen zu geraten, aber letztlich reift sie daran, und im Zuge dessen reift auch ihre Beziehung zu ihrer Tochter. Das ist eindringlich und liebevoll dargestellt und tut dem Zuschauer wohl. -- Ein wesentlicher Kritikpunkt beider Rezensentinnen - den, unabhängig davon, auch eine Gilmore-Girls-begeisterte Facebook-Freundin und Bloggerkollegin von mir geäußert hat - betrifft hingegen Rory. So erstaunlich wenig sie sich über die Jahre äußerlich verändert hat, so deutliche Brüche weist ihr Charakter auf. Nachdem die zu Beginn der Serie 15-jährige Rory in der alten Serie stets - wenn auch mit einem auffälligen postpubertären "Durchhänger" in Staffel 6 - ein ausnehmend kluges, vernünftiges, verantwortungsbewusstes und strebsames Mädchen mit hohen moralischen Ansprüchen an sich selbst gewesen ist, wirkt die "Thirtysomething"-Rory von A Year In The Life weit unreifer als ihr jüngeres Selbst. Eine nachgeholte Rebellion? Gegen wen oder was? Während des größten Teils der vier Episoden ist Rory antriebsschwach, unentschlossen und sprunghaft - so kennt man sie gar nicht! Beruflich kommt sie auf keinen grünen Zweig, und ihr Liebesleben ist erst recht ein einziges Chaos: Seit zwei Jahren hat sie eine Fern- bzw. Pendelbeziehung mit einem jungen Mann, der so farblos und uninteressant ist, dass sie wiederholt vergisst, mit ihm Schluss zu machen - das ist als running gag durchaus witzig, aber sympathisch ist was Anderes -; und parallel dazu hat sie eine Affäre mit ihrem Exfreund Logan, der allerdings verlobt ist. 

Einig sind sich die Rezensentinnen Plitt und Olmstead auch darin, dass ihnen der Schluss missfällt - obwohl die Kritik im Rolling Stone in der Überschrift behauptet, es sei "der Schluss, den die Fans schon immer wollten". Verraten werde ich den Schluss hier nicht - so viel Spoiler muss dann doch nicht sein -, aber Gracy Olmstead weist im Zusammenhang mit ihrer Kritik am Schluss der Serie auf einen Umstand hin, der mir bemerkenswert scheint. Gilmore Girls - A Year In The Life war nicht zuletzt deshalb ein Herzensanliegen für die Serienerfinderin Amy Sherman-Palladino und ihren Ehemann Daniel Palladino, weil sie aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem produzierenden Studio Warner Brothers an der 7. Staffel der ursprünglichen Serie nicht mehr beteiligt gewesen waren und der Serie daher nicht den Schluss hatten geben können, der ihnen vorschwebte. Mit A Year In The Life haben sie nun den "richtigen" Schluss quasi "nachgeliefert" - aber inzwischen sind nun mal neun Jahre vergangen und die Charaktere entsprechend älter. Wie Gracy Olmstead sehr überzeugend ausführt, wäre der Schluss von A Year In The Life erheblich glaubwürdiger und befriedigender, wenn er neun Jahre früher stattgefunden hätte - mit einer Rory, die gerade das College abgeschlossen hat, anstelle einer über 30-jährigen Rory. 

Aber reden wir nicht über den Schluss, den ich ja nicht verraten will; viel interessanter finde ich etwas Anderes. Die großen Übereinstimmungen zwischen den Kritiken von Amy Plitt und Gracy Olmstead fand ich nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil sie in so unterschiedlich ausgerichteten Publikationen erschienen sind. Während der Federalist als betont konservativ gilt, kann man den Rolling Stone wohl als ausgesprochen linksliberal bezeichnen. Dass in beiden Periodika Besprechungen der neuen Gilmore Girls-Staffel erschienen sind, die bei aller Kritik doch eine tiefe Liebe zur "Marke" Gilmore Girls erkennen lassen, zeigt schon mal, dass diese Serie ein - sagen wir mal - "weltanschaulich" sehr gemischtes Publikum anzusprechen und für sich einzunehmen vermag. Letzteres übrigens unbeschadet der Tatsache, dass die Protagonistinnen der Serie unverkennbar der Demokratischen Partei nahe stehen: Im Laufe der Serie werden Bill und Hillary Clinton mehrfach lobend bis bewundernd erwähnt, auch gelegentliche Seitenhiebe auf George W. Bush fehlen nicht, und am Ende der 7. Staffel erhält die angehende Journalistin Rory das Angebot, Barack Obama auf seiner Wahlkampftour zu begleiten. Dass die Serie dennoch so zu sagen "überparteilich" populär war und ist, mag man darauf zurückführen, dass die Autoren es zu vermeiden gewusst haben, irgendeine gesellschaftliche Gruppe allzu sehr zu verprellen; aber interessanterweise gelingt dies gerade nicht dadurch, dass kontroverse Themen ausgespart würden. Vielmehr werden solche Themen auf eine so mehrdeutige Weise zur Sprache gebracht, dass unterschiedlich gesonnene Zuschauer ihren jeweiligen Standpunkt irgendwie in der Serie "wiederfinden" können.  

Zum Teil wird das dadurch erreicht, dass unterschiedliche, ja sogar widersprüchliche Einstellungen und Ansichten auf verschiedene Charaktere "verteilt" werden - aber auch dies nicht in einem so einschichtigen Sinne, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte. Es gehörte für mich von jeher zum besonderen Charme der Serie, dass sie den Zuschauer dazu bringt, absolut jede Serienfigur früher oder später liebzugewinnen. Am längsten habe ich dafür bei Taylor Doose gebraucht, dem Supermarktbesitzer, tyrannischen Stadtverordneten und unermüdlichen Organisator von Stadtfesten und sonstigen skurrilen Events in Stars Hollow. Klar: Taylor nervt. Er ist ein autoritärer Charakter, unfassbar eitel und auf sonderbare Weise gleichzeitig einfältig und verschlagen. Aber er ist einfach unverzichtbar für das Universum von Stars Hollow - das zeigt sich spätestens, als er in Staffel 5 vorübergehend vom Amt des Stadtverordneten abgewählt wird. Taylor illustriert exemplarisch, dass Innovation und Spießigkeit sich nicht ausschließen: Er ist ständig bestrebt, Stars Hollow zu "modernisieren" - sei es, dass er für die Installation einer (praktisch gesehen überflüssigen) Fußgängerampel kämpft oder, in der neuen Staffel, für den Anschluss des Ortes ans Kanalisationsnetz; gleichzeitig ist er bestrebt, das historische Erbe von Stars Hollow zu pflegen, hat aber leider überhaupt keine Ahnung von Geschichte, weshalb seine diesbezüglichen Bemühungen auf ein verkitschtes Zerrbild einer "historischen" Kleinstadt hinauslaufen. Sein ewiger Gegenspieler - bei all seinen Unternehmungen - ist Luke, der wirkliche Konservative im Serienkosmos und zugleich die nahezu einzige Stimme des gesunden Menschenverstands im Exzentrikernest Stars Hollow. Irgendwann begreift man: Es braucht einen Taylor, um in Stars Hollow jene skurril-überzeichnete Idylle zu schaffen, die dieses Städtchen so liebenswert macht - und es braucht einen Luke, damit diese skurrile Idylle nicht völlig unerträglich wird. 

Ich komme auf diesen Punkt - und insbesondere auf Lukes Rolle als "Stimme des gesunden Menschenverstands" - noch zurück. Gleichzeitig entschuldige ich mich an dieser Stelle schon mal für eine gewisse Sprunghaftigkeit im Aufbau dieses Artikels. Ich kann nichts dafür: Diejenigen Aspekte, die ich an Gilmore Girls - A Year In The Life besonders bemerkenswert und kommentarwürdig finde, sind so facettenreich, dass ich nicht anders kann, als sie aus einer Vielzahl verschiedener Blickwinkel anzugehen. Einer davon ist, dass trotz der oberflächlich betrachtet recht "liberalen" Ausrichtung der Serie (oder zumindest ihrer beiden Haupt- und Titelfiguren) die Rezension im konservativen Federalist keinerlei eindeutig "weltanschaulich" motivierte Kritik enthält, diejenige im eher "linken" Rolling Stone hingegen schon - wenn auch nur in einem Detail: Rezensentin Amy Plitt bemängelt, es fehle der Serie - schon immer und immer noch - an "diversity"; als positiv hebt sie an dieser Stelle jedoch hervor, Michel, der Concierge von Lorelais Hotel, sei in der neuen Staffel endlich "out and proud" - nämlich mit einem Mann verheiratet, der ihm obendrein mit einem Kinderwunsch in den Ohren liegt. Ich gestehe, ich fand diese Wendung nicht so toll. In den früheren Staffeln zeichnete sich Michel zwar durch einen Gestus aus, der in vielerlei Hinsicht gängigen Schwulenklischees entsprach, aber ob oder dass er tatsächlich homosexuell ist, wurde nie thematisiert; das fand ich erheblich reizvoller. Dass das Thema Homo-Ehe in der neuen Staffel eine Rolle spielen musste, ist aus Gründen, auf die ich in Kürze eingehen werde, durchaus einsichtig, und es war wohl schlicht naheliegend, dafür auf die Figur Michel zurückzugreifen; man könnte aber mit einigem Recht sagen: ein bisschen zu naheliegend. 

Und wo wir schon bei kontroversen Themen sind: In einem früheren Artikel habe ich mich über die implizite Pro-Life-Message geäußert, die man in der Familiengeschichte der Gilmores erkennen kann, wenn man denn will. Als ich das schrieb, war ich noch nicht ganz mit der ersten Staffel fertig; in einer späteren Staffel wurde das Thema dann noch erheblich direkter angesprochen, in Form einer Rückblende, die den Zuschauer in die Zeit von Lorelais Schwangerschaft katapultierte. In dieser Rückblende debattieren Lorelais und Christophers Eltern über den Umstand, dass ihre jeweiligen Kinder ein gemeinsames Kind erwarten, und Christophers Vater - so ziemlich der einzige durch und durch unsympathische Charakter der gesamten Serie - deutet an, man könne das "Problem" durch eine Abtreibung "lösen". Emily widerspricht energisch: Das komme überhaupt nicht in Frage. Viel deutlicher kann man's wohl kaum zeigen: In letzter Konsequenz verdankt Rory Gilmore die Tatsache, dass sie überhaupt geboren werden konnte, der bedingungslosen Pro-Life-Einstellung ihrer Großmutter. Da wirkt es dann schon ein bisschen ironisch, dass in den Staffeln, in denen Rory in Yale studiert, an der Wand ihres Wohnheimzimmers ein Plakat von Planned Parenthood hängt, mit dem Schriftzug "Stop The War On Choice". Ein eindrucksvolles Beispiel für die gemischten Botschaften, die die Serie in weltanschaulichen Fragen aussendet. Man darf hoffen, dass Planned Parenthood sich dieses product placement Einiges hat kosten lassen. Damit wären die staatlichen Fördermittel wenigstens gut angelegt. Und noch ein anderes Thema aus dem Gesamtbereich Lebensschutz kommt in der Serie zur Sprache: In irgendeiner Folge - welche Staffel das war, habe ich mir nicht gemerkt - nehmen Rory und ihre Kommilitonin Paris Geller an einem Debattierwettbewerb teil und sollen über Sterbehilfe sprechen. Das Los entscheidet, dass Paris und Rory sich aussuchen dürfen, ob sie den Pro- oder den Contra-Standpunkt vertreten, und Paris entscheidet sich enthusiastisch für Pro. Okay, zu Paris passt das. Aber Rory macht immerhin mit. -- Was hat das nun mit der neuen Staffel zu tun? Oberflächlich betrachtet nicht viel, aber in einem tieferen Sinne schon. In der ersten Episode nämlich steht die Frage im Raum, ob Lorelai und Luke zu ihrem Glück womöglich ein gemeinsames Kind fehlt; da Lorelai aber schon weit über 40 ist, erwägt sie, diesem Kinderwunsch mit Hilfe einer Leihmutter abzuhelfen. Die ethische Problematik von Leihmutterschaft wird an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise diskutiert; stattdessen scheitert das Projekt ganz einfach daran, dass Luke - wie gesagt, die Verkörperung des gesunden Menschenverstands in der Serie - diese Vorstellung von vornherein bizarr findet; und dass der Zuschauer dazu neigt, sich dieser Sichtweise anzuschließen, wird außer durch Lukes Position als unangefochtener Sympathieträger auch dadurch unterstützt, dass die Chefin der Vermittlungsagentur für Leihmütter und künstliche Befruchtung niemand anders ist als eben die manisch-soziopathische Paris Geller. 

Diese für die weitere Handlung letztlich folgenlose Thematisierung von Leihmutterschaft reiht sich ein in eine bunte Abfolge von Episoden und Anekdoten, die sich mit gesellschaftlichen Trends und medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit befassen; in diese Reihe gehört bespielsweise die neueste Geschäftsidee des allzeit umtriebigen Kirk, nämlich eine dilettantische Imitation eines Carsharing-Services, den er Ooober nennt; der running gag, dass Luke in seinem Café neuerdings WLAN hat, seinen Gästen aber ständig falsche Passwörter gibt, weil er nicht will, dass die es benutzen; Taylors Plan, in Stars Hollow eine Gay Pride-Parade zu veranstalten, was jedoch daran scheitert, dass es im Kleinstädtchen nicht genug Schwule gibt (in diesem Zusammenhang wird auch die Idee geäußert, man könne sich ja Schwule aus anderen Orten "ausleihen"); und der Auftrag des Magazins Gentleman's Quarterly an Rory, eine Reportage über "Schlangestehen als Trend" zu schreiben (was übrigens darauf hinausläuft, dass Rory einen One-Night-Stand mit einem Mann im Wookie-Kostüm hat). Und ich möchte behaupten, auch das wie gesagt am Beispiel von Michel ins Spiel gebrachte Thema Homo-Ehe gehört in diesen Kontext. - Absolut unbezahlbar ist auch der Kurzauftritt von Lukes Tochter April zu Beginn der dritten Episode. Sie geriert sich als typische links-feministische Studentin, schwärmt von einer Begegnung mit Noam Chomsky und schockiert ihren Vater mit der Information, dass sie eine Kampagne zur Legalisierung von Marihuana unterstütze; aber als sie einen Moment lang allein mit Rory ist, hat sie aus heiterem Himmel eine Panikattacke und gesteht: "Ich habe Noam Chomsky nie gesehen. Pot geraucht habe ich nur ein einziges Mal - und danach Käse gegessen." Ebenfalls in Folge 3 werden ausgiebig die Proben zu einem (natürlich von Taylor initiierten) Stars Hollow-Musical geschildert; dieses Musical, oder zumindest die Tatsache, dass es so breiten Raum in dieser Serienepisode einnimmt, finden die Rezensentinnen Plitt und Olmstead einhellig doof - weshalb ihnen, so jedenfalls meine These, ein wichtiger hermeneutischer Schlüssel für die Interpretation von Gilmore Girls - A Year In The Life schlicht entgeht. Die Ausschnitte aus diesem Musical enthalten derart viele gleichermaßen bizarre wie beziehungsreiche Details, dass man darüber unschwer einen eigenen Artikel verfassen könnte; den Höhepunkt bildet jedoch ein Lamento über die Ärgernisse der modernen Welt: 

The world is a terrible place 
There's junk mail and terrorism
Tiny airplane seats 
New weird viruses 
Really small print 
And tank tops 
Anything by Jeff Koons 
Spam (not the food) 
Those 'Occupy' radicals 
What restaurants charge for wine 
And Putin...  

Wenn im weiteren Verlauf dieser Musical-Nummer das Städtchen Stars Hollow gewissermaßen als Refugium vor all diesen Verrücktheiten der modernen Welt angepriesen wird, handelt es sich dabei natürlich um eine typische Taylor-Phantasie, von der der Zuschauer nur zu genau weiß, dass sie nicht stimmt. Dennoch hat mich diese Musical-Szene entscheidend in der Auffassung bestärkt, dass all die weiter oben aufgeführten anekdotischen Handlungselemente zwar nicht unbedingt Kritik, aber doch so etwas wie eine vorkritische Irritation darüber implizieren, wie sonderbar und verwirrend die Welt in den Jahren seit der letzten Gilmore Girls-Staffel geworden ist. Letztlich wird sogar Rorys so untypische Ziellosigkeit und Unentschlossenheit als ein über-individuelles Zeitsymptom kontextualisiert: In Stars Hollow gibt es einen "Um-die-30-Club", dessen Mitglieder nach diversen gescheiterten Versuchen, in der "Welt da draußen" Fuß zu fassen, wieder bei ihren Eltern wohnen; und folgerichtig gibt es auch einen Elternkreis des Um-die-30-Clubs, der Lorelai als Mitglied zu gewinnen sucht. 

Alles in Allem lautet mein Fazit: War die Serie Gilmore Girls unterschwellig "schon immer" konservativer, als sie es auf den ersten Blick scheinen mag, so gilt das für A Year In The Life erst recht; ein Umstand, den Gracy Olmstead im Federalist zweifellos gewürdigt haben würde, wenn sie ihn denn bemerkt hätte. - Keine Gnade findet in den Augen dieser Kritikerin auch die Wendung, dass Lorelai am Ende der dritten Folge auf die Idee kommt, zur "Selbstfindung" auf den Pacific Crest-Wanderweg zu gehen - auf den Spuren des Bestsellers "Wild" (dt. "Der große Trip") von Cheryl Strayed. Das passe nicht zu ihr, meint Gracy Olmstead; schließlich könne man sich auf der Basis der bisherigen sieben Serienstaffeln kaum eine Person vorstellen, die weniger zu Outdoor-Aktivitäten aufgelegt sei als Lorelai Gilmore. Da kann ich nur sagen: Das ist doch gerade der WITZ, Gracy! Gerade vor dem Hintergrund meiner noch frischen Jakobsweg-Erfahrung hatte ich enormen Spaß daran, zuzusehen, wie Lorelai sich zu Beginn der vierten und letzten Episode tatsächlich aufmacht, diese Schnapsidee in die Tat umzusetzen - und dabei auf lauter gleichgesinnte Frauen trifft, die sich lediglich darin unterscheiden, ob sie nach dem Buch oder nach dem Film wandern. Das ist natürlich satirisch zugespitzt, aber SO weit weg von der Realität ist es wohl nicht - es gibt schließlich auch Leute, die wegen Hape Kerkeling auf den Jakobsweg gehen, und die sind wirklich so drauf. In den Gesprächen zwischen Lorelai und den anderen Möchtegern-Abenteurerinnen habe ich jedenfalls so Einiges wiedererkannt. Und wenn man dann sieht, wie Lorelai ihren Rucksack packt - und wie sie ihn trägt - dann weiß man, wenn man auch nur ein Minimum an Erfahrung mit derartigen Wandertouren hat: Das kann nicht gut gehen. Und tut es natürlich auch nicht. Am ersten Tag ist das Wetter zu schlecht, also wird der Aufbruch erst einmal verschoben; und am zweiten Tag gibt sie dann ganz auf. Ein Scheitern ist das aber im Grunde doch nicht - denn die Selbsterkenntnis, die Lorelai sich von diesem Trip erhofft hat, findet sie auch so. Das ist inmitten all der Komik eine berührende und ergreifende Szene -- und mehr soll hier nicht verraten werden.  

P.S.: Der/die Erste, der/die in der letzten Episode die ausgesprochen lustige Anspielung auf den Film The Social Network entdeckt, darf sich bei mir ein Thema für einen künftigen Artikel wünschen! :) 




Dienstag, 29. November 2016

Droht ein neues Limburg?

April, April: NEIN, in diesem Artikel soll es NICHT um die St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin gehen. Zwar wären die kontroversen Reaktionen auf den Beschluss des Erzbistums, die Kathedrale nicht nur zu sanieren, sondern umfassend umzugestalten, durchaus einen Blogartikel wert, aber zum gegebenen Zeitpunkt scheint es mir ratsamer, das Thema erst einmal ruhen zu lassen. Die Umbaugegner, vor allem jene aus dem Kreis der "Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale", haben ohnehin schon so viel Schaum vor dem Mund, dass es mir, der ich nun auch nicht gerade ein euphorischer Befürworter der Umbaupläne bin, für den Moment jegliche Lust zu einer differenzierten Auseinandersetzung nimmt. Früher oder später wird wohl doch noch auf dieses Thema zurückzukommen sein, aber im Moment geht es mir um etwas Anderes - nämlich um meine Heimatpfarrei St. Willehad in Nordenham. Wo ich übrigens in gut drei Wochen mal wieder für ein paar Tage vorbeischauen werde - meine Leser können sich also schon mal auf einige Vor-Ort-Berichte freuen. 

Symbolbild; Quelle: pixabay.com. Und nein, einen Berg gibt es in Nordenham nicht. 

Also, was geht in good old Nordenham? -- In der zweiten Oktoberwoche wurde das marode und schon seit längerer Zeit nicht mehr genutzte Pfarrhaus von St. Willehad (hier ein Bild aus besseren Tagen) abgerissen; auf der nun freien Fläche soll nicht etwa einfach ein neues Pfarrhaus, sondern ein "Pfarrzentrum" entstehen. Die Nordwest-Zeitung berichtet: 
"Das neue Pfarrzentrum wird als zweigeschossiger Flachdachbau in L-Form mit einer Grundfläche von circa 380 Quadratmetern errichtet. Im Erdgeschoss sollen ein Empfangsbereich, ein Besprechungsraum sowie Büros für den Pfarrer, die Pfarrsekretärin, die Rechnungsführung und einen Pastoralreferenten entstehen. Im Obergeschoss werden sich die Wohnung des Pfarrers und eine Gästewohnung befinden." 
Diese Pläne sind an sich nicht neu. Tatsächlich hatte die NWZ bereits im Juli 2014 darüber berichtet: "Neubau soll Begegnungsstätte werden", lautete damals die Überschrift. Schon damals also lagen die Pläne auf dem Tisch, die nicht nur vorsahen, das alte Pfarrhaus abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, sondern auch, dass dieser Neubau neben einer Wohnung für den Pfarrer auch "moderne Büroräume für Pfarrer, Pastoralreferent, Provisor und Pfarrsekretärin, ein Besprechungszimmer sowie ein[en] Versammlungsraum für Sitzungen des Pfarreirates und des Verwaltungsausschusses" beherbergen sollte. Im Juli 2014 hatte gerade der später heftig umstrittene Torsten Jortzick sein Amt als Pfarrer von St. Willehad angetreten, und der damalige NWZ-Artikel stellt die Neubaupläne - ob zu Recht oder zu Unrecht, kann ich nicht beurteilen - als ein sehr wesentlich von Jortzick persönlich betriebenes Projekt dar: "Für ihn kommt es darauf an, dass das neue Pfarrhaus zu einer einladenden Begegnungsstätte für die ganze Gemeinde und Gäste wird", heißt es da, und: "Pfarrer Torsten Jortzick wünscht sich, dass es ein einladendes Gebäude mit barrierefreiem Zugang und angenehmen Arbeitsplätzen wird". 

Als ich im Oktober 2015, unmittelbar nach der Bekanntgabe von Torsten Jortzicks Rücktritt als Pfarrer von St. Willehad, in Nordenham war und einige Gespräche mit Anhängern und Gegnern des Pfarrers führte, hatte ich den Eindruck, dass dieses Bauprojekt durchaus ein Thema war, das bei der Stimmungsmache gegen ihn eine gewisse Rolle gespielt hatte. Wirklich verstehen konnte ich das nicht - schließlich stand schon damals fest, dass nicht die Gemeinde, sondern das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta die Kosten für den Neubau tragen würde. Aber darauf kam es wohl nicht an. Jedenfalls vermittelten Gespräche mit Jortzick-Gegnern mir das Gefühl, sie betrachteten es mit einer gewissen Schadenfreude, dass der zurückgetretene Pfarrer in "sein" neues Pfarrhaus niemals einziehen werde. 

Aber nun gibt es ja einen neuen Pfarrer, und mit dem ist ja alles anders. Oder doch nicht? Ich werde ja, wie gesagt, bald Gelegenheit haben, mir selbst ein Bild von Pfarrer Jasbinschek zu machen; bis dahin kann ich nur zu Protokoll geben, dass es mich ein bisschen misstrauisch macht, wenn - zumindest aus der Ferne betrachtet - der Eindruck entsteht, sämtliche Konflikte innerhalb der Gemeinde hätten sich seit dem Amtsantritt des neuen Pfarrers in Wohlgefallen aufgelöst. Nun gut, vielleicht sind die verfeindeten Fraktionen einfach des Kämpfens müde. Oder vielleicht ist Pfarrer Jasbinschek tatsächlich so begnadet im Ausgleichen von Interessengegensätzen. Kann ja sein. Im aktuellen NWZ-Artikel zum geplanten "Pfarrzentrum" taucht weder sein Name noch sein Gesicht auf. 

Indessen kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieses Bauprojekt zu einer neuen Belastungsprobe für die Stimmung in der Gemeinde wird - obwohl, wie die NWZ erneut hervorhebt, "nicht die St.-Willehad-Gemeinde, sondern das Bischöflich Münstersche Offizialat Vechta" der Bauherr ist. "Dort wurde der Neubau zusammen mit einem Architektenbüro auch konzipiert." Als im Juli 2014 erstmals von den Umbauplänen die Rede war, waren laut NWZ "die Kosten noch nicht ermittelt", und es war "auch noch kein Architektenauftrag erteilt" worden. Diesbezüglich hat sich inzwischen Einiges getan. Im Haushaltsplan 2015 des Offizialats war ein Betrag von 640.000 € für den Neubau eingeplant worden; nach jetzigem Stand sind "die Kosten für den Neubau einschließlich der Gestaltung der Außenanlagen [...] auf 960000 Euro veranschlagt". Das sind mal eben 50% mehr als zunächst geplant. Und dabei ist noch nicht einmal der erste Spatenstich getan. Wie sich die Kosten von Bauprojekten zu entwickeln pflegen, wenn sie erst einmal im Gange sind, das kennt man ja. Ein Bloggerkollege und Facebook-Freund, der sich in solchen Fragen erheblich besser auskennt als zum Beispiel ich, merkt dazu an: 
"Ehrlicherweise muss man sagen, das ein Objekt mit Wohn-, Gäste-, Büro- und Besprechungsräumen nicht viel günstiger zu bauen ist, da man kirchlicherseits ja heute superökoenergiesparendfairgehandelt bauen muss." 
Gleichzeitig hat "die Kirche" - unabhängig davon, aus welchem Topf das Geld nun genau kommt - praktisch immer und automatisch ein Imageproblem, wenn sie viel Geld für etwas ausgibt, das ihr selbst zu Gute kommen soll. Bereits vor rund zwei Wochen berichtete die Kreiszeitung Wesermarsch über die Pläne zum Bau des neuen Pfarrzentrums; dieses Blatt hat zwar keine frei zugängliche Online-Ausgabe, veröffentlichte dafür aber einen "Teaser" auf seiner Facebook-Seite -- und die Leserkommentare zu diesem ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: 
"Kirche, allen voran die katholische = Mafia, wenn nicht noch schlimmer!"
"960000 €.... Für ein Haus.... Naja, man will es sich ja auch gut gehen lassen. Außerdem muss man sich ja auch vom schnöden Volk absetzen... *kopfschüttel*"
"Der Grund, warum ich mit 19 aus der Kirche ausgetreten bin."
"Das ist doch irre[,] soviel Geld für ein Haus [-] ist das aus Gold[?] ...... Wenn man bedenkt[,] wenn man normal bauen und ein bisschen sparen würde[,] könnte man mit dem übrig gebliebenen Geld viel [G]utes tun. Das wäre christlich[.]"
"Irgendwo muss [d]ie Kirchensteuer ja hin."
"Baut doch gleich ne Villa[.]"
"... kommt Franz-Peter Tebartz-van Elst nach Nordenham ... ???" 
Man kann wohl davon ausgehen, dass diese Stimmen schwerpunktmäßig nicht unbedingt aus der Kirchengemeinde selbst kommen; dennoch zeigen diese Reaktionen, dass das keine einfachen Zeiten für St. Willehad werden. Derweil weiß die NWZ zu berichten, dass die Erdarbeiten für den Neubau noch im laufenden Kalenderjahr beginnen sollen - also schon sehr bald. "Einen Bauzeitenplan soll es noch nicht geben, jedoch soll das neue Pfarrzentrum in 2017 bezugsfertig sein." Wie das Bistum Münster bekanntgibt, soll ein Teil der Kosten aus Fördermitteln des Bonifatiuswerks bestritten werden: 
"Mit 14 Millionen Euro unterstützt das Bonifatiuswerk 2016 die Katholiken in der Diaspora in Deutschland, Nordeuropa und im Baltikum. Davon gehen 66.500 Euro ins Bistum Münster [...]. Mit dem Geld wird der Bau des Pfarrhauses in St. Willehad Nordenham [...] unterstützt." 
Hm. Verstehe ich das richtig, dass das Bistum Münster seinen Anteil an den diesjährigen Zuwendungen des Bonifatiuswerks komplett in dieses Bauprojekt steckt? Falls ja, dann wären damit zwar nur knapp 7% der veranschlagten Gesamtkosten gedeckt, aber gleichzeitig würde das Geld dann natürlich woanders fehlen. Auf jeden Fall wirft diese Verwendung der Fördergelder ein bemerkenswertes Licht darauf, was für eine hohe Priorität das Bistum dem neuen Pfarrzentrum in diesem abgelegenen Winkel der Diaspora einräumt. Da fragt man sich dann auch, wie das eigentlich kommt. Ich schätze, es wird spannend sein, die Angelegenheit weiter zu beobachten...