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Mittwoch, 3. September 2014

"Trägheit"?!?

Frohe Kunde verbreitet sich unter den katholischen Bloggern deutscher Zunge: Nach 2010 und 2012 wird auch in diesem Jahr wieder der Schwester-Robusta-Preis der deutschsprachigen Blogoezese verliehen! Ausgerichtet wird die Preisverleihung erneut von Herrn Alipius, der zwar seinen legendären Blog Klosterneuburger Marginalien kürzlich geschlossen, dafür aber einen neuen Blog namens totaliter aliter eröffnet hat (der, meiner bescheidenen Meinung nach, sooo "aliter" nun ooch wieder nicht ist). Seit dem 1. September läuft die Nominierungsphase; nominiert werden darf noch bis zum Ende des laufenden Monats, und dann ist es wohl bald soweit -- dann darf wieder abgestimmt werden über die besten deutschsprachigen katholischen Blogs in den Kategorien Qualität, Spiritualität, Politik, Kultur, Frische, Papsttreue, Augenhonig, Alltag, Mauerblümchen, Zwerchfell, Großmaul, Dialog, Cocktail, Trägheit und Abseits. Und Sonderpreise dürfen auch vergeben werden.

Mann, bin ich aufgeregt! 

Nicht zuletzt deshalb, weil auch mein bescheidener kleiner Blog wieder mit im Rennen ist. Man erinnert sich (oder auch nicht): Anno 2012 war "Huhn meets Ei..." in der Kategorie "Frische" - der Newcomer-Kategorie also - nominiert worden und hatte dank der alle meine Erwartungen weit in den Schatten stellenden Unterstützung durch meine Leser tatsächlich die Goldmedaille abgeräumt. Diesen Titel werde ich nun nicht verteidigen können, da ich ja mittlerweile nicht mehr zu den Newcomern gehöre; umso erfreulicher, dass ich in mindestens zwei anderen Wertungskategorien mit von der Partie sein darf! Schon am ersten Tag der Nominierungsphase schrieb die liebe Kollegin "Meckiheidi" vom Blog Kreuzwege-Wegkreuze: 
"Und wenn er auch Trägheit ein bissel verdient hätte als kleinen Wink, nominiere ich doch lieber für Zwerchfell "Huhn meets Ei". [...] Bringt mich meist zum Schmunzeln und oft zum Lachen, aber auch zum Nachdenken!"
Wohl, wohl: Für die Kategorie "Zwerchfell" nominiert zu werden, gefällt mir - ich mag es, wenn meine Leser bei mir was zum Lachen haben. Aber wie war das bitte mit der Trägheit? Der oberste Preisrichter Alipius beantwortete diese Nominierung wie folgt: 
"Tip: "Huhn meets Ei" wurde bereits von einem anderen Leser für Trägheit nominiert."
Trägheit?


Okay, okay, ich geb's ja zu. Diesen Artikel hier nicht mitgerechnet, habe ich's im laufenden Kalenderjahr erst auf zwölf Blogbeiträge gebracht. In den Monaten März, April und August habe ich keinen einzigen Beitrag veröffentlicht. Stimmt schon. Gefällt mir selber nicht. Aber habt ihr eigentlich eine Ahnung, wie viel ich bloggen würde, wenn ich die Zeit und die Muße dazu hätte? Wie viele Entwürfe für Blogartikel sich bei mir türmen, die ich einfach nicht fertig kriege? Mit welcher Akribie und Liebe zum Detail ich an meinen Texten feile? -- 

-- So, und jetzt hole ich mal tief Luft und setze neu an. Klar, auf den ersten Blick scheint die Kategorie "Trägheit" so ein bisschen der Zonk unter den Robusta-Preiskategorien zu sein. Oder, wie Max Goldt es nennen würde: Der "schwarze Wanderbuhpokal". Ein virtueller Tritt in den Hintern geradezu. Aber wenn man sich die Beschreibungen der insgesamt 15 Preiskategorien mal genauer anschaut, sieht es schon ganz anders aus. Unter "Trägheit" heißt es da: 
"Welches Blog ist so gut, daß man sich dort mehr Postings wünscht, als man bisher bekommt?"
So gesehen ist eine Nominierung in dieser Kategorie ja doch irgendwie ein Lob - ja, sogar eine Auszeichnung...

(Trotzdem würde mir eine Medaille in der Kategorie "Zwerchfell" besser gefallen. Aber die Kokurrenz ist stark!)

Na, jedenfalls: Ich bin gespannt auf die weiteren Nominierungen und dann natürlich erst recht auf die Abstimmungsphase. Und: Ich werde Euch auf dem Laufenden halten! Versprochen!

Donnerstag, 17. Juli 2014

Keine Atempause - Geschichte wird gemacht! (II)

Noch keine Woche ist vergangen seit der offiziellen Bekanntgabe der Ernennung Kardinal Woelkis zum Erzbischof von Köln. Bis zu seiner feierlichen Amtseinführung sind es noch rund zwei Monate, und die Sedisvakanz im Erzbistum Berlin hat offiziell noch nicht einmal begonnen. Trotzdem dreht sich das Bischofskarussell schon jetzt mit beeindruckendem Tempo. Und wer profitiert am meisten davon? - Richtig: die Umzugsunternehmen!


Diese amüsante Meldung, die das Erzbistum Berlin via Twitter und Facebook verbreitete, ist allerdings mitneffen der Hauptgrund dafür, dass ich mich innerhalb so kurzer Zeit schon zum zweiten Mal zu einem Update zum Thema Wird Tebartz-van Elst neuer Erzbischof von Berlin? veranlasst sehe. Die viel bedeutendere Neuigkeit lautet: Der als möglicher Woelki-Nachfolger in den Medien hoch gehandelte Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München-Freising, WILL NICHT NACH BERLIN! Das berichtet die Katholische Nachrichtenagentur (KNA). Anlässlich eines Treffens der Freisinger Bischofskonferenz mit dem evangelischen Landeskirchenrat in München habe Marx auf die Frage eines Journalisten, ob er nach Berlin gehen oder in München bleiben werde, geantwortet: "Selbstverständlich bleibe ich in München."

Darüber, was von dieser Versicherung zu halten ist, gehen die Meinungen allerdings auseinander. Ich persönlich halte es zwar - aus Gründen, die ich unlängst bereits dargelegt habe - für durchaus glaubwürdig, dass Kardinal Marx nicht besonders erpicht darauf ist, seinen Posten in München für Berlin aufzugeben. Andere meinen, Marx agiere hier "wie ein Politiker"; mit seinem Dementi wolle er, solange über die Woelki-Nachfolge in Berlin noch nicht entschieden sei, lediglich die Münchner beruhigen bzw. bei Laune halten, die sowieso schon - bedingt durch die zahlreichen anderen Ämter des Erzbischofs - "so wenig von ihm haben". Ähnlich habe sich zudem auch Kardinal Woelki über Berlin geäußert, ehe er dann doch nach Köln berufen wurde.

Nun gut: Sicher wissen kann man vorläufig noch nicht, ob Kardinal Marx nicht insgeheim doch nach Berlin will. Womöglich weiß er es noch nicht einmal selbst mit Sicherheit - man mag da an manch einen CSU-Granden denken, der nach einem Wahlsieg im Bund vor der Entscheidung steht, ob er wirklich sein beschauliches Dasein in Bayern aufgeben soll, um einen Posten in der Bundesregierung anzustreben. -- Was aber, wenn Kardinal Marx' Absage an Berlin tatsächlich eine definitive Absage war?


Tja: Es ist mal wieder soweit. Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das Gespenst einer Badewanne. Und es beeinflusst zunehmend die Diskussionen um den geplanten Umbau der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale.


Genau dies - dass "alles besser" sei als eine "Kirche ohne Kniebänke" - ist allerdings wiederum ein Punkt, an dem die Meinungen auseinander gehen. Pater Bernd Hagenkord SJ beispielsweise, der Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan, lobt in einem Beitrag seines Blogs Laudetur Jesus Christus den umstrittenen Entwurf für die Neugestaltung der Hedwigskathedrale dermaßen über den grünen Klee, dass man denken könnte, der Architekt wäre sein Schwager. Aber okay, de gustibus non est disputandum; viel interessanter an Pater Hagenkords Blogbeitrag finde ich ein Detail, auf das ich via Twitter aufmerksam gemacht wurde:


In der Tat schreibt Pater Hagenkord:
"Mir gefällt diese Umgestaltung. Bei deren Vorstellung kam aber auch gleich die Frage nach den Kosten und nach der Finanzierung, der Name 'Limburg' fiel ebenfalls und gerade jetzt muss man sich diesem Argument stellen, auch wenn es billig daher kommt, das eine mit dem anderen aufrechnen zu wollen." 
Die Aussage kommt ein wenig kryptisch daher, man weiß nicht genau, ob die Neugestaltung von St. Hedwig nun billiger oder teurer werden soll als das Diözesane Zentrum St. Nikolaus in Limburg und wem man dann daran die Schuld geben will, aber das macht ja auch nichts, denn man soll ja nicht "das eine mit dem anderen aufrechnen". Dass dem geneigten Leser hier rein assoziativ der Gedanke kommen kann, für die anstehenden Aufgaben im Erzbistum Berlin sei Bischof Tebartz-van Elst genau der richtige Mann, hat Pater Hagenkord gewiss nicht beabsichtigt, aber das macht diesen Lapsus nur umso auffälliger.

Eine ähnlich interessante assoziative Verbindung zwischen TvE und Berlin stellte der Internet-Comedian Robert Michel alias Rob Vegas in einem Beitrag seines von über 61.000 Nutzern abonnierten Twitter-Accounts @BonitoTV her, und zwar im Zusammenhang mit der Empfangsfeier für die siegreiche deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei deren Heimkehr von der WM in Brasilien:


Einschlägige Reaktionen aus der Blogoezese und ihrem Umfeld ließen nicht auf sich warten:



Tja, wenn's nur so gewesen wäre! Aber egal ob fragwürdige Bauprojekte in Sakralbauten oder Gaucho-Tänze auf der Fanmeile, ein Eindruck verfestigt sich mehr und mehr:


Kann es unter solchen Umständen Zufall sein, dass ausgerechnet jetzt ein neues Buch über den Fall Tebartz-van Elst erscheint? In einer Vorab-Rezension der schon erwähnten KNA heißt es zwar, es gehe nicht darum, "Tebartz-van Elst zu desavouieren oder erneut zu skandalisieren"; aber gleichzeitig entsteht der Eindruck, die tatsächliche Agenda der Autoren gehe darüber noch weit hinaus. So meint Mitautor Gregor Maria Hoff, Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie in Salzburg, "dass das System der Bischofsernennung in der katholischen Kirchen an seine Grenzen gekommen ist":
"Vielleicht ließe sich ernstmachen mit einer aktiven Beteiligung des Volkes Gottes an der Bestimmung der Bischöfe? Weitermachen wie bisher ist kein Weg."
Schon klar: Hoch auf dem Mehr-Demokratie-Wagen sitz' ich beim Schwager vorn.Vorwärts die Rosse traben, lustig schmettert das Horn. Wie es aussehen könnte, wenn Bewerber um ein Bischofsamt künftig öffentlich Wahlkampf betreiben würden, darauf gönnt uns derweil der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der - nachdem er in Köln nicht zum Zuge gekommen ist - auch für das Erzbistum an der Spree ins Gespräch gebracht wurde, einen Vorgeschmack. Um einmal mehr zu demonstrieren, wie modern, aufgeschlossen und allgemein total unverkrampft er ist, trat er jüngst bei einer Veranstaltung es Lesben-und Schwulenverbandes Saar auf - und auch hier berichtete die KNA. "Erstmals stellte sich [...] ein katholischer Bischof öffentlich den Fragen von Lesben und Schwulen" -- wirklich erstmals? Na ja, nicht ganz - "ähnliche Gespräche" hat es "beispielsweise auch schon im Erzbistum Berlin [!!!] oder im Bistum Essen gegeben", aber das war halt doch irgendwie was Anderes, oder zumindest muss man das behaupten, damit diese Veranstaltung als etwas Neues und Ackermann somit als Trendsetter dasteht. Ob die Charmeoffensive gegenüber der LGBTTIQ-(oder wie die jetzt vollständig heißt)-Szene vom gewünschten Erfolg gekrönt sein wird, bleibt indessen abzuwarten; schon der KNA-Bericht lässt den Eindruck entstehen, dass die Teilnehmer der Diskussion den hippen Jungbischof nicht ganz so sehr zum Knuddeln fanden, und warten wir erst mal ab, wie nichtkirchliche Nachrichtenportale Ackermanns Performance beurteilen werden...

Aber gehen wir einstweilen mal beruhigt davon aus, dass über die Neubesetzung des Erzbischöflichen Stuhls zu Berlin auch künftig gemäß Artikel 6 des Preußischen Konkordats von 1929 entschieden wird  und nicht per Online-Voting. Und das ist auch gut so, denn andernfalls könnte womöglich die abgefahrene, allerdings offenbar satirisch gemeinte Idee des Berliner Zeitungs-Redakteurs Jan Thomsen Wirklichkeit werden, Nachfolger Kardinal Woelkis als Erzbischof von Berlin könne oder solle der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit werden. Sehr witzig, Herr Thomsen! Ausgerechnet Wowereit -- jemand, dem man in Hinblick auf selbstherrliches Auftreten, Beratungsresistenz, fragwürdige Finanzpraktiken und explodierende Kosten bei Bauprojekten ein noch erheblich schlechteres Zeugnis ausstellen müsste als... äh... wem nochmal? 

Genau.


(Fortsetzung folgt. Will ich doch mal annehmen.)


Montag, 14. Juli 2014

Die üblichen Verdächtigen

Köln freut sich auf seinen neuen Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. In Berlin wird sein Weggang bedauert. - Aber nicht von allen. Claudia Keller, die für das Ressort Kirchenbashing zuständige Redakteurin des Berliner Tagesspiegels, lässt es sich nicht nehmen, dem scheidenden Metropoliten - der allerdings erst Anfang September aus dem Erzbistum Berlin verabschiedet wird - Steine hinterher zu werfen. Zwar hält sie Woelki zu Gute, er habe sich in seiner dreijährigen Amtszeit an der Spree von seinem einstigen Mentor Kardinal Meisner - "der das Kölner Erzbsitum 25 Jahre mit eiserner Hand geleitet hat" - "und dessen immer noch mächtigen Seilschaften emanzipiert", weshalb sie schadenfroh orakelt, die "Rückkehr an den Rhein" dürfte für Woelki "nicht nur die reine Freude werden"; dennoch gelingt es Frau Keller, in Berlin jemanden auszugraben, der den weithin für seine Volksnähe, Bescheidenheit und Dialogbereitschaft geschätzten Woelki als "verschlossen, engstirnig und auf seiner Meinung beharrend" bezeichnet. Wer ist es, der so spricht? Es ist "Walter Plümpe von der Gemeinde Heilige Familie in Prenzlauer Berg". Wortspiele à la "plümpe Kritik" bieten sich hier an, wären aber wohl selbst ein wenig plümp. Immerhin jedoch weckt der markante Name des Woelki-Tadlers die Erinnerung daran, ihn im selben Zusammenhang schon einmal gehört bzw. gelesen zu haben: in einem Tagesspiegel-Artikel vom 05.08.2013 mit dem Titel "Kardinales Unverständnis", verfasst von, genau, Claudia Keller. An diesen Artikel erinnere ich mich zugegebenermaßen vor allem deshalb so genau, weil ich bereits damals darüber gebloggt habe. In besagtem Artikel war der Familie Plümpe, insbesondere Frau Angelika, breiter Raum für ihre Klagen über die geplante Bildung von Großpfarreien, so genannten "Pastoralen Räumen", eingeräumt worden. Und nun kommt also nach Angelika der Walter zu Wort. Kennt Claudia Keller die Plümpes persönlich, ist sie womöglich öfter mal zum Kaffee bei ihnen eingeladen? Oder hat sie einfach keine anderen Kronzeugen dafür gefunden, wie böse der scheinbar so nette Kardinal Woelki in Wirklichkeit ist?

Ähnlich wenig phantasievoll zeigt sich Claudia Keller in ihren Spekulationen darüber, wer Woelkis Nachfolger in Berlin werden könnte. "Als mögliche Nachfolger werden der Dresdener Bischof Heiner Koch gehandelt, der Essener Bischof und Militärbischof Franz-Josef Overbeck und der Trierer Bischof Stephan Ackermann." Das sind Punkt für Punkt dieselben Namen, die - neben Woelki und je nach Quelle noch ein, zwei anderen - bereits für die Meisner-Nachfolge in Köln im Gespräch waren. Wobei es von Koch stets hieß, seine Berufung sei unwahrscheinlich, weil er ja gerade erst - nämlich im Januar 2013 - Bischof von Dresden-Meißen geworden ist. Gilt dieses Argument jetzt nicht mehr? Wird aus Woelkis Wechsel nach Köln geschlossen, wenn man den Berlinern nach nur drei Jahren ihren Erzbischof wegnehmen könne, dann könne man das mit den Sachsen getrost schon nach der Hälfte dieser Zeit tun? - Dass Ackermann und Overbeck in den Medien hoch gehandelt werden, lässt sich unschwer nachvollziehen. Beide sind - für Bischöfe der Römisch-Katholischen Kirche - noch relativ jung (Ackermann 51, Overbeck 50 Jahre), können aber bereits eine jeweils fünfjährige Erfahrung als Diözesanbischof vorweisen und haben eine beachtliche Medienpräsenz, die Manchen darauf schließen lassen mag, dass sie nach Höherem streben als auf lange Sicht Bischof von Trier respektive Essen zu bleiben. Für Ackermann spricht aus Sicht der kirchenkritischen Presse zudem, dass er sich wiederholt als ausgesprochen liberal positioniert hat, zuletzt im Zusammenhang mit der vom Vatikan in Auftrag gegebenen Umfrage zur katholischen Sexualmoral. Von Overbeck kann man dergleichen ursprünglich nicht behaupten, erregte er doch im April 2010 Aufsehen bzw. Empörung mit der in einer Talkrunde bei Anne Will getätigte Aussage, Homosexualität sei Sünde - eine Äußerung, von der er sich später wieder distanzierte. Seither ist es ihm jedenfalls recht gut gelungen, sein Hardliner-Image abzulegen; zuweilen wird er sogar als "einer der Motoren des Dialogprozesses in der katholischen Kirche in Deutschland" apostrophiert.

-- Nochmals darüber nachgedacht, ist es nicht gerade selbsterklärend, dass Medien, die nie genug davon bekommen, die Kirche als rückständig und verknöchert darzustellen, im Zusammenhang mit anstehenden Bischofswahlen und -ernennungen so gern Kandidaten promoten, die als vergleichsweise liberal gelten. Widersprechen sie sich damit nicht irgendwo selbst? Spricht daraus die Hoffnung, die Kirche würde ein bisschen mehr so werden, wie man sie gern hätte? - Aber würde man dann nicht ein liebgewonnenes Feindbild verlieren? -- Oder ist es vielmehr so, dass die liberalen Kandidaten im Vorfeld als aussichtsreich dargestellt werden, weil man darauf hofft, dass sie es dann doch nicht werden, woran man folgerichtig reaktionären Seilschaften in der Kirche die Schuld geben kann? --

Vielleicht ist im Fall des hier besprochenen Tagesspiegel-Artikels aber auch mein erster Eindruck richtig, und es ist pure Phantasielosigkeit, dass hier wieder dieselben Namen genannt werden wie in den Spekulationen um die Meisner-Nachfolge in Köln. Vielleicht kennt Claudia Keller einfach keine anderen möglichen Kandidaten - ebenso wie sie keine anderen "engagierten, aber kritischen" Berliner Katholiken kennt als Familie Plümpe aus Prenzlauer Berg.

Man könnte mir an dieser Stelle vorwerfen, recht machen könne es mir die Presse offenbar überhaupt nicht: Legt sie zu viel Phantasie an den Tag wie jüngst die WELT mit ihrem Konstrukt eines "Bischofskarussells" Woelki-Marx-Gänswein, beschwere ich mich auch darüber. Nun gut. Im Grunde hoffe ich für Berlin auf eine wirklich überraschende Lösung, wie es sie jüngst in Passau und Freiburg gab. Und in der Zwischenzeit könnten die Medien ruhig mal das in katholischen Bloggerkreisen kursierende Gerücht aufgreifen, demzufolge Franz-Peter Tebartz-van Elst als neuer Erzbischof von Berlin im Gespräch ist...
einer der Motoren des Dialogprozesses in der katholischen Kirche in Deutschland

Kölner Domkapitel: Ackermann, Overbeck und Heße gelten als Bischofskandidaten | GA-Bonn - Lesen Sie mehr auf:
http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/politik/ackermann-overbeck-und-hesse-gelten-als-bischofskandidaten-article1383529.html#plx1010358547
einer der Motoren des Dialogprozesses in der katholischen Kirche in Deutschland

Kölner Domkapitel: Ackermann, Overbeck und Heße gelten als Bischofskandidaten | GA-Bonn - Lesen Sie mehr auf:
http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/politik/ackermann-overbeck-und-hesse-gelten-als-bischofskandidaten-article1383529.html#plx1010358547einer
einer der Motoren des Dialogprozesses in der katholischen Kirche in Deutschland

Kölner Domkapitel: Ackermann, Overbeck und Heße gelten als Bischofskandidaten | GA-Bonn - Lesen Sie mehr auf:
http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/politik/ackermann-overbeck-und-hesse-gelten-als-bischofskandidaten-article1383529.html#plx1010358547

Sonntag, 13. Juli 2014

Keine Atempause - Geschichte wird gemacht!

Nicht einmal zwei volle Tage sind vergangen, seit ich in meinem Blog den Versuch gestartet habe, die durch Kardinal Woelkis Berufung nach Köln veranlasste Nachfolgediskussion im Erzbistum Berlin in eine... ähem... bestimmte Richtung zu lenken. Und ich muss sagen, ich bin recht beeindruckt von den Ergebnissen! Hier also schon mal ein kleiner Zwischenstand.

Dass die Zugriffszahlen auf meinen Blog seit vorgestern Abend steil in die Höhe gehen und der Artikel "Wir backen uns einen Erzbischof" bereits nach kurzer Zeit einer der meistgelesenen Beiträge des laufenden Jahres ist, freut mich zwar persönlich, ist aber im Grunde zweitrangig. Viel interessanter ist es doch, welche Kreise das Gerücht 

"Als neuer Erzbischof von Berlin ist der ehemalige Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, im Gespräch"

außerhalb meines Blogs zieht. - Ein erster großer Schritt war es, dass JoBo72's Weblog - eine der "ersten Adressen" in der deutschsprachigen Blogoezese, wird man wohl sagen dürfen - das Thema aufgriff und unter der Überschrift "Bischof wechsle dich" 
"die Hoffnung nährt, dass der Berliner Flughafen doch noch fertig wird – Dank des mutmaßlichen Neuen an der Spree: Franz-Peter Tebartz-van Elst. Na, dann: Fasten your seatbelts!"
Wenig später steuerte der in Weimar ansässige Blog Pulchra ut Luna, der seine Leser regelmäßig mit spannenden Interna aus dem vakanten Bistum Erfurt versorgt, eine Analyse bei, die schlüssig begründet, warum TvE nicht Bischof von Erfurt geworden ist, aber durchaus ein Kandidat für Berlin sein könnte: 
"Logisch! Und da hat Tebartz natürlich in Erfurt abgesagt, weil er ja hoffte, daß er für Berlin ins Gespräch käme, sobald klar wäre, daß Woelki nach Köln geht, wenn Meisner da weg ist!"
Die mit den personellen und strukturellen Verhältnissen im Erzbistum Berlin bestens vertraute Braut des Lammes geht in ihrem Blogpost zur Sedisvakanz in der Spreemetropole zwar nicht auf das TvE-Gerücht ein; eine umso größere Rolle spielt es jedoch in den Kommentaren zum Artikel. Von Leser Admiral darauf angesprochen, man höre ja "von mehreren Stellen", dass der ehemalige Limburger Bischof "im Gespräch" sei, räumt die Blog-Hausherrin ein:
"Gut, Bauvorhaben, an denen er sich verwirklichen könnte, gibts vor Ort ja welche…"
Leser Sektionschef Tuzzi sekundiert:
"TvE würde ich geschmacklich und vom Selbstverständnis her durchaus zutrauen, auch auf dem gegenwärtigen Stand der Planungen noch eine würdige Umgestaltung der Kathedrale hinzukriegen, dann müßte ihm aber vorsichtshalber jemand die Bücher führen, der sich damit auskennt.."
Auch auf der Facebook-Seite des Erzbistums, auf der ich einen Link zu meinem genannten Artikel hinterlassen habe, findet die Personalie Tebartz-van Elst Anklang: 

Einstweilen sehen sich auch die offiziellen Laiengremien des Erzbistums veranlasst, sich für die Nachfolgediskussion in Stellung zu bringen. In einer bereits vom 11.07. datierenden Pressemitteilung des Diözesanrates unter der unverdächtigen Überschrift "Der Diözesanrat der Katholiken gratuliert" wird im letzten Absatz die Katze aus dem Sack gelassen:
"Die angestoßenen Veränderungen aber werden unter seinem Nachfolger gemeinsam mit dem Kirchenvolk sicher aufgegriffen werden. Die Laien im Erzbistum Berlin erwarten deshalb, bei der Neubesetzung gehört zu werden."
Auf Facebook wird dies wie folgt kommentiert: 
Ach ja? - Bezieht sich das auf den von der WELT lancierten Kardinal Marx oder vielleicht doch auf Tebartz-van Elst? - Die TvE-Untersützerfraktionin der Blogoezese macht sich derweil ihre eigenen Gedanken über die Intentionen des Diözesanrats:


Angesichts einer solchen Entwicklung ist es einerseits kein Wunder, andererseits aber auch recht bezeichnend, dass das Erzbistum sich zu einem Dementi veranlasst sieht. So bezeichnet der diözesane Twitter-Account Spekulationen über eine Berufung Tebartz' an die Spree barsch als "Unsinn" - und schießt damit ein glasklares Eigentor:


Tags darauf hält man es beim Erzbistum daher für geraten, den Ton zu entschärfen. Aber auch das hat nicht den gewünschten Effekt.


Festzuhalten bleibt mithin vorläufig mindestens dies: 



Und aus der Sicht des Postiglione Romano werden die "einflussreichen Laien" ganz schnell zu "informierten Kreisen": 


So zieht das Gerücht also weiter fröhlich seine Kreise...

Man darf gespannt sein, was da in den nächsten Tagen und Wochen noch so alles kommt. Auf jeden Fall möchte ich meine Leser herzlich dazu einladen, mich über weitere Netzfundstücke zum Thema "Wird Tebartz-van Elst neuer Erzbischof vonb Berlin?" auf dem Laufenden zu halten...!

Freitag, 11. Juli 2014

Wir backen uns einen Erzbischof

Rainer Maria Kardinal Woelki, seit 2011 Erzbischof von Berlin, wechselt im September nach Köln. Seine Ernennung zum dortigen Erzbischof und mithin zum Metropoliten der Rheinischen Kirchenprovinz, zu der gut achteinhalb Millionen Katholiken gehören, wurde am heutigen Freitag, dem 11.07.2014, bekannt gegeben, und zwar traditionsgemäß gleichzeitig im Vatikan und an seinem zukünftigen Bischofssitz, also in Köln. Die deutschen Medien wussten es allerdings schon ein bisschen früher, wenn auch nur rund zwei Tage; und anders als es bei gezielten Indiskretionen "aus Kirchenkreisen" (wie kommt es bloß, dass ich bei dieser Fomulierung immer an die legendären südenglischen Kornkreise denken muss?) sonst der Fall zu sein pflegt, waren es diesmal sogar kircheneigene Nachrichtenkanäle, die an vorderster Front standen: zunächst verbreitete die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) die Neuigkeit, dann auch das Online-Portal katholisch.de.

Im Vorfeld war der gebürtige Kölner Woelki, der vor seiner Berufung nach Berlin achteinhalb Jahre lang Weihbischof in der Domstadt gewesen war, durchaus als Kandidat für die Nachfolge des emeritierten Kardinals Meisner gehandelt worden, aber zu den Topfavoriten aus Sicht der weltlichen Medien hatte er eher nicht gezählt - da wurde weit eher auf Stephan Ackermann, seit 2009 Bischof von Trier, oder auch auf Franz-Josef Overbeck, seit 2009 Bischof von Essen, gesetzt. Diese beiden Namen sollen auch - neben einem Dritten, versteht sich - auf der Vorschlagsliste gestanden haben, die das Domkapitel nach Rom gesandt hat. Noch so etwas, was offiziell niemand wissen dürfte. Nun betrachten die Medien es aber weithin als ihre Aufgabe, möglichst alles schon im Voraus zu wissen oder zumindest zu ahnen; und da durch die Ernennung Kardinal Woelkis zum Kölner Erzbischof ja nun wieder ein anderer Erzbischofsstuhl vakant wird, nämlich eben der von Berlin, verlieren die Medien keine Zeit, auch hier wieder das Blaue vom Himmel herunterzuspekulieren.

"Drei Kirchenfürsten vor dem Wechsel", orakelt etwa Welt Online: "In Rom" werde, so heißt es da, "über eine Rochade nachgedacht". (Wohl, wohl. Ich bin sicher, dass in einer 2,6-Millionen-Einwohner-Metropole wie Rom ständig über alles Mögliche nachgedacht wird. Von wem, wird hier ja nicht verraten.) Nachfolger Kardinal Woelkis in Berlin, so erfährt der staunende Leser, könne oder solle Reinhard Kardinal Marx werden, seit 2009 (immer wieder dieses ominöse Datum!) Erzbischof von München und Freising. Und wer soll dann dessen Diözese übernehmen? Man halte sich fest: none other than Georg Gänswein, der "einstige [sic!] Privatsekretär von Benedikt XVI."! Potzblitz. Man fragt sich, wer sich so etwas ausdenkt. Zugegeben, Kardinal Marx, der neben seinem Bischofs- und Metropolitenamt auch noch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (seit 2014), Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (seit 2012) und obendrein Mitglied des von Papst Franziskus persönlich berufenen achtköpfigen Kardinalsrats ist, kann einem schon mal in den Sinn kommen, wenn große Aufgaben innerhalb der Katholischen Kirche in Deutschland zu verteilen sind. Nur ist Marx eben bereits Erzbischof von München und Freising, und wenn man nicht auf den irrwitzigen Gedanken verfallen will, jemand, der so viele Ämter auf einmal bewältigt, könne auch zwei Erzbistümer in Personalunion leiten, dann hieße seine Ernennung zum Erzbischof in Berlin ja, dass er aus der katholischen Sonne Bayerns in die nasskälteste Diaspora wechseln müsste - aus einem Bistum mit knapp 1,8 Millionen Katholiken in eines mit rund 400.000, und als Metropolit müsste er künftig einer Kirchenprovinz mit nur gut 570.000 statt bisher mehr als 5 Millionen Mitgliedern vorstehen! Das käme doch geradezu einer Degradierung, ja fast schon einer Strafversetzung gleich.

Allerdings wird Kardinal Marx ein gewisser Hang zur großen Politik nachgesagt, und so gesehen wäre das Bischofsamt im politischen Zentrum der Republik zweifellos nicht ohne Reiz für ihn. Drum ruft die WELT ihn auch kurzerhand mit bemerkenswertem Stilgefühl zum "Bischofs-Bundeskanzler" aus.



Aber "Don Giorgio" Gänswein nach München? Hier nun werden die Spekulationen der WELT vollends bizarr. Über Gänswein, der in den deutschen Medien seit dem Amtsantritt Papst Franziskus' immer wieder gern in der Rolle des Finsterlings, des sinistren Strippenziehers reaktionärer Seilschaften dargestellt wird, die die Reformbestrebungen des ultraliberalen Superpapstes hintertreiben, heißt es, er spiele "im Umfeld von Papst Franziskus keine bedeutende Rolle mehr" und solle "aus Rom weggelobt werden". Das ergibt ja nun vorn wie hinten keinen Sinn. Die erprobte Narrative von Gänswein als grauer Eminenz des Vatikans und verlängertem Arm des als reaktionärer Anti-Franziskus weiter wirkenden Benedikt XVI. würde vielmehr nahe legen, dass man "Don Giorgio" aus dem Vatikan entfernen wolle, um zu verhindern, dass er weiterhin eine "bedeutende Rolle" spielt; täte er das schon jetzt nicht mehr, könnte man ihn ja getrost da lassen, wo er ist. Jedoch: Wollte man ihn tatsächlich - bleiben wir mal bei der Gangsterfilm-Logik, die offenbar mit den WELT-Journalisten durchgegangen ist - unschädlich machen, würde man ihm dann ausgerechnet das zweitwichtigste Erzbistum eines weltkirchlich ja nun auch nicht gänzlich unbedeutenden Landes wie Deutschland anvertrauen, ein Amt zudem, das traditionell mit der Kardinalswürde verbunden ist? Nein, sorry, das leuchtet mir nun gar nicht ein.

Eins haben die phantasievollen Journalisten jedoch schon mal erreicht, jedenfalls bei mir in meiner Eigenschaft als (Wahl-)Berliner: Rein intuitiv und emotional möchte ich, nachdem ich dies gelesen habe, Kardinal Marx nicht als meinen Erzbischof haben. Und zwar allein deshalb nicht, damit "DIE" nicht Recht behalten. Besonders große Sorgen mache ich mir da zwar aus genannten Gründen nicht, aber man weiß ja nie. Da hilft nur eins: eine Gegenkampagne starten, die Medien auf eine andere Fährte locken. Wenn man weiß, wie die Journaille tickt, müsste das doch eigentlich hinzukriegen sein. Wo es, wie es im Falle des nicht wenig umständlichen Wahlverfahrens für Bischöfe der Katholischen Kirche nun mal der Fall ist, keine verlässlichen Informationen von offizieller Seite gibt, da kann die Journaille, wenn sie nun einmal etwas berichten muss oder zu müssen meint, ja nur auf Gerüchte bauen. Und Gerüchte in die Welt setzen kann schließlich jeder - und im Zeitalter des Web 2.0 einfacher denn je!

Also habe ich mir gedacht: Versuche ich doch mal, ein total irres Gerücht zu lancieren. Und zwar so richtig mit Ansage, sodass man hinterher sagen kann: Leute, hättet ihr mal anständig recherchiert, hättet ihr von Anfang an wissen können, dass das ein Hoax ist. Ein bisschen angewandte Medienkritik also, und außerdem eine gute Beschäftigung, um sich darüber zu trösten, dass der zumindest von mir sehr geschätzte Kardinal Woelki Berlin verlässt.

Okay, und hier das Gerücht.

Als neuer Erzbischof von Berlin ist der ehemalige Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, im Gespräch. 

Warum auch nicht? "Im Gespräch sein", das heißt ja noch nicht viel, außer dass Leute über die Möglichkeit reden. Und das ist mit diesem Blogbeitrag ja praktisch schon erfüllt, also nicht mal gelogen. Ganz davon abgesehen, dass ich nicht von alleine auf diese Idee gekommen bin. Ich wurde vielmehr mit der Nase draufgestoßen.






Und es ist ja auch nicht so, als gäbe es keine guten Argumente dafür, dass der viel gescholtene Tebartz-van Elst nach Berlin ginge. Okay, es hieß, er solle "eine neue Aufgabe im Ausland" bekommen, "wohl nicht im deutschsprachigen Raum". Aber von der westdeutschen Provinz aus gesehen ist Berlin ja praktisch Ausland, und "deutschsprachig" ist ja nun auch relativ. Zudem könnten selbst TvE's erbittertste Gegner (oder gerade diese) nicht leugnen, dass Berlin eine Buße für ihn wäre.



Gleichzeitig und andererseits spricht aber auch Einiges dafür, dass er für die Aufgaben in der Hauptstadt besser geeignet sein könnte als manch Anderer:





(Zur Kritik an den aktuellen Plänen zur Neugestaltung der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale empfehle ich übrigens diesen Artikel.)

So, und ehe ich für diesen Artikel Schelte oder auch Beifall aus der falschen Richtung bekomme, noch ein Disclaimer: Ich mache mich hier nicht über Franz-Peter Tebartz-van Elst lustig. Sondern über die Medien. Was Bischof Tebartz betrifft: Würde er tatsächlich Erzbischof von Berlin - ich hätte nichts dagegen. Ich wäre gespannt, was dabei herauskäme, aber positiv gespannt. Insofern: wer weiß, vielleicht bringt die Kampagne ja sogar was.

Wenn meine Leser kräftig mitmachen.

P.S.: Als ich diese Pressemitteilung der Berliner Senatskanzlei zu Kardinal Woelkis Berufung nach Köln las, fügte mein Gehirn - wohl auch begünstigt durch den Zeilenumbruch - hinter den Worten "Wowereit dankt" in der Überschrift eigenständig das Wörtchen "ab" ein. -- Aber man kann halt nicht alles haben...

Mittwoch, 11. Juni 2014

Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt darf, aber...

...ich bin gebeten worden, einen englischsprachigen Magazinartikel, den ich auf Facebook verlinkt habe, ins Deutsche zu übersetzen. Okay, mach ich gern - aber wenn ich meine Übersetzung des kompletten Artikels hier in meinem Blog veröffentliche, was sagt eigentlich das Urheberrecht dazu? Geht das als legitimes "Großzitat" durch, wenn ich die Quelle ordnungsgemäß angebe und verlinke? - Na, hoffen wir's mal. Immerhin verlange ich für meine Übersetzungsarbeit kein Geld; so gesehen tue ich den Autoren vielleicht sogar einen Gefallen.

Es handelt sich um einen im US-amerikanischen Online-Magazin Business Insider erschienenen Artikel von Michael Brendan Dougherty und Pascal-Emmanuel Gobry mit dem provokanten Titel "Time To Admit It: The Church Has Always Been Right On Birth Control", der bereits vom 8. Februar 2012 datiert, für mein Empfinden jedoch seither nichts an Aktualität eingebüßt hat. Eher im Gegenteil.- Hier meine Arbeitsübersetzung:

Es ist Zeit, es zuzugeben: Die Kirche hatte schon immer Recht in Sachen Geburtenkontrolle


Die Katholische Kirche als "abgehoben" oder "realitätsfern" darzustellen, mutet an wie ein Kinderspiel - bei all den albernen Hüten und vergoldeten Kirchen. Und nichts kommt dieser Einschätzung mehr entgegen als die ablehnende Haltung der Kirche zur Empfängnisverhütung.

Viele Menschen - einschließlich unseres Herausgebers - fragen sich, warum die Kirche diese Überzeugung nicht einfach auf den Müll wirft. Sie registrieren, dass die meisten Katholiken sie ignorieren und dass nahezu alle Übrigen sie als Zwietracht säend oder "veraltet" ansehen. "Kommt schon!", sagen sie. "Wir leben im 21. Jahrhundert! Kapieren die denn nicht, dass das dumm ist?", schreien sie.

Tja, aber die Sache ist die: Die Katholische Kirche ist die größte und älteste Organisation der Welt. Sie hat die größten Imperien, die die Menschheit je gesehen hat, zu Grabe getragen - von den Römern bis hin zu den Sowjets. Sie hat sich buchstäblich auf der ganzen Welt etabliert und alle Aspekte menschlicher Entwicklung beeinflusst. Sie hat uns einige der bedeutendsten Denker der Welt geschenkt, vom Hl. Augustinus bis hin zu René Girard. Wenn sie etwas tut, hat sie üblicherweise ihre guten Gründe dafür. Das Recht, anderer Meinung zu sein, bleibt Jedem unbenommen, aber man sollte nicht so tun, als handle es sich um einen Haufen verrückter alter weißer Typen, die geistig im Mittelalter festhängen.

Also, worum geht's?

Die Kirche lehrt, dass Liebe, Ehe, Sex und Fortpflanzung Dinge sind, die allesamt zusammengehören. Das ist auch schon alles. Aber es ist ziemlich bedeutsam. Und wenngleich die Kirche dies schon seit 2000 Jahren lehrt, ist es womöglich noch nie so ein hervorstechendes Thema gewesen wie heute.

Die heutigen Einwände der Kirche gegen Geburtenkontrolle wurden in einem Dokument von Papst Paul VI. aus dem Jahre 1968 mit dem Titel Humanae Vitae von Neuem bekräftigt. Paul VI. warnte vor vier zu erwartenden Ergebnissen, wenn eine weite Verbreitung künstlicher Verhütungsmittel zugelassen würde:

1. Allgemeines Absinken moralischer Standards
2. Ein Ansteigen von Untreue und unehelichen Geburten
3. Die Erniedrigung von Frauen zu Objekten der Befriedigung männlicher Begierden
4. Staatliche Einmischung in Fragen der Fortpflanzung.

Kommt uns das bekannt vor?

Denn es klingt doch sehr nach dem, was wir in den letzten 40 Jahren erlebt haben.

Wie George Akerloff schon vor über einem Jahrzehnt im Magazin Slate schrieb:
"Indem die Geburt eines Kindes zur körperlichen Entscheidung der Mutter erklärt wurde, hat die Sexuelle Revolution die Ehe und den Unterhalt für die Kinder zu einer sozialen Entscheidung des Vaters gemacht."
Anstatt dass beide Elternteile gemeinsam für das Kind verantwortlich sind, das sie empfangen - eine Anforderung, die mit Hilfe gesellschaftlicher Normen wie auch durch das Gesetz aufrecht erhalten wurde - , betrachten wir es heute als selbstverständlich, dass keines der Elternteile zwangsläufig für sein Kind verantwortlich ist. Es gilt bereits als hinreichende Pflichterfüllung seitens des Mannes, wenn er die gerichtlich festgesetzten Unterhaltszahlungen für sein Kind leistet. Das kann man wohl als ziemlich dramatisches Absinken der Standards für "Vaterschaft" bezeichnen!

Und wie geht's uns sonst so seit dieser großartigen Sexuellen Revolution? Kim Kardashians Ehe dauerte gerade mal 72 Tage. Uneheliche Geburten: klar im Aufwind. Im Jahre 1960 waren bei 5,3% aller Geburten in den USA die Mütter unverheiratet; bis zum Jahr 2010 stieg dieser Prozentsatz auf 40,8%. 1960 bestanden nahezu drei Viertel aller Haushalte aus Ehepaaren mit ihren Familien; laut der Volkszählung von 2010 machten sie nur noch 48% aus. Uneheliche Lebensgemeinschaften haben sich seit 1960 verzehnfacht.

Und falls Sie nicht der Meinung sind, dass Frauen darauf reduziert werden, Objekte zur Befriedigung der Männer zu sein: Willkommen im Internet! Haben Sie sich hier schon mal ein wenig umgeschaut? - Was die staatliche Einmischung angeht: Schauen Sie sich China an - oder auch die USA, wo eine staatliche Regelung des Zugangs zu Verhütungsmitteln dafür verantwortlich ist, dass wir hier gerade diese Diskussion führen.

Liegt das alles nur an der Pille? - Selbstverständlich nicht. Aber anzunehmen, die weit verbreitete Verfügbarkeit von künstlichen Verhütungsmitteln hätte nicht zu dramatischen gesellschaftlichen Umwälzungen geführt, oder diese Umwälzungen seien ausschließlich zum Guten ausgeschlagen, ist eine wesentlich albernere Auffassung als alles, was die Katholische Kirche lehrt.

Dasselbe gilt für die Auffassung, es sei von vornherein offenkundig albern, ethische Richtlinien aus einem ehrwürdigen Glauben zu beziehen. (Woher denn sonst? Von Britney Spears vielleicht?)

Aber wenden wir uns einem anderen Aspekt dieses Themas zu. Der Grund, weshalb unser Herausgeber meint, Katholiken sollten nicht fruchtbar sein und sich mehren, ist ebenfalls nicht stichhaltig. Die Weltbevölkerung, so schreibt er, befinde sich in einem Wachstumsprozess, der "nicht aufrecht erhalten werden" könne (oder dürfe).

Die "Abteilung Bevölkerungsfragen" der "Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten (DESA)" der Vereinten Nationen prognostiziert, dass das Bevölkerungswachstum sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte verlangsamen und sich um das Jahr 2050 bei einem Stand von etwa neun Milliarden Menschen einpendeln werde - einen Stand, der sich dann bis 2300 halten werde. (Dabei sollte man beachten, dass die UN, die weltweit Geburtenkontrolle und Abtreibung fördern, nicht gerade zu den Anhängern der Maxime "Seid fruchtbar und mehret euch" gezählt werden können.)

Mehr noch: Die Malthusianische Sicht auf das Bevölkerungswachstum hält sich noch immer hartnäckig, obwohl sie sich wieder und wieder als falsch erwiesen hat und für vielfaches unnötiges menschliches Leid verantwortlich ist. So steht beispielsweise China in Folge seiner fehlgeleiteten Ein-Kind-Politik vor einem massiven demographischen Einbruch und gesellschaftlicher Instabilität.

Menschlicher Fortschritt wird von Menschen gemacht. Alles, was die Lebensqualität verbessert, von der Demokratie über die Wirtschaft bis hin zu Internet und Penicillin, wurde entweder von Menschen entdeckt oder von Menschen geschaffen. Mehr Menschen bedeuten mehr Fortschritt. Der Entdecker des Heilmittels für Krebs könnte das vierte Kind von Jemandem sein, der beschließt, kein viertes Kind zu wollen.

Also, fassen wir zusammen:

  • Es ist eine gute Idee, dass Menschen fruchtbar sein und sich mehren sollen; und:
  • Unabhängig davon, wie Sie zur Haltung der Kirche gegenüber der Geburtenkontrolle stehen - sie hat sich als bemerkenswert prophetisch erwiesen. 

[Soweit meine Übersetzung. Weiterführende Links zum Thema, insbesondere Quellennachweise für die statistischen Angaben, finden sich im oben verlinkten Originalartikel; darüber hinaus möchte ich auch noch auf einen thematisch passenden Artikel meines Blogs hinweisen. Und jetzt warte ich mal ab, ob es Beschwerden wegen des Urheberrechts gibt...]

Mittwoch, 28. Mai 2014

Das alte Good Pope/Bad Pope-Spiel

Anlässlich des jüngsten Konsistoriums, und dann erneut anlässlich der Heiligsprechung Johannes' XXIII. und Johannes Pauls II., hatte man einmal mehr Gelegenheit, einen Eindruck von dem offenkundig sehr herzlichen Verhältnis zwischen Papst Franziskus und seinem emeritierten Vorgänger Benedikt XVI. zu bekommen. Da hätten sich eigentlich alle nachdenklich am Kopf kratzen müssen, die unermüdlich den diametralen Gegensatz zwischen diesen beiden Päpsten betonen. Auch dass die beiden voneinander stets mit großer Hochachtung sprechen, hätte einem schon mal auffallen können.- Aber was will man machen: Die Medien, viele zumindest, haben sich nun einmal darauf eingeschrieben, Franziskus als den Obersten Brückenabbrecher (zur Vergangenheit) darzustellen  - und somit als radikalen Gegenentwurf zu Benedikt, dem beinharten Großinquisitor, dem Repräsentanten des finstersten Mittelalters. Und, so hanebüchen das auch alles ist - es kommt offenkundig gut an. Never change a winning narrative.

Dieses Good Pope/Bad Pope-Spiel treibt zum Teil wirklich absurde Blüten. So berichtete vor ein paar Monaten Kardinal Lehmann über eine Begegnung mit Papst Franziskus im Aufzug zur Synodenaula des Vatikans - und die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) brachte es fertig, aus dieser sympathischen Anekdote eine Meldung zu basteln, die durch einseitig-selektives Zitieren den Eindruck erweckte, Lehmann wolle mit dieser Erzählung seinem alten theologischen Antipoden Ratzinger ans Bein... äh... treten. Die Aufregung war groß - gerade unter konservativen Katholiken. Denn das Good Pope/Bad Pope-Spiel funktioniert in beide Richtungen: Während die Einen, denen Benedikt XVI. schon immer zu gestrig war, auf Franziskus als den Super-Reformer setzen, der die Katholische Kirche neu erfindet, ist für die Anderen eben Benedikt der "Good Pope" gewesen - und für die ist erst einmal alles, was Franziskus anders macht als sein Vorgänger, Grund zur Besorgnis und/oder zum Misstrauen. Dies umso mehr, je mehr die tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gegensätze zwischen den beiden Päpsten hochgespielt werden.

Nun ist es zweifellos - für die letzten Jahrhunderte jedenfalls - ein Novum, dass der Vorgänger des aktuellen Papstes noch am Leben ist und trotz insgesamt sehr zurückgezogenen Lebens hin und wieder doch in der Öffentlichkeit auftaucht; aber davon abgesehen ist das Good Pope/Bad Pope-Spiel überhaupt nichts Neues. Die säkularen Medien, die säkulare (Zeit-)Geschichtsschreibung und nicht zuletzt auch die liberalen "Reformkatholiken" spielen es mit großer Konsequenz mit jedem neuen Papst von Neuem. Schaut man sich nur einmal die Päpste seit dem II. Weltkrieg an, ergibt sich folgendes (Zerr-)Bild:

Auf Pius XII., den ultrabösen Nazipapst, folgte "il papa buono", Johannes XXIII., zu dessen größten Leistungen es neben der Einberufung des II. Vatikanischen Konzils gehörte, dass er wiederholt in sein Tagebuch schrieb "Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!". (Dass diese regelmäßige Selbst-Ermahnung darauf schließen lässt, dass Johannes XXIII. dazu neigte, sich SEHR wichtig zu nehmen, wird sonderbarerweise nicht gesehen.) Bei Paul VI. ist die Einordnung eher unklar; obwohl er stolze 15 Jahre im Amt war, scheint keiner so genau zu wissen, was er mit ihm machen soll. Einerseits hat er das von seinem Vorgänger einberufene Konzil weitergeführt und zu Ende gebracht (darüber, was er mit dem vielzitierten "Geist" des Konzils gemacht hat, den Johannes XXIII. "nicht mehr los" geworden war - ob er ihn zurück in die Flasche gesperrt hat oder ihm völlig die Zügel hat schießen lassen, gehen die Meinungen auseinander), aber andererseits war er einfach nicht so ein knuffiger Opa wie Giovanni, da half es auch nicht viel, dass er auf die Tiara und manch anderen höfischen Pomp verzichtete. Nun gut, die mangelnde Knuffigkeit hätte man ihm evtl. noch durchgehen lassen, nicht aber die berüchtigte "Pillen-Enzyklika" Humanae vitae von (ausgerechnet!) 1968. Mit dieser stand für die Nachwelt fest: Auch wenn Paul VI. auf der "Good Pope/Bad Pope"-Skala einen eher mittigen Wert erzielt, wurde unter ihm doch, im Vergleich zu seinem liebenswerten Vorgänger, das Ruder wieder in die konservative Richtung 'rumgerissen. Dann kam Johannes Paul I., der "lächelnde Papst". Dass dieser nach nur einmonatiger Amtszeit von kurialen Finsterlingen ermordet wurde, weil er die Kirche umfassend reformieren und nicht zuletzt den kriminellen Machenschaften der "Vatikanbank" IOR ein Ende setzen wollte, gilt, wie ich mich in zahlreichen Kneipengesprächen überzeugen konnte, weithin als erwiesene Tatsache. Sein Nachfolger Johannes Paul II. machte - woran sich infolge der enormen Länge seiner Amtszeit wohl nur noch die Wenigsten erinnern werden - anfangs einen liberalen Eindruck, erwies sich aber mehr und mehr als konservativer Hardliner - nicht zuletzt wohl unter dem verhängnisvollen Einfluss des Dunklen Lords der Sith, Joseph Kardinal Ratzinger. Und dann gelang es einer klerikalen Mafia auf unklare Art und Weise, ausgerechnet ebendiesen auf den Stuhl Petri zu hieven - wo doch dem Gesetz der Serie zufolge eigentlich wieder ein "Good Pope" dran gewesen wäre. Acht verlorene Jahre für die liberalen Kirchenreformer! Aber jetzt haben wir ja Franziskus, die potenzierte Neuauflage von Johannes XXIII. und Johannes Paul I, und jetzt kann ja alles nur noch gut werden.

Dass diese auffentheuerlich naupengeheuerliche Geschichtsklitterung keinem einzigen der genannten Päpste auch nur ansatzweise gerecht wird, ändert nichts daran, dass sie sich einfach gut erzählt; I say it again: Never change a winning narrative. Irrig wäre es übrigens, anzunehmen, aus Sicht konservativer Katholiken sehe die "Good Pope/Bad Pope"-Wertung einfach exakt umgekehrt aus; tatsächlich ist es noch viel komplizierter. (Gar nicht zu reden von den Ultra-Traditionalisten, für die Pius XII. der letzte "Good Pope" war und allenfalls Benedikt XVI. für einzelne Entscheidungen seines Pontifikats, insbesondere für das motu proprio Summorum Pontificum, noch ein paar Fleißbienchen zuerkannt bekommt.)

Wie dem auch sei: Die offenbar tief verwurzelte Gewohnheit, die Päpste schwarzweißmalerisch in "liberale (und darum 'gute')" und "konservative (und darum 'böse')" Vertreter ihres Amtes einzuteilen, war jüngst auch anhand der Reaktionen auf die Heiligsprechung Johannes' XXIII. und Johannes Pauls II. zu beobachten. Wo nicht ganz generell geurteilt wurde, Heiligsprechungen seien unzeitgemäß und verzichtbar, da freute man sich auf liberaler Seite wohl über die Kanonisation des "papa buono", aber dass gleichzeitig auch Johannes Paul II. zur Ehre der Altäre erhoben wurde, war ein Wermutstropfen - und wurde gern als Zugeständnis an konservative Kreise, als Proporzlösung gewissermaßen, interpretiert. Manch Einer entblödete sich nicht, sich öffentlich darüber zu freuen, dass wenigstens Pius IX. - der noch anno 2000 gleichzeitig mit Johannes XXIII. selig gesprochen worden war - "nicht dabei" war; denn Pius IX. gilt - wegen des Syllabus errorum, des Unfehlbarkeitsdogmas, der Affäre Mortara und womöglich auch wegen der angeblichen Kastration von Statuen in den vatikanischen Kunstsammlungen - ähnlich eindeutig als "bad Pope" wie der Zwölfte. - Solche Reaktionen machen übrigens auch deutlich, dass Papst Franziskus nicht zuletzt auch an seinem Umgang mit seinen Vorgängern gemessen wird. Ganz so sicher sind sich die Verfechter eines liberalen Reformkatholizismus nämlich doch nicht, ob sie Franziskus wirklich auf ihrer Seite haben; umso entschlossener behaupten sie es, und wenn er dann doch nicht ganz so agiert, wie sie es von ihm erwarten, dann müssen natürlich Andere daran schuld sein - vorzugsweise "Benedikts alte Garde", angeführt vom finsteren Großinquisitor Müller und Benedikts Privatsekretär "Don Giorgio" Gänswein.

Nicht selten hat man allerdings den Eindruck, auf konservativer Seite sei die Verunsicherung doch noch größer; man scheint dort geradezu ängstlich auf Anzeichen dafür zu warten, dass Franziskus doch nicht gar so liberal ist, wie es landauf, landab behauptet wird. Illustrativ hierfür war jüngst die Exkommunikation des Ehepaars Heizer: Auf konservativer Seite war lauter Jubel darüber zu vernehmen, dass der Vatikan endlich mal wieder richtig schön autoritär auftritt; auf liberaler Seite wurde orakelt, das könne doch unmöglich im Sinne Franziskus' sein, da seien wieder irgendwelche Finsterlinge dran schuld. Dass der Papst aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht persönlich mit diesem Verfahren befasst war, müsste den liberalen Franziskus-Verehrern eigentlich gut ins Konzept passen, aber auf die Idee, beim Pontifex quasi Berufung gegen die Exkommunikation einzulegen, kommt wohl auch keiner. Und das aus gutem Grund.

Festzuhalten bleibt, dass die Ängstlichkeit, mit der manche Konservative sich fragen, ob der Papst noch katholisch ist, etwas Entschieden Tragikomisches hat. Dass er sich in seinen Predigten und Ansprachen immer wieder auf seine Vorgänger und auf die lehramtliche Tradition der Kirche beruft, ja selbst dass er eine ausgeprägte Marienfrömmigkeit an den Tag legt und auffallend häufig vor dem Teufel warnt - reicht alles nicht, man braucht etwas Handfestes. Benedikt XVI. hatte von vornherein ein ausreichend konservatives Image, um - außer bei den oben erwähnten "Ultras" - einen Vertrauensvorschuss hinsichtlich seiner Rechtgläubigkeit zu genießen; da konnte er es sich durchaus mal "erlauben", sich vergleichsweise "liberal" zu äußern, ja sogar, in einer Moschee zu beten. Franziskus hat diesen Vertrauensvorschuss bei den Konservativen nicht; ironischerweise müsste er daher, um diese Kreise zufriedenzustellen, deutlich konservativer agieren als Benedikt.

Tendenziell beruhigen könnte es Manchen aber wohl schon, wenn die Begeisterung der Ultra-Liberalen für Franziskus ein wenig abebbte. Und da muss man wahrlich kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass das früher oder später passieren wird. Johannes XXIII. und Johannes Paul I. verdanken ihr astreines liberales Führungszeugnis ja letztlich auch nur dem Umstand, dass sie früh genug gestorben sind: der Erstere schon nach der ersten von vier Sitzungsperioden des Konzils, also zu einem Zeitpunkt, als dessen sprichwörtlicher "Geist" noch nicht so heftig wehte, als dass allzu überzogene Erwartungen an den Papst hätten aufkommen können; und der Letztere sogar so früh, dass er keine Zeit hatte, irgendwelche Erwartungen zu enttäuschen. Dass Franziskus im zweiten Jahr seines Pontifikats immer noch keine Anstalten macht, den Zölibat aufzuheben, Frauenpriestertum, Homo-Ehe und Abtreibung zu erlauben und die Kunstschätze des Vatikans unter den Hammer zu bringen, um den Erlös an die Armen der Welt zu verteilen, kann man vorerst noch dem Einfluss seiner Widersacher in der Kurie zuschreiben, aber irgendwann muss diese Ausrede sich abnutzen. Und in der Zwischenzeit kann man sich ja mit Pressekommentaren wie diesem bei Laune halten, bei deren Verfasser(inne)n die Erkenntnis, dass auch dieser Papst katholisch ist, bereits angekommen ist - und ein Maß an Empörung auslöst, das fast schon wieder komisch ist...