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Samstag, 12. November 2016

Doctor Strange oder Was die Welt im Innersten zusammenhält

Einige meiner Leser werden sich vielleicht erinnern: Anlässlich meiner Kritik zu Timur Bekmambetovs unlängst im Kino gelaufener Ben Hur-Neuverfilmung hatte ich auch ein paar Worte über die Filmtrailer im Vorprogramm verloren; konkret gesagt, ich hatte vermerkt, dass im Vorprogramm zu Ben Hur praktisch ausschließlich für Fantasy-Action-Thriller mit bombastischen 3D-Effekten, aber - allem Anschein nach - völlig hanebüchener Handlung geworben wurde. Die grandiosesten optischen Effekte hatte dabei der Trailer zu Doctor Strange, einer Marvel-Comic-Verfilmung, zu bieten. Beeindruckend fand ich vor allem die Darstellungen sich verformender Gebäude bzw. architektonischer Strukturen -- Aufnahmen, die an die Ästhetik der Vexierbilder M.C. Eschers erinnerten. Davon abgesehen spielte in Doctor Strange der geniale Benedict Cumberbatch die Haupt- und Titelrolle, und ich hätte mir eigentlich gleich denken können oder sollen, dass niemand einen so brillanten Schauspieler für reinen Action-Trash verheizen würde. Und dass der Film somit wohl mehr zu bieten haben müsse, als der Trailer vermuten ließ. Aber gleichzeitig dachte ich: Och nö. Asiatische Kampfmönche, die Dimensionen verformen und kreuz und quer durchs "Multiversum" reisen, um die Welt vor einer dunklen Bedrohung aus dem All zu retten -- und dazu allerlei esoterisches Geschwalle über Chakren und Astralkörper -- da bin ich raus. 

Meine Liebste hingegen wollte den Film eigentlich da schon gern sehen, aber mit weiblicher Schläue vermied sie es vorerst, dies zu erkennen zu geben -- um mich nicht etwa in meiner ablehnenden Haltung zu bestärken. Es dauerte ja sowieso noch rund sechs Wochen, bis der Film in Deutschland anlief. Und als es dann soweit war, kam eine Filmkritik von keinem Geringeren als Weihbischof Robert Barron zu Hilfe. 

"'Doctor Strange', Scientism, and the Gnostic Way Station" ist die Rezension überschrieben, die zuerst auf Weihbischof Barrons Medienapostolats-Website Word on Fire und dann auch im National Catholic Register erschien. Gleich im einleitenden Absatz betont Barron, nachdem andere Kritiker den Film Doctor Strange bereits für seine Spezialeffekte, seine überzeugende Handlungsführung und die hochkarätigen Darsteller gerühmt hätten, wolle er sich in seiner Rezension auf die implizite Spiritualität des Films konzentrieren. Und wie die Überschrift verrät, geht es dabei seiner Wahrnehmung zufolge einerseits um Szientismus und andererseits um Gnostizismus.

Symbolbild: Trophime Bigot (1579-1650), "Arzt, eine Urinprobe untersuchend" . Ashmolean Museum, Oxford 

Der Szienstismus kommt zuerst zum Zug. Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch, wie gesagt) ist ein brillanter Neurochirurg - und außerdem ein arrogantes und egomanisches Arschloch. Dann jedoch erleidet er bei einem Autounfall (und deshalb, liebe Kinder, soll man beim Autofahren nicht telefonieren!) schwere Verletzungen an den Händen und kann infolge irreparabler Nervenschäden seinen Beruf nicht mehr ausüben. Charakteristischerweise ist er jedoch nicht willens, diesen Schicksalsschlag als endgültiges Faktum hinzunehmen: Die medizinische Wissenschaft, meint er, müsse in der Lage sein, die volle Beweglichkeit seiner Hände wiederherzustellen. Darum verrennt er sich in eine verzweifelte Suche nach experimentellen und umstrittenen Therapiemethoden, die letztlich aber erfolglos bleibt - bis ein Physiotherapeut ihm von einem Patienten namens Jonathan Pangborn erzählt, der querschnittsgelähmt war, jetzt aber aus unbekannten Gründen wieder gehen kann. Strange sucht Pangborn auf und erfährt von diesem, dass er an einem Ort namens Kamar-Taj in Nepal Heilung gefunden habe. Also begibt Dr. Strange sich dorthin - und ist zutiefst konsterniert, dass Kamar-Taj sich als eine Art Meditationszentrum entpuppt, geleitet von einer nur unter dem Namen "Die Älteste" bekannten Weisheitslehrerin (Tilda Swinton). Als die Älteste ihm erklärt, sie lehre die Heilung des Körpers durch die Kräfte des Geistes, protestiert Strange: Die Welt, und damit auch der Mensch, sei bloß Materie - so etwas wie "Geist" gebe es nicht. Die Älteste reagiert darauf, indem sie Strange einen Stoß gegen die Brust versetzt, mit dem sie seinen Astralleib kurzzeitig aus seinem Körper herausschubst.

Diese Szene hat Weihbischof Barron besonders gut gefallen. Er sieht darin einen berechtigten Angriff auf den "auf komische Weise arroganten Szienstismus unserer Zeit", den "Trugschluss, alle Formen des Wissens auf den (natur)wissenschaftlichen Modus des Wissens zu reduzieren". Diese Einstellung, so Barron, sei zwar heutzutage durch den Einfluss des New Atheism (der gar so "neu" demnach gar nicht ist) weit verbreitet, berge aber einen unauflöslichen inneren Widerspruch, da sie zwar auf empirische Beweisbarkeit als Kriterium für jegliche Form von Erkenntnis poche, diese ihre Prämisse selbst aber nicht beweisen könne. Dr. Strange erscheine in der Anfangsphase des Films somit als Paradebeispiel für die verblendeten Verfechter eines zeitgenössischen Szientismus, die sich willentlich von einer Form der Erkenntnis abgeschottet hätten, die für Tausende von Generationen - einschließlich der Begründer und Vordenker der modernen Naturwissenschaft wie Descartes, Kopernikus, Galilei und Newton - eine unbestrittene Realität gewesen sei.

Nachdem die Älteste ihm einen ersten Einblick in jene höhere Realität ermöglicht hat, die außerhalb seines szientistischen Horizonts existiert, will Dr. Strange den Umgang mit dieser Realität erlernen - was nicht nur eine langwierige und anspruchsvolle Ausbildung in Kamar-Taj erfordert, sondern, wie Weihbischof Barron hervorhebt, vor allem von ihm verlangt, dass er "sein Ego beiseite setzt und sich einem Etwas unterwirft, das er nicht zur Gänze verstehen kann". In dieser Form der Selbstdisziplinierung spiegeln sich, so Barron, Elemente monastischer und spiritueller Traditionen aus aller Welt. Es sei dem Film als verdienstvoll anzurechnen, dass er auf diese Weise aufzeige, dass es eine höhere Realität jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren gebe und dass diese nur auf spirituellem Wege erfasst werden könne.

Allerdings - so schränkt Weihbischof Barron sein Lob für die spirituellen Aspekte des Films gleich wieder ein - ist das Bild dieser höheren Realität, das in Doctor Strange gezeichnet wird, ein durch und durch gnostisches: Es ist das Bild einer von spirituellen Mächten durchwirkten Welt - guten und bösen Mächten wohlgemerkt, die sich in einem "unentwegten, niemals endenden Kampf" miteinander befinden. Und was Dr. Strange in Kamar-Taj im Wesentlichen lernt, ist die Beherrschung oder zumindest Beeinflussung dieser verborgenen Kräfte durch Magie - also durch gnostisches Geheimwissen. Mit christlicher Spiritualität, christlichem Gottesglauben hat das herzlich wenig gemein.

Man könnte an dieser Stelle, denke ich, noch über Weihbischof Barrons Anmerkungen hinausgehen. Man könnte sagen, solche neo-gnostischen Auffassungen einer übersinnlichen Realität, wie er sie in Doctor Strange, aber beispielsweise auch in Star Wars diagnostiziert, zeichneten sich dadurch aus, dass sie die metaphysische Welt lediglich als eine Erweiterung der physischen betrachten, die dieser aber prinzipiell ähnlich und somit auch mit ähnlichen Mechanismen erfasst und verstanden werden kann: Es bedarf dazu vermeintlich nur einer Erweiterung der individuellen Erkenntnis- bzw. Wahrnehmungsfähigkeit, dem Erlangen einer höheren Bewusstseinsstufe. Nicht umsonst wird in der neo-gnostischen Esoterik so gern mit einem quasi-naturwissenschaftlich anmutenden Vokabular operiert - wenn etwa von "Energiefeldern" die Rede ist, oder gar von "feinstofflichen" Phänomenen. Merke: Feinstofflich ist immer noch stofflich. Der Unterschied zwischen physischer und metaphysischer Realität wird als ein bloß gradueller, nicht als ein prinzipieller Unterschied aufgefasst; eine im eigentlichen Sinne transzendente Ebene gibt es nicht. Diese Feststellung mag begreiflich machen, dass gnostisch-esoterische Konzepte vielen mit einem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild aufgewachsenen Menschen einleuchtender und fassbarer erscheinen als etwa der Glaube an einen transzendenten Schöpfergott, der außerhalb der Schöpfung existiert und dennoch in ihr wirkt.

Nun, Weihbischof Barron sagt zu Recht, tiefere spirituelle Einsichten könne man vom unterhaltungsorientierten Hollywood-Popcorn-Kino schwerlich erwarten. So gesehen habe ich, nachdem ich Doctor Strange gestern Abend mit meiner Liebsten angesehen habe, wahrlich nichts zu meckern. Der Film bietet nicht nur atemberaubende Bilder, sondern auch (für einen Fantasy-Action-Film durchaus überraschend) plastische Charaktere, dazu eine fesselnde Handlung und ganz nebenbei sogar einiges an Komik. An einer Stelle dachte ich allerdings vorübergehend doch, ich müsse meinen geheimen Inquisitions-Alarmknopf drücken: Während Kamar-Taj, das Ausbildungszentrum der Beschützer der Erde gegen feindliche Mächte aus der Dunklen Dimension, die Optik eines buddhistischen Klosters hat (es liegt ja nicht umsonst in Nepal), versammeln sich die Gegenspieler in einer Szene an einem Ort, der bauliche Charakteristika einer gotischen Kathedrale aufweist. Soll das Christentum hier assoziativ mit den Mächten des Bösen in Verbindung gebracht werden?, dachte ich. War aber wohl doch eher Zufall, denn im weiteren Verlauf verwurstet der Film so ziemlich alles an architektonischen Formen, was sich für spektakuläre Escher-Effekte eignet, und zwar ohne dass dabei eine klare Gut-Böse-Zuordnung erkennbar würde.

Sehr interessant fand ich allerdings den von Chiwetel Ejiofor dargestellten Charakter Mordo. In den Marvel-Comics ist Baron Mordo der Haupt-Gegenspieler von Doctor Strange und steht im Dienst von Dormammu, einem bösen Wesen aus der Dunklen Dimension; diese Rolle wird im Film von Kaecilius (Mads Mikkelsen) übernommen, der in den Comics nur Mordos Handlanger ist. Dagegen agiert Mordo im Film zunächst eher als eine Art nachgeordneter Mentor des Helden: Als Dr. Strange auf dem Weg nach Kamar-Taj von einer Straßengang überfallen wird, die ihm seine Uhr stehlen will, kommt Mordo ihm zu Hilfe, bringt ihn nach Kamar-Taj, ermahnt ihn allerdings auch wegen seiner Respektlosigkeit gegenüber dem spirituellen Charakter dieses Ortes und rät ihm: "Vergessen Sie alles, was Sie zu wissen glauben." Gleichwohl ist er es, der sich, als die Älteste Strange eben wegen dessen Respektlosigkeit hinauswerfen lässt, dafür einsetzt, ihn wieder aufzunehmen; im weiteren Verlauf hat er erheblichen Anteil an der Ausbildung des Protagonisten. Erste Zweifel an seinem spirituellen Weg kommen Mordo - Vorsicht, Spoiler! -, als er entdeckt, dass die Älteste - ebenso wie ihre Gegenspieler - ihre Kräfte aus der Dunklen Dimension bezieht. Als Dr. Strange schließlich einen Angriff Dormammus auf die Erde mit Hilfe eines verbotenen Rituals abwehrt, wendet Mordo sich endgültig von ihm ab: Regeln, meint er, dürfen nicht gebrochen werden -- auch dann nicht, wenn es dem Guten dient.

In der letzten Szene des Films erscheint Mordo erneut: Nachdem er monatelang über die Erde gewandelt ist, um sich über seine Berufung klar zu werden, sucht er Jonathan Pangborn auf, der die in Kamar-Taj erlernte Magie dazu verwendet hat, seine Gehfähigkeit wiederzuerlangen. Aus Mordos Sicht ist das Missbrauch, deshalb entzieht er Pangborn dessen magische Fähigkeiten. "Warum hast du das getan?", fragt Pangborn verzweifelt - und Mordo entgegnet, er sei zu der Erkenntnis gelangt, das Übel der Welt rühre daher, dass zu viele Zauberer auf ihr herumliefen, die die Magie zu ihren eigenen Zwecken einsetzten. "Philosophisch gesehen ist Mordo der Katholik in diesem Film", raunte ich meiner Liebsten zu. "Und die, gegen die er sich wendet, sind die Unbefugten, die sich der Sakramente bemächtigen und sie zweckentfremden." Diese letzte Szene bildet übrigens den Cliffhanger zu einer angekündigten Fortsetzung des Films. Bin ja mal gespannt, ob sich darin meine Deutung als tragfähig erweist...


Freitag, 11. November 2016

Valerie und die jungen Erwachsenen

Seit Ende September gehen meine Liebste und ich ziemlich regelmäßig zum Kreis junger Dunkelkatho Erwachsener der Pfarrei St. Antonius in Berlin-Friedrichshain. Speziell für mich, der ich gegenüber den Gruppen und Kreisen von Pfarrgemeinden von jeher gewisse Berührungsängste hatte, ist dieser Kreis ein echter Glücksfall: lauter nette Leute, angenehme Atmosphäre und stets interessante Gesprächsthemen. Nebenbei bemerkt bildet dieser Kreis junger Erwachsener auch eine interessante Schnittstelle zwischen Pfarreiarbeit und Blogoezese - denn zu den mehr oder minder regelmäßigen Teilnehmern zählen einerseits die Pfarrbriefredakteurin und der Webmaster der Pfarrei-Homepage, andererseits der Betreiber des Podcasts Gott bewahre!, der Initiator und Chefredakteur des katholischen Lifestyle-Blogs The Cathwalk und nun eben auch meine Frau und ich. Ich bin in dieser Runde - sogar mit einigem Abstand, glaube ich - der Älteste und freue mich immer wieder, dass ich mich noch zu den "jungen Erwachsenen" rechnen darf. 

Das gestrige Treffen dieses Kreises war schon seit einiger Zeit mit Spannung erwartet worden, denn es hatte sich ein besonderer Gast angekündigt: die Journalistin Valerie Schönian, bekannt durch das Blogprojekt Valerie und der Priester.

Suchbild: Wo ist Valerie? (Und wo bin ich?) 
Dieses Projekt, das im April begonnen hat und in dessen Rahmen Valerie den jungen Kaplan Franziskus von Boeselager ein Jahr lang in seinem beruflichen Alltag begleitet, ist wohl bekannt genug, als dass ich hier große Erläuterungen zum Konzept einschalten müsste. Könnte man jedenfalls denken. Was mich persönlich betrifft, so war ich, nachdem ich den Trailer gesehen hatte, recht neugierig auf das Projekt gewesen, aber nach der Lektüre von drei oder vier Folgen des Blogs flaute mein Anfangsinteresse schnell ab - zu den Gründen später. Es vergingen einige Monate, bis ich - auf Empfehlung von Bloggerkollegen und anderen befreundeten Netzkatholiken - doch mal wieder bei Valerie und der Priester reinschaute, und seitdem habe ich zwar längst nicht alle Beiträge dieses Blogs gelesen, aber doch immer mal wieder einen. Gleichwohl spricht es für mein eher oberflächliches Interesse, dass ich einige Fakten zu den Hintergründen des Projekts gestern Abend aus Valeries Mund zum ersten Mal hörte. 

Das betraf zum einen den Umstand, dass der Bestseller-Autor Erik Flügge (mit dessen vieldiskutierten Thesen zur "Kirchensprache" ich mich in einem Beitrag für die Tagespost kritisch auseinandergesetzt habe) eine wesentliche Rolle bei der Konzeption von Valerie und der Priester gespielt hat. Und zum anderen war mir zwar vage bewusst gewesen, dass das Projekt aus kirchlichen Töpfen finanziert wird - nicht aber, dass Valerie und der Priester in die Zuständigkeit des Zentrums für Berufungspastoral fällt. Dazu werden auch noch zwei, drei Worte zu sagen sein. 

Keine Überraschung war es hingegen, dass die Initiatoren des Projekts einen möglichst großen Kontrast zwischen den Protagonisten - eben Valerie und dem Priester - erzielen wollten und daher gezielt nach einer eher linken, feministischen und möglichst kirchenfernen Journalistin gesucht haben. Und da muss man sagen, dass Valerie Schönian wirklich eine sehr gute Wahl ist. Wie sie selbst sagt, war sie, bevor sie diesen Auftrag übernahm, "noch nicht einmal kirchenkritisch"; vielmehr habe die Kirche, und überhaupt Fragen von Glaube und Religion, in ihrem Leben und ihrem Denken schlicht überhaupt keine Rolle gespielt. Diese totale Fremdheit nicht nur der Kirche als Organisation gegenüber, sondern ganz allgemein gegenüber der Welt des christlichen und speziell des katholischen Glaubens prägt das Projekt Valerie und der Priester sehr stark, auch noch nach einem halben Jahr. Als Valerie äußerte, dieses Aufeinanderprallen zweier völlig verschiedener Welten bedeute ja auch eine Herausforderung, zumal sie sich dazu habe verpflichten müssen, dies ein Jahr lang "durchzuhalten", musste ich gleich mal "provokant dazwischengrätschen": Da gebe es ja etwas ungleiche Voraussetzungen, meinte ich. "Für dich ist es - auch wenn ein Jahr natürlich schon eine lange Zeit ist - ein zeitlich begrenztes Projekt. Für uns, auf der katholischen Seite, ist diese Konfrontation Alltag. Das ist unser ganzes Leben." Valerie räumte das zwar ein, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie wirklich verstand, was ich meinte. Ich komme darauf noch zurück. 

Was immer man nun persönlich von dem Projekt Valerie und der Priester halten mag, kann man auf jeden Fall festhalten, dass Valerie im Rahmen des ihr vorgegebenen Konzepts alles richtig macht. Und sie macht durchaus den Eindruck, mit ehrlicher Begeisterung dabei zu sein. Sie sagt, journalistisch sei es eine enorm spannende Aufgabe, einen Menschen, der in einer völlig anderen Welt lebt als sie selbst, ein Jahr lang begleiten und kennenlernen zu dürfen. Und sie lerne dabei auch viel - über den Umgang mit anderen Perspektiven, anderen Weltbildern. Eine andere Frage ist, was die Auftraggeber sich eigentlich von diesem Projekt versprechen. Sicherlich kann man sagen, die große Aufmerksamkeit, die Valerie und der Priester zuteil wird, trage in Verbindung mit der authentischen Sympathie, mit der Valerie den Kaplan von Boeselager trotz aller weltanschaulichen Differenzen schildert, dazu bei, dass die Kirche in den Medien zur Abwechslung mal in einem vergleichsweise positiven Licht erscheint. Man mag das also als eine relativ gelungene Imagekampagne für die Kirche betrachten. Aber --- Berufungspastoral? Als zentrale Fragestellung von Valerie und der Priester kann man die ungläubig-staunende Frage betrachten, was einen jungen Mann heutzutage eigentlich dazu veranlasst, ausgerechnet Priester werden und sein zu wollen. Die Art und Weise, wie diese Frage gestellt und die Annäherung an eine Antwort gesucht wird, dürfte vor allem ein kirchenfernes Publikum ansprechen, das durch Valerie gewissermaßen repräsentiert wird. Aber ist es denkbar, dass junge Männer durch diese Form der Reportage dazu angeregt werden, sich für das Priesteramt zu interessieren? Dass potentielle zukünftige Priester, die mit ihrer Berufung ringen oder sich nicht sicher sind, ob sie eine haben, darin Orientierung finden? Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen, und die Diskussionen im Kreis junger Erwachsener zeigte, dass es mir da nicht allein so geht. 

Dafür kann nun natürlich Valerie nichts. Dennoch kann ich auch sie mit Kritik nicht ganz verschonen. Zunächst einmal hatte ich - und nicht nur ich - den Eindruck, dass sie selbst gar nicht merkt, wie sehr sie in Vorurteilen befangen ist. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal darauf zurückkommen, was ich meinte, als ich sagte, in Hinblick auf das Aufeinanderprallen zweier Welten gebe es ungleiche Voraussetzungen: Als gläubiger Katholik, der auch seine Einstellung zu allerlei gesellschaftlich relevanten Themen an seinem Glauben und der Lehre seiner Kirche ausrichtet, hat man es im alltäglichen Leben ständig mit Leuten zu tun, die den eigenen Glauben und die eigenen Auffassungen nicht nur nicht teilen, sondern auch prinzipiell nicht verstehen. Das führt häufig zu Auseinandersetzungen, die anstrengend sein können, aber auch dazu verhelfen können, den eigenen Standpunkt zu schärfen und das eigene Verständnis dafür zu vertiefen. Das ist umgekehrt, also aus Sicht des - sagen wir mal - "linken Säkularisten", eher weniger der Fall. Bloggerkollegin Anna hat dazu unlängst einen lesenswerten Artikel veröffentlicht, übrigens auch in direkter Reaktion auf Valerie und der Priester. Und dann bin ich kürzlich auf einen Artikel von Charles Camosy in der Washington Post gestoßen, dessen konkreter Anlass der Wahlsieg Donald Trumps war, dessen zentrale Aussagen aber weit über diesen Anlass hinausgehen. Camosy, Professor an der Fordham University, beschreibt das Phänomen, dass junge Intellektuelle zunehmend nicht mehr verstehen, dass es außerhalb ihrer Filterblase Menschen gibt, die fundamental andere Ansichten und Überzeugungen haben als sie selbst. Er führt das darauf zurück, dass im akademischen Apparat eine liberal-säkularistische Weltanschauung in einem solchen Maße dominant ist, dass sie schon gar nicht mehr als Weltanschauung wahrgenommen wird, sondern als etwas Selbstverständliches. Wenn man sich aber der Prämissen des eigenen Denkens nicht mehr bewusst ist, kann man auch die Prämissen des Denkens eines Anderen nicht verstehen. 

Um zu erklären, was das mit Valerie und der Priester zu tun hat, muss ich ein bisschen ausholen. Dass mein Anfangsinteresse an diesem Blogprojekt, wie erwähnt, relativ schnell abflaute, hatte damit zu tun, dass die bloße Gegenüberstellung zweier einander entgegengesetzter Weltanschauungen mir bald langweilig wurde. Ich hatte den Eindruck: Da findet keine Entwicklung statt. Als ich nach längerer Pause mal wieder in den Blog reinschaute, stellte ich fest, dass das nicht ganz so stimmt. Es gibt durchaus eine Entwicklung in Valeries Wahrnehmung der ihr fremden Welt des Glaubens und der Kirche - aber diese findet auf einem rein subjektiven und emotionalen Level statt. Valerie entwickelt nach und nach ein emotionales Verständnis dafür, dass Glaube und Kirche für Franziskus von Boeselager (und andere Gläubige) "Heimat", Orientierung, Halt und Sicherheit bedeuten. Das ist alles nicht falsch, aber da fehlt ein ganz wesentlicher Aspekt: die Frage nach der - so zu sagen - "überpersönlichen" Wahrheit des Glaubens. Wenn Valerie denkt "Okay, für Franziskus ist das so, weil er eben glaubt", dann ist das für sie - das sagt sie übrigens selbst - schon eine bahnbrechende Erkenntnis. Den Schritt, auch nur hypothetisch in Erwägung zu ziehen "Vielleicht ist es ja wahr", geht sie jedoch nicht. Nun kann man sagen, das sei vielleicht auch nicht ihre Aufgabe im Rahmen des Projekts; aber die Verständnisbarriere, die dadurch aufgebaut bzw. aufrecht erhalten wird, dass dieser Gedanke nicht einmal ansatzweise eine Rolle spielt, ist gravierend. Denn auf diese Weise entgeht ihr das missing link zwischen einem persönlichen, emotional besetzten Glauben und dem Bekenntnis zu konkreten ethischen oder gesellschaftspolitischen Standpunkten. Dieses fehlende Bindeglied ist die Glaubenslehre, und diese ist - im Gegensatz zur Tatsache des Glaubens selbst, derer sie gleichwohl als Voraussetzung bedarf - sehr wohl rational vermittelbar; doch wenn Kaplan von Boeselager oder seine Priesterkollegen versuchen, darüber mit Valerie zu reden, steigt sie innerlich aus. Das sagt sie selbst. Mit dem emotionalen Zugang zum Glauben, sagt sie, kann sie eher etwas anfangen. Das führt dann aber eben dazu, dass sie Franziskus und andere gläubige Katholiken zwar ganz sympathisch finden kann und zu verstehen meint, was der Glaube ihnen "gibt" - dann aber ganz schockiert und fassungslos ist, wenn diese Gläubigen Auffassungen vertreten, die aus ihrer Sicht antiquiert und indiskutabel sind. 

Gleichzeitig versteht sie aber auch den subjektiven und emotionalen Zugang zum Glauben, ja erst recht diesen, nicht wirklich. Das kann man von jemandem, der selbst nicht glaubt, allerdings auch nicht erwarten. Dennoch wirkt es einigermaßen grotesk, wenn sie durch ihren Wahrnehmungsfilter hindurch den Weltjugendtag in Krakau, an dem sie teilgenommen hat, als eine "Nische" betrachtet, in die junge Gläubige sich "zurückziehen", um sich endlich einmal "nicht rechtfertigen zu müssen".

Angesichts dieser Verständnisbarriere, die Valerie gegenüber der Welt des katholischen Glaubens hat, hätte ich mir von der gestrigen Veranstaltung im Kreis junger Erwachsener eigentlich mehr offenen Austausch gewünscht, anstatt dass Valerie im wesentlichen über ihr Projekt referiert und Fragen dazu beantwortet. Das ist kein Vorwurf an ihre Adresse - darüber hätte man sich im Vorfeld verständigen müssen, aber vielleicht kann man das ja mit Blick auf künftige Veranstaltungen ähnlichen Zuschnitts im Auge behalten. -- Einer meiner Lieblingsmomente des gestrigen Abends kam, als der Cathwalk-Chefredakteur anmerkte, inzwischen lese er Valerie und der Priester durchaus mit Interesse, anfangs sei er jedoch negativ voreingenommen gewesen: 

"Ich hab gedacht, das ist mal wieder so ein typisches Projekt der Bischofskonferenz. Super-links." 
"Die Bischofskonferenz ist super-links?", fragte Valerie irritiert dazwischen. 
Vielstimmige Antwort aus dem Plenum: "Jaaa." 
Valerie: "Das muss ich jetzt erst mal verarbeiten." 

Das mal so als ein Beispiel dafür, dass Valerie dieses Aufeinanderprallen verschiedener Welten, das ihre Arbeit mit Franziskus von Boeselager prägt, auch bei uns hätte erleben können - wenn sie sich mehr darauf eingelassen hätte. Wenn man bedenkt, dass sie zu einem Raum voller junger Katholiken sprach, die auch durchweg nicht nur auf dem Papier katholisch sind - darunter drei junge Ehepaare, von denen zwei noch deutlich jünger, aber trotzdem länger verheiratet sind als meine Liebste und ich -, ist es eigentlich schade, das sie nicht mehr Fragen an uns hatte. Vielleicht hätten wir ihr mehr neue Erkenntnisse vermitteln können als sie uns. Gerade meine Liebste, die ja in einem völlig religionsfernen Umfeld aufgewachsen ist und erst in ihren späten Teenagerjahren den Kontakt und Bezug zu Glauben und Kirche gefunden hat, hätte ihr sicher einige Einblicke aus ihrer persönlichen Erfahrung mitgeben können, die auch für ihr Projekt hätten fruchtbar sein können. Sie hat auch tatsächlich - beim Übergang zum "gemütlichen Teil" des Abends - einen Anlauf dazu unternommen, aber Valerie ist darauf kaum eingegangen. Fairerweise muss man sagen, dass das wohl auch damit zu tun hatte, dass sie nicht unbegrenzt viel Zeit mitgebracht hatte. Schade war's trotzdem. 

-- Ein paar versöhnliche Worte zum Abschluss? Gerne doch! Der Abend war schön, außerordentlich gut besucht, und ich glaube, für alle Beteiligten gab es einige interessante Erkenntnisse. Es gab sogar einen Livestream auf Facebook, der zwar unter technischen Problemen zu leiden hatte, aber immerhin war das ein Novum für die Pfarrei St. Antonius und hat ihr zweifellos zu ein bisschen Publicity im Netz verholfen. Und Valerie ist wirklich nett. Ich werde ihren Blog auf jeden Fall weiter verfolgen - zumindest punktuell - und bin gespannt, ob sich darin vielleicht doch der eine oder andere Impuls aus ihrem Besuch beim Kreis junger Erwachsener wiederfinden lässt... 


Donnerstag, 10. November 2016

Jakobsweg auf Radio Horeb!

Regelmäßige Leser werden es bemerkt haben: Vor lauter Aktualia, und weil ich ja (ob man es glaubt oder nicht) hin und wieder auch mal andere Dinge zu tun habe, als zu bloggen, bin ich schon seit geraumer Zeit nicht dazu gekommen, meine "Pilgertagebuch"-Reihe über den im Sommer dieses Jahres zurückgelegten Jakobsweg fortzusetzen. Doch es naht Abhilfe! 


Ja, genau: Heute - am Donnerstag, dem 10. November - werde ich ab 20:30 Uhr in der Credo-Sendung auf Radio Horeb zu hören sein und im Gespräch mit Gregor Dornis Einblicke in meine Jakobsweg-Erfahrungen geben. Es wird um spirituelle Höhepunkte, körperliche Herausforderungen, um kulturelle und landschaftliche Sehenswürdigkeiten gehen, um Pastorales Kochen, geistliche Impulse, lustige Anekdoten und praktische Tipps fürs Pilgern. Wie immer wird es die Credo-Sendung auch als Podcast und mp3-Download geben; für alle, die Radio Horeb nicht empfangen können und/oder heute Abend keine Zeit haben, werde ich den Link zum Nachhören hier selbstverständlich gern teilen. 

Und keine Sorge: Auch hier im Blog wird die "Pilgertagebuch"-Reihe auf jeden Fall fortgesetzt! Sobald ich dazu komme. 

Ich freue mich schon auf Feedback zur Sendung! 


Update: HIER der Link zum Nachhören! 

Donnerstag, 3. November 2016

Auf und unter dem Radar

Seit nunmehr gut zwei Monaten hat die deutschsprachige christliche Bloggerszene ein tolles neues Spiel- oder vielleicht auch Werkzeug: Theoradar - Themen der christlichen Blogosphäre ist eine Seite betitelt, die seit Anfang September des laufenden Jahres die Resonanz, die christliche Blogartikel in den Sozialen Netzwerken Facebook, Twitter und Google+ finden, statistisch auswertet und daraus Ranglisten bastelt. Ausgeheckt hat das Ganze der Journalist und evangelische Theologe Fabian Maysenhölder, Redakteur bei n-tv und Betreiber des Blogs TheoPop. Laut Selbstaussage will Theoradar "bewusst ein breites Spektrum an (theologischen) Positionen abbilden" - wenn auch nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtbereich christlichen Bloggens in deutscher Zunge: 120 Blogs werden derzeit in der statistischen Auswertung berücksichtigt, während die katholische Bloggerliste des Predigtgärtners allein über 300 Blogs aufführt; wie viele evangelische Blogs es gibt, kann ich nicht annähernd einschätzen. Angesichts der Tatsache, dass also längst nicht alle dafür theoretisch in Frage kommenden Blogs ausgewertet werden, empfinde ich es als umso schmeichelhafter, dass mein bescheidener kleiner Blog immer mal wieder in den jeweils aktuellen Wochen- und Monatsranglisten auftaucht. Wer selbst noch nicht dabei ist, es aber gern wäre (oder vielleicht auch andere Blogs für die Aufnahme in die Statistik empfehlen möchte), kann dem Theoradar-Betreiber eine Mail schicken (dazu lädt er auf seiner About-Seite ausdrücklich ein). Dem Anspruch, eine große Bandbreite an Positionen abzudecken, wird das Projekt jedenfalls für mein Empfinden schon jetzt ganz gut gerecht. Das ist einer der Gründe, warum ich den Theoradar als Bereicherung empfinde und gern und oft mal in die aktuellen Ranglisten 'reinschaue: Ich werde auf diese Weise auf Blogartikel aufmerksam, die ansonsten auf meinem persönlichen Radar eher nicht auftauchen würden. Beispiele hierzu später; zu den anderen Gründen ebenfalls. 

Bleiben wir zunächst noch beim Stichwort "breites Spektrum an Positionen". Wenn im Theoradar eine Reihe sehr unterschiedlicher Blogs berücksichtigt wird und diese rein statistisch ausgewertet werden, dann sieht das zunächst einmal nach größtmöglicher Neutralität aus. Aber natürlich hat der Macher von Theoradar auch eigene Positionen. Von diesen kann man sich beispielsweise anhand seines Blogs TheoPop ein Bild machen. zudem wird der aufmerksame Nutzer darauf hingewiesen, dass Theoradar "Teil des Ruach-Netzwerks" ist. Bei diesem handelt es sich laut Eigenbescheibung um eine "Initiative für innovative Verkündigung", und zu diesem Netzwerk gehört neben Theoradar und TheoPop u.a. auch das Projekt DreifachGlauben, das ich vor längerer Zeit schon mal am Wickel hatte. Zudem hostet die Theoradar-Seite auch einen eigenen "Metablog" (was mit "meta" gemeint ist, verrät die Kopfzeile des Menübereichs: "Reden wir mal über Blogs"), für den neben Fabian Maysenhölder auch andere Autoren schreiben  - die jeweils auch eigene Blogs betreiben und daneben noch auf weiteren Plattformen publizieren. Und wenngleich unter den Metablog-Beiträgern mindestens ein Katholik ist, ergibt sich der Eindruck, dass da insgesamt ein liberaler "Mainline Protestantism" vorherrscht, tendenziell wohl noch etwas liberaler (oder, wenn man diesen Begriff denn verwenden will, "linker") als die "offizielle Position" der Teilkirchen, denen die Autoren jeweils angehören. Das ist ja an sich auch überhaupt nicht schlimm; aber es bedeutet schon einen erheblichen Abstand von der (jedenfalls in der Außenwahrnehmung) in toto erz- und dunkelkatholischen"Blogoezese". Und gerade das macht die Sache so interessant - nicht zuletzt deshalb, weil letztere in den Theoradar-Ranglisten trotzdem stark vertreten ist. 



Wie der Theoradar-Initiator und sein Netzwerk letzteren Umstand finden, davon könnte man sich anhand des September-Monatsrückblicks im Metablog ein recht farbiges Bild machen. Der Artikel liest sich über weite Strecken wie eine quasi-pädagogische Handreichung für den Leser, dem erst einmal erklärt werden muss, wie er die an prominenter Stelle in den September-Monatscharts vertretenen Blogbeiträge denn finden soll. 

Als offensichtliches Problem für den Metablog-Autor - in diesem Fall none other than Fabian Maysenhölder himself - erweist es sich dabei, dass der katholische Lifestyle-Blog The Cathwalk auf dem September-Theoradar so richtig abgeräumt hat. Wie aus dem Monatsrückblick ersichtlich ist, hat The Cathwalk im September mindestens die Ranglistenplätze 2, 4, 5, 6, 7 und 9 belegt; wer auf Platz 1 gelandet ist, verrät der Artikel bemerkenswerterweise gar nicht. Jedenfalls sieht sich Fabian Maysenhölder durch diesen Erfolg des Cathwalk dazu veranlasst, diesen als "das Boulevardmedium der christlichen Blogosphäre" zu betiteln und auszuführen: 
"Clickbait, Listicles, reißerische Überschriften – man könnte meinen, man sei bei einer Art Retro-Focus-Online gelandet: Seriös anmutender Rahmen, doch am Ende geht es vor allem um Klicks.
Stellvertretend dafür sei die Reihe '7 Vorurteile gegen …' genannt. [...]  Es ist schon bezeichnend, dass diese Reihe offenbar von anonymen Autoren verfasst wird. Wenn man sich die Texte durchliest, findet man aber schnell heraus, warum." 
Bereits am 10. September warnte Metablog-Co-Autor Philipp Greifenstein auf seinem eigenen Blog vor The Cathwalk - und zwar mit dem Hinweis, dass dieser sich trotz seines hippen, coolen Erscheinungsbildes bei näherem Hinsehen als, Überraschung!, zutiefst erz- und dunkelkatholisch erweist. Fazit: "Ich werde meine neuentdeckte Männlichkeit bei der Beobachtung des Theoradars jedenfalls dadurch exekutieren, den Cathwalk zu meiden."

Geholfen haben diese Warnungen indes offenbar nicht viel. Ein Oktober-Monatsrückblick liegt auf dem Metablog (zumindest noch) nicht vor; aber als ich am Abend des 31.10. letztmals einen Blick auf die Oktober-Rangliste warf, belegten Cathwalk-Beiträge ganze vier der ersten zehn Plätze, darunter die Plätze 1 und 2; und drei weitere Top-Ten-Platzierungen entfielen auf Beiträge von Catholicism Wow. 

Solche Beobachtungen sind, was soll ich's leugnen, ein weiterer Grund, weshalb ich Spaß am Theoradar habe. Und natürlich ist es diesem Spaß auch durchaus förderlich, wenn ich zwischenzeitlich mal mit eigenen Beiträgen auf den vorderen Rängen auftauche. In der Oktober-Endabrechnung habe ich es immerhin - mit #EBERKACK! - auf Platz 20 geschafft (da die Theoradar-Wertung auch Kommentare auf Facebook zählt, "Likes" aber allem Anschein nach nicht, liegt es auf der Hand, dass kontroverse Beiträge die größten Chancen haben), und auf Platz 19 landete ein von mir verfasster Gastbeitrag auf... The Cathwalk.

Aber ich wollte ja noch etwas dazu schreiben, wie der Theoradar mich auf Blogbeiträge aufmerksam macht, die ich ansonsten eher nicht lesen würde. Das ist, wenn auch nicht immer ein reines Vergnügen, doch in jedem Fall eine interessante Horizonterweiterung. Einige ziemlich erfolgreiche Artikel kamen vom auf dem Portal evangelisch.de gehosteten Blog kreuz und queer; für diesen schreiben verschiedene Autor*innen, und sicher kann man die nicht alle über einen Kamm scheren. Aufgefallen sind mir hier vor allem ein paar Beiträge von Matthias Albrecht, der in Bielefeld Gender Studies studiert und in den von mir gelesenen Artikeln nicht so sehr für die Akzeptanz von LGBT-Rechten im kirchlichen Bereich wirbt, sondern sie vielmehr mitunter recht aggressiv einfordert. Nun ja. An prominenter Stelle in der Rangliste vertreten war weiterhin der Blog GekreuzSIEGT, der mir zwar dem Namen nach ein Begriff war, den ich aber zuvor nie gelesen hatte. Bloggerin Mandy hat eine bewegte und bewegende Biographie (kaputtes Elternhaus, Obdachlosigkeit, Drogen...), die ihren persönlichen Zugang zum Glauben zweifellos stark prägt, und vertritt - so mein Eindruck - eine Auffassung von Christentum, die man im angloamerikanischen Bereich wohl als non-denominational bezeichnen würde. Was sie schreibt, ist vom sprachlichen Stil wie zum Teil auch von der inhaltlichen Tendenz her nicht so unbedingt meins, aber das ist nur meine ganz subjektive Sicht und soll kein allgemeines Qualitätsurteil darstellen. Auf jeden Fall kommt Mandy sehr authentisch und somit auf einem emotionalen Level überzeugend rüber, und allein das macht ihren Blog lesenswert.

Und dann ist da noch der Satire-Blog TheoLeaks, dem auch die erste Folge der Reihe Schau mal, wer da bloggt auf dem Theoradar-Metablog gewidmet ist. Im Interview mit Theoradar erklären die TheoLeaks-Macher, grundlegend für die Idee zu ihrem Blog sei die Frage gewesen, "wieso es eigentlich keine christliche Satire gibt". Was mich erst einmal wundert - denn nicht nur bringen einige mir bekannte und von mir geschätzte christliche Blogs (z.B. JoBo72 oder totaliter aliter) unter anderem auch satirische Beiträge; es gibt auch etwa auf katholischer Seite bereits seit Oktober 2014 Die Tiberente und im evangelischen Bereich seit Juli 2016 die Messe in Moll (okay, zugegeben: TheoLeaks gibt es schon seit Juni 2016). Ein entscheidender Unterschied liegt für mein Empfinden allerdings darin, dass die von mir genannten Blogs Satire aus dem christlichen Glauben heraus betreiben, wohingegen TheoLeaks eher Satire über den christlichen Glauben betreibt. Und das kann man schließlich auch beim Postillon finden. Okay, zuweilen ist TheoLeaks tatsächlich witzig, aber hin und wieder beschleicht mich beim Lesen der dort erscheinenden Beiträge der Gedanke: Letztendlich arbeiten die doch dem Feind in die Hände. (Und wenn ich "Feind" sage, meine ich den, der in der Kunstgeschichte gern mit Hörnern und Hufen dargestellt wird...)

Aus evangelikaler und/oder pietistischer Richtung schaffen es hin und wieder auch mal Beiträge auf den Theoradar, aber über die habe ich mir bisher nur sehr oberflächliche Meinungen gebildet - was z.T. bedeutet, dass ich mir noch nicht einmal sicher bin, ob diese Einordnung überhaupt so stimmt. Hanniel bloggt z.B. finde ich eher gruselig, ohne genau sagen zu können, woran das liegt; und mit Ron von TheoBlog (bei diesen ganzen Blogs mit "Theo" im Namen muss man echt aufpassen, dass man sie nicht verwechselt!) geht's mir tendenziell, wenn auch in geringerem Maße, ähnlich.

Auf jeden Fall kann man aber feststellen, dass es auf dem Theoradar immer etwas Spannendes zu entdecken gibt. Freuen wir uns also auf den November!


Mittwoch, 2. November 2016

Nun bauen sie wieder

In Hamburg ist gerade die Elbphilharmonie fertiggestellt worden - nach knapp 10 Jahren Bauzeit, und gekostet hat das gute Stück mal eben 789 Millionen Euro. Veranschlagt worden waren ursprünglich nur 77 Millionen. Bloggerkollege Josef Bordat setzt dieses Resultat in einem vorgestern Abend veröffentlichten Artikel lakonisch ins Verhältnis zum Skandal um das Limburger Diözesanzentrum, das ebenfalls um ein Vielfaches teurer wurde als zunächst geplant, dabei allerdings letztlich weit weniger Geld verschlang, als für die Elbphilharmonie von vornherein vorgesehen war. -- Äpfel und Birnen, kann man sagen; aber bei allem Unterschied der Größenordnung lässt sich feststellen, dass auch das prozentuale Verhältnis zwischen veranschlagten und tatsächlichen Kosten in Hamburg noch ungünstiger ausfällt, als es in Limburg der Fall war. Während sich jedoch die Causa Limburg zu einem Skandal mit weitreichenden Konsequenzen (Rücktritt eines Bischofs, eine Welle von Kirchenaustritten, anhaltende Debatten über Kirchenfinanzen) auswuchs, freuen sich bei der Elbphilharmonie alle nur, dass sie endlich fertig ist, und niemandes Kopf wird gefordert. 

Gleichzeitig wurde in Berlin ein durchgreifender Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale samt des angrenzenden Bernhard-Lichtenberg-Hauses beschlossen - für bescheidene 60 Millionen.

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-1985-1108-514 / Herbst / CC-BY-SA 3.0

-- Ein Blick zurück: Dass die Kathedrale und das Bernhard-Lichtenberg-Haus dringend sanierungsbedürftig sind, war bereits während der Amtszeit des 2011 verstorbenen Berliner Erzbischofs Kardinal Sterzinsky ein Thema; zunächst konnte dies jedoch schon wegen der klammen Finanzen des Erzbistums nicht angegangen werden - der Zuwachs an Kirchensteuereinnahmen, den man infolge des Regierungsumzugs von Bonn nach Berlin erhoffte, ließ auf sich warten; inzwischen ist dieser Geldsegen aber doch eingetroffen. Unter Sterzinskys Nachfolger Kardinal Woelki entstand die Idee, die notwendige Sanierung gleich mit einer umfassenden Neugestaltung des Innenraums von St. Hedwig zu verbinden; insbesondere sollte dabei das berüchtigte "Loch" in der Kathedrale - die Öffnung zwischen Ober- und Unterkirche - verschwinden, was nichts Geringeres bedeutete, als das kühne Raumkonzept des Nachkriegsarchitekten Hans Schwippert komplett umzustoßen. Ein Architekturwettbewerb wurde ausgeschrieben, aus dem ein Entwurf des Architekturbüros Sichau & Walter als Sieger hervorging. Die Pläne zur Innenraumneugestaltung blieben jedoch heftig umstritten; insbesondere eine Initiative mit dem Namen "Freunde der St.-Hedwigs-Kathedrale" setzte sich vehement für die Beibehaltung des Schwippertschen Raumkonzepts ein. 

Schließlich lagen zwei miteinander konkurrierende Konzepte für St. Hedwig auf dem Tisch: eine Sanierung der Kathedrale unter Beibehaltung der bisherigen Innenraumgestaltung, die laut Berechnung des Architekturbüros Kunat + Haak ca. 16,8 Millionen Euro kosten sollte; oder eine umfassende Neugestaltung auf der Basis des Siegerentwurfs des Architekturwettbewerbs von 2014 für 43 Millionen Euro. Jeweils noch nicht einberechnet waren dabei die Kosten für Sanierung und Umbau des Bernhard-Lichtenberg-Hauses. 

Diverse Gremien des Erzbistums gaben ihr Votum zu dieser Frage ab; fast alle sprachen sich - teils mit absoluter, teils nur mit relativer Mehrheit - für die Option "Umgestaltung" aus, lediglich (oder, wenn man so will, ausgerechnet) das Votum der Kommission für sakrale Kunst und kirchliches Bauen fiel unentschieden aus, und die Vertreter der Jugend im Erzbistum Berlin enthielten sich. Vergleichsweise knapp fielen die Voten des Priesterrats (16 zu 11 Stimmen bei zwei Enthaltungen) und v.a. der Domgemeinde (5 zu 4 Stimmen bei drei Enthaltungen) aus. Der Diözesanvermögensverwaltungsrat betonte, der Entwurf von Sichau & Walter müsse "in einigen Punkten überarbeitet werden", und auch die Liturgiekommission regte an, "am Siegerentwurf weiterzudenken". 

Gestern, am Hochfest Allerheiligen - einem doppelten Weihejubiläum für St. Hedwig: Sowohl die ursprüngliche Weihe der Kirche im Jahr 1773 als auch die erneute Weihe nach dem Wiederaufbau 1963 fielen auf dieses Fest -, gab Erzbischof Dr. Heiner Koch seine Entscheidung bezüglich der Baumaßnahmen an St. Hedwig bekannt. Um 13 Uhr fand dazu eine Pressekonferenz statt; den anwesenden Journalisten (wie auch jenen, die lediglich über den Mail-Verteiler des Erzbistums informiert wurden) wurde eine Sperrfrist bis 18 Uhr auferlegt -- was insofern etwas komisch wirkte, als der Hirtenbrief, in dem Erzbischof Koch seine Entscheidung und die Gründe, die ihn dazu bewogen hatten, darlegte, von ihm persönlich zwar erst im Rahmen des um 18 Uhr abgehaltenen Pontifikalamts zum Hochfest Allerheiligen verlesen wurde, ebendieser Hirtenbrief jedoch in allen Kirchen des Erzbistums in allen Messen des Tages verlesen wurde, also auch schon in den Frühmessen. Der Pressesprecher des Erzbistums, Stefan Förner, betonte, der Erzbischof habe die Form des Hirtenworts gewählt, um deutlich zu machen, "wem diese Botschaft zuerst gilt: den Gläubigen des Erzbistums Berlin". Eine schöne, sympathische Geste - die zudem für die Journalisten die Lehre enthielt: Wer morgens in die Kirche geht, weiß eher bescheid. 

"Nach gründlicher Überlegung und Erwägung im Gebet bin ich entschlossen, die Umgestaltung unserer Kathedrale auf der Grundlage des Entwurfs der Preisträger mit Freude und Tatkraft in Angriff zu nehmen" - so lautet der entscheidende Satz von Erzbischof Kochs Hirtenbrief, und angesichts der eindeutigen Tendenz der oben aufgeführten Voten der Gremien kann diese Entscheidung kaum überraschen. Gleichzeitig macht der Erzbischof aber auch deutlich, dass er sich diese Entscheidung - die zu treffen eine Aufgabe war, die ihm sein Vorgänger hinterlassen hat - nicht leicht gemacht hat, dass er sich nach besten Kräften bemüht hat, alle divergierenden Standpunkte zu dieser Frage zur Kenntnis zu nehmen, ernst zu nehmen und in seiner Entscheidung zu berücksichtigen. Diese Haltung prägte auch seine Ausführungen bei der Pressekonferenz. - Zu beachten ist weiterhin, dass von einer Umgestaltung der Kathedrale auf der Grundlage des Entwurfs der Preisträger die Rede ist, also nicht von einer hundertprozentigen Übernahme des Entwurfs, von dem ich, wie ich nicht verhehlen will, alles andere als begeistert war. Davon, wie die Modifikationen des Entwurfs im Einzelnen aussehen werden, ergibt sich - mir zumindest - kein klares Bild, aber der Hirtenbrief gibt einige Fingerzeige: 
"Mich bewegt die Botschaft des Altares mitten unter der Kuppel: Hier wird das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung unseres Herrn begangen in der Feier der Eucharistie. Hier verbinden sich Himmel und Erde im Zeichen der beiden Kugelhälften Kuppel und Altar. Christus ist unsere Mitte, um die wir uns als österliche Gemeinschaft zum Gottesdienst versammeln." 
Okay. Ergibt Sinn. Als Idee zumindest. Zu den praktischen Komplikationen später. 
"Eine deutliche Aufwertung erfährt die bisherige Sakristei. Sie wird zur Sakramentskapelle umgestaltet und strahlt als Ort der Anbetung in die Hauptkirche hinein. St. Hedwig ist als Ort der Anbetung gerade in der Bundeshauptstadt Berlin von großer Bedeutung." 
Ort der Anbetung: finde ich prima. 
"Als eindrücklich und raumprägend empfinde ich das nun vorgesehene große Kreuz zwischen dem Hauptraum der St. Hedwigs-Kathedrale und der Sakramentskapelle. Wir brauchen ein solches Kreuz, das die Gottesbotschaft Christi uns und unserer Gesellschaft verkündet." 
D'accord. 
"Als sehr bewegend empfinde ich, dass der Taufort in der Tiefe mitten unter der Kuppel und dem Altar seinen Platz finden wird. Auch dieser Ort steht, versinnbildlicht durch die alles überwölbende Kuppel, unter Gottes Schutz." 
Auch das überzeugt mich durchaus. 

Ein wichtiges Anliegen ist es Erzbischof Koch zudem, dass die neugestaltete Kathedrale "eine Stätte der Nachdenklichkeit eröffnen wird, nicht zuletzt für die vielen suchenden Ungetauften, die als Passanten oder Touristen in unsere Bischofskirche kommen". An diese zu denken ist gerade in Berlin sicherlich wichtig, daher betont der Erzbischof kurz darauf nochmals: 
"Die Kathedrale will alle einladen: Christen und Gläubige anderer Religionen, Suchende und Skeptiker, Atheisten und religiös Gleichgültige, Menschen, die sich freuen, und solche, die leiden." 
Freilich: Bei dieser Betonung des Zugehens auf Nicht- und Andersgläubige mag sich mancher treue Katholik fühlen wie der ältere Bruder im Gleichnis vom Verlorenen Sohn. Ein Grund mehr, dieses Gleichnis noch einmal nachzulesen und auf sich wirken zu lassen. 

Bei der Pressekonferenz war ich selbst anwesend und nutzte die Gelegenheit zu einer Frage nach den liturgischen Implikationen einer Raumgestaltung, bei der der Altar in der Mitte steht. "Wie wirkt sich das auf die Zelebrationsrichtung aus?", wollte ich wissen und fügte leicht scherzhaft hinzu, man könne ja auf die Idee kommen, je nachdem, wo man sich hinsetze, sähe man eine Zelebration versus populum oder eben nicht. Der Erzbischof lachte und präzisierte dann, direkt hinter dem Altar werde niemand sitzen; die Sitzreihen für die Gemeinde würden vielmehr in einem Dreiviertelkreis um den Altar angeordnet. Es gebe, etwa aus den USA, bereits Beispiele für rund gebaute Kathedralen mit zentraler Position des Altars, und man habe ihm versichert, dies stelle für die Zelebration kein Problem dar. Gleichwohl räumte er ein, das neue Raumkonzept sei in liturgischer Hinsicht eine Herausforderung; in seinem Hirtenbrief schreibt er dazu: 
"Nach dem II. Vatikanischen Konzil sind die liturgischen Gestaltungsmöglichkeiten [...] deutlich erweitert worden, mit tiefer geistlicher und theologischer Begründung. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Umgestaltung mehr noch als bisher eine würdige Feier der Liturgie ermöglichen." 
Wer mich kennt, wird sich nicht wundern, dass der Hinweis auf die erweiterten liturgischen Gestaltungsmöglichkeiten mich mit einer gewissen Skepsis erfüllt, aber warten wir mal ab, was das konkret bedeuten wird. Ganz genau scheint man sich darüber in der Bistumsleitung auch noch nicht im Klaren zu sein. 

Die überwiegend von säkularen Medien zur Pressekonferenz entsandten Journalisten, die sich in der Fragerunde noch zu Wort meldeten, interessierten sich vor allem für Fragen der Finanzierung. Einschließlich der Kosten für Sanierung und Teilneubau des Bernhard-Lichtenberg-Hauses sind, wie eingangs bereits erwähnt, 60 Millionen Euro veranschlagt; dabei strebt das Erzbistum eine Drittelfinanzierung an: 20 Millionen will man aus eigenen Mitteln beisteuern; dieser Teil der Finanzierung sei durch Bildung entsprechender Rücklagen bereits gesichert. Das zweite Drittel der Kosten soll durch "kirchliche Unterstützung" abgedeckt werden; der Verband der Diözesen Deutschlands hat, um "die St.-Hedwigs-Kathedrale und das Bernhard-Lichtenberg-Haus zu eine geistlich-geistigen und caritativen Zentrum werden zu lassen, dessen Strahlkraft über die Grenzen des Bistums weit hinausreicht", eine Unterstützung in Höhe von 10 Millionen Euro zugesagt; da fehlen also (vorerst) noch einmal zehn, und es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass die zugesagten 10 Millionen per Umlageverfahren von allen Diözesen und Erzdiözesen Deutschlands aufgebracht werden sollen, also anteilig auch vom Erzbistum Berlin selbst. Da dieses aber nach Mitgliederzahl und Kirchensteuereinnahmen eher eins der kleineren deutschen Bistümer ist, dürfte sein Anteil an diesem Teil der Finanzierung wohl recht gering ausfallen. Das letzte Drittel der Kosten soll aus "öffentlichen und privaten Mitteln" abgedeckt werden; hierzu werden Anträge auf Förderung durch Bund und Land gestellt, und auch private Spenden stehen in Aussicht. 

Man kommt somit nicht umhin, festzustellen, dass über der Finanzierung noch das eine oder andere Fragezeichen schwebt - selbst wenn man "nur" von den veranschlagten 60 Millionen ausgeht. Und damit kommen wir wieder zur Elbphilharmonie, die ursprünglich ja auch "nur" 77 Millionen kosten sollte. Von derzeitigen Bau-, Umbau- und Sanierungsprojekten in Berlin wie etwa der Staatsoper, dem Pergamon-Museum oder gar dem Flughafen BER wollen wir hier lieber gar nicht erst anfangen. Es scheint eine gewisse Tendenz zu geben, bei großen und repräsentativen Bauvorhaben die Kosten erst einmal möglichst niedrig zu veranschlagen, im Vertrauen darauf, dass es, wenn der Bau erst mal im Gange ist, ohnehin "kein Zurück" mehr gibt und die dann auftretenden Mehrkosten schon auch noch irgendwie gestemmt werden müssen. Bedenkt man, dass bei den Baumaßnahmen an St. Hedwig auch Denkmalschutzauflagen berücksichtigt werden und Tiefbauarbeiten auf bzw. in dafür eigentlich ungeeignetem Baugrund durchgeführt werden müssen (da die Sakristei der Kathedrale zur Sakramentenkapelle umgestaltet werden soll, wird eine neue Sakristei notwendig, und diese soll unterirdisch angelegt werden!), darf man wohl gewisse Zweifel hegen, ob die veranschlagten 60 Millionen tatsächlich ausreichen. -- Mit Blick auf die Frage einer möglicherweise unabsehbaren Kostenentwicklung ist es allerdings umso wichtiger, zu beachten, dass Erzbischof Koch in seinem Hirtenbrief schreibt: "Auf keinen Fall darf, was immer wir tun, dazu führen, dass die Mittel des Bistums für die Kirchengemeinden, für die Caritas und für die Pastoral reduziert werden." 

Im Rahmen derselben Pressekonferenz wurde auch die Ernennung des bisherigen Generalvikars des Erzbistums, Prälat Tobias Przytarski, zum neuen Dompropst von St. Hedwig bekanntgegeben; er folgt damit dem kürzlich emeritierten Ronald Rother nach und wird in seiner neuen Funktion auch für die anstehenden Baumaßnahmen verantwortlich sein. 

Abschließend ist es mir wichtig, einen Punkt hervorzuheben, den man bei allen Bedenken gegenüber den anstehenden Baumaßnahmen an St. Hedwig - seien sie nun ästhetischer, liturgischer oder finanzieller Natur - nicht vernachlässigen sollte und den auch Erzbischof Koch in seinem Hirtenbrief eindringlich betont: 
"Wir sprechen derzeit viel über den Bau der Kathedrale. Mindestens genauso wichtig aber ist mir das Anliegen, dass wir Gott als lebendigen Tempel mitten in Berlin würdig und kraftvoll die Ehre geben." 
In diesem Sinne zitiert er auch aus dem Hirtenwort von Kardinal Alfred Bengsch zur Altarweihe in St. Hedwig am Allerheiligentag 1963: 
"Unsere Kirchen stehen nicht ewig. Alle unsere Werke vergehen. Was wir mit Steinen bauen, wird einst Ruine sein. Was aber in dieser Zeit für die Ewigkeit gebaut wird, ist der Tempel Gottes, dessen lebendige Steine wir selber sind." 



Dienstag, 1. November 2016

Dieser Weg wird kein leichter sein

Heute feiert die Kirche das Hochfest Allerheiligen; morgen, an Allerseelen, wird der Armen Seelen im Fegefeuer gedacht. (Letzteres wird, wie mir scheint, heutzutage kaum mehr irgendwo in dieser Deutlichkeit gesagt, aber genau deswegen sage ich es: Ich glaube nicht, dass es einem Fest besonders dienlich ist, wenn nur in undeutlichen Umschreibungen davon gesprochen wird, worum es bei diesem Fest geht.) Und gestern war auch irgendwas... Ach ja: Halloween. Außerdem feierten unsere Nachbarn in der Ökumene ihren Reformationstag. Da es sich um den 499. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche handelte, wurde dabei gleich das große Demi-Millennium (sagt man das so?) der Reformation eingeläutet, das im nächsten Jahr, zum 500. Jahrestag, seinen Höhepunkt finden soll. Und aus diesem Anlass reiste der Papst nach Schweden, um in der Kathedrale von Lund am Reformationsgedenken des Lutherischen Weltbundes teilzunehmen. Im Rahmen dieses Festakts unterzeichneten Papst Franziskus und der Präsident des LWB, Bischof Mounib Younan, eine gemeinsame Erklärung zur Ökumene, die in den Medien großes Aufsehen erregte. "Ziel ist das gemeinsame Abendmahl", fasste etwa das Online-Portal katholisch.de die Erklärung zusammen, und ähnlich war es auch in allerlei anderen Publikationen zu lesen. 

Bei flüchtiger Betrachtung konnte man den Eindruck gewinnen, den Forderungen der Initiative "Ökumene jetzt!" von anno 2012 - pointiert gesagt: gemeinsames Abendmahl sofort, um die weiteren Differenzen kümmern wir uns später - seien nunmehr quasi die höheren Weihen erteilt worden. Entsprechend fielen auch zahlreiche Reaktionen in den Sozialen Netzwerken aus - und wie man sich vorstellen kann, gingen die Bewertungen dieser vermeintlichen Revolution in Sachen Ökumene auf unterschiedlichen Seiten des konfessionellen Grabens weit auseinander. Während in einer Facebook-Gruppe, in der sich neben durchaus vernünftigen Leuten auch einige mehr oder weniger paranoid veranlagte Ultra-Katholiken tummeln, unverzüglich Häresievorwürfe gegen den Papst laut wurden (was an sich allerdings auch nichts Neues ist...), wurde auf Twitter - soweit ich es beobachten konnte, vor allem auf protestantischer Seite - frohlockt, jetzt könne es ja wohl endlich mal losgehen mit der Abendmahlsgemeinschaft, das würde ja auch mal Zeit. Da fühlte ich mich dann berufen, auf beiden Seiten ein paar Bremsklötze in die Debatte zu werfen. Denn was steht eigentlich wirklich drin in der Erklärung? 



Zunächst einmal ist festzuhalten, dass sich nur einer von neun Absätzen des Schreibens der Frage der gemeinsamen Eucharistie widmet. Dass somit das mediale Echo auf die Erklärung völlig von einem Teilaspekt des Texts dominiert wird, muss uns nicht überraschen; gleichzeitig will ich aber auch nicht in Abrede stellen, dass dieser eine Absatz durchaus zentral für das Ganze ist. Er lautet (in der auf Radio Vatikan veröffentlichten offiziellen deutschen Übersetzung): 
"Viele Mitglieder unserer Gemeinschaften sehnen sich danach, die Eucharistie in einem Mahl zu empfangen als konkreten Ausdruck der vollen Einheit. Wir erfahren den Schmerz all derer, die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart im eucharistischen Mahl nicht teilen können. Wir erkennen unsere gemeinsame pastorale Verantwortung, dem geistlichen Hunger und Durst unserer Menschen, eins zu sein in Christus, zu begegnen. Wir sehnen uns danach, dass diese Wunde im Leib Christi geheilt wird. Dies ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen. Wir wünschen, dass sie voranschreiten, auch indem wir unseren Einsatz im theologischen Dialog erneuern." 
Halten wir fest: Da wird zunächst einmal konstatiert, dass viele Mitglieder der verschiedenen christlichen Konfessionen darunter leiden, dass zwischen ihnen keine gemeinsame Eucharistie möglich ist. Das ist kaum zu leugnen. Vielfach verstehen die "Basischristen" wohl auch nicht, warum sie nicht möglich ist. Nun gut, würde ich sagen: wenn sie es nicht verstehen, dann muss man es ihnen erklären. Dass, wie mir unlängst in einer privaten Diskussion mitgeteilt wurde, vielerorts bereits "stillschweigend" eine so genannte "eucharistische Gastfreundschaft" praktiziert wird, finde ich da (mal ganz abgesehen davon, dass das nach katholischem Kirchenrecht einfach ein No-Go ist) eher kontraproduktiv: Differenzen verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert oder verschleiert. Ich habe mich zu diesem Thema schon einmal geäußert und möchte nicht alles wiederholen, was ich seinerzeit geschrieben habe, daher hier der Link. -- Aber es geht ja nicht nur um das persönliche Empfinden der einzelnen Gläubigen: Die Erklärung betont, die fehlende eucharistische Gemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten sei eine "Wunde im Leib Christi". Diese Feststellung ist richtig und wichtig; ich möchte sagen: gerade aus katholischer Sicht. Wenn, wie es in der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium (Nr. 11) heißt, die Eucharistie "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" ist, dann liegt es auf der Hand, dass eine wahrhafte Einheit der Christenheit letztlich nicht möglich ist ohne eine gemeinschaftliche Eucharistie - das heißt: ohne eine Teilhabe Aller, die sich zu Christus bekennen, am Leib und Blut Christi. Somit ist die Aussage, die gemeinschaftliche Eucharistie müsse "das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen" sein, eine vollkommen logische Folge der zentralen Bedeutung des Sakraments der Eucharistie. 

Ebenso logisch ist allerdings: Wenn von einem Ziel die Rede ist, dann impliziert das, dass dieses noch nicht erreicht ist. Nicht umsonst betont der oben zitierte Absatz, dass dazu ein erneuerter "Einsatz im theologischen Dialog" notwendig ist. Und so sehr man auch darauf vertrauen mag (und sollte), dass bei Gott kein Ding unmöglich ist, so sehr sollte man sich der gravierenden Hindernisse auf diesem Weg bewusst sein. 

Nicht unwichtig ist es in diesem Zusammenhang, zu beachten, dass es sich bei der gemeinsamen Erklärung um ein Dokument von Katholiken und Lutheranern handelt. Tatsächlich sind sich das katholische und das lutherische Eucharistie- bzw. Abendmahlsverständnis erheblich näher, als es beim Abendmahlsverständnis anderer protestantischer Konfessionen der Fall ist, etwa jenem der reformierten Gemeinschaften in der Tradition Zwinglis und/oder Calvins. Immerhin glauben Katholiken wie Lutheraner an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie, auch wenn sie nicht ganz dasselbe darunter verstehen. Auf einer theoretischen Ebene mögen die Unterschiede so fein sein, dass nur Fachtheologen sie verstehen; dennoch haben sie ganz praktische Auswirkungen - etwa hinsichtlich der Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messfeier bzw. des Abendmahlsgottesdienstes. Glaubenspraktiken wie die Eucharistische Anbetung oder auch Eucharistische Prozessionen (z.B. zu Fronleichnam), die im katholischen Bereich eine wichtige Rolle spielen, sind nach lutherischem Verständnis schlechterdings unmöglich. Sicherlich kann man darauf hoffen, dass hier im theologischen Dialog eine Annäherung erzielt werden kann. Aber einfach wird das nicht. Gerade "aus deutscher Sicht" (wie es im Sportjournalismus immer so unschön heißt) erscheint hier ein gewisses Maß an Skepsis geboten. Dass die lutherischen Landeskirchen hierzulande (und auch darüber hinaus in Europa, mit Ausnahme etwa der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche) in der Leuenberger Konkordie von 1973 eine Abendmahlsgemeinschaft mit den reformierten Gemeinschaften eingegangen sind, die ein rein symbolisches Abendmahlsverständnis vertreten, hat sie von einer eucharistischen Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche zweifellos weiter entfernt, als das zuvor der Fall war - umso mehr, als man unterstellen muss, dass seither auch viele lutherische Gläubige eher zu einem reformierten Abendmahlsverständnis neigen. Dass ein rein symbolisches Eucharistieverständnis durchaus auch bei nicht wenigen Katholiken anzutreffen ist, mag aus reformierter Sicht eine gute Nachricht sein; aus Sicht des katholischen Glaubens macht es die Situation nicht besser, sondern schlimmer. 

Um langsam mal zum Schluss zu kommen: Es ist gut, dass Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbundes anlässlich des Reformationsgedenkens in Lund die Gemeinsamkeiten zwischen den christlichen Konfessionen betont haben. Es ist wichtig, dass man da, wo man sich einig ist, zusammenarbeitet. Und es ist ohne Frage richtig, dass Christen dazu aufgerufen sind, eins zu sein. Christus ruft alle Seine Jünger zur Einheit. Sich gemeinsam darum zu bemühen, Trennungen zu überwinden, ist notwendig. Aber solange diese Einheit noch nicht erreicht ist, ist es ebenso notwendig, das Trennende klar wahrzunehmen und zu benennen - insbesondere dann, wenn sie etwas so Zentrales betreffen wie das Sakramentenverständnis. Papst Franziskus und Bischof Younan haben Recht, wenn sie die gemeinsame Eucharistie als "das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen" hervorheben. Aber es ist ein Ziel, das keinesfalls in greifbarer Nähe liegt, und der Weg dorthin kann nicht durch oberflächliche Kompromisse oder durch ein Ignorieren von Differenzen abgekürzt werden. 



Montag, 31. Oktober 2016

Wenn die Welt euch hasst...

"Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen" - dieser Aufsehen erregende Satz Papst Benedikts XVI. aus seiner Ansprache im Rahmen der Gebetsvigil mit Jugendlichen in Freiburg am 24.09.2011 kam mir wieder einmal in den Sinn, als ich unlängst in der Online-Ausgabe des Berliner Tagesspiegels auf einen so genannten "Rant" mit der eigentlich hoffnungsvoll stimmenden Überschrift "Ich bin Christ - und das ist gut so!" stieß - verfasst von einem gewissen Friedhard Teuffel. Man möchte fast hoffen, dass das ein Pseudonym ist, obwohl, als solches wäre es eigentlich schon ein bisschen arg dick aufgetragen. -- Worum geht's? Zunächst einmal um die Beobachtung, dass ausgerechnet im vermeintlich so toleranten und weltoffenen Berlin Christen vielfach schief angesehen werden. Das ist eine Beobachtung, die ich aus eigener Erfahrung teilweise durchaus bestätigen kann, und vielen meiner christlichen Freunde in der Bundeshauptstadt mag's ähnlich gehen. Das erklärt wohl auch, dass dieser Tagesspiegel-Artikel in meinem Bekanntenkreis recht eifrig auf Facebook geteilt wurde. Liest man jedoch mehr als nur die Überschrift, wird der Text schnell enttäuschend - ja sogar ärgerlich. 

(Bildquelle hier.) 
Dass man als Christ mit Anfeindungen rechnen muss, ist ja nichts Neues und erst recht nichts Berlin-Spezifisches; es steht gewissermaßen bereits in den AGBs des Christentums. "Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat", sagt Jesus Christus seinen Jüngern in Johannes 15,18; und in Matthäus 5,11f. heißt es sogar: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden vor euch schon die Propheten verfolgt." 

Friedhard Teuffel freut sich nicht und jubelt nicht - sondern stellt fest: "Diese Stadt hat für den christlichen Glauben einen festen Platz vorgesehen: die Rechtfertigungsecke". Dass er sich in dieser nicht wohlfühlt, ist menschlich erst einmal verständlich. Aber mit der Rechtfertigung ist es so eine Sache: was genau soll eigentlich gerechtfertigt werden, und auf welche Weise? Die Rechtfertigung des Glaubens aus der Vernunft nennt man Apologetik, und das ist ein durchaus verdienstvolles Betätigungsfeld für einen Christen. Apologetik setzt allerdings allerlei voraus - zunächst einmal, dass man sich mit seinem Glauben einigermaßen auskennt, dann aber auch Kenntnisse in Geschichte, Philosophie und von Fall zu Fall wohl auch Naturwissenschaften. Nicht zuletzt erfordert sie eine hohe Frustrationstoleranz, denn man wird immer wieder auf Debattengegner stoßen, die sich weder durch Argumente noch durch Fakten von ihren Vorurteilen abbringen lassen. Ein unter Umständen noch wirkungsvolleres (aber auch nicht unbedingt einfacheres) Vorgehen wäre die Rechtfertigung des Glaubens durch persönliches Zeugnis: Der Christ könnte den Nichtchristen davon erzählen, was der Glaube ihm persönlich bedeutet, oder, pathetischer ausgedrückt: wie Gott in seinem Leben wirkt. Friedhard Teuffel tut nichts von beidem. Obwohl er in der Überschrift mit Wowereitschem Trotz ausruft "und das ist gut so!", erklärt er im Folgenden mit keinem Wort, was an seinem Glauben eigentlich gut sein soll. Er will, kurz gesagt, nicht den Glauben rechtfertigen, sondern sich dafür rechtfertigen, dass er gläubig ist - und tut dies ausnahmslos mittels der "Ich bin ja gar nicht so"-Methode. Alles, was man dem Christentum bzw. der Kirche vorwerfen könnte, räumt er zunächst einmal in vorauseilendem Gehorsam ein ("Ja, ich weiß: Die Kirche als Institution beging und begeht reihenweise Sünden." - "Ja ja, Jungfrauengeburt, wird dann gespottet, was für ein Schwachsinn"), und distanziert sich nach Kräften ("Dabei heißt es ja Glauben. Und nicht Wissen. Das Schöne ist doch: Ich kann etwas glauben. Und ich muss nicht alles glauben"), bis schließlich nur ein rein privater, selbstgestrickter Glaube übrig bleibt, von dem überhaupt nicht deutlich wird, worin dieser eigentlich besteht. Ihr sagt doch selbst immer, Glauben sei Privatsache, argumentiert er. Dann lasst mich doch in Ruhe mit meinem privaten Glauben. Schließlich vergleicht er sein Bekenntnis zum Christentum gar mit der Anhängerschaft von Fußballvereinen: 
"Wer schafft es denn wirklich, einem Fußballklub abzuschwören, wenn ein Spieler den Gegner mit Blutgrätsche zum Sportinvaliden tritt, die Vereinsführung die Schleusen zum Kommerz öffnet oder aus der Fankurve rassistische Parolen gegrölt werden?" 
Ach so. Er schafft es nicht. Na dann. -- Ein positives Glaubenszeugnis ist all das wohl kaum; eher im Gegenteil. Wie ich schon angedeutet habe (und regelmäßige Leser meines Blogs wissen es): Mit Feindschaft gegenüber dem christlichen Glauben werde auch ich in meinem alltäglichen Leben immer mal wieder konfrontiert. Und ja, das macht mich oft traurig und von Fall zu Fall auch wütend. Aber das eigentlich Schlimme daran ist doch nicht, dass es mich in unangenehme Situationen bringt, wenn ich mich zu meinem Glauben bekenne; das eigentlich Schlimme ist, dass die betreffenden Personen ihr eigenes Heil von sich stoßen. 

Nun will ich mit Friedhard Teuffel persönlich nicht allzu hart ins Gericht gehen. Wenn er darunter leidet, wegen seines Glaubens belächelt oder angefeindet zu werden, dann kann ich durchaus Mitgefühl mit ihm haben. Aber wenn ihm das Thema so wichtig ist, dass er in einer Zeitung darüber schreibt, dann empfinde ich die völlige Abwesenheit eines positiven Bekenntnisses zum Glauben schon als einen empfindlichen Mangel. Wenn es ihm nur um seine persönliche Befindlichkeit geht, warum kann er das dann nicht seinem Friseur, seinem Lifecoach oder im günstigsten Fall seinem Beichtvater erzählen? -- Bei nochmaligem Nachdenken über den Text kommt mir übrigens die Frage in den Sinn, ob diese defensive "Lasst mich doch"-Argumentationsstrategie womöglich schon das Maximum dessen ist, was eine führende Berliner Tageszeitung ihren Lesern in Sachen "Plädoyer für das Christentum" zuzumuten bereit ist. Und das finde ich dann wirklich bedenklich.