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Dienstag, 19. September 2017

Wie viele Leute passen auf den Platz der Republik?

Ein paar Tage nach dem Marsch für das Leben stellt sich wie jedes Jahr die Frage: Was sagen denn "die Medien" so? -- Josef Bordat, der dieses Jahr leider nicht selbst  mit von der Partie sein konnte, hat bereits am Samstagabend auf einen Bericht der Berliner Zeitung hingewiesen, in dem von "mehr als 1000 Abtreibungsgegner[n]" die Rede war, während die Zahl der Teilnehmer an zwei vom "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung" und dem Bündnis "What the Fuck?" ausgerichteten Gegenveranstaltungen auf insgesamt etwa 3000 beziffert wurde. Dieselben Angaben fanden sich ursprünglich auch in einem Bericht des RBB, der inzwischen allerdings teilweise überarbeitet wurde: Jetzt heißt es dort: "Nach Polizeiangaben versammelten sich dort laut Polizei am Mittag mehrere tausend Menschen. Laut Katholischer Nachrichtenagentur waren es 7.500 Teilnehmer." Über weite Strecken nahezu wortgleich wurde dieser Bericht auch von der sächsischen (evangelischen) Kirchenzeitung Der Sonntag übernommen - die Angabe zur Teilnehmerzahl allerdings nicht; diese liest sich dort so: "Etwa 3000 christliche Abtreibungsgegner und sogenannte Lebensschützer zogen nach Polizeiangaben mit einem 'Marsch für das Leben' vom Reichstag durch Berlin-Mitte zum Brandenburger Tor." 

Mehr als 1000? Sicherlich. Aber wie viel mehr, ist doch wohl die entscheidende Frage! 
Vergleicht man diese verschiedenen Zahlenangaben miteinander, kann man feststellen, dass "mehr als 1000" in jedem Fall zutrifft; aber die entscheidende Frage ist doch: wie viel mehr als 1000? Nun muss ich leider sagen, dass ich sehr, sehr schlecht im Schätzen von Menschenmengen (oder überhaupt von Mengen) bin. Trotzdem kann ich ja mal meine Beobachtungen schildern. Ich war am Samstag schon gegen halb Zwölf auf dem Platz der Republik, und zu diesem Zeitpunkt waren da erst ziemlich wenige Leute, abgesehen von solchen, die auf die eine oder andere Weise an der Organisation des Marsches bzw. der Auftaktkundgebung beteiligt waren. Also schaute ich zu, wie sich der Platz nach und nach füllte, und noch gegen halb Eins fand ich, es seien noch nicht so richtig doll viele Leute. Aber um Eins war der Platz voll. Und der Platz der Republik ist nun nicht gerade klein. Wie viele Menschen mögen da wohl draufpassen, selbst wenn man die Fläche der Bühne, des Infopavillons und der abgesperrten Bereiche abzieht? Mit aller Vorsicht gesagt: Die Formulierung "mehrere tausend" vermittelt wohl einen realistischeren Eindruck als "mehr als tausend"

Aber es kommt ja nicht nur auf die Teilnehmerzahl an. Was schreibt die Journaille denn sonst noch so über den Marsch? -- Im obigen Zitat aus der Kirchenzeitung Der Sonntag ist vielleicht dem einen oder anderen Leser schon die Formulierung "sogenannte Lebensschützer" aufgefallen. Wörtlich so stand's auch beim RBB. Nun hätte ich zwar eigentlich gedacht, in neutral sein wollender Berichterstattung (im Unterschied zu dezidierten Meinungsbeiträgen) hätten Vokabeln wie "sogenannte" (womit ja suggeriert wird, die Bezeichnung sei eigentlich unzutreffend) gar nichts zu suchen, aber diese Einstellung ist wohl ziemlich 90er. Wundern muss man sich übrigens auch nicht, dass der Evangelische Pressedienst (epd), der für den besagten Artikel verantwortlich zeichnet, dem Marsch für das Leben nicht wohlgesonnen ist. Schließlich befindet sich der epd in der Trägerschaft der EKD und deren Teilkirchen, und die legen ja schon seit Jahren größten Wert darauf, sich von den "sogenannten Lebensschützern" abzugrenzen.

Aber natürlich können andere Publikationen das noch toppen. Die taz etwa stellt sich in einem Artikel mit der Überschrift "Bunt und laut gegen weiße Kreuze" von vornherein explizit auf die Seite der Gegendemonstranten und schwärmt:
"Überall fliegen lila Luftballons herum, Regenbogenfahnen schwingen am Himmel und feministischer HipHop dröhnt aus dem Lautsprecherwagen. Die AbtreibungsgegnerInnen werden an den Seitenstraßen mit Trillerpfeiffen und 'My body, my choice'-Sprechchören empfangen. Ihr Ziel eines stillen Trauermarsches konnten sie nicht erreichen."  
Das Neue Deutschland zeigt ein Foto von einem zerbrochenen Holzkreuz und titelt dazu "'Lebensschützer' marschieren gegen die Rechte von Frauen"; "christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner und politische Unterstützer aus rechtskonservativen Kreisen", so lässt man die Leser wissen, träfen sich "zu ihrem sogenannten Marsch für das Leben".  Den Vogel schießt jedoch "Bento", das Spiegel-Online-SpinOff für die Zielgruppe der 18-30jährigen, ab. "So stellen sich Menschen in Berlin Abtreibungsgegnern in den Weg", lautet da die Überschrift - super, nicht? Auf der einen Seite Menschen, auf der anderen Abtreibungsgegner. Die Sympathien sind klar verteilt, was will man mehr. Im Teaser-Absatz wird behauptet, beim Marsch für das Leben würde "gegen das in Deutschland existierende Recht auf Abtreibung" demonstriert. Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Es wird behauptet, in Deutschland existiere ein Recht auf Abtreibung. Da fällt es schon ziemlich schwer, nicht das L-Wort in den Mund zu nehmen.

Warum, so möchte man fragen, diese Lügen, diese Scheingefechte, diese Verdrehungen? Warum werden ausgerechnet Lebensschützer so sehr diffamiert? -- Sicherlich gibt es auf diese Frage mehr als eine richtige Antwort, aber die Antwort, die ich bevorzuge, lautet: Weil sie den Finger in eine sehr, sehr schmerzhafte Wunde legen. Weil sie auf ein himmelschreiendes Unrecht - die massenhafte grausame Tötung wehrloser Kinder - aufmerksam machen, das Andere lieber ausblenden oder zumindest so tun möchten, als wäre es keins. Ein Aspekt, der hierbei, wie ich glaube, oft unterschätzt wird, ist das Ausmaß der persönlichen Betroffenheit. Dabei kann man sich das eigentlich ganz leicht vor Augen führen: Wenn es laut offiziellen Zahlen in Deutschland jährlich etwas über 100.000 Abtreibungen gibt, dann kommen wir in einem Zeitraum von 20 Jahren auf mehr als 2 Millionen getötete Kinder. An diesen über zwei Millionen Abtreibungen in 20 Jahren waren aber jeweils nicht nur die schwangere Frau und das medizinische Personal, das den Eingriff durchführte, beteiligt, sondern in wahrscheinlich den meisten Fällen auch noch mehrere weitere Personen, die die schwangere Frau mehr oder weniger massiv zur Abtreibung gedrängt oder ihr zumindest dazu geraten haben - in vielen Fällen wohl der Kindsvater, in anderen Fällen Familie, Freunde oder das berufliche Umfeld der Schwangeren. Macht man sich das bewusst, kommt man auf eine sehr, sehr große Zahl von Personen, für die die Frage nach der ethischen Bewertung von Abtreibung sehr "close to home" ist.

Aus gutem Grund kommen deshalb bei der Kundgebung zum Marsch für das Leben regelmäßig auch Betroffene zu Wort. In diesem Jahr handelte es sich um ein junges Paar, das zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Beziehung mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert worden war. Beide berichteten, praktisch ihr gesamtes Umfeld habe ihnen daraufhin suggeriert, so eine ungewollte Schwangerschaft sei ja "nicht so schlimm", schließlich könne man ja abtreiben. Ihnen wurde auch eingeredet, das, was da in der Gebärmutter der jungen Frau heranwachse, sei "noch kein Kind", sondern nur "Gewebe", das man ruhig "wegmachen" könne - das habe nichts mit Töten zu tun. Die Frau hatte übrigens schon früher einmal eine Abtreibung gehabt - und diese, wie sie berichtete, emotional nie richtig verarbeitet, sondern vielmehr verdrängt. Bei der zweiten Abtreibung kam dieses Verdrängte dann mit voller Wucht wieder hoch. Ich brauche hier wohl nicht weiter ins Detail zu gehen, um deutlich zu machen, worauf ich hinaus will: Nach einer Abtreibung sich selbst und anderen einzugestehen "Diese Entscheidung war falsch", erfordert großen Mut, aber es kann seelisch heilsam sein. Ein in der öffentlichen Debatte selten erwähnter, aber gar nicht unbedeutender Teil der Arbeit von Lebensschutzinitiativen besteht darin, Frauen, die abgetrieben haben, dabei zu helfen, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden. Auch beim Abschlussgottesdienst zum Marsch für das Leben wird stets explizit für von Abtreibung betroffene Frauen gebetet. Die oft gehörte Behauptung, die Lebensschutzbewegung würde diese Frauen "stigmatisieren" oder gar "verdammen", ist somit ein ziemlich bizarrer Vorwurf - allerdings einer, der auch jenseits des Themas Abtreibung immer mal wieder gegen Christen erhoben wird, wenn sie es wagen, dieses oder jenes als Sünde zu bezeichnen. Das ist nun allerdings ein Thema für sich. An dieser Stelle will ich nur sagen: Schuld zu leugnen und Schuldgefühle folgerichtig zu verdrängen, ist eine sichere Methode, die seelische Wunde nicht verheilen zu lassen. Und dass man dann aggressiv reagiert, wenn jemand an diese Wunde rührt --- ja, das ist durchaus verständlich.



Man könnte noch sehr viel mehr dazu sagen, aber da ich immer wieder von Lesern zu hören bekomme, meine Artikel wären leichter lesbar, wenn sie nicht ganz so lang wären, mache ich hier erst mal einen Punkt. Eine heute Vormittag auf Facebook geführte Debatte mit einer Lebensschutz-Gegnerin ist dann vielleicht eher ein Thema für einen eigenständigen Artikel...



Sonntag, 17. September 2017

Eigentlich gehört ihr zu uns!

Mein persönliches Highlight beim Marsch für das Leben 2017 war ein Moment kurz vor dem Beginn des Ökumenischen Abschlussgottesdienstes, als eine kleine Gruppe von Gegen[?]demonstranten den Platz vor der Bühne enterte und das folgende Transparent enthüllte: 


Die auf dem Foto teilweise verdeckte unterste Zeile lautet übrigens "Kapitalistische Optimierung sabotieren!". Okay, die Wortwahl ist recht charakteristisch für einen bestimmten Typus von Linken, die das, wogegen sie sich wenden, erst mal in möglichst pompösem ideologischem Vokabular beschreiben müssen, um sich der Legitimität des Dagegenseins zu vergewissern - wozu es insbesondere gehört, dass alles Schlechte irgendwie "kapitalistisch" sein muss. Aber immerhin räumt diese Unterzeile jegliche möglicherweise noch bestehenden Zweifel aus, dass das Transparent sich tatsächlich gegen Präimplantations- und Pränataldiagnostik wendet. Das tut der Marsch für das Leben allerdings auch; sprich, hätte sich das Farbschema des Transparents nicht so auffällig vom corporate design des Marschs unterschieden und hätten die Demonstranten, die das Transparent hielten, dabei nicht "Kein Gott - kein Staat - kein Patriarchat" skandiert, hätte man eigentlich keinen Grund gehabt, diese Aktion für einen Gegenprotest zu halten.

Zur Verdeutlichung: Mal angenommen, man ginge zu einer Demonstration gegen - sagen wir mal - die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan. Nur so als Beispiel. Und Leute, die in dieser Frage gegenteiliger Meinung sind, organisieren eine Gegendemo. Und nun sähe man in den Reihen der Gegendemonstranten jemanden, der ein Schild mit der Aufschrift "Afghanistan ist KEIN sicheres Herkunftsland!" hochhält. Was würde man da denken? Ich schätze, man würde denken: Entweder der hat sich verlaufen oder er hat sich als "Maulwurf" in die Gegendemo eingeschlichen.

Letzteres wäre beim Marsch für das Leben theoretisch durchaus denkbar, denn die Gegendemonstranten machen das ihrerseits ja auch gern so: dass einige von ihnen zunächst unerkannt im Demonstrationszug mitlaufen und sich erst nach einer Weile als Gegner zu erkennen geben. (Das war auch diesmal wieder so, vor allem zu Beginn des Marsches; ich komme später noch darauf zurück.) Könnte man also theoretisch auch mal umgekehrt machen. Aber das war hier wohl kaum der Fall. Die Erklärung für die oben geschilderte Transparent-Aktion dürfte viel banaler sein: Sie ist einfach ein besonders augenfälliges Beispiel dafür, dass viele der Gegendemonstranten gar nicht wissen, wogegen sie protestieren.

Daran sind sie nicht ganz und gar selber schuld. Ich habe in den letzten Jahren genug Mobilisierungs-Flyer zu den Protesten gegen den Marsch für das Leben in die Finger bekommen und einschlägige Websites besucht, um recht gut zu wissen, was für ein finsteres Zerrbild des Marsches und seiner Unterstützer da gezeichnet wird. Frauenfeindlich, homo- und transphob, sexistisch, rassistisch, faschistisch... Vermutlich je nach der zu mobilisierenden Zielgruppe werden diese Vorwürfe unterschiedlich stark gewichtet, aber präsent sind sie in der Regel alle. Die Berichterstattung vermeintlich seriöser Medien trägt auch nicht unbedingt dazu bei, dieses Bild zu korrigieren - ganz zu schweigen von den Stellungnahmen etwa der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) oder des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin. Im Vergleich zu letzteren sind mir die linksradikalen Krakeeler am Straßenrand sogar noch deutlich sympathischer: Immerhin gehen die für ihre - wenn auch irregeleiteten - Überzeugungen auf die Straße und riskieren etwas dafür, zum Beispiel sich mit der Polizei anzulegen; während die Sesselfurzer von EKBO und Diözesanrat lediglich ihre Gesinnungslosigkeit als "Ausgewogenheit" verkaufen und sich dafür auch noch auf die Schulter klopfen. 

Nun könnte man natürlich meinen, im Unterschied zu Vertretern der Spezies "Sesselfurzer" hätten die Gegendemonstranten ja ausreichend Gelegenheit, beim Marsch für das Leben ihre Fehleinschätzungen dieser Veranstaltung durch eigene Anschauung zu korrigieren. Tja, wenn sie denn z.B. den Redebeiträgen bei der Kundgebung etwas Aufmerksamkeit schenken würden, anstatt nur zu versuchen, sie durch Sprechchöre der ewig gleichen dümmlichen Parolen zu übertönen. Dann würde ihnen vielleicht mal auffallen, dass es eigentlich nicht in ihrem Sinne sein kann, einen geistig behinderten Jungen und seine Mutter auszubuhen oder, wie vor ein paar Jahren geschehen, eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer der Nazi-Euthanasieaktion T4 durch ein Pfeifkonzert zu stören. Allerdings darf man - neben grundlegenden ideologischen Verständnisbarrieren (z.B.: Was ist eigentlich Abtreibung? Legitimer Ausdruck des Rechts der Frau auf körperliche Selbstbestimmung oder doch die grausame Tötung eines wehrlosen Kindes?) - auch die Gruppendynamik des Augenblicks nicht außer Acht lassen. Wenn man mit lauter Gleichgesinnten hinter einer Polizeiabsperrung zusammengepfercht ist und den vermeintlichen Feind anrücken sieht, dann will man nicht in Frage stellen, ob man wirklich auf der richtigen Seite steht. Das Mitgrölen von Sprechchören trägt zusätzlich dazu bei, das kritische Denken auszuschalten, und das Adrenalin tut ein Übriges. Für Reflexion bleibt da kein Platz, jedenfalls nicht, solange die Situation andauert. Vielleicht irgendwann im Nachhinein. Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben. Wie sang ausgerechnet John Lennon: "I hope some day you'll join us".

-- Ich wollte noch etwas zu den "Maulwürfen" sagen, die sich unauffällig in den Demonstrationszug einschlichen und dort dann Schilder zeigten oder Parolen riefen, die sie als Gegendemonstranten auswiesen. Relativ kurz nach dem Start des Marsches gab es ein paar solcher Fälle, und zwei- oder dreimal sah ich mich, obwohl ich keinen Ordnerdienst hatte, veranlasst, einzuschreiten, wenn Marsch-Teilnehmer Anstalten machten, den Gegendemonstranten an den Kragen zu gehen, ihnen beispielsweise gewaltsam ihre Schilder zu entwinden oder Ähnliches. Wenn man Eskalation vermeiden will, muss man eben immer auch und besonders auf die eigenen Leute aufpassen. Ironischerweise, so schien es mir jedenfalls, führte mein Eingreifen dazu, dass einige Frauen mittleren Alters mich verdächtigten, ebenfalls ein "Maulwurf" zu sein. Was mich allerdings eher amüsierte als ärgerte.


Von diesen kleinen Zwischenfällen abgesehen sah und hörte man von den Gegenprotesten in diesem Jahr erheblich weniger als in früheren Jahren, hauptsächlich wohl deshalb, weil die Polizei sehr souverän und konsequent für räumlichen Abstand sorgte. An der Kreuzung Dorotheenstraße/Friedrichstraße gelang es den Protestlern allerdings vorübergehend, den Demonstrationszug zu blockieren, und ich vermute (genau weiß ich es nicht, da ich mich im Vorfeld nicht über die geplante Route informiert hatte), dass infolgedessen auch die Route des Marsches spontan geändert wurde. Für so eine Blockade braucht man sicherlich eine einigermaßen stattliche Anzahl an Personen, ein paar Hundert werden's also wohl gewesen sein; aber ansonsten sah und hörte man immer nur recht spärliche Grüppchen.






Zu den Dingen, die den Zorn der Gegendemonstranten stets in besonderem Maße herausfordern, gehört übrigens interessanterweise der betont christliche Charakter des Marschs für das Leben. Die Feindschaft der Marsch-Gegner gegenüber dem Christentum schlägt sich in diversen Plakatmotiven und im Text mehrerer immer wieder zu hörender Sprechchöre nieder, nicht zuletzt aber auch darin, dass sich seit einigen Jahren ein nicht unwesentlicher Teil der Störaktionen auf den Ökumenisches Abschlussgottesdienst konzentriert. Dieses Jahr hielt sich das Ausmaß der Gottesdienst-Störungen ziemlich in Grenzen, aber ein ganz eigenes Gefühl ist es doch, wenn einige Tausend Gottesdienstteilnehmer das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen und jeweils in den Sprechpausen von ferne zu hören ist: "Kein Gott - kein Staat - kein Patriarchat"...

Bischof Dr. Rudolf Voderholzer (Regensburg) predigte. 
Für diese Feindseligkeit gegenüber dem Christentum gilt das eingangs Gesagte in besonderem Maße: Die Störer wissen gar nicht, wogegen sie protestieren, d.h. sie haben überhaupt keine Ahnung vom christlichen Glauben. Auch das haben sie gemeinsam mit... äh nein, das schreib' ich jetzt nicht. Aber im Ernst: Die Warnungen vor der angeblichen Gefährlichkeit "christlicher Fundamentalisten" sind ja nun auch nicht erst seit gestern im Mainstream der als seriös geltenden Medien angekommen und werden auch und nicht zuletzt von kirchlichen Gremien und Verbänden kräftig mit befeuert - die werden schon wissen, warum. Und wenn wir es bei den Gegendemonstranten mit Leuten zu tun haben, die sich ideologisch eher in der Nachfolge der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg sehen, muss man sich wohl umso weniger wundern, wenn diese mit den Begriffen Christentum und Kirche geradezu den Inbegriff alles Üblen assoziieren. Vor diesem Hintergrund habe ich den trotz Allem weitgehend störungsfrei verlaufenen und insgesamt einfach schönen Abschlussgottesdienst als ein starkes Zeichen empfunden, nicht zuletzt auch deshalb, weil in diesem Gottesdienst explizit auch für die Gegendemonstranten gebetet wurde.



Nebenbei fiel beim Abschlussgottesdienst noch einmal besonders auf, was schon während des Marsches selbst zu bemerken war: Die Altersstruktur der Teilnehmer am Marsch für das Leben hat sich in den letzten Jahren zunehmend in Richtung Jugendlicher und junger Erwachsener verschoben. Eine Entwicklung, die optimistisch in die Zukunft blicken lässt! -- Wie schon im letzten Jahr wurden sowohl die Auftaktkundgebung als auch der Abschlussgottesdienst musikalisch von der Gruppe Gnadensohn begleitet; bei der Kundgebung spielten sie eigene Kompositionen, beim Gottesdienst hingegen einige Klassiker charismatischer Lobpreismusik: "So groß ist der Herr (Ein König voller Pracht)", "Mein Jesus, mein Retter" und zum Abschluss "Zehntausend Gründe". Da wehte direkt ein Hauch von MEHR über den Platz der Republik, und mit MEHR meine ich natürlich die gleichnamige Gebetskonferenz... die, bei aller Unterschiedlichkeit des Anlasses, mit dem Marsch für das Leben noch eine weitere interessante Gemeinsamkeit hat, nämlich ihre spezifische Form von Ökumene. Will sagen, ihren Charakter als überkonfessionelles Projekt von Katholiken und Freikirchlern, aus dem sich landeskirchliche Protestanten weitestgehend heraushalten. Das gibt zu denken, möchte ich meinen. Jedenfalls war es unter diesem Aspekt einigermaßen folgerichtig, dass ich bei beiden "Events" ziemlich weitgehend dieselben Bekannten getroffen habe...

Es war übrigens insgesamt meine sechste Teilnahme am Marsch für das Leben, und ich muss sagen, diesmal fand ich die Veranstaltung besonders gelungen und bin ausgesprochen froh darüber. Was ich nicht geschafft habe, ist, am selben Abend auch noch zum Nightfever zu gehen. Schon ein bisschen schade, dass das ausgerechnet beides am selben Tag war, aber im Nachhinein habe ich mich dann ehrlich gesagt auch gefragt, ob es mit ein bisschen gutem Willen auf beiden (!) Seiten nicht hätte möglich sein sollen, das besser zu koordinieren. So ein "Nightfever spezial" für die Teilnehmer des Marschs für das Leben, womöglich sogar unter freiem Himmel (das Wetter war toll!)... Träumen kann man ja mal.

Insgesamt würde ich mir eigentlich noch mehr Unterstützung für den Marsch für das Leben von Seiten der Kirche wünschen - sowohl auf der Ebene der Bistümer als auch der Pfarrgemeinden. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass die sogenannte "Amtskirche" keine so herausragende Rolle bei der Organisation des Marsches spielt - dann wird umso deutlicher, dass es sich um eine Basisbewegung von Laien handelt.

Weitere lesenswerte Berichte gibt's auf dem Blog "Katholisch? Logisch!" von Kollegin Claudia:


Und: Ich freue mich jetzt schon auf nächstes Jahr!




Freitag, 15. September 2017

Das fremde Bett

Ich weiß gar nicht, wie oft ich in der U-Bahn schon dieses Werbeplakat gesehen habe; und jedesmal hat es mir ein mindestens innerliches Kopfschütteln entlockt. Gestern habe ich dann mal die Gelegenheit genutzt, ein Foto davon zu machen. 



"Kaufen Sie dieses Bett! Es ist sehr gut! Im Bettkasten gibt es so viel Stauraum, da passt sogar ein heimlicher Liebhaber rein!" 

Prima, dann muss er, wenn der Ehemann unerwartet nach Hause kommt, nicht wieder in den Kleiderschrank wie sonst immer. Denn da riecht es nicht nur nach Mottenkugeln, sondern wenn man Pech hat, steckt da bereits jemand drin. Zum Beispiel der halbwüchsige Sohn des Hauses, der seinen Aufklärungsunterricht mit ein bisschen Live-Anschauungsmaterial unterfüttern möchte. Und wenn er zufällig gerade neue Fußballschuhe braucht, erpresst er den Kleiderschrankflüchtling womöglich, indem er vorgibt, niesen zu müssen. Man kennt das. 

Dass das Thema Ehebruch in der Dichtung der Menschheit zu allen Zeiten und auf allen Niveaustufen sehr prominent ist und zuweilen sogar geradezu glorifiziert wird, ist ja eine recht bemerkenswerte Tatsache; was der studierte Theaterwissenschaftler in mir aber besonders interessant findet, ist der Umstand, dass dieses Thema - und zwar auch schon seit der Antike (Menander, Plautus, Terenz) - gerade als Komödien- bzw. Schwankmotiv so beliebt ist. Wer soll das eigentlich lustig finden, und warum

Ohne hier allzu akademisch werden zu wollen, möchte ich mal die These aufstellen, dass ursprünglich der Ehemann die lächerliche Figur in dieser Konstellation war. Der alte, impotente, unfruchtbare Mann, der die schöne junge Frau hortet wie der Drache das verwunschene Gold. Mythologisch gesehen repräsentiert er den Gott des Winters, dem die Frau (=die Erde) ausgespannt werden muss, damit im Frühjahr alle Knospen springen. In der bürgerlichen Gesellschaft schwand allerdings das Verständnis für diesen mythologischen Hintergrund, und außerdem wurde das Theaterpublikum zunehmend von angegrauten Honoratioren dominiert, die sich der Treue ihrer oft sehr viel jüngeren Frauen auch nicht so ganz sicher waren. Und im Zuge dieser Entwicklung wird dann der Liebhaber zur lächerlichen Figur, indem er in peinliche und unwürdige Situationen gebracht wird wie die, sich im Kleiderschrank (oder eben im Bettkasten) verstecken zu müssen. Das Gelächter über solche Szenen wurde also quasi zur Rache des gehörnten Ehemanns. Eine etwas armselige Rache, möchte man meinen. 

Davon aber mal ganz angesehen, frage ich mich, ob die Werbebotschaft dieses Plakats wirklich so ein gelungenes Verkaufsargument ist. Man stelle sich vor, ein Ehepaar - oder meinetwegen auch ein in eheähnlicher Gemeinschaft lebendes Paar - sieht dieses Plakat, und die Frau sagt zum Mann: 
"Du, lass uns so ein Bett kaufen!" 
Was der dann wohl denkt... 



Mittwoch, 13. September 2017

Von der Nabel- zur Pimmelschau und zurück

oder: Von der sexuellen Befreiung des Christenmenschen 

Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin, von der auf diesem Blog schon öfter die Rede war und die seit ein paar Monaten Single ist. Letzteres erwähne ich nicht in der Absicht, sie zu verkuppeln, sondern weil es für sie ein ziemlich ungewohnter Zustand ist: Die letzte längere Zeitspanne, in der sie nicht in einer Beziehung war, liegt gut acht Jahre zurück. "Und seitdem hat sich die Dating-Kultur wirklich rapide verändert", ließ sie mich wissen. "Ich komm' da nicht mehr mit. Ich bin ja eher die Person, die sich in einer Kneipe an die Theke setzt und 'Hi' zu Leuten sagt. Macht man heutzutage aber nicht mehr. Heutzutage gibt es Tinder, und Leute schicken dir unaufgefordert Penisfotos." 
"Ja, aber - will man das?", warf ich stirnrunzelnd ein. 
"Das ist überhaupt nicht die Frage", erklärte meine Freundin. "Der Punkt ist, es ist eine Realität - und zwar eine, die bisher komplett an uns vorbeigegangen ist." 

(Bildquelle: Pixabay
Daran musste ich denken, als ich jüngst - dank einem Eintrag bei Theoradar, dem alten Westgotenhäuptling - auf einen Blog namens "Auf'n Kaffee mit Rolf Krüger" stieß, und zwar konkret auf einen derzeit offenbar heiß diskutierten Artikel mit der Überschrift "'Nashville' und 'Denver' im Vergleich: Wie glaubst du?". Ich schicke voraus, dass ich beim ersten Überfliegen der Einleitung die Assoziation hatte, der zweite Teil der Überschrift hätte besser "Was rauchst du?" lauten sollen; aber mal der Reihe nach. Allen, die ebenso wie ich mit "Nashville" in erster Linie Country-Musik und mit "Denver" eine TV-Familiensaga aus den 80er Jahren assoziieren, sei gesagt, dass das "Nashville Statement" eine speziell in evangelikalen Kreisen erhebliches Aufsehen erregende Resolution ist, die im Grunde nichts Anderes tut, als eine konservativ-christliche Sexualethik zu "re-inforcen", wie man das so schön nennt; und das "Denver Statement" ist eine Erwiderung darauf, verfasst von der bei unseren Nachbarn in der Ökumene gerade sehr hoch gehandelten Theologin Nadia Bolz-Weber. Das ist "die mit den Tattoos", aber dazu später. Nun könnte diese ganze Debatte mir als Katholikem[*] eigentlich herzlich egal sein. Wer braucht ein Nashville Statement, wenn er die Theologie des Leibes hat. Darum habe ich mich mit Rolf Krügers unautorisierter Arbeitsübersetzung beider "Statements" auch gar nicht eingehender befasst; mir reichte schon sein Einleitungstext. Den finde ich allerdings durchaus illustrativ, nämlich für den von mir schon öfter geahnten Umstand, dass es auf Gottes schöner Erde kaum etwas Spießigeres und Langweiligeres gibt als liberale Protestanten. Okay: Liberale Katholiken sind eventuell noch etwas schlimmer, aber die dürfte es per definitionem ja eigentlich überhaupt nicht geben bzw. sind in Wirklichkeit eigentlich auch Protestanten. 

Was veranlasst mich zu diesem harschen Urteil? Nun, einerseits meine unausrottbare Lust an der Polemik, und andererseits betulich-grundschulpädagoginnenhafte Publikumsbeteiligungs-Aufforderungen wie "Welche Weltsicht entspricht euch?" (würg!), vor allem aber Sätze wie: "'Nashville' wendet sich gegen alle von uns, die Sexualität jenseits der klassischen, monogamen, heterosexuellen Ehe genießen (möchten)". Das steht da wirklich! Ja, ich sehe sie ganz lebhaft vor mir, die braven Christen, die so gern "Sexualität genießen möchten", aber die böse, böse Nashville-Fraktion lässt sie nicht. Heititei, die Küche brennt. 

Was das Ganze mit der obigen Erwähnung von Tinder und Penisfotos zu tun haben könnte, zeigt Krügers beiläufige Erwähnung von "One-Night-Stands, Tinder-Bekanntschaften oder offenen Beziehungen", von denen er allerdings meint, dass sie "für die meisten Christen zur Zeit wohl kein akutes Thema sein dürften". Man beachte die dreifache Einschränkung: "die meisten Christen", "zur Zeit", "kein akutes Thema". Für einige ist es also vielleicht doch schon ein Thema, und für die übrigen vielleicht später mal, so in 20, 30 Jahren, wenn sie ihren Rückstand gegenüber der sexuellen Befreiung der Mainstream-Gesellschaft aufgeholt haben. Im Ernst: Diese Nebenbemerkung zeigt in unbeabsichtigter Deutlichkeit, wie out of touch die ganze Debatte ist. Während konservative und liberale Christen damit beschäftigt sind, 40, ja eigentlich schon 50 Jahre alte Kämpfe der Sexuellen Revolution im Sandkasten nachzuspielen, ist der Zug in der realen Welt schon ganz, ganz weit abgefahren. Ärzte registrieren eine rapide zunehmende Zahl von Mädchen im Teenageralter und zum Teil noch darunter, die infolge exzessiven Analverkehrs an rektaler Inkontinenz leiden, und Rolf Krüger macht sich Sorgen, weil 'Nashville' "auch den für junge Christen inzwischen ganz normalen Sex in einer Beziehung zwischen Unverheirateten verurteilt". -- Was "normal" ist und was nicht, ist übrigens insgesamt ein ganz großes Thema für ihn. Woraus man schließen kann, dass er es im Wesentlichen als eine Frage von Konventionen betrachtet, was "erlaubt" ist (bzw. sein sollte) und was nicht. Interessanterweise unterstellt er dieselbe Sichtweise auch den Konservativen, wenn er schreibt, diese würden "eigentlich alles" ablehnen, "was nicht bis neulich 'normal' war". Mir fällt dazu Tertullian ein: "Christus hat gesagt: Ich bin die Wahrheit, nicht: Ich bin die Gewohnheit." Aber das nur nebenbei. "Die Frage", so meint Rolf Krüger, "ist also generell: Wie wollen wir als Christen leben? Eng oder weit? [Man verzeihe mir, wenn ich hier einwerfe, dass diese Formulierung im Zusammenhang mit dem oben erwähnten Thema Analverkehr und Inkontinenz bei mir recht unschöne Assoziationen weckt.] Voller Abgrenzung oder voller Neugier?" 

Vielleicht ist es nicht unmittelbar einleuchtend, wie ich zu der Einschätzung komme, die hinter solcher Rhetorik verborgene Einstellung sei spießig und verklemmt. Ich will's mal ganz simpel ausdrücken: Den Wunsch nach Weite wird vor allem derjenige verspüren, der aus der Enge kommt. Ich meine damit nicht unbedingt Rolf Krüger persönlich, schließlich kenne ich den Mann überhaupt nicht. In Hinblick auf das Thema Konventionen finde ich es allerdings recht bezeichnend, dass die Theologin Nadia Bolz-Weber in Krügers Text als "die (nicht nur) durch ihre Tatoos bekannte Pastorin" eingeführt wird. Boah, eine Pastorin mit Tattoos! Das ist wie damals in den 80ern, als Joschka Fischer hessischer Umweltminister wurde: Boah, ein Minister mit Turnschuhen und ohne Krawatte! Den einen ein Ärgernis, den anderen ein Hoffnungszeichen, aber so oder so lenkt es eigentlich nur von den Inhalten ab. Man kann sich allerdings gut vorstellen, wie eine tatöwierte Nadia Bolz-Weber bei denjenigen Christen ankommt, in deren Herkunftsmilieu die Frage, wie man gottgefällig leben könne und solle, sich auch auf Kleidung und Frisur erstreckte, Christsein also auf schier unentwirrbare Weise mit Spießertum verquickt war. Um dieser Form von "Enge" zu entkommen, verfällt man gern ins gegenteilige Extrem - i.d.R. ohne zu merken, dass es da im Grunde genauso "eng" ist. 

Allgemein ist es ja ein ganz interessantes Phänomen, dass gerade in Teilen der evangelikalen Bewegung in jüngster Zeit ein verstärktes Bemühen zu beobachten ist, eine "freiere" Sexualmoral zu propagieren und diese möglichst irgendwie theologisch abzusichern. Nun möchte ich behaupten: Dass Jugendliche bzw. junge Erwachsene aus evangelikalen Familien sich gegen die puritanische Moral ihrer Altvorderen aufgelehnt haben, das gab's in den 60ern auch schon. Damals ist man dann halt zu Hause ausgezogen, nach Milwaukee gegangen und hat in der Rollschuhdisco ein heißes Girl aufgegabelt. Oder so. So ganz losgeworden sind die jungen Leute die Moralvorstellungen, mit denen sie aufgewachsen sind, natürlich nicht, auch wenn sie nicht danach gelebt haben. Rockmusik-Texte sind voll von diesem Konflikt, man studiere nur mal exemplarisch das Album Bat out of Hell von Meat Loaf (1977) - es lohnt sich. Der Unterschied zu heute ist, damals war es noch eine richtige Rebellion. Heutzutage will man die Regeln ändern, um nicht mehr gegen sie verstoßen zu müssen. Und das, also, sorry. 

Augen auf beim Kaffeesauf!
(Bildquelle: Flickr
Bezeichnend ist es in diesem Zusammenhang, dass der Gedanke, die - sagen wir mal: "tradierte" - christliche Sexualethik könne noch einen anderen Zweck haben als den, Menschen zu gängeln und einzuschränken, im Denken derer, die diese Ethik partout "liberalisieren" wollen, überhaupt nicht vorkommt. Also, dass Ge- und Verbote, die darauf abzielen, dem Ausleben des Geschlechtstriebs gewisse Grenzen zu setzen, beispielsweise auch den Zweck haben könnten, die Menschen vor allerlei Üblem zu bewahren. Auf diese Weise kommt auch nicht in den Blick, dass Phänomene wie die oben andeutungsweise beschriebenen nicht einfach "Betriebsunfälle" der Sexuellen Revolution sind, sondern ganz folgerichtige Entwicklungen: Dass, wenn der organische Zusammenhang zwischen Liebe, Sexualität und Elternschaft - und zwar im Rahmen der Ehe! - aufgebrochen wird, Sex über kurz oder lang zur Ware wird, und zwar nicht allein in Form von gewerbsmäßiger Prostitution und Pornographie, die es schließlich früher auch schon gab, sondern auch in allen möglichen und unmöglichen anderen Formen, ist eine Beobachtung, die man bereits aus der Enzyklika Humanae Vitae (1968!) des Sel. Paul VI. extrapolieren kann, von der oben erwähnten Theologie des Leibes des Hl. Johannes Paul II. ganz zu schweigen. 

-- Zum Stichwort "Das gab es früher auch schon" ist übrigens natürlich zu sagen: Dass Menschen, und darunter auch durchaus fromme Christen, sich mit Dingen wie ehelicher Treue und außerehelicher Enthaltsamkeit schwer tun und auch zuweilen dagegen verstoßen, hat es immer gegeben und wird es diesseits des Himmels auch immer geben. Das nennt man dann halt sündigen. Sünde ist, buchstäblich seit Adam und Eva, eine Realität der conditio humana, mit der man rechnen muss; und wenn sie sich nicht im sexuellen Bereich verwirklicht, dann in anderen Lebensbereichen. Das Problem der liberalen Klemmis ist nun aber, sie wollen eine Version des Christentums, die ihnen die Erlaubnis zum Sündigen erteilt. Was aber nun mal nicht geht, denn was erlaubt ist, das ist ja keine Sünde mehr. Und somit eben: langweilig. 



[*] Rettet dem Dativ!


Dienstag, 12. September 2017

Für das Leben oder nur so ein bisschen

Würde mir im "Real Life" jemand die Frage stellen "Muss man als Christ den Marsch für das Leben unterstützen?", dann würde ich wahrscheinlich antworten: "Beim Christsein geht es nicht ums Müssen, daher: nein." Ich stelle mir vor, dass das recht interessante Reaktionen auslösen dürfte, denn die genannte Frage kann ja eigentlich nur in provozierender Absicht gestellt worden sein, und vermutlich hat der Fragesteller eine Vorstellung vom Christsein, in der es permanent ums Müssen geht. Also wird der wohl erst mal ziemlich komisch gucken, und wenn man Glück hat, entwickelt sich der Dialog von da an in eine ganz andere Richtung. (Es ist immer ratsam, für alle Fälle vier oder fünf solcher "conversation changer"-Sätze in petto zu haben; sie funktionieren nicht immer, aber den Versuch ist es wert.) Bleibt der Fragesteller jedoch souverän und erwidert: "Okay, dann also: Sollte man als Christ den Marsch für das Leben unterstützen?", dann würde ich wohl antworten: "Ich finde, ja." 

Mir sind allerlei Gründe bekannt, weshalb Christen dem Marsch für das Leben skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen; die meisten halte ich für falsch und die übrigen für nicht ausreichend. Gleichwohl bin ich mir bewusst, dass es sich dabei - idealerweise - um eine Gewissensentscheidung handelt und es mir nicht zusteht, über jene zu urteilen, die in diesem Punkt anderer Meinung sind als ich. Wenn aber Christen nicht bloß als Privatpersonen, sondern als Repräsentanten christlicher Organisationen, Gruppen oder Gremien den Marsch demonstrativ nicht unterstützen - das heißt, wenn sie ein Statement daraus machen, ihn nicht zu unterstützen - dann finde ich das schon sehr ärgerlich, ja sogar schändlich. 




Dies mal als unfreundlichen Gruß an den Diözesanrat der Berliner Katholiken, der bereits Ende Mai einen Antrag auf Unterstützung des Marsches mit großer Mehrheit abgelehnt hat. Näheres dazu kann man beispielsweise hier, hier, hier und vor allem hier nachlesen. Die Gegenrede gegen den Antrag, der sich in der Abstimmung dann die meisten Diözesanratsmitglieder inhaltlich anschlossen, muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da wird den Veranstaltern des Marsches vorgeworfen bzw. unterstellt, sie ließen eine "differenzierte Auseinandersetzung mit einem komplexen Thema vermissen" und würden einer "Stigmatisierung der Frauen" und "Radikalisierung" Vorschub leisten. Im gleichen Atemzug wird - halten wir (uns) fest: seitens der offiziellen obersten Laienvertretung eines katholischen Erzbistums! - der in einem Akt offenen Widerstands gegen eine Entscheidung des Papstes gegründete und betriebene Verein "donum vitae" gelobt, da dieser dafür Sorge trage, "dass die betroffenen Menschen in ihrer Not nicht allein gelassen werden". Damit nicht genug, übernimmt der Wortbeitrag unverhohlen die Rhetorik der "Pro Choice"-Propagandisten, indem er euphemistisch von "Frauen und Männer[n]" spricht, die sich "gegen ihr Kind entscheiden". 

Pikant an dieser Entscheidung des Diözesanrats war es nicht zuletzt, dass das Gremium sich damit gegen die eigenen Bischöfe stellte: Beim Marsch für das Leben 2016 waren neben drei Diözesan- und Weihbischöfen anderer Bistümer der Berliner Erzbischof Heiner Koch und Weihbischof Matthias Heinrich dabei. Dieses Jahr ist der Erzbischof verhindert - er muss nach Greifswald zum Ökumenischen Kirchentag Vorpommerns -, aber Weihbischof Heinrich wird erneut teilnehmen und ein Grußwort von Erzbischof Koch verlesen. Dieses ist bereits vorab veröffentlicht worden, und ich erlaube mir, daraus zu zitieren: 
"Auch in diesem Jahr treffen Sie sich in Berlin, um die Stimme zu erheben für das Recht aller Menschen zu leben und ihr Leben zu entfalten, das Recht der ungeborenen Menschen, der schwachen und heimatlosen, der verfolgten und der Flüchtenden und schließlich der sterbenden Menschen. [...]
Die Fragen, die Sie mit dem 'Marsch für das Leben' stellen, stelle ich mir selbst in gleicher Weise, und ich stelle sie in vielen Gesprächen, die ich führe:
Warum setzen wir menschlichem Leben eine Grenze? Warum gilt der Lebensschutz für die Ungeborenen nicht uneingeschränkt?
Warum wird behindertes Leben im Mutterschoß weniger geschützt als nicht behindertes Leben?
Warum ist der Schutz von Artenvielfalt, sauberer Luft oder Lebensbedingungen oft strenger und konsequenter juristisch aufgestellt als der Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens?
Das menschliche Leben ist vielfach gefährdet und schutzbedürftig. Es wird bedroht durch Umweltverschmutzung, soziale Ungerechtigkeiten, Krankheiten und Kriege. In fast allen Bereichen bilden sich wirkmächtige Lobby-Verbände. [...] Warum wird der Lebensschutz für das ungeborene Leben noch immer relativiert und gern in die rechte Ecke gestellt, völlig zu Unrecht?" 
Nun wollte sich der Diözesanrat wohl auch nicht lumpen lassen und hat seinerseits angesichts des herannahenden Marsches noch einmal ein Statement abgegeben. Ein Statement, das auf den ersten Blick nach einem Versuch aussieht, es allen Seiten recht zu machen, auf den zweiten Blick jedoch ein gerüttelt Maß an Perfidie erkennen lässt. 

"Diözesanrat engagiert für Lebensschutz", ist die Pressemitteilung überschrieben. Will sagen: Okay, wir haben uns gegen die Unterstützung des Marschs für das Leben ausgesprochen, aber davon abgesehen tun wir ganz doll viel für den Lebensschutz. Echt jetzt! Zum Beispiel "donum vitae" unterstützen. Wir sind auch ganz doll gegen "Abtreibung als Mittel der Familienplanung" und gegen "organisierte Sterbehilfe". (Das lässt raffinierterweise offen, was von anderen Motiven für Abtreibung und von nicht-organisierter Sterbehilfe zu halten ist.) Und obendrein hat der Diözesanrat auch gar nichts dagegen, wenn Leute so "plakative Formen des Protestes" wie den Marsch für das Leben unterstützenswert finden: Der wird zwar "von manchem als der Sache nicht förderlich angesehen", aber der Diözesanrat ist da gar nicht so und "möchte es [...] jedem selbst überlassen", ob er da mitläuft oder nicht. Toll, toller, tolerant! 

Offen gestanden, es widert mich an, von was für Gestalten man sich als katholischer Laie in Berlin offiziell vertreten lassen muss.  

Aber warum ist es denn nun meiner Meinung nach so wichtig, den Marsch für das Leben zu unterstützen? -- Würde mich jemand fragen "Glaubst du, durch deine Teilnahme am Marsch für das Leben rettest du auch nur ein einziges Kind vor der Abtreibung?", müsste ich wohl antworten: Unmittelbar und allein dadurch sehr wahrscheinlich nicht. Aber ich hätte auch eine tolle Gegenfrage: "Glaubst du, durch deine Nichtteilnahme am Marsch für das Leben rettest du auch nur ein einziges Kind vor der Abtreibung?" Ich schätze mal, diese Frage wird man mindestens ebenso sicher mit Nein beantworten müssen. Und das ist in meinen Augen ein absolut hinreichender Grund, lieber hinzugehen als nicht hinzugehen. In erster Linie ist der Marsch für das Leben eine Gedenkveranstaltung für die durch Abtreibung getöteten Kinder, deren Zahl allein in den gut zwei Jahrzehnten seit der Novellierung des § 218 in Deutschland in die Millionen geht. Diese Kinder verdienen es, dass man an sie erinnert. Sodann ist der Marsch für das Leben auch der jährliche - man verzeihe mir die vielleicht unangemessene Ausdrucksweise - "Programmhöhepunkt" für die deutsche Lebensschutzbewegung. Selbst wenn der Marsch "nur" der Selbstvergewisserung der Bewegung dienen würde, hätte er damit schon seine Berechtigung: Eine hohe Teilnehmerzahl beim Marsch sendet ein Signal der Unterstützung und Ermutigung an die vielen haupt- und ehrenamtlich Tätigen, die sich tagtäglich für den Lebensschutz engagieren und damit sehr wohl zahlreichen Kindern das Leben retten. Wie viel Schaden ein demonstrativer Akt der Nicht-Unterstützung dieser Arbeit zufügt, dürfte kaum zu ermessen sein. 

Und schließlich sind da noch die wütenden und nicht selten gewaltsamen Proteste gegen den Marsch. Die gäbe es auch nicht, wenn nicht zumindest unsere Gegner der Meinung wären, dass wir mit dem Marsch etwas bewirken können. Ich finde das ermutigend. 


Stell dir vor, es gibt keinen Himmel

Dass die Kirche in unseren Breiten, neben anderen Problemen, nicht zuletzt an einem eklatant mangelnden Glaubenswissen ihrer Mitglieder krankt, ist an und für sich keine besonders neue oder originelle Erkenntnis. Wenn man, sei es in Sozialen Netzwerken oder im "realen Leben", gern auch mal mit Leuten von außerhalb des eigenen engsten Freundes- und Bekanntenkreises diskutiert, kann man häufig die Erfahrung machen, dass Menschen, die sich selbst sehr überzeugt und ernsthaft als Christen betrachten, zuweilen sehr schwammige oder verzerrte Vorstellungen davon haben, was ihre eigene Konfession eigentlich tatsächlich lehrt. Nicht selten geht das so weit, dass ein Bekenntnis zu bestimmten eher unpopulären Aspekten der kirchlichen Lehre als "unchristlich" zurückgewiesen wird. Wieso? Weil Dogmen diskriminieren, und wir sollen uns doch alle lieb haben, und Gott hat uns schließlich so geschaffen, wie wir sind, und deshalb sind wir gut so, wie wir sind. 

In solchen Vorstellungen geht zumeist manches Richtige mit allerlei Falschem munter durcheinander, und das mal auseinanderzudröseln, zu sortieren und Begriffe zu klären (z.B.: was heißt eigentlich "Nächstenliebe"?), wäre eigentlich eine interessante und verdienstvolle Aufgabe für die kirchliche Medienarbeit. Gerade in den Sozialen Netzwerken. Erfreulicherweise gibt es da durchaus immer mal wieder gelungene Beispiele für die Vermittlung von Glaubenswissen, aber problematisch wird's, wenn in den betreffenden Redaktionen Leute sitzen, die selbst nur ein vages und eher emotional-assoziatives Verständnis vom christlichen Glauben haben. 

(Bildquelle: Pixabay.) 
Man sehe es mir bitte nach, dass ich schon wieder die Facebook-Seite des Bistums Münster als Beispiel heranziehe. Aber was soll ich machen, die ist nun mal unheimlich illustrativ für das hier beschriebene Problem. Neulich brachte diese Seite - aus Anlass des Internationalen Friedenstreffens der Gemeinschaft Sant' Egidio in Münster und Osnabrück - einen Beitrag mit mehr oder weniger ungelenk übersetzten Auszügen aus dem Text von John Lennons Imagine. Weil, Frieden und so. 

Nun ist mir schon öfter aufgefallen, dass diese pompös-schnulzige Klavierballade bei Menschen, die auf eine undogmatische, gefühlsbetonte Weise "irgendwie religiös" sind, eine Saite zum Schwingen bringt. Es wäre vielleicht ganz interessant, das mal empirisch zu untersuchen. Auffallend ist dieser Umstand aber vor allem deshalb, weil der Liedtext explizit und offensichtlich antireligiös ist. "Stell dir vor, es gibt keinen Himmel", heißt es gleich im ersten Vers; nun gut, vorstellen kann man sich ja so Einiges, aber was Lennon offenkundig meint, ist, dass die Verneinung des Glaubens an ein Jenseits eine Voraussetzung für ein besseres, harmonischeres Leben im Hier und Jetzt sei. Im weiteren Verlauf des Liedtexts wird der Ex-Beatle noch deutlicher: In einer Aufzählung von Dingen, die es in einer nach seinem Verständnis idealen Welt nicht geben sollte, heißt es "und auch keine Religion". 

Gewiss, just diese Textstellen haben die Münsteraner Facebook-Beauftragten in ihrer Übersetzung ausgelassen. Ganz blöd sind die ja auch nicht. Nur, die betreffenden Stellen stehen eben trotzdem in dem Lied drin. Das weiß erstens jeder, der das Lied kennt, und denkt es bei der Lektüre der anderen Textauszüge automatisch mit; und zweitens gehören sie nun mal wesentlich zu der von Lennon entworfenen Peace, Love & Harmony-Vision dazu. Es wäre arg oberflächlich, anzunehmen, man könnte dem Text seine antireligiöse und spezifisch antichristliche Ausrichtung dadurch nehmen, dass man jene Stellen, an denen diese Ausrichtung explizit zur Sprache kommt, verschweigt. 

So gäbe es denn auch gegen diejenigen Textstellen, die das Team des Bistums Münster in ihrem Beitrag nicht verschweigt, schon genug einzuwenden. Das geht gleich los mit "Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz!" Auch hier gilt wieder: Vorstellen kann man sich eine ganze Menge. Aber soll das etwas Gutes sein? Werfen wir einen Blick auf die katholische Soziallehre, können wir unschwer feststellen, dass diese das Recht auf Privateigentum sehr hochhält. Exemplarisch sei hier die bahnbrechende Sozialenzyklika "Rerum Novarum" (1891) von Papst Leo XIII. zitiert: 
"[D]ie Sozialisten [verbreiten], indem sie die Besitzlosen gegen die Reichen aufstacheln, die Behauptung, der private Besitz müsse aufhören, um einer Gemeinschaft der Güter Platz zu machen [...]. Sie wähnen, durch eine solche Übertragung alles Besitzes von den Individuen an die Gesamtheit die Missstände heben zu können, es müssten nur einmal das Vermögen und dessen Vorteile gleichmäßig unter den Staatsangehörigen verteilt sein.
Indessen dieses Programm ist weit entfernt, etwas zur Lösung der Frage beizutragen; es schädigt vielmehr die arbeitenden Klassen selbst; es ist ferner sehr ungerecht, indem es die rechtmäßigen Besitzer vergewaltigt, es ist endlich der staatlichen Aufgabe zuwider, ja führt die Staaten in völlige Auflösung." 
Auflösung von Staaten? Da ist John Lennon voll dabei! "Stell dir vor [...], es gäbe keine Länder", träumt er, und die FB-Redaktion des Bistums Münster träumt es mit ihm. Aber hören wir Papst Leo XIII. noch ein bisschen weiter zu: 
"Vor allem liegt nämlich klar auf der Hand, dass die Absicht, welche den Arbeiter bei der Übernahme seiner Mühe leitet, keine andere als die ist, dass er mit dem Lohn zu irgendeinem persönlichen Eigentum gelange. Indem er Kräfte und Fleiß einem andern leiht, will er für seinen eigenen Bedarf das Nötige erringen; er sucht also ein wahres und eigentliches Recht nicht bloß auf die Zahlung, sondern auch auf freie Verwendung derselben. [...] Wenn also die Sozialisten dahin streben, den Sonderbesitz in Gemeingut umzuwandeln, so ist klar, wie sie dadurch die Lage der arbeitenden Klassen nur ungünstiger machen. Sie entziehen denselben ja mit dem Eigentumsrechte die Vollmacht, ihren erworbenen Lohn nach Gutdünken anzulegen, sie rauben ihnen eben dadurch Aussicht und Fähigkeit, ihr kleines Vermögen zu vergrößern und sich durch Fleiß zu einer besseren Stellung empor zu bringen.
Aber, was schwerer wiegt, das von den Sozialisten empfohlene Heilmittel der Gesellschaft ist offenbar der Gerechtigkeit zuwider, denn das Recht zum Besitze privaten Eigentums hat der Mensch von der Natur erhalten." 
So viel einmal dazu. Bei den Peace, Love & Harmony-Visionen der Generation John Lennons darf man übrigens nicht vergessen, wie viele Drogen die Leute damals genommen haben. Und im zugedröhnten Kopp will man nichts davon hören, "sich durch Fleiß zu einer besseren Stellung empor zu bringen"; da will man, dass einem die gebratenen Hähnchen direkt in den Mund fliegen. Im Video zu John Lennons Ode an die Abschaffung des Privatbesitzes wird ausgiebig seine feudale Villa samt angeschlossenem Park gezeigt. Ob ihm die Ironie dieses Umstands bewusst war, sei mal dahingestellt. Man möchte es einerseits wohl annehmen, denn blöd war Lennon ja nicht; aber andererseits: die Drogen... 

Auch zu dem Vers "nichts, wofür man morden oder sterben müsste" ("nothing to kill or die for") gäbe es Mancherlei zu sagen, und einige Kommentatoren des besagten Facebook-Beitrags haben das auch ausgiebig getan. Nicht morden, damit kann man sich als Christ leicht anfreunden. Zehn Gebote und so. Aber nichts zu haben, das es wert wäre, dafür zu sterben, das ist schon etwas Anderes. Dazu dürften zahllose christliche Märtyrer aus allen Zeiten und Weltteilen ein Wörtchen zu sagen haben - was John Lennon nicht groß kümmern muss, aber das Bistum Münster sollte es durchaus kümmern. 

Nun haben wir es in der Vergangenheit ja schon öfter erlebt, dass sich die FB-Redaktion des Bistums Münster, wenn sie mit einem Beitrag einen so richtig kapitalen Bock geschossen hat, sehr schwer damit tut, das einzugestehen. Lieber verteidigt man noch den beklopptesten Beitrag mit Zähnen und Klauen bzw. mit allerlei an den Haaren herbeigezogenen Argumenten. Das Hauptproblem scheint mir dabei indes zu sein, dass in dieser Redaktion (und denen einiger anderer Bistümer oder sonstiger kirchlicher Dienststellen ebenso) allem Anschein nach Leute sitzen, die tatsächlich nicht begreifen, dass nicht alles, was irgendwie mit "Liebe" und "Frieden" zu tun hat - und ebenso auch nicht alles, was irgendwie "spirituell"-lebensphilosophisch-tiefsinnig daherkommt - mit der christlichen Heilsbotschaft kompatibel ist. Und wenn die Redakteure selbst es nicht begreifen, wie soll man dann erwarten, dass ihr Publikum das tut? 

So breitet sich eine schwammige, voller innerer Widersprüche steckende, sich aber "irgendwie gut anfühlende" Multispiritualität immer weiter aus und vernebelt zusehends die Wahrnehmung ihrer Opfer. Was man natürlich irgendwo als allgemeines Zeitsymptom betrachten kann. Wäre angesichts dieses allgemeinen Trends zur Schwammigkeit die gedankliche Klarheit und Schärfe der authentischen christlichen Lehre nicht eigentlich ein attraktives Alleinstellungsmerkmal? -- Von großen Teilen der kirchlichen Medienarbeit jedenfalls würde man sich zumindest ein bisschen mehr von dieser Klarheit wünschen... 


Mittwoch, 30. August 2017

Zwölf Körbe voll

Kurz nachdem wir aus dem Urlaub zurückgekehrt waren, kam meine Liebste auf die Idee, sie könnte ja mal ihren für die Zeit unserer Abwesenheit "stillgelegten" Account auf der Foodsharing-Website reaktivieren. Zwar ist sie mittlerweile in einem Stadium der Schwangerschaft, in dem es nicht ratsam ist, Schweres zu tragen, aber ich bin ja auch noch da. Und ich bin zwar selbst (noch) nicht im Foodsharing-Netzwerk registriert, aber das ist nicht unbedingt schlimm. Wir erinnern uns: 

Das Idealziel von Foodsharing ist, dass möglichst KEINE Lebensmittel, die noch verwertbar sind, im Müll landen. 

Aus diesem Grund gibt es immer mal wieder Abholaktionen für Lebensmittel, an denen man auch teilnehmen kann, ohne registrierter "Foodsaver" zu sein. Man muss halt nur wissen, wann und wo. Und gegebenenfalls Bescheid geben, dass man kommt. Und da kann meine Liebste über ihren Account auch mal mitteilen: Ich kann zwar selber nicht, aber ich schick' meinen Mann. 


Von großer Bedeutung für das Foodsharing-Netzwerk ist die feste und verlässliche Zusammenarbeit mit Unternehmen, die ihre Lebensmittel-Restbestände regelmäßig dem Netzwerk spenden. Ein solches Unternehmen ist eine Bäckerei, die wenige U-Bahn-Stationen von unserer neuen Wohnung entfernt liegt. Im Hinterhaus des Gebäudes, in dessen Vorderhaus die Bäckerei untergebracht ist, wohnen ein paar Leute, die bei Foodsharing aktiv sind; also stellen die Mitarbeiter der Bäckerei abends nach Feierabend die nicht verkauften Backwaren bei diesen Leuten vor die Wohnungstür. Und da kann man dann - innerhalb eines festgesetzten Zeitraums und mit Anmeldung - hinkommen und sich was abholen. Um was für Mengen es sich dabei insgesamt handelt, ist natürlich vom Tagesgeschäft abhängig und variiert, wie ich gehört habe, sehr stark. 

Vorige Woche kam dann über die Foodsharing-Website die Nachricht, für den betreffenden Abend habe sich noch niemand zur Backwarenabholung am besagten Ort angemeldet, und es wäre doch schade, wenn die Lebensmittel letztlich doch weggeworfen werden müssten (siehe oben: Das Idealziel von Foodsharing ist...). "Ich kann da hingehen", entschied ich spontan, also meldete meine Liebste mich an. 

Die besagte Bäckerei hat lange geöffnet, folglich war der Abholtermin für die Reste des Tages ziemlich spät am Abend. Als ich den Abholort im Hinterhaus erreichte, erwarteten mich eine Kiste mit diversem Kleingebäck (unterschiedlich gefüllte Blätterteigtaschen, Käsestangen, Sesamringe...) und ein großer blauer Plastiksack voll mit Brötchen (ich bin ganz, ganz schlecht im Schätzen, aber irgendwas zwischen 150 und 200 Stück waren es wohl) und einigen kleinen Fladenbroten. 

"Kriegst du das alles mit?", fragte mich der junge Mann von der Foodsharing-WG. 
"Öhm. Hat sich außer mir keiner zum Abholen angemeldet?" 
"Nee, du bist der einzige." 
"Na gut. Was ich nicht tragen kann, lass ich dann wohl hier." 
"Ach komm. So viel ist das doch gar nicht. An manchen Tagen ist es viel mehr." 

Lassen wir diese Information mal auf uns wirken. 


Ich packte also den Inhalt der Kiste in eine große Tragetasche, die ich mitgebracht hatte, schulterte den Sack und buckelte das Ganze zur U-Bahn und von der U-Bahn nach Hause. Und dann? Dann stopften wir erst mal unseren Kühlschrank und unseren Gefrierschrank voll. Danach war der Sack immer noch halb voll, also ließen wir ihn erst mal, so wie er war, im Flur stehen. Und überlegten uns, was wir mit den ganzen Backwaren machen sollten. 

Meine Liebste inserierte - abermals über die Foodsharing-Website sowie in einer Facebook-Gruppe - den Hinweis, am nächsten Morgen ab 8 Uhr könne jeder, der wolle, bei uns gratis Brötchen und sonstiges Kleingebäck abholen. Außerdem hängte ich am Morgen einen Zettel an die Wohnungstür, um die Nachbarn zu informieren, falls sie noch was zum Frühstücken bräuchten, sollten sie einfach bei uns klingeln. Es meldete sich exakt niemand, also gönnten wir erst mal uns selbst ein opulentes Frühstück. 

Ich überlasse es meinen Lesern gern selbst, ausgiebig über diesen Sachverhalt zu reflektieren, aber...: Wie viele Bäckereien gibt es wohl in Berlin? Und das hier waren die Reste von einer einzigen! Und dann will man Lebensmittel verschenken und wird sie nicht los... Nun gut: Ein paar Tage später hatten wir es dann doch geschafft, alles, was nicht in unseren Gefrierschrank passte, weiterzuverteilen. Und ich bin fest entschlossen, derartige Aktionen in Zukunft noch öfter durchzuziehen. Man müsste das Ganze wohl bloß besser organisieren, sich sozusagen sein eigenes Sub-Netzwerk für die Weiterverteilung aufbauen, zum Beispiel auch in Zusammenarbeit mit der örtlichen Kirchengemeinde. Da geht was. Und à propos Kirchengemeinde: Am zweiten Tag nach der Abholaktion veranstaltete der Kreis junger Erwachsener des Pastoralen Raums Friedrichshain-Lichtenberg im Garten der Kirche St. Pius eine Grillparty, und da waren meine Liebste und ich eingeladen. Der Kaplan hatte angekündigt, Brot zu besorgen -- aber nach der oben geschilderten Foodsaving-Aktion schrieben wir ihm, er solle lieber was Anderes mitbringen, um das Brot würden wir uns kümmern. Wir packten also fünf Fladenbrote und schätzungsweise 20 Brötchen ein. Viel zu viel natürlich, aber wir weigerten uns standhaft, etwas davon wieder mit zurück zu nehmen. Stattdessen nahmen wir am Ende des Abends andere Reste der Party an uns - hauptsächlich Grillfleisch und Bier


Aber so ist das wohl immer bei Grillpartys. Kennt Ihr vielleicht auch, liebe Leser. Obwohl irgendjemand das ganze Zeug ja angeschleppt haben muss und ja schließlich im Laufe des Abends doch so Einiges verzehrt wird, geht am Ende Jeder zumindest gefühlt mit mehr Lebensmitteln nach Hause, als er mitgebracht hat. 

Und dann behaupten manche Leute, es gäbe heutzutage keine Wunder mehr.