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Donnerstag, 2. August 2018

Komm, wir treffen uns in der Ebene von Oh No!

Neulich war ich mit Frau und Kind für ein paar Tage im Wallfahrtsort Altötting. Natürlich waren wir in der Gnadenkapelle und noch in ca. fünf anderen Kirchen, aber der hauptsächliche Anlass für diesen Trip bestand darin, dass am Samstag, dem 28. Juli, in der Basilika St. Anna das "Meet Mission Manifest" stattfand -- eine Art Konferenz für Leiter geistlicher Gemeinschaften und Neuevangelisations-Initiativen, zu der die Initiatoren des Anfang Januar auf der MEHR-Konferenz vorgestellten "Mission Manifest" eingeladen hatten. 


Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass die Reaktionen auf die zehn Thesen des "Mission Manifest", die ich unmittelbar nach deren Veröffentlichung in den Sozialen Medien mitbekommen habe - insbesondere auf Twitter, wo ich einigen Accounts "liberaler" bzw. "progressiver" Jungtheologen folge - für mich ein echter Augenöffner waren. Zunächst hatten die zehn Thesen auf mich nämlich den Eindruck gemacht, auf eine entschiedene "Big Tent"-Strategie hin ausgerichtet zu sein; will sagen: Sie schienen mir im Großen und Ganzen so offen und inklusiv formuliert zu sein, dass nahezu jeder darunter verstehen könnte, was er möchte, und somit kaum jemand etwas Grundsätzliches daran auszusetzen haben könnte. Aber da hatte ich mich gründlich getäuscht. Zahlreiche Reaktionen, die ich zu Gesicht bekam, lagen irgendwo zwischen Spott und blankem Entsetzen, und besonders verblüffte es mich, dass die Ablehnung sich nicht bloß auf Details bezog - etwa, dass das Manifest nicht in gendersensibler Sprache verfasst war oder dass unter den Hauptinitiatoren keine Frauen waren -, sondern ganz grundsätzlich beim Missionsbegriff ansetzte. Bei einem Verständnis von Mission nämlich, das davon ausgeht, dass es eine in und durch Jesus Christus offenbarte Wahrheit gibt und dass Christen dazu aufgerufen sind, diese Wahrheit den Menschen mitzuteilen, die sie noch nicht kennen. Um's mal auf Angloamerikanisch auszudrücken: How is this even controversial? Nun, ich musste feststellen, dass diese Auffassung nicht wenigen Menschen, die im kirchlichen Dienst tätig sind oder eine solche Tätigkeit zumindest anstreben, von Grund auf fremd, verdächtig und anrüchig ist. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. 

Nun gut: Zu der Veranstaltung am Samstag trafen sich jedenfalls Menschen, die, wie man annehmen darf, mit diesem Missionsverständnis keine Probleme haben; rund 300 Personen -- Laien, Ordensleute und Priester, Frauen und Männer, jung und alt und auch vom allgemeinen äußeren Erscheinungsbild bunt gemischt. Einige gute Bekannte waren darunter, dazu auch einige, die meine Liebste und ich bisher nur via Facebook kannten und nun also auch mal offline kennenlernen durften. Das gut acht Stunden dauernde Veranstaltungsprogramm umfasste Lobpreis, Impulsvorträge, Diskussionen, ein vom örtlichen Bischof Stefan Oster zelebriertes Pontifikalamt und Eucharistische Anbetung. Zu den namhaften Rednern der Konferenz (und Konzelebranten des Pontifikalamts) zählte, nebenbei bemerkt, auch der Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln, Urban Federer, der gemeinhin eher dem "progressiven" Kirchenflügel zugerechnet wird und von dem man munkelt, er habe das Manifest ursprünglich eher "aus Versehen" unterzeichnet und dafür aus dem "eigenen Lager" allerlei Anfeindungen einstecken müssen. 

Der erste Vortrag des Tages kam jedoch von Johannes Hartl und drehte sich um das Thema "Entmutigung". Es gibt von ihm einen längeren Vortrag zu diesem Thema auf YouTube, und ohne diesen bislang in Gänze angehört zu haben, gehe ich mal davon aus, dass sein etwa halbstündiger Impuls beim "Meet Mission Manifest" im Wesentlichen eine gekürzte Fassung davon war; einzelne Passagen hatte ich allerdings auch schon bei der MEHR 2017 in Hartls Vortrag "Erwecke die Helden" gehört, aber das macht gar nichts: Bestimmte Aussagen kann man sich ruhig öfter anhören. 


Wie dem auch sei: Johannes Hartl stützte seine Ausführungen zum Thema "Entmutigung" auf die Kapitel 2-6 des Buches Nehemia, die er als "eine der wichtigsten Bibelstellen über Leitung" bezeichnete. Worum geht's? Nehemia will die zerstörte Stadtmauer Jerusalems wieder aufbauen. "Ich sehe den Status quo, ich benenne das Problem und schlage eine Lösung vor - und lade andere ein: Macht mit!", fasste Hartl das Leitungskonzept Nehemias zusammen. Dann verwies er auf Nehemia 2,19
"Als aber Sanballat, der Horoniter, Tobija, der Knecht von Ammon, und der Araber Geschem davon hörten, verspotteten sie uns und sagten verächtlich: Was soll das, was ihr da macht? Wollt ihr euch etwa gegen den König auflehnen?" 
"Wisst ihr, wer diese Leute sind, dieser Sanballat, dieser Tobija und Geschem?", fragte Hartl das Publikum. "Nein? Ich auch nicht. Aber genau darum geht's: Sobald jemand anfängt, etwas zu machen, tauchen plötzlich Leute auf, von denen man noch nie etwas gehört hat, und haben was dagegen." Hartl zeigte auf, wie Sanballat, Tobija und Geschem in den folgenden Kapiteln unterschiedliche Strategien anwenden, um Nehemia von seinem Werk abzubringen: Sie verdächtigen seine Motive, sie versuchen ihn lächerlich zu machen, indem sie seine Erfolge kleinreden, sie versuchen ihn von seiner Aufgabe abzulenken und von seinen Mitstreitern zu isolieren. In Nehemia 6,2 schlagen Sanballat und Geschem, um Nehemia von seiner Arbeit wegzulocken, vor: "Komm, wir wollen uns in Kefirim in der Ebene von Ono treffen." Johannes Hartl scherzte: "Das klingt schon nicht gut: die Ebene von Oh No. Da darf man nie hingehen."

Halblaut sagte ich zu meiner Liebsten, "Komm, wir treffen uns in der Ebene von Oh No" wäre möglicherweise ein gutes Motto für die ganze Veranstaltung, aber das war nur mein reflexhafter Sarkasmus, mit dem ich mich in einem von Charismatikern dominierten Umfeld gegen einen meinem norddeutschen Naturell widerstrebenden Gefühlsüberschwang abzuschirmen pflege. Tatsächlich fand ich Hartls Impuls nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr hilfreich. Mit Entmutigungen unterschiedlichster Art bekommt man es ja leicht zu tun, wenn man sich beispielsweise anschickt, einer Pfarrei, die sich innerlich schon darauf eingerichtet hat, die nächsten 10-20 Jahre nur noch ihren eigenen Niedergang zu verwalten, neues Leben einzuhauchen. Habe mir daher fleißig Hartl-Sätze notiert, wie zum Beispiel:
  • "Letztendlich ist es egal, ob das, was du tust, in deinen eigenen Augen großartig ist. Es kann trotzdem eine wichtige Funktion im Plan Gottes erfüllen." 
  • "Gebet ist die Quelle von allem, aber Gebet dient nicht dazu, sich vor Wagnissen zu drücken und in die Introversion zurückzuziehen." 
  • "In der Waffenrüstung Gottes gibt es keinen Rückenschutz. Wenn du wegläufst, bist du verwundbar." 
Es folgte eine sogenannte "Best Practice-Runde" (ich kann und kann und kann diesen Marketing-Sprech nicht ausstehen, aber mich fragt ja mal wieder keiner) mit Leitern verschiedener Initiativen oder Gemeinschaften (darunter auch der schon erwähnte Abt Urban, an dessen Beitrag ich aber keine besonders präzisen Erinnerungen habe). Ausgesprochen interessant fand ich den Beitrag von Fra' Georg von Lengerke vom Malteserorden, der die Bedeutung der vier Grundvollzüge der Kirche - Verkündigung (martyria), Liturgie, Diakonie und Gemeinschaft (koinonia) - betonte und sich dabei eines sehr starken Bildes bediente: In Lateinamerika habe er mal einen jungen Mann namens Pablo kennengelernt, der ein Autowrack gefunden und mit viel Mühe wieder fahrtüchtig gemacht habe; allerdings habe dieses Auto nur drei Räder gehabt, ein viertes Rad sei nicht aufzutreiben gewesen. Damit das Auto trotzdem fahren konnte, habe Pablo eine der vier Ecken des Wagens mit einem Sandsack beschwert, damit die diagonal gegenüberliegende Ecke in der Luft hing. "Das ging, aber wirklich gut ging es nicht." In diesem Sinne, so Fra' von Lengerke, müssten auch innerkirchliche Gemeinschaften, Initiativen und Werke darauf bedacht sein, auf allen vier Rädern zu fahren und nicht nur auf dreien: Hilfswerke etwa stünden stets in der Versuchung, die Diakonie mit dem Sandsack zu beschweren und dafür die martyria in der Luft hängen zu lassen; ebenso gebe es aber auch Strömungen innerhalb der Kirche, in denen es umgekehrt sei.

Den Vortrag des gastgebenden Bischofs Stefan Oster zum Thema "Kirchliche Identität, Maria und die Mission" gibt es auf seiner Website zum Nachhören; ich kann mich daher hier darauf beschränken, einige Details hervorzuheben, die bei mir besonders "hängen geblieben" sind. So beklagte Bischof Oster gleich eingangs einen weit verbreiteten "Beschwichtigungskatholizismus", der sich darin äußere, dass vielen Menschen ihr Bekenntnis zur Kirche eher peinlich sei und sie es beispielsweise mit dem Verweis auf das soziale Engagement der Kirche quasi zu entschuldigen suchen, zugleich aber alle möglichen Vorwürfe, die von außen an die Kirche herangetragen werden, in einer Art vorauseilenden Gehorsams einräumen und dabei "das Thema Glaube eher zurücknehmen". (Ich selbst nenne dieses Phänomen gern "Ja-aber-Katholizismus".) Es genüge nicht, lediglich "die Botschaft Jesu an den Mann bringen" zu wollen: Vielmehr müsse es darum gehen, Jesus selbst zu den Menschen zu bringen. Gerade junge Menschen, so führte er weiter aus, legten Wert auf Authentizität der Verkündigung; da gelte es sich nun allerdings zu fragen: "Wie wird denn ein Mensch authentisch? Kann ich einfach beschließen, morgen authentischer zu sein als ich es gestern war?" Zur Beantwortung dieser Frage verweist er zunächst auf das Beispiel seines Ordensgründers, des Hl. Don Bosco, und dann vor allem auf die Allerseligste Jungfrau Maria. Was auf der Aufnahme nicht zu hören ist, ist der Umstand, dass meine neun Monate alte Tochter die Ausführungen des Bischofs darüber, wie die Fürsorge für ein kleines Kind die Herzen der Eltern verwandle, sehr passend akustisch untermalte; sehr eindrucksvoll fand ich auch Bischof Osters Gollum-Imitation (ca. Minute 14 der Aufnahme).


Dann gab's erst mal Mittag, und zwar in Form von "Selbstverpflegung in den umliegenden Gasthöfen". Uns verschlug es in denselben Gasthof wie die Initiatoren der Konferenz, allerdings saßen wir draußen auf der Terrasse und die VIPs drinnen an einer großen Tafel. Trotzdem hatte ich im Laufe der Mittagspause Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit Johannes Hartl, der mich bei dieser Gelegenheit Bischof Oster vorstellte, den meine Liebste dann auch gleich um einen Segen für unsere kleine Tochter bat. Dass ich dem Bischof eigentlich ein Exemplar der "Benedikt-Option" überreichen wollte und er mir sagte, das Buch habe er bereits, habe ich ja schon berichtet.

Nach dem Mittagessen ging es dann weiter mit Kleingruppen-Diskussionen, die ich mir ehrlich gesagt allerdings kleiner und diskussionsförmiger vorgestellt hatte. Nun gut, schon die sehr begrenzte Zeit, die für diesen Programmpunkt vorgesehen war, ließ erwarten, dass es sich dabei bestenfalls um kollektives Brainstorming handeln konnte. Wenn sich dabei dann aber einzelne Teilnehmer aggressiv in den Vordergrund drängen, wird es nicht einmal das. -- Ehe ich die letztere Anmerkung näher ausführe, muss ich aber erst mal einen Exkurs vom Stapel lassen.


Am Tag vor dem "Meet Mission Manifest" war ich in einer Facebook-Gruppe in eine Diskussion über gewisse Eigenheiten mancher (oder vieler?) charismatischer Christen hineingeraten; diese Diskussion hatte mit dem Event in Altötting gar nichts zu tun, sondern entzündete sich an einem auf kath.net erschienenen Interview mit zwei Leuten von einer Jüngerschaftsschule in Salzburg. Mir ging der Tonfall, in dem die jungen Lüü da redeten, erheblich auf den Keks, aber das war weit eher eine Frage des subjektiven "Geschmacks" (ich sagte ja schon: norddeutsches Naturell und so) als eine substantielle Kritik an charismatischer Frömmigkeit. Ich sag's mal so -- auch auf die Gefahr hin, mir gleich innerhalb mehrerer Segmente meiner Leserschaft Ärger einzuhandeln: In gewisser Hinsicht geht es mir mit der Charismatischen Bewegung so wie mit der Traditionalistischen Bewegung. Ich bringe ihrem jeweiligen geistlichen Anliegen grundsätzlich Sympathie entgegen und kann auch ihrem jeweils spezifischen "Frömmigkeitsstil" (wenn ich das mal so nennen darf) nach anfänglichem Fremdeln durchaus Einiges abgewinnen; gleichzeitig beschleicht mich zuweilen das Gefühl, beide Bewegungen haben eine gewisse Tendenz dazu, ziemlich gruselige Leute anzuziehen. Jenseits persönlicher Vorlieben und Abneigungen bin ich durchaus der Überzeugung, dass die Kirche sowohl die Traditionalistische als auch die Charismatische Bewegung braucht -- und auch, dass diese Bewegungen einander brauchen, um einander zu ergänzen und gegebenenfalls zu korrigieren. Leider ist Letzteres keinesfalls garantiert, wenn diese Gruppierungen aufeinandertreffen. Es kann auch passieren, dass sie sich auf eine Weise ergänzen, die ich als "worst of both worlds" bezeichnen würde. Damit meine ich eine spezifische Verbindung von charismatischer Schwärmerei mit einem Faible für (vorzugsweise kirchlicherseits noch nicht offiziell anerkannte) Marienerscheinungen und sonstige Privatoffenbarungen, wundertätige Medaillen und quietschbunte Andachtsbildchen. Veranstaltungen, die auf diese Klientel zugeschnitten sind, stelle ich mir in etwa vor wie Fatima-Sühnenacht plus Zungenrede, Ausdruckstanz und Heilungsgebet. Also so, dass Unkundige, wenn sie sich dort hineinverirren würden, sich womöglich nicht ganz sicher wären, ob sie nicht vielleicht bei irgendwelchen obskuren Okkultisten gelandet sind. Okay, ich übertreibe. Ich schätze, dieses leicht überzeichnete Bild, das ich da gerade zu zeichnen versucht habe, ist sehr wesentlich von einer Person geprägt worden, die ich in meinen Teenagerjahren in meiner damaligen Pfarrgemeinde kannte (und die damals zufällig auch meine Augenärztin war). Und nun hatte ich das Pech, ausgerechnet mit einer Frau in eine Gar-nicht-mal-so-Kleingruppe zu geraten, die mich fatal an diese Augenärztin erinnerte. Diese Frau dominierte das Gruppengespräch von der ersten Sekunde an, pries ihr eigenes Projekt in den höchsten Tönen, verteilte Flyer und hatte keinerlei Hemmungen, Wortbeiträge anderer Teilnehmer in verächtlichem Tonfall abzubügeln. Da hatte ich dann schon bald keine Lust mehr, mich zu beteiligen.



Insbesondere ging es mir gegen den Strich, dass diese Dame kritische Anmerkungen zu den Zuständen in Pfarreien oder ganzen Bistümern (oder der institutionalisierten Gestalt der Kirche überhaupt) wiederholt als "Gejammer" abqualifizierte. Ein Echo dieser Haltung glaubte ich wahrzunehmen, als beim Zusammentragen der Ergebnisse der Gruppengespräche eine andere Gruppe es geradezu als Regel postulierte, dass man "nicht kritisieren" solle. Das sei "ganz wichtig". Gemeint war das offenbar im Sinne von "Lasst tausend Blumen blühen": Man solle missionarische Aufbrüche, auch wenn man möglicherweise Vorbehalte gegenüber bestimmten Erscheinungsformen derselben habe, erst mal wachsen lassen, statt sie gleich mit Kritik zu ersticken. Da ist sicherlich etwas Richtiges dran, ebenso wie auch an der Feststellung, es könne schädlich sein, seinen Blick allzu sehr auf Negatives zu fixieren. Aber gerade das "Diskussions"-Verhalten der erwähnten Wiedergängerin meiner früheren Augenärztin macht deutlich, zu was für paradoxen Konsequenzen es führen kann, wenn man diese Haltung auf die Spitze treibt: nämlich dazu, dass diejenigen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, die Kritik üben. Oder anders ausgedrückt: dass der Überbringer der schlechten Nachricht geköpft wird. Denken wir an Nehemia: Dem Beschluss zum Wiederaufbau der Stadtmauer geht die Feststellung voraus, dass die Mauer kaputt ist -- und dass das schlecht ist. Was, wenn da nun Leute gekommen wären, die gesagt hätten: "Och, Nehemia, immer musst du alles so negativ sehen. Ist doch schön, dass die Mauer offen ist. So können die Leute von draußen viel leichter zu uns kommen." (Ich meine das nicht politisch.)

Ironischerweise hielt als nächstes Pater Karl Wallner OCist, der missio-Nationaldirektor für Österreich, einen Vortrag, den man nach den Maßstäben der Augenärztinnen-Wiedergängerin durchaus als pures "Gejammer" hätte ansehen können -- den ich aber ganz hervorragend fand, und zwar gerade weil er ein schonungsloses Bild der Lage des christlichen Glaubens in unseren Breiten zeichnete. So verwies er auf die aktuelle Shell-Studie zum Thema "Jugend und Religion", aus der beispielsweise hervorgeht, dass nur 9% der jungen Katholiken in Deutschland beten; bei den jungen Muslimen seien es 80%. "Diesen schmerzhaften Realismus müssen wir zulassen", erklärte Pater Karl und verwies auf den Hl. Thomas von Aquin, der gelehrt habe, das erste Heilmittel gegen die Traurigkeit sei die Wahrheit. "Ich möchte es wirklich mit etwas Dramatik sagen: Es hängt von uns ab, wie es weitergeht", betonte Pater Karl. Ich frage mich, ob er die "Benedikt-Option" kennt; sein Vortrag wies jedenfalls auffallende Übereinstimmungen mit den Thesen Rod Drehers auf.

Den letzten Programmpunkt vor dem abschließenden Pontifikalamt bildete die Vorstellung des "YOUCAT for Kids" durch den Projektleiter Bernhard Meuser. Seine Weltpremiere wird dieser neue Kinderkatechismus erst beim katholischen Weltfamilientreffen haben, das vom 21.-26. August in Dublin stattfindet; aber die deutschsprachige Ausgabe liegt bereits vor, und an die Teilnehmer des "Meet Mission Manifest" wurden Freiexemplare verteilt. Ich habe in den letzten Tagen recht ausgiebig in dem Buch geblättert und kann sagen: Es ist sehr gut. In erster Linie ist der Kinderkatechismus offenbar dafür konzipiert, dass Eltern ihn zu Hause mit ihren Kindern lesen und darüber hinaus das nötige Rüstzeug daraus beziehen, um mit ihren Kindern über religiöse Fragen sprechen zu können, die diese unweigerlich früher oder später stellen werden. Meine Liebste und ich denken darüber hinaus aber auch schon über Möglichkeiten nach, dieses Buch für die Arbeit in der Pfarrei einzusetzen. Zum Beispiel haben unsere lieben Gemeindereferentinnen unlängst die Gründung eines Elternkreises ins Gespräch gebracht; da wär's doch schön, wenn der nicht nur dafür genutzt würde, dass die Eltern zusammen Kaffee trinken, während die Kinder miteinander spielen. Auch als Angebot vor oder neben der Erstkommunion-Vorbereitung könnte man sich einen "YOUCAT for Kids"-Lese- und Gesprächskreis vorstellen. Na, schauen wir mal.


Am Rande klang übrigens an, dass - ebenfalls unter Federführung Bernhard Meusers - ein neues "Mission Manifest"-Buch geplant oder angedacht ist; ein "Praxisbuch" soll es werden, und die Teilnehmer des Treffens sollten sich schon mal überlegen, ob sie dazu womöglich etwas beitragen können und möchten. Also, ich möchte auf jeden Fall; insbesondere würde ich gern - nicht theoretisierend, sondern strikt praxisbezogen - Querverbindungen zwischen "Mission Manifest" und #BenOp herausarbeiten. Und nach Möglichkeit ein paar "punkige" Impulse setzen. Auch hier gilt wieder: Schauen wir mal.

Und dann habe ich mir noch einen Satz notiert, von dem ich nicht mehr mit Gewissheit sagen kann, wer ihn eigentlich gesagt hat. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich glaube, ihn schon mal irgendwo gehört zu haben. Vielleicht auf der MEHR, vielleicht aber auch ganz woanders. Der Satz lautete, sinngemäß jedenfalls:
"Die eigentliche Frucht, die ein Apfelbaum hervorbringen muss, ist nicht ein weiterer Apfel, sondern ein weiterer Baum." 
Wer hat's gesagt? Kann mir jemand auf die Sprünge helfen?



Mittwoch, 1. August 2018

#BenOp auf Deutsch -- Die 100-Tage-Bilanz

Wohlan: Am 24. April, so geben es jedenfalls Amazon und andere Bücherkataloge im Internet an, ist die von mir ins Deutsche übersetzte Ausgabe von Rod Drehers "Benedikt-Option" auf den Markt gekommen, und auch wenn es anfangs Lieferverzögerungen gab und einige Händler das Buch faktisch wohl erst ab der ersten Maiwoche lieferbar hatten, nehme ich dieses offizielle Erscheinungsdatum mal beim Wort und stelle fest: Das Buch ist seit 100 Tagen im Handel. Was hat sich seither getan? 

Nun, man darf wohl sagen, dass es - gemessen an der Ankündigung, es handle sich um das "meistdiskutierte und wichtigste religiöse Buch des Jahrzehnts" - hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung noch Luft nach oben gibt. Im Grunde ist das aber kein Wunder, da das Buch gewissermaßen quer zur üblichen innerkirchlichen "Lagerbildung" steht: Dass der "institutionelle Apparat" der Kirche die #BenOp nach Möglichkeit ignorieren bzw. totschweigen und stattdessen lieber über Erik Flügge diskutieren möchte, erklärt sich von selbst; die "Liberalen" bzw. "Progressiven" lesen vermutlich gar nicht erst weiter als bis zu dem Punkt, an dem sie das erste Mal empört "Homophobie!" rufen können (S. 17f.); aber auch im sogenannten konservativen Lager dürften Drehers Thesen keineswegs auf einhellige Zustimmung stoßen.  Wenn ich's mir recht überlege, könnten ein paar negative Rezensionen aus verschiedenen, einander möglichst entgegengesetzten Richtungen die Debatte möglicherweise anheizen. Das soll jetzt allerdings keine Aufforderung sein...

Selbstverständlich bin ich bemüht, auch persönlich mein Möglichstes dazu beizutragen, das Buch zu promoten; so habe ich in den vergangenen 100 Tagen immerhin vier Buchvorstellungs-Vorträge gehalten:


Die letztgenannte Veranstaltung - ausgerichtet vom "Colloquium Catholicum" unter Leitung von Stefan Friedrich - war mit Abstand am besten besucht, und an die lebhafte Publikumsdiskussion schlossen sich einige interessante Einzelgespräche an, von denen das eine oder andere wohl noch ganz eigene Früchte tragen dürfte.

Ein Interview mit Gregor Dornis von Radio Horeb wurde am 26. April gesendet; ein vom Hilfswerk Kirche in Not produziertes Fernsehinterview wurde aufgezeichnet, wird aber wohl erst im September ausgestrahlt (ich werde dann nochmals darauf hinweisen). Seit dem 27. Mai existiert eine geschlossene Facebook-Diskussionsgruppe "Benedikt-Option Deutschland/Österreich/Schweiz", die bislang 32 Mitglieder hat -- auch da sehe ich durchaus noch Luft nach oben.

Auf Amazon sind bislang fünf Kundenrezensionen erschienen, mit einer durchschnittlichen Bewertung von 4,5 Sternen; da kann man nicht meckern.



Was Rezensionen und sonstige Erwähnungen des Buches in Blogs und anderen Online-Medien angeht, habe ich die Beiträge der Blogs Empfehlenswerte Bücher Artikel Filme ("Der mühsame Aufbau einer christlichen Gegenkultur", 5. Mai), Nolite Timere ("Die Benedikt-Option: Ich bin positiv überrascht", 23. Mai) und Katholisch? Logisch! ("Mein Klosterurlaub und die Benedict Option", 30. Mai) sowie einen Beitrag von P. Engelbert Recktenwald FSSP in der Tagespost-Online-Kolumne MeinungsMacher ("Gefährliche Parallelgesellschaft?", 26. Mai) und ein paar Erwähnungen bei kath.net und CNA bereits gewürdigt; inzwischen sind da aber noch weitere zu nennen: 


Am 31. Mai erschien auf der Website bruderhof.com eine von Daniel Hug verfasste Rezension zur deutschsprachigen #BenOp-Ausgabe. Der "Bruderhof" bezeichnet sich selbst als "eine christliche Lebens- und Arbeits­gemeinschaft, in der mehr als 2700 Menschen in über zwanzig Siedlungen in vier Kontinenten leben"; das klingt ja schon sehr #BenOp-like, und tatsächlich hat Freund Rod diese Gemeinschaft zwar nicht im Buch, wohl aber wiederholt auf seinem Blog gewürdigt, und auch in einem im Mai 2017 im New Yorker erschienenen Feature von Joshua Rothman über Rod Dreher und die #BenOp spielt der Bruderhof eine wichtige Rolle. So viel zur Einordnung; in der besagten Rezension zur deutschsprachigen Ausgabe verlinkt Daniel Hug auch das oben bereits erwähnte Radio Horeb-Interview sowie meinen Blog, den er als "meistens höchst unterhaltsam" einschätzt. Das liest man gern! 


Am 6. Juni veröffentlichte Alexander von Schönburg auf seinem Blog eine Besprechung des Films "A Quiet Place" (den ich eigentlich auch längst mal hätte ansehen wollen!), und im zweiten Teil dieser Filmkritik zieht er überraschende Parallelen zur #BenOp. Dass er das Buch als "hervorragend übersetzt" lobt, schmeichelt mit natürlich; inhaltlich fasst er Rod Drehers Kernthese wie folgt zusammen: 
"Drehers Buch ist eine Plädoyer für einen geordneten Rückzug der Christen aus dem öffentlichen Diskurs. [...] Wir sollten uns, sagt Dreher, zunächst einmal neu auf uns selbst besinnen, er rät zu einer Art privat-monastisches Leben in kleinen Netzwerken, die erst mal unter sich – auf einer Art Arche Noah – Klarschiff machen sollten, also ihre Identität wiederfinden, die durch Jahre der Anpassung und Relevanz-Sucht, abgeschleift ist um dann, wie es die monastischen Bewegungen des frühen Christentums [...] vorgelebt haben, mit neuer Vitalität eines Tages wieder im sprichwörtlichen Sinne Land gewinnen zu können." 
Die deutschsprachige Online-Präsenz der Catholic News Agency brachte zum Festtag des Hl. Benedikt am 11. Juli einen Beitrag von Anian Christoph Wimmer unter dem Titel "Der 'neue Benedikt'"; dabei handelt es sich zwar größtenteils um eine Würdigung des Wirkens des emeritierten Papstes Benedikt XVI., aber auch auf die "Benedikt-Option" wird darin eingegangen, und am Fuße des Artikels wird explizit für das Buch geworben. 


Auf dem erst kürzlich generalüberholten Blog "Pro Spe Salutis" erschien am 14. Juli eine ausführliche Rezension unter dem Titel "Die Welle reiten, wenn man sie schon nicht aufhalten kann: Rod Drehers Strategieschrift 'Die Benedikt-Option'". Darin heißt es u.a.: 
"Rod Drehers Benedikt-Option ist für Christen, die sich der Heiligen Schrift und der Tradition verbunden sehen, ein wichtiges, ja: ein notwendiges Buch. Es rüttelt aus der Lethargie der Gewöhnung auf, mit der man gesellschaftliche Entwicklungen [...] allzu oft hinzunehmen pflegt [...]. Wer nach der Lektüre nicht zumindest überlegt, was nunmehr zu tun sei, hat nur wenig von diesem Buch verstanden. Und weniger noch, das steht zu befürchten, von seinem christlichen Glauben." 
In der jüngsten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Vision 2000 bespricht Christof Gaspari die #BenOp und empfiehlt das Buch "wärmstens zur Lektüre": "Ich habe das Buch zweimal gelesen." Last not least ist in der aktuellen Ausgabe des libertären Magazins eigentümlich frei nicht nur eine kurze Rezension der #BenOp in der Rubrik "Bücherschau", sondern zudem ein vom Chefredakteur André F. Lichtschlag verfasster zweiseitiger Artikel erschienen, der Rod Drehers Thesen wohlwollend-kritisch unter die Lupe nimmt; ich würde sagen, das Wohlwollen überwiegt, aber letztlich merkt Lichtschlag schon selbst, dass die #BenOp mit seinem eigenen libertären Standpunkt nur bedingt vereinbar ist. Und das ist ja auch ganz gut so. 

Und neulich wollte ich dem Passauer Bischof Stefan Oster ein Exemplar der #BenOp überreichen, aber er verriet mir: "Das habe ich schon." Er nahm das Exemplar dann aber trotzdem und gab es an seine Referentin für Neuevangelisierung weiter. Wie es überhaupt dazu kam, dass ich ein Gespräch mit Bischof Oster hatte, darüber berichte ich dann in Kürze... 



Dienstag, 24. Juli 2018

Wie wär's mit einer Einkoch-AG?


Mal so zwischendurch gefragt: Wie läuft's denn so mit'm Foodsharing? -- Gut läuft's! -- Manchmal fast ein bisschen zu gut. Zwar nicht im strengen Sinne regelmäßig (also im Sinne fester Zeitabstände), aber doch recht häufig übernimmt meine Liebste Abholtermine in zwei Bio-Supermärkten und einer Bäckerei unseres Stadtbezirks; rein vom Zeit- und Arbeitsaufwand her wäre da sogar noch mehr möglich, aber zuweilen wissen wir schon gar nicht mehr, wohin mit dem ganzen Essen. Obwohl es ja, wie schon mal erwähnt, im Zweifel immer noch die Suppenküche der Franziskaner in Pankow und neuerdings auch den "FairTeiler" in der Provinzstraße gibt. Neulich hatte meine Liebste zwei Biomarkt-Abholtermine innerhalb einer Woche; aus den erbeuteten Lebensmitteln machte sie einen großen, großen Topf voll Blumenkohl-Kartoffelcremesuppe, eine ebenfalls ziemlich üppige Pilzpfanne und kochte zudem einige Gläser mit Brokkoli und grünen Bohnen ein, und mit dem, was dann noch übrig war, konnten wir immer noch den zuvor ziemlich weitgehend geleerten Kühlschrank und Brotschrank des FairTeilers wieder auffüllen. 









Kurz, ich habe es wohl schon wiederholt (zumindest implizit) angemerkt: Im Foodsharing steckt noch eine Menge unausgeschöpftes Potential, und meine Liebste und ich waren ja praktisch von Anfang an der Meinung, es müsste eigentlich möglich sein, da die Kirchengemeinde mit ins Boot zu holen. Wie genau? Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Man könnte innerhalb der Gemeinde dafür werben, dass mehr Leute sich als Foodsaver registrieren und Abholungen übernehmen. Man könnte auch in Räumen der Kirchengemeinde einen "FairTeiler" einrichten -- daran hat neulich sogar schon unser Pfarrer Interesse geäußert, von sich aus ("Sie machen doch dieses Foodsaving..."). Und schließlich und nicht zuletzt wäre auch die Weiterverarbeitung der erbeuteten Lebensmittel ein interessantes Thema. 

Es ist ja so: Gerade rohes Obst und Gemüse ist, wenn es beim Foodsharing landet, oft ziemlich kurz davor, schlecht zu werden. Schließlich geben die Betriebe nur diejenigen Waren ab, die sie am nächsten Tag nicht mehr verkaufen können. Das heißt, oftmals muss man die Lebensmittel entweder innerhalb weniger Tage verbrauchen, oder man muss sie auf eine Weise verarbeiten, die sie länger haltbar macht. Einkochen, zum Beispiel. Was aber für eine einzelne Person ziemlich arbeitsaufwändig sein kann, vor allem wenn man nur eine Küche mit recht begrenzter Arbeitsfläche zur Verfügung hat und gleichzeitig noch ein Baby an dem Versuch hindern muss, sich an der heißen Ofenklappe aufzurichten.

Also: Hier wäre ein Punkt, an dem eine Kirchengemeinde ins Spiel kommen könnte, insbesondere dann, wenn sie in ihren Gemeinderäumen über eine geräumige und gut ausgestattete Küche verfügt, die es ermöglicht, dass mehrere Leute gleichzeitig darin arbeiten, ohne sich gegenseitig im Weg zu sein. Für die Küche des Gemeindehauses unserer örtlichen Kirche gilt das nur bedingt bzw. eher nicht, wohl aber für die einer benachbarten Pfarrei innerhalb des "Pastoralen Raums". Dort könnte ich mir eine "Einkoch-AG" sehr gut vorstellen: eine Gruppe von Gemeindemitgliedern (aber gern auch unter Einbeziehung "externer" Interessierter), die sich einmal in der Woche (oder, wenn es unbedingt sein muss, auch seltener) trifft, um von einem oder mehreren Gruppenmitgliedern per Foodsaving herangeschafftes Obst und/oder Gemüse zu putzen, zu schnibbeln und einzukochen -- oder gegebenenfalls auch gleich zu Suppe, Marmelade o.ä. weiterzuverarbeiten. Gemeinsame Küchenarbeit ist eine gute gemeinschaftsbildende Maßnahme, und die Pfarrei sammelt nach und nach einen stattlichen Vorrat an lange haltbaren Lebensmitteln an, die sie Bedürftigen zukommen lassen und/oder für Gemeindeveranstaltungen nutzen kann.

Zu bedenken ist dabei allerdings, dass damit in keinem Fall Geld zu machen ist: Lebensmittel, die man über das Foodsharing-Netzwerk erhalten hat, darf man zwar verschenken, nicht aber verkaufen. Das hat einerseits mit dem gewissermaßen anti-kommerziellen Ethos der Initiative zu tun, andererseits aber auch mit lebensmittelrechtlichen Auflagen und Vorschriften. Das heißt, wie und wo auch immer die Produkte einer mit Foodsharing-Waren arbeitenden Einkoch-AG auf den Tisch kommen, muss es stets gratis geschehen. Es steht zu erwarten, dass die Kolping-Tanten, die beim einmal monatlich nach der Sonntagsmesse stattfindenden Gemeinde-Brunch ihre "Suppe des Monats" zu Apothekerpreisen feilbieten, angesichts solchen Dumpings lange Gesichter machen werden, aber aus meiner persönlichen Sicht ist das kein bug, sondern ein feature...



Montag, 23. Juli 2018

Das Stadtteilfest vor der Haustür – Eine Modellrechnung in Sachen Gemeindeaufbau

Am vergangenen Wochenende fand in meinem „Kiez“ das 9. Tegeler Hafenfest statt; da ich letztes Jahr um diese Zeit verreist war und in den Jahren zuvor noch nicht in dieser Ecke der Stadt wohnte, kannte ich dieses Fest bislang nur vom Hörensagen, aber es war im Vorfeld schon abzusehen gewesen, dass das eine ziemlich große Nummer werden würde. Und da die Pfarrkirche meiner Wohnortpfarrei nur rund 500 Meter vom Festgelände entfernt liegt und ein Blick auf den Stadtplan es sehr wahrscheinlich anmuten ließ, dass eine recht große Zahl von Leuten auf ihrem Weg zum Hafenfest an der Kirche vorbeikommen würde, hatte es in den Gemeindegremien oder auch in informellen Gesprächen zum Thema Gemeindeentwicklung schon vor Monaten Überlegungen dazu gegeben, ob und wie man dieses Event dazu nutzen könnte, auf den Kirchenstandort aufmerksam zu machen. Wenn ich mich richtig erinnere, war es eine der beiden Gemeindereferentinnen des Pfarreiverbands, die diesen Gedanken als erste zur Sprache brachte.

Konkrete Schritte wurden aber erst einmal nicht unternommen, und wie das immer so ist: Schwuppdiwupp war es auf einmal Juli, und das Hafenfest stand buchstäblich vor der Haustür.




Nun war ich allerdings nicht willens, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen; daher machte ich mir ein paar Gedanken darüber, was sich mit minimaler Vorbereitungszeit wohl noch realisieren lassen würde. Das Ergebnis meines Nachdenkens teilte ich per Mail dem Pfarrer, den Gemeindereferentinnen und einigen erfahrungsgemäß ziemlich "aktiven" Gemeindemitgliedern mit: Mein Vorschlag lautete, einen Stehtisch mit einer Auswahl an Info-Materialien auf den Kirchenvorplatz zu stellen, und dann müsste man eben ein paar Leute haben, die sich stundenweise hinter diesen Tisch stellen und für Passanten ansprechbar sind -- oder sie gegebenenfalls auch aktiv ansprechen. Von einigen der Adressaten meiner Mail erhielt ich ausgesprochen positive Reaktionen auf meinen Vorschlag, und eine Handvoll Leute - darunter der Pfarrer und die Lokalausschuss-Vorsitzende - erklärten sich sogar bereit, selbst bei der Aktion mitzumachen. Also machten wir das so!




Um allerdings die zwischen Anspruch und Realität klaffende Lücke gleich von vornherein einzuräumen: Wenn ich mir überlege, wie ich mir eine Werbeaktion der Pfarrgemeinde auf einem Stadtteilfest idealerweise vorstellen würde, dann sähe das so aus, dass während der gesamten Dauer des Festprogramms immer zwei Personen am Infostand stehen und zwei weitere über das Festgelände schlendern und dort Infomaterial verteilen und mit Leuten ins Gespräch kommen. Wenn man dabei niemandem zumuten möchte, über das gesamte Wochenende verteilt mehr als vier Stunden für diese Aktion aufzuwenden – sagen wir: jedes Zweierteam übernimmt zwei Stunden am Infostand und zwei Stunden Flanieren –, dann bräuchte man dafür, grob überschlagen, 40 Personen.

Nun wird wahrscheinlich annähernd jeder, der ein bisschen Erfahrung mit der Rekrutierung von Freiwilligen für Gemeindeaktivitäten in einer normalen Ortspfarrei hat, sagen, es sei völlig illusorisch, für irgendeine Aktion der Gemeinde 40 Freiwillige aufzutreiben. Ich bezweifle auch nicht, dass diese Einschätzung den Ist-Zustand in den meisten Pfarreien (einschließlich meiner eigenen) zutreffend widerspiegelt. Aber das heißt ja nicht, dass das so sein (bzw. bleiben) muss. Wieso sollte es das eigentlich? Die Pfarrei, von der hier die Rede ist, hat laut Stand vom 31.12.2017 stolze 4.234 Mitglieder. Auf drei Gemeindeteile an unterschiedlichen Standorten verteilt, zugegeben; aber hin und wieder sollte man doch mal erwarten dürfen, dass die ganze Pfarrei an einem Strang zieht, gerade wenn es um eine Aktion geht, die auch der ganzen Pfarrei zugute kommen kann und soll. Wieso also erscheint es so abwegig, dass man für irgendeine Aktion der Pfarrei - die Infostand-Aktion zum Tegeler Hafenfest soll wohlgemerkt nur ein Beispiel sein - wenigstens 1% der Mitglieder als Helfer rekrutieren können sollte?

Natürlich ist das eine rhetorische Frage. Tatsächlich sind mir die Gründe für dieses Phänomen durchaus kein solches Rätsel. Zunächst mal bekommt man den beiweitem größten Teil der nominellen Mitglieder kaum je in der Kirche zu sehen. In unserer Beispielpfarrei lag der Mittelwert aus beiden "Zählsonntagen" des Jahres 2017 - wiederum: verteilt auf drei Standorte - bei 303 Messbesuchern. Das entspricht knapp 7,2% aller Mitglieder und liegt somit noch deutlich unter dem bereits ziemlich indiskutablen Bundesdurchschnitt von 9,8%. Wenn man nun annimmt, dass innerhalb der Gruppe der regelmäßigen Gottesdienstbesucher der Anteil derjenigen, die darüber hinaus zu aktiver Mitarbeit in der Gemeinde und für die Gemeinde bereit sind, ähnlich hoch ist wie der Anteil der regelmäßigen Gottesdienstbesucher unter allen Mitgliedern, kommt man meiner persönlichen Einschätzung zufolge bei einer realistischen Zahl potentieller Helfer an. Dass die dann obendrein nie alle auf einmal zur Verfügung stehen, weil immer irgend jemand Urlaub oder ein krankes Kind oder Theaterkarten oder einfach gerade mal keinen Bock hat, können wir für die Modellrechnung vernachlässigen. Jedenfalls sehen wir hier, dass man ganz leicht bei einer "Aktiven"-Quote von unter einem Prozent ankommt; und jetzt wage ich mal die steile These: Für ein gutes, gesundes Gemeindeleben sollte eine Beteiligungsquote von 1% aller Mitglieder eigentlich das Minimum sein. Und dass wir uns daran gewöhnt haben, es als normal hinzunehmen, dass diese Quote nicht erreicht wird, ist ein wesentlicher Teil des Problems. 

Einer, der es entschieden ablehnt, solche schwachen Beteiligungsquoten als normal hinzunehmen, ist der kanadische Priester und Gemeindeberater James Mallon: Ein ganzes, knapp 15 Seiten (S. 197-211) umfassendes Unterkapitel seines Buches "Divine Renovation - Wenn Gott sein Haus saniert" dreht sich darum, wie wichtig es sei, klare Erwartungen gegenüber den Gemeindemitgliedern zu formulieren. Es sei ein Irrtum, anzunehmen, man könne oder müsse anderen Menschen dadurch Wertschätzung zeigen, dass man es möglichst vermeidet, Ansprüche an sie zu stellen; tatsächlich sei das glatte Gegenteil der Fall:
"Eine hohe Willkommenskultur und eine hohe Erwartungshaltung sind tatsächlich eine respektvollere Reaktion auf Menschen, denn wir sagen ihnen: 'Wir glauben, dass Gott in dir und durch dich wirken wird. Wir erwarten das und du solltest dasselbe tun.' Das ist um vieles besser als zu sagen: 'Du bist hier hoch willkommen und übrigens erwarten wir gar nichts von dir. Du musst weder etwas tun noch etwas geben, ja, du musst nicht einmal kommen, wenn du keine Lust hast, aber du sollst wissen, dass du als Mitglied unserer Pfarrgemeinde willkommen bist.' Das ist nicht weit weg davon, dass wir keinerlei Erwartungen an neue Mitglieder haben, weil wir sowieso nicht damit rechnen, dass Gott in ihnen und durch sie wirkt." (S. 198f.) 
Folgerichtig hat die von Father Mallon geleitete St. Benedict Parish in Halifax, Kanada, eine Broschüre für neue Gemeindemitglieder erarbeitet, aus der unmissverständlich hervorgeht, welche Erwartungen die Gemeinde an ihre Mitglieder stellt -- und dazu gehört neben dem regelmäßigen Gottesdienstbesuch beispielsweise auch die Bereitschaft, an Seminaren zur Glaubensvertiefung teilzunehmen, sowie auch die Bereitschaft, einen Dienst innerhalb der Gemeinde zu übernehmen. Je nach den persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, versteht sich.

Ich ahne an dieser Stelle allerlei Einwände, teils eher pragmatischer ("Das mag ja in Amerika funktionieren, aber hier bei uns ticken die Leute anders -- wenn man die zu sehr drängt, werden sie erst recht nicht wollen"), teils ganz grundsätzlicher Art, wie sie beispielsweise mein streitbarer Stammleser Imrahil wohl in die Feststellung kleiden würde: "Verpflichtend ist nur das Verpflichtende." Was natürlich stimmt. Konkret gesagt: Wenn jemand ein guter Katholik in dem Sinne ist, dass er die Sonntagspflicht einhält, dass er, wenn er sich einer schweren Sünde bewusst ist, diese ordnungsgemäß beichtet, ehe er das nächste Mal zur Kommunion geht, und auch sonst verlässlich diejenigen religiösen Pflichten einhält, die die Kirche verbindlich vorschreibt -- mit welchem Recht könnte man dem sagen, er "müsse" aber noch mehr tun

Freilich kann man darauf erwidern, als Christen seien wir schließlich dazu aufgerufen, Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Denken zu lieben; und ein Liebender wird wohl eher nicht darauf beharren, er habe für seine Geliebte doch schon alles getan, wozu er verpflichtet sei, und nun möge man ihn bitte in Ruhe lassen. -- Der Clou an der Sache ist nun allerdings, dass der Wert des freiwilligen Engagements gerade darin liegt, dass es eben freiwillig ist. Es wäre also ein Widerspruch in sich, daraus eine Pflicht machen zu wollen. Die Leute müssen schon selbst aktiv werden wollen.

Wie aber bringt man sie dazu, dass sie wollen?

Ich würde ja sagen, zur Mitarbeit in der Kirchengemeinde motiviert man Leute am besten, indem man ihnen bewusst macht, dass ein reichhaltiges, lebendiges, vielfältiges Gemeindeleben etwas Gutes, Schönes und Wertvolles ist; so gut und so wertvoll, dass es die Mühe wert ist, selbst etwas dazu beizutragen. Und indem man ihnen vermittelt, dass es so viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sich ins Gemeindeleben einzubringen, dass für jeden etwas dabei ist, was seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Um das glaubwürdig vermitteln zu können, muss man allerdings erst mal dafür sorgen, dass die Realität in der Pfarrei wenigstens in Ansätzen diesem Bild entspricht. Das heißt, solange man die 1%-Hürde nicht übersprungen hat, müssen die wenigen Aktiven erst einmal ein überproportionales Maß an Arbeit investieren. Das erste Stück den Berg hoch ist das steilste -- genau wie wenn man in St. Jean Pied-de-Port auf den Jakobsweg geht...

Kommen wir nun aber mal zum praktischen Erfahrungsbericht: Was wir auf die Schnelle und mit einer recht überschaubaren Zahl Freiwilliger hinkriegten, war, unseren improvisierten Infostand auf dem Kirchenvorplatz an drei der vier Tage, die das Hafenfest dauerte, für jeweils vier bis fünf Stunden zu "bemannen". Mit gutem Beispiel vorangehend, schob ich selbst ungefähr viereinhalb Stunden Dienst am Infostand, verteilt auf zwei Tage. Während dieser Zeit kamen, zu Fuß und mit dem Fahrrad, insgesamt über 600 Personen unmittelbar an dem Stand vorbei -- nicht mitgerechnet die, die an der gegenüberliegenden Straßenseite entlanggingen, und auch nicht die, die im Auto vorbeikamen, angesichts der sommerlichen Temperaturen teilweise mit offenen Fenstern oder offenem Verdeck. Im Durchschnitt ergibt das also über 130 Passanten pro Stunde, und das heißt: Hätte man genug Freiwillige gehabt, um den Infostand während der gesamten Öffnungszeiten des Festgeländes offen zu halten, hätte man über 5.000 Personen erreichen können.

Einräumen muss ich derweil, dass man, um an so einem Infostand Dienst zu schieben, schon eine gewisse Toleranz in Sachen Ignoriertwerden mitbringen muss. Im Ignorieren sind die Berliner Weltklasse. Ich hätte eigentlich erwartet, dass sehr viel mehr Leute schon allein aus Neugier mal kurz an dem Stand stehenbleiben und "mal kuck'n" würden, als das tatsächlich der Fall war; offenbar sind unerwartet viele Leute überhaupt nicht neugierig. Ganz im Gegensatz zu Kindern und Hunden -- woraus meine Liebste den brillanten Schluss zog: "Beim nächsten Mal müssen wir Luftballons und Hundeleckerli mitnehmen."

Wie dem auch sei: Irgendwie hat es mir Spaß gemacht, am Infostand zu stehen, und ich würde so etwas eigentlich gern öfter machen. Na gut, die nächste Gelegenheit ist nicht fern: Am 8. September ist in Berlin Fest der Kirchen, und da hat der Mittwochsklub einen Stand angemeldet.

Immerhin zehnmal während meiner Einsatzzeit am Infostand kam ich mit Passanten ins Gespräch -- ganz unterschiedliche Leute, ganz unterschiedliche Gespräche. Wenn man das nun auch wieder hochrechnet auf die weiter oben als Idealvorstellung festgehaltene Zahl von 40 Freiwilligen... Zugegeben: Letztendlich weiß man natürlich nie, was solche Passantengespräche wirklich "bringen". Man kann nur versuchen, Samenkörner auszustreuen; ob daraus dann etwas wächst, und wenn ja, was, das hat man nicht in der Hand. Nichtsdestoweniger ist das Potential solcher Aktionen riesig. Angenommen, jedem Freiwilligen gelänge es, eine einzige Person für die Mitarbeit in der Kirchengemeinde zu interessieren und zu motivieren: Dann hätte man im nächsten Jahr schon doppelt so viele Freiwillige.  Und im Jahr darauf viermal so viele. -- So gut mir diese Vision gefällt, gilt es aber zugleich im Auge zu behalten, dass es letztlich nicht um Zahlen geht. Auch wenn die "Erfolgsquote", sofern sie überhaupt messbar ist, geringer ausfällt als "jeder Freiwillige rekrutiert eine weitere Person", heißt das nicht, dass der Aufwand sich nicht "lohnen" würde. Möglicherweise ist unter den Zehntausenden von Menschen, die zum Stadtteilfest strömen, einer, der, ohne sich dessen bewusst zu sein, nur darauf wartet, dass ihn jemand aus der Kirchengemeinde anspricht und einlädt.

Und wenn man diesen einen "erwischt", dann hat es sich allein dafür schon gelohnt.


P.S.: Gerade noch rechtzeitig vor der Fertigstellung dieses Artikels erreichte mich per Mail das Feedback eines freiwilligen Helfers, sodass ich mich bei der Einschätzung des "Erfolgs" unserer kleinen Infostand-Aktion nicht allein auf meinen persönlichen Eindruck verlassen muss. Ich zitiere mal: 
"Wie ich finde, war der improvisierte Werbetisch eine sehr gute Idee [...]. Etwas Resonanz hat es schon gegeben und der eine oder andere überlegt sich sicherlich ob er zum Marsch für das Leben oder zum Nightfever geht [...]. Einige haben sich auch getraut in die Kirche zu gehen. Für die aufgewendete Zeit würde ich sagen, ein gutes Ergebnis." 
Sicherlich hätte man mit mehr Vorbereitungszeit Manches noch besser machen können -- aber daraus können wir ja für zukünftige Aktivitäten dieser Art lernen... 



Sonntag, 22. Juli 2018

Neues vom Pastorenmangel in Butjadingen

Der Umstand, dass ich vor, während und nach meinem jüngsten "Heimaturlaub" recht eifrig über Themen aus der schönen Wesermarsch gebloggt habe, hat mir einen interessanten Twitter-Kontakt beschert -- nämlich einen Nordenhamer "Lokalblogger", der mich seither gelegentlich mit aktuellen Informationen zu Themen versorgt, die in das Interessenspektrum meines Blogs fallen. Zuletzt hat dieser Kollege mich nun darauf aufmerksam gemacht, dass die Lokalausgabe der "Nordwest-Zeitung" ein Thema aufgegriffen hat, das ich hier vor einigen Wochen schon am Wickel hatte: den bevorstehenden massiven Abbau von Pfarrstellen seitens der Oldenburgischen Landeskirche. Der von Rolf Bultmann und Detlef Glückselig verfasste Artikel unter der Überschrift "Immer weniger Pastoren - nun sollen's Ehrenamtliche richten" konzentriert sich auf die Situation in den sechs evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Butjadingens: Burhave, Eckwarden, Langwarden, Stollhamm, Tossens und Waddens. Diese 
"verfügten bis zum Jahr 1986 über rechnerisch 5,5 Pfarrstellen. Derzeit sind es noch drei, wobei eine nach dem Ausscheiden von Pastor Hartmut Blankemeyer vakant ist. [...] Und in einigen Wochen wird es eine weitere Vakanz geben.
Zum 1. Oktober tritt nach 27 Jahren Stollhamms Pfarrer Joachim Tönjes, der auch Eckwarden betreut, in den Ruhestand." 
Den Pastor Tönjes kenne ich übrigens persönlich, wenn auch eher flüchtig. Sehr viel besser kenne ich seinen Bruder. Die Welt ist halt sehr klein, besonders auf dem Lande. Aber das mal nur am Rande; der entscheidende Punkt des Artikels ist, dass die Stollhammer Pfarrstelle nach den Plänen der Landeskirche nicht wieder besetzt werden soll. "Langfristig, so der Plan der Landeskirche, soll es nur noch eine Pfarrstelle für die sechs Butjadinger Kirchengemeinden geben" -- und die hat derzeit der Pastor von Burhave, Klaus Braje, inne, "der zusätzlich für Waddens zuständig ist". Den kenne ich ebenfalls persönlich. Was jetzt wohl keine so große Überraschung war. 

Abb. ähnlich; Bildquelle: Pixabay 

Verantwortlich für diesen radikalen Stellenabbau ist übrigens nicht allein der strikte Sparkurs der Landeskirche, über den ich bereits berichtet habe, sondern auch "der sich verstärkende Pastorenmangel": Wie man dem NWZ-Bericht entnehmen kann, ist es "angesichts des Mangels an Pastorennachwuchs fraglich", ob die noch verbleibenden Planstellen "überhaupt mit Pastorinnen und Pastoren besetzt werden können". Dass eine Kirche, die einerseits keinen Zölibat und anderereits sehr wohl die Frauenordination kennt, bei ihrem geistlichen Personal solche Nachwuchssorgen hat, könnte dem einen oder anderen reformeifrigen Katholiken zu denken geben; aber lassen wir das mal beiseite. Klar ist, dass die künftige Personalsituation "für die Kirchengemeinden eine große Herausforderung darstellt": 
"Wenn künftig ein einziger verbliebener Pastor auf der 129 Quadratkilometer großen Halbinsel viel Zeit im Auto verbringen muss, um für seine pastoralen Tätigkeiten über die Dörfer zu fahren, wird immer mehr der Einsatz Ehrenamtlicher, besonders der Kirchenältesten, nötig sein.
'Die können das auch', ist Joachim Tönjes überzeugt." 
Mag ja sein; wobei sich mir allerdings die Frage aufdrängt: Was genau ist "das"? Ich muss in diesem Zusammenhang gestehen, dass ich von der evangelischen Kirche (wie sich nicht zuletzt in Diskussionen mit evangelischen Theologen immer wieder zeigt) nicht viel verstehe. Ich habe folglich keine allzu konkreten Vorstellungen von den Aufgaben eines evangelischen Pastors und davon, welche dieser Aufgaben auf Ehrenamtliche übertragen werden könnten. That said, fällt mir an dieser Stelle der Stoßseufzer des Bloggerkollegen Martin Recke ein, immer wenn er den Satz "Das müssen in Zukunft Ehrenamtliche machen" höre, entsichere er seinen Colt. Ich kann nur empfehlen, zu lesen, was er zu diesem Thema weiter zu sagen hat; dann muss ich das hier nämlich nicht wiederholen. 

Ganz grundsätzlich stehe ich jedenfalls - wie ich ebenfalls schon mindestens einmal angemerkt habe - dem Ansatz, diejenigen Aufgaben, für die kein hauptamtliches Personal mehr vorhanden ist, an ehrenamtliche Mitarbeiter zu delegieren, äußerst kritisch gegenüber. Weil dadurch Strukturen, die eigentlich schon in sich zusammengebrochen sind, künstlich aufrecht erhalten werden, und das auf dem Rücken der engagierten Kirchenmitglieder. Vergessen wir nicht, dass es neben dem Pastorenschwund in der evangelischen Kirche Butjadingens auch einen nicht weniger dramatischen Mitgliederschwund gibt; um die Handlungsfähigkeit der etablierten Kirchenstruktur mit Hilfe von Ehrenamtlichen aufrecht zu erhalten, müsste man folglich die Quote der aktiv mitarbeitenden Kirchenmitglieder permanent erhöhen, und wie will man das erreichen, wenn sich gleichzeitig der Eindruck vermittelt, alles gehe den Bach runter? Der Versuch, trotz schwindender Kräfte alles so weiterzumachen wie bisher, führt naturgemäß dazu, dass von allem immer ein bisschen weniger gemacht wird. Man verwaltet nur den Niedergang. 

Zum Beispiel ist, wie die NWZ zu berichten weiß, "bereits jetzt in fünf der sechs Butjadinger Kirchengemeinde[n] nicht der Pastor, sondern ein Kirchenältester Vorsitzender des Gemeindekirchenrats". Toll. Aber wieso gibt es überhaupt sechs Gemeindekirchenräte? Antwort: weil "Burhave, Eckwarden, Langwarden, Stollhamm, Tossens und Waddens sowie die benachbarte Kirchengemeinde Abbehausen" zwar seit 2007 einen "Kooperationsverbund" bilden, in dessen Rahmen "[n]eben dem Kanzeltausch und der gegenseitigen pastoralen Vertretung [...] bei regelmäßigen Treffen Informationen ausgetauscht, Veranstaltungen vorbereitet und die Fortentwicklung der Zusammenarbeit beraten" werden – jedoch "ohne dass die Kirchengemeinden dabei ihre Eigenständigkeit eingebüßt hätten". Das klingt so, als wäre das etwas Gutes. Aber ist das nicht hochgradig ineffizient? Ich bin wahrhaftig kein Freund von Verwaltungszentralisation und Großgemeinden, aber wozu braucht man auf einer Fläche von 129 km² sechs formal eigenständige Kirchengemeinden, wenn die sich letztlich sowieso alle einen Pfarrer teilen müssen? Verheizt man da nicht die Bereitschaft der Kirchenmitglieder zu ehrenamtlichem Engagement in sinnlosen Gremiensitzungen? 

Tatsächlich gewährt der NWZ-Artikel ein paar interessante Einblicke in diesen bürokratischen Super-GAU. So versichert etwa der Vorsitzende des Eckwarder Gemeindekirchenrates, Rolf Siefken, die "Bereitschaft, den Pastor zu unterstützen, sei da"; er wünsche sich jedoch "eine bessere finanzielle Ausstattung der örtlichen Kirchenverwaltung, damit die Ehrenamtlichen insbesondere bei bürokratischen Tätigkeiten durch das Kirchenbüro entlastet werden können". Nun ja: Mehr Geld zu fordern dürfte angesichts des Sparkurses der Landeskirche ein problematisches Ansinnen sein. Vielleicht wäre es doch mal eine Überlegung wert, ob man die bürokratischen Abläufe nicht effizienter gestalten (und damit womöglich sogar noch Geld einsparen) könnte? -- Auf eine ganz andere Baustelle weist Jan-Wilhelm Hessenius, Kirchenratsmitglied und Lektor in Tossens, hin: Er sieht ein Problem "in der seiner Meinung nach erheblich erschwerten Lektoren-Ausbildung. Die Änderung im Lektoren-Gesetz hätte die Bereitschaft, sich als Ehrenamtlicher zum Lektor ausbilden zu lassen, deutlich gemindert [...]. Hier müsse die Kirche umdenken." Aber hallo! In der evangelischen Kirche braucht man eine Ausbildung, um Lektor sein zu dürfen? Da würde ich mich aber auch schön bedanken! Nun ja, ich habe mir das "Gesetz über die Beauftragung von Gemeindegliedern mit Aufgaben der öffentlichen Verkündigung" daraufhin mal angesehen und zweierlei festgestellt: Zum einen ist es gar so neu nicht, sondern wurde am 27. Mai 2016 verabschiedet; zum anderen betrifft es ausdrücklich nur sogenannte "Predigtlektoren" und "Prädikanten": Die ersteren sind befugt, "einen Gottesdienst [zu] leiten und auf Grundlage einer Lesepredigt [zu] predigen", die letzteren darüber hinaus auch dazu, "eine selbst verfasste Predigt [zu] halten". Okay: Dass es dazu einer speziellen Ausbildung bedarf, leuchtet mir ein. Für den einfachen Lektorendienst ("Sie übernehmen in Gottesdiensten z.B. biblische Lesungen oder Gebete") bietet die Landeskirche lediglich einen "Offenen Grundkurs" an, der aber allem Anschein nach nicht verpflichtend ist. 

Gleichwohl hat es natürlich eine gewisse Folgerichtigkeit, wenn Kirchenratsmitglied Hessenius angesichts der Streichung von Pfarrstellen die Frage der Gottesdienstleitung durch Ehrenamtliche zur Sprache bringt. Schon jetzt leitet er "bis zu 20 Gottesdienste im Jahr, wobei ihm die plattdeutschen die liebsten sind"; es liegt auf der Hand, dass der Bedarf zukünftig steigen wird. Was mich zu der Frage zurückbringt: Wenn der scheidende Stollhammer Pastor Tönjes über ehrenamtliche Kirchenmitarbeiter sagt "Die können das auch", was genau meint er dann mit "das"? 

Wie schon gesagt: Ich verstehe nicht viel von der evangelischen Kirche. Ich weiß streng genommen nicht einmal, ob die Verantwortungsträger vor Ort, seien sie haupt- oder ehrenamtlich, in der Kirche überhaupt etwas anderes sehen als eine "Gemeinschaft der Kasualienkonsumenten" (M. Welker) und ob sie überhaupt mehr wollen als den Niedergang verwalten. Eine beständig abnehmende Zahl von Kirchenmitgliedern taufen, konfirmieren und beerdigen, bis niemand mehr da ist und man das Licht ausmachen kann: Wenn das das Ziel ist, dann ist die Kirche auf einem guten Weg, und das gilt nicht nur für die Wesermarsch und auch keinesfalls nur für die evangelischen Landeskirchen. Wenn es das aber nicht ist, dann würde ich den Verantwortlichen dringend empfehlen, sich beizeiten mal zusammenzusetzen, um 
  • a) Klarheit darüber zu gewinnen, was denn dann das Ziel ist und 
  • b) sämtliche verfügbaren Ressourcen - materielle, personelle, zeitliche usw. - radikal und schonungslos dahingehend zu evaluieren, ob und inwieweit sie in einer Weise eingesetzt werden, die dem in a) formulierten Ziel dient. Und daraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen. 

Das kann - und wird höchstwahrscheinlich - ein schmerzhafter Prozess sein. Aber ich habe die vage Ahnung, dass Teil a) der eigentlich schwierigere Teil der Aufgabe ist. Einige Anregungen dazu, passenderweise sogar aus explizit evangelischer Perspektive, habe ich hier gefunden. Aus katholischer Sicht widmet sich der kanadische Priester James Mallon in seinem Buch "Divine Renovation - Wenn Gott sein Haus saniert" dieser Frage. Ein bisschen Bereitschaft zu eigenständigem Transferdenken vorausgesetzt, dürfte beides auch für Angehörige der jeweils anderen Konfession lesenswert sein. 



Donnerstag, 19. Juli 2018

Auf vielfachen Wunsch: Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 11

Es ist schon ganz schön lange her - über eineinhalb Jahre! -, dass ich meine großangelegte Analyse des kulturkämpferischen Sensationsromans "Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau" von Dr. A. Rode (1869) unvollendet liegen gelassen habe; aber das Publikum vergisst nichts -- oder genauer gesagt: Eine kleine, aber treue (um nicht zu sagen hartnäckige) Gruppe von Lesern und Leserinnen erinnert mich mehr oder weniger regelmäßig daran, dass ich ihnen noch eine Fortsetzung schuldig bin. Also gut, dann will ich mich diesem Drängen mal nicht verschließen. 

Glücklicherweise hatte ich seinerzeit einen günstige Zäsur gewählt, um das Thema vorerst ruhen zu lassen -- nämlich eine Stelle, an der der Verfasser (wieder einmal) einen Zeitsprung unternimmt und einen neuen Handlungsstrang eröffnet. Folglich muss ich mich bei der Wiederaufnahme nicht groß mit Ausführungen zum Thema "Was bisher geschah" aufhalten. Mit Kapitel XLIV steuert der Roman geradewegs auf die Schilderung des Polnischen Aufstands von 1830/31 zu -- der "von so schweren Folgen für den ganzen Adel Polens, insbesondere auch für die Familie Ubryk, begleitet" ist, dass der Verfasser "dem geneigten Leser" dessen Darstellung "nicht vorenthalten" zu dürfen meint (S. 566). Tatsächlich ist es nicht verwunderlich, dass der Autor an diesem quasi auf dem Weg liegenden Sujet nicht vorübergehen konnte, schließlich war der Polnische Aufstand nach und neben der Pariser Julirevolution von 1830 das wohl bedeutendste revolutionäre Ereignis der Vormärzzeit und löste beim liberalen deutschen Bürgertum eine schwärmerische Polenbegeisterung aus, die sich auch vielfältig in der Literatur niederschlug. Der Patriotismus, die Freiheitsliebe und Opferbereitschaft der Polen wurden als vorbildlich auch für die Deutschen gepriesen; wie wir noch sehen werden, wirkt sich dies auch auf Rodes "Barbara Ubryk"-Roman aus, obwohl die liberale Polenbegeisterung in Deutschland sich in den 1860er Jahren eigentlich schon deutlich abgekühlt hatte. 

Aber der Reihe nach! Das XLIV. Kapitel widmet sich größtenteils der Schilderung der grausamen Willkürherrschaft des Großfürsten Konstantin Pawlowitsch Romanow, der als Militärgouverneur von Warschau de facto Regent des auf dem Wiener Kongress geschaffenen Königreichs Polen war -- und den der Verfasser beharrlich "Constantin Cesarewitsch" nennt ("Zesarewitsch" war der Titel des russischen Thronfolgers; das war zur Zeit der Handlung aber nicht Konstantin, sondern sein Neffe Alexander). Die Schilderung von Konstantins tyrannischen Launen wirkt bis ins Groteske überzeichnet, hat aber wohl einen wahren Kern darin, dass der Großfürst sich tatsächlich durch seine despotische Härte beim polnischen Volk verhasst machte. Eine Verbindung zur antiklerikalen Tendenz des Gesamtromans stellt der Autor dadurch her, dass er recht gezwungen anmutende Parallelen zwischen dem Militärregime in Warschau und der Klerikerherrschaft in Rom zieht (S. 571f.) und zudem behauptet, Konstantin habe sich in seinem "fortwährenden Kampf gegen die Macht des Geistes [...] mit der römischen Kirche, die das Wissen von jeher bekämpfte", verbündet (S. 579). 

Die historische Zuverlässigkeit des Romans ist auch hier wieder, wie schon bei früheren Passagen mit Bezug zu Ereignissen der Weltgeschichte, gering. Auf S. 578 heißt es, Polen habe "nach seiner Einverleibung in Rußland durch Kaiser Nikolaus eine Verfassung (Constitution) verliehen" bekommen; dies geschah jedoch bereits 1815 unter der Regierung Alexanders I., Nikolaus' Bruders und Vorgängers. Auf S. 581 bringt Dr. Rode - dem ich seinen Doktortitel übrigens immer weniger abkaufe - das Kunststück fertig, das Datum des Ausbruchs des Polnischen Aufstands im Abstand von nur 12 Zeilen einmal richtig und einmal falsch anzugeben: "Am Montag, dem 29. November" und "Der Montag, der 30. November". Aber seien wir mal gnädig und ziehen in Erwägung, dass das auch der Setzer verbockt haben könnte. 

Wie aber kommen nun die dem Leser bereits bekannten Romanfiguren ins Spiel? -- Elkas Sohn Ladislaus, der inzwischen Jura studiert hat und Beamter geworden ist, hat sich zu einem glühenden polnischen Patrioten entwickelt und sich, wie einst Jaromir Ubryk, "dem geheimen Revolutionskomité" (S. 582) angeschlossen; schon vor dem Ausbruch des Aufstands wird er zusammen mit einigen anderen Verschwörern verhaftet. Als seine Eltern das erfahren, schließt sich auch Kasimir - trotz des energischen Einspruchs seiner Frau - den Aufständischen an und übernimmt sogleich eine Führungsposition. Es gelingt ihm, seinen Adoptivsohn aus der Haft zu befreien; doch inzwischen hat sich auch die 13jährige Barbara, die "etwas von dem ungestümen Character ihrer Mutter an sich" hat (S. 564), aus dem Haus gestohlen und hilft beim Barrikadenbau und beim Verbinden von Verwundeten. Sie wird Zeuge, wie ihr Halbbruder Ladislaus, der die polnische Fahne gegen einen Angriff russischer Kürassiere verteidigt, schwer verwundet wird; als sie ihnen zu Hilfe kommen will, wird sie von einem Pferd getreten und bricht, die Fahne in der Hand, bewusstlos zusammen. 

Zunächst wird sie für tot gehalten, aber als sich zeigt, dass sie noch lebt, nehmen ein Fabrikarbeiter und seine Frau, deren Sohn auf den Barrikaden gefallen ist, sie zu sich und pflegen sie. Inzwischen wird Ladislaus tödlich verwundet nach Hause gebracht und stirbt zwei Tage später. Erst nach zwei Wochen erfahren Elka und Kasimir durch einen Arzt vom Verbleib ihrer Tochter und holen sie wieder nach Hause. Ihre heldenhafte Verteidigung der polnischen Fahne macht unter der Bevölkerung Warschaus Furore, und als der Gutsbesitzer Jockowski einige Wochen später ein "Sensenträger-Regiment"  aufstellt, wählt dieses Regiment Barbara "zur Fahnenjungfrau" (S. 623). Da sie noch nicht von ihren Verletzungen genesen ist, kann sie diese Wahl nicht annehmen, aber das Regiment bringt ihr vor dem Balkon ihres Elternhauses eine Huldigung aus, bei der "das Musikkorps die Hymne: La fille du regiment spielte" (S. 624). Da ist dem Herrn Dr. Rode nun freilich ein böser Fehler unterlaufen: "La fille du régiment", wonach das ganze XLVI. Kapitel "Die Tochter des Regiments" betitelt ist ("Wer kennt nicht das schöne französische Lied: La fille du regiment? Nicht nur drüben über dem grünen Rheine kann man es so oft mit Begeisterung von den Franzosen singen hören, auch bei uns, an der Ostsee und am Bodensee, hat es sich eingebürgert" -- S. 603), ist eine Oper von Gaetano Donizetti, die erst 1840 uraufgeführt wurde. Da müssen die braven Warschauer schon Hellseher gewesen sein. 

Insgesamt ist die Fiktion, aus Barbara Ubryk eine gefeierte Heldin des Aufstands von 1830/31 zu machen, natürlich hochgradig unglaubwürdig: Müssen sich die zeitgenössischen Leser nicht gesagt haben, dass sie das, wenn es denn wahr gewesen wäre, anlässlich ihrer Befreiung aus dem Kloster knapp 40 Jahre später aus der Presse erfahren haben würden, ja, wäre es überhaupt glaubhaft, dass eine so bekannte Persönlichkeit jahrelang sang- und klanglos in einem Kloster verschwindet? Dasselbe gilt im Grunde natürlich auch schon für den Schachzug des Autors, eine Tochter einer immens reichen Gräfin aus ihr zu machen. 

Fast noch ärgerlicher finde ich es allerdings, wie nonchalant der Autor sich Barbaras Halbbruder Ladislaus vom Halse schafft. Man hätte doch denken können, als leiblicher Sohn des schurkischen Jesuiten Rebinsky hätte er in den Bemühungen des Jesuitenordens, das Vermögen der Familie Elkas in die Finger zu bekommen, noch eine wichtige Rolle spielen können. Aber offenbar wusste der Verfasser von Anfang an nicht recht viel mit dieser Figur anzufangen, schließlich hatte er Ladislaus schon einmal für längere Zeit praktisch spurlos aus dem Romangeschehen verschwinden lassen. Dass er ihn dann doch wieder auf die Bildfläche zurückholte, konnte zunächst einmal hoffen lassen, er werde ihm später noch eine wichtigere Rolle zuweisen; stattdessen ist der junge Mann nun tot, was möglicherweise ein Indiz dafür ist, dass Dr. Rode seinen Plan für den weiteren Handlungsverlauf - wieder einmal - spontan geändert hat. Sofern von einem solchen Plan überhaupt die Rede sein kann, woran man durchaus Zweifel haben darf. 

Am Rande erwähnt sei eine Fußnote auf S. 604, in der der Autor tadelt, dass nach Schlachten häufig nicht sorgfältig genug geprüft werde, ob unter den vermeintlich Gefallenen noch Lebende sind, und diese voreilig in Massengräbern verscharrt werden; er nennt Beispiele aus der Schlacht bei Kissingen (1866) und der Schlacht bei Custozza -- derer es allerdings zwei gab, 1848 und ebenfalls 1866.

Das XLVII. Kapitel, "Der Apfel des Tantalus", gehört einem anderen Handlungsstrang an und durchbricht zudem die Chronologie der Handlung, weshalb ich es hier vorerst übergehe. Ich habe wohl schon mehrfach angemerkt, dass eine derart sprunghafte Handlungsführung nicht unbedingt ungewöhnlich für Kolportageromane ist, aber gleichzeitig auch ein Indiz dafür sein könnte, dass der Autor unter erheblichem Zeitdruck gearbeitet hat.

Kapitel XLVIII trägt den treffenden Titel "Ein Stück Weltgeschichte" und schildert die Niederschlagung des Polnischen Aufstandes durch die russische Armee. Besonders ausführlich wird die Schlacht bei Grochów vom 25. Februar 1831 dargestellt, wobei der Autor in seinen Angaben zu den Truppenstärken die zahlenmäßige Überlegenheit der Russen stark übertreibt - wohl um den Heldenmut der Polen umso mehr zu betonen - und den Schlachtverlauf zudem so schildert, dass es den Anschein hat, die Polen hätten die Schlacht gewinnen können, wenn Fürst Radziwiłł nicht aus militärischer Unfähigkeit, wenn nicht gar purer Feigheit, den Rückzug angeordnet hätte. Überhaupt schreibt Dr. Rode das Scheitern des Polnischen Aufstands mit Vorliebe dem Versagen Einzelner zu - angefangen von "der zweideutigen Haltung und den hindernden Maßregeln" des ersten Oberbefehlshabers Józef Chłopicki (S. 652) bis hin zu den "verrätherische[n] Anordnungen" des "Judas" Jan Krukowiecki, "der einen so teuflischen Charakter besaß" (S. 666f.). Die Schlachtbei Ostrołęka (26. Mai 1831), die den ersten entscheidenden Sieg der Russen markierte, wird überhaupt nicht erwähnt. Von den Hauptfiguren der Romanhandlung erfährt man in diesem Kapitel wenig; nur Kasimir Ubryk wird ein paarmal erwähnt: Er will "ein Regiment aus Warschauerbürgern errichten und dessen Führung übernehmen", was Chłopicki ihm jedoch ausredet, woraufhin er sich "[a]us Groll darüber [...] aus dem Administrationsrathe" zurückzieht und vorübergehend beabsichtigt, "an dem ganzen Befreiungswerke nicht mehr Theil zu nehmen"; dann entschließt er sich aber doch, "dem Revolutionsrathe die Summe von 500,000 Gulden zu übergeben, lehnte es aber vorläufig ab, selbst die Waffen zu ergreifen" (S. 652). In diesem Zusammenhang erinnert der Autor auch an die eigentliche Haupthandlung, indem er anmerkt, dass diese großzügige Spende die erbschleicherischen Jesuiten dazu veranlasst, den Verlust dieser "bedeutenden Summe" zu beklagen (S. 653). Erneut kommt Kasimir ins Spiel, als Chłopicki bei Grochów schwer verwundet wird und zur Genesung "eiligst nach Warschau gebracht" wird,
"wo er sogleich von Kasimir in seinen Palast und in liebende Pflege genommen wurde.
Vergessen war jetzt der Groll, den Kasimir gegen ihn gehegt; er bewunderte und ehrte in ihm jetzt einen Helden, der für des Vaterlandes heilige Rechte gefallen war." (S. 658) 
(In Wirklichkeit ging Chłopicki zur Heilung seiner Wunden nach Krakau.)

Bogdan Willewalde: Die Schlacht bei Grochów (gemeinfrei
Auf S. 661 erfährt man, daß Kasimir Ubryk in den "Reichstag in Warschau [...] gewählt worden" ist. Der vielleicht interessanteste Teil des Kapitels ist jedoch eine Passage, in der der Autor aus der Handlung heraustritt und sich direkt an den Leser wendet: 
"Bewunderungswürdig ist der Opfermuth eines Volkes, wenn es sich gegen seine Unterdrücker erhebt. Der geneigte Leser wird daher unsere Schilderung desselben keineswegs ohne Interesse lesen; zumal die Zeit nahe sein dürfte, wo auch wir denselben Opfermuth, denselben Heldenmuth zu beweisen haben werden. Lassen wir noch zehn Jahre verstreichen – Deutschland hat eine andere Gestalt wie heute. Einig und groß wird es dastehen. Viele, ja Viele unserer freundlichen Leser werden diesen nahen Zeitpunkt erleben; aber sie werden auch nach zehn Jahren sagen: Große Opfer hat uns Deutschlands Einigung und Größe gekostet!" (S. 653) 
Erinnern wir uns, die Veröffentlichung des Romans begann im August 1869. Wir befinden uns mittlerweile im 14. Lieferungsheft, was, wenn wir von wöchentlicher Erscheinungsweise ausgehen, bedeutet, dass dieser Absatz Ende Oktober oder Anfang November erschien; falls nur alle 14 Tage ein neues Lieferungsheft erschien, befinden wir uns sogar schon im Januar oder Februar 1870. Am 19. Juli 1870 begann der Deutsch-Französische Krieg, am 18. Januar 1871 wurde das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Da hatte Dr. Rode mit seinen "zehn Jahren" also noch sehr großzügig geschätzt.

Zu Beginn des irrtümlich mit der (im römischen Zahlensystem gar nicht existierenden) Nummer "IXL" versehenen Kapitels "Das bittere Brod der Verbannung" (richtig wäre die Nummer XLIX gewesen) übernehmen die Russen wieder die Herrschaft in Polen und verhängen drakonische Strafen gegen die Rädelsführer des Aufstands -- zu denen auch Kasimir Ubryk gezählt wird, nicht nur wegen seiner Position "als Mitglied des Revolutions-Administrationsrathes und später des Reichsrathes", sondern auch wegen seiner "bedeutenden Geldspenden". Auch der "Verlust seines Sohnes Ladislaus und die Verwundung seiner Tochter Barbara in der Befreiungsnacht des 29. Novembers" geben den Russen
"Grund genug, die Proskription auch auf ihn auszudehnen, obgleich er nicht persönlich die Waffen geführt hatte. So prangte denn sein Name ebenfalls auf der Liste der zum Tode des Erhängens Verurtheilten.
Kasimir war aber nicht Willens gewesen, solchen Lohn für feine Vaterlandsliebe zu ernten. Den Eintritt eines ähnlichen Ereignissee voraussehend, hatte er mit den meisten Mitgliedern des Reichstages am 5. Oktober die Grenze Polens überschritten." (S. 670) 
Derweil ist Elka mit ihren drei Töchtern, darunter Barbara, vorerst in Warschau geblieben, um einer drohenden Enteignung ihres Landbesitzes durch den Verkauf desselben zuvorzukommen. Bei dieser Gelegenheit lässt der Autor erneut seinem schon früher unangenehm aufgefallenen Antisemitismus die Zügel schießen, indem er ausführt, der Verkauf der Güter 
"wäre in solchen Zeiten eine schwierige Aufgabe gewesen, wenn [...] Polen nicht so von Juden überschwemmt gewesen wäre, wie kein anderes Land. An diese wandten sich nun die Verwaltungsbeamten. Mit großer Eile griffen die Juden zu, in der Meinung, daß die Familie Ubryk in Folge ihrer starten Compromittirung beim Aufstande flüchtig gehen und deshalb ihre Güter aufgeben müsse. Sie fanden diese alle im besten Zustande, sehr ertragsfähig und mit großen Dörfern arrondirt. So konnte es nicht ausbleiben, daß sie sich im Ankaufspreise überboten und die Herrschaften um sehr hohen Preis ablösten. Zuletzt veräußerte Elka auch den Palast Zolkiewicz in Warschau, sowie den ihrer Tante, der Gräfin Czernewsla, an das Bankhaus Salomon." (S. 673). 
Später erfährt man, dass "die russische Regierung alle während des Aufstandes abgeschlossenen Verträge und Verläufe nicht anerkannt" und die Güter dennoch konfisziert hat: "Die betreffenden Juden [...] sind daher eigentlich um ihr Geld geprellt worden" (S. 677). 
Elka jedenfalls erfährt bald nach dem Einmarsch der Russen in Warschau, 
"daß ihr Gemahl zum Tode und Confiscation seiner Güter verurtheilt sei. Auf diese Nachricht verließ sie sofort mit ihrem Baarvermögen Warschau, ehe noch nach ihr gefahndet werden konnte. Außerhalb Warschau nahm sie einen fremden Namen an und erreichte ziemlich ungehindert die Grenze.
Ohne Aufenthalt reiste Elka mit ihren Kindern weiter nach Dresden, das sie nach einigen Wochen erreichte. Hier miethete sie sich ein Haus und begann sich zu längerem Aufenthalte einzurichten. Kasimir befand sich unterdessen eben auf der Flucht nach Sachsen. Er war, nachdem der Reichstag an der Grenze sich aufgelöst hatte, mit den meisten Mitgliedern desselben, wie bereits erwähnt, in einem preußischen Grenzstädtchen internirt gewesen." (S. 673). 
Durch glücklichen Zufall findet Kasimir seine Familie in Dresden wieder, und fortan leben sie "ruhig und zurückgezogen" (S. 677). -- Der Rest des Kapitels, immerhin weitere sechs Seiten, bildet einen rein episodischen Einschub, der aber so skurril ist, dass ich ihn nicht gänzlich übergehen möchte. Ich werde ihn daher in der nächsten Folge dieser Reihe würdigen.