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Donnerstag, 7. Februar 2019

Rebuilt? Ich weiß ja nicht...

Regelmäßigen Lesern wird es wohl schon mal aufgefallen sein, dass ich hin und wieder gern katholische Nachrichtenquellen aus der angloamerikanischen Welt zur Kenntnis nehme. So kam mir unlängst in den Weiten des Internets ein englischsprachiger Artikel vor die Augen, in dem ein katholischer Priester die 1. Lesung zum 3. Sonntag im Jahreskreis (dieses Jahr der 27. Januar) aus dem 8. Kapitel des Buches Nehemia zum Anlass für ein Plädoyer nahm, kleine Kinder NICHT mit in die Heilige Messe zu nehmen.

Ich glaube mit einiger Bestimmtheit sagen zu können, dass mich das schon geärgert hätte, als ich selbst noch kein kleines Kind hatte. Und nun natürlich erst recht. 

Der Aufhänger im Lesungstext aus Nehemia besteht übrigens darin, dass zur Verlesung der wiedergefundenen Gesetzesrolle "Männer und Frauen und überhaupt alle, die schon mit Verstand zuhören konnten" versammelt werden -- der Verfasser des Artikels schreibt sogar explizit "those children old enough to understand", was ich bemerkenswert finde, da ich bei bibleserver.com keine englische Bibelversion gefunden habe, in der an dieser Stelle das Wort children steht. Aber geschenkt. Jedenfalls folgert er aus diesem Satz: "Kleinkinder und Krabbelkinder waren nicht dabei, weil sie einen langen Gottesdienst, der für Erwachsene gedacht war, nicht verstehen konnten." 

Davon ausgehend reflektiert der Autor über die seiner Wahrnehmung zufolge typisch katholische Sitte, Kinder jedes Alters in den Gottesdienst mitzubringen, und legt dar, weshalb er es für falsch hält, anzunehmen, das müsse so sein. Letztlich habe ja niemand etwas davon, schon gar nicht die Kinder selbst; viel sinnvoller sei es, parallel zur Messe ein altersgerechtes Kinderprogramm zu veranstalten. 

Letztendlich können all diese Ausführungen allerdings nur unzureichend verdecken, dass ihr Verfasser Kinder schlichtweg nicht mag -- oder vorsichtiger ausgedrückt: dass er persönlich sich von ihnen gestört fühlt:
"Manchmal sehe ich Mütter mit ihren Kindern in der vordersten Reihe sitzen -- in der vordersten Reihe, damit die Kinder 'den Altar sehen können' (als ob sie da hinschauen würden). [...] Das Kind [...] wird zu einer Ablenkung für alle, einschließlich der liturgischen Dienste und des Predigers. Ich kann gar nicht sagen, wie unglaublich schwierig es ist, zu versuchen, über das Geschrei eines Babys hinweg zu predigen." 
Mein Kind fühlt sich in der Kirche wohl, und das soll auch so bleiben. 
Sorry, da kann mir keiner was erzählen: Wer so etwas schreibt, ist einfach ein kinderhassender Griesgram. -- Zugegeben, mit dieser Haltung ist dieser Priester kein Einzelfall. Der in meinen ersten neun Lebensjahren für meine Heimatgemeinde zuständige Priester war geradezu berüchtigt dafür, äußerst empfindlich auf unruhige Kinder zu reagieren -- das wird sogar in der Kirchenchronik erwähnt, die ich hier neulich gewürdigt habe und demnächst noch ausführlicher zu würdigen beabsichtige. Und unlängst hat der Pfarrer meiner jetzigen Wohnortgemeinde meine Frau und mich darauf angesprochen, dass es ihn doch sehr störe, wenn unsere kleine Tochter während seiner Predigt in der Kirche herumläuft (sie hatte zu diesem Zeitpunkt gerade erst laufen gelernt). Ich bin also durchaus sensibilisiert für dieses Thema. Umso bedenklicher scheint es mir, dass der Verfasser des hier in Frage stehenden Artikels - Fr. Michael White, Pfarrer der Church of the Nativity  in Timonium (Maryland), einer Vorstadt von Baltimore - nicht irgendein gewöhnlicher Feld-, Wald- und Wiesenpfarrer ist, sondern - zusammen mit seinem Pastoralassistenten Tom Corcoran - der Urheber eines vieldiskutierten und vielfach als vorbildlich gepriesenen Konzepts zur Gemeindeerneuerung mit dem Namen REBUILT.

Tatsächlich war ich REBUILT gegenüber von jeher vage skeptisch, wobei ich einräumen muss, dass ich annähernd alles, was ich bisher über das Konzept wusste, zwei Artikeln auf "feinschwarz" entnommen hatte -- einer Webpräsenz, die sich als "theologisches Feuilleton" bezeichnet und mit der ich mich hier schon ein paarmal auseinandergesetzt habe. Von den beiden Artikeln über REBUILT ist der erste - verfasst vom Grazer Religionslehrer Florian Mittl und erschienen am 02.12.2017 - ausgesprochen wohlwollend, der zweite - aus der Feder der Innsbrucker Theologiedozentin Anni Findl-Ludescher und erschienen am 30.04.2018 - schlägt erheblich kritischere Töne an. Es ist indes sicherlich kein Zufall, dass mir gerade das, was "feinschwarz" an REBUILT gut findet, besonders suspekt ist.

Tatsächlich enthält Florian Mittls Bericht über REBUILT einige Punkte, die mir theoretisch recht sympathisch sein könnten - ich komme noch darauf zurück -, aber mein intuitives Unbehagen beginnt schon damit, dass die Urheber dieses Gemeindeerneurungskonzepts "von einer evangelikalen Kirche und Mega Church gelernt" haben, "nämlich der Saddleback Church in Kalifornien". Nun wäre ich sicherlich der letzte, der prinzipiell bestreiten würde, dass die katholische Kirche sich in manchen Bereichen eine Scheibe von evangelikalen Freikirchen abschneiden könnte, aber beim Stichwort "Megachurch" kräuseln sich mir schon die Zehennägel. Ein zweiter Blick bestätigt denn auch genau die Vorbehalte, die sich mir da aufdrängen -- dazu wird weiter unten noch mehr zu sagen sein. Hingegen scheinen mir die Kritikpunkte, die Anni Findl-Ludescher vorbringt, tendenziell aus einer Richtung zu kommen, die mich eher noch mehr nervt. Zum Beispiel: Die Church of the Nativity konkretisiert die Zielgruppe, die sie anpeilt, in Gestalt einer fiktiven Figur, die "Timonium Tim" genannt wird: 
"Auf diesen fiktiven Tim wird alles ausgerichtet. Er soll sich eingeladen und willkommen fühlen. Ihn möchten sie (wieder) in die Kirche bringen. [...] Tim ist 'gebildet, gut gekleidet und erfolgreich. Tim ist verheiratet und hat Kinder. Er hat ein schönes Haus und einen angenehmen Lebensstil. Er fährt ein tolles Auto. Tim arbeitet die ganze Woche über hart und hat an den Wochenenden gerne frei.'" 
An diesem Ansatz gäbe es nun allerlei zu kritisieren, aber was stört Frau Findl-Ludescher daran am meisten? Dass Tim ein Mann ist. Kein Witz. "Dass sie [...] diese konservative Geschlechtertypologie zementieren, ist selbstoffenbarend", nörgelt sie. Folgerichtig rümpft sie mit Blick auf die Ministranten der Church of the Nativity weniger darüber die Nase, dass diese bezahlt werden, als vielmehr darüber, dass es sich ausschließlich um junge Männer handelt. 

(Mir ist durchaus klar, dass die Frage "Messdienerinnen ja oder nein?" für Katholiken in etwa das ist, was der Orang-Utan für die Edgar-Allan-Poe Forschung ist: ein Thema, zu dem man sich nicht äußern kann, ohne sich gewaltig in die Nesseln zu setzen. Deshalb will ich mich hier auch gar nicht lange dabei aufhalten. Meinen eigenen Standpunkt würde ich als relativ moderat einschätzen, aber das heißt ja letztlich auch nur, dass man im Zweifel von zwei Seiten Prügel bezieht. Zumindest jedenfalls würde es mir nicht einfallen, eine Gemeinde dafür zu kritisieren, dass sie nur männliche Ministranten hat -- vorausgesetzt, das führt nicht dazu, dass sie insgesamt zu wenige hat. Hierzulande ist es ja eher das Problem, überhaupt noch Jungen für den Ministrantendienst zu gewinnen, weil dieser vielfach von Mädchen dominiert wird. Aber das betrachtet Frau Findl-Ludescher wohl aus einer feministisch-machtpolitischen Perspektive: Der Ministrantendienst ist quasi eine Bastion, die von Frauen "erobert" wurde, und nun gilt es diese Stellung zu halten.)

Nebenbei beschwert sich Frau Findl-Ludescher dann noch darüber, dass "Papst Franziskus [...] während der gesamten church-conference in den Hauptvorträgen im Plenum nie zitiert" wird. "Zufall?" Gähn

Kehren wir aber erst einmal zum Thema "Kleine Kinder in die Heilige Messe mitnehmen oder nicht?" zurück: Ich war durchaus erfreut, festzustellen, dass Fr. White mit seinem oben angesprochenen Artikel auf jede Menge Widerspruch stieß, nicht zuletzt auf Twitter. Hier einige Beispiele: 
"Kleine Kinder nicht in die Messe mitzunehmen, ergibt total Sinn, wenn man nicht an so etwas wie Gnade glaubt."  
"Oder wenn man die Messe als eine Performance betrachtet, bei der man Zuschauer ist, und nicht als eine intime Begegnung mit Gott, bei der es nicht auf die eigenen Fähigkeiten ankommt, Ihn wahrzunehmen." 

"'Rebuilt-Gemeinde' klingt schon so nach nichtkonfessioneller Megachurch und spiritueller Mogelpackung, und der Name ist noch das geringste Problem." 
"Ja klar, aber dafür hat er Kaffee und eine coole Band und eine geile Website, also entspannt euch mal, Leute." 
Pointiert zusammengefasst wird die Kritik der katholischen Twitter-Community an Fr. Whites Haltung zum Messbesuch von Kindern in einem Video-Statement von Comedian Jeremy McLellan: 


Nun gut: Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein geradezu fundamentalistischer Gegner von "Kinderwortgottesdiensten", "Familienmessen" und überhaupt von so ziemlich allem bin, was in der Kirche üblicherweise unter "kindgerechter Gestaltung" verstanden wird. Aber hier geht es um mehr als das. Im Zuge der erregten Debatte über Fr. Whites Einlassungen zum Thema "Kinder in der Messe" stieß ich auf zwei Beiträge, die dieses konkrete Thema lediglich zum Anlass nahmen, darauf hinzuweisen, dass das ganze "Rebuilt"-Konzept von einem falschen Verständnis des Wesens der Heiligen Messe, von einer falschen Ekklesiologie, ja letztlich von einer ganz falschen Theologie ausgeht: einen Blogartikel von Amy Welborn, einer Pionierin des katholischen Bloggens; und einen Tweet-Strang von Fr. Harrison Ayre, Pfarrer in einer Kleinstadt in der kanadischen Provinz British Columbia. Beide setzen durchaus unterschiedliche Schwerpunkte, aber bei beiden finde ich vieles von dem artikuliert und begründet, was mir an REBUILT bislang eher intuitiv und "vorbewusst" gegen den Strich ging.

Dabei ist zunächst einmal zu betonen, dass beide das grundsätzliche Anliegen dieses Gemeindeerneuerungsansatzes sehr wohl würdigen; was mich wieder darauf bringt, dass, wie ich weiter oben ja schon angemerkt habe, REBUILT durchaus Aspekte hat, die mir an und für sich sympathisch sein müssten. Wie Florian Mittl auf feinschwarz beschreibt, entstand das REBUILT-Programm als Reaktion auf eine  Situation in der Gemeinde,
"in der viele Gläubige erwarten, bedient zu werden und sich nicht einbringen, sich jedoch sofort beschweren, wenn etwas nicht ihren Vorstellungen entspricht. Das Höchste der Gefühle in Nativity war es, Pfarrmitglieder dazu zu bewegen, an diversen Angeboten teilzunehmen, aber kaum jemand konnte sich wirklich mit Kirche und Pfarre identifizieren." 
Fr. Ayre merkt an, "Rebuilt und andere Erneuerungsbewegungen oder sucherorientierte Bewegungen" hätten Recht damit, einen Kulturwandel in den Gemeinden anzustreben, "weg von einer Konsumentenhaltung gegenüber dem Gemeindeleben und hin zu einer Vision von Jüngerschaft". Zudem merkt er an, die Kirche habe es "allzu lange vernachlässigt, die Glaubenspraxis als etwas anderes als eine Verpflichtung zu vermitteln". Amy Welborn sagt über den Nativity-Pfarrer Michael White: "Dieser Typ führt zum Teil einen Kampf gegen eine geistliche Mentalität, die dazu geführt hat, dass die Kinder zur Taufe und zur Erstkommunion und vielleicht noch zur Firmung kommen und dann verschwinden. Er versucht diese Leute zurückzuholen, er will ihnen helfen, einen bewussteren, entschiedeneren Glauben zu entwickeln. Alles klar."

Das Problem ist, ganz offensichtlich, das Wie dieser Bemühungen.

Ich beginne mal mit einem Punkt, der bei Amy Welborn und Fr. Ayre keine besondere Rolle spielt, den Florian Mittl aber als einen der Grundpfeiler des Rebuilt-Konzepts hervorhebt: das Prinzip "Every member a minister". "Die Pfarrmitglieder werden eingeladen, einen Dienst (ministry) zu übernehmen". Das finde ich zwar nun nicht sonderlich originell, aber eine Pfarreikultur, in der es als normal gilt, Dienste in der Gemeinde und für die Gemeinde zu übernehmen, anstatt dass dies einer kleinen Schar von "Ehrenamtlichen" überlassen wird, würde ich mir in der Tat auch wünschen. Wie aber wird das in Nativity praktisch gehandhabt? "Alle Freiwilligen, die eine Gruppe bzw. ein Treffen leiten, bekommen regelmäßig Hinweise für den Ablauf oder sogar ein ausformuliertes Drehbuch an die Hand", weiß Anni Findl-Ludescher zu berichten. "Daran sollen sie sich halten." Was für ein Gesicht ich angesichts dieser Information mache, möge sich der geneigte Leser selbst vorstellen. "Sicher eine tolle Möglichkeit, in Leitungsaufgaben hineinzuwachsen", meint die Innsbrucker Pastoraltheologin. "Authentizität zu fördern scheint weniger im Vordergrund zu sein."

Dass, wie Mittl berichtet, die Reformbestrebungen des "Rebuilt"-Konzepts darauf abzielen, einer "consumer culture" unter den Gemeindemitgliedern entgegenzuwirken, klingt für mich erst einmal gut -- theoretisch. Praktisch habe ich aber weit eher den Eindruck, dass REBUILT darauf abzielt, sämtliche Aktivitäten der Kirchengemeinde, einschließlich der Gottesdienste, zu einem zielgruppenspezifisch optimierten Konsumangebot zu stylen. Wie passt das mit der deklarierten Absicht zusammen, die Konsumentenmentalität der Kirchgänger zu bekämpfen? 

Fr. Harrison Ayre teilt meine Skepsis. Am "Rebuilt"-Programm, so meint er, offenbare sich die Gefahr, dass eine Form von Konsumentenmentalität lediglich durch eine andere ersetzt werde -- nämlich indem die Ausrichtung auf die Bedürfnisse einer Zielgruppe durch die einer anderen ausgetauscht werde. Anni Findl-Ludescher bezeichnet "die konsequente Ausrichtung auf 'unchurched people'" als das Leitbild der Nativity Church: "Ein Kernsatz der Pastoral lautet: 'An invitation for the unchurched, a challenge for the churched people'." "Kirchenferne Menschen sollen sich wohl fühlen. Auf ihre Bedürfnisse muss eingegangen werden", beschreibt Florian Mittl diesen Ansatz, und wiederum Findl-Ludescher: "Der Gottesdienst, die Angebote der Pfarre, die Gestaltung der Räume, die Art des In-Beziehung-Tretens, etc.: All das soll attraktiv sein für 'unchurched people' aus dem Stadtteil." Und das sind, wie Mittl hervorhebt, in der Vorstadt Timonium in erster Linie Angehörige "der weißen, gehobenen Mittelschicht", konkretisiert, wie schon gesagt, in der Symbolfigur des Timonium Tim. Während Mittl es "wichtig" findet, "ihn/sie wahrzunehmen und konkret auf seine/ihre Bedürfnisse einzugehen", sieht Findl-Ludescher diesen Ansatz kritischer: 
"Was hier geschieht, lässt sich vielleicht als 'milieusensible Pastoral' bezeichnen. Pastoral aber ist ein sich wechselseitiges Durchdringen von Evangelium und Kultur. In Nativity entsteht der Eindruck, dass die Kultur des Tim den Ton angibt."
In der Tat: Solange ich zurückdenken kann, wurde in kirchlichen Strukturdebatten stets der pastorale Grundsatz hochgehalten, man müsse "die Leute da abholen, wo sie stehen". Nur sollte die Vorstellung des "Abholens" normalerweise implizieren, die Leute von dem Ort, wo sie stehen, woanders hinzuführen. Und damit, so scheint es, tut sich die Pastoraltheologie hierzulande zunehmend schwer. Exemplarisch deutlich wird das etwa an der akademischen Kritik am "Mission Manifest": Da argumentieren gestandene Theologen ganz offen, die Vorstellung, Christen seien im Besitz einer Wahrheit, die sie anderen Menschen mitzuteilen hätten, sei überholt und fundamentalistisch, und es gelte vielmehr, die Kirchenfernen mit ihrem ganz anderen Blick auf Gott und die Welt wahr- und ernstzunehmen und von ihnen zu lernen. Angesichts solcher geistlicher Bankrotterklärungen leuchtet es durchaus ein, dass Pastoraltheologen aus dem deutschsprachigen Raum von Modellen wie REBUILT elektrisiert sind: Da gibt es wenigstens noch so etwas wie eine Vision

Aber ich will nicht zu weit ausholen. -- Das Dilemma der "sucherorientierten" Pastoral beschreibt Fr. Ayre wie folgt: 
"Das Prinzip ist simpel: Lasst uns die verlorenen Schafe suchen gehen. Probleme entstehen erst bei der Frage nach dem Modus, der zu diesem Ziel angewendet wird. [...] Soviel ich weiß, entstand die Idee der 'sucherorientierten' Pastoral zunächst im Protestantismus, wurde dort aber ab den späten 90ern starker Kritik unterzogen -- und dann sprangen die Katholiken auf den Zug auf und haben die Idee, wie mir scheint, ohne die notwendige theoligische Reflexion übernommen."
Wie Florian Mittl schildert, lautet einer der Grundsätze des "Rebuilt"-Programms "Prioritize the weekend experience": "Ist die Sonntagsmesse langweilig, wird Timonium Tim daraus schlussfolgern, dass wir langweilig sind, schlimmer noch: dass Gott langweilig ist." Daraus wird die Forderung abgeleitet, die Ressourcen der Pfarrei in erster Linie darauf zu konzentrieren, die Sonntagsmesse zu einem anregenden Erlebnis für die Besucher zu machen. -- Diese Idee vom "Vorrang des Wochenendes" spielt auch in Father James Mallons "Divine Renovation"-Konzept eine Rolle, und obwohl ich Letzteres im Ganzen durchaus gut finde (und als erheblich "katholischer" einschätzen würde als REBUILT), hat mich dieser Punkt intuitiv schon immer gestört. Ich hätte nicht genau sagen können, warum; aber ich glaube, inzwischen kann ich es, und noch besser als ich kann es Fr. Ayre. -- Ein wesentlicher Teil seiner Ausführungen setzt bei der Feststellung an, dass  auf der Website der Nativity Church der Begriff "Service" für die Heilige Messe verwendet wird. Zwar bedeutet "service" im Englischen durchaus unter anderem (nämlich als Kurzform für "worship service") "Gottesdienst", aber die primäre Bedeutung des Wortes ist nun einmal "Dienstleistung", und das findet Fr. Ayre ebenso bezeichnend wie problematisch. 
"Wir wissen, dass die Messe keine Dienstleistung ist, sondern die höchste Form der Verehrung des Vaters in Christus. Das ist alles andere als eine Dienstleisung. Ich bin sicher, man wird argumentieren 'Aber das ist nun mal eine Sprache, die die verlorenen Schafe verstehen'. Da ist etwas Wahres dran, aber es gibt einen Punkt, an dem die Sprache, die wir benutzen, unsere eigentliche Botschaft untergräbt, und die Messe als 'Service' zu bezeichnen ist definitiv ein solcher Punkt. [...] 
Wenn man so 'sucherorientiert' wird, dass man darüber die Bedeutung der Liturgie, die Bedeutung des Heiligen aus den Augen verliert, weil 'die Leute das nun mal nicht verstehen', schleicht man sich allmählich weg von dem, was für die katholische Identität essentiell ist." 

Anders ausgedrückt: Die Heilige Messe eignet sich einfach insgesamt schlecht als "sucherfreundliches" Angebot für "Fernstehende". Sie kennen den Ablauf nicht, können die Akklamationen nicht mitsprechen, und dann muss man ihnen womöglich auch noch erklären, warum sie nicht zur Kommunion gehen dürfen. Kurz gesagt, die Messe ist nicht "niederschwellig", und jeder Versuch, sie dazu zu machen, läuft letztlich nur darauf hinaus, sie zu verstümmeln. Nochmals Fr. Ayre: 
"Indem sie voraussetze, dass 'die Leute' Sakramentalität nicht kapieren, tendieren sie zur Vision einer Kirche, die weniger sakramental und mehr auf Unterhaltung ausgerichtet ist. [...] Das verrät mangelndes Zutrauen in die Fähigkeit der Liturgie und der sakramentalen Weltsicht, sich selbst mitzuteilen. Wir vermitteln den Leuten: 'Dieser Kram ist nicht wirklich wichtig. Wirklich wichtig ist, dass ihr eine angenehme Sonntagserfahrung habt.' (Das ist eine Formulierung, die diese Bewegung liebt.) Lasst es mich theologischer ausdrücken: Das Konzept der 'Sonntagserfahrung' ist eine allzu subjektive Sicht auf die Messe. Dabei steht im Mittelpunkt, was wir 'davon haben', und nicht, was wir Gott darbringen. Bei der Messe geht es im Wesentlichen nicht um eine angenehme subjektive Erfahrung (auch wenn dieser Aspekt nicht völlig außen vor gelassen werden sollte), sondern um die Verehrung des lebendigen Gottes, der uns von unseren Sünden erlöst hat." 

Genau diesen Punkt vertieft Amy Welborn in ihrer Kritik an Fr. Whites Äußerungen über Kinder in der Messe. Fr. White argumentiert, die katholische Sitte, kleine Kinder in die Messe mitzunehmen, obwohl sie dort nichts verstehen, lasse auf die Auffassung schließen, "ihre bloße Anwesenheit im Gottesdienst würde sie auf mühelose, geistig anspruchslose Weise mit Gnaden und anderen Wohltaten [Gottes] überschütten". In dieser ablehnenden Haltung gegenüber der Vorstellung einer quasi "automatischen Gnade" stimmt Amy Welborn ihm prinzipiell durchaus zu: 
"Die großen geistlichen Lehrer unserer Tradition erklären uns immer und immer wieder, dass geistliches Wachstum uns viel abverlangt: Die Früchte des sakramentalen und spirituellen Lebens gedeihen durch unsere Mitwirkung." 
Und: 
"Ja, wir sind dazu aufgerufen, nach Kräften daran mitzuwirken, dass die uns dargebotene Gnade in unserem Leben Wurzeln schlägt und Früchte trägt." 

Das heißt jedoch nicht, dass "Gottes Fähigkeit, in uns zu wirken, von dem Maß unseres Verstehens und unserer Tauglichkeit abhängig" wäre. "Es kommt nicht darauf an, wie viel wir mental aufzufassen in der Lage sind." Dass Fr. White so entschieden betont, Kleinkinder seien intellektuell nicht in der Lage, die "Information" der Messe aufzunehmen und zu verarbeiten, veranlasst die Bloggerin zu der Anmerkung, der Priester verwechsle Empfänglichkeit für die Gnade offenbar mit "mentalem Verstehen", wohingegen die Heiligen uns gelehrt hätten, dass diese Empfänglichkeit in der Liebe zu Gott und dem Verlangen nach Einheit mit Ihm bestehe. Fr. White lasse ein "auf tragische Weise verarmtes Verständnis der Messe" erkennen -- als handle es sich dabei lediglich um eine "Bibelstunde mit ein bisschen Gebet und Gesang drumherum". Diese "oberflächliche Vorstellung von der Messe und dem Leben aus den Sakramenten" nennt Amy Welborn "zutiefst verstörend", und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie "abgekoppelt von katholischer Theologie" sei. In Fr. Whites Ausführungen finde "die katholische Lehre über Gnade, Mitwirkung an der Gnade und die Wirkung der Sakramente keinen Ausdruck". "Ich sehe da keine authentisch katholische Sakramententheologie oder Ekklesiologie. Das ist Gnostizismus."

Die Bloggerin kritisiert Fr. Whites Anschauung als "eng" und "zutiefst individualistisch": Die "kosmische Dimension der Liturgie und der Kirche" komme darin "schlicht nicht vor": 
"Die fundamentale Realität ist, dass die Messe Handeln Christi ist. Sie ist kosmisch. Es geht nicht um mich und darum, dass ich da sitze. Es geht darum, dass Christus das Universum erlöst." 
Letztlich drehe sich alles um die Frage, "was die Messe ist: Handeln Christi oder unser eigenes Handeln?". 
"Die Antwort, die man auf diese Frage gibt, bestimmt die Art der Evangelisation, die Präsenz gegenüber den am Rand Stehenden und, ja, auch die Art, wie die Messe gefeiert wird." 
Schließlich betont Amy Welborn, die Stärke der katholischen Liturgie liege gerade darin, dass sie - "mit ihren Bildern, ihrer Musik, ihren Düften, ihrer Struktur und Atmosphäre" - "den ganzen Menschen" anspreche und dadurch in der Lage sei, "jeden zu erreichen, auf jedem 'Level'".  

Fr. Harrison Ayre sieht voraus, dass jeder Kritik an Modellen wie REBUILT mit dem Hinweis auf ihren Erfolg begegnet werden wird. So meint etwa Florian Mittl: "Die Church of the Nativity ist heute immer noch katholisch, nur ungefähr viermal so groß wie früher." Nicht ohne Sarkasmus merkt Fr. Ayre dazu an, eine wesentliche Ursache dafür, dass Gemeindeerneuerungs-Konzepte nach Art von REBUILT in kirchlichen Kreisen so hoch gehandelt werden, liege darin, dass viele "lebenslange Katholiken eine sterbende Kirche vor sich sehen, und das macht ihnen Angst. Deshalb sind sie bereit, alles zu tun, um Hintern in die Kirchenbänke zu bekommen." Gewiss, so räumt er ein, trügen Gemeindeerneuerungs-Initiativen "eine stolze Hoffnung im Herzen, die wohl jeder Katholik verwirklicht sehen möchte: dynamische, aktive, lebendige Katholiken, die für ihren Glauben brennen". Problematisch werde es, wenn dieses Ziel mit Mitteln verfolgt werde, die "den katholischen Glauben eher untergraben als aufrichten". Zudem seien "Zahlen nicht alles": "Vergessen wir nicht, König David wurde von Gott dafür bestraft, dass er eine Volkszählung anordnete. Die entscheidende Frage ist: Kommunizieren wir eine katholische Vision?"

Letztendlich bringt Fr. Anthony Sciarappa, "Pittsburgh's okayest priest", es auf den Punkt:
"Das einzige, was noch gefährlicher ist als eine laue Pfarrgemeinde, ist eine Pfarrgemeinde, die auf weltlichen Erfolg und die selbstzufriedene Bequemlichkeit ihrer Mitglieder setzt."  



Montag, 4. Februar 2019

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 13

Treue Leser dieser Artikelserie dürfen sich freuen: In meiner Lektüre und Analyse von Dr. A. Rodes Kolportageroman "Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau" bin ich endlich so weit vorgedrungen, dass zumindest schon mal der Eintritt der Titelheldin ins Kloster zur Sprache kommt und sich zugleich ein erster Abgleich der Romanhandlung mit den dokumentierten Fakten des realen Falles Barbara Ubryk anbietet. Wer meint, das habe aber ganz schön gedauert, der möge sich mal vorstellen, wie es den zeitgenössischen Lesern des Fortsetzungsromans gegangen sein mag, die immerhin dafür bezahlt haben. 682 Druckseiten, mithin mehr als 14 Lieferungshefte, hat der Autor verbraucht, um an den Punkt zu kommen, an dem die Geschichte, auf die die Leser seit dem Vorwort der Verleger gewartet haben, erst richtig beginnt. Gehen wir von einer 14-tägigen Erscheinungsweise der Lieferungshefte aus, dann ist seit der spektakulären Entdeckung einer eingesperrten geisteskranken Nonne im Krakauer Karmel schon annähernd ein Jahr vergangen, und die erhofften Enthüllungen über die Hintergründe dieses Skandals stehen immer noch aus. 

Da haben die Leser meines Blogs es doch erheblich besser! Auch wer die Artikelserie über die "eingekerkerte Nonne" bislang nicht verfolgt hat, kann immer noch einsteigen, ohne die zwölf vorangegangenen Artikel dieser Reihe unbedingt nachlesen zu müssen, denn wie gesagt, die eigentliche Story geht jetzt erst richtig los, und die Relevanz der bisherigen 682-seitigen Vorgeschichte für das weitere Geschehen dürfte sich sehr in Grenzen halten. 

Symbolbild: Illustration zu Denis Diderots Roman "Die Nonne", 1797 (gemeinfrei)
Wohlan denn:

Nach der Niederschlagung des Polnischen Aufstands von 1830/31 lebt die Familie Ubryk in Dresden, und zwar in "der größten Zurückgezogenheit": "Einige Jahre verstrichen ruhig und geräuschlos im engen Familienkreise" (S. 684). Während die beiden jüngeren Töchter Therese und Anna in einem "Fräuleininstitute [...] zur weiteren Ausbildung" untergebracht werden, bleibt Barbara "allein bei den Eltern" zurück: "Theils ließ ihr vorgeschrittenes Alter, theils ihre schwächliche Gesundheit die Unterbringung in ein Pensionat nicht mehr statthaft erscheinen." (S. 685). Ihre Mutter achtet strengstens darauf, sie "[n]iemals [...] in männliche Gesellschaft kommen" zu lassen:
"Dies ging um so leichter, als sie in Dresden ein sehr idyllisches Leben führten, keine Gesellschaft aufsuchten und daher nicht wieder aufgesucht wurden. Wenn zufällig die Sprache auf diesen Gegenstand kam, so wußte die sorgsame Mutter geschickt allen Anspielungen auszuweichen." (S. 686). 
Als Barbara jedoch "neunzehn Jahre alt und eine stattliche Dame geworden" ist (S. 685), führt diese überbehütende Haltung der Mutter zu Konflikten -- die dem Autor weidlich Gelegenheit geben, seine vermeintlichen Einsichten in die weibliche Psyche auszubreiten. Mit Blick auf spätere Ereignisse ist es recht bemerkenswert, dass Barbara in einer dramatischen Szene ausruft: "Du sperrst mich wie eine Klosterfrau ein, Mutter!" (S. 688).

Barbaras Vater Kasimir versucht nun zwischen Frau und Tochter zu vermitteln und erzählt seiner Frau ein "Mährchen", nach dem das ganze 50. Kapitel seinen Titel - "Engel und Bengel" - trägt. Darin wird Gott Vater von den Engeln, die zur Linken Seines Thrones "schon unzählige Tausende Jahre Halleluja gesungen" haben und die, wie Er verblüfft registriert, "lauter Weiber" sind, damit konfrontiert, dass sie "heirathen" möchten - und zwar diejenigen Engel, "die zur Rechten seines Thrones Jubellieder sangen und Harfen dazu spielten. Da erkannte er, daß es lauter Männer waren, die im Himmel Bengel hießen" (S. 690). Im Ernst. Gott fragt daraufhin Lucifer um Rat, der den Vorschlag macht, selbst die Anführerin der weiblichen Engel zu heiraten -- was diese aber ablehnt und erklärt, dann wolle sie lieber doch nicht heiraten. Die anderen Engel pflichten ihr bei, und damit ist das ganze Thema vom Tisch. 
"Ebenso, meine Elka, müssen wir unserer Barbara Gelegenheit geben, die Männerwelt kennen zu lernen", 
erklärt Kasimir seiner Frau.
"Wenn sie die Selbstsucht derselben erfahren hat und zahlreiche Bewerber um ihre Hand freien, so wird es ihr ergehen wie den Engeln, welche lieber den Gedanken an eine Heirath aufgaben, als sich mit einer ihnen widerwärtigen Persönlichkeit verbanden. Findet sich aber ein Mann, den sie wirklich liebt, so wollen wir ihrem Glücke auch nicht hinderlich sein." (S. 691) 
Ein geeigneter Bewerber findet sich bald: ein vorgeblicher kurländischer Baron namens von Schweitzer, der Kasimir weismacht, er "habe von Kurland bei Nacht und Nebel flüchtig gehen müssen, weil er einige lithauische Insurgentenhaufen während des letzten Aufstandes mit Lebensmitteln unterstützte. Sein bei Mittau gelegenes Edelgut sei von den Russen konfiszirt worden und er lebe hier in der Verbannung" (S. 692). In Wirklichkeit handelt es sich hingegen um einen russischen Spion, der auskundschaften soll, ob Kasimir Ubryk immer noch Kontakte zur polnischen Unabhängigkeitsbewegung unterhält. Die Absicht, Barbara zu heiraten, hat Baron von Schweitzer allerdings wirklich; nur sie ist von dieser Aussicht nicht begeistert: 
"Ich fühle eine so sonderbare Abneigung gegen ihn, daß ich mich vergeblich frage, was er mir zu Leide gethan. Die Süßigkeit seines Wesens ist mir widerwärtig, seine Schmeicheleien hasse ich", 
teilt sie ihrer Mutter mit (S. 694). Elka ist mit dieser ablehnenden Haltung ihrer Tochter gegenüber dem Verehrer durchaus nicht unzufrieden -- sehr im Unterschied zu Kasimir: 
"Kasimir hatte sich bereits so fest an den Gedanken gewöhnt, daß Barbara die Gemahlin des kurländischen Barons werden müsse, daß er eines Tages in heftigen Zorn gerieth, als ihm Elka dagegen Bedenken äußerte. Es fand ein heftiger Auftritt zwischen beiden Gatten Statt, der damit endigte, daß Kasimir erklärte, ein anderer Mann werde niemals die Hand seiner Tochter erhalten als der Herr von Schweitzer." (S. 698)

Den daraus resultierenden Konflikt in der Familie löst der Autor auf recht brachiale Weise:
"Es war ein schwüler Sommernachmittag gewesen. Kasimir war zum Baden in ein Elbebassin gegangen, und klagte, als er des Abends heimgekehrt war, über Schwindel und Ueblichkeiten. Demungeachtet setzte er sich zum Abendtische. Während desselben befiel ihn wiederholter Schwindel. Er wollte sich vom Tische erheben, um ans Fenster zu treten, brach aber, von einem Schlagflusse gerührt, bewußtlos zusammen. [...] In der darauffolgenden Nacht verschied Kasimir, ohne noch zum Bewußtsein gelangt zu sein." (S. 699) 

Herr von Schweitzer glaubt nun, "die mit ihren Töchtern alleinstehende Mutter werde seinen Wünschen nicht auf die Dauer widerstehen können" (S. 700), und hält förmlich um Barbaras Hand an, kassiert jedoch eine unmissverständliche Abfuhr. -- Elka beschließt nach dem Tod ihres Mannes, mit ihren Töchtern nach Warschau zurückzukehren, und erhält vom russischen Gesandten in Dresden die Zusicherung, "der Familie würde nach ihrer Rückkehr in die Heimath kein Leid geschehen. Der Urheber ihres Unglückes wäre todt und für Rußland existire demnach kein Grund mehr, Frau und Kinder zu bestrafen" (S. 700f.). 

"In Warschau miethete sich Elka ein Landhaus an den Barrieren, dessen einsame und ruhige Lage ganz mit der Einsamkeit ihres nun endlich zur Ruhe gekommenen Herzens zu harmoniren schien" (S. 701). Derweil haben die Jesuiten ihren lange gehegten Plan, das Vermögen der Familie in die Hände zu bekommen, keineswegs aufgegeben; gleichzeitig haben jedoch auch "die Karmeliterinnen in Warschau ihre Augen auf das noch immer sehr bedeutende Vermögen der drei Fräuleins Ubryk geworfen. Das Kloster war arm, ohne Einkünfte und konnte sehr gut ein verfügbares Kapital verwerthen" (S. 719). Das 51. Romankapitel trägt daher die Überschrift "Zwei Orden im Kampfe um ein Erbe". -- Elka widmet sich derweil ganz "der Erziehung, oder wenn man will, Ueberwachung ihrer Töchter. Alle drei waren zu schönen Mädchen herangewachsen und auf dem Standpunkte, jede Stunde heirathen zu können" (S. 701); und richtig: 
"Therese und Anna hatten bei ihrem lebensheitern, frischem Wesen bald ihre Anbeter gefunden [...]. Es war im dritten Jahre nach der Rückkehr aus der Verbannung, als Therese den Kaufmann Paul Niemojowski in Warschau, und Anna, die jüngste Tochter Elkas, den privatisirenden, aber sehr geschätzten Philologen Ludwig Gorzkowski in Krakau heirathete, wo er als Ehrenmann und Patriot in hoher Achtung stand." (ebd.) 

Diese Entwicklung der Ereignisse ist "ein unerwarteter Schlag für die Jesuiten und Karmeliter":  
"Beide Orden sahen sich in ihren gehegten Hoffnungen betrogen. Insbesondere waren die Jesuiten über den Verlust wüthend, der sie dadurch an dem Vermögen traf.
Das Gesammtvermögen, ohnehin durch die Ereignisse von 1831 beträchtlich geschmälert, war nun bis auf einen Dritttheil dem Orden für immer verloren. Jetzt galt es, das Wenige noch zu retten. Beide, Jesuiten und Karmeliter, konzentrirten nun ihre Tätigkeit auf dieses Dritttheil, der Barbara zugehörte, und beide sahen ihren Sieg nur darin, daß Barbara in ein Kloster geschafft würde." (S. 722f.) 

Tatsächlich verspürt Barbara nämlich, anders als ihre jüngeren Schwestern, keinerlei Neigung, zu heiraten - was ihrer Mutter nun doch zu missfallen beginnt: Sie macht "ihre Tochter darauf aufmerksam [...], sie wäre nun 23 Jahre alt und möge sich entschließen, einem Manne ihre Hand zu reichen, da es sonst zu spät würde" (S. 707). Barbara hat indes "bereits in Dresden gelernt, die Kirche lieb zu gewinnen" (ebd.) -- wozu der antiklerikale Erzähler süffisant anmerkt: 
"Wir lassen unentschieden, ob ein frommer Sinn der beste Wächter der Jungfräulichkeit ist. Viele Mütter glauben es wenigstens, und sie mögen diese Illusion behalten, bis sie sich im Laufe unserer Erzählung eines Bessern überzeugt haben. Nur muß erwähnt werden, daß die jungen Damen nicht so sehr des Betens wegen den Kirchenbesuch lieben, als vielmehr wegen der angenehmen Gesellschaft junger Männer." (S. 706)
Inzwischen hat der Beichtvater des Warschauer Karmels, Pater Gratian, es mit allerlei Winkelzügen vermocht, jenen Beichtstuhl "des Karmeliterklosters St. Joseph" (S. 709) zu besetzen, den Barbara regelmäßig aufsucht -- womit wir zu einem weiteren klassischen Motiv der antikatholischen Literatur des 19. Jahrhunderts kommen: der emotionalen Manipulation junger Frauen durch ihre Beichtväter. Pater Gratian versteht es, die emotionale Unreife Barbaras für seine Zwecke zu nutzen: 
"Barbara hatte noch nicht geliebt, sondern wollte erst lieben. Ihr Verlangen blieb unbefriedigt, und sie fiel von dem einen Extrem in das andere, aber nur, um wieder zu dem vorigen zurückzukehren. Ein Weib, das mit so tiefem Gefühle begabt war, wie sie, mußte nothwendig der Macht unterliegen. Als ihr die Liebe versagt blieb, empfand sie Eckel [sic] vor derselben; als sie sich an dem Eckel übersättigt hatte, brach das Liebessehnen mit neuem Ungestüme aus, und es bedurfte nur der Umstände wie sie in der Folge wirklich eintraten, um sie auf die verderbliche Bahn zu leiten, auf der die Frömmigkeit Hand in Hand mit der Ausschweifung geht." (S. 706) 
Weniger blumig ausgedrückt: Der Beichtvater bringt Barbara dazu, dass sie sich in ihn verliebt, redet ihr aber gleichzeitig ein, die Gefühle, die sie für ihn empfindet, seien keine sinnliche Liebe, sondern
"jenes höhere Gefühl, das die Theologen Gottesfurcht nennen! Gottesfurcht nennen sie es, wenn das Herz des Kindes sich dem Herzen der Mutter entfremdet, Gottesfurcht, wenn die Tochter in religiösem Wahne die wehrende Mutter schmäht und beschimpft, Gottesfurcht, wenn sie sich in wahnsinnigem Fanatismus über den schneidenden Schmerz des Mutterherzens freut, dem sie eine Einwilligung endlich abgetrotzt hat!!" (S. 727) 

Auf diese Weise bewegt er Barbara, die inzwischen "im 25. Lebensjahre" steht (S. 728), dazu, ins Kloster einzutreten; ihre Mutter ist zwar dagegen, gibt ihren Widerstand aber schließlich auf. Fast drei Druckseiten füllt der Autor mit der Auflistung der Ausstattung, die Barbara ins Kloster mitbringen muss; ihre Mutter kommentiert dies mit den Worten: 
"Du sollst die verlangte Ausstattung erhalten, Barbara. Von Deinem Erbtheile jedoch gebe ich Dir nur die Hälfte mit, 400,00 Gulden bekommst Du bei Deinem Eintritte, die andere Hälfte fällt Dir erst nach meinem Tode zu. Wenn Dich Dein Entschluß plötzlich reuen und Du wieder das Kloster verlassen würdest, so soll noch immer für Dich gesorgt sein." (S. 736) 

Hier ist es nun an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass der Roman beansprucht, eine wahre Geschichte wiederzugeben – und dass es von dem authentischen Fall, auf den er sich bezieht, auch noch andere literarische Bearbeitungen gab. So erschien bereits Ende 1869 in Philadelphia ein schmales Büchlein mit dem reißerischen Titel "The Convent Horror: The Story ofBarbara Ubryk. Twenty-One Years in a Convent Dungeon Eight Feet Long,Six Feet Wide", das sich als autobiographischer Bericht von Barbara Ubryk selbst ausgab und das noch 1957 neu aufgelegt wurde; noch heute kursiert der Text als angeblich authentisches Dokument auf antikatholischen Internetseiten, so etwa auf der evangelikalen Website jesus-is-lord.com. Barbaras Leben vor ihrem Eintritt ins Kloster wird in "The Convent Horror" nur knapp skizziert; hier eine nur leicht gekürzte Übersetzung der betreffenden Passage: 
"Nach dem Tod meines Vaters im Jahr 1843, als ich sechzehn Jahre alt war, zog meine Mutter aus Wien zum Wohnsitz ihrer Schwester, meiner Tante Pauline Bertholenski, in der Nähe von Krakau. Zuvor war ich ein Jahr lang der Aufmerksamkeit eines jungen Herren aus Wien gewürdigt worden, und tatsächlich waren wir verlobt, denn ich liebte ihn sehr innig, und er hatte um meine Hand angehalten. Er liebte mich jedoch nicht so wie ich ihn, denn als sich beim Tod meines Vaters herausstellte, dass ich kein großes Vermögen erben würde, wurde mein Verehrer plötzlich abweisend und bat mich schließlich, ihn aus dem Verlöbnis zu entlassen. Obwohl mein armes Herz gebrochen war, sagte ich ihm Lebewohl und war entschlossen, niemals einen anderen Verehrer zu erhören. Man sagte, ich sei schön, und oftmals nach diesem Vorfall tadelte mich meine Mutter, weil ich die Aufmerksamkeiten mehrerer junger Herren zurückwies, die um mich werben wollten.
[...] Ich litt nun unter Melancholie, was meine Mutter äußerst zornig gegen mich werden ließ, so sehr, dass sie mich manchmal schlug und mich dazu zwang, Herren zu empfangen, die uns zu Hause besuchten. Einmal warf sie mir vor, ich würde, wenn ich nicht heiratete, stets eine Last für sie sein. Ich war daraufhin außer mir, und in einem Moment des Grams fasste ich den Entschluss, ins Kloster der Karmelitinnen einzutreten […]. Kurze Zeit später begann ich mein Noviziat, das damit endete, dass ich im Jahr 1846 den Schleier nahm und die Gelübde einer karmelitischen Nonne ablegte." 


Schon die genannten Daten und Orte machen deutlich, dass es sich hier um eine völlig andere Geschichte handelt als in Dr. Rodes Roman: Die Barbara des "Convent Horror" ist rund zehn Jahre jünger, ist in Wien aufgewachsen, es ist keine Rede davon, dass sie in Warschau gelebt hätte, der Tod ihres Vaters und ihr Eintritt ins Kloster sind um mehrere Jahre nach hinten verlegt. Man beachte auch die Erwähnung der Schwester ihrer Mutter -- in Dr. Rodes Roman hatte Barbaras Mutter lediglich einen Bruder, der zudem schon lange verstorben ist. 

Bei allen offenkundigen Widersprüchen zwischen diesen beiden Versionen der Geschichte stellt sich dennoch die Frage: Wie steht es mit den Übereinstimmungen? Dem Tod des Vaters, der daraufhin geplatzten Verlobung, dem Streit mit der Mutter? Können diese Gemeinsamkeiten wirklich rein zufällig sein? 

Die Antwort auf diese Frage lautet kurz und schlicht: ja. Diese Elemente der Vorgeschichte von Barbara Ubryks Eintritt ins Kloster sind lediglich konventionell. Das zeitgenössische Publikum der Sensationspresse und -literatur konnte sich offenbar schlichtweg nicht vorstellen, dass eine junge Frau aus anderen Gründen als aus enttäuschter Liebe freiwillig in ein Kloster eintreten sollte. Kolportage-Romancier Dr. Rode legt in seinem Roman sogar der Priorin des Warschauer Karmels die Aussage in den Mund: "Uebrigens gehen nur solche Frauenzimmer in das Kloster, welche entweder von ihren Eltern dazu gezwungen werden, oder mit der Welt zerfallen sind" (S. 720). Was natürlich blanker Unsinn ist: Tatsächlich erlebte das Klosterwesen insgesamt, und Frauenklöster in besonderem Maße, in Mitteleuropa um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung – in einem solchen Ausmaß, dass das liberale Bürgertum darin eine Bedrohung für die Familie und für die Volkswirtschaft sah. Der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Johann Friedrich von Schulte, ein Mitbegründer der schismatischen "Altkatholischen Kirche", veröffentlichte 1872 eine Broschüre mit dem Titel "Die neueren katholischen Orden und Congregationen besonders in Deutschland, statistisch, canonistisch, publicistisch beleuchtet" - eine bei aller tendenziösen Ausrichtung äußerst informative Quelle -, in der er mit Blick auf den Aufschwung der weiblichen Orden durchaus scharfsichtig darlegt, dass es für viele Frauen gänzlich rationale Gründe gab, dem Klosterleben den Vorzug vor Ehe und Familie zu geben: 

"Es wird, besonders in den mittleren Ständen, immer schwerer, zeitig zu heirathen, die Wohnungen und Lebensmittel sind zu theuer, die Mädchen und Jünglinge haben gar vielerlei Bedürfnisse, die Frau ist im Ganzen nicht in der Lage durch ihre Arbeit erklecklich zu verdienen u.s.w. Wie sich viele Mädchen der 'besseren Stände' zu Gouvernanten ausbilden, gehen noch mehr in Klöster. Das Klosterleben mit seinen kleinen Pflichten ist nicht ganz leicht, den Vergleich mit dem Leben einer Hausfrau, die von früh bis spät sorgen, hunderterlei kleine Leiden ertragen, Tags arbeiten, Nachts oft das kranke Kind, den kranken Mann pflegen, sich in die oft vielfältigen Launen des Mannes fügen muß, hält es nicht aus. Dieses Leben kennen die Mädchen aus eigner Anschauung. Man gewöhnt sich bald, zur bestimmten Stunde aufzustehen, auch Nachts, wenn man früh schlafen geht, täglich mehrere Stunden zu beten, weil das keine Anstrengung, sondern eine Beschäftigung für Personen ist, deren Ideenkreis sich mehr und mehr verengt." (Schulte, S. 39) 

Für das Verständnis der bürgerlich-liberalen Polemik gegen das Klosterwesen ist es daher wesentlich, dass im Gesellschaftsentwurf des liberalen Bürgertums eine Alternative zur Ehe – zumindest für die Frauen – schlicht nicht vorgesehen bzw. erwünscht war: Ehe und Mutterschaft wurden als ‚natürliche Bestimmung„ der Frau apostrophiert, eine Bestimmung, der die Nonnen sich sträflicherweise entzogen. Die Attraktion, die das Klosterleben auf viele Frauen ausübte, wurde somit als Bedrohung der bürgerlichen Familie – und das heißt in letzter Konsequenz: der bürgerlichen Gesellschaft – wahrgenommen. So hält in Dr. Rodes Roman auch Elka ihrer Tochter vor: 
"Das Weib muß das Menschengeschlecht fortpflanzen, muß dem Staate Bürger liefern, muß dem Manne unterthan sein. Eine Jungfrau versündigt sich an der menschlichen Gesellschaft, und am Staate, wenn sie sich zu heirathen weigert. Sie verkennt ihre hohe Bestimmung, und macht sich zum unnützen Gliede der menschlichen Gesellschaft." (S. 708) 


Aber zurück zum Vergleich zwischen Dr. Rodes "Barbara Ubryk"-Roman und "The Convent Horror": Bei näherem Hinsehen offenbaren die oben angesprochenen vermeintlichen Übereinstimmungen zwischen den beiden Versionen der Geschichte tatsächlich nur weitere Widersprüche. In Dr. Rodes Roman hat Barbara von vornherein nicht die Absicht, Herrn von Schweitzer zu heiraten; er ist ihr sogar ausgesprochen zuwider, und es ist lediglich ihr Vater, der die Verbindung wünscht. Zu einem formellen Heiratsantrag Schweitzers kommt es erst nach Kasimir Ubryks Tod, und Barbara lehnt diesen entschieden ab. Im Gegensatz dazu heißt es in "The Convent Horror", dass Barbara ihren Verehrer innig liebt und förmlich mit ihm verlobt ist, bevor ihr Vater stirbt – und der Mann ist es, der das Verlöbnis löst. Der eigentliche "Elefant im Raum", der größtmögliche Widerspruch zwischen den beiden fiktionalen Versionen der Affäre Ubryk, ist indes der Grund, der in "The Convent Horror" für das Scheitern des Verlöbnisses angegeben wird: Nach dem Tod von Barbaras Vater erfährt ihr Verlobter, dass sie keine nennenswerte Erbschaft zu erwarten hat – während Rodes ganzer Roman auf der Prämisse aufbaut, dass Barbara eine reiche Erbin sei! 

Derweil ist es mir gelungen, dem polnischen Wikipedia-Artikel über die Affäre Ubryk mit Unterstützung von Google Translate einige Informationen über die tatsächliche Biographie der "unglücklichen Nonne von Krakau" zu entnehmen. Dort heißt es, Barbara Ubryk sei am 14. Juli 1817 geboren worden, was sich mit den Altersangaben in Dr. Rodes Roman (nicht hingegen in "The Convent Horror") durchaus deckt, aber diese Information wird der Autor wohl ohne besonders großen Rechercheaufwand der zeitgenössischen Tagespresse haben entnehmen können. Als Geburtsort wird Węgrów in Masowien angegeben. Zudem verrät der Artikel, dass die Heldin unserer Geschichte eigentlich Anna Ubryk hieß und Barbara ihr Ordensname war; bei Dr. Rode ist Anna der Name von Barbaras jüngster Schwester. Übrigens hatte die echte Barbara (bzw. Anna) Ubryk laut polnischer Wikipedia nicht nur zwei, sondern drei Schwestern, und beide Eltern starben früh. Bereits 1838 begann sie ein Noviziat beim Orden von der Heimsuchung Mariens in Warschau, brachte dieses aber nicht zu Ende -- angeblich, weil sich schon damals die ersten Symptome einer psychischen Erkrankung bei ihr zeigten. 1840 trat sie dann als Novizin in den Karmel der damaligen Freien Stadt Krakau ein und legte dort ein Jahr später ihre ewigen Gelübde ab. Dabei fällt mir übrigens auf, dass das Kloster der Karmeliterinnen, in das Barbara Ubryk in Dr. Rodes Roman eintritt, in Warschau liegt. Hat der Autor vorübergehend vergessen, dass auf dem Titelblatt seines Romans von den "Geheimnisse[n] des Karmeliter-Klosters in Krakau" die Rede ist -- und dass, wie jeder zeitgenössische Zeitungsleser wusste, die Entdeckung der wahnsinnigen, eingesperrten Nonne sich realiter in Krakau ereignet hatte? Wie wird er sich da wohl wieder rauswinden? 

Es bleibt spannend. 


Freitag, 1. Februar 2019

Katholisch in Butjadingen: Ein Stück Kirchengeschichte in Anekdoten

Die Herz-Jesu-Kirche in Nordenham-Einswarden (Foto: privat) 
Ich hatte es neulich schon mal erwähnt: Im Zusammenhang mit meiner Berichterstattung über Stadtentwicklungsvorhaben im Nordenhamer Stadtteil Einswarden hat mir ein Leser ein interessantes Buch zugeschickt – eine Chronik der katholischen Kirchengemeinden in Nordenham-Einswarden, den Butjadinger Ortsteilen Burhave und Stollhamm sowie des "Katholischen Kommunikationszentrums OASE" in Butjadingen-Tossens. Das Buch trägt den zugleich kämpferisch und etwas altbacken wirkenden Titel "Wider das Vergessen!" und wurde im Jahr 2010, anlässlich der Fusion der genannten Kirchengemeinden mit St. Willehad in Nordenham und St. Josef in Stadland-Rodenkirchen zu einer nun insgesamt St. Willehad genannten Großpfarrei, vom damaligen Einswarder Pfarrer Alfons Kordecki herausgegeben. In der Burhaver Gemeinde mit dem schönen Patrozinium Herz Mariä (die übrigens als einziger der in dem Buch behandelten Kirchenstandorte noch heute ganzjährig "bespielt" wird, wie man das in Pfarrerskreisen tatsächlich nennt) bin ich quasi aufgewachsen, und insofern war es keine Überraschung für mich, dass dieses Buch eine Reihe von Kindheitserinnerungen bei mir wachgerufen hat. Mein Vater und meine Schwester werden darin namentlich erwähnt, meine Oma und meinen Bruder habe ich auf Fotos entdeckt. 



Eine Besonderheit dieser Kirchenchronik besteht darin, dass sie einen insgesamt recht überschaubaren Zeitraum abdeckt: Die älteste der auf dem Titelblatt abgebildeten Kirchen, Herz Jesu in Einswarden, wurde 1928 geweiht, aber ein katholisches Gemeindeleben im nördlichen Teil der seit dem 16. Jahrhundert evangelisch-lutherisch geprägten Wesermarsch nahm in größerem Umfang erst mit der Ansiedlung von Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Anfang.

Als ich geboren wurde, lag die Ankunft von 60 Katholiken aus einem kleinen Ort in Oberschlesien, einschließlich ihres Pfarrers, in meinem Heimatdorf Burhave gerade 30 Jahre zurück, und immer noch bildeten die katholischen Schlesier eine deutlich abgegrenzte "Parallelgesellschaft" am Ort. Das ist ein Thema, zu dem es eine Menge zu sagen gibt – so viel, dass es Stoff für mehrere Blogartikel abgeben wird. Vorerst möchte ich hier darum einige Anekdoten aus dem Buch wiedergeben, die zum Teil lustig, zum Teil anrührend, durchweg aber sehr aussagekräftig für das katholische Leben in meiner Heimat sind.

Die chronologisch erste der Anekdoten, die ich meinen Lesern vorstellen möchte, betrifft Pfarrer Otto Scholz, geboren 1908, verstorben 1977. Aus Schlesien stammend, war er ab 1947 als Vertriebenenseelsorger in Stollhamm tätig und baute die dortige katholische Gemeinde auf, bevor er 1956 nach Einswarden versetzt wurde. Der dortigen Gemeinde stand er 20 Jahre lang vor, zunächst als Pfarrrektor, ab 1964 dann als erster regulärer Pfarrer an diesem Ort. Die folgende Erzählung trägt keine Jahreszahl, soll sich aber in Einswarden ereignet haben, und ich gehe davon aus, dass sie aus der Zeit vor der Liturgiereform stammt. Damals las "Pfarrer Scholz selig noch jeden Morgen Clock 8 die Heilige Messe", allerdings fand sich dazu werktags stets nur eine sehr überschaubare Zahl von Gläubigen - genannt "die getreuen 'Zwölf'" - ein: "jeder in seinem Eckchen [...] in Andacht versunken", woraus ich schließe, dass es sich um "stille Messen" handelte. Eines Tages jedoch, so berichtet die Chronik, öffnete sich während einer Werktags-Frühmesse unerwartet noch einmal die Tür, und ein junges Mädchen trat ein. 
"Pfarrer Scholz selig stutzt... am Werktag zur Heiligen Messe ein junges Mädchen... welch ungeahnter Pastoralerfolg... Eine Wende in der Gemeinde...? Das Mädchen ist sich seiner Sache sicher. Sie trippelt nach vorne mit ihrem großen Handkorb, stelzt die Stufen des Altares hoch, stellt den Korb auf den Altar und grüßt freundlich: 'Guten Morgen Herr Pfarrer, ich sah Licht in ihrer schönen großen Stube und den Tisch so weiß gedeckt, da komme ich gleich herein...!' Dann greift sie in den Korb und entnimmt ihm einen weißen Linnenbeutel. 'Da sind ihre Brötchen, auf Wiedersehen, Herr Pfarrer!'... Dieses Geschichtchen ist tatsächlich wahr --- ehrlich!" (S. 30f.) 
"Vorkonziliare" Innenraumgestaltung von Herz Jesu Einswarden, abfotografiert aus der Chronik, S. 22. 
Im Abschnitt über die Gemeinde in Burhave findet sich auf S. 65 eine Erinnerung an die schwere Sturmflut vom Februar 1962, "die die Deiche zu durchbrechen drohte": 
"Das Wasser lief 7,5 m über normal auf. Pfarr-Rektor Fiedler und Pastor Grotrian waren mit vielen Menschen auf den Deich gegangen und beteten miteinander um Gottes Schutz. Das Wasser hatte die Oberkante des Deiches fast erreicht und die Gischt spritzte sie durch und durch nass. Da sprang der Wind auf Nordwest bis Nord um, und das Wasser stieg nicht höher, obwohl es noch circa eine Stunde bis Hochwasser war. Gott hatte also seine schützende Hand über unser Land gehalten! Die Deiche waren zwar von Beckmannsfeld bis Diekmannshausen zu etwa 50% zerstört, aber es kam nicht zur befürchteten großen Überschwemmung von ganz Butjadingen."
Der hier erwähnte evangelische Pastor Grotrian war in meiner Kindheit immer noch Pastor in Burhave - bis zu seinem Tod, ungefähr Mitte der 80er, wenn ich mich richtig erinnere. -- Amüsantes weiß die Chronik über Paul Klostermann zu berichten, der von 1966 bis 1971 Pfarrrektor in Burhave war. Das war "vor meiner Zeit", aber er hat meine Eltern getraut und meinen Bruder getauft, und ich erinnere mich daran, dass meine Familie ihn später mindestens einmal besucht hat, als er Pfarrer im südoldenburgischen Bevern war. Er war in der Burhave Gemeinde ausgesprochen beliebt. 
"Von ihm erzählt man, dass er beim Autofahren immer den Rosenkranz betete und Mitfahrer die Ave Maria zählen mussten, damit er sich nicht verzählte. 
Außerdem war er als großer Spendeneintreiber bekannt. 'Sie können 200 DM geben, Sie 300 DM.' 'Herr Pfarrer, wo soll ich das hernehmen?' 'Ich habe mich erkundigt, [S]ie verdienen gut!' Jemand brachte 50 DM auf die Bank. Die Kassiererin sagte: 'Da wird sich der Pfarrer aber freuen.' Antwort: 'Das glaube ich nicht, er wollte ja 300 DM.'" (S. 67) 
 
Über eine ganze Seite (S. 148f.) widmet die Chronik Sr. Xaveria Frenzl von der Kongregation derSchwestern von der heiligen Elisabeth, besser bekannt unter dem Namen "Graue Schwestern". An Schwester Xaveria kann ich mich aus meiner Kindheit noch gut erinnern; ich war 8 Jahre alt, als sie Burhave verließ. Sie muss damals schon uralt gewesen sein; ihr Geburtsdatum ist in der Chronik nicht vermerkt, wohl aber, dass sie bereits 1949 ihr silbernes Ordensjubiläum feierte. Ich weiß noch, dass sie im ganzen Dorf - weit über die Grenzen der kleinen katholischen Gemeinde hinaus - außerordentlich geachtet und beliebt war, und das bestätigt auch die Chronik: Als "ambulante Krankenschwester" pflegte sie nämlich 
"nicht nur die Katholiken und begleitete sie beim Sterben, sondern sie tat dasselbe auch bei den evangelischen Mitchristen und betete sogar mit ihnen den Rosenkranz. So trug sie viel zu einem positiven Klima zwischen beiden Konfessionen bei. [...] Ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit arbeitete die Schwester oft 70-80 Stunden in der Woche für die Kranken." 
Auf ihren vielen Wegen durch das Dorf war Sr. Xaveria zunächst "mit einem Fahrrad, dann mit einem Moped unterwegs": 
"Es muss ein schönes Bild gewesen sein, wenn ihr Schleier im Wind flatterte. Den Führerschein fürs Auto soll sie dreimal gemacht haben. Es wird berichtet, dass jeder sofort Platz gemacht hätte, wenn sie angefahren gekommen wäre. Eine Anekdote erzählt, dass eine Telefonkette gestartet worden sei, wenn sie mit ihrem VW-Käfer losfuhr: 'Achtung, Xaveria ist mit dem Auto unterwegs!'" 
Auf Anregung des ortsansässigen Allgemeinmediziners Dr. Karl-Eduard Theuerkauf ("Wenn jemand aus der Gemeinde Butjadingen eine ehrende Auszeichnung verdient, dann Schwester Xaveria") wurde die Ordensschwester, von der es hieß, "dass an ihr eine Ärztin verloren gegangen sei", von der Gemeinde Butjadingen für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen und erhielt diese Auszeichnung am am 22.Mai 1980 von Bundespräsident Karl Carstens. In einem Dankschreiben betonte sie, sie habe ihre Arbeit "doch immer als eine Aufgabe von Gott angesehen". 

In Stollhamm wurde in den Jahren 1987/88 die (2014 profanierte) Christ-König-Kirche "renoviert und saniert", wobei der Innenraum eine Neugestaltung erfuhr; unter anderem sollte der Korpus des großen Kruzifix über dem Altar an einem neuen Kreuz befestigt werden: 
"Eine Zimmererfirma hatte versprochen, alte Eichenbalken dafür zu liefern. Dieses Versprechen konnte aber nicht gehalten werden. Da sorgte ein Frühjahrssturm, der im Einswarder Kirchenpark zwei Bäume umwarf, dafür, dass die Balken für das Kreuz aus der Natur kommen konnten." 
Und nun die Pointe: 
"Diese Baumstämme trieben zum nächsten Osterfest noch einmal aus." (S. 91)
Abfotografiert aus der Chronik, etwas unscharf, ich weiß. 
Persönlich sehr gefreut habe ich mich nicht zuletzt darüber, dass das Buch ein Grußwort von Professor Ngengi Mundele enthält -- einem Geistlichen aus der Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire), der in meinen Teenagerjahren mehrmals als Aushilfe bzw. Urlaubsvertretung in Einswarden und Burhave war. Im Zuge dessen gestaltete er auch einige Treffen des Firmvorbereitungskurses und der damals von meiner Schwester geleiteten Jugendgruppe mit. Ich habe ihn als einen überaus warmherzigen, engagierten und übersprudelnd fröhlichen Menschen in Erinnerung. Später, als ich schon nicht mehr am Ort wohnte, war Ngengi - im Anschluss an seine Promotion in München - ein ganzes Jahr lang (2003/04) als Kaplan in der damaligen Seelsorgeeinheit Herz Jesu-Herz Mariä in Einswarden und Burhave tätig. Über diese Zeit schreibt er in seinem Grußwort: 
"Meine Mutter hatte mich im Jahr 2003 in Tossens besucht und sagte mir: 'Mono ke mona nde bantu yai awa ke tondaka nge mingi, nge fwete zinga mbote ti bo. Bo ke mpi ke bantu ya Nzambi pesaka nge bo na kulangidila', ungefähr übersetzt: 'Ich sehe, dass diese Leute hier dich sehr lieb haben. Du sollst gut mit ihnen zusammenleben. Sie sind auch Menschen, die Gott dir anvertraut hat.' Was hatte Mama gesehen oder gespürt? Ich weiß es nicht! Aber Tatsache ist, dass ich mich in dieser Gemeinde nicht als Außenseiter fühlte." (S. 9) 
Als Anzeichen dafür, "dass es eine besondere Beziehung zwischen den Pfarrgemeindemitgliedern und mir gibt", erwähnt Ngengi, dass er zuweilen von Gemeindemitgliedern spontan zum Essen eingeladen wurde -- und dass dann nicht etwa etwas Besonderes für den Gast aufgetischt wurde, sondern einfach gegessen wurde, "was es gibt"; gerade das, meint er, sei "typisch 'afrikanische"'Art" (ebd.). Was mich daran erinnert, dass meine Liebste und ich auch schon mehrfach darüber gesprochen haben, dass wir gern öfter mal Leute aus unserer Gemeinde, darunter nicht zuletzt unsere Geistlichen, spontan zum Essen einladen würden. Ehrlich gesagt stellt das Kleinkind-Chaos in der Wohnung da ein gewisses Hindernis dar, aber nun ja... wir arbeiten daran. Wir haben es jedenfalls vor. 

Überhaupt: Was mich an diesem Buch - mal abgesehen vom Schwelgen in Kindheitserinnerungen - am meisten fasziniert und begeistert, ist, dass es im Wesentlichen eine Erzählung darüber ist, wie ein doch recht überschaubares Häuflein heimatvertriebener Katholiken praktisch aus dem Nichts ein (zumindest zeitweilig) blühendes Gemeindeleben geschaffen hat. Ich denke, davon kann man lernen -- wobei man andererseits auch die Frage nicht außer Acht lassen sollte, welche Faktoren dazu geführt haben, dass diese Blüte letztlich doch nicht von langer Dauer war. Wie schon angedeutet: Das gibt Stoff für mehrere Blogartikel her. Zwischendurch werde ich mich allerdings auch noch anderen Themen zu widmen haben... 




Donnerstag, 31. Januar 2019

Pfadfinder-Feedback: Ein Gastbeitrag

Zu meinem unlängst hier veröffentlichten Artikel über Unterschiede zwischen den beiden katholischen Pfadfinderverbänden DPSG ("Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg") und KPE ("Katholische Pfadfinderschaft Europas") hat mir eine Mutter, die mit ihren Kindern in der DPSG aktiv ist, ein ausführliches Feedback zukommen lassen. Dabei bezieht sie sich vor allem auf die in meinem Beitrag eher zwischen den Zeilen, aber offenbar doch deutlich genug zum Ausdruck gekommene Beobachtung, die DPSG lasse im Vergleich zur KPE ein klares katholisches Profil vermissen. Dazu merkt die Leserin an:
"Wer nach allen Seiten offen ist, kann doch irgendwo nicht ganz dicht sein": So könnte man den Internetauftritt der DPSG zusammenfassen. Die Verfasser plagte offenbar die Angst, Eltern könnten denken, ihr Kind dürfe nicht kommen, weil sie geschieden sind oder lesbisch oder nicht-weiße Hautfarbe haben – oder eine Kombination davon. Das ist erst mal ausgemachter Blödsinn, so etwas anzunehmen: Es wird keiner von einem katholischen Jugendverband ausgeschlossen, weil die Herkunft nicht genehm ist – was übrigens für die gesamte katholische Kirche gilt. Voraussetzung fürs Pfadfinden ist nicht die letzte Beichte der Eltern, sondern Freude am "Draußensein", an einer robusteren Freizeitgestaltung und an körperlicher Aktivität. Pfadfinden möchte Kinder, Jugendliche und Erwachsene dazu befähigen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, selbstständig und teamfähig zu sein, sich und seinen Kompetenzen zu vertrauen, kurz: gerundete Persönlichkeiten zu werden. Dummerweise hat die DPSG einen akuten "Wir sind ja eigentlich gar nicht so"-Komplex, womit sie ausgezeichnet in die restliche katholische Szene Deutschlands passt. Daher distanziert man sich heftig davon, für "so" gehalten zu werden. Das Ergebnis ist Profilverlust. 
Symbolbild; Quelle und Lizenz hier.
Auf der anderen Seite steht das "dunkelkatholische" Mantra, eine Mitgliedschaft in der DPSG sei eigentlich nicht möglich, weil der Verband ja eigentlich vom Pfad der Tugend abgewichen sei. Äh – ja. Stimmt. Liest man den Internetauftritt oder sitzt man auf einer Gremienkonferenz, fragt man sich schon, was bitte eigentlich das spezifisch Katholische sein soll, vor dem Eltern Angst haben könnten. Die Kritik ist berechtigt – wir sind hier in Deutschland. Aber was wären die Alternativen? Als meine Kinder zu den Pfadfindern wollten, gab es vor Ort drei Möglichkeiten: die Freikirchler, die Evangelen und die DPSG. Der katholische Herdentrieb siegte. Die Freikirchler benutzen ihre Pfadfinder übrigens ausdrücklich dazu, Kinder (und über die Kinder die Familien) an ihre Gemeinde zu binden – was man der DPSG nun wirklich nicht vorwerfen kann. Die "katholischere" Alternative KPE gab es schlicht nicht in erreichbarer Entfernung. Man trifft die auch nie (besser: ich treffe die nie), wenn man unterwegs ist. Ich habe immer mal wieder den Gedanken "Die gibt's wahrscheinlich nur im Internet", weil sie so unsichtbar sind. Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die DPSG bemüht sich im gute Beziehungen zu anderen Verbänden. Das ist an sich auch gut so – Blick über den Tellerrand und so. Vor Ort läuft man sowieso eher den Nasen von nebenan über den Weg als irgendwelchen Verbandsgremien, da bildet sich auf der persönlichen Ebene schnell Kontakt; der fehlt bei der KPE zumindest mir hier. Ich argumentiere bei "Warum seid ihr immer noch in der DPSG?!" immer damit, dass, wenn alle Katholiken da wegliefen, eine großartige Möglichkeit verloren ginge, Kindern, die sonst nie eine Kirche von innen sehen würden, einen Kontakt zur Kirche zu vermitteln. Diese Möglichkeit verschenken wir, wenn wir den Verband gänzlich "den Politikern" überlassen.
Um das Thema "rund" zu kriegen, wäre es jetzt natürlich richtig schön, wenn sich nun noch jemand zu Wort meldete, der aus der "Innenperspektive" etwas über die KPE sagen kann... Ich bin gespannt! 



Mittwoch, 30. Januar 2019

Wer hat Angst vor Homeschoolern?

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst des Homeschoolings. Am 10. Januar entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Fall "Wunderlich gegen Deutschland" gegen eine Familie aus Hessen, die um das Recht kämpft, ihre vier Kinder selbst zu unterrichten. Geklagt hatten die Wunderlichs, nachdem "im August 2013 mehr als 30 Polizisten und Sozialarbeiter die Wohnung der Familie" gestürmt hatten:
"Sie hätten die Kinder auf brutale Weise von ihren Eltern und aus der Wohnung entfernt, sie in ein Heim gebracht und eine traumatisierte Familie hinterlassen. Die Kinder seien zwar ihren Eltern wieder übergeben worden, allerdings sei die rechtliche Situation weiterhin unklar."
Der Europäische Gerichtshof urteilte nun, die staatlichen Behörden seien mit ihrem Vorgehen im Recht gewesen: "Der Entzug des Sorgerechts und die Wegnahme der Kinder seien gerechtfertigt, um deren Integration in die Gesellschaft sicherzustellen. Das Kindeswohl sei gefährdet, wenn Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schickten".  Durch dieses Gerichtsurteil ist das Thema Homeschooling in Deutschland aber nicht etwa, wie man denken könnte, "vom Tisch"; vielmehr scheint es, dass es erst jetzt überhaupt richtig auf den Tisch gekommen ist. Eine Debatte, die durch das Gerichtsurteil hätte beendet werden können, hat es meiner Wahrnehmung zufolge nämlich praktisch gar nicht gegeben. In Politik und Gesellschaft gab es bisher keine nennenswerten Stimmen, die die in Deutschland geltende Form der Schulpflicht ernsthaft in Frage gestellt hätten. Auch jetzt noch ist das Eintreten für eine Lockerung der strikten Schulpflicht sicherlich eine Minderheitenposition, aber das Interesse am Thema hat spürbar zugenommen.

Mein Freund Rod Dreher hat auf seinem Blog über das Gerichtsurteil gegen die Familie Wunderlich berichtet und es - wenig überraschend - zum Anlass genommen, darauf hinzuweisen, wie dringend gläubige Christen in Deutschland eine auf die hiesigen Verhältnisse zugeschnittene Version der Benedikt-Option benötigen, um ihre Kinder im Glauben erziehen zu können. Außerdem bat er mich, auch etwas zum Thema zu schreiben, und dieser Bitte kam ich gerne nach; allerdings ging es in meinem Artikel, der dann einen Tag später als Gastbeitragauf Rods Blog erschien, schwerpunktmäßig eher um das Thema KiTa-Erziehung als um das Thema Schulpflicht, da mir ersteres - als Vater eines noch lange nicht schulpflichtigen Kindes - persönlich derzeit einfach näher ist.

Vorige Woche haben nun sowohl das evangelikal orientierte Magazin "idea Spektrum" als auch die katholische Wochenzeitung "Die Tagespost" das Thema aufgegriffen; beide haben ein "Pro & Contra" zum Thema Homeschooling veröffentlicht. (Das unterstreicht, nebenbei bemerkt, meinen Eindruck, dass die wirklich relevanten und zukunftsweisenden Debatten über die Zukunft der Christenheit derzeit weniger zwischen einem liberalen und einem konservativen Lager geführt werden als vielmehr innerhalb des konservativen Spektrums.)

Johann Peter Hasenclever: "Jobs als Schulmeister", 1845 (gemeinfrei). 
Im idea Spektrum wird die Frage "Sollte man Hausschulunterricht in Deutschland erlauben?" von Andreas Thonhauser, Sprecher der christlichen Organisation ADF International, die die Familie Wunderlich auch vor Gericht vertritt, zustimmend ("Hausschulunterricht ist eine Bereicherung für die Gesellschaft") und von Jörg Birnbacher, Schulleiter des privaten evangelischen Lukas-Gymnasiums in München, ablehnend beantwortet ("Die Schulpflicht ist ein hohes demokratisches Gut"). In der Tagespost ist die Frage andersherum formuliert ("Soll Homeschooling verboten bleiben?"), "Pro" und "Contra" sind hier also sozusagen vertauscht; für eine Beibehaltung der unbedingten Schulpflicht spricht sich hier der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, aus, dagegen wiederum Andreas Thonhauser. Dieser Name kam mir übrigens gleich so bekannt vor; ein kurzes Nachschlagen in meinem eMail-Postfach ergab, dass Rod Dreher ihn mir bereits vor über einem Jahr als jemanden empfohlen hatte, zu dem ich mal Kontakt aufnehmen sollte. Dann wird's vielleicht mal Zeit, dass ich das wirklich tue.

Dass Andreas Thonhauser in beiden genannten Publikationen als Homeschooling-Fürsprecher zu Wort kommt, während der Gegenstandpunkt von zwei verschiedenen Personen vertreten wird, scheint mir übrigens durchaus aussagekräftig in Hinblick auf die, sagen wir mal, Popularität der jeweiligen Position. Jemanden zu finden, der sich öffentlich für die Schulpflicht und gegen Homeschooling ausspricht, ist offenkundig einfacher als umgekehrt. Ich kann nicht sagen, dass mich das überrascht.  Homeschooling hat in Deutschland einen außerordentlich schlechten Ruf. Das habe ich bei meiner jüngsten Buchvorstellung zur Benedikt-Option mal wieder zu spüren bekommen, obwohl ich das Thema in meinem Vortrag überhaupt nicht angeschnitten hatte: Einige meiner Zuhörer hatten sich offenbar im Vorfeld schon ausreichend über die Thesen des Buches informiert, um zu wissen, dass darin auch das Thema Homeschooling eine Rolle spielt, und meinten, das gehe ja nun gar nicht. (Es ist durchaus eine eigentümliche Ironie des Schicksals, dass die Familie, die im Mittelpunkt des eingangs erwähnten Rechtsstreits steht, ausgerechnet "Wunderlich" heißt -- denn genau so, nämlich als "wunderlich", werden sie zweifellos von vielen Deutschen wahrgenommen.)

Zugleich fällt auf, dass Birnbacher im idea-Spektrum und Kraus in der Tagespost im Wesentlichen dasselbe sagen -- und auch im Wesentlichen dasselbe wie die Leute bei meiner Buchvorstellung und wie so ziemlich jeder Durchschnittsbürger, mit dem man sich an der Wursttheke im Supermarkt über das Thema unterhält. Man kommt sich schon ein bisschen vor wie beim guten alten RTL-"Familienduell": "Wir haben hundert Leute gefragt: Was spricht gegen Homeschooling?" Und voilà, man erhält stets denselben, mäßig bunten Strauß aus Scheinargumenten, Vorurteilen und blanken Unwahrheiten. In der Hauptsache läuft es immer wieder auf dieselben drei Punkte hinaus: Die Schulpflicht sei ein hohes Gut, das "nicht leichtfertig zur Disposition gestellt werden" dürfe (Birnbacher); "qualifizierte Pädagogen" könnten Kinder besser unterrichten als Eltern (lustigerweise sogar dann, wenn diese selbst "qualifizierte Pädagogen" sind!); und last not least würde Homeschooling die Entwicklung von "Parallelgesellschaften" begünstigen und die Kinder zu "Sonderlingen" erziehen.

Natürlich interessiert mich der letztgenannte Punkt hier am meisten, denn tatsächlich ist die Entwicklung von "Parallelgesellschaften" ja genau das, worauf die Benedikt-Option abzielt, und dass dieser Begriff in der öffentlichen Debatte in Deutschland so extrem negativ besetzt ist, stellt ein wesentliches Akzeptanzproblem für dieses Konzept dar. Sagen wir trotzdem erst mal noch ein paar Worte zu den beiden anderen Punkten.

Josef Kraus erklärt in der Tagespost, die Schulpflicht sei "eine großartige pädagogische und vor allem eine große soziale Errungenschaft"; Jörg Birnbacher nennt sie im idea Spektrum sogar "ein hohes demokratisches [!] Gut". Na klar, deshalb gibt es sie in dieser strikten Form ja auch nur in Deutschland und vielleicht noch in Nordkorea, nicht wahr? -- Im Ernst: Für Demokratien ist es normalerweise eher typisch, dass es in ihnen eine Bildungs- bzw. Unterrichtspflicht gibt, zu deren Erfüllung aber nicht zwingend der Besuch einer Schule vorgeschrieben ist. Der Versuch, die Schulpflicht mit dem Hinweis darauf zu rechtfertigen, dass man "[e]rst durch solide Bildung [...] zum mündigen Bürger" werde (Kraus), wirkt vollends tragikomisch, wenn man bedenkt, dass die verbindliche gesetzliche Regelung der Schulpflicht, wie sie bis heute in Deutschland gilt, 1938 von den Nazis geschaffen wurde. Ja, echt

Bezüglich der fachlichen und pädagogischen Kompetenz von Lehrern hat vermutlich jeder so seine eigenen Erfahrungen, wobei ich sagen muss, dass ich mit meinen Lehrern - zumindest auf dem Gymnasium - noch überwiegend Glück hatte, wenn ich meine Erinnerungen an die Schule mal mit denen einiger Freunde und Bekannter abgleiche. Dennoch reagiere ich auf dieses Argument empfindlich, nicht zuletzt deshalb, weil es heutzutage ja zunehmend auch schon zugunsten der KiTa-Erziehung vorgebracht wird: Professionell geschultes Potential könne die Kinder viel besser "fördern" als die eigenen Eltern. Und dann behauptet Ex-Lehrerverbands-Präsident Kraus allen Ernstes, der Umstand, dass Homeschooling sich in den USA wachsender Beliebtheit erfreue, rühre nicht zuletzt daher, dass "das öffentliche Schulwesen dort in einem oft desaströsen Zustand" sei. Also bitte: Wenn der gute Mann wirklich meint, um dysfunktionale Schulen zu sehen zu bekommen, müsse man erst mal über den großen Teich reisen, dann war er wohl noch nie in Berlin. Der Annahme, Hausunterricht könne nicht dieselbe fachliche und pädagogische Qualität erreichen, wie sie an öffentlichen Schulen gegeben sei, widerspricht Andreas Thonhauser entschieden. Im Gegenteil - so fasst die Tagespost seine Ausführungen zusammen - "können die besonderen Fähigkeiten der Schüler besser beim Homeschooling entwickelt werden": "Je individualisierter [...] der Unterricht gestaltet ist, je stärker die Lehrperson auf den einzelnen Schüler, seine Stärken und Schwächen eingeht, desto eher findet eine optimale Förderung statt." Auch auf das Lerntempo könne man "beim Homeschooling besser eingehen, und der Lernfortschritt kann regelmäßig überprüft werden".

Bleibt also noch der "soziale Aspekt". Da frage ich mich immer - zumal man sich dieselben "Argumente" ja inzwischen auch schon anhören darf, wenn man sein Kleinkind nicht in die KiTa gehen lassen will -, was diejenigen, die gegen häusliche Erziehung polemisieren, sich eigentlich vorstellen: Ob die ernsthaft denken, Eltern würden ihre Kinder in der Besenkammer aufbewahren, wenn man sie ließe. Josef Kraus stellt es sich jedenfalls anscheinend so vor:
"Solche Kinder erleben nicht, was ein Skikurs, eine Studienfahrt mit einer ganzen Klasse oder was eine gemeinsame Theateraufführung, ein sportlicher Wettstreit [...] bedeuten. Sie erfahren nie, was es heißt, sich mit einer Gruppe zusammengemixter Alterskameraden zu einem schulischen Projektauftrag zusammenraufen zu müssen." 
Völliger Quatsch, widerspricht Andreas Thonhauser:
"Dass der Unterricht nämlich ausschließlich zu Hause stattfindet, stimmt für die meisten Homeschooler nicht. Vielmehr wird das gesamte Umfeld eines Kindes in den Unterricht einbezogen: von Eltern über Freunde, außenstehende Experten, Museen, technische Anlagen, Reisen, Veranstaltungen, Konzerte, Vernissagen, Sport, bis hin zu religiösem Programm." 
Ja, aber die Parallelgesellschaften! In den USA, so meint Josef Kraus, sei das Homeschooling "auch zum Spielfeld fundamentalistischer und sektiererischer Eltern geworden":
"Das könnte […] auch in Deutschland kommen. Eine der führenden Gruppen in den USA sind etwa die Kreationisten, die nicht wollen, dass ihre Kinder in der Schule mit der Lehre der Evolution konfrontiert werden." 
Also, zunächst mal, lieber Herr Kraus: Kreationisten sind keine Gruppe. Kreationismus ist zunächst einmal eine Theorie über die Entstehung der Welt, und auch wenn diese in bestimmten Glaubensgemeinschaften verbreiteter ist als außerhalb dieser (und in manchen "fundamentalistischen" Konfessionen sogar verbindliche Glaubenslehre sein mag), ist sie an und für sich nicht mit einer bestimmten Glaubensrichtung deckungsgleich. Ich gehe davon aus, dass Herr Kraus das durchaus weiß und mit seiner Formulierung nur Sektenängste schüren will. Und dann spricht er auch noch den Elefanten im Raum an -- oder, wenn man so will, die Lieblingsangst des deutschen (Spieß-)Bürgers: die Angst vor dem Islam
"Im übrigen darf man nicht übersehen, welche Folgen die Zulassung von Homeschooling gerade in Populationen mit Migrationshintergrund hätte. [...] Wer Homeschooling zulässt, müsste als Alternative zum staatlichen beziehungsweise zum staatlich anerkannten oder staatlich genehmigten Schulwesen sogar privat organisierte Koranschulen zulassen." 
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich dem Herrn Kraus Respekt für so viel Chuzpe zollen oder einmal mehr indigniert den Kopf darüber schütteln sollte, dass diese Strategie bei so vielen Christen verfängt. Dass sie sich durch das Schreckgespenst fundamentalistisch-islamischer Parallelgesellschaften dazu verleiten lassen, sich eine im Kern säkularistisch motivierte Islamkritik zu eigen zu machen, ohne dabei zu merken, dass man mit exakt denselben Argumenten auch gegen sie selbst vorgehen könnte. Anstatt mal auf die Idee zu kommen, dass man von den Fähigkeiten der Muslime, quasi "in Feindesland" Parallelgesellschaften aufzubauen, etwas lernen könnte. Aber da sehe ich wieder die Gesprächsrunde vom vorletzten Freitag vor mir. "Radikal" sein, sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen, das will man ja nicht. Das muss dieser typisch deutsche Hang zum Konformismus (manche sagen auch "Herdenmentalität" dazu) sein, der die Mehrheit der Deutschen stets dazu befähigt hat, sich unter den unterschiedlichsten politischen Systemen mit der jeweils herrschenden Ideologie nicht nur zu arrangieren, sondern sogar zu identifizieren. Als gefährlich, bedrohlich wurde und wird immer nur der angesehen, der anders ist -- der nicht mitmacht, nicht nach den Regeln spielt. Wenn also jemand - wie Andreas Thonhauser in der Tagespost argumentiert - im Homeschooling eine Möglichkeit sieht, sich ein Stück "Freiheit gegenüber dem Staat" und gegenüber ideologischer Beeinflussung durch diesen - "wie beim Sexualkundeunterricht" - zu bewahren, dann ist das dem Durchschnittsdeutschen von vornherein suspekt. 

-- Nebenbei bemerkt: Dass ich persönlich mit dieser Angst vor Parallelgesellschaften nichts anfangen kann, hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich selbst in einer Parallelgesellschaft aufgewachsen bin -- und das, obwohl ich von der ersten Klasse an ausschließlich öffentliche Schulen besucht habe. (Dazu - also über die Parallelgesellschaft, in der ich aufgewachsen bin - wird es hier demnächst mehr zu lesen geben, denn ich habe gerade von einem Leser ein Buch zugeschickt bekommen, das dieses Thema wieder stark in mein Bewusstsein gerückt hat.) 

Jörg Birnbacher, wie gesagt Schulleiter eines evangelischen Gymnasiums, spricht offenkundig pro domo, wenn er meint, wer "aus christlicher Sicht Vorbehalte gegen staatliche Schulen hege, könne sich für eine Schule in privater Trägerschaft entscheiden, die von engagierten Christen betrieben werde": "Dort erlebten Kinder ein Umfeld, das dem biblischen Menschenbild entspreche, und sie erhielten gleichzeitig eine überdurchschnittlich gute Ausbildung." Ich sag mal so: Da habe ich von Leuten, die solche Schulen aus eigener Erfahrung kennen, aber auch schon ganz andere Einschätzungen gehört. Und selbst wenn man einräumt, dass es durchaus gute christliche Bekenntnisschulen geben mag, muss man da halt auch erst mal einen Platz bekommen. Josef Kraus gibt derweil zu bedenken, dass es, um einem Kind eine wirklich umfassende Bildung zu ermöglichen, "schon eines verwandtschaftlichen oder nachbarschaftlichen Netzwerkes" bedürfe, "das schier der regulären Gründung einer Privatschule gleichkäme". --- 

--- Ja, eben! Verwandtschaftliche und nachbarschaftliche Netzwerke, genau das wäre der BenOp-Ansatz -- das wäre das, was Rod Dreher in seinem Buch als "Die Idee eines christlichen Dorfes" bezeichnet. Und wenn man das dann als "regelrechte Privatschule" deklariert, dann hätte Kraus nichts mehr dagegen? Na wie schön. Der Haken dabei ist natürlich, dass es in Deutschland gar nicht so einfach ist, die Gründung einer Privatschule genehmigt zu bekommen, und dass auch Privatschulen nicht frei von staatlicher Einflussnahme auf ihr Unterrichtskonzept sind. Da gab es gerade erst so einen Fall, wo eine evangelische Privatschule ein Konzept entwickelt hatte, bei dem die Schüler überwiegend "zu Hause, also 'im natürlichen Lebensumfeld' lernen" sollten, "mit Unterstützung einer Internetplattform. Richtig [!] in die Schule gehen sollten sie nur einmal pro Woche." Und dies wurde der Schule untersagt. Begründet wurde die Ablehnung dieses Unterrichtskonzepts damit, dass "ein einziger gemeinsamer Schultag pro Woche [nicht] zum Erreichen der staatlichen Erziehungsziele reiche. Der Trend gehe eher hin zur Ganztagsschule, also zu mehr gemeinsamem Unterricht".

"Staatliche Erziehungsziele". Wenn ich so etwas schon höre. "Lufthoheit über den Kinderbetten". Alles im Interesse der Demokratie, versteht sich. Im Grundgesetz steht zwar, dass die Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern sei und dass der Staat dieses Recht zu schützen habe; aber das fällt heutzutage wohl unter "Verfassungspoesie"

Immerhin: In Bremen gab es 26 Jahre lang (und bis vor gar nicht so langer Zeit) eine "illegale", von Eltern in Eigenregie betriebene Grundschule. Das ging deshalb so lange gut, weil schlichtweg niemand gemerkt hat, dass diese Schule nicht genehmigt war. Ich würde mal sagen, das Beispiel lässt hoffen...