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Montag, 11. November 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (32. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Leute, wenn ich ehrlich bin, habe ich ziemlich wenig Bock auf einen Wochenrückblick. Die Woche war nicht toll. Die meiste Zeit war ich teils mehr, teils weniger unterschwellig gestresst, fühlte mich kränklich und hatte zudem den Eindruck, dass nichts so läuft wie es soll. Das erreichte seinen Höhepunkt am Mittwoch, als außer meiner Liebsten, dem Kind und mir niemand zum Dinner mit Gott kam. (Das hätte ich Euch am liebsten verschwiegen, und sei es nur, damit ein gewisser Herr Greifenstein sich nicht wieder Sorgen um mein "Gemüt" macht.) Wir verschmähten es daraufhin, nur für uns selbst Kürbissuppe zu kochen, und gingen stattdessen spontan in ein italienisches Restaurant, in dem wir zuvor noch nie gewesen waren. Wir waren die einzigen Gäste, und eine der Mitarbeiterinnen saß am Flügel und spielte Jazzklassiker. So gesehen eigentlich doch kein schlechter Abend. Dass die Profanierung der Herz-Jesu-Kirche in Nordenham-Einswarden auf den 28. November festgesetzt worden ist, erfuhr ich auch erst mit Verspätung; darauf werde ich eventuell noch gesondert zurückkommen müssen. Immerhin wurde zum Ende der Woche meine Laune graduell besser, obwohl ich es verpeilte, am Samstag zu einem Musikquiz im Brit-Pub in Hermsdorf zu gehen, das ich vermutlich total gerockt haben würde. 


Was ansteht: Für heute Vormittag haben sich erneut die Handwerker angekündigt, weshalb die Krabbelgruppe im Pfarrhaus erneut entfallen muss. Am Abend ist ökumenische St.-Martins-Feier; sie beginnt mit einer Andacht in der evangelischen Dorfkirche Alt-Tegel, dann folgt ein Laternenumzug zu "unserer" Kirche, und zum Abschluss soll es Waffeln und Würstchen geben. Kernstück der Andacht soll, wie man sich denken kann, ein von Kindern aufgeführtes Martinsspiel sein, und ich habe den Text bereits vorab zu sehen bekommen. Natürlich geht es um die bekannte Episode, in der Martin als römischer Reiteroffizier einem frierenden Bettler die Hälfte seines Offiziersmantels schenkt. Die vorliegende Textfassung vollbringt allerdings das Kunststück, jedweden Bezug zum Christentum konsequent zu eliminieren. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben und habe mir das Anspiel daher dreimal durchgelesen, aber es bleibt dabei: Gott, Jesus, christlicher Glaube werden darin mit keinem Wort erwähnt. Verantwortlich dafür ist offenbar unsere evangelische Nachbargemeinde, aber ich denke, eine Grundsatzdiskussion zur Frage "Was soll der Scheiß?" wäre durchaus auch in den Gremien unserer Pfarrei fällig. Wie dem auch sei, hingehen werde ich zu der Feier allemal, schließlich habe ich eine zweijährige Tochter, und zumindest der Laternenumzug wird für sie sicherlich toll. Und danach gehen wir schön Gans essen, basta! -- Am Wochenende findet in Altötting der "Adoratio"-Kongress statt, von dem hier im Zusammenhang mit einem garstigen Artikel auf häretisch.de schon einmal die Rede war; meine Liebste und ich haben lange erwogen, daran teilzunehmen, haben uns aber aus zeitlichen und organisatorischen Gründen schließlich schweren Herzens dagegen entschieden. Immerhin, Radio Horeb und EWTN übertragen in großem Umfang live, da werden wir uns sicher einiges ansehen oder -hören, und vielleicht schaffen wir es sogar, kurzfristig ein "Public Viewing" im Pfarrsaal zu organisieren. Im Übrigen ist am Samstag wieder Krabbelbrunch, und am Sonntagnachmittag gibt es in St. Rita eine Tauferinnerungsfeier für Kinder. Genauer gesagt für Kinder, die innerhalb des letzten Jahres getauft wurden; wir waren somit schon voriges Jahr "dran", aber ich sehe ehrlich gesagt überhaupt nicht ein, wieso man daran pro Kind nur einmal teilnehmen dürfen sollte. Noch ehrlicher gesagt denke ich, wir sollten da schon allein deshalb hin, weil das eine seltene Gelegenheit ist, Kontakte zu anderen Eltern kleiner Kinder innerhalb der Pfarrei bzw. des "Pastoralen Raums" zu knüpfen. 


aktuelle Lektüre: 

Die Lektüreliste, über die ich mich hier schon vorige Woche geäußert habe, weiter abzuarbeiten, hat sich als teilweise recht strapaziös erwiesen; in besonderem Maße galt das für das Buch "Selig die keine Gewalt anwenden" vom damaligen Innsbrucker und jetzigen Linzer Bischof Manfred Scheuer. Eigentlich soll es in dem Buch ja um den 1943 unter dem Nazi-Regime hingerichteten, 2007 seliggesprochenen Franz Jägerstätter gehen, und der ist ohne Frage eine interessante Figur; aber in dieser Hinsicht erinnert mich Scheuers Buch an eine Passage aus Donna Tartts Roman "Die geheime Geschichte", wo einer der Hauptcharaktere, der College-Student Bunny, eine Seminararbeit über den Dichter John Donne verfassen soll. Als er seinen Freunden und Kommilitonen die fertige Arbeit zeigt, fragen diese ihn: 
"'Aber findest du nicht, daß du John Donne ein bisschen öfter erwähnen solltest? War das nicht dein Thema?'
'Ach, Donne', sagte Bunny abschätzig. 'Den will ich da nicht reinziehen.'" (Tartt, Die geheime Geschichte, S. 128)
Tja, und so ähnlich verfährt Scheuer mit Franz Jägerstätter. Die diversen Themen, die der Autor aufgreift und auf mehr oder weniger weit hergeholte Weise zu Jägerstätter in Beziehung zu setzen versucht, sind jeweils für sich gesehen überwiegend durchaus interessant, aber mit der beliebig erscheinenden Auswahl der Themen und der oberflächlichen Art, in der er sie abhandelt, tut Scheuer ihnen keinen Gefallen -- und dem Leser schon gar nicht. Auf die Dauer hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich könne spüren, wie ich vom Lesen dieses Buches dümmer werde. Deshalb brach ich die Lektüre auf S. 111 erst einmal ab und nahm das Buch erst wieder zur Hand, nachdem ich "Herrn Lehmann" und "The Beach" durch hatte und auch mit Kohl und Klepper ein gutes Stück weiter gekommen war. Und dann musste ich die Wiederaufnahme beinahe bereuen, las ich doch Sätze wie: "Franz Jägerstätter sieht es schon lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht als Privileg oder als Sonderweg an, nach Heiligkeit zu streben" (S. 121). Alter. Jetzt lass mich doch mal mit deinem blöden Konzil in Frieden. -- Interessant ist allerdings der Hinweis, dass Franz Jägerstätter durch das 1964 erschienene Buch "In Solitary Witness" von Gordon Zahn "in den USA und international" erheblich frühere und breitere Popularität erlangte als in der eigenen Heimat und dadurch "großen Einfluss auf die katholische Friedensbewegung", insbesondere im Zusammenhang mit Protesten gegen den Vietnamkrieg, entfaltete (S. 129). Und dann ist der von Bischof Scheuer verfasste Teil des Buches gottlob vorbei. Es folgt noch ein Anhang mit Beiträgen anderer Autoren, und da fällt zunächst einmal auf, dass der Satzspiegel des Buches sich ändert. Statt 32 Zeilen à 61 Zeichen sind es plötzlich 37 Zeilen à 73 Zeichen pro Seite; was nichts anderes bedeutet, als dass der Scheuer-Teil des Buches um gut 35 Seiten kürzer hätte ausfallen können, wenn man das ganze Buch im Satzspiegel des Anhangs gedruckt hätte. Ich finde, das sagt eine Menge aus. Die drei in den Jahren 2005-2007 beim Jägerstätter-Gedenken gehaltenen Vorträge, die den Hauptteil des Anhangs ausmachen, haben durchweg ein erheblich höheres Niveau als Scheuers Text, das heißt aber noch nicht automatisch, dass sie gut sind. Der Vortrag von Józef Niewiadomski über Jägerstätters Traum von dem Zug, der in die Hölle fährt (S. 142-153), gefällt mir passagenweise recht gut, nämlich da, wo er sich kritisch und durchaus sarkastisch-polemisch von einem allzu harmlosen, "Wellness"-orientierten und individualistischen Christentumsverständnis abgrenzt, dem die Frömmigkeit eines Franz Jägerstätter viel zu "fundamentalistisch" ist oder wäre. Ein Paar Sätze aus diesem Vortrag konnte ich sogar direkt für einen "Tagespost"-Artikel verwenden, der wohl in der übernächsten Ausgabe erscheinen wird. -- Im Ganzen scheint Niewiadomskis Vortrag aber doch von einem gewissen Bemühen geprägt, das Beunruhigende an Jägerstätters Höllentraum kleinzureden und eine "Hermeneutik" zu finden, die es ihm und seinen Zuhörern/Leser erspart, Hölle und Teufel für buchstäblich real zu halten. So fragt er schon auf S. 145: "Was soll diese Metapher überhaupt bedeuten?" Da möchte man doch laut ausrufen: Es ist keine Metapher, Mann! 

Erhebliche Bedenken hatte ich, ob ich mir nun wirklich den Vortrag eines Theologen mit dem vielsagenden Namen Wolfgang Palaver antun sollte, aber tatsächlich war dieser Beitrag (S. 154-167) dann gar nicht mal schlecht, insbesondere der 2. Abschnitt, in dem er, anknüpfend an Simone Weil, das "große Tier" aus Platons Politeia ("das ist die Herrschaft der Masse", S. 157) mit dem Tier der Apokalypse (vgl. Offb 13 u. 17) in Beziehung setzt. Überhaupt lohnt sich dieser Beitrag schon allein wegen der weiterführenden Literaturhinweise. -- Den abschließenden Vortrag von Roman A. Siebenrock (S. 168-191) fand ich dagegen wiederum eher ermüdend, pedantisch und aufgeblasen. Die letzten fünf Seiten habe ich nur noch sehr flüchtig überflogen und bin jetzt froh, das Buch abhaken zu können. 

Nachdem ich von Sven Regeners "Herr Lehmann" über weite Strecken begeisterter war, als ich es erwartet hätte, fand ich den Schluss eher enttäuschend. In den letzten vier Kapiteln zerfasert die Handlung, als wäre dem Autor kein vernünftiger Schluss eingefallen; aber je länger ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher kommt es mir vor, dass der Autor ganz bewusst keinen befriedigenden Schluss wollte. Nachdem es zeitweilig so aussah, als würde der Protagonist eine Entwicklung durchmachen und als würde irgendwie so etwas wie eine Perspektive in sein Schluffi-Dasein treten, reißt der Autor das, was er an "Entwicklung" aufgebaut hat, in den letzten Kapiteln sprichwörtlich mit dem Arsch wieder ein. Konzeptionell ist das womöglich ganz stimmig, aber deswegen muss es mir ja nicht gefallen

Das heißt übrigens nicht, dass es nicht auch noch in den letzten Kapiteln des Romans einige exzellente Passagen gäbe. Äußerst bemerkenswert erscheint mir etwa, was der Arzt im Urbankrankenhaus, der mit Herrn Lehmann über dessen Freund Karl spricht, auf S. 269f. über das "Zerbrechen des Selbstbildes" ausführt: nämlich, dass es ein recht verbreitetes Phänomen sei, dass junge Männer aus Westdeutschland sich in Westberlin, insbesondere in Kreuzberg, mit Hilfe der günstigen Lebenshaltungskosten und des räumlichen Abstands zu ihrem bisherigen Leben eine Scheinexistenz aufbauen, eine Art Phantasieversion ihrer selbst, beispielsweise als Künstler, dann aber irgendwann mit der Erkenntnis konfrontiert werden, dass sie sich selbst und allen anderen nur etwas vormachen, und daraufhin psychisch kollabieren. Irgendwie hätte ich daraus gern eine Begründung konstruiert, dem Buch ein gewisses Mindestmaß an #BenOp-Relevanz zuzuerkennen, bin aber doch zu dem Schluss gekommen, dass das nicht reicht. Gleiches gilt für die hier und da zur Sprache kommende Einstellung verschiedener Charaktere zur Arbeit, zum Stellenwert der Arbeit im Leben. Was den zeitgeschichtlichen Kontext angeht, wird auf S. 271 erwähnt, dass Herrn Lehmanns mit Furcht und Schrecken erwarteter 30. Geburtstag auf den 9. November 1989 fällt; und dann sieht es, zumindest für mich, kurzzeitig so aus, als würde der Mauerfall im Roman überhaupt nicht vorkommen, was ich bewunderungswürdig dreist gefunden hätte. Tatsächlich fällt die Mauer dann aber auf S. 280 doch, also ganz kurz vor Schluss, und ironischerweise scheint gerade diese historische Zäsur den Umstand zu besiegeln, dass sich in Herrn Lehmanns Leben nichts ändert. Ich sag ja, das hat der Autor mit Absicht gemacht. Im Ganzen auf jeden Fall, auch wenn der Schluss mir nicht zusagt, ein sehr lesenswertes Buch. 

Walter Kohls "Leben oder gelebt werden" lässt in der zweiten Hälfte ganz erheblich nach, was wohl vor allem daran liegt, dass die Küchenpsychologie gegenüber den autobiographischen Zügen die Oberhand gewinnt. Sobald Kohl junior nach Ameriko abgedampft und so dem unmittelbaren Einfluss des Übervaters erst einmal entronnen ist, gibt es eben nicht mehr so viel zu erzählen, und nach dem unfreiwilligen Rückzug des Vaters aus der aktiven Politik erst recht nicht mehr. Und dann ist es auf einmal 2001, und Hannelore Kohl stirbt. "Ich wusste sofort: Mutter hat von sich aus einen Schlussstrich gezogen" (S. 161). Wir hatten das Thema Selbstmord letzte Woche bei Jochen Klepper, jetzt kommt es auch bei Kohl zur Sprache; und ich frage mich: Wann ist uns eigentlich der Konsens darüber abhanden gekommen, dass Selbstmord ohne Wenn und Aber zu ächten, mindestens keinesfalls zu beschönigen oder zu glorifizieren ist? Auf S. 175 rutscht dem Kohl-Sohn sogar der abscheuliche Ausdruck "Freitod" heraus. Warum abscheulich? Darum: Das einzige, was einen Selbstmord verzeihlich machen kann, ist die (in den allermeisten Fällen wohl sehr wahrscheinliche) Annahme, dass der Täter so verzweifelt, so depressiv oder anderweitig so vom Gewicht des Lebens niedergedrückt war, dass er für sein Handeln nicht mehr voll verantwortlich gemacht werden konnte. Den Selbstmord als souveränen Akt der Selbstbestimmung, ja als die ultimative Verwirklichung von Freiheit darzustellen, beraubt ihn dieser Entschuldigung. Es ist übrigens durchaus folgerichtig, dass Walter Kohl sich dann auf S. 181ff. selbst mit Selbstmordgedanken befasst, sogar schon konkrete Pläne dafür schmiedet. Das kommt nämlich dabei heraus, wenn man den Konsens über die unbedingte Ächtung von Selbstmord außer Kraft setzt: Auf einmal erscheint er als erwägenswerte Option, und wenn das für andere gilt, warum dann nicht auch für einen selbst? Die Vorstufe zu Selbstmordgedanken schrint übrigens ein miserabler Musikgeschmack zu sein, denn auf S. 179 schreibt Kohl: "Ein Song der Rockband Cinderella drückte meine Gefühle aus. Er trug den Titel 'You don't know what you got until it's gone.'" Cinderella! Also ehrlich! Ein erwachsener Mensch sollte bei dieser Textzeile ja wohl eher an Joni Mitchell denken

Kurz und gut, nach Scheuer drängte mich nun auch Kohl dazu, sein Buch lieber beiseite zu legen und stattdessen mehr Klepper zu lesen; auf S. 196 brach ich die Lektüre von "Leben oder gelebt werden" vorläufig ab, las es dann aber ebenso wie "Selig die keine Gewalt anwenden" doch noch zu Ende. Mit Mühe. "Wenn Freude ein Treibstoff der Seele ist, dann wurde ihr Tank zu selten aufgefüllt", schreibt Walter Kohl auf S. 211 über seine Mutter, und auf S. 212 über seinen Vater: "Seine Emotionalität kann situativ sehr volatil sein." Gibt es eigentlich keine Lektoren mehr, die einem Autor das Manuskript, in dem solche Sätze stehen, freundlich, aber entschieden um die Ohren hauen? -- Enttäuschend ist das Buch auch und nicht zuletzt in Hinblick auf die im Klappentext behaupteten christlichen Überzeugungen des Verfassers. Nehmen wir nur mal Anja Hradetzkys "Cowgirl"-Buch zum Vergleich: Da hatte, wie die Autorin mir mitgeteilt hat, der Verlag die christlichen Bezüge eigentlich konsequent herausdrängen wollen, und der Co-Autor Hans von der Hagen hat Anja geholfen, sie durch die Hintertür wieder hineinzuschmuggeln. Im Gegensatz dazu wird hier ausdrücklich mit einem angeblichen christlichen Gehalt geworben, und dann findet man keinen. Oder allenfalls in Form von Versatzstücken, die sich in subjektivistischer Aneignung (wir erinnern uns: der Dom von Speyer als "Kraftort") und in trauter Eintracht mit Elementen anderer spiritueller Traditionen ("Lao-Tse sagt dazu", S. 240) und allerlei Psychobabbel zu einer bedarfsgerechten Wellness-Religion verquirlen. Zwar liest man etwa auf S. 222 "Was mich selbst betrifft, so ging es dabei auch um meine Beziehung zu Gott", aber der Satz hängt einfach so in der Luft, für den Leser folgt nichts daraus. Stattdessen schwadroniert Kohl über "fast magische Kräfte" (S. 253f.) und urteilt über die heilsame Wirkung der Vergebung: "Ob dies Teil der Gnade ist, die man erfährt, oder, nüchtern betrachtet, eine Befreiung der eigenen Wahrnehmung aus den Fesseln des Schubladendenkens und des Vorurteils, sei dahingestellt" (S. 254). Merke: Ob es diesen Gott wirklich gibt oder man ihn sich nur einbildet, ist im Grunde egal, solange man sich gut dabei fühlt. Na herzlichen Dank. 

Nachdem der Verfasser sich zum Ende des Buches hin lang und breit und mit großem Pathos über Versöhnungsbereitschaft als Erfordernis der Psychohygiene ausgeassen hat ("Schritte auf dem Weg zur Versöhnung" lautet auch die Titel-Unterzeile des Buches), gerät ihm das letzte Kapitel zu einer geharnischten Abrechnung mit dem Vater, und das lässt die salhungsvollen Lebenshilfe-Ratgeber-Allüren, die weite Teile des Buches geprägt haben, auf fast tragikomische Weise unglaubwürdig wirken. Letztlich ist der zwiespältige Eindruck, den das Buch auf diese Weise hinterlässt, aber wohl unvermeidlich in ihm angelegt. Die ganze Zeit geht es dem Autor darum, sich davon freizustrampeln, der Sohn Helmut Kohls zu sein, aber wäre er nicht der Sohn Helmut Kohls, würde sich für dieses Buch niemand interessieren, und da das schon beim Verleger anfängt, heißt das, es würde dieses Buch schlichtweg nicht geben. Auf den letzten Seiten musste ich an einen "Hägar der Schreckliche"-Cartoon denken, wo Hägar den Mönch Bruder Olaf fragt, wozu das Lesen eigentlich gut sein solle. Der Mönch erklärt: "Man erfährt etwas über das Leben anderer Menschen, interessiert dich das nicht?" - "Nein", entgegnet Hägar entschieden, "das ist Klatsch!" So geht es mir mit diesem Buch von Walter Kohl. Ich finde es passagenweise interessant, habe dabei aber immer irgendwie das Gefühl, eigentlich sollte es mich nicht interessieren. 

Was Alex Garlands "The Beach" angeht, hatte ich ja bereits erwähnt, dass meine Erwartungen an dieses Buch unrealistisch hoch waren, und gemessen daran kann ich sagen, dass ich verhältnismäßig wenig enttäuscht bin. Abgesehen von Kleinigkeiten habe ich eigentlich nur einen ernsthaften Kritikpunkt: Dass so viele destabilisierende Faktoren auf einmal über die Strandkommune hereinbrechen - die Furcht vor einer Entdeckung durch die auf der Nachbarinsel gelandeten Touristen, die Lebensmittelvergiftung, der Haiangriff auf die Fischer -, wirkt wenig überzeugend,  zumal es mehr oder weniger zwangsläufig die Frage nach sich zieht, wie die Geschichte wohl weitergegangen wäre, wenn das nicht alles auf einmal passiert wäre. Das ist ein gewichtigerer Kritikpunkt, als es den Anschein haben mag, denn wenn das Umschlagen der vermeintlichen Idylle in eine brutale Dystopie durch eine Verkettung von Zufällen ausgelöst wird, dann ist diese Peripetie - nach Aristoteles - nicht tragisch, denn eine tragische Handlung sollte sich mit zwingender innerer Notwendigkeit vollziehen. 

So gibt es für die Traumstrand-Community zwar ein Ende mit Schrecken, aber es bleibt fraglich, was der Leser eigentlich daraus lernen soll -- außer vielleicht, dass man sich, wenn man eine utopische Gemeinschaft aufbauen will, nicht gerade die Drogenmafia als Nachbarn aussuchen sollte. -- Nein, im Ernst: Wenn man ein bisschen darüber reflektiert, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass der zentrale Punkt der Story die Gratwanderung der Community zwischen Geschlossenheit und Offenheit ist; das ist eine Herausforderung für jede Art von Gemeinschaft, und genau darin liegt die #BenOp-Relevanz des Romans begründet. 

In "The Beach" besteht das Dilemma darin, dass es das erklärte Ziel der Community ist, ein Refugium vor den zerstörerischen Auswirkungen des Massentourismus zu schaffen bzw. zu erhalten; dazu ist es notwendig, den Traumstrand geheim zu halten, aber hätten die drei Leutchen, die den Strand entdeckt haben, niemandem davon erzählt, dann gäbe es die Community nicht; "alleine zu dritt" hätten sie so eine weitgehend autarke Kommune nicht betreiben können. Die Community wächst also zunächst einmal dadurch, dass die Gründer handverlesene Einzelpersonen an den Traumstrand "mitbringen", aber dabei bleibt es nicht aus, dass auch unbeteiligte Dritte zumindest gerüchteweise von der Existenz dieses Strandes erfahren, und mit der Ankunft "uneingeladener" Neuzugänge gerät das heikle Gleichgewicht der Community ins Wanken. 

Interessant ist übrigens, wie stark die Verfilmung (die ich nicht gesehen habe, aber die deutsch- und englischsprachige Wikipedia haben recht detaillierte Inhaltsangaben) in einigen entscheidenden Details vom Buch abweicht. Dass im Film mehr Sex vorkommt als im Buch und im Gegenzug das dramatische Finale erheblich weniger brutal und eklig ist: geschenkt. Viel gewichtiger erscheint es mir, dass der große Showdown im Film ein erheblich optimistischeres Menschenbild verrät als im Buch. Als sich im Film nämlich zeigt, dass Sal buchstäblich über Leichen zu gehen bereit ist, um die Strandkommune zusammenzuhalten, wenden sich alle schockiert von ihr ab. Ein größerer Kontrast zu der korrespondierenden Szene des Buches ist wohl kaum denkbar. 

Übrigens, da wir gerade von Filmen reden: Die oben beschriebene Thematik der Gratwanderung zwischen Geschlossenheit und Offenheit als prinzipielle Herausforderung für jede Art von Gemeinschaft hat mich auf den Gedanken gebracht, dass ich mir "The Village" von M. Night Shyamalan gerne einmal unter diesem Gesichtspunkt anschauen würde. Ja, der Großteil der Menschheit ist sich einig, dass der Film Kacke ist. Und ich glaube mich zu erinnern, dass er mir seinerzeit, als ich ihn im Kino gesehen habe, auch nicht gefallen hat. Trotzdem, ich würde es auf einen zweiten Versuch ankommen lassen. Vielleicht sollte ich aber auch (stattdessen oder zusätzlich) das Buch "Running Out of Time" von Margaret Peterson Haddix lesen, dessen Plot so große Gemeinsamkeiten mit "The Village" haben soll, dass es seinerzeit zu Plagiatsvorwürfen (allerdings nicht zu einer Klageerhebung) kam. 

Abschließend sei noch auf eine Kuriosität in "The Beach" hingewiesen, nicht zuletzt auch als Pendant zur Signifikanz des 9. November 1989 in "Herr Lehmann": In einer Ansprache der Strandkommunen-Anführerin Sal fällt auf S. 327 der bemerkenswerte Satz "Und es könnte euch interessieren, daß heute der elfte September ist." Aha?! Dazu sollte man sich vor Augen halten, dass die Romanhandlung Mitte der 90er spielt; erschienen ist das Buch im Original 1996, auf Deutsch 1997; die mir vorliegende, als "Buch zum Film" herausgebrachte Taschenbuchausgabe wurde im Jahr 2000 gedruckt. Von "dem" 11. September konnte da also noch gar keiner wissen. Verschwörungstheorie, anyone? --Tatsächlich wird das Datum an dieser Stelle nur erwähnt, weil drei Tage später das "Tet-Fest", das Jubiläum der Strandkommune, ansteht. 

Mit Jochen Kleppers "Unter dem Schatten Deiner Flügel" bin ich immerhin bis zum Ende des Jahres 1935 und somit bis S. 326 gekommen; das sind mehr Seiten, als die anderen Bücher dieser Leseetappe, mit Ausnahme von "The Beach", überhaupt haben, und allein daran sieht man wohl schon, dass das Buch mich allmählich doch erheblich mehr gefesselt hat, als ich es anfangs für möglich gehalten hätte. Allerdings habe ich noch mehr als bei Walter Kohl das ungute Gefühl, der Reiz, der von der Lektüre ausgeht, habe irgendwo etwas Voyeuristisches. Umso mehr, als diese Aufzeichnungen ja eigentlich gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren; ich bin mir wahrhaftig nicht sicher, ob die Schwester des Verfassers ihrem Bruder mit der Herausgabe dieses Bandes einen guten Dienst erwiesen hat. Man fühlt sich bei der Lektüre doch immer wieder wie ein unbefugter Eindringling in Privaträume. Zeitdokument hin oder her, in erster Linie ist das, was sich zwischen diese Buchdeckel drängt, Anamnesematerial für den Psychotherapeuten. Nur dass es für eine Therapie zu spät ist, da der Patient bereits tot ist. -- In diesem Zusammenhang kann ich nicht verschweigen, dass es mir durchaus fragwürdig erscheint, Klepper als Opfer der Nazidiktatur zu vereinnahmen -- worauf doch im Grunde sein ganzer Nachruhm beruht. Fragwürdig nicht nur deshalb, weil er sich aus seiner ebenso lutherischen wie preußischen Obrigkeitstreue heraus immer wieder bemüht, der Naziherrschaft etwas Gutes abzugewinnen, sondern auch und vor allem, weil sich mir immer wieder der Eindruck aufdrängt: Der Typ hätte sich auch unter anderen politischen Rahmenbedingungen umgebracht.

Festzuhalten ist jedenfalls, dass Kleppers Verhältnis zu Christentum und Kirche sich bei längerer Lektüre als komplexer (und kaputter) erweist, als es zunächst den Anschein hatte. Auf S. 159 schreibt er, dass er seine "eigene Religiosität ablehne"; auf S. 192 gar, dass er sich "vor der Inzucht und der Kontroll-Losigkeit meines religiösen Denkens" fürchte (zu Recht, würde ich behaupten) und darum "'geistlich' wie ausgehungert" sei; und immer wieder ringt er mit sich, ob er in die Kirche gehen soll oder nicht:
"Aber wie mir sonntags die Kirche fehlt, kann ich gar nicht sagen. Doch kann man sich nicht immer der gleichen Enttäuschung aussetzen." (S. 190)  
"Ich bin nicht in die Kirche gegangen, gerade weil es mich so zieht und mir so fehlt; es kommt sonst so, daß ich in jedem Gottesdienst sitze, und das birgt seine großen Gefahren in sich, könnte die Zone des Schwärmertums berühren; darum gehe ich auch nicht zum Abendmahl." (S. 229) 
Auf S. 242 merkt er an: "Ich kann ganz und gar nicht behaupten, daß mir vom Christentum eine Beruhigung herkäme. Dazu sind seine Widersprüche zu quälend." Wiederholt sinniert er auch über "die Todfeinde Ethik und Glaube" (S. 178) und meint beispielsweise:
"Ich habe mich immer am Verantwortungsgefühl gerieben, weil es mir als ein gefährlicher Einbruch der Ethik in den Glauben erschien" (S. 262).  
Gut möglich, dass ich solche Äußerungen Kleppers schlichtweg nicht verstehe und dass das daran liegt, dass ich lutherische Theologie nicht verstehe. Aber wenn das so ist, möchte ich lieber gar nicht erst versuchen, sie zu verstehen; das scheint mir gesünder. Zwischenhinein kommt mir der Gedanke, ob lutherische Theologie womöglich der religiöse Ausdruck von Depression ist. Luthers eigene Biographie könnte durchaus Anhaltspunkte für diese These bieten. Ist aber nicht mein Thema.  

Gut gefallen hat mir allerdings, was Klepper auf S. 197 aus "Luthers Brief an Melanchthon vom 27.6.1530" zitiert:
"Deinen jämmerlichen Sorgen, von denen du, wie du schreibst, verzehrt wirst, bin ich von Herzen feind. Daß sie in deinem Herzen so herrschen, kommt nicht von der Größe der Sache, sondern von der Größe unseres Unglaubens ... Aber laß die Sache groß sein: Groß ist auch der, der sie führt und veranlaßt; denn es ist nicht unsere Sache. Warum quälst du dich so beständig und ohne Ruhe? Ist die Sache falsch, so wollen wir widerrufen. Ist sie wahr, warum machen wir den trotz seiner hohen Verheißungen zum Lügner, der uns befiehlt, unser Herz soll sorglos wie im Schlafe sein? 'Wirf deine Sorge', spricht er, 'auf den Herrn!' 'Der Herr ist nahe allen, die bekümmerten Herzens sind, die ihn anrufen'." 
Dass Klepper auf S. 306 schreibt "Der Katholizismus ist mir manchmal wie eine letzte Vorstufe des Glaubens" - und es offenkundig wohlwollend meint! -, möchte ich am liebsten überhaupt nicht kommentieren; einigermaßen bizarr wirkt es, dass er auf der nächsten Seite bekennt, er habe "zum ersten Male [...] überhaupt mit einem Katholiken" gesprochen (nämlich mit Reinhold Schneider), und anmerkt, dies sei "quälender" gewesen, "als alle Gespräche sonst schon für mich sind." -- Und damit schließe ich meine Klepper-Lektüre dann auch erst mal ab. Ich habe zwar nicht mal ein Drittel des ganzen Bandes geschafft, und irgendwann werde ich mich wohl mal zum Weiterlesen aufraffen, aber nicht mehr in diesem Jahr.

Da das Ende des Kirchenjahres näher rückt und ich im Advent einen besonderen Schwerpunkt auf geistliche Lektüre legen möchte, habe ich mir für die kommenden zwei Wochen nur noch drei Bücher vorgenommen, nämlich die folgenden: 
Eine Biographie über Larry Norman, einen der Pioniere der christlichen Rockmusik. Ha'ick mir jekooft, wa. Als eBook. Ich wollte dieses Buch haben, seit ich via Twitter davon erfahren habe, dass es existiert. Bereits gelesen habe ich das Vorwort, und das macht ausgesprochen neugierig. Thornbury zeichnet Larry Norman als die herausragende Persönlichkeit des "Jesus Movement" der frühen 70er, einer Art christlichen Flügels der Hippie-Bewegung "ohne die Drogen und die freie Liebe" (S. 10f.) und nennt ihn den "Forrest Gump des evangelikalen Christentums" (S. 11); man erfährt, dass Norman als Mitglied der Band People! zusammen mit Künstlern wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, den Grateful Dead, den Byrds und Jefferson Airplane auf Tour ging und dass beispielsweise Frank Black von den Pixies und John Mellencamp ihn als Inspiration und Vorbild benennen (ebd.), und zugleich, dass Norman mit dem religiösen Establishment permanent auf Kriegsfuß stand. Ebenfalls bereits im Vorwort verrät Thornbury, dass frühere Weggefährten des 2008 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Norman diesen als skrupel- und zügellos, verlogen und narzisstisch darstellen; zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen gehört es ebenso, dass er "nicht regelmäßig zur Kirche gegangen sei", wie auch, dass er "ein uneheliches Kind (oder möglicherweise zwei) gezeugt habe, ein autoritärer Kontrollfreak oder schlicht und einfach ein Betrüger gewesen sei" (S. 13). Klingt nach einer schillerenden Persönlichkeit, was? Tendenziell problematischer als die genannten Punkte finde ich es aber ehrlich gesagt, dass Norman, wie Thornbury hervorhebt, schon vor 40 Jahren die Idee eines sozusagen "unkirchlichen" Christseins verfochten hat -- "die Idee, junge Leute könnten Gott nahe sein, ohne auf religiöse Autoritäten zu hören oder treue Kirchgänger zu sein": "In einem seiner Songtexte wandte er sich explizit gegen das Ansinnen, 'nette kleine Kirchen zu bauen', denn die jungen Leute, die Jesus nachfolgten, hätten 'ihre Kirche draußen auf der Straße'" (S. 14). Gewiss muss man hier Normans evangelikalen Hintergrund bedenken: Aus Sicht einer protestantischen Ekklesiologie ist es tatsächlich gar nicht so leicht einzusehen, wozu es überhaupt eine institutionelle Kirche braucht. Das stellt sich aus katholischer Sicht natürlich anders dar. Wie dem auch sei, Thornbury sieht in Norman einen Vorreiter der seither "praktisch zum Klischee gewordenen" Idee, sich als "spirituell, aber nicht religiös" zu definieren, und somit jemanden, auf den sich junge Leute von heute berufen können, die zwar "weder Atheisten noch Materialisten sind, sich aber gleichzeitig auch mit keinem bestehenden religiösen System identifizieren" (ebd.) Das ist in meinen Augen, egal ob Thornbury es so meint oder nicht (wahrscheinlich eher nicht), ein sehr hartes Urteil über den vielleicht größten christlichen Rockstar aller Zeiten. Nun, immerhin lässt das Vorwort erwarten, dass der Autor seinen Protagonisten - bei aller unverkennbaren Sympathie - nicht unkritisch schildern wird; und dann bleibt es ja auch noch dem Leser vorbehalten, sich sein eigenes Urteil zu bilden. 
Aus dem Nachlass von Pfarrer Silvers: Eine Sammlung von 22 Krimi-Geschichten verschiedener Autoren, herausgegeben anlässlich des 15jährigen Jubiläums der Lesereihe "Reinickendorfer Kriminacht". Nun hoffe ich natürlich, der Titel der Sammlung wird insofern wörtlich zu verstehen sein, als die einzelnen "Fälle" ein gerüttelt Maß an Lokalkolorit zu bieten haben. Schauen wir mal. 
Ebenfalls aus dem Nachlass von Pfarrer Silvers. Ich erwähnte dieses Buch bereits im Zusammenhang mit Karl Aloys Altmeyers Dokumentation "Katholische Presse unter NS-Diktatur", da der Verfasser Walter Adolph in den von Altmeyer zusammengestellten und kommentierten Dokumenten des öfteren vorkommt: Er war ab 1932 Chefredakteur der Berliner Bistumszeitung und von 1933-36 Leiter der Fachschaft der katholisch-kirchlichen Presse in der Reichspressekammer. Dieser Hintergrund lässt erwarten, dass seine eigene Darstellung des Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und NS-Regime recht spannend wird -- auch wenn man wie im Falle Altmeyers damit rechnen muss, dass sie nicht ohne Schönfärberei auskommt.


Linktipps:
Ernsthaft jetzt? Die Kirche soll von der Sesamstraße lernen? Russell Moore, ein prominenter Repräsentant der Southern Baptist Convention in den USA, ist sich sehr bewusst, dass die Überschrift dieses Artikels (der übrigens durch das 50jährige Bestehen der Sesamstraße veranlasst wurde) zu Fehldeutungen einlädt, und stellt klar: "Pastoralprogramme nach Art von 'Kitzel-mich-Elmo' haben wir schon mehr als genug." Wenn Dr. Moore mit seiner provokanten Überschrift also nicht meint, die Kirche brauche mehr bunte, flauschige Handpuppen mit großen Nasen, die Buchstabier-Lieder singen -- was meint er dann? Im Wesentlichen dies: Die Sesamstraße, so Moore, habe gerade in ihrer Anfangszeit eine klare gesellschaftsverändernde Agenda gehabt; sie habe diese jedoch nicht in der Form vertreten, dass sie belehrend und/oder moralisierend über sie geredet hätte, sondern indem sie die bessere Gesellschaft, die sie anstrebte, darstellte, als gäbe es sie schon. Das scheint mir ein durchaus profunder Gedanke. 

Maria Zwonull gibt es jetzt auch in Berlin; im Real Life habe ich davon gottlob noch nichts mitbekommen, aber ich bin im Presseverteiler des Erzbistums und erhielt daher bereits am 29. Oktober eine Pressemitteilung, aus der hervorging, das "Aktionsbündnis Maria 2.0 Berlin" - unterstützt vom Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin, den Frauenverbänden kfd und KDFB sowie dem Ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche e.V. - wolle am 3. November um 11.00 Uhr auf dem Bebelplatz - vor der Kathedrale St. Hedwig, die allerdings wegen Umbaus geschlossen ist - "einen Gottesdienst feiern", so nennt man das also heutzutage. "Wieso verbreiten Sie so etwas?", mailte ich unwirsch zurück und erhielt darauf eine formvollendete, lediglich unterschwellig sauertöpfische Antwort vom Pressesprecher des Erzbistums. Ich ging da natürlich nicht hin, ich habe lange genug in einem Gruselkabinett gearbeitet, das genügt mir; aber Marco Gallina war da, und was er von dort berichtet, ist definitiv lesenswert. Ausdenken kann man sich so etwas nämlich nicht. 


Heilige der Woche:

Heute, Montag, 11. November: Hl. Martin 316/17-397), Bischof von Tours. Als Sohn eines heidnischen römischen Beamten in Pannonien (im heutigen Ungarn) geboren, wurde im Alter von 15 Jahren Soldat in Gallien, bekehrte sich während seiner Militärdienstzeit zum Christentum und wurde vom Hl. Hilarius von Poitiers getauft. Nach seinem Ausscheiden aus der Armee wurde er Missionar, lebte zeitweilig als Einsiedler, gründete mehrere Klöster und wurde 372 zum Bischof von Tours geweiht. Einer der populärsten Heiligen des Westens; zum mit seinem Gedenktag verbundenen Brauchtum habe ich mich ja oben bereits geäußert.

Dienstag, 12. November: Hl. Josaphat (1580-1623), Bischof und Märtyrer. Als Sohn russisch-orthodoxer Eltern in Wolhynien in der heutigen Ukraine geboren, trat 1604 in Vilnius (Litauen) in ein griechisch-katholisches Kloster ein, wurde fünf Jahre später zum Priester geweiht und 1618 Erzbischof von Polazk in Weißrussland. Im Zuge von Protesten russisch-orthodoxer Gläubiger gegen die griechisch-katholische Geistlichkeit von einer aufgebrachten Volksmenge erschlagen.

Freitag, 15. November: Hl. Albertus Magnus (ca. 1200-1280), Ordenspriester, Bischof, Kirchenlehrer. Trat 1223 in den Dominikanerorden ein; bedeutender Gelehrter, grundlegend für die Aristoteles-Rezeption des christlichen Mittelalters, zeitweilig Lehrer des Hl. Thomas von Aquin. 1260 zum Bischof von Regensburg ernannt, ein Amt, das er nur widerstrebend annahm und von dem er zwei Jahre später wieder verpflichtet wurde. -- Hl. Leopold (1073-1136), Markgraf von Österreich, Klostergründer. Gründete unter anderem das Chorherrenstift Klosterneuburg, das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz und das Benediktinerkloster Klein-Mariazell im Wienerwald und trug damit bedeutend zur Erschließung des damals noch stark bewaldeten und unzugänglichen Landes bei. Galt 1125 als aussichtsreicher Kandidat für die Königswahl.

Samstag, 16. November: Hl. Margareta von Schottland (ca. 1046/47-1093), Königin, Klostergründerin. Angelsächsische Prinzessin aus dem Königshaus von Wessex, geboren und aufgewachsen in Ungarn, wo ihr Vater und Großvater zeitweilig im Exil lebten. Heiratete 1070 König Malcolm III. von Schottland (der in Shakespeares Tragödie Macbeth vorkommt) und hatte mit ihm acht Kinder. Galt als wohltätige, fromme und beim Volk sehr beliebte Königin; gründete die Benediktinerabtei Dunfermline


Aus dem Stundenbuch: 

Der Herr ist bei mir, ich fürchte mich nicht. * Was können Menschen mir antun? (Psalm 118,6



Samstag, 9. November 2019

Die altgewordene Jugendkirche

"Aufregung um Jugendkirche Effata in Münster" meldete unlängst die Münsteraner Bistumszeitung "Kirche+Leben". Wer sich da genau über was aufregt und warum, habe ich nicht ganz verstanden und geht mir auch nicht besonders nahe - das "Pastoralteam" habe beschlossen, "die sonntäglichen Abend-Gottesdienste" in der Jugendkirche künftig "nicht mehr zu betreuen", stattdessen sollen diese "künftig von einem Team Ehrenamtlicher, das sich über einen festen Kern hinaus erst noch finden muss, gestaltet werden"; ist das denn unbedingt etwas Schlechtes? -, aber was ich dann doch witzig fand, war das etwas verschämt vorgebrachte Eingeständnis, dass es der Jugendkirche nicht (mehr) gelingt, Jugendliche "anzusprechen und sich auf ihre Bedürfnisse einzulassen". "Die Jugendkirche Effata ist erwachsen geworden", heißt es in typisch beschönigender Diktion zu Beginn des Artikels. "Der Ort wird mit den Leuten älter", wird Holger Ungruhe, "seit Anfang 2019 Pfarrer der Jugendkirche", zitiert. Eine "Evaluierung des sonntagabendlichen Gottesdienstes" durch das Zentrum für angewandte Pastoralforschung (zap) der Universität Bochum, die "von Veronika Eufinger und Christina Görsch anhand von vier Interviews und drei Gottesdienstbesuchen erstellt wurde" (auf den ersten Blick habe ich das als "vier Interviews mit drei Gottesdienstbesuchern" gelesen; hätte mich auch nicht besonders gewundert), attestiert den Gottesdiensten in der Jugendkirche zwar, "ein besonderes Erlebnis für eine besondere Zielgruppe" zu sein, aber bei dieser Zielgruppe handelt es sich offenbar eher um sogenannte "jung gebliebene Erwachsene". Irgendwie erinnert mich das an etwas, das Horst Evers mal über "Ü-30-Partys" schrieb: Die Altersangabe "Ü-30" sei "nach oben hin offen, was dazu führt, dass die meisten Gäste dann doch eher so um die 50 sind. Keine Ahnung, wo die 30-Jährigen feiern, hier jedenfalls nicht." Wobei er betont, das sei an sich ja nicht unbedingt schlimm -- 
"im Gegenteil, hätte ich die Wahl zwischen einer Ü-30- und einer Ü-50-Party, würde ich wahrscheinlich die Ü-50-Party wählen. Eine seriöse Ü-50-Party, das würde mir gut gefallen. Aber 50-Jährige, die eine Ü-30-Party feiern, das ist was anderes. Sie wollen feiern wie vor 20, genaugenommen eigentlich 30 Jahren. Und dafür geben sie ihr Letztes." (Horst Evers, "Stuttgarter Nächte", in: ders., "Gefühltes Wissen", S. 79-83, Zitat von S. 79f.) 
"Diese Generation wird noch im Pflegeheim 'Jugendmessen' feiern", prognostizierte Bloggerkollege Dybart Simpson, Experte für pastorale Irrtümer, in einer Facebook-Diskussion über den besagten "Kirche+Leben"-Artikel. "Mit Steinchen und Fellchen zum Mitnehmen. Und den kleinen Leuten von Swabedoo." Eine Einlassung, die mich ohne Ende erheiterte -- und das nicht nur wegen meiner eigenen, weitgehend verschüttet gewesenen Kindheitserinnerungen an die Fellchen-tauschenden Swabedoodahs. Insgesamt deckte sich der ganze Vorgang auffallend mit meiner Beobachtung, dass in Kindergottesdiensten seit mindestens dreißig Jahren immer der gleiche Quatsch gemacht wird und auch die Jugendpastoral inhaltlich wie methodisch tief in den 80er Jahren hängengeblieben ist. 


Allgemeine Schadenfreude also über die ergrauten Ex-Jugendlichen von "Effata"? Nicht ganz. In der Facebook-Diskussion gab es auch andere Stimmen. In dem "Kirche+Leben"-Artikel ist auch die Rede davon, dass die "Effata"-Sonntagabendgottesdienste "den Leuten wichtig geworden" seien, ja dass die altgewordene Jugendkirche "zu einer spirituellen Heimat für eine Gemeinde geworden" sei, "die einerseits aus einem festen Kern und andererseits aus wechselnden Besuchern bestehe". Das, so meinten einige Diskussionsteilnehmer aus meiner Filterblase, dürfe man nicht gering schätzen. Ein Wiener Seminarist merkte an, grundsätzlich sei es kein Wunder, dass  "bei den meisten Jugendkirchen nach einiger Zeit die Luft draußen ist", fügte jedoch hinzu: "Dass diese Art von Gemeinde dann aber 'erwachsen' wird und ihr eigenes Charisma entwickelt, finde ich aber gut und sollte eigentlich gefördert werden." Solche Gemeindeformen seien deshalb so wichtig, weil der Kirche heutzutage "viele Leute deswegen verloren gehen, weil sie die meistens eher mittelmäßige bis grottenschlechte Liturgie in der 08/15-Gemeinde satt haben." -- Okay, das klingt erst mal nach der "conventional wisdom" (post-)moderner Pastoralplaner ("FreshX, PfinXten, Xpand, Kirche², Futur2..."), aber ich sag gleich noch was dazu. Eine Bloggerkollegin, deren eigener Blog seit längerer Zeit inaktiv ist, die aber sowohl hier bei mir als auch woanders gelegentlich Gastbeiträge veröffentlicht und die ich mitsamt ihrer Familie als eine Art "Benedikt-Options"-Außenposten in der ländlichen Diaspora Nordwestdeutschlands zu betrachten gewohnt bin, meinte, der Alterungsprozess der "Effata"-Gemeinde bedeute letztlich doch nur, dass die Leute, die sich als Jugendliche in dieser Gemeinde zusammengefunden haben, "bleiben statt wegzurennen", und das sei doch etwas Gutes. "Da hat sich eine feste Gemeinde gefunden, die miteinander Gottesdienst feiert. Wenn sich eine untereinander verbundene Gemeinde findet, die stabilitas lebt, ist das total BenOp." 

Das gab mir zu denken. Und zwar in der Form, dass ich fand, da sei was dran, aber gleichzeitig den Impuls verspürte, zu widersprechen. Nachdem ich eine Weile darüber nachgedacht habe, bin ich geneigt zu sagen: Ich kann den Argumenten dafür, dass Gemeindeformen wie die hier angesprochene eine gute Sache sein könnten, durchaus etwas abgewinnen, aber ich habe begründete Zweifel daran, dass das tatsächlich eine gute Sache ist. Und da in diesem Zusammenhang das Stichwort #BenOp gefallen ist und ja anscheinend so ziemlich jeder etwas anderes unter dieser Bezeichnung versteht, sehe ich mich auch in einer gewissen Verantwortung, etwas dazu zu sagen. Tatsächlich liegen die Punkte, an denen meine Bedenken ansetzen, gewissermaßen im Bereich der Schnittmenge zwischen den Argumenten meiner beiden Vorredner. 

Zunächst: Dass die "Effata"-Gottesdienste im Evaluationsbericht des Zentrums für angewandte Pastoralforschung als "ein besonderes Erlebnis für eine besondere Zielgruppe" bezeichnet werden, spricht aus meiner Sicht bereits gegen sie, denn das ist nicht das, was ein Gottesdienst sein soll. Ein Gottesdienst ist kein Konsumangebot, kein Unterhaltungsprogramm, es geht nicht um Kundenzufriedenheit, sondern - guess what - darum, Gott die Ehre zu geben. Unabhängig davon, wie die Gottesdienste der "Effata"-Jugendkirche nun konkret aussehen mögen - ich stelle mir da etwas ganz Furchtbares vor, aber ich könnte mich ja irren -, sehe ich bei dem Konzept "besondere Gottesdienste für eine besondere Zielgruppe" grundsätzlich die Gefahr, das das Wesentliche dessen, was ein Gottesdienst ist und sein soll, aus dem Fokus gerät. Das soll natürlich nicht heißen, dass man sich nicht bemühen sollte, Gottesdienste so zu gestalten, dass die Leute gern hingehen. Aber in einer "zielgruppenspezifischen" Ausdifferenzierung der Gottesdienst-"Angebote" sehe ich eine große Gefahr, insbesondere dann, wenn sie dazu führt, dass die unterschiedlichen Zielgruppen jeweils ihre eigenen "Gemeinden" bilden. Wie es hier ja offenbar der Fall gewesen ist. Ich bin ein geradezu fundamentalistischer Gegner der sogenannten "milieusensiblen Pastoral", und zwar deshalb, weil sie die Fragmentierung der Gesellschaft perpetuiert, der die Kirche eigentlich entgegenwirken sollte. 

Wie es sich fügt, habe ich jüngst in dem Buch "The Grace of Enough" von Haley Stewart einige Passagen entdeckt, die sehr gut illustrieren, was ich damit meine, und die ich daher hier mal ad hoc übersetze (in der Hoffnung, dass sich das auszahlt, falls es mir gelingt, einen Übersetzungsauftrag für das ganze Buch an Land zu ziehen, Zwinkersmiley): 
"Ich fühlte mich plötzlich an eine Äußerung von Rob Bell - dem früheren Megachurch-Pastor und spätere Talkshow-Moderator - erinnert, die ich in den Nachrichten gehört hatte und in der es darum ging, warum er und seine Frau nicht mehr in die Kirche gehen: 'Wir haben eine kleine Schar von Freunden, eine Gruppe, die mit uns auf der Reise ist. Dazu braucht es kein Gebäude. Wir sind die ganze Zeit Kirche, es ist für uns eher ein Tuwort.'  
Eine kleine Schar von Freunden. Dabei muss ich an die Hauptcharaktere dee Sitcom How I Met Your Mother denken: lauter Twentysomethings, die allesamt beste Kumpels sind und in ihrer Lieblingsbar,  MacLaren’s Pub, abhängen. [...] Sie sind in derselben Lebenssituation. Sie sind alle weiß und aus der Mittelschicht. Sie waren alle auf dem College. Das ist 'eine kleine Schar von Freunden'.  
Ich habe tolle Freunde. Mit ihnen befreundet zu sein ist ein Geschenk Gottes. Aber mit meinen Freunden abzuhängen, während wir gemeinsam durchs Leben gehen, wäre ein armseliger Ersatz für die Kirche. Die Kirche ist nicht der Ort, an dem man mit seinen besten Kumpels abhängt. Die Kirche ist der Ort, an dem wir trotz unserer Unterschiede und Gegensätze miteinander verbunden werden durch etwas, das über uns selbst hinaus weist: durch Christus.  
Was habe ich mit dem Obdachlosen zu schaffen, der zur Messe kommt? Der ungewaschene Klamotten trägt, Selbstgespräche führt und, nachdem er die Kommunion empfangen hat, wild herumgestikuliert, als wollte er die Gemeindemitglieder in seiner Umgebung segnen? Was in aller Welt haben wir miteinander zu tun?  
Was habe ich gemeinsam mit der alten Frau, deren Rollator sich quietschend über den Kirchenfußboden bewegt? Mit dem afrikanischen Immigranten, der jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit in die Anbetungskapelle kommt, um zu beten? Mit der Frau mittleren Alters, die während der Werktagsmesse hin und her schwankt und leise mit sich selbst spricht? Mit dem Arzt von den Philippinen, der Familie mit den zehn Kindern, den Collegestudenten, die sich in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag in der Kapelle versammeln und singen? Dem jungen Paar, das unter seiner Kinderlosigkeit leidet, dem alleinstehenden Mann um die Vierzig? Möglicherweise gar nichts. Vielleicht haben wir nichts miteinander gemeinsam bis auf eines -- das einzige, worauf es ankommt." (S. 101) 
An dieser Stelle unterbreche ich mal, um anzumerken, dass diese Aufzählung sehr schön beschreibt, was ich beispielsweise an St. Clemens in Berlin-Kreuzberg so mag. Die Gemeinde, die dort zur Messe geht, hat sich auch irgendwie "gefunden", sie ist auch irgendwie speziell, aber nicht in dem Sinne, dass man sie nach gängigen soziologischen Kategorien einer bestimmten "Zielgruppe" zuordnen könnte -- eher im Gegenteil: Diese Gemeinde zeichnet sich gerade durch ihre Diversität aus, in Hinblick auf Alter, ethnische Herkunft und Einkommensklasse, und ein signifikanter Anteil der Leute, die da zur Messe gehen, ist dezidiert sonderbar -- zum Teil durchaus auch im Sinne von "allem Anschein nach nicht ganz dicht". Und? Ich finde das gut. Sorgen muss man sich eher machen, wenn es solche Leute in einer Kirchengemeinde nicht gibt. Denn diese Leute gehören genauso - mindestens genauso - zum Leib Christi wie unsere Kolping-Ortsvorsitzende, unser Kirchenvorstand oder meine Liebste und ich. Okay, zurück zu Haley: 
"Die Kirche ist keine kleine Schar von Leuten, die so sind wie ich. Zu ihr gehören der Immigrant, der Rechtsanwalt, der Industriearbeiter, die alleinerziehende Mutter. Sie ist voll von Leuten, mit denen ich nichts gemeinsam habe. Einige von diesen Leuten mag ich nicht mal, und einige mögen bestimmt mich nicht. Wir fühlen uns nicht unbedingt wohl miteinander. Und doch sind wir Eins -- nicht getrennt nach Ethnie, sozioökonomischem Status oder Bildungsstand und ganz bestimmt nicht unterteilt in 'Cliquen'. Von ihrer Gründung an war die Kirche genau darin revolutionär: dass sie eine Einheit bildete. Sklaven und Freie, Juden und Heiden, Arme und Reiche kamen in den Katakomben zusammen und aßen vom selben Tisch, gesegnet durch das Blut der Märtyrer." (S. 103) 
In diesem Zusammenhang könnte man übrigens die (womöglich nicht einmal besonders originelle) These wagen, das Problem unserer "normalen" Gottesdienste sei nicht etwa, dass sie zu wenig zielgruppenorientiert sind, sondern dass sie es zu sehr sind: zugeschnitten auf den Geschmack und die Erwartungshaltung eines bestimmten Milieus, das das Erscheinungsbild unserer Kirchengemeinden so sehr prägt, dass Leute, die anders sind, von vornherein gar nicht auf die Idee kommen, dazugehören zu können oder auch nur zu wollen. Die Antwort der "milieusensiblen Pastoral" auf dieses Problem besteht darin, diesen "Anderen" ihre jeweils eigenen kleinen "Kirchen" zu bauen, aber ich sagte ja bereits, dass ich das für den falschen Weg halte. Die menschliche Neigung, bevorzugt da hinzugehen, wo die Leute so ähnlich sind wie man selber, ist dennoch ein Faktor, mit dem man rechnen muss. Hören wir dazu nochmals Haley Stewart: 
"Es ist ganz natürlich, dass es uns zu Leuten hinzieht, die uns ähnlich sind: Leute, mit denen wir klarkommen, die uns mögen und die wir verstehen; Leute, mit denen wir uns einig sind und mit denen wir uns wohl fühlen. Aber wenn ich als Katholikin eines gelernt habe, dann, dass der Glaube uns dazu zwingt, unsere Komfortzonen zu verlassen." (S. 100)
Keine Frage: Will die Kirche missionarisch sein, dann wird sie nicht ganz darum herumkommen, dem Prinzip "Gleich und gleich gesellt sich gern" Rechnung zu tragen; das heißt, sie braucht durchaus einen gewissen Anteil an "zielgruppenorientierten Angeboten". Zugleich muss sie aber auch ein Gegengewicht dazu bieten. Ich will das mal an einem selbst erlebten Beispiel erläutern. Bis zur Geburt unserer Tochter waren meine Liebste und ich ziemlich regelmäßige Teilnehmer im "Kreis junger Erwachsener" einer Pfarrei, auf deren Gebiet wir gar nicht (mehr) wohnten; üblicherweise wurde dieser Kreis vom Kaplan geleitet, aber alle soundsoviel Monate schaute der Pfarrer - ein alter Haudegen mit jahrzehntelanger DDR-Erfahrung - mal persönlich nach dem Rechten. Bei einer solchen Gelegenheit wies er auf die bevorstehende Faschingsfeier der Gemeinde hin (Fasching ist bei DDR-Katholiken irgendwie ein großes Ding, ich weiß auch nicht) und meinte, der "Kreis junger Erwachsener" solle sich mal überlegen, wie er sich an dieser Veranstaltung beteiligen könne und wolle. Da es aber recht offensichtlich war, dass das eher eine Veranstaltung für die Senioren der Gemeinde werden würde, zeigte von den anwesenden Jungen Erwachsenen niemand besonderes Interesse -- und da wurde der vom Naturell her eigentlich sehr joviale Pfarrer streng. Ein Gemeindekreis, der nur für sich selbst da sei und nicht bereit sei, über die eigenen Gruppenaktivitäten hinaus etwas zum Gemeindeleben beizutragen, müsse aufgelöst werden, meinte er. Das war hart, und für einige der Anwesenden erkennbar zu hart, aber im Prinzip fand ich, dass er Recht hatte. "Kreise und Gruppen" innerhalb einer Kirchengemeinde, die ihr jeweiliges Zielpublikum nach Alter, Geschlecht oder sonstigen soziologischen Kategorien sortieren, können eine gute und sinnvolle Sache sein -- aber ihr Ziel muss es sein, ihre jeweiligen Zielgruppen in die Gemeinde hineinzubringen, und nicht, sie von ihr abzuspalten.



Dienstag, 5. November 2019

Gas, Wasser, Apostolat: Eine #BenOp-Vision

Kürzlich bekam ich auf Facebook eine Art Hilferuf eines alten Bekannten aus meiner wilden Kneipenapostolats-Zeit zu Gesicht, der eine Bar in Prenzlauer Berg betreibt. (Ich verlinke die Bar jetzt mal nicht, weil es für den Fortgang dieser Erzählung unerheblich ist, um welche es sich handelt.) Er habe gerade eine Art Notfall, teilte mein Bekannter seinen Facebook-Freunden mit: In seiner Bar seien alle Toiletten verstopft, er müsse das Lokal schließen, bis das Problem behoben sei, folglich brauche er jetzt dringend einen guten Klempner.

Symbolbild, Quelle: Carol M. Highsmith’s America, Library of Congress collection, via Flickr 
Mein erster Impuls war es, zu bedauern, dass ich ihm nicht helfen konnte. Schließlich hatte er mir auch schon mal geholfen, in einer sehr brenzligen Situation, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Kurz und gut, ich phantasierte ein wenig darüber, wie es wäre, einen Klempner gut genug zu kennen - oder, präziser gesagt: mit einem Klempner gut genug befreundet zu sein -, dass ich zu diesem sagen könnte: Kümmer dich doch bitte darum, möglichst sofort.

Der nächste Gedanke stellte sich wie von selbst ein: In einer gut aufgestellten #BenOp-Community muss es unbedingt einen Klempner geben. 

Klar, einen Elektriker möglichst auch, und idealerweise sollten noch ein paar weitere Handwerksberufe vertreten sein. Unter dem Aspekt der Selbstversorgung der Community heißt es natürlich "Je mehr handwerkliches Know-How, desto besser", und während man sich so allerlei nützliche Fertigkeiten für Haus und Garten wohl mit Hilfe von Do-It-Yourself-Ratgeber-Literatur oder sogar YouTube-Tutorials selbst beibringen kann, sollte man mindestens für Elektrik und den Bereich Gas/Wasser/Heizung jemanden haben, der dafür professionell ausgebildet ist. Das ist eine Lehre, die ich vom Hausbesetzer-Lehrgang mitgenommen habe, aber im Grunde kann man sich das ja auch so denken. Hier und jetzt will ich aber gerade gar nicht auf den Selbstversorgungs-Aspekt hinaus. Sondern auf das missionarische Potential von Klempnerarbeiten.

Man stelle sich mal eine Situation wie die oben beschriebene vor: Eine Bar hat einen akuten Toiletten-Notfall, und ding-dong steht der #BenOp-Klempner vor der Tür wie ein rettender Engel. Er behebt das Problem schnell, kompetent und unschlagbar preisgünstig, und anschließend setzt er sich in der Bar, deren Existenz er soeben gerettet hat, an die Theke und lässt sich vom Wirt ein Bier ausgeben. Man unterhält sich, und dabei erzählt der Klempner natürlich von seiner Community. Vielleicht lädt er den Wirt zum nächsten Community Dinner ein, zumindest lässt er ein paar Flyer da. Und schon hat man einen sprichwörtlichen Fuß in der Tür der angesagten Kneipenszene. Gelingt es, beim Wirt - dem man immerhin aus einer üblen Patsche geholfen hat - ein wohlwollendes Interesse für die Aktivitäten der Community zu wecken, kann man in Zukunft vielleicht regelmäßig in der Bar für Veranstaltungen werben und/oder bestimmte Veranstaltungen sogar direkt dorthin verlegen. Und wenn die Community ihr eigenes Craft Beer produziert (und das sollte sie!), könnte man beispielsweise mal ein Tap Takeover veranstalten. Oder so.

Es gibt so viele Möglichkeiten. Man muss nur erst mal einen Anfang schaffen. 


Montag, 4. November 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (31. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Die Montags-Krabbelgruppe, die eigentlich zum dritten Mal in Folge im katholischen statt im evangelischen Gemeindehaus hätte stattfinden sollen, fiel diesmal aus, weil sämtliche Kinder krank waren -- außer unserem, wie ich dankbar hinzufügen darf. Dafür meldete sich aber die Liebste nach gut der Hälfte ihres Arbeitstages krank, wegen Kopfschmerzen und Übelkeit.  Am nächsten Morgen ging es ihr schon etwas besser, aber krankgeschrieben wurde sie trotzdem. Am Mittwochabend fand in unserer Pfarrkirche die letzte Rosenkranzandacht dieses Oktobers statt, geleitet von unserem nigerianischen Pfarrvikar und kombiniert mit Eucharistischer Anbetung. Spontan und unvorbereitet wurde ich dazu ausersehen, dem Vikar zum Eucharistischen Segen das Pluviale umzulegen, und meine Liebste, die immerhin mal Domministrantin war, kümmerte sich um den Weihrauch. Sehr schön! Den Vorabend des Hochfests Allerheiligen feierten wir in St. Clemens. Die auf das Thema "geistliche Kriegsführung" zugespitzte Predigt war mir persönlich zwar etwas zu krass, und auch sonst ist St. Clemens, wie ich wohl schon mal angedeutet habe, in mancher Hinsicht etwas "eigen", aber wenn man dann wieder in die alltägliche Ödnis "normaler", "volkskirchlicher" Gemeinden zurückkehrt, weiß man diese Eigenheiten wieder zu schätzen. -- Am Freitag hatte meine Schwiegermutter Geburtstag, weshalb wir von ihr zum Mittagessen eingeladen wurden; am Abend wollten wir eigentlich zum Patronatsfest der Allerheiligenkirche in Borsigwalde, aber kurz bevor es Zeit zum Aufbruch war, war das Kind gerade eingeschlafen, und die Liebste wollte sich auch lieber hinlegen, also ging ich alleine los. Den Samstag verbrachten wir ganz unspektakulär und gemütlich; über die Sonntagsmesse bei uns in der Pfarrkirche gab es erfreulich wenig zu meckern, und am Abend testeten wir ein Lokal in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, in dem wir zuvor noch nie gewesen waren, der aber das Potential zum Hipster-Hotspot im ansonsten ja oft eher biederen Tegel hat. Vom Mobiliar, den Lampen und vor allem den Tapeten her könnte man fast denken, man wäre im Gebetshaus Augsburg. Und das Essen war sensationell!


Was ansteht: Heute lasse ich mal die Krabbelgruppe ausfallen, da ich heute Vormittag zu Hause bleiben muss, um die Klempner reinzulassen, die die Gastherme warten wollen. Am Mittwoch ist "Dinner mit Gott"; da wird sich zeigen, ob unsere jüngste Werbeoffensive schon Früchte getragen hat. Darüber hinaus findet in dieser Woche, wie ich nur aus einer eher zufällig bei Edeka mitgenommenen Gratis-Stadtteilzeitung erfahren habe, das Reinickendorfer Literaturfestival "Sag', Auguste" statt; theoretisch wäre das vielleicht eine Gelegenheit, für die derzeit etwas schwächelnde "Büchertreff"-Veranstaltungsreihe und/oder allgemein für unser Pfarrbücherei-Projekt die Werbetrommel zu rühren, aber ich bin mir gerade nicht ganz sicher, wie genau ich das anstellen könnte oder sollte. Ansonsten könnte man natürlich am Donnerstag mal wieder zur Community Networking Night im Baumhaus gehen, schauen wir mal. Am Samstag ist Weihetag der Lateranbasilika, aber der wird hier vor Ort anscheinend nicht besonders gefeiert; und am Sonntag hat die Kolping-Ortsgruppe wieder ihren monatlichen "Sonntagstreff", da sollte man sich wohl auch mal wieder sehen lassen. 


aktuelle Lektüre: Schnell hat sich abgezeichnet, dass die aktuelle Runde meiner Lektürerotation der vorherigen nicht das Wasser reichen kann. Manfred Scheuers "Selig die keine Gewalt anwenden" hat mich buchstäblich von der ersten Seite an derart genervt, dass ich die Lektüre am liebsten gleich wieder abgebrochen hätte. Habe trotzdem ungefähr bis zur Mitte des Buches durchgehalten, und bis hierher würde ich sagen, man kann in diesem Buch drei Ebenen unterscheiden -- nennen wir sie mal die apologetische, die homiletische und die feuilletonistische. Auf der ersten geht es darum, dem Leser die von Kategorien wie Gottesfurcht und Gehorsam bestimmte Frömmigkeit Jägerstätters, die ihn letztlich zum Martyrium befähigt hat, nachvollziehbar zu machen; dabei wird, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, vorausgesetzt, dass dem heutigen "Normalkatholiken" ein Glaubensverständnis wie dasjenige Jägerstätters fremd sein müsse. Kritiker einer Seligsprechung Jägerstätters, so heißt es etwa auf S. 12, befürchteten "die Verherrlichung einer erzkonservativen, aus heutiger Sicht verschrobenen Religiosität"; und auf S. 14 heißt es: "Demokratisch geschulten Menschen könne der von Gottesfurcht und Sündenangst geprägte Mann nicht als Ideal hingestellt werden, so räumen denn auch Bewunderer Jägerstätters bisweilen fast entschuldigend ein." Was ist mit diesen Leuten kaputt? Scheuer "bei der Beurteilung einer heute fremd anmutenden Glaubenssprache zu bedenken, dass sich ein Glaube, der keine Inhalte, kein Bekenntnis, keine sprachliche Auslegung kennt, in der Beliebigkeit verläuft und damit auch jede kritische, öffentliche und politische Relevanz verliert" (S. 15); gut und schön, aber zu wem glaubt Scheuer hier eigentlich zu sprechen, wenn er einen konturlosen Wischiwaschi-Glauben als den Normalfall voraussetzt? Ist es da überhaupt noch sinnvoll und angemessen, von Glauben zu sprechen? 

Auf der zweiten Ebene geht es darum, aus Franz Jägerstätters Leben, Glauben und Sterben eine Nutzanwendung für heute zu ziehen. Dabei soll aber natürlich keinesfalls der Eindruck entstehen, in unserer besten aller Welten, in unseren toleranten, pluralistischen, demokratischen Zeiten könne es einem Christen abverlangt werden, wie Jägerstätter mit seinem Leben für seinen Glauben einstehen zu müssen; also muss der "Zeugnis"-Begriff, damit auch der laue Mainstream-Christ von heute ihn auf sich selbst anwenden kann, mit Hilfe handelsüblichen Pastoralsprechs aufgeweicht und verwässert werden, bis der Rasierpinsel ins Klo fällt. Schon in der nur zwei Seiten langen "Biografischen Hinführung" (S. 9f.) "erlebt sich" und "erfährt sich" Franz Jägerstätter wiederholt als irgendwas, und man wartet vergeblich darauf, dass die Neue Innerlichkeit aus den 70er Jahren anruft und ihr grässliches Deutsch zurückverlangt, ihre aufmerksamkeitsheischenden Bindestrich-konstruktionen und pompösen Substantivierungen. Zuweilen vergreift sich Scheuer aber auch auf unfreiwillig komisch anmutende Weise im Ton, etwa wenn er meint, dass "Unterscheidung der Geister [...] auf den Schwanz von Entwicklungen" schaut (S. 60) -- na na, Exzellenz, auf einmal so vulgär?

Wenn ich die dritte Ebene "feuilletonistisch" nenne, dann meine ich damit einen Schreibstil, den ich vor Jahren in meiner Rezension von Rüdiger Schapers Karl-May-Biographie wie folgt beschrieb: 
"Blättert man heute in den Feuilletons namhafter deutscher Zeitungen, so hat man den Eindruck, dort wird unter 'Stil' die Technik verstanden, nur mäßig originelle oder tiefgründige Aussagen mit Hilfe von überflüssigen Imponierwörtern aus dem Lateinischen oder Französischen (vice versa, avant la lettre, ad libitum, comme il faut, nolens volens), lahmen Wortspielen, verfremdeten Zitaten, völlig kontextferner Bildungsprotzerei und genialisch-elliptischem Satzbau so weit aufzublasen, dass der Leser darüber die Dürftigkeit des Inhalts aus den Augen verliert." 
Bei Bischof Scheuer ist vor allem die kontextferne Bildungsprotzerei stark ausgeprägt, besonders gern in Verbindung mit namedropping. So zitiert er seitenweise Albert Camus' "Mythos des Sisyphos", Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft", Kafka, Habermas -- und selbst wenn die Zitate an sich ganz interessant sind, wie etwa eines von Johann Baptist Metz zum Stichwort "Religion als kompensatorischer Freizeitmythos" (S. 58), ist ein Bezug zu Jägerstätter nur mit sehr viel gutem Willen zu erkennen. An einer Stelle sagt Scheuer über ein Gedicht Jägerstätters, es  habe "indirekt die Struktur der klassischen Postulatenlehre Kants" (S.59). I mean, really, Patrick. 

Insgesamt wirkt Bischof Scheuer wie jemand, der viel redet, um zu verbergen, dass er nichts zu sagen hat. Das scheint heutzutage die perfekte Voraussetzung zu sein, um in der Hierarchie der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum Karriere zu machen.  Auf S. 61 zitiert Scheuer die Worte des Propheten Ezechiel an die "törichten Propheten, die nur ihrem eigenen Geist folgen" (Ez 13); es wirkt frustrierend, dass offenbar weder er noch sonst ein heutiger Bischof auf die Idee kommt, diese Worte mal versuchsweise auf sich selbst zu beziehen.

Das Interessanteste, ja nahezu das einzig Interessante an Bischof Scheuers Jägerstätter-Buch sind die Zitate aus den "Gefängnisbriefen und Aufzeichnungen" Jägerstätters, herausgegeben von Erna Putz; vielleicht sollte ich mir diese Edition antiquarisch besorgen, dann könnte man Scheuers Buch getrost in der Pfeife rauchen.

Mein erster Eindruck von Sven Regeners "Herr Lehmann" war von einer gewissen Ratlosigkeit geprägt: Was, bitte, soll an diesem Buch so toll sein? Das erste Kapitel, "Der Hund", fand ich eigentlich nur anstrengend und frustrierend, das zweite, "Mutter", dann zwar schon erheblich besser, vor allem die Dialoge; aber...: ein Spiegel-Bestseller? Sogar von Reich-Ranicki gelobt? Wieso? Was hebt diesen Roman aus der Masse der in Berlin tagtäglich fabrizierten Lesebühnentexte heraus -- einem Genre, zu dem ich selbst ja auch ein bisschen was beigetragen habe? Was entgeht mir, was übersehe ich, das diesen Roman zu etwas Besonderem macht? -- Kurz nach Beginn des dritten Kapitels, "Frühstück", hatte mich der Roman dann aber doch gepackt, stilistisch wie auch inhaltlich; was wohl zum Teil auch mit der nicht ganz schamfreien Erkenntnis zu tun hat, dass ich zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig einen nicht ganz unerheblichen Teil meiner Lebenszeit durchaus ähnlich verbracht habe wie der Herr Lehmann. Und dann hat der Herr Lehmann in der Frühstückskneipe, in der er Mittag essen will, ein Streitgespräch mit der Köchin und verliebt sich in sie, und spätestens da verliebte ich mich dann auch, nämlich in das Buch. Hier mal ein paar schöne Zitate:
"Für uns war das Spielen mit Kuhfladen wenigstens eine Abwechslung, nicht wie bei euch in Achim." (S. 51)  
"Ist mir schon aufgefallen, daß da einige ganz stolz drauf sind, wie lange sie schon in Berlin wohnen. Ist ja auch eine ganz tolle Leistung, hier zu wohnen. Tun ja bloß zwei Millionen Leute, hier wohnen. Ganz große Sache. Supertoll." (S. 53)  
"Ich rede gar nicht mit ihr, dachte Herr Lehmann bedauernd, eigentlich rede ich mit dem Rest der Welt, und sie bekommt es ab." (S. 57) 
Hinsichtlich der Tauglichkeit dieses Romans für eine Pfarrbücherei habe ich allerdings gewisse Bedenken wegen der Thematisierung von Sex und Drogen; wohlgemerkt nicht wegen der absolut legitimerweise erwartbare Tatsache, dass Sex und Drogen thematisiert werden, sondern wegen der Art und Weise, wie sie thematisiert werden. Na, mal sehen, wie sich das noch so entwickelt. Sehr hübsch finde ich allerdings, und zwar gerade in diesem Zusammenhang, die Schilderung eines heftigen Regengusses, der, wie es heißt, den Anschein erweckt, "als wollte der liebe Gott Kreuzberg für immer reinwaschen" (S. 92).

"Leben oder gelebt werden" von Walter Kohl gefiel mir anfangs besser als erwartet; nicht zuletzt, weil ich feststellte, dass ich mich mit Teilen der autobiographischen Schilderungen des Autors über seine Kindheit und Schulzeit überraschend gut identifizieren kann. Natürlich hatte ich, anders als Walter Kohl, keinen so prominenten Vater, dass man hätte befürchten müssen, die RAF würde mich entführen wollen; aber im Maßstab des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, war mein Vater - und später auch mein Bruder - durchaus in gewissem Maße prominent und hatte auch Feinde, und das hatte auch Auswirkungen auf mich, die ich als Kind nicht ganz verstand und denen ich hilflos ausgeliefert war. 

Leider muss ich allerdings sagen, dass mir die Mischung aus Autobiographie und Lebenshilfe-Ratgeber mit fortschreitender Lektüre zunehmend unausgegoren und platt erscheint. Die Reflexionspassagen - die "Moral von der Geschicht'" gewissermaßen, - pendeln zwischen allzu dick aufgetragener Küchenpsychologie und esoterisch angehauchter Kalenderspruchweisheit, sprachlich wirkt das Buch oft unbeholfen und steckt voller klischeehafter Phrasen. Das alles verdichtet sich zu dem Eindruck, dass Walter Kohl ein eher simpel gestrickter Charakter ist, wenn auch nicht unsympathisch. -- Dann allerdings stieß ich auf diese Passage:
"Ich ging für mehrere Wochen ins Kloster, als Gast der Benediktinerabtei Maria Laach. Dort erlebte ich die Ruhe des ewig gleichen Tagesablaufes der Mönche, ich arbeitete im Garten mit, ich befreundete mich mit einigen von ihnen [...]. Ich betete viel. Ich saß einfach da und 'war'. Ich fand meine Verbindung zu Gott wieder. Ich erlebte das starke Band einer Gemeinschaft, die nicht durch zufällige Interessen, sondern durch geistige Werte zusammengehalten wird. Nicht zuletzt entdeckte ich die außergewöhnliche, Beispiel gebende Persönlichkeit des Heiligen Benedikt. Hier lernte ich seine Lebensgeschichte und seine Mönchsregel kennen. Diese Spiritualität beeindruckte mich tief und begleitet mich noch heute.  
Ich überlegte zunächst sogar, ob ich Mönch werden sollte. Es wurde nichts daraus, aber immer wieder habe ich seither Zeiten der Besinnung in Benediktinerklöstern verbracht." (S. 96) 
Okay, pro forma wäre damit eine Begründung für ein Mindestmaß an #BenOp-Relevanz gegeben; aber wenn es bei dieser anekdotischen und eher oberflächlichen Erwähnung benediktinischer Spiritualität bleibt, dann wird das nicht reichen. Man beachte auch den Klappentext, in dem es heißt: "Als [...] überzeugter Christ findet er seine Vorbilder und Inspirationen in unserem kulturellen Erbe." Wenn ich so etwas lese, kriege ich Ausschlag. Immerhin interessant ist aber die Begriffsschöpfung "überzeugter Christ" im Unterschied (fast schon Gegensatz) zum "gläubigen Christen". Auf S. 123 schreibt Kohl: "Es war mir ein Bedürfnis, zum Speyerer Dom zu fahren. Dort befindet sich einer meiner wichtigsten Kraftplätze." Noch Fragen? 

Was "The Beach" von Alex Garland betrifft, könnte man ja denken, so hohe Erwartungen, wie ich sie an dieses Buch geknüpft habe, müssten zwangsläufig enttäuscht werden, aber ich habe das Buch jetzt etwa zur Hälfte durch und bin ganz und gar nicht enttäuscht. Zunächst mal ist es eine Abenteuergeschichte -- und welches war noch gleich die Mutter aller Abenteuergeschichten? Richtig: Abrahams Aufbruch ins Gelobte Land, und wenn jetzt jemand einwenden will "Na, meinste nich', dass die Odyssee noch älter ist?", dann sage ich: nö. Aber jedenfalls: Auf eine Suche nach einer Art Gelobtem Land begibt sich der Protagonist von The Beach im ersten Viertel des Romans ja ebenfalls, wenngleich er eigentlich da schon ahnen könnte, dass irgendwo in diesem vermeintlichen Paradies der Wurm drin sein muss, denn warum hätte sein Bettnachbar in der Absteige in Bangkok, von dem er die handgemalte Landkarte erhalten hat, sich sonst umgebracht? -- Die Suche nach dem sagenumwobenen Traumstrand ist spannend, aber noch spannender wird es, als der Protagonist und seine Begleiter dort angekommen sind. Es erscheint mir übrigens durchaus bezeichnend, dass ab diesem Zeitpunkt die religiösen Anspielungen im Text stark zunehmen. Auf S. 99f. wird ironisch Psalm 23 zitiert; bei seinem ersten Gespräch mit Sal, der Leiterin der Strandkommune, fühlt der Protagonist sich "wie im Beichtstuhl" (S. 107). Als Sal ihm die Zielsetzung der Strandkommune mit den Worten erklärt "Wir versuchen einen Ort zu schaffen, der sich nicht in einen Ferienstrand verwandeln wird" (S. 109), ist er zunächst enttäuscht: "Ich glaube, was ich erwartet hatte, war... eine Ideologie oder so. Etwas Sinnstiftendes" (S. 110). Der Gameboy-Junkie Keaty zitiert die Bibel und erklärt dem verblüfften Protagonisten "Ich bin jeden Sonntag zur Kirche gegangen, bis ich fünfzehn war" (S. 150f.); und Bugs, dem Zimmermann (!) der Kommune, wird nachgesagt, er halte sich "für Christus" (S. 201). -- Die Art und Weise, wie die Arbeit in der Strandkommune organisiert wird, wirkt auf mich in gewisser Weise benediktinisch:
"Es gab vier Arbeitsbereiche: Fischen, Gemüse anbauen, in der Küche oder in der Tischlerei mit anpacken. [...] Das Problem war, wenn man einmal einen Job hatte, war es ziemlich schwer zu wechseln. Nicht, daß es da Vorschriften gegeben hätte, aber alle arbeiteten in Gruppen, und wenn man die Arbeit wechseln wollte, mußte man eine Gruppe verlassen und in eine andere einbrechen." (S. 130)
Noch eine Randbemerkung: Je deutlicher es sich abzeichnet, dass in der Kommune der Strandhippies längst nicht alles so paradiesisch ist, wie es nach außen hin scheinen soll, desto mehr fühle ich mich an ein Buch erinnert, das ich vor Jahren mal in einem Second-Hand-Buchladen ("Antiquariat" klingt immer so hochtrabend) aufgerissen habe: "Alles total groovy hier" von Jörg Juretzka. Habe ich damals einmal gelesen und dann verschenkt, aber jetzt hätte ich es gern wieder. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Juretzka von "The Beach" beeinflusst war, teilweise trägt sein Buch auch parodistische Züge, in jedem Fall wäre es aber eine interessante Ergänzung zum Thema "desillusionierende Perspektiven auf den Utopismus von Aussteiger-Kommunen". 

Die Lektüre von Jochen Kleppers "Unter dem Schatten Deiner Flügel" wollte ich, nachdem ich in zwei Tagen nur 45 Seiten geschafft hatte, schon abbrechen, in dem Bewusstsein, dass ich in dem Tempo ja nie mit dem Buch fertig werde; aber dann stellte ich fest, dass ich doch erheblich mehr Lust hatte, Klepper weiterzulesen, als mich wieder Scheuer zuwenden zu müssen, also las ich weiter und bin inzwischen immerhin auf S. 138. Was natürlich immer noch viel zu wenig ist, um das Buch innerhalb einigermaßen absehbarer Zeit durchzukriegen.

Was diesen Wälzer zu einer so zähen Lektüre macht, ist neben seiner schieren Masse auch der Umstand, dass Klepper mir zutiefst unsympathisch ist. Schon allein vom Foto her. Und dann eröffnet er sein Tagebuch mit einer ausgiebigen Schilderung davon, wie er die neue Wohnung in Berlin-Südende einrichtet, komplett mit Gummibaum, und man fragt sich, ob es sein kann, dass die Synthese von Preußentum und Luthertum, die sein Freund und Vorwort-Autor Reinhold Schneider bei Klepper zu erkennen meinte, in Wirklichkeit nur das vollendete Spießertum ist. Okay, das ist sicherlich unfair. Noch nerviger als Kleppers Hang zur Spießigkeit sind aber seine gelegentlichen Anwandlungen extremer Egomanie. In seinen frühen Tagebuchaufzeichnungen wirkt er zuweilen völlig besoffen von dem Gefühl seiner Größe, seiner Berufung zum Dichter -- und gleich darauf umso deprimierter darüber, dass er in der Welt nichts auf die Reihe kriegt.

Und auch seine Religiosität scheint mir in hohem Maße ego-zentriert. Gewiss kann man Kleppers Tagebuch als dokumentarische Quelle für das Alltagsleben in der Zeit des Nationalsozialismus lesen, aber mich persönlich interessiert es noch weit mehr als Dokument dafür, wie protestantische Theologie in den Atheismus führt. Dabei war Klepper selbst natürlich durchaus kein Atheist, im Gegenteil, er glaubte geradezu leidenschaftlich an Gott -- aber eben an einen individuellen, nur für ihn persönlich zuständigen Gott, der mit dem Gott des Christentums nur oberflächliche Ähnlichkeit hat. Als evangelischer Theologe ist er damit natürlich sehr "fortschrittlich", aber seine Etikettierung als "christlicher Dichter" erscheint mir ausgesprochen fragwürdig. Zwar zeigen seine Verweise auf die Bibel (und auf Luther), dass Klepper sich den Gott, an den er glaubt, als identisch mit dem christlichen Gott vorstellt, aber konkrete Inhalte der christlichen Glaubenslehre scheinen für ihn überhaupt keine Rolle zu spielen. Das fängt schon an mit der heilsgeschichtlichen Rolle der Person Jesu Christi: interessiert ihn schlichtweg nicht. ""Immer schreibe ich von Gott. Nie von Christus", stellt er selbst fest (S. 88). Eine nennenswerte Glaubenspraxis hat Klepper schon gar nicht: "Ich bete nicht", bekennt er auf S. 44 u.ö.; "Wie seltsam ist es aber, daß ich noch nie das Vaterunser beten konnte" (S. 35); und dann wieder: "Gewiß, ich fliehe in jedem meiner seltenen, sehr seltenen Gebete, sage wieder und wieder: Es war kein Gebet. Gott war es nicht. Ich war es. Es gilt nicht." (S. 45). In die Kirche geht er am Heiligabend -- "um der Lieder und der Biblischen Geschichten und Sprüche willen" (S. 134); damit unterscheidet er sich nicht sonderlich vom Ich-Erzähler aus Graham Greenes "Die Reisen mit meiner Tante".

Okay, teilweise verstehe ich Klepper wohl ganz eunfach nicht, und teilweise urteile ich aus Abneigung gegen ihn und gegen den "aufgeklärten" Protestantismus vielleicht allzu hart. Dennoch halte ich es nicht für übertrieben, zu behaupten, das heute weit verbreitete Phänomen einer postchristlichen Individualreligion, die die christliche Überlieferung lediglich als Material zur bedarfsgerechten Aneignung und Anverwandlung benutzt, sei bei Klepper mindestens schon vorgezeichnet. Insofern sehe ich in ihm durchaus einen Vorläufer des sogenannten "Moralistisch-Therapeutischen Deismus" und von Leuten wie Susanne Niemeyer, "Frau Auge", "Porno-Rolf" Krüger (über diesen Herrn evtl. demnächst mehr!) und wie die alle heißen, wobei man ihm zugute halten muss, dass er längst nicht so banal in seinem Denken und seinen Urteilen ist.

Indessen muss ich einräumen: Dass Klepper mir so unsympathisch ist, hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich ihm in manchen Aspekten gar nicht mal so unähnlich bin. Oder sagen wir: zumindest potentiell ähnlich -- in dem Sinne, dass es durchaus Phasen in meinem Leben gegeben hat, in denen ich - "but for the grace of God", wie der Angloamerikaner sagt - leicht auf einen ähnlichen Glaubens- und Lebensweg hätte geraten können wie er. Insofern taugt das Buch durchaus als Warnung. 

Enttäuscht bin ich indes vor allem von Reinhold Schneider, der das Vorwort zu diesem Band verfasst hat. Bisher dachte ich, Schneider wäre ein Guter, aber dieses Vorwort wirft ein sehr schlechtes Licht auf ihn: Es ist unerträglich pathetisch und in seinen Lobeserhebungen auf Klepper völlig over the top, und ganz und gar inakzeptabel ist es, wie Schneider Kleppers Selbstmord  als einen Akt "erstaunlicher Freiheit des religiösen Gewissens" (S. 9) glorifiziert:
"Klepper hat die Seinen an der Hand genommen [...] und ist mit ihnen vor den Richter, den schrecklichen Vater, geeilt, sich schuldig wissend und doch unergründlicher Gnade gewiß: gerade dieser Tod ist, von ihm her gesehen, zu einem Glaubenszeugnis und einem Zeichen der Treue geworden; es war kein Nein, vielmehr ein Ja, der glaubensstarke Schritt über die Schwelle des Ewigen Hauses" (S. 12f.) 
-- da sage ich: nein. Einfach nein. Aber nun gut, für die Zeit nach Weihnachten habe ich Schneiders "Las Casas vor Karl V." auf meiner Leseliste; mal sehen, ob ihn das rehabilitiert.

Klepper selbst schreibt im Zusammenhang mit dem Thema Selbstmord übrigens: "Alles ist dem Menschen erlaubt, alles Gute, alles Schlechte, weil die Rechnung zwischen Gott und dem Gläubigen beglichen ist." Das ist ja wohl eher die Theologie der Schlange im Paradies. -- Abschließend noch ein Fun Fact: An Kleppers wohl bekanntestem Kirchenlied "Die Nacht ist vorgedrungen" hat mich schon immer die Anrufung des "Morgensterns" irritiert. Ist der Morgenstern nicht ein Symbol für Luzifer?, habe ich mich gefragt. Kann es sein, dass es sich in Wirklichkeit um ein satanistisches Lied handelt, das nur deshalb in kirchlichen Gesangsbüchern gelandet ist, weil deren Redaktionen schlichtweg zu blöd waren, um das zu kapieren? Diese Verschwörungstheorie meinerseits hat durch die Lektüre von Kleppers Tagebuch jedenfalls neue Nahrung bekommen.

Alles in allem würde ich das Buch nach jetzigem Stand ganz klar als einen Fall für den Giftschrank betrachten, aber in diesem bekommt es einen Ehrenplatz. Und irgendwann werde ich es bestimmt auch mal zu Ende lesen. Aber eher nicht mehr in diesem Jahr.


Linktipps: 

Als deutscher Katholik, der sich gerade von den Bischöfen - die ja schließlich Hirten des Gottesvolkes sein sollten - geistliche Orientierung und Stärkung im Glauben erwarten bzw. erhoffen möchte, hat man in jüngster Zeit öfter mal Anlass, etwas neidisch nach Passau oder, wie  im vorliegenden Fall, nach Regensburg zu schauen. Der dortige Bischof Rudolf Voderholzer, der von 2005-2013 Professor für Dogmatik war und seit 2014 der Glaubenskongregation angehört, fällt in seinen öffentlichen Äußerungen immer wieder durch geistige Klarheit und unzweideutige Glaubenstreue auf; so auch in seiner Predigt zum Gedenktag des Regensburger Bistumspatrons, des Hl. Wolfgang, am 31. Oktober. Darin setzt er sich kritisch mit verschiedene ninnerkirchlichen Entwicklungen der jüngsten Zeit - von der Amazonas-Synode bis hin zum sich anbahnenden "Schismatischen Weg" in Deutschland - auseinander, die bei vielen Gläubigen Verunsicherung ausgelöst haben. Mit Blick auf die Pachamama-Affäre, zu der ich eigentlich nichts mehr sagen wollte, erklärt Voderholzer: 
"Bonifatius hat die Donar-Eiche, den Kultbaum der germanischen Götterwelt, nicht umtanzt und nicht umarmt, sondern er hat sie gefällt und aus ihrem Holz ein Kreuz gezimmert und eine Petruskapelle gebaut. Ein wunderbares Bild für die Einpflanzung der Neuheit des Evangeliums in Kontinuität und Diskontinuität mit dem Bisherigen!"
Auf den Punkt! -- Ganz nebenbei verpasst der Regensburger Oberhirte einem seiner Mitbruder im Bischofsamt, ohne ihn beim Namen zu nennen, verbal kräftig (und hochverdient) eins auf die Omme, indem er zu dessen via "Bild"-Zeitung verbreiteten Äußerung, es sei fragwürdig, ob man "an einem Y-Chromosom den Zugang zum Priesteramt festmachen" könne, anmerkt, falls damit "das Argumentations-Niveau des bevorstehenden Synodalen Weges vorgezeichnet sein" sollte, habe es wohl "wenig Sinn [...], dabei mitzumachen". Wir werden sehen, ob er es trotzdem tut und wohin das führt. 
Sehr schöner, sehr ermutigender Artikel mit einer wichtigen Botschaft: Gewisse Entwicklungen auf dem großen Parkett der Kirchenpolitik mögen beunruhigend und frustrierend sein, aber das sollte uns nicht davon abhalten, vor (oder sogar hinter) unserer eigenen Haustür unverdrossen das Unsere zum Aufbau des Reiches Gottes beizutragen. Fr. Boddicker nennt einige Beispiele und kommentiert sie mit dem wunderbaren Satz "These are little flowers I cultivated in my garden today".

Übrigens ist mir beim Blick auf Simcha Fishers Website aufgefallen, wie schade es ist, dass ich seit einiger Zeit davon abgekommen bin, regelmäßig ihre wöchentliche Artikelserie "What's for Supper?" zu lesen. Ich sollte unbedingt wieder damit anfangen.

Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 4. November: Hl. Karl Borromäus (1538-1584), Kardinal. Neffe und Sekretär Papst Pius' IV., spielte eine einflussreiche Rolle in der letzten Sitzungsperiode des Reformkonzils von Trient. Hauptredaktor des Römischen Katechismus; ab 1565 Erzbischof von Mailand, 1583 Apostolischer Visitator in der Schweiz.

Mittwoch, 6. November: Hl. Leonhard (ca. 500-559), Einsiedler, Klostergründer. Wurde zunächst als Schutzpatron der Gefangenen und Geisteskranken, dann aber vor allem Ls Schutzheiliger des Viehs verehrt; ist außer in seiner Heimat im heutigen Frankreich vor allem auch in Bayern populär.

Donnerstag, 7. November: Hl. Willibrord (ca. 658-739, Glaubensbote. Angelsächsischer Wandermönch, ab 690 Missionar in Friesland, ab 695/96 erster Bischof von Utrecht. Gründete 697/98 das Kloster Echternach, wo er auch starb.

Am Freitag, dem 8. November, ist übrigens der Gedenktag des Hl. Willehad, des Kirchenpatrons der hier oft erwähnten Pfarrei meines Heimatstädtchens. Im Regionalkalender wird dieser Gedenktag nicht besonders berücksichtigt, und selbst in Nordenham wird an diesem Tag nicht einmal eine Messe gefeiert. Aber ich nehme mir vor, wenigstens bei meinem privaten Stundengebet an ihn zu denken.


Aus dem Stundenbuch: 

Alle Götter der Heiden sind nichtig, * der Herr aber hat den Himmel geschaffen. (Psalm 96,5)