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Freitag, 20. September 2019

Suchen & Fragen Vol. II (Gedanken beim Aufwachen)

Bei der Lektüre von Manhattan Transfer hat mich - Achtung Spoiler! - Bud Korpennings plötzlicher Tod (nach nicht einmal einem Drittel der Roman-Gesamtlänge) auf sonderbare Weise erschreckt; so sehr, dass ich die Passage dreimal lesen und dann noch Sekundärliteratur aus dem Internet zu Rate ziehen musste, um sicher zu sein, dass er wirklich tot ist. Ich hatte gedacht, seine Geschichte hätte noch gar nicht richtig angefangen, und nun ist sie plötzlich vorbei. Frage mich nun, ob sein gescheiterter Versuch, in New York Fuß zu fassen, gewissermaßen eine Metapher für die ebenfalls zum Scheitern verurteilten Bemühungen des Lesers ist, sich in diesem Roman zurechtzufinden. Man denkt, man hat die Brücke gefunden, die ins Zentrum des Romans führt, und dann kippt man übers Geländer und zerschellt im Gewirr aus Wörtern, Buchstaben und Satzzeichen. 

Symbolbild, Quelle: Pexels 
Im Übrigen habe ich den Verdacht, dass in diesem Roman das Wort "Brunch" erfunden wurde oder zumindest durch diesen Roman allgemeine Verbreitung gefunden hat. In der etwas angestaubten deutschen Übersetzung von Paul Baudisch wird es mit "Frittag" wiedergegeben: "Was ist denn Frittag?", fragt Ruth Prynne, und Jimmy Herf antwortet: "Du ißt Frühstück und ich esse Mittag" (S. 113). 

Erheblich später unterhält sich Jimmy Herf mit einem Journalistenkollegen, der über einen mutmaßlichen Doppelmord an einem stadtbekannten langbärtigen Sonderling und dessen Tochter berichten will, aber fürchtet, dass der Krieg in Europa (=der I. Weltkrieg) das Interesse von diesem Fall ablenken wird. Daraufhin schlägt Jimmy vor:
"Du könntest dir was zusammenschwindeln, zum Beispiel, daß er ein verlorengegangener österreichischer Thronerbe war und aus politischen Gründen ermordet worden ist." (S. 185) 
Woran erinnert uns das? Also, mich jedenfalls an die "backstory" der "Drei ???"-Episode "Die flammende Spur" von M.V. Carey. Der Originalfassung wohlgemerkt, denn in der deutschen Fassung wurde die Hintergrundgeschichte dieses Falles nahezu zur Unkenntlichkeit umgemodelt. Überhaupt waren die Verantwortlichen für die deutsche "Drei ???"-Reihe auffallend überempfindlich gegenüber politischen Stoffen. Das wäre eigentlich mal eine eingehendere Analyse wert. 


Mittwoch, 18. September 2019

Dinner mit Gott: Der (oder das) Relaunch

Immer mal wieder sage ich mir, ich sollte mal etwas zum Thema "zauberhafte Orte" schreiben; also etwas über Orte mit einer besonderen Atmosphäre, einer Atmosphäre nämlich, die der Seele gut tut.  Zu solchen Orten würde ich beispielsweise den Laden des wunderbaren Falafelmannes in Alt-Tegel zählen; ebenso etwa das Café Oak & Ice in der Schönhauser Allee, das ich zusammen mit meiner Tochter auf einer meiner Büchertouren entdeckt habe, weil es dort eine Büchertauschkiste gibt; und last not least das Baumhaus im Stadtteil Gesundbrunnen. Da hätten wir also schon mal Stoff für eine Artikelserie; schauen wir mal, ob und wann ich dazu komme. -- Es versteht sich wohl einigermaßen von selbst, dass es wenig aussichtsreich wäre, dem, was diese Orte so zauberhaft macht, analytisch zu Leibe zu rücken, aber ich denke bzw. hoffe trotzdem, dass eine reflektierende Betrachtung solcher Orte dabei helfen kann, Ideen dafür zu entwickeln, wie man die Orte, an denen man sich tagtäglich aufhält und "zu tun hat", ein bisschen zauberhafter machen könnte. Denn, geradeheraus gesagt: Das Gemeindehaus meiner Wohnortpfarrei beispielsweise ist kein zauberhafter Ort, und daran würde ich nach Möglichkeit gern etwas ändern. Nun gut, im Georgsaal, dem größten Raum des Gebäudes - wo u.a. unser Büchereiprojekt untergebracht ist und unser Krabbelbrunch stattfindet - hat meine Liebste schon mal mit ein paar Wandtattoos einen Anfang gemacht; aber das ist wirklich nur ein erster Schritt. Andererseits kann man natürlich nicht, selbst wenn man das wollte, bei Nacht und Nebel mit Wandfarbe, Ballonlampen, Gemälden, Skulpturen und Vintage-Gebrauchtmöbeln in die Räume einfallen und sie im Handstreich umdekorieren. Um den nötigen Rückhalt für so eine Aktion zu haben, bräuchte man innerhalb der Gemeinde erst mal mehr Leute von der Sorte, die man durch eine entsprechende Raumgestaltung eigentlich erst anlocken will. Ein echtes Chicken-Egg-Dilemma.

Nun haben wir innerhalb der Gemeinde ja - zumindest theoretisch - ein sehr brauchbares Community-Building-Instrument in Form des  monatlichen "Dinners mit Gott". Indes - und das meine ich, wenn ich "zumindest theoretisch" sage - erfüllt dieses Veranstaltungsformat seine Funktion in Sachen Community Building noch nicht ganz so, wie meine Liebste und ich uns das eigentlich vorstellen oder wünschen würden. Ich habe in letzter Zeit verstärkt darüber nachgedacht, woran das liegt und wie man das ändern könnte. Als besonders anregend haben sich in dieser Hinsicht die Besuche bei der Community Networking Night im Baumhaus erwiesen. Da klappt das Community Building nämlich.

Zu meiner eigenen Überraschung lautet die wichtigste Lehre für das "Dinner mit Gott", die ich von der Community Networking Night im Baumhaus mitgenommen habe: Der Abend braucht mehr Struktur. Anfänglich waren meine Liebste und ich der Meinung gewesen, es wäre von Vorteil, das "Dinner" so informell wie möglich zu gestalten: also mehr oder weniger alles so zu nehmen wie es kommt und offen dafür zu sein, was "sich ergibt". Im Prinzip ist so ein Ansatz wohl auch nicht falsch -- aber wie sich zeigt, ist ein Mindestmaß an Struktur eben doch hilfreich dafür, dass sich überhaupt etwas ergibt.  Nicht zuletzt auch unter dem Aspekt der Werbung: Wenn potentiell Interessierte eine klarere Vorstellung davon haben, was sie erwartet, können sie eher entscheiden, ob es sie interessiert oder nicht. Trifft man sich einfach nur informell zum Essen und Quatschen, besteht die Gefahr, dass daraus genau das wird, was wir von Anfang an gerade nicht wollten: eine Stammtisch-Veranstaltung für einen überschaubaren Kreis von im Wesentlichen immer denselben Leuten, die die Gemeinderäume als ihr erweitertes Wohnzimmer betrachten. Also so etwas wie der ebenfalls einmal monatlich stattfindende Kolping-"Sonntagstreff", nur für eine andere Altersgruppe. Danke, aber nein danke.

-- Ich hoffe, diejenigen, die schon öfter beim "Dinner mit Gott" waren bzw. mehr oder weniger regelmäßig dabei sind, verstehen das jetzt nicht falsch: Natürlich seid Ihr auch zukünftig herzlich willkommen! Und übrigens habe ich auch nicht die Absicht, die Gestaltung der Abende so radikal zu verändern, dass die, denen es bisher immer gut gefallen hat, sich bald nach den "alten Zeiten" zurücksehnen werden. Im Gegenteil: Ich denke, ein paar kleine, aber hoffentlich wirkungsvolle Änderungen werden dazu führen, dass am Ende alle MEHR von der Veranstaltung haben werden. Zum Teil sind es auch gar nicht so sehr Änderungen im faktischen Ablauf als vielmehr in der Art und Weise, wie dieser kommuniziert wird. Das ist vor allem für die Werbung außerhalb jener Kanäle wichtig, die nur oder hauptsächlich die "Kerngemeinde" erreichen. In dieser Hinsicht müssen wir einfach mehr tun als bisher.


Also, hier einige programmatische Eckpunkte:

Zunächst einmal hat es sich im Laufe der vergangenen zwei Jahre eingebürgert, dass der Mittwochsklub an den Tagen, an denen das Dinner stattfindet, auch die Gestaltung der Vesper bzw. Andacht (im Oktober z.B. ist eine Rosenkranzandacht an der Reihe) in der Kirche übernimmt. Warum also sollte man die nicht als Bestandteil der Veranstaltung betrachten und auch entsprechend bewerben? Sagen wir also:

Wir beginnen um 18 Uhr mit einer Andacht bzw. einem Abendgebet (Vesper) in der Herz-Jesu-Kirche. 
(Wer, aus was für Gründen auch immer, nicht mitbeten möchte oder um 18 Uhr einfach noch keine Zeit hat. darf natürlich auch später kommen.)

Anschließend treffen wir uns im "Christophorus-Raum" des Gemeindehauses und beginnen gegen 18:45-19:00 mit der gemeinsamen Zubereitung des Essens. 
Die Zutaten für ein Hauptgericht stellen wir zur Verfügung; Beilagen, Vor- und Nachspeisen und/oder Getränke dürfen gern mitgebracht werden.

(Und nun kommen wir zu der ersten wirklich wesentlichen Neuerung:)

Nach dem Essen: Ideenflohmarkt und Gebetsanliegen 
Der "Ideenflohmarkt" ist etwas, was ich mir konkret von der Community Networking Night im Baumhaus abgeguckt habe; dort heißt dieser Programmpunkt "News You Can Use".  Schlicht gesagt geht es darum, allen Teilnehmern Gelegenheit zu geben, Projekte und Ideen vorzustellen, an denen sie gerade arbeiten und/oder bei denen sie Unterstützung benötigen, und Dienste oder Hilfen jedweder Art anzubieten oder zu suchen. (Gibst Du Gitarrenunterricht oder würdest Du gern welchen nehmen? Kannst Du Fahrräder reparieren oder ist Dein Fahrrad gerade kaputt? Suchst Du Helfer für einen Umzug oder zum Äpfelpflücken?) Der Punkt "Gebetsanliegen" ist wohl mehr oder weniger selbsterklärend: Wir betreiben ein christliches Gemeinschaftsprojekt, folglich sollte Gemeinschaft auch und nicht zuletzt darin bestehen, füreinander zu beten. Ich möchte daher die Dinner-Teilnehmer dazu ermutigen, einander ihre Gebetsanliegen mitzuteilen, damit diese sie im Gebet unterstützen können.

Gemeinsames Aufräumen 
Is klar, ne? Wir sind kein Restaurant. Bitte stell Deinen Teller und Dein Besteck selbst in die Spülmaschine.

Spendenkasse 
Zur Unterstützung unserer Arbeit in der Gemeinde bitten wir um einen Beitrag von ca. 2-4 € pro Person. Wenn Du mehr geben willst, ist es auch okay: Eventuelle Überschüsse kommen anderen Projekten in der Gemeinde zugute, an denen wir beteiligt sind, wie z.B. dem Krabbelbrunch oder dem Büchereiprojekt.

Nachtgebet (Komplet) 
Zum Abschluss des Dinners beten wir die Komplet, das traditionelle Nachtgebet der Kirche. Wer nicht mitbeten möchte, kann einfach schon etwas früher nach Hause gehen.

--- Das klingt alles gar nicht besonders außergewöhnlich? Umso besser! Je mehr ich mich mit praktischer Basisarbeit beschäftige, desto überzeugter bin ich, dass gerade die alltäglichen, unspektakulären Dinge auf längere Sicht die größte Wirkung haben. Für weitere Anregungen bin ich trotzdem jederzeit dankbar; und dann gilt es, einen neuen Flyer für das "Dinner" zu gestalten, aber das ist eine Aufgabe, die ich gern meiner Liebsten überlasse...


Dienstag, 17. September 2019

Suchen & Fragen Vol. I (Gedanken beim Aufwachen)

Wie kommt es eigentlich, dass Angelika Express nie so groß geworden ist wie Kraftklub? Waren sie einfach zu früh? Oder liegt es daran, dass Kraftklub um das entscheidende Quentchen weniger sophisticated ist und darum auch beim Pöbel ankommt? 


(Überhaupt sollte man vielleicht erwägen, statt "breite Öffentlichkeit", "Mitte der Gesellschaft" oder dergleichen lieber wieder öfter "Pöbel" zu sagen. Wenn sich jemand darüber beschwert, kann man darauf hinweisen, dass das vom lateinischen "populus" kommt und daher nicht beleidigend sei.) 

Und was hat es eigentlich mit dem Text von "Teenage Fanclub Girl" auf sich? Ich meine, okay: Dass die in dem Song beschriebene Frau auf die Frage "nach der besten Gruppe aller Zeiten auf der ganzen Welt" die lahme Antwort gibt, "dass ihr Teenage Fanclub gut gefällt", soll zweifellos ihren trantütigen Charakter auf den Punkt bringen, aber ist das der Gruppe Teenage Fanclub gegenüber als "Diss" gemeint oder vielleicht eher als anerkennender bzw. respektvoller "Hat Tip" wie in "Let's Dance to Joy Division" von den Wombats oder "Sumisu" von Farin Urlaub? -- Nachdem ich auf YouTube mal kurz in ein paar Songs von Teenage Fanclub reingehört habe, glaube ich, es ist wohl doch eher als Diss gemeint. 

Übrigens habe ich geträumt, die SPD hätte die Wahl gewonnen - irgendeine Wahl, keine Ahnung welche, vielleicht die Urwahl um ihren eigenen Vorsitz[*] - und wollte jetzt Krebs verbieten; und ich saß mit drei Schweizer Pastoren in einer Hotellobby (war Rod Dreher auch dabei? Ich bin nicht sicher) und diskutierte darüber, was man davon nun halten solle und was für Konsequenzen das haben werde. 


[* Wär ja auch komisch, wenn die CDU die Urwahl um den SPD-Vorsitz gewinnen würde. Wobei, zuzutrauen wär's ihr...]


Montag, 16. September 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (24. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Das war mal eine Woche, die größtenteils "nach Plan" ablief: In der ersten Wochenhälfte war ich überwiegend damit beschäftigt, das Kind zu bespaßen, ab Donnerstag Nachmittag hatte ich dann zunehmend auch für andere Dinge Zeit. Die im Raum stehende Frage, ob wir am Donnerstag wieder einmal zur Community Networking Night im Baumhaus gehen wollten,  beantworteten wir ziemlich kurzentschlossen mit Ja, und es war wieder total schön (auch wenn ich das Essen nicht ganz so lecker fand wie bei unserer ersten Teilnahme, aber da hatte ja meine Liebste als Küchenchefin agiert). Kurz und gut, wir müssen da öfter hin. Und: So eine Atmosphäre, wie sie dort herrscht, würde ich mir auch für unser "Dinner mit Gott" wünschen. -- In der Abendmesse am Freitag, dem Gedenktag des Hl. Johannes Chrysostomos, gab es einen recht bemerkenswerten Moment, als der Pfarrer ein paar Anmerkungen zum Tagesheiligen in seine Begrüßungsworte einflocht. Dieser ist ja, wie erwähnt, vor allem als begnadeter Prediger in die Kirchengeschichte eingegangen, was unseren Pfarrer zu der Bemerkung veranlasste, mit der Qualität von Predigten sei es ja so eine Sache - der eine empfinde es so, der andere so, und dann gebe es auch noch welche, die sich "über eine Predigt so aufregen, dass sie in Blogs darüber herziehen". Hm. Wie viele der schätzungsweise (immerhin) 10-15 Gottesdienstteilnehmer wussten wohl, was Blogs sind, wie viele schreiben selber einen? Ich gehe mal davon aus, dass diese Mitteilung speziell an mich gerichtet war.  Ich muss allerdings sagen, so richtig effizient finde ich diese Form der Kommunikation nicht. -- Die anschließende Sitzung des Lokalausschusses war trotz (?) geringer Beteiligung (fünf Personen einschließlich meiner Liebsten und meiner bescheidenen Person) erfreulich produktiv, meine Vorschläge zu Ausbau bzw. Weiterentwicklung sowohl des Bücherei- als auch des Krabbelgruppenprojekts stießen auf ein positives Echo, und sogar mein altes Lieblingsprojekt einer Garten-AG für Jugendliche fand mit Unterstützung meiner Liebsten Eingang ins Protokoll. Außerdem wurde angedacht, wieder einmal ein Nightfever-Special nach Herz Jesu Tegel zu holen. -- Am Samstag fuhren die Liebste und das Kind ohne mich auf einen Ausflug, was ich zunächst einmal dazu nutzte, einer denkwürdigen Anomalie im Zelebrationsplan der örtlichen Pfarrkirche auf den Grund zu gehen. Normalerweise hält dort nämlich die Legio Mariae jeden Samstag um 10:30 Uhr eine Rosenkranzandacht ab. Diesen Samstag stand im Online-Plan jedoch "Wortgottesdienst Erskommuionkurs" [sic], als verantwortlich für den Termin war gleichwohl die Legio Mariae eingetragen. Hm, dachte ich. Die Legio Mariae macht einen Wortgottesdienst für den Erstkommunionkurs? DAS finde ich ja mal innovativ! Ich ahnte allerdings gleich, dass da etwas nicht stimmen kann. Ich ging also mal hin, um mir das anzuschauen, stellte aber fest, dass der Wortgottesdienst offenbar von demselben Team geleitet wurde, das auch für die monatlichen "Familienmessen" zuständig ist. "Wollten Sie zum Rosenkranz?", fragte mich die Leiterin, als ich die Kirche betrat. Aus Verlegenheit sagte ich Ja und wurde beschieden, die Andacht der Legio Mariae finde im Gemeindehaus statt: "Der Erstkommunionkurs beginnt jetzt alle vierzehn Tage mit einem Wortgottesdienst in der Kirche." Na dann. Am Samstagabend ging ich zur "Buchpremiere" von Emma Braslavskys "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten". Die Veranstaltung war größtenteils als Gespräch zwischen der Autorin und der Verlagslektorin Doris Plöschberger gestaltet. Ich bin ja eigentlich ein Anhänger der These, Künstler sollten durch ihr Werk und nicht über ihr Werk sprechen, und tatsächlich hatte ich bei diesem Dialog zuweilen den Eindruck, der Roman werde zerredet, erscheine dadurch überambitioniert, überkonstruiert, übertrieben intellektuell, übertrieben durchdacht. Und trotzdem machte das Gespräch neugierig auf das Buch. Die Autorin trug drei unterschiedlich lange Auszüge aus dem Roman vor, hin und wieder fand ich - wie schon bei den früheren Braslavsky-Romanen, die ich gelesen habe (und gleichwohl großartig fand) - einzelne Formulierungen allzu maniriert, gewollt originell und effekthascherisch, aber das änderte nichts daran, dass ich das Gefühl hatte, in dieser Geschichte gehe es um Wesentliches. Ich werde das Buch wohl lesen müssen. Und rezensieren. Wobei ich gleich vorausschicken möchte, dass mich das Thema "Künstliche Intelligenz" - das, was an diesem Roman "Science Fiction" im eigentlichen Wortsinne ist - vergleichsweise am wenigsten interessiert. Viel interessanter finde ich das Gesellschaftspanorama, das da aufgemacht wird, die Thematisierung von Tendenzen, die schon heute zu beobachten sind: die Fragmentierung der Gesellschaft, die grassierende Einsamkeit und Beziehungsfähigkeit, das Verleugnen der Sterblichkeit. -- Die Familienmesse mit Vorstellung der Erstkommunionkinder am Sonntag war halbwegs erträglich, den Ökumenischen Waldgottesdienst am Nachmittag sparten wir uns dann aber und gingen lieber beim wunderbaren Falafelmann essen. Endlich mal wieder. 


Was ansteht: Wenn ich auf die kommende bzw. gerade begonnene Woche vorausblicke, sehe ich in erster Linie ein sehr ereignisreiches Wochenende vor mir. Da der 1. September auf einen Sonntag fiel, ergibt sich nun die außergewöhnliche Konstellation, dass direkt nach dem dritten Samstag im Monat der vierte Sonntag im Monat folgt, und somit zwei feste Termine für Veranstaltungsreihen, an denen der Mittwochsklub wesentlich beteiligt ist, auf zwei aufeinanderfolgende Tage fallen: Am Samstag der Krabbelbrunch, am Sonntag der Büchertreff. Bei letzterem bin ich nicht nur organisatorisch involviert, sondern darf auch den "Programmteil" bestreiten, und zwar in Gestalt einer Lesung aus dem "Tagebuch eines frommen Chaoten" von Adrian Plass. Ich freu mich schon! Aber natürlich wird das noch etwas Vorbereitung erfordern. Meine Liebste hat mich übrigens auf die Idee gebracht, ich könnte diesen Vortrag auch zu einem Modul für den Firmkurs ausbauen. Mal sehen...! -- Das Gute daran, dass die beiden Veranstaltungstermine unmittelbar aufeinander folgen, ist, dass wir wohl einen Großteil des Auf- und Abbaus nur einmal zu machen brauchen. -- Zwischen diese Veranstaltungen fällt der alljährliche Marsch für das Leben, und eigentlich ist es ja Ehrensache, da hinzugehen; es wäre für mich die achte Teilnahme in Folge. Mal sehen, wie ich das zeitlich hinbekomme; spätestens zum Abschlussgottesdienst mit Weihbischof Wörner aus Augsburg (guter Mann!) will ich es nach Möglichkeit schaffen, aber Frau und Kind lasse ich aus Sicherheitsgründen vielleicht lieber zu Hause... Auch nicht uninteressant ist, dass parallel zum Krabbelbrunch der weiter oben bereits erwähnte Erstkommunionkurs stattfindet, und zwar im Nebenraum. Man darf gespannt sein, was für Synergieeffekte sich daraus womöglich ergeben. -- Für die Zeit bis zum Wochenende gibt es noch kaum feste Pläne. Ich hoffe, ich werde ein bisschen Zeit zum Schreiben finden; Stoff gäbe es mehr als genug, sowohl für den Blog als auch zur Veröffentlichung an anderer Stelle. Und eine Büchertour wäre eventuell auch mal wieder dran... 


aktuelle Lektüre: Wie schon angekündigt, war ich in der zurückliegenden Woche in der erfreulichen Lage, gleich am Montag mit einer ganz neuen Leseliste starten zu können -- die die folgende bunt gemischte Auswahl an Büchern enthält:

Ein bemerkenswertes Fundstück aus der Büchertelefonzelle am Letteplatz: wie letzte Woche schon angemerkt, kein Fantasy-Roman, sondern eine ethnographische Studie. Irgendwie bin ich fest davon ausgegangen, dass es sich bei der Autorin um eine linke Feministin handelt, und auch nach der Lektüre von rund einem Viertel des Texts gehe ich noch immer davon aus, dass dem so ist, aber der Witz ist: Es nützt ihr nichts, sozusagen. Was ich damit meine, ist: Ihre ethnographische Methode hindert sie weitgehend daran, ihren eigenen ideologischen Standpunkt ins Spiel zu bringen, denn sie verpflichtet sie dazu, lediglich das zu protokollieren, was sie erfährt, und sich dabei, soweit das überhaupt möglich ist, jeglichen Kommentars (geschweige denn einer Bewertung) zu enthalten. Und nicht nur das:
"Sie zeigten mir, daß bereits meine Fragen falsch gestellt waren, und daß ich in ihren Augen nicht die Person war, mit der ein Gespräch geführt werden konnte. Denn ich war ma-chich, eine Un-Person." (S. 15) 
Interessant ist ein solcher Bericht über ein Volk, bei dem so völlig andere Anschauungen herrschen als in der uns vertrauten Welt, natürlich vor allem deshalb, weil er das Bewusstsein dafür schärft, dass die in der modernen westlichen Welt vorherrschenden Ansichten keinesfalls selbstverständlich sind. Deutlich wird dies beispielsweise anhand der Haltung zum Thema Individualität: Während diese "bei uns" so überaus hoch geschätzt wird, betrachten die Tugen das Besondere, Außergewöhnliche oder Einzigartige als etwas lediglich Anekdotisches und Zufälliges und daher als weniger wichtig oder interessant als das Typische, Gewöhnliche oder Allgemeingültige.

So sehr dies zu denken gibt, macht Heike Behrends Schilderung aber auch deutlich, dass zu einer Idealisierung von Naturvölkern kein Anlass besteht. Soweit ich es bis jetzt gelesen habe, befasst sich das Buch recht ausgiebig mit dem sexuellen Sitten der Tugen, und zuweilen könnte man auf die Idee kommen, selbst eine linke Feministin (oder gerade eine solche) müsste dem Christentum eigentlich dankbar dafür sein, dass es eine solche Art des Umgangs der Geschlechter miteinander überwunden hat. Oder hatte, bis zur sexuellen Revolution. Aber, na ja: Das ist ein weites Feld, Luise.

Auch ein Beutestück von einer meiner Büchertouren. Ich habe es hauptsächlich mitgenommen, um eine Bildungslücke zu schließen, schließlich gilt "Manhattan Transfer" neben "Berlin Alexanderplatz" und "Ulysses" (die ich beide ebenfalls nicht gelesen habe) als einer der großen Romane der Moderne. Die naheliegende Frage, ob man einen fast 100 (genauer gesagt: 94) Jahre alten Roman, der seinen Ruhm und Kultstatus hauptsächlich seiner damals enorm innovativen Erzähltechnik verdankt, heute noch aus einem anderen als einem rein literaturgeschichtlichen Interesse lesen kann, möchte ich indes vorerst noch als unentschieden betrachten. In einem Wort zusammengefasst lautet mein erster Eindruck von diesem Roman: anstrengend. Nach rund 40 Seiten mehren sich die Hinweise darauf, dass sich aus dem Gewirr der Momentaufnahmen so etwas ähnliches wie eine fortlaufende Handlung herauskristallisiert, und das ist dem Lesefluss durchaus förderlich; aber es bleibt doch einigermaßen zäh, und außerdem ziemlich deprimierend. 

In gewisser Weise war es aber wohl doch eine Art Glücksgriff, dass ich diesen Roman, ohne mir viel dabei zu denken, in meiner Leseliste direkt vor Dorothy Days Autobiographie gesetzt habe. Schließlich ist das New York, das Dos Passos beschreibt, dasselbe, in dem Dorothy Day ab 1916 lebte und wirkte, und sie und Dos Passos waren in den 20er-Jahren auch persönlich miteinander bekannt und standen sich in ihren politischen Anschauungen nahe. Vor Dorothys Bekehrung, aber immerhin.

Zur Abwechslung mal kein Fundstück aus einer Büchertelefonzelle: Dieses Buch stand schon eine ganze Weile bei mir im Regal, nachdem meine Liebste mal, kaum dass mein Interesse an Leben und Werk Dorothy Days erwacht war, kurzentschlossen jedes Buch von ihr oder über sie, das gerade zu haben war, online bestellt hatte. Und nun frage ich mich, warum ich Dorothy Days Autobiographie "The Long Loneliness"  nicht schon früher gelesen habe. Das Buch ist erstmals 1952 erschienen und befasst sich schwerpunktmäßig mit der Zeit vor der Gründung der Catholic Worker-Bewegung; es ist fesselnd und anrührend geschrieben, als zeitgeschichtliches Dokument äußerst interessant und in vielfältiger Weise anregend. Pflichtlektüre, würd' ich mal sagen!

Was man über dieses Buch wissen muss: Die Werbeabteilung des Verlags hat hinten draufgeschrieben "Simon Beckett ist einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart", aber das war er noch nicht,  als er diesen Roman schrieb, und er wurde es auch nicht durch diesen Roman. Vielmehr war das Buch unter dem Originaltitel "Owning Jacob" im Jahr 1998 nur mäßig erfolgreich und wurde erst über ein Jahrzehnt später, nach dem internationalen Durchbruch des Autors mit dem Thriller "Die Chemie des Todes" und dessen Fortsetzungen "Kalte Asche" und "Leichenblässe", ins Deutsche übersetzt und auf den Markt geworfen, um den Beckett-Hype nach Kräften auszureizen. In der Story geht es um einen jungen Witwer, der Hinweise darauf entdeckt, dass sein autistischer Stiefsohn gar nicht das leibliche Kind seiner plötzlich verstorbenen Frau ist, sondern als Säugling von ihr entführt wurde. Der Plot ist spannend und das Buch liest sich flüssig, aber ein bisschen merkt man doch, dass Becketts Beststellerautoren-Fähigkeiten noch nicht gänzlich ausgereift waren, als er es schrieb. Man hat praktisch permanent das vage Gefühl, er trage seine Farben eine Spur zu dick auf, außerdem leidet das Lesevergnügen etwas darunter, dass praktisch alle Charaktere irgendwie unsympathisch 'rüberkommen -- auch der Protagonist, ja, ich würde sogar sagen, besonders der. Na, was soll's: Als unterhaltsame Lektüre für zwischendurch taugt das Buch allemal.

Ein schmales kleinformatiges Bändchen aus dem Bücherpaket, das ich in den Sommerferien von meinem Bruder bekommen habe. Meine Erwartungshaltung war von vornherein zwiespältig. Einerseits: Es geht um gärtnernde Nonnen - sehr interessant, sehr #benOppig! Andererseits: die Autorin. Die ist mir bekannt aus der Zeit, als ich noch die Berliner Zeitung las. Damals fand ich ihre Kolumnen oft scharfsinnig und witzig, aber wie man es von einer Frau, die für die Berliner Zeitung, die Frankfurter Rundschau und die taz schreibt, kaum anders erwarten kann, ist sie stramm links-säkularistisch und feministisch eingestellt, und wenn so jemand über kirchliche Themen schreibt, kann das eigentlich nur in einer Katastrophe enden.

Nun, mein erster Eindruck ist, dass Mely Kiyak sich mit antiklerikalen Grob- und Bosheiten einigermaßen zurückhält, zumal sie den Fuldaer Benediktinerinnen durchaus eine gewisse Sympathie entgegenzubringen scheint. Dagegen fällt mir etwas sehr unangenehm auf, was ich von dieser Autorin wahrhaftig nicht erwartet hätte: Ihre Schreibe wirkt banal. Geschwätzig, sentimental, albern. Sie scheint die Vorstellung von gärtnernden Nonnen, oder vielleicht von Nonnen überhaupt, irgendwie niedlich zu finden, und das spiegelt sich in ihrem Stil wider. Es wäre vielleicht ganz interessant, einen Rotstift zur Hand zu nehmen und zu überprüfen, was von dem Büchlein noch übrig bliebe, wenn man alle Füllwörter, alle bemüht-augenzwinkernden Umschreibungen, abgedroschenen Redensarten und rhetorischen Fragen wegließe. Ich fürchte: nicht sehr viel. 

Das ist umso ärgerlicher, als das Büchlein inhaltlich eigentlich sehr interessant ist -- oder sein könnte, wenn es der Autorin etwas mehr um Information als um Kolorit zu tun wäre. So ist zum Beispiel die Beschreibung der Herstellung von Maye E. Bruces Kompostbeschleuniger-Pulver auf S. 31ff. trotz aller Detailverliebtheit letztlich doch unpräzise geraten; das ist sicherlich kein Versehen, sondern die Passage ist schlichtweg nicht als Anleitung gedacht. Schade, denn eine solche hätte mich erheblich mehr interessiert als Frau Kiyaks Wortgirlanden.

Unter diesen Umständen erscheint es durchaus folgerichtig, dass die interessantesten Passagen, auf die ich bei meiner bisherigen Lektüre des Bändchens gestoßen bin, durchweg Zitate sind. So zitiert sie aus einem Rundbrief der englischen Benediktinerinnenabtei Stanbrook:
"Jede Generation ist die Verwalterin des Bodens, auf dem sie lebt; deshalb muss der Boden in denkbar bestem Zustand der Nachwelt übergeben werden. Gott, der Schöpfer der Pflanzen- und Tierwelt und der Menschen, in die alle er auch den Samen für künftiges Wachstum gelegt, hat die Erde befähigt, sich unaufhörlich zu erneuern und zu verbessern durch natürliche Mittel." (S. 11, Hervorhebung im Original) 
Und aus der Benediktsregel:
"Die Brüder, welche in weiter Entfernung bei der Arbeit sind, sollen das Gotteslob dort verrichten, wo sie beschäftigt sind und in Ehrfurcht vor Gott die Knie beugen." (S. 17) 
Und einen "Leitspruch" aus einem Notizbuch der Klostergärtnerinnen:
"Die Frucht der Erde ist ein Geschenk Gottes an die Menschen." (S. 21) 
Wie diese Auszüge zeigen mögen, hätte das Thema eine Menge Potential -- das in diesem Buch aber weitgehend verschenkt wird. Man möchte sich wünschen, die Fuldaer Benediktinerinnen hätten lieber einer anderen Autorin "ihr Haus und ihre Herzen" geöffnet, wie es in der Widmung heißt. 


Linktipps: 

Auf diesen nicht mehr so ganz neuen Artikel bin ich nur dadurch aufmerksam geworden, dass er unlängst auf der Facebook-Seite von The American Conservative verlinkt wurde. Und das war ein Glück, denn von dem Forstwissenschaftler und Ökologen Aldo Leopold (1887-1948), einem prominenten Verfechter des Konzepts der Nachhaltigkeit und Pionier der Naturschutzbewegung, hatte ich bisher noch nie etwas gehört und hätte es ohne diesen Artikel womöglich auch zukünftig nie. Und das wäre sehr bedauerlich gewesen! -- Stanglers Essay über Leopold geht von der Feststellung aus, dass Naturschutz ein genuin konservatives Anliegen im besten Sinne des Wortes sei, und das ist ja eine These, mit der ich einiges anfangen kann; und er kommt zu dem (für Manche sicher überraschenden) Schluss, der echte Konservative im Sinne Leopolds müsse "auf Liebe ausgerichtet sein -- Liebe zu dem, was ihn umgibt, zu den Menschen, denen er begegnet, und zu jenen Einrichtungen, die so schwer aufzubauen und so leicht zu zerstören sind".

Gläubiger Katholik und zugleich Deutscher zu sein, war vermutlich noch nie ein leichtes Los, aber in jüngster Zeit brennt ja nun so richtig die Hütte, folglich kann ich den Konflikt zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Vatikan um den sogenannten "Synodalen Weg" in meinem Wochen-Briefing wohl schlechterdings nicht unberücksichtigt lassen. Im Catholic Herald betrachtet Theologieprofessor Chad Pecknold den Konflikt nicht aus kanonischer oder kirchenpolitischer Sicht, sondern macht bei der Mehrheit der deutschen Bischöfe ein irregeleitetes Verständnis von "Barmherzigkeit" als Kern des Problems aus. Das Missverständnis, so argumentiert er, bestehe darin, das Erbarmen mit den Sündern, das Christus lehrt, mit Nachsicht gegenüber der Sünde selbst zu verwechseln -- beziehungsweise zu versuchen, die Sünde dadurch zu besiegen, dass man so tut, als wäre sie keine. -- Wenn Pecknold allerdings meint, niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen, den Umstand, dass Jesus sich den Evangelien zufolge "mit Dirnen abgab", als "pastorale Begleitung ungerechtfertigter Weise benachteiligter 'Sexarbeiterinnen'" zu verstehen, ist er, bezogen auf die Kirche in Deutschland, womöglich noch zu optimistisch... 


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 16. September: Hll. Kornelius und Cyprian. Kornelius wurde 251, zur Zeit der Christenverfolgungen unter Kaiser Decius, zum Papst gewählt und 253 von Kaiser Trebonianus Gallus in die Verbannung geschickt, wo er noch im selben Jahr starb; ob er das Martyrium erlitt, ist umstritten. Cyprian war ab 248/49 Bischof von Karthago. Vor der Verfolgung unter Kaiser Decius im Jahr 251 floh er, was ihm innerkirchlich den Vorwurf der Feigheit eintrug; zu seiner Verteidigung erklärte er jedoch, er habe gemäß eines auf visionärem Wege empfangenen göttlichen Befehls gehandelt. 258 erlitt er unter Kaiser Valerian das Martyrium. Er war ein bedeutender Theologe und Kirchenpolitiker und wird zu den Kirchenvätern gezählt. 

Dienstag, 17. September: Hl. Hildegard von Bingen -- das ist die mit den Dinkelkeksen. Nein, Scherz beiseite: Die Ordensfrau, Mystikerin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen (1098-1179) wird man wohl als eine der bedeutendsten und faszinierendsten Frauengestalten des mittleuropäischen Hochmittelalters bezeichnen dürfen. Von meiner lieben Bloggerkollegin Claudia gibt es einen kenntnisreichen Vortrag über sie, den ich zwar in Gänze nicht online habe auftreiben können, immerhin aber eine Rezension dazu von Josef Bordat. -- Hl. Robert Bellarmin (1542-1621), Ordenspriester, Kardinal, Kirchenlehrer. Trat mit 18 Jahren dem Jesuitenorden bei, wurde 1570 zum Priester geweiht. Bedeutender Theologe, Berater der Päpste Clemens VIII. und Paul V., Verfasser zweier Katechismen (von denen besonders der sogenannte "Kleine" bis heute weite Verbreitung gefunden hat); machte sich um die Umsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient verdient.

Mittwoch, 18. September: Hl. Lambert (ca. 635-705), Bischof, Glaubensbote und Märtyrer. Wurde 670 vom Merowinger-König Childerich II. zum Bischof von Maastricht ernannt, nach dessen Ermordung im Jahr 675 jedoch verbannt, 682 wieder eingesetzt. Wurde im Zuge von Auseinandersetzungen um das Rechtsverhältnis zwischen kirchlicher und staatlicher Gewalt 705 in Lüttich ermordet.

Donnerstag, 19. September: Hl. Januarius, Bischof und Märtyrer. War der Überlieferung zufolge Bischof von Benevent und erlitt im Zuge der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian ca. 305 das Martyrium. Wird als Schutzpatron Neapels und der Region Kampanien verehrt; im Dom von Neapel wird eine Blutreliquie von ihm aufbewahrt, die sich an seinem Gedenktag, am Fest der Übertragung seiner Gebeine (am Samstag vor dem 1. Mai) und zuweilen auch an anderen Tagen auf wundersame Weise verflüssigt. Bleibt die Verflüssigung aus, gilt dies als Unheil verheißendes Zeichen.

Freitag, 20. September: Hll. Andreas Kim Tae-gon, Paul Chõng Ha-sang und Gefährten, Märtyrer.  Zusammenfassend auch "Gedenktag der koreanischen Märtyrer" genannt. Ich muss gestehen, ich hatte von der Geschichte des Christentums in Korea bisher nur eine sehr vage Ahnung; jetzt habe ich mir mal im Ökumenischen Heiligenlexikon die Einträge zu Paul Chõng Ha-sang (1795-1839) und  Andreas Kim Tae-gon (1821-1846) angesehen und finde das, was ich dort erfahren habe, äußerst spannend und inspirierend, gerade auch aus #BenOp-Perspektive. Paul Chõng war in einer Zeit, als das Christentum in Korea scharf verfolgt war und keine Priester im Land geduldet wurden, als Laienprediger und Katechet tätig, war daran beteiligt, französische Missionare ins Land zu schleusen, und wurde deswegen in Seoul erhängt. Der eine Generation jüngere Andreas Kim Tae-gon besuchte ein Priesterseminar in Macau, missionierte nach seiner Diakonenweihe heimlich in seiner Heimat und wurde 1845 in Shanghai als erster Koreaner zum Priester geweiht und nach einem Jahr illegaler Tätigkeit in Seoul verhaftet, gefoltert und enthauptet. Mit diesen beiden wurden noch 101 weitere koreanische Christen, die in den Jahren 1839-1867 das Martyrium erlitten, 1984 durch Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.

Samstag, 21. September: Hl. Matthäus, Apostel und Evangelist. War den Evangelien zufolge Zöllner bzw. Steuereinnehmer in Kafarnaum, bevor Jesus ihn zu einem seiner Jünger berief. Laut Papias von Hierapolis erstellte er als erster eine Sammlung von Reden bzw. Aussprüchen Jesu; demnach könnte man spekulieren, die von der bibelkritischen Zweiquellentheorie postulierte "Logienquelle Q" sei das ursprüngliche Matthäusevangelium gewesen und der später unter diesem Namen überlieferte Text eine Kompilation aus diesem, dem Markusevangelium und weiteren Quellen. Aber das nur nebenbei. Über Matthäus' weiteres Leben und seinen Tod gibt es widersprüchliche Überlieferungen.


Aus dem Stundenbuch: 

Ehe die Berge geboren wurden, die Erde entstand und das Weltall, * bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Psalm 90,2



Donnerstag, 12. September 2019

Heuchelei stinkt und Teenager haben feine Nasen

Wie ich hier und da schon erwähnt habe, gibt es in "meiner" Kirche einmal im Monat eine "Jugendmesse". Da sie, anders als die ebenfalls einmal im Monat auf dem Programm stehende "Familienmesse", sonntagsabends stattfindet, gerate ich - bzw. wir, also die Liebste, das Kind und ich - normalerweise gar nicht erst in Versuchung, da hinzugehen, da wir im Normalfall schon morgens in die Messe gehen. Ein paarmal waren wir im Laufe des letzten Jahres aber doch in der Jugendmesse, und zumeist war es hochnotpeinlich, mitzuerleben, was Kirchenmitarbeiter sich unter einer "jugendgerechten" Gottesdienstgestaltung vorstellen. Okay, im Prinzip kenne ich das noch aus meiner eigenen Jugend. Aber dass sich in diesem Bereich seit 30 Jahren nichts Wesentliches geändert hat, gibt schon zu denken -- umso mehr, als ich den Großteil der gängigen Gestaltungselemente auch vor 30 Jahren schon doof fand. Zuweilen habe ich den Verdacht, die eigentliche Zielgruppe von "Jugendmessen" ist eher so um die 60 und möchte sich mal wieder jung fühlen.

Dass wir am vergangenen Sonntag trotzdem zur Jugendmesse gingen, hatte zwei konkrete Gründe, die wohl zu einem gewissen Grad miteinander zusammenhingen. Zum einen bildete diese Messe den Auftakt zu einer Info-Veranstaltung zum Thema Firmvorbereitung, und zum anderen hatte der neue Diakon seinen ersten Auftritt in unserer Gemeinde.


Erst kürzlich war vermeldet worden, dass der Pastoralverbund Reinickendorf-Süd einen Diakon bekommt, und zwar mit einer Viertel-Planstelle, also etwa zehn Stunden pro Woche. Allzu oft wird man ihn demnach wohl nicht zu sehen bekommen, denn der Pastoralverbund ist groß. Dass unser Pfarrer bei der Begrüßung des Diakons anmerkte, mit ihm bekomme Reinickendorf-Süd "endlich wieder pastorale Unterstützung", war vermutlich nett gemeint, aber im Grunde ein Schlag ins Gesicht aller Ehrenamtlichen. (Äh -- Ehrenamtlichen? Wie erfahrene Leser meines Blogs wissen werden, bin ich eigentlich kein Freund dieser Bezeichnung und des dahinterstehenden Konzepts, jedenfalls im Kontext einer Kirchengemeinde. Ich halte die Unterscheidung von Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Gemeinde für ein Übel, das die Umwandlung der sterbenden Volkskirche in eine "Dienstleistungskirche" begünstigt und das es zu überwinden gilt, nämlich zugunsten eines Gemeindeverständnisses, das davon ausgeht, dass jedes Mitglied ein Mitarbeiter ist. Aber solange die Verhältnisse so sind, wie sie nun mal leider sind, kann man wohl auch ihre Begrifflichkeiten verwenden. Auch wenn ich dabei einen gewissen Juckreiz in den Fingerkuppen verspüre.) An jedem Gemeindestandort des Pastoralverbunds gibt es ehrenamtliche Küster, Lektoren und Gottesdienstbeauftragte, Gemeindemitglieder organisieren ehrenamtlich Gebets- und Glaubensgesprächskreise, "Bibelteilen" und dergleichen mehr -- aber was ist das alles schon im Vergleich zu einem Viertel Diakon? Das muss wohl dieser Klerikalismus sein, von dem in letzter Zeit so viel die Rede ist.

Wie dem auch sei: Bei seiner ersten Messe in dieser Kirche trug der neue Diakon nicht nur das Evangelium vor, sondern predigte auch -- und diese Predigt richtete sich in besonderem Maße an die Jugendlichen, die wegen der Firmkurs-Infoveranstaltung gekommen waren. Womit wir beim eigentlichen Thema wären.

Das Evangelium des Sonntags war Lukas 14,25-33 -- eine Perikope, die hierzulande und heutzutage anscheinend so ziemlich jeden Prediger vor die Herausforderung stellt, ihre Aussage nach Kräften herunterzuspielen und zu verharmlosen. Wir hatten jedenfalls schon am Morgen eine Predigt in diesem Sinne gehört, von einem unserer Pfarrvikare. Aber nun ging es ja um den künftigen Firmkurs. War  die Infoveranstaltung womöglich mit Absicht auf den Sonntag gelegt worden, an dem die Leseordnung dieses Evangelium vorsieht? Gewagt! 
"Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
[...]
Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet."
Was hatte unser neuer Diakon nun hierzu zu sagen? Zunächst einmal merkte er an, solche Aussagen könnten ja den Eindruck erwecken, die Botschaft Jesu sei ganz schön "totalitär", "extremistisch", ja "fundamentalistisch". Und genau daran, meinte er, könne man sehen, wie wichtig Theologie sei. Denn ohne theologisches Know-How ließen einem Textstellen wie diese ja nur die Wahl, den Anspruch Jesu entweder als unzumutbar zurückzuweisen oder in religiösen Fanatismus zu verfallen. -- Ach so? Theologie ist also dazu da, die Botschaft Jesu zu verflachen, zu verwässern und zu verharmlosen? Na das erklärt ja Einiges! Erinnert auch ein bisschen an den guten Pastor Kurowski und seine These, zu den Vorzügen des Systems Volkskirche gehöre es, dass es "eine Art Containement [sic] für das Religiöse bietet". Gesegnet sind die Lauen im Glauben, denn sie sollen die volkskirchlichen Institutionen beherrschen. 

Was folgte, war ein Paradebeispiel für historisch-kritische Exegese, wie Hardcore-Evangelikale sie sich vorstellen: die "Leben-Jesu-Forschung" des 19. Jahrhunderts im Gewand eines Trivialromans des 20. Jahrhunderts. Erst einmal das große Panorama von Land und Leuten zur Zeit Jesu: Wie schlecht es den Leuten damals ging, wie viel Armut es da gab (ich glaube, es fiel sogar der Begriff "Arbeitslosigkeit"!), und vor allem habe es den Leuten an Bildung gefehlt. Ja nee, is' klar. In so einem Klima schossen die radikalen Wanderprediger wie Pilze aus dem Boden, und einer von diesen war Jesus -- der sich jedoch von anderen Vertretern dieser Zunft dadurch unterschied, dass Er Gewalt ablehnte. Und genau deswegen sah Er auch voraus, dass viele Seiner Anhänger am Ende von Ihm enttäuscht sein würden. Na, und so weiter halt. Quintessenz: Die Warnungen Jesu in Hinblick darauf, was es bedeute, Ihm nachzufolgen, seien in erster Linie an jene gerichtet, die damals™ mit Ihm durchs Land zogen, und gälten für uns nicht in demselben Maße. Ich musste mehrfach sehr an mich halten, dem Diakon nicht lautstark ins Wort zu fallen. 

Der Schlussteil der Predigt war dann aber, für sich selbst gesehen, überraschenderweise ziemlich gut: Es gehe Jesus darum, den Leuten klar zu machen, sie sollten sich gut überlegen, ob sie wirklich Seine Jünger sein wollen, und sie müssten sich darüber im Klaren sein, worauf sie sich damit einlassen. Und darum gehe es beim Firmkurs ja auch: sich darüber klar zu werden, ob man Jesus nachfolgen wolle. So weit, so gut --- nur dass praktisch alles, was er zuvor gesagt hatte, dieser Aussage geradewegs zuwiderlief. Wenn man den Jugendlichen erklärt "Okay, Jesus sagt zwar, wer Sein Jünger sein will, muss bereit sein, für Ihn alles andere aufzugeben, aber das müsst ihr nicht so ernst nehmen -- es ist völlig ausreichend, wenn ihr neben allem anderen, was euch im Leben wichtig ist, ein bisschen Platz für Jesus reserviert", dann befähigt man sie eben gerade nicht zu einer verantwortlichen Entscheidung darüber, ob sie Jesus nachfolgen wollen; dann lässt man sie gezielt im Unklaren darüber, worauf sie sich mit einer solchen Entscheidung einlassen. 

Zu der Infoveranstaltung im Anschluss an die Messe lud unser Pfarrer ausdrücklich alle ein, die "sich für das Thema Firmung interessieren"; das galt in gewissem Sinne auch für uns, also gingen wir da auch hin. "Ziemlich viele typische Schulgesichter hier" raunte meine Liebste, immerhin Lehrerin an einem Oberstufenzentrum, mir zu. Ich verstand zunächst nicht ganz, was sie meinte, also präzisierte sie: "So sehen Schüler aus, wenn sie im Unterricht in einem Fach sitzen, das sie nicht besonders interessiert, aber wenigstens so tun wollen, als würden sie dem Unterricht folgen. -- Daran kannst du übrigens sehen, wie nett und gutwillig die meisten Jugendlichen sind." 
"Du meinst, weil sie das überhaupt mitmachen?" 
"Ja." 

Was man bei dieser von der Gemeindereferentin geleiteten Infoveranstaltung über den bevorstehenden Firmkurs erfuhr, unterstrich im Großen und Ganzen den Eindruck von Widersprüchlichkeit, Halbherzigkeit und greifbarer Unehrlichkeit, den die Predigt auf mich gemacht hatte; anders ausgedrückt: den Eindruck, dass man den künftigen Firmlingen lediglich eine homöopathisch verdünnte Version von "Nachfolge Christi" anzubieten wagt. Nur mal ein Beispiel: Die angehenden Firmlinge erhalten eine Stempelkarte, auf der sie sich eine Mindestanzahl an Gottesdienstbesuchen quittieren lassen können/sollen/müssen. Abgesehen von Weihnachten, Ostern und einer Kreuzwegandacht in der Fastenzeit werden während der gesamten Dauer des Firmkurses ganze sieben Gottesdienstbesuche von den Jugendlichen erwartet. Durch die verpflichtende Teilnahme an je einer Wochenend-Exkursion zum Beginn und zum Abschluss des Kurses sind zwei Gottesdienstteilnahmen bereits abgedeckt, bleiben also noch fünf. Der Firmkurs beginnt Anfang November, der Termin für die Firmung ist Ende August, das ergibt einen Zeitraum von knapp zehn Monaten. Man mutet den Jugendlichen also zu, jeden zweiten Monat einmal in die Kirche zu gehen. Erzählt jemand diesen Jugendlichen, dass es eine Sonntagspflicht gibt -- dass sie, wenn sie an einem Sonntag oder gebotenen Feiertag absichtlich nicht zur Messe gehen, obwohl sie die Möglichkeit dazu hätten, eine schwere Sünde begehen, die sie beichten müssen, bevor sie das nächste Mal zur Kommunion gehen? -- Mir ist klar, dass manch ein Leser mich an dieser Stelle sehr rigide und regelfixiert finden wird; insofern ist das Beispiel vielleicht unglücklich gewählt, aber ich halte es dennoch für recht bezeichnend. Ich würde sagen, es liegt auf der Hand, dass die Einhaltung der Sonntagspflicht nicht disziplinarisch "erzwungen" werden kann, und ich würde auch nichts davon halten, das zu versuchen. Jeden Sonntag zur Messe zu gehen ist etwas, was man wollen muss. Aber vermittelt den jungen Leuten irgendwer, dass und warum sie so etwas wollen sollten oder könnten? Und wenn nicht, wirft irgendjemand mal die Frage auf, warum man sich überhaupt firmen lassen sollte, wenn man den Messbesuch nur als lästige Pflicht betrachtet?

Statt sich mit solchen Fragen herumzuschlagen, versucht man in der handelsüblichen Firmkatechese, den Jugendlichen die Nachfolge Christi möglichst billig zu verkaufen. Der Haken an der Sache ist: Teenager sind nicht zwangsläufig blöd. Und insbesondere haben sie oft ein sehr waches Gespür dafür, wenn jemand nicht ehrlich zu ihnen ist oder sie für dumm verkaufen will. Wenn man ihnen einerseits das Evangelium Jesu Christi nahe bringen will und ihnen andererseits durch die Blume zu verstehen gibt, sie müssten, sollten oder dürften das alles nicht so ernst nehmen, was sollen sie denn anderes daraus schließen als dass ihre Katecheten selbst nicht glauben, was sie erzählen? Und so verfestigt sich in den Köpfen der jungen Leute die Auffassung, der ganze Firmkurs - und erst recht die Firmung selbst - sei lediglich eine Konvention, die auf der unausgesprochenen Übereinkunft beruht, dass alle Beteiligten so tun als ob.

Ich habe es schon öfter gesagt, aber sei's drum: Bei diesem System der Firmvorbereitung ist es kein Wunder, dass die große Mehrheit der Jugendlichen nach der Firmung auf Nimmerwiedersehen aus der Kirche verschwindet; ein Wunder wäre es vielmehr, wenn es anders wäre. Ich möchte sogar behaupten, das ganze System der Firmvorbereitung ist darauf ausgelegt, genau dieses Ergebnis zu erzielen. Es funktioniert von vornherein nur, weil die Jugendlichen durch die Schule bereits dazu konditioniert worden sind, das zu tun, was von ihnen erwartet wird -- und nur das. Nach der Firmung wird aber nichts mehr von ihnen erwartet, und entsprechend verhalten sie sich dann auch.

Was kann man nun also tun, um dieser schädlichen Routine Sand ins Getriebe zu streuen? Nun, meine Liebste und ich werden uns bemühen, die Firmkurs-Teilnehmer für unsere Aktivitäten in der Gemeinde zu interessieren bzw. sie, wenn möglich, in diese einzubeziehen; meine Liebste wird wohl erneut ein eigenes Firmkurs-"Modul" anbieten, und vielleicht mache ich auch eins -- nämlich eines, das methodisch vor allem auf "paradoxe Intervention" setzt und für das mir jüngst, während ich mit meiner Tochter ein Bilderbuch anschaute, der Arbeitstitel "Der  Schatz im Acker - Jesus erzählt vom Reich Gottes" in den Sinn gekommen ist.

Derweil bin ich mir noch unsicher, was ich von dem neuen Diakon halten soll. Unsympathisch ist er mir auf den ersten Blick eigentlich nicht -- was allerdings nicht viel zu bedeuten hat: Ich bin eigentlich immer gern bereit, Leuten erst einmal mit einem Vorschuss an Sympathie zu begegnen. Natürlich gibt es Leute, mit denen ich einfach "nicht kann", wo "die Chemie nicht stimmt", aber das sind - innerhalb der Pfarrei wie auch im sonstigen Leben - nicht unbedingt die, mit denen ich inhaltlich die größten Differenzen habe. Was nun den neuen Diakon betrifft, gilt für ihn ähnlich wie  für unseren Pfarrer, unsere Gemeindereferentin und unseren hauptamtlichen Kirchenmusiker, dass ich ihn eigentlich gern mögen möchte; und vor allem möchte ich gern glauben, dass er eigentlich gute Absichten und das Herz auf dem rechten Fleck hat, dass ihm lediglich im Studium oder in seiner Ausbildung zum Diakon der Kopf mit falscher Theologie vollgestopft und sein Engagement in Richtung einer sozialverträglichen Zivilreligion verbogen worden ist, dass man ihn aber mit ein bisschen Mühe und dem Beistand des Heiligen Geistes wieder geradegebogen kriegen kann. -- Und wenn nicht? Wenn er doch ein in der Wolle gefärbter Apparatschik der kommenden deutschsynodalen Unkirche ist? Na meine Güte -- wie viel Schaden kann er schon anrichten mit einer Viertel-Planstelle für den ganzen Pastoralen Raum?

Wahrscheinlich sollte man ihn erst mal zum Essen einladen. Und dann weitersehen.



Dienstag, 10. September 2019

Kinder brauchen christliche Helden!

Eine - laut Selbstauskunft - "langjährige Mitleserin und Nicht-mehr-Katholikin" ist mit der folgenden Anfrage an mich herangetreten: 
"Ich unterrichte dieses Jahre eine 9. Klasse in Geschichte und möchte die Klasse gerne Porträts von Menschen erarbeiten und vorstellen lassen, die im 19. und 20. Jh. in einem Bereich vorbildhaft gewirkt haben. Dies in der geheimen Hoffnung, dass sie trotz ihrer Geschichtsvergessenheit in Notfällen eventuell auf eine/n der Porträtierten als Inspiration zurückgreifen können ("What would...Rosa Parks do?"). Ich hätte gerne ein paar dezidiert christliche Held/innen auf meiner Liste, mir fallen aber nur die üblichen Verdächtigen ein (Mutter Teresa - Sophie Scholl - Maximilian Kolbe - Don Bosco).
[...] 
[I]ch wäre sehr dankbar für weitere Tipps für dezidiert christliche/katholische Persönlichkeiten, die ich meinen Schüler/innen vorstellen könnte. Es sollten Menschen sein, deren Glaube Basis für ihr gesellschaftliches/politisches/wissenschaftliches/literarisches Engagement war, von denen 15-jährige etwas lernen könnten und die für sie interessant sein könnten." 
Dieses Anliegen unterstütze ich sehr gern -- zumal es mich an eine Passage aus der "Benedikt-Option" erinnert. Dort wird Marco Sermarini, der Leiter einer italienischen katholischen Laien-Kommunität (den ich leider immer noch nicht persönlich kennengelernt habe, den Rod Dreher aber immer wieder als Vorbild für die praktische Umsetzung der #BenOp ins alltägliche Leben herausstellt), mit der Aussage zitiert: "Christliche Kinder brauchen christliche Helden [...]. Sie müssen erfahren, dass es kein unmöglicher Traum ist, Jesus radikal nachzufolgen" (S. 202 / Paperback S. 214).

Bildquelle: Flickr

Die oben genannten "üblichen Verdächtigen" sind in dieser Hinsicht ja schon mal eine gute Auswahl, aber natürlich bin ich gern dafür zu haben, diese Liste um einige Namen zu erweitern, wie z.B.: 
So, ich denke mal, sieben ist eine ganz gute Zahl, daher mache ich hier erst mal einen Punkt. Aber natürlich würde ich mich freuen - und die Anfragestellerin sicherlich auch! - wenn Ihr, liebe Leser, im Kommentarfeld weitere Anregungen hinterlasst. Ich bin gespannt!


Montag, 9. September 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (23. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Wie berichtet, landete ich am Montag in aller Frühe in Zürich und fuhr von dort aus mit der Bahn weiter nach St. Gallen, wo mich der Pfarrer von Lustenau (Vorarlberg), Thomas Sauter, mit dem Auto abholte. In Lustenau wurde ich im Hotel "Krönele" untergebracht, wo ich fast unmittelbar nach meiner Ankunft mit Rod Dreher zusammentraf. Obwohl dies erst unsere zweite "Real Life"-Begegnung war  und die erste über zwei Jahre zurücklag, fühlte es sich an wie ein Wiedersehen unter alten Freunden. Zum Mittagessen wurden wir vom Pfarrer und einem jungen Mann aus seiner Gemeinde abgeholt, der bei der Veranstaltung am Abend die Publikumsdiskussion moderieren sollte; wir fuhren über die Schweizer Grenze nach Berneck zum Gasthaus Ochsen, denn "da ist das Fleisch besser", versicherte uns Pfarrer Thomas. "Und teurer!", warf sein junger Mitarbeiter ein. (Das Fleisch war wirklich ausgezeichnet.) Über den Montagabend in Lustenau müsste ich eigentlich an anderer Stelle ausführlicher berichten; so viel sei aber doch verraten, dass ich von Pfarrer Tomas Sauters Predigt in der Abendmesse ausgesprochen bewegt war und dass Rods Vortrag, bei dem ich als Übersetzer agierte, sehr gut besucht war und, soweit man es von der Bühne herab beurteilen konnte, beim Publikum überwiegend positiv aufgenommen wurde. Anschließend saßen wir noch eine ganze Weile mit einigen Besuchern des Vortrags - darunter drei reformierten Pastoren aus der Schweiz - in der eigentlich montags geschlossenen Hotelbar und tranken Bier, das uns die nette Dame von der Rezeption trotzdem zapfte. Am nächsten Morgen flog ich zurück nach Berlin und hatte dabei den gänzlich unzeitgemäßen, geradezu politisch inkorrekten Gedanken, das Fliegen sei eigentlich eine sehr angenehme Art zu reisen, besonders wenn man nur Handgepäck bei dich hat. -- Das "Dinner mit Gott" am Mittwoch war - zum Teil bedingt durch ein paar kurzfristige Absagen, aber wohl auch, weil wir keine Zeit gehabt hatten, groß die Werbetrommel zu rühren - eines der am schwächsten besuchten in der Geschichte dieses Veranstaltungsformats, aber ein schöner Abend war es trotzdem; Quantität ist schließlich nicht alles. Am Donnerstag ließen wir erneut beide Veranstaltungen sausen, die wir zur Auswahl gehabt hätten; am Freitag besorgte meine Liebste nach der Arbeit einen "neuen" (gebrauchten) Kinderwagen, und dann begegneten wir unserem nigerianischen Pfarrvikar, der gerade auf dem Weg zur Abendmesse war. Kurzentschlossen gingen wir daraufhin ebenfalls zur Messe - schließlich war Herz-Jesu-Freitag. Ich übernahm die Lesung, meine Liebste die Fürbitten, und gemeinsam gingen wir der Küsterin zur Hand, die nämlich einen Arm im Gips trug. Irgendwie, ich kann's nicht anders sagen, wirkte diese Messe auf anrührende und schöne Weise familiär und improvisiert. Ein bisschen wie Untergrundkirche eben. So könnt's von mir aus öfter sein. Am Samstag machten meine Liebste und das Kind zusammen mit den Omas einen Ausflug zum Musikfest am Kulturbahnhof Biesenthal, derweil ich zu Hause blieb, um mal ein bisschen Zeit und Ruhe zum Schreiben zu haben. Zwischendurch machte ich allerdings einen Abstecher zum Franz-Neumann-Platz, wo die christliche Suchthilfe-Initiative "Teen Challenge" ihr 49jähriges Bestehen in Berlin feierte, aus welchem Anlass die beiden Lobpreismusiker Jörg Hausmann und Thilo Teschendorf ein Konzert gaben. -- Am Sonntagabend war in unserer Pfarrkirche , wie jeden zweiten Sonntag im Monat, "Jugendmesse", da gingen wir hin, weil im Anschluss "Firm-Informations-Treff" (FIT) war. Die Messe war noch schlimmer als sonst, insbesondere die Predigt des neuen Diakons regte mich auf --- darüber werde ich mich womöglich noch mal separat äußern müssen; aber bei der anschließenden Infoveranstaltung für den künftigen Firmkurs zeigte sich, dass die angehenden Firmlinge ganz entzückende junge Leute zu sein scheinen, und das überzeugte mich, nicht unnötig Porzellan zu zerschlagen, eine freundliche und kooperative Miene aufzusetzen und zu versuchen, das Beste draus zu machen
Mal sehen, in welchem Umfang meine Liebste und ich uns in den Firmkurs "einbringen" können. Möglichkeiten scheint es einige zu geben. Aber wie gesagt, mehr dazu wohl an anderer Stelle. 

Gestalteter Tisch statt gestalteter Mitte 

Was ansteht: Beinahe hätte ich es verpeilt: Heute ist International Buy A Priest A Beer Day! Diesen Tag gilt es zünftig zu zelebrieren. Ich wüsste schon, welchen Priester ich am liebsten auf ein Bier einladen würde, aber vielleicht wäre es auch ein gutes Werk, die Einladung an jemanden zu richten, der auf der eigenen Favoritenliste nicht ganz so weit oben steht. Mal sehen. Schade ist, dass der wunderbare Falafelmann montags Ruhetag hat; da hätte man sonst prima hingehen und gegebenenfalls zum Bier noch etwas essen können... Davon abgesehen erweckt der Blick in meinen Terminkalender den Eindruck, es stünde eine vergleichsweise ruhige erste Wochenhälfte bevor, aber das hat sich schon öfter als Irrtum erwiesen -- warten wir's mal ab. Am Donnerstag ist "Mariä Namen", außerdem aber auch Community Networking Night im Baumhaus und, wie es scheint, ausnahmsweise mal keine damit konkurrierende andere Veranstaltung; vielleicht schaffen wir's also mal wieder dorthin. Am Freitag tagt nach Anbetung und Abendmesse der Lokalausschuss Herz Jesu Tegel, da könnte es durchaus interessante Tagesordnungspunkte geben. Am Samstag, dem Fest Kreuzerhöhung, sieht der Zelebrationsplan meiner Pfarrei keine besondere Messe vor, stattdessen gehe ich vielleicht in die Buchhandlung Moritzplatz, wo Emma Braslavsky ihren neuen Roman "Die Nacht war bleich, die Lichter blinken" vorstellt. Mit der Autorin hatte ich vor Jahren mal eine gemeinsame Veranstaltung auf einem Segelschiff auf der Weser, ich fand sie enorm sympathisch, habe außerdem ihre beiden ersten Romane "Aus dem Sinn" (2007) und "Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik" (2008) gelesen und fand beide ganz großartig. In dem neuen Buch soll es, soweit ich es mitbekommen habe, um Transhumanismus und Cyborgs gehen, ein bisschen à la "Blade Runner". Auch wenn ich es nicht zu der Veranstaltung schaffen sollte, erwäge ich, beim Verlag nach einem Rezensionsexemplar zu fragen. -- Und am Sonntag ist in unserer Pfarrkirche Familienmesse, normalerweise ein Grund, lieber woanders zur Kirche zu gehen, aber diesmal werden dort die angehenden Erstkommunionkinder vorgestellt -- was zwar einerseits besonders schlimm zu werden verspricht, aber andererseits eben doch auch wichtig ist, wenn man an den Geschicken der Gemeinde Anteil nimmt. Nachmittags ist außerdem "Ökumenischer Waldgottesdienst" im Tegeler Forst; da waren wir letztes Jahr schon, und es war ausgesprochen bizarr. Mal sehen, ob wir uns das erneut antun. 


aktuelle Lektüre: Zunächst einmal gibt es hier einen schmerzlichen Verlust zu beklagen, denn am Dienstagabend habe ich aus Müdigkeit und Schusseligkeit meinen getreuen Leinentuchbeutel auf dem Kinderspielplatz vergessen, und als ich - weniger als eine halbe Stunde später - dorthin zurückging, war er nicht mehr da. Geklaut? Der hypothetische Dieb wird nicht viel Freude daran haben, denn abgesehen von einer kleinen Bluetooth-Lautsprecherbox (Ladenpreis: 7 Euro) waren nur Schreibzeug und Flyer darin --- und das Buch "So stark wie das Leben" von Francine Rivers, in dem ich noch gut 160 Seiten zu lesen gehabt hätte. Ein umso schwererer Verlust, als das Buch praktisch nirgends mehr erhältlich zu sein scheint, abgesehen von einem signierten Exemplar, das online zu einem horrenden Preis angeboten wird. Okay, die originalsprachliche Fassung gibt's als eBook. Ich werde es erwägen. Schließlich will ich wenigstens wissen, wie es ausgeht. 

Die anderen vier Bücher, an denen ich in der vergangenen Woche noch "dran" war, habe ich "just in time" fertig gekriegt. Was "Panter, Tiger & Co" von Kurt Tucholsky angeht, hat sich gezeigt, dass meine Liebste eine neuere Ausgabe (andere Schrifttype, etwas größeres Format) in ihrem Regal stehen hat; dem Büchereiprojekt spenden möchte ich das auf einer meiner Büchertouren aufgerissene Exemplar aber doch nicht, dafür steht neben einigen guten bis sehr guten Einzelbeiträgen dann doch zu viel Fragwürdiges drin. Zudem findet man die Texte ja bei Bedarf sowieso online. Angemerkt sei aber auf jeden Fall, dass man etwa "Ein Kind aus meiner Klasse" (Peter Panter, 1925) zumindest auszugsweise noch heute als Generalabrechnung mit dem staatlichen Schulwesen brauchbar wäre; sehr schön zu lesen ist auch "Hitler und Goethe. Ein Schulaufsatz" (Kaspar Hauser, 1932). Unter der Überschrift "Das A-B-C des Angeklagten" sind einige Texte versammelt, die ich auch schon in dem Auswahlband "Politische Justiz" gelesen hatte, die meisten davon tragen den Verfassernamen "Ignaz Wrobel". Die überwiegend unter dem Pseudonym "Kaspar Hauser" erstveröffentlichten Texte, die in dem Abschnitt "Der Mann am Spiegel" versammelt sind, sind von einer solchen Weltverdrossenheit und Lebensverachtung geprägt - und darin übrigens ganz unpolitisch - dass ich unwillkürlich denken musste: Kein Wunder, dass der sich am Ende umgebracht hat. In letzter Konsequenz waren daran nicht die Nazis schuld, sondern sein Atheismus. Und kommt mir jetzt nicht mit irgendwelchen Hypothesen darüber, dass er die Überdosis Schlaftabletten auch versehentlich eingenommen haben könnte.

Wie ich wohl schon mehrfach angemerkt habe, ist auch "Ein Yankee in der Mark" von Joachim Seyppel nicht frei von ideologischen Ärgerlichkeiten, aber das Buch ist so herrlich skurril und außerdem allem Anschein nach eine Art Rarität, dass ich ihm - bzw. seinem Autor - so einiges verzeihe. Zumal es immer wieder auch sehr denkwürdige Passagen gibt. Bei der Schilderung der beiden LPGs Großzerlang (Typ I) und Kleinzerlang (Typ III) in der Prignitz fühlte ich mich stark an den Nebenhandlungsstrang von "Spur der Steine" erinnert; sehr schön ist Seyppels Fazit zu diesem Thema: 
"Was, nun endlich, ist denn eine LPG? [...] Ein Komplex aus Wetter, Mathematik, Rationalität, Schwierigkeiten, Agrochemie, Sommerfrischenkonkurrenz, Ministeriumsplanung, Landflucht, Technologie, Menschen und Tieren, Chronik und Futurologie und vor allem dem unabdingbaren Heute, dem hic et nunc, sei es auf dem fetten Oderbruchboden oder dem mageren der prignitzschen Streusanddose." (S. 266) 
Unter der Überschrift "Leitsätze zum Wald" liest man zudem Manches, was den Anschein erwecken könnte, an dem bekennenden Sozialisten Seyppel sei eigentlich ein "Crunchy Con" verlorengegangen: 
"Urwald ist der Wald, der sich selber erhält; erst der Eingriff des Menschen zerstört die Balance von Aufbau und Zerstörung. Da ist der Urmensch von Anfang an gefährdeter.
[...] Im Urwald gingen weder ganze Pflanzenfamilien durch Insektenarten ein, noch war es nötig, ganze Insektenarten durch künstliche Einwirkung zu vernichten. Jetzt muß der Mensch gewisse Wirkungen, die er selber hervorgebracht hat, durch neue Ursachen rückgängig machen, was wir für Fortschritt halten.
[...] Unser Wald wurde vor hundert und mehr Jahren von unseren Vorvätern angepflanzt, der Wald unserer Urenkel muß von uns angepflanzt werden. Natur als Planwirtschaft." (S.257) 
-- Der letzte Satz ist natürlich ein Witz. Wie auch immer, ich fälle hier und jetzt eine einsame Entscheidung: "Ein Yankee in der Mark" wird in den Büchereibestand aufgenommen, mit Stempel, basta! 

Mein Gesamteindruck von Christy Browns "Mein linker Fuß" ist zwiespältig. Im Kapitel "Die Schreibfeder" schildert der Autor, wie er im Alter von 18 Jahren einen ersten Anlauf nimmt, seine Autobiographie zu schreiben -- und zwar im Stil von Charles Dickens, weil das der Autor ist,  von dem er bisher am meisten gelesen hat, und er folgerichtig annimmt, so müsste "Literatur" aussehen. Er zitiert einige Auszüge aus diesem ersten Entwurf, und ich muss sagen, ich finde sie entzückend. Fast würde ich mir wünschen, er hätte diese Version fertiggestellt und veröffentlicht. Aber dann kommt sein Arzt und bringt ihm bei, "zeitgemäße", "moderne" Prosa zu schreiben, und dieser Arzt ist kein anderer als Robert Collis, der auch das Vor- und Nachwort zu dem Buch verfasst hat und der mir schon im Vorwort instinktiv unsympathisch war. Christy Browns Professor Higgins, gewissermaßen. Immerhin bin ich, als ich der Frage "Was ist eigentlich dieser Robert Collis für einer?" nachgegangen bin, auf seinen Zwillingsbruder John Stewart Collis aufmerksam geworden, der ein Buch über Landwirtschaft und Ökologie mit dem entzückenden Titel "The Worm Forgives the Plough" geschrieben hat. Das gibt's als eBook. Sollte ich vielleicht auf meine Leseliste setzen. Aber erst für die Zeit nach Weihnachten. Mein abschließendes Urteil über "Mein linker Fuß" lautet derweil: Nicht schlecht, reißt mich aber nicht wirklich vom Hocker. Man kann es ruhig ins Büchereiregal stellen, aber nur vorläufig -- nur so lange, bis der Platz für etwas Besseres benötigt wird.

Zu John Fischers "Und Gott schuf Ben" nur soviel: Am Ende habe ich geweint. Also, fast. Ich hatte jedenfalls Tränen in den Augen. Ein sehr schönes Buch, auch wenn es mir (wofür es im Grunde nichts kann) einen hartnäckigen Ohrwurm eingebracht hat, nämlich das Michael-Jackson-Frühwerk "Ben". Ja, ich weiß, in dem Song geht es um eine Ratte. Im Buch nicht. Das Buch hat sich den Büchereistempel redlich verdient.

Heute oder spätestens morgen fange ich mit "Die Zeit des Feuers" von Heike Behrend an; das ist nicht, wie der Titel vermuten lassen könnte, ein Fantasy-Roman, sondern eine ethnographische Studie über das Volk der Tugen in Ostafrika. Als nächstes stehen dann "Manhattan Transfer" von John Dos Passos, Dorothy Days Autobiographie "The Long Loneliness" sowie "Ein Garten liegt verschwiegen" von Mely Kiyak, ein Büchlein über den Klostergarten der Fuldaer Benediktinerinnen, auf meiner Leseliste. Die Abteilung "zeitgenössische Trivialliteratur" wird vertreten durch "Obsession" von Simon Beckett. Das hatte ich vor Jahren mal als Hörbuch. Ich weiß also, wie es ausgeht, und das sollte mich davor bewahren, es aus lauter Spannung auf den Ausgang unkritisch zu verschlingen.


Linktipps: 
Nanu: Schon wieder ein Artikel von häretisch.de in den Linktipps? Ja, aber es ist nicht so, wie Du denkst, Leser. Dieser Beitrag aus der berüchtigten "Standpunkt"-Rubrik ist schlechterdings ein MUST-READ für alle, die womöglich noch im Zweifel darüber sind, wo das Medienportal der Firma APG, nun ja, steht. Zwar liest man am Fuß der Seite wie üblich "Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion [...] wider", aber das darf man als reine Formalität betrachten, schließlich ist Odendahl "Chef vom Dienst" des Portals. Nachdem erst neulich dem postchristlichen Freiburger Theologen Magnus Striet weidlich Raum gegeben wurde, sein Unverständnis darüber darzulegen, was diese Neuevangelisation eigentlich sein solle, nimmt nun also Odendahl die Forderung unter die Lupe, beim künftigen "Synodalen Weg" nicht nur über "Macht, Sexualmoral, Zölibat und die Rolle der Frau in der Kirche" zu sprechen, sondern eben auch über Neuevangelisierung. Und was meint er dazu? 
"Schließlich erscheinen die allzu weltlichen Strukturfragen - egal ob Zölibat oder Frauenweihe - als beinahe unbedeutend, rückt man das fast schon prophetische Verkünden des Wortes Gottes in den Fokus der Aufmerksamkeit." 
Hat er Recht, oder? Ich muss sagen, ich war verblüfft über diese Einsicht. Aber welchen Schluss zieht Odendahl daraus? Man halte sich fest: Er meint, genau deshalb müsse man das Thema Neuevangelisation tunlichst aus dem synodalen Prozess 'raushalten, damit man sich ungestört mit Strukturfragen befassen könne. Wem sich hier die Frage "Ist der doof?" aufdrängt, dem kann man im Grunde nur antworten: Entweder das, oder er hält seine Leser für doof -- wahrscheinlich aber beides. Aber wenn's nur das wäre, wär's ja harmlos. Im Grunde möchte man fast dankbar sein, dass er sich gar nicht erst die Mühe macht, seine wahren Absichten zu verbergen -- oder die Absichten derer, in deren Auftrag er schreibt. Das sind nämlich offenkundig jene Vertreter bzw. Gehaltsempfänger des institutionellen Apparats der Kirche, die in der gegenwärtigen Kirchenkrise in erster Linie eine Krise der Institution sehen, die um ihre Jobs oder um die Budgets ihrer Abteilungen fürchten und die deshalb erpicht darauf sind, die Strukturen der Kirche zu "modernisieren"; Glaube und dergleichen Kinkerlitzchen sind dafür eher hinderlich

Die deutsche Fassung eines bereits im Juli im Crisis Magazine erschienenen Essays; wer es lieber im Original lesen möchte: bittesehr. Der Autor, ein Literaturwissenschaftler, der - nebenbei bemerkt - auch im Hochschul-Kapitel der "Benedikt-Option" zu Wort kommt, schildert hier zunächst, wie er zusammen mit seiner Frau ein ehemaliges Pfarrhaus aus viktorianischer Zeit als Sommerhaus instandsetzt, und geht dann ausgiebig auf den Inhalt eines Buches aus dem Besitz des Pfarrers ein, der dieses Haus früher bewohnt hat: "Talking to Teenagers" von F.H. Drinkwater. Die Erwähnung der Renovierungsarbeiten hat aber nicht nur einleitende Funktion. Esolen beschreibt den Leitgedanken seiner Arbeit am Haus als "Denovation": als das "Entfernen wertloser oder banaler oder hässlicher Dinge, die einst als neu begrüßt worden", wie beispielsweise eines Linoleum-Fußbodenbelags, unter dem ein wertvoller alter Holzfußboden zum Vorschein kommt. Natürlich hat diese Schilderung eine metaphorische Dimension. Ebenso betrachtet Esolen auch den von unerschütterlicher Rechtgläubigkeit, gesundem Menschenverstand und praktischem Realitätssinn geprägten Jugendpastoral-Ansatz von Drinkwater als einen Schatz, der von modischen, aber billigen und geschmacklosen Neuerungen überdeckt worden ist. -- Man könnte kritisieren, Esolens Perspektive sei rein rückwärtsgewandt, ja nostalgisch, aber ich zumindest verstehe den Text nicht so; es geht nicht darum und kann nicht darum gehen, einen früheren Zustand eins zu eins wiederherzustellen -- weder im Haus noch in der Gesellschaft, sei es der Zustand von "vor '68" oder ein noch früherer. Davon, dass früher™ auch nicht "alles besser" war, geben gerade die Zitate aus Drinkwaters Buch beredtes Zeugnis ab. Hingegen sehe ich in Esolens Artikel ein starkes Plädoyer dafür, aus dem reichen Fundus von Tradition und Erfahrung Wertvolles und Nützliches für Gegenwart und Zukunft zu schöpfen; Wertvolleres und Nützlicheres womöglich als so Manches, was uns zu seiner Zeit als Innovation verkauft wurde,  wo inzwischen aber auch der Lack ab ist. (Also beispielsweise NGL, "Schweizer Hochgebete" und Altarbilder im Stil von Sieger Köder, auch wenn Esolen das nun nicht unbedingt gemeint hat.) 


Heilige der Woche:

Heute, Montag, 09. September: Hl. Petrus Claver (1580-1654), Ordenspriester und Missionar. Gebürtiger Spanier, trat 1602 in den Jesuitenorden ein und war ab 1610 im heutigen Kolumbien tätig, wo er sich vor allem der seelsorgerischen und auch medizinischen Betreuung der aus Afrika eingeführten Sklaven widmete. Wird als Nationalheiliger Kolumbiens und "Patron der Menschenrechte" verehrt. 

Freitag, 13. September: Hl. Johannes Chrysostomos (ca. 344-407), Bischof, Kirchenvater. Ab 398 Patriarch von Konstantinopel, starb in der Verbannung. Gilt als einer der bedeutendsten Prediger der Kirchengeschichte  sowie als Urheber der bis heute gebräuchlichen Liturgie der Eucharistiefeier im byzantinischen Ritus.


Aus dem Stundenbuch: 

Singt dem Herrn und preist seinen Namen, * verkündet sein Heil von Tag zu Tag! (Psalm 96,2)