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Dienstag, 21. August 2018

Ich glaub, ich steh im Wald...

Neulich schilderte ein ungenannter Pfarrer der Evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau via Twitter einige Eindrücke von einem Gemeindefest, und das gipfelte in der faszinierend ekelerregenden Formulierung: „Jeder gehört dazu, egal wie häufig man von Kirche Gebrauch macht.“ Ächz. Mich erinnerte das spontan an eine Maxime des alten Ben Franklin, die da lautete: „Gebrauche die Sexualität selten und nur um der Gesundheit oder Nachkommen willen“. Alasdair MacIntyre merkte zu Recht an, das sei „offensichtlich nicht das, was frühere Autoren unter 'Keuschheit' verstanden“, und D.H. Lawrence formulierte als Entgegnung auf diese Maxime Franklins sogar: „Gebrauche die Sexualität nie“. Sexualität ist weder Klopapier noch Zahnseide, und die Kirche ebenso wenig. Zumindest sollte sie es nicht darauf anlegen, das zu sein.

Dies nur mal so als Einstimmung darauf, dass ich meine geschätzten Leser heute mal wieder mit einem Bericht „von der Front“ beglücken möchte, sprich: aus der tagtäglichen pastoralen Praxis in den Ortsgemeinden. Konkret und primär natürlich meiner eigenen. Und statt lange zu erwägen, wie ich die erfreulichen, die weniger erfreulichen und die ausgesprochen ärgerlichen Eindrücke der vergangenen Woche am besten sortiere und gewichte, gehe ich einfach mal in chronologischer Reihenfolge vor; da ergibt sich nämlich wie von selbst eine ganz interessante Dramaturgie.

Wohlan denn! – Zu den Dingen, die ich an der mehr oder weniger vor meiner Haustür beheimateten Pfarrkirche besonders schätze, gehört es, dass dort jeden Mittwochabend die Vesper gebetet wird. Genauer gesagt, zu bestimmten Zeiten des Jahres wird die Vesper durch andere Andachten ersetzt – im Mai Maiandachten, im Oktober Rosenkranzandachten, in der Fastenzeit Kreuzwegandachten, übrigens in wöchentlichem Wechsel gestaltet von den verschiedenen Gemeindekreisen – aber irgendeine Andacht ist am Mittwochabend jedenfalls immer, und wenn ich sage, dass ich das besonders schätze, muss ich gleichzeitig einräumen, dass ich trotzdem kaum öfter als einmal im Monat daran teilnehme. Da ist, wie überhaupt insgesamt im Bereich der religiösen Praxis, bei mir noch beträchtlich Luft nach oben.

Nun war am vergangenen Mittwoch ja Mariä Himmelfahrt, aber eine Heilige Messe anlässlich dieses bedeutenden Hochfests wurde nur in denjenigen Kirchen unseres (offiziell noch nicht eröffneten, de facto aber bereits bestehenden) „Pastoralen Raums“ gefeiert, in denen mittwochs sowieso Werktagsmessen auf dem Programm stehen. „Bei uns“ also nicht. Am Dienstag schickte mir jedoch der Küster unserer Pfarrkirche eine elektronische Nachricht: Einer unserer Pfarrvikare wolle, wenn es an diesem Standort schon keine Messe gebe, wenigstens die Vesper umfangreicher und feierlicher gestalten als sonst, und dafür brauche er nun einen Lektor. Ob ich das übernehmen könne. Aber hallo!

Der betreffende Pfarrvikar stammt aus Nigeria und ist erst seit Oktober letzten Jahres in unserer Pfarrei; und meine Frau und ich empfinden ihn als eine große Bereicherung. Gerade auf liturgischem Gebiet. Auch persönlich mögen wir ihn sehr gern, und die Idee einer besonders feierlichen Vesper zu Mariä Himmelfahrt wollten wir gern unterstützen. Also fanden wir uns am Mittwoch einige Zeit vor der Beginn der Vesper, mit dem Baby im Kinderwagen, in der Sakristei ein. Der Plan des Vikars sah vor, die Vesper zu einem Wortgottesdienst mit anschließender Aussetzung des Allerheiligsten und Eucharistischem Segen auszubauen. Meine Frau und ich teilten das Vorbeten der Psalmen, das Responsorium und die Fürbitten untereinander auf, ich trug die 1. Lesung vom Tage (Offb11,19a; 12,1-6a.10ab) vor und der Vikar das Evangelium (Lk 1,39-56); eine kurze Predigt hielt er auch. Außer uns fanden sich nur ziemlich wenige Gemeindemitglieder ein, aber auf jeden Fall war es eine schöne, würdige Feier.


Am Sonntag darauf war in unserer Pfarrkirche „Familiengottesdienst“, wie immer am dritten Sonntag des jeweiligen Monats, nur im Juli hatte das Gestaltungsteam pausiert, wegen der Sommerferien. – Regelmäßige Leser meines Blogs werden vermutlich schon mal mitbekommen haben, dass ich zu der Form mehr oder weniger religionspädagogisch angestrichener Kinderbespaßung, die einem handelsüblich als „Familiengottesdienst“ aufgetischt wird, schon seit meiner eigenen Kindheit ein zutiefst angespanntes Verhältnis habe; und die regelmäßigen Familiengottesdienste in unserer jetzigen Gemeinde sind nicht unbedingt geeignet, meine Einstellung in dieser Frage zum Positiven zu verändern. Zwar habe ich mich bisher immer bemüht, bei allen inhaltlichen und formalen Kritikpunkten das ehrenamtliche Engagement und den guten Willen des Gestaltungsteams wertzuschätzen, aber das fällt mir offen gestanden immer schwerer. Insbesondere seit ich selbst ein Kind habe, hat meine Toleranz gegenüber Kinderbespaßung im Gottesdienst erheblich abgenommen. Darauf komme ich noch zurück.

Es war der 20. Sonntag im Jahreskreis, und „dran“ waren als erste Lesung Sprüche 9,1-6, als Antwortpsalm Psalm 34, als zweite Lesung Epheser 5,15-20 und als Evangelium Johannes 6,51-58. Dass trotz Familiengottesdienst keine Lesung weggelassen wurde, hatten wir wohl dem Umstand zu verdanken, dass der erwähnte Pfarrvikar aus Nigeria die Messe zelebrierte. Was das Evangelium anging, knüpfte die Perikope des Tages natürlich unmittelbar an diejenigen der vorangegangenen Sonntage an, aber irgendwie hatten unsere lieben Geistlichen es bisher trotzdem immer geschafft, sich darum herumzudrücken, über das Mysterium der Eucharistie zu predigen. Der Vikar aus Nigeria hätte es wahrscheinlich getan – wenn nicht Familiengottesdienst gewesen wäre. Denn der sorgte dafür, dass die Predigt gänzlich dem Kinderprogramm zum Opfer fiel. Und da es in Berlin der letzte Sonntag vor dem Beginn des neuen Schuljahres war, stand dieses Kinderprogramm unter dem beliebten Motto „Mein schönstes Ferienerlebnis“.

Im Ernst.

Anstelle einer Predigt wurden die Kinder aufgefordert, sich auf die Altarstufen zu setzen und über ihre schönsten Ferienerlebnisse zu berichten. Anschließend zog die Leiterin des Familiengottesdienst-Teams aus dem Gehörten die bescheidene katechetische Nutzanwendung, alle genannten schönen Ferienerlebnisse hätten „etwas mit Gemeinschaft zu tun, und das ist ja auch der Kern unseres Glaubens“.

Ahem.

Gemeinschaft, griechisch κοινωνία, ist im Christentum und in der Kirche tatsächlich ganz schön wichtig; zunächst einmal deshalb, weil Gemeinschaft ein Grundbedürfnis des Menschen ist – anders ausgedrückt: weil Gott den Menschen auf Gemeinschaft hin geschaffen hat. Für die Kirche ist Gemeinschaft speziell deshalb so wichtig, weil sie das Wachstum, das Gedeihen und die Weitergabe des Glaubens ermöglicht. Das II. Vatikanische Konzil bezeichnet  κοινωνία darum als einen der vier Grundvollzüge der Kirche. Das heißt, Gemeinschaft zu schaffen, zu bilden, zu ermöglichen oder wie man es sonst bezeichnen mag, gehört zu den wichtigsten Dingen, die die Kirche zu tun hat – neben der Verkündigung des Glaubens, der Feier der Liturgie und den Werken der Nächstenliebe, wohlgemerkt. Regelmäßige Leser meines Blogs erinnern sich im Zusammenhang mit den vier Grundvollzügen der Kirche vielleicht noch an die Geschichte von dem Auto, dem ein Rad fehlte. Wenn von vier Rädern nur drei vorhanden sind, kann man das Auto mit ein bisschen Trickserei noch dazu bringen, zu fahren, wenn auch mehr schlecht als recht. Was aber macht man mit einem Auto, an dem nur noch ein Rad dran ist?

Plötzlich stellte ich mir vor, wie die Leiterin des Familiengottesdienst-Teams in einem aufgebockten Auto, das keinen Sprit im Tank und vielleicht sogar nicht einmal einen Motor hat, am Lenkrad sitzt und „Brrm-brrm“ macht. Ich würde sagen, dieses Bild beschreibt die pädagogische und katechetische Qualität der Familiengottesdienste in unserer Gemeinde (und sicherlich nicht nur hier) ziemlich treffend.

Wo ich gerade „pädagogische Qualität“ sage: Meine liebe Frau, die sich mit so etwas bedeutend besser auskennt als ich, könnte ganze Litaneien darüber singen, was in dieser Gruppe alles falsch gemacht wird, aber ich beschränke mich mal auf ein paar Andeutungen. Eine der erwachsenen Frauen aus dem Familiengottesdienst-Team fasste jedes der von den Kindern berichtete Ferienerlebnisse in einem Satz zusammen und schrieb jeden dieser Sätze auf ein Stück bunten Karton in Form eines Luftballons. Hätte man das nicht die Kinder selbst machen lassen können? Sodann durften bzw. mussten die Kinder auch die Fürbitten vortragen, die offenkundig auch von den Gruppenleiterinnen verfasst worden waren; diese Fürbitten waren zwar inhaltlich gar nicht sonderlich anspruchsvoll, aber derart gestelzt und „erwachsen“ formuliert, dass man nur allzu deutlich merkte, dass die Kinder gar nicht verstanden, was sie da vorlasen. Erneut traten die Kinder zur Danksagung ans Ambo, diesmal mit den oben erwähnten Karton-Luftballons. Momentchen mal: Jetzt sollten die Kinder also das, was sie vorhin schon in eigenen Worten erzählt hatten, in einer von einer Erwachsenen vorgegebenen Formulierung noch einmal vorlesen? Ganz grobes Foul! Pädagogisch so ziemlich das Falscheste, was man überhaupt machen kann. Und wozu das Ganze? Nun ja, es war halt die Danksagung, und deshalb sollten die Kinder an die erneute Nennung ihres schönsten Ferienerlebnisses den Satz „Danke, guter Gott“ anhängen. Was sie übrigens durch die Bank zunächst vergaßen und von den Erwachsenen daran erinnert werden mussten. Weil sie offensichtlich den Zusammenhang nicht begriffen. Und damit hatten die Kinder ja im Grunde Recht. Die Danksagung in der Messe ist schließlich dazu da, für den Empfang des Leibes Christi und in letzter Konsequenz also für Sein Kreuzesopfer zu danken, und nicht dafür, dass in den Ferien die Oma zu Besuch gekommen ist.

Was man hier sehr schön beobachten konnte, war, dass Kinder zwar naturgemäß Vieles nicht verstehen, wenn man es ihnen nicht altersgerecht erklärt -- dass sie aber umgekehrt ein sehr waches Gespür dafür haben, wenn man sie verarscht. Oder wenn Dinge einfach keinen Sinn ergeben. Und das bringt mich jetzt zu dem bereits angedeuteten Grund, weshalb ich in jüngster Zeit erheblich ungnädiger gegenüber diesem ganzen Scheiß geworden bin.

Meine Frau und ich haben eine kleine Tochter, die, so Gott will, in den kommenden Jahren noch das eine oder andere Geschwisterchen bekommen soll. Aber reden wir mal vorläufig nur von diesem einen Kind. Es ist uns wichtig, unsere Tochter im katholischen Glauben zu erziehen – was wir, nebenbei bemerkt, anlässlich ihrer Taufe auch feierlich versprochen haben. Eigentlich würden wir uns wünschen, dass die Kirchengemeinde uns darin unterstützt. Das Mindeste, was wir meinen erwarten zu dürfen, ist aber, dass sie uns dabei keine Steine in den Weg legt.

Noch ist unsere Tochter nicht einmal ein Jahr alt und gehört somit eigentlich noch nicht zur Zielgruppe des Familiengottesdienst-Teams. Trotzdem wurden wir an diesem Sonntag erstmals ausdrücklich aufgefordert, mit unserem Kind nach vorn zu kommen. Wir haben schlicht so getan, als hätten wir diese Aufforderung nicht gehört oder nicht verstanden, und zudem fing die Kleine just in dem Moment an zu jammern, was mir einen guten Anlass bot, mich mit ihr ins Seitenschiff zurückzuziehen, um sie zu füttern. Aber das war ein Warnschuss. Wir werden uns darauf gefasst machen müssen, dass in Zukunft öfter solche Zumutungen an uns herangetragen werden.

Ich sage es jetzt mal in aller Deutlichkeit: Einer Kinder-„Katechese“, in der den Kindern exakt NICHTS über die grundlegendsten Glaubensinhalte des katholischen Christentums beigebracht wird, in der sie dafür aber so lange mit moralistisch-therapeutischen Plattitüden gefüttert werden, bis sie glauben, die Essenz des Christentums bestünde darin, nett zueinander zu sein und seinen Müll zu trennen, werde ich meine Tochter nicht aussetzen. Und wenn ich mich mit ihr zusammen irgendwo anketten muss.

Das Problem an der Geschichte ist: Wenn sie erst mal in das Kern-Zielgruppenalter für Kindergottesdienste kommt, würde der Versuch, sie konsequent davon fernzuhalten, praktisch darauf hinauslaufen, sie auch von den anderen Kindern der Pfarrgemeinde fernzuhalten. Und das kann ja wohl nicht Sinn der Sache sein. Es gibt somit nur eine vernünftige Lösung: Wir müssen jetzt schon damit anfangen, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass Kinderkatechese in unserer Pfarrei spätestens in vier bis fünf Jahren völlig anders aussieht als jetzt. Wie wollen wir das erreichen? Schauen wir mal. Vorerst nur so viel: Wir haben den „YOUCAT for Kids“ und werden ihn benutzen!

Schließlich geht es dabei nicht nur um unser eigenes Kind, auch wenn es wohl verständlich sein dürfte, dass uns dieses besonders am Herzen liegt. Blickt man über den rein persönlichen Horizont hinaus, dann ist es ja so: Das, was von den sterbenden volkskirchlichen Strukturen und Gepflogenheiten derzeit noch übrig ist, stellt bis auf Weiteres sicher, dass Kinder und Jugendliche wenigstens an ein paar Punkten ihres Lebenswegs mit der Kirche in Kontakt kommen. Nahezu alle Kinder, die katholisch getauft werden, sieht man einige Jahre später in der Erstkommunionvorbereitung wieder, und einen relativ großen Teil davon dann nochmals einige Jahre später in der Firmvorbereitung. Das ist ein beachtliches Potential – das aber komplett vergeudet wird, wenn man nicht einmal den Versuch unternimmt, den Kindern und Jugendlichen etwas Substantielles über den Glauben beizubringen, geschweige denn etwas wie Interesse oder gar Begeisterung für den Glauben in ihnen zu wecken. Stattdessen spult man ein Programm runter, das die Kinder günstigstenfalls langweilt und im weniger günstigen Fall peinlich berührt. Ehrlich gesagt wundert es mich ganz und gar nicht, dass die Kinder froh sind, wenn sie das hinter sich haben, und freiwillig nie wiederkommen. Wundern würde es mich eher, wenn es anders wäre.

Würde man hingegen die Erstkommunion- und Firmvorbereitung für substantielle Katechese nutzen, müsste man bei einem (vielleicht gar nicht so kleinen) Teil der Zielgruppe mit Widerspruch und Ablehnung rechnen – in der Erstkommunionvorbereitung wohl eher von Seiten der Eltern, in der Firmvorbereitung möglicherweise verstärkt seitens der Jugendlichen selbst. Vielleicht würde einem das die Statistik versauen, weil es dann eine größere Zahl von Leuten gäbe, die beschlössen, das dann doch nicht mitmachen zu wollen. Aber relativ sicher könnte man sich sein, dass der Anteil derer, denen das Ganze einfach egal ist, zurückginge. Wenn man wenigstens bei einer Minderheit der Erstkommunions- und Firmbewerber auf positive Resonanz stieße, wäre das somit allemal schon besser als jetzt.

Doch zurück zur Messe vom vergangenen Sonntag: Tröstlich (im Vergleich zu einigen früheren Familiengottesdiensten) war es, dass der Vikar immerhin die Liturgie so weit wie möglich „sauber“ hielt. Das heißt, die Kinder wurden nicht zur Wandlung um den Altar geschart, um so etwas wie eine Konzelebration zu simulieren, und es gab auch kein Händchenhalten beim Vaterunser. Leider fühlte sich jedoch der (eigentlich durchaus gute) Organist durch den Familiengottesdienst offenbar ermächtigt, seiner Vorliebe für NGL die Zügel schießen zu lassen, und präsentierte eine Mischung aus Peter Janssens Greatest Hits und ausgewählten Grausamkeiten anderer Nach-'68er-Kirchenlieddichter. Zum Gloria gab es „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“ von Hans-Jürgen Netz und Christoph Lehmann; die Nummer klingt ja durchaus schmissig, aber leider führt das dazu, dass die typische Klientel einer Sonntagsmesse in einer durchschnittlichen deutschen Pfarrkirche nicht in der Lage ist, sie zu singen. Was den Text angeht, scheint mir das Lied zudem seine theologischen Fragwürdigkeiten zu enthalten. „Ehre sei Gott auf der Erde, in allen Straßen und Häusern“, heißt es im Refrain; im echten Gloria heißt es „Ehre sei Gott in der Höhe“. Diese Verkehrung der Perspektive kommt mir verdächtig vor – zumal es dann so weitergeht: „Die Menschen werden singen, bis das Lied zum Himmel steigt“. Das ist der Turmbau zu Babel als Lied! – Noch schlimmer war allerdings, dass anstelle des Agnus Dei das Lied „Unfriede herrscht auf der Erde“ (Diethard Zils/Zofia Jasnota) angestimmt wurde – ein derart bizarres Machwerk, dass ich mir nicht hätte träumen lassen, es noch im vorgerückten 21. Jahrhundert in einem nicht-parodistischen Kontext hören zu müssen. (Dieses Urteil mag übertrieben hart erscheinen, aber ich kann mir nicht helfen: Wenn ich Unkundigen demonstrieren will, wie räudig das NGL-Genre ist, ist „Unfriede herrscht auf der Erde“ – neben „Leben im Schatten“ von Manfred Siebald – eins meiner Paradebeispiele. Noch schlimmer ist „Eingeladen zum Fest des Glaubens“, aber das kann ich nicht mal zu Demonstrationszwecken singen, ohne kotzen zu müssen.)

Kurz zusammengefasst: Dieser Familiengottesdienst kam geradewegs aus der Hölle. Aber da wir ja hart im Nehmen sind, gingen wir am Nachmittag obendrein auch noch zum Ökumenischen Waldgottesdienst. Kein Scheiß. Wenigstens sollte es da im Anschluss Kaffee und Kuchen geben.


Dieser Waldgottesdienst ist – was uns bisher nicht bekannt war, da wir noch nicht so lange in dieser Ecke Berlins wohnen – offenbar bereits seit einigen Jahren eine Institution im Bezirk und wird einmal pro Saison von den zwei an das betreffende Waldstück angrenzenden evangelischen und einer katholischen Kirchengemeinde – letzteres genauer gesagt „nur“ ein anderer Gemeindeteil „unserer“ Pfarrei – in Zusammenarbeit mit der Revierförsterei organisiert. Na fein: Unser Kind ist gern im Wald, also sagten wir uns, schauen wir uns das ruhig mal an. Wir trafen allerdings mit einiger Verspätung am Ort des Geschehens ein, da wir uns recht spontan dazu entschlossen hatten, da hinzugehen, und dann erst einmal herausfinden mussten, wo genau das eigentlich stattfand und wie man da ohne eigenes Auto hinkommt. 

Tatsächlich war die Veranstaltung noch bizarrer, als zumindest ich sie mir vorgestellt hätte. Als wir ankamen – auf einer wirklich schönen Waldlichtung, nebenbei bemerkt –, war die evangelische Pfarrerin gerade fast fertig mit ihrer Nacherzählung einer Legende über „Franziskus und die Zikade“; im Anschluss daran verkündete sie, freiwillige Helfer würden jetzt Lupen an die anwesenden Kinder verteilen, mit deren Hilfe sie auf der Lichtung nach Insekten suchen sollten. Na fein. Was mich dabei wirklich auf die Palme brachte, war dieser extrem salbungsvolle Tonfall, in dem sie sprach – und den ich in dieser Ausprägung bisher eigentlich nur aus Parodien kannte. So ein Sprachduktus, mit dem man den größten Banalitäten den Anschein tiefer Weisheit verleihen kann, indem man nach jedem Wort einen Punkt macht. Oder drei Punkte. Nötigenfalls auch mitten im Wort. Sollte uns das nicht zu denken geben? Und sollte nicht auch einer von uns... oder morgen... oder vielleicht nicht? Wer weiß. Während die Kinder auf Insektenjagd gingen, wurde, begleitet vom Bläserchor, „Laudato si'“ angestimmt; der Bläserchor war übrigens richtig gut – Musik können sie, die Evangelen, das muss der Neid ihnen lassen. Derweil drückte uns jemand einen Programmzettel in die Hand, damit wir uns darüber informieren konnten, was wir schon alles verpasst hatten. Dazu zählten Liedklassiker wie „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ sowie ein Vortrag des örtlichen Revierförsters zum Thema „Insekten im Wald“. Und dann oblag es unserem Pfarrer, eine Predigt zu halten. „Ich habe da noch eine biblische Lesung vorbereitet“, begann er, „auch wenn sich da jetzt vielleicht mancher fragt, was das mit dem Waldgottesdienst und den Insekten zu tun hat.“ Chuzpe hat er ja, unser Pfarrer. Das ist mir schon letztes Jahr beim Erstkommunion-Gottesdienst aufgefallen. Den Leuten unverblümt aufs Brot zu schmieren „Ja, ich weiß, ihr habt hier eigentlich keinen christlichen Gottesdienst erwartet, es ist aber nun mal einer, da müsst ihr jetzt durch“, das kann er. Die biblische Lesung, die er seinem Publikum zumutete, stammte aus dem Buch der Richter und bezog sich auf die Richterin Debora; und der Zusammenhang zum Insektenthema stellte sich dadurch her, dass der Name „Debora“ „Biene“ bedeutet. An diese Feststellung schloss der Pfarrer allerlei Ausführungen über die Rolle von Bienen und Honig in der Bibel an. Es war eher eine lose Aneinanderreihung einzelner Impulse, als solche aber gar nicht mal schlecht. 

Zur Kollekte wurde „Weißt du, wieviel Sternleinstehen“ gesungen (alle drei Stophen!). Der Rest des Gottesdienstes war nicht weiter der Rede wert, aber danach gab's, wie angekündigt, Kaffee und Kuchen. Und da muss ich jetzt wirklich mal ein Lob aussprechen. Das Kuchenbüffet war reichlich und lecker, auch Kaffee war in ausreichenden Mengen vorhanden, und es gab genügend Freiwillige für den Ausschank, dass es zu keinen allzu langen Wartezeiten kam. Kurz, rein unter dem Gemeindefest-Aspekt betrachtet war die Veranstaltung sehr gut organisiert. Noch besser hätte es mir zwar gefallen, wenn es zusätzlich zu Kaffee und Kuchen auch noch Grillwurst und Bier gegeben hätte, aber ich vermute mal, Grillen wäre an diesem Ort nicht erlaubt, wegen Waldbrandgefahr und so. Einige bekannte Gesichter aus unserer Pfarrei entdeckten wir auch und führten einige interessante Gespräche. Alles in allem waren wir also recht zufrieden damit, diesen Ausflug gemacht zu haben.

Überhaupt haben mir die Erlebnisse dieser Tage - einmal mehr - den Eindruck vermittelt, dass es in unserer Pfarrei (die in vielen Punkten sicher nicht untypisch für zahlreiche andere Pfarreien im Lande ist) eine Menge Baustellen, aber andererseits auch eine Menge Potential gibt. Und bei allem Ärger, dem ich hier weiter oben mal Luft machen musste (und das war nicht übertrieben - ich empfinde das wirklich so), empfinde ich die Gesamtsituation doch als durchaus... motivierend


Donnerstag, 2. August 2018

Komm, wir treffen uns in der Ebene von Oh No!

Neulich war ich mit Frau und Kind für ein paar Tage im Wallfahrtsort Altötting. Natürlich waren wir in der Gnadenkapelle und noch in ca. fünf anderen Kirchen, aber der hauptsächliche Anlass für diesen Trip bestand darin, dass am Samstag, dem 28. Juli, in der Basilika St. Anna das "Meet Mission Manifest" stattfand -- eine Art Konferenz für Leiter geistlicher Gemeinschaften und Neuevangelisations-Initiativen, zu der die Initiatoren des Anfang Januar auf der MEHR-Konferenz vorgestellten "Mission Manifest" eingeladen hatten. 


Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass die Reaktionen auf die zehn Thesen des "Mission Manifest", die ich unmittelbar nach deren Veröffentlichung in den Sozialen Medien mitbekommen habe - insbesondere auf Twitter, wo ich einigen Accounts "liberaler" bzw. "progressiver" Jungtheologen folge - für mich ein echter Augenöffner waren. Zunächst hatten die zehn Thesen auf mich nämlich den Eindruck gemacht, auf eine entschiedene "Big Tent"-Strategie hin ausgerichtet zu sein; will sagen: Sie schienen mir im Großen und Ganzen so offen und inklusiv formuliert zu sein, dass nahezu jeder darunter verstehen könnte, was er möchte, und somit kaum jemand etwas Grundsätzliches daran auszusetzen haben könnte. Aber da hatte ich mich gründlich getäuscht. Zahlreiche Reaktionen, die ich zu Gesicht bekam, lagen irgendwo zwischen Spott und blankem Entsetzen, und besonders verblüffte es mich, dass die Ablehnung sich nicht bloß auf Details bezog - etwa, dass das Manifest nicht in gendersensibler Sprache verfasst war oder dass unter den Hauptinitiatoren keine Frauen waren -, sondern ganz grundsätzlich beim Missionsbegriff ansetzte. Bei einem Verständnis von Mission nämlich, das davon ausgeht, dass es eine in und durch Jesus Christus offenbarte Wahrheit gibt und dass Christen dazu aufgerufen sind, diese Wahrheit den Menschen mitzuteilen, die sie noch nicht kennen. Um's mal auf Angloamerikanisch auszudrücken: How is this even controversial? Nun, ich musste feststellen, dass diese Auffassung nicht wenigen Menschen, die im kirchlichen Dienst tätig sind oder eine solche Tätigkeit zumindest anstreben, von Grund auf fremd, verdächtig und anrüchig ist. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. 

Nun gut: Zu der Veranstaltung am Samstag trafen sich jedenfalls Menschen, die, wie man annehmen darf, mit diesem Missionsverständnis keine Probleme haben; rund 300 Personen -- Laien, Ordensleute und Priester, Frauen und Männer, jung und alt und auch vom allgemeinen äußeren Erscheinungsbild bunt gemischt. Einige gute Bekannte waren darunter, dazu auch einige, die meine Liebste und ich bisher nur via Facebook kannten und nun also auch mal offline kennenlernen durften. Das gut acht Stunden dauernde Veranstaltungsprogramm umfasste Lobpreis, Impulsvorträge, Diskussionen, ein vom örtlichen Bischof Stefan Oster zelebriertes Pontifikalamt und Eucharistische Anbetung. Zu den namhaften Rednern der Konferenz (und Konzelebranten des Pontifikalamts) zählte, nebenbei bemerkt, auch der Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln, Urban Federer, der gemeinhin eher dem "progressiven" Kirchenflügel zugerechnet wird und von dem man munkelt, er habe das Manifest ursprünglich eher "aus Versehen" unterzeichnet und dafür aus dem "eigenen Lager" allerlei Anfeindungen einstecken müssen. 

Der erste Vortrag des Tages kam jedoch von Johannes Hartl und drehte sich um das Thema "Entmutigung". Es gibt von ihm einen längeren Vortrag zu diesem Thema auf YouTube, und ohne diesen bislang in Gänze angehört zu haben, gehe ich mal davon aus, dass sein etwa halbstündiger Impuls beim "Meet Mission Manifest" im Wesentlichen eine gekürzte Fassung davon war; einzelne Passagen hatte ich allerdings auch schon bei der MEHR 2017 in Hartls Vortrag "Erwecke die Helden" gehört, aber das macht gar nichts: Bestimmte Aussagen kann man sich ruhig öfter anhören. 


Wie dem auch sei: Johannes Hartl stützte seine Ausführungen zum Thema "Entmutigung" auf die Kapitel 2-6 des Buches Nehemia, die er als "eine der wichtigsten Bibelstellen über Leitung" bezeichnete. Worum geht's? Nehemia will die zerstörte Stadtmauer Jerusalems wieder aufbauen. "Ich sehe den Status quo, ich benenne das Problem und schlage eine Lösung vor - und lade andere ein: Macht mit!", fasste Hartl das Leitungskonzept Nehemias zusammen. Dann verwies er auf Nehemia 2,19
"Als aber Sanballat, der Horoniter, Tobija, der Knecht von Ammon, und der Araber Geschem davon hörten, verspotteten sie uns und sagten verächtlich: Was soll das, was ihr da macht? Wollt ihr euch etwa gegen den König auflehnen?" 
"Wisst ihr, wer diese Leute sind, dieser Sanballat, dieser Tobija und Geschem?", fragte Hartl das Publikum. "Nein? Ich auch nicht. Aber genau darum geht's: Sobald jemand anfängt, etwas zu machen, tauchen plötzlich Leute auf, von denen man noch nie etwas gehört hat, und haben was dagegen." Hartl zeigte auf, wie Sanballat, Tobija und Geschem in den folgenden Kapiteln unterschiedliche Strategien anwenden, um Nehemia von seinem Werk abzubringen: Sie verdächtigen seine Motive, sie versuchen ihn lächerlich zu machen, indem sie seine Erfolge kleinreden, sie versuchen ihn von seiner Aufgabe abzulenken und von seinen Mitstreitern zu isolieren. In Nehemia 6,2 schlagen Sanballat und Geschem, um Nehemia von seiner Arbeit wegzulocken, vor: "Komm, wir wollen uns in Kefirim in der Ebene von Ono treffen." Johannes Hartl scherzte: "Das klingt schon nicht gut: die Ebene von Oh No. Da darf man nie hingehen."

Halblaut sagte ich zu meiner Liebsten, "Komm, wir treffen uns in der Ebene von Oh No" wäre möglicherweise ein gutes Motto für die ganze Veranstaltung, aber das war nur mein reflexhafter Sarkasmus, mit dem ich mich in einem von Charismatikern dominierten Umfeld gegen einen meinem norddeutschen Naturell widerstrebenden Gefühlsüberschwang abzuschirmen pflege. Tatsächlich fand ich Hartls Impuls nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr hilfreich. Mit Entmutigungen unterschiedlichster Art bekommt man es ja leicht zu tun, wenn man sich beispielsweise anschickt, einer Pfarrei, die sich innerlich schon darauf eingerichtet hat, die nächsten 10-20 Jahre nur noch ihren eigenen Niedergang zu verwalten, neues Leben einzuhauchen. Habe mir daher fleißig Hartl-Sätze notiert, wie zum Beispiel:
  • "Letztendlich ist es egal, ob das, was du tust, in deinen eigenen Augen großartig ist. Es kann trotzdem eine wichtige Funktion im Plan Gottes erfüllen." 
  • "Gebet ist die Quelle von allem, aber Gebet dient nicht dazu, sich vor Wagnissen zu drücken und in die Introversion zurückzuziehen." 
  • "In der Waffenrüstung Gottes gibt es keinen Rückenschutz. Wenn du wegläufst, bist du verwundbar." 
Es folgte eine sogenannte "Best Practice-Runde" (ich kann und kann und kann diesen Marketing-Sprech nicht ausstehen, aber mich fragt ja mal wieder keiner) mit Leitern verschiedener Initiativen oder Gemeinschaften (darunter auch der schon erwähnte Abt Urban, an dessen Beitrag ich aber keine besonders präzisen Erinnerungen habe). Ausgesprochen interessant fand ich den Beitrag von Fra' Georg von Lengerke vom Malteserorden, der die Bedeutung der vier Grundvollzüge der Kirche - Verkündigung (martyria), Liturgie, Diakonie und Gemeinschaft (koinonia) - betonte und sich dabei eines sehr starken Bildes bediente: In Lateinamerika habe er mal einen jungen Mann namens Pablo kennengelernt, der ein Autowrack gefunden und mit viel Mühe wieder fahrtüchtig gemacht habe; allerdings habe dieses Auto nur drei Räder gehabt, ein viertes Rad sei nicht aufzutreiben gewesen. Damit das Auto trotzdem fahren konnte, habe Pablo eine der vier Ecken des Wagens mit einem Sandsack beschwert, damit die diagonal gegenüberliegende Ecke in der Luft hing. "Das ging, aber wirklich gut ging es nicht." In diesem Sinne, so Fra' von Lengerke, müssten auch innerkirchliche Gemeinschaften, Initiativen und Werke darauf bedacht sein, auf allen vier Rädern zu fahren und nicht nur auf dreien: Hilfswerke etwa stünden stets in der Versuchung, die Diakonie mit dem Sandsack zu beschweren und dafür die martyria in der Luft hängen zu lassen; ebenso gebe es aber auch Strömungen innerhalb der Kirche, in denen es umgekehrt sei.

Den Vortrag des gastgebenden Bischofs Stefan Oster zum Thema "Kirchliche Identität, Maria und die Mission" gibt es auf seiner Website zum Nachhören; ich kann mich daher hier darauf beschränken, einige Details hervorzuheben, die bei mir besonders "hängen geblieben" sind. So beklagte Bischof Oster gleich eingangs einen weit verbreiteten "Beschwichtigungskatholizismus", der sich darin äußere, dass vielen Menschen ihr Bekenntnis zur Kirche eher peinlich sei und sie es beispielsweise mit dem Verweis auf das soziale Engagement der Kirche quasi zu entschuldigen suchen, zugleich aber alle möglichen Vorwürfe, die von außen an die Kirche herangetragen werden, in einer Art vorauseilenden Gehorsams einräumen und dabei "das Thema Glaube eher zurücknehmen". (Ich selbst nenne dieses Phänomen gern "Ja-aber-Katholizismus".) Es genüge nicht, lediglich "die Botschaft Jesu an den Mann bringen" zu wollen: Vielmehr müsse es darum gehen, Jesus selbst zu den Menschen zu bringen. Gerade junge Menschen, so führte er weiter aus, legten Wert auf Authentizität der Verkündigung; da gelte es sich nun allerdings zu fragen: "Wie wird denn ein Mensch authentisch? Kann ich einfach beschließen, morgen authentischer zu sein als ich es gestern war?" Zur Beantwortung dieser Frage verweist er zunächst auf das Beispiel seines Ordensgründers, des Hl. Don Bosco, und dann vor allem auf die Allerseligste Jungfrau Maria. Was auf der Aufnahme nicht zu hören ist, ist der Umstand, dass meine neun Monate alte Tochter die Ausführungen des Bischofs darüber, wie die Fürsorge für ein kleines Kind die Herzen der Eltern verwandle, sehr passend akustisch untermalte; sehr eindrucksvoll fand ich auch Bischof Osters Gollum-Imitation (ca. Minute 14 der Aufnahme).


Dann gab's erst mal Mittag, und zwar in Form von "Selbstverpflegung in den umliegenden Gasthöfen". Uns verschlug es in denselben Gasthof wie die Initiatoren der Konferenz, allerdings saßen wir draußen auf der Terrasse und die VIPs drinnen an einer großen Tafel. Trotzdem hatte ich im Laufe der Mittagspause Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit Johannes Hartl, der mich bei dieser Gelegenheit Bischof Oster vorstellte, den meine Liebste dann auch gleich um einen Segen für unsere kleine Tochter bat. Dass ich dem Bischof eigentlich ein Exemplar der "Benedikt-Option" überreichen wollte und er mir sagte, das Buch habe er bereits, habe ich ja schon berichtet.

Nach dem Mittagessen ging es dann weiter mit Kleingruppen-Diskussionen, die ich mir ehrlich gesagt allerdings kleiner und diskussionsförmiger vorgestellt hatte. Nun gut, schon die sehr begrenzte Zeit, die für diesen Programmpunkt vorgesehen war, ließ erwarten, dass es sich dabei bestenfalls um kollektives Brainstorming handeln konnte. Wenn sich dabei dann aber einzelne Teilnehmer aggressiv in den Vordergrund drängen, wird es nicht einmal das. -- Ehe ich die letztere Anmerkung näher ausführe, muss ich aber erst mal einen Exkurs vom Stapel lassen.


Am Tag vor dem "Meet Mission Manifest" war ich in einer Facebook-Gruppe in eine Diskussion über gewisse Eigenheiten mancher (oder vieler?) charismatischer Christen hineingeraten; diese Diskussion hatte mit dem Event in Altötting gar nichts zu tun, sondern entzündete sich an einem auf kath.net erschienenen Interview mit zwei Leuten von einer Jüngerschaftsschule in Salzburg. Mir ging der Tonfall, in dem die jungen Lüü da redeten, erheblich auf den Keks, aber das war weit eher eine Frage des subjektiven "Geschmacks" (ich sagte ja schon: norddeutsches Naturell und so) als eine substantielle Kritik an charismatischer Frömmigkeit. Ich sag's mal so -- auch auf die Gefahr hin, mir gleich innerhalb mehrerer Segmente meiner Leserschaft Ärger einzuhandeln: In gewisser Hinsicht geht es mir mit der Charismatischen Bewegung so wie mit der Traditionalistischen Bewegung. Ich bringe ihrem jeweiligen geistlichen Anliegen grundsätzlich Sympathie entgegen und kann auch ihrem jeweils spezifischen "Frömmigkeitsstil" (wenn ich das mal so nennen darf) nach anfänglichem Fremdeln durchaus Einiges abgewinnen; gleichzeitig beschleicht mich zuweilen das Gefühl, beide Bewegungen haben eine gewisse Tendenz dazu, ziemlich gruselige Leute anzuziehen. Jenseits persönlicher Vorlieben und Abneigungen bin ich durchaus der Überzeugung, dass die Kirche sowohl die Traditionalistische als auch die Charismatische Bewegung braucht -- und auch, dass diese Bewegungen einander brauchen, um einander zu ergänzen und gegebenenfalls zu korrigieren. Leider ist Letzteres keinesfalls garantiert, wenn diese Gruppierungen aufeinandertreffen. Es kann auch passieren, dass sie sich auf eine Weise ergänzen, die ich als "worst of both worlds" bezeichnen würde. Damit meine ich eine spezifische Verbindung von charismatischer Schwärmerei mit einem Faible für (vorzugsweise kirchlicherseits noch nicht offiziell anerkannte) Marienerscheinungen und sonstige Privatoffenbarungen, wundertätige Medaillen und quietschbunte Andachtsbildchen. Veranstaltungen, die auf diese Klientel zugeschnitten sind, stelle ich mir in etwa vor wie Fatima-Sühnenacht plus Zungenrede, Ausdruckstanz und Heilungsgebet. Also so, dass Unkundige, wenn sie sich dort hineinverirren würden, sich womöglich nicht ganz sicher wären, ob sie nicht vielleicht bei irgendwelchen obskuren Okkultisten gelandet sind. Okay, ich übertreibe. Ich schätze, dieses leicht überzeichnete Bild, das ich da gerade zu zeichnen versucht habe, ist sehr wesentlich von einer Person geprägt worden, die ich in meinen Teenagerjahren in meiner damaligen Pfarrgemeinde kannte (und die damals zufällig auch meine Augenärztin war). Und nun hatte ich das Pech, ausgerechnet mit einer Frau in eine Gar-nicht-mal-so-Kleingruppe zu geraten, die mich fatal an diese Augenärztin erinnerte. Diese Frau dominierte das Gruppengespräch von der ersten Sekunde an, pries ihr eigenes Projekt in den höchsten Tönen, verteilte Flyer und hatte keinerlei Hemmungen, Wortbeiträge anderer Teilnehmer in verächtlichem Tonfall abzubügeln. Da hatte ich dann schon bald keine Lust mehr, mich zu beteiligen.



Insbesondere ging es mir gegen den Strich, dass diese Dame kritische Anmerkungen zu den Zuständen in Pfarreien oder ganzen Bistümern (oder der institutionalisierten Gestalt der Kirche überhaupt) wiederholt als "Gejammer" abqualifizierte. Ein Echo dieser Haltung glaubte ich wahrzunehmen, als beim Zusammentragen der Ergebnisse der Gruppengespräche eine andere Gruppe es geradezu als Regel postulierte, dass man "nicht kritisieren" solle. Das sei "ganz wichtig". Gemeint war das offenbar im Sinne von "Lasst tausend Blumen blühen": Man solle missionarische Aufbrüche, auch wenn man möglicherweise Vorbehalte gegenüber bestimmten Erscheinungsformen derselben habe, erst mal wachsen lassen, statt sie gleich mit Kritik zu ersticken. Da ist sicherlich etwas Richtiges dran, ebenso wie auch an der Feststellung, es könne schädlich sein, seinen Blick allzu sehr auf Negatives zu fixieren. Aber gerade das "Diskussions"-Verhalten der erwähnten Wiedergängerin meiner früheren Augenärztin macht deutlich, zu was für paradoxen Konsequenzen es führen kann, wenn man diese Haltung auf die Spitze treibt: nämlich dazu, dass diejenigen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, die Kritik üben. Oder anders ausgedrückt: dass der Überbringer der schlechten Nachricht geköpft wird. Denken wir an Nehemia: Dem Beschluss zum Wiederaufbau der Stadtmauer geht die Feststellung voraus, dass die Mauer kaputt ist -- und dass das schlecht ist. Was, wenn da nun Leute gekommen wären, die gesagt hätten: "Och, Nehemia, immer musst du alles so negativ sehen. Ist doch schön, dass die Mauer offen ist. So können die Leute von draußen viel leichter zu uns kommen." (Ich meine das nicht politisch.)

Ironischerweise hielt als nächstes Pater Karl Wallner OCist, der missio-Nationaldirektor für Österreich, einen Vortrag, den man nach den Maßstäben der Augenärztinnen-Wiedergängerin durchaus als pures "Gejammer" hätte ansehen können -- den ich aber ganz hervorragend fand, und zwar gerade weil er ein schonungsloses Bild der Lage des christlichen Glaubens in unseren Breiten zeichnete. So verwies er auf die aktuelle Shell-Studie zum Thema "Jugend und Religion", aus der beispielsweise hervorgeht, dass nur 9% der jungen Katholiken in Deutschland beten; bei den jungen Muslimen seien es 80%. "Diesen schmerzhaften Realismus müssen wir zulassen", erklärte Pater Karl und verwies auf den Hl. Thomas von Aquin, der gelehrt habe, das erste Heilmittel gegen die Traurigkeit sei die Wahrheit. "Ich möchte es wirklich mit etwas Dramatik sagen: Es hängt von uns ab, wie es weitergeht", betonte Pater Karl. Ich frage mich, ob er die "Benedikt-Option" kennt; sein Vortrag wies jedenfalls auffallende Übereinstimmungen mit den Thesen Rod Drehers auf.

Den letzten Programmpunkt vor dem abschließenden Pontifikalamt bildete die Vorstellung des "YOUCAT for Kids" durch den Projektleiter Bernhard Meuser. Seine Weltpremiere wird dieser neue Kinderkatechismus erst beim katholischen Weltfamilientreffen haben, das vom 21.-26. August in Dublin stattfindet; aber die deutschsprachige Ausgabe liegt bereits vor, und an die Teilnehmer des "Meet Mission Manifest" wurden Freiexemplare verteilt. Ich habe in den letzten Tagen recht ausgiebig in dem Buch geblättert und kann sagen: Es ist sehr gut. In erster Linie ist der Kinderkatechismus offenbar dafür konzipiert, dass Eltern ihn zu Hause mit ihren Kindern lesen und darüber hinaus das nötige Rüstzeug daraus beziehen, um mit ihren Kindern über religiöse Fragen sprechen zu können, die diese unweigerlich früher oder später stellen werden. Meine Liebste und ich denken darüber hinaus aber auch schon über Möglichkeiten nach, dieses Buch für die Arbeit in der Pfarrei einzusetzen. Zum Beispiel haben unsere lieben Gemeindereferentinnen unlängst die Gründung eines Elternkreises ins Gespräch gebracht; da wär's doch schön, wenn der nicht nur dafür genutzt würde, dass die Eltern zusammen Kaffee trinken, während die Kinder miteinander spielen. Auch als Angebot vor oder neben der Erstkommunion-Vorbereitung könnte man sich einen "YOUCAT for Kids"-Lese- und Gesprächskreis vorstellen. Na, schauen wir mal.


Am Rande klang übrigens an, dass - ebenfalls unter Federführung Bernhard Meusers - ein neues "Mission Manifest"-Buch geplant oder angedacht ist; ein "Praxisbuch" soll es werden, und die Teilnehmer des Treffens sollten sich schon mal überlegen, ob sie dazu womöglich etwas beitragen können und möchten. Also, ich möchte auf jeden Fall; insbesondere würde ich gern - nicht theoretisierend, sondern strikt praxisbezogen - Querverbindungen zwischen "Mission Manifest" und #BenOp herausarbeiten. Und nach Möglichkeit ein paar "punkige" Impulse setzen. Auch hier gilt wieder: Schauen wir mal.

Und dann habe ich mir noch einen Satz notiert, von dem ich nicht mehr mit Gewissheit sagen kann, wer ihn eigentlich gesagt hat. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich glaube, ihn schon mal irgendwo gehört zu haben. Vielleicht auf der MEHR, vielleicht aber auch ganz woanders. Der Satz lautete, sinngemäß jedenfalls:
"Die eigentliche Frucht, die ein Apfelbaum hervorbringen muss, ist nicht ein weiterer Apfel, sondern ein weiterer Baum." 
Wer hat's gesagt? Kann mir jemand auf die Sprünge helfen?



Mittwoch, 1. August 2018

#BenOp auf Deutsch -- Die 100-Tage-Bilanz

Wohlan: Am 24. April, so geben es jedenfalls Amazon und andere Bücherkataloge im Internet an, ist die von mir ins Deutsche übersetzte Ausgabe von Rod Drehers "Benedikt-Option" auf den Markt gekommen, und auch wenn es anfangs Lieferverzögerungen gab und einige Händler das Buch faktisch wohl erst ab der ersten Maiwoche lieferbar hatten, nehme ich dieses offizielle Erscheinungsdatum mal beim Wort und stelle fest: Das Buch ist seit 100 Tagen im Handel. Was hat sich seither getan? 

Nun, man darf wohl sagen, dass es - gemessen an der Ankündigung, es handle sich um das "meistdiskutierte und wichtigste religiöse Buch des Jahrzehnts" - hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung noch Luft nach oben gibt. Im Grunde ist das aber kein Wunder, da das Buch gewissermaßen quer zur üblichen innerkirchlichen "Lagerbildung" steht: Dass der "institutionelle Apparat" der Kirche die #BenOp nach Möglichkeit ignorieren bzw. totschweigen und stattdessen lieber über Erik Flügge diskutieren möchte, erklärt sich von selbst; die "Liberalen" bzw. "Progressiven" lesen vermutlich gar nicht erst weiter als bis zu dem Punkt, an dem sie das erste Mal empört "Homophobie!" rufen können (S. 17f.); aber auch im sogenannten konservativen Lager dürften Drehers Thesen keineswegs auf einhellige Zustimmung stoßen.  Wenn ich's mir recht überlege, könnten ein paar negative Rezensionen aus verschiedenen, einander möglichst entgegengesetzten Richtungen die Debatte möglicherweise anheizen. Das soll jetzt allerdings keine Aufforderung sein...

Selbstverständlich bin ich bemüht, auch persönlich mein Möglichstes dazu beizutragen, das Buch zu promoten; so habe ich in den vergangenen 100 Tagen immerhin vier Buchvorstellungs-Vorträge gehalten:


Die letztgenannte Veranstaltung - ausgerichtet vom "Colloquium Catholicum" unter Leitung von Stefan Friedrich - war mit Abstand am besten besucht, und an die lebhafte Publikumsdiskussion schlossen sich einige interessante Einzelgespräche an, von denen das eine oder andere wohl noch ganz eigene Früchte tragen dürfte.

Ein Interview mit Gregor Dornis von Radio Horeb wurde am 26. April gesendet; ein vom Hilfswerk Kirche in Not produziertes Fernsehinterview wurde aufgezeichnet, wird aber wohl erst im September ausgestrahlt (ich werde dann nochmals darauf hinweisen). Seit dem 27. Mai existiert eine geschlossene Facebook-Diskussionsgruppe "Benedikt-Option Deutschland/Österreich/Schweiz", die bislang 32 Mitglieder hat -- auch da sehe ich durchaus noch Luft nach oben.

Auf Amazon sind bislang fünf Kundenrezensionen erschienen, mit einer durchschnittlichen Bewertung von 4,5 Sternen; da kann man nicht meckern.



Was Rezensionen und sonstige Erwähnungen des Buches in Blogs und anderen Online-Medien angeht, habe ich die Beiträge der Blogs Empfehlenswerte Bücher Artikel Filme ("Der mühsame Aufbau einer christlichen Gegenkultur", 5. Mai), Nolite Timere ("Die Benedikt-Option: Ich bin positiv überrascht", 23. Mai) und Katholisch? Logisch! ("Mein Klosterurlaub und die Benedict Option", 30. Mai) sowie einen Beitrag von P. Engelbert Recktenwald FSSP in der Tagespost-Online-Kolumne MeinungsMacher ("Gefährliche Parallelgesellschaft?", 26. Mai) und ein paar Erwähnungen bei kath.net und CNA bereits gewürdigt; inzwischen sind da aber noch weitere zu nennen: 


Am 31. Mai erschien auf der Website bruderhof.com eine von Daniel Hug verfasste Rezension zur deutschsprachigen #BenOp-Ausgabe. Der "Bruderhof" bezeichnet sich selbst als "eine christliche Lebens- und Arbeits­gemeinschaft, in der mehr als 2700 Menschen in über zwanzig Siedlungen in vier Kontinenten leben"; das klingt ja schon sehr #BenOp-like, und tatsächlich hat Freund Rod diese Gemeinschaft zwar nicht im Buch, wohl aber wiederholt auf seinem Blog gewürdigt, und auch in einem im Mai 2017 im New Yorker erschienenen Feature von Joshua Rothman über Rod Dreher und die #BenOp spielt der Bruderhof eine wichtige Rolle. So viel zur Einordnung; in der besagten Rezension zur deutschsprachigen Ausgabe verlinkt Daniel Hug auch das oben bereits erwähnte Radio Horeb-Interview sowie meinen Blog, den er als "meistens höchst unterhaltsam" einschätzt. Das liest man gern! 


Am 6. Juni veröffentlichte Alexander von Schönburg auf seinem Blog eine Besprechung des Films "A Quiet Place" (den ich eigentlich auch längst mal hätte ansehen wollen!), und im zweiten Teil dieser Filmkritik zieht er überraschende Parallelen zur #BenOp. Dass er das Buch als "hervorragend übersetzt" lobt, schmeichelt mit natürlich; inhaltlich fasst er Rod Drehers Kernthese wie folgt zusammen: 
"Drehers Buch ist eine Plädoyer für einen geordneten Rückzug der Christen aus dem öffentlichen Diskurs. [...] Wir sollten uns, sagt Dreher, zunächst einmal neu auf uns selbst besinnen, er rät zu einer Art privat-monastisches Leben in kleinen Netzwerken, die erst mal unter sich – auf einer Art Arche Noah – Klarschiff machen sollten, also ihre Identität wiederfinden, die durch Jahre der Anpassung und Relevanz-Sucht, abgeschleift ist um dann, wie es die monastischen Bewegungen des frühen Christentums [...] vorgelebt haben, mit neuer Vitalität eines Tages wieder im sprichwörtlichen Sinne Land gewinnen zu können." 
Die deutschsprachige Online-Präsenz der Catholic News Agency brachte zum Festtag des Hl. Benedikt am 11. Juli einen Beitrag von Anian Christoph Wimmer unter dem Titel "Der 'neue Benedikt'"; dabei handelt es sich zwar größtenteils um eine Würdigung des Wirkens des emeritierten Papstes Benedikt XVI., aber auch auf die "Benedikt-Option" wird darin eingegangen, und am Fuße des Artikels wird explizit für das Buch geworben. 


Auf dem erst kürzlich generalüberholten Blog "Pro Spe Salutis" erschien am 14. Juli eine ausführliche Rezension unter dem Titel "Die Welle reiten, wenn man sie schon nicht aufhalten kann: Rod Drehers Strategieschrift 'Die Benedikt-Option'". Darin heißt es u.a.: 
"Rod Drehers Benedikt-Option ist für Christen, die sich der Heiligen Schrift und der Tradition verbunden sehen, ein wichtiges, ja: ein notwendiges Buch. Es rüttelt aus der Lethargie der Gewöhnung auf, mit der man gesellschaftliche Entwicklungen [...] allzu oft hinzunehmen pflegt [...]. Wer nach der Lektüre nicht zumindest überlegt, was nunmehr zu tun sei, hat nur wenig von diesem Buch verstanden. Und weniger noch, das steht zu befürchten, von seinem christlichen Glauben." 
In der jüngsten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Vision 2000 bespricht Christof Gaspari die #BenOp und empfiehlt das Buch "wärmstens zur Lektüre": "Ich habe das Buch zweimal gelesen." Last not least ist in der aktuellen Ausgabe des libertären Magazins eigentümlich frei nicht nur eine kurze Rezension der #BenOp in der Rubrik "Bücherschau", sondern zudem ein vom Chefredakteur André F. Lichtschlag verfasster zweiseitiger Artikel erschienen, der Rod Drehers Thesen wohlwollend-kritisch unter die Lupe nimmt; ich würde sagen, das Wohlwollen überwiegt, aber letztlich merkt Lichtschlag schon selbst, dass die #BenOp mit seinem eigenen libertären Standpunkt nur bedingt vereinbar ist. Und das ist ja auch ganz gut so. 

Und neulich wollte ich dem Passauer Bischof Stefan Oster ein Exemplar der #BenOp überreichen, aber er verriet mir: "Das habe ich schon." Er nahm das Exemplar dann aber trotzdem und gab es an seine Referentin für Neuevangelisierung weiter. Wie es überhaupt dazu kam, dass ich ein Gespräch mit Bischof Oster hatte, darüber berichte ich dann in Kürze... 



Dienstag, 24. Juli 2018

Wie wär's mit einer Einkoch-AG?


Mal so zwischendurch gefragt: Wie läuft's denn so mit'm Foodsharing? -- Gut läuft's! -- Manchmal fast ein bisschen zu gut. Zwar nicht im strengen Sinne regelmäßig (also im Sinne fester Zeitabstände), aber doch recht häufig übernimmt meine Liebste Abholtermine in zwei Bio-Supermärkten und einer Bäckerei unseres Stadtbezirks; rein vom Zeit- und Arbeitsaufwand her wäre da sogar noch mehr möglich, aber zuweilen wissen wir schon gar nicht mehr, wohin mit dem ganzen Essen. Obwohl es ja, wie schon mal erwähnt, im Zweifel immer noch die Suppenküche der Franziskaner in Pankow und neuerdings auch den "FairTeiler" in der Provinzstraße gibt. Neulich hatte meine Liebste zwei Biomarkt-Abholtermine innerhalb einer Woche; aus den erbeuteten Lebensmitteln machte sie einen großen, großen Topf voll Blumenkohl-Kartoffelcremesuppe, eine ebenfalls ziemlich üppige Pilzpfanne und kochte zudem einige Gläser mit Brokkoli und grünen Bohnen ein, und mit dem, was dann noch übrig war, konnten wir immer noch den zuvor ziemlich weitgehend geleerten Kühlschrank und Brotschrank des FairTeilers wieder auffüllen. 









Kurz, ich habe es wohl schon wiederholt (zumindest implizit) angemerkt: Im Foodsharing steckt noch eine Menge unausgeschöpftes Potential, und meine Liebste und ich waren ja praktisch von Anfang an der Meinung, es müsste eigentlich möglich sein, da die Kirchengemeinde mit ins Boot zu holen. Wie genau? Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Man könnte innerhalb der Gemeinde dafür werben, dass mehr Leute sich als Foodsaver registrieren und Abholungen übernehmen. Man könnte auch in Räumen der Kirchengemeinde einen "FairTeiler" einrichten -- daran hat neulich sogar schon unser Pfarrer Interesse geäußert, von sich aus ("Sie machen doch dieses Foodsaving..."). Und schließlich und nicht zuletzt wäre auch die Weiterverarbeitung der erbeuteten Lebensmittel ein interessantes Thema. 

Es ist ja so: Gerade rohes Obst und Gemüse ist, wenn es beim Foodsharing landet, oft ziemlich kurz davor, schlecht zu werden. Schließlich geben die Betriebe nur diejenigen Waren ab, die sie am nächsten Tag nicht mehr verkaufen können. Das heißt, oftmals muss man die Lebensmittel entweder innerhalb weniger Tage verbrauchen, oder man muss sie auf eine Weise verarbeiten, die sie länger haltbar macht. Einkochen, zum Beispiel. Was aber für eine einzelne Person ziemlich arbeitsaufwändig sein kann, vor allem wenn man nur eine Küche mit recht begrenzter Arbeitsfläche zur Verfügung hat und gleichzeitig noch ein Baby an dem Versuch hindern muss, sich an der heißen Ofenklappe aufzurichten.

Also: Hier wäre ein Punkt, an dem eine Kirchengemeinde ins Spiel kommen könnte, insbesondere dann, wenn sie in ihren Gemeinderäumen über eine geräumige und gut ausgestattete Küche verfügt, die es ermöglicht, dass mehrere Leute gleichzeitig darin arbeiten, ohne sich gegenseitig im Weg zu sein. Für die Küche des Gemeindehauses unserer örtlichen Kirche gilt das nur bedingt bzw. eher nicht, wohl aber für die einer benachbarten Pfarrei innerhalb des "Pastoralen Raums". Dort könnte ich mir eine "Einkoch-AG" sehr gut vorstellen: eine Gruppe von Gemeindemitgliedern (aber gern auch unter Einbeziehung "externer" Interessierter), die sich einmal in der Woche (oder, wenn es unbedingt sein muss, auch seltener) trifft, um von einem oder mehreren Gruppenmitgliedern per Foodsaving herangeschafftes Obst und/oder Gemüse zu putzen, zu schnibbeln und einzukochen -- oder gegebenenfalls auch gleich zu Suppe, Marmelade o.ä. weiterzuverarbeiten. Gemeinsame Küchenarbeit ist eine gute gemeinschaftsbildende Maßnahme, und die Pfarrei sammelt nach und nach einen stattlichen Vorrat an lange haltbaren Lebensmitteln an, die sie Bedürftigen zukommen lassen und/oder für Gemeindeveranstaltungen nutzen kann.

Zu bedenken ist dabei allerdings, dass damit in keinem Fall Geld zu machen ist: Lebensmittel, die man über das Foodsharing-Netzwerk erhalten hat, darf man zwar verschenken, nicht aber verkaufen. Das hat einerseits mit dem gewissermaßen anti-kommerziellen Ethos der Initiative zu tun, andererseits aber auch mit lebensmittelrechtlichen Auflagen und Vorschriften. Das heißt, wie und wo auch immer die Produkte einer mit Foodsharing-Waren arbeitenden Einkoch-AG auf den Tisch kommen, muss es stets gratis geschehen. Es steht zu erwarten, dass die Kolping-Tanten, die beim einmal monatlich nach der Sonntagsmesse stattfindenden Gemeinde-Brunch ihre "Suppe des Monats" zu Apothekerpreisen feilbieten, angesichts solchen Dumpings lange Gesichter machen werden, aber aus meiner persönlichen Sicht ist das kein bug, sondern ein feature...



Montag, 23. Juli 2018

Das Stadtteilfest vor der Haustür – Eine Modellrechnung in Sachen Gemeindeaufbau

Am vergangenen Wochenende fand in meinem „Kiez“ das 9. Tegeler Hafenfest statt; da ich letztes Jahr um diese Zeit verreist war und in den Jahren zuvor noch nicht in dieser Ecke der Stadt wohnte, kannte ich dieses Fest bislang nur vom Hörensagen, aber es war im Vorfeld schon abzusehen gewesen, dass das eine ziemlich große Nummer werden würde. Und da die Pfarrkirche meiner Wohnortpfarrei nur rund 500 Meter vom Festgelände entfernt liegt und ein Blick auf den Stadtplan es sehr wahrscheinlich anmuten ließ, dass eine recht große Zahl von Leuten auf ihrem Weg zum Hafenfest an der Kirche vorbeikommen würde, hatte es in den Gemeindegremien oder auch in informellen Gesprächen zum Thema Gemeindeentwicklung schon vor Monaten Überlegungen dazu gegeben, ob und wie man dieses Event dazu nutzen könnte, auf den Kirchenstandort aufmerksam zu machen. Wenn ich mich richtig erinnere, war es eine der beiden Gemeindereferentinnen des Pfarreiverbands, die diesen Gedanken als erste zur Sprache brachte.

Konkrete Schritte wurden aber erst einmal nicht unternommen, und wie das immer so ist: Schwuppdiwupp war es auf einmal Juli, und das Hafenfest stand buchstäblich vor der Haustür.




Nun war ich allerdings nicht willens, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen; daher machte ich mir ein paar Gedanken darüber, was sich mit minimaler Vorbereitungszeit wohl noch realisieren lassen würde. Das Ergebnis meines Nachdenkens teilte ich per Mail dem Pfarrer, den Gemeindereferentinnen und einigen erfahrungsgemäß ziemlich "aktiven" Gemeindemitgliedern mit: Mein Vorschlag lautete, einen Stehtisch mit einer Auswahl an Info-Materialien auf den Kirchenvorplatz zu stellen, und dann müsste man eben ein paar Leute haben, die sich stundenweise hinter diesen Tisch stellen und für Passanten ansprechbar sind -- oder sie gegebenenfalls auch aktiv ansprechen. Von einigen der Adressaten meiner Mail erhielt ich ausgesprochen positive Reaktionen auf meinen Vorschlag, und eine Handvoll Leute - darunter der Pfarrer und die Lokalausschuss-Vorsitzende - erklärten sich sogar bereit, selbst bei der Aktion mitzumachen. Also machten wir das so!




Um allerdings die zwischen Anspruch und Realität klaffende Lücke gleich von vornherein einzuräumen: Wenn ich mir überlege, wie ich mir eine Werbeaktion der Pfarrgemeinde auf einem Stadtteilfest idealerweise vorstellen würde, dann sähe das so aus, dass während der gesamten Dauer des Festprogramms immer zwei Personen am Infostand stehen und zwei weitere über das Festgelände schlendern und dort Infomaterial verteilen und mit Leuten ins Gespräch kommen. Wenn man dabei niemandem zumuten möchte, über das gesamte Wochenende verteilt mehr als vier Stunden für diese Aktion aufzuwenden – sagen wir: jedes Zweierteam übernimmt zwei Stunden am Infostand und zwei Stunden Flanieren –, dann bräuchte man dafür, grob überschlagen, 40 Personen.

Nun wird wahrscheinlich annähernd jeder, der ein bisschen Erfahrung mit der Rekrutierung von Freiwilligen für Gemeindeaktivitäten in einer normalen Ortspfarrei hat, sagen, es sei völlig illusorisch, für irgendeine Aktion der Gemeinde 40 Freiwillige aufzutreiben. Ich bezweifle auch nicht, dass diese Einschätzung den Ist-Zustand in den meisten Pfarreien (einschließlich meiner eigenen) zutreffend widerspiegelt. Aber das heißt ja nicht, dass das so sein (bzw. bleiben) muss. Wieso sollte es das eigentlich? Die Pfarrei, von der hier die Rede ist, hat laut Stand vom 31.12.2017 stolze 4.234 Mitglieder. Auf drei Gemeindeteile an unterschiedlichen Standorten verteilt, zugegeben; aber hin und wieder sollte man doch mal erwarten dürfen, dass die ganze Pfarrei an einem Strang zieht, gerade wenn es um eine Aktion geht, die auch der ganzen Pfarrei zugute kommen kann und soll. Wieso also erscheint es so abwegig, dass man für irgendeine Aktion der Pfarrei - die Infostand-Aktion zum Tegeler Hafenfest soll wohlgemerkt nur ein Beispiel sein - wenigstens 1% der Mitglieder als Helfer rekrutieren können sollte?

Natürlich ist das eine rhetorische Frage. Tatsächlich sind mir die Gründe für dieses Phänomen durchaus kein solches Rätsel. Zunächst mal bekommt man den beiweitem größten Teil der nominellen Mitglieder kaum je in der Kirche zu sehen. In unserer Beispielpfarrei lag der Mittelwert aus beiden "Zählsonntagen" des Jahres 2017 - wiederum: verteilt auf drei Standorte - bei 303 Messbesuchern. Das entspricht knapp 7,2% aller Mitglieder und liegt somit noch deutlich unter dem bereits ziemlich indiskutablen Bundesdurchschnitt von 9,8%. Wenn man nun annimmt, dass innerhalb der Gruppe der regelmäßigen Gottesdienstbesucher der Anteil derjenigen, die darüber hinaus zu aktiver Mitarbeit in der Gemeinde und für die Gemeinde bereit sind, ähnlich hoch ist wie der Anteil der regelmäßigen Gottesdienstbesucher unter allen Mitgliedern, kommt man meiner persönlichen Einschätzung zufolge bei einer realistischen Zahl potentieller Helfer an. Dass die dann obendrein nie alle auf einmal zur Verfügung stehen, weil immer irgend jemand Urlaub oder ein krankes Kind oder Theaterkarten oder einfach gerade mal keinen Bock hat, können wir für die Modellrechnung vernachlässigen. Jedenfalls sehen wir hier, dass man ganz leicht bei einer "Aktiven"-Quote von unter einem Prozent ankommt; und jetzt wage ich mal die steile These: Für ein gutes, gesundes Gemeindeleben sollte eine Beteiligungsquote von 1% aller Mitglieder eigentlich das Minimum sein. Und dass wir uns daran gewöhnt haben, es als normal hinzunehmen, dass diese Quote nicht erreicht wird, ist ein wesentlicher Teil des Problems. 

Einer, der es entschieden ablehnt, solche schwachen Beteiligungsquoten als normal hinzunehmen, ist der kanadische Priester und Gemeindeberater James Mallon: Ein ganzes, knapp 15 Seiten (S. 197-211) umfassendes Unterkapitel seines Buches "Divine Renovation - Wenn Gott sein Haus saniert" dreht sich darum, wie wichtig es sei, klare Erwartungen gegenüber den Gemeindemitgliedern zu formulieren. Es sei ein Irrtum, anzunehmen, man könne oder müsse anderen Menschen dadurch Wertschätzung zeigen, dass man es möglichst vermeidet, Ansprüche an sie zu stellen; tatsächlich sei das glatte Gegenteil der Fall:
"Eine hohe Willkommenskultur und eine hohe Erwartungshaltung sind tatsächlich eine respektvollere Reaktion auf Menschen, denn wir sagen ihnen: 'Wir glauben, dass Gott in dir und durch dich wirken wird. Wir erwarten das und du solltest dasselbe tun.' Das ist um vieles besser als zu sagen: 'Du bist hier hoch willkommen und übrigens erwarten wir gar nichts von dir. Du musst weder etwas tun noch etwas geben, ja, du musst nicht einmal kommen, wenn du keine Lust hast, aber du sollst wissen, dass du als Mitglied unserer Pfarrgemeinde willkommen bist.' Das ist nicht weit weg davon, dass wir keinerlei Erwartungen an neue Mitglieder haben, weil wir sowieso nicht damit rechnen, dass Gott in ihnen und durch sie wirkt." (S. 198f.) 
Folgerichtig hat die von Father Mallon geleitete St. Benedict Parish in Halifax, Kanada, eine Broschüre für neue Gemeindemitglieder erarbeitet, aus der unmissverständlich hervorgeht, welche Erwartungen die Gemeinde an ihre Mitglieder stellt -- und dazu gehört neben dem regelmäßigen Gottesdienstbesuch beispielsweise auch die Bereitschaft, an Seminaren zur Glaubensvertiefung teilzunehmen, sowie auch die Bereitschaft, einen Dienst innerhalb der Gemeinde zu übernehmen. Je nach den persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, versteht sich.

Ich ahne an dieser Stelle allerlei Einwände, teils eher pragmatischer ("Das mag ja in Amerika funktionieren, aber hier bei uns ticken die Leute anders -- wenn man die zu sehr drängt, werden sie erst recht nicht wollen"), teils ganz grundsätzlicher Art, wie sie beispielsweise mein streitbarer Stammleser Imrahil wohl in die Feststellung kleiden würde: "Verpflichtend ist nur das Verpflichtende." Was natürlich stimmt. Konkret gesagt: Wenn jemand ein guter Katholik in dem Sinne ist, dass er die Sonntagspflicht einhält, dass er, wenn er sich einer schweren Sünde bewusst ist, diese ordnungsgemäß beichtet, ehe er das nächste Mal zur Kommunion geht, und auch sonst verlässlich diejenigen religiösen Pflichten einhält, die die Kirche verbindlich vorschreibt -- mit welchem Recht könnte man dem sagen, er "müsse" aber noch mehr tun

Freilich kann man darauf erwidern, als Christen seien wir schließlich dazu aufgerufen, Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Denken zu lieben; und ein Liebender wird wohl eher nicht darauf beharren, er habe für seine Geliebte doch schon alles getan, wozu er verpflichtet sei, und nun möge man ihn bitte in Ruhe lassen. -- Der Clou an der Sache ist nun allerdings, dass der Wert des freiwilligen Engagements gerade darin liegt, dass es eben freiwillig ist. Es wäre also ein Widerspruch in sich, daraus eine Pflicht machen zu wollen. Die Leute müssen schon selbst aktiv werden wollen.

Wie aber bringt man sie dazu, dass sie wollen?

Ich würde ja sagen, zur Mitarbeit in der Kirchengemeinde motiviert man Leute am besten, indem man ihnen bewusst macht, dass ein reichhaltiges, lebendiges, vielfältiges Gemeindeleben etwas Gutes, Schönes und Wertvolles ist; so gut und so wertvoll, dass es die Mühe wert ist, selbst etwas dazu beizutragen. Und indem man ihnen vermittelt, dass es so viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sich ins Gemeindeleben einzubringen, dass für jeden etwas dabei ist, was seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Um das glaubwürdig vermitteln zu können, muss man allerdings erst mal dafür sorgen, dass die Realität in der Pfarrei wenigstens in Ansätzen diesem Bild entspricht. Das heißt, solange man die 1%-Hürde nicht übersprungen hat, müssen die wenigen Aktiven erst einmal ein überproportionales Maß an Arbeit investieren. Das erste Stück den Berg hoch ist das steilste -- genau wie wenn man in St. Jean Pied-de-Port auf den Jakobsweg geht...

Kommen wir nun aber mal zum praktischen Erfahrungsbericht: Was wir auf die Schnelle und mit einer recht überschaubaren Zahl Freiwilliger hinkriegten, war, unseren improvisierten Infostand auf dem Kirchenvorplatz an drei der vier Tage, die das Hafenfest dauerte, für jeweils vier bis fünf Stunden zu "bemannen". Mit gutem Beispiel vorangehend, schob ich selbst ungefähr viereinhalb Stunden Dienst am Infostand, verteilt auf zwei Tage. Während dieser Zeit kamen, zu Fuß und mit dem Fahrrad, insgesamt über 600 Personen unmittelbar an dem Stand vorbei -- nicht mitgerechnet die, die an der gegenüberliegenden Straßenseite entlanggingen, und auch nicht die, die im Auto vorbeikamen, angesichts der sommerlichen Temperaturen teilweise mit offenen Fenstern oder offenem Verdeck. Im Durchschnitt ergibt das also über 130 Passanten pro Stunde, und das heißt: Hätte man genug Freiwillige gehabt, um den Infostand während der gesamten Öffnungszeiten des Festgeländes offen zu halten, hätte man über 5.000 Personen erreichen können.

Einräumen muss ich derweil, dass man, um an so einem Infostand Dienst zu schieben, schon eine gewisse Toleranz in Sachen Ignoriertwerden mitbringen muss. Im Ignorieren sind die Berliner Weltklasse. Ich hätte eigentlich erwartet, dass sehr viel mehr Leute schon allein aus Neugier mal kurz an dem Stand stehenbleiben und "mal kuck'n" würden, als das tatsächlich der Fall war; offenbar sind unerwartet viele Leute überhaupt nicht neugierig. Ganz im Gegensatz zu Kindern und Hunden -- woraus meine Liebste den brillanten Schluss zog: "Beim nächsten Mal müssen wir Luftballons und Hundeleckerli mitnehmen."

Wie dem auch sei: Irgendwie hat es mir Spaß gemacht, am Infostand zu stehen, und ich würde so etwas eigentlich gern öfter machen. Na gut, die nächste Gelegenheit ist nicht fern: Am 8. September ist in Berlin Fest der Kirchen, und da hat der Mittwochsklub einen Stand angemeldet.

Immerhin zehnmal während meiner Einsatzzeit am Infostand kam ich mit Passanten ins Gespräch -- ganz unterschiedliche Leute, ganz unterschiedliche Gespräche. Wenn man das nun auch wieder hochrechnet auf die weiter oben als Idealvorstellung festgehaltene Zahl von 40 Freiwilligen... Zugegeben: Letztendlich weiß man natürlich nie, was solche Passantengespräche wirklich "bringen". Man kann nur versuchen, Samenkörner auszustreuen; ob daraus dann etwas wächst, und wenn ja, was, das hat man nicht in der Hand. Nichtsdestoweniger ist das Potential solcher Aktionen riesig. Angenommen, jedem Freiwilligen gelänge es, eine einzige Person für die Mitarbeit in der Kirchengemeinde zu interessieren und zu motivieren: Dann hätte man im nächsten Jahr schon doppelt so viele Freiwillige.  Und im Jahr darauf viermal so viele. -- So gut mir diese Vision gefällt, gilt es aber zugleich im Auge zu behalten, dass es letztlich nicht um Zahlen geht. Auch wenn die "Erfolgsquote", sofern sie überhaupt messbar ist, geringer ausfällt als "jeder Freiwillige rekrutiert eine weitere Person", heißt das nicht, dass der Aufwand sich nicht "lohnen" würde. Möglicherweise ist unter den Zehntausenden von Menschen, die zum Stadtteilfest strömen, einer, der, ohne sich dessen bewusst zu sein, nur darauf wartet, dass ihn jemand aus der Kirchengemeinde anspricht und einlädt.

Und wenn man diesen einen "erwischt", dann hat es sich allein dafür schon gelohnt.


P.S.: Gerade noch rechtzeitig vor der Fertigstellung dieses Artikels erreichte mich per Mail das Feedback eines freiwilligen Helfers, sodass ich mich bei der Einschätzung des "Erfolgs" unserer kleinen Infostand-Aktion nicht allein auf meinen persönlichen Eindruck verlassen muss. Ich zitiere mal: 
"Wie ich finde, war der improvisierte Werbetisch eine sehr gute Idee [...]. Etwas Resonanz hat es schon gegeben und der eine oder andere überlegt sich sicherlich ob er zum Marsch für das Leben oder zum Nightfever geht [...]. Einige haben sich auch getraut in die Kirche zu gehen. Für die aufgewendete Zeit würde ich sagen, ein gutes Ergebnis." 
Sicherlich hätte man mit mehr Vorbereitungszeit Manches noch besser machen können -- aber daraus können wir ja für zukünftige Aktivitäten dieser Art lernen... 



Sonntag, 22. Juli 2018

Neues vom Pastorenmangel in Butjadingen

Der Umstand, dass ich vor, während und nach meinem jüngsten "Heimaturlaub" recht eifrig über Themen aus der schönen Wesermarsch gebloggt habe, hat mir einen interessanten Twitter-Kontakt beschert -- nämlich einen Nordenhamer "Lokalblogger", der mich seither gelegentlich mit aktuellen Informationen zu Themen versorgt, die in das Interessenspektrum meines Blogs fallen. Zuletzt hat dieser Kollege mich nun darauf aufmerksam gemacht, dass die Lokalausgabe der "Nordwest-Zeitung" ein Thema aufgegriffen hat, das ich hier vor einigen Wochen schon am Wickel hatte: den bevorstehenden massiven Abbau von Pfarrstellen seitens der Oldenburgischen Landeskirche. Der von Rolf Bultmann und Detlef Glückselig verfasste Artikel unter der Überschrift "Immer weniger Pastoren - nun sollen's Ehrenamtliche richten" konzentriert sich auf die Situation in den sechs evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Butjadingens: Burhave, Eckwarden, Langwarden, Stollhamm, Tossens und Waddens. Diese 
"verfügten bis zum Jahr 1986 über rechnerisch 5,5 Pfarrstellen. Derzeit sind es noch drei, wobei eine nach dem Ausscheiden von Pastor Hartmut Blankemeyer vakant ist. [...] Und in einigen Wochen wird es eine weitere Vakanz geben.
Zum 1. Oktober tritt nach 27 Jahren Stollhamms Pfarrer Joachim Tönjes, der auch Eckwarden betreut, in den Ruhestand." 
Den Pastor Tönjes kenne ich übrigens persönlich, wenn auch eher flüchtig. Sehr viel besser kenne ich seinen Bruder. Die Welt ist halt sehr klein, besonders auf dem Lande. Aber das mal nur am Rande; der entscheidende Punkt des Artikels ist, dass die Stollhammer Pfarrstelle nach den Plänen der Landeskirche nicht wieder besetzt werden soll. "Langfristig, so der Plan der Landeskirche, soll es nur noch eine Pfarrstelle für die sechs Butjadinger Kirchengemeinden geben" -- und die hat derzeit der Pastor von Burhave, Klaus Braje, inne, "der zusätzlich für Waddens zuständig ist". Den kenne ich ebenfalls persönlich. Was jetzt wohl keine so große Überraschung war. 

Abb. ähnlich; Bildquelle: Pixabay 

Verantwortlich für diesen radikalen Stellenabbau ist übrigens nicht allein der strikte Sparkurs der Landeskirche, über den ich bereits berichtet habe, sondern auch "der sich verstärkende Pastorenmangel": Wie man dem NWZ-Bericht entnehmen kann, ist es "angesichts des Mangels an Pastorennachwuchs fraglich", ob die noch verbleibenden Planstellen "überhaupt mit Pastorinnen und Pastoren besetzt werden können". Dass eine Kirche, die einerseits keinen Zölibat und anderereits sehr wohl die Frauenordination kennt, bei ihrem geistlichen Personal solche Nachwuchssorgen hat, könnte dem einen oder anderen reformeifrigen Katholiken zu denken geben; aber lassen wir das mal beiseite. Klar ist, dass die künftige Personalsituation "für die Kirchengemeinden eine große Herausforderung darstellt": 
"Wenn künftig ein einziger verbliebener Pastor auf der 129 Quadratkilometer großen Halbinsel viel Zeit im Auto verbringen muss, um für seine pastoralen Tätigkeiten über die Dörfer zu fahren, wird immer mehr der Einsatz Ehrenamtlicher, besonders der Kirchenältesten, nötig sein.
'Die können das auch', ist Joachim Tönjes überzeugt." 
Mag ja sein; wobei sich mir allerdings die Frage aufdrängt: Was genau ist "das"? Ich muss in diesem Zusammenhang gestehen, dass ich von der evangelischen Kirche (wie sich nicht zuletzt in Diskussionen mit evangelischen Theologen immer wieder zeigt) nicht viel verstehe. Ich habe folglich keine allzu konkreten Vorstellungen von den Aufgaben eines evangelischen Pastors und davon, welche dieser Aufgaben auf Ehrenamtliche übertragen werden könnten. That said, fällt mir an dieser Stelle der Stoßseufzer des Bloggerkollegen Martin Recke ein, immer wenn er den Satz "Das müssen in Zukunft Ehrenamtliche machen" höre, entsichere er seinen Colt. Ich kann nur empfehlen, zu lesen, was er zu diesem Thema weiter zu sagen hat; dann muss ich das hier nämlich nicht wiederholen. 

Ganz grundsätzlich stehe ich jedenfalls - wie ich ebenfalls schon mindestens einmal angemerkt habe - dem Ansatz, diejenigen Aufgaben, für die kein hauptamtliches Personal mehr vorhanden ist, an ehrenamtliche Mitarbeiter zu delegieren, äußerst kritisch gegenüber. Weil dadurch Strukturen, die eigentlich schon in sich zusammengebrochen sind, künstlich aufrecht erhalten werden, und das auf dem Rücken der engagierten Kirchenmitglieder. Vergessen wir nicht, dass es neben dem Pastorenschwund in der evangelischen Kirche Butjadingens auch einen nicht weniger dramatischen Mitgliederschwund gibt; um die Handlungsfähigkeit der etablierten Kirchenstruktur mit Hilfe von Ehrenamtlichen aufrecht zu erhalten, müsste man folglich die Quote der aktiv mitarbeitenden Kirchenmitglieder permanent erhöhen, und wie will man das erreichen, wenn sich gleichzeitig der Eindruck vermittelt, alles gehe den Bach runter? Der Versuch, trotz schwindender Kräfte alles so weiterzumachen wie bisher, führt naturgemäß dazu, dass von allem immer ein bisschen weniger gemacht wird. Man verwaltet nur den Niedergang. 

Zum Beispiel ist, wie die NWZ zu berichten weiß, "bereits jetzt in fünf der sechs Butjadinger Kirchengemeinde[n] nicht der Pastor, sondern ein Kirchenältester Vorsitzender des Gemeindekirchenrats". Toll. Aber wieso gibt es überhaupt sechs Gemeindekirchenräte? Antwort: weil "Burhave, Eckwarden, Langwarden, Stollhamm, Tossens und Waddens sowie die benachbarte Kirchengemeinde Abbehausen" zwar seit 2007 einen "Kooperationsverbund" bilden, in dessen Rahmen "[n]eben dem Kanzeltausch und der gegenseitigen pastoralen Vertretung [...] bei regelmäßigen Treffen Informationen ausgetauscht, Veranstaltungen vorbereitet und die Fortentwicklung der Zusammenarbeit beraten" werden – jedoch "ohne dass die Kirchengemeinden dabei ihre Eigenständigkeit eingebüßt hätten". Das klingt so, als wäre das etwas Gutes. Aber ist das nicht hochgradig ineffizient? Ich bin wahrhaftig kein Freund von Verwaltungszentralisation und Großgemeinden, aber wozu braucht man auf einer Fläche von 129 km² sechs formal eigenständige Kirchengemeinden, wenn die sich letztlich sowieso alle einen Pfarrer teilen müssen? Verheizt man da nicht die Bereitschaft der Kirchenmitglieder zu ehrenamtlichem Engagement in sinnlosen Gremiensitzungen? 

Tatsächlich gewährt der NWZ-Artikel ein paar interessante Einblicke in diesen bürokratischen Super-GAU. So versichert etwa der Vorsitzende des Eckwarder Gemeindekirchenrates, Rolf Siefken, die "Bereitschaft, den Pastor zu unterstützen, sei da"; er wünsche sich jedoch "eine bessere finanzielle Ausstattung der örtlichen Kirchenverwaltung, damit die Ehrenamtlichen insbesondere bei bürokratischen Tätigkeiten durch das Kirchenbüro entlastet werden können". Nun ja: Mehr Geld zu fordern dürfte angesichts des Sparkurses der Landeskirche ein problematisches Ansinnen sein. Vielleicht wäre es doch mal eine Überlegung wert, ob man die bürokratischen Abläufe nicht effizienter gestalten (und damit womöglich sogar noch Geld einsparen) könnte? -- Auf eine ganz andere Baustelle weist Jan-Wilhelm Hessenius, Kirchenratsmitglied und Lektor in Tossens, hin: Er sieht ein Problem "in der seiner Meinung nach erheblich erschwerten Lektoren-Ausbildung. Die Änderung im Lektoren-Gesetz hätte die Bereitschaft, sich als Ehrenamtlicher zum Lektor ausbilden zu lassen, deutlich gemindert [...]. Hier müsse die Kirche umdenken." Aber hallo! In der evangelischen Kirche braucht man eine Ausbildung, um Lektor sein zu dürfen? Da würde ich mich aber auch schön bedanken! Nun ja, ich habe mir das "Gesetz über die Beauftragung von Gemeindegliedern mit Aufgaben der öffentlichen Verkündigung" daraufhin mal angesehen und zweierlei festgestellt: Zum einen ist es gar so neu nicht, sondern wurde am 27. Mai 2016 verabschiedet; zum anderen betrifft es ausdrücklich nur sogenannte "Predigtlektoren" und "Prädikanten": Die ersteren sind befugt, "einen Gottesdienst [zu] leiten und auf Grundlage einer Lesepredigt [zu] predigen", die letzteren darüber hinaus auch dazu, "eine selbst verfasste Predigt [zu] halten". Okay: Dass es dazu einer speziellen Ausbildung bedarf, leuchtet mir ein. Für den einfachen Lektorendienst ("Sie übernehmen in Gottesdiensten z.B. biblische Lesungen oder Gebete") bietet die Landeskirche lediglich einen "Offenen Grundkurs" an, der aber allem Anschein nach nicht verpflichtend ist. 

Gleichwohl hat es natürlich eine gewisse Folgerichtigkeit, wenn Kirchenratsmitglied Hessenius angesichts der Streichung von Pfarrstellen die Frage der Gottesdienstleitung durch Ehrenamtliche zur Sprache bringt. Schon jetzt leitet er "bis zu 20 Gottesdienste im Jahr, wobei ihm die plattdeutschen die liebsten sind"; es liegt auf der Hand, dass der Bedarf zukünftig steigen wird. Was mich zu der Frage zurückbringt: Wenn der scheidende Stollhammer Pastor Tönjes über ehrenamtliche Kirchenmitarbeiter sagt "Die können das auch", was genau meint er dann mit "das"? 

Wie schon gesagt: Ich verstehe nicht viel von der evangelischen Kirche. Ich weiß streng genommen nicht einmal, ob die Verantwortungsträger vor Ort, seien sie haupt- oder ehrenamtlich, in der Kirche überhaupt etwas anderes sehen als eine "Gemeinschaft der Kasualienkonsumenten" (M. Welker) und ob sie überhaupt mehr wollen als den Niedergang verwalten. Eine beständig abnehmende Zahl von Kirchenmitgliedern taufen, konfirmieren und beerdigen, bis niemand mehr da ist und man das Licht ausmachen kann: Wenn das das Ziel ist, dann ist die Kirche auf einem guten Weg, und das gilt nicht nur für die Wesermarsch und auch keinesfalls nur für die evangelischen Landeskirchen. Wenn es das aber nicht ist, dann würde ich den Verantwortlichen dringend empfehlen, sich beizeiten mal zusammenzusetzen, um 
  • a) Klarheit darüber zu gewinnen, was denn dann das Ziel ist und 
  • b) sämtliche verfügbaren Ressourcen - materielle, personelle, zeitliche usw. - radikal und schonungslos dahingehend zu evaluieren, ob und inwieweit sie in einer Weise eingesetzt werden, die dem in a) formulierten Ziel dient. Und daraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen. 

Das kann - und wird höchstwahrscheinlich - ein schmerzhafter Prozess sein. Aber ich habe die vage Ahnung, dass Teil a) der eigentlich schwierigere Teil der Aufgabe ist. Einige Anregungen dazu, passenderweise sogar aus explizit evangelischer Perspektive, habe ich hier gefunden. Aus katholischer Sicht widmet sich der kanadische Priester James Mallon in seinem Buch "Divine Renovation - Wenn Gott sein Haus saniert" dieser Frage. Ein bisschen Bereitschaft zu eigenständigem Transferdenken vorausgesetzt, dürfte beides auch für Angehörige der jeweils anderen Konfession lesenswert sein.