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Montag, 15. Juli 2019

Kaffee & Laudes - Urlaubs-Special (15. Woche im Jahreskreis)


Was bisher geschah: Wir sind immer noch im Urlaub, und am Montag unternahmen wir gegen Mittag einen Ausflug nach Burhave zur Spielscheune, wo das Kind sich gut zweieinhalb Stunden lang so richtig schön austoben konnte. Einen kurzen Blick über den Deich warfen wir auch, aber da gefiel es dem Kind nicht so gut -- vielleicht weil es sehr windig war. Also verbrachten wir die restliche Zeit, bis der Bus zurück nach Nordenham fuhr, im "Haus des Gastes", wo es neben einer netten Kinderspielecke doch tatsächlich ein Büchertauschregal gab -- oder zumindest so etwas ähnliches: Wie ein Aushang klarstellte, war das Regal dafür gedacht, dass Urlauber Bücher von dort in ihre Ferienwohnungen oder auf den Campingplatz mitnehmen konnten, aber vor ihrer Abreise sollten sie sie zurückbringen. Schade -- denn wenngleich das Regal (wie es wohl meistens der Fall zu sein pflegt) größtenteils mit eher seichter Unterhaltungsliteratur bestückt war, gab es doch einige interessante Bände. (Das einzige Buch mit explizit religiöser Thematik, das sich in diesem Regal fand - "Johannes Paul II. beim Wort genommen" von Horst Hermann - wäre wohl eher etwas für den Giftschrank gewesen. Aber interessiert hätte es mich irgendwie doch.) 

Am Dienstag statteten wir dem Nordenhamer Wochenmarkt einen Besuch ab und trafen uns dann am Rande des Marktplatzes mit einem Bloggerkollegen aus Einswarden, zu dem ich bisher nur via Twitter oder per Mail Kontakt hatte, der mich auf diesen Wegen aber schon verschiedentlich auf interessante Themen aus Nordenham und Umgebung aufmerksam gemacht und/oder mit Hintergrundinformationen versorgt hatte. Sich endlich mal persönlich kennenzulernen, war ausgesprochen erfreulich, und es gab reichlich Gesprächsstoff -- zum Beispiel über das Verhältnis zwischen Bloggern und der "professionellen" Journalistenzunft. Über die Wohnsituation im Stadtteil Einswarden, über Stadtplanung und Personalien aus der Lokalpolitik berichtet "Blogwarden - Das Stadtteil-Blog" nicht selten schneller, umfassender und vor allem kritischer als die lokale Tagespresse. 

Am Mittwochabend fand - unter freiem Himmel am Weserstrand - eine von der Pastorin der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Nordenham, Heike Boelmann-Derra, geleitete Abendandacht statt; dieses Veranstaltungsformat wird schon seit zwei Jahren jeweils in der Sommerurlaubssaison angeboten, und schon zum Start der Veranstaltungsreihe hatte ich seinerzeit ein paar kritische Anmerkungen gebloggt. Nun wollte ich gern die Gelegenheit nutzen, eine solche Andacht selbst mitzuerleben. Frau und Kind kamen mit. -- Eine detaillierte Kritik würde hier den Rahmen sprengen, eventuell komme ich bei anderer Gelegenheit darauf zurück; vorerst nur so viel: Was den rund 45 überwiegend grauhaarigen Teilnehmern der Andacht geboten wurde, wirkte auf mich wie ein Jugendgottesdienst für Senioren. Ein bisschen paradox, aber vielleicht werden wir uns angesichts des Umstands, dass die Baby-Boomer-Generation, die nie erwachsen werden wollte, allmählich ins Rentenalter kommt, an derlei gewöhnen müssen. Inhaltliches Kernstück war ein anstelle einer Predigt vorgetragener Prosatext von Susanne Niemeyer, von dem mir besonders der Satz "Gott ist ein Vielleicht" im Gedächtnis hängengeblieben ist. Gemeint war damit offenbar: Ob es Gott tatsächlich gibt, kann man nicht wissen, deswegen heißt es ja "an Gott glauben". Ich muss sagen, ich stelle mir ein solches Glaubensverständnis ziemlich belastend und trostlos vor. 


Am Donnerstag begann dann der "Urlaub im Urlaub", ein viertägiger Trip ins tiefste Butjadingen. Wir hatten zu diesem Zweck eine Ferienwohnung "in the middle of nowhere" gebucht, zwei Kilometer entfernt vom nächsten Dorf, dreieinhalb vom nächsten Supermarkt. Die Einkäufe für die nächsten Tage erledigten wir daher noch am Donnerstagvormittag in Nordenham, dann fuhren wir mit dem Bus ins mehr oder weniger Ungewisse. Gegen Mittag kamen wir auf Hof Iggewarden an; dort war ich, wenn ich mich richtig erinnere, zuvor erst einmal in meinem Leben gewesen, und zwar vor über 20 Jahren, als das Punk-Festival "Fonsstock" einmalig dorthin verlegt worden war. Der Hof, an dessen Hauptgebäude die Jahreszahl 1886  prangt, erweckt den Eindruck, inzwischen mehr Touristenattraktion als Landwirtschaftsbetrieb zu sein -- mit Hofladen und Hofcafé, Ponyreiten, "Friesengolf", einem Rosengarten und einer Art Streichelzoo mit Schafen, einem Alpaka und den Hängebauchschweinen "Iggi und Igga". Bei Kaffee und Kuchen im Hofcafé erfuhren wir, dass es am Abend ein großes Grillbüffet geben sollte, also beschlossen wir, später noch einmal wiederzukommen. Erst einmal checkten wir aber in unserer Unterkunft ein -- in einem ehemaligen Bahnhof, der zu einer 1908 eröffneten und schon 1959 wieder stillgelegten Kleinbahnstrecke gehörte. Unser Zimmerwirt wunderte sich, wie wir es geschafft hatten, ohne Auto anzureisen. -- Am Abend noch einmal nach Iggewarden zurückzukehren, erwies sich als ausgezeichnete Entscheidung. Hofbesitzer Reinhard Evers stand persönlich am Grill und Barbecue-Smoker, kam aber auch regelmäßig zu den Gästen an den Tisch, um Gegrilltes anzupreisen: "Noch Rippchen? Schweinelende? Kabeljau? Lammrücken? Rinderhüfte? Lachs?" Vor allem die Grillspezialitäten aus dem Smoker waren sensationell. Ich wüsste nicht zu sagen, wann ich zuletzt so gut gegessen habe.


Am Freitag fuhren wir mit dem "Bürgerbus" in das kleine Dorf Seeverns, dessen Hauptattraktion das "Melkhus" ist. Leider hatten wir uns jedoch hinsichtlich der Öffnungszeiten geirrt und standen vor verschlossenen Türen, aber immerhin konnten wir uns den liebe- und phantasievoll gestalteten "parkähnlichen Bauerngarten" ansehen.


Anschließend schauten wir noch bei einem nahegelegenen großen Pferdezuchtbetrieb und Reiterhof vorbei und beschlossen dann, die rund 3 Kilometer bis zum nächsten größeren Ort, nämlich Tossens, zu Fuß zurückzulegen. Unterwegs bekamen wir etwas Regen ab, ließen uns davon aber nicht einschüchtern und kehrten, als wir in Tossens angekommen waren, erst einmal im Friesischen Kaufhaus ein. Ein lustiger Laden voller Tinnef und Gedöns, und Kaffee trinken konnte man dort auch.


Die mittelalterliche, seit der Reformationszeit evangelische Kirche St. Bartholomäus konnten wir uns nur von außen ansehen; theoretisch sollte es zwar möglich sein, sich zu Besichtigungszwecken einen Schlüssel von der Küsterin zu holen, aber wir trafen sie nicht an.


Mehr Glück hatten wir im katholischen Kommunikationszentrum OASE, wo just am Abend zuvor eine Ikonen-Ausstellung eröffnet worden war. Als wir uns zum "Klönschnack" in der OASE einfanden, trafen wir den Künstler, den emeritierte Pfarrer Hermann Roling aus Lengerich in Westfalen, persönlich an und kamen so in den Genuss einer individuellen und kostenlosen Führung durch die Ausstellung. 

Nur am Rande möchte ich zu Protokoll geben, dass DasHaus neben der OASE, das meine Liebste und ich vor zwei Jahren besichtigt haben, inzwischen abgerissen wurde und dass nun ein schickes, ein bisschen spießiges Privathaus an seiner Stelle steht. Tja, schade -- hätte ein spannendes Projekt werden können. Aber es werden auch noch andere spannende Projekte kommen. 

Für den Samstag hatten wir eigentlich geplant, an einer Hofführung auf der Lama-Ranch in Mürrwarden teilzunehmen, danach eventuell noch das Teekontor und das "Kulturhaus am Wattenmeer" in Langwarden zu besuchen und gegebenenfalls auf den "Naturerlebnispfad Langwarder Groden" zu gehen, aber der bewölkte Himmel, die schlechten öffentlichen Verkehrsverbindungen sowie Suses Problemfuß, der Protest gegen die Aussicht anmeldete, schon wieder so viel laufen zu sollen wie am Vortag, veranlassten uns, stattdessen einen Schlechtwettertag in Burhave einzuschieben. Wir verbrachten erneut rund zweieinhalb Stunden in der Spielscheune, aßen Backfisch und Fritten an einer Imbissbude in Strandnähe, spazierten etwas durchs Dorf und gingen schließlich zur Vorabendmesse in der hübschen kleinen Kirche Herz Mariae. Die Messe wurde von dem emeritierten Pfarrer Roling aus Lengerich zelebriert, den wir tags zuvor in der OASE getroffen hatten; der örtliche Pfarrer Karl Jasbinschek wirkte lediglich als Konzelebrant mit. Teils trotzdem, teils gerade deswegen war die Messe fast so unerträglich wie die am vorangegangenen Sonntag in St. Willehad; möglicherweise empfand ich sie auch deshalb als fast noch schlimmer, weil sie in der Kirche stattfand, in der ich praktisch aufgewachsen bin. Neben allerlei liturgischen Grausamkeiten bestand der Negativ-Höhepunkt darin, dass Pfarrer em. Roling statt einer Predigt einen etwas zerfahrenen Vortrag über Ikonenmalerei hielt, komplett mit Fragerunde -- die Pfarrer Jasbinschek schließlich mit dem Hinweis beendete, man habe anschließend noch eine Messe in Tossens. "Eigentlich hätten wir auch noch eine Messe hier", murmelte ich grimmig. Meine Liebste schimpfte auf dem ganzen Nachhauseweg wie ein Rohrspatz. 

Am Sonntag checkten wir gegen 11 Uhr aus der Ferienwohnung aus und fuhren, da die Busverbindungen keine anderen sinnvollen Optionen hergaben und das Wetter für längere Wanderungen zu schlecht war, erst einmal nach Tossens. Wir frühstückten in einer Bäckerei, verbrachten einige Zeit am "Friesenstrand" und gingen schließlich noch einmal zum "Klönschnack" in der OASE, wo diesmal Pfarrer Jasbinschek selbst als Gastgeber fungierte. Ich war schon halbwegs darauf gefasst, dass meine Liebste (und dann wohl auch ich selbst) ihm bei dieser Gelegenheit mal ordentlich die Meinung geigen würde; aber die Situation wurde entschärft dadurch, dass der Pfarrer nicht allein zum "Klönschnack" erschien, sondern in Begleitung einiger Gemeindemitglieder aus Nordenham, die er im Auto mitgenommen hatte, da sie selbst kein Auto haben und daher sonst eher selten "mal rauskommen". Es handelte sich um eine junge Frau aus Madagaskar und eine von der Elfenbeinküste, letztere mit zwei entzückenden kleinen Töchtern, zwei und drei Jahre alt. Die Mädchen freundeten sich recht schnell mit unserer Tochter an; Bauklötze und anderes altersgerechte Spielzeug war in der OASE reichlich vorhanden. Und auch sonst war dieser "Klönschnack" ziemlich nett. Gegen Abend waren wir wieder in Nordenham. 


Was ansteht: Drei weitgehend unverplante Urlaubstage in Nordenham liegen noch vor uns, bevor es zurück nach Berlin geht. Am Dienstag ist der Gedenktag Unserer Lieben Frau auf dem Berge Karmel, auch "Skapulierfest" genannt -- ursprünglich ein Eigenfest des Karmeliterordens, 1595 auch zur Feier außerhalb des Ordens zugelassen und 1726 durch Papst Benedikt XIII. für die ganze Kirche eingeführt. Ein bisschen schade, dass unsere wöchentliche Lobpreisandacht in Herz Jesu Tegel infolge unserer Abwesenheit an diesem Tag ausfallen muss. Die dienstägliche Werktagsmesse in St. Willehad fällt an diesem Tag ebenfalls aus, und wenn ich richtig sehe, gilt das für die gesamte Sommerferienzeit. Aber das ist ein Thema für sich -- und angesichts der Messen, die wir hier bisher erlebt haben, schwerlich zu bedauern. Jedenfalls könnte man den Gedenktag zum Anlass für einen kleinen Trip nach Einswarden nehmen -- um mal einen Blick auf die seit Jahren nicht mehr genutzte, aber bislang noch nicht profanierte Herz-Jesu-Kirche und den wahrscheinlich völlig verwilderten Pfarrgarten zu werfen. Mal sehen. Zur Stadtbücherei will ich irgendwann auch noch. Am Donnerstag ist Rückreisetag, und wenn wir wieder zu Hause sind, ist dort Tegeler Hafenfest. Anders als letztes Jahr wird es wohl diesmal keinen Infotisch unserer Pfarrgemeinde geben; um alles können meine Liebste und ich uns schließlich nicht kümmern, und wenn wir es nicht tun, dann... tja. Dafür findet am Samstag aber zum dritten Mal unser Krabbelbrunch statt; vielleicht schaffen wir es zuvor ja noch, das Hafenfest für eine kleine Werbeoffensive zu nutzen. 


aktuelle Lektüre: Fertig geworden bin ich bislang noch mit keinem der Bücher von meiner Urlaubs-Leseliste, aber immerhin, ich komme voran. Mit Bernhard Meusers "Christsein für Einsteiger" bin ich so gut vorangekommen, dass ich optimistisch bin, die Lektüre spätestens auf der Zugfahrt zurück nach Berlin abschließen zu können. Dass sich diese Lektüre insgesamt über einen so langen Zeitraum - gut dreieinhalb Monate nämlich - hingezogen hat, liegt übrigens nicht daran, dass das Buch schwer zu lesen wäre. Im Gegenteil, vielfach liest es sich geradezu trügerisch leicht. Der ganze Ansatz, die 74 "Werkzeuge der geistlichen Kunst" aus der Ordensregel des Hl. Benedikt für das Alltagsleben des "modernen Menschen" zu adaptieren und dem "modernen Menschen" dabei auch noch zu verklickern, "wozu das gut sein soll", ist im besten Sinne "niederschwellig". Aber dennoch, und obwohl der Tonfall für meinen Geschmack stellenweise fast schon zu locker-flockig wirkt, ist das Buch auf seine Weise anspruchsvoll. Man tut gut daran, es in kleinen Dosen zu konsumieren und den einzelnen Abschnitten Zeit zum Wirken zu geben. 

Beim "Baader-Meinhof-Komplex" habe ich nach dem zweiten der fünf "Überkapitel", das mit der Verhaftung der führenden Köpfe der ersten RAF-Generation im Juni und Juli 1972 endet, erst einmal eine Pause eingelegt. Das ist schließlich eine sehr bedeutsame inhaltliche Zäsur. Trotzdem denke ich, ich werde die Lektüre bereits in den nächsten Tagen wieder aufnehmen -- und dann schon recht bald darüber bloggen. 

Eine ausführliche Kritik - sei es hier im Blog oder in einer anderen Publikation - werde ich in absehbarer Zeit wohl auch zu dem Buch "Völkische Landnahme" von Andrea Röpke und Andreas Speit verfassen; vorerst daher nur so viel: Ich bin jetzt auf S. 94 von 204, und bisher geht es in dem Buch weit weniger um Völkische Siedler, als man hätte annehmen sollen. Genauer gesagt, es scheint den Autoren weit weniger darum zu gehen, das Phänomen der Völkischen Siedler darzustellen, als vielmehr darum, es ideologiekritisch einzuordnen. Trotzdem ist es in vielerlei Hinsicht informativ und interessant, aber gleichzeitig nervt es mich kolossal. Mehr dazu, wie gesagt, bei anderer Gelegenheit. 

Vorbehaltlos begeistert bin ich hingegen von Norma Mazers "Lieber Bill, weißt du noch?". Nachdem ich eine der sieben Erzählungen des Bändchens, "Mimi der Fisch", bereits vor dem Urlaub gelesen hatte, habe ich seither noch drei weitere - "Peter im Park", die Titelgeschichte der Sammlung sowie "In den Fong-Bergen" - gelesen und finde sie allesamt großartig: anrührend, skurril, verschroben, verzwickt. Wer mehr wissen will, dem sei eine Rezension der amerikanischen Originalausgabe empfohlen, die ich auf einem Blog namens "Lost Classics of Teen Lit" entdeckt habe. Daraus kann man auch entnehmen, dass die Originalversion eine Geschichte mehr enthält als die deutsche Ausgabe. Die Übersetzung von Rolf Inhauser wirkt zuweilen etwas steif und altbacken, aber in gewisser Weise trägt gerade das zum Charme des Buches bei. Soviel ich weiß, ist das 1983 in der Jugendbuchreihe "dtv pocket" erschienene Werk seit einer halben Ewigkeit nicht neu aufgelegt worden, aber bei den einschlägigen Online-Antiquariaten wird noch eine nicht ganz kleine Anzahl gebrauchter Exemplare gehandelt. Daher: Kauft es, lest es, schenkt es Euren halbwüchsigen Töchtern, sofern Ihr welche habt! 


Linktipps: 
Ich sag's jetzt einfach mal: Unter den diversen Stimmen der katholischen Publizistik im deutschsprachigen Raum dürfte Peter Winnemöller derjenige Autor sein, dessen Sachkenntnis und Urteilsvermögen ich am meisten vertraue. Das heißt nicht zwingend, dass ich immer und überall mit ihm einverstanden bin (oder er mit mir), aber das ist wohl auch gut so; ansonsten könnte ich seine Kolumnen ja auch gleich selbst schreiben. Im hier verlinkten Artikel liefert er eine programmatische Reflexion über den Umstand, dass er den Begriff und das Konzept "Kirchenpolitik" zwar zutiefst verabscheut, es zugleich aber als unerlässlich betrachtet, sich damit auseinanderzusetzen. Das impliziert naturgemäß auch eine gewisse eigene Positionierung innerhalb des "kirchenpolitischen" Spektrums -- was mich übrigens daran erinnert, dass ich schon seit einigen Wochen plane, mal wieder etwas zum Thema innerkirchliche Lagerbildung zu bloggen. Hoffentlich komme ich bald mal dazu. Aber zurück zu Peter Winnemöllers Artikel: Besonders hervorhebenswert erscheint mir sein Widerspruch gegen die Annahme,  die entscheidende Konfliktlinie innerhalb der katholischen Kirche verlaufe zwischen Befürwortern und Gegnern des II. Vatikanischen Konzils: 
"Nicht das Konzil war das Problem der Kirche. [...] Ein Konzil findet immer in seiner Zeit statt. Es ist Aufgabe der Kirche, so ein Konzil zu rezipieren. [...] Die Kollision verläuft tatsächlich entlang einer Linie derer, die sagen, die Päpste setzen das Konzil um, gegen die, die behaupten, die Päpste 'drehen das Konzil zurück'."
Jetzt empfehle ich hier schon Wikipedia-Artikel? Im Ernst? -- Gegenfrage: Wieso nicht? Ich finde den Abschnitt über moderne Lobpreismusik (und die theologischen Auseinandersetzungen darüber) ausgesprochen informativ und lesenswert, wenngleich ich auf den Vorwurf, Lobpreismusik werde den "zeitgenössische[n] (Pop-)Musikidiome[n]", an denen sie sich orientiere, "nur auf einem sehr einfachen Niveau gerecht" und bei "Übernahmen aus dem romanischen und angelsächsischen Raum" sei "auch die Übertragung der Texte ins Deutsche oftmals von minderer Qualität", erwidern wollen würde, dass das Musikgenre "Lobpreis" hierzulande in jüngster Zeit dank Komponisten und Textern wie Albert Frey oder auch Johannes Hartl erhebliche Fortschritte gemacht hat. Noch interessanter wird's, wenn man einigen der in den Text eingebetteten Links folgt und sich etwa anhand der Stichworte "Berliner Erklärung" und "Kasseler Erklärung" über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Evangelischer Allianz und Pfingstbewegung informiert. 


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 15. Juli: Hl. Bonaventura (ca. 1221-1274), Ordenspriester, Kirchenlehrer. Wurde nach eigenen Angaben als Kind durch den Hl. Franz von Assisi von einer lebensbedrohlichen Krankheit geheilt, trat später in den Franziskanerorden ein und wurde dessen Generalminister. Bedeutender Theologe, galt beim Konklave von 1371 als aussichtsreicher Kandidat für das Papstamt. 1273 zum Kardinal ernannt, spielte eine zentrale Rolle beim 2. Konzil von Lyon, vor dessen Abschluss er jedoch starb. 

Samstag, 20. Juli: Hl. Apollinaris, Bischof und Märtyrer; der Überlieferung zufolge ein Schüler des Apostels Petrus und erster Bischof von Ravenna. Hl. Margareta, Jungfrau und Märtyrerin; soll der Überlieferung zufolge um die Wende vom 3. zum 4. Jh. in Kleinasien gelebt haben. Ihr Leben und Martyrium ist Gegenstand ausgesprochen farbenprächtiger Legenden. Eine sehr populäre Heilige, die seit dem Mittelalter zu den 14 Nothelfern und zusammen mit der Hl. Barbara und der Hl. Katharina von Alexandrien zu den "drei heil'gen Mad'ln" gezählt wird. 


Aus dem Stundenbuch: 

Am Ende der Tage wird es geschehen: † Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; * er überragt alle Hügel. (Jesaja 2,2)



Dienstag, 9. Juli 2019

Die stille Generation verprasst ihre Rente beim Konditor

Montag, der 3. Juni, war ein schöner, sonniger Tag, und ich verbrachte den Großteil des Vormittags damit, mit meiner Tochter durch Tegel zu spazieren. Zuerst wollte ich aber etwas Bargeld abheben, um mir die Möglichkeit offen zu halten, zwischendurch irgendwo einzukehren oder mir zumindest ein Kaltgetränk für unterwegs zu kaufen. 

Ich staunte, wie lang die Warteschlange an den Geldautomaten war. Gut, zum Teil lag das wohl daran, dass einer der Automaten defekt war und ein zweiter gerade aufgefüllt wurde. Aber trotzdem standen hier ungewöhnlich viele Bankkunden an, und wie ich auf den zweiten Blick feststellte, waren es lauter Senioren. Ach, natürlich, es ist Monatsanfang, kam mir schließlich in den Sinn. Die holen sich alle ihre Rente ab. 

In der Fußgängerzone von Alt-Tegel konnte ich kurz darauf dann auch beobachten, was die alten Leutchen mit ihrem frisch abgehobenen Geld machten: Die Cafés und Bäckereien waren voll mit Senioren. Zugegeben, das Stadtbild in Alt-Tegel ist auch sonst stark von älteren Mitbürgern und ihren Rollatoren geprägt, davon kann man sich besonders eindrucksvoll überzeugen, wenn man bei Edeka einkaufen geht; aber eine so auffällige Rentnerschwemme[*] wie an diesem Montagvormittag Anfang Juni hatte ich dann doch noch nicht erlebt, jedenfalls nicht bewusst. 

Ich erinnerte mich, vor langer, langer Zeit mal in einem soziologischen Text gelesen zu haben, die Gewohnheit, sich am Anfang des Monats, wenn frisches Geld auf dem Konto ist, "mal etwas zu gönnen", sei typisch für Haushalte, in denen das Geld nicht oder nur mit Müh und Not bis zum Ende des Monats reicht. Gerade wollte ich anfangen, über Altersarmut zu sinnieren, da kam mir ein anderer Gedanke in die Quere: Was sagt es eigentlich über die Struktur unserer Gesellschaft als ganzer aus, dass es so viele alleinstehende Senioren gibt, die, wenn sie mal ein bisschen unter Leute kommen und sich einen schönen Tag machen wollen, ihre sauer verdiente Rente in der Konditorei verjubeln müssen? Kann es sein, dass das vielbeschworene Phänomen "Altersarmut" nur ein Teilaspekt, nämlich der rein materielle Aspekt eines viel größeren Problems namens Alterseinsamkeit ist? 

Symbolbild: Jean Papillon, "Man in Grey Suit Eating Ice Cream"; Quelle hier

Altersarmut entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung schließlich erst dadurch, dass vorausgesetzt wird, ein alter Mensch müsse in der Lage sein, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten - mittels eines über Jahrzehnte erarbeiteten Rentenanspruchs, durch Ersparnisse oder womöglich eine private Rentenversicherung. Menschheitsgeschichtlich gesehen ist das eine ziemlich neue Idee. Ehedem war es Aufgabe der Familien, für die Alten zu sorgen. Und sollte man nicht denken, es wäre auch für die heutigen Senioren - nicht nur aus Kostengründen - schöner, sie könnten Kaffee und Kuchen im Kreise ihrer Kinder und Enkel genießen? 

Hand aufs Herz: Kann es sein, dass die gefürchtete Altersarmut gerade durch diejenigen Maßnahmen begünstigt wird, die sie angeblich verhindern sollen - nämlich dadurch, dass Menschen ihr ganzes Erwachsenenleben hindurch soziale und familiäre Bindungen vernachlässigen, womöglich die Gründung einer eigenen Familie aufschieben oder ganz unterlassen, um möglichst viel arbeiten und möglichst viel Geld verdienen zu können? Wenn sich das schon bei den heutigen Alten, also der ersten Nachkriegsgeneration, bemerkbar macht, dann kann man sich ausrechnen, dass die nachfolgenden Generationen noch weit stärker davon betroffen sein werden. Bis hin zu den Millennials, die weder Familien gründen noch in ihren oft prekären Beschäftigungsverhältnissen die Chance haben, Rentenansprüche oder Ersparnisse zu erwerben. 

Mir ist natürlich klar, was man mir entgegnen wird. Will ich Menschen wirklich zumuten, im Alter von Wohlwollen Anderer abhängig zu sein, auch wenn es die eigenen Kinder und Enkel sind? Sollten nicht auch Senioren das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben? Darauf jedoch erwidere ich nun wiederum: Genau dieses falsche Ideal des "selbstbestimmten Lebens", verstanden als Unabhängigkeit von sozialen Bindungen, hat uns den ganzen Schlamassel eingebrockt. Einsamkeit ist eine Volkskrankheit -- mit unübersehbaren sozialen Kosten: Pornographie, Prostitution, Suchtkrankheiten, Verschuldung durch zügelloses Konsumverhalten... Klar: Auf kurze Sicht ist der Umstand, dass einsame Menschen eifrige Konsumenten sind, gut für die Binnennachfrage, und auch aus Arbeitgebersicht hat es Vorteile, wenn die Beschäftigten lediglich oberflächliche und somit austauschbare Sozialkontakte haben. So sind sie flexibler einsetzbar und eher bereit, Überstunden zu machen, beruflich viel unterwegs zu sein oder gegebenenfalls sogar den Wohnort zu wechseln. Mein innerer Aluhutträger ist sogar ziemlich überzeugt, dass die möglichst frühe Krippenbetreuung für Kinder nicht zuletzt auch darum so vehement gefördert wird, damit die Kleinen sich gar nicht erst an stabile familiäre Bindungen gewöhnen. Aber auf längere Sicht bedroht diese Erziehung zum Individualismus die Stabilität der Gesellschaft mindestens so sehr wie der Klimawandel. 

Ich muss indes zugeben, dass das hohe Rentneraufkommen in der Fußgängerzone von Alt-Tegel an jenem Montagvormittag Anfang Juni nicht der alleinige Auslöser für diese Reflexionen war. Einige Tage später kam ich im Ortsteil Wedding an einem Bauzaun vorbei, der über und über mit Tinder-Werbung vollplakatiert war. Es gab drei bis fünf verschiedene Plakatmotive, aber der gemeinsame Tenor war, wie super es angeblich ist, Single zu sein. Weil man dann nämlich so leben kann, wie es einem passt, und wenn man mal Lust auf andere Leute hat, kann man sie sich ja bedarfsgerecht und für den jeweiligen Anlass maßgeschneidert im Internet bestellen, oder so. Ich wäre ja dafür, dass solche Plakate, ähnlich wie Werbung für Tabak oder Alkohol, mit Warnhinweisen versehen werden müssen; wie zum Beispiel:
"Einen Menschen, der dir den Hintern abputzt, wenn du zum Pflegefall wirst, findest du nicht mit Hilfe einer Dating-App."



Montag, 8. Juli 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (14.Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Nach dem ganzen Stress in Sachen Pfarrfest waren uns zu Anfang der vergangenen Woche tatsächlich mal zwei ruhige und entspannte Tage vergönnt. Das "Dinner mit Gott" am Mittwoch war leider schwach besucht - was bedeutet, dass unsere Einladungs-Offensive, u.a. unter Besuchern des Pfarrfests, keine unmittelbaren Erfolge gezeitigt hat -, aber schön war's trotzdem; und am Donnerstag reisten wir ab nach Nordenham. Am selben Tag brannte in Golzwarden, einem Ortsteil der Kreisstadt Brake (Unterweser), der Dachstuhl der im 13. Jh. erbauten spätromanischen Kirche St. Bartholomäus. Das Notre Dame der Wesermarsch gewissermaßen, jedenfalls soweit es die Reaktionen der regionalen Medien auf den Brand betrifft. Die erstmals 1263 urkundlich erwähnte Kirche hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Bereits 1375 wurde sie im Zuge eines Feldzugs des Grafen Konrad II. von Oldenburg fast bis auf die Grundmauern niedergebrannt (und ein Großteil des Dorfes Golzwarden gleich mit); nach dem Wiederaufbau wurde die Kirche mit einem Wall und einem Wehrturm ausgestattet, der in zeitgenössischen Quellen als "der stärkste Turm im ganzen Friesland" bezeichnet wurde, was allerdings nicht verhindern konnte, dass die Festungskirche im Jahr 1414 nach mehrwöchiger Belagerung von Truppen der Hansestadt Bremen eingenommen wurde. Die Befestigungsanlagen wurden daraufhin zurückgebaut, der Turm im Jahr 1514 endgültig abgebrochen. 

Am Tag nach unsere Ankunft in Nordenham war Herz-Jesu-Freitag: der einzige Freitag im Monat, an dem in der örtlichen St.-Willehad-Kirche noch regelmäßig eine Heilige Messe gefeiert wird, gefolgt von einer (kurzen) Eucharistischen Anbetung mit Herz-Jesu-Litanei und Eucharistischem Segen. Ja, richtig: Eucharistische Anbetung gibt es in Nordenham einmal im Monat eine knappe halbe Stunde lang. Was soll man da sagen außer: Das ist besser als nichts. Wir gingen natürlich hin. Die Gestaltung der Messe - mit Patchwork-Liturgie und einer "Best of Bullshit"-Liedauswahl ("Da berühren sich Himmel und Erde", "Lied, das die Welt umkreist", "Vertraut den neuen Wegen") - war allerdings schwer zu ertragen, und meine Liebste fragte sich bang: Wenn es schon in einer Werktagsmesse, an der außer uns nur noch fünf alte Muttchen, die Hälfte davon polnischer Herkunft, teilnehmen, so zugeht, was soll man dann erst von der Sonntagsmesse erwarten? 

Ehe wir die Antwort auf diese Frage erhielten, war am Samstag aber erst mal großes Familientreffen: Meine Geschwister, mein Schwager und meine beiden Neffen kamen zu Besuch. Zuletzt gesehen hatten wir uns alle vor ziemlich genau einem Jahr. Das Wiedersehen war sehr nett, und da mein Bruder gerade dabei ist, seinen privaten Bücherbestand auszudünnen, hatte er uns allen einige Bücher mitgebracht. Meine Liebste und ich bekamen überwiegend geistliche Literatur; einen großen Teil davon werden wir sicherlich für unser Büchereiprojekt gebrauchen können. Besonders vielversprechend erscheinen mir auf den ersten Blick "Der Pater - Tagebuch einer Konversion" von Eva Winde-Schwarz, "So stark wie das Leben" von Francine Rivers, "A Smile in the Face of God" von Adrian Plass und ein Auswahlband mit Kurztexten von Thomas Merton unter dem Titel "Freiheit in Seinem Geist". Bin mal gespannt. Nebenbei bemerkt zeigte mir das Tischgespräch mit meinen Geschwistern allerdings auch: Wenn man nicht fernsieht, keine aktuelle Trivialliteratur liest und auch sonst die Mainstream-Medien meidet, kann das zu einem erheblichen Mängel an gemeinsamen Gesprächsthemen führen. 

Die Sonntagsmesse war tatsächlich noch schlimmer als erwartet -- ich mag gar nicht ins Detail gehen. Oder ehrlich gesagt, mögen würde ich wohl doch, aber es würde hier den Rahmen sprengen. Würde man alles aufzählen, was an dieser Messe ordnungsgemäß oder zumindest gerade noch akzeptabel war, wäre man schneller fertig als umgekehrt. Aber ich glaube, da es sowieso Stoff für mindestens einen eigenständigen Artikel über die kirchliche Situation in Nordenham und "umzu" gibt, spare ich mir die Details lieber dafür auf. -- Im Anschluss an die Messe gab es auf dem Kirchenvorplatz Kaffeeausschank an Stehtischen, organisiert von den Messdienern. Nett, aber hätten die nicht eigentlich ministrieren sollen? Andererseits, bei so einer Nicht-Liturgie gibt es für Messdiener im Grunde kaum Verwendung. Das eine Mädchen, das in der Messe zum Ministrieren eingeteilt war, stand die meiste Zeit herum wie bestellt und nicht abgeholt. Immerhin, beim Kaffeetrinken nach der Messe traf ich einige Bekannte und Verwandte; das war nett. 


Was ansteht: Für heute haben wir einen Ausflug in den Küstenbadeort Burhave angedacht, wo ich während der ersten 20 Jahre meines Lebens gewohnt habe. Ansonsten ist die Planung für die erste Wochenhälfte noch ziemlich flexibel. Ab Donnerstag wollen wir uns dann in einer Ferienwohnung einquartieren, die mitten in der tiefsten Pampa Butjadingens liegt, und von dort aus Ausflüge zu mehreren Bauernhöfen (darunter eine Lama-Ranch!), zum Langwarder Groden und zu anderen Zielen der Umgebung unternehmen. Wahrscheinlich werden wir uns auch mal die Angebote der Urlauberseelsorge im Badeort Tossens ansehen. Da wir kein Auto haben und die relevanten Buslinien nur ungefähr dreimal am Tag fahren, wird das noch gründlich geplant werden müssen, aber es sind ja noch ein paar Tage Zeit bis dahin. Am Samstagabend werden wir entweder in Burhave oder in Tossens (ich favorisiere Burhave) in die Vorabendmesse gehen müssen, aber ich weiß nicht, woher ich die Zuversicht nehmen soll, dass das weniger grausam wird als in St. Willehad...

Ansonsten hoffe ich, dass ich ein bisschen Zeit finden werde, den einen oder anderen Artikel zu schreiben. Und die Bücher zu lesen, die ich mir in den Urlaub mitgenommen habe. Womit wir schon beim nächsten Abschnitt wären:


aktuelle Lektüre: Tatsächlich ist es mir noch am Abend vor der Abreise nach Nordenham "just in time" gelungen, drei der Bücher von meiner Vor-Urlaubs-Leseliste zu Ende zu lesen. "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" von James Joyce habe ich, wie schon angedeutet, auf nach dem Urlaub vertagt; ich muss auch gestehen, dass meine Begeisterung für dieses Buch etwas nachgelassen hat, nachdem der Protagonist sich von einem verträumten, stets mit einem gewissen ehrfurchtsvoll überforderten Staunen in die Welt blickenden Knaben in einen existentialistisch zerrissenen (oder sagen wir einfach: blasierten?) Jüngling verwandelt hat. 

Die Biographie über Chiara Corbella Petrillo habe ich rund 50 Seiten vor Schluss entnervt abgebrochen. Ich fand das Buch stilistisch wie inhaltlich zunehmend unerträglich, und vor allem war mir die Protagonistin zutiefst unsympathisch. Wenn man bedenkt, dass das Buch von ihren Freunden geschrieben wurde, und zwar in der offenkundigen Absicht, ihren Heiligsprechungsprozess zu fördern, ist das schon eine bemerkenswerte (Fehl-)Leistung. 

Tatsächlich war das einzige Buch von meiner Leseliste, das in der zweiten Hälfte nicht erheblich nachgelassen hat, ausgerechnet Wolfgang Hohlbeins "Teufelsloch". Okay, man könnte sagen, das liegt daran, dass es von Anfang an indiskutabel schlecht war. Noch mehr liegt es aber wahrscheinlich daran, dass es für Hohlbein-Verhältnisse gar nicht mal sooo schlecht ist. Übrigens hat mich mein Instinkt nicht getrogen, dass das Buch Parallelen zum "Druidentor" aufweist -- die sich nicht in der allgemeinen Feststellung "In beiden Büchern geht es um übermenschliche Mächte, die im Innern eines Berges hausen und durch Bergbauarbeiten aufgestört werden" erschöpfen. Es gibt sogar eine im Innern des Berges spielende Szene, die nahezu identisch in beiden Büchern vorkommt. Aber darauf sollte ich wohl mal in einem eigenständigen Artikel zurückkommen. 

Dass ich die Autorin und Protagonistin von "Laufen. Essen. Schlafen.", Christine Thürmer, während des auf dem Pacific Crest Trail spielenden ersten Teils des Buches recht sympathisch fand, hat sich übrigens als Irrtum herausgestellt. Der zweite Teil, der ihre Wanderung auf dem Continental Divide Trail schildert, wird überschattet davon, dass die Heldin sich kurzentschlossen in eine Affäre mit ihrem Wanderpartner Bob stürzt, wohl wissend, dass er ein Stinkstiefel ist. Aber sie hat gerade Bedarf und es ist kein anderer da, und als routinierte Geschäftsfrau betrachtet und behandelt sie diesen Umstand als ein reines Logistikproblem. "Bob ist sehr maskulin und gut aussehend; mir gefällt seine raue Männlichkeit", vermerkt sie; und mit seiner vorherigen Partnerin war er immerhin "zwölf Jahre zusammen", was wohl heißen soll: Wenn seine Ex es so lange mit diesem groben Klotz ausgehalten hat, dann schaffe ich es vielleicht wenigstens fünf Monate lang. Und das tut sie auch, allerdings nur mit Ach und Krach und keinen Tag länger. Auf dem Appalachian Trail, auf dem sie solo unterwegs ist, hat sie dann "[a]ls Frau von heute [...] natürlich ein Kondom im Gepäck - für alle Fälle". Dies bleibt indes eine ziemlich folgenlose Randbemerkung; interessant ist an dem Abschnitt über den Appalachian Trail etwas ganz anderes  denn dieser älteste und am wenigsten "wilde" der drei großen Langstreckenwanderwege der USA führt teilweise durch den Bible Belt. Folglich muss Christine Thürmer sich dort nicht nur vor Bären und Klapperschlangen in Acht nehmen, sondern auch, o Schröck, vor Christen. Als die Protagonistin eine junge Frau trifft, die ihr dabei hilft, ihren Proviant "bärensicher" zu verstauen, und zum Abschied fröhlich erklärt, sie werde mit ihrer Gemeinde für sie beten, lässt sie das noch unkommentiert stehen und überlässt die Beurteilung dem Leser. Ausgesprochen ungnädig reagiert sie hingegen auf den Versuch eines älteren Ehepaares, mit ihr über ihr Seelenheil zu sprechen. Vor solchen "als trail angels getarnten [!] christlichen Eiferern" ergreift sie rasch die Flucht. Dabei haben sie ihr immerhin ein opulentes Frühstück spendiert! Ich bin durchaus bereit, anzunehmen, dass die Missionierungsmethoden dieses Ehepaares der Verfeinerung bedürfen, womöglich sogar, dass sie irgendwie etwas Gruseliges an sich haben; aber dass Frau Thürmer sich vom religiösen Eifer ihrer Gastgeber derart angegriffen fühlt, dass ihr der Gedanke, sie könnten zumindest ihrer eigenen Ansicht nach gute (und nicht etwa böse) Absichten dabei haben, überhaupt nicht in den Sinn kommt, erscheint mir auf unschöne Weise vielsagend. 

Ein lustiger Effekt der Methode, mehrere Bücher parallel zu lesen, ist übrigens, dass man immer mal wieder auf Passagen stößt, bei denen man spontan denkt, sie würden auch ganz gut in ein anderes Buch der aktuellen Leseliste passen. Zum Beispiel:
"Ein halb verrotteter Elchkadaver liegt in einer Felsspalte. Das verletzte Tier konnte sich nach einem Sturz wohl nicht mehr selbst befreien und ist hier nach tagelangem Todeskampf verendet. Daneben flattern mehrere tibetanische Gebetsfahnen im Wind und geben der Szene einen bizarren Anstrich." 
Nein, das steht nicht im "Teufelsloch" (das auch in den Appalachen spielt), sondern in "Laufen. Essen. Schlafen.". Okay, für Hohlbein ist der Stil vielleicht noch nicht schlecht genug. Aber wenn wir schon von schlechtem Stil sprechen: Frau Thürmer schreibt durchaus auch Sätze wie "[I]ch zittere wie Espenlaub in seiner Umarmung". Ja klar. Ich stelle mir vor, wie sie am Schreibtisch sitzt und grübelt: "Wie soll ich dieses Zittern beschreiben? Womit kann ich es vergleichen?" Und endlich, endlich hat sie die Erleuchtung: "Espenlaub! Das ist es! Das ist le mot juste!" --- Wohl eher nicht. Man sagt nicht ohne Grund, der erste Dichter, der auf die Idee gekommen sei, "Herz" auf "Schmerz" zu reimen, sei ein Genie gewesen, aber originell ist so etwas eben nur einmal, und genauso ist es auch mit dem Espenlaub. Meide das Klischee wie der Teufel das Weihwasser, es ist ein alter Hut.

Max Kretzers "Melonenbauer" wird in der zweiten Hälfte in geradezu erschreckendem Maße greller und flacher; nachdem über weite Strecken ein eher komödiantischer Ton vorgeherrscht hatte, lässt der Autor die Handlung erst mit Vollgas auf eine Katastrophe zusteuern, um dann auf den letzten Seiten doch noch ein Happy End nach dem Motto amor vincit omnia aus dem Hut zu zaubern. Das ist dermaßen krude, dass man den Eindruck haben könnte, Max Kretzers Entwicklung vom sozialkritischen Milieuschilderer zum Kitsch- und Schundliteraten innerhalb desselben Buches mitzuerleben. Ohne Flachs: So etwas gibt es. Man lese mal Karl Mays "In den Schluchten des Balkan". Mitten in seinem groß angelegten Abenteuerroman-Zyklus aus dem Orient gerät der Mayster in eine Schaffenskrise und fällt, da er trotzdem Manuskript für den in Fortsetzungen erscheinenden Roman liefern muss, in Handlungsmuster seiner frühen Humoresken und Dorfgeschichten zurück, nur dass sie jetzt in Bulgarien spielen statt im Erzgebirge. Aber immerhin wurde May nach diesem Durchhänger wieder besser...

Während der Zugfahrt habe ich rund 23 Seiten von Bernhard Meusers "Christsein für Einsteiger" und 62 Seiten in Stefan Austs "Baader Meinhof Komplex" gelesen. Meusers Buch ist einfach dichter und erfordert tieferes Nachdenken, aber ich will auch nicht leugnen, dass Austs Geschichte der ersten RAF-Generation mich derzeit einfach mehr fesselt und mitreißt. In dem Buch finden sich noch Bleistift-Anstreichungen, die ich bei früherer Lektüre vorgenommen habe, und diese Anstreichungen zeigen ein ausgeprägtes Interesse am kirchlichen Hintergrund einiger der späteren Terroristen (bzw. insbesondere -innen). Darüber wird es definitiv etwas zu bloggen geben. Dazu, das Buch über Völkische Siedler und/oder Norma Mazers Erzählband "Lieber Bill, weißt du noch?" zu lesen, bin ich noch nicht gekommen. 


Linktipps: 
Im Rückblick auf den "Pride Month" Juni reflektiert Sohrab Ahmari über die Vereinnahmung der LGBT-Bewegung durch die Marketing-Abteilungen von Großkonzernen. Während die radikalsten Fraktionen der LGBT-Aktivisten diese Kommerzialisierung ihrer Anliegen als eine Art feindliche Übernahme beklagen, argumentiert Ahmari, es gebe durchaus einen plausiblen Zusammenhang zwischen dem Streben nach radikaler sexueller Selbstbestimmung und jenem Konsumhedonismus, den die kapitalistische Wirtschaft im Interesse der Stimulierung der Binnennachfrage zu fördern bestrebt ist. Der Artikel ist recht kurz und lädt zum selbständigen Weiterdenken ein. 
Die "Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands" (kfd) im Oldenburger Land veranstaltet alljährlich eine große Frauenwallfahrt zum Marienwallfahrtsort Bethen, und heuer nutzten die Damen dieses Event, um für ihre "kirchenpolitischen Positionen" zu demonstrieren. Eine Gruppe von kfd-Frauen aus Lastrup führte dazu "liturgischen Tanz" auf, und ein Facebook-Video dieser Darbietung wurde alsbald viral. Bloggerin "Mary of Magdala" nimmt dies zum Anlass, ein vernichtendes Gesamturteil über liturgische oder meditative Tanzdarbietungen  im kirchlichen Raum zu fällen: Solche Darbietungen, so schreibt sie, lüden "meist zum Fremdschämen" ein, machten aber "auch traurig, weil sie eigentlich immer eindrucksvoll zeigen, dass die ach so modernen, befreiten, emanzipierten Frauen mit ihrem Körper ungefähr so im Einklang stehen wie Nord- und Südkorea".


Heilige der Woche:

Heute, Montag, 8. Juli: Hl. Kilian und Gefährten, Glaubensboten und Märtyrer. Der laut Ökumenischem Heiligenlexikon "weithin legendären" Überlieferung zufolge war Kilian, der etwa von 640 bis 689 lebte, ein irischer Wandermönch, der mit seinen Gefährten Kolonat und Totnan in Franken missionierte und in Würzburg das Martyrium erlitt. Wird als Patron des Bistums Würzburg und der Region Franken verehrt. 

Donnerstag, 11. Juli: Hl. Benedikt von Nursia, Ordensgründer (ca. 480-547). Need I say more? Ich muss mir noch überlegen, wie ich diesen Tag gebührend feiern kann; eine Messe gibt es in erreichbarer Nähe nicht...


Aus dem Stundenbuch: 

Flut ruft der Flut zu beim Tosen Deiner Wasser, * all Deine Wellen und Wogen gehen über mich hin. (Psalm 42,8)


Sonntag, 7. Juli 2019

Das Hüpfburg-Dilemma

...oder: Wozu wollen wir überhaupt ein Pfarrfest? 

Wie ich wohl schon mehrfach erwähnt habe, besteht meine Wohnortpfarrei aus drei ehemals selbständigen, in der Folge der großen Finanzkrise des Erzbistums Berlin im Jahr 2004 fusionierten Gemeindeteilen. Es gibt einen gemeinsamen Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand, aber für die spezifischen Anliegen der einzelnen Gemeindeteile hat jeder Standort einen eigenen "Lokalausschuss". Diese Ausschüsse werden nicht gewählt, sondern jeder, der sich der Gemeinde am jeweiligen Standort zugehörig fühlt und sich mit seinen Anliegen einbringen möchte, kann an den Sitzungen teilnehmen. Betrachtet man nun die Lokalausschusssitzungen am Standort Herz Jesu Tegel, dann könnte man den Eindruck bekommen, der harte Kern der aktiven, engagierten Gemeindemitglieder bestünde aus neun Personen. Ganz so stimmt das natürlich nicht. Es gibt noch eine Reihe weiterer Gemeindemitglieder, die ehrenamtliche Dienste übernehmen und diese verlässlich und gut erfüllen -- vom Lektoren- und Küsterdienst bis hin zur Pflege des Blumenschmucks in der Kirche. Mit Dingen, die außerhalb ihres jeweiligen klar umrissenen Zuständigkeitsbereichs liegen, wollen die aber in der Regel nicht behelligt werden. Und dann gibt es noch die Kolping-Ortsgruppe, aber die ist ein Thema für sich. Kurz und gut (oder auch nicht): Mit denjenigen Belangen, die es auf die Tagesordnung des Lokalausschusses schaffen, befassen sich regelmäßig die immer gleichen neun Personen -- wobei ich meine Liebste und mich bereits mitgezählt habe; außer uns sind es also noch sieben, und die sind größtenteils im Rentenalter und gehören schon seit Jahrzehnten zu dieser Gemeinde. Beides spricht natürlich nicht prinzipiell gegen sie, aber es hat nun mal charakteristische Auswirkungen. 

An dieser Stelle ein Disclaimer: Ich habe hier nicht die Absicht, bestimmte Personen anzugreifen oder schlechtzumachen. Das ist nicht der Punkt. Die Leute in unserem Lokalausschuss sind keine schlechten Leute, im Gegenteil. Worum es mir hier vielmehr geht, ist, strukturelle Probleme aufzuzeigen, von denen ich überzeugt bin, dass es sie so ähnlich auch in anderen Gemeinden gibt.

Also, noch einmal: Im Lokalausschuss sitzen überwiegend Leute, die sich schon sehr lange in dieser Gemeinde und für diese Gemeinde engagieren und dabei nach und nach graue Haare bekommen haben -- im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne. Und das hat, wie gesagt, charakteristische Auswirkungen. Auf der einen Seite sehen sie selbst sehr deutlich, wie es um die Gemeinde steht: dass der Gottesdienstbesuch deutlich rückläufig ist, dass die Anzahl derer, die über den Gottesdienstbesuch hinaus bereit sind, aktiv etwas zum Gemeindeleben beizutragen, so überschaubar ist, dass man Mühe hat, auch nur die nötigsten ehrenamtlichen Dienste besetzt zu bekommen; und so weiter. Das Bewusstsein dafür, dass nicht einfach alles so weiterlaufen kann wie bisher, ist also durchaus vorhanden. Andererseits haben sie aber auch keine klare Vorstellung davon, was man anders machen könnte. Es fehlt, kurz gesagt, an einer Vision; und wenn man weiß, man muss etwas tun, aber nicht so genau weiß, was, fällt man eben doch gern in vertraute Muster zurück. Stark die Macht der Gewohnheit ist. Auf die Dauer gesellt sich dann leicht noch Frustration dazu -- das Gefühl "Es bringt ja doch alles nichts". All dies war im Zuge der Planung für unser (gemessen daran dann doch überraschend erfolgreich über die Bühne gebrachtes) Pfarrfest deutlich zu spüren. Hinzu kam noch allerlei Menschlich-Allzumenschliches, wovon ich aber annehme, dass es in vergleichbaren Gremien so verbreitet ist, dass man es ebenfalls als ein strukturelles Problem betrachten kann. 

So wird bei den Sitzungen des Lokalausschusses regelmäßig eine Menge Zeit und Energie damit vergeudet, durcheinander und aneinander vorbei zu reden -- im einem solchen Ausmaß, dass ich schon mehrfach darüber phantasiert habe, einen indianischen Redestab zu schnitzen und zu den Sitzungen mitzubringen, verbunden mit der Ansage, fortan dürfe nur noch der reden, der den Stab hat, und die anderen hätten gefälligst zuzuhören. Dabei kann ich überhaupt nicht schnitzen. (Aus einer Fernseh-Doku über Völkische Siedler habe ich kürzlich erfahren, dass es bei denen auch solche Redestäbe gibt, dort aber als angeblich germanische Tradition gehandelt werden. Na ja: Zum Thema Völkische Siedler ein andermal mehr.) Auch gibt es wohl in jedem Gremium dieser Art, so klein es auch sein mag, ein paar Leute, die sich - wie mein Schwiegervater es mal formulierte - "nur zu Wort melden, damit man merkt, dass sie auch da sind"; ein paar Leute, die prinzipiell an allem herumnörgern, und einige, die es nicht lassen können, bereits gefasste Beschlüsse nochmals und nochmals infrage zu stellen. 

Als im Lokalausschuss die Sprache darauf kam, einen Festausschuss zur Vorbereitung des Pfarrfests zu bilden, meldete ich mich bewusst nicht freiwillig dafür. Okay, das fiel in eine Zeit, als ich ohnehin gerade kurz davor war, alles hinzuschmeißen und nie wieder einen Finger für diese Gemeinde rühren zu wollen. Wer sich hingegen sehr wohl freiwillig für den Festausschuss meldete, war meine Liebste. Praktisch blieb das allerdings folgenlos, da die drei oder vier Festausschuss-Mitglieder sich nicht auf einen Termin für ein Treffen einigen konnten. Bei der nächsten Lokalausschuss-Sitzung wurde die Idee eines separaten Festausschusses stillschweigend begraben. Und somit war ich also quasi wider Willen doch an der Organisation beteiligt.

Nun gut: Realistisch betrachtet wäre mir das wohl in keinem Fall erspart geblieben, schließlich musste ich meine Liebste unterstützen, und die wollte sich ja an der Pfarrfest-Planung beteiligen. Besonders nachdrücklich setzte sie sich dafür ein, dass es auf dem Pfarrfest eine Hüpfburg geben solle -- als auffällige Attraktion für Familien mit kleinen Kindern. Rückblickend betrachtet erscheint es mir einigermaßen tragikomisch, in welchem Maße die Hüpfburgfrage die Planungen zum Pfarrfest dominierte und zeitweilig an den Rand des Scheiterns brachte. Die Eskalation der Auseinandersetzung, die man wohl zwischen den Zeilen meiner wöchentlichen "Kaffee & Laudes"-Updates herauslesen kann, war zu wesentlichen Teilen ganz banalen Kommunikations-Pannen geschuldet, die ich hier wohl nicht im einzelnen nachzeichnen muss; gleichzeitig, so möchte ich behaupten, war die ganze Hüpfburg-Debatte aber nur ein oberflächliches Symptom sehr viel grundlegenderer Probleme. 


Die erste Hürde, auf die der Wunsch nach einer Hüpfburg stieß, bestand nämlich in der unausgesprochenen Voraussetzung, dass das ganze Pfarrfest möglichst nichts kosten dürfe. Mal ganz abgesehen davon, dass das Mieten einer Hüpfburg inklusive Transport, Auf- und Abbau und versicherter Betreuung tatsächlich nicht ganz billig ist und man sehr wohl geteilter Meinung über die Verhältnismäßigkeit dieser Kosten sein kann, fand und finde ich es bizarr, dass es in dieser Pfarrei von vornherein undenkbar zu sein scheint, vom Kirchenvorstand ein einigermaßen passables Budget für ein Pfarrfest bewilligt zu bekommen. Der Kirchenvorstand betrachtet es offenbar als seine Aufgabe, so zu tun, als sei kein Geld da; zufällig weiß ich aber, dass das nicht stimmt. Ich habe mir nämlich die Mühe gemacht, die vom Erzbischöflichen Ordinariat bestätigten Abschlussrechnungen für 2016 und 2017 einzusehen. Ich will nicht zu viel verraten, aber in jedem dieser Jahre hat die Pfarrei einen Überschuss im oberen fünfstelligen Bereich erwirtschaftet. Im Wesentlichen stammen diese Einnahmen aus mehreren der Pfarrei gehörenden Wohnhäusern. Nun sehe ich durchaus ein, dass man, wenn man Immobilien besitzt, auch eine Instandhaltungsrücklage für diese braucht; wenn aber praktisch die gesamten Überschüsse in die Instandhaltungsrücklage fließen und für die Gemeindearbeit nichts dabei herausspringt, müsste man vielleicht doch mal darüber nachdenken, ob die Vermietung von Wohnraum wirklich das richtige Geschäftsmodell für eine Pfarrei ist oder ob die Pfarrei vielleicht lieber Popcorn verkaufen sollte.


Wie dem auch sei: Der Umstand, dass es kein Budget gab und das Pfarrfest folglich möglichst nichts kosten sollte, führte u.a. dazu, dass ernsthaft darüber diskutiert wurde, ob man nicht Geld sparen könnte, wenn man nur eine kleine Hüpfburg ausleiht. Mein alter Freund Robert, den ich Mitte Mai in Krefeld traf (da kann man mal sehen, wie lange diese Debatte sich hingezogen hat...), kommentierte dies süffisant: "Lasset die Kindlein zu mir kommen, aber nur bis 20 Kilo und nicht mehr als fünf auf einmal." Er scheint sich mit Hüpfburgen auszukennen.

Mir persönlich war die Hüpfburg als solche zwar kein ganz so großes Herzensanliegen, aber was mir im Zuge der Diskussionen über die Gestaltung des Pfarrfests zunehmend gegen den Strich ging, war die mal mehr, mal weniger explizit geäußerte Einstellung "Wir sollten nicht so viel Aufwand betreiben, nachher kommt sowieso nur eine Handvoll Leute". Zweifellos bestand zwischen dieser Haltung und der Budgetfrage ein komplexer Zusammenhang. Auch die Ankündigung des Pfarrfests in den Vermeldungen klang weinerlich und pessimistisch; allzu vernehmlich stand zwischen den Zeilen "Hoffentlich kommt da überhaupt jemand". Mich regt so etwas auf. Sich bei der Vorbereitung eines Events permanent zu sagen "Da kommt ja sowieso keiner" ist meiner Überzeugung nach die verlässlichste self-fulfilling prophecy der Welt. 

Ein Schlüsselerlebnis in Hinblick auf diese minimalistische Grundhaltung war es für mich, als in einer Sitzung die Frage aufgeworfen wurde, wie lange das Fest denn gehen solle, und der erste Vorschlag lautete: von 11 bis 14 Uhr. Nur drei Stunden? Irgendwie war ich stillschweigend davon ausgegangen, so ein Pfarrfest ginge den ganzen Tag. Angesichts des offenkundigen Mangels an Helfern war das wohl keine sonderlich realistische Annahme, aber immerhin gelang es meiner Liebsten und mir, eine Stunde mehr herauszuhandeln -- von 11 bis 15 Uhr. (Letztlich blieb dieser Verhandlungserfolg allerdings folgenlos, da trotzdem ungerührt gegen 13:30 Uhr mit dem Abbau begonnen wurde.) 

Jedenfalls begann mir an diesem Punkt zu dämmern, wie weit die Vorstellungen darüber, wie so ein Pfarrfest aussehen solle, auseinandergingen. In dem Maße, wie die Konflikte innerhalb des Lokalausschusses sich in den folgenden Wochen verschärften, verdichtete sich dieser Eindruck zu der Erkenntnis: Die ganze Vorbereitung krankte daran, dass wir uns nicht zunächst einmal darüber verständigt hatten, warum und wozu wir überhaupt ein Pfarrfest wollen. Wir hatten stillschweigend vorausgesetzt, wir wären uns darüber einig, aber das war nicht der Fall. Meine Liebste, und mit ihr auch ich, hatte das Pfarrfest in erster Linie als eine Chance betrachtet, die Gemeinde mit ihren Nachbarn im Kiez in Kontakt zu bringen und ein Publikum anzusprechen, das von sich aus eher nicht den Kontakt zur Kirche suchen würde. Und wir waren naiv davon ausgegangen, es herrsche Konsens über diese Zielsetzung. Nun zeigte sich aber, dass die Alteingesessenen im Lokalausschuss eher an Kaffeeklatsch für die Kerngemeinde gedacht hatten -- im Prinzip so etwas wie der "Sonntagstreff", den die Kolping-Ortsgruppe einmal im Monat veranstaltet, nur ein bisschen größer und mit ein paar Extra-Attraktionen. Das bedingte natürlich eine völlig unterschiedliche Schwerpunktsetzung. 

Was mir bis vor Kurzem nicht wirklich klar war, ist, dass selbst die Gutwilligen unter den aktiven Gemeindemitgliedern ganz grundsätzlich nicht auf die Idee kommen, Angebote für Leute zu machen, die nicht sowieso schon zur Kerngemeinde gehören. Das ist nicht böse gemeint, aber es kommt in ihrem Denken schlichtweg nicht vor. Wenn haupt- oder ehrenamtliche Mitarbeiter der Pfarrei sich bei meiner Liebsten und mir erkundigen, wie unsere Veranstaltungen denn so laufen, interessieren sie sich immer besonders dafür, was das denn für Leute sind, die daran teilnehmen. Gehören die denn zu unserer Gemeinde? Sind sie überhaupt katholisch? Als in einer Lokalausschusssitzung angesprochen wurde, man müsse die Anwohner - die Leute, die in den oben angesprochenen, der Pfarrei gehörenden Mietwohnungen wohnen! - über das Gemeindefest informieren (wegen eventueller Lärmbelästigung), schlug jemand vor, man solle sie nicht einfach nur informieren, sondern zum Fest einladen. Diesen Vorschlag fanden zwar alle gut, aber man konnte an ihren Reaktionen merken, dass es für die meisten eine ganz neue, geradezu revolutionäre Idee war.

Nun, frei heraus gesagt, an einem Pfarrfest mitzuwirken, das im Wesentlichen auf Kaffeeklatsch für die Kerngemeinde ausgerichtet war, hatte ich nicht die geringste Lust, und meine Liebste war nach einigen ärgerlichen Kommunikationspannen in Sachen Hüpfburg sowieso auf 180. Aber nun standen wir vor einem Dilemma. Ein spießiges und ödes Pfarrfest wäre für unsere Bemühungen, frischen Wind in die Gemeinde zu bringen, ein schwerer Rückschlag, sogar schlimmer als überhaupt kein Pfarrfest. Um es komplett abzublasen, war es aber zweifellos zu spät. Uns blieb also praktisch gar nichts anderes übrig, als zu versuchen, das Beste daraus zu machen.

Letzten Endes wurde das Fest dann doch deutlich besser, als man es eigentlich hätte erwarten sollen. Einer der ehrenamtlichen Küster der Gemeinde organisierte quasi im Alleingang eine befriedigende Lösung für das Hüpfburg-Problem, eine nicht geringe Zahl junger Familien fand sich beim Fest ein, und es gab sogar einen Foodsharing-Infostand (wenn auch leider "unbemannt").


Auf der Negativseite ist, abgesehen von der allzu kurzen Dauer, zu vermerken, dass es keine Musik gab; ich hatte in den letzten Tagen vor dem Fest noch auf die Schnelle ein bisschen Live-Musik zu organisieren versucht, aber ohne Erfolg. Nächstes Mal kümmere ich mich früher darum. Auch überhaupt nicht nach meinem Geschmack war es, dass die Gäste sämtliche Speisen und Getränke einzeln bezahlen mussten:


Punkpastoral-Stil wäre eher, für das gesamte Speisen- und Getränkeangebot um eine pauschale Spende in freiwilliger Höhe zu bitten. Aber das funktioniert natürlich nur, wenn man dann auch Leute hat, die das zu schätzen wissen und nicht einfach denken "Oh toll, alles gratis" und/oder sich für 20 Cent und einen abgerissenen Hosenknopf den Bauch vollschlagen.

Alles in allem denke ich, ehe man in dieser Gemeinde ein Pfarrfest hinkriegt, wie ich es mir vorstellen bzw. wünschen würde, müsste sich erst mal die Mitgliederstruktur der Gemeinde gründlich wandeln, und das geht naturgemäß nicht von heute auf morgen. Unter diesem Aspekt bin ich beinahe geneigt, mich zu fragen, ob das Pfarrfest nicht vielleicht sogar ein bisschen zu gut gelaufen ist -- so gut, dass auch diejenigen, die eigentlich nur "Kaffeeklatsch für die Kerngemeinde" wollten, durchaus zufrieden sein können. Was schlimmstenfalls bedeutet, dass sie glauben, sie hätten alles richtig gemacht und könnten auch in Zukunft genau so weitermachen.

Noch einmal: Das sind keine schlechten Leute. Aber woran es dieser Pfarrei ganz empfindlich fehlt, ist eine Vision. Ich habe ja schon vor rund 16 Monaten den Versuch unternommen, eine Debatte dazu anzustoßen, aber viel ist dabei bislang nicht herausgekommen. Das wundert mich nicht unbedingt. Eine solche Debatte würde erfordern, Dinge infrage zu stellen, die man als selbstverständlich zu betrachten gewohnt ist; so etwas kann schmerzhaft sein. Aber solange die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarrei keine Vision haben, keine klare Vorstellung davon, wozu sie das tun, was sie tun, wird nur ziel- und lustlos herumgewurschtelt, Potentiale werden vergeudet, der Frust wächst, und irgendwann ist niemand mehr da, den das interessiert.



Dienstag, 2. Juli 2019

Die Idee eines christlichen Dorfes... in Italien

Giovanni Zennaro ist Webdesigner und Benediktiner-Oblate und lebt mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in der Nähe von Mailand. Kennengelernt habe ich ihn über Rod Dreher - wobei der Ausdruck "kennengelernt" vielleicht etwas zu hohe Erwartungen weckt, aber jedenfalls haben wir halbwegs regelmäßig E-Mail-Kontakt. Schon in der allerersten Mail, die ich von Giovanni erhielt - Anfang Oktober 2017 -, erwähnte er beiläufig, er und seine Frau dächten über die Gründung eines christlichen Gemeinschafts-Wohnprojekts für junge Familien nach -- "ein Haus des Glaubens, das es uns ermöglicht, weiterhin in der Welt zu leben und zu arbeiten, ohne von ihr assimiliert zu werden".  Er bat um Gebetsunterstützung für dieses Projekt: "Der Heilige Geist hat dieses Verlangen in unseren Herzen erweckt, aber wir haben noch keine Ahnung, wie Er uns leiten wird, um es zu verwirklichen." 

Inzwischen hat dieses Vorhaben erhebliche Fortschritte gemacht: Es hat einen Namen - Cascina San Benedetto - und eine Website, auf der die Pläne der Initiatoren in italienischer, englischer und deutscher Sprache erläutert werden. Mit einem Zitat aus der Benediktsregel beschreiben Giovanni und seine Mitstreiter ihre Vision als "eine Schule für den Dienst am Herrn": 
"Wir teilen den Wunsch nach einem geordneten Leben, damit unsere Gedanken und Werke immer mehr an Christus ausgerichtet sein können. Ein Leben in Gemeinschaft, das auf brüderlicher Liebe und regelmäßigem liturgischen Gebet beruht, damit Gott in allen Dingen verherrlicht werde." 
Konkret ist dabei an einen Ort gedacht, an dem "mehrere Familien eng zusammenleben", ihren Tagesablauf durch gemeinsames Gebet strukturieren und partielle Gütergemeinschaft praktizieren, um so "im Glauben wachsen [zu] können und sich als Brüder und Schwestern in den Bedürfnissen des Lebens [zu] unterstützen. Diese Gemeinschaft soll in einer "kleine[n] landwirtschaftliche[n] Siedlung in der Brianza, eine halbe Stunde von Mailand entfernt", angesiedelt werden, sodass diejenigen Mitglieder der Gemeinschaft, die in der Stadt arbeiten, die Möglichkeit zum Pendeln haben. Zumindest vorläufig ist nämlich geplant, dass die Begründer der Gemeinschaft ihre "derzeitigen beruflichen Verpflichtungen beibehalten"; allerdings ist sehr wohl auch an die Möglichkeit gedacht, "dass jemand unter uns seine Arbeitszeit teilweise oder ganz reduziert, um sie Gemeinschaftsprojekten zu widmen". Zu den Zielen des Projekts gehört es insbesondere, "eine von Eltern betriebene Schule einrichten, damit unsere Kinder eine Ausbildung erhalten, die vollständig im Glauben und in der Morallehre der katholischen Kirche verankert ist." Über diese Idee einer von Eltern betriebenen Schule - gewissermaßen eine Form gemeinsamen "Homeschoolings" mehrerer Familien - wäre sicherlich noch allerlei zu sagen, aber ich schätze, das ist Stoff für einen eigenständigen Artikel. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Projekts "Cascina San Benedetto" ist die Gastfreundschaft:
"So wie wir in den Klöstern Gastfreundschaft erleben, so wollen auch wir, dass unser Haus ein Ort ist, der für alle offen ist: für diejenigen, die mit der Zeit unsere Lebensweise teilen wollen, für diejenigen, die an unserer Freundschaft in Christus teilhaben wollen, indem sie sich uns zu den Gebetszeiten anschließen, und für diejenigen, die uns einfach besuchen wollen." 
Abb. ähnlich (Bildquelle und Lizenz hier
Rod Dreher äußert sich auf seinem Blog begeistert über das Projekt "Cascina San Benedetto": Dies sei "exakt das, wovon ich beim Schreiben der Benedikt-Option geträumt habe" und "ein Zeichen der Hoffnung für uns alle": 
"Hier sehen wir ein konkretes Beispiel engagierter junger christlicher Familien, deren höchstes Ziel es ist, Gott zu dienen und ihre Kinder in einer gläubigen Gemeinschaft aufzuziehen, und die so die Benedikt-Option verwirklichen. Lasst Euch davon ermutigen! Und wenn Ihr könnt, dann unterstützt diese praktischen Visionäre." 
In einem ausführlichen E-Mail-Interview mit Giovanni Zennaro merkt Rod an, man sollte ja eigentlich denken, es wäre "das Natürlichste auf der Welt, [...] junge christliche Familien zusammenzuführen, um gemeinsam ein von Gebet und Gottesverehrung erfülltes Leben zu führen", aber tatsächlich stünden einem solchen Vorhaben erstaunlich viele Hindernisse entgegen. Wie kommt das? "Das liegt daran, dass wir die soziale Gewohnheit des Lebens in Gemeinschaft verloren haben", meint Giovanni:
"Mir scheint, dass die westliche Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Prozess der mentalen Bourgeoisifizierung vervollkommnet hat, der mit der Industriellen Revolution seinen Anfang genommen hat. Selbstverwirklichung und individuelles Wohlergehen ist zum hauptsächlichen Bestreben von Einzelpersonen und Familien geworden, unabhängig von ihrer sozialen Stellung. Die Vorstellung, dass menschliche Gemeinschaft den Kontext bildet, innerhalb dessen die einzelne Person geboren wird und wächst, Leid und Freude erfährt und die tieferen Aspekte ihres eigenen Lebens mit anderen teilt, ist uns abhanden gekommen." 
Whoa. Mentale Bourgeoisifizierung, ein starker Begriff. Gefällt mir. Aber weiter:
"Selbst Christen sind nicht immun gegenüber diesem Phänomen. Der Glaube ist zu einem von vielen Werten reduziert worden, die wir aufrecht zu erhalten suchen, anstatt die einzigartige Erfahrung zu sein, die allem anderen im Leben erst seinen Geschmack und seine Bedeutung verleiht. Heute können wir sehen, dass eine solche Art von Glauben - eine Praxis, die das Leben letztlich unberührt lässt - höchstens noch einige wenige Generationen überdauern kann."
Giovanni merkt an, dass die grassierende Einsamkeit in unserer Gesellschaft - übrigens ein Thema, zu dem ich auch schon seit Wochen einen Artikel in der Pipeline habe - zu einem wachsenden Interesse an neuen Formen gemeinschaftlichen Lebens geführt habe. Im Allgemeinen, so stellt er fest, setzen solche Gemeinschaftskonzepte jedoch nur bei "Teilaspekten des Lebens" an -- "einem bestimmten Interesse, einem Hobby, einer besonderen Form sozialen Engagements, einem Wert, der den betreffenden Personen besonders wichtig ist". (Nur beiläufig möchte ich einwerfen, dass viele Menschen zu der Annahme neigen dürften, für religiöses Engagement gelte genau dasselbe, und diese Auffassung kann man den Leuten kaum verübeln, da sich institutionalisierte Formen religiösen Engamements tatsächlich häufig so darstellen.) "Auf diese Weise", so Giovanni Zennaro weiter, "erschaffen wir Formen des Zusammenseins, um die Einsamkeit zu bekämpfen, aber ohne dabei das wahre Drama des Lebens, die großen Fragen über den Sinn des Daseins miteinander zu teilen. [...] Ich denke, wir Christen haben die Aufgabe, unter uns eine andere Qualität von Gemeinschaft zu praktizieren -- und diese der Welt zu zeigen."

Dieser letzte Halbsatz erscheint mir besonders bedeutsam, da dies meiner Beobachtung zufolge einen Punkt berührt, an dem die Grundidee der Benedikt-Option besonders häufig missverstanden wird: Ja, es geht darum, dass gläubige Christen die Gemeinschaft untereinander intensivieren sollen, aber gerade nicht im Sinne einer Abschottung von der Welt oder Ausgrenzung Nicht- oder Andersgläubiger; vielmehr soll diese Gemeinschaft gerade auch ein evangelisierendes Zeugnis gegenüber der "Außenwelt" darstellen. Giovanni erklärt:
"Ich denke, es wird zunehmend wichtig für uns Christen, eine spezifische Lebensweise zu kultivieren, die derjenigen der ersten christlichen Gemeinden ähnelt. Wir werden Räume benötigen, in denen der Glaube in jeder Handlung des alltäglichen Lebens sichtbar zum Ausdruck kommt. Ich meine damit eine Art von Oasen des Glaubens - was sicherlich nicht heißen kann, dass diese Räume frei wären von all unseren Menschlichen Widersprüchlichkeiten und Schwächen -; Orte, an denen man sich kontinuierlich regenerieren kann. Dadurch sollte es uns auch möglich werden, umso besser als wahre Christen in der 'Welt da draußen' zu leben. 'Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?' (Matthäus 5,13) Wir brauchen - das ist jedenfalls meine Überzeugung - Orte, an denen wir unsere 'Salzigkeit' erhalten können; wo wir fortwährend den charakteristischen Geschmack des christlichen Lebens verspüren. Wenn wir diesen Geschmack nicht zunächst in uns selbst bewahren, können wir ihn auch nicht der Welt anbieten." 
Am Rande merkt Giovanni an, seine Frau ermahne ihn regelmäßig, dass man "eine Gemeinschaft christlicher Familien nicht mit einer Hippie-Kommune verwechseln" dürfe. Wer mich kennt, den wird es nicht überraschen, dass ich an dieser Stelle des Interviews spontan dachte "Schade eigentlich"; aber sehen wir's mal so: Schon allein der Umstand, dass Giovannis Frau ihn immer wieder auf die Unterschiede hinweisen muss, zeigt, dass es eben doch ein gewisses Maß an Ähnlichkeit gibt.  

Gegen Ende des Interviews erwähnt Giovanni, eine Gemeinschaft von Mönchen habe ihm und seinen Mitstreitern den Vorschlag gemacht, ihr Projekt in unmittelbarer Nachbarschaft ihres Klosters anzusiedeln. Giovanni bezeichnet diese Option als "extrem faszinierend": "In täglichem Kontakt zu den Mönchen zu stehen, an ihrer Liturgie teilzunehmen und sie in die Bildung und Erziehung unserer Kinder einzubeziehen, wäre die schönste und beste Verwirklichung unseres Projekts." Ein entscheidendes Hindernis besteht jedoch darin, dass das fragliche Kloster "an einem abgelegenen Ort" liegt, "viele Stunden entfernt von unseren jetzigen Wohnorten. [...] Wir wüssten nicht, wie wir dort unseren Lebensunterhalt verdienen sollten." Daher, so sagt Giovanni, sei es sein Traum, "dass es auch umgekehrt funktionieren könnte: dass Mönche eines Tages in unsere Nähe kommen" und in der Nachbarschaft der Cascina San Benedetto ein Kloster gründen.

Natürlich lässt sich ein Projekt wie die Cascina San Benedetto schwerlich ohne ganz schnödes Geld realisieren, daher gibt es auf der Website auch einen Spendenaufruf bzw. einen Link zu einer Crowdfunding-Seite. Im Interview mit Rod Dreher erklärt Giovanni Zennaro:
"Wenn es uns nicht gelingt, Unterstützung zu bekommen, werden wir trotzdem versuchen, mit unseren eigenen Mitteln einen Anfang zu machen, auch wenn diese sehr begrenzt sind. Wir würden gern von Anfang an nicht nur unsere eigenen Wohnungen, sondern auch einige Gemeinschaftsräume fürs Gebet, für die Schule und für unsere Gäste in Angriff nehmen. Wenn dies ein 'Kloster für Familien' sein soll, dann muss es uns auch gelingen, die typischen Aufgaben eines Klosters zu erfüllen: Gebet, Unterricht, körperliche Arbeit, Gastfreundschaft. Deshalb sind wir auf der Suche nach finanzieller Unterstützung. Klöster leben von ihrer eigenen Arbeit und von dem, womit Gott sie versorgt. Dasselbe wollen wir auch tun." 
Auf der besagten Crowdfunding-Seite ist ein Spendenziel von 200.000 € angegeben, was mir nicht übertrieben viel zu sein scheint; allerdings ließ die Summe der eingegangenen Spenden, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, doch noch sehr zu wünschen übrig. Also, liebe Leser, werft doch mal einen wohlwollend prüfenden Blick in Euer Portemonnaie (bzw. auf Euren letzten Kontoauszug)! -- Neben Geldspenden ist selbstverständlich auch Gebetsunterstützung für das Projekt ausgesprochen willkommen. 



Montag, 1. Juli 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (13. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Wie zu erwarten war, war die zurückliegende Woche größtenteils von Vorbereitungen auf das Pfarrfest geprägt -- wobei am Anfang der Woche die Werbung im Vordergrund stand und am Ende der Woche praktische Tätigkeiten (Kuchen, Salat und Buletten zubereiten, Aufbau etc.). Ein bisschen Zeit für andere Tätigkeiten blieb dazwischen aber doch noch. So trafen wir uns am Donnerstagmorgen - stilecht auf einem Kinderspielplatz - mit einer Facebook-Bekannten, die sehr aktiv in der "kindergartenfrei"-Bewegung ist und mit ihrer Familie eigens zu dem Zweck, ihre Kinder homeschoolen zu können bzw. zu dürfen, in die Schweiz gezogen ist. Es war ein sehr nettes und anregendes Gespräch. Das erste (und größte) Highlight der Woche war dann am Donnerstagabend der lange geplante Besuch bei der Community Networking Night im Baumhaus. Wir trafen zeitig um 17 Uhr dort ein, und bei der Zubereitung des Essens (Pilzpfanne mit Bratkartoffeln, Feldsalat und Tomaten -- alles aus "geretteten" Lebensmitteln) avancierte meine Liebste dank ihrer einschlägigen Jakobsweg-Erfahrung prompt zur Küchenchefin, während ich mich hauptsächlich damit beschäftigte, das Kind bei Laune zu halten. Beim Kochen erzählte meine Liebste ausführlich von unseren diversen Projekten in der Kirchengemeinde und stieß damit auf ein so wohlwollendes Interesse, wie ich es angesichts des Umstands, dass Christen in dieser "Szene" wohl doch ziemliche Exoten sind, nicht unbedingt angenommen hätte. Überhaupt waren durchweg total sympathische, aufgeschlossene, herzliche Leute bei dieser Veranstaltung, die Location ist einfach wunderschön, das Essen war ausgezeichnet, und am Ende bekamen wir aus den nicht verarbeiteten Essenszutaten noch stolze 500 Gramm sehr guten Käse mit nach Hause, da die meisten anderen Anwesenden Veganer waren.

Einen Artikel für die Tagespost habe ich außerdem auch verfasst, ich gehe mal davon aus, dass der diese Woche erscheint.

Das Pfarrfest lief dann alles in allem erheblich besser, als man es in Anbetracht der Vorgeschichte hatte erwarten können; warum bei mir trotzdem, oder in gewissem Sinne sogar gerade deswegen, keine rechte Zufriedenheit aufkommen möchte, erläutere ich wohl am besten in dem schon mehrfach angekündigten Artikel zum Thema Pfarrfest-Organisation, den ich nun wohl hoffentlich bald mal schreiben werde.  Da das Pfarrfest ziemlich zeitig zu Ende war, gingen wir - um den Geburtstag meiner Liebsten gebührend zu feiern - am späteren Nachmittag noch Eis essen und abends zum wunderbaren Falafelmann


Was ansteht: Heute ist hoffentlich erst mal Erholen und Ausruhen angesagt; morgen, Dienstag, ist Mariä Heimsuchung -- jedenfalls im deutschsprachigen Raum und in der Slowakei. Ein Fest, das ich früher, obwohl ich behaupten würde, ziemlich kirchennah aufgewachsen zu sein, nur dem Namen nach kannte. Ich konnte mir unter der Bezeichnung auch nie etwas vorstellen. Wer sucht da wen heim? Denjenigen meiner Leser, die es womöglich ebenfalls nicht wissen, sei verraten: Es geht um den Besuch Mariens bei Elisabet (Lukas 1,39- 56). Das zweite freudenreiche Geheimnis des Rosenkranzes. Am Mittwoch ist dann wieder "Dinner mit Gott" -- unsere eigene "Community Networking Night", wenn man so will. Während eines ausgedehnten Spaziergangs in der vergangenen Woche ist meiner Liebsten und mir klar geworden, dass diese Bezeichnung ziemlich perfekt beschreibt, was wir eigentlich mit diesem Veranstaltungszweck wollen und dass wir diesen Aspekt stärker in den Vordergrund stellen sollten, und wir haben uns bemüht, in diesem Sinne kräftig die Werbetrommel zu rühren. Schauen wir mal, wie's wird. Tags darauf fahren wir jedenfalls erst mal für zwei Wochen in Urlaub -- nach Nordenham und Butjadingen. Was natürlich bedeutet, dass wir in St. Willehad zur Kirche gehen müssen; eventuell schon am Freitag, denn da ist Herz-Jesu-Freitag. Ob es zu diesem Anlass vor oder nach der Messe Eucharistische Anbetung geben wird? Hoffen wir mal das Beste. Spätestens am Sonntag gibt es jedenfalls keine Ausrede mehr. Übrigens wäre dieser Heimaturlaub eigentlich auch mal ein Anlass, wieder einmal über Nordenhamer Themen zu bloggen; Stoff gäbe es genug, ich bin in letzter Zeit bloß nicht dazu gekommen. 


aktuelle Lektüre: 

Die diversen Aktivitäten in Sachen Pfarrfest, gepaart mit dem Umstand, dass die Regelmäßigkeit des Mittagsschlafs meiner Tochter ziemlich zu wünschen übrig ließ, haben es mir nicht gerade leicht gemacht, das Lesepensum einzuhalten, dass ich mir vorgenommen hatte; aber ich habe mich redlich bemüht. Hier ein Zwischenbericht: 

Christine Thürmers "Laufen. Essen. Schlafen." hat mich tatsächlich von der ersten Seite an mühelos gefesselt. Die Autorin und Protagonistin kommt sympathisch 'rüber, obwohl sie, bevor sie mit dem Langstreckenwandern anfing, eine erfolgreiche Managerin war. Zuweilen werden bei der Lektüre Jakobsweg-Erinnerungen wach -- wobei man zugeben muss, dass der Pacific Crest Trail schon noch mal ein ganz anderes Kaliber ist als der Jakobsweg. Gar nicht mal so sehr von der Wegstrecke her: Eine so weite Strecke könnte man auf den durch ganz Europa verzweigten Jakobspilgerwegen durchaus auch zurücklegen. Aber die Verhältnisse, die man unterwegs vorfindet, etwa soweit es die Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten angeht, sind dann doch ein himmelweiter Unterschied. Umgekehrt fehlt dem von Frau Thürmer beschriebenen Langstreckenwandern natürlich die explizit religiöse Komponente, aber eine im weitesten Sinne irgendwie "spirituelle" Erfahrung ist es wohl doch; anhand der Schilderung der Verfasserin versteht man auch, dass das Langstreckenwandern süchtig macht -- oder sagen wir: dass die Erfahrungen, die man auf solchen Wanderungen sammelt, es schwer machen, sich danach wieder in den Alltag einer bürgerlichen Existenz zu fügen. 

Eher zwiespältig ist mein Eindruck von Simone Troisis und Cristiana Paccinis Biographie über Chiara Corbella Petrillo. Man könnte auch sagen, ich finde das Buch geradezu wider Willen nicht ganz schlecht. Ein zentrales Problem liegt möglicherweise darin, dass es sich bei dem Autorenduo um ein mit der Titelfigur befreundetes Ehepaar handelt; man hat den Eindruck, sie seien zu "nah dran", um ein für Außenstehende nachvollziehbares Bild von Chiara und ihrem Mann Enrico zu zeichnen. In den ersten Kapiteln dachte ich wiederholt: Die haben doch alle einen an der Waffel. Chiara, Enrico, Simone, Cristiana -- alle. Möglicherweise trägt auch die Übersetzung aus dem Italienischen ins Englische zu diesem Eindruck bei, die mir ziemlich ungelenk vorkommt. Beim Lesen stelle ich mir den englischen Text unwillkürlich als mit dick aufgetragenem italienischen Akzent ausgesprochen vor und denke: Whatsa matter you? Shaddap you face! Trotz alledem - ich kann es mir selbst nicht richtig erklären - hat das Buch etwas Anrührendes, auch etwas Ermutigendes. Es strahlt Gottvertrauen aus, und es bewirkt, dass die eigenen Sorgen kleiner und unbedeutender wirken. Und hin und wieder stolpere ich über eine Passage, die mich innehalten und über mein eigenes Verhältnis zu Gott im Alltag, in meinem Familienleben reflektieren lässt. Allein dafür lohnt sich die Lektüre schon. 

In Max Kretzers Roman "Der Melonen Millionenbauer" findet sich auf S. 49 folgende bemerkenswerte Charakterisierung der ältesten Tochter der Titelfigur: "Ihr Hauptbedürfnis war das Lesen. Sie verschlang alle Romane der Marlitt und konnte stundenlang, ein derartiges seichtes Buch in der Hand, auf einem Flecke sitzen." Also, mein lieber Herr Kretzer: Als ausgewiesener Marlitt-Experte kann ich nicht feststellen, dass das vorliegende Buch in nennenswertem Maße weniger "seicht" wäre als irgendeins der hier so geschmähten Erfolgsautorin (die beim Erscheinen des "Millionenbauern" - 1891 - übrigens gerade vier Jahre tot war). Aber klar, in der literarischen Generation der Naturalisten galt es als schick, gegen die Marlitt zu stänkern, sie war geradezu der Inbegriff jener noch vom Erbe der Romantik zehrenden (klein-)bürgerlichen Literatur, von der man sich abgrenzen wollte. Ist diese Abgrenzung gelungen? Nun ja, mehr oder weniger. Das zentrale Motiv der Handlung - hübscher junger Mann aus verarmtem Adel, der sich als Leutnant in Wechselschulden verstrickt hat, versucht sich durch die Heirat mit der Erbin eines reichen Emporkömmlings unedler Herkunft finanziell zu sanieren - findet sich zwar nicht bei der Marlitt, wohl aber bei ihrer quasi-offiziellen "Nachfolgerin" Wilhelmine Heimburg ("Lumpenmüllers Lieschen", 1879) und ähnlich auch in zahlreichen anderen Unterhaltungsromanen aus der Zeit der industriellen Revolution. Von den Romanen der Marlitt dürfte wohl "Im Hause des Commerzienrathes" (1876) thematisch am nächsten dran sein, und den würde ich im Vergleich zu Kretzers "Millionenbauern" ohne mit der Wimper zu zucken als den besseren Roman bezeichnen. Was also ist neu am Werk des um eine Generation jüngeren Autors? Nun ja, seine Schilderungen sind einerseits knapper und weniger blumig, andererseits bissiger; vor allem geht der Autor schonungsloser mit den charakterlichen und moralischen Schwächen seiner Hauptcharaktere um, es gibt bei ihm praktisch keine eindeutig "Guten" (andererseits allerdings auch keine eindeutig "Bösen"). -- Das sind aber nur graduelle Unterschiede, die für das damalige Publikum auffällig gewesen sein mögen, aus heutiger Sicht aber fast verschwimmen. Unterhaltsam zu lesen ist der "Millionenbauer" aber allemal, und auch als Zeitdokument durchaus interessant. 

An Wolfgang Hohlbeins "Teufelsloch" fällt unmittelbar seine für ein Werk dieses Autors untypische Kürze auf: Dank einer ziemlich großen Schrifttype und großzügiger Seitenränder kommt die Hardcover-Ausgabe des Ueberreuter-Verlags zwar auf knapp 300 Seiten, aber im Satzspiegel des "Druidentors" wären es deutlich weniger als 200 geworden. Und diese Kürze trägt wohl wesentlich dazu bei, den Roman -- nun, ich will nicht unbedingt sagen besser, aber weniger schlecht zu machen als so ziemlich alles andere, was ich bisher von Hohlbein gelesen habe (und das ist nicht wenig). Weniger nerviges Geschwalle, mehr Konzentration auf Handlung. Inhaltlich nicht unbedingt ein großer Wurf, aber liest sich flüssig.

Schwer begeistert bin ich von "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" von James Joyce. Lange Zeit habe ich mich an Joyce nicht herangetraut, weil er als "schwierig" gilt. Kann ich, soweit es diesen Roman betrifft, nicht bestätigen. Okay, das Buch hat - so weit ich es bisher gelesen habe - kaum eine nacherzählbare Handlung, sondern kommt eher als Collage aus Sinneseindrücken, Dialogfetzen und fragmentarischen Reflexionen daher, aber gerade das empfinde ich als äußerst eindringlich und bewegend. Den ersten Satz des Romans habe ich ja schon vorige Woche gewürdigt; hier noch eine weitere schöne Kostprobe:
"Ein kalter Nachtgeruch war in der Kapelle. Aber es war ein heiliger Geruch. Es war nicht wie der Geruch der alten Bauern, die bei der Sonntagsmesse hinten in der Kapelle knieten. Das war ein Geruch aus Luft und Regen und Torf und Kord. Aber das waren sehr heilige Bauern. Sie atmeten hinter ihm, ihm in den Nacken, und seufzte beim Beten." (S. 19) 
Ja, es geht sehr katholisch zu, was bei einem Roman, der Ende des 19. Jahrhunderts in Irland spielt, nicht überraschen kann. Ebensowenig überraschend ist allerdings, dass die Kirche dabei nicht durchweg gut wegkommt. Von dem heftigen weihnachtlichen Streitgespräch über die Rolle der Kirche in der irischen Politik (S. 41ff.) kann man zwar mit etwas gutem Willen sagen, dass es unentschieden endet, aber ich würde doch behaupten, dass die sehr fromme Tante des Protagonisten nicht unbedingt eine Sympathieträgerin ist.

Indes erwäge ich, die Lektüre dieses Buches vorerst zurückzustellen, da es eigentlich zu gut ist, um es im selben Tempo durchzuhecheln wie die vier zuvor genannten Bücher. Diese jedenfalls möchte ich nach Möglichkeit bis spätestens Mittwoch durch haben, um sie nicht in den Urlaub mitnehmen zu müssen. Als Urlaubslektüre habe ich mir nämlich vier andere Bücher vorgenommen:

Ja, ich weiß, dieses Buch hatte ich eigentlich schon in der Fastenzeit durchlesen wollen. So oder so, ich denke, der Urlaub ist ein geeigneter Anlass, es mir noch einmal vorzunehmen und darüber zu meditieren. Schließlich bietet die Wesermarsch ansonsten voraussichtlich eher wenig geistliche Impulse. 
Dieses Buch, das mir ein Schulkamerad zu meinem 15. Geburtstag geschenkt hat, habe ich unlängst beim Aufräumen wiedergefunden und habe Lust, es mal wieder zu lesen; zum ersten Mal gelesen habe ich es seinerzeit übrigens auf einer vom BDKJ Vechta organisierten "Jugendpilgerfahrt" nach Rom und Assisi, was ich nicht nur als Kuriosität erwähnenswert finde. Dazu, was mich am "Mythos RAF" besonders interessiert, und zwar gerade auch mit Blick auf innerkirchliche Reform"-Bewegungen, habe ich in meinem Artikel über die "Musiker-Guerilla vom Klingenden Pfad" schon ein paar Andeutungen fallen gelassen; in den letzten Wochen hat mir die Lektüre von Johann Baptist Metz ("Jenseits bürgerlicher Religion") und Wladimir Debogory-Mokriewitsch ("Erinnerungen eines Nihilisten") einige weitere Denkanstöße in diese Richtung beschert. Ich werde wohl in einem zukünftigen Blogartikel ausführlicher darauf eingehen müssen. 
Dies ist das Buch, von dem ich vor gut einer Woche ein Rezensionsexemplar erhalten habe. Das Thema "Völkische Siedler" interessiert und fasziniert mich schon seit einiger Zeit, allerdings hatte ich bei dem, was ich bisher aus den Medien über dieses Phänomen in Erfahrung bringen konnte, stets den Eindruck, die Berichterstattung sei oberflächlich und tendenziös. Von diesem Buch erhoffe ich mir brauchbarere Aufschlüsse. -- Wer meinen Artikel "Techno-Hippies head for the hills" gelesen hat, wird sich vermutlich vorstellen können, in welche Richtung mein Interesse an den "Völkischen Siedlern" in erster Linie geht: Zwar habe ich mit dem neopagan-germanentümelnden, rassistisch und eugenisch aufgeladenen Blut-und-Boden-Kult, der für die unter diesem Begriff zusammengefassten Gruppierungen typisch zu sein scheint, absolut nichts am Hut (gar nicht erst zu reden von personellen und organisatorischen Verflechtungen mit militanten Neonazis), aber von dem Konzept des community building in strukturschwachen ländlichen Räumen, inklusive Selbstversorger-Landwirtschaft, kann man womöglich trotzdem etwas lernen. 
Ein Jugendbuch aus den Altbeständen meiner Liebsten. Sieben einzelne Erzählungen. Eine - die letzte des Bandes, betitelt "Mimi der Fisch" - habe ich auf Empfehlung meiner Liebsten bereits gelesen und fand sie ganz großartig. Jetzt bin ich mal gespannt auf die anderen. 


Linktipps: 
Guck an: Die Redaktion von häretisch.de, der kryptoschismatischen Propagandapostille, mag sich nicht mehr häretisch nennen lassen und veranstaltet desob ein großes Lamento auf Facebook. Rudolf Gehrig, Redakteur bei EWTN sowie katholischer Freibeuter, gibt darauf die einzig richtige Antwort: "Den Vorwurf, man sei ein Geizhals, kann man entkräften, indem man sich bei nächster Gelegenheit etwas großzügiger zeigt. Der Vorwurf, man sei Häretiker, kann dagegen widerlegt werden, indem man sich klar zur Kirche, ihrem Lehramt und der Botschaft Christi bekennt, die Angriffe tapfer erträgt und froh das Evangelium verkündet, sei es gelegen oder ungelegen." 
"Der Papst schreibt den deutschen Bischöfen einen Brief", das klingt ein bisschen wie der Titel eines bizarr-komischen Dramoletts (vgl. z.B.  "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" von Thomas Bernhard); tatsächlich war der Brief aber, wie man mittlerweile erfahren könnte, eigentlich an die deutschen Katholiken insgesamt adressiert, die Bischöfe erhielten ihn jedoch schon drei Tage früher als das einfache Fußvolk. Zu diesem Vorgang hat - wiederum - Rudolf Gehrig Erhellendes geschrieben; seiner Empfehlung, das Papstschreiben trotz seiner Länge selbst zu lesen, statt auf tendenziöse Zusammenfassungen zu vertrauen, kann ich mich nur anschließen. Dass seitens der Deutschen Bischofskonferenz zu hören ist, man fühle sich durch die Worte des Papstes im angestrebten Reformkurs bestätigt, war vielleicht zu erwarten, aber mal ehrlich: Für wie blöd halten die uns? -- Es ist bekannt, dass ich nicht zu den allergrößten Fans des derzeitigen Papstes gehöre, aber dafür, dass er die Kirche in Deutschland so eindringlich daran erinnert, was eigentlich ihr Auftrag ist, bin ich ihm ausgesprochen dankbar; und dass er der notorisch in Geld schwimmenden deutschen Kirche die Worte des Apostels Petrus an den gelähmten Bettler im Tempel - "Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir" (Apg 3,6) - ins Stammbuch schreibt, möchte ich als einen wohlgezielten Tritt vors Schienbein betrachten. 


Heilige der Woche: 

Mittwoch, 3. Juli: Hl. Thomas, Apostel. Sprichwörtlich als "ungläubiger Thomas" bekannt, da er laut Johannes 20,24-29 zunächst an der Auferstehung Jesu zweifelte. Laut außerbiblischer Überlieferung brachte er das Christentum nach Indien und erlitt um das Jahr 72 in Mylapore (Tamil Nadu) das Martyrium.

Donnerstag, 4. Juli: Hl. Ulrich von Augsburg (890-973), Bischof von Augsburg ab 923; Hl. Elisabeth von Portugal (1271-1336), aragonesische Prinzessin, 1282 durch Heirat Königin von Portugal; trat nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1325 in einen Konvent der Franziskanerinnen ein. Verhinderte durch persönliches Eingreifen mehrere Kriege.

Freitag, 5. Juli: Hl. Antonius Maria Zaccaria (1502-1539), Begründer des Barnabitenordens.

Samstag, 6. Juli: Hl. Maria Goretti (1890-1902), Jungfrau und Märtyrerin. Aus armer und kinderreicher Familie, wurde vom mehrere Jahre älteren Sohn einer befreundeten Familie erstochen, weil sie sich gegen seine sexuellen Zudringlichkeiten wehrte. 


Aus dem Stundenbuch: 

Leite mich, Herr, in Deiner Gerechtigkeit, + meinen Feinden zum Trotz; * ebne Deinen Weg vor mir! (Psalm 5,9)