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Freitag, 30. April 2021

Mit Josef in den Marienmonat

Saludos, Compañeros! Es ist Freitag, der 30. April, und der Place to be für BenOpper und Neuevangelisierungs-Interessierte im Nordwesten Berlins ist heute die Kirche St. Joseph in der Bonifaziusstraße in Tegel. Denn dort stehen heute - am Vorabend des Patronatsfests - die Zeichen auf Anbetung und Lobpreis: Ab 15 Uhr ist Eucharistische Anbetung, um 18 Uhr Heilige Messe, und daran schließt sich eine Lobpreis-Vigil an, in deren Rahmen auch die am 22. April begonnene Novene zum Hl. Josef vollendet wird. Zum Abschluss wird gegen 21:15 Uhr die Komplet gebetet und der Eucharistische Segen gespendet. Insgesamt also fast sieben Stunden "Programm"! 

Ich selbst werde wohl "erst" ab 17 Uhr vor Ort sein. Ich hab schließlich Familie. Die will zwar mitkommen, aber besonders von den Kindern kann man wohl nicht erwarten, dass sie den ganzen Nachmittag und Abend durchhalten. Wobei ich erwähnen muss: Meine "große" (dreieinhalbjährige) Tochter war bei fünf der bisherigen acht Tage der Novene dabei und hat sich praktisch durchweg tadellos benommen -- jedenfalls für mein Empfinden. Einmal hat sie sogar die ganze Andacht hindurch geschlafen... 

Insgesamt war die Novene übrigens besser besucht, als die Initiatoren (einschließlich meiner Person) es zu hoffen gewagt hatten; nur und ausgerechnet am Samstagabend erwies sich die Idee, die Anfangszeit vorzuverlegen, um die Novene direkt an die Vorabendmesse anschließen zu können, als wenig hilfreich: Von den Messebesuchern blieb - abgesehen von meiner Tochter und mir - niemand zur Novene. Möglicherweise lag das zum Teil auch, wie es "bei Kirchens" oft der Fall zu sein scheint, an einer suboptimalen Kommunikation im Vorfeld. Umso gespannter bin ich nun, wie die Resonanz auf die heutige Anbetung und Vigil ausfallen wird -- wobei man allerdings auch gut daran tut, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es bei solchen Veranstaltungen in erster Linie nicht darum geht, "Publikum" anzulocken, sondern um die Ehre Gottes. Und dafür kann es schon ausreichen, "Zwei oder Drei in Seinem Namen zu versammeln". Natürlich ist es wünschenswert, dass mehr als zwei oder drei Leute kommen, aber das ist letztendlich nicht das entscheidende Kriterium für den "Erfolg" einer solchen Veranstaltung, geschweige denn dafür, ob sie sich "lohnt"

*

Dass der 1. Mai im liturgischen Kalender der katholischen Kirche dem Hl. Josef dem Arbeiter gewidmet ist, ist - neben der offenkundigen Tatsache, dass Papst Pius XII. mit der Einführung dieses Gedenktags den zentralen Feiertag der sozialistischen Arbeiterbewegung gewissermaßen "ins Katholische übersetzt" hat - auch deshalb sehr schön, weil dieser Tag ja zugleich auch den traditionellen Marienmonat eröffnet. Man kann sich das vielleicht so vorstellen, dass Josef, dieser bescheidene und unauffällige Heilige, uns zur Verehrung seiner Braut hinführt und anleitet - wie es in einem Gebet, das an jedem Tag unserer Josefs-Novene zur Eröffnung gebetet wurde, heißt: 

Rembrandt, Die Flucht nach Ägypten (nachbearbeitet) 

Du reinster Hüter der makellosen Jungfrau, 
erflehe uns eine zarte und ehrerbietige Liebe zu Maria, 
zum Geheimnis ihrer unversehrten Mutterwürde, 
damit ihre reine Gegenwart uns beglücke, 
wie sie dich beglückt und geheiligt hat. 
Heiliger Josef, hilf uns Maria zu verehren, unsere jungfräuliche Gottesmutter!

Folgerichtig fangen, kaum dass die Feiern zum Jahr des Hl. Josef in unserem Pastoralen Raum "durch" sind, auch schon die Maiandachten an: Den ganzen Monat Mai hindurch wird in jeder der sieben Kirchen in Reinickendorf-Süd einmal wöchentlich Maiandacht gefeiert, "bei uns" in Herz Jesu Tegel mittwochs um 18 Uhr. Es ist in unserer Gemeinde ein guter und bewährter Brauch, verschiedene "Kreise und Gruppen" an der Gestaltung dieser Andachten zu beteiligen, und da der erste Mittwoch im Monat der traditionelle Termin für "Mittwochsklub"-Veranstaltungen ist, habe ich mir den 5. Mai gesichert. Letztes Jahr war die von meiner Liebsten und mir gestaltete Maiandacht die erste gottesdienstliche Feier, die in unserer Pfarrkirche nach der Aufhebung des Corona-Lockdowns stattfinden durfte. Wir hatten diese Andacht im Wesentlichen aus Texten aus dem Buch "Gib mir deinen Glauben - Gespräche mit Maria von Nazareth" von Carlo Carretto und folk-rockig angehauchten Gitarreninterpretationen traditioneller Marienlieder zusammengestellt. War schön, und ich glaube, ich werde diese Texte und Lieder - zumindest teilweise - auch in diesem Jahr wieder verwenden. 

Der Marienmonat ist auch ein beherrschendes Thema der soeben erschienenen Mai-Ausgabe der Zeitschrift "Lebendige Steine"; daneben ist natürlich auch Pfingsten ein Themenschwerpunkt für den Mai - wobei es ja nicht schwer fällt, zwischen diesen Themen einen Zusammenhang herzustellen: nicht von ungefähr war, dem Zeugnis der Apostelgeschichte zufolge, zusammen mit den Aposteln auch Maria beim Pfingstereignis zugegen. Der Leitgedanke der Mai-Nummer der „Lebendigen Steine“ soll es daher sein, in dieser von Ungewissheiten über die Zukunft der Kirche geprägten Zeit auf Maria zu schauen und auf den Heiligen Geist zu hören, um zu lernen, wie wir in unserem persönlichen Leben und in der Mitarbeit in der Kirchengemeinde den Willen Gottes tun können – wie es auch im offiziellen Gebet für die Entwicklungsphase des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd heißt:

Lass uns verstehen, was du willst
von einem jeden von uns
und mit der Kirche von Berlin. 

Zur Online-Ausgabe der neuen "Lebendigen Steine" geht's übrigens hier. Ich habe die vage Ahnung, diese dritte Nummer der Zeitschrift ist die bisher kontroverseste; zwar sagt eine Stimme in meinem Kopf "Was soll denn daran kontrovers sein, ist doch alles gut katholisch", aber eine andere Stimme in meinem Kopf erwidert ungerührt "Ja eben, genau das ist das Problem". -- Im Ernst: Die Reaktionen auf die ersten beiden Nummern der Zeitschrift waren recht bunt gemischt, wobei ich insgesamt sagen würde, dass das positive Feedback überwog; aber dass eine Zeitschrift, deren Inhalt zu einem nicht unwesentlichen Anteil aus Bibelzitaten, Zitaten aus dem Katechismus bzw. YOUCAT, Dokumenten des kirchlichen Lehramts oder aus dem Lektionar zum Stundenbuch besteht - eine Zeitschrift, in der explizit zum Gebet für unsere Priester und für die Einheit der Gemeinde aufgerufen wird und die alle Interessierten zur Mitarbeit einlädt -, dass eine solche Zeitschrift in Teilen der Pfarrgemeinde bzw. des Pastoralen Raumes offenkundig als unerträgliche Provokation aufgefasst wird, muss man schon als bedenklich bezeichnen. Andererseits wäre ich wohl auch nicht der Tobi, wenn ich daran nicht irgendwie auch Spaß hätte. Der Witz ist ja: Verglichen mit dem, was ich hier auf meinem Blog manchmal so schreibe (und erst recht verglichen mit meinem Twitter-Account, aber das mal nur am Rande!), halte ich mich bei dem, was ich für die "Lebendigen Steine" schreibe, mit polemischen Spitzen wirklich enorm zurück; in meiner Eigenschaft als Chefredakteur habe ich - so erstaunlich das klingen mag -  ein paar Texte meiner geschätzten Mitarbeiterinnen sogar leicht entschärft. Aber es reicht immer noch, damit sich manche Leute drüber aufregen. Mit und ohne Augenzwinkern gesagt: Ein Stachel im Fleisch dieser Glaubensgeschwister zu sein ist wohl auch eine Art Berufung... 

Tatsächlich geben manche Reaktionen auf die Zeitschrift recht deutlich zu erkennen, dass die "Lebendigen Steine" schon durch ihre bloße Existenz, auch unabhängig vom konkreten Inhalt, als ein solcher "Stachel im Fleisch" wirken. Das sollte aber natürlich nicht dazu verführen, die Sorgfalt bei der Arbeit am Inhalt zu vernachlässigen. Folglich bin ich schon jetzt eifrig dabei, die Juni-Ausgabe vorzubereiten, für die sich wiederum zwei gut miteinander kombinierbare thematische Schwerpunkte aufdrängen: Fronleichnam und das Heiligste Herz Jesu. Für die Juli-Ausgabe habe ich sogar auch schon ein paar Ideen, die hier und jetzt aber noch nicht verraten werden. Und ab August haben sich dann vielleicht so langsam mal alle daran gewöhnt, dass es diese Zeitschrift gibt und dass sie nicht so einfach wieder weggeht. 

Wünschenswert wäre es natürlich, einige weitere Gemeindemitglieder als Mitarbeiter zu gewinnen, schon allein damit das Heft nicht so leicht als private Marotte einer kleinen Schar notorischer Störenfriede abgetan werden kann. Aber das kommt schon noch! -- Und auch über die Grenzen unseres Pastoralen Raums hinweg freuen wir uns natürlich stets über Leserbeiträge. 

So, und nun verabschiede ich mich -- es gibt noch allerlei vorzubereiten für heute Nachmittag und Abend. Abschließend daher noch einmal die Einladung: Wenn Ihr in der Gegend seid -- kommt vorbei! 




Mittwoch, 21. April 2021

Eine Novene für den Hl. Josef

Leser der "Lebendigen Steine" werden es bereits wissen: Die kleine Kirche St. Joseph in Berlin-Tegel feiert ihr Patronatsfest - den 1955 von Papst Pius XII. eingeführten Gedenktag "Hl. Josef der Arbeiter" - heuer anlässlich des von Papst Franziskus ausgerufenen "Jahres des Hl. Josef" besonders groß. Am Freitag, dem 30. April, wird von 15-18 Uhr die Eucharistische Anbetung, die sonst jeden Freitag um diese Zeit in der Pfarrkirche Herz Jesu Tegel stattfindet, in die Filialkirche St. Joseph verlegt; um 18 Uhr wird Heilige Messe gefeiert, und daran schließt sich eine Lobpreis-Vigil an. Nach meinem bisherigen Kenntnisstand wird diese Vigil im Wesentlichen von der "AG Neuevangelisierung" (ja, so etwas haben wir!) des Pastoralausschusses gestaltet, die sich allerdings darum bemüht, auch andere Gruppen der Gemeinde in die Gestaltung einzubeziehen. Zum Abschluss des Abends wird gegen 21:15 Uhr die Komplet gebetet und der Eucharistische Segen gespendet. 

Die eigentliche Festmesse zum Patronatsfest folgt am Samstag, dem 1. Mai, um 10 Uhr; anschließend gibt es Gelegenheit zu Begegnung und Gespräch, aus Rücksicht auf die geltenden Corona-Schutzmaßnahmen allerdings nicht im Gemeindehaus, sondern im Garten. Dabei soll es auch um einen Gedankenaustausch über die Zukunft des Kirchenstandorts St. Joseph gehen -- aus gutem Grund, denn unter den sieben Kirchen des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd ist St. Joseph vielleicht am akutesten von der Abwicklung bedroht, zumal die örtliche Gottesdienstgemeinde allmählich auszusterben scheint. Dazu, wie man den Standort dennoch erhalten und mit neuem Leben füllen könnte, hat die AG Neuevangelisierung einige gute Ideen, aber ich will den anstehenden Gesprächen nicht vorgreifen. 

Hl. Josef mit dem Jesusknaben und Zimmermannswerkzeugen, Statue in St. Joseph Tegel. 

Zur Vorbereitung auf diese Feierlichkeiten wird in St. Joseph ab Donnerstag, dem 22. April (also morgen), täglich ab 18 Uhr eine Novene gebetet, die, ähem, ich verfasst habe. Oder sagen wir richtiger: zusammengestellt, nämlich im Wesentlichen aus Texten aus dem Stundenbuch und einigen Gebeten, die ich im Internet gefunden habe. An drei der neun Tage werde ich, sofern meine familiären Pflichten mir nicht kurzfristig einen Strich durch die Rechnung machen, selbst als Vorbeter vor Ort sein. 

Um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, diese Novene auch "aus der Ferne", von zu Hause oder von anderen Orten aus mitzubeten, war angedacht worden, die Texte für die einzelnen Tage der Novene auch auf der Website der Pfarrei zu veröffentlichen. Da das bisher aber nicht geschehen ist, habe ich sie kurzerhand selbst online gestellt -- hier die Links: 

1. Tag: 22.04., Donnerstag der 3. Woche der Osterzeit

2. Tag: 23.04., Hl. Adalbert von Prag 

3. Tag: 24.04., Hl. Fidelis von Sigmaringen 

4. Tag: 25.04., Hl. Markus 

5. Tag: 26.04., Montag der 4. Woche der Osterzeit

6. Tag: 27.04., Hl. Petrus Canisius 

7. Tag: 28.04., Hl. Peter Chanel 

8. Tag: 29.04., Hl. Katharina von Siena 

9. Tag: 30.04., Hl. Papst Pius V. 

Einschließlich zweier Lieder - die man zur Not auch weglassen kann - dürfte das Beten der Novene täglich schätzungsweise 20-30 Minuten in Anspruch nehmen. Ich würde mich sehr über Mitbeter freuen -- nicht zuletzt auch in der Hoffnung, damit einen Beitrag zum Erhalt und zur Neubelebung eines Kirchenstandorts leisten zu können, der mir schon allein wegen seiner bemerkenswerten Geschichte sehr am Herzen liegt.  




Mittwoch, 31. März 2021

Die "Lebendigen Steine" rollen weiter!

Schon wieder gut ein Monat rum seit dem letzten Blogeintrag; da stellt sich natürlich die Frage: Wie läuft denn das neue Zeitschriftenprojekt so? 

Und ich darf sagen: sehr gut! 

Die gedruckte Auflage der ersten Nummer der "Lebendigen Steine" war bereits nach knapp drei Wochen vergriffen; aber okay, das waren ja nur 100 Exemplare. Indes scheint es mir - auch wenn ich dafür keine konkreten Belege vorweisen kann - anhand der Leserreaktionen offensichtlich, dass die online verbreitete PDF-Version der Erstausgabe erheblich mehr Leser erreicht hat als die gedruckte Auflage. Dennoch hielte ich es für fragwürdig, daraus die Konsequenz zu ziehen, dann könne man sich die Druckkosten ja gleich ganz sparen: Auch wenn man mit den gedruckten Exemplaren weniger Leser erreicht als mit der Online-Veröffentlichung, erreicht man damit eben andere, die man online nicht erreichen würde. 

Diese Feststellung berührt natürlich eine Frage, die für mein Empfinden gerade in kirchlichen Kreisen allzu selten gestellt (geschweige denn sinnvoll beantwortet) wird: Wie erreichen wir andere Leute als immer dieselben? Diese Frage wird uns sicherlich auch in Zukunft noch beschäftigen, aber in einem ersten Versuch haben wir einige Exemplare bei Edeka und bei REWE ausgelegt -- sowie natürlich in den auf dem Gebiet unseres Pastoralen Raums gelegenen Öffentlichen Bücherschränken

...wie zum Beispiel am Eichborndamm (Pfarrei St. Rita)... 

...und auf dem Letteplatz (Pfarrei St. Marien). 

Wie schon angedeutet, haben uns zur ersten Nummer zahlreiche Zuschriften von Lesern, aus den Gemeinden unseres Pastoralen Raums wie auch von außerhalb, erreicht; darunter die folgenden: 

"Das ist genial! Herzlichen Glückwunsch zum besten Pfarrbrief, den ich je gelesen habe! – Besonders der Debattenbeitrag über 'Kinder im Gottesdienst' spricht mir aus dem Herzen."
"Der Titel 'Lebendige Steine' klingt wie eine Punkband aus den 80ern. Also alles richtig gemacht!“ 
"Nachdem ich diesen 'unabhängigen Pfarrbrief' gelesen habe, denke ich, Berlin könnte so ein Heft für Christen, überkonfessionell, in der ganzen Stadt gebrauchen. Veranstaltungshinweise, Vernetzung zwecks Gründung von Hauskreisen, Katechesegruppen... Wir sind zwar eine religiöse Minderheit in einer postreligiösen Stadt, aber wir sind viele und mein Eindruck ist, die persönlichen Connections reichen meistens nicht über die eigene Gemeinde hinaus. Es wäre aber spannend, Menschen zu verbinden (charismatische und traditionelle Katholiken zum Beispiel, aber auch zwischen den Konfessionen könnte es durchaus interessante Synergien geben)." 
"Eine sehr interessante Aktion! Die Anmerkungen zum 'Teelicht' haben das Potential zu einer Grundsatzdebatte. Ein Auge für diese (kleinen) Details macht den aufmerksamen Beobachter aus. Auch der Text zur 'ungesunden Normalität' hat viel Debattenpotential. Das sind gleich zwei 'dicke Hunde' bereits in der ersten Ausgabe. Respekt!" 
"Ich finde schön, was du, Tobias, über das Teelicht in der Kerze geschrieben hast. Und auch was Susanne schreibt über die Familien mit Kindern in der heiligen Messe – es ist wirklich so, dass diese 'Familienmessen' zu einer Art Ghetto geworden sind. Ich persönlich finde, dass diese Zielgruppenpastoral der Gemeindeeinheit abträglich ist."

Indessen gab es, wie man uns bereits im Vorfeld prophezeit hatte, gerade aus dem "Nahbereich" - sprich: aus dem "Inner Circle" unseres Pastoralen Raums - durchaus auch weniger erfreuliche Reaktionen, aber darauf möchte ich hier nicht näher eingehen; schon um das so hoffnungsvoll gestartete Projekt "Lebendige Steine" nicht mit Polemiken oder persönlichen Nickeligkeiten zu belasten. Erinnern wir uns, was Jeffrey Shurtleff bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Joan Baez beim Woodstock-Festival (in der Anmoderation zum Song "Drug Store Truck Drivin' Man") sagte: 

"One thing about the Draft Resistance that's different from other movements and revolutions in this country is that we have no enemies. It's one of the beautiful about it."

Das ist als Zielerklärung sicher nobel und nachahmenswert, auch wenn es sich nicht immer vollumfänglich umsetzen lässt. Womit ich sagen will: "Wir", d.h. die Initiatoren und Mitarbeiter der "Lebendigen Steine" (auch bekannt als "meine Frau, ich und noch ein paar Leute"), legen es explizit nicht darauf an, uns mittels dieser Zeitschrift Feinde zu machen, nicht in unserer Pfarrgemeinde und auch sonst nicht; aber man kann sich's nicht immer aussuchen. Ich würde sogar sagen, in vielen Fällen kann man sich seine Feinde ebenso wenig aussuchen wie seine Verwandten. Und sogar Jesus selbst hat zwar geboten, dass wir unsere Feinde lieben sollen, aber nicht, dass wir keine haben sollen. Ein Unterschied, der häufig übersehen wird. 

Aber genug davon! Viel wichtiger ist doch, dass es uns trotz mancher Schwierigkeiten und trotz nach wie vor ungeklärter Finanzierung (so langsam sollten wir wohl mal ein Spendenkonto einrichten, was?) gelungen ist, termingerecht die zweite Nummer des Hefts fertigzustellen - hier der Link zum Download! Das Top-Thema der April-Ausgabe ist natürlich Ostern; als weiteren thematischen Schwerpunkt haben wir, angeregt durch den Leitartikel unseres Pfarrvikars Pater Matthias Hecht OSA im aktuellen Pfarrbrief für den Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd, das Thema "Offene Kirche" gewählt. 

Alles in allem bin ich äußerst gespannt, wie die Nummer 2 der "Lebendigen Steine" vom Publikum aufgenommen wird; fast noch gespannter als bei der Erstausgabe. Warum? Na ja: Eine Erstausgabe 'rausbringen kann ja jeder (theoretisch jedenfalls...), aber eine zweite Nummer ist dann schon ein deutliches Signal, dass dieses Zeitschriftenprojekt keine Eintagsfliege ist, sondern gekommen ist, um zu bleiben. Hinzu kommt, dass die Erstausgabe annähernd gleichzeitig mit dem offiziellen Pfarrbrief für Reinickendorf-Süd herauskam, wohingegen die zweite Nummer zu einem Zeitpunkt erscheint, an dem es keinen neuen Pfarrbrief gibt, da dieser nur alle drei Monate herauskommt. 

Und nebenbei bemerkt ist die zweite Nummer der "Lebendigen Steine" sogar vier Seiten länger geworden als die erste. Woran man wohl sieht: Content zu erzeugen ist unser geringstes Problem. Ich freue mich jetzt schon auf die Mai-Ausgabe... 



Samstag, 27. Februar 2021

Viva Punk! - oder: Endlich Chefredakteur

Es hat Ärger gegeben -- Ärger mit bzw. in der Pfarrbriefredaktion. Ich will hier nicht ins Detail gehen, geschweige denn Namen von Beteiligten nennen; es geht mir auch nicht um Schuldzuweisungen. Es mag genügen, festzustellen, dass es innerhalb der Redaktion sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wofür bzw. wozu ein Pfarrbrief da ist, was in ihn hineingehört und was nicht. Und im Zuge der Endredaktion der soeben erschienenen Ausgabe sind diese Auffassungsunterschiede ziemlich eskaliert. Es spielten auch noch andere strittige Fragen mit hinein, zum Beispiel die, inwieweit das ehrenamtliche Redaktionsteam der hauptamtlichen Pfarreileitung gegenüber verantwortlich ist; aber lassen wir das hier beiseite.

Die entscheidende Lehre, die ich - als noch relativ "neues" Mitglied der Redaktion - aus den Auseinandersetzungen innerhalb des Teams gezogen habe, lautet, dass für eine Reihe wichtiger Themen und Perspektiven unter den derzeit herrschenden Bedingungen kein Platz im Pfarrbrief ist - zum Teil, weil eine relative Mehrheit der Redaktionsmitglieder diese Themen und Perspektiven schlichtweg nicht haben will; zum Teil aber auch, weil - wie ich trotz allem Streit anerkennen muss - der Pfarrbrief tatsächlich nicht das ideale Medium für die Art von Pressearbeit im Pastoralen Raum ist, die mir vorschwebt. 

Nun haben meine Liebste und ich uns aber ja nicht ohne Grund vor knapp fünf Jahren das Motto "Punkpastoral" auf die Fahnen geschrieben. Und die Antwort auf die klassische Frage "Was würde ein Punk tun?" lautet im vorliegenden Fall recht eindeutig: 

Ein eigenes Heft rausbringen. Schnell, billig und mit einfachen Mitteln produziert, aber mit den "richtigen" Inhalten. 

Tja, und genau das haben wir daraufhin gemacht. 

Daran, dass wir das tatsächlich machten und nicht nur darüber phantasierten, es zu tun, hat übrigens auch unsere dreijährige Tochter Bernadette entscheidenden Anteil: An dem Tag, als der Streit innerhalb der Pfarrbriefredaktion so richtig eskalierte, fragte das Kind gegen Abend etwas besorgt, wer mich denn geärgert habe. Ich versuchte ihr den Sachverhalt mit Verweisen auf das (übrigens sehr empfehlenswerte) Kinderbuch "Lola macht Schlagzeilen" von Isabel Abedi zu erläutern, und schloss mit den Worten: "Und jetzt denke ich darüber nach, zusammen mit Mami und noch ein paar anderen Leuten eine eigene Zeitung zu machen. So wie Lola und Flo. Wie fändest du das?" 

Und das Kind antwortete: "Cool." 

(Also auch an Isabel Abedi und ihre Lola-Bücher ein herzliches Dankeschön für die Inspiration...) 

Jedenfalls nahmen meine Liebste und ich uns daraufhin noch einen Tag Zeit, um zu überlegen, ob wir das wirklich, ernsthaft machen wollen, und dann machten wir uns an die Arbeit. Zwei Wochen später war die Druckvorlage für die Erstausgabe fertig, mit Layout und allem. Und weitere drei Tage später sah das Ergebnis so aus: 


Die gedruckte Auflage umfasst vorerst einmal nur bescheidene 100 Exemplare; das hat einerseits mit der Frage der Finanzierung zu tun - dazu später -, aber andererseits denke ich mir auch: Wenn sich unter den Leuten, die in die Kirche kommen und sich dort die Schriftenauslagen ansehen, 100 Leser für unser Heft finden, dann ist das schon viel. Zudem kann man die die Zeitschrift ja auch als PDF-Datei verbreiten - die ist im Gegensatz zur gedruckten Version sogar farbig gestaltet. (Zum Download geht's übrigens hier.) 

Zum Vergleich: Der Pfarrbrief unseres Pastoralen Raums hat eine gedruckte Auflage von 1.900 Stück. Wenn ich mir anschaue, wie viele Exemplare der Ausgabe Dezember '20 - Februar '21 noch kurz vor dem Ende dieses Dreimonatszeitraums in unserer Kirche auslagen, dann kann man sich vielleicht schon die Frage stellen, ob die Auflage nicht (zumindest unter Lockdown-Bedingungen) um Einiges zu groß ist; aber macht ja nichts, kostet ja nur unser aller Geld. 

Und damit wären wir dann doch schon beim Thema Finanzierung angelangt. Wie macht man das, wenn man weder Mittel aus der Kirchensteuer, aus Staatsleistungen oder gar aus der sonntäglichen Kollekte erhält? Nun ja, die Startauflage von 100 Stück haben wir erst mal aus eigener Tasche bezahlt; aber natürlich wäre es wünschenswert, für die Zukunft einen anderen Modus der Finanzierung zu finden, der es gegebenenfalls auch gestattet, die Auflage zu erhöhen und/oder sogar in Farbe zu drucken. -- Gewiss: Wenn man einer Zeitschrift explizit und ganz bewusst die Titel-Unterzeile "Unabhängige Nachrichten für den Pastoralen Raum Reinickendorf-Süd" gibt und,  um Missverständnisse auszuschließen, ins Impressum und zur Sicherheit auch noch auf die Rückseite den Satz schreibt "Die Zeitschrift 'Lebendige Steine' ist keine offizielle Publikation des Pastoralen Raums Reinickendorf-Süd oder der diesem zugehörigen Pfarreien", dann darf man sich weder wundern noch gar beschweren, wenn man keine "institutionelle Unterstützung" erhält. Wär ja auch irgendwie un-punkig. Und dann müsste man sich auch noch die Frage stellen, wie es eigentlich um die redaktionelle Unabhängigkeit steht. 

Was also tun? -- Am liebsten wäre es mir auf mittlere Sicht eigentlich, das Heft per "Crowdfunding" zu finanzieren -- nach dem Prinzip: Die Höhe der gedruckten Auflage richtet sich nach der Höhe der eingegangenen Spenden. Habe aber (noch) keine klare Vorstellung davon, wie man so etwas organisatorisch-technisch am besten löst; na ja, erfahrungsgemäß ist meine Liebste in solchen Dingen findiger und erfinderischer als ich. Aber wenn Du, geschätzter Leser, diesbezüglich eine Idee oder eine Anregung hast, sind wir dafür natürlich durchaus offen. 

Davon abgesehen freue ich mich jetzt schon auf die zweite Ausgabe... und natürlich auf Leserreaktionen! 




Donnerstag, 25. Februar 2021

Neulich im Einkaufsradio

Laith Al-Deen zählt zu den Hauptvertretern einer Musikrichtung, die ich gern "Neue deutsche Larmoyanz (NDL)" nenne und über die ich schon lange mal was schreiben wollte; na, die große systematische Darstellung der geschichtlichen Entwicklung und der Stilmerkmale dieses Genres, die mir eigentlich vorschwebt, wird aus Zeitgründen wahrscheinlich warten müssen, bis die Kinder groß sind, aber einstweilen kann ich hier ja mal ein kleines Appetithäppchen zu diesem Thema servieren. Darauf gekommen bin ich beim Einkaufen, denn die genannte Musikrichtung wird sehr gern in Supermärkten gespielt; mein persönlicher Eindruck ist, dass sie praktisch nur in Supermärkten gespielt wird, aber diesen Eindruck habe ich wahrscheinlich nur deshalb, weil ich zu Hause so gut wie nie Radio höre. Laith Al-Deen also ist wie gesagt ein Hauptvertreter (was zugleich durchaus auch heißt: einer der musikalisch fähigeren Vertreter) dieses Genres, und neulich beim Einkaufen fiel mir ein Song von ihm auf, den ich, obwohl er aus dem Jahr 2004 stammt, bisher nicht kannte: "Das weiß ich". In dem Maße, wie Werke der "Neuen deutschen Larmoyanz" nicht total Scheiße sein können, ist es nicht total Scheiße. Aber das ist nicht der Grund, weshalb es mir auffiel, denn das gilt, ehrlich gesagt, für eine Reihe von Songs von Laith Al-Deen (wie auch von Max Giesinger, Andreas Bourani, Tim Bendzko und wie die sonst noch alle so heißen). Nein, der Grund, weshalb dieser Song mir auffiel, war vielmehr, dass er mich - zunächst und vor allem vom Text her, oder genauer, von der Grundidee oder Prämisse des Texts - an einen anderen Song erinnerte, nämlich das rund sechs Jahre ältere "Someday We'll Know" von den New Radicals

Ich will mit dieser Feststellung nicht etwa auf einen Plagiatsvorwurf hinaus. Kunst ist immer von anderer Kunst inspiriert und beeinflusst; oft - vielleicht in den meisten Fällen - geschieht das wohl sogar unbewusst. Und selbst wenn mit voller Absicht Anleihen bei anderen Werken genommen werden, wäre immerhin zu erwägen, ob man darin nicht eher eine Hommage, ein Zitat, ein Pastiche oder dergleichen, jedenfalls eine respektvolle Verneigung eines Künstlers vor einem anderen, sehen sollte - und nicht "Diebstahl an geistigem Eigentum"

Das ist hier also nicht der entscheidende Punkt. - Sondern was? 

Sondern die Tatsache, dass der Song von den New Radicals einfach unfassbar viel BESSER ist als der von Laith Al-Deen. 

Überzeuge Dich selbst, geschätzter Leser: 



Ich finde das wirklich frappierend, denn, wie schon gesagt, so richtig schlecht ist Laith Al-Deens "Das weiß ich" zunächst mal eigentlich nicht. Erst im direkten Vergleich stellt man fest, dass "Someday We'll Know" einfach in einer ganz anderen Liga spielt. Und wenn ich "andere Liga" sage, dann meine ich nicht "1. und 2. Bundesliga", sondern eher sowas wie "1. Bundesliga und Regionalliga". (Und ehe mit jetzt erzürnte Laith-Al-Deen-Fans aufs Dach steigen, möchte ich betonen, dass ich bewusst "Regionalliga" gesagt habe und nicht 'Kreisklasse".

-- Und was lernen wir daraus? Ein Gedanke, den ich, ohne eine präzise Quelle angeben zu können, zumindest sinngemäß meinem Lieblings-Popmusikkritiker "Todd in the Shadows" verdanke, lautet: Entgegen der Überzeugung von Leuten, die je nach persönlichem Geschmack und Biographie meinen, in den 60ern, 70ern oder 80ern sei die Popmusik insgesamt viel besser gewesen als heute, ist festzuhalten, dass es in jeder Epoche sehr gute und sehr schlechte Popmusik gegeben hat. Wirklich charakteristisch für eine Epoche ist hingegen die große Masse an mittelmäßiger Popmusik, die sie hervorbringt. 

Und ich füge hinzu: Unter anderem deshalb, weil die bevorzugt im Supermarkt läuft. 

Schließen möchte ich mit einem Zitat aus Joe Jacksons "Instant Mash" - von seinem klassischen Post-Punk-Debütalbum "Look Sharp"

"In the supermarket there is music while you're working 
Makes you crazy, sends you screaming for the door 
Work there for a year or two and you can get to like it -- 
I don't work in supermarkets anymore." 


Freitag, 20. November 2020

Die Legende von Hans Apfelkern

Twitter kann ja oft ganz schön ärgerlich sein - frisst Zeit und verführt nur allzu leicht zu fruchtlosen Streitereien mit Blödköpfen -, aber ab und zu beschert einem die digitale Zwitschermaschine dann doch bemerkenswerte Entdeckungen, ohne die das Leben ärmer gewesen wäre. Neulich zum Beispiel wurde mir ein Tweet eines mir ansonsten unbekannten Nutzers in die Timeline retweetet, in dem dieser sinnierte, es sei doch eine sonderbare Vorstellung, dass Johnny Appleseed eine reale Person gewesen sei. Der Urheber des Tweets erhielt darauf eine Vielzahl von Antworten, unter anderem von jemandem, der erklärte, seine Frau sei mit dem echten Johnny Appleseed verwandt. Und ich dachte: Was? Wie? Wovon redet ihr?  

Bezeichnend genug ist es übrigens, dass ich diese Tweets schon wenige Tsge später nicht mehr wiederfand. Warum? Weil man, wenn man bei Twitter "Johnny Appleseed" als Suchwort eingibt, eine unüberschaubare Menge an Fundstellen... äh... erntet. In den USA kennt diese halb legendäre, halb historische Gestalt offenbar buchstäblich jedes Schulkind -- genauer gesagt scheint seine Lebensgeschichte Lernstoff in der Grundschule zu sein, so ungefähr im zweiten Schuljahr. Und außerdem gibt es da diesen klassischen Disney-Film aus dem Jahr 1948. 


"The Lord is good to me 
And so I thank the Lord 
For giving me the things I need: 
The sun and rain and an appleseed" --- 

Das klingt irgendwie #benOppig, dachte ich mir. Wenn es diesen Johnny Appleseed tatsächlich gab, wieso habe ich dann noch nie von ihm gehört?  (Okay: "noch nie von ihm gehört" stimmt streng genommen nicht ganz, aber dazu später.) Kurzum, meine Neugier war geweckt -- und was ich bei einer ersten raschen Recherche herausfand, enttäuschte mich keineswegs: Der unter dem Namen Johnny Appleseed oder auf Deutsch auch als Hans Apfelkern bekannte amerikanische Volksheld, der mit bürgerlichem Namen John Chapman hieß und ungefähr von 1774 bis 1845 lebte, wird in der englischsprachigen Wikipedia-Version als "Missionar und Gärtner", in der deutschsprachigen gar als "ökologischer Pionier" geführt; seinen Ruhm verdankt er der Tatsache, dass er eigenhändig für die Verbreitung von Apfelbäumen im damaligen Wilden Westen sorgte, indem er - ausgerüstet mit einem Blechtopf, den er sowohl als Kochgeschirr wie auch als Hut benutzte, einer Bibel und einem Säckchen voller Apfelkerne - zwischen Pennsylvania und Illinois von Ort zu Ort zog und Aufzuchtgärten anlegte, die er dann der Obhut der örtlichen Siedler überließ. Zudem verkündete er das Evangelium unter den Indianern, die ihn als vom Großen Geist begnadet verehrten, und schloss Freundschaft mit wilden Tieren. 

Eine Art Franz von Assisi des Wilden Westens also? --- Das wird man wohl mit einem klaren Jein beantworten müssen. Einen Wermutstropfen stellt es beispielsweise dar, dass Chapmsn alias Appleseed der sogenannten New Church angehörte, einer obskuren, theosophisch angehauchten Sekte, deren Glaubenslehre auf dem mystischen Schrifttum des schwedischen Spökenkiekers Emanuel Swedenborg (1688–1772) basierte. 

Auch sonst bedarf die romantische Vorstellung von dem skurril gekleideten Vagabunden, der Apfelbäume pflanzt bzw. sät, wo immer er geht und steht, wohl der einen oder anderen Korrektur oder zumindest Relativierung. So gilt es zu bedenken, dass im Zuge der Besiedlung des Mittleren Westens das Anlegen von Obstgärten eine probate Methode war, den Wert eben erst erschlossener Grundstücke zu steigern; anschaulich geschildert wird diese Art der Bodenspekulation in Ferdinand Kürnbergers auch sonst sehr empfehlenswertem Roman "Der Amerikamüde" von 1855. Folgerichtig ließ sich Johnny Appleseed, trotz seiner betont anspruchslosen Lebensweise, seine Pflanzungen durchaus anständig bezahlen und hinterließ bei seinem Tod ein beachtliches Vermögen in Form von Landbesitz. 

Da Johnny Appleseed ein entschiedener Gegner des Veredelns von Obstbäumen war, wird zudem angenommen, dass die Äpfel aus seinen Pflanzungen nicht besonders gut zum Essen geeignet gewesen sein dürften und wohl hauptsächlich zu Apfelwein (Cider) verarbeitet wurden, zumal dieser für Farmer an der Grenze der zivilisierten Welt einfacher herzustellen war als die meisten anderen alkoholischen Getränke. Der Journalist und Buchautor Michael Pollan meint daher, Johnny Appleseeds hauptsächliche Leistung sei es gewesen, den Siedler des Wilden Westens den Zugang zu Alkohol zu sichern, und nennt ihn den "amerikanischen Dionysos". 

(Aus Cider wiederum kann man einen Applejack genannten Obstbrand herstellen, und wie ich gelesen habe, erfanden die Pioniere des Wilden Westens zu diesem Zweck eine primitive, aber wirksame Methode, die sogenannte Freeze Distillation. Die funktionierte so, dass man den Cider im Winter im Freien aufbewahrte und regelmäßig das gefrorene Wasser absammelte, wodurch der Alkoholgehalt in der verbleibenden Flüssigkeit nach und nach stieg. War der Winter lang und hart genug,  war bis zum Frühjahr aus dem Apfelwein Apfelschnaps geworden. Raffiniert, was?) 

Erst recht zwiespältig erscheint Appleseeds Lebensleistung angesichts des Umstands, dass er - laut einer 1871, also 26 Jahre nach seinem Tod, in Harper's New Monthly Magazine erschienenen, offenbar auf mündlicher Überlieferung basierenden biographischen Skizze - nicht nur dem Apfelbaum im Mittleren Westen der USA zur Verbreitung verhalf, sondern auch einer Pflanze mit dem bezeichnenden Namen Stinkende Hundskamille: Er hielt dieses Gewächs irrtümlich für eine potente Heikpflanze, mit der man u.a. Malaria kurieren könne, aber tatsächlich handelt es sich um ein übles Unkraut, das Hautreizungen und Atembeschwerden verursachen kann. Mir erscheint dieser Zug der Johnny-Appleseed-Saga auf faszinierende Weise symbolträchtig: Man kann darin, wenn msn denn will, geradezu eine Allegorie auf den Umstand sehen, dass er zusammen mit dem Evangelium auch die theosophischen Irrlehren Swedenborgs verbreitete, 

Die volkstümliche Überlieferung hat Johnny Appleseed indes ein ehrendes Andenken bewahrt: An mehreren Orten, an denen er gewirkt hat, wird sein Geburts- oder Todestag als offizieller Feiertag begangen; neben dem bereits angesprochenen Disney-Film gibt es zahlreiche Kinderbücher über ihn -- und übrigens auch mehrere Punk-Songs. Was mich abschließend darauf bringt, wo der Name dieser bemerkenswerten Gestalt mir doch schon früher einmal begegnet ist: nämlich als Titel eines Songs von Joe Strummer & The Mescaleros, der auf dem Soundtrack der sehr sehenswerten Filmbiographie "Joe Strummer - The Future Is Unwritten" enthalten ist. Ich mag den Song: 


Und Joe Strummer war ja seinerseits auch so ein seltsamer Heiliger. Schöne Textstelle übrigens: "If you're after getting the honey, then you don't go killing all the bees". Ja, in dem Liedtext geht es - zumindest unter anderem - um Ökologie. Was mich nun noch einmal darauf bringt, dass Johnny Appleseed von Tante Wiki als "ökologischer Pionier" gerühmt wird: Hierfür ist gerade seine oben schon einmal angesprochene Ablehnung des Veredelns von Obstbäumen von Belang, die allem Anschein nach religiös, nämlich durch den Respekt vor Gottes Schöpfung, motiviert war. Aus ökologischer Sicht (das hat mir meine Liebste bestätigt, die ja studierte Biologin ist, und vor allem politisch-ideologischen "framing" ist Ökologie zunächst einmal eine wissenschaftliche Teildisziplin der Biologie) hat die von Johnny Appleseed praktizierte Aufzucht von Bäumen aus Zufallssämlingen gegenüber dem Veredeln, das im Prinzip eine Art des Klonens darstellt, den Vorteil, dass sie eine größere genetische Vielfalt gewährleistet. Es ist daher wahrscheinlich, dass viele heutige Apfelvarietäten ihre Existenz letztlich dem Wirken Johnny Appleseeds verdanken. 

Abschließend sei noch angemerkt, dass man sicherlich behaupten kann, Johnny Appleseed verdanke seine Popularität zu einem nicht unwesentlichen Anteil einer typisch US-amerikanischen Vorliebe für Sonderlinge und Exzentriker; wer aber meint, im biederen Deutschland hätte es "so etwas nicht gegeben", dem kann ich bei Gelegenheit gern einmal einen Vortrag über gustaf nagel halten... 



Dienstag, 17. November 2020

Ernsthafte Frage an Experten für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste

Der Advent steht vor der Tür, und aus diesem Grund habe ich unlängst begonnen, mich auf YouTube nach geeigneter Musik für eine adventliche Gestaltung der Lobpreisandachten umzuschauen, die meine Liebste und ich allwöchentlich in unserer Pfarrkirche abhalten. Im Zuge dessen bin ich auf eine eindrucksvolle Version des traditionellen Adventslieds "Maria durch ein Dornwald ging" gestoßen: gesungen von einem klassischen Tenor, aber unterlegt mit trippigen Beats, sphärischen Synthesizer-Klängen und sonstigen elektronischen Soundeffekten. Auch wenn ich in meinem privaten Musikgeschmack tendenziell eher "Team Stromgitarre" bin, war ich spontan begeistert und dachte: Krass, genau so etwas habe ich gesucht seit dem "Diva Dance" aus dem Film "Das fünfte Element" und "Prince Igor" von The Rapsody feat. Warren G. & Sissel Kyrkjebø. Also seit 1997. 

Okay. Wo ist der Haken? Nun ja: Dieses interessante Fundstück veranlasste mich, mal nachzusehen, was die Urheber dieser "Maria durch ein Dornwald ging"-Version denn sonst noch so zu bieten hätten; und das Ergebnis dieser Recherche war eher... irritierend. Der Gesangspart stammt, wie schon gesagt, von einem klassischen Tenor, Daniel Sans; für das Arrangement zeichnet hingegen ein Ein-Mann-Projekt namens Apoptose verantwortlich. Das mag ein cleveres Wortspiel sein, da die Silbe "Pop" drin vorkommt, aber zunächst einmal ist Apoptose ein biologischer Fachterminus für ein Phänomen, das man als "programmierten Zelltod" beschreiben kann. Das klingt ja nun einigermaßen finster. Seinen Musikstil bezeichnet Apoptose als "Dark Ambient"; ich hätte TripHop dazu gesagt, aber das ist wohl, ähnlich wie seinerzeit "Neue Deutsche Welle", ein Label, das im Wesentlichen von Musikjournalisten geprägt bzw. in Umlauf gebracht wurde und von den so etikettierten Interpreten eher abgelehnt wird. Na, sei's drum. Zu den Veröffentlichungen von Apoptose zählen Alben mit Titeln wie "Blutopfer", "Schattenmädchen" und "Bannwald"; Letzteres ist offenbar ein Konzeptalbum, das auf einer angeblich wahren Geschichte basiert: Drei Mädchen verlaufen sich im Wald und bleiben unauffindbar; "Jahrzehnte später tauchen drei mysteriöse Frauen in der Gegend auf, und die Einheimischen erinnern sich an das Verschwinden der Mädchen vor langer Zeit". Rezensenten sahen Parallelen zum pseudo-dokumentarischen Horrorfilm "The Blair Witch Project". Zudem ist auf dem Album "Bannwald" mit "May the Circle be open" ein Lied enthalten, das "unter Wicca-Anhängern sehr bekannt" ist und "mittlerweile wohl weltweit auf Hexenzusammenkünften gesungen" wird. Ich sag mal: Hm. Auch sonst scheint es, dass Apoptose sein Nischenpublikum zu einem nicht unwesentlichen Teil in esoterisch-neopaganen Zirkeln findet. Wie passt da ein Marienlied ins Bild? Man ahnt es fast: Im Begleittext zur Apoptose-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" auf YouTube und auf dem Musikportal Bandcamp heißt es, "the words and the solemn melody evoke images of a goddess who cares for the eternal cycle of growth and decay" ("die Worte und die feierliche Melodie evozieren Bilder einer Göttin, die über den ewigen Kreislauf von Wachstum und Zerfall wacht"). Na sicher. 😒



Und nun bin ich mir unsicher, ob ich diese Version von "Maria durch ein Dornwald ging", so gut sie mir auch gefällt, guten Gewissens für eine Andacht in einer Kirche verwenden kann. -- Okay: Ich kenne - unter anderem, weil ich jahrelang im Berliner Gruselkabinett gearbeitet habe - einige auf dem Kunst- und Unterhaltungssektor tätige Leute, die sich auf Horror-Ästhetik spezialisiert haben, und habe auch darüber hinaus Freunde und Bekannte, die ein ausgeprägtes Faible für Makabres, Morbides und Mysteriöses haben, ohne deswegen Satanisten oder etwas Ähnliches zu sein. Und wie manche Leser sich erinnern werden, habe ich keinerlei Scheu an den Tag gelegt, mich mit Hexe Minerva und ihren Fans anzulegen, da ich den von dieser Dame kommerziell betriebenen neuheidnisch-naturmagischen Schnickschnack eher albern finde, als dass ich ihn für irgendwie bedrohlich hielte. Aber das Eine wie das Andere bedeutet ganz entschieden nicht, dass es nicht dennoch echte dämonische Mächte gäbe, mit denen ganz entschieden nicht zu spaßen ist. (Wer "an sowas nicht glaubt", der darf mich gerne auslachen -- und wird bis zum Ende des Artikels noch reichlich Gelegenheit dazu bekommen.) 

Womit haben wir es also hier zu tun? Hat sich der Künstler, der sich hinter dem Projektnamen Apoptose verbirgt, lediglich aus ästhetischer Faszination und/oder aus kommerziellen Erwägungen ein Image zugelegt, das mit Anmutungen von Hexerei und Schwarzer Magie spielt, handelt es sich um einen vielleicht etwas versponnenen, im Grunde aber harmlosen Möchtegern-Okkultisten, oder womöglich doch um jemanden, der seine Seele dem Bösen verschrieben hat? 

Natürlich drängt sich hier die Frage auf, ob es einem ernstzunehmenden Okkultisten zuzutrauen wäre, ausgerechnet ein Marienlied zu veröffentlichen. Und ob die gewissermaßen nach Rechtfertigung klingende Behauptung, das Lied enthalte heidnische Untertöne, nicht eher Hexe-Minerva-Niveau hat. Ich meine, klar: Neuheiden glauben so etwas. Das moderne Neuheidentum baut praktisch zur Gänze auf der Vorstellung auf, christliches Brauchtum sei in Wirklichkeit uraltes heidnisches Brauchtum, das im Laufe des Mittelalters lediglich oberflächlich christlich übertüncht worden sei. Im vorliegenden Fall können sie da einer bestimmten Sorte evangelikaler Fundis die Hand reichen, die ebenfalls meinen, Marienverehrung sei in Wirklichkeit heidnischer Götzendienst. Aber muss man sich als Katholik von so etwas beeindrucken lassen? 

Ich würde sagen: Nee. Dass sich in irgendwelchen Kellerlöchern blass geschminkte Darkwave-Gothic-Neuheiden traditionelle Marienlieder anhören, weil sie meinen, es handle sich um Hymnen an die Große Mutter, sehe ich nicht als Problem -- das finde ich eher witzig. Weit mehr beschäftigt mich die Frage, ob Apoptose-Rüdiger (ja, er heißt wirklich Rüdiger) womöglich unterhalb der Hörgrenze irgendwelche satanistischen Beschwörungsformeln oder Ähnliches in sein Arrangement von "Maria durch ein Dornwald ging" hineingemixt hat. Ja, lach ruhig, Leser; ich mein's ernst

Aber andererseits: Ist Maria nicht der Schrecken der Dämonen? Ist sie es nicht, die der höllischen Schlange den Kopf zertritt? Nicht ohne Grund finden sich ja die Marianischen Antiphonen im neuen Gotteslob unter der ominösen Nummer 666. Sollte man da nicht annehmen, dass der Versuch, ausgerechnet ein Marienlied für dämonische Zwecke zu missbrauchen - wenn denn jemand einen solchen Versuch unternähme - von vornherein zum Scheitern verurteilt sein müsste? 

Ich weiß es wirklich nicht, Leser. Vielleicht hat ja jemand einen guten Rat für mich. Natürlich könnte ich einfach eine schön schlichte a-cappella-Version von "Maria durch ein Dornwald ging" verwenden, aber das wäre dann ja doch irgendwie langweilig. -- Bis zum Dienstag der zweiten Adventswoche will ich jedenfalls eine Entscheidung getroffen haben, denn da fällt unser wöchentlicher Lobpreis-Termin just auf das Hochfest Mariä Empfängnis. 

P.S.: Ich hatte diesen Artikel schon größtenteils zu Ende geschrieben, da stellte ich fest, dass es auf YouTube auch eine "Maria durch ein Dornwald ging"-Version von der Darkwave/Pop-Gruppe Chandeen gibt; im direkten Vergleich mit der Apoptose-Version klingt diese allerdings deutlich weniger spektakulär und ist davon abgesehen auch darum keine überzeugende Alternative, weil die Gruppe Chandeen offenbar ebenfalls einen esoterischen oder okkultistischen Hintergrund hat. -- Und die Version von Helene Fischer höre ich mir vorsichtshalber gar nicht erst an!