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Montag, 6. April 2020

Grüße aus dem Corona-Park #3 (Karwoche)

+++Was bisher geschah+++ 

Eine weitere Woche unter Ausgangsbeschränkung liegt hinter mir, und wieder war ich trotzdem fast jeden Tag ein bisschen draußen (oder sogar jeden Tag, wenn man unser "Gartenzimmer" als "draußen" wertet). Unsere Pfarrkirche ist nach wie vor tagsüber zum persönlichen Gebet und zur stillen Einkehr geöffnet, wie es die unverändert gültige Verordnung des Berliner Senats ja erlaubt und das Erzbistum Berlin es ausdrücklich befürwortet; und zu bestimmten Zeiten wird das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Damit haben wir es hier - das kann gar nicht deutlich genug betont werden - noch besser als viele andere Katholiken an anderen Orten. Gerade weil ich mich ja manches Mal eher ungnädig darüber geäußert habe, wie die Dinge in der örtlichen Gemeinde laufen, ist mir die Feststellung wichtig, dass hier im Rahmen des derzeit Möglichen wirklich das Beste aus der Situation gemacht wird, und das meine ich nicht zuletzt auch als uneingeschränktes Lob für den persönlichen Einsatz unseres Pfarrers. 

Was die angesprochene "Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin" übrigens auch ausdrücklich erlaubt, ist die "Ausübung [...] ehrenamtlicher Tätigkeiten, auch an wechselnden Einsatzstellen" (§ 14, Abs. 3 a), und folglich geht auch Foodsharing trotz Corona weiter. Meine Liebste hatte in der zurückliegenden Woche zwei Einsätze, einen in einem Biomarkt und einen in einer Bäckerei, und daraufhin konnten wir einiges an Gemüse, Obst und Brot an Freunde und Bekannte aus Kirchengemeinde und Krabbelgruppe weitergeben. 

Währenddessen hat meine unlängst festgehaltene Absicht, mein Gebetsleben zu intensivieren, in der zurückliegenden Woche immerhin graduelle Fortschritte gemacht; daneben habe ich einen Essay für die Tagespost geschrieben, der wohl am Gründonnerstag erscheinen soll, habe mich intensiv meinem Lektürepensum gewidmet, und in der verbleibenden Zeit male ich mit meiner Tochter Ausmalbücher voll, lese ihr Bilderbücher vor oder schaue mit ihr auf YouTube a-capella-Kinderlieder von "Eddi & Dän" (ehemals "Wise Guys"), "Die Sendung mit dem Elefanten", "Der Bär im großen blauen Haus" oder "Daniel Tiger's Neighborhood" -- letzteres ist zwar englisch, aber ich möchte behaupten, das Wesentliche daran versteht ein Kind auch ohne Sprachkenntnisse. Das Konzept der Sendung, ebenso wie der Großteil der Charaktere, basiert auf dem Klassiker "Mr. Rogers' Neighborhood", einer wohl unerreichten Spitzenleistung in der Geschichte des Kinderfernsehens; erstmals darauf aufmerksam wurde ich jedoch - fast ein Jahr vor der Geburt meiner Tochter - durch einen satirischen Beitrag des Online-Magazins The Federalist über hysterische Reaktionen der Linken auf die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Mysterious Ways, Freunde. 

Am Palmsonntag waren wir morgens in "unserer" Kirche zur Anbetung und schauten uns am späten Nachmittag per Livestream eine Messe aus dem Stift Heiligenkreuz an. Letzteres erwies sich mit Kind als nicht ganz unkompliziert, aber die gestreamte Messe war trotzdem schön, also werden wir während des Triduums voraussichtlich ebenso verfahren. 


+++Zitat der Woche+++ 
"Wir armen Nordländer! Wenn wir einmal den Wein der Freude in vollen Zügen kosten, so steigt er uns in den Kopf, und wir schlafen oder zanken und prügeln uns. Der Römer genießt ihn mit dem täglichen Brote, und je mehr er trinkt, desto besser er ihm schmeckt."  
(Wilhelm Müller: "Rom, Römer und Römerinnen", 15. Brief, 23.08.1818) 


+++Linktipps+++ 

Die sozialen Netzwerke sind derzeit voll mit Klagen von Eltern, die angesichts geschlossener KiTas und Schulen buchstäblich nicht wissen, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen. Andrea Tichy, selbst betroffene Mutter, versucht in ihrem Beitrag einen Kontrapunkt zu setzen. Auf mehr oder weniger humoristisch daherkommende Einlassungen nach dem Muster "Am liebsten mag ich meine Familie, wenn ich sie nicht so oft sehe" geht sie dabei gar nicht erst ein, sondern wendet sich explizit an diejenigen Eltern, die sich ernsthaft Sorgen machen, wie sie den Bedürfnissen ihrer Kinder ohne die Hilfe von Institutionen wie KiTa und Schule gerecht werden können. Diesen präsentiert sie eine Fülle von Indizien dafür, dass viel Zeit mit den Eltern und ohne Termindruck für viele Kinder exakt das ist, was sie brauchen und was ihnen in der Vor-Corona-"Normalität" gefehlt hat. So höre man etwa "von therapeutischer Seite", 
"dass Patientinnen mit Babys und Kleinkindern jetzt überrascht feststellen, dass ihre Kinder ausgeglichener werden. Dass zum Beispiel die Schrei- und Schlafstörungen abnehmen, seit die Krippen geschlossen sind. Seit der allgemeine Stress, die durchgetakteten Tage, der Freizeitstress aufgehört haben. Dass viele Babys und Kleinkinder jetzt entspannter sind und die Eltern dadurch auch." 
Weiter berichtet Andrea Tichy von Müttern, die in den Sozialen Medien schreiben "Wir genießen dieses Mehr an Familienzeit"; von Kindern, die morgens erwartungsvoll fragen "Mama, ist heut wieder so ein Urlaubstag? So wie gestern? Mit viel Spielen und nirgends hin müssen?"; und dergleichen Erfahrungsberichte mehr, bis hin zu einem Jungen im Grundschulalter, der in einer Fernsehreportage auf die sichtlich irritierte Frage des Interviewers, ob er "Homeschooling" etwa gut finde, unbefangen antwortet: "Ja, ich finde das sehr gut, am liebsten würde ich das immer so machen!" --- Natürlich ist nicht zu leugnen, dass die Corona-Krise eine Vielzahl sehr ernstzunehmender sozialer, ökonomischer und psychischer Probleme verursacht oder verschärft, und wenn jemand, der mit einer völligen Umwälzung seines gewohnten Tagesablaufs, massiven Verdienstausfällen und womöglich einem drohenden Zusammenbruch seiner gesamten beruflichen Existenz konfrontiert ist, inmitten all dieser Probleme die Notwendigkeit, seine Kinder zu Hause zu betreuen, nur als eine zusätzliche Belastung erlebt, ist es nicht unbedingt hilfreich, dem zu sagen "Aber sieh doch auch mal das Positive!" Das weiß auch Andrea Tichy und betont es mehrfach. Aber vielleicht sollte man - mit Blick auf eine früher oder später zu erwartende "Rückkehr zur Normalität" - die in diesem Artikel zusammengetragenen Beobachtungen zum Anlass nehmen, die in unserer Gesellschaft vorherrschenden Prioritäten zu hinterfragen. Und damit auch die vorherrschenden Vorstellungen darüber, was Kinder brauchen und was gut für sie ist
"Eine glückliche Kindheit entsteht nicht durch möglichst viel Action, Kurse, Attraktionen, Gruppen-Bespaßung oder ständige sogenannte Förderung. Eine glückliche Kindheit haben Kinder meistens genau dann, wenn sie spüren, dass ihre Eltern, die, die ihnen am nächsten und am wichtigsten sind, da sind. Einfach da sind und ihnen zeigen, dass sie sie lieben. Dass sie willkommen sind. Da braucht es dann nicht viel mehr, vor allem für die Kleinsten. So einfach gestrickt sind die Kinder, so genügsam. Und so weise."
Boah, ich wünschte, ich hätte das geschrieben. Und so etwas sage ich nicht oft.

Klar, das ist Satire. Aber der Beitrag wirft eine durchaus ernstzunehmende Frage auf: Was, wenn sich durch die Corona-bedingten Schulschließungen herausstellt, dass ein signifikanter Anteil der Schüler die Schule zum Lernen gar nicht braucht, ja ohne sie sogar besser lernt? (Noch bevor in Deutschland die Schulen geschlossen wurden, schrieb mir eine befreundete Mutter von vier Kindern, ein paar Wochen "Coronaferien" kämen ihr ganz recht, dann könnte sie nämlich endlich mal in Ruhe die Mathe-Probleme eines ihrer Söhne in Angriff nehmen -- die Schule sei da eher kontraproduktiv.) -- Sicherlich: Je nach häuslicher/familiärer Situation der Schüler (worin ich mal alle möglichen sozialen Faktoren nonchalant zusammengefasst wissen möchte) sind die Voraussetzungen für erfolgreiches Zu-Hause-Lernen äußerst unterschiedlich, und wie man hört, ballern manche Lehrer ihre Schüler nach Kräften mit Aufgaben zu, damit sie die Zeit ohne Schule bloß nicht zu sehr genießen; aber man kann wohl doch zumindest davon ausgehen, dass das System "Schule" - besonders wenn die "Rückkehr zur Normalität" nicht schon nach den Osterferien erfolgt, wie es derzeit vielerorts noch in Aussicht gestellt wird - seine Selbstverständlichkeit verlieren dürfte. Und das ist für ein System, das im Wesentlichen davon lebt, für selbstverständlich gehalten zu werden, eine ernstzunehmende Bedrohung. 
Um auch mal wieder über etwas anderes zu reden als immer nur über die Corona-Krise: Dieser Artikel ist schon ein paar Jahre alt, aber ich bin erst jetzt durch einen Link auf Twitter auf ihn aufmerksam geworden und finde ihn ausgesprochen interessant. Es geht, wie man sich wohl schon denken kann, um konkurrierende "Narrative" zur Interpretation des II. Vatikanischen Konzils: Gleich einleitend stellt der Verfasser, ein Dominikanerpater und Hochschullehrer, die wesentlich von Küng und Schillebeeckx geprägte "progressive" Deutungstradition einer von Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger begründeten Interpretation gegenüber, die das Konzil in Kontinuität zur lehramtlichen Tradition der Kirche sieht. Okay, das hat man soweit auch schon woanders gehört oder gelesen. Spannend ist allerdings Whites These, die Deutung des Konzils als revolutionärer Bruch mit der Lehrtradition speise sich aus einer an Nietzsche geschulten Hermeneutik des "Willens zur Macht"; was übrigens einschließt - und das erscheint mir besonders interessant -, dass die Anhänger dieser Sichtweise auch die Position ihrer Gegner durch diese hermeneutische Brille betrachten: Nach einer vom Eigeninteresse des jeweiligen Interpreten unabhängigen Wahrheit wird nicht gefragt, es geht nur noch darum, den eigenen Positionen Geltung zu verschaffen. -- Dagegen empfiehlt White, das Konzil statt durch die Augen Nietzsches lieber durch diejenigen John Henry Newmans zu betrachten; dies erscheine umso plausibler, als Newmans Theologie Themen und Tendenzen des II. Vaticanums in einem solchen Maße vorweggenommen bzw. vorgeprägt habe, dass Papst Paul VI. von "Newmans Konzil" gesprochen habe. Vor dem Hintergrund von Newmans Verständnis von Lehrentwicklung, so White, erscheine das II. Vaticanum nicht etwa als Bruch mit der Lehrtradition der Kirche, sondern vielmehr als eine konsequente Fortsetzung von Tridentinum und I. Vaticanum. Ein umfangreicher und für Nichttheologen recht anspruchsvoller, aber allemal sehr lesenswerter Text!


+++Ohrwurm der Woche+++ 

Pearl Jam, "State of Love and Trust", 1992.


Einfach so, ohne Grund. 


+++Aus der Lesehore+++ 
"Aber beide, der Tempel und der Leib Jesu, scheinen mir gemäß einer der möglichen Auslegungen Bild der Kirche zu sein. Sie ist ja 'aus lebendigen Steinen erbaut', 'zu einem geistigen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft', 'gebaut auf das Fundament der Apostel und Propheten, der Schlussstein aber ist Christus Jesus selbst'; sie wird 'Tempel' genannt. Es heißt: 'Ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.' Auch wenn das Gefüge der Steine des Tempels sich aufzulösen scheint und in den Verfolgungen und Bedrängnissen alle Gebeine Christi scheinbar zerstreut werden [...], wird trotz der Verfolgungen durch die, welche die Einheit des Tempels bekämpfen, dieser doch wieder aufgebaut werden, und der Leib wird am dritten Tag auferstehen: nämlich nach dem bevorstehenden Tag des Greuels im Tempel* und dem darauffolgenden Tag der Vollendung**. Der dritte Tag aber wird dann im neuen Himmel und in der neuen Erde seinen Anfang nehmen." 
(Origines, Auslegung des Johannesevangeliums) 
* Vgl. Mk 13,14
** Vgl. 2 Petr 3,3.10.13

Montag, 30. März 2020

Grüße aus dem Corona-Park #2 (5. Woche der Fastenzeit)

+++Was bisher geschah+++ 


Zunächst einmal freue ich mich, mitteilen zu dürfen: Die Liebste, das Kind und ich sind wohlauf und machen das Beste aus der Situation. Dazu gehört, dass meine Liebste, nachdem sie bereits vorletzten Freitag in unserem sehr kleinen, von einer niedrigen Mauer, einem schmiedeeisernen Zaun und einigen Sträuchern eingefassten und vom Balkon der Wohnung im ersten Stock quasi überdachten Vorgarten ein "Gartenzimmer" (so nennt es unsere Tochter) mit Tisch und Stuhl, Rutsche, Buddelkiste und Schaukel-Zebra eingerichtet hat, nun auch das Kinderzimmer gründlich aufgeräumt und neu gestaltet hat. Indessen muss ich gestehen, dass ich trotz der seit letztem Montag geltenden Ausgangsbeschränkungen fast jeden Tag - außer Donnerstag und Samstag - mindestens einmal "draußen" war; allerdings ausschließlich zu solchen Zwecken, die die derzeit geltende "Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin" ausdrücklich erlaubt, wie zum Beispiel Einkaufen, ein bisschen Bewegung an der frischen Luft (zusammen mit dem Kind) und auch "idividuelle stille Einkehr in Kirchen, Moscheen, Synagogen und Häusern anderer Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften" (§14, Abs. 3 p). Aber dazu später. -- Jedenfalls habe ich bei meinen Ausflügen den Eindruck gewonnen, dass die Straßen und Plätze zwar spürbar weniger belebt sind als vor der Verhängung von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten, dass aber trotzdem noch eine ganze Menge Leute unterwegs sind -- so viele, dass Polizei und/oder Ordnungsamt heillos überfordert wären, wenn sie tatsächlich kontrollieren wollten, ob diese Leute wirklich alle einen legitimen Grund haben, ihre Behausung zu verlassen. Im Übrigen scheint es mir unter den Leuten, die man jetzt noch draußen antrifft, grob gesehen zwei Fraktionen zu geben. Die einen nehmen die ganze Krisensituation nicht so richtig ernst, befolgen aber trotzdem so einigermaßen die Regeln -- aber nicht ohne darüber zu meckern. (Das scheint mir geradezu klassisch Berlinerisch: sich aus staatsbürgerlichem Gehorsam an Vorschriften zu halten, dabei aber lautstark zu murren, das sei ja alles Schikane und Humbug.) Und die anderen schieben zwar total Panik, kriegen es aber trotzdem nicht hin, die grundlegendsten Schutzmaßnahmen zu beachten. Also zum Beispiel Leute, die sich beim Einkaufen einen Schal vors Gesicht binden, sich aber in der Kassenschlange vordrängeln, oder sich sogar Schutzmasken besorgen, diese dann aber so tragen, dass sie nicht die Nase bedecken. Nun gut, irgendwie muss man wohl Verständnis dafür haben, dass die Leut' mit der Gesamtsituation überfordert sind. Gerade das Einhalten von Abstandsregeln setzt schließlich voraus, andere Menschen überhaupt erst einmal wahrzunehmen, und im normalen Alltag ist der Berliner nun einmal darauf konditioniert, genau das nicht zu tun.

Okay, soweit die Außenwelt. Was das Leben innerhalb der eigenen vier Wände angeht, sehe ich derzeit keinen Grund zur Klage. Weder geht mir meine Familie auf den Keks - im Gegenteil, ich genieße es, dass wir alle drei so viel Zeit zusammen verbringen, und mir scheint, das Kind genießt es besonders -, noch verspüre ich die Notwendigkeit, die Zeit mit Binge-Watching oder Stadt-Land-Fluss-Spielen totzuschlagen. Mit Lesen, Schreiben, Papa-Sein und Gitarre-Üben habe ich schon mehr als genug zu tun.

Mittlerweile gefällt mir die schon vorige Woche angedeutete Idee, die Zeit der Ausgangsbeschränkung als eine Zeit der inneren Einkehr und geistig-geistlichen Vorbereitung auf künftige Großtaten zu betrachten und zu nutzen, immer besser, und unter diesem Blickwinkel habe ich es mit einer Rückkehr zur "Normalität" nicht unbedingt eilig. Ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Bestandteil einer solchen "Einkehrzeit" sollte bzw. müsste aber eigentlich auch eine Intensivierung des persönlichen Gebetslebens sein; und wie sieht es damit bei mir aus? -- Nun, ehrlich gesagt ist da noch Luft nach oben. Im Moment sieht das bei mir in etwa so aus: Montags #BenOp-Rosenkranz (habe ich den schon mal erwähnt? Ich glaube nicht. Okay, ich komme darauf zurück), dienstags Lobpreisandacht, freitags und sonntags Eucharistische Anbetung; davon abgesehen ein kurzes Tischgebet vor den Mahlzeiten, vor dem Einschlafen ein Nachtgebet, das ich noch aus meiner Kindheit kenne; und sonst so? Eigentlich wollte ich täglich wenigstens einmal, möglichst aber zweimal (um 12 und um 18 Uhr) den Angelus beten; und nun muss ich feststellen, dass ich das schon mal besser hingekriegt habe als in dieser Ausgangsbeschränkungs- und Kontaktverbots-Woche. Eigentlich wollte ich - mindestens in der Fastenzeit, aber dann möglichst auch noch darüber hinaus - jeden Tag die Lesehore aus dem Stundenbuch beten und die Tageslesungen aus dem Messlektionar lesen; aber tatsächlich musste ich am Freitag in der Anbetung das Pensum von drei Tagen "nachholen". Okay, ich bin guten Willens, mich zu bessern. Als hilfreich dafür könnte es sich erweisen, dass am gestrigen Sonntag eine Liebe Freundin aus unserer Pfarrgemeinde eine "Pilgernde Gottesmutter" aus Schönstatt, die sie rund eine Woche lang bei sich zu Hause beherbergt hatte, an uns weitergegeben hat. 



+++Special: Wie ist das jetzt genau mit dem #BenOp-Rosenkranz und der Lobpreisandacht?+++

Okay, ich wollte noch etwas zum #BenOp-Rosenkranz sagen. Das ist eine Initiative, die bereits im Oktober 2017 entstanden ist, und zwar daraus, dass Rod Dreher eine Kontaktliste mit den E-Mail-Adressen einiger Mitstreiter bzw. Gleich- und Ähnlichgesinnter in Sachen Benedikt-Option erstellte; hauptsächlich handelte es sich dabei um Personen, die er auf seinen Reisen nach Europa kennengelernt hatte. Ursprünglich waren (neben mir als einzigem Deutschen) hauptsächlich Franzosen und Italiener in dieser Gruppe vertreten, später kamen einige Tschechen, Slowaken und Ungarn dazu. Aus der naheliegenden Frage "So, und was machen wir jetzt mit dieser Adressenliste?" resultierte recht bald die Idee, Gebetsanliegen auszutauschen und einmal wöchentlich "gemeinsam"(d.h. ungefähr gleichzeitig, innerhalb eines verabredeten Zeitfensters) den Rosenkranz zu beten. Ich gebe zu, dass ich mich über die vergangenen zweieinhalb Jahre nicht absolut konsequent und verlässlich daran beteiligt habe, in den letzten Wochen dann aber doch, und ich hoffe das auch zukünftig beizubehalten.

Und über die wöchentliche Lobpreis-Andacht, die ich gemeinsam mit meiner Liebsten gestalte, wollte ich auch schon länger mal Genaueres schreiben. Wahrscheinlich wäre es sinnvoller, das erst dann zu tun, wenn die Ausgangsbeschränkungen so weit gelockert sind, dass man die Andacht wieder guten Gewissens öffentlich ankündigen bzw. dazu einladen kann. Noch vor drei Wochen hat unsere neue Pastoralreferentin mir geraten, zu diesem Veranstaltungsangebot einen Beitrag für den Pfarrbrief zu schreiben. Werde ich zum gegebenen Zeitpunkt wohl auch tun. Bisher war es nämlich auch dann, wenn diese Andacht im offiziellen Gottesdienstplan der Pfarrei stand, nicht unbedingt selten, dass außer uns selber (und Gott, natürlich) niemand dabei anwesend war oder einzelne Leute eher "zufällig" zur betreffenden Zeit in die offene Kirche kamen und je nachdem, ob sie mit dieser Form des Gebets etwas anfangen konnten oder eher nicht, dablieben oder eben nicht. Natürlich haben wir uns oft gewünscht, es würden mehr Leute teilnehmen, und natürlich haben wir uns immer gefreut, wenn das der Fall war; aber so richtig schlimm fanden wir es eigentlich auch nie, wenn außer uns keiner kam, denn einem "Publikum" zuliebe machten wir es ja letztlich nicht. Das war für uns auch ein wesentliches Argument, auch "unter Corona-Bedingungen" vorerst mit der Andacht weiterzumachen. 

Die seit dem 23.03. in Berlin gültigen verschärften Kontaktverbots-Vorschriften werfen nun natürlich durchaus Fragen auf. Ist eine Andacht, wenn sie in der offenen Kirche stattfindet, per definitionem eine öffentliche Veranstaltung, auch wenn außer den Vorbetern niemand daran teilnimmt (oder allenfalls noch 1-2 weitere Personen, die aber nur zufällig zur selben Zeit in der Kirche sind)? Inwieweit ist eine solche Andacht im Sinne der Berliner Corona-Verordnung anders zu beurteilen als etwa die in derselben Kirche stattfindende Eucharistische Anbetung? Spielt es eine entscheidende Rolle, ob die Andacht "still" ist oder ob dabei Musik abgespielt wird und hörbar Gebete gesprochen werden? Ist es überhaupt Sache der staatlichen Behörden, solche Unterscheidungen zu treffen? -- Fragen über Fragen! Da wir dienstags ohnehin zum Kirchenschließdienst eingeteilt sind, könnten wir, um ganz auf der sicheren Seite zu sein, den Beginn der Andacht auch um eine halbe Stunde nach hinten verlegen und die Kirche vorher abschließen statt hinterher; und sollte irgendwann auch die "offene Kirche" weiteren Verschärfungen der Ausgangsregeln zum Opfer fallen, könnten wir immer noch zu Hause lobpreisen. Das wäre aber wirklich nur eine Notlösung, denn unser Anliegen ist es ja gerade, dem Kirchenraum auch in diesen schwierigen Zeiten seinen Charakter als Ort des Gebets zu erhalten. Wie der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. im Jahr 1978 in einer Predigt sagte:
"Wir alle wissen, welch ein Unterschied ist zwischen einer durchbeteten Kirche und einer solchen, die zum Museum geworden ist. Wir stehen heute sehr in Gefahr, daß unsere Kirchen Museen werden und daß es ihnen dann geht wie Museen: Wenn sie nicht verschlossen sind, werden sie ausgeraubt. Sie leben nicht mehr. Das Maß der Lebendigkeit der Kirche, das Maß ihrer inneren Offenheit wird sich darin zeigen, daß sie ihre Türen offen halten kann, weil sie durchbetete Kirche ist."  
(Joseph Kardinal Ratzinger: "Eucharistie – Mitte der Kirche. Vier Predigten". München 1978, S. 62f) 
Aber wie dem auch sei: Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir es noch erleben, dass das Verbot gottesdienstartiger Zusammenkünfte irgendwann wieder aufgehoben oder zumindest gelockert wird; vielleicht wird es dann eine erhöhte Nachfrage nach so etwas geben, und vielleicht freut sich auch der eine oder andere meiner Leser über Anregungen, in der jeweils eigenen Ortsgemeinde Anfechten zu gestalten, sofern und sobald das möglich und erlaubt ist. Also: Nachdem unsere wöchentlichen Lobpreis-Andachten anfangs (und das ist nun bald schon zwei Jahre her) komplett improvisiert waren, hat sich nach und nach ein recht fester Ablauf etabliert, bestehend aus einem frei formulierten Eröffnungsgebet, den Psalmen aus der Vesper vom jeweiligen Tag, einer Lesung (i.d.R. entweder die Kurzlesung aus der Vesper oder die 1. Lesung vom Tag), freien Fürbitten, Tagesgebet und Segensbitte, und dazwischen Lieder von der Lobpreis-Playlist auf meinem Handy (da meine Gitarren-Fertigkeiten noch nicht weit genug gediehen sind, um eine Andacht mit Livemusik zu bestreiten, aber ich arbeite daran). Um 18 Uhr beschließen wir die Andacht mit dem Angelus. Es handelt sich also um eine Mischung aus traditionellen und charismatisch-poppigen Elementen; was indes die freien Gebete betrifft, überlasse ich diese nach Möglichkeit gern meiner Liebsten, denn die kann so etwas einfach besser als ich. Dafür konzentriere ich mich auf die Musikauswahl. Aus der Playlist spontan Lieder auszuwählen, die zu den Psalmen, der Lesung und den aktuellen Gebetsanliegen des jeweiligen Tages passen, ist eine Herausforderung, der ich mich mit einigem Ehrgeiz widme; ich sehe das als eine Möglichkeit, Fertigkeiten, die ich im Zuge meiner Tätigkeit als DJ erworben habe, zur Ehre Gottes einzusetzen. 

Am vergangenen Dienstag hatten wir, wie schon in der Woche zuvor, wieder eine sehr schöne, bewegende Tageslesung -- diesmal aus Ezechiel 47. Diese Bibelstelle spielt eine zentrale Rolle im letzten Kapitel der "Benedikt-Option", und Johannes Hartl zitiert sie gegen Ende seines Vortrags "Ökologie des Herzens". Hier ein Auszug: 
"Und er maß noch einmal tausend Ellen ab. Da war es ein Fluss, den ich nicht mehr durchschreiten konnte; denn das Wasser war tief, ein Wasser, durch das man schwimmen musste, ein Fluss, den man nicht mehr durchschreiten konnte. Dann fragte er mich: Hast du es gesehen, Menschensohn? Darauf führte er mich zurück, am Ufer des Flusses entlang. Als ich zurückging, siehe, da waren an beiden Ufern des Flusses sehr viele Bäume. Er sagte zu mir: Diese Wasser fließen hinaus in den östlichen Bezirk, sie strömen in die Araba hinab und münden in das Meer. Sobald sie aber in das Meer gelangt sind, werden die Wasser gesund. Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben." (Ez 47,5-9) 
Das lasse ich mal ohne weiteren Kommentar so stehen.


+++Zitat der Woche+++ 
"Dreimal, nicht nur einmal, fällt Christus [unter dem Kreuz], als wollte Er uns damit zeigen, was es heißt, den Weg des Kreuzes zu gehen -- öffentlich, in Schande. Es muss notwendigerweise zu überwältigend für unsere körperlichen Kräfte sein, wenn es überwältigend genug sein soll, unsere Seelen zu Gott zu erheben."  
(Dorothy Day, Tagebucheintrag vom 18.09.1952. In: dies., The Duty of Delight. New York 2011, S. 194. Eigene Übersetzung.)   

+++extra viele Linktipps+++ 
Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, und wie so viele Menschen dieser Tage macht auch sie sich Gedanken über die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie. Bemerkenswert ist indes, an was für Auswirkungen sie dabei in erster Linie denkt:  Sie sieht in den Reaktionen der Kirche auf die Krise "problematische Entwicklungen" -- wie zum Beispiel: "täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe". Können diese Praktiken "im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Corona-Krise" sein?, fragt sie. Angesichts des charakteristischen Manövers denkfauler "Progressiver", die aktuelle Jahreszahl als Argument zu verwenden, möchte man ihr gern mit Chesterton antworten:
"Genausogut könnte man sagen, eine bestimmte Ansicht sei am Montag vertretbar, am Dienstag dagegen nicht. Ebensogut könnte man von einer bestimmten These über die Welt sagen, sie sei um halb vier angebracht, um halb fünf indes fehl am Platze."
Aber lassen wir das ruhig mal beiseite. Ginge es bloß um Vorbehalte gegenüber einer "Präsentation" von Frömmigkeit, deren "Ästhetik" allzu eindeutig auf vergangene Zeiten verweist und dadurch museal und unauthentisch wirkt, dann könnte ich das zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Aber es ist recht offensichtlich, dass diese Stänkerei aus derselben Richtung kommt, aus der beispielsweise gegen Eucharistische Anbetung auch und gerade dann polemisiert wird, wenn sie in modern-poppigem Gewand daherkommt wie etwa beim Nightfever. Da erzittern einfach die nachkonziliar-"progressiven" Bilderstürmer und ihre (un-)geistigen Erben vor der Wiederkehr von Dingen, die sie "überwunden" geglaubt haben. Und das ist in erster Linie keine Frage der Ästhetik, sondern des Gottesbildes. Frau Prof. Knop ist da erfreulich klar: Es gehe darum, den "fatalen Trost", den traditionelle Frömmigkeitsformen versprechen, "theologisch zu dekonstruieren". Als Alternative empfiehlt sie "neue Formen von Gebet und Solidarität", "eine andere, deinstitutionalisierte und überkonfessionelle Weise, Christ*in und Kirche oder einfach ein gottgläubiger Mensch zu sein", "Mensch vor Gott zu sein, wie auch immer dieses Drama ausgeht". Man tut gut daran, all dies im Zusammenhang damit zu betrachten, dass Frau Prof. Knop "die Frage der Verortung und Begründung dogmatischer Theologie angesichts der zunehmenden Irrelevanz und Implausibilität der Gottesfrage" zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. -- Warum empfehle ich diesen Artikel? Weil ich der Meinung bin, dass man die Existenz solcher Positionen zur Kenntnis nehmen sollte. Okay, und warum das? Weil ich der Meinung bin, der Umstand, dass eine Theologin (!) sich nicht bloß privatim solche Gedanken macht (was schon schlimm genug wäre), sondern damit an die Öffentlichkeit treten und offenkundig damit rechnen kann, damit ernst genommen zu werden und sogar Zustimmung zu ernten, ein solches Ausmaß von Glaubensabfall im Bereich der akademischen Theologie dokumentiert, wie ihn sich der normale Gläubige nicht einmal träumen lassen würde. (Dietrich von Hildebrand hat das freilich schon 1967 kommen sehen.) Wenig überraschend ist indes, dass Frau Prof. Knops Thesen im Umfeld von "Reform"-Initiativen wie Maria Zwonull viel Anklang finden; das beweist im Grunde nur einmal mehr, dass es in den Reihen der Kirche Leute gibt, die so wenig wissen, was eigentlich der Glaube der Kirche ist, dass sie ihn buchstäblich nicht einmal erkennen, wenn sie mit der Nase draufgestoßen werden. In der Haut derjenigen Theologen, die diese Verwirrung in den Köpfen der Laien angerichtet haben, möchte ich beim Jüngsten Gericht nicht stecken. 
Wem die Vorstellung, das Problematischste an der Coronakrise sei die Wiederkehr traditioneller Frömmigkeitsformen, noch nicht bizarr genug ist, für den geht's noch bizarrer: Ein sogenanntes "Bündnis Pro Choice" befürchtet, die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus könnten den straffreien Zugang zu Abtreibungen erschweren, und fordert deshalb beispielsweise die Aussetzung der Beratungspflicht und der dreitägigen Wartefrist zwischen Beratungs- und Abtreibungstermin; außerdem solle es Schwangeren ermöglicht werden, Abtreibungen mittels eines Medikaments namens Mifegyne oder RU487 allein und zu Hause vorzunehmen. Man könnte den Eindruck haben, die Moloch-Anhänger fürchteten um den ungehinderten Fortgang ihres blutigen Menschenopferkultes, aber das ist nur meine Assoziation und steht nicht in diesem Artikel. Hier dokumentiert mein Freund Rudolf lediglich die Kritik der Lebensrechts-Initiativen "Aktion Lebensrecht für Alle" (ALfA) und "Christdemokraten für das Leben" (CDL) an den Forderungen des Pro-Choice-Bündnisses: "Dass in Zeiten, in denen das Gesundheitssystem um das Leben besonders gefährdeter Personen ringt, vorgeburtliche Kindstötungen künftig Priorität genießen sollen, zeigt, wessen Geistes Kind diejenigen sind, die solche Forderungen erheben", wird eine Pressemitteilung von ALfA zitiert.

Leah Libresco gehört, seit ich angefangen habe, mich in Fragen der praktischen Umsetzung des Konzepts "Benedikt-Option" zu vertiefen, zu meinen Lieblingsautorinnen. Sie gehört außerdem auch zu meiner oben erwähnten montäglichen Rosenkranzgruppe, aber das nur nebenbei. Jedenfalls dachte ich mir, wenn Leah einen Artikel zu - wenn man das so nennen kann - spirituellen Aspekten der Corona-Krise schreibt, dann kann der eigentlich nur gut sein. Und ich wurde nicht enttäuscht. Tatsächlich weisen die Impulse, die dieser Text bietet, weit über den konkreten Anlass von Corona-Pandemie und social distancing hinaus: Ausgangspunkt von Leahs Überlegungen ist das Dilemma, dass social distancing in der aktuellen Situation zwar (möglicherweise) Leben retten kann, aber äußerlich betrachtet einfach nicht besonders heldenhaft wirkt und daher dem verständlichen Drang widerstreitet, zur Bewältigung einer Krisensituation große, dramatische Taten zu vollbringen. Aber gerade Christen, so argumentiert Leah, sollten mit dem Gedanken vertraut sein, "die Ökonomie der Gnade höher zu veranschlagen als weltliche Maßstäbe von Leistung und Erfolg: "Wir sind Leute, die daran glauben, dass klausurierte Nonnen mit ihrem privaten Gebet einen machtvollen Einfluss auf die Welt ausüben. Wir sind Leute, die daran glauben, dass Gebet, Fasten und Demut ebensosehr Teil einer Antwort auf die Pandemie sind wie die Forschung nach antiviralen Mitteln." Und schließlich: "Wenn wir uns mühen, Gott in kleinen Dingen zu dienen, wird Er uns vielleicht würdigen, uns zu großen und dramatischen Aufgaben zu berufen" (vgl.  übrigens Matthäus 25,21/23!). Na, wenn das nicht motivierend ist! -- Übrigens verweist Leah in diesem Artikel fortlaufend auf den Roman "Kristin Lavransdatter" von Nobelpreisträgerin Sigrid Undset, und bei mir verfestigt sich der Eindruck, ich würde ständig, quasi auf Schritt und Tritt, über lobende Erwähnungen oder explizite Empfehlungen dieses Romans stolpern. Ich schätze, ich werde ihn mal lesen müssen.

Niklas Schleicher gehört zu der Theologenblase auf Twitter, mit der ich mich hin und wieder herumstreite, und so bin ich auch mit ihm schon das eine oder andere Mal heftig aneinandergeraten. Persönlich ist er mir aber nicht direkt unsympathisch, daher dachte ich mir, als ich (dito auf Twitter) über den obigen Link stolperte: Schauste doch mal rein, könnte ja interessant sein. Und ist es auch. "Unzusammenhängende Notizen" verspricht die Überschrift, der Verfasser legt also keine stringente, geschlossene Argumentation vor, stellt auch nicht so sehr Thesen auf, als dass er Fragen aufwirft und Denkanstöße bietet. Das ist eine Form, die mir liegt, und gleichzeitig bedingt es das "Unzusammenhängende" daran, dass ich einige seiner Überlegungen zustimmungsfähiger finde als andere. So erklärt Niklas Schleicher zwar mit Entschiedenheit "Ja, dass wir keine Gottesdienste mehr feiern dürfen, ist schwer. Aber es ist richtig. Und dass viele Pfarrer und Pfarrerinnen nochmal vehement dafür eintreten, sich an dieses Verbot auch zu halten, ist gut"; aber gleichzeitig stellt er auch kritische Anfragen an diejenigen, die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote - auch und gerade im kirchlichen Bereich - allzu unkritisch bejubeln und jene, die dabei nicht mitmachen wollen, als "Pestratten" (!) diffamieren.  "Ja, die Ausgangssperren und die Einschränkung des öffentlichen Lebens sind wichtig und richtig", betont er sicherheitshalber nochmals. "Aber: Sie sind eben auch eine Güterabwägung. Eine Güterabwägung, bei der ein paar auf der Strecke bleiben werden. Das sollten wir schon so benennen." Diese Ehrlichkeit, das zu benennen, fehlt tatsächlich auch mir in vielen anderen Stellungnahmen zur Lage. -- Konkret auf den kirchlichen Kontext bezogen merkt Niklas Schleicher beispielsweise an, "wenn Menschen bestattet werden müssen und bei der Trauerfeier von vornherein nicht mehr als 10 Menschen dabei sein dürfen", finde er es "schon ein bisschen verstörend", dass sich "dagegen nicht Widerstand erhebt, sondern, dass das sogar begrüßt wird, auch von uns Kirchenmenschen". D'accord. Und was ist mit der "Bedeutung von menschlichen Beziehungen für das Person-Sein"? "Haben wir eigentlich darüber nachgedacht, was wir tun, wenn wir widerspruchslos hinnehmen, dass wir nun einige Menschen von Beziehungen abschneiden?" Schließlich gibt es jenseits der Social-Media-Bubble auch immer noch "diejenigen, deren Kontakt darin besteht, samstags auf den Markt zu gehen, oder mittwochs ins Wirtshaus. Und es wäre vermessen und dumm, anzunehmen, dass man die schon irgendwie anders erreicht."

Die mehr oder weniger konsequent durchgehaltene häusliche Isolation gibt uns allen reichlich Gelegenheit zum Nachdenken, aber wie so oft denkt Peter Winnemöller weiter als die meisten anderen. Was macht diese im Namen der Seuchenbekämpfung verordnete Isolation mit uns als Gesellschaft -- sozial, ökonomisch, psychisch? Was macht sie mit uns als Kirche? Gerade diese letztere Frage beleuchtet er aus einer Reihe verschiedener Blickwinkel -- kirchengeschichtlich, liturgiewissenschaftlich, sakramententheologisch und nicht zuletzt auch mit Blick auf die Machtfrage innerhalb der Kirche, die gerade den Schismatischen Weg so sehr umtreibt bzw. umgetrieben hat; und was er zu alledem anmerkt, gibt dem Zuschauer/Zuhörer eine Menge zu denken auf. Und das alles in achteinhalb Minuten! Lieber Leser, wenn Du Dir diese Woche nur einen einzigen Beitrag zum Thema "Die Kirche in der Coronakrise" ansiehst, dann möge es dieser sein. I mean it.

Ich gestehe, ich habe mir diese vom Heiligen Vater geleitete Andacht nicht live angesehen und bedaure das nun ein bisschen. Gleichzeitig empfinde ich die Reaktionen auf diese Andacht, die ich seit Freitagabend in den Sozialen Medien beobachtet habe, bemerkenswert und bewegend: Offenbar ist es Franziskus gelungen, so ziemlich alle Katholiken - abgesehen vielleicht von solchen, die man nur mit Abstrichen als katholisch bezeichnen kann, wie ultra-traditionalistische Kryptosedisvakantisten auf der einen und modernistische Kryptoprotestanten auf der anderen Seite - zusammenzubringen, trotz aller Meinungsverschiedenheiten über das richtige Verhalten angesichts der Coronakrise und auch sonst über annähernd alles. Gut, man könnte sage, genau dafür ist ein Papst im Grunde da; aber wenn man das so sieht, dann heißt das eben auch, dass Franziskus seine Aufgabe in diesem Moment vorbildlich erfüllt hat. -- Nun, immerhin habe ich inzwischen die Predigt nachgelesen, die der Heilige Vater zu diesem Anlass gehalten hat, und sie ist wirklich exzellent. Er legt darin das Evangelium vom Sturm auf dem See, bei dem der Herr im Boot schläft (Markus 4,35-41), mit Blick auf die aktuelle Krise aus; hier meine Lieblingspassage: 
"Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, 'wegzupacken' und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar 'heilbringenden' Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen."
Sehr starke, sehr notwendige Worte. Danke, Heiliger Vater.


+++Ohrwurm der Woche+++ 

David Bowie, "Thru These Architect's Eyes", 1995


"It's difficult, you see, to give up / to leave a job when you know the money's from day to day." 


+++Aus der Lesehore+++ 
"Sie erzählten Mose: Wir kamen in das Land, in das du uns geschickt hast: Es ist wirklich ein Land, in dem Milch und Honig fließen; das hier sind seine Früchte. Aber das Volk, das im Land wohnt, ist stark und die Städte sind befestigt und sehr groß. Auch haben wir die Söhne des Anak dort gesehen. [...] Kaleb beruhigte das Volk, das über Mose aufgebracht war, und sagte: Wir können trotzdem hinaufziehen und das Land in Besitz nehmen; wir werden es gewiss bezwingen." (Numeri 13,27-30

Donnerstag, 26. März 2020

Die 100-Bücher-Challenge: Etappe 4

Diese Artikelserie hat eine ganze Weile brachgelegen, aber keine Sorge: An meinem Plan, bis zum Ende des laufenden Kirchenjahres 100 Bücher zu lesen und zu rezensieren, bin ich nach wie vor "dran". Nachdem die vierte Leseetappe mehr Zeit in Anspruch genommen hatte als geplant, hat die Auswertung noch erheblich länger gedauert; beim Lektürepensum habe ich den Rückstand inzwischen aber wieder ausgeglichen, was natürlich bedeutet, dass ich mich nun bei den Auswertungs-Artikeln ganz schön ranhalten muss. 

Hier die Übersicht über die in Etappe 4 gelesenen Bücher: 



  • Juli Sommermond: Tod einer Kinderseele Bd. I 
Auf dieses Buch war ich ja schon aufgrund der Art und Weise, wie es in meinen Besitz gelangt ist, und der Tatsache, dass die Autorin mal (allerdings "vor meiner Zeit") in "meiner" Kirchengemeinde aktiv war, sehr gespannt; aber kurz und gnadenlos gesagt, ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor etwas derart Bizarres gelesen zu haben. Okay, in gewissem Sinne ist das natürlich auch eine Qualität des Buches, und deshalb habe ich es auch zu Ende gelesen, obwohl ich schon im ersten Viertel den Impuls verspürt habe, die Lektüre abzubrechen. Letztlich ist es mit diesem Buch aber wie mit einer Massenkarambolage auf der Autobahn: Kein schöner Anblick, aber wegschauen kann man irgendwie doch nicht.

Schon der Titel wirkt einigermaßen irreführend, denn nur ein sehr kleiner Teil des Buches dreht sich tatsächlich um die Kindheit der Hauptfigur. Auf S. 26 ist sie bereits 13 Jahre alt -- und schwanger, nachdem man unmittelbar zuvor noch gelesen hatte: "Was das Männliche betraf, mochte ich es nicht. Jungfräulich zu sein schien mir von hohem Wert." Na, das hat ja nicht lange vorgehalten. -- Diese Teenager-Schwangerschaft, die "[d]amals - in der DDR - fast ein Verbrechen" war (ebd.), endet mit einer Abtreibung; das wird nur beiläufig erwähnt (im Gegensatz zu einer zweiten Abtreibung gut zwei Jahrzehnte später, der ein eigenes Unterkapitel mit der drastischen Überschrift "Mord" gewidmet wird), aber der Weg in die gesellschaftliche Devianz im Arbeiter-und-Bauern-Staat scheint unaufhaltsam: Wenig später folgt eine Festnahme wegen des Verdachts der Prostitution, zur Resozialisierung kommt die Protagonistin auf einen "Jugendwerkhof". -- All das könnte ja theoretisch einen gewissen dokumentarischen Wert haben, aber dafür ist die Erzählweise zu oberflächlich, wird über allzu vieles allzu flüchtig hinweggegangen; es fehlt an Struktur und Kontext, einzelne Szenen aus dem Leben der Protagonistin tauchen wie aus einem Nebel vor den Augen des Lesers auf und werden mit esoterischem Geraune verbrämt. So zum Beispiel, als sie während ihrer Jugendwerkhofs-Zeit die Chance erhält, in einer Marschkapelle Fanfare zu spielen: 
"[Ich b]lies hinein und erschrak im gleichen Augenblick zutiefst. Der Ton kehrte daraus zu mir zurück wie eine helllichte Offenbarung. Kein Gedanke mehr. Nur noch Sein. Ton-Sein! Schwingung! Etwas lang Ersehntes hatte mich darin angerührt. Nur dass ich vergessen hatte, was es war. Ich kannte es nicht. Aber der Ton war da. Und wenn es ihn gab, gab es auch das andere darin - ganz real! Das andere, das ich nicht kannte, das sich aber doch so gut anfühlte, nach dem ersten Schrecken. Wärme, Kraft, Hoffnung, Geborgenheit." (S 32) 
Auch als Stilprobe ist diese Passage durchaus aussagekräftig für das gesamte Buch; kann ich bitte ein bisschen Anerkennung oder wenigstens Mitleid dafür bekommen, dass ich diese pathetische Schreibe über 300 Seiten lang ertragen habe?

Jedenfalls gelingt es der Heldin, sich in den Augen der DDR-Gesellschaft zu rehabilitieren, sie bekommt sogar einen Job in der Verwaltung; aber dann, kurz vor dem Mauerfall, stellt sie - aus Gründen, die dem Leser weitgehend verborgen bleiben - erst einen Ausreiseantrag und unternimmt dann einen Fluchtversuch über die tschechische Grenze, wird verhaftet, überraschend wieder freigelassen und setzt sich am Tag der Maueröffnung in den Westen ab. Wo sich ihr natürlich ganz neue Betätigungsfelder für ihren impulsiv-erratischen Lebenswandel eröffnen. 

Frappierend ist bei alledem der extreme Egozentrismus der Protagonistin, der auch ihre verschrobene Privat-Spiritualität prägt: Man hat den Eindruck, sie fühle sich durch "das Namenlose in ihr" (oder wie sie das jeweils gerade nennt) dazu legitimiert, sich so zu verhalten, als habe sie ein Recht darauf, ihren Willen zu bekommen. Als sie nach ihrer Ausreise nach West-Berlin feststellt, dass sie keinen Anspruch auf eine gemeinsame Sozialwohnung mit ihrem Partner hat, solange sie mit diesem nicht verheiratet ist, motzt sie "Hatte ich doch gedacht, ich sei in eine fortschrittlich aufgeklärte Welt übergesiedelt, nun aber schien ich im Mittelalter gelandet zu sein" (S. 93) und spricht sogar von  "Nötigung zur Ehe" (S. 95) -- dabei ist sie es doch, die etwas vom Sozialstaat fordert, und nicht umgekehrt! Auch im ihrem Privatleben verhält "Juli Sommermond" sich völlig skrupellos und instrumentalisiert bedenkenlos andere Menschen für ihre Interessen, so als wären alle anderen nur um Ihretwillen auf der Welt und hätten darüber hinaus gar keine eigenständige Daseinsberechtigung. Exemplarisch deutlich wird das, als sie ihren widerwillig geheirateten Mann wieder loswerden will, er sich aber weigert, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen: Ein Anwalt teilt ihr mit, rechtlich habe sie nur eine Handhabe gegen ihren Mann, wenn der sie schlagen würde. Daraufhin provoziert und demütigt sie ihn - was sie geradezu genüsslich ausmalt - so lange, bis er endlich einmal zuhaut (S. 104ff.). 

Zugegeben: Sowohl das Anspruchsdenken gegenüber dem Sozialstaat als auch der krasse Egoismus im zwischenmenschlichen Bereich findet sich durchaus auch bei Menschen ohne einen besonderen "Sinn fürs Übersinnliche"; ich habe durchaus auch schon Erfahrungen mit so gestrickten Leuten gemacht. Dass "Juli" trotz aller dramatischen Wendungen in ihrem Leben beruflich immer wieder recht schnell Fuß fasst und erfolgreich ist, scheint mir irgendwie ganz gut ins Bild zu passen. -- Das "framing" dieser Autobiographie als Geschichte einer "spirituellen Reise" tritt jedenfalls im zweiten Abschnitt des Buches, betitelt "Auf der Suche" (ab S. 132), verstärkt in den Vordergrund: In der "ersten esoterischen Sauna Berlins" (S. 133) findet sie einen spirituellen Mentor in Gestalt des Bademeisters. Kein Scherz. Als dieser ihr auf den Kopf zusagt, sie sei auf der Suche nach Gott, ist das für sie eine Offenbarung: "Gott! So also der Name meines Namenlosen, nach dem ich so lange gesucht hatte..." (S. 136) Daraufhin kauft sie sich erst mal eine Bibel (wozu ich anmerken muss, dass es mir einigermaßen bezeichnend für die totale Unbedarftheit der Dame spricht, dass sie beim Stichwort "Gott" automatisch davon ausgeht, es müsse der Gott der jüdisch-christlichen Tradition damit gemeint sein, aber nun gut...):
"Doch schon nach den ersten Kapiteln lege ich enttäuscht wieder beiseite. Was ich darin finde, kann ich so absolut nicht mit dem vereinbaren, was ich kenne, und schon gleich gar nicht mit dem, was ich fühle: ‘Dieser Bibel gemäß wäre Gott also entweder ein Irrer oder schlichtweg nur ein grausamer Despot', stelle ich ernüchtert fest." (S. 138) 
Schnarch. -- Nun ja, wenig später. erzählt sie ihrem Bademeister von ihrem "Erlebnis mit der Bibel, worauf der mit schlichtem Lächeln reagiert: 'Ah, du bist Heidin?! Weißt du, dann lass das mal mit der Bibel noch sein. Sie wird dich rufen, wenn es so weit ist. Bis dahin gehe einfach weiter'" (ebd.). Das tut sie -- und probiert so allerlei aus - "spirituelle Sitzungen, Akasha-Lesungen, Tantra [...], Reiki, Astrologie, Hexensabbate, schwarze Magie, weiße Magie, Kartenlegen, Pendeln, Spontanheilungen" (S. 139), "automatisches Schreiben, Poltergeistklopfen oder Engelerlebnisse" (S. 144) -, kommt nebenbei zu dem (schon anno 1908 von Chesterton in "Orthodoxie" als irrig entlarvten) Schluss, dass die diversen Weltreligionen (sie nennt "Hinduismus, Islam, Taoismus, Brahmanismus, Christentum") "alle einen gemeinsamen Fokus haben" -- dabei jedoch "durchweg verordnet sind. Und das war etwas, was mir generell missfiel, schon immer missfallen hat" (S. 183); und fängt schließlich doch erneut damit an, 
"die Bibel zu studieren. Und hatte so absolut keine Schwierigkeiten mehr damit, sie für mich zu entschlüsseln. Es war, als besuchte ich tagtäglich einen lieben Freund und ginge in den Dialog mit ihm. Nicht jedes Wort berührte mich, aber ich sog doch jedes einzelne ein, verschlang es gierig und kaute es wieder und [185] wieder durch, ähnlich wie die Kuh das frische Gras." (S. 184f.)
Was dabei herauskommt, kann man indes im Grunde nur als Warnung vor selbständiger, unangeleiteter Bibellektüre auffassen. Hier ein besonders eindringliches Beispiel:
"Ist der Teufel wahrhaftig ein Feind? Antwort: Der uralten Überlieferung - dem Alten Testament nach - nicht! Demnach ist der Teufel nichts weiter als ein Bote Gottes [...]. Wenn Gott also den Teufel oder Satan sendet [...216...], dann nur, um seinen geliebten Menschen auf den rechten Weg der Liebe, Freude, Fülle, des Friedens und der Gerechtigkeit im Heiligen Geist zu führen. [...] Praktisch heißt das: Schützt du dich vor dem Würgegriff des Teufels, schützt du dich vor Gott, oder anders, stellst du dich gegen den Teufel, kämpfst du gegen Gott." (S. 215f.) 
Nicht ohne Grund äußert sich eine Leserin/Rezensentin auf Lovelybooks scharf kritisch über den "Versuch ein gottloses Leben tatsächlich durch die Bibel zu rechtfertigen und ihre Taten damit zu entschuldigen": "Für Menschen die auf der Suche nach Gott sind oder sich [...] mit dem Christentum beschäftigen und dieses Buch in die Hand bekommen, wird ein komplett falsches Bild des christlichen Glaubens abgeliefert". Dieser Kritik kann ich mich nur anschließen. Übrigens finden sich auf Lovelybooks durchaus auch positive Leser(innen)rezensionen zu diesem Werk; und das finde ich fast noch befremdlicher als das Buch selbst. -- Natürlich, wollte man - mit dem Vorwissen, dass die Verfasserin später zum Katholizismus konvertiert und sogar in ein Kloster eintritt - voraussetzen, dass diese ganze auf drei Bände angelegte Autobiographie als Geschichte einer Bekehrung zu verstehen sei, dann könnte man sagen, rein von den geschilderten biographischen Fakten spreche nichts - weder sexuelle Eskapaden noch Abtreibungen und Selbstmordversuche, weder Glücksspiel noch fragwürdige Geschäftspraktiken noch esoterisch-okkultistische Experimente - zwingend dagegen, dass aus dieser Frau später doch noch eine Heilige werden könnte. Das Problem sind weniger diese Sachverhalte an sich als vielmehr die Art, wie sie darüber schreibt. Denn das tut sie ja schließlich rückblickend. Hätte sie inzwischen eine echte Bekehrung (Metanoia, was ja schließlich auch Um-Denken heißt!) erfahren, dann sollte man eigentlich erwarten, dass ihre Rückschau auf ihr früheres Leben etwas mehr kritische Distanz (um nicht zu sagen Reue) erkennen ließe. Tatsächlich macht die Erzählerin jedoch ganz und gar nicht den Eindruck, jemals über die subjektivistisch-egozentrische Idolisierung einer mit "dem Göttlichen" identifizierten "inneren Stimme" hinausgekommen; und so steht zu befürchten, dass sie sich auch die katholische Glaubenslehre genauso eigenwillig und wirr zurechtinterpretiert hat wie alles andere. -- Übrigens: Während vom zweiten Band von Juli Sommermonds "Tod einer Kinderseele" noch einige wenige Exemplare durch den Online-Buchhandel geistern, habe ich keine Belege dafür entdecken können, dass der dritte überhaupt jemals erschienen ist. Die Website der Autorin existiert nicht mehr, die Domain ihres (Selbst-)Verlags steht zum Verkauf

  • William Makepeace Thackeray: Jahrmarkt der Eitelkeit 
Ein Klassiker der Weltliteratur und damit - gemäß einer im vorigen Jahr aufgestellten Regel - von vornherein von der Rangliste der #BenOp-relevanten Lesefrüchte ausgeschlossen, habe ich dieses Buch rein zum Vergnügen gelesen -- und kann zu Protokoll geben, dass es sich für diesen Zweck tatsächlich ganz ausgezeichnet eignet; ja, man könnte sogar sagen: geradezu zur Erholung von dem ganzen anderen Kram, den man so lesen muss. Gerade in dieser Etappe war das ein willkommener Ausgleich, auch wenn man einräumen muss, dass die Lektüre angesichts des gewaltigen Umfangs dieses Romans eine ganze Menge Zeit gekostet hat. Egal, das war's wert! 

Ich hatte keine ganz klare Vorstellung davon, was ich mir unter dem großangelegten Gesellschaftsroman des Viktorianischen Zeitalters, der dies laut Kritikermeinung sein sollte, konkret vorzustellen hätte, und stellte schon ziemlich zu Beginn der Lektüre geradezu erleichtert fest: Die Welt, in der die Romanhandlung spielt, ist mir ausgesprochen vertraut aus einer Reihe anderer Romane. Es wäre ein reizvolles Gedankenspiel, sich auszumalen, wie beispielsweise ein Dickens, eine Jane Austen, ein Wilkie Collins, eine der Brontë-Schwestern oder gar meine alte Freundin Marlitt diese selbe Geschichte erzählt haben würde. Thackeray jedenfalls erzählt sie mit einer großen Portion Sarkasmus. Aber nicht nur das: Ich bin geneigt zu sagen, in der Erzählerrolle, die er für diesen Roman annimmt, gibt er sich betont schrullig. Der Erzähler ist zwar selbst keine handelnde Person des Romans, aber auch keine rein auktoriale "Stimme aus dem Off", sondern durchaus ein Charakter, der in allerlei Exkursen und Anekdoten aus dem Rahmen der erzählten Handlung heraustritt; und in solchen Momenten hat er bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den exzentrischen, zerstreuten, aber herzensguten alten Junggesellen, die etwa das Werk seines Zeitgenossen Dickens bevölkern.

Dass ich diesen Roman rein zum Vergnügen und zur Erholung  gelesen habe, bedeutet übrigens nicht, dass es darin nicht auch für einen analytischen Blick auf den religiösen Gehalt allerlei Interessantes zu entdecken gäbe. Bedenken wir, dass wir es hier mit einer Epoche zu tun haben, in der der gesellschaftliche Status des Christentums zwar nicht mehr so ungebrochen war, dass es nicht möglich gewesen wäre, unterschiedliche Haltungen zu ihm einzunehmen, aber doch noch bedeutend genug, dass es praktisch unmöglich war, überhaupt keine Haltung zu ihm einzunehmen. Folgerichtig spielt die sprichwörtliche "Gretchenfrage" in Bezug auf verschiedene Romancharaktere immer mal wieder eine gewisse Rolle, und auch der Erzähler selbst bedient sich gern biblischer Sprachbilder und appelliert an die christliche Moral. Eine gewisse Präsenz religiös-kirchlicher Themen im Romangeschehen ist schon dadurch bedingt, dass zu den Standesprivilegien der ansonsten ziemlich heruntergekommenen Adelsfamilie Crawley die Besetzung einer ländlichen Pfarrstelle zählt; die reiche Erbtante der Crawleys geriert sich als freigeistige Weltdame, während Lady Southwood, die Schwiegermutter des Gutserben, religiöse "Dissenters" verschiedenster Couleur protegiert. Die ebenso blumigen wie stereotypen Titel evangelikaler Erweckungs-Traktate ziehen sich geradezu wie ein "running gag" durch den Roman. Am Rande kommt auch die heikle Frage der Katholikenemanzipation wiederholt zur Sprache. In diesem Zusammenhang möchte ich eine ganz entzückende Passage hervorheben, in der die als herzensgut, aber nicht eben weltläufig charakterisierte weibliche Nebenheldin Amelia von anderen Damen der Gesellschaft - rein zu Konversationszwecken - gefragt wird, "ob ihrer Meinung nach im Jahre 1836, wie Jowls meint, oder erst 1839, wie Wapshot vermutet, der Papst fallen würde" -- worauf sie arglos erwidert: "Der arme Papst! Hoffentlich nicht -- was hat er denn getan?" (S. 837) 

Sehr amüsiert habe ich mich über diejenigen Kapitel gegen Ende des Romans, die in einer fiktiven deutschen Residenzstadt namens Pumpernickel spielen; eine herrliche Satire auf die damalige deutsche Kleinstaaterei und überhaupt auf die deutsche Mentalität, wie sie sich aus britischer Sicht darstellte. Bemerkenswert fand ich in diesem Zusammenhang nicht zuletzt eine Bemerkung zum Zustand der öffentlichen Moral in Deutschland: "[I]n einem Lande, wo [...] Goethes 'Wahlverwandtschaften' als erbauliche Moralschrift gelten", sei es kaum verwunderlich, eine Dame sich "scheiden lassen, sooft sie wollte, und doch ihre gesellschaftliche Stellung behalten" könne (S. 918). 

Alles in allem möchte ich den "Jahrmarkt der Eitelkeit" als ein äußerst unterhaltsames Stück Literatur bezeichnen, oft sehr witzig, nicht selten aber auch anrührend, und wenngleich praktisch keine der Hauptfiguren frei von charakterlichen Schwächen ist (Thackeray nannte sein Werk einen "Roman ohne Helden"), so ist andererseits auch keine von ihnen durch und durch unsympathisch. -- Übrigens: Dass auf S. 147 die Königin von Saba erwähnt wird, ist zwar eigentlich völlig unerheblich, aber mit Blick auf die zwei folgenden Bücher auf meiner Leseliste doch irgendwie eine auffällige Kuriosität...

  • Georg Holmsten: Die Königin von Saba 
Historische Romane mit biblischem Sujet kann man wohl grob in drei Kategorien einteilen: Entweder es handelt sich um Hochliteratur wie Thomas Manns "Joseph"-Tetralogie (die ich, ich gestehe es, noch nicht gelesen habe; sie steht aber immerhin schon mal im Regal der im Aufbau befindlichen Pfarrbibliothek); oder es sind religiöse Erbauungsschriften im Gewand von Unterhaltungsliteratur (von dieser Sorte gibt es sowohl rechtgläubige als auch häretische Varianten, allerdings habe ich den Verdacht, dass die letzteren deutlich überwiegen); oder es ist schlichtweg Schundliteratur. Zu welcher dieser Kategorien Georg Holmstens "Königin von Saba" gehört, lässt sich unschwer beantworten: Schund. Mehr als an irgendein anderes Buch, das ich im Laufe des letzten Jahres gelesen habe, erinnert mich dieser Roman an Eric Walz' "Herrin der Päpste", auch wenn es dankenswerterweise erheblich kürzer ist. Da Holmstens Roman aus den 50ern stammt und der von Walz aus dem Jahr 2003, sollte man außerdem wohl annehmen, dass die "Königin von Saba", einem konservativeren Zeitgeschmack entsprechend, sowohl in erotischer als auch in - sagen wir mal - "religionsskeptischer" Hinsicht zurückhaltender ist als die "Herrin der Päpste", aber tatsächlich ist dieser Unterschied weniger ausgeprägt, als man hätte erwarten können.

Was den ersteren Aspekt angeht, wandelt Holmstens Titelheldin bevorzugt halb nackt oder in durchsichtigen Gewändern durch die Romanhandlung, wird von allen Männern begehrt, sofern diese nicht schwul oder schon steinalt sind, und weiß diesen Umstand geschickt für die politischen Interessen ihres kleinen Landes einzusetzen; polemisch zugespitzt könnte man sagen, neben Weihrauch und Myrrhe ist die verführerische Attraktivität der Königin die wichtigste Ressource Sabas.

Schon ziemlich zu Beginn der Romanhandlung beginnt die Protagonistin eine leidenschaftliche Affäre mit dem Kaufmannssohn Kedar, den sie in ihrer Eigenschaft als Königin und Priesterin des Mondgottes allerdings nicht heiraten darf  - wogegen sie zunächst aufbegehrt ("Was haben die uralten Gebote der Priesterfürsten mit unserer jungen Liebe zu tun?", S. 124), sich dann aber auf ihre Art mit dieser rituellen Vorschrift arrangiert:  "Nicht heiraten wollten wir, nur lieben..." (S. 154); "Oder willst du etwa behaupten, daß Liebe nur in der Ehe gedeihen kann?" (S. 274). Die aus der Bibel (1 Kön 10,1-13 / 2 Chr 9,1-12) bekannte Reise an den Hof des Königs Salomo unternimmt sie explizit in der Absicht, von diesem einen Sohn und Erben zu empfangen, aber nebenbei umgarnt sie auch Salomos Sohn und Thronfolger Rehabeam. Wieder zu Hause, setzt sie ihr Verhältnis mit Kedar fort und verheimlicht ihm, "daß sie in Salomo nicht nur den König, sondern auch den Mann und Menschen geliebt hatte" (S. 276).

Was die religiöse Thematik angeht, fällt es auf, dass es in der Welt des Romans zwar religiöse Institutionen - sprich: Tempel und Priester - gibt, die auch beträchtlichen politischen und gesellschaftlichen Einfluss ausüben, aber abgesehen vielleicht vom "einfachen Volk" - das jedoch keinen aktiven Anteil am Geschehen hat - scheint niemand ernsthaft an Gott oder Götter zu glauben. Selbst der Hohepriester des Mondgottes ist voller Zweifel, wie er der Königin gesteht: 
"Es gibt viele Götter, und der Mensch ist nicht weise genug, um zu entscheiden, welche Götter anbetungswürdig sind und welche nicht. Ja, vielleicht gibt es sogar nur einen Gott, der wahrhaft Anbetung verdient. Aber wer von uns vermag zu sagen,  welcher der vielen Götter es ist, die von den Völkern in allen Ländern verehrt werden. Weil ich den richtigen Gott noch nicht gefunden habe, halte ich dem Gott meiner Ahnen, Almaka, die Treue." (S. 63) 
Der christliche Leser mag an dieser Stelle vielleicht noch hoffen, als der eine Gott, "der wahrhaft Anbetung verdient", werde sich im weiteren Verlauf der Handlung der Gott der Juden erweisen, aber als die Königin von Saba zu König Salomo reist, wird diese Hoffnung enttäuscht, denn die Romanheldin "wagte es sogar, an der Allmacht des großen Gottes Jahwe zu zweifeln":
"Glauben deine Priester eigentlich an den Gott, den sie dem Volk verkünden, o Salomo? Ich habe schon einmal einen Priester kennengelernt, der an der Macht des Gottes zweifelte, zu dem er betete." (S. 241)
Salomo hat dem nicht viel entgegenzusetzen; somit bleibt der Eindruck im Raum stehen, zwischen JHWH und den anderen Göttern werde kein qualitativer Unterschied gesehen. -- Man könnte argwöhnen, dass moderne (schlechte) Historienromane so bevölkert mit Religionszweiflern, -spöttern und -verächtern sind, rühre daher, dass ihre "aufgeklärten" Autoren meinen, es sei eine schätzenswerte Eigenschaft, ja geradezu ein Ausweis geistiger Größe, "Dogmen zu hinterfragen". Ich habe jedoch den Verdacht, es ist in Wirklichkeit viel banaler: Diesen Autoren ist religiöser Glaube derart unverständlich, dass sie gar nicht in der Lage wären, ihn plausibel darzustellen. Dass sich in dieser Hinsicht auch "Flieg, Friedenstaube", der Jesaja-Roman des evangelischen Katecheten Hermann Koch, nur graduell von Holmstens "Königin von Saba" oder Walz' "Herrin der Päpste" unterscheidet, erscheint so gesehen eigentlich noch bedenklicher; aber das mal nur am Rande.

Immerhin, nach dem Motto "Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn" findet sich im Rahmen der Thematisierung von Religion in Holmstens "Königin von Saba" eine Passage, die es gerade vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals wert sein könnte, dass man zwei- oder dreimal darüber nachdenkt:
"Seit altersher herrscht im Volk der Glaube, daß derjenige, der von der Sünde eines Priesters redet, des gleichen Verbrechens schuldig wird. [...] Dem Volke ist am Priester alles heilig, auch seine Sünde." (S. 166) 
Auf welche Weise und in welchem Maße der Autor die Bibel als Quelle heranzieht, schildert man wohl am besten anekdotisch: Auf S. S. 216-219 wird das sprichwörtliche "salomonische Urteil" aus 1 Kön 3,16-28 nacherzählt, und zwar mit allerlei recht abgeschmackten Ausschmückungen; direkt im Anschluss hat Salomo einen weiteren, nicht biblisch belegten Streitfall zu schlichten, wobei ihm die Königin von Saba zu Hilfe kommt und Salomo prompt an Weisheit übertrifft. Auf S. 243 werden einige Verse aus dem 4. Kapitel des Hoheliedes in paraphrasierter Gestalt wiedergegeben und als "ein altes jüdisches Liebeslied" bezeichnet. Und nebenbei bemerkt: Den ersten König des Nordreichs Israel, Jerobeam, nennt Holmsten "Jerob", wohl damit der Name dem des gleichzeitigen Königs des Südreichs Juda, Salomos Sohn Rehabeam, nicht so ähnlich ist. Aber wenn Gott nun einmal wollte, dass die Namen dieser beiden Rivalen einander so sehr ähneln sollten, who are you to judge, Muchacho? Übrigens lässt der Autor die beiden späteren Könige erstmals im Rahmen eines Wagenrennens à la Ben Hur aufeinandertreffen (S. 233-237), das allerdings nicht annähernd die Dramatik des Vorbilder erreicht -- unter anderem gerade weil es das erste Zusammentreffen der Kontrahenten innerhalb der Romanhandlung ist und die Spannung nicht durch ein so komplexes Rivalitätsverhältnis gehoben wird, wie es zwischen Ben Hur und Messala besteht. 

Im Übrigen enthält der Roman durchaus einzelne Handlungselemente - wie etwa die geheimen Verliese im Tempel des Mondgottes oder, damit zusammenhängend, den Nebenstrang um den "Scheich der Namenlosen" und seine Räuberbande - die theoretisch einiges Potential hätten, sodass man es ein wenig bedauern mag, dass sie nicht von einem begabteren Erzähler (ich sag mal: Retcliffe!) bearbeitet wurden.

Für die Trivialliteraturforschung mag es indes eine durchaus nicht uninteressante Erkenntnis sein, dass es schon in den 1950er-Jahren Vorläufer des heutzutage massenhaft produzierten Genres "Softcore-Erotik-Frauenroman im pseudohistorischen Gewand" gab. Aber eigentlich hatte ich mir mehr bzw. Anderes von diesem Buch versprochen. Na ja, shit happens

  • Gabriel Mandel: Das Reich der Königin von Saba 
Populärwissenschaftliche Bücher über Archäologie habe ich besonders als Jugendlicher gern gelesen, und ich würde mal sagen, dies ist keins der schlechtesten. Während sich einzelne Passagen - wie etwa über die diversen Theorien zur Entstehung und Entwicklung des antiken südarabischen Alphabets - für Nicht-Fachleute ein bisschen zäh lesen sind und die kleine Schrifttype etwas anstrengend ist, ist das Buch doch im Ganzen unterhaltsam geschrieben; und auch in inhaltlicher Hinsicht finde ich es durchaus lesenswert, wenngleich eine spezifische #BenOp-Relevanz sich nicht feststellen lässt -- aber das war ja auch nicht zu erwarten. Im Grunde habe ich es ja hauptsächlich deshalb auf meine Leseliste gesetzt, um es  quasi "live" mit Holmstens "Königin von Saba" abgleichen zu können, und dieser Abgleich erweist sich tatsächlich als einigermaßen aufschlussreich. Schließlich legt Holmsten großen Wert darauf, seinem Roman den Anschein zu geben, er sei historisch gut recherchiert, und protzt daher gern mit z.T. recht umfangreichen Fußnoten; dadurch lässt sich nachvollziehen, dass er teilweise dieselben Quellen benutzt hat wie Mandel, auch wenn dessen Buch gut 20 Jahre später entstanden ist.

So berichtet Mandel auf S. 103ff. über die Ausgrabung des Mondtempels von Marib, auf die Holmsten in einer Fußnote auf S. 39 hinweist; neben Ausgrabungsbefunden wertet Mandel aber auch antike und z.T. vorislamische Quellen über die Kulturen Südarabiens aus, und gerade die antiken Autoren - allen voran Strabo und Diodor - hat offenkundig auch Holmsten ausgiebig zur Kenntnis genommen. Bedauerlich finde ich es allerdings, dass er - wohl in der Absicht, einen "realistischen" Historienroman zu schaffen - die phantastischen Elemente, die sich bei den antiken Historiographen und Geographen wie selbstverständlich finden, entschlossen zurückgedrängt hat. Man könnte somit sagen, der Abgleich mit Mandel lässt Holmstens Roman noch schwächer erscheinen, als es ohnedies schon der Fall ist.

In augenfälligem Gegensatz dazu zeigt der Archäologe Mandel keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Phantastischen; vielmehr befragt er die Quellentexte dahingehend, ob sich hinter manchen phantastisch anmutenden Details ein realer Hintergrund entdecken oder wenigstens erahnen lässt. In diesem Sinne zieht er auch den Koran als Quelle heran und deutet die darin enthaltene Erzählung über den Untergang des alten Reiches der Sabäer als Schilderung ökologischer Katastrophen; dass er meint, in Sure 18, Vers 94-97 sei "eindeutig von atomaren Strahlungen" die Rede, erscheint mir als eine gewagte These, aber vielleicht sollte ich mir die betreffende Ķoransure einfach mal anschauen.

Insgesamt, denke ich, kann man Mandels Buch guten Gewissens einen Platz im Büchereiregal einräumen; einen Platz in der Rangliste hingegen nicht, aber das war ja, wie gesagt, von vornherein auch nicht zu erwarten gewesen.

  • Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes 
Ich erwähnte es bereits: Dass ich dieses Buch, nachdem es mehr als zwei Jahre lang unberührt in meinem Regal gestanden hatte, ausgerechnet an dem Tag von neuem zur Hand nahm, an dem in Frankfurt die erste Synodalversammlung des Schismatischen Weges begann, kann man eigentlich nur als Fügung betrachten. Ein Schlüsselsatz dazu, was dieses 1967 unter dem Eindruck der Nachwirkungen des II. Vatikanischen Konzils entstandene Buch mit dem heutigen "Schismatischen Weg" zu tun hat, findet sich im Epilog:
"Dieses Buch ist aus einem tiefen Schmerz über das Auftauchen falscher Propheten in der Stadt Gottes geschrieben. Es ist traurig genug, wenn Menschen ihren Glauben verlieren und die Kirche verlassen. Aber es ist viel schlimmer, wenn diejenigen, die in Wirklichkeit ihren Glauben verloren haben, in der Kirche bleiben und - wie Termiten - versuchen, den christlichen Glauben durch ihre Behauptung auszuhöhlen, daß sie der göttlichen Offenbarung die Interpretation geben, die zum 'modernen Menschen' paßt."  (S. 335)
Bei der Lektüre des Buches drängt sich der Eindruck auf, diejenigen Missstände in Kirche und Theologie, die Hildebrand schon vor über 50 Jahren klar gesehen und scharf kritisiert hat, hätten sich seither fröhlich weiter ausgebreitet, und im Schismatischen Weg und (un-)geistesverwandten "Reform"-Projekten zeigen sich die Auswirkungen. -- Nun sind, seit ich das Buch gelesen habe, ja schon wieder einige Wochen vergangen, in denen ich diese Rezension hier nicht fertig bekommen habe, und im Lichte jüngster Entwicklungen könnte man sagen, wir (als Kirche) haben ganz andere Sorgen als den Schismatischen Weg; was der nicht geschafft hat und auch im weiteren Verlauf nicht geschafft hätte, nämlich den Verkündigungs- und Heiligungsdienst der Kirche praktisch lahmzulegen, das schaffe jetzt das Coronavirus. Ich bin jedoch der Meinung, dass das der Aktualität und Brisanz von Hildebrands Buch keinen Abbruch tut; ja, in gewissem Sinne sehe ich sogar einen Zusammenhang zwischen den genannten Phänomenen, und das ist gar nicht so verschwörungstheoretisch gemeint, wie es vielleicht klingt. Was ich meine, ist, dass das Verhalten unserer Kirchenfunktionäre angesichts der Corona-Krise und nicht zuletzt auch die Reaktionen der einfachen Gläubigen auf die teils staatlich verordneten, teils in vorauseilendem Gehorsam von den Bistümern beschlossenen Einschränkungen des kirchlichen Lebens wohl erheblich anders aussähen, wenn das Verständnis für die Bedeutung der Sakramente, allen voran der Eucharistie, nicht über Jahrzehnte aufgeweicht und ausgehöhlt worden wäre.  -- Aber eigentlich möchte ich hier keine Corona-Debatte führen; dafür gibt es erheblich geeignetere Orte.

Halten wir fest: Die Aktualität von Hildebrands Beobachtungen zum Glaubensverlust in Theologie und Kirche ist ungebrochen. Im Grunde könnte man aktuelle Äußerungen von Verfechtern sogenannter "Reform"-Bestrebungen in der Kirche fortlaufend mit Hildebrand-Zitaten kommentieren und kontern. Natürlich, Hildebrand ist Philosoph, und streckenweise ist das Buch sehr anspruchsvoll geraten; so sehr, dass ich philosophisch nicht vorgebildeten Lesern empfehlen würde, ganze Unterkapitel zu überblättern, um zu vermeiden, dass sie die Lektüre überfordert aufgeben. Aber da, wo er gut ist, ist er sehr gut. Besonders sympathisch ist mir, dass er keinerlei Scheu gegenüber einer zuweilen heftig polemischen Wortwahl an den Tag legt; im Laufe der Lektüre dachte ich mehrfach: Die Leute, die immer gleich klagen und zagen, man wolle ihnen "das Katholischsein absprechen", nur weil sie einen "anderen Zugang zum Glauben" (oder wie sie das auch immer nennen) haben, würden wahrscheinlich in Ohnmacht fallen, wenn sie sähen, wie Hildebrand verbal mit Ihresgleichen umspringt. Insbesondere im Bereich der akademischen Theologie dürften Manchem die Ohren klingeln, wenn Hildebrand "eine philosophische Mode" tadelt, die "den Eindruck von Tiefe durch eine überkomplizierte Sprache zu erwecken" sucht, "die oft das vollständige Fehlen von Sinn verhüllt" (S. 187); an anderer Stelle spricht er von einer Ersetzung der "Tatsachen der Offenbarung" durch eine "trübe Metaphysik", die "weder die Botschaft Christi noch wahre Philosophie ist" und die "für den Nicht-Intellektuellen niemals irgendeine Bedeutung haben" kann" (S. 225). Ich kann mir nicht helfen, ich denke dabei unwillkürlich an sogenannte "theologische Feuilletons" im Internet wie z.B. feinschwarz oder gar, kicher, y-nachten. Wie schreibt Hildebrand so treffend:
"Gar mancher Mensch ist bereit, jeden beliebigen Unsinn zu schwätzen, nur um für einen 'modernen Menschen' zu gelten - für einen 'fortschrittlichen', einen, der 'mündig' geworden ist." (S. 194)
Darin, dass die "Kategorien von wahr oder falsch [...] durch die Frage ersetzt [werden], ob etwas heutzutage wirksam ist, oder ob es zu einer früheren Zeit gehört, ob es 'geschichtsgerecht' oder 'überholt', ob es 'lebendig' oder 'tot' ist", sieht Hildebrand "ein offenkundiges Symptom für einen intellektuellen und sittlichen Verfall" (S. 138). Dabei lässt er den von ihm so scharf attackierten "Progressiven" noch nicht einmal den Ausweg, seine Kritik dadurch zu delegitimieren, dass sie sein Glaubens- und Kirchenverständnis als "vorkonziliar" abstempeln: Tatsächlich spricht er mit ausdrücklicher Hochachtung über das II. Vatikanische Konzil und bewertet dessen Anliegen, den Glauben der Kirche inmitten einer im Umbruch befindlichen Welt auf neue Weise zu kommunizieren und dabei Verengungen und Erstarrungen zu überwinden, die sich in "vorkonziliarer" Zeit in der Glaubensverkündigung und -praxis breit gemacht haben, als legitim und notwendig. Seine scharfe Kritik gilt hingegen denjenigen Theologen, die unter (fälschlicher) Berufung auf den Geist des Konzils die tradierte Lehre der katholischen Kirche von Grund auf dekonstruieren wollen -- beziehungsweise "[b]ewaffnet mit Schlagworten wie dem von der Anpassung an den wissenschaftlichen Geist der Zeit oder an die geschichtliche Epoche, in der der Mensch reif und mündig geworden sei, [...] das Recht [beanspruchen], Änderungen an der Lehre der Kirche selbst vorzunehmen" (S. 71). Man könne sich, so Hildebrand, "des Eindrucks nicht erwehren, daß viele der progressistischen Katholiken in Wirklichkeit ihren christlichen Glauben verloren haben und nun verzweifelt versuchen, durch verworrene und prätentiöse Konstruktionen sich und andere über diese traurige Tatsache hinwegzutäuschen" (S. 244).

Vorrangig richtet sich Hildebrands Kritik gegen den "Versuch, die Lehre Christi dem Geist einer bestimmten Epoche anzupassen"; dadurch werde nämlich "die göttliche Offenbarung veruneigentlicht":
"Wenn die Lehre der Kirche nicht auf der unveränderlichen, göttlichen Offenbarung gegründet ist, sondern sich mit der Zeit ändern kann - wenn es nicht dasselbe Evangelium ist, das [...] die ganze Geschichte hindurch verkündet wird - dann bricht die Berechtigung der apostolischen Mission der Kirche 'Gehet hin und lehret alle Völker' zusammen." (S. 119)
Hildebrand verweist in diesem Zusammenhang auf ein Diktum des Kardinals und Luther-Gegners Thomas Cajetan (1469-1534), demzufolge "die Religion [...] nicht dem Menschen angepaßt werden" solle, "sondern vielmehr der Mensch der Religion" (S. 129). -- In bezeichnendem Kontrast dazu steht ein schon 1965 in der BDKJ-Zeitschrift "Voran" erschienener Artikel mit dem Titel "Streik gegen eine nutzlose Kirche", aus dem Hildebrand auf S. 65f., Fußnote 22, zitiert:
"Eine moderne Religion oder Weltanschauung, die für Menschen des 20. Jahrhunderts paßt, darf nicht starr und unduldsam sein. Jedem muß die Möglichkeit garantiert werden, ganz persönlich nach Wahrheit zu suchen, mag dabei als Ergebnis der christliche ‘liebe Gott' herauskommen oder eine ganz andere Deutung des Daseins. Diese Freiheit erlaubt natürlich, sich mit Jesus Christus zu beschäftigen und seine Ideen anzunehmen, wenn man es für gut hält. Sie [66] erlaubt aber auch, Jesus abzulehnen und andere Ideale aufzuspüren." 
Da wundert man sich über gar nichts mehr, oder? Höchstens noch darüber, dass dem BDKJ nicht schon vor Jahrzehnten die Anerkennung und Unterstützung seitens der deutschen Bischöfe entzogen wurde, aber ehrlich gesagt, nein, nicht einmal darüber.

Was Hildebrand über die geistesgeschichtlichen Entwicklungen ausführt, die dem von ihm kritisierten "progressiven" Glaubens- und Kirchenverständnis zugrunde liegen, hat viel mit jenen Phänomenen zu tun, die Rod Dreher in den einführenden Kapiteln der "Benedikt-Option" skizziert und als deren Kulminationspunkt er "religiösen Individualismus und seinen theologischen Überbau, den Moralistisch-Therapeutischen Deismus" (#BenOp S. 81 / Paperback-Ausgabe S. 93) bezeichnet. Daneben möchte ich noch einen Aspekt von Hildebrands Kritik an zeitgenössischen Entwicklungstendenzen in der Kirche hervorheben, der mir für meine persönliche #BenOp-/Punkpastoral-Vision besonders bedeutsam erscheint: Als ein "anderes weitverbreitetes Symptom für die Legalisierung und Formalisierung der Religion" betrachtet Hildebrand nämlich "die Überbetonung der Organisation". 
"Voller personaler Einsatz, sowie der unmittelbare Kontakt von Person zu Person wird mehr und mehr durch Organisationen ersetzt. Die Leistungsfähigkeit von Organisationen im Bereich der Zivilisation in den Tätigkeiten der sozialen, praktischen Ordnung hat die Illusion erzeugt, daß diese mechanisierte, unpersönliche Art Probleme zu lösen gerade das ist, was das religiöse Leben braucht. Doch Religion ist ein Bereich, in dem alles vom persönlichen Kontakt abhängt." (S. 81f.) 
Beispielhaft verweist er auf "die Art, in der viele die ursprüngliche Idee der katholischen Aktion interpretierten, die Pius XI. in seiner herrlichen Enzyklika 'Pax Christi in regno Christi' dargelegt hat":
"Hier richtete der Papst an jeden einzelnen Laien den Ruf, sein ganzes Leben mit dem Geist Christi zu durchdringen, alle seine Tätigkeiten mit diesem Geist zu beleben und forderte zu einer neuen Vereinigung der Laien im Apostolat auf. Dieser sublime Aufruf zu vollem persönlichem Einsatz wurde von vielen bloß als Aufforderung zu einer organisierten Tätigkeit aufgefaßt, als wäre die Hauptaufgabe, Zentralstellen für alle katholischen Organisationen zu errichten" (S. 82). 
(Die Enzyklika Papst Pius' XI., die Hildebrand hier meint und für die auch, nach ihren Anfangsworten, der Titel "Ubi Arcano Dei Consilio" geläufig ist, sollte ich übrigens wohl mal lesen. Die Textmenge ist, verglichen mit heutigen lehramtlichen Schreiben, überschaubar.) -- "Die Überschätzung der Organisation als solcher", so Hildebrand weiter, "fand ihren reinsten Ausdruck in den Worten eines berühmten deutschen Erzbischofs, der in ihrem Lob so weit ging, daß er sagte: 'Die katholischen Vereine sind das achte Sakrament der Kirche'" (ebd.). Vermutlich haben wir es hier zum Teil auch mit einer typisch deutschen Manie zu tun -- und das bis heute, wenn man sich etwa ansieht, was Papst Franziskus der Kirche in Deutschland anlässlich des ad-limina-Besuchs der deutschen Bischöfe im Jahr 2015 und dann erneut 2019 in seinem Schreiben "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" vom 29.06.2019 ins Stammbuch geschrieben hat; so etwa über die Versuchung, "unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat ". -- Ebenfalls hochaktuell in Hinblick auf die Arbeit so mancher kirchlicher und kirchennaher Institutionen und Verbände scheint mir die folgende Beobachtung Hildebrands: 
"Das Ideal mancher dieser Reformer ist, daß ein Katholik anstatt nach der Umgestaltung in Christus zu streben und Zeugnis für die Christliche Offenbarung abzulegen, danach trachten sollte, sich so wenig als möglich von einem humanitären Philanthropen zu unterscheiden." (S. 90) 
Eine längere Passage aus Hildebrands Buch, die in diesen Zusammenhang gehört, muss ich hier zur Gänze wiedergeben, da ich sie über den hier gegebenen Anlass hinaus ausgesprochen spannend und anregend finde: 
"Um den gewaltigen Unterschied zwischen der vollen Hingabe des Einzelnen und der Tätigkeit religiöser Organisationen zu sehen, so nützlich und notwendig diese auch sein mögen, brauchen wir nur die Bekehrung einer Banlieue (Vorort) von Paris durch einen italienischen Priester mit der Arbeit irgendeiner wohltätigen katholischen Organisation zu vergleichen. Pater Lhande erzählt uns in seinem Buch von diesem Priester, der zu Menschen kam, die in unbeschreiblicher Armut wie Tiere lebten, in Promiskuität und in einem wütenden Haß auf Christus und die heilige Kirche. Bei seiner Ankunft warf ihm ein Knabe, da er seinen Talar sah, einen Stein an den Kopf, so daß ihm das Blut über das Gesicht lief. Er aber hob den Stein auf und sagte: 'Dank dir, mein Lieber, dieser Stein wird der Grundstein meiner Kirche sein.' Dieser heroische Einsatz, die unerschöpfliche Geduld, mit der er jede Beleidigung beantwortete, seine Liebe und die Bereitschaft, alle Demütigungen anzunehmen, öffnete die Tür für das Apostolat. Verschiedene Pariser Pfarrer taten sich mit diesem Priester zusammen, und katholische Studenten kamen jede Woche einen Tag, um mit diesen Arbeitern zu leben und ihnen zu helfen. Nach zwanzig Jahren dieses persönlichen Apostolats kam ein volles Drittel aller Priesterberufungen in Paris aus dieser Banlieue." (S. 82f.) 
Von dem Buch des Pater Lhande, auf das Hildebrand sich bezieht - "Le Christ dans la Banlieue", Paris 1927 -, gab es auch eine deutsche Ausgabe; vielleicht kriegt man die ja mal irgendwo antiquarisch zu fassen. -- Entschieden #BenOp-relevant finde ich auch, was Hildebrand über die Berufung zur Heiligkeit sagt: 
"Die Heiligen sind ein unangenehmer Weckruf für alle, die nicht nach ihrer eigenen Heiligung dürsten, für alle, die nicht die vollste Veränderungsbereitschaft besitzen. Weil diese progressistischen Katholiken in ihrer Bequemlichkeit nicht gestört werden möchten, weil sie nicht aus dem wirklichen Ghetto der 'irdischen Stadt' herausgetrieben werden wollen, möchten sie die Heiligen abschaffen"  (S. 326). 
Und den akademischen Theologen, die sich so viel auf ihre fachliche Kompetenz zugute halten, sei ins Stammbuch geschrieben:
"Die Interpretation eines Kirchenvaters, eines Heiligen oder eines wahren Mystikers hat viel mehr Interesse und Gewicht als die eines Professors für Exegese" (S. 70). 
-- Und habe ich vielleicht auch irgendwelche kritischen Anmerkungen zu Hildebrands Buch? -- Doch, ja, habe ich. Schon bei meinem ersten Anlauf, "Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes" zu lesen, war mir aufgefallen, dass Hildebrand offenbar kein Freund der Rockmusik war; und tatsächlich durchzieht dieses Thema das Buch mit einer gewissen Beharrlichkeit: Erstmals tadelt Hildebrand auf S. 88, Fußnote 7 "den Versuch, Jazz und Rock and Roll bei Gottesdiensten einzuführen"; auf S. 210, Fußnote 2, beklagt er erneut die "Einführung von Guitarre- und sogar Jazzmessen". Ausführlicher erläutert der in Ehren ergraute Philosoph auf S. 302f., was ihn daran stört, wenn der  "Gregorianische Choral [...] im besten Fall durch mittelmäßige Musik [...], im schlimmsten Fall durch Jazz und 'Rock and Roll'" ersetzt wird:
"Ein so grotesker Ersatz verhüllt den Geist Christi [...]. Jazz ist nicht nur inadäquat, sondern der sakralen Atmosphäre der Liturgie antithetisch entgegengesetzt. Er ist mehr als eine Entstellung  er zieht die Menschen in eine ausgesprochen weltliche Atmosphäre. Er spricht etwas in ihnen an, was sie taub macht für die Botschaft Christi."
In diesem Punkt bin ich nun natürlich nicht seiner Meinung, aber ich denke, man kann dem 1889 geborenen Hildebrand seine ablehnende Haltung gegenüber Jazz und Rock schon aus Altersgründen verzeihen; man vergleiche nur mal, wie der immerhin 14 Jahre jüngere (und obendrein natürlich viel "progressivere") Adorno sich zum Thema Jazz äußerte. (Als positive Beispiele einer "wirklich sakralen Musik" nennt Hildebrand auf S. 303 übrigens, neben dem Gregorianischen Choral, Messen von Bach, Mozart, Beethoven oder Bruckner.) 

Erwähnen möchte ich auch noch, dass auf den Epilog des Buches noch ein 38 Seiten starker "Anhang" mit dem Titel "Teilhard de Chardins neue Religion" folgt; und diesem merkt man etwas zu deutlich an, dass Hildebrand den bereits 1955 verstorbenen Teilhard, unbeschadet aller sachlichen Kritik, einfach persönlich nicht leiden konnte und deshalb etwas zu viel Eifer darauf verwendet, auch nicht das kleinste gute Haar an ihm zu lassen. Okay, das könnte mir auch passieren, wenn ich über [hier Name einfügen] schriebe. Wie auch immer, unter den Bücherspenden, die ich in den letzten Monaten entgegengenommen habe, befinden sich ein Buch von und ein Buch über Teilhard de Chardin, und wenn ich dazu komme, die zu lesen, werde ich auf Hildebrands Kritik zurückkommen. 

Zurückkommen werde ich auf "Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes" wohl ohnehin noch öfter müssen, denn ich habe insgesamt 16 Seiten Experte angelegt. Neben den oben hervorgehobenen Punkten enthält das Buch nämlich auch noch bemerkenswerte Passagen zu weiteren #BenOp-relevanten Themen wie Familie, Sexualität und Technologie .  Aufgrund seiner - für das Werk eines Philosophen freilich nicht verwunderlichen - "Theorielastigkeit" bleibt es auf der #BenOp-Relevanz-Rangliste aber doch hinter Carretto und Chesterton. Ich bin geneigt, daraus ad hoc eine Regel zu basteln, die ich in klassischer Stadtguerilla-Diktion als "Primat der Praxis" betitele. 

Und so sieht der neue Zwischenstand der Rangliste aus: 

1. (1) Carlo Carretto: Wir sind Kirche 
2. (2) G.K. Chesterton: Thomas & Franz 
3. (NE) Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes  
4. (3) Norbert Baumert (Hg.): Jesus ist der Herr 
5. (4) Georg Friedrich Rebmann: Ideen über Revolutionen in Deutschland 
6. (5) Sr. M. Lucia (Hg.): Umkehr - Heiligung - Freude in Gott 
7. (6) Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V. 
8. (7) Karl May: "Weihnacht!" 
9. (8) Maxim Gorki: Wanderungen durch Russland 
10. (9) George Orwell: Mein Katalonien  
11. (10) Martin Klein: Lene und die Pappelplatztiger

Während Hildebrand also einen Treppchenplatz erobert hat und Thackerays "Vanity Fair", wie bereits gesagt, von vornherein außer Konkurrenz mitgelaufen ist (aber, Rangliste hin oder her, definitiv eine Empfehlung verdient!), haben die übrigen drei Bücher aus Etappe 4 die Qualifikation schmählich verpasst. Insofern war dies in Hinblick auf die #BenOp-Relevanz nun wirklich eine denkbar schwache Etappe, und ich hoffe sehr, dass sich dies in solchem Ausmaß nicht wiederholen wird. -- Kommen wir also nun zur Prognose für Etappe 5: 

  • Valentin Katajew: In den Katakomben von Odessa 
Gefunden in der Büchertelefonzelle auf dem Edeka-Parkplatz am Eichborndamm. Beim Stichwort "Katakomben" assoziierte mein einschlägig konditioniertes Gehirn natürlich sofort "Christenverfolgung", und das war vermutlich der Hauptgrund dafür, dass dieses Buch meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Tatsächlich spielt das Buch aber, wie aus dem Klappentext hervorgeht, zur Zeit der rumänischen Besatzung der Schwarzmeer-Hafenstadt Odessa im Zweiten Weltkrieg, und wer sich da in den Katakomben verbirgt, sind sowjetische Widerstandskämpfer. Nun, in jedem Fall geht es um das Leben im Untergrund, im metaphorischen wie auch im wortwörtlichen Sinne, und das verspricht allemal spannend und mit ein bisschen Glück auch lehrreich zu werden. Eine Qualifikation für die Rangliste sollte also eigentlich drin sein, ob's auch für die (temporären) Top 10 reicht, bleibt abzuwarten. 

  • Alexander von Schönburg: In bester Gesellschaft 
Eins der wenigen brauchbar aussehenden Fundstücke aus der recht heruntergekommen wirkenden Büchertelefonzelle in Lübars. Der 2008 erschienene Band versammelt Kolumnen des laut Klappentext "in der Society gefürchtete[n] Gesellschaftskolumnist[en]" Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, die zuerst in Magazinen wie Vanity Fair und Vogue, zum Teil aber auch in der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen erschienen sind. "Ein einzigartiges Sittenporträt unseres Fin de Siècle", verspricht die Verlagswerbung. Da der Autor sich verschiedenen Ortes in Wort und Schrift ausgesprochen positiv über die "Benedikt-Option" geäußert und dabei explizit auch die deutsche Übersetzung gelobt hat, fühle ich mich ihm irgendwie verpflichtet, werde mich aber bemühen, mein kritisches Urteil nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen. Ich kann mir aber auch davon abgesehen ganz gut vorstellen, dass es ein sowohl unterhaltsames als auch erhellendes Stück Lektüre wird. 

  • Caroline Plaisted: Erste Liebe übers Internet 
Ebenfalls ein Fundstück aus einer Büchertelefonzelle; aus derjenigen in der Osloer Straße, wenn ich mich richtig erinnere. Es handelt sich um ein Jugendbuch, und schon bevor ich einen Blick hinein geworfen habe, bin ich halb überzeugt, dass es scheußlich ist. Präziser gesagt: dass es in einem solchen Maße oberflächlich und unkritisch gegenüber Technologie, Konsum und Frühsexualisierung von noch-nicht-mal-Teenagern ist, dass man im Interesse einer #benOppigen Kindererziehung nur davor warnen kann. Die Titel anderer Bücher der Autorin, etwa "10 Things to Do Before You're 16" oder "10 Ways to Cope with Boys", bestärken mich in diesem Verdacht; aber vielleicht täusche ich mich ja auch. Und angesichts des schmalen Umfangs des Büchleins (153 Seiten) bin ich bereit, es auf den Versuch ankommen zu lassen. 

  • C.J. Cherryh: Das Tor von Ivrel 
Ich hatte schon ein paar Anmerkungen zu diesem Buch schriftlich festgehalten, nachdem ich es im Zuge eines besonders ertragreichen Beutezugs im letzten Oktober in der Büchertelefonzelle in der Osloer Straße entdeckt hatte: Es handelt sich um den ersten Band einer im Grenzbereich von Science Fiction und Fantasy angesiedelten Saga, und mitgenommen habe ich das Buch hauptsächlich deshalb, weil jemand handschriftlich eine Empfehlung auf der letzten Seite hinterlassen hat. Ich bleibe jedoch skeptisch. Schon allein gegenüber einer Autorin, die ihrem stinknormalen Nachnamen ("Cherry"), um ihn geheimnisvoller und Fantasy-mäßiger aussehen zu lassen, einfach einen weiteren Buchstaben hinzufügt, anstatt sich einen "richtigen" Künstlernamen auszudenken. Na, schauen wir mal. Große Chancen auf einen Ranglistenplatz würde ich dem Buch auf den ersten Blick eher nicht einräumen, aber man weiß ja nie. Immerhin habe ich (eher zufällig) festgestellt, dass die Buchstabenfolge "Ivrel" im Wort "intensivreligiös" vorkommt. Nicht dass das irgendwas zu bedeuten hätte, aber ich wollt's mal erwähnt haben... 

  • Mutter Teresa: Komm, sei mein Licht 
In jeder Etappe ist ein Platz für ein "mutmaßlich rechtgläubiges" Buch reserviert, und in der 5. Etappe ist es dieses. "Die geheimen Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta" heißt es etwas marktschreierisch auf dem Cover; wie "geheim" können die wohl sein, wenn sie in einem im Knaur-Verlag erscheinenden Buch stehen? Natürlich ist es trotzdem nicht unwahrscheinlich, dass die privaten Aufzeichnungen einer der bekanntesten Heiligen des 20. Jahrhunderts eine interessante und in hohem Maße #BenOp-relevante Lektüre abgeben. Etwas gedämpft werden meine Erwartungen dadurch, dass ich bei oberflächlichem Durchblättern den Eindruck hatte, es handle sich in Wirklichkeit eher um eine konventionelle Biographie mit lediglich sporadisch eingestreuten Originaltexten der Heiligen;  das wäre dann schon eine ziemliche Mogelpackung. Ob das Buch realistische Aussichten hat, dem derzeitigen Führungstrio Carretto - Chesterton - Hildebrand Konkurrenz zu machen, erscheint somit erst einmal fraglich, aber ein Platz im Mittelfeld der Rangliste sollte eigentlich erreichbar sein. 

Alles in allem stehen die Chancen wohl gut, dass es in dieser Etappe zwei Neueinstiege in die Rangliste gibt, vielleicht auch drei; mehr wären eine große Überraschung.