Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Posts mit dem Label Politik wird uns nicht retten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Politik wird uns nicht retten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 2. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #9 (18. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Für Montag hatte meine Liebste, wie berichtet, ein Treffen mit einigen anderen "kindergartenfrei" lebenden Eltern und Kindern arrangiert, im Rosengarten im Bürgerpark Pankow; unser Aufbruch dorthin gestaltete sich etwas chaotisch, und nachdem wir noch Getränke für unterwegs gekauft hatten, stellten wir fest, dass wir doch noch ein paar Sachen zu Hause vergessen hatten, die wir besser mitnehmen sollten, also ging ich allein noch einmal zurück, während der Rest der Familie am Bahnsteig der S-Bahn auf mich wartete. Und auf diesem kurzen Weg lief ich unseren nigerianischen Pfarrvikar über den Weg -- der mich mit den Worten begrüßte: "Ich habe Glück, dass ich dich treffe." Wie sich zeigte, hatte er das Formular für die Anmeldung unseres Jüngsten zur Taufe bei sich und wies mich darauf hin, dass da noch ein paar Angaben fehlten und dass wir außerdem noch einen Termin für die Taufe vereinbaren müssen. Wir einigten uns darauf, uns nächste Woche zu diesem Zweck zusammenzusetzen, und ich freute mich über dieses unverhoffte Zusammentreffen. Gott passt schon darauf auf, dass der Knabe bald getauft wird, sagte ich mir. -- Im Bürgerpark Pankow verbrachten wir nahezu den ganzen Nachmittag, zusammen mit drei anderen Müttern und deren vier Kindern, und die Aussichten scheinen günstig, dass sich daraus ein regelmäßiger Spieltreff entwickelt. 

Am Dienstag gingen wir zum ersten Mal seit drei Wochen mal wieder alle zusammen zum Lobpreis; am Mittwoch war "Omatag", aber da kam ich diesmal (wieder) nicht mit, da ich erstens dringend letzte Hand an die neuen "Lebendigen Steine" anlegen musste und zweitens wieder einen Bücherei-Arbeitseinsatz hatte. Beides übrigens sehr erfolgreich. Beim Büchereiregal knöpfte ich mir das sehr umfangreiche Themengebiet "Religion/Theologie" vor und fing an, es nach inhaltlichen Kriterien zu sortieren; in knapp zwei Stunden bekam ich die Kategorien "Religion allgemein", "Nichtchristliche Religionen", "Biblische Theologie", "Kirchengeschichte" und den allgemeinen Teil der "Systematischen Theologie" geordnet -- und gab mir selbst als Hausaufgabe auf, mir bis nächste (d.h. diese) Woche sinnvolle Unterkategorien für "Systematische" und "Praktische Theologie" zu überlegen. 

Und dabei, dass "Das deutsche Konzil" direkt neben "Böse Jahre" steht, habe ich mir eigentlich fast überhaupt nichts gedacht...

Am Donnerstag hatte ich vormittags ein konspiratives Treffen in Angelegenheiten der örtlichen Kirchengemeinde, und nachmittags beschäftigte ich mich damit, zum ersten Mal in meinem Leben ein Brot zu backen. Ja, okay, ich habe eine Backmischung verwendet. Um in der Wildnis zu überleben, würden meine Fertigkeiten noch nicht ausreichen. Aber es ist ein Anfang. (Vgl. dazu auch das Thema "Bienenkiste" in den Linktipps.) 

Am Freitag verbrachten wir - bei herrlichstem Wetter - praktisch den ganzen Nachmittag auf dem Gelände "unserer" Kirche, wo unsere Tochter mit einigen Mädchen aus den angrenzenden, der Pfarrei gehörenden Mietshäusern spielte, während meine Liebste und ich abwechselnd zur Eucharistischen Anbetung gingen und Gespräche mit anderen, von der Anbetung oder zur Abendmesse kommenden Gemeindemitgliedern führten. Buchstäblich in letzter Minute, nämlich beim Angelusläuten, entschied unsere Große, sie wolle auch zur Abendmesse, also ging ich mit ihr hinein. Anschließend ging's dann zur Lokalausschuss-Sondersitzung zum Thema Opferkerzenständer -- die bemerkenswert gut besucht war, was darauf schließen lässt, dass dieses Thema mehr Leute stärker bewegt, als ich vermutet hätte. Mit einem Urteil darüber, was das - im Verhältnis zum offenkundig weit geringeren Interesse an vielen anderen Fragen - über die Gemeinde aussagt, will ich mich mal vorerst noch zurückhalten, das wäre vielleicht mal ein Thema für einen eigenständigen Artikel. Viel wichtiger ist allemal, dass wir auf dem Nachhauseweg mit einer Familie ins Gespräch kamen, die gerade daran arbeitet, in unserer Straße ein Familienberatungszentrum zu eröffnen -- und die gerade in eines der unserer Pfarrei gehörenden Mietshäuser in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche eingezogen sind. Ein vielversprechender Kontakt! 

Am Samstag gingen wir zu einer Grillparty im Ernst-Thälmann-Park, anlässlich des Geburtstags eines alten Kumpels, zu dem ich in den letzten Jahren nur sehr sporadischen Kontakt gehabt hatte. Einige andere Bekannte "von früher" traf ich dort auch, aber nicht so viele, wie ich erwartet hatte. Als der Gastgeber zu einem anderen Gast, den ich nicht kannte, sagte, ich sei sein "Lieblingskathole", erwiderte dieser: "Wieso katholisch? Ist das nicht verboten in Berlin?" -- Aber Spaß beiseite: Insgesamt war's ein sehr schöner Nachmittag und Abend, auch für die Kinder. 


Was ansteht: Heute Vormittag haben wir, wie oben schon angesprochen, erst mal einen Termin zur Klärung der für die Anmeldung unseres Jüngsten zur Taufe notwendigen Formalitäten; danach ist wieder kindergartenfrei-Spieltreff im Bürgerpark Pankow geplant -- da bin ich allerdings noch nicht völlig sicher, ob ich mitkomme oder die Zeit lieber anders nutze. Ähnliches gilt für den "Omatag", von dem im Augenblick noch nicht klar ist, auf welchen Wochentag er diesmal fallen wird. -- Am ersten Dienstag des Monats würde im Anschluss an die Lobpreisandacht normalerweise der Glaubensgesprächskreis der Gruppe Benedikt stattfinden, aber wie ich erfahren habe, fällt der im August urlaubsbedingt aus; man wird sehen, ob und wie sich das auf die Teilnehmerzahl beim Lobpreis auswirkt. Und am Mittwoch, dem Gedenktag des Hl. Pfarrers von Ars, werde ich um 18 Uhr in Herz Jesu eine schöne Vesper (vor)beten, und zwar unabhängig davon, ob da außer mir jemand kommt oder nicht. Am Donnerstag will meine Liebste mit den Kindern in den Tierpark, das wäre eventuell eine gute Gelegenheit für mich, mit der Sortierung des Büchereiregals weiterzumachen und/oder endlich die 6. Etappe der "100-Bücher-Challenge" fertigzustellen, wenn ich das nicht schon vorher schaffe. Und am Freitag ist das Fest Verklärung des Herrn und zugleich Herz-Jesu-Freitag. Da dürfen meine Liebste und ich im Rahmen der insgesamt dreistündigen Eucharistischen Anbetung eine halbstündige Andacht gestalten - von 17 bis 17:30 Uhr. Ich freu mich drauf. Sehr. 


Zitat der Woche: 

"Wer sind eigentlich diejenigen, die sich immerzu 'wir' nennen? Und wer sind 'die Menschen', von denen sie reden? Es muß sich jedenfalls um zwei verschiedene Gruppen handeln, zwischen denen es keine Verbindung gibt und von denen die erste aus aktiven und die zweite aus passiven Mitgliedern besteht. Die einen holen ab und nehmen mit, die anderen werden 'die Menschen' genannt, abgeholt und mitgenommen. Sie sind Objekte und werden verwaltet." 

(Wiglaf Droste, "Abgeholt und mitgenommen", in: Junge Welt, 26.01.2012)  

Linktipps: 

Vor zwei Wochen habe ich mich hier erstmals mit Jim Jones und seinem People's Temple befasst und dazu einen Artikel verlinkt, von dem ich fand, er eigne sich als ein erster Einstieg ins Thema und zeichne ein recht eindringliches Bild vom katastrophalen letzten Akt dieses Dramas, dem Untergang des People's Temple im Dschungel von Guyana; gleichzeitig fand ich den verlinkten Artikel aber auch ärgerlich oberflächlich und lückenhaft, speziell in Hinblick auf die Jim Jones' Werdegang und die Motive seines Handelns. Umso erfreuter war ich, kurz darauf dank eines Hinweises auf Twitter einen Podcast zu entdecken, der sich der ambitionierten Aufgabe widmet, die Geschichte des People's Temple in einen größeren zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen, und der dabei genau die Fragen stellt und zu beantworten sucht, die ich im Artikel des New Zealand Herald vermisst habe. Der Ansatz des Podcasts, die Geschichte von Aufstieg und Fall des Reverend Jim Jones und seiner People's Temple-Bewegung als paradigmatisch für die Radikalisierung sozialer Bewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu betrachten und darzustellen, erfordert allerdings einen langen Atem: Die siebenteilige Serie hat eine Gesamtlaufzeit von über 30 Stunden (!), und ich muss gestehen, dass ich bisher noch nicht ganz die Hälfte davon anzuhören geschafft habe. In der Prolog-Episode, die, wie der Autor und Sprecher Darryl Cooper erklärt, lediglich eine Art Einstimmung auf das eigentliche Thema darstellen soll, vergeht sogar über eine Stunde, ehe Jim Jones auch nur erwähnt wird. (Dies mal als Hinweis an diejenigen meiner Leser, die finden, meine Artikel seien "immer so lang".) In den letzten 20 Minuten des Prologs werden dann aber zwei Aspekte angesprochen, die für mein Interesse an dem ganzen Thema sehr wesentlich sind: 

  1. die These, wäre Jim Jones einige Jahre früher gestorben, also z.B. Ende der 60er oder Anfang der 70er von einem Auto überfahren worden, wäre er als allseits respektierter Pionier der Bürgerrechtsbewegung und Vorkämpfer gegen Rassendiskriminierung in die Geschichte eingegangen; 
  2. die Einschätzung, in ihrer Spätzeit habe die People's Temple-Bewegung von ihrem Selbstverständnis und ihrer Programmatik her mehr Ähnlichkeit mit der Baader-Meinhof-Gruppe oder der Symbionese Liberation Army gehabt als mit einer religiös fundamentalistischen Sektenkommune. 

Das lässt natürlich die Frage, wie es dazu kommen konnte, umso dringlicher erscheinen; und die Antwort, die Podcaster Cooper darauf gibt, ist, wie gesagt, seeehr ausführlich und facettenreich. Besonders interessiert mich dabei natürlich das Verhältnis zwischen Religion und sozialistischer bzw. kommunistischer Ideologie in der Message des Jim Jones. In Episode 2 erfährt man - der chronologischen Reihenfolge vorgreifend -, dass Jones in seinen späteren Jahren vor versammelter Gemeinde über den Glauben an einem Gott im Himmel spottete, dass er in seinen "Predigten" eine Bibel auf den Boden warf und darauf herumtrampelte -- und dass er gegen Ende seines Lebens behauptete, er sei immer Atheist gewesen und nur zu dem Zweck Prediger geworden, die Leute unter dem Deckmantel der Religion sozialistisch  bzw. kommunistisch zu indoktrinieren. Podcaster Cooper bezweifelt allerdings, dass diese rückblickende Selbstdarstellung der Wahrheit entspricht, und hält es für wahrscheinlicher, dass Jones' Verhältnis zur Religion erheblich ambivalenter und in sich widersprüchlicher war. Nebenbei lernt der geneigte Hörer in Episode 2 eine ganze Menge über das evangelikale Revival der 1950er-Jahre sowie über die Bürgerrechtsbewegung und ihren Kampf gegen verschiedene Formen von Rassendiskriminierung in den USA, in Episode 3 dann vor allem über die Dynamik, die in den 1960er-Jahren weg von einer christlich geprägten und gewaltlosen, hin zu einer zunehmend militanten und dezidiert linksradikalen Protestbewegung führt -- auch da wird Jim Jones wieder kaum erwähnt, dafür erfährt man aber viel Interessantes über Martin Luther King, Malcolm X, Stokely Carmichael und Eldridge Cleaver. Episode 4 beginnt mit einem Exkurs über den Hang der US-Amerikaner (natürlich nicht der ganzen Bevölkerung, aber doch eines signifikanten Teils) zu religiösem Extremismus und Sektierertum, oft in Verbindung mit abseitigen Auffassungen und Praktiken in sexualibus - als Beispiele werden die Mormonen, die Oneida Community und die Bewegung des Father Divine angeführt,  der um 1960 herum zum Vorbild und Mentor für Jim Jones wurde - und leitet dann über zu der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges grassierenden Angst vor einer atomaren Apokalypse. Bald darauf geht es um Jones' rätselhaften Aufenthalt in Brasilien 1962/63, um den sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken - unter denen die Hypothese, Jones habe damals insgeheim auf der Gehaltsliste der CIA gestanden, nicht die unplausibelste ist. Cooper gibt allerdings der Deutung den Vorzug,   Jones' Aktivitäten in Brasilien würden gerade deshalb so viele Fragen aufwerfen, weil sie tatsächlich keinen Sinn ergeben -- weil Jones zu dieser Zeit beginnt, den Verstand zu verlieren. 

Tatsache ist jedenfalls, dass Jones nach seiner Rückkehr aus Brasilien beginnt, sich - und den People's Temple - rapide zu radikalisieren; ein Prozess, der dadurch verstärkt wird, dass er den Sitz des People's Temple von Indianapolis nach Kalifornien verlegt, an einen Ort, von dem er glaubt, dort sei es möglich, einen Atomkrieg zu überleben. Und viel weiter bin ich mit dem Anhören noch nicht gekommen. 

Zusammenfassend gesagt empfiehlt sich diese Serie vor allem dadurch, dass sie sich darum bemüht, die Geschichte von Jim Jones in einen größeren zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang einzuordnen, sowie dadurch, dass Podcaster Darryl Cooper der Versuchung widersteht, Jones von vornherein zu dämonisieren, und stattdessen der Frage nachgeht, ob und wie seine Entwicklung zum größenwahnsinnigen Tyrannen und Massenmörder sich plausibel nacherzählen lässt, wenn man von der Voraussetzung ausgeht, er habe ursprünglich gute Absichten gehabt. 

Im Übrigen verdanke ich diesem Podcast eine Lektüreempfehlung, die nicht unmittelbar mit Jim Jones und dem People's Temple zu tun hat: "Dedication and Leadership" von Douglas Hyde. Kommt definitiv auf meine Leseliste, wenn ich das Buch irgendwie zu fassen kriege. 

Der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz der USA, Monsignore Jeffrey Burrill, ist von seinem Amt zurückgetreten, nachdem bekannt geworden ist, dass er über Jahre hinweg regelmäßig eine Dating-App für homosexuelle Männer genutzt hat, um an unterschiedlichen Orten, auch auf dienstlichen Reisen im Auftrag der Bischofskonferenz, Treffen in Schwulenbars und Privatwohnungen zu arrangieren. Heikel daran ist nicht zuletzt, dass Monsignore Burrill in seinem Amt als Generalsekretär auch für die Koordination der Reaktionen der US-Bischofskonferenz auf den Missbrauchsskandal zuständig war. -- Sicherlich sind einvernehmliche Sexualkontakte zwischen Erwachsenen nicht mit dem Missbrauch Minderjähriger auf eine Stufe zu stellen, und Letzteres wird Monsignore Burrill explizit nicht vorgeworfen; dennoch liegt es auf der Hand, welche Auswirkungen die Enthüllungen über die sexuellen Eskapaden des nunmehrigen Ex-Generalsekretärs auf seine Glaubwürdigkeit haben -- und nicht allein auf seine. Ist es wirklich denkbar, dass bis zu den Enthüllungen des Magazins The Pillar (das hier vor ein paar Wochen in einem anderen Zusammenhang schon einmal lobend erwähnt wurde) niemand an verantwortlicher Stelle in der Bischofskonferenz oder allgemein in der kirchlichen Hierarchie etwas von Burrills homosexueller Aktivität gewusst oder geahnt hat? Wie kann es sein, dass so jemand überhaupt in eine solche Position gelangt? 

Mein Freund Rod erinnert in diesem Zusammenhang daran, wen die US-Bischofskonferenz im Jahr 2002 mit der Handhabung des Missbrauchsskandals betraute: Kardinal McCarrick. Zufall? Wohl kaum, meint Rod: Man kommt schwerlich um die Erkenntnis herum, dass es bis in höchste Ränge der kirchlichen Hierarchie hinein verzweigte Karrierenetzwerke von Tätern und Mitwissern gibt, die sich gegenseitig decken und ein natürliches Interesse daran haben, bevorzugt solchen Mitbrüdern zu Schlüsselpositionen zu verhelfen, die infolge eigener Verfehlungen und dunkler Geheimnisse erpressbar sind. Es ist bezeichnend, dass dies eine Debatte ist, die niemand führen will - nicht die säkularen Medien, auch und erst recht nicht die angeblich so "Reform"-beflissenen Protagonisten des "Schismatischen Weges" die in ihren Thesen zu den Ursachen von Missbrauch in der Kirche lieber die Rechtfertigungsstrategien der Täter übernehmen. Nicht minder bezeichnend ist es, dass in der causa Burrill Stimmen laut werden, die den eigentlichen Skandal nicht in den sexuellen Eskapaden des Monsignore sehen (wollen), sondern darin, auf welche Weise The Pillar diese aufgedeckt hat. 

Freund Rod, so kennt man ihn, hat noch einiges mehr zu diesem Thema zu sagen und stellt u.a. eine Querverbindung zu einem Essay des Theologen Larry Chapp über Traditionis Custodes her; der Zusammenhang mag nicht jedem Leser unmittelbar einleuchten, aber was Rod aus Chapps Artikel zitiert, klingt äußerst bemerkenswert -- ich werde den Text wohl mal im Ganzen lesen müssen und komme gegebenenfalls nächste Woche noch einmal darauf zurück. 

Ehe jemand fragt: Ja, der Verfasser dieses Artikels und Erfinder der "Bienenkiste", einer betont einfach gehaltenen Vorrichtung zur Haltung von Honigbienen, ist mein leiblicher Bruder, und man kann wohl behaupten, dass diese Verwandtschaft erheblichen Einfluss auf mein Interesse am Thema Imkerei sowie darauf hat, was ich über dieses Thema weiß. Auf diesen Artikel hier wurde ich aufmerksam, weil mein Bruder ihn auf Twitter geteilt hat. Anlass oder Aufhänger des Artikels ist der Umstand, dass Bienenkisten mittlerweile "sogar in Baumärkten und Discountern verkauft" werden: "Das ist ziemlich das Gegenteil von dem, was mir am Herzen liegt", meint Erhard -- und nimmt diesen Umstand zum "Anlass, einmal ausführlicher zu erläutern, warum ich die Bienenkiste entwickelt habe und wohin sie eigentlich gehört." Nämlich: 

"Die Bienenkiste [...] ist eine einfache Holzkiste, und alle Materialien und Ausrüstungsgegenstände können aus Recycling und Umnutzung von Alltagsgegenständen gewonnen werden. Ich habe alle Informationen zum Bau und Betrieb der Bienenkiste bewusst kostenlos als Open-Source-Konzept veröffentlicht [...]. Jede*r kann sich so eine Kiste bauen und mit der Bienenhaltung beginnen. [...] Bienenkisten stehen in Community-, Permakultur- und Selbstversorger-Gärten." 

Oder, kürzer gesagt: 

"Die Bienenkiste ist gewissermaßen der Bauwagen oder das Tinyhouse unter den Bienenwohnungen und ermöglicht eine Art der Bienenhaltung, die sehr ressourcenschonend und damit auch klimafreundlicher ist. "

Dass man sich, bevor man fröhlich drauflos imkert, die Bienenkiste nach Möglichkeit eigenhändig zusammenbasteln soll, ist Teil des Konzepts -- oder, wenn man so will, der Philosophie hinter dem Konzept: 

"Wer die Kiste selbst baut, sich mit den Details der Konstruktion auseinandersetzt und Zeit und Aufmerksamkeit investieren muss, wird in aller Regel auch der Verantwortung im Umgang mit den Bienen gerecht werden und sich das notwendige Wissen erarbeiten."

Erhard räumt durchaus ein, "dass nicht alle Menschen die Zeit, das Werkzeug oder Talent haben, sich eine Bienenkiste selbst zu bauen"; aber anstatt "[e]ine fertige Bienenkiste im Baumarkt oder Imkereibedarf zu kaufen", regt er an, "dass Menschen, für die ein Selbstbau nicht infrage kommt, sich ja an eine*n örtliche*n Tischler*in wenden können. Hierdurch würde lokales Gewerbe unterstützt, und auch das ist ganz im Geiste einer nachhaltigen Wirtschaft." 

Regelmäßige Leser meines Blogs, denen bereits aufgefallen ist, dass ich immer mal wieder ein gewisses Interesse an Themen wie Nachhaltigkeit, ökologischer Landwirtschaft, Permakultur sowie allgemein an einer naturnäheren, "hobbitmäßigeren" Lebensweise an den Tag lege, wird es kaum überraschen, dass ich das Thema "Bienenkiste" und alles, was da so mit dranhängt, ausgesprochen interessant und anregend finde -- auch wenn mich im verlinkten Artikel die beharrliche Verwendung von Gender-Sternchen sowie von "woken" Schlagwörtern wie "Degrowth" und "Empowerment" eher abtörnen. Möglicherweise bilden allerdings gerade diese Merkmale des Texts einen bezeichnenden Hinweis auf ein gewisses Übermaß an ideologischer Verbohrtheit. In dieser Hinsicht kommt der Leserkommentar von "Bens Bienen" wohltuend pragmatisch daher: "Die Idee hinter der Bienenkiste, oder eher die Philosophie in die das eingewebt ist" - nämlich "ein Rückfahren des Resourcenverbrauchs, eben eine andere Lebensweise" - könne er  für sich selbst "prinzipiell unterschreiben", erklärt dee Kommentator, gibt gleichzeitig aber zu bedenken: "Wir können nicht alle Selbstversorger werden. Die meisten von uns haben da einfach [nicht]den Platz dazu." Umso mehr, argumentiert er, könne und solle man auch in kleinen, unvollkommenen Schritten hin zu einer ökologisch verträglicheren Lebensweise das Gute sehen: 

"Bienenhaltung kann, und war es bei mir, aber sozusagen die Einstiegsdroge in das ganze Thema Umwelt und Nachhaltigkeit sein. Wenn das damit beginnt, dass jemand im Baumarkt eine Holzkiste kauft und im nächsten Jahr die Steine aus dem Vorgarten schmeißt, sehe ich das als Gewinn an."

Das ist, könnte man vielleicht sagen, so ähnlich wie Brotbacken mit Hilfe einer Backmischung. 

Ein Portrait des Catholic Worker-Begründers Peter Maurin, veranlasst durch eine neue Edition seiner "Easy Essays", die praktisch sein gesamtes schriftliches Werk ausmachen: theoretisch-programmatische Kurztexte in Versform, deren Stil von Wortspielen und Wiederholungen geprägt ist und die, wie die Rezensentin Jacquelyn Lee meint, "ein bisschen so klingen wie die Lyrik der Beatniks". Inhaltlich drehen die ursprünglich im Catholic Worker-Magazin publizierten "Easy Essays" um den Versuch, eine auf den Sozialenzykliken der Päpste aufbauende "Philosophie der Arbeit" und ein Programm für eine "Grüne Revolution" zu entwerfen -- so benannt auch und nicht zuletzt in Abgrenzung von der "Roten Revolution" des Kommunismus. 

Jacquelyn Lee bemüht sich, Maurins Ideen aus seiner Biographie herzuleiten und plausibel zu machen, und legt dabei besonderes Augenmerk auf sein Leben in der Zeit vor der Gründung der Catholic Worker-Bewegung, über das ansonsten vergleichsweise wenig bekannt ist. Kommentarwürdig erscheint mir hier besonders Maurins zeitweilige Mitgliedschaft in der linkskatholischen französischen Laienvereinigung Le Sillon: Diese Bewegung wurde im Jahr 1910 vom Hl. Papst Pius X. in der Enzyklika "Notre charge apostolique" wegen ihrer von der kirchlichen Lehre abweichenden politischen Positionen verurteilt, und dieser Umstand wird von konservativen Kritikern der Catholic Worker-Bewegung zuweilen gegen Peter Maurin ins Feld geführt -- der Le Sillon allerdings schon 1909 verlassen hatte, und zwar gerade weil er mit der fortschreitenden Politisierung der Bewegung nicht einverstanden war. Auf diesen Umstand geht allerdings auch Jacquelyn Lee nicht eigens ein. 

Mehr oder weniger explizit unterstreicht der Artikel etwas, das mich an Peter Maurin "schon immer" (also seit ich überhaupt eine Ahnung habe, wer das war) fasziniert hat: Zwar hat Dorothy Day immer darauf bestanden, dass Peter, und nicht sie, der eigentliche Begründer der Catholic Worker-Bewegung gewesen sei - nicht nur der theoretische Vordenker, sondern Herz und Seele der Bewegung -; aber gleichzeitig vermitteln sowohl zahlreiche Anekdoten über ihn als auch die eigentümliche Textgestalt seiner "Easy Essays" den Eindruck, dass Peter Maurin schlichtweg zu sonderbar war, als dass er in der Lage gewesen wäre, eine Bewegung zu gründen; das konnte nur gelingen durch die Zusammenarbeit mit Dorothy, dank ihrer organisatorischen und kommunikativen Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen in der anarchistischen und kommunistischen Szene. 

Wie dem auch sei: Peter Maurins aus dem Manifest der anarcho-syndikalistischen "Industrial Workers of the World" entlehnte Zielerklärung, "eine neue Gesellschaft in der Hülle der alten" aufzubauen, hat eine Menge damit zu tun, was ich mir unter #BenOp und Punkpastoral vorstelle; und wenn Maurin in einem seiner "Easy Essays" ausführt, es bedürfe dazu einer "Philosophie des Neuen / die keine neue Philosophie ist, / sondern vielmehr eine sehr alte Philosophie, / einr Philosophie, die so alt ist, / dass sie aussieht wie neu", dann erinnert mich das frappierend an eine Aussage von Marco Sermarini, die Rod Dreher in der "Benedikt-Option" zitiert: „Wir müssen nur einem alten Weg folgen, die Dinge zu tun – einem Weg, der immer da war und den wir bloß in jüngster Zeit verloren haben" (BenOp, S. 227).

Als entscheidenden Schwachpunkt von Maurins Konzept betrachtet Jacquelyn Lee den Umstand, dass es ihm nie gelungen sei, "die angemessene Rolle von Autorität in Gemeinschaften" zu bestimmen, und dieser Mangel habe sich in der Geschichte der Catholic Worker-Bewegung vielfach problematisch ausgewirkt. Ich würde sagen, diese Kritik ist durchaus valide, aber der Umstand, dass sie am Ende des Artikels steht, erweckt den Eindruck eines allzu einseitig negativen Gesamturteils über Peter Maurin. Auch wenn das vielleicht gar nicht so beabsichtigt ist. 


Ohrwurm der Woche: The Vapors, "Jimmie Jones" (1981) 

Wie das Leben so spielt: Unlängst habe ich mir, als ich gerade mal allein zu Hause war, zur Entspannung ein paar Folgen der (sehr empfehlenswerten) Reihe "One Hit Wonderland" des YouTube-Popmusikkritikers Todd in the Shadows angesehen, darunter die Episode über die britische Post-Punk/New Wave-Band The Vapors, die 1980 ihren einzigen Hit mit dem ebenso schmissigen wie lustigen Song "Turning Japanese" hatte. "Jimmie Jones" wird in dieser Episode gewürdigt als der erfolglose Versuch der Band, einen zweiten Hit zu landen, und ja, in diesem Song geht es tatsächlich um den Jim Jones. Man beachte: Das Jonestown-Massaker lag noch keine drei Jahre zurück, als die Single 'rauskam. Vielleicht ein bisschen früh für eine derart flott-sarkastische Würdigung. 


Aus der Lesehore: 

Erkenne, dass das Wasser nicht reinigt ohne den Geist. Du hast ja gesehen, dass es bei der Taufe drei übereinstimmende Zeugen gibt: das Wasser, das Blut und den Geist. Wenn du eines von ihnen wegnimmst, kommt das Sakrament der Taufe nicht zustande. Denn was ist das Wasser ohne das Kreuz Christi? Nur ein gewöhnliches Element ohne die Wirkung eines Sakraments! Auf der anderen Seite aber gibt es das Sakrament der Wiedergeburt aber auch nicht ohne das Wasser. Denn "wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen" (Joh 3,5). Auch der Katechumene glaubt an das Kreuz des Herrn Jesus, mit dem er bezeichnet wird. Wenn er aber nicht getauft wird auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, kann er die Verzeihung der Sünden und die Gabe der geistlichen Gnade nicht empfangen. 

Du bist getauft worden im Namen der Dreifaltigkeit. Du hast den Vater bekannt, du hast den Sohn und den Heiligen Geist bekannt. In diesem Glauben bist du der Welt gestorben, auferstanden für Gott. In einem Element dieser Welt wurdest du gleichsam mit Christus begraben und wurdest zum ewigen Leben erweckt. Glaube also: Dieses Wasser ist nicht ohne Wirkung. 

(Hl. Ambrosius, "Über die Mysterien") 

 

Freitag, 14. Mai 2021

Pfingstnovene - So oder so

Liebe Gemeinde: Heute ist nicht nur - im Ernst! - der Gedenktag der Hl. Corona, sondern auch der erste Tag der Pfingstnovene. Da ich meinen Blog ja nicht nur und nicht in erster Linie für mit allen Weihwassern gewaschene Profikatholiken schreibe, sollte ich wohl erst mal ein paar Worte darüber verlieren, was das ist: 

Wie die Apostelgeschichte berichtet, zogen sich nach der Himmelfahrt Jesu die elf Apostel zusammen mit der Jungfrau Maria, den zum Jüngerkreis gehörenden Frauen und den Brüdern Jesu ins Obergemach eines Hauses in Jerusalem zurück und "verharrten dort einmütig im Gebet" (Apg 1,14), bis am Pfingsttag der Heilige Geist über sie kam. Im Gedenken daran ist in der katholischen Kirche der Brauch entstanden, die neun Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingstsonntag in besonderem Maße dem Gebet um die Gaben des Heiligen Geistes zu widmen. Die Praxis, bestimmte Gebete an neun aufeinanderfolgenden Tagen zu verrichten, nennt man Novene (von lat. "novem" = neun); solche neuntägigen Gebets- und Andachtszyklen können auch zur geistlichen Vorbereitung bzw. Einstimmung auf andere Feste im Kirchenjahr oder zu sonstigen Anlässen gebetet werden, aber die Pfingstnovene ist sozusagen die ursprüngliche Novene. 



Nun habe ich mir vor ein paar Tagen ein Heftchen des Hilfswerks "Renovabis" mit Gestaltungsvorschlägen für eine Pfingstnovene aus der Kirche mitgenommen. Nun ist es ja mittlerweile schon so, dass ich gegenüber so gut wie allem, was vom institutionellen "Establishment" der Kirche kommt,  von vornherein mehr oder weniger skeptisch bin; und beim ersten flüchtigen Durchblättern der Broschüre fiel mir auf, dass diese Novene offenbar stark um Themen wie Umwelt- und Klimaschutz, Nachhaltigkeit etc. dreht. -- Okay: Wer schon öfter etwas von mir gelesen hat, sei es hier im Blog oder z.B. auch in der Tagespost, der wird vielleicht schon bemerkt haben, dass dies Themen sind, für die ich - auch und gerade aus gläubiger Perspektive - durchaus aufgeschlossen bin. Oder anders ausgedrückt: dass es ein wichtiges und genuin christliches Anliegen ist oder sein sollte, Gott in Seiner Schöpfung zu ehren und die uns Menschen anvertrauten irdischen Güter mit Liebe und Sorgfalt zu verwalten. Gleichzeitig reagiere ich aber oft allergisch, wenn ich den Eindruck habe, die Kirche hänge sich in dem Bemühen, als "gesellschaftlich relevant" wahrgenommen zu werden, an säkulare Trend-Themen an und vernachlässigere oder kompromittiere dabei ihre ureigene Heilsbotschaft. Aus dieser Perspektive heraus sind mir Aktionen wie "Klimafasten" und "Klimapilgern" ein Greuel[*]; und der Verdacht, bei dieser "Klima-Novene" von Renovabis handle sich um ein ähnliches Phänomen, lag ja nun nicht gerade fern. Zumal ich zu Pfingsten, wo es ja schließlich um die Geburt der Kirche durch die Ausgießung des Heiligen Geistes geht, eigentlich eine andere inhaltliche Schwerpunktsetzung erwartet  hätte; die Verknüpfung zwischen den Themen "Heiliger Geist" und "Umwelt- bzw. Klimaschutz" leuchtete mir auf den ersten Blick nicht so recht ein. 

Was das betrifft, schafft das Vorwort der Renovabis-Broschüre allerdings Abhilfe. Es wird hervorgehoben, dass der Name des Hilfswerks aus Psalm 104 entlehnt ist ("Du sendest deinen Geist aus... und du erneuerst das Angesicht der Erde", Ps 104,30) und dass dieser Psalm "ein großes Loblied" sei, "das Gott als den Schöpfer preist"; man habe daher "als thematischen Schwerpunkt für das Jahr 2021 und speziell für die Pfingstaktion die Verantwortung für die Schöpfung gewählt" -- nicht zuletzt auch mit Blick darauf, dass "Papst Franziskus [...] wünscht, dass die Impulse seiner vor mehr als fünf Jahren veröffentlichten Enzyklika Laudato si' (LS) noch mehr ins Bewusstsein, Denken und Handeln der Menschen Eingang finden mögen". -- Also gut! Auch sonst finde ich im Einleitungsteil des Heftchens so Einiges, das mir zusagt. So etwa die Aussage: 
"Gott selbst ist es, der die Kirchen und die Gesellschaften zu erneuern weiß. Wir sind 'nur' seine Helfer. Aber das Werk der Erneuerung gelingt umso besser, je mehr wir IHM Raum geben in unserem Denken, Planen und Handeln." 
Sehr nach meinem Geschmack ist auch, dass die Novene Schriftlesungen vom jeweiligen Tag des Kirchenjahres einbezieht, "damit die Verknüpfung mit der Liturgie leichter gelingen kann": "Schriftbezug und Schöpfungsverantwortung, das sind die beiden Pole einer jeden Betrachtungseinheit." Schön! In den "Hinweisen zum Beten der Novene" wird überdies angeregt, die Pfingstnovene könne "im Marienmonat Mai auch in eine Maiandacht integriert werden". Gefällt mir! 

Bedeutend  weniger gefällt mir, wie ich gestehen muss, das Flair von Pastoral-Neusprech und Kuschelpädagogik, das leider ebenfalls schon die ersten Seiten der Broschüre durchzieht; so umfasst das Ablauf-Schema für jeden Tag der Novene eine "Einladung in die Stille" und "Fragen zum Nachdenken" (z.B. "Was erwarte ich von Gott?"!); die im Obergemach versammelten Jünger Jesu werden als "Schülerinnen und Schüler" apostrophiert, "die ihm zu Freunden geworden sind"; von Bedeutungsschwere heischenden Bindestrich-Konstruktionen wie "Da-sein" mal ganz zu schweigen. Dass "beim Werben dieser Novene" das "Prinzip von Dialog und Partnerschaft" Pate stand, verursacht mir ebenfalls eher Juckreiz hinter der Stirn; und wenn mit Blick darauf, wie sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs "in den Ländern Mittel-, Südost- und Osteuropas kirchliches und zivilgesellschaftliches [!] Leben neu gestaltet" habe, konstatiert wird "Der Geist Gottes war und ist erkennbar am Werk", dann regen sich bei mir doch so gewisse Zweifel, ob es eigentlich statthaft ist, den Heiligen Geist in solcher Weise für eine bestimmte politisch-soziale Agenda zu vereinnahmen. 

Das Unbehagen, das ich an dieser Stelle verspüre, setzt sich in die einzelnen Tagesimpulse der Novene hinein fort. Im Impuls zum ersten Tag fragt die aus Bulgarien stammende Ordensschwester Nadya Ruzhina OSB: 
"Wie steht es in Bulgarien, meinem Heimatland, um den Umweltschutz? Ehrlich gesagt, für viele Menschen dort sind andere Probleme viel wichtiger und existentieller. Leider ist Bulgarien nach 14 Jahren seit dem EU-Beitritt immer noch einer der ärmsten Mitgliedstaaten. Doch auch dort gibt es Menschen, die sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzen [...], die ihre Stimme erheben gegen Korruption und die Zerstörung der Umwelt z.B. durch eine irreguläre Bebauung der Schwarzmeerküste. Erfreulich ist es auch, zu sehen, dass die jüngere Generation kreativ und innovativ versucht, kleine Schritte in Richtung Reduktion von Plastikverbrauch und Sensibilisierung für den Klimaschutz zu gehen. Sie machen das wahrscheinlich nicht aus einer religiösen Motivation heraus - und doch sind sie irgendwie vom Geist Gottes bewegt."
Am zweiten Tag schreibt der Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pfarrer Christian Hartl: 
"Als vor über 30 Jahren in vielen Ländern im Osten Europas die kommunistischen Diktaturen zusammengebrochen waren, da war Erneuerung angesagt. Und die Menschen in Deutschland sagten: 'Bei diesem Neuaufbau von Kirche und Zivilgesellschaft [schon wieder!] wollen wir Unterstützung anbieten. Denn wir gehören doch zusammen - als Europäerinnen und Europäer, als Christinnen und Christen als Menschheitsfamilie!" 
Und am 4. Tag - weiter bin ich noch nicht gekommen - ruft Pfarrer Hartl "Bilder von hungernden Kindern, Dokumentationen über ungerechte wirtschaftliche Verflechtungen und Korruption oder Reportagen über Umweltkatastrophen" auf. -- Ich habe wohlgemerkt gar nichts dagegen, dass das Hilfswerk Renovabis diese Themen anspricht. Aber in der Novene? In Form eines geistlichen Impulses? -- Frei heraus gesagt: Eine Andacht ist keine Infoveranstaltung, und ich halte es nicht für gut, das zu vermischen. Ein geistlicher Impuls ist nicht dasselbe wie eine Predigt, und die ist wiederum etwas anderes als ein Referat. Was solche Unterscheidungen angeht, herrscht für mein Empfinden in der landläufigen kirchlichen Praxis vielfach ein heilloses [sic] Durcheinander, und meist kommt dabei das Geistliche gegenüber dem "aktuellen", "gesellschaftlich relevanten" Bezug zu kurz. Nicht selten hat man den Eindruck, die Verantwortlichen, die einem so etwas auftischen, hielten "Religion" an und für sich für uninteressant und meinten, "die Leut'" könnten mit dem ganzen Glaubenskram nur dann etwas damit anfangen, wenn er an ein Thema gekoppelt wird, das sie aus der "Tagesschau" kennen - ob das nun das Klima ist oder Corona, Flüchtlinge oder "Black Lives Matter" oder die AfD, oder, wenn gar nichts anderes mehr hilft, Fußball. 

Noch einmal: Wenn Renovabis sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzt, finde ich das grundsätzlich gut, und wenn das Hilfswerk dieses Engagement explizit und plausibel aus dem christlichen Glauben heraus begründet, finde ich das sogar noch besser. Unter diesem Aspekt überzeugt mich die Novenen-Broschüre, soweit ich sie bisher durchgelesen habe, tatsächlich deutlich mehr, als ich auf den ersten Blick vermutet hätte. Dennoch bin ich entschieden der Meinung, dass einige Textabschnitte sehr viel besser in einer Info-Broschüre über die Arbeit des Hilfswerks aufgehoben wären als einer Textvorlage für die Gestaltung von Andachten. -- Zum Vergleich: Vor einiger Zeit habe ich mir allerlei Infomaterial der Initiative "Micha Deutschland" schicken lassen; laut Selbstbeschreibung "eine weltweite Kampagne und ein globales Netzwerk, das Christinnen und Christen zum Engagement gegen extreme Armut und für globale Gerechtigkeit begeistern möchte", "ein überkonfessionelles Netzwerk von Organisationen, Gemeinden und Einzelpersonen", das für die Überzeugung eintritt, "dass jeder Mensch, jede Gemeinde, jede Organisation und jede Gesellschaft Teil der Schöpfung Gottes ist und es unser Auftrag ist, diese Schöpfung zu bewahren und die Würde aller Geschöpfe in unserer Welt zu achten". Zu den Materialien, die ich erhalten habe, gehören zwei recht umfangreiche Broschüren, "Mach's aus Liebe - Für eine Schöpfung im Gleichgewicht" und "Einfach leben - Nachfolge in der Konsumgesellschaft", die allerlei Fakten zu Ökologie, Klima, globaler sozialer Ungleichheit u.a. präsentieren, diese Problemfelder aus spezifisch christlicher Perspektive betrachten, soziale und ökologische Projekte aus aller Welt vorstellen und den Leser zum persönlichen Engagement aufrufen - wobei immer wieder der Dreischritt "Fragen - Beten - Handeln" empfohlen wird. Das heißt, zu den einzelnen thematischen Beiträgen der Hefte werden auch konkrete Gebetsanliegen formuliert (z.B.: "Danke Gott dafür, dass wir in Deutschland problemlos sauberes Wasser trinken können. Bete für eine Familie in Kambodscha, dass sie das bald auch können"). -- Bemerken wir da einen Unterschied in der Herangehensweise? Ich sag mal so: Eine Infobroschüre, die unter anderem auch Gebetsanliegen enthält, macht ganz grundsätzlich einen anderen Eindruck als eine Gebetsbroschüre, in der einem so nebenbei als geistliche Impulse getarnte Sachinformationen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz untergejubelt werden sollen. 

Zugegeben: In der Rubrik "Impulse für den Gottesdienst" wird's auch in den "Micha"-Materialien mitunter recht gruselig, etwa wenn angeregt wird, "Interviews mit Teilnehmer*innen der Aktionswoche", "Filmausschnitte oder Bilder zu Schöpfung, Klimawandel, Artensterben etc." oder auch "Poetry Slam und Gedichte" in den Gottesdienst einzubeziehen. Aber man darf nicht vergessen, dass es sich bei der "Micha"-Initiative im Wesentlichen um ein gemeinsames Projekt verschiedener evangelischer Freikirchen handelt, und die haben sowieso ein grundlegend anderes Gottesdienstverständnis. 

Aber zurück zum Thema Pfingstnovene: Vor zwei Jahren haben meine Liebste und ich zum ersten Mal selbst eine solche Novene gestaltet und in unserer Pfarrkirche öffentlich vorgebetet; und schon bevor ich die Renovabis-Broschüre in die Finger bekommen habe, hatte ich - auch veranlasst durch das Erfolgserlebnis der St.-Josefs-Novene vor ein paar Wochen - darüber nachgedacht, dass ich so etwas eigentlich gern mal wieder machen würde. Dabei hatte ich allerdings nicht bedacht, wie wenig Zeit nur noch bis zum Beginn der Novene blieb, und so wurde recht bald klar, dass eine täglich zu einem festen Termin öffentlich in der Pfarrkirche vorgebetete Novene sich in der Kürze der Zeit nicht mehr würde organisieren lassen. 

Was ich hingegen durchaus für machbar halte, ist, unsere Pfingstnovene von 2019 leicht zu überarbeiten und zu aktualisieren und dann tageweise als Textdatei (einschließlich Musik-Links) ins Netz zu stellen, auf dass jeder, der sich davon angesprochen fühlt, die Möglichkeit hat, sie "privat" mitzubeten. Dass, wie schon eingangs erwähnt, der erste Tag der Novene in diesem Jahr auf den Gedenktag der Hl. Corona fällt, hat mich noch zusätzlich motiviert. Ich habe daher einen öffentlich zugänglichen Ordner in meinen "Google Drive" eingerichtet und hoffe, dass ich es schaffen werde, dort für jeden der neun Tage der Pfingstnovene eine Andacht hochzuladen. Die erste - für heute - ist schon drin; hier der Link. 

Im Gebet verbunden! Komm, Heiliger Geist! 





[* Ich weiß, laut Neuer deutscher Rechtschreibung müsste dieses Wort eigentlich "Gräuel" geschrieben werden, aber diese Schreibweise ist mir ebenfalls ein Greuel.] 



Sonntag, 13. September 2020

Auf dem Suppenspreader-Event

Es ist wahr, liebe Leser, ich bin immer noch nicht so ganz zurück aus der Blogpause und schulde Euch immer noch eine bereits mehrfach angekündigte Erklärung für mein langes Schweigen; aber an diesem Wochenende war Suppe & Mucke, und wie schon 2016, 2018 und 2019 möchte ich es auch in diesem krisengeschüttelten Jahr nicht versäumen, dieses Event mit einem Blogartikel zu würdigen, auch wenn dieser Artikel sich weitgehend in einer Bildergalerie erschöpfen wird.  

Das Festival "Suppe & Mucke" gibt es in Berlin seit 2009, und wie ich kürzlich erst nachrecherchiert habe, war ich nicht nur bereits bei der ersten Ausgabe dieses Events dabei, sondern bin seinerzeit sogar dort aufgetreten (auf der Kleinkunstbühne). Seither hat das Veranstaltungsformat mancherlei Veränderungen durchgemacht, aber die wesentlichen Bestandteile sind nach wie vor dieselben, nämlich zum Einen SUPPE und zum Anderen MUCKE. Heuer fand das Festival auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks Berlin (kurz RAW-Gelände) unweit des S-Bahnhofs Warschauer Straße statt - laut Tante Wiki "das größte zusammenhängende, permanent kulturell bespielte Gelände Deutschlands und die letzte noch nicht modernisierte Industriebrache innerhalb des S-Bahn-Rings in Berlin".






Unsere Anfahrt gestaltete sich indes nicht ganz unkompliziert. Da der S-Bahnhof Warschauer Straße nicht barrierefrei ist, wollten wir mit der Tram dorthin fahren, aber die Tramlinie war wegen Bauarbeiten unterbrochen; so gingen wir ein Stück zu Fuß, und das erwies sich insofern als Glücksfall, als wir dadurch an einer Baum-Demo vorbeikamen. 

Tatsächlich: Wenn man genau hinschaute, konnte man feststellen, dass die Bäume allesamt Namen hatten und persönlich gegen ihre drohende Abholzung protestierten. 




Schließlich kamen wir aber doch wohlbehalten am RAW-Gelände an; das Wetter war herrlich, die Stimmung gut, und: Es war noch Suppe da! 



Unsere Tochter war übrigens auch schon das dritte Mal dabei, allerdings zum ersten Mal fast die ganze Zeit auf ihren eigenen Beinen unterwegs. 


Was den Mucke-Aspekt des Festivals angeht, fand Suppe & Mucke bereits zum zweiten Mal in Folge in Kooperation mit dem Festival für selbstgebaute Musik statt. 




Und meine Liebste, die auf dem Gymnasium ungefähr ein halbes Jahr lang in einer Trommelgruppe mitgespielt hatte, bekam Gelegenheit, zu zeigen, was sie (noch) kann. 


Davon abgesehen habe ich an den diversen Infoständen allerlei interessante Flyer abgegriffen -- wobei es, nebenbei bemerkt, einen lustigen "Did you just assume my gender"-Moment gab, als ich nach einem Flyer griff, der für Tischlerei-Workshops für Frauen warb. "Das ist wohl eher nichts für dich", meinte die Frau am Infostand -- fügte aber sogleich (etwas kleinlaut, wie mir schien) hinzu: "Es sei denn natürlich, du definierst dich als Frau." (Ich erklärte daraufhin, ich wolle den Flyer nicht für mich mitnehmen, "aber vielleicht zum Weitergeben", und damit war dann alles gut.) 

Und sonst so? 


Heaven 17? Die gibt's noch? (Oder wieder?) 

Ähm -- DA wollten wir eigentlich NICHT hin. Aber vielleicht dieser Herr hier? 


Wie jetzt, kein Bier? Dann aber ohne mich! 

Zurück fuhren wir übrigens vom Ostkreuz aus; hier noch einige Impressionen vom Fußweg dorthin: 





Im Hintergrund übrigens die Zwinglikirche. Wenn ich mich nicht irre. 

Nach der ganzen Suppe machte sich übrigens durchaus ein gewisser Appetit auf feste Nahrung bemerkbar, aber es war vielleicht doch ganz gut, dass die Ketwurst-Bude schon zu hatte. Zu Hause gab's im Ofen überbackene Käsesandwiches. 


So, und nun signalisieren die drei mäßig freundlichen Herren links im Bild: Schluss mit lustig! 

Aber schön war's. Wieder mal. Bleibt zu hoffen, dass der Corona-Ausnahmezustand bald vorbei ist und dass es dann wieder mehr von solchen schönen Events geben wird; mehr noch: dass man dann auch mal wieder selbst etwas Schönes veranstalten kann. Und nicht zuletzt: dass es in Berlin auch in Zukunft noch solche (sub-)kulturellen Freiräume wie das RAW-Gelände geben wird...! 



Freitag, 4. September 2020

Der zivilreligiöse Optimismus des Herrn P. (Gastbeitrag)

Gestern früh sah ich auf Twitter, dass ein ungenannter deutscher Erzbischof einen Beitrag aus der berüchtigten Standpunkt-Rubrik von häretisch.de geteilt und zustimmend kommentiert hatte; das ist ja an sich schon beklagenswert genug, aber der betreffende Beitrag trug die Überschrift "Wir können optimistisch auf den Glauben in Deutschland blicken". Nanu, dachte ich, wer stellt denn derart bizarre Behauptungen auf? Dann öffnete ich den Link und stellte fest: Ach so. Andreas Püttmann. Na dann. Dessen Buch "Gesellschaft ohne Gott" steht bei mir im Regal, aber da meine "100-Bücher-Challenge" aus Gründen, auf die ich an anderer Stelle noch eingehen werde, derzeit ruht, wird dieses Buch wohl noch eine Weile darauf warten müssen, von mir gelesen zu werden. Ich hoffe nur, die hier angesprochene "Standpunkt"-Kolumne ist kein Indikator für die Qualität des Buches. Damit meine ich wohlgemerkt nicht nur, dass ich inhaltlich nicht mit Püttmanns Aussagen einverstanden bin - das trifft zwar zu, aber das allein wäre wohl kaum der Rede wert -, sondern vielmehr, dass ich beim Lesen dieses Beitrags den Eindruck hatte, es handle sich um völlig inkohärentes Gebrabbel, das zu veröffentlichen eigentlich einer Bloßstellung des Autors gleichkomme. 

Nun hat sich allerdings mein treuer Leser Imrahil die Mühe gemacht, Püttmanns Text einer gründlichen Analyse und Kritik zu unterziehen, und ich bin der Meinung, diese Replik verdient Aufmerksamkeit. Andere regelmäßige Leser dieses Blogs werden Imrahil als unermüdlichen, durchaus nicht immer mit mir einverstandenen Kommentarverfasser kennen, außerdem hat er hier schon einmal einen Gastbeitrag beigesteuert, was allerdings schon ein paar Jahre her ist. Also dann: Erteilen wir Imrahil das Wort! (Ach nein, eins noch: Die Überschrift stammt von mir -- falls sich jemand darüber beschweren möchte. Ebenso auch der folgende Bildtext:) 

Wer von diesen beiden hat wohl die besseren moralischen Werte?
Wer von diesen beiden hat wohl die besseren moralischen Werte? 
(Julius Schnorr von Carolsfeld, "Pharisäer und Zöllner", 1860; gemeinfrei) 

Und sodann noch der Hinweis, dass häretisch.de den Titel des Püttmann-Beitrags inzwischen zu "Warum man noch selbstbewusst Christ in Deutschland sein kann" geändert hat. Nicht dass das einen entscheidenden Unterschied macht, aber bezeichnend ist die Änderung irgendwie schon. -- So, nun aber genug der Vorrede; hier nun Imrahils Replik!


* * *


"Wir können optimistisch auf den Glauben in Deutschland blicken", lautet die Überschrift bei einem katholisch.de-Standpunkt von Andreas Püttmann. Wenn man sie so liest, langt man sich ja sicher ans Hirn, aber ist es mehr so die Art: "Was raucht der? Ich will das auch haben."

Tatsächlich bleibt aber von einem derartig erfreulichen Wahnsinn nichts übrig, wenn man ihn nur einmal durchgelesen hat. Warum also können wir optimistisch auf den Glauben in Deutschland blicken? Handelt es sich um die Zuversicht, daß Gott schon alles gut hinausführen wird? Handelt es sich um den geradezu tollkühnen Glaubensmut, mit dem etwa ein Kardinal Lustiger (von Kardinal Marx häufig zitiert) sagt, die Zukunft des Christentums in Europa stecke noch in den Kinderschuhen? Oder ist Püttmann nochmal wieder einer von denen, der zum hundertfünfundfünfzigstenmal prophezeit, es werde jetzt endlich ein Revival kommen und die Menschen werden wieder das Glauben und das religiöse Praktizieren lernen?

Nichts dergleichen. Der Grund für seine derart hoffnungsfrohe Überschrift ist der folgende: "In keinem anderen der acht beteiligten westeuropäischen Länder waren so viele Menschen überzeugt vom Zusammenhang zwischen religiösem Glauben und moralischen Werten wie in Deutschland: 37 Prozent, [...] sogar knapp vor Polen (36%)".

Das also ist es, was zu derart hoffnungsfrohem Optimismus Anlaß gibt: Bei der Frage – bitte genau lesen! - ob zwischen dem religiösen Glauben und moralischen Werten ein Zusammenhang bestehe (!), bei der ziehen wir an den Polen noch um einen Prozentpunkt vorbei. Wow.

Das impliziert zweierlei. Erstens, daß diese Frage nun die ultimativ wichtige wäre, an der sich die Geister schieden. Damit impliziert es aber auch zweitens einen gepflegten Selbstwiderspruch, denn wenn sie so wichtig wäre, dann wurden doch zunächst die 63 % (Polen 64 %) ins Auge fallen, die das nicht so sehen.

Vor allem aber: Es ist schon sehr bezeichnend. Was also ist laut Püttmann die alles entscheidende Frage? Ob der Antwortende der Meinung ist, insgesamt bestehe zwischen dem, daß einer glaubt, und dem, welche "moralische Werte" (entschuldigt den Ausdruck, aber er steht so da – ich hätte fast "wie einer handelt" verbessert) einer hat, ein Zusammenhang. (Ich wiederhole mich, aber ich kann es einfach nicht fassen.) Es geht also nicht darum, ob einer selber glaubt oder ob er findet, die anderen sollten es auch tun (wobei für mich ja das letztere aus dem ersteren folgt, aber das sind wohl die unhinterfragten Vorurteile des Logikers und/oder Fundamentalisten). Es geht nicht einmal darum, ob einer selber gut handeln will. Es geht darum, ob einer meint, daß Leute, wenn sie glauben, eher gut handeln wollen. (Formell steht nicht einmal das da, denn auch wenn die Gläubigen signifikant weniger moralische Werte hätten, wäre das technisch ein "Zusammenhang", aber das lasse sogar ich ihm durchgehen.) Es ist damit nicht einmal gesagt, ob er überhaupt das moralische Wertehaben so toll findet. (Bei Licht betrachtet könnte er ja auch von einer nietzscheanischen "Moral ist was für die vom Gamma-plus abwärts, ich stelle mich der Welt, wie sie, grausam und groß, wirklich ist"-Haltung sein.) Selbst wenn wir das annähmen, sagt er nicht, daß er selber auch nur irgendwie glaubt (er könnte ja auch von einer - Camus'schen? - Haltung à la "ja, ich sehe, daß die dumpfe Masse ihr Gutsein, soweit vorhanden, hauptsächlich aus dem Glauben zieht, soweit vorhanden, ich selber als aufgeklärter Atheist habe diesen Trost leider nicht, sondern muß mich moralisch ohne das durchschlagen und muß trotzdem gut sein" sein). Nö, nichts dergleichen.

Und weil die Minderheit in dieser Frage bei uns etwas größer ist als die Minderheit in anderen Ländern, sogar Polen, deshalb ist also alles super.

Schon sehr bezeichnend das alles, und so deutsch. "Die Reformation kam, weil die Deutschen nicht anders können als fromm sein", soll der hl. Klemens Maria Hofbauer gesagt haben. Die Moral ist den Deutschen eben ziemlich wichtig; nur so kann ich es mir jedenfalls erklären, daß Püttmann meint, wenn nur alle meinen wollten, zum "Werte haben" brauche man Religion, dann würden sie schon auch religiös werden. Wobei: es meinen ja gar nicht alle. 

Zumal er ja selber sagt – wobei: haken wir erstmal das ab:

Die Werte könnten höher sein, wäre die Frage vorsichtiger formuliert.

Wenn er mir jetzt noch verraten könnte, wie man bitte um alles in der Welt noch vorsichtiger als "besteht ein [der kundige Leser ergänzt: irgendwie gearteter] Zusammenhang?" formulieren kann, bekäme er einen Keks. Das ist technisch nicht möglich. Aber dann sagt er (Ende des Einschubs):

Dass Glaube an Gott "notwendig" für Moralität und "gute Werte" ist, kann man auch als Skeptiker gegenüber einer "Gesellschaft ohne Gott" bestreiten. Denn es gibt offenkundig moralisch hoch sensible Nichtgläubige und – Gott sei's geklagt – Fromme mit schlechtem Charakter oder menschenfeindlichen Ideen.

Völlig richtig, auch wenn auch schon wieder bezeichnend ist, erstens, daß er besonders gegen die Letzteren etwas hat und (das soll wohl besonders perfide sein) übrigens nur in diesem Zusammenhang auch das Wort "Fromme" gebraucht. Und obwohl schon sehr aufstößt, daß er unter den bösen Frommen offenkundig die dem anderen politischen Lager Angehörenden versteht, auch dann, wenn die sich z. B. den Kulturkampf, in dem sie sich befinden oder guten Gewissens zu befinden meinen und in dem man halt den Kandidaten des eigenen Lagers wählt und nicht den des gegnerischen, durchaus nicht unbedingt gewünscht haben. Aber ordnen wir diese Püttmannsche Themenabweichung mal richtig ein, d. h. übergehen wir sie bzw. gehen wir auch nur im Rahmen einer Themenabweichung auf sie ein. – Also: ja. Es gibt moralische Ungläubige (gerade dann übrigens, wenn wir nach dem Inhalt der Moral, den konkret zu haltenden Geboten, noch nicht gefragt haben), und zwar übrigens nicht nur "hoch sensible" (die mir zunächst einmal leid tun, vor allem wenn dann genau die ohne Beichte auskommen müssen), sondern auch ganz normale (die wohl die große Masse der Leute ausmachen, denen wir auf der Straße begegnen). Und auch wenn es nicht unbedingt zweckmäßig und ermunternd ist, die Gläubigen immerzu vor dem bösen Gläubigen zu warnen, der bisweilen sogar praktiziereifrig sein kann: geben kann es das und tut es das wohl auch.

Also: eben. Um moralisch zu sein, braucht es den Glauben nicht – das zumindest wäre die Schlußfolgerung des gerne simplifizierenden Lesers. Wenn er übrigens mal einen Gläubigen gefragt hätte, dann hätte der ihm auch gesagt, daß wir die Religion zunächst brauchen, um unsere Sünden loszuwerden, nicht um sie nicht zu begehen. Gerade ein Protestant übrigens, d. h. einer, der noch weiß, was sein Protestantismus heißt, hätte das gesagt. Und erst dann hätte der Katholik (wenn er korrekt und vollständig sein will nicht allzu genervt von seiner eigenen moralischen Aufgabe ist, deswegen nicht an sie erinnert werden will und deshalb hier ungenau ist) angefügt, daß, naja, der Glaube, die Hoffnung aufs Jenseits, die Angst vor Hölle und Fegefeuer, die dankbare Liebe zu Gott dem Vater und Jesus Christus und vor allem die helfende Gnade schon dabei behilflich sind, auch gut zu handeln. D. h. ihm geht es ja ums "Werte haben", d. h. die richtige moralische Einstellung haben, und die, wenn auch noch nicht das Handeln danach, bringt das katholische Dogma ja tatsächlich mehr oder weniger frei Haus mit. Ob Püttmann diese Werte dann für Werte oder nicht doch vielmehr in politisch umstrittenen Einzelfällen für Un-Werte hält, sei einmal dahingestellt.

Aber jedenfalls ist das sekundär: und ich könnte mir vorstellen, daß der Unterschied hier ebenso wie die, denke ich, statistische Erkenntnis, daß im großen und ganzen die Gläubigen tatsächlich in Summe besser auch handeln, im Eifer des Gefechts auch vom Interview-Antwortgeber unterschlagen werden könnte. Daß also ein Pole sagt: "Natürlich kann man auch als Ungläubiger moralisch sein" (was stimmt – daß es keinen Zusammenhang gäbe, stimmt nicht, aber wie genau beantworten Leute ihre Interviews?), "aber ich glaube trotzdem, weil es halt wahr ist". Der fiele dann in das Nein hinein.

Und deswegen, weil das Ja bei uns deutschen Moralisierern größer ist als bei anderen, sogar einen Prozentpunkt mehr als bei Polen – daß eine sekundäre Aussage des katholischen Glaubens, der auch ein Ungläubiger aus allerlei Gründen beistimmen kann, ein Protestant aber nicht und die ein Katholik gerne auch einmal vergißt, bei uns etwas mehr Zustimmung hat als anderswo, aber immer noch nicht die Mehrheit hat – deswegen steht bei uns alles zum besten? Wow.,

– Haken wir der Vollständigkeit halber noch kurz den Rest des Artikels ab.

Korrekter hätte man gefragt: "Unterstützt Glaube an Gott moralisches Denken und Handeln?"

Korrekter, ja, das stimmt sogar. Aber die Frage wäre nicht vorsichtiger, sondern noch einschränkender als die, die tatsächlich gestellt wurde.

Hierfür gibt es empirische Anhaltspunkte aus Umfragen zu Rechtsbewusstsein, Lebensschutz, Leistungs- und Hilfsbereitschaft, politischer Mäßigung und anderen sozialen Tugenden.

Lebensschutz und politische Mäßigung in einem Satz. Wow. Wobei ich mich ja frage, was er denn nun genau mit Lebensschutz meint und wie das mit seiner Kritik an den Hetzern in Washington und Warschau zusammenpaßt.

Die Aussage, dass Gott wichtig im eigenen Leben sei, bejaht in Deutschland gegenüber 1991 stabil (+3%) etwa die Hälfte der Bevölkerung – gegen den Trend (Spanien: -26%, Italien -21%, Polen -14%, Frankreich -12%).

Und hier kommt nun das, was, wenn überhaupt, tatsächlich zu einem sehr gemäßigten Optimismus Anlaß gäbe – aber das ist ihm nur einen Satz wert, den Artikel hingegen baut er auf der (übrigens noch geringeren) Zustimmung zu der Aussage auf, daß es zwischen Glauben und moralischen Werten einen Zusammenhang gebe. Ich wiederhole mich. Ich kann es immer noch nicht fassen.

Es kann also nicht alles an unseren Kirchen und am deutschen Religionsverfassungsrecht so verkehrt sein, wie es von interessierter Seite gern gezeichnet wird. Unter ähnlichen kulturellen Bedingungen sieht es woanders teils erheblich düsterer aus. Die in konservativen Kirchenkreisen lange als vorbildlich gepriesene stärkere Religiosität manch anderen Landes zeigt sich angesichts des Säkularisierungsdrucks und der Anbrandung von Ideologien und Idiotien weniger fundiert und orientierungsstark als gedacht. 

Es erscheint zunächst recht unvermittelt, wie er hier ganz ohne Anlaß auf das Religionsverfassungsrecht zu sprechen kommt. Aber es gibt dafür wohl einen ganz bestimmten, bezeichnenden Grund; die Erwähnung der "Ideologien" zwei Sätze weiter läßt darauf schließen (unter "Ideologie" verstehen manche nämlich einfach, daß Leute von ihrer Meinung tatsächlich auch überzeugt sind; und tatsächlich würde ich, aber das würde zu weit führen, sagen, daß man den Begriff "Ideologie" auch tatsächlich nicht nur im despektierlich-amerikanischen Sinne gebrauchen sollte). Da ergibt sich dann nämlich auf einmal ein Sinn; auch wenn er mir nicht gefällt. "Die deutschen Kirchen und ihr System haben sich doch besser als erwartet darin bewährt, das radioaktive Gefahrengut Religiosität einzudämmen, aber ein bißchen moralische Energie daraus zu gewinnen für das, worum es uns eigentlich geht: das Funktionieren von Staat und Gesellschaft." 

Wow.

Es ist schon sehr bezeichnend. 



Donnerstag, 20. Februar 2020

Baumhaus Berlin: Be the Change you want to see in the World

Regelmäßigen Lesern meiner Artikelserie "Kaffee & Laudes" dürfte nicht entgangen sein, dass ich schon mehrfach das "Baumhaus" im Berliner Ortsteil Wedding - laut Eigenbeschreibung ein "Projektraum für sozial-ökologischen Wandel" - erwähnt und insbesondere die dort regelmäßig stattfindende "Community Networking Night" in den höchsten Tönen gelobt habe. Wenn ich mich ohne Nachschauen korrekt erinnere, habe ich auch schon mehr als einmal in Aussicht gestellt, mal in einem eigenständigen Artikel ausführlich zu erläutern, was ich daran eigentlich so toll finde und inwiefern ich das für den Interessenschwerpunkt dieses Blogs (Gemeindeerneuerung, Neuevangelisierung, "christliche Graswurzelrevolution") als relevant betrachte. Nach meinem jüngsten Besuch dort - anlässlich einer als "Emergency Meeting" angekündigten Veranstaltung in der letzten Januarwoche - scheint mir nun die Zeit gekommen, dieser Ankündigung endlich mal Taten folgen zu lassen. 

Also, habe ich mir gedacht, gehe ich mal vom Speziellen zum Allgemeinen vor und fange mit der Schilderung des besagten "Emergency Meetings" an, um von da aus darauf zu kommen, was ich grundsätzlich so toll am Baumhaus finde. 

Von einer "normalen" Community Networking Night unterschied sich die genannte Veranstaltung im Wesentlichen durch eine Ansprache des Baumhaus-Co-Initiators Scott Bolden; und ich muss sagen: Eine Ansprache wie diese würde ich gern einmal in einem kirchlichen Kontext hören, sei es als Predigt im Gottesdienst oder auch in einem nicht-liturgischen Zusammenhang. Mir ist klar, dass diese Aussage zu Fehldeutungen einlädt, aber keine Sorge, ich werde sie gleich erläutern. Das Thema der auf Englisch gehaltenen Ansprache war, dem Motto des Abends entsprechend - "Emergency",  also "Notsituation" oder auch "Ernstfall"; wider Erwarten stand dabei indes die angespannte finanzielle Situation des Baumhauses, die in der Veranstaltungsankündigung hervorgehoben worden war, gar nicht so sehr im Vordergrund -- die spielte Scott eher herunter. Ja, natürlich sei das Baumhaus zur Deckung seiner Fixkosten (s. Abb.) auf Spenden angewiesen, und augenblicklich besonders: Die Kostendeckung für die nächsten zwei Monate stehe auf recht wackligen Füßen, man könne da also jede Unterstützung brauchen, die zu haben sei. Gleichzeitig verbreitete er aber Optimismus: Man werde diese Durststrecke schon überstehen und weitermachen.



Wesentlich mehr als um den akuten Geldbedarf des Projekts ging es in der Ansprache aber um die Frage "Wozu machen wir das alles hier überhaupt?", und in diesem Zusammenhang äußerte Scott die Überzeugung, dass sich die ganze Welt in einer Notfallsituation befindet: dass sie auf einen sozialen, ökonomischen und nicht zuletzt natürlich ökologischen Kollaps zusteuert, und wenngleich die Vorboten der Katastrophe im Alltag der meisten Menschen hierzulande noch nicht spürbar seien, sei doch jetzt die Zeit, Maßnahmen zu ergreifen, um die Katastrophe nach Möglichkeit noch abzuwenden. In jedem Katastrophenfilm, so Scott, gibt es diese Sequenz vor dem dramatischen Höhepunkt - bevor der Meteorit einschlägt, der Vulkan ausbricht, die Flutwelle die Küste erreicht, die Ork-Armee ins Land einbricht -; eine Sequenz, in der die Helden der jeweiligen Geschichte sich zusammentun und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Ressourcen kombinieren, um sich auf das Unvermeidliche vorzubereiten. Eine Sequenz, in der Schiffe gezimmert, Vorräte gesammelt, Waffen geschmiedet, Formeln berechnet werden. Das, sagte Scott, ist die Situation, in der wir uns befinden, und das ist es, was wir tun.

Und ich dachte mir: Ich würde gern mal erleben, wie ein Kirchenvertreter mit einem vergleichbaren Sinn für Dringlichkeit über die spirituelle Krise der westlichen Welt spricht. 

Dieser Gedanke drängte sich umso mehr auf, als Scott Bolden, so wie ich ihn kennengelernt habe, jemand ist, der sich sehr im Klaren darüber ist, dass die ökologische Krise, ursächlich betrachtet, auch und nicht zuletzt eine spirituelle Krise ist. Mir fällt dazu Johannes Hartls auf der jüngsten MEHR-Konferenz gehaltener Vortrag über die "Ökologie des Herzens" ein. Ich weiß nicht, wie Scott zum christlichen Glauben steht - mein Eindruck ist, dass seine Spiritualität eher pantheistisch orientiert ist -; aber ich bin ziemlich überzeugt, dass über die These, dass Zerstörungen des natürlichen Lebensraums ihren Ursprung letztlich in einer unerfüllten Sehnsucht des menschlichen Herzens haben, zwischen ihm und Hartl ein hohes Maß an Übereinstimmung herrschen würde. So ist der "sozial-ökologische Wandel", den zu fördern das Baumhaus sich auf die Fahnen geschrieben hat, auch und nicht zuletzt als ein Wandel zu verstehen, der in den Herzen der Menschen zu beginnen hat. Aus diesem Grund ist das Baumhaus so darauf bedacht, Gemeinschaft zu stiften, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, um so in kleinem Maßstab Strukturen zu etablieren, die zur Keimzelle oder, wenn man so will, zum "Versuchslabor" für eine menschlichere Gesellschaft werden können.

Nichts anderes als dies bedeutet letztlich das Prinzip "Graswurzelrevolution". Und eine spezifisch christliche Version einer solchen Graswurzelrevolution - nicht in dem Sinne, dass der christliche Glaube gewissermaßen als Sahnehäubchen auf die Vision von der menschlicheren und zugleich ökologisch nachhaltigeren Gesellschaft draufgesetzt wird, und erst recht nicht im Sinne einer Reduktion und Abstraktion des christlichen Glaubens zu "christlichen Werten", die in einer solchen Gesellschaftsvision problemlos ihren Platz fänden, sondern vielmehr so, dass das Motto "Instaurare omnia in Christo" ("alles in Christus erneuern") die Maßstäbe dafür setzt, was man unter einer wahrhaft menschenfreundlichen Gesellschaft versteht -, wäre nach meinem Verständnis die #BenOp. So, hätten wir das mal geklärt.

Nun hat das Baumhaus, wie bereits angedeutet, zwar nicht diesen christlichen Aspekt, aber auf der anderen Seite fehlt vielen kirchlichen Einrichtungen dafür alles andere. Oder nein, ehrlich gesagt ist es sogar noch schlimmer: In vielen kirchlichen oder kirchennahen Initiativen findet man den dezidiert christlichen Aspekt ebenfalls nicht, oder höchstens in einer so verwässerten Gestalt, dass man darauf schließlich auch noch verzichten könnte. Aber auch da, wo dieser letztgenannte Kritikpunkt nicht oder nur zum Teil zutrifft, packt mich in jüngster Zeit immer häufiger die Ungeduld gegenüber der, wie mir scheint, charakteristischen Behäbigkeit volkskirchlicher Strukturen, die mangels Visionen und Phantasie einfach so weiterwurschteln, wie sie es seit jeher gewohnt sind, und dabei beharrlich ignorieren, dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Und deshalb stellt für mich das Baumhaus - wo ich Menschen begegne, die die Überzeugung ausstrahlen, dass es sowohl notwendig als auch möglich ist, die Welt zu verändern - einerseits eine Erholung vom Kirchenfrust dar und andererseits auch einen Ansporn, etwas von diesem "Spirit" in den kirchlichen Raum hineinzutragen.  

Nun aber mal von vorne: Dass ich überhaupt aufs Baumhaus aufmerksam geworden bin, das immerhin zehn U-Bahn-Stationen von meinem Zuhause entfernt liegt (was für Berliner Verhältnisse allerdings noch als "halbwegs nah" gelten kann), verdanke ich tatsächlich Facebook, und zwar genauer gesagt der Rubrik "Veranstaltungen, die dich interessieren könnten". Da hatte der olle Algorithmus mal den richtigen Riecher.  Bei der betreffenden Veranstaltung, die am Vorabend des Palmsonntags 2019 stattfand, handelte es sich um eine Buchvorstellung zu Anja Hradetzkys "Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde"; das Buch habe ich hier und auch in der Tagespost ausführlich gewürdigt, es hat Platz 5 auf meiner Buchtipp-Rangliste des Jahres 2019 erreicht, aber nicht nur deshalb hat sich der Besuch gelohnt. Die Location fand ich schon allein von der Raumgestaltung her einfach total schön - wie man, außer auf den folgenden Fotos, auch unter diesem Link nachvollziehen kann -, aber mindestens ebenso gut gefiel mir die Ausstrahlung der Leute dort. Man fühlte sich einfach willkommen, hatte den Eindruck, von lauter netten, interessanten und aufgeschlossenen Menschen umgeben zu sein. Seither - das habe ich, glaube ich, auch schon mal irgendwo geschrieben - treibt mich die Frage um, wie man einen Raum gestalten muss, damit er quasi "von selbst" die richtigen Leute anlockt. 




Ja, das ist eine Toilette. Die wahrscheinlich schönste nicht-private Toilette Berlins. 
Zwischen meinem ersten und meinem zweiten Besuch im Baumhaus - diesmal mit Frau und Kind, zur Community Networking Night - vergingen sage und schreibe drei Monate, wovon allerdings (wie man in der Reihe "Kaffee & Laudes" detailliert nachlesen kann) ungefähr der letzte Monat damit verging, dass wir praktisch jede Woche vorhatten, da hinzugehen, und es dann doch nicht schafften. Auch jetzt noch denke ich nahezu jede Woche "Man könnte ja mal wieder..." und schaffe es dann doch viel seltener, als ich eigentlich möchte. Was mich an dem Veranstaltungsformat Community Networking Night von vornherein interessierte, war seine strukturelle Ähnlichkeit mit unserem "Dinner mit Gott", oder, wenn man ehrlich ist, damit, wie ich mir unser "Dinner mit Gott" idealerweise vorstellen würde. Tatsächlich habe ich - wie ich bereits in einem eigenen Artikel dargelegt habe - meine Erlebnisse bei der Community Networking Night im Baumhaus zum Anlass genommen, beim "Dinner mit Gott" einige konzeptionelle Änderungen einzuführen, um dieser Idealvorstellung etwas näher zu kommen. Ein knappes halbes Jahr später würde ich sagen, dass diese Änderungen durchaus "etwas gebracht" haben, aber letztendlich steht und fällt so ein Konzept immer mit den Leuten, die daran teilnehmen, und da ist nach wie vor Luft nach oben. 

Das für mein Empfinden interessanteste Segment der Community Networking Night im Baumhaus nennt sich "News You Can Use"; in dem just erwähnten Artikel zur Neugestaltung des "Dinner mit Gott" beschrieb ich die Kernidee dieses Programmpunktes wie folgt: 
"Schlicht gesagt geht es darum, allen Teilnehmern Gelegenheit zu geben, Projekte und Ideen vorzustellen, an denen sie gerade arbeiten und/oder bei denen sie Unterstützung benötigen, und Dienste oder Hilfen jedweder Art anzubieten oder zu suchen. (Gibst Du Gitarrenunterricht oder würdest Du gern welchen nehmen? Kannst Du Fahrräder reparieren oder ist Dein Fahrrad gerade kaputt? Suchst Du Helfer für einen Umzug oder zum Äpfelpflücken?)"
Bei dieser "News You Can Use"-Runde gibt es, so oft ich bisher dabei war, immer allerlei Interessantes und Verblüffendes. Neulich im Rahmen des "Emergency Meetings" auch wieder. "Wir planen gerade einen Lehmofen." -- "Heißt das, ihr baut einen Lehmofen?" -- "Nein, im Moment planen wir ihn nur." -- "Wir kommen aus Japan und sind in Berlin für ein Projekt, bei dem wir aus Pappe und Elektroschrott Roboter bauen." Das nur mal als ein paar Beispiele dafür, was da für Leute hinkommen. Wieso kommen solche Leute nicht zu unseren Veranstaltungen? Man muss offenbar der Tatsache ins Auge sehen, dass eine Kirchengemeinde nicht gerade der Ort ist, wo Leute als erstes hingehen, wenn sie ein spannendes Projekt planen und dafür Unterstützer suchen - oder auch umgekehrt, wenn sie sich denken "Ich würde gerne Leute kennenlernen, die Ideen für spannende Projekte haben, bei denen ich mitmachen könnte." Aber warum ist das so? Vermutlich gibt es eine Reihe unterschiedlicher Aspekte, die dazu beitragen, aber ich denke mir, es müsste doch möglich sein, etwas daran zu ändern. Zum Beispiel, indem man in der Kirchengemeinde eine Atmosphäre schafft, die auf solche Leute einladender wirkt. 

Demselben Ziel, Leute, die etwas anzubieten haben, mit Leuten zusammenzubringen, die etwas suchen, dient eine Pinnwand im Flur zu den Toiletten: 


Huch, da hängt ja ein Mittwochsklub-Flyer. Wer den da wohl hingehängt hat. Zwinkersmiley. 
Okay, so eine Pinnwand ist im Prinzip nicht unbedingt eine originelle Idee. Deshalb soll es die demnächst auch als App geben. Kein Scherz. Aber originell oder nicht, ich frage mich bei diesem Anblick: Wieso haben wir so eine Pinnwand nicht? In der Kirche, meine ich. Ja, es gibt eine Art "Schwarzes Brett" im Windfang der Kirche, aber das wird nicht auf diese Weise genutzt. Das erinnert mich übrigens an einen Artikel von der guten Simcha Fisher mit dem schönen Titel "Committees are no Substitute for True Community". Den hatte ich eigentlich schon längst mal in meine wöchentlichen Linktipps (im Rahmen von "Kaffee & Laudes") aufnehmen wollen, habe dann aber doch davon Abstand genommen, da es nur ein Auszug aus einem in dem australischen Magazin Catholic Weekly erschienenen Artikel ist und die Website von Catholic Weekly sich aus obskuren Sicherheitsgründen von einer deutschen IP-Adresse nicht öffnen lässt. Aber was soll's, dann begnügt man sich eben mit der Kurzfassung und denkt sich den Rest selber. Fällt zumindest mir nicht sehr schwer. Einleitend schildert die liebe Simcha nämlich eine Kirchengemeinde, der sie und ihre Familie früher mal angehört haben und die "eine echte Gemeinschaft" gewesen sei: 
"Die Gemeinde war wirklich divers, es gab dort reiche und arme Leute, alte und junge, gesunde und kranke, und sie war auch ethnisch und kulturell sehr gemischt. [...] Nachdem wir uns auf dem E-Mail-Verteiler der Gemeinde eingetragen hatten, erhielten wir regelmäßig Mails: Der und der braucht jemanden, der ihn am Donnerstag zum Arzt bringt. Der und der braucht Hilfe beim Ölwechsel. Zufällig habe ich in dem Zeitraum, in dem wir zu dieser Kirchengemeinde gehörten, kein Kind zur Welt gebracht, aber ich kann mir die Lawine von Eintopfgerichten und selbstgehäkelten Strampelhöschen gut vorstellen, die über uns hereingebrochen wäre, wenn das der Fall gewesen wäre." 
Und sie resümiert: "Im Grunde ist es tragisch, dass ich diese Gemeinde als etwas so Besonderes erlebt habe -- und nicht als den Normalfall." Tja. Isso. Es sollte eigentlich der Normalfall sein. Aber solange das nicht der Fall ist, muss es halt Leute geben, die mit gutem Beispiel vorangehen. -- So, damit habe ich jetzt eigentlich alles gesagt, was ich sagen wollte, und würde alles Weitere gern meinen Lesern zum Selber-Weiterdenken überlassen. Aus kompositorischen Gründen müsste ich zwar zum Ende dieses Artikels eigentlich wieder einen Bogen zurück zum Anfang und somit zum Baumhaus schlagen, aber vielleicht spare ich mir das einfach, klappe stattdessen den Rechner zu und gehe zur Community Networking Night. Das letzte Mal ist schließlich schon wieder drei Wochen her...