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Mittwoch, 1. Februar 2017

Anscheinend habe ich als Kind gar nicht so viel gelesen

Meine Lieblingsbloggerin aus dem nicht-deutschsprachigen Raum, Simcha Fisher, veröffentlicht normalerweise jeden Freitag unter der Serien-Überschrift "What's For Supper?" einen zumeist hochkomischen Bericht darüber, was sie ihrer großen Familie (zehn Kinder!) die ganze Woche über zum Abendessen aufgetischt hat. Vergangenen Freitag stellte sie jedoch fest, dass sie in der ganzen zurückliegenden Woche gar nichts so Bemerkenswertes gekocht hat, als dass es sich lohnen würde, darüber zu schreiben, und schrieb daher was Anderes - nämlich über sonderbare Bücher, die sie als Kind gelesen hat

Ich fand's toll und dachte: Sowas könnte ich auch mal schreiben. 

Aber dann stellte ich fest, dass mir zunächst mal überhaupt nichts dazu einfiel. Genauer gesagt, mir fielen keine schrägen, merkwürdigen Bücher ein, von denen ich mir sicher war, dass ich sie schon als Kind gelesen hatte und nicht erst später. Was komisch ist, denn ich galt während meiner ganzen Kindheit in meiner Familie, aber auch bei Schulkameraden und Lehrern als ausgesprochene Leseratte. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, frage ich mich, ob das zum Teil vielleicht nur daran lag, dass die, die mich so einschätzten, selbst überhaupt nicht (oder nur sehr, sehr wenig) lasen. 

Symbolbild: "Lesender Klosterschüler" (1930) von Ernst Barlach in der Güstrower Getrudenkapelle, fotografiert von Wolfgang Sauber (Bildquelle hier)  

Ich hatte als Kind eine Menge Hörspielkassetten und sogar auch einige Hörspiel-Schallplatten, und einige dieser Hörspiele habe ich so oft gehört, dass ich noch heute die Stimmen der Sprecher im Ohr habe und umfangreiche Passagen aus dem Gedächtnis aufsagen kann. Aber Bücher? Ich erinnere mich, dass mir in meinen ersten Schuljahren wohlmeinende Verwandte Bücher schenkten, die ich nie gelesen (oder zumindest nie zu Ende gelesen) habe, weil ich sie langweilig und doof fand. Zum Teil, weil sie in Schreibschrift gedruckt waren. Druckschrift hatte ich schon lesen können, bevor ich zur Schule kam, und habe die in der Grundschule gelehrte Schreibschrift vom ersten Tag an gehasst. Und dann ging es in diesen Büchern auch noch um so normale, alltägliche Erlebnisse aus dem Erfahrungsbereich von Kindern. Wieso sollte ich so etwas lesen, wenn ich genausogut das Buch zuklappen, rausgehen und solche oder sogar wesentlich interessantere Dinge selbst erleben konnte? -- Von einem dieser Bücher weiß ich den Titel noch: Der kleine Bär kann fliegen (angeblich von 1986. Ernsthaft? So ein Buch wollte man mir andrehen, als ich schon zehn war?!?). Gemeint war der gleichnamige Schmetterling. Toll. Ein Buch über Pflanzen und Tiere in Wald und Garten, aber ohne Indianer, Piraten oder Außerirdische. Bis heute kostet mich Überwindung, Bücher lesen zu sollen, in denen weder Indianer noch Piraten noch Außerirdische vorkommen. Aber die gute Nachricht ist: Zu einer Promotion in Germanistik hat es auch so gelangt. 

In der Grundschule wurde ich dankenswerterweise an die Werke Otfried Preußlers herangeführt - zunächst mit Die kleine Hexe (1957) und Der kleine Wassermann (1956; dass mir damals der "Wassermann", obwohl die Story doch eher bieder ist, mehr zusagte als die "Hexe", sollte man eventuell mal unter Gender-Gesichtspunkten untersuchen...) und dann vor allem mit dem Räuber Hotzenplotz (1962). Das war, soweit ich mich erinnern kann, das erste Buch, das mich wirklich begeistert hat. Die beiden Folgebände (1969/73) las ich dann aus eigenem Antrieb in meiner Freizeit, später auch noch andere Werke von Preußler, von denen mich besonders Krabat (1971) gefesselt und fasziniert hat. 

Letzteres Buch hatte ich aus der Bücherei  des Dorfes, in dem ich meine Kindheit verlebt habe. Diese Bücherei, die von der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde betrieben wurde, hatte eine ziemlich anständig sortierte Kinder- und Jugendbuchabteilung, aus der ich mir nach und nach bestimmt so um die 20 bis 30 Bände Karl May besorgte. Leider nur in der durchgreifend bearbeiteten Bamberger Ausgabe, aber man wusste es damals ja nicht besser. Mir ist noch erinnerlich, dass mich von Mays Winnetou-Trilogie damals vor allem der zweite Band begeisterte. Was komisch ist, denn aus erwachsener Sicht und mit einem erfolgreich abgeschlossenen Germanistikstudium im Rücken würde ich sagen, dass nach objektiven Kriterien Winnetou I erheblich besser ist als die beiden anderen Bände. Der ist kompositorisch aus einem Guss, während Winnetou II und III mehr oder weniger schlampig aus zuvor schon in Zeitschriften veröffentlichten kürzeren Erzählungen zusammengeschustert sind. Was lernen wir daraus? Vermutlich, dass dem kindlichen Leser die kompositorische Qualität eines Romans eher egal ist, solange die einzelnen Handlungselemente nur spannend genug sind. Und da hat Winnetou II ja nun Einiges zu bieten: Old Shatterhand als Detektiv; den im Sinne der Handlungslogik zwar "guten", aber gleichzeitig unheimlichen Charakter "Old Death"; den Ku-Klux-Klan; in der zweiten Romanhälfte dann Old Firehands "Festung"; den Knaben Harry, der in der Erstfassung noch ein Mädchen namens Ellen war; Parranoh, den "weißen Häuptling der Poncas"; und natürlich die Rückblenden-Erzählung von Winnetous einziger und unerfüllter großer Liebe. Also, meine Herrn! -- Auch machte sich offenbar schon damals meine katholische Erziehung bemerkbar, denn auch Mays Marienkalender-Geschichten, die von der Kritik fast einhellig verabscheut werden, kamen bei mir gut an. Natürlich wurden sie in der Bamberger Ausgabe - ebensowenig wie in den vorangegangenen Freiburger und Radebeuler Ausgaben - nicht als "Marienkalendergeschichten" gekennzeichnet und erschienen auch nicht en bloc, sondern, gemischt mit anderen kurzen Erzählungen des Autors, verteilt auf die Bände Sand des Verderbens und Auf fremden Pfaden; aber jedenfalls geht es in den Marienkalendergeschichten fast immer darum, Zweifler, Spötter oder Andersgläubige von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen. Es mag wohl sein, dass es mich mit ungefähr zehn Jahren gewundert hat, solche Inhalte in Abenteuergeschichten vorzufinden; gestört hat es mich jedenfalls nicht

Während eines Urlaubs - ich mag wohl so elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein - entdeckte ich in der Hotelbibliothek zu meinem Entzücken einige May-Bände, die es in der evangelischen Pfarrbibliothek meines Heimatdorfs nicht gab und die ich daher noch nie gesehen hatte. Leider ebenfalls Bamberger Ausgabe. Ich wählte den Band Zobeljäger und Kosak als Urlaubslektüre - nicht ahnend, dass das Buch in dieser Form allenfalls indirekt als von Karl May verfasst gelten kann: Es handelte sich um eine freie Bearbeitung der in Sibirien spielenden Passagen von Mays wirrem und ausuferndem Fortsetzungsroman Deutsche Herzen, deutsche Helden, der allerlei Abenteuer auf vier verschiedenen Kontinenten miteinander verknüpft. Eine besonders "brillante" Idee der Bearbeiter bestand darin, das Heldentrio der Sibirien-Handlung - den dicken Sam Barth und seine hageren "Sidekicks" Jim und Tim Snaker - durch die aus den Winnetou-Romanen bekannten Figuren Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker zu ersetzen; ggen Ende des Bandes taucht sogar Old Firehand in Sibirien auf. Aber sei's drum: Damals fand ich das Buch unterhaltsam. 

Ungefähr zur selben Zeit hatte ich einen Klassenlehrer, der meinte, mich von meiner Vorliebe für Karl May kurieren zu müssen, indem er mir etwas "Besseres" anbot. Darum empfahl er mir die Indianerromane von Fritz Steuben und lieh mir sogar eins aus seinen eigenen Beständen: Schneller Fuß und Pfeilmädchen (1935). Das Tragikomische daran war, dass der Lehrer zwar in der SPD war, der von ihm als "besser als Karl May" eingestufte Autor Steuben (eigtl. Erhard Wittek, 1898-1981) jedoch ein in der Wolle gefärbter Nazi war, der seine Indianerromane explizit zu dem Zweck geschrieben hatte, eine rassenideologisch "korrekte" Alternative zum in dieser Hinsicht etwas anrüchigen Karl May zu schaffen. Das wusste ich zwar damals nicht, aber wenn ich schon damals etwas "ideologiekritischer" gewesen wäre, hätte ich es anhand des mir ausgeliehenen Bandes vermutlich gemerkt. Die Titelfiguren von Schneller Fuß und Pfeilmädchen sind zwei blonde, blauäugige Kinder, die von Indianern entführt werden und fortan bei ihnen aufwachsen; und bald zeigt sich, dass sie in puncto Indianersein den echten Indianern weit überlegen sind.

Wesentlich positivere Erinnerungen habe ich an ein anderes Buch, das mir, wenn ich mich nicht irre, derselbe Lehrer empfohlen hat - ein Wikingerbuch von Günter Sachse. Es gibt deren zwei - Wikingerzeit (1977) und Wikinger zwischen Hammer und Kreuz (1979) -, aber ich habe nur eins gelesen und weiß nicht mehr mit Sicherheit, welches der beiden es war. Jedenfalls war einer der Protagonisten ein Junge mit einem verkrüppelten Fuß, der aufgrund dieser Behinderung ein Außenseiter in dieser archaischen Kriegergesellschaft ist und dem Leser dadurch strukturell am nächsten steht. Dieser erzähltechnische Kniff hat mir schon damals ausgesprochen gut gefallen, und davon abgesehen hatte ich enormen Spaß daran, dass die (historischen) Wikingerkönige so skurrile Namen wie Harald Blauzahn und Sven Gabelbart trugen.

Vom selben Autor gab es in der evangelischen Pfarrbücherei ein Buch über die Meuterei auf der Bounty, und das habe ich ebenfalls mit Begeisterung gelesen. Es war gleichermaßen gut recherchiert und spannend erzählt.

Durch meine knapp fünf Jahre ältere Schwester geriet ich an Fantasyromane von Wolfgang und Heike Hohlbein. Den Hohlbein-Klassiker Märchenmond (1982), für den meine Schwester schwärmte, fand ich zwar eher doof (und für mich heißt das Buch bis heute Mädchenmond, obwohl der Protagonist - entgegen meiner Erinnerung - ein Junge ist), aber einige andere Hohlbein-Bücher habe ich durchaus mit Genuss gelesen. Bleibenden Eindruck hinterließen bei mir vor allem Die Heldenmutter (1985) und Die Töchter des Drachen (1987). Letzteres Buch entdeckte ich über ein Jahrzehnt später auf einem Flohmarkt wieder und kaufte es für zwei Euro, und beim erneuten Lesen war ich überrascht, wie schlecht es geschrieben ist. Ich finde Wolfgang Hohlbeins Stil scheußlich. Aber mit elf Jahren (oder so) hat mich das offenbar nicht sonderlich gestört; da war ich mit der abenteuerlichen, aus Fantasy- und Science-Fiction-Elementen zusammengesetzten, düsteren und etwas unverständlichen Handlung vollauf zufrieden.

Jetzt, wo ich's sage, beschleicht mich der Eindruck, dass ich damals tatsächlich ein Faible für Romane hatte, deren Handlung ich nicht ganz verstand - sofern sie nur phantastisch und/oder abenteuerlich genug war. Gerade das Unverständliche trug dazu bei, dass man in diese Romane eintauchen konnte wie in einen Traum: mit dem Protagonisten durch eine rätselhafte Landschaft irren wie durch ein permanentes Halbdunkel, aus dem einzelne dramatische Ereignisse grell beleuchtet hervorstechen.

Man könnte denken, so gesehen müsste Die unendliche Geschichte (1979) von Michael Ende das perfekte Buch für mich gewesen sein. Allerdings las ich das erst, nachdem ich Wolfgang Petersens Verfilmung des ersten Teils gesehen hatte; und dann war ich - wie das wohl häufig der Fall ist - erst mal irritiert von allem, was im Film anders gewesen war. Zum Beispiel, dass Atréju im Buch grüne Haut hat. Ich glaube, das hat alle irritiert, die zuerst den Film gesehen hatten. Dass das Buch an der Stelle, an der die Handlung des Films endet, im Grunde erst so richtig losgeht, war ebenfalls eine Überraschung, die erst mal verdaut sein wollte. Tatsächlich fand ich den zweiten Teil des Buches dann bald sogar besser als den ersten, aber ganz so begeistert, wie man denken könnte, war ich von der Unendlichen Geschichte dennoch nicht. Vielleicht war sie mir einfach zu sophisticated und, ganz gegen die erklärte Absicht des Verfassers, auch zu pädagogisch. Vielleicht war ich auch zu jung und hätte lieber erst mal Momo (1973) lesen sollen. Habe ich aber nicht, bzw. erst viel später. Deshalb gehört es nicht hierher, aber: DAS Buch rührt mich heute noch zu Tränen.

Viel besser fand ich damals das zugegebenermaßen viel simpler gestrickte Die Brüder Löwenherz (1973) von Astrid Lindgren. Sicher hat jeder Lindgren-Leser so seine speziellen Favoriten unter den zahlreichen Buchreihen und Einzelwerken der Autorin, aber was ihre Fantasy-inspirierten Abenteuergeschichten "für Jungs" angeht, scheint mir, dass es eine "Mio, mein Mio"- und eine "Brüder Löwenherz"-Fraktion gibt. Ich war in der "Brüder Löwenherz"-Fraktion. Mio, mein Mio (1954) habe ich erst im Erwachsenenalter gelesen, und es ist brillant; aber ich glaube, hätte ich es schon als Kind gelesen, hätte ich Die Brüder Löwenherz trotzdem besser gefunden. Weil es irgendwie "härter" und düsterer ist. Kritiker haben dem Buch vorgeworfen, darin würde der Selbstmord glorifiziert oder zumindest verharmlost. Da kann ich nur sagen: Das hat man von den Leiden des jungen Werthers auch behauptet.

Um die - wie ich sie an anderer Stelle mal nannte - "realistisch-aufklärerisch-emanzipatorische (oder kurz: sozialpädagogische) Schule" der Kinder- und Jugendliteratur machte ich seinerzeit eher einen Bogen - mit Ausnahmen; über Christine Nöstlingers Gretchen Sackmeier-Trilogie (1981/83/88) habe ich mich ja schon mal ausführlich geäußert. Nicht unerwähnt lassen möchte ich jedoch eine Buchreihe, die zwar durchaus nicht "aufklärerisch-emanzipatorisch", aber immerhin in dem Sinne "realistisch" war, dass sie in der wirklichen Welt und weder in exotischer Ferne noch in einer vergangenen historischen Epoche spielte (es sei denn, man betrachtet die Adenauer-Ära als eine solche): die Burg Schreckenstein-Reihe von Oliver Hassencamp. Die ist mittlerweile so oll, dass ich mir vorstellen kann, dass sie kaum noch jemand kennt, daher hier ein paar Worte dazu, worum es ging: Eine Jungenschule wird, da das alte Schulhaus hoffnungslos marode ist, als Internat auf eine alte Ritterburg ausgelagert, und die Protagonistengruppe unter den Schülern entdeckt alsbald Rittersaal und Folterkammer (mit echtem Skelett!) als Treffpunkt für nächtliche Zusammenkünfte. In nahezu jedem Band ergibt sich zudem eine Gelegenheit für die Jungs, Detektiv zu spielen. Da dem Autor wohl bald bewusst wurde, dass es auf die Dauer unbefriedigend wird, wenn in seinen Romanen keine Mädchen vorkommen, kommt schon in einem der ersten Bände ein benachbartes Mädcheninternat mit dem herrlich gender-unsensiblen Namen Rosenfels mit ins Spiel. Überhaupt ist die Reihe auf eine wunderbar altbackene Weise politisch inkorrekt: Die Jungs treiben viel Sport, verdrücken unfassbare Mengen an Essen, waschen sich nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt und tragen Spitznamen wie "Dampfwalze" und "Mücke", die Mädchen sind eher etepetete (aber ganz ohne sie geht's eben auch nicht). Als ich aufs Gymnasium kam, entdeckte ich, dass die im Schulgebäude untergebrachte Stadtbücherei ganze Regalmeter voller Schreckenstein-Bücher führte; man muss allerdings gestehen, dass die 1959 begonnene und erst 1988 (nach dem Tod des Autors) eingestellte Reihe mit zunehmender Dauer nicht unbedingt besser wurde. Aber mindestens die ersten sieben Bände habe ich mit großem Vergnügen gelesen.

Und dann geistert mir noch ein Buch im Kopf herum, von dem ich mich leider weder an den Titel noch an den Autor erinnern kann und das ich hier schon allein deshalb erwähnen muss, weil mir vielleicht jemand, der dies liest, auf die Sprünge helfen kann. Es handelte sich um ein Exemplar des von mir damals normalerweise nicht sehr geschätzten Genres "Problembuch", will sagen, es ging um Gewalt und - wenngleich der Begriff damals noch nicht gebräuchlich war - "Mobbing" unter Schülern. Was mich damals vermutlich hauptsächlich dazu veranlasste, es zu lesen, war der Umstand, dass die Hauptfigur ein neu an den Ort und in die Schule gekommener, schroff und verschlossen wirkender Junge war, der - zumindest nach Meinung des Ich-Erzählers - aussah wie ein Indianer. Weiß irgend jemand, welches Buch ich meine? (Die Erzählkonstruktion, dass es einen Ich-Erzähler gibt, der nicht die Hauptfigur ist, war übrigens auch eine neue Erfahrung für mich.)

Als ich so ungefähr 14 war, schenkte mir der damalige Freund meiner Schwester das Buch Die neuen Leiden des jungen W. (Suhrkamp-Ausgabe 1976) von Ulrich Plenzdorf - nicht zum Geburtstag oder dergleichen, sondern einfach so, weil er meinte, das wäre was für mich. Diese Geste hat mich stark beeindruckt, und das Buch selbst in der Folge dann auch. Ich schätze, dieses Lektüreerlebnis hat meiner Vorliebe für das Fantasy-Genre ziemlich nachhaltig den Garaus gemacht und mein Leseinteresse in eine neue Richtung gelenkt. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein Andermal erzählt werden...


Dienstag, 5. März 2013

Die kluge Bauerntochter und die Homo-Ehe

Der einst als konservative Hardliner verschrieene Wolfgang Schäuble plädiert neuerdings für die rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften mit der Ehe. Warum? Weil die CDU, wenn sie Volkspartei bleiben wolle, "veränderte Realitäten zur Kenntnis nehmen" müsse. Nun gut: Das Zur-Kenntnis-Nehmen von Realitäten ist stets ratsam, nicht nur in der Politik; und seine Meinung zu ändern, ist an und für sich auch nichts Ehrenrühriges. Letzteres scheint aber - gerade in der Politik - Mancher zu glauben oder zu fürchten: Eine Meinungsänderung kommt dem Eingeständnis nahe, sich in der Vergangenheit geirrt zu haben. Das ist für Politiker nicht unproblematisch. Da sagt man dann lieber, nein, nicht die Meinung (die eigene oder gar die der angepeilten Wählerschaft) habe sich geändert, sondern die Realitäten. - Aber was für Realitäten sollen das denn sein, die sich in einer Weise geändert haben, dass es früher richtig war, gegen die Homo-Ehe zu sein, und jetzt richtig ist, dafür zu sein?

Als sehr lehrreich in Hinblick auf diese Frage empfinde ich eine Passage des Grimmschen Märchens "Die kluge Bauerntochter" (KHM 94), die ich hier der Einfachheit halber mal wörtlich zitieren möchte:

"Nun waren etliche Jahre herum, als der Herr König einmal auf die Parade zog, da trug es sich zu, daß Bauern mit ihren Wagen vor dem Schloß hielten, die hatten Holz verkauft; etliche hatten Ochsen vorgespannt, und etliche Pferde. Da war ein Bauer, der hatte drei Pferde, davon kriegte eins ein junges Füllchen, das lief weg und legte sich mitten zwischen zwei Ochsen, die vor dem Wagen waren. Als nun die Bauern zusammenkamen, fingen sie an sich zu zanken, zu schmeißen und zu lärmen, und der Ochsenbauer wollte das Füllchen behalten und sagte, die Ochsen hättens gehabt: und der andere sagte nein, seine Pferde hättens gehabt, und es wäre sein. Der Zank kam vor den König, und er tat den Ausspruch, wo das Füllen gelegen hätte, da sollt es bleiben; und also bekams der Ochsenbauer, dems doch nicht gehörte. Da ging der andere weg, weinte und lamentierte über sein Füllchen. Nun hatte er gehört, wie daß die Frau Königin so gnädig wäre, weil sie auch von armen Bauersleuten gekommen wäre: ging er zu ihr und bat sie, ob sie ihm nicht helfen könnte, daß er sein Füllchen wiederbekäme. Sagte sie 'ja, wenn Ihr mir versprecht, daß Ihr mich nicht verraten wollt, so will ichs Euch sagen. Morgen früh, wenn der König auf der Wachtparade ist, so stellt Euch hin mitten in die Straße, wo er vorbeikommen muß, nehmt ein großes Fischgarn und tut, als fischtet Ihr, und fischt also fort und schüttet das Garn aus, als wenn Ihrs voll hättet,' und sagte ihm auch, was er antworten sollte, wenn er vom König gefragt würde. Also stand der Bauer am andern Tag da und fischte auf einem trockenen Platz. Wie der König vorbeikam und das sah, schickte er seinen Laufer hin, der sollte fragen, was der närrische Mann vorhätte. Da gab er zur Antwort 'ich fische.' Fragte der Laufer, wie er fischen könnte, es wäre ja kein Wasser da. Sagte der Bauer 'so gut als zwei Ochsen können ein Füllen kriegen, so gut kann ich auch auf dem trockenen Platz fischen.'"
Dem Bauern im Märchen bekommt sein geborgter Fürwitz freilich schlecht, er wird verhaftet und gefoltert, bis er verrät, wer ihm den Rat zu dieser Demonstration gegeben hat. Heutzutage müssten unsere Könige vermutlich zu keinen solchen Zwangsmaßnahmen greifen; die öffentliche Meinung würde dem Bauern schon von allein heftig genug ins Gesicht schlagen. Reaktionär sei seine Auffassung, würde es heißen; sie verrate Bovophobie, ja geradezu einen pathologischen Hass auf Ochsen. Dass ein Ochsenpaar sehr wohl ein Fohlen zur Welt bringen könne, würden die erbosten Mitbürger nun wohl nicht direkt behaupten wollen, allerdings aber, dass ein Ochsenpaar dasselbe Recht auf ein Fohlen habe wie ein Pferdepaar. Weil der vermeintliche Unterschied zwischen Pferd und Ochse ohnehin nur auf überkommenen gesellschaftlichen Konventionen beruhe, die es endlich zu überwinden gelte - auch und nicht zuletzt im Interesse des Fohlens, damit es sich, wenn es groß werde, selbst entscheiden könne, ob es ein Pferd oder ein Ochse werden will.

Veränderte Realitäten? Ich sehe da eher eine schwindende Bereitschaft, unveränderte Realitäten als solche anzuerkennen...

(Disclaimer: Da mir erst jüngst - übrigens aufgrund von Äußerungen, die mit dem Thema Homosexualität überhaupt nichts zu tun hatten - "Schwulenfeindlichkeit" unterstellt wurde, möchte ich vorsorglich darauf hinweisen, dass mit diesem Artikel keine "homophobe" Tendenz beabsichtigt ist. Ich bin allerdings auch nicht der Meinung, dass die - im Grundgesetz verankerte - Privilegierung der Ehe gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens "schwulenfeindlich" ist. Gegenteilige Meinungen sind mit bekannt und achte ich. -- Allzu detailliert allegorisch ausdeuten sollte man meinen Vergleich mit dem Märchen übrigens möglichst auch nicht.)

Sonntag, 14. Oktober 2012

Mittelalter, Mittelalter - hey, hey!

Wie kommt es, dass in diesem Blog noch nichts über den Marsch für das Leben zu lesen war? - Die Antwort lautet: weil ich dabei war. Ich weiß, es gibt Bloggerinnen und Blogger, die waren ebenfalls da und haben trotzdem darüber geschrieben, und zwar sogar sehr zeitnah und gut (siehe z.B. hier, hier und hier). Aber mich würde das überfordern. Ich finde es immer schwierig, an einem Ereignis teilzunehmen und es gleichzeitig zu beobachten. Eine Erfahrung, die seit dem Aufkommen der ersten Camcorder vielen Menschen vor allem im Zusammenhang mit ihrem Urlaub vertraut sein dürfte:  Da läuft man wochenlang mit der Kamera vorm Gesicht durch die Weltgeschichte, um sich dann zu Hause vo dem Fernseher in Ruhe anzusehen, wo man war und wie schön der Urlaub gewesen ist; und dann muss man feststellen, dass man in seinen eigenen Urlaubserinnerungen selbst gar nicht vorkommt.

Ich gebe zu, der Vergleich hinkt ein wenig, aber den wollte ich schon immer mal bringen; da zumindest kann ich jetzt einen Haken dran machen. Doch zurück zum Thema: Beim Marsch für das Leben war mir die Teilnahme am Ereignis selbst erheblich wichtiger als die Beobachtung des Ereignisses zu Dokumentationszwecken. (Womit ich, ich betone es nochmals, niemandem, der darüber berichtet hat, unterstellen will, er habe nicht richtig "teilgenommen"; es hat ja nicht jeder diese Kompatibilitätsprobleme...) Ganz gut beobachten konnte ich dabei allerdings das kleine Häuflein der Gegendemonstranten. Nach allem, was ich im Vorfeld so gehört und gelesen hatte, war ich überrascht und beinahe enttäuscht von der geringen Zahl der Protestler, aber die Dümmlichkeit und Plattheit ihrer Parolen übertraf meine Erwartungen noch. Interessant fand ich auch, dass, während die Teilnehmer am Marsch für das Leben hinsichtlich Alter, Herkunft und allgemeinem Erscheinungsbild eine sehr bunt gemischte Truppe bildeten, die Gegendemonstranten ein sehr viel homogeneres Bild abgaben: Mit ganz wenigen Ausnahmen waren sie schätzungsweise zwischen Mitte 20 und Mitte 30, weiß (mir fällt gerade nicht ein, wie das auf politically correct heißt) und trugen teils mehr, teils weniger deutlich Punk-inspirierte Kleidung und Frisuren.

Während der Kundgebung am Bundeskanzleramt konnte ich die Gegendemonstranten von meinem Standort aus allerdings noch gar nicht sehen, sondern nur (undeutlich) hören, und das blieb auch auf den ersten Metern des eigentlichen Marsches so. Der erste Demo-Gegner, den ich tatsächlich zu Gesicht bekam, wirkte auf den ersten Blick wie ein zufälliger Passant, rief dem Demonstrationszug dann jedoch zu: "Mittelalter, Mittelalter - hey, hey!" Einige junge Frauen auf der anderen Straßenseite stimmten in diesen Ruf ein; im weiteren Verlauf des Marsches sollte man ihn noch oft zu hören bekommen.

Bei mir warf dieser Schlachtruf mehrere Fragen auf. Zunächst einmal die, was genau die Gegendemonstranten denn so "mittelalterlich" am Marsch für das Leben fanden. Ist es mittelalterlich, sich für das Lebensrecht aller Menschen einzusetzen, auch solcher mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten und auch solcher, die von ihren Eltern nicht gewollt werden? Oder nahmen die Protestler am religiösen Hintergrund des Schweigemarsches Anstoß, an den weißen Holzkreuzen, die das Erscheinungsbild des Zuges prägten? Ist es "Mittelalter", wenn Christen sich in einer öffentlichen Demonstration zu ihrem Glauben bekennen? Müsste man demnach ähnliche Protestrufe auch beispielsweise bei einer Fronleichnamsprozession erwarten? - So oder so, die womöglich noch interessantere Frage, die sich mir aufdrängte, lautet: Wieso glauben die Gegendemonstranten, dass "Mittelalter" ein Schimpfwort oder eine Beleidigung wäre? Eine Diskussion mit den den Krakeelern über ihr Mittelalterbild wäre theoretisch vielleicht reizvoll gewesen, aber praktisch gab es kaum die Möglichkeit dazu.

Aufschlussreich ist in diesem Kontext der Text eines Sprechchors, der den Marsch für das Leben an einer anderen Straßenecke empfing:


"Hexenverbrennung, Inquisition - das ist christliche Tradition!"

Es liegt nahe, hier einen Zusammenhang mit den "Mittelalter, Mittelalter!"-Rufen zu vermuten, auch wenn man aus historischer Sicht Einwände erheben könnte: Die große Welle der Hexenverfolgungen in Mitteleuropa fand nicht im Mittelalter, sondern in der Neuzeit statt, und dasselbe gilt im Wesentlichen auch für das Wirken der Heiligen Inquisition. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass die Gegendemonstranten das so genau nicht nehmen; die sind vermutlich, ohne sich dessen recht bewusst zu sein, Anhänger der These vom Langen Mittelalter, die argumentiert, mentalitätsgeschichtlich habe das Mittelalter bis weit in die Neuzeit fortgewirkt, so etwa bis zur Französischen Revolution. - Übrigens dürfte es durchaus einen tieferen Sinn gehabt haben, dass die Leute, die am Straßenrand lautstark ein "Recht auf Abtreibung" propagierten, es für gut fanden, die Teilnehmer des Marsches für das Leben an die Hexenverfolgungen zu erinnern. Mir fällt dazu der 1989er Abtreibungsprozess im oberpfälzischen Memmingen ein, der seinerzeit großes Aufsehen erregte: In den Medien wurde dieser Prozess vielfach als "moderne Hexenjagd" gescholten, der SPIEGEL steuerte ein eindrucksvolles Titelbild bei. Vermutlich hat die gern gezogene Parallele zwischen strafrechtlicher Verfolgung von Abtreibung einerseits und Hexenverfolgung andererseits sogar einen Anknüpfungspunkt in der historischen Realität: Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass unter den Frauen, die in der frühen Neuzeit der Hexerei bezichtigt und deshalb hingerichtet wurden, auch solche waren, die Abtreibungen vornahmen.


Aber diesen Punkt will ich jetzt und hier nicht vertiefen. Auch unabhängig vom Abtreibungsthema sind Inquisition und Hexenverfolgung - neben den Kreuzzügen, die indes tatsächlich im Mittelalter stattfanden - unverkennbar die Klassiker eines antiklerikal verzerrten Mittelalterbildes, das sich, unterstützt durch einschlägige Historienromane, -filme und populärwissenschaftliche TV-Magazine à la Terra X, einer erstaunlichen Verbreitung und Beliebtheit erfreut. Seine ganze Brisanz entfaltet dieses Mittelalterbild freilich erst dann, wenn man der Katholischen Kirche im selben Atemzug unterstellt, mentalitätsmäßig noch heute mit beiden Beinen fest in diesem imaginären Mittelalter verwurzelt zu sein. Exemplarisch zu beobachten war das jüngst anlässlich der Klage des Heiligen Stuhls gegen das geschmacklose Papst-Cover der Titanic: Im Vorfeld der angesetzten Verhandlung vor dem Hamburger Landgericht - die dann gar nicht stattfand, weil die Klage quasi im letzten Moment zurückgezogen wurde - kündigte die von Titanic-Redakteuren gegründete Spaßpartei Die PARTEI an, einen Mittelaltermarkt veranstalten zu wollen, der, wie es hieß "die Lebenswelt des Papstes" illustrieren sollte: "Neben Auftritten von Jongleuren und Feuerspuckern soll den Besuchern auch die Möglichkeit geboten werden, symbolisch eine Hexe zu verbrennen oder sich an den Pranger zu stellen." Was haben wir gelacht.

Dass ein derartiges Veranstaltungsangebot mit der "Lebenswelt des Papstes" tatsächlich nicht das Geringste zu tun hat, dürfte eigentlich jedem klar sein, vermutlich sogar den Veranstaltern selbst. Eine tolle Marketing-Maßnahme für Titanic und PARTEI wäre so ein Mittelaltermarkt, wenn er denn stattgefunden hätte, aber wohl trotzdem gewesen, schließlich erfreuen sich Mittelaltermärkte seit Jahren einer enormen Beliebtheit. Was nun wieder ein sonderbar ambivalentes Licht auf das populäre, scheinbar so negativ besetzte Mittelalterbild wirft. Wenn das Mittelalter so "finster" war, warum wollen die Leute dann ihre Freizeit darin verbringen? Gut, für viele Besucher von Mittelaltermärkten ist dieses befristete Eintauchen in eine (wenn auch imaginäre) Vergangenheit wohl lediglich ein skurriler kleiner Spaß, ein bisschen Urlaub vom Alltag, und hinterher ist man dann vielleicht doch ganz froh, wieder in die Gegenwart zurückkehren zu können. Es gibt aber auch Leute, die das Ganze wesentlich ernster bzw. wichtiger nehmen. Unter den Besuchern eines durchschnittlichen Mittelaltermarktes mögen die in der Minderheit sein, aber ohne sie, wage ich zu behaupten, gäbe es dieses Veranstaltungsformat gar nicht, zumindest nicht in diesem Ausmaß. Ich war vor einigen Jahren ausgesprochen verblüfft, festzustellen, dass es in Deutschland (und, so steht zu berfürchten, auch anderswo) eine vielleicht kleine, aber dafür umso aktivere Subkultur von Hobbyrittern und -burgfräuleins gibt, die viel Zeit, Geld und Mühe aufwenden, um sich aus wie auch immer zweifelhaften Quellen über mittelalterliche Kleidung, Musik, Speisen und Getränke und überhaupt mittelalterlichen "Lifestyle" kundig zu machen und dann noch mehr Zeit, Geld und Mühe darauf verwenden, sich solche Gewänder zu schneidern oder schneidern zu lassen, auf nach mittelalterlichem Vorbild gebauten Musikinstrumenten mittelalterliche Melodien zu klimpern, mittelalterliche Mähler zu verspeisen, in Live-Rollenspielen imaginären Drachen oder aber einander aufs Haupt zu hauen und in geschwollenem Deutsch zu radebrechen, das sie womöglich für Mittelhochdeutsch halten, das aber tatsächlich eine krude Mischung aus Lutherbibel-Deutsch, Hochbarock und witzig sein sollenden Neologismen darstellt. Sie können stundenlang über den Saum eines Gewandes streiten und bilden sich ein, sie hätten etwas vom Mittelalter verstanden, wenn sie herausgefunden haben, wie die Saiten einer walisischen Crwth gestimmt waren (oder wie man das Wort Crwth ausspricht).


Die Verbissenheit, mit der diese "Fundis" unter den Mittelalterfreaks um vermeintliche Authentizität ringen, steht natürlich in krassem Widerspruch zum prinzipiell fiktionalen Charakter des Mittelalterbildes, das auf solchen Märkten, in solchen Romanen, Filmen und Rollenspielen transportiert wird. Und es wirkt schon einigermaßen tragikomisch, wenn Menschen, die im 20. oder genau genommen ja sogar schon im 21. Jahrhundert leben, nicht einsehen, dass es das glatte Gegenteil von Authentizität ist, in seiner Freizeit so zu tun, als lebe man in einem anderen Zeitalter.

An und für sich ist die Konstruktion fiktionaler Mittelalterbilder ja durchaus keine neue Erscheinung, und an und für sich ist das auch nicht unbedingt schlimm. Ja, man kann sogar behaupten, "das Mittelalter" als Ganzes sei eine Erfindung späterer Zeiten. Damit ziele ich nicht etwa auf die berühmt-berüchtigte These vom Erfundenen Mittelalter ab, derzufolge rund drei Jahrhunderte europäischer Geschichtsschreibung schlicht gefälscht seien und es beispielsweise Karl den Großen nie gegeben habe; die fällt für mich in eine Kategorie von Verschwörungstheorien, die ich zwar irgendwie hübsch finde, aber nicht ernst nehmen kann. (Ein Dozent für mittelelaterliche Germanistik, bei dem ich in meinem Studium mehrere Seminare genossen habe, erledigte die ganze Theorie einmal mit dem augenzwinkernden Satz "Und die ganzen Bauwerke aus der Zeit gibt es auch nicht wirklich.") Was ich meine, ist, dass es ein nachträgliches Konstrukt ist, die Zeitspanne zwischen Völkerwanderung und Renaissance als eine Epoche namens "Mittelalter" zu betrachten und dieser Epoche bestimmte Charakteristika zuzuschreiben.


Der Begriff "Mittelalter" ( medium aevum) stammt meines Wissens von Petrarca; als er diesen Begriff prägte, war er offenbar der Auffassung, die so bezeichnete Zeit sei vorbei - was damals, also im 14. Jh., auf Florenz und einige andere florierende Handelsstädte Oberitaliens zugetroffen haben mag, auf weite Teile des übrigen Europa aber wohl kaum. Jedenfalls betrachtete der Renaissance-Humanismus das "Mittelalter" als eine Zeit des wissenschaftlichen und kulturellen Niedergangs, eine Zeit, in der die Errungenschaften der Antike verloren gegangen seien und die darum von Unwissenheit und Gewalt, kurz: von Barbarei geprägt gewesen sei; und er selbst, der Renaissance-Humanismus nämlich, habe mit seiner Wiederentdeckung des kulturellen Erbes der Antike dieses dunkle Zeitalter überwunden. Da sich nach der Renaissance auch Barock und Aufklärung, auf jeweils unterschiedliche Weise, auf das Erbe der Antike bezogen und beriefen, verfestigte sich dieses einseitig negative Mittelalterbild, und es ist nur konsequent, dass ein anderes, positiveres Mitelalterbild zuerst in aufklärungskritischen Bewegungen aufkam - erst im Sturm und Drang, massiver und nachhaltiger dann in der Romantik. Das stark idealisierte Mittelalterbild der Romantik wirkte sich das ganze 19. Jh. hindurch aus, und wenn man auch zugeben muss, dass es mindestens ebensosehr wie das Klischee vom "finsteren Mittelalter" ein ahistorisch verzerrtes Konstrukt ist, haben wir der romantischen Mittelalterbegeisterung doch so Manches zu verdanken: so zum Beispiel literarische Meisterwerke wie Novalis' Heinrich von Ofterdingen (1800/02) und Kleists Käthchen von Heilbronn (1807/08), einen Großteil der Wagnerschen Musikdramen und nicht zuletzt eine Vielzahl imposanter neoromanischer und neogotischer Bauwerke, vom 1880 vollendeten Kölner Dom bis hin zu Schloss Neuschwanstein. War das romantische Mittelalterbild ein Missverständnis, dann war es immerhin ein produktives: Die Schöpfer der genannten und anderer Werke verwandelten sich das an, was ihnen am Mittelalter, so wie sie es sahen, entsprach, sie nutzten das Phantasiegebilde "Mittelalter" als Projektionsfläche für ihre eigenen Vorstellungen einer anderen, vielleicht besseren Welt und waren sich möglicherweise sogar sehr bewusst, dass das mehr mit ihrer eigenen Vorstellungswelt als mit einer irgendwann einmal real gewesenen Vergangenheit zu tun hatte.


Ob das, wenn auch auf einem erheblich anderen ästhetischen Niveau, auch auf die heutigen Mittelalterfreaks zutrifft, darüber ließe sich streiten. Entscheidender finde ich aber allemal die Frage, wo sich das populäre Mittelalterbild unserer Gegenwart zwischen aufklärerischer Verdammung des "rückständigen" Mittelalters und romantischer Verklärung einsortiert. Aber ist es überhaupt richtig, von dem, also nur einem, "populären Mittelalterbild unserer Gegenwart" zu sprechen? Gibt es da nicht mehrere verschiedene? Sollte man nicht annehmen, dass die punkig gewandeten Abtreibungsbefürworter am Straßenrand, die "Mittelalter, Mittelalter!" rufen, sobald sie ein Kreuz sehen, ein substantiell anderes Mittelalterbold haben als jene Zeitgenossen, die Mittelalter-Rollenspielen frönen und sich dabei um die Authentizität ihres Kostüms sorgen? - Könnte man meinen, aber ich glaub's eigentlich nicht. Ich glaube, es sind zum Teil sogar dieselben Leute.


Klar ist: Wer die Kirche als "mittelalterlich" kritisiert, will sie damit als rückständig, unaufgeklärt, ja anti-aufklärerisch kennzeichnen und stellt sich damit in die Tradition des Mittelalterbildes der Aufklärung. Wollte man nun annehmen, die passionierten Hobbyritter und -burgfräuleins seien demgegenüber die Erben der Romantik, dann wäre ja zu vermuten, dass sie auch das, was die Erben der Aufklärung an der Kirche so "mittelalterlich" finden, zu schätzen wissen und scharenweise in die tridentinische Messe laufen. Das wäre mir aber neu.

Aber ganz im Ernst: Die Vorliebe der Romantiker für das Mittelalter war zu einem nicht unwesentlichen Teil dadurch motiviert, dass das Mittelalter - im Unterschied zur Antike - ein christliches Zeitalter war. So schrieb Novalis in Die Christenheit oder Europa (1799):
"Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs."
Das sieht die heutige Mittelalter-Szene aber ganz anders. Christliches Zeitalter? Ja, woher denn? Bei den einfachen Leuten ist das Christentum doch gar nicht angekommen, war ja alles in Latein, das verstand doch keiner; und außerdem waren die Pfaffen viel zu beschäftigt damit, Landbesitz anzuhäufen, Jungfrauen zu schänden und Ketzer zu verbrennen. Das jedenfalls ist der Eindruck, den man gewinnt, wenn man einen beliebigen Mittelalter-Taschenbuchroman zur Hand nimmt oder dessen wahlweise vom ZDF oder von Sat1 produzierte TV-Verfilmung (mit ehemaligen GZSZ-Sternchen in den Hauptrollen und Uwe Ochsenknecht als Bösewicht) ansieht. Das dort dargestellte Mittelalter ist ganz entschieden nicht das Goldenen Zeitalter der Christenheit, von dem die Romantik träumte, sondern punktgenau das finstere, barbarische Mittelalter der Aufklärung, und wenn davon eine solche Faszination ausgeht, dass nicht nur diese Bücher und Filme, sondern eben auch Mittelaltermärkte und Mittelalter-Rollenspiele immer populärer werden, lässt sich das wohl nur mit Freuds Begriff des Unbehagens in der Kultur erklären: mit der tief verwurzelten, wenn auch letztlich uneingestandenen Sehnsucht des aufgeklärten Menschen nach vor-aufgeklärten Zuständen. - Wo in solchen Storys mal ein positiv gezeichneter Geistlicher vorkommt, da muss es schon ein unkonventioneller Außenseiter sein, der - als eine Art mittelalterlicher Vorläufer heutiger "Pfarrerinitiativen" - permanent mit seinen Vorgesetzten im Clinch liegt, dem in aller Regel ausgesprochen sündhaften Treiben der Protagonisten mit Nachsicht begegnet und auch schon mal an seinem Glauben zweifelt.

Im Einklang mit dieser antiklerikalen Tendenz trivialer Historienromane - die, wie mir scheint, auf den Kulturkampf des späten 19. Jhs. zurückgeht (vgl. Günther Hirschmann, Kulturkampf im historischen Roman der Gründerzeit 1859-1878, München 1978) - sind auch Mittelalter-Rollenspielgruppen usw. in der Regel weniger christlich als neuheidnisch orientiert. Sie selbst würden die Bezeichnung "neuheidnisch" aber vermutlich zurückweisen, da der Begriff ja impliziert, dass das behauptete Anknüpfen an heidnische Traditionen des Mittelalters im Wesentlichen fiktiv ist. Aber wie sollte es anders sein? Schließlich weiß man über die vorchristlichen Religionen West- und Mitteleuropas so gut wie nichts Verlässliches - über die keltische schon sehr wenig, über die germanische noch viel weniger. Was an schriftlichen Quellen aus mittelalterlicher Zeit vorliegt, sei es die Edda, das Mabinogion oder der Táin Bo Cuailgne, stammt praktisch durchweg von christianisierten und zudem vermutlich klassisch gebildeten Autoren, sodass sich nur schwer unterscheiden lässt, was da authentische Überlieferung aus dem germanischen oder keltischen Heidentum, was aus christlicher Überformung und was aus Anleihen bei der klassischen griechisch-römischen Mythologie entstanden ist (die vermeintlich germanischen Nornen etwa sind ziemlich unverkennbar den griechischen Moiren bzw. den römischen Parzen nachempfunden). - Die Mittelalterfreaks kümmert das alles nicht, ihrer vorgeblichen Leidenschaft für Authentizität zum Trotz; sie rühren sich aus germanischen und keltischen Versatzstücken, allgemeinen Klischeevorstellungen über Naturreligionen und eigenen Erfindungen eine Privatmythologie zusammen, die von Fall zu Fall eine unappetitliche Nähe zur Nazi-Esoterik aufweist.

An dieser Stelle muss noch einmal auf die Hexen zurückgekommen werden, die sich, wen wundert's, im populären Mittelalterbild unserer Zeit einer enormen Beliebtheit erfreuen - exemplarisch sei auf die (in der TV-Verfilmung von Natalia Wörner verkörperte) Figur Ellen aus Ken Follets Bestseller Die Säulen der Erde verwiesen. Das populäre, durch zahllose Romane, Filme und auch durch vermeintliche Dokumentationen geisternde Klischee zum Thema Hexenverfolgung sieht in etwa so aus: Bei den so genannten Hexen des europäischen Mittelalters handelte es sich um "weise Frauen", die über ein seit vorchristlicher Zeit mündlich tradiertes Geheimwissen – z.B. über Naturheilkunde – verfügten; die große Hexenverfolgungswelle des Spätmittelalters (bzw. eigentlich der frühen Neuzeit) wurde von der Kirche zu dem Zweck organisiert, diese "heidnische" Überlieferung auszulöschen, die Konkurrenz für die kirchlichen Institutionen, die von den "weisen Frauen" ausging, zu eliminieren und zugleich insgesamt den Einfluss von Frauen in der Gesellschaft zurückzudrängen. Unter den zahlreichen Menschen, die dieser Auffassung anhängen, dürfte den Wenigsten bewusst sein, dass sie praktisch eins zu eins von den Nazis (insbesondere von Heinrich Himmler, der in den mittelalterlichen Hexen Vertreterinnen einer "altgermanischen Urreligion" sah bzw. sehen wollte) übernommen wurde, in neuerer Zeit lediglich ergänzt um einen ausgeprägt feministischen Zug.

Wenn Angehörige dieser verschrobenen Mittelalter-Szene heiraten wollen, dann könnte man denken, sie gehen in den Wald und lassen sich dort von einem Druiden trauen. Ich nehme an, einige tun das auch tatsächlich. Es gibt aber auch andere Fälle. Anno 2003 war ich mal zu einer Mittelalterhochzeit eingeladen; das Brautpaar hatte sich im Internet kennengelernt, und zwar nicht über eins der handelsüblichen Dating-Portale, sondern, man ahnt es schon fast, durch ein Online-Rollenspiel. Diese beiden heirateten nun aber tatsächlich kirchlich, sogar katholisch (aber nicht etwa, was vielleicht ein hübsches Detail gewesen wäre, nach mittelalterlichem Ritus); sie trugen dabei aber Ritter- und Burgfräuleingewänder, auch die Gäste waren angehalten, entsprechend kostümiert zu erscheinen, und die anschließende Feier fand auf einer echten Burg statt. Meine Einladung zu diesem illustren Ereignis verdankte ich meiner damaligen Freundin, die die Braut von der Schule her kannte. Ich kam dann aber nicht mit. Die Fahrt - nach Eltville am Rhein - war mir zu teuer, ich hätte dort kaum jemanden gekannt, und mangels Übernachtungsmöglichkeit hätte ich noch in derselben Nacht wieder zurück fahren müssen. Das war es mir dann doch nicht wert, obwohl ich - als unverbesserlicher Liebhaber alles Bizarren, selbst da, wo es schon weh tut - eigentlich ganz gern dabei gewesen wäre. Diese Veranstaltung hätte sicherlich reiches Anschauungsmaterial für ganze Bände voll essayistischer oder auch belletristischer Betrachtungen über eine bei aller Bescheuertheit doch malerische Spielart psychischer Deformation geliefert. Auf dieses Anschauungsmaterial musste ich nun also verzichten, beschloss aber, darüber schreiben könne ich ja vielleicht trotzdem. Herausgekommen sind dabei einige Gedichte, die ich nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiere...:


Mittelalterhochzeit, Nr. 1

Zu Eltville am deutschen Rheine
Da steht eine Burg so alt
Da brät man gestopfte Schweine
Und singet, dass alles schallt
Von tapferer Helden Taten
Und Jungfern von hohem Sinn
Und während die Schweine braten
Fließt träge der Rhein dahin.

Ohne eitel klingen zu wollen, muss ich sagen, das gefällt mir heute noch ganz gut. Nr. 2 ist hingegen Fragment geblieben:

Mittelalterhochzeit, Nr. 2

Bis hier hat mich die Bahn gebracht
Ich muss ein gutes Stück noch laufen
Ich muss zurück noch in der Nacht
Doch vorher will ich kräftig saufen.
Was mir an diesem Orte blüht
Weiß ich nicht nüchtern zu ertragen
Doch hab ich mich hierher bemüht
So hab ich auch kein Recht zu klagen.
Ich hab's ja selber so gewollt!
Nur weil ich das Bizarre liebe
Hab ich mich nun hierher getrollt - 
Ins Reich der tumben Tagediebe.
Gebt mir ein Stierhorn voll mit Met
Und lasst mich weidlich schmausen --

Tja, an der Stelle wusste ich erst mal nicht weiter und habe das Gedicht dann liegen gelassen. Vielleicht schreibe ich es irgendwann noch fertig. Zwei weitere Verse würden vermutlich genügen, und ich denke mal, der letzte wird auf "Grausen" enden.

Mittelalterhochzeit, Nr. 3

Blaugewirkte
Strümpfe waten
Durch einen Teppich aus
Mist.

Hätte ich damals schon gewusst, was ein Haiku ist, wäre das hier womöglich eins geworden. So stimmt die Silbenzahl nicht ganz, aber ich hatte keine Lust, es noch einmal umzuarbeiten. Einen gewissen Haiku-Touch hat das Gedicht ja auch so, und das reicht mir. Ursprünglich war das mal als ein einzelner Vers gedacht, es sollten weitere folgen, aber als ich den Satz niedergeschrieben hatte, fand ich: Da gibt es eigentlich gar nichts mehr hinzuzufügen.

Abschließend: Nummer 4!

Mittelalterhochzeit, Nr. 4

Kennst du das Land, wo die Idioten blüh'n?
Wo lächerlich Gewandete in hellen Scharen zieh'n?
Wo Leiern traulich klimpern
Und Stierhörner schäumen voll Met?
Wo knöcherne Würfel und hölzerne Schwerter
Erschallen von früh bis spät?
Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein
Da schlachten die Heiden ein Schwein.

Kennst du das Land, wo man das Gestern liebt?
Wo es noch tapf're Ritter und holde Jungfern gibt?
Wo linnene Gewänder
Und härene Wämser man webt?
Wo man nach alter Vorväter Sitte
Heute noch lebt und strebt?
Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein
Da könnte ich heute auch sein.

Kennst du das Land, wo der Verstand versagt?
Wo mit dem grauen Heute man sich nicht gerne plagt?
Wo man noch kämpft mit Drachen
Und betet zum Donnerer Thor?
Oder kommt dir das alles
Ein wenig behämmert vor?
Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein --
Ich bleibe doch lieber daheim.


Ganz beachtliche Ausbeute, wenn man bedenkt, dass ich das Ereignis selbst gar nicht miterlebt habe. So gesehen fast schade, dass ich mir diese Expedition ins Pseudo-Mittelalter nicht doch zugemutet habe, wer weiß, was dabei noch so alles herausgekommen wäre. Oder vielleicht - bedenkt man die oben angesprochenen Probleme, die ich damit habe, an einem Ereignis teilzunehmen und darüber zu berichten - auch gerade nicht...

Sonntag, 12. August 2012

Morgen früh, wenn Gott will

Im Zuge der jüngsten Beschneidungsdebatte meldeten sich von atheistischer und/oder religionskritischer Seite verstärkt Stimmen zu Wort, die - unabhängig von der Frage körperlicher Eingriffe - jegliche Form von religiöser Kindererziehung (oder, wie es vielfach genannt wird, "religiöser Indoktrination" von Kindern) scharf kritisierten: Es sei nicht zu rechtfertigen, einem Kind, das noch nicht in der Lage ist, sich frei dafür oder dagegen zu entscheiden, eine religiöse Weltanschauung aufzuzwingen. - Wer Religion insgesamt nichts Positives abgewinnen kann, für den ist eine solche Einstellung zweifellos einigermaßen konsequent - wenngleich sie verkennt, dass Erziehung immer auch weltanschauliche Beeinflussung bedeutet: Wird dem Kind keine religiöse Anschauung "aufgezwungen", dann eben eine nicht- oder sogar antireligiöse; und selbst wenn die Eltern sich redlich bemühen, ihre Erziehung in diesem Punkt "neutral" zu halten, lässt sich ein gewisser Grad an Beinflussung in der Praxis gar nicht vermeiden (einmal ganz davon abgesehen, dass ein Bemühen um "Neutralität" auch ganz einfach in Verwirrung und Orientierungslosigkeit münden kann).

Kritik an religiöser - und speziell christlicher - Kindererziehung hat es selbstverständlich auch schon vor der Beschneidungsdebatte gegeben; und wenn es schon Eltern und Pädagogen gibt, die beispielsweise die Grimmschen Märchen aufgrund ihrer Grausamkeit und zuweilen fragwürdigen Moral als ungeeignet für Kinder ansehen, dann braucht man sich über die Argumente gegen die Vermittlung des christlichen Glaubens an Kinder nicht zu wundern. Das beginnt schon damit, dass im Zentrum der christlichen Erlösungslehre die Kreuzigung Christi steht - was dazu führt, dass ein antikes Folter- und Hinrichtungsgerät als Symbol dieser Religionsgemeinschaft fungiert und dass Kirchen, illustrierte Bibeln usw. voll sind mit Darstellungen eines geschundenen, blutüberströmten Christus. Kann man das einem Kind zumuten? Und die zahllosen Mord- und Totschlagsgeschichten in der Bibel, vor allem im Alten Testament? Und ist nicht die Vorstellung eines allmächtigen und allwissenden Gottes an sich schon geeignet, ein Kind zu traumatisieren? (Vgl. Friedrich Nietzsche, Nietzsche contra Wagner: "'Ist es wahr, daß der liebe Gott überall zugegen ist?' fragte ein kleines Mädchen seine Mutter: 'aber ich finde das unanständig'".)

Gehört hat man diese Argumente alle schon mal, und ich will mich hier nicht damit aufhalten, im Einzelnen auf sie zu antworten. Bemerkenswert finde ich es in diesem Zusammenhang jedoch, dass ich schon mehrfach von jungen Müttern Einwände gegen den Text des bekannten Kinderliedes "Guten Abend, gute Nacht" gehört habe, dessen erste Strophe lautet:

Guten Abend, gute Nacht
Mit Rosen bedacht
Mit Näglein besteckt
Schlupf unter die Deck
Morgen früh, wenn Gott will
Wirst du wieder geweckt.

Während der kryptische Vers "Mit Näglein besteckt" in der Regel allenfalls irritiertes Stirnrunzeln auslöst, entzündet sich die Kritik für gewöhnlich an den beiden letzten Versen. Wie brutal, Kinder damit zu konfrontieren, dass sie am nächsten Morgen womöglich nicht wieder aufwachen - und das auch noch mit Gott in Verbindung zu bringen! - Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass derselbe Gedanke in einem ebenfalls recht bekannten angloamerikanischen Kinder-Nachtgebet noch expliziter ausgesprochen wird:

Now I lay me down to sleep,
I pray the Lord my soul to keep,
If I shall die before I wake,
I pray the Lord my soul to take.

Konfrontiert man die hierüber empörten Mütter mit der Frage, was denn so falsch daran sei, Kindern frühzeitig ein Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit zu vermitteln, wird ihnen wohl erst einmal vor Schreck der Mund offen stehen. Dass man jeden Gedanken an den Tod, ja möglichst das Wissen um die bloße Existenz des Todes so weit und so lange wie möglich von Kindern fernhalten sollte, erscheint ihnen so evident, dass ihnen gar nicht einfiele, das irgendwie zu begründen. Wahrscheinlich kennen sie es aber auch nicht anders, weil sie selbst so erzogen wurden. Der Tod ist eine Art negativer Weihnachtsmann: Es gibt ihn zwar, aber das Kind soll das erst möglichst spät erfahren.

Wenn hierzulande ein Kind zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Tod konfrontiert wird, dann dürfte es sich in den meisten Fällen entweder um den Tod älterer Familienangehöriger - etwa der Großeltern - oder aber um den Tod von Haustieren handeln. Aber wie viele Kinder - gerade in Großstädten - haben noch regelmäßigen Kontakt zu ihren Großeltern? Oder umgekehrt, wie viele Senioren sterben heute noch im Kreis ihrer Familie? Gestorben wird heute im Krankenkhaus oder im Pflegeheim, und dahin müssen besorgte Eltern ihre Kinder ja nicht mitnehmen. Und was die Haustiere betrifft: Liegt der Hamster oder der Wellensittich eines Tages tot im Käfig, während das Kind im Kindergarten, in der Schule oder sonstwie außer Haus ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass viele Eltern den kleinen Kadaver stillschweigend entsorgen und dem Kind später weismachen, das Tier wäre davongelaufen oder -geflogen. Das ist für das Kind nicht unbedingt weniger traurig, aber es erspart den Eltern, das heikle Thema Tod ansprechen zu müssen.

Es liegt auf der Hand, dass Erwachsene, die ihren Kindern gegenüber die Existenz des Todes verleugnen, damit ihre eigene Angst vor dem Tod auf die Kinder projizieren, die diese Angst sonst vermutlich gar nicht hätten. Fragt man Erwachsene, wie sie gern sterben möchten, dann erhält man häufig zur Antwort: Am liebsten möchten sie ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen, tot umfallen. Ohne Vorwarnung mitten aus dem Leben gerissen zu werden, das gilt als guter Tod. Mit anderen Worten: Die Angst vor dem Tod ist so groß, dass die Leute ihm auch dann noch nicht ins Auge sehen wollen, wenn er schon unmittelbar bevorsteht. Sie wollen leben, als ob es keinen Tod gäbe - und das bis zuletzt.

Man muss gar nicht besonders religiös sein, um diese Haltung gegenüber dem Tod - die an das Verhalten kleiner Kinder erinnert, die glauben, wenn sie nur fest genug die Augen schließen, verschwinden die Dinge, vor denen sie Angst haben, von allein - unreif und ein bisschen lächerlich zu finden. Aus christlicher Perspektive kommen jedoch noch allerlei andere Aspekte hinzu. Für den Christen ist der Tod nicht nur ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, sondern sogar ein ganz zentraler - der Übergang zu einem anderen, einem ewigen Leben. Daraus folgt nicht automatisch, dass der Christ mehr oder weniger Angst vor dem Tod hat als der Nichtchrist - denn einerseits erwartet er, dass er nach dem Tod für sein Tun und Lassen auf Erden gerichtet wird, andererseits vertraut er auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes -; in jedem Fall aber ist der Tod für den Christen ein allzu bedeutendes Ereignis, als dass er sich nicht darauf sollte vorbereiten wollen. Berühmt wurden die letzten Worte des Renaissancefürsten und Papstsohnes Cesare Borgia: "Ich habe für alles Vorsorge getroffen im Laufe meines Lebens, nur nicht für den Tod, und jetzt muss ich völlig unvorbereitet sterben." Das memento mori - die permanente Erinnerung daran, dass der Mensch sterben müsse - war vom Mittelalter bis ins Barock allgegenwärtig; so fanden sich Sinnsprüche, die den Gedanken an den Tod wach halten sollten, häufig auf Sonnenuhren, und so erklären sich auch häufige Abbildungen von Gerippen, Totenschädeln usw. in Kirchen, auf Gemälden, Reliefs und Siegeln. Gerade aus der Tatsache, dass der Tod gewiss, sein Zeitpunkt jedoch ungewiss ist, ergab sich nach damaligem Verständnis die Notwendigkeit, jederzeit auf den Tod vorbereitet zu sein. Wie wir gesehen haben, ist diese Auffassung - bedingt vielleicht zum Teil  durch eine stark gestiegene statistische Lebenserwartung, mindestens ebensosehr aber durch das Schwinden des Glaubens an ein Leben nach dem Tod - unmodern geworden. Das heißt aber nicht, dass sie deshalb weniger richtig und beherzigenswert wäre. So gesehen kann man es aus christlicher Sicht eigentlich nur begrüßen, wenn Kinder schon frühzeitig, wenn auch behutsam, an eine Auseinandersetzung mit dem Tod herangeführt werden, beispielsweise etwa durch Schlaflieder oder Nachtgebete wie die oben zitierten.

Ein interessantes Erlebnis in diesem Zusammenhang hatte ich am vergangenen Donnerstag in der St. Antonius-Kirche in Berlin-Friedrichshain. Dort fand eine Messe für Schulanfänger statt, gleichzeitig war es aber eben auch der Gedenktag der hl. Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein), und ich war sehr gespannt, wie Pfarrer Hans-Joachim Birkhahn das unter einen Hut bekommen würde. Tatsächlich gestaltete der Pfarrer dann seine Predigt als eine Art Frage-und-Antwort-Spiel mit den Kindern, und seine erste Frage war, warum er denn wohl heute ein rotes Gewand trage. Einige der anwesenden Kinder bewiesen für ihr Alter sehr beachtliche Kenntnisse, und so kam Pfarrer Birkhahn ganz zwanglos auf das Thema des Martyriums und auf die Vita der Heiligen des Tages zu sprechen. Wer gemeint hätte, solche Themen seien Kindern im Schulanfängeralter nicht zuzumuten, wurde hier eindrucksvoll eines Besseren belehrt.

Ein anderes Beispiel: Zu meiner Erstkommunion vor nunmehr bald dreißig Jahren schenkte meine aus Schlesien stammende Großmutter mir das Buch Fromme Geschichten für kleine Leute von Josef Quadflieg (12. Auflage Düsseldorf 1977), das noch heute einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal hat. Viele der 46 Geschichten in diesem Band sind als moralische Beispielerzählungen angelegt, in anderen geht es ganz konkret um die katholische Sakramentenlehre - und in auffallend vielen geht es um den Tod. Gleich die erste Geschichte, "Gemeinschaft der Heiligen", die den Ausflug einer Schulklasse schildert, beginnt damit, dass die Schüler sich zum Beginn ihres Klassenausflugs am Grab eines ehemaligen Mitschülers versammeln. Der Lehrer erklärt:
"Wir sind seit seinem Tod schon oft an sein Grab gekommen, wenn wir dem Harald etwas sagen mußten, was wir auf dem Herzen hatten. Er gehört ja immer noch zu unserer Klasse, wenn er auch nicht mehr in unseren Bänken sitzt. Denn alle Christen, die Lebenden und die Toten, die im Fegefeuer und die im Himmel, sind eine große Familie, die man die Gemeinschaft der Heiligen nennt. Sie helfen einander und bitten füreinander. So hat Harald bei Gott für uns gebetet, als wir ihm vor drei Wochen erzählten, daß en Kind in unserer Klasse zum Dieb geworden war und ein Federmäppchen gestohlen hatte; und vorige Woche, als die Hannelore so schwer krank war. Alles, was wir dem Harald aus unserer Klasse erzählten, hat er dem lieben Gott weitererzählt." (S. 10)
Gegen Ende des Bandes folgt eine Geschichte, von der ich noch sehr wohl weiß, dass sie mich als Kind eher befremdet hat, die ich heute aber als eine der bewegendsten des Buches empfinde; sie trägt den Titel "Lebe täglich sterben". Darin geht es um einen Jungen, der während eines Familienurlaubs ertrinkt und in dessen Hosentasche man den Totengedenkzettel einer gewissen Frau Lindfart findet, der (auf Lateinisch) die Inschrift "Lerne täglich sterben; es ist die Kunst aller Künste!" trägt. Als die Eltern des verunglückten Knaben seinen Leichnam aus dem Leichenschauhaus abholen, sind sie verhältnismäßig gefasst. Angesichts des Totengedenkzettels erklärt der Vater:
"Die Frau Lindfart ist weder die Mutter noch die Großmutter des Kindes. Sie ist gar nicht mit uns verwandt. Der Junge hat den Zettel zufällig mal bekommen, als er in einer Totenmesse war. Es ging ihm nicht um den Zettel oder die tote Frau. Er hatte sich vielmehr den lateinischen Spruch von seinem Pastor übersetzen lassen. Seitdem hat er sich diesen Spruch als seinen Leitspruch überallhin mitgenommen. Er hat versucht, danach zu leben; so zu leben, daß Gott ihn täglich holen dürfte. Wir haben deshalb auch guten Mut und frohe Hoffnung, daß er wohl jetzt, wo wir diesen unglücklichen Ort verlassen, schon im Himmel ist." (S. 140f.)
Dass mir diese Geschichte kürzlich wieder in den Sinn kam, war bedingt durch die öffentliche Stellungnahme Kardinal Meisners zum aktuellen Gesetzentwurf zur Sterbehilfe. Darin äußerte der Kölner Erzbischof, "[d]as Christentum habe im Mittelalter den Begriff einer 'ars moriendi', der 'Kunst des guten Sterbens' noch gekannt, die immer auch eine Lebenskunst meine: weil sie den Tod nicht verschwiege und verdränge". Dass Kardinal Meisner sich gerade angesichts des Themas Sterbehilfe veranlasst sieht, an die Sterbekunst zu erinnern, die auch eine Lebenskunst sei, erscheint mir ausgesprochen bezeichnend: Die Sterbehilfe-Debatte zeigt, dass die Verleugnung des Todes, die Weigerung, sich dem Tod zu stellen und mit ihm auseinanderzusetzen, paradoxerweise gerade dazu führt, den Selbstmord und die Beihilfe zum Selbstmord konsensfähig zu machen. Anders ausgedrückt: Die Ausblendung des Todes beeinträchtigt auch den Respekt vor dem Leben - dem eigenen wie auch dem der Mitmenschen. Das entbehrt, wenn man einmal darüber nachdenkt, nicht einer gewissen Folgerichtigkeit: Die Unausweichlichkeit des Todes beinhaltet die ultimative Mahnung daran, dass das Leben nicht in der Verfügungsgewalt des Menschen liegt. Aus dem verzweifelten Versuch, diese Wahrheit zu leugnen, resultiert die Absicht, auch den Tod, wenn man ihm schon nicht entgehen kann, wenigstens selbst in die Hand zu nehmen. Für Christen ist dieses Streben des Menschen nach völliger Autonomie in Fragen des Lebens und des Todes (das, wie nur am Rande angemerkt sei, neben dem Thema Sterbehilfe auch das Thema Abtreibung betrifft) unannehmbar, und nicht zuletzt deshalb tun Christen gut daran, an dem so unpopulär gewordenen memento mori festzuhalten. Auch und gerade in der Kindererziehung.