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Montag, 9. Dezember 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (2. Woche im Advent)

Was bisher geschah: Die zurückliegende Woche war für mich von einem erheblichen Auf und Ab in Hinblick auf mein körperliches Wohlergehen geprägt: Am Montagnachmittag fühlte ich mich so krank, dass ich mich, während meine Liebste nach der Arbeit mit dem Kind ins Schwimmbad fuhr, erst einmal ins Bett legen musste. Am Dienstag ging es mir zunächst erheblich besser, aber dann verlief der Tag (bedingt durch eine Reihe kleiner, jeweils für sich selbst gesehen kaum erwähnenswerter Misshelligkeiten) derart stressig, dass es mir am Mittwoch erst einmal wieder schlechter ging. Das "Dinner mit Gott" am Mittwochabend munterte mich dann aber wieder erheblich auf, wenngleich man sagen muss, dass hinsichtlich der Beteiligung weiterhin noch Luft nach oben ist. Am Donnerstag ereilte mich ein Anruf einer freundlichen älteren Dame aus der Pfarrgemeinde, die gerade dabei war, ihre Wohnung gründlich zu entrümpeln, und infolgedessen eine größere Menge an Büchern abzugeben hatte. Nicht faul, brach ich also mit dem Bollerwagen zu der Dame auf und nahm sage und schreibe 167 Bücher, dazu einige Tonträger, Videos und DVDs sowie eine schier unüberschaubare Menge an Broschüren und anderen Kleinschriften in Empfang. Anschließend war ich etwa eineinhalb Stunden damit beschäftigt, die Bücher grob vorzusortieren; einiges Esoterische und Sektiererische war dabei etwa von den Zeugen Jehovas, den Siebenten-Tages-Adventisten, aber auch von Sri Chinmoy und Falun Gong (ich frage mich ja immer, wo die Leute so etwas herbekommen); das entsorgte ich sofort. Gut 50 weitere Bücher aus dieser umfangreichen Spende verteilte ich am nächsten Tag auf die Büchertelefonzellen am Centre Français und an der Fabrik Osloer Straße und brachte im Gegenzug nur zehn von dort mit. Den Rest der Woche hatte ich mit Rückenschmerzen und Resten einer nicht ganz auskurierten Erkältung zu kämpfen; zum Ehemaligentreffen an der Schule meiner Liebsten kam ich daher nicht mit, obwohl ich Lust darauf gehabt hätte. Der Adventsbasar am Sonntag war nicht weiter der Rede wert, er fand gewissermaßen als Anhängsel des Kolping-"Sonntagstreffs" statt, und da gingen im Wesentlichen nur dieselben 20 alten Leutchen hin, die da immer hingehen. Da müsste man sich auch mal was anderes einfallen lassen. Na ja, kommt Zeit, kommt Rat... 


Was ansteht: Heute ist das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, volkstümlich "Mariä Empfängnis", und in unserer Pfarrkirche ist um 9 Uhr Messe, die unser nigerianischer Pfarrvikar zelebriert. Da sollte ich wohl meine Tochter (die schließlich nicht ohne Grund Bernadette heißt) in den Wagen packen und zur Kirche schieben. Ich habe schon manchmal gedacht, es könne kein Zufall sein, dass bei der Dienstplanung unserer lieben Geistlichen gerade dieser Priester die ganzen Marienfeste abbekommt, und wenn das so wäre, wäre mir das auch ganz recht so; für den Gedenktag Unserer Lieben Frau von Guadalupe am Donnerstag gilt das allerdings nicht: Da wäre normalerweise ebenfalls im 9 Uhr Messe, aber die wird wegen des Advents durch eine Roratemesse um 6 Uhr ersetzt, die der Gefängnispfarrer zelebriert. Da gehen wir wohl eher nicht hin. Am Mittwoch ist konstituierende Sitzung des neuen Pfarrgemeinderats, darauf muss ich mich noch gründlich vorbereiten. Eine weitere Großtat in Sachen Gemeindeentwicklung gilt es am Samstag zu vollbringen, nämlich die Inbetriebnahme eines "Außenregals" für das Büchereiprojekt. Konkret heißt das, wir werden der Pfarrei ein überzähliges Regal aus unserer Wohnung spenden, es eigenhändig im Vorraum zur Außentoilette und zum Wickelraum aufstellen und mit Büchern füllen, für die in den Büchereiregalen im Georgsaal kein Platz ist. Dann gilt es noch, diesen Regalstandort bei openbookcase.org zu registrieren, und schon haben wir unser eigenes frei zugängliches Büchertauschregal. Am Sonntag, dem 3. Advent ("Gaudete") wird Freundin und Bloggerkollegin Claudia feierlich ihr persönliches Gelübde erneuern; da feiern wir mit, und ich gehe mal davon aus, dass Claudia hinterher darüber bloggen wird. 

aktuelle Lektüre: 
  • Karl May: "Weihnacht!" 
Ich schäme mich nicht zu sagen: Karl May zu lesen, ist einfach immer eine Freude! Das erste der fünf Kapitel dieses Romans habe ich durch, und ich habe festgestellt, dass ich mich von meiner ersten, wohl über 30 Jahre zurückliegenden Lektüre des Buches her noch an allerlei Details erinnern konnte, aber eben nur an Details. Der Aufbau der Romanhandlung erinnert an ein Schema, das für viele Werke des heute nur noch wenig bekannten May-"Vorläufers" Balduin Möllhausen charakteristisch ist: Der Beginn der Handlung, hier das erste Kapitel mit der bezeichnenden Überschrift "Einleitung", spielt in Europa (hier teilweise in Sachsen, teilweise in Böhmen) und längere Zeit vor der späteren Haupthandlung, und man ahnt, dass die Wege einiger der handelnden Personen sich im Wilden Westen auf unerwartete Weise von neuem kreuzen werden. -- Und wie steht es um die #BenOp-Relevanz dieser unterhaltsamen Lektüre? Darauf wird an anderer Stelle noch ausführlicher einzugehen sein; vorerst sei nur darauf hingewiesen, dass der Roman buchstäblich von der ersten Seite an von biblischen Motiven durchzogen ist und zudem eindrückliche Beispiele vorbildlicher christlicher Nächstenliebe und insbesondere Gastfreundschaft zu bieten hat. Das zweite, mit Abstand längste Kapitel trägt die Überschrift "Der Prayer-Man"; da darf man wohl gespannt sein.

  • Sr. M. Lucia OCD (Hg.): Umkehr - Heiligung - Freude in Gott 
Hier stecke ich einstweilen noch im Abschnitt über "Buße und Askese", und ich würde mal sagen, die Relevanz des Themas steht - gerade auch in der Adventszeit und nicht zuletzt vor dem aktuellen Hintergrund des "Schismatischen Weges" und ähnlich ausgerichteter Bestrebungen) - grundsätzlich außer Frage; zudem sind viele der in diesem Band versammelten Texte ausgesprochen interessant, einige Passagen sehr stark. Als Ganzes betrachtet ist das Buch allerdings ein Kuriosum. Da hat eine karmelitische Nonne offenbar im Zuge ihrer eigenen geistlichen Lektüre Exzerpte angefertigt und diese dann völlig unkommentiert, ohne jede Einordnung oder Erläuterung, lediglich grob thematisch sortiert, als Buch veröffentlicht. Der richtige Umgang mit diesem Buch wäre vermutlich, einzelne Ausschnitte herauszugreifen und über diese ausgiebig zu meditieren. Es am Stück zu lesen, ist ausgesprochen mühsam. Will man diesen Umstand tunlichst positiv sehen, dann kann man sagen, es sei ein Vorzug des Abschnitts zum Thema Buße, dass seine Lektüre bereits selbst ein Akt der Buße sei. Okay, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. 

  • Norbert Baumert (Hg.): Jesus ist der Herr 
Abgesehen vom sehr knapp gehaltenen Vorwort des Herausgebers gehört alles, was ich bisher in diesem Buch gelesen habe, zu einer am 12.03.1987 von der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz verabschiedeten "theologisch-pastoralen Orientierung" mit dem Titel "Der Geist macht lebendig". Bei meinem tief sitzenden Misstrauen gegenüber der Amtskirche im Allgemeinen und der DBK im Besonderen hatte ich mir unter diesem Dokument einen Versuch vorgestellt, die ihrer Natur nach eher "anti-institutionelle" Charismatische Bewegung institutionell einzubinden, damit aber zugleich auch zu "zähmen" und unter Kontrolle zu bringen. Ganz und gar falsch habe ich mit dieser Annahme wohl nicht gelegen, allerdings erscheint das Wohlwollen gegenüber der Charismatischen Erneuerung und den Impulsen, die sie ins Leben der Kirche einbringt - durchaus auch als Korrektiv zur volkskirchlichen "Routine" -, zumindest in den bisherigen Abschnitten ausgeprägter und "echter", als man hätte erwarten können. Andererseits krankt das Papier ganz erheblich am Jargon der Neuen Innerlichkeit. Bezeichnend ist nicht zuletzt, dass Abschnitt III, "Erfahrung des Geistes Gottes", mit einer fast zwei Seiten langen Reflexion zum Thema "Was bedeutet 'Erfahrung'?" eingeleitet wird, bei deren Lektüre man angestrengt den Drang bekämpfen muss, aus dem Fenster zu springen. Oder wenigstens das Buch aus dem Fenster zu werfen. Gleiches gilt für Sätze wie "Die Pfingstbe-'Geist'-erung der ersten Christen war ein Ergriffensein von Jesus, war ganzheitliche Erfahrung von ihm" (S. 23). Irritierend, durchaus auch im Sinne des englischen "irritating", wirkt es auch, dass Dokumente des II. Vatikanischen Konzils nicht, wie sonst üblich, mit ihren lateinischen Anfangsworten ("Lumen Gentium", "Sacrosanctum Concilium" etc.) bezeichnet werden, sondern als "Kirchenkonstitution", "Liturgiekonstitution" usw.; was soll sowas? Latein-Allergie? -- Unbeschadet all dieser Kritikpunkte steht aber doch allerlei Interessantes und Bedenkenswertes drin in dem Dokument. Den Abschnitt VII, "Wege in die Praxis" habe ich noch vor mir, ebenso den Abschnitt VIII, "Gefahren"; es dürfte also noch spannender werden...

  • Carlo Carretto: Wir sind Kirche 
Das schmale Bändchen - knapp 140 Seiten - fesselt von Beginn an. Im ersten, nur knapp zwei Seiten umfassenden Kapitel "Traurigkeit" stellt der Autor schlaglichtartig verschiedene Situationen nebeneinander, die das Elend einer Gesellschaft illustrieren sollen, die den Sinn für die Größe, die Heiligkeit und das Mysterium der geschlechtlichen Liebe verloren hat; dass Carretto, wie er am Ende des Kapitels schildert, eingeladen wird, ein öffentliches Streitgespräch mit einem jungen Anarchisten zu führen, spricht schon mal dafür, dass er ein interessanter Typ ist. Im darauffolgenden Kapitel "Zu den Alpenrosen" dient eine Wanderung ins Gebirge als erzählerischen Rahmen für Reflexionen über eine Art "Theologie des Leibes" avant la lettre. Das vierte Kapitel mit dem Titel "Ausgangspunkt der Erneuerung" gefällt mir sogar noch besser, denn hier schildert Carretto u.a. die Anfänge seiner Apostolatstätigkeit; hier ein schönes Zitat:
"Siehst du, sagte ich mir, bis jetzt hast du gedacht, Christsein bedeute, in die Kirche zu gehen, zu einem Gottesdienst, um der Mutter zu folgen. Jetzt mußt du verstehen, daß Christsein bedeutet, Apostel zu sein, Missionar, es bedeutet, zu gehen und zu gehen. Von jenem Abend an, meine Liebe, war ich nur noch unterwegs..." (S. 29) 
Die Überschrift des fünften Kapitels, "Familie, kleine Kirche", ist in der italienischen Originalausgabe zugleich der Titel des ganzen Buches ("Famiglia, Piccola Chiesa"); und zweifellos ist das ein hochgradig #BenOp-relevantes Thema. Das Modell eines christlichen Familienlebens, das Carretto dem Leser in diesem Kapitel vorstellt, ist anspruchsvoll, aber beeindruckend. Insgesamt ein höchst faszinierendes Buch!

  • Herbert Scurla (Hg.): Auf Kreuzfahrt durch die Südsee 
"Berichte deutscher Reisender aus dem 18. und 19. Jahrhundert über die ozeanische Inselwelt" verspricht die Titel-Unterzeile dieses Buches, aber bevor es damit losgeht, kommt erst mal ausgiebig der Herausgeber zu Wort: Auf ein sechsseitiges Vorwort folgt eine 36 Seiten lange Einführung, die allerlei geographische, historische und landeskundliche Fakten über die pazifische Inselwelt mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Kapitalismus- und Kolonialismuskritik und damit einhergehendem zünftigen Antiamerikanismus verbindet; denn wo käme man schließlich hin, wenn der DDR-Bürger sich einfach so an Reiseberichten  aus der Südsee erfreuen dürfte, ohne zuvor gründlich ideologisch eingenordet worden zu sein? Dann folgt noch eine sieben Seiten lange "Vorbemerkung" zu Leben und Werk des ersten der in diesem Band zu Wort kommenden Weltreisenden, Georg Forster, und erst dann folgen dessen Berichte über die Sozietäts- und die Freundschaftsinseln. Die lesen sich durchaus unterhaltsam -- ein bisschen wie die "Schatzinsel", nur ohne Schatz und Piraten, dafür aber mit Eingeborenen (die Forster übrigens beharrlich als "Indianer" bezeichnet). Forster war übrigens noch nicht 18 Jahre alt, als er mit seinem Vater und Kapitän Cook auf Weltumsegelung ging; den späteren Jakobiner oder, wie der Herausgeber es nennt, "revolutionären bürgerlichen Humanisten" (S. 49) merkt man ihm erstmals kurz vor Schluss dieser Leseetappe an, wo er sich sowohl in typisch aufklärerischer Religionskritik als auch in Erwägungen über den Einfluss despotischer oder demokratischer Regierungsformen auf das Gemüt eines Volkes ergeht, aber darauf komme ich wohl zu einem späteren Zeitpunkt mal zurück. Dass der Herausgeber in seiner Einführung den Eindruck zu erwecken sucht, die Aufklärer seien Vorkämpfer gegen den Rassismus gewesen - was ja auch heutzutage vielfach geglaubt und behauptet wird - ist indes natürlich völliger Quatsch: Die Aufklärung hat den Rassismus überhaupt erst erfunden, und so scheint es auch für den jungen Forster ganz selbstverständlich, einen Menschen für desto primitiver zu halten, je dunkler seine Hautfarbe ist. Aber das vorerst mal nur nebenbei. 

  • Patrick Heiser/Christian Kurrat (Hg.): Pilgern gestern und heute
Von diesem Sammelband habe ich bislang nur die Einleitung der Herausgeber und die ersten beiden Einzelbeiträge gelesen, aber bereits die Einleitung scheint wie darauf berechnet, mich in meiner negativen Voreingenommenheit gegenüber dem ganzen Band zu bestärken. Dass die Herausgeber sich in der ersten Fußnote erst einmal dafür entschuldigen, dass sie sich in diesem Buch "auf europäisch-christliches Pilgern" konzentrieren, und beflissen klarstellen, natürlich spiele das Pilgern auch im Islam, im Buddhismus und Hinduismus eine große Rolle, mag ebenso wie die Klarstellung in der zweiten Fußnote, mit der Bezeichnung "Pilger" sei "sowohl die männliche als auch die weibliche Form gemeint" (beides S. 7), dem akademischen Anspruch der Publikation geschuldet sein, aber schließlich war genau dieser akademische Anspruch einer der Gründe für meine negative Voreingenommenheit. Auf S. 8 ist vom "vermeintlichen Grab des Apostels Jakobus" die Rede; meinen die das so, oder wissen sie nicht, was "vermeintlich" bedeutet? Ich bin mir nicht sicher, was ich schlimmer fände. -- Die Kurzübersicht über die einzelnen Beiträge des Sammelbandes, die den Großteil der Einleitung ausmacht, stimmt mich auch nicht gerade optimistisch. Sagen wir mal so: Ich zweifle nicht unbedingt an der wissenschaftlichen Gültigkeit der in diesem Band zusammengetragenen soziologischen Erkenntnisse. Woran ich hingegen sehr stark zweifle, ist, dass der rein soziologische Blick auf den Untersuchungsgegenstand mich befriedigen wird. Hinzu kommt der Verdacht, dass die Beiträger auch fachlich nicht unbedingt die allerhellsten Kerzen auf der Torte sind.

Der erste Beitrag, "Über das Pilgern. Soziologische Analysen einer Handlungskonfiguration" von Rainer Schützeichel (S. 19-43) - von dem es in der Einleitung heißt, er verstehe das "Pilgern [...] als transreligiöses, universalisierend-inkludierendes und multifunktionalistisches Handlungsformat" (S. 12) -, könnte über weite Strecken mühelos als Wissenschaftsparodie durchgehen; hier ein paar Kostproben:
"Handlungsformate bestehen also aus konstitutiven, nicht aus regulativen Regeln." (S. 20)  
"Es wird die These aufgestellt, dass Handlungskonfigurationen in dem Maße institutionalisiert werden, in dem sie in die Ziel-Mittel-Sphären anderer Handlungsformate integriert sind und sich auf diese Weise vernetzen." (S. 21)  
"Konjunktes Handeln ist eine dem singulären Handeln entgegenstehende Form eines adjazenten Handelns." (S. 24) 
Noch Fragen? -- Der zweite Beitrag, "Pilgern als Metapher moderner Religiosität" von Norbert Puschmann (S. 45-73), kommt sprachlich längst nicht so überkandidelt daher, glänzt dafür aber mit einer exemplarisch verstiegenen Fragestellung -- nämlich der, ob sich "die Figur des Pilgers" religionssoziologisch als "Metapher" für Religion in der Postmoderne eignet. Woran man mal wieder sieht, dass die Geisteswissenschaft sich am wohlsten fühlt, wenn sie sich nur mit sich selber beschäftigt. "Der Soziologe muss achtgeben, dass er nicht sein Metier wechselt", mahnt Puschmann auf S. 58; ach, täte er es doch!, möchte der Leser entgegnen. Wobei, andererseits: Solange die Soziologie mit sich selbst beschäftigt ist, lässt sie vielleicht wenigstens uns in Ruhe.

Überraschenderweise enthalten dennoch beide Essays einige interessante Aspekte, die von hinten durch die Brust ins Auge irgendwie auch #BenOp-relevant sind, aber dazu äußere ich mich ein andermal. --Spezifisch um den Jakobsweg geht es bei Schützeichel und Puschmann übrigens kaum bis gar nicht; das kommt dann wohl in späteren Beiträgen.


Linktipps: 
Der Autor, Verleger und YOUCAT-Projektleiter Bernhard Meuser knöpft sich den "Schismatischen Weg" von DBK und "ZdK" vor und lässt nicht allzu viele gute Haare an ihm. Die zentrale Lebenslüge dieser ganzen Veranstaltung, nämlich die Behauptung, sie sei eine ebenso adäquate wie notwendige Antwort auf die Missbrauchskrise, weist er (nicht nur, aber auch) mit der Autorität des Betroffenen zurück, nämlich als "jemand [...], den es lebensgeschichtlich fast aus der Bahn gehauen hätte, weil er irgendwann nach der Pubertät zum Objekt der Begierde eines homosexuellen Priesters wurde". Angesichts einer weit verbreiteten Neigung, vor den tieferen Ursachen und Hintergründen des Missbrauchsskandals die Augen zu verschließen, weil sie den "Reformern" nicht ins ideologische Konzept passen,  sieht Meusers im Schismatischen Weg vielmehr "ein Lehrstück institutioneller Verdrängung": "Man möchte über etwas Anderes reden, möchte die eigentliche Baustelle vergessen machen." Die Annahme, man könne das Ansehen der Kirche verbessern, indem man altbekannte progressive "Reform"-Forderungen zu Themen wie Zölibat, Frauenpriestertum,  Sexualmoral etc. aufgreift, betrachtet Meuser als Fehlkalkulation: "Draußen – jenseits der Box, in der sich der synodale Apparat für die nächsten Jahre selbstreflexiv zu verbunkern gedenkt – geht die Glaube vor die Hunde, weil man ihn denen nicht mehr abnimmt, die ihn vertreten." Ein sehr starker Text, dem ich größtmögliche Verbreitung wünsche. 

Normalerweise vermeide ich es, den "Spiegel" zu lesen; aber diesen Beitrag aus der Erziehungs-Kolumne "Ganz harte Schule" hat eine geschätzte Mitkatholikin, Mutter von vier Kindern und gelegentliche Gastautorin auf diesem Blog, via Facebook empfohlen, und dieser Empfehlung schließe ich mich gern an. Man könnte denken, die Autorin überzeichne ihr Thema gezielt ins Grotesk-Komische, aber ich höre aus glaubwürdigen Quellen, dass es bitterernste Realität ist: An deutschen Grundschulen, teilweise auch in Kindergärten tobt ein Krieg darum, was Kinder essen dürfen und was nicht -- beziehungsweise, was Eltern ihren Kindern als Pausenbrot mitgeben dürfen und was nicht. Fanatischer Gesundheitskult, gezielte Zurückdrängung von Elternrechten oder einfach ein Ausbruch der typisch deutschen Lust am Verbieten und Drangsalieren? Am ehesten wohl eine Mischung aus all diesen und noch ein paar anderen Elementen.


Heilige der Woche: 

Mittwoch, 11. Dezember: Hl. Damasus I., Papst von 366-384. Unter seinem Pontifikat wurde der Arianismusstreit endgültig entschieden. Damasus baute die innerkirchliche Vorrangstellung des Bischofs von Rom aus, förderte den Zölibat und beauftragte den Hl. Hieronymus mit der Übersetzung der Bibel ins Lateinische. 

Freitag, 13. Dezember: Hl. Odilia (ca. 660-720), Äbtissin. Gründete mehrere Klöster im Elsass; der Legende nach wurde sie blind geboren und erlangte erst bei ihrer Taufe im Alter von zwölf Jahren das Augenlicht. Wird daher auch als Schutzheilige gegen Augenleiden verehrt, vor allem aber als Patronin des Elsass. -- Hl. Luzia, Jungfrau und Märtyrerin, die der Überlieferung zufolge im Zuge der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian im Jahr 304 in Syracus auf Sizilien das Martyrium erlitt. Sie gehört zu den Heiligen, die im Römischen Messkanon erwähnt werden. Besonders in Schweden, aber auch in Kroatien und anderen Ländern spielt ihr Gedenktag eine bedeutende Rolle im vorweihnachtlichen Brauchtum. 

Samstag, 14. Dezember: Hl. Johannes vom Kreuz (1542-1591), Ordenspriester, Mystiker, Kirchenlehrer. Reformierte gemeinsam mit der Hl. Teresa von Ávila den Karmelitenorden, verfasste bedeutende theologische und mystische Werke. In dem Buch "Umkehr - Heiligung - Freude in Gott", das ich aktuell auf meiner Leseliste habe, wird wiederholt auf ihn Bezug genommen. 

Aus dem Stundenbuch: 

Gepriesen bist du, der in die Tiefen schaut und auf Kerubim thront, *
gelobt und gerühmt in Ewigkeit. (Daniel 3,54



Montag, 2. Dezember 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (1. Woche im Advent)

Was bisher geschah: Die größte Überraschung der zurückliegenden Woche ereignete sich am Dienstag in Gestalt eines Anrufs der Pfarrsekretärin: "Herr Klein, hier sind drei Pakete angekommen, die an Sie adressiert sind." - "Ach?!? Interessant. Da könnte ich eigentlich gleich mal vorbeikommen und mir die anschauen." - "Ja, darum wollte ich Sie bitten." Tatsächlich handelte es sich, wie ich schon vermutet hatte, um Bücherspenden für das Büchereiprojekt: 82 Bücher, der größte Teil davon auf den ersten Blick sehr interessant. Außerdem waren noch Schokolade und Bonbons in den Paketen. Soll nochmal einer sagen, bloggen würde sich nicht lohnen... 

Zehn von den Büchern nahm ich mir erst mal mit nach Hause und setzte sie auf meine Leseliste fürs neue (Kirchen-)Jahr, die übrigen verstaute ich in den Kisten mit den noch nicht ins Regal eingeordneten Büchereibeständen. Um Platz zu schaffen, und auch, weil ich, je mehr interessantes Material wir 'reinbekommen, immer ungnädiger gegenüber banalen Trivialromanen und sonstigem Mainstream-Quatsch werde, warf ich kurz entschlossen einige Werke von Barbara Wood, Minette Walters, Maeve Binchy und was weiß ich wie die sonst noch alle hießen aus den besagten Kisten in den Bollerwagen, um sie in der Büchertelefonzelle auf dem Edeka-Parkplatz am Eichborndamm loszuwerden. Das allerdings erwies sich als einer jener Fälle, für die die Angloamerikaner die Redewendung "When it rains, it pours" ersonnen haben. Eine Woche zuvor, als ich die rosa Gitarre abholte, hatte ich einen Blick in diese Büchertelefonzelle geworfen und hatte da zwei, drei Bücher gesehen, von denen ich dachte "Wenn ich jetzt was zum Tauschen dabei hätte, würde ich die mitnehmen, aber MUSS auch nicht sein." Die waren jetzt weg, aber dafür sah es nun so aus, als hätte in der Zwischenzeit jemand allerlei Altbestände aus dem Buchladen der charismatischen "Gemeinde auf dem Weg" hier entsorgt. So fanden sich hier zwei Bücher von John Ortberg (ehemals Willow Creek, jetzt Menlo Church) mit den korrespondierenden Titeln "Das Abenteuer, nach dem du dich sehnst" und "Die Liebe, nach der du dich sehnst", ein Buch mit dem Titel "Den Himmel erleben", verfasst von Judy Franklin und Beni Johnson von der Bethel Church in Redding sowie ein Buch vom Begründer der "Gemeinde auf dem Weg", Wolfhard Margies, mit dem Titel "Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist und Erweckung". Natürlich wird man gut daran tun, diese Bücher mit eingeschalteten Häresie-Sensoren zu lesen, aber gespannt bin ich auf jeden Fall auf die Lektüre. Bei Margies indes nicht ganz so sehr, denn den habe ich in "seiner" Gemeinde mal predigen gehört und fand seine Ausführungen wird und nichtssagend. -- Vielleicht nicht ganz in diese Reihe passend, aber doch immerhin interessant erschien mir ein umfangreicher Band "Aufsätze, Berichte, Predigten" von dem früheren württembergischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Helmut Claß unter dem vielversprechenden Titel "Mit der Gemeinde unterwegs". Davon abgesehen konnte ich auch an einigen Klassikern der Weltliteratur wie Dostojewskijs "Schuld und Sühne" oder Balzacs "Glanz und Elend der Kurtisanen" nicht achtlos vorübergehen. 

Am Donnerstag wurden im "Kolpingsaal" unserer Pfarrei die Weihnachtsgrüße für die Gemeindemitglieder adressiert (genauer gesagt: vorgedruckte Adressaufkleber auf Briefumschläge geklebt), da ging ich mit meiner Tochter hin, um gut eine Stunde lang mitzuhelfen.  Hätte ich mir die Faltblätter, die als Weihnachtsgruß verschickt werden sollen, vorher angesehen, hätte ich diese Aktion wohl eher nicht unterstützt, aber dazu vielleicht demnächst mehr. Jedenfalls waren insgesamt zehn Personen über zwei Stunden lang damit beschäftigt; man stelle sich mal vor, die Pfarrei müsste für solche Arbeiten Mindestlohn zahlen. Tja, Ehrenamt ist eben unbezahlbar. Ein anderes interessantes Takeaway dieser Aktion war, dass es allein in der Straße, in der ich wohne, sage und schreibe 96 katholische Haushalte gibt, und ich kenne kaum jemanden von diesen Leuten.

Am Freitag hörte ich zum ersten Mal in dieser Saison "Last Christmas", und zwar live gesungen von einem Einkaufszentrums-Chor. Ja, ich hatte mich tatsächlich von meiner Liebsten überreden lassen, mit ihr und dem Kind in die Hallen am Borsigturm zu gehen, wo eine Art Weihnachtsmarkt stattfand. Während ich meine Tochter in einer weihnachtlich dekorierten Spiel- und Kletterlandschaft beaufsichtigte, sah ich einen Jungen, der ein paar Monate älter ist als meine Tochter und bis letzten Sommer recht regelmäßig mit seiner Mutter zu der Montags-Krabbelgruppe gegangen war, die seit Kurzem wieder stattfindet. "Hallo", sagte ich zu dem Jungen, "kennst' mich noch?" Der Junge sprang auf, rief "Mama!" und lief weg. Hm, dachte ich, nicht ganz die Reaktion, die ich mir erhofft hätte. Aber kurz darauf kam er wieder, mit seiner Mutter und einem wohl knapp ein halbes Jahr alten Geschwisterchen,  und die Mutter erzählte mir, ihr Großer sei gerade zu ihr gelaufen gekommen und habe gesagt "Schau mal wer da ist, der Mann aus der Krabbelgruppe". Hach.

Am Samstag fuhr ich in aller Frühe nach Kiel, wo ich am Abend im Kaminzimmer des Gemeindehauses von St. Bonifatius einen Vortrag über die Benedikt-Option halten durfte. Zu diesem Anlass war ich bei einer überaus sympathischen Familie (mit drei Kindern im Alter von drei bis 11 Jahren) einquartiert; ich würde mich freuen, wenn sich diese nette Bekanntschaft zukünftig noch ausbauen ließe, auch wenn Kiel und Berlin ja nun doch ein Stückchen voneinander entfernt sind. Im Publikum des Vortrags spiegelte sich die ethnische Diversität der örtlichen katholischen Bevölkerungsminderheit deutlich wider, es waren polnisch-, ukrainisch-, arabisch-, kamerunisch- und spanischstämmige Gemeindemitglieder da.  Gemeinsam war ihnen allerdings - wie in der anschließenden Diskussion deutlich wurde -, dass sie sich allesamt eher zur Opposition innerhalb ihrer Pfarrei rechneten. Meine Gastgeberin merkte hinterher an, sie habe sich gewundert, dass vom "Establishment" der Pfarrei niemand gekommen sei -- wenigstens um ein Auge darauf zu haben, was "die Konservativen" da im Gemeindehaus treiben. Ich nahm aus der Diskussion einige interessante Eindrücke hinsichtlich der Lage der  - sagen wir mal: "strenggläubigen" - Katholiken in Kiel und allgemein im Erzbistum Hamburg mit, und in einer Hinsicht stellte diese Veranstaltung einen einsamen Rekord unter meinen bisherigen #BenOp-Vorträgen auf: 70% der Teilnehmer kauften sich anschließend das Buch. Tags darauf fuhr ich zurück nach Berlin. 


Was ansteht: Am Mittwoch findet das letzte "Dinner mit Gott" des Kalenderjahres (Und zugleich das erste des Kirchenjahres) statt;  ich schätze, ich werde dafür - zumal es nicht in den sonntäglichen Vermeldungen erwähnt wurde - noch ein wenig die Werbetrommel rühren müssen (und mit meiner Liebsten besprechen, was es zu essen geben soll). Tags darauf ist bei uns in der Kirche Roratemesse, aber ich schätze mal, die Entscheidung, ob ich da hingehe, mache ich davon abhängig, wie früh meine Tochter aufwacht. Am Freitag ist an der Schule, an der meine Liebste arbeitet, Ehemaligentreffen, und da muss meine Liebste hin (und will es obendrein auch, da auch mit der Teilnahme einiger ihrer ehemaligen Schüler zu rechnen ist);  da steht, wie schon beim Abi-Ball, die Möglichkeit im Raum, dass das Kind und ich kurzerhand mitkommen. Und am Sonntag gibt es parallel zum allmonatlichen Kolping-"Sonntagstreff" nach der Messe auch einen adventlichen Trödelmarkt, bei dem das Bücherei-Team auch einige Bücher loszuwerden hofft.

aktuelle Lektüre: Nachdem ich meine Leseliste des "alten" Kirchenjahres pünktlich zum Christkönigssonntag abgeschlossen hatte, hatte ich erst mal eine knappe Woche Lesepause; aber nun heißt es Vorhang auf für meine Advents-Leseliste!
Diesen Roman, der nach Einschätzung des May-Experten Heinz Stolte einen "Gipfel [d]er Erzählkunst" des Autors darstellt, habe ich zwar schon mal gelesen, aber das dürfte um die 30 Jahre oder mehr her sein, und ich erinnere mich nur noch an sehr wenig. Außerdem kannte ich damals nur die editorisch äußerst unseriöse Bamberger Werkausgabe. Das Exemplar, das ich jetzt vor mir habe - und das ich gegen Spende  vom Büchertisch unserer Nachbar-Kirchengemeinde in Heiligensee erworben habe -, gehört hingegen zum 21.-25. Tausend der originalen Freiburger Ausgabe. Ich bin sehr gespannt.

Eine Textsammlung zu den im Buchtitel genannten Themen, zusammengestellt  aus Bibelstellen, päpstlichen Lehrschreiben. Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils, Werken großer Heiliger und einiger anderer theologischen Autoren. Dürfte interessant werden. Gerade aus den Konzilstexten erhoffe ich mir Munition für Debatten mit Leuten, die einem gern ein "vorkonziliares" Glaubens- und Kirchenverständnis vorwerfen, dabei aber gar keine Ahnung haben, was in den Dokumenten tatsächlich drinsteht. Entdeckt und gegen Spende erworben habe ich dieses Buch am Bücherstand beim Forum Altötting, ebenso wie das nächste auf meiner Liste: 
"Kirchliche Texte zur Katholischen Charismatischen Erneuerung",  lautet die Titel-Unterzeile des 1987 erschienenen Bandes. Es handelt sich dem ersten Eindruck zufolge weitgehend um "kirchenamtliche" Stellungnahmen, Einordnungen und Reglementierungen charismatischer Strömungen und Neuer Geistlicher Bewegungen; ich könnte mir vorstellen, dass das sehr aufschlussreich wird, ebenso aber auch, dass der typische Amtskirchensprech es zu einer eher zähen Lektüre macht. 


Dieses Buch habe ich vor über zwei Jahren bei einem Dublettenverkauf der Bibliothek des vom "Neokatechumenalen Weg" betriebenen Priesterseminar in Berlin-Biesdorf erworben, aber seither noch nicht gelesen. Der Titel "Wir sind Kirche" mag erst einmal abschreckend wirken, aber mit der gleichnamigen "Kirchenvolksbewegung", die erst 1995 das Licht der Welt erblickt hat, hat dieses 1978 erschienene Buch augenscheinlich nichts zu tun. Vielmehr dreht es sich um das Thema "Familie als Berufung", und man kann sich leicht vorstellen, dass sich das als hochgradig #BenOp-relevant erweisen könnte. So richtig kann ich vorerst allerdings nicht einschätzen, was der Carretto für einer ist

Ein Fundstück aus dem "Baum-Bücherschrank" im "Grünen Kiez Pankow": Eine kommentierte Zusammenstellung von Auszügen aus Reiseberichten von Georg Forster (1754-1797), Georg Heinrich von Langsdorff (1774-1852), Adelbert von Chamisso (1781-1838) und Ferdinand von Hochstetter (1829-1884) über Forschungs- und Entdeckungsreisen in die pazifische Inselwelt. Das Buch ist in der DDR erschienen, und auf den ersten Blick halte ich es für einen Versuch, das Fernweh und die Abenteuerlust der DDR-Bürger auf ideologisch akzeptable Art anzusprechen; von dieser Sorte Buch habe ich schon einige in der Hand gehabt. Eine gewisse Brisanz gewinnt dieses Werk dadurch, dass es sich bei dem Herausgeber um einen ehemaligen Nazi handelt, der in der DDR als Funktionär der Blockpartei NDPD seine Nische fand. Fast die Hälfte des Bandes wird von Forsters Bericht über die zweite Weltreise James Cooks eingenommen; als wohl bekanntester Vertreter der sogenannten "deutschen Jakobiner" genoss Forster in der DDR hohes Ansehen, aus demselben Grunde stehe ich ihm allerdings mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Der zweitlängste Beitrag des Buches stammt hingegen vom Romantiker Chamisso. Die Beiträge von Langsdorf und Hochstetter fallen dagegen rein quantitativ kaum ins Gewicht.

Der Untertitel des Buches verspricht "soziologische Beiträge zur religiösen Praxis auf dem Jakobsweg"; das klingt einerseits interessant und stimmt mich andererseits misstrauisch. Soziologischen Studien traue ich ganz generell wenig Verständnis für religiöse Praxis zu, das Thema Jakobsweg nehme ich obendrein persönlich, und dass das Buch aus dem Bücherkarton meines Bruders stammt, trägt nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Inhalt dieses Kartons auch eher zu einer ungünstigen Prognose bei. Andererseits: Sähe ich nicht eine gewisse Chance, dass das Buch mich positiv überrascht, würde ich es gar nicht erst lesen. Warten wir's also ab! 


Linktipps: 
Die Idee, Kinder geschlechtsneutral aufzuziehen, damit sie sich später einmal selbst für ein Geschlecht entscheiden können (oder eben auch nicht), mag vielen - vielleicht den meisten - Menschen bizarr erscheinen, erscheint im Rahmen poststrukturalistischer Gender-Konzepte aber durchaus konsequent und erfreut sich folglich wachsender Akzeptanz. Jan Macvarish, Sozialwissenschaftlerin an der University of Kent mit den Forschungsschwerpunkten Elternschaft und Familie, geht der Frage nach, was den betroffenen Kindern damit angetan wird. Sollte man lesen.
Die Frage nach Anschauungsbeispielen dafür, wie eine Umsetzung der Ideen der "Benedikt-Option" in die Praxis aussehen könnte, begleitet mich quasi auf Schritt und Tritt, und so freue ich mich besonders, meinen Lesern diesen neuen Blogartikel von Freund Rod empfehlen zu können, der einige Antworten auf diese Frage enthält. Zum größten Teil besteht der Artikel aus einem Interview mit François Nollé, einem jungen Franzosen, der mit seiner Frau und einigen anderen Familien ein "christliches Öko-Dorf" namens La Bénisson-Dieu auf dem Gelände eines früheren Zisterzienserklosters gegründet hat; eine Kontaktadresse und ein Link zu einer Crowdfunding-Seite sind auch angegeben. Abgerundet wird der Artikel durch Hinweise auf #BenOp-Projekte in Polen und Italien.


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 2. Dezember: Hl. Luzius von Chur, Glaubensbote und Bekenner. Über diesen Heiligen gibt es kaum historisch gesicherte Informationen; vermutlich verkündete er im 5. oder 6. Jahrhundert den Glauben im Osten der heutigen Schweiz. Legenden setzen ihn hingegen mit einem angeblichen britischen König des 2. Jhs. gleich, der demnach sein Reich verlassen habe, um als Missionar aufs europäische Festland zu gehen. Gilt traditionell als Begründer des Bistums Chur und wird auch als dessen Bistumspatron verehrt.

Dienstag, 3. Dezember: Hl. Franz Xaver (1506-1552), Glaubensbote und Ordenspriester. Navarresischer Adliger, einer der ersten Anhänger des Hl. Ignatius von Loyola, Mitbegründer des Jesuitenordens und Mitverfasser des ersten Entwurfs der Ordensregel. 1541 zum apostolischen Nuntius für ganz Asien ernannt, ging er 1542 als Missionar nach Goa und von dort aus weiter nach Malakka, ins heutige Indonesien und nach Japan. Die Einreise nach China wurde ihm verwehrt; er starb auf einer dem chinesischen Festland vorgelagerten Insel.

Mittwoch, 4. Dezember: Hl. BarbaraJungfrau und Märtyrerin. Eine sehr populäre Heilige, die aus Nikomedia in der heutigen Türkei stammte und um der Martyrium - wohl um das Jahr 306 unter Kaiser Maximinus Daia - sich zahlreiche farbenprächtige Legenden ranken. Ihr Gedenktag spielt im vorweihnachtlichen Brauchtum eine prominente Rolle, da Kirschbaumzweige, die man am Barbaratag schneidet und ins Haus holt, pünktlich zum Weihnachtsfest blühen sollen. -- Hl. Johannes von Damaskus (ca. 650-754), Kirchenvater und Kirchenlehrer. Zur Zeit seiner Geburt befand sich seine Heimatstadt Damaskus bereits unter islamischer Herrschaft; Johannes stammte aus einer angesehenen Familie, erhielt umfassende Bildung und übte als Nachfolger seines Vaters ein hohes Verwaltungsamt aus, das er jedoch niederlegte, als die muslimischen Herrscher eine zunehmend christenfeindliche Politik betrieben. Um die Mitte seines Lebens trat er in das Kloster Mar Saba in Jerusalem ein. Verfasste bedeutende theologische Werke, gilt als "letzter Kirchenvater". -- Sel. Adolph Kolping (1813-1865), Priester. Aus armer Familie, erlernte zunächst den Beruf  des Schuhmachers, besuchte aber ab seinem 24. Lebensjahr das Gymnasium, um anschließend studieren zu können. 1845 zum Priester geweiht, engagierte sich besonders für die Gründung katholischer Gesellenvereine, aus denen das "Kolpingwerk" hervorging. Da mich besonders seine umfangreiche publizistische Tätigkeit interessiert, habe ich mir vor ein paar Monaten zwei Jahrgänge der von ihm herausgegebenen "Rheinischen Volksblätter" aus dem Online-Archiv der Uni Köln heruntergeladen, bin aber noch nicht dazu gekommen, da mehr als nur sporadisch 'reinzuschauen.

Donnerstag, 5. Dezember: Hl. Anno von Köln (ca. 1010-1075), Bischof. Wurde 1046  Hofkaplan Kaiser Heinrichs III., der ihn 1056 zum Erzbischof von Köln (und damit auch zu einem der mächtigsten Reichsfürsten) bestimmte. 1062 "kidnappte" er bei Kaiserswerth den minderjährigen König Heinrich IV., der bis dahin unter der Vormundschaft seiner Mutter Agnes gestanden hatte, und brachte wenig später auch die Reichsinsignien in seine Gewalt, wodurch er bis 1065, als Heinrich für mündig erklärt wurde, Regent des Heiligen Römischen Reiches   wurde. Bereits vor 1100 entstand ein Versepos über ihn, das Annolied. Entschieden negativ dargestellt wird er in dem Lied "Feschers Köbes" der Kölner Mundart-Kapelle "Bläck Fööss".

Freitag, 6. Dezember: Hl. Nikolaus (ca. 280/86-ca. 350),  Bischof von Myra in Lykien (im Gebiet der heutigen Türkei), bekannt als Wohltäter der Armen. Einer der populärsten Heiligen, brauchtümlich vor allem als vorweihnachtlicher Geschenkebringer bekannt, in hardcore-katholischen Kreisen hingegen dafür, dass er auf dem Konzil von Nizäa den Ober-Häretiker Arius geohrfeigt haben soll.

Samstag, 7. Dezember: Hl. Ambrosius (329-397), Bischof, Kirchenvater und Kirchenlehrer. Zunächst römischer Staatsbeamter, im Jahr 375 dann per Akklamation zum Bischof von Mailand gewählt. Bedeutender theologischer Schriftsteller und Hymnendichter. Hatte bedeutenden Anteil an der Bekehrung des Augustinus, den er 387 taufte.


Aus dem Stundenbuch: 

Dein, Herr, sind Größe und Kraft, †
Ruhm und Glanz und Hoheit; *
Dein ist alles im Himmel und auf Erden. (1. Chronik 29,11)



Samstag, 30. November 2019

Gemeindeerneuerung als Fertigbausatz?

Kennst Du, wohllöblicher Leser, den Film "Bill McKay - Der Kandidat" (Originaltitel "The Candidate") mit Robert Redford? Ich habe ihn vor langer Zeit einmal im Fernsehen gesehen (wahrscheinlich auf Kabel 1 oder so), aber er hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Es geht in dem Film um eine Senatorenwahl in Kalifornien: Der republikanische Amtsinhaber gilt als praktisch unbesiegbar, sodass die Demokratische Partei Schwierigkeiten hat, einen Gegenkandidaten aufzustellen, da ambitionierte Politiker die zu erwartende Niederlage scheuen. Daher kommen Wahlkampfstrategen auf die Idee, den jungen Anwalt Bill McKay (Redford) zur Kandidatur zu überreden: Er ist smart und gutaussehend und hat außerdem einen guten Namen, denn sein Vater war mal Gouverneur. Als McKay zögert, die Kandidatur anzunehmen, schiebt der Wahlkampfmanager ihm einen Zettel zu, auf den er YOU LOSE geschrieben hat. Die Botschaft lautet: Es geht gar nicht ums Gewinnen, sondern nur darum, ein halbwegs achtbares Ergebnis einzufahren. Unter dieser Prämisse erklärt McKay sich zur Kandidatur bereit. Der Film endet jedoch damit, dass er die Wahl nach einem fulminanten Wahlkampf doch gewinnt -- und sich auf der Wahlparty seinen Wahlkampfmanager greift, ihn in ein Nebenzimmer zerrt und ihn ratlos fragt: "Was machen wir jetzt?" 

Bei meiner Kandidatur für die unlängst über die Bühne gegangene Pfarrgemeinderatswahl bin ich zwar nicht davon ausgegangen, ich würde "sowieso nicht gewählt werden" - spätestens als sich abzeichnete, dass es gar nicht genug Kandidaten für alle zu vergebenden Sitze im Rat geben würde, war es überdeutlich, dass mit dem Gegenteil zu rechnen sein würde -, aber die Frage "Was machen wir jetzt?" stellt sich nichtsdestoweniger. Natürlich habe ich meine Vorstellungen darüber, was in dieser Pfarrei alles in Angriff genommen werden könnte, sollte und müsste, und das ist nicht gerade wenig. Aber nun, nach der Wahl, stellt sich die Frage des praktischen Vorgehens, die Frage nach Strategien und Prioritäten; nun gilt es, sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen zu sein

Sehr wichtig: Sich an der Wahlurne fotografieren lassen. 
Nicht lange vor der Wahl sah ich auf Twitter ein Foto, das Fr. Michael White, den (Mit-)Erfinder der Gemeindeerneuerungs-Initiative REBUILTim Kreise von "parish leaders from Fulda, Germany" zeigte, und retweetete es mit dem Kommentar "Auweia". Diese Reaktion stieß in mir sonst wohlgesonnenen Kreisen auf Unverständnis. Was denn schlimm daran sei, "wenn sich Leute treffen, denen die Neuevangelisierung am Herzen liegt", wurde ich gefragt. Auch wurde die Vermutung geäußert, ich sei bloß "getriggert" vom Anblick einer Sitzung,  weil sich der "Marsch durch die Institutionen", den ich gerade angetreten hätte, anfühle "wie ein vorgezogenes Purgatorium". Dazu ist nun Verschiedenes zu sagen. 

Zunächst einmal: Ich strebe durchaus keinen "Marsch durch die Institutionen" an. Präziser gesagt, ich habe keine Ambitionen, in der deutsch-katholischen Gremienpyramide signifikant über die Ebene des Pfarrgemeinderats hinaus aufzusteigen. Wo sollte ich denn noch hin? In den Diözesanrat? Um Himmels Willen. Wenn sich eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages der Erdboden auftut, um dieses Gremium auf einen Haps zu verschlingen, möchte ich tunlichst nicht dabei sein, und bis dahin ist wohl das beste, was man mit diesem Gremium machen kann, seine Existenz so gut es geht zu ignorieren. Okay, zwischen der Pfarrei- und der Diözesan-Ebene gibt es wohl auch noch ein entsprechendes Gremium auf der Ebene des (in unserem Fall noch nicht offiziell eröffneten) "Pastoralen Raums", das nennt sich dann "Pastoralrat" oder so, und da könnte es unter Umständen schon sinnvoll sein, sich hineinfühlen bzw. dorthin abordnen zu lassen oder was man sonst tun muss, um da reinzukommen. Aber vom Grundsatz her bleibe ich gern möglichst nah an der Basis. Ich bin ein entschiedener Anhänger des Subsidiaritätsprinzips, und Subsidiarität bedeutet nach meinem Verständnis: Die unterste Ebene ist die wichtigste, die höheren sind ihr nachgeordnet. (Jedenfalls in denjenigen Fragen, die überhaupt unter die Entscheidungskompetenz von Laiengremien fallen; wozu Fragen der Lehre ausdrücklich nicht gehören.) 

Sodann äußerte ich im Zuge der besagten Twitter-Debatte, ich könne mir "kaum eine gruseligere Kombination vorstellen als 'Rebuilt plus deutscher Gremienkatholizismus'". Und ich schätze, auch das verlangt nach näherer Erläuterung. Nun denn: Dort, wo in den Gremien und Institutionen der katholischen Kirche in Deutschland "Neuevangelisierung überhaupt ein Anliegen ist" - so schrieb es einer meiner Diskussionspartner auf Twitter -, werden derzeit "überwiegend zwei Ansätze" diskutiert, nämlich einerseits "REBUILT" und andererseits "Divine Renovation"Das von Fr. Michael White und seinem Pastoralassistenten Tom Corcoran verfasste Buch "REBUILT - Die Geschichte einer katholischen Pfarrgemeinde" habe ich zugegebenermaßen nicht gelesen; alles, was ich über REBUILT weiß, habe ich aus verschiedenen Online-Quellen, aber was ich da gelesen habe, stimmt mich ausgesprochen skeptisch. Wobei es mir recht aussagekräftig scheint, dass ich diejenigen Darstellungen des REBUILT- Gemeindeerneuerungskonzepts, die eigentlich positiv gemeint sind, tendenziell noch gruseliger finde als kritisch gemeinte Schilderungen. Ausführlich habe ich das hier schon einmal dargelegt, aber wer das jetzt nicht alles nachlesen mag, dem sei in aller Kürze gesagt, wo ich das zentrale Problem sehe: nämlich darin, dass REBUILT - so jedenfalls mein Eindruck - darauf abzielt, sämtliche Aktivitäten der Kirchengemeinde, einschließlich der Gottesdienste, zu einem zielgruppenspezifisch optimierten Konsumangebot zu stylen. -- Sicher, das REBUILT-Konzept verheißt Wachstum, insofern ist es kein Wunder, dass es sich "gut verkauft", auch und gerade in Deutschland. Aber, wie es in Francine Rivers' "So stark wie das Leben" wiederholt und treffend heißt: Wachstum ist nicht zwingend ein Zeichen von Gesundheit -- Krebs wächst auch.

Was nun das gewissermaßen "rivalisierende" Konzept "Divine Renovation" betrifft, habe ich dessen Schöpfer Fr. James Mallon auf der MEHR 2018 gehört, war von ihm so beeindruckt, dass ich mir gleich an Ort und Stelle sein Buch "Wenn Gott sein Haus saniert" gekauft habe, habe dieses mit Gewinn gelesen und zitiere immer wieder gern daraus; übrigens weist Amazon darauf hin, dass "Wenn Gott sein Haus saniert" und die "Benedikt-Option" "oft zusammen gekauft" werden, und das kommt wohl nicht von ungefähr. Obendrein habe ich mir auch das "Divine Renovation Handbuch" gekauft und bin gewillt, es in die Arbeit des neu gewählten Pfarrgemeinderats "einzubringen", wie man so schön sagt. Aber obwohl ich Fr. Mallons Ansatz in vielen Punkten ausgesprochen gut finde, beobachte ich auch hier mit zunehmender Skepsis die Tendenz, dass "Divine Renovation" zur "Franchise", zum "Markenartikel" wird. Es gibt sogar schon eine "Divine Renovation"-App, ohne Scheiß. Vor meinem geistigen Auge tauchen Szenarien auf wie in handelsüblichen "Home Improvement"-Fernsehshows à la "Einsatz in vier Wänden": Ding-dong macht es an der Pfarrhaustür, und draußen steht nicht Tine Wittler, sondern entweder Fr. Mallon oder Fr. White, im Hintergrund steht ein Möbelwagen, auf dem entweder der Schriftzug "REBUILT" oder "Divine Renovation" prangt, und im Handumdrehen wird aus der verschnarchten deutschen Pfarrkirche eine amerikanische Megachurch mit Band, Videoleinwänden, Nebelmaschine und einem Espresso-Vollautomaten im Foyer. Okay, ich übertreibe. Aber die Gefahr einer derartigen Entwicklung sehe ich in Ansätzen durchaus: Ebenso wie es  im freikirchlichen Bereich "Hillsong"- und "Saddleback"-Gemeinden gibt, die sich, wie ich an anderer Stelle schrieb, "von anderen, ähnlichen Angeboten nicht so sehr hinsichtlich ihrer Positionen zu bestimmten Glaubensfragen unterscheidet, sondern vielmehr durch ein bestimmtes Image, einen bestimmten Stil und eine spezifische Zielgruppenorientierung",  könnte es innerhalb der katholischen Kirche zukünftig "REBUILT"- und "Divine Renovation"-Gemeinden geben, auf die mutatis mutandis dasselbe zutrifft. Das, meine lieben Freunde, ist nicht katholisch. 

Es ist eine Versuchung, sich einzubilden, man könnte Gemeindeerneuerung quasi als Fertigbausatz kaufen und hätte damit die Lösung aller Probleme in Sack und Tüten. Und den deutschen Gremienkatholizismus halte ich in dieser Hinsicht tatsächlich für besonders gefährdet. Kein Geringerer als Papst Franziskus schrieb den deutschen Bischöfen anlässlich ihres Ad-Limina-Besuches im Jahre 2015 ins Stammbuch, die Kirche in Deutschland zeige eine "Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung": "Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat." Möglicherweise tun sich die Deutschen genau deshalb - weil sie es so gewohnt sind, in institutionellen Strukturen zu denken - mit der Benedikt-Option eher schwer, denn die ist vom Ansatz her eher anti-institutionell. Zumindest liefert sie kein Patentrezept, keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, keine garantiert gelingende Backmischung, der man nur noch Wasser hinzufügen muss. Stattdessen verlangt sie vom einzelnen Gläubigen so anstrengende Dinge wie das eigene Gebetsleben zu vertiefen und seine Nachbarn zum Essen einzuladen. Es ist die Vision einer Gemeindeerneuerung, die organisch von unten wächst -- ein Gemeinschaftskonzept, das (ich zitiere das immer wieder gern) "vom Herzen des Einzelnen aus[geht] und [...] sich von dort aus in die Familie, die Kirchengemeinde, die Nachbarschaft und darüber hinaus" ausbreitet (BenOp S. 157 / Paperback-Ausgabe S. 169).

Ich will gar nicht bestreiten, dass ein ästhetisches Makeover der Selbstrepräsentation einer Pfarrei, bessere Musik im Gottesdienst, ja sogar eine bessere Kaffeemaschine sinnvoll und nützlich sein kann. Aber letztlich ist das alles von nachrangiger Bedeutung.  Was eine Pfarrei wie beispielsweise "meine" - und ich bin ziemlich überzeugt, dass sie in dieser Hinsicht repräsentativ für viele Pfarreien hierzulande ist - wirklich braucht, ist eine Erweckung; und das ist etwas, was man nicht auf administrativem Wege "machen" kann. Man kann allenfalls die Rahmenbedingungen dafür verbessern, dass die Gemeindemitglieder eine Erweckung erleben oder, umgekehrt, dass Menschen, die eine Erweckung erlebt haben, in der Gemeinde Heimat finden. Ich denke da an etwas, was Johannes Hartl einmal im Interview mit dem Podcast "Hossa Talk" sagte: Wenn es in der gegenwärtigen Situation in Deutschland eine große Bekehrungswelle gäbe, wenn heute oder morgen drei Millionen Menschen zum Glauben an Jesus Christus fänden, dann würde diese Welle verpuffen, weil es keine Gemeinde-Infrastruktur gibt, die geeignet wäre, all diese Leute "aufzufangen". Wo sollten die hin? Im Besonderen denke ich dabei an die Erfahrungen meiner Liebsten, als sie in ihren späten Teenagerjahren zum Glauben an Jesus Christus fand, aber zunächst einmal gar nicht wusste, wo sie damit nun hingehen sollte, was es mit den verschiedenen christlichen Konfessionen auf sich hat und so weiter. Was tun wir dafür, dass Menschen, die in einer solchen Situation sind, zu uns kommen, und wie tragen wir Sorge dafür, dass sie bei uns gut aufgehoben sind? Wenn ich ehrlich bin, könnte ich meine Pfarrgemeinde in ihrer jetzigen geistlichen Verfassung keinem neu- oder wiederbekehrten Christen guten Gewissens empfehlen. Schlimmer noch, ich habe zunehmend den Eindruck, die Verantwortlichen der Pfarrei würden solche Leute gar nicht haben wollen; mit Begeisterung oder Leidenschaft für Christus können die überhaupt nicht umgehen. Zu den Gründen für dieses harte Urteil vielleicht demnächst mehr. Jedenfalls gibt es eine Menge zu tun; und ein erster Schritt dürfte darin bestehen, der gewohnten Routine Sand ins Getriebe zu streuen. Alles, was in dieser Pfarrei getan wird, radikal daraufhin zu hinterfragen, ob es dem Ziel dient, "den Menschen in unserem Stadtteil die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament zu ermöglichen und eine Gemeinschaft zu bilden, deren Mitglieder sich gegenseitig darin unterstützen, im Glauben und in der Liebe zu wachsen". Egal ob es um die Sakramentenkatechese, den St.-Martins-Umzug, die Kaffeetafel nach der Sonntagsmesse oder den Adventströdelmarkt geht: "Das haben wir schon immer so gemacht" ist vielleicht, und höchstens, dann ein valides Argument, wenn alles gut läuft. In der derzeitigen Situation hingegen lautet die einzig sinnvolle Entgegnung auf diesen Einwand: Na, dann wird's ja Zeit, es zu ändern. 




Donnerstag, 28. November 2019

Hauptsache erst mal profanieren

Am heutigen Donnerstagabend um 18 Uhr wird in der Herz-Jesu-Kirche in Nordenham-Einswarden buchstäblich die letzte Messe gelesen; anschließend wird das vor gut 90 Jahren geweihte Gotteshaus profaniert. Dass es dazu kommen würde, war schon länger absehbar: Schon zum Jahreswechsel 2014/15 wurde die Kirche "vorläufig geschlossen" und seither nicht wiedereröffnet, und die Profanierung wurde vom Pfarreirat bereits Anfang 2019 einstimmig beschlossen, vorerst allerdings ohne konkreten Termin. Unklar bleibt, wieso man es damit jetzt plötzlich so eilig hat, zumal es offenbar noch keine konkreten Pläne für eine Nachnutzung der Gebäude oder des Grundstücks gibt. Das "benachbarte Werk des Flugzeugteileherstellers Premium Aerotec", das zumindest gerüchteweise immer wieder in diesem Zusammenhang genannt wurde, ist jedenfalls "an diesem Areal nicht interessiert", wusste die Nordwest-Zeitung mit Datum vom 16. November zu berichten. Die Überschrift des Artikels - "Wird Gotteshaus zum Haus der Kunst?" - wirkt übrigens ein bisschen tragikomisch, denn die Antwort auf diese Frage steht bereits im Artikel, und sie lautet Nein. Zwar könne Pfarrer Karl Jasbinschek sich "gut vorstellen, hier ein Haus der Kunst einzurichten" und habe "diese Anregung bereits Nordenhams Bürgermeister Carsten Seyfarth gegeben. Aber offenbar könne die Stadt wegen ihrer Finanznot ein solches Projekt nicht stemmen, jedenfalls habe die Stadt kein Interesse bekundet." Tja, das war dann wohl nichts. An dieser Stelle will ich übrigens erneut nicht unerwähnt lassen, was ich jedesmal erwähne, wenn es relevant ist: Der Verfasser des Artikels, Horst Lohe, ist selbst Gemeindemitglied der örtlichen katholischen Pfarrei St. Willehad. Dem Mangel an kritischer Berichterstattung seitens der lokalen Presse hilft dieser Umstand offensichtlich nicht ab.

Auf der zur Konkurrenz, nämlich zur Bremerhavener Nordsee-Zeitung, gehörenden Lokalnachrichten-Website nord24 wird Pfarrer Jasbinschek derweil mit der Einschätzung zitiert, es gebe "keine Alternative zu diesem Schritt. An den Gottesdiensten in Einswarden hatten zuletzt nur noch 25 bis 30 Besucher teilgenommen." Das seien zu wenige. Aber, 'Tschuldigung, das ist doch jetzt Quatsch. In mehrfacher Hinsicht. Wann soll denn dieses "zuletzt" gewesen sein, wenn die Kirche fast fünf Jahre lang zugesperrt war? Und wer bestimmt eigentlich, wie viele Gottesdienstbesucher "zu wenige" sind? Ich habe schon Messen erlebt, wo ich mit dem Zelebranten alleine war, so what? Die Engel und Heiligen im Himmel feiern in jedem Fall mit, und sooo wenig finde ich 25 bis 30 regelmäßige Gottesdienstteilnehmer in einer so kleinen Kirche nun auch wieder nicht. Das ist schlichtweg eine Ausrede, und noch dazu eine schlechte. Wenn man findet, dass zu wenig Leute in die Kirche kommen, könnte man sich ja theoretisch mal Gedanken darüber machen, woran das liegt und wie man das möglicherweise ändern könnte. Stattdessen sagt man: Ach, das ist ja praktisch, dann können wir ja einen oder zwei Kirchenstandorte einsparen. 


Zugegeben: In größeren kirchenpolitischen Zusammenhängen betrachtet, steckt durchaus eine strategische Absicht hinter diesem Vorgehen. Eine Kirche, deren Funktionäre sich von Unternehmensberatern coachen lassen, tendiert mehr und mehr dazu, nach unternehmerischen Maßstäben zu funktionieren. Wenn die Nachfrage nach dem "Produkt" Gottesdienst nachlässt, wird das Angebot zurückgefahren. Wenn man Kirchen bloß als Immobilien betrachtet, deren Betriebskosten in keinem rentablen Verhältnis dazu stehen, was sie "einbringen", dann liegt es nahe, sich aus der Fläche zurückzuziehen, wie es ja beispielsweise die Post schon vor Jahrzehnten getan hat. Ein Seitenblick ins Erzbistum Hamburg ist in diesem Zusammenhang sehr erhellend: Dort wurde jüngst verlautbart, "man wolle sich von vielen Kirchen und anderen Immobilien trennen", wohingegen "die Caritas und die katholischen Kindergärten weitgehend ungeschoren von den Kürzungsabsichten bleiben sollen". Erzbischof Stefan Heße erklärte dazu, "[e]in eigenes Kirchengebäude sei keine grundlegende Bedingung für das Gebet und den Gottesdienst". Was er damit vermutlich eigentlich meint, ist, dass Gebet und Gottesdienst keine grundlegende Bedingungen für den Einzug der Kirchensteuer sind. -- Im Ernst: Eine Kirche, die vergessen hat, dass ihr gesamtes Handeln, auch das soziale und kulturelle, im Gottesdienst verankert sein und aus diesem gespeist werden muss, ist eine Kirche, die ihr Selbstverständnis als Glaubensgemeinschaft aufgegeben hat und sich nur noch als zivilgesellschaftliche Institution sieht. Man könnte zwar meinen, auch so gäbe es an einem sozialen Brennpunkt wie Einswarden noch genug für sie zu tun, aber das ist ein Thema für sich. Ganz ehrlich gesagt bin ich auch der Meinung, eine Kirche, die so sehr vergessen hat, wozu sie eigentlich da ist, sollte das sozial-karitative Engagement lieber auch anderen Organisationen überlassen. Zum Beispiel der örtlichen Moscheegemeinde. Die soll ja, wie ich höre, recht aktiv sein. 

Natürlich stimmt mich die Profanierung ausgerechnet dieser Kirche vor allem deshalb traurig, weil ich erst in den Sommerferien selbst vor Ort war und ausgiebig Luftschlösser in Hinblick darauf gebaut habe, was man da alles machen könnte. Aber sehen wir die ganze Angelegenheit mal nicht zu negativ: Endgültig ist noch nichts verloren. Solange es kein konkretes Nachnutzungskonzept gibt, wird auf dem Grundstück, rein äußerlich betrachtet, wohl erst einmal alles so bleiben, wie es schon seit Jahren war. Die Nebengebäude um die Kirche herum könnte man zwar theoretisch abreißen und dort einen Parkplatz anlegen oder was weiß ich (was zwar schade um das Gebäudeensemble wäre, aber hey, that's life), das eigentliche Kirchengebäude allerdings ist denkmalgeschützt. Angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten der "Umnutzung" ("Nach dem Verständnis der katholischen Kirche bieten sich als Nutzungen für profanierte Kirchen unter anderem Begegnungsräume, Urnenbegräbnisstätten oder auch kulturelle Verwendungen an. Umbauten zu Diskotheken, Moscheen oder Einkaufszentren verbieten sich", erklärt Horst Lohe den Lesern der NWZ) erscheint es auch fraglich, ob sich ein Kaufinteressent für die Kirche finden würde. Bis auf Weiteres kann also davon ausgegangen werden, dass das entwidmete Gotteshaus so stehen bleibt, wie es steht, und wenn der kirchenpolitische Wind irgendwann mal wieder aus einer anderen Richtung weht, könnte man die Kirche ja von neuem weihen. Hat's alles schon mal gegeben. So gesehen ist die Profanierung, gemessen daran, dass die Kirche bereits seit Jahren ungenutzt und zugesperrt war, nicht unbedingt ein Beinbruch. Ärgerlich ist aber die Geringschätzung gegenüber dem Standort Einswarden, die aus der ganzen Vorgehensweise spricht. Als St. Josef in Rodenkirchen profaniert wurde, kam immerhin der Bischof -- der Regionalbischof Wilfried Theising, um genau zu sein. Diesmal hat er den örtlichen Pfarrer beauftragt, die Profanierung selbst durchzuführen, und das Ganze findet an einem Werktag statt, quasi auf den letzten Drücker kurz vor Ende des Kirchenjahres. 

Aus der Distanz betrachtet erscheint diese nonchalante "Abwicklung" des Standortes Herz Jesu Einswarden als konsequenter Endpunkt einer jahrelangen Entwicklung: Im Jahr 2010 wurde die bis dahin eigenständige Pfarrei Herz Jesu mit St. Willehad zusammengelegt, und seitdem, so scheint es, wurde der Einswarder Gemeindeteil zunehmend stiefmütterlich behandelt. In einem Presseartikel von 2007 hieß es noch, in Herz Jesu verwirkliche sich "Weltkirche im Kleinen": "Zu den Gläubigen [...] gehören alt gewordene Vertriebene, Spätaussiedler aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion sowie Asylbewerber". "In unserem Gottesdienst versammeln sich bis zu 30 Nationen", wird der damalige Pfarrer Alfons Kordecki zitiert. Wo sind die heute alle hin? In der Sonntagsgemeinde von St. Willehad, so wie ich sie in den letzten Jahren wahrgenommen habe, bildet sich eine solche Diversität jedenfalls nicht ab. Ein bezeichnendes Erlebnis war es für mich, als der Pfarrer von St. Willehad im letzten Sommer meiner Liebsten und mir eine junge Frau aus Madagaskar und eine von der Elfenbeinküste stammende Mutter zweier kleiner Kinder als "unsere afrikanischen Mitchristen" vorstellte. Die Botschaft war, wenn auch sicher unbeabsichtigt, deutlich: Gemeindemitglieder mit Migrationshintergrund gibt es, man bemüht sich auch einigermaßen, sie ins Gemeindeleben einzubinden, aber so ganz werden sie doch nicht zum "Wir" der Gemeinde gezählt, sondern bilden eine Kategorie für sich. (Das ist wohlgemerkt nichts, was ich speziell dieser Gemeinde oder diesenmPfarrer ankreiden möchte. Es ist vielmehr ein weit verbreitetes Problem. "Bei uns" z.B. werden Obdachlose, Tätowierte oder psychisch Kranke nicht zum "Wir" der Gemeinde gezählt.) 

Jedenfalls: Wenn ich es mir recht überlege, könnte es im Grunde durchaus im allseitigen Interesse liegen, für Herz Jesu Einswarden, wie ich es schon einmal angedacht habe, eine ähnliche Lösung zu finden wie für St. Clemens in Berlin-Kreuzberg; also eine Kombination aus privater Trägerschaft für die Immobilie und seelsorgerischer und sakramentaler Betreuung durch eine ausländische Ordensgemeinschaft. Auf diese Weise würde St. Willehad nicht nur den Kirchenstandort im sozialen Brennpunkt los, sondern die dazugehörige Gemeinde gleich mit... 



Montag, 25. November 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (34. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Am Montagnachmittag, während die Liebste mit dem Kind und den Omas im Schwimmbad war, unternahm ich eine "kleine" Büchertour, d.h. ich beschränkte mich auf eine Büchertausch-Anlaufstelle, nämlich diejenige am Centre Français. Wie zumeist diente die Büchertour mir vor allem dazu, Bücher loszuwerden, diesmal in erster Linie solche aus meinen privaten Beständen -- 18 Stück, dazu fünf aus verschiedenen Quellen, die ich gelesen und für nicht behaltenswert befunden hatte. Aber natürlich fand ich im Gegenzug auch wieder einige interessant erscheinende Bücher, die ich mitnahm. Am Dienstag unternahm ich mit dem Kind einen Ausflug zur KiTa unserer Nachbarpfarrei St. Rita, um dort eine rosa Gitarre zu kaufen, die von dem Trödelmarkt übrig geblieben war, den die KiTa am Wochenende veranstaltete. Zurück zu Hause, begann ich zur Freude meiner Tochter gleich damit, Gitarrengriffe zu üben. Gar nicht so leicht, aber einer muss es ja tun. Ich habe nämlich einen Deal mit meiner Liebsten: Einer von uns muss Gitarre spielen lernen und der andere nähen. Das hätten wir dann ja wohl geklärt. -- Mittwoch und Donnerstag verliefen ohne besonders herausragende Ereignisse, aber in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hielt mich das erkältete und zahnende Kind derart ausdauernd wach, dass ich den ganzen Freitag total in den Seilen hing. Am Samstag hatte ich mich aber wieder so weit erholt, dass ich mit Frau und Kind zum Grundstückspflege-Aktionstag auf dem Kirchengelände antreten konnte. Eigentlich eine schöne Sache - Gardening 4 Jesus und so -, aber ich frage mich doch, ob es nicht möglich sein müsste, das besser zu Organisieren. Hilfreich wäre es auch, wenn nicht die Mehrheit der freiwilligen Helfer um Punkt 12 Uhr alles stehen und liegen ließe und Käffchen trinken ginge. Am Ende blieb ein Großteil der Arbeit an einem kürzlich in Rente gegangenen Betonbauer, meiner Liebsten und mir hängen; zu dritt füllten wir elf große Plastiksäcke mit Herbstlaub, Eicheln und anderen Pflanzenresten. Am Sonntag war volles Programm: Christkönig, Büchertreff und Pfarrgemeinderats- und Kirchenvorstandswahlen. Ich habe ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung, wann und auf welchem Wege die Wahlergebnisse bekanntgegeben werden, aber da es bei der Pfarrgemeinderatswahl nur sechs Kandidaten für acht zu besetzende Sitze gegeben hat, übersteigt es mein Vorstellungsvermögen, was wohl passieren müsste, damit ich nicht reinkomme. Bei der Kandidatur meiner Liebsten für den Kirchenvorstand ist die Lage nicht ganz so eindeutig, aber auch da bin ich optimistisch. 


Was ansteht: Als erster Termin dieser Woche steht heute die Krabbelgruppe auf dem Programm, die nach einigem Hin und Her ab dieser Woche wieder im evangelischen Gemeindehaus stattfinden soll. Sodann ist meiner Liebsten ja nun das Los zugefallen, Nähen lernen zu müssen; daher wäre es theoretisch eine günstige Gelegenheit für sie, am Dienstag nach unserer Lobpreis-Session zum "Aktionsabend Textiles Upcycling" im Baumhaus zu gehen. Schauen wir mal. Unsere Pfarrei verschickt dieses Jahr wieder Weihnachtsgrüße an alle Mitglieder, und am Donnerstag - und zwar vormittags, im Anschluss an die Frühmesse - sollen die versandfertig gemacht werden, wofür noch freiwillige Helfer gesucht werden. Ich denke, als (vermutlich) frisch gekürtes Pfarrgemeinderats-Mitglied sollte ich da wohl Präsenz zeigen, vorausgesetzt, meine Tochter hat keine anderweitigen Pläne mit mir. Und am Samstag fahre ich nach Kiel, um in der dortigen St.-Bonifatius-Gemeinde einen Vortrag über die #BenOp zu halten. Aufregend! In Kiel war ich, wenn ich mich richtig erinnere, zuletzt 1994, zu einem Auftritt mit meiner Band. Wie es dazu kam, ist eine ziemlich lustige Geschichte; ich schätze, die werde ich als Einleitung zu meinem Vortrag verwenden -- und danach vielleicht auch hier verraten. 


aktuelle Lektüre: Meine Leseliste für das zu Ende gehende Kirchenjahr habe ich am Wochenende fertig abgearbeitet und habe nun erst einmal Pause, bevor ich am 1. Advent in eine neue Runde starte. Hier meine abschließenden Bemerkungen zu den drei zuletzt gelesenen Büchern: 

Nachdem ich, wie vorige Woche geschildert, an Gregory A. Thornburys Larry-Norman-Biographie "Why Should the Devil Have All the Good Music?" die Darstellung der Anfänge des "Jesus Movement" Anfang der 70er-Jahre, die das dritte Kapitel des Buches dominiert, besonders spannend fand, wirkt es erst einmal ernüchternd, dass es schon im vierten Kapitel zum Bruch zwischen Larry Norman und dieser Bewegung kommt. Gleichwohl sind die Gründe für diesen Bruch natürlich interessant: Einerseits war Norman zunehmend unzufrieden mit dem Umstand, dass explizit christliche Musik nahezu ausschließlich ein bereits gläubiges Publikum erreichte, andererseits lösten die Covergestaltung und die teilweise kryptischen, kaum explizit religiösen Songtexte seines dritten Solo-Studioalbums "So Long Ago in the Garden" in frommen Kreisen Irritationen aus, es gab Gerüchte, Norman sei vom Glauben abgefallen, nehme Drogen und/oder strebe eine Karriere als säkularer Rockstar an. Bezeichnend für die wachsende Entfremdung zwischen Larry Norman und dem "Jesus Movement" ist eine Interview-Aussage des Musikers von 1974: 
"Die Jesusbewegung war von Anfang an keine Bewegung von der Straße, wie die meisten Leute sie gern gesehen hätten und sie entsprechend beworben haben. [...] Die Wahrheit ist, die meisten dieser jungen Leute kamen aus der Mittelschicht, hatten als Kinder in ihrer Kirche Kontakt zu Jesus,  haben sich später von der Kirche entfernt, und als Teenager haben sie dann zu Jesus zurückgefunden.  Also, die meisten dieser Leute hatten kurze Haare und kamen aus der Mittelschicht, keine Freaks von der Straße, die gerade erst zu Jesus gefunden haben.  
Ich kann nichts dafür, dass die Presse das missverstanden und falsch dargestellt hat. Man verkauft wohl einfach nicht so viele Zeitungen, wenn man schreibt: 'Hey, stellt euch vor, was in Amerika los ist -- ein Haufen netter junger Leute wird noch netter!'" (S. 125f.) 
Im Grunde ist das so, als würde man plötzlich mit dem Gedanken aufwachen "Die Jesusbewegung ist aber auch nicht mehr das, was sie mal war", dann aber noch ein bisschen darüber nachdenkt und zu dem Schluss kommt: "Die Jesusbewegung war noch nie so ganz das, was sie hätte sein sollen". 

Spannend und lesenswert bleibt das Buch aber weiterhin, außerdem hat die Lektüre mich dazu veranlasst, mir diverse Songs von Larry Norman auf YouTube anzuhören, aber dazu vielleicht ein andermal mehr. Tendenziell weniger interessant, jedenfalls mit Blick auf die #BenOp-Relevanz, fand ich die recht breite Schilderung von Interna aus dem christlichen Musikbusiness, etwa Rechtsstreitigkeiten zwischen Bands und Plattenlabels; auf anderer Ebene ist die Darstellung des spannungsreichen Verhältnisses zwischen Larry Norman und dem evangelikalen Establishment aber ausgesprochen aufschlussreich. Ein bemerkenswertes Detail sei noch erwähnt: Larry Norman war ein begeisterter Leser der Werke G.K. Chestertons und steckte auch seinen Schwager Dale Ahlquist mit dieser Begeisterung an -- und der ist heute Präsident der American Chesterton Society

Die zweite Hälfte des Krimi-Sammelbandes "Tatort Tegel", herausgegeben von Horst Bosetzky, ist nicht signifikant besser oder schlechter als die erste; über die wohl meisten Texte der Sammlung kann man sagen, na okay, das zu lesen hat mein Leben jetzt zwar nicht gerade bereichert, aber immerhin auch nicht wesentlich verschlechtert. Von einigen Texten kann man Letzteres jedoch nicht behaupten, und einige - zugegebenemaßen wenige - sind dermaßen beleidigend schlecht, dass man sich fragen muss, aus was für einer finsteren Motivation heraus so etwas überhaupt veröffentlicht wird. -- Und gibt es auch gute? Ja, schon. Bernhard Schlinks nur knapp zweieinhalb Seiten lange Prosaminiatur  "Sommer" ragt in mehrfacher Hinsicht auffallend aus der Sammlung heraus, einmal, weil er von der literarischen Qualität her in einer ganz anderen Liga spielt (daneben verblassen auch die zwei, drei anderen relativ gelungenen Texte der Sammlung), dann aber auch, weil er eigentlich kein Krimi ist: Es wird zwar angedeutet, dass der Ich-Erzähler möglicherweise jemanden getötet hat oder zumindest indirekt für dessen Tod verantwortlich ist, aber alles bleibt in der Schwebe. -- In erster Linie nehme ich dem Band aber immer noch seinen irreführenden Titel übel, ohne den ich mich von vornherein gar nicht für ihn interessiert hätte. Mein Gesamturteil lautet: unnötig. 

Dagegen hat Walter Adolphs "Hirtenamt und Hitler-Diktatur" den Eindruck, das beste der aus dem Nachlass von Pfarrer Silvers fürs Büchereiprojekt abgezweigten Bücher zu sein, eindrucksvoll bestätigt. Als Analyse der Mechanismen totalitärer Herrschaftsformen ist der mit nur 180 Seiten doch recht schmale Band erstaunlich ergiebig, sodass ich ihn hier gar nicht so umfassend würdigen kann, wie er es verdient. Einige Aspekte seien dennoch hervorgehoben: So erklärt Adolph, "allen modernen totalitären Herrschaftssystemen" sei eine Tendenz zur Unterdrückung der Religion eigen, und zwar "nicht aus Willkür, sondern aus dem Zwang, die Menschen, insbesondere die Jugend, pädagogisch so zu formen, daß sie sich absolut zuverlässig [...] der Diktatur unterzuordnen [...] bereit fänden" (S. 53). Mit anderen Worten, die totalitäre Ideologie wird selbst zur Religion, die keine anderen Götter neben sich duldet. Insofern, meint Adolph, ist es dem  deutschen Episkopat schon hoch anzurechnen,  dass es ihm "gelang [...], innerhalb der totalitären Herrschaftsform einen breiten ideologiefreien Lebensraum in den Gemeinden aufrechtzuerhalten" (S. 61). Im besetzten Polen - konkret "[i]m Warthegau, der im Herbst 1939 vom Blut der polnischen Katholiken getränkt war" (S. 80), gingen die Nazis erheblich hemmungsloser gegen die katholische Kirche vor; Adolph zitiert eine Verordnung des Reichsstatthalters Arthur Greiser vom 14.3.1940, die nicht zuletzr deshalb so interessant ist, weil sie in Teilen dem entspricht, was sich so mancher Verfechter der Parole "Religion ist Privatsache!" wohl auch heute wünschen würde. Einige Beispiele:
"1. Es gibt keine Kirchen mehr im staatlichen Sinne,  nur religiöse Kirchengesellschaften im Sinne von Vereinen.  
2. Die Leitung liegt nicht in Händen von Behörden sondern es gibt nur Vereinsvorstände. [...]  
5. Mitglieder können nur Volljährige durch schriftliche Beitrittserklärung werden. Sie werden aber nicht mehr hineingeboren, sondern müssen erst bei Volljährigkeit ihren Beitritt erklären. [...]  
8.  In den Schulen darf kein Konfirmandenunterricht mehr abgehalten werden.  
9. Es dürfen außer dem Vereinsbeitrag keine finanziellen Zuschüsse geleistet werden. [...]  
10. Die Vereine dürfen kein Eigentum wie Gebäude, Häuser, Felder, Friedhöfe haben, außer ihrem Kultraum." (S. 80f.) 
In der zweiten Hälfte des Buches stellt der Verfasser zwei deutsche Bischöfe der NS-Zeit als exemplarische Vertreter zweier unterschiedlicher Auffassungen darüber, wie die Kirche sich dem NS-Staat gegenüber verhalten solle, einander gegenüber: den Erzbischof von Breslau, Adolf Kardinal Bertram, der damals auch Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz war, als Vertreter einer eher kompromissbereiten Haltung, und den Bischof von Berlin, Konrad Graf von Preysing, als Verfechter eines entschieden oppositionellen Kurses. Walter Adolph selbst war damals ein enger Mitarbeiter Preysings, und aus seinen Aufzeichnungen aus den Jahren 1937 bis 1940, die er als Quellentexte heranzieht, spricht eine deutliche Kritik an der Haltung Kardinal Bertrams -- für die er rückblickend gleichwohl um Verständnis wirbt: Der 1859 geborene Bertram habe noch den Kulturkampf der Bismarckzeit miterlebt und sei aufgrund dieser Erfahrung vor einer offenen Konfrontation zwischen Staat und Kirche zurückgeschreckt; intern habe er geäußert, dass er "sich nicht dazu entschließen könne, es dazu kommen zu lassen, daß wieder Gläubige ohne Geistlichen sterben müßten" (S. 102). Zudem sei "[s]eine Bischofspersönlichkeit [...] in der Zeit des Kaiserreiches und der Weimarer Republik geformt worden": "Als Hitlers Diktatur begann, trug Kardinal Bertram bereits 27 Jahre den Hirtenstab." Es sei "fraglich, ob er die abgrundtiefe Verdorbenheit der Hitler-Diktatur und ihren Machtmechanismus durchschaute", meint Adolph: "Ihm blieb wohl das Verständnis für die [...] Dynamik der totalitären Herrschaftsform verschlossen" (S. 176). Ich habe die vage Ahnung, es werden Zeiten kommen, da wird man Ähnliches auch über manche heutigen Kirchenvertreter sagen... 


Dass geschiedene Eltern sich darüber streiten, was das Beste für ihr Kind sei, ist sicherlich nicht ungewöhnlich. Aber dass sie sich darüber streiten, welches Geschlecht ihr Kind haben sollte? Nun, möglicherweise ist auch das nicht ganz so selten, wie man annehmen sollte. Chad Pecknold verweist auf den Fall des 7-jährigen James Younger, über den Madeleine Kearns im National Review ausführlich berichtet hat: Die Mutter des Jungen meint, er sei transgender und solle als Mädchen heranwachsen "dürfen", der Vater dagegen meint, die Mutter habe dem Jungen den Wunsch, ein Mädchen zu sein, bloß eingeredet. Pecknold argumentiert, der Fall beleuchte die grundsätzliche Fragwürdigkeit einer Transgender-Ideologie, die es nicht nur als legitim, sondern geradezu als geboten betrachtet, Geschlechtsdysphorie bei Kindern durch zunächst hormonelle und dann auch chirurgische Geschlechtsumwandlung zu "behandeln".

Die Römische Kleruskongregation hat den Plänen des Bistums Trier, die Zahl seiner Pfarreien durch großflächige Zusammenlegungen von jetzt 887 auf 35 (!!) zu reduzieren, per Dekret vorerst einen Riegel vorgeschoben. Die Freude darüber ist indes nicht ungeteilt: Wie beispielsweise die SZ "[d]irekt aus dem dpa-Newskanal" berichtet, reagiert "der Katholikenrat im Bistum Trier" mit "Erschrecken und Unverständnis". Ich will gar nicht groß erörtern, wer eigentlich dieser Katholikenrat ist, was für Leute da drin sitzen und woher die ihre Legitimation nehmen, geschweige denn, woher sie so einen guten Draht zur Presse haben; vielmehr empfehle ich, den Artikel einfach zu genießen. Schon rein sprachlich ist die Stellungnahme des Katholikenrates nämlich jenseits der Parodierbarkeit. "Schade, dass wir jetzt auf die Bremse treten müssen. Wir bitten alle, die sich voller Tatendrang auf den zukunftsfähigen Weg unserer Trierischen Kirche gemacht haben, nicht den Wagenstopp zum Anlass zu nehmen, auszusteigen." So reden Leute, die ihre kirchliche Sozialisation so gut wie ausschließlich in Form von NGL-Liedtexten erhalten haben. 


Heilige der Woche: 

Heute, Montag, 25. November: Hl. Katharina von Alexandrien, Jungfrau und Märtyrerin. Der Überlieferung zufolge überzeugte sie in einer öffentlichen Disputation 59 heidnische Philosophen, die sie auf Befehl des römischen Kaisers Maxentius oder Maximinus vom Christentum abbringen sollten, von der Wahrheit ihres Glaubens und wurde wegdn ihrer Weigerung, dem Christentum abzuschwören, gefoltert und hingerichtet. Ihre Reliquien befinden sich in einem Kloster auf dem Sinai; aus ihrem Sarkophag fließt unaufhörlich ein heilkräftige Öl. Tante Wiki meint (unter Berufung auf den "heutige[n] Forschungsstand", versteht sich), die Legende der Hl. Katharina sei "vermutlich nach der Persönlichkeit und dem Schicksal der spätantiken, von Christen ermordeten Philosophin Hypatia [...] konstruiert" worden: "Dabei wurden die Rollen von Christen und Heiden vertauscht." Na klar. Das könnte euch so passen, ihr Heiden. 

Dienstag, 26. November: Hll. Konrad und Gebhard, Bischöfe von Konstanz. Konrad (ca. 900-975) stand dem 1821 aufgelösten Bistum am Bodensee von 937 bis zu seinem Tod vor, er ließ mehrere Kirchen und ein Hospital erbauen und brachte von einer Pilgerreise nach Jerusalem Reliquien des Heiligen Kreuzes mit nach Konstanz. Sein Neffe Gebhard II. (949-995) wurde 979 sein zweiter Nachfolger, widmete sich besonders der Armenfürsorge und der Förderung des Bildungwesen und gründete das Benediktinerkloster Petershausen

Samstag, 30. November: Hl. Andreas, Apostel und Märtyrer. Bruder des Simon Petrus und wie dieser Fischer am See Gennesaret; dem Johannesevangelium zufolge war er zunächst ein Anhänger Johannes des Täufers und wurde von Jesus als erster der Zwölf Apostel berufen. Laut außerbiblischer Überlieferung verkündigte er den Glauben in der heutigen Türkei und auf dem Balkan und erlitt um das Jahr 60 in Patras auf der Peloponnes das Martyrium. Seine Gebeine wurden im Jahr 375 nach Konstantinopel übertragen; die orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel betrachten sich als seine Nachfolger.


Aus dem Stundenbuch: 

Erneuere die Zeichen, wiederhole die Wunder, * zeige die Macht Deiner Hand und die Kraft Deines rechten Armes! (Sir 36,6f.