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Mittwoch, 31. Mai 2023

DOSSIER: Erstkommunion

Herzlich willkommen zu einem neuen Artikelformat! Wie regelmäßige Leser sich erinnern werden, habe ich anlässlich der jüngsten Erstkommunion in St. Joseph Siemensstadt darüber nachgedacht, ob ich meine tiefsitzende Überzeugung, die landläufige "post-volkskirchliche" Praxis der Erstkommunion sei irreparabel kaputt und gehöre abgeschafft, einmal systematisch angehen sollte – und zwar einschließlich eines Antwortversuchs auf die daran folgerichtig anschließende Frage "Aber was soll man denn sonst machen?". Gleich darauf kam mir in den Sinn, dass dies ein Thema ist, zu dem ich in den bald zwölf Jahren, die mein Blog schon auf dem Buckel hat, schon eine ganze Menge geschrieben habe; und das könnte ich ja, gewissermaßen als Vorstufe zu einer systematischen Behandlung des Themas, erst einmal übersichtlich zusammentragen. 

Wohlan denn! Per Stichwortsuche kann man feststellen, dass in 57 Artikeln des Blogs "Huhn meets Ei" – dieser hier noch nicht mitgezählt – vom Thema Erstkommunion die Rede ist; das sieht erst einmal nach ziemlich viel aus, macht aber bei insgesamt 753 veröffentlichten Artikeln "nur" eine Quote von gut 7,5% aus; und noch entscheidender ist, dass natürlich längst nicht jeder Artikel, in dem das Wort "Erstkommunion" vorkommt, auch etwas Bedeutendes zu diesem Thema zu sagen hat. Sortiert man diejenigen Artikel aus, in denen das gesuchte Stichwort nur beiläufig am Rande vorkommt, bleiben noch 16 – und darunter nur zwei, in denen das Thema Erstkommunion wirklich im Mittelpunkt des Interesses steht (immerhin aber noch sechs weitere, in denen es eine ziemlich wichtige Rolle spielt). 

Womit also fangen wir an? Ich würde sagen, es entspricht am ehesten meinem Stil und meinen Gepflogenheiten – die meine Leser, wie ich hoffe, an mir schätzen –, wenn ich mich dem Thema von den skurrilen Marginalien her nähere. Also beispielsweise vom zweiten Teil meiner vierteiligen Besprechung des postfeministischen Schund- und Schenkelklopfromans "Die Dienstagsfrauen" von Monika Peetz. In einer Passage dieses Romans erinnert sich nämlich Eva, die Konservativste der fünf Hauptfiguren, an die Erstkommunion ihres ältesten Sohnes David, "die groß gefeiert wurde" und zu der fatalerweise auch Evas Hippie-Mutter Regine auftauchte, die ihr Heil sonst in Ashrams und bei esoterischem Tanz zu suchen pflegt: 

"Evas Mutter war fassungslos, dass ihre Tochter eine Familientradition [!!] hochhielt, aus der sie sich mühsam freigekämpft hatte" (S. 94). "Zwischen Regine und der streng katholischen Familie von [Evas Mann] Frido [...] kam es zu unschönen Wortwechseln" - denn Regine hat ein ausgewachsenes "katholisches Kindheitstrauma aufzuarbeiten" und kann es "so gar nicht nachvollziehen, dass die Tochter, die sie zu Weltoffenheit erzogen hatte, ihrem Enkel David so etwas Dogmatisches wie eine Kommunion zumutete" (S. 95). 

"Alleine die Beichte [...]. Ich musste mich als Kind sogar für die Sünden entschuldigen, an die ich mich nicht mehr erinnerte. Immer diese Angst. Gott weiß schon, was du zu beichten haben wirst, bevor du etwas getan hast." (ebd.) 

Damit wären schon mal einige für die Debatte relevante Stichworte gefallen: Erstkommunion als Familienfest und Tradition, die potentiell konfliktträchtige Teilnahme kirchenferner Familienmitglieder sowie die nicht erst in jüngster Zeit umstrittene Praxis, dass vor der Erstkommunion die Erstbeichte zu absolvieren ist. – In dem Artikel "Gelegen oder ungelegen", ursprünglich ein Kommentar fürs Wochenmagazin auf Radio Horeb, wird der damals (2018) gerade aktuelle Fall eines Erstkommuniongottesdienstes in Irland, in dem der Priester u.a. über Abtreibung predigte und damit Unmut unter den Anwesenden auslöste, lediglich als "Aufhänger" genutzt, aber der beiläufige Seitenhieb auf "eine Haltung [...], die die Sakramente der Kirche lediglich als Dienstleistungen in Anspruch nimmt und dabei nicht wahrhaben will, dass die Zugehörigkeit zur Kirche auch eine grundsätzliche Zustimmung zu ihren Lehren verlangt", löste immerhin eine interessante Diskussion in den Leserkommentaren aus. – Nur kurz erwähnt sei der Artikel "Wie hältst du's mit der Handkommunion?" – ein Frühwerk von 2012, als ich noch neu in der damals so genannten "Blogoezese" war; darin halte ich u.a. die Beobachtung fest, dass den Kindern in der landläufigen Erstkommunionvorbereitung offenbar ausschließlich die Handkommunion beigebracht wird, mit einer Selbstverständlichkeit, als gäbe es keine andere Form. 

Vielschichtiger kommt – entgegen dem ersten Eindruck – der Artikel "Gluten und Kommunion" von 2016 daher, der durch einen Leserkommentar angeregt wurde. "Meine Nichte war letzthin empört darüber, zu hören, dass ihre Tochter, die an einer schweren Zöliakie leidet, wohl nicht zur Kommunion gehen könne anlässlich der Erstkommunion des kleineren Bruders", schrieb mir dieser Leser. Das Problem: Die in der katholischen Eucharistiefeier verwendete Hostien müssen, um gültige Materie zu sein, aus Weizenmehl bestehen und enthalten somit zwangsläufig Gluten. Der durch diesen Fall angeregte Artikel berührt jedoch noch ganz andere Fragen als die, welche Schwierigkeiten sich für Menschen mit schwerer Glutenunverträglichkeit aus dieser Vorschrift ergeben: In der zweiten Hälfte des Texts geht es vorrangig um Probleme, die sich daraus ergeben, "dass es bei Erstkommunionfeiern vermutlich weithin als normal gilt, dass die Familie des Erstkommunionkindes ebenfalls zur Kommunion geht", auch wenn "es sich dabei um Familien handelt, die außerhalb solcher besonderer Anlässe keine oder kaum eine lebendige Glaubenspraxis haben" – und schließlich darum, "dass Viele, die aus verschiedenen Gründen nicht zur Kommunion gehen können, das Hauptproblem dieser Situation darin sehen, dass sie sich zurückgesetzt, ja diskriminiert fühlen, wenn sie in der Bank sitzen bleiben müssen, während alle Anderen an den Altar treten". – In dem Artikel "Der letzte Feind ist der Tod" – bei dem es sich, was die Überschrift wohl nicht unbedingt vermuten lässt, um eine Analyse der offiziellen DBK-Kirchenstatistik für das Jahr 2016 handelt – setze ich u.a. die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher zur Anzahl der Erstkommunionen und Firmungen ins Verhältnis und komme zu dem Ergebnis: "Würde man davon ausgehen, dass Erstkommunionkinder und Firmlinge nicht nur an 'ihrem großen Tag' an der Heiligen Messe teilnehmen, sondern auch sonst [...], dann müsste durchschnittlich jeder 7. bis 8. Messbesucher entweder ein Erstkommunionkind oder ein Firmling sein". Was ja nun einigermaßen offenkundig nicht der Fall ist. 

Damit aber genug des Vorgeplänkels; kommen wir nun zu den beiden Artikeln, in denen die Erstkommunion das Hauptthema ist und folgerichtig auch schon in der jeweiligen Überschrift genannt wird. Es handelt sich um 

und 

Anlass für den erstgenannten Artikel war der Umstand, dass in der Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland in jenem Jahr 38 Kinder zur Erstkommunion gingen – eine sehr beachtliche Zahl für eine Pfarrei mit nur rund 3.400 Katholiken. Daran knüpfen sich dann "einige weiterführende Gedanken" an – die zum Teil in späteren Artikeln wieder aufgegriffen werden. Hier fällt auch bereits das böse Wort von der "Letztkommunion" – untermauert mit dem Hinweis auf statistische Angaben aus einem Dossier der DBK, demzufolge "[k]atholisch getaufte Kinder [...] fast ausnahmslos zur Erstkommunion" gehen, wohingegen sich nur "sieben von zehn zur Erstkommunion geführten Kindern" vier bis sechs Jahre später firmen lassen – was, wenn man es recht bedenkt, bedeutet: "In den vier bis sechs Jahren zwischen Erstkommunion und Firmung gehen der Kirche 30% ihres Nachwuchses verloren." (Das sind wohlgemerkt Zahlen von 2013/14. Ich würde mich nicht wundern, wenn es heute noch erheblich schlechter aussähe.) Angesprochen wird hier auch bereits, dass es zwar 'durchaus richtig und angemessen" sei, "die Erstkommunion zum Anlass für ein großes und fröhliches Fest zu nehmen", dass "dieses Fest" jedoch "nicht der eigentliche Zweck der Übung sein" sollte – "ebenso wie z.B. eine schöne Hochzeitsfeier nicht der Grund dafür sein sollte, dass man heiratet". Schließlich und endlich dreht sich ein quantitativ nicht unbedeutender Teil des Artikels um die Frage, was man bei der Erstkommunionvorbereitung anders und besser machen könnte, sollte oder müsste; und dabei spielt das Stichwort "Familienkatechese" eine entscheidende Rolle. Darauf wird noch zurückzukommen sein. 

Der Artikel "Erstkommunion? Rette sich wer kann!" geht von einem gänzlich anderen Blickwinkel aus: nämlich von der Beobachtung, dass der Trubel handelsüblicher Erstkommuniongottesdienste für die eingesessene Kerngemeinde oft genug ein Ärgernis und eine Belastung darstellt. Als wesentlicher Anknüpfungspunkt für die Argumentation dient hier ein von Dominik Blum, Leiter des Referats Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat Vechta, verfasster Kommentar auf häretisch.de, der darauf abzielt, "die 'guten Katholiken'  [...] auf die anstehenden Erstkommunionfeiern einzustimmen", indem er "eine bessere Willkommenskultur für seltene Kirchgänger einfordert". In meinen Anmerkungen zu Blums Text räume ich ein, dass er teilweise nicht Unrecht hat, gebe aber gleichzeitig zu bedenken, dass die "Erstkommunion-Saison" so allerlei mit sich bringt, "was für einen gläubigen Katholiken ein weit größeres und ernsthafteres Ärgernis darstellt als keinen Parkplatz zu bekommen oder seinen Stammplatz in der Kirchenbank besetzt vorzufinden". So höre man 

"von Priestern und ehrenamtlichen Katecheten viele Klagen über Familien, denen die religiöse Bedeutung der Erstkommunion völlig gleichgültig ist und die um einer schönen Familienfeier willen den Gottesdienstbesuch als mehr oder weniger lästige Pflichtübung in Kauf nehmen. Vereinzelt sollen Eltern sogar schon die Frage aufgeworfen haben, ob ein Gottesdienst zur Erstkommunion denn unbedingt sein müsse." 

Es folgt ein Bericht über einen Erstkommuniongottesdienst in Herz Jesu Tegel, der gemessen daran, was man hätte erwarten können, "gar nicht so schlimm" war; und im abschließenden Teil des Artikels werden zwei Kernprobleme der landläufigen Erstkommunion-Praxis identifiziert: einerseits die "Anspruchshaltung der Kulturkatholiken", die, wie ich aus einem Essay von Martin Recke auf Commentarium zitierte, "schon heute die ausgedünnten und überalterten Kerngemeinden wie auch die hauptamtlichen Apparate" überfordert, und andererseits die Versuchung, als Reaktion darauf "[d]en Zugang zu den Sakramenten möglichst 'niederschwellig' zu gestalten, damit sich ja niemand überfordert fühlt und womöglich gar beschwert". – Nicht das Uninteressanteste an diesem Artikel ist meine Bemerkung, unter den herrschenden Bedingungen hätte ich "erhebliche Bedenken, Gideon und Bernadette in die Mühle der allgemeinen Erstkommunionvorbereitung zu werfen"; man beachte, dass ich dies zu einem Zeitpunkt schrieb, als meine Kinder, die tatsächlich diese Namen tragen, noch gar nicht geboren waren. Davon mal ganz abgesehen ziehen die geäußerten Bedenken naturgemäß die Frage nach sich: "Gibt es Auswege?" Was mir seinerzeit – anno 2017, wie gesagt – zu dieser Frage einfiel, ist nicht unbedingt revolutionär, dafür aber pragmatisch: 

"Meine Liebste und ich [...] machen uns jetzt schon Gedanken darüber, ob wir entweder versuchen sollten, uns selbst in die Erstkommunionkatechese unserer Pfarrgemeinde einzubringen, oder ob wir auf privater Basis ein 'ergänzendes Angebot' zum regulären katechetischen Unterricht organisieren sollten, gerade auch für die Eltern. Natürlich würde man damit nicht alle erreichen, die es betrifft – wahrscheinlich nicht einmal die Mehrheit. Aber selbst wenn nur wenige mitmachen, wäre doch schon etwas gewonnen. 

Und wenn gar nichts anderes hilft, kann man wenigstens die eigenen Kinder aus der allgemeinen Erstkommunionvorbereitung 'rausnehmen und selbst auf den Sakramentenempfang vorbereiten." 

Fassen wir bis hierher mal zusammen: Die gängige "post-volkskirchliche" Praxis der Erstkommunionspendung – die darauf basiert, einmal jährlich alle Kinder einer bestimmten Alters- oder Schulklassenstufe, die katholisch getauft sind und im Gebiet der Pfarrei gemeldet sind, zur Erstkommunion-Vorbereitung einzuladen, den teilnehmenden Kindern diese Vorbereitung in Form eines schulähnlichen Unterrichts zu erteilen und zum Abschluss dieses Kurses der ganzen Gruppe im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes die Erstkommunion zu spenden – wird, verglichen mit anderen kirchlichen "Angeboten", noch immer stark in Anspruch genommen, auch von ansonsten eher kirchenfernen Familien. Für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarreien bedeutet dieses Prozedere eine erhebliche Belastung, der Erstkommuniongottesdienst selbst wird von der Kerngemeinde nicht selten als eher ärgerlich erlebt. Diese Probleme sind allgemein bekannt; pastoral gerechtfertigt wird die Beibehaltung dieser Praxis jedoch mit dem Argument, sie biete eine Chance, distanzierte Mitglieder wieder neu mit der Kirche in Kontakt zu bringen. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass diese Art des Kontakts höchstens in seltenen Ausnahmefällen zum Aufbau einer nachhaltigen Bindung an die Kirche führt. Mag man darauf erwidern, solche seltenen Ausnahmefälle seien immerhin besser als nichts, so sollte doch zumindest erwogen werden, ob man auf andere Weise nicht bessere Ergebnisse erzielen könnte. 

Hinzu kommt die Gefahr, dass das niedrige katechetische Niveau der Erstkommunionvorbereitung – mit dem man vermeiden will, die Kinder aus kirchenfernen Familien zu "überfordern" – die Gefahr birgt, auf religiös interessiertere und von Haus aus besser auf den Sakramentenempfang vorbereitete Kinder einen eher negativen Effekt (im Sinne einer "Angleichung nach unten") zu haben. Dieser Aspekt spielt implizit bereits in meinem Artikel "Gideon und Bernadette gehen nicht zur Kinderkatechese" eine Rolle (der ebenfalls zu einem Zeitpunkt entstand, als die in der Überschrift genannten Kinder noch gar nicht auf der Welt waren), erheblich deutlicher dann in "Ich glaub, ich steh im Wald" aus dem Jahr 2018: 

"Das, was von den sterbenden volkskirchlichen Strukturen und Gepflogenheiten derzeit noch übrig ist, stellt bis auf Weiteres sicher, dass Kinder und Jugendliche wenigstens an ein paar Punkten ihres Lebenswegs mit der Kirche in Kontakt kommen. Nahezu alle Kinder, die katholisch getauft werden, sieht man einige Jahre später in der Erstkommunionvorbereitung wieder, und einen relativ großen Teil davon dann nochmals einige Jahre später in der Firmvorbereitung. Das ist ein beachtliches Potential – das aber komplett vergeudet wird, wenn man nicht einmal den Versuch unternimmt, den Kindern und Jugendlichen etwas Substantielles über den Glauben beizubringen, geschweige denn etwas wie Interesse oder gar Begeisterung für den Glauben in ihnen zu wecken. Stattdessen spult man ein Programm runter, das die Kinder günstigstenfalls langweilt und im weniger günstigen Fall peinlich berührt. Ehrlich gesagt wundert es mich ganz und gar nicht, dass die Kinder froh sind, wenn sie das hinter sich haben, und freiwillig nie wiederkommen. Wundern würde es mich eher, wenn es anders wäre. 

Würde man hingegen die Erstkommunion- und Firmvorbereitung für substantielle Katechese nutzen, müsste man bei einem (vielleicht gar nicht so kleinen) Teil der Zielgruppe mit Widerspruch und Ablehnung rechnen – in der Erstkommunionvorbereitung wohl eher von Seiten der Eltern, in der Firmvorbereitung möglicherweise verstärkt seitens der Jugendlichen selbst. Vielleicht würde einem das die Statistik versauen, weil es dann eine größere Zahl von Leuten gäbe, die beschlössen, das dann doch nicht mitmachen zu wollen. Aber relativ sicher könnte man sich sein, dass der Anteil derer, denen das Ganze einfach egal  ist, zurückginge. Wenn man wenigstens bei einer Minderheit der Erstkommunions- und Firmbewerber auf positive Resonanz stieße, wäre das somit allemal schon besser als jetzt." 

Man muss indes einräumen, dass die bis hierher besprochenen Artikel in Hinblick auf die Frage, was man denn anders machen könnte, sollte oder müsste, durchweg unbefriedigend sind: Die gebotenen Lösungsansätze schwanken zwischen den Optionen, lokal, d.h. in der eigenen Pfarrgemeinde, das Beste aus dem bestehenden System zu machen oder aber individuell aus ihm auszusteigen. Hingegen werden keine Ideen formuliert, wie man den Weg zur Erstkommunion von Grund auf radikal umgestalten könnte. (Zu der in "Erstkommunion? Rette sich wer kann!" angesprochenen Überlegung, "uns selbst in die Erstkommunionkatechese unserer Pfarrgemeinde einzubringen", findet sich übrigens in "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #16", mehr als vier Jahre später, ein ernüchterndes Postskriptum: Hier erfährt der geneigte Leser nämlich, "dass meine Liebste und ich kurzzeitig dafür im Gespräch waren, ab diesem Herbst die Erstkommunion-Katechese an unserem Gemeindestandort zu übernehmen, aber das ist am Veto des Pfarrers gescheitert. Er wird schon seine Gründe haben.") 

Dabei war ein Ansatz, der im Grunde "nur noch" darauf wartete, weiterentwickelt zu werden, schon früh – nämlich 2015 in "Erstkommunion – und andere Neuigkeiten aus St. Willehad" – genannt worden: das Stichwort "Familienkatechese". In einem im Frühjahr 2018 für die Pfarrei Herz Jesu Tegel unter der Überschrift "Brainstorming Gemeindeentwucklung" entworfenen Konzeptpapier, das man in meinem Blogartikel "Gemeindeaufbau statt 'Churchhopping' – Es tut sich was!" nachlesen kann, findet sich zum Stichwort "Erstkommunion" lediglich der knappe Hinweis "Eltern stärker einbinden". Eine erheblich konkretere – und radikalere – Vision findet sich rund ein Jahr darauf an gänzlich unerwarteter Stelle, nämlich im letzten Absatz des Artikels "Man hatte mir doch fundamentalistische Christen versprochen!", in dem es größtenteils um ein ganz anderes Thema, nämlich die weltanschauliche Heterogenität des #kindergartenfrei-Netzwerks, geht. In dem besagten Schlussabsatz schildere ich meine "Idealvorstellung" eines "Familienkreis[es] innerhalb der Pfarrei, der gemeinschaftlich ein möglichst schon bei der Ehevorbereitung, spätestens aber bei der Anmeldung von Kindern zur Taufe ansetzendes Modell von fortlaufender Familienkatechese entwickelt":

"Anfangen könnte man damit, dass die Eltern gemeinsam den 'YOUCAT for Kids' studieren, während die Kinder miteinander spielen. Auf längere Sicht könnte ein solcher Familienkreis die herkömmlichen Erstkommunion- und Firmvorbereitungskurse zunächst ergänzen und irgendwann einmal ganz ersetzen. Die sind nämlich die Pest und müssen sterben. Aber dazu wohl lieber ein andermal mehr..." 
Die abschließende Ankündigung wird dann ein paar Monate später in "Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr" – wiederum ein Text, den ich ursprünglich als Wochenkommentar für Radio Horeb verfasst habe – teilweise eingelöst: Hier wird erstmals explizit die Frage aufgeworfen, "ob es [...] überhaupt noch sinnvoll ist, die Schüler pauschal nach Jahrgangsstufen zum Erstkommunion- und Firmunterricht antreten zu lassen. Ob man nicht besser daran täte, stattdessen die Familienkatechese zu stärken – sowohl im Sinne von 'Katechese für Familien' als auch im Sinne von 'Katechese in der Familie'": 
"Beides sollte idealerweise Hand in Hand gehen. Katholische Eltern müssen sich bewusst sein, dass es Bestandteil ihres Eheversprechens ist, ihre Kinder im Glauben der Kirche zu erziehen, und Aufgabe der Kirche – zuallererst in Gestalt der örtlichen Pfarrei – ist es, ihnen einerseits diese Verantwortung bewusst zu machen und ihnen andererseits Hilfestellung zu geben, um dieses Versprechen erfüllen zu können. Eltern dazu zu befähigen, selbst die ersten und vorrangigen Katecheten für ihre Kinder zu sein, ist indes keine Aufgabe, die man mittels eines vier- oder sechswöchigen Kurses ein für allemal abhaken könnte, sondern ein permanenter Prozess, in dem sich die Familien in einer Pfarrgemeinde gegenseitig unterstützen sollten, etwa in Form von Hauskreisen. Natürlich würde ein derart umfassendes Modell von Familienkatechese einen radikalen Mentalitätswandel bei jenen voraussetzen, die daran gewöhnt sind, die institutionelle Kirche als Dienstleister zu betrachten. Mancher wird es als Zumutung zurückweisen, sich selbst um die religiöse Unterweisung seiner Kinder kümmern zu sollen. Die Frage ist jedoch, ob die Kirche gut beraten ist, auf solche Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen."

Unter Verweis auf Father James Mallons Buch "Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert" fügte ich hinzu: "Pastoral, das kann nicht deutlich genug betont werden, heißt Hirtendienst, und die wichtigste Aufgabe des Hirten [...] ist es, seine Herde auf die Weide zu führen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, kann er sich nicht an denjenigen orientieren, die gar keinen Hunger haben." 

Halten wir fest: Mit dieser Vision einer fortlaufenden Familienkatechese hätten wir schon mal einen Ansatz zur Überwindung des real existierenden Elends der Vorbereitungskurse zur Sakramentenspendung; viel mehr als ein Ansatz ist es indes zugegebenermaßen nicht. Da wäre zweifellos noch Vieles zu durchdenken und zu konkretisieren; allerdings bin ich überzeugt, dass ein nicht unwesentlicher Teil dieser Konkretisierung nur in der Praxis, durch Versuch und Irrtum, geschehen kann. Was das betrifft, hätte ich anno 2019 zweifellos erwartet, heute schon weiter zu sein; aber dann kam erst Corona, dann unser Ausstieg aus der Mitarbeit in der Pfarrei Herz Jesu Tegel, und die Pfarreifusionen haben die Bedingungen für die Basisarbeit auch nicht gerade verbessert. Von daher ist es nicht unbedingt überraschend, dass neuere Beiträge, die das Thema Erstkommunion ansprechen, sich eher auf die Kritik an den bestehenden Zuständen konzentrieren als auf konkrete Vorschläge, was man anders und besser machen könnte. 

Immerhin wird in "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #16" (September 2021) – im Zuge der Besprechung eines Blogartikels von Micah Murphy mit dem bezeichnenden Titel "Butts in the Pews: The Sacraments As Marketing" – die grundsätzliche Kritik daran, "die Kinder jahrgangsweise zur Erstkommunion-Vorbereitung zu schicken", aufgegriffen und vertieft: "Mir drängt sich da das Bild eines Fließbands auf, auf dem die Kinder jahrgangsweise die einzelnen Stationen der Sakramentenmaschine durchlaufen." Und ich gebe zu bedenken:

"Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell, und dass die Entwicklung ihres religiösen Verständnisses sehr stark davon abhängig ist, welche Rolle Religion im Alltag ihrer Familie spielt, wird wohl niemand bestreiten. Wenn nun also manche Kinder schon erheblich früher "so weit sind" als andere -- wieso muss man sie warten lassen
Wenn nun jemand einwenden möchte, für eine flexiblere und individuellere Regelung des Zugangs zu den Sakramenten sei die Kirche als Organisation schlichtweg zu groß, dann kann ich nur erwidern: Na, das Problem wird sich hierzulande ja wohl bald erledigt haben."
Ebenfalls noch einmal verschärft wird in diesem Artikel die Kritik am "volkskirchentypische[n] Minimalismus" in der Katechese; dieser sei "eine self-fulfilling prophecy":
"Wenn man sein gesamtes katechetisches und pastorales Angebot auf eine Zielgruppe ausrichtet, von der man - ob zu Recht oder zu Unrecht - annimmt, dass es sie eigentlich sowieso nicht interessiert, braucht sich keiner zu wundern, wenn dabei etwas herauskommt, was niemanden interessiert." 

Vielleicht nur als Kuriosität, vielleicht aber doch auch als interessanten Denkanstoß gerade unter den Bedingungen des "Schmutzigen Schismas", kann man betrachten, was ich im Herbst 2010 – im Rahmen der "Kaffee & Laudes"-Folge zur 30. Woche im Jahreskreis – als Lektürenotiz zu einer biographischen Skizze über den Priester Friedrich Radek (1884-1964) festhielt: In Stralsund, wo er ab 1922 Pfarrer war, baute Radek das St.-Josephs-Stift zu einer "Kommunikantenanstalt" für "80-100 Kinder" aus; fortan wurden dort "Jungen und Mädchen aus den entlegenen Dörfern Vorpommerns für einige Monate aufgenommen und auf die Erstkommunion vorbereitet. Einige der Kinder hatten noch nie eine katholische Kirche gesehen, geschweige denn am Religionsunterricht teilgenommen". Ich merkte an: "Nun stelle man sich mal vor, jemand würde heutzutage den Vorschlag wagen, die Erstkommunionvorbereitung für kirchenfern aufgewachsene Kinder auf solche Art zu organisieren..." 

In einer anderen Folge der Reihe "Kaffee & Laudes" – vom 16.09.2019 (24. Woche im Jahreskreis) – wird anhand anekdotischer Beispiele problematisiert, wie isoliert die Erstkommunionvorbereitung vielfach vom übrigen Gemeindeleben ist: Zuerst wird erwähnt, wie eine ungenaue bzw. missverständliche Eintragung im Online-Zelebrationsplan von Herz Jesu Tegel fälschlich den Eindruck erweckte, die Legio Mariae gestalte einen Wortgottesdienst für den Erstkommunionkurs: "DAS finde ich ja mal innovativ! Ich ahnte allerdings gleich, dass da etwas nicht stimmen kann." Und weiter unten heißt es dann, der nächste Termin des besagten Erstkommunionkurses finde "parallel zum Krabbelbrunch" statt, den meine Liebste damals einmal im Monat anbot – "und zwar im Nebenraum. Man darf gespannt sein, was für Synergieeffekte sich daraus womöglich ergeben." Spoiler: Es ergaben sich keine. Als sich dieselbe Konstellation ein paar Monate später (im Februar 2020, also kurz vor dem "Lockdown") wiederholte, konkretisierte ich meine Hoffnung auf "Synergieeffekte" in den Worten "Dann sehen die mal, was wir hier veranstalten, dachte ich mir, und vielleicht haben einige der Erstkommunionkinder ja noch jüngere Geschwister", stellte dann jedoch fest: "Der Haken an dieser Überlegung ist allerdings die (wahrscheinlich nicht nur) in dieser Gemeinde tief verwurzelte Angewohnheit, dass jeder sich nur um seinen Kram kümmert und sich nicht dafür interessiert, was andere Gruppen machen." 

Zu guter (oder vielleicht nicht so guter) Letzt sei noch auf zwei "Lehrbuchbeispiel[e] für gescheiterte religiöse Sozialisation" verwiesen, die nicht aus meinem persönlichen Erfahrungsbereich stammen, sondern die ich "in den Medien" vorgefunden habe. In den "Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #18" (Oktober 2021) wird in der Rubrik "Linktipps" ein auf Credo Online veröffentlichtes, in Interviewform gestaltetes Glaubenszeugnis einer Frau namens Sabrina, die im Alter von 32 Jahren das Sakrament der Firmung empfangen hat, gewürdigt. Über ihren "christliche[n] Background" berichtet Sabrina: 

"Ich wurde katholisch getauft, das haben meine Eltern so entschieden [...]. Meine Erstkommunion wurde über die Schule organisiert. So richtig gefeiert wurde die aber zu Hause gar nicht. Vermutlich weil meine Eltern sich kurz zuvor scheiden lassen hatten und dann gab es wohl wichtigere Dinge."  

Wozu ich anmerkte: 

"Man mag sich fragen, ob Sabrina angesichts dieser familiären Situation wohl überhaupt zur Erstkommunion gegangen wäre, wenn diese nicht "über die Schule organisiert" worden wäre; aber ich tue mich ehrlich gesagt schwer damit, das als einen Pluspunkt für das landläufige System der Erstkommunion-Vorbereitung zu verbuchen  Bei der Firmung jedenfalls funktionierte dieses System dann nicht mehr" – 

nämlich weil Sabrina wegen eines Umzugs den für ihre Jahrgangsstufe vorgesehenen Termin für die Firmung verpasste und die nächste Gelegenheit erst zwei Jahre später gewesen wäre; da fühlte sie sich aber schon zu alt, um zusammen "mit den zwei Jahre jüngeren Kindern" den Firmkurs zu absolvieren – das wäre "ziemlich uncool gewesen." 

Und in "Camino de Willehado: Der Prophet im eigenen Land (Teil 1 von 3)"  aus dem Frühsommer 2021 – wiederum einem Artikel, in dem es eigentlich bzw. hauptsächlich um ganz andere Themen geht – ist gegen Ende von "einem Beitrag zum Thema Erstkommunion" die Rede, "den die Social-Media-Abteilung des Erzbistums Hamburg [...] auf Instagram und Facebook veröffentlicht hat [...]. Darin wird die Erstkommunion eines Mädchens aus Sicht ihrer Mutter kommentiert" – die ihre Entscheidung, trotz einer eher kritisch-distanzierten Haltung zur Kirche ihr Kind zur Erstkommunion gehen zu lassen, wie folgt begründet: 

"Weil unsere Gemeinde klasse ist. Weil in unserer Kirche getanzt, gelacht und geklatscht wird. Aber auch, weil es ein Zeichen ist. All die religiösen Geschenke und der Blumenkranz im Haar sind eine Tür. Da gibt es noch was. Da ist diese Kraft. Diese Liebe. Das Göttliche. Ist da und liebt. Immer."  

Dazu merkte ich an: 

"Tanzen, lachen und klatschen, und irgendwie ist da dann noch eine Tür zu irgendwas Göttlichen – darum geht's also bei der Erstkommunion? -- Gewiss: Wenn man davon ausgeht, dass dieser Text die authentischen Empfindungen und Wahrnehmungen einer Erstkommunion-Mutter widerspiegelt, dann ist er ein Dokument, das man zur Kenntnis nehmen sollte – und das zu denken geben sollte. Wenn eine Bistumsredaktion diesen Text aber ohne jeden Kommentar, ohne jede Einordnung für ihre mediale Selbstdarstellung nutzt, ja geradezu zur Eigenwerbung einsetzt, muss man sich schon fragen, ob die eigentlich noch alle Latten am Zaun haben." 

– Nun ist dieses Dossier ganz schön umfangreich geraten; kommen wir also langsam mal zum Schluss: Ich hoffe deutlich gemacht zu haben, dass ich das Anliegen, die Praxis der Erstkommunionvorbereitung und -spendung von Grund auf zu reformieren, als ausgesprochen dringlich betrachte. Den in einigen meiner früheren Blogartikel zu diesem Thema angeklungenen Ansatz einer umfassenden, fortlaufenden Familienkatechese, die die landläufige Form der Erstkommunion- und Firmkurse zunächst ergänzen und auf mittlere Sicht ersetzen könnte und sollte, halte ich nach wie vor für richtungsweisend – und möchte hinzufügen, dass ich gerade unter den Bedingungen des "Schmutzigen Schismas" infolge des "Synodalen Wegs" ein großes Potential dafür sehe. Ich räume allerdings ein, dass dieser Ansatz vorläufig im Ideenstadium steckengeblieben ist und noch der Ausgestaltung zu einem praxistauglichen Konzept harrt. Darauf wird also in Zukunft noch zurückzukommen sein. 

Im Übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass wir uns dem siebten Jahrestag jenes Straßenfests nähern, das meine Liebste und mich zu unserem gemeinsamen Konzept von "Punkpastoral" inspiriert hat; es erscheint mir daher sinnvoll, das neu entwickelte "Dossier"-Format als nächstes dazu zu nutzen, einmal einigermaßen übersichtlich zusammenzufassen, was wir unter der Bezeichnung "Punkpastoral" verstehen und warum wir unser Konzept so genannt haben. Und dann schauen wir mal, was es auf diesem Blog sonst noch so an häufig wiederkehrenden und darum "dossierwürdigen" Themen gibt...! 


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