Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Dienstag, 15. Januar 2019

Die Kinder und der nicht nur liebe Gott


Hatten wir das Thema nicht neulich erst? – In der Tat; allerdings hatte ich, als ich mir Johannes Schneiders in der "Antichrist &Unterwelt" erschienenen Artikel zum Thema "Hilfe, meine Kinder sind frömmer als ich" vorknöpfte, nicht den Hauch einer Vorahnung, dass ich kurze Zeit später auf einen thematisch verwandten Artikel stoßen würde, der diesen in puncto Doofheit noch weit in den Schatten stellen würde. Wobei, wenn's nur Doofheit wäre. In beiden Fällen kann man den Autoren persönlich, so gern man es möchte, nur schwer einen Vorwurf machen, denn beide geben sehr deutlich zu erkennen, dass sie selbst bereits Opfer einer von Grund auf verkorksten religiösen Sozialisation sind. Was übrigens genau der Grund ist, weshalb es sich dennoch lohnt, die Texte zu lesen, denn wenn man sie gründlich genug gegen den Strich bürstet, stößt man hier und da doch auf eine bemerkenswerte Erkenntnis.

Genug der Vorrede: "Es gibt keine kindgerechte Version von Gott" lautet der Titel eines von einer in Berlin lebenden zweifachen Mutter unter dem Pseudonym "Anna Wronska" verfassten Beitrags auf "Schlaflos", dem "Familienblog der F.A.Z.", über den ich in den Weiten der sozialen Netzwerke gestolpert bin. Unter dem Titel hätte man sich ja durchaus auch eine Kritik an der Tendenz vorstellen können, christliche Glaubensinhalte zu verflachen und zu verniedlichen, um sie auf diese Weise vermeintlich "kindgerecht" vermitteln zu können, und eine solche Kritik hätte bei mir offene Türen eingerannt; der erste Absatz könnte auch tatsächlich in diese Richtung verstanden werden, aber man merkt doch recht bald, dass die Verfasserin eigentlich ganz andere Sorgen hat.

"Unser Sohn Ben geht in eine evangelische Kita", heißt es da zunächst:
"Das steht zumindest vorne dran [...]. Ich weiß, dass die Kinder einmal im Monat gemeinsam in die Kirche gehen, dass sie in der Adventszeit Weihnachtslieder singen und im Eingangsbereich eine Krippe steht, aber viel mehr als das scheint es an frühkindlicher religiöser Prägung nicht zu geben. Das hat mich auch nie gestört, obwohl ich selbst christlich erzogen bin [...]."
So einen Fall hatten wir neulich schon mal: Erneut ist das entscheidende Wort im letzten hier zitierten Satz das Wörtchen "obwohl". Wie ist es gemeint? Der Wortlaut scheint zunächst nahe zu legen: Obwohl die Mutter "selbst christlich erzogen" wurde, hat es sie bis vor Kurzem "nie gestört", dass die religiöse Erziehung in der konfessionellen Kita, die ihr Sohn besucht, so oberflächlich ist. Der weitere Verlauf des Texts legt jedoch eine andere Deutung nahe: Obwohl sie selbst christlich erzogen wurde, hat es sie bisher nicht gestört, dass ihrem Sohn in der Kita überhaupt eine – wenn auch nur oberflächliche – religiöse Erziehung zuteil wird. Aber neuerdings stört es sie doch. Weil diese Spurenelemente von Religion beim Kind Fragen aufwerfen, die sie als Mutter teils nicht beantworten kann und teils nicht beantworten will.

Das ist jedenfalls das "framing", das die Autorin ihrem Artikel zu geben versucht; ich muss allerdings gestehen, dass mich das umso weniger überzeugt, je öfter ich den Text lese. Dass der kleine Ben im Alter von drei Jahren plötzlich doch anfängt, "Interesse an spirituellen Fragen" zu zeigen, hat nämlich zunächst einmal überhaupt nichts mit religiöser Erziehung zu tun – sondern vielmehr mit dem "Tod seiner polnischen Ur-Oma". Die Autorin berichtet:
"Der 'Klassiker', dass sie in den Himmel zu Gott gekommen war, kam von uns Eltern wie auch den anderen Verwandten automatisch, und er nahm das ohne weitere Nachfragen hin. Doch mit der Zeit wurde ihm die Sache unheimlich [...]." 

Bemerkenswert ist die Konsequenz, die sie daraus zieht: "Wir lernten also: Himmel weglassen. Himmel ist nicht gut." (Ich komme noch darauf zurück, warum ich diese Reaktion für problematisch halte.) "Und beim vermeintlich unverfänglichen Thema Dinosaurier/Fossilien bekamen wir vor ein paar Monaten zu hören: 'Müssen wir auch sterben, wie die Dinos?'"

Spätestens an diesem Punkt hätte die Mutter eigentlich selbst merken müssen, dass das Problem, das sie hier beschreibt, primär nichts mit Religion zu tun hat. Sondern schlichtweg damit, dass das Kind erstmals mit der Realität des Todes konfrontiert worden ist und dass diese Realität naturgemäß "unheimlich" ist. Diese Konfrontation mit dem Tod ist etwas, das allen Kindern (und ihren Eltern) früher oder später blüht, egal ob religiös erzogen oder nicht; ich habe vor Jahren schon mal was darüber geschrieben. Sicherlich macht es für die Art und Weise, wie man mit seinem Kind über den Tod spricht, einen erheblichen Unterschied, ob man an ein Leben nach dem Tod glaubt und diesen Glauben auch an seine Kinder weitergeben möchte oder eben nicht. Aber eines zeigt "Anna Wronskas" Erfahrungsbericht eben ganz deutlich: Die Erzählung vom Himmel lediglich als "Trostpflaster" einsetzen zu wollen, um den Schmerz und den Schrecken der Begegnung mit dem Tod zu beschwichtigen, das funktioniert eben nicht.

Dennoch legt die Mutter eine solche Beschwichtigungsstrategie auch in anderer Hinsicht an den Tag. Etwa, wenn sie ihrem Sohn aus einem "Erklärbuch für Kinder zum Thema Bibel" vorliest, das sie von der Oma geschenkt bekommen hat, nachdem sie sich "an die deutschen und polnischen Kinderbibeln im Regal […] bislang nicht herangetraut" hat:
"Bei Kain und Abel formulierte ich bereits etwas um ('Er ging mit Abel aufs Feld und… äh… schimpfte mit ihm')."

Echt jetzt? – Das erinnert mich daran, wie ich mal im Wartezimmer beim Kinderarzt mitbekam, wie eine Mutter ihrer Tochter eine Bilderbuchversion von "Schneewittchen" vorlas und dabei die Passage, in der der Jäger Schneewittchen im Wald umbringen soll, auf ganz ähnliche Weise "entschärfte". Mir ist klar, dass manch ein Vulgäratheist es mit triumphalem Leuchten in den Augen als Steilvorlage auffassen wird, wenn ich hier biblische Geschichten mit Märchen vergleiche, aber davon lasse ich mich einfach mal gar nicht stören und sage: Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, und natürlich gibt es zwischen biblischen Erzählungen und Märchen ein gewisses Maß an Ähnlichkeit. Und dazu gehört zum Beispiel eben das "Archaische", von dem Johannes Schneider in seinem Christ & Welt-Beitrag meinte, dass es ein wesentlicher Grund für die Anziehungskraft sei, die die Sphäre von Bibel, Glaube und Kirche auf seine Kinder ausübe: Es handle sich um "eine Gegenwelt, die nicht nur grausamer, sondern auch größer, feierlicher und älter ist als alles, was sich die Kinder sonst vorstellen können". Wenn Eltern meinen, diese Grausamkeit sei Kindern nicht zuzumuten, dann kann man sich vielleicht darüber streiten, für welche Altersstufe das gilt, aber grundsätzlich halte ich diese Einstellung für falsch. Wie Chesterton sagte – ich zitiere sinngemäß aus dem Gedächtnis:
"Aus Märchen lernen Kinder nicht, dass es Drachen gibt. Dass es Drachen gibt, wissen sie bereits. Aus Märchen lernen sie, dass Drachen besiegt werden können." 
Hingegen gehört "Anna Wronska" offenkundig eher zu den Eltern, die ihren Kindern lieber einreden, es gäbe die Drachen nicht - oder zumindest würden sie verschwinden, wenn man vor ihnen die Augen verschließt. Diese Haltung ist, wie schon angedeutet, ihr persönlich nicht unbedingt zum Vorwurf zu machen; sie scheint bei Eltern aus der Millennial-Generation insgesamt nicht gerade selten zu sein, und dass das durchaus etwas mit den eigenen Kindheitserfahrungen dieser Generation zu tun haben könnte, deutet die Verfasserin an mehreren Stellen ihres Beitrags an. Aber darauf will ich hier eigentlich gar nicht hinaus. Schauen wir uns lieber an, was nach dem Tod der Uroma das nächste Ereignis in der Erlebniswelt des kleinen Ben war, das seine Eltern in metaphysische Erklärungsnöte brachte:

Weihnachten. Ja, echt:
"Ben, mittlerweile vier Jahre alt, wollte wissen, wie das ist mit dem Himmel und dem Weihnachtsmann, äh, dem Nikolaus, äh, dem Christkind. [...] Allesamt weniger tiefsinnige als vielmehr praktische Fragen und Überlegungen, aber schon die brachten uns in Erklärungsnöte: Ja, WIE soll das Christkind reinkommen, wenn es – wie man regelmäßig beteuern muss, damit der Sohn beruhigt einschlafen kann – ganz bestimmt kein Einbrecher in unsere Wohnung schafft? […] Und: Wenn das Christkind nur den lieben Kindern Geschenke bringt, dann sind die nicht so lieben ja traurig! GEMEIN!" 
In gewissem Sinne hat die Verfasserin hier mein Mitgefühl, denn die hier geschilderte Problematik weist mich darauf hin, dass meine Liebste und ich eher früher als später vor der Herausforderung stehen werden, unserer Tochter (und möglichen zukünftigen weiteren Kindern) zu erklären, dass es zwar den Weihnachtsmann nicht gibt, dass aber andere Kinder in ihrem Alter an ihn glauben und dass das okay ist. Eine Art frühes Aufklärungsgespräch. Ich freu mich schon. Nicht. Der zentrale Unterschied zwischen "Anna Wronska" und mir hinsichtlich der Frage, was das nun aber mit religiöser Erziehung zu tun habe, ist indes: Ich möchte mein(e) Kind(er) lehren, an Gott zu glauben und an den Weihnachtsmann nicht zu glauben, wozu auch gehört, begreiflich zu machen, dass das zwei völlig unterschiedliche Arten von Glaube sind. Dagegen spricht die F.A.Z.-Bloggerin über den Glauben an den Weihnachtsmann (bzw. das "Christkind") und den Glauben an Gott so, als sei beides strukturell gesehen so ziemlich dasselbe. Und in gewissem Sinne sieht sie das wohl tatsächlich so.
"Um Werte und Botschaften zu vermitteln, müssen mein Mann und ich uns darüber im Klaren (und dann auch noch einig) sein: Was hat uns als Kindern Halt gegeben, was war und ist uns wichtig? Was glauben wir, und was wollen wir, dass die Kinder für wahr halten – wenn auch nur für die ersten Jahre? Denn dass Ben im Moment und noch für eine ganze Weile zumindest ein paar Orientierungspunkte, ein paar Skizzen für ein erstes Weltbild braucht, bevor er sein eigenes zeichnet, davon bin ich überzeugt. Nur: Braucht er dafür auch ein paar geflügelte Wesen, die Geschenke bringen? Braucht er dafür einen lieben, beschützenden Gott, oder gar einen strengen, strafenden?" 
Es ist bemerkenswert, wie offen der Glaube an Gott hier als eine bloße Hilfskonstruktion aufgefasst wird, die dazu dienen soll, dem Kind "Werte" zu vermitteln -- bis es irgendwann reif genug ist, ohne ein solches Konstrukt auszukommen. Man erahnt hier eine – den vulgärdarwinistischen Theorien von Leuten wie Ernst Haeckel ("Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese") strukturell nicht ganz unähnliche – Vorstellung, derzufolge die Entwicklung des heranwachsenden Menschen mit der Entwicklung der Menschheit als Ganzer korrespondiere: Das Kleinkind ist gewissermaßen ein Steinzeitmensch, das Vorschulalter der Bronze- und Eisenzeit, im Grundschulalter werden Mittelalter und frühe Neuzeit durchlaufen, die Pubertät ist eine Art 30jähriger Krieg, und danach bricht das Zeitalter der Aufklärung an. Klingt albern? Sicherlich, aber in mehr oder weniger bewusstem Ausmaß scheinen solche Vorstellungen doch recht verbreitet zu sein. Folgerichtig fand "Anna Wronska" an dem bereits erwähnten "Erklärbuch für Kinder zum Thema Bibel" insbesondere "Einleitung [...] vielversprechend": 
"Vor tausenden von Jahren 'hatten die Menschen ein anderes Wissen als heute. Sie glaubten, dass nur eine große Kraft wie Gott diese schöne Schöpfung zustande bringen konnte'. Das klang etwas weniger absolut, das gefiel mir."
Der Haken an einem so pragmatischen Zugang zum Phänomen Religion - einem Zugang, der nicht fragt "Ist es wahr?", sondern "Ist es nützlich?" - wird unmittelbar einsichtig, wenn die Verfasserin fortfährt:  
"Wie viel Glauben/Religion will und soll ich meinen Kindern vermitteln, um ihnen Nächstenliebe, Empathie, Toleranz, Zuversicht beizubringen? Und: Taugt Religion überhaupt dafür? Man muss kein Historiker sein, um das anzuzweifeln. [...] Selbst die Pfarrerin in der Kirche sagte in ihrer Weihnachtspredigt sinngemäß: 'Der Heiland ist geboren! Hurra! Aber es stimmt: Vom versprochenen Frieden sind wir bis heute weit entfernt… also: Beten wir! Für den Frieden!' Wie soll ich meinem Kind überzeugend die frohe Botschaft erklären, wenn selbst die Profis es nicht vermögen?"
Okay: Wo sie Recht hat, hat sie einfach mal Recht. Den Eindruck, dass Pfarrer und andere "pastorale Mitarbeiter" in Kirchengemeinden es selbst nicht besonders gut hinkriegen, den Leuten zu vermitteln, worin die Frohe Botschaft des Christentums besteht und weshalb sie sich dafür interessieren sollten, habe ich auch oft. Und dann darf man sich tatsächlich nicht wundern, wenn die Glaubensweitergabe in den Familien nicht funktioniert: Woher sollten die Eltern (und Paten) das denn können, wenn sie selbst keine vernünftige Katechese erhalten? -- Andererseits sind die Leute aber schon auch selbst schuld: Sie wollen eine Religion, die ihnen Orientierung und Halt (gerade auch in schlechten Zeiten) gibt, aber gleichzeitig soll diese Religion keine Ansprüche an sie stellen, sie zu nichts verpflichten und sie in nichts einschränken. Woher dann der Halt und die Orientierung kommen sollen, könnten sie wahrscheinlich selbst nicht sagen. Ein klassischer Fall von "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass"

In der Bergpredigt erklärt Jesus Seinen Jüngern: "Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben" (Matthäus 6,33). Im Gegensatz dazu zeigt sich immer wieder, dass eine Religion, die man auf ihren ethischen und/oder therapeutischen Gebrauchswert zu reduzieren versucht, gerade diesen Zweck meist herzlich schlecht erfüllt. Und das ist ja auch kein Wunder, denn wie sollte man an eine bedarfsgerecht zusammengeschneiderte Religion ernsthaft glauben können? 


Wie dem auch sei: Vorläufig jedenfalls führen die Autorin und ihr Mann den kleinen Ben zwar "nicht aktiv an Glaube und Religion heran und hoffen, dass die ganz tiefgehenden Fragen noch eine Weile auf sich warten lassen", aber gleichzeitig verspürt die Mutter doch auch ein "Bedürfnis, Ben von Gott zu erzählen":
"Vermutlich, weil ich ein paar der Geschichten über ihn selbst nicht aufgeben will. Ich mag den Gedanken, meine Ur-Omas und Ur-Opas wiederzusehen. Oder den Gedanken, dass ich meine Kinder niemals für immer verlassen muss, Wissenschaft und Aufklärung hin oder her."
Kurz gesagt also: "die guten, tröstlichen Sachen". Das ist ein Glaube, wie ihn Vulgäratheisten gern den Gläubigen unterstellen: Gott als imaginärer Freund, den man herbeiphantasiert, wenn man ohne Ihn nicht mehr weiter weiß. 

Hand aufs Herz: Sieht so dein Gott aus? (Bildquelle: Flickr
Man könnte es auch so formulieren: "Anna Wronska" hat den Gott, an den sie als Kind geglaubt hat, zusammen mit anderen alten Spielsachen in einem Karton auf dem Dachboden aufbewahrt, und nun, da sie selbst ein Kind hat, holt sie den Karton wieder hervor und schaut nach, ob da etwas drin ist, was sie für ihren Sohn gebrauchen kann. Dabei findet sie auch ihren alten Gott wieder, stellt aber fest, dass sie den irgendwie schon immer ein bisschen unheimlich fand, und zögert daher, ihn ihrem Sohn zum Spielen zu geben.

Kurz vor Schluss bezeichnet die Autorin eine vage Kalenderspruch-Spiritualität auf etwas, worauf man sich "ganz gut einigen kann (sofern man nicht gerade Atheist ist)"; demnach betrachtet sie sich selbst offenbar nicht als Atheistin, und das empfinde ich als das womöglich verblüffendste Detail des Artikels. -- Im Ernst: Dass das Ganze mich überhaupt so interessiert, hat natürlich mit meinen eigenen Vorstellungen von religiöser Kindererziehung zu tun, und mit der Erkenntnis, dass man es als Eltern schwer haben wird, wenn man mit seinen Bemühungen, die eigenen Kinder im Glauben zu erziehen, allein auf weiter Flur steht. Wenn man von seiner Kirchengemeinde nicht unterstützt wird (und schon froh sein kann, wenn sie nicht gegen einen arbeitet) und auch keine anderen Eltern ungefähr gleichaltriger Kinder in seinem Umfeld hat, die mit einem am selben Strang ziehen. Dann werden nämlich auch die Kinder Schwierigkeiten haben, gleichgesinnte Freunde zu finden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie das ist. In der Pfarrgemeinde, in der ich aufgewachsen bin, gab es kaum andere Kinder in meinem Alter; mit den wenigen, die es gab, verstand ich mich nicht besonders gut; und umgekehrt teilte von meinen Schulfreunden niemand meinen Glauben. Dass das gesamtgesellschaftliche Klima seither noch erheblich ungünstiger für den christlichen Glauben geworden ist, kommt erschwerend hinzu. Welche Schwierigkeiten das für das Bemühen um eine christliche Kindererziehung mit sich bringt und wie man diesen Schwierigkeiten konstruktiv begegnen kann, dürfte ein Thema sein, das mich noch einige Jahre beschäftigen und daher auch hier im Blog immer mal wieder eine Rolle spielen wird. Vorerst möchte ich lediglich festhalten: Mit Eltern, die ihren Kindern zwar ein bisschen Religion mit auf den Weg geben wollen, aber so richtig dann doch nicht, weil ihnen das zu "extrem" wäre, habe ich ein Problem -- vorläufig noch in der Theorie, zukünftig wohl auch in der Praxis. Da sind mir sogar erklärte Atheisten lieber...




Sonntag, 6. Januar 2019

Jetzt rappen sie auch noch

Es ist mal wieder soweit: Die Sternsinger stehen vor der Tür, teilweise metaphorisch, teilweise wortwörtlich. Ich persönlich erwarte sie heute zwischen 13 und 17 Uhr; ja, wir haben uns in die in unserer Kirche ausliegende Liste der Haushalte eingetragen, die einen Besuch der Sternsinger wünschen. Das Dorfkind in mir findet es ja eigentlich schade, dass es überhaupt solche Listen braucht. Wobei ich die Notwendigkeit durchaus einsehe, zumindest in von großen Mietshäusern geprägten städtischen Wohngegenden. Ich nehme allerdings an, auch in Einfamilienhaussiedlungen, ja möglicherweise sogar auf dem Dorfe ziehen die Sternsinger heutzutage nicht mehr "einfach so" von Haus zu Haus und singen ihre Lieder "gelegen oder ungelegen". Und das finde ich wirklich schade, nicht nur wegen des Kulturerbes, das da verloren geht, sondern auch, weil es erheblich punkiger und zugleich missionarischer wäre, auch und gerade die Häuser derer zu segnen, die nicht darum gebeten haben.

Aber à propos Kulturerbe: Schon vor drei Jahren habe ich mich in einem Blogartikel bitter darüber beklagt, dass das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" sich den „Gesamtzusammenhang der Aktion Dreikönigssingen“ im Jahr 2003 hat urheberrechtlich schützen lassen – und damit ein Stück traditionelles, seit dem 16. Jahrhundert bezeugtes christliches Brauchtum für seine alljährliche Fundraising-Kampagne instrumentalisiert und monopolisiert. Der besagte Artikel hat mir seinerzeit viel Unverständnis und Kritik eingebracht, auch und gerade von Lesern, die mir normalerweise wohlgesonnen sind; aber ich kann meine Meinung in diesem Punkt beim besten Willen nicht ändern. Wobei ich es, wie anno 2016 ausführlich dargelegt, besonders ärgerlich finde, dass der religiöse Charakter des Dreikönigssingens hinter dem Spendenzweck der jeweiligen Jahresaktion mehr und mehr zu verschwinden droht.

Recht bezeichnend hierfür ist der am 27. Dezember veröffentlichte Motto-Song der diesjährigen Sternsingeraktion, ein Rap-Song mit dem Titel "Das singen die Sterne", performt von Rapper Florian Schäfer, Sängerin Kat Wulff und Florians Bruder Franz an der Gitarre sowie den Sternsingerkindern Johannes, Elisabeth Anna, Stella und Pauline als Background-Chor. 


Fangen wir mal mit dem Positiven an: Sowohl die Musik als auch das Video wirken ausgesprochen professionell produziert und ragen qualitativ durchaus aus dem heraus, was man von kirchlicher Medienarbeit sonst so gewohnt ist. Okay, das habe ich über das umstrittene Stewardessen-Video des Bistums Essen zu Weihnachten auch gesagt. Aber stimmt ja auch. Dass mir die Nase des Rappers nicht gefällt, weil sie mich an einen Bekannten aus meinen späten Teenagerjahren erinnert, der damals aus unerfindlichen Gründen alle Mädels rumkriegte, braucht andere Adressaten dieses Videos nicht sonderlich zu stören. Aber wie sieht's mit dem Inhalt aus? Zugegeben, man könnte durchaus der Meinung sein, eine inhaltliche Kritik erübrige sich weitgehend, denn der Text des knapp drei Minuten langen Liedes besteht zu gefühlten zwei Dritteln aus assoziativem Wortgeklingel. Was für das Rap-Genre wohlgemerkt nicht ungewöhnlich ist. Ein Erfahrungsbericht aus der Berliner S-Bahn: Wenn jemand in die Bahn einsteigt und wirres Zeug vor sich hin brabbelt, ist er wahrscheinlich psychisch krank und/oder auf Drogen; ist das wirre Zeug jedoch rhythmisiert und reimt sich in mehr oder minder regelmäßigen Abständen, dann handelt es sich um Rap. – Ehe jetzt jemand meint, ich legte es darauf an, mich als kulturpessimistischer Waldschrat in Szene zu setzen: Ich erkenne Rap sehr wohl als eine Kunstform an, und auch wenn es nicht zwingend zu den spezifischen Qualitätsmerkmalen dieser Kunstform gehört, dass die Texte einen tieferen Sinn ergeben, gibt es sehr wohl Rap-Songs mit guten Texten. Dieser gehört nicht dazu.

Man tut daher gut daran, den Liedtext auch da, wo er über bloßes Reimgeläute hinaus geht, nicht allzu genau beim Wort zu nehmen. An mehreren Stellen sagt er nämlich nicht das aus, was er eigentlich aussagen will oder sollte, sondern lediglich etwas Ähnliches. Zum Beispiel: 

"Schau ruhig über deinen Tellerrand /
Nicht jeder Mensch hat Besteck in der Hand"

Was hier – wie ich mal wohlwollend unterstellen möchte – eigentlich gemeint ist, ist, dass nicht jeder Mensch ausreichend zu essen hat. Aber was hat das Besteck damit zu tun? Ist das nicht irgendwie kulturimperialistisch, zu verlangen, alle Menschen sollten mit Besteck essen? Ehrlich gesagt finde ich, die Vorstellung eines Hilfswerks, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, dafür zu Sorgen, dass die Menschen überall auf der Welt lernen, mit Besteck zu essen, ergäbe durchaus Stoff für eine groteske Filmkomödie (Arbeitstitel "Knigge's Army“). Und weiter:

"Nicht jedes Kind sieht 'ne Schule von innen."

Gemeint ist natürlich: Nicht jedes Kind hat Zugang zu Bildung. Okay: Dass "Zugang zu Bildung" nicht zwingend dasselbe ist wie „Schulbesuch“, dürfte speziell in Deutschland wohl gar nicht groß auffallen. Da haben die Nazis mit ihrem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 wirklich ganze Arbeit geleistet: Die meisten Deutschen scheinen tatsächlich anzunehmen, echte Bildung gebe es nur in der Schule, Homeschooling sei nur eine Marotte von Junge-Erde-Kreationisten und schießwütigen Hinterwäldlern und daher in Deutschland zu Recht verboten; und wenn sie doch mal einen jungen Erwachsenen zu Gesicht bekommen, der überdurchschnittlich gebildet und sozial kompetent ist, "obwohl" er nie zur Schule gegangen ist, dann staunen sie ihn an wie ein Weltwunder. Aber das ist eigentlich ein Thema für sich.


Die eigentlichen Adressaten des Songtexts und auch des ganzen Videos scheinen übrigens die Sternsinger selbst zu sein, insbesondere auch potentielle zukünftige Sternsinger, die es noch zu rekrutieren gilt ("Werde Sternsinger!", sagt ein Mädchen am Ende des Videos in die Kamera, und unvermeidlicherweise fügt ein Junge hinzu "Und Sternsingerin!"). "Ich frage dich: Bist du dabei, wenn es um Herz und Hilfe geht?", heißt es in den gerappten Strophen, und:

"Wir können nach den Sternen greifen /
Nur zusammen sind wir frei /
Lass uns für bess're Zeiten fighten /
Ich frag nochmal: Bist du dabei?" 

Was hier auffallend abwesend ist, ist jede Spur eines religiösen oder gar spezifisch christlichen Gehalts. Nun ja, fast jede Spur. Gelegentlich kommt am Rande ein bisschen religiös konnotiertes Vokabular vor, etwa in den Versen

"Wie bringt man den Segen bei Sonne und Regen? /
Die Antwort, mein Freund: Glaube und Stärke".

Okay, aber Glaube woran? An "diese Welt", an "bess're Zeiten", an "mehr Mitgefühl"? Das wird nicht verraten. Übrigens wundert man sich beinahe, dass auf "Stärke" nicht irgendwas mit "gute Werke" gereimt wird, denn offensichtlich geht es ja genau darum. Ein Schelm, wem da das Stichwort "Werkgerechtigkeit" einfällt; hatten wir nicht gerade erst Reformationsjubiläum?

Natürlich verweist man gerade als Katholik gegenüber der reformatorischen Kritik an der Werkgerechtigkeit gern und zu Recht auf den Jakobusbrief, demzufolge "der Glaube für sich allein tot" sei, "wenn er nicht Werke vorzuweisen hat". Und unter den Werken, die dem gläubigen Christen explizit aufgetragen sind, nehmen tätige Nächstenliebe und speziell der Einsatz für die Armen tatsächlich eine ganz zentrale Stellung ein. Dennoch entsteht ein schiefes Bild, wenn man das Christentum auf eine reine "Ethik der Nächstenliebe" reduziert bzw. diese aus ihrem Kontext herauslöst. In erster Linie ist das Christentum schließlich eine Erlösungslehre, und die Erlösung kommt von Jesus Christus, der Mensch geworden und zur Sühne unserer Sünden am Kreuz gestorben ist und der in Seiner Auferstehung den Tod besiegt hat. Wir befinden uns immer noch im Weihnachtsfestkreis, das heißt, wir feiern die heilbringende Menschwerdung Gottes – und in diesem Kontext lautet die primäre Botschaft der Heiligen Drei Könige (oder müsste sie lauten) "Wir sind gekommen, um Ihn anzubeten" (vgl. Matthäus 2,2).

Fällt diese Dimension der Sternsinger-Botschaft unter den Tisch, dann bleibt nur Selbsterlösung: Mit einer Spende für das Kindermissionswerk kauft man sich von der Schuld des "white privilege" frei, die darin besteht, dass man mit "Besteck in der Hand" und mit Schulpflicht aufgewachsen ist. Das ist ohne Zweifel total zeitgemäß und dürfte sich auch vorteilhaft auf die Spendenbereitschaft auswirken, besonders bei "nicht so religiösen" Leuten. Allerdings könnte man sich nun natürlich fragen, wie die Sternsinger überhaupt zu "nicht so religiösen" Leuten kommen, wenn man ihren Besuch doch, wie eingangs erwähnt, bei der örtlichen Pfarrei quasi bestellen muss. Das verweist auf ein tiefer liegendes Problem: Auch unter einigermaßen regelmäßigen Kirchgängern dürfte eine rein horizontale, rein diesseitige Sicht auf die Kirche als Wohltätigkeitsorganisation und/oder Anbieterin spiritueller Wellness nicht eben selten sein. Weil genau dieses Bild nicht bloß in der medialen Selbstrepräsentation kirchlicher Hilfswerke gepflegt wird, sondern auch in anderen Bereichen kirchlicher Kommunikation, vielfach bis hin zur sonntäglichen Predigt. Was vor Jahrzehnten vielleicht einmal damit begonnen hat, dass man die Basics der christlichen Glaubenslehre (schon damals irrtümlich) als allgemein bekannt und selbstverständlich akzeptiert voraussetzte und deshalb glaubte, man könne sich in der Verkündigung auf die praktische Nutzanwendung für den Alltag konzentrieren, hat schließlich dazu geführt, dass vielfach gar kein Vokabular mehr vorhanden ist, um über den Glauben zu sprechen. (Das gilt es übrigens im Auge zu behalten, wenn mehr oder minder prominente Kirchenvertreter wieder einmal äußern, die Kirche brauche eine "neue Sprache", um "die Menschen von heute" erreichen zu können. Das ist Bullshit. Die "Menschen von heute" unterscheiden sich nicht so grundsätzlich von den Menschen früherer Zeiten, dass sie die uralte Sprache des Glaubens nicht mehr verstehen könnten. Es sind die Kirchenfunktionäre, die es verlernt haben, diese Sprache zu sprechen.)

Am Ende muss man sich nicht wundern, wenn viele Leute ehrlich überzeugt sind, die Essenz des Christlichen ließe sich in der Aussage "Gott hat uns alle lieb, und deshalb sollen wir nett zueinander sein" zusammenfassen. – Wohlgemerkt: Das Christentum lehrt tatsächlich, dass Gott alle Menschen liebt und dass wir gut zueinander sein sollen; problematisch wird es erst, wenn man annimmt oder so tut, als sei dies die allein entscheidende Glaubensaussage und alles andere, was das Christentum sonst noch lehrt, sei (sofern man es überhaupt zur Kenntnis nimmt) bloß "storytelling", bloß eine narrative Einkleidung dieser vermeintlichen „Kernbotschaft“. Für eine solche um wesentliche Dimensionen verkürzte Version des Christentums haben – ich erwähne es immer wieder gern – die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton in einer Studie aus dem Jahr 2005 den Begriff "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" geprägt; und dafür stellt der Text des Sternsinger-Raps ein illustratives Beispiel dar, nicht zuletzt insofern, als er exemplarisch deutlich macht, wie der moralistische und der therapeutische Aspekt des MTD eigentlich miteinander zusammenhängen: "Die Probleme der Welt machen sauer und traurig", aber "es macht mich stolz, etwas zu tun" – oder anders ausgedrückt: Gutes zu tun ist gut dafür, sich selbst gut zu fühlen, das ist das eigentliche, das ultimative Ziel.

Indessen hat die Comédienne Sophie Passmann auf Twitter mit der Bemerkung Aufsehen erregt, Sternsingen sei "ja auch nix anderes als Betteln mit Blackface". Der teilweise energische Widerspruch, den sie dafür erntete, war in seiner Tendenz bezeichnend: Man könne ja der katholischen Kirche ja vieles vorwerfen, aber gerade das Sternsingen sei eine gute Sache (Subtext: eben weil es nichts mit dem Glauben zu tun hat, sondern nur darum geht, Spenden für bedürftige Kinder zu sammeln). Diese teilweise etwas humorlose Kritik veranlasste Sophie Passmann nun, ihre Äußerung ebenso humorlos zu verteidigen und darauf herumzureiten, "Blackfacing" sei nun mal rassistisch und daher auch durch einen wohltätigen Zweck nicht zu rechtfertigen. Also, Freunde, jetzt wird’s aber allmählich echt albern. Die Darstellungskonvention, derzufolge einer der Heiligen Drei Könige schwarz ist, rührt daher, dass sie traditionell als Repräsentanten der drei Weltteile der Alten Welt (und somit der ganzen Menschheit) aufgefasst wurden, und ist daher gerade antirassistisch. Dies nicht vom "Blackfacing" der tatsächlich ausgeprägt rassistischen "Minstrel Shows" unterscheiden zu können, ist schlichtweg kultureller Analphabetismus.


Aber okay: Ich persönlich find's ja eigentlich gut, wenn katholisches Brauchtum als "edgy" und polarisierend wahrgenommen wird. Auch wenn die Realität meist viel langweiliger ist.  




Donnerstag, 3. Januar 2019

Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig – oder: Die Hermann-Option

Tja, Freunde: Jetzt ist es wohl an der Zeit, Euch von meinem Projekt fürs neue Jahr zu erzählen. 

Am Rande der neulich schon einmal erwähnten "Tauferinnerungsfeier" unseres Pastoralverbunds für Familien, in denen im vergangenen Jahr ein Kind getauft wurde, wurde den anwesenden Eltern der sogenannte "Essener Adventskalender" zum Kauf angepriesen: ein vom Medienforum des Bistums Essen in Zusammenarbeit mit dem Bonifatiuswerk, dem Hilfswerk Adveniat und dem Kindermissionswerk "Die Sternsinger" herausgegebener Wandkalender für die Advents- und Weihnachtszeit, der "[n]eben Geschichten, Liedern, Spielen, Gebeten, Back- und Bastelanleitungen für 4- bis 12-Jährige" auch "Reportagen" darüber enthält, "wie Kinder in aller Welt Großes schaffen". Ich erinnerte mich, etwas in dieser Art als Kind auch jedes Jahr gehabt zu haben – ob der Kalender auch damals schon aus Essen kam, weiß ich nicht, hätte mich damals wohl auch nicht sonderlich interessiert. Ich glaube mich zwar zu erinnern, dass diese Kalender in meiner Kindheit irgendwie schöner gestaltet gewesen waren, aber egal, das Teil kostete nur zwei Euro, also kauften wir einen. Dem Adventskalender war in unserem Haushalt allerdings kein glückliches Schicksal beschieden: Noch ehe wir einen sinnvollen Platz an der Wand gefunden hatten, um ihn aufzuhängen, hatte unsere kleine Tochter die äußersten Seiten abgefetzt, mit dem Ergebnis, dass wir ihn nun gar nicht mehr aufhängten, sondern auf dem geräumigen Sofa herumliegen ließen, wo nach und nach immer größere Teile des Kalenders der Lust unserer Tochter am Papierzerreißen zum Opfer fielen. Als wir aber – noch vor Weihnachten – den Gedanken ins Auge fassten, die traurigen Reste des Kalenders endgültig wegzuwerfen, fiel mir das (inzwischen ebenfalls lose herumfliegende) Inhaltsverzeichnis in die Hände, und in der Rubrik "kochen & backen" las ich unter dem Datum vom 18. Dezember: "Hermann! – Kleiner Teig ganz groß".

"Ich werde in diesem Leben ganz sicher keinen 'Hermann' mehr ansetzen", merkte meine Liebste an, als sie mein Interesse registrierte. Wer weiß, dass "Hermann" der Name einer traditionellen Sauerteigmischung ist, wird dieser Reaktion meiner Liebsten entnehmen können, dass sie bereits Erfahrungen mit dem Ansetzen von Sauerteig gesammelt hatte, und zwar keine durchweg positiven Erfahrungen. "Hm, dann werde ich das eventuell machen müssen", erwiderte ich.

"Aber schau doch mal, ist er nicht niedlich?"
"Was heißt hier niedlich, das ist doch bloß Teig in einer Schüssel."
"NEIN, schau genau hin! Das ist Hermann, der in der Teigschüssel chillt!"

Das war nun, wie ich selbst zugeben muss, ein in geradezu absurdem Maße untypischer Gedanke für mich. Und ich wäre wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, mich für Sauerteig zu interessieren, wenn ich nicht einige Wochen zuvor das Buch "Building the Benedict Option: A Guide to Gathering Two or Three Together in His Name" von Leah Libresco gelesen hätte. Aufmerksamen Lesern von Rod Drehers "Benedikt-Option" wird der Name der Autorin nicht unbekannt sein: Auf S. 228f. schildert Rod Leah als "eine vor Energie übersprudelnde 'Benedikt-Options'-Aktivistin", die, "[b]evor sie heiratete, [...] 'Benedikt-Options'-Veranstaltungen im Kreise ihrer alleinstehenden christlichen Freundinnen in Washington, D.C." organisierte: "sie war zu der Überzeugung gekommen, dass die Leute in ihrem Umkreis mehr 'kulturelle Liturgien' christlicher Prägung in ihrem Alltag brauchten". Über ihren persönlichen Ansatz, die Idee der "Benedikt-Option" mit einfachen Mitteln und im kleinen privaten Kreis in die Praxis umzusetzen, hat sie nun also ihr eigenes Buch veröffentlicht; es liegt noch nicht auf Deutsch vor, aber wenn sich ein deutschsprachiger Verlag dafür interessiert, es herauszubringen, möchte ich mich hiermit schon mal als Übersetzer bewerben.

In einem Kapitel ihres Buches schildert Leah ihre Erfahrungen aus den ersten Jahren nach ihrem Studienabschluss, als sie eine Reihe befristeter Jobs an unterschiedlichen Orten hatte und deshalb häufig umziehen musste – und zeitweise auch überhaupt keine eigene Wohnung hatte, sondern bei Freunden auf der Couch übernachtete. Und in diesem Zusammenhang findet sich in dem Buch die folgende Passage:
"Am albernsten war, dass ich mir aufgrund meines Mangels an Sesshaftigkeit sogar versagte, Sauerteig zu machen. Es hatte mir Spaß gemacht, Sauerteig aufzubewahren, zu 'füttern' und damit zu backen, doch als ich ans andere Ende des Landes umziehen musste, hatte ich den Grundteig weggeworfen, und jetzt kam es mir so vor, als hätte ich kein Recht auf einen neuen. Es wäre mir töricht erschienen, einen Sauerteig zu füttern, wenn ich möglicherweise bald schon wieder würde umziehen müssen und dann entweder einen Weg würde finden müssen, das blubbernde Schlamassel zu transportieren, oder es erneut in den Abfall würde löffeln müssen. Also gab ich es auf, verzichtete darauf, Sauerteigbrot und Pizzateig herzustellen. Ich gab es auf, meine Mitbewohner mit Sauerteigpfannkuchen zu überraschen, wenn ich mir etwas einfallen lassen musste, um den überschüssigen Teig zu verbrauchen. Ich gab den Spaß auf, den es mir bereitet hatte, so ein sonderbares lebendes Etwas zu betreuen und zu pflegen.  
Ich hatte übertriebene Schuldgefühle bei dem Gedanken, dass meine unbeständige Lebensweise dazu führen könnte, dass ich einem Sauerteig Unrecht tat – etwas Primitiverem als einer Pflanze. Es handelt sich ja nur um eine Mischung aus Hefe, Wasser und teilweise vergorenem Mehl. Ich fragte mich: Wenn ich schon das Gefühl hatte, ich könne es mir nicht einmal erlauben, Verpflichtungen gegenüber einem Mikroorganismus einzugehen, wie zurückhaltend war ich dann erst gegenüber anderen Menschen, wenn es darum ging, ihnen etwas anzubieten oder etwas von ihnen anzunehmen?"

Irgendwie, ich weiß selbst nicht genau warum, hatte diese Passage bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Und als ich nun in dem zerfetzten Adventskalender die "Hermann"-Seite suchte und fand, stellte ich entzückt fest, dass es sich nicht einfach nur um eine Anleitung zum Herstellen und "Füttern" von Sauerteig handelte, sondern dass diese auch mit einer Art "geistlichem Impuls" kombiniert war. Natürlich auf einem Niveau, das der konzeptionellen Ausrichtung des Kalenders auf die Altersgruppe der 4-12jährigen entspricht, aber hey: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder... und so.

Natürlich wird in diesem Impuls auf das Gleichnis Jesu vom Sauerteig (Matthäus13,33) hingewiesen, und erläutert wird es wie folgt:
"Was er damit gemeint hat, spürt ihr vielleicht am ehesten, wenn ihr euch vorstellt, wie das damals mit dem Brotbacken war. Der Sauerteig war die wichtigste Zutat […]. Man mischte aber nie alles unter das Mehl, sondern behielt immer ein bisschen davon zurück. Dann gab man wieder etwas Mehl dazu und ließ den Teig gären, damit man auch für das nächste Brot wieder genug davon hatte. Manchmal passierte es, dass der Teig schlecht wurde. Dann half einem die Nachbarin aus oder die Verwandten gaben etwas von ihrem Sauerteig weiter […]. Und so ist es auch mit dem Reich Gottes."

Es folgt die Anregung, es selbst einmal mit der Sauerteigherstellung zu versuchen, und dann heißt es:  
"Das Schöne daran ist: Ihr müsst ihn 'füttern', fast wie ein Haustier, allerdings nur alle paar Tage. Und: Ihr könnt den gebackenen Teig dann als Weihnachtsgeschenk weitergeben oder einfach so zum Adventskaffee mitbringen. Und auch den Sauerteig könnt ihr weiterverschenken! Immer nur ein kleines Stückchen von dem, was ihr selbst braucht. Aber stellt euch vor: Aus diesem kleinen Stückchen von eurem Teig entsteht ganz viel neues Gebäck, von dem andere satt werden – auch Menschen, die ihr gar nicht kennt! Das und mehr muss Jesus wohl mit seinem Gleichnis gemeint haben..."

Wer nicht intuitiv versteht, wieso die Vorstellung des sich durch Teilung immer weiter verbreitenden Sauerteigs mich irgendwie fesselte, dem werde ich es wohl auch nicht erklären können. Der nächste Impuls ließ nicht lange auf sich warten: Eine katholische Bloggerin und Podcast-Betreiberin aus den USA fragte via Twitter nach Anregungen dafür, wie man sein Leben im neuen Jahr Hobbit-mäßiger gestalten könne, und das erste, was mir dazu einfiel, war "Irgendwas mit Sauerteig". Kurz und gut, die Erkenntnis, dass das Thema mich irgendwie nicht losließ, wurde allmählich unausweichlich, also sagte ich mir: Alles klar. Projekt fürs neue Jahr: Die Hermann-Option

"Dir ist aber schon klar, dass du dann jede Woche Kuchen backen musst, oder?", fragte mich meine Liebste. 

Nein, das war mir selbstverständlich nicht klar. Aber hey, sagte ich mir: Das macht die ganze Sache doch eigentlich noch besser! Und lässt sich auch prima mit den Foodsaving-Aktivitäten meiner Liebsten verbinden: Obst- oder gelegentlich auch Gemüsekuchen mit "geretteten" Zutaten backen, je nachdem, was gerade so reinkommt, und den Kuchen dann zum Krabbelfrühstück oder zum Lesecafé in der Kirchengemeinde mitbringen... (Diese Veranstaltungsreihen gibt es noch nicht. Das sind auch noch Projekte fürs neue Jahr. Ich werde berichten.) Wenn ich mich recht erinnere, habe ich seit meiner Schulzeit keinen Kuchen mehr gebacken (und auch damals nur mit Hilfe von Fertigbackmischungen, was natürlich Quatsch war, weil mein die Bestandteile von Fertigbackmischungen genauso gut für ein Drittel des Preises einzeln kaufen und selbst zusammenschütten kann, aber erklär das mal einem Teenager). Ein Grund mehr, endlich (wieder) damit anzufangen. Man wächst schließlich mit seinen Aufgaben. Wie der Sauerteig selber ja ooch

Letzteres ist natürlich noch einmal eine Herausforderung für sich. Will man jeweils einen Teil des angefütterten Sauerteigs weiterverschenken und die Empfänger dazu motivieren, dasselbe zu tun, dann braucht man dafür auf mittlere Sicht natürlich einen nicht zu kleinen Kreis an Abnehmern, sonst wächst einem der Sauerteig irgendwann buchstäblich über den Kopf. (Für die Veganer in meinem Bekanntenkreis mag es in diesem Zusammenhang eine relevante Information sein, dass es auch eine vegane "Hermann"-Variante gibt; sie hört auf den Namen "Volker". Kein Scheiß.)

Na, ich bin jedenfalls gespannt, wie die Sache sich entwickelt. Es ist vermutlich keine große Überraschung, wenn ich sage, dass ich auch darin das Potential für ein Projekt innerhalb der Pfarrgemeinde sehe: Mir scheint, das Ansetzen, Füttern und Weitergeben von Sauerteig ist nicht nur eine hervorragende (weil biblische) Metapher dafür, neues Leben in die Gemeinde zu bringen, sondern kann auch ganz praktisch zu diesem Ziel beitragen. Nicht zuletzt, wie schon angedeutet, mittels der auf diesem Wege entstehenden Backwaren.

Ich werde berichten...



Martyrium in der Typhus-Baracke

Unlängst machte mich eine Freundin auf ein bemerkenswertes laufendes Seligsprechungsverfahren aufmerksam: Es betrifft den Pallottiner-Pater Richard Henkes SAC, der 1945 im Konzentrationslager Dachau starb. Der Prozess zu seiner Seligsprechung wurde bereits im Jahr 2003 durch das Bistum Limburg eröffnet, hat jedoch jüngst einen entscheidenden Schritt nach vorn gemacht, da am 21. Dezember 2018 bekanntgegeben wurde, die Umstände von Henkes' Tod in Dachau seien von Papst Franziskus offiziell als Martyrium anerkannt worden. Interessant ist dieser Vorgang einerseits als ein Fallbeispiel dafür, was die katholische Kirche unter einem Märtyrer versteht -- gerade die Weihnachtsoktav, die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr also, ist stark von Märtyrerfesten geprägt, und in diesem Zusammenhang löste vor wenigen Tagen eine Äußerung des Papstes über das "Blut der Märtyrer" erregte Debatten auf Twitter aus --, und andererseits in Hinblick auf das Verhalten der katholischen Kirche unter der NS-Diktatur. Letzteres ist ja von jeher ein vieldiskutiertes und vielschichtiges Thema; mein Freund und Kollege Josef Bordat hat ihm ein Kapitel seines Buches "Von Ablasshandel bis Zölibat - Das 'Sündenregister' der Katholischen Kirche" gewidmet. 

Während es einerseits (leider) nicht zu leugnen ist, dass nicht wenige Repräsentanten der katholischen Kirche, darunter auch hochrangige geistliche Würdenträger, zumindest zeitweilig mit der Naziherrschaft sympathisierten, mit Teilaspekten der NS-Ideologie übereinstimmten oder das Regime zumindest als Garanten von Ordnung und Sicherheit und als Bollwerk gegen das in ihren Augen größere Übel des Kommunismus willkommen hießen, ist es andererseits eine (von der Kirche wenig wohlgesonnener Seite oft eher übersehene oder verschwiegene) Tatsache, dass strenggläubige Katholiken, und in besonderem Maße Priester und Ordensleute, zu denjenigen gesellschaftlichen Gruppen zählten, in denen es eine besonders ausgeprägte Opposition zum Nationalsozialismus gab. Nicht ohne Grund hatte etwa das Konzentrationslager Dachau einen eigenen "Priesterblock". Eine bedeutende Anzahl katholischer Priester, Ordensleute und Laien bezahlte ihre Gegnerschaft gegen die Nazis mit dem Leben und wird in der katholischen Kirche heute als Märtyrer verehrt; eine Auswahl von Namen und Bildern findet sich am Schluss dieses (insgesamt sehr lesenswerten) Artikels von Kollegin Crescentia. Besonders bekannt dürften der Franziskanerpater Maximilian Kolbe und die Karmelitin Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) sein, die beide in Auschwitz umgebracht wurden; viele andere sind außerhalb ihrer jeweiligen Heimatdiözese kaum oder gar nicht bekannt. 

Indem die Kirche diese Männer und Frauen als Märtyrer verehrt, betrachtet sie ihren Tod als ein "Zeugnis [...] für die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre", wie es im Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 2473, heißt. Im Normalfall stellt man sich unter einem christlichen Märtyrer jemanden vor, der einen gewaltsamen Tod durch die Hand von Feinden des Glaubens erlitten hat; das ist bei Pater Henkes so direkt nicht der Fall: Er starb an Typhus. Nichtsdestoweniger kann man natürlich sagen, dass sein Tod eine wenn auch mittelbare Folge seines furchtlosen Glaubensbekenntnisses im Angesicht der Nazi-Diktatur war; und dafür, dass auch ein solcher Tod als Martyrium anerkannt werden kann, gibt es durchaus Präzedenzfälle, auch und gerade mit Bezug zur NS-Herrschaft. So sprach der Hl. Papst Johannes Paul II. im Zuge seines Deutschlandbesuchs im Jahr 1996 die Priester Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner als Märtyrer selig und erklärte in seiner zu diesem Anlass gehaltenen Predigt
"Die Geschichte stellte beide auf eine harte Probe, aber sie fürchteten sich nicht 'vor denen, die den Leib töten'. Das furchtbare totalitäre System gestattete mit einer Großzügigkeit sondergleichen den Tod für die, die sich dem System nicht unterwarfen. Auf diese Weise versuchte man, die Seelen zu beherrschen. Unsere Seligen jedoch schöpften aus den Worten Christi die Gewißheit, daß jene 'die Seele nicht töten können'. Von hier aus ist ihr Sieg zu verstehen. Sie haben diesen Sieg errungen, indem sie Christus vor den Menschen bekannten: 'Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen'". 
Der 1875 geborene Bernhard Lichtenberg, von 1913-1930 Pfarrer in Charlottenburg und anschließend Domkapitular im neu gegründeten Bistum Berlin, hatte sich schon vor 1933 als entschiedener Nazigegner positioniert: Er hatte Hitlers "Mein Kampf" gelesen und machte sich anders als viele Zeitgenossen keinerlei Illusionen über die verbrecherischen Absichten der Nationalsozialisten. Joseph Goebbels, ab 1926 NSDAP-Gauleiter von Berlin, betrachtete ihn als einen persönlichen Feind. Als Reaktion auf die Pogromnacht des 9. November 1938 begann Lichtenberg, inzwischen Dompropst, in der St.-Hedwigs-Kathedrale regelmäßig öffentlich für die verfolgten Juden zu beten und bezeichnete es als Christenpflicht, den Juden beizustehen. Ebenso protestierte er gegen die systematische Ermordung unheilbar Kranker und geistig oder körperlich Behinderter im Rahmen des sogenannten "Euthanasieprogramms". Am 23. Oktober 1941 wurde er von der Gestapo festgenommen und am 22. Mai 1942 wegen "Kanzelmissbrauchs" zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er in Berlin-Tegel absaß. Seine ohnehin schon angegriffene Gesundheit wurde durch die Entbehrungen und Misshandlungen in der Haft vollends zu Grunde gerichtet; nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde er nicht etwa freigelassen, sondern sollte ins KZ Dachau überstellt werden, starb jedoch auf dem Weg dorthin am 4. November 1944 an Herzversagen.

Karl Leisner, geboren 1915, engagierte sich seit seiner Gymnasialzeit in der katholischen Jugendverbandsarbeit, wurde vom Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, 1934 zum Diözesanjungscharführer ernannt und versuchte diese Tätigkeit auch noch nach dem faktischen Verbot aller nicht-nationalsozialistischen Jugendorganisationen weiterzuführen. 1939 wurde er zum Diakon geweiht. Als er während eines Kuraufenthalts in einem Tuberkulose-Sanatorium von Georg Elsers fehlgeschlagenem Bombenattentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1939 erfuhr und spontanes Bedauern über das Scheitern des Anschlags äußerte, wurde er bei der Gestapo denunziert, verhaftet und zunächst ins KZ Sachsenhausen, am 14. Dezember 1940 dann nach Dachau gebracht. Am 17. Dezember 1944 wurde er mit Billigung des Bischofs von Münster, Graf von Galen, und des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Faulhaber, durch einen Mitgefangenen, Bischof Gabriel Piguet von Clermont-Ferrand, heimlich zum Priester geweiht. Zu diesem Zeitpunkt war der schon vor Leisner bereits todkrank: Er erlebte zwar noch die Befreiung des Lagers Dachau am 29. April 1945, starb aber am 12. August desselben Jahres an den Folgen seiner durch die KZ-Haft massiv verschlimmerten Lungenkrankheit.

Mahnmal am Konzentrationslager Dachau, Foto: Andrew Bossi (Bildquelle und Lizenz hier

Der nun ebenfalls als Märtyrer anerkannte Richard Henkes wurde am 26. Mai 1900 in Ruppach im Westerwald geboren, trat im Alter von 19 Jahren in die Ordensgemeinschaft der Pallottiner ein und wurde 1925 in Limburg zum Priester geweiht. Er war als Lehrer an verschiedenen von seinem Orden geleiteten Schulen sowie als Exerzitienmeister für Jugendliche tätig. 1937 wurde er nach einer Predigt, in der er die Unvereinbarkeit des christlichen Glaubens mit der nationalsozialistischen Ideologie betont hatte, wegen "Verunglimpfung des Führers" angeklagt, das Verfahren wurde jedoch im Jahr darauf gnadenhalber eingestellt. Zu seinem Schutz wurde Henkes von seinem Orden aus dem Schuldienst abgezogen, ließ sich jedoch nicht davon abhalten, in Predigten weiter gegen den Nationalsozialismus Stellung zu beziehen, und wurde schließlich am 8. April 1943 von der Gestapo verhaftet und rund drei Monate später ins KZ Dachau verbracht, wo er Zwangsarbeit leisten musste.  Als im Lager eine Typhus-Epidemie ausbrach, meldete Pater Henkes sich freiwillig zur Pflege und seelsorgerischen Betreuung erkrankter tschechischer Gefangener. Nach zwei Monaten in der Typhusbaracke erkrankte er selbst und starb am 22. Februar 1945.

Der Pallottiner-Provinzial Pater Helmut Scharler SAC hebt mit Blick auf diese Umstände von Pater Henkes' Tod hervor: "Dass er sich, das nahe Ende des Krieges und die Ansteckungsgefahr vor Augen, freiwillig mit den Kranken in Quarantäne begab, war für ihn konsequente Christus-Nachfolge" -- ganz im Sinne des Jesuswortes "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Johannes 15,13).

Der Limburger Bischof Georg Bätzing würdigte Pater Henkes anlässlich der Anerkennung seines Martyriums als einen "Boten der Mitmenschlichkeit", dessen Zeugnis "gegen Hetze, Rassismus und alle Versuche, die Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Nationen gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen", "ja heute wieder so wichtig" sei: 
"Pater Henkes lehrt mich, dass der Glaube an Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, auch heute mutig gelebt werden will. Er fordert mich auf, in die Bresche zu springen, wenn mein Einsatz gefordert ist". 
Weitere Informationen über Pater Henkes und den Prozess zu seiner Seligsprechung finden sich auf dieser Website; dort gibt es auch eine Rubrik mit Gebeten in Vorbereitung auf die Seligsprechung. Eines, verfasst von Pater Manfred Probst SAC, sei hier zitiert: 

Gott, unser Vater,
du hast Pater Richard Henkes die Kraft gegeben,
dem Bösen zu widerstehen,
für Liebe und Wahrheit einzutreten
und Jesus Christus auf seinem Kreuzweg
nachzufolgen bis in den Tod.
Seine Hingabe für andere
schenke uns Hoffnung und Kraft
für unseren Glaubensweg heute.
So bitten wir dich, Vater, im Heiligen Geist
durch Jesus Christus unsern Herrn. Amen.