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Samstag, 26. Mai 2018

Dorothy Day und die KiTa-Demo

In Berlin ist heute eine Demo gegen den Mangel an KiTa-Plätzen. Ich gehe da nicht hin. Einerseits, weil der Tag schon anderweitig verplant ist, andererseits aber auch, weil ich mich mit dem Anliegen der Demo nicht so richtig identifiziere. Meine Frau und ich machen uns weniger Sorgen darum, ob wir für unsere Tochter einen KiTa-Platz bekommen, als vielmehr darum, wie wir - sobald die bezahlte Elternzeit abgelaufen ist - unseren Alltag so organisieren, dass wir keinen KiTa-Platz brauchen. 

Aber, na klar, wir sind ja auch religiöse Freaks. Normale Eltern brauchen nun mal einen KiTa-Platz für ihr Kind. 

Katholisches Heim für Findelkinder in New York, 1888
(Bildquelle hier
Und genau das macht mir Kummer. Im Ernst, in den ersten Wochen nach der Geburt meiner Tochter fand ich es geradezu erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit in Berlin davon ausgegangen wird, dass man sein Kind schnellstmöglich in eine KiTa steckt. Wie wir von allen Seiten (übrigens auch innerhalb der Kirchengemeinde) gefragt wurden, ob wir uns schon um einen KiTa-Platz für unsere Kleine gekümmert hätten, und wie wir angeschaut wurden, wenn wir das nicht nur verneinten, sondern sogar erklärten, wir wollten es nach Möglichkeit vermeiden, unser Kind in Fremdbetreuung zu geben, ehe es nicht mindestens drei Jahre alt ist. 

Sicher: Es ist schwierig, ohne KiTa auszukommen. Es bedeutet finanzielle Einschnitte, es erfordert mindestens ein Elternteil, das entweder gar nicht berufstätig ist oder von zu Hause aus arbeitet. Viele Eltern haben diese Möglichkeit schlichtweg nicht. Und selbst wenn man sie hat, braucht man zusätzlich dazu immer noch viel Unterstützung, Rücksichtnahme und Verständnis. Von Großeltern, Freunden, Nachbarn, Arbeitskollegen. "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen." Angesichts der galoppierenden Fragmentierung der Gesellschaft sind solche Bedingungen immer schwerer zu finden bzw. zu schaffen. 

Das Problem ist, dass der (theoretische) Rechtsanspruch auf einen KiTa-Platz suggeriert, es sei ja gar nicht nötig, Eltern dabei zu unterstützen, ihr Kind zu Hause aufzuziehen. Im Gegenteil, das ist eigentlich sogar unerwünscht

Zugestanden: Wenn die Verhältnisse nun einmal so sind, dass Eltern im Normalfall schlichtweg auf einen KiTa-Platz für ihr Kind angewiesen sind, und dann gibt es zu wenige davon, dann ist das ein schwerwiegendes Problem. Insofern haben die Eltern, die heute in Berlin für mehr KiTa-Plätze demonstrieren, meine Sympathie. Aber das eigentliche Problem ist nicht, dass es zu wenige KiTa-Plätze gibt, sondern dass möglichst umfassende KiTa-Betreuung als Normalfall und als gesellschaftlich erstrebenswert verkauft wird. 

Unpopular Opinion Time, ich weiß. Umso mehr hüpfte mir das Herz im Leibe, als ich über die folgende Passage aus Dorothy Days  Autobiographie"The Long Loneliness" stolperte: 
"Eine große Frage beschäftigte mich zuinnerst. Warum wurde so viel unternommen, um soziale Missstände zu verbessern, statt dass man sie von allem Anfang an vermied? Es gab wohl Kindergärten - warum aber erhielten die Väter nicht genügend Lohn für den Unterhalt ihrer Familien, so dass die Mütter nicht auf Arbeit fortzugehen brauchten?" [1] 
Das schrieb Dorothy Day im Jahr 1952, und die Passage ist eingebettet in die Schilderung der Zeit ihres Studiums an der University of Illinois (1914). Mir scheint, wir haben seitdem eine Menge verlernt -- und haben dieses Vergessen Fortschritt genannt.   


***** 
[1] Dorothy Day, The Long Loneliness. New York: Harper, Reprint 1981, S. 45. Deutsche Übersetzung übernommen aus: Angelika Sirch, Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel. Über Gotteserfahrung und Weltverantwortung bei Dorothy Day. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 2010, S. 50, Anm. 144. 

Kommentare:

  1. Das Problem mit der sehr frühzeitigen Anmeldung bei einer KiTa - völlig egal, ab WANN man sein Kind dort unterbringen will - ist eher, dass man, je eher man sich daran begibt, sich eine gute aussuchen kann bzw eine Auswahl hat. Da gibt es gigantische Unterschiede zB im Kind/Betreuerverhältnis,in der ideellen Ausrichtung, beim Standort und von der Ausstattung her. Der sogenannte Rechtsanspruch bedeutet nämlich nur, dass dein Kind in irgendeiner Kita einen Platz bekommt (und sei es erst ab 3). Insofern ist es nicht unvernünftig, dem Kind frühzeitig einen Platz zu sichern in der Einrichtung, die einem (und vor allem dem Kind) am meisten zusagt, wie gesagt: Ganz egal, WANN man es dann in Kindergarten/Kita schicken will/muss. Gerade in Berlin gleicht die Suche nach einem geeigneten KiTa-Platz einem Marathon und benötigt einen ziemlichen zeitlichen Einsatz der Eltern. In anderen Großstädten ist das ähnlich.

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  2. Thomas Beckett26. Mai 2018 um 16:55

    Ich finde, Sie übertreiben ein bisschen mit der Einschätzung, es sei unerwünscht, Vorschulkinder zu Hause aufzuziehen. Das mag zugegeben im Osten, wo vielfach noch eine DDR-Denke herrscht, vielleicht noch eher so sein, als in den Kontexten, in denen ich mich bisher bewegt habe. Wo es aber tatsächlich schwierig wird, ist beim home schooling anglo-amerikanischer Couleur (für das Ihr Freund Rod Dreher sich in seinem sonst in vielen Punkten höchst bedenkenswerten Buch ja auch stark macht). Da kommt es dann tatsächlich schnell zu einer Isolation und - nicht immer im positiven Sinne - Indoktrination der Kinder, die dem Zusammehnalt einer tatsächlich sehr fragmentierten Gesellschaft weiter Vorschub leistet.

    Als wirkliche Herausforderung betrachte ich es eher, eine katholische Schule zu finden, die nicht schon von Anfang an beschwichtigend sagt: "Wir sehen das alles nicht so eng hier", wie es mir in der Vorbereitung unseres bevorstehenden Umzuges von England nach Deutschland sowohl auf der Grundschul- als auch auf der Gymnasialebene passiert ist. Mein Sohn war erschüttert, zu erfahren, dass seine künftige Schule - die ansonsten einen wirklich sehr guten Eindruck macht - keinen eigenen Schulgeistlichen hat. Das wäre an der Oratorianer-Schule, die er bisher besucht, undenkbar.

    Aber darum müssen Sie sich ja als junger Vater jetzt noch nicht kümmern - ein bisschen in die Zukunft denken ist in diesem Zusammenhang allerdings nicht von Nachteil - vor allem, wenn man sich kein bayerisches Jesuiteninternat leisten kann.

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    1. Was die katholischen Schulen angeht, gebe ich Ihnen unbedingt Recht. Meine Frau ist Lehrerin und hat eins ihrer Unterrichtspraktika an einer katholischen Schule abgeleistet, und die Erfahrungen, die sie da gemacht hat, sind mit "ernüchternd" noch freundlich umschrieben.

      Dazu, ob meine Einschätzung, "Heimerziehung" für Kinder im Vorschulalter sei in Deutschland tendenziell unerwümacht, übertrieben ist, werde ich gern später noch ausführlicher Stellung nehmen...

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    2. (Sollte natürlich "unerwünscht" heißen.)

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  3. 3 Punkte:
    1.Kinder nicht in eine KiTa geben zu wollen hat m.E weniger mit der Spezies "religiöser Freak" zu tun. Meiner Erfahrung und Austausch nach sind es Eltern, die ihr Bauchgefühl über den Zwang eines allgemeinen Trends "erste Frage auf dem Spielplatz 1 Jahr nach der Geburt "und wann fängst du wieder an" setzen. Ich kenne z.b. auch Mütter, die die nicht besser werden wollenden Eingewöhnungsphasen und Abschiedsszenarien innerlich so sehr belastet haben, dass sie die Entscheidung wieder rückgängig machten.
    Ohne über "KiTa Eltern" urteilen zu wollen wünsche ich mir aber dennoch mehr Bauchgefühl als Druck unter berufstätigen Eltern, ehrlich und individuell das Wohl des Kindes auf dem Schirm zu haben... das ist derzeit

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  4. wichtiger denn je, denn
    2. Tatsächlich suggeriert v.a. die rotgrün- ,mittlerweile auch in Tendenzen C- Politik, dass die Unterbringung des Kindes in der KiTa für alle (neben Vater Staat) nützlich ist und durchaus als Normalfall gilt..hier stimme ich dem Artikel absolut zu.
    Es braucht unbedingt eine Sichtweise und Unterstützung, die beide Modelle gleichermaßen unterstützt. Durch die Ganztagsschulen wird ja bereits ordentlich die Freiheit der Familiengestaltung (ausserdem (kirchliches) Ehrenamt,Vereinsleben, Musikförderung etc...) beschnitten d.h. bisher diese sehr individuelle fruchtbare Kinder- und Jugenarbeit erschwert.

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  5. 3. Mein Einwand zur oben stehenden Passage - Zitat aus Dorothy Days). Die Frage ist zwar berechtigt, warum es zu dieser Entwicklung kam, warum der Staat nicht genügend tut damit das "Vater- Einkommen" für die Familie ausreicht. was aber würden die Frauen heutzutage tun wollen. Würden sie ihre mühsam erarbeitete Ausbildung /akademischen Abschluss wieder für lange Zeit an den Nagel hängen wollen wie es in den 50 er Jahren Usus war und die Frau des promovierten Ehemanns mit "Frau Doktor" in allen Ehren mitbetitelt wurde? Für damalige Verhältnisse war das sicher nicht lächerlich sondern tatsächlich ein Ausdruck von Ehrerbietung, dafür dass die Frau dem Mann für seine Karriere wirklich den Rücken frei hielt. M.E. bräuchte es das Rücken- freihalten vom Grundsatz her immer noch (neulich sagte ich das noch leicht ironisch zu meinem Mann, als er mir während eines schwierigen Nachteinsatzes Kinder und Haushalt nicht so optimal fern gehalten hatte.. ;) aber es klingt doch irgendwie sonderbar wenn die Frau dem Mann sagt, er solle ihr doch auch mal den Rücken freihalten.
    Ich würde sagen: Ich persönlich stecke da so zwischen den Generationen der 50- er und heute. Es braucht ein gutes Management zwischen beiden Verdienern, klare Klärung der Anteile an Kindern und Haushalt, das ganze nicht auf Kosten der Kinder. Idealer Weise sollten Mama und Papa Hauptbezugspersonen sein. Ehrlich gesagt möchte ich
    aber meinen Beruf in der derzeitigen Situation ungern missen, weil wir den Spagat recht gut hinbekommen und all die anstrengenden und stark investierten Lehrjahre sich jetzt auszahlen da ich immer etwas "drin bleiben" konnte. Verwundert bin ich über Frauen, die einer Arbeit mit niedrigem Lohn nachgehen, der komplett in die Fremdbetreuung fließt. Ein Job, über den sie eigentlich auch recht häufig schimpfen... und das nur, um auf diese bescheuerte Frage "ob sie wieder arbeiten" mit stolzem "ja" antworten können.
    Unterm Strich gibt es für mich kein Patentrezept. Die einen Familien brauchen den Doppelverdienst wirklich finanziell ohne dass es hier primär um das Erarbeiten der Luxusurlaube im Jahr geht ( wer dafür arbeitet eird hoffentlich merken dass die Kinddr davon rein gar keinen Vorteil haben) ...die anderen brauchen es für eine innere Balance, weil sie mit Teilzeit eher erholt an die tägliche Tagesmüh mit Kind und Haushalt rangehen können etc... wichtig ist meiner Meinung nach, das oben erwähnte Bauchgefühl ernst zu nehmen und ehrlich zu prüfen, wie gut die Situation den schwächsten guttut. Das sollte ein stabiler Grundstock sein um nicht in die Unsicherheit zu geraten dem staatlich vorgegaukelten Trend ohne wirkliche win- Situation für das Familienleben folgen zu müssen.

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    1. Nun, das Zitat von Dorothy Day bezieht sich ja ausdrücklich auf Familien, die finanziell auf das Arbeitseinkommen beider Elternteile angewiesen sind. Das betrifft auch heute viele Familien, wenngleich der durchschnittliche Lebensstandard in der "westlichen Welt" heutzutage zweifellos erheblich höher ist als 1914.

      In solchen Konstellationen, wo die Berufstätigkeit *eines* Elternteils für ein auskömmliches Familieneinkommen nicht ausreicht, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Berufstätigkeit des zweiten Elternteils erfüllender und befriedigender ist als die Aufgabe, ein eigenes Kind (oder mehrere) zu betreuen und zu erziehen. Insofern denke ich, dass die zitierte Aussage auch heute noch ihre Berechtigung hat.

      Hinzu kommt natürlich - worüber z.B. meine Mutter schon vor Jahrzehnten geklagt hat -, dass die Gesellschaft suggeriert, "Hausfrau und Mutter" sei kein richtiger Beruf und nur wer erwerbstätig sei, sei ein vollwertiges und nützliches Mitglied der Gesellschaft.

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  6. Die Erziehung der Kinder ist eine Investition für die Zukunft. Insofern kann sie durch keine andere "Arbeit" ersetzt werden.

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  7. Na, der Staat setzt auf die ganzen gut ausgebildeten jungen Frauen, um den sog. Fachkräftemangel einigermaßen in Griff zu bekommen. Solange die einheimische Bevölkerung weiter schrumpft, werden die Kitas weiter als Selbstverständlichkeit dargestellt und der gesellschaftliche Druck wird bleiben. Aber ich kann Ihre Gedanken sehr gut nachvollziehen. Ich habe selber einen kleinen Zwerg und staune, wie selbstverständlich es für viele ist, das Kind gleich 40 Stunden pro Woche betreuen zu lassen... Wir haben uns für weniger Betreuungsstunden entschieden, damit ich in Teilzeit arbeiten kann, und sind mit der Lösung zufrieden (ganz ehrlich, mir wurde sonst die Decke auf dem Kopf fallen, so bin ich ganz froh über das Kitasystem).

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  8. Auch hier, im seligen Bayern, gibt es reichlich Miteltern, die die Kinder mit 7 Monaten ganztägig betreuen lassen ("Laurin darf jetzt schon in der Kita mittagessen!") ("Ich kann den ja daheim gar nicht so fördern, wie die ausgebildeten Erzieherinnen das können") ("Der ist zuhause ja eh nur fad!").

    Ich muss gestehen, als junge Mutter vor 20 Jahren sah ich das ähnlich locker, schließlich war man ja umgeben von Medien, die Karriere-über-alles-Fremdbetreuung-ist-gut-fürs-Kind posaunten, wo es nur ging.
    Nur: meine Mitmütter sind nicht Anfang/Mitte 20, sondern Anfang/Mitte 30, und glauben den Stuss. Es scheint, als habe die Propagandaabteilung ganze Arbeit geleistet.

    Bitte, lassen Sie sich nicht beirren. Ich war jetzt 3 Jahre mit meinem 2. Kind zuhause, und ich war für jeden Tag dankbar. Allein die Vermeidung von Stress, die sich dadurch ergibt, dass ein Elternteil nicht erwerbstätig ist, ist für das Kind Gold wert. Krankheit, Zahnen, schlechte Nacht, schlechter Tag - niemand muss in der Kita geparkt werden, niemand muss sich krank melden.
    Was an ungehetzter Zuneigung, an Sprachförderung, an Zuwendung möglich ist - es ist phänomenal.
    Natürlich kann das Kind vielfältig gefördert werden, bei uns waren das Krabbelgruppen, Musikgruppen, Mutter-Kind-Turnen, zahlreiche Wanderungen mit Kinderwagen oder Trage, zahlreiche stabile Freundschaften mit anderen Müttern/Kindern, die dadurch möglich wurden, dass wir eben Zeit hatten...ich glaube nicht, dass bei unter-3-Jährigen eine Kita Vergleichbares leisten kann.

    Mein Lieblingszitat für alle Verfechter der Frühen Fremdbetreuung stammt übrigens aus einem Interview mit dem Psychologen Fthenakis, das in der taz erschienen ist (http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2007/02/21/a0148):


    "Warum wird dann so leidenschaftlich gestritten?

    Weil Kinderärzte und Sozialpädiater lange Zeit gepredigt haben, dass Fremdbetreuung schlecht ist. Das war gut gemeint, aber es basierte nicht auf fundierten Erkenntnissen. Wir haben heute die große amerikanische Längsschnittstudie, die alle diese Aspekte gründlich untersucht hat. Die NICHD-Studie ist die größte Studie weltweit über außerfamiliale Betreuung. Heraus kam: Eine gute außerfamiliale Betreuung kann die Qualität des Aufwachsens bereichern und beeinträchtigt das Eltern-Kind-Verhältnis nicht. Ich empfehle allen Ideologen: Bevor sie uns ihren ideologischen Schwanengesang aufdrängen, sollten sie sich mit dem Forschungsstand befassen."

    Forschungstand ist also: BESTENFALLS KANN frühe Fremdbetreuung bereichernd wirken.
    KANN.
    BESTENFALLS stört sie die Eltern-Kind-Beziehung NICHT.

    Eine Eiscremesorte könnte man mit derlei lauwarmen Vorzügen nicht vermarkten...

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