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Samstag, 1. Dezember 2018

Kirche und Missbrauch in Nordenham: Ein Lehrstück aus der Gerüchteküche


Tja, Leser: Ich hatte zwar gerade erst meine alte Heimatgemeinde St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland am Wickel, aber es gibt tatsächlich noch mehr von dort zu berichten: Unlängst, nämlich am Montag, dem 26.11., fand im Pfarrzentrum von St. Willehad eine Informationsveranstaltung zum Thema „Sexueller Missbrauch in der katholischer Kirche“ statt. „Angesichts der Brisanz des Themas war die Resonanz überschaubar“, berichtet Jens Milde in der Nordwest-Zeitung. „Gerade einmal acht Besucher kamen zu der Veranstaltung.“ 



Dieser überschaubaren Runde teilte Pfarrer Karl Jasbinschek u.a. mit, gemäß den Präventionsrichtlinien der katholischen Kirche sei „jede Gemeinde verpflichtet, ein eigenes Schutzkonzept zu entwickeln. In St. Willehad wird ein solches Konzept gerade erarbeitet.“ Ehrlich gesagt wundert es mich, dass das erst jetzt geschieht. In anderen mir bekannten Pfarreien gibt es solche Schutzkonzepte schon seit Jahren. Aber in Nordenham gehen die Uhren offenbar anders. 



Derweil hatten die Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung allerdings ohnehin ihre eigenen Vorstellungen zur Prävention sexuellen Missbrauchs in der Kirche: Laut NWZ-Bericht waren sie „mehrheitlich der Meinung, dass das Zölibat nicht mehr zeitgemäß ist.“ Die Mehrheit von acht Personen, wohlgemerkt, also fünf bis sieben Personen, eine stolze Zahl. Nun gut, Spaß beiseite: Ich zweifle nicht unbedingt daran, dass sich auch dann eine Mehrheit der Veranstaltungsteilnehmer in diesem Sinne geäußert hätte, wenn die Veranstaltung besser besucht gewesen wäre. Dass eine Abschaffung des Zölibats ein probates Mittel zur Eindämmung sexuellen Missbrauchs durch Priester sei, ist zwar eine Auffassung, die ausgesprochen bizarre Vorstellungen über die menschliche Sexualität voraussetzt, aber um das zu bemerken, müsste man erst einmal darüber nachdenken, und wer tut das schon? Wenn als „Argument“ gegen irgend etwas vorgebracht wird, das in Frage stehende Irgendwas sei „nicht mehr zeitgemäß“, hat sich jedwede sachliche Auseinandersetzung von vornherein erledigt. 

Zugegeben: Die Annahme, der Zölibat sei „nicht mehr zeitgemäß“, entsteht nahezu zwangsläufig, wenn man über Jahrzehnte hinweg immer wieder Forderungen nach seiner Abschaffung zu hören bekommt, aber so gut wie nie ein Plädoyer für seine Beibehaltung. Die geistliche Dimension des Zölibats – wie es unlängst ein Freund auf Facebook formulierte: „Ehelosigkeit nicht als Freiheit VON etwas, sondern als eschatologische, endzeitliche Offenheit auf die 'Hochzeit des Lammes' hin“ – wird selbst innerhalb der Kirche immer weniger verstanden, aber das ist ja auch kein Wunder, wenn's den Leuten niemand erklärt. So meint auch Pfarrer Jasbinschek, „die Symbolkraft des Verzichts sei für viele Gemeindemitglieder heute kaum noch nachvollziehbar“. Ah ja. Hat er denn mal versucht, sie ihnen begreiflich zu machen? Mein Eindruck ist, dass diesen Versuch kaum mal jemand unternimmt – man könnt' ja für „konservativ“ oder Schlimmeres gehalten werden. Da sagt ein Pfarrer dann lieber etwas Unverfängliches wie etwa, „dass er keine Notwendigkeit sieht, am Pflichtzölibat festzuhalten, auch wenn es für ihn persönlich bindend sei“. 

Der NWZ-Artikel wurde u.a. in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Du kommst aus Nordenham, wenn...“ geteilt, und auch da äußerte eine Kommentatorin prompt, die katholische Kirche solle „endlich mal vom Zölibat Abschied nehmen“; warum sie dieser Meinung war, wusste sie auf Nachfrage nicht zu erläutern. Allerdings war das noch ein vergleichsweise harmloser Kommentar. Bei anderen Facebook-Nutzern löste die Kombination der Begriffe „Kirche“ und „Missbrauch“ offenkundig noch ganz andere Pawlowsche Reflexe aus: „Die Kirche will Kinder vor Missbrauch schützen ? Na der war ja mal richtig gut“, schrieb einer, und eine andere: „Die Kirche naja da sind sie ja in den 'richtigen Händen'“. Eine weitere Diskussionsteilnehmerin warf die Frage in die Runde:
„War nicht ein Fall von paar Jahren, das grade in Nordenham Pfarrer würde beschuldigt das er Kinder genötigt hat??“
...was einer von denen, die sich zuvor bereits zu Wort gemeldet hatten, mit einem lakonischen „jo“ beantwortete. 

Nun ist Nordenham eine ziemlich kleine Stadt, und da der Kontext der Diskussion nahe legte, es sei ein katholischer Pfarrer gemeint, schränkte sich der Kreis derer, auf die diese Anschuldigung sich beziehen könnte, ganz erheblich ein: Rechnet man ein paar Geistliche nicht mit, die jeweils für eine kurze Übergangszeit als Pfarradministratoren in St. Willehad eingesetzt wurden, dann gab es in den letzten ca. 30 Jahren nur vier katholische Pfarrer in Nordenham, und die kenne ich alle persönlich. Letzteres ist natürlich kein Beweis für ihre Unschuld, aber es sollte mich doch sehr wundern, wenn ich von derartigen Anschuldigungen gegen sie, so es denn welche gäbe, nie etwas gehört hätte. Gerade im Zuge der heftigen Konflikte innerhalb der Gemeinde, die es in den letzten Jahren gegeben hat, hätte das Thema doch wohl irgendwo auftauchen müssen. Und meines Wissens sind auch gegen keinen dieser vier Geistlichen irgendwelche Maßnahmen seitens des Bistums verhängt worden, wie sie für den Umgang mit Missbrauchsvorwürfen typisch wären (z.B. Kontaktverbot zu Kindern und Jugendlichen). 

Folglich schalteten meine Liebste und ich uns in die Facebook-Debatte ein, um Genaueres über diese angeblichen Anschuldigungen zu erfragen. Offenbar wusste aber niemand Genaueres. Okay, ich kenne Nordenham aus eigener Erfahrung gut genug, um eine Vorstellung davon zu haben, wie sich da Gerüchte verselbständigen. Also bemühte ich mich, mit Hilfe von Onkel Google selbst herauszufinden, was an der Sache dran war. Es dauerte nicht lange, bis ich fündig wurde.

Tatsächlich waren in Nordenham vor ein paar Jahren mindestens drei minderjährige Jungen in einem kirchlichen Kontext Opfer von mehrfachem und teilweise schwerem sexuellen Missbrauch geworden; der Täter, der im Frühjahr 2013 vom Landgericht Oldenburg zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt wurde, war allerdings kein Pfarrer, sondern war lediglich nebenberuflich – auf Minijob-Basis – als Kirchenmusiker tätig. 

In der evangelischen Kirchengemeinde.



Tja, so entstehen Gerüchte.

Eine der Wortführerinnen in der besagten Facebook-Diskussion kommentierte die Richtigstellung mit dem geradezu klassischen Satz:
„Ehrlich mir is das sowas von egal ob kath. oder evangelisch...find beides scheisse...ehrliche meinung...“
Tja, was soll man da noch sagen. Angesichts solcher argumentativer Glanzleistungen bin ich fast geneigt, der Behauptung Glauben zu schenken, der Baufinanzierungsskandal um das DiözesaneZentrum St. Nikolaus in Limburg habe seinerzeit auch zu überdurchschnittlich vielen Austritten aus der evangelischen Kirche geführt...


(P.S.: Nicht vergessen -- noch bis zum 31.01.2019 kann an der Fragebogenaktion zur Erstellung eines Lokalen Pastoralplans für St. Willehad teilgenommen werden!!)