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Freitag, 21. Dezember 2018

Schlechte Witze und „gute Katholiken“

Weihnachten steht vor der Tür, und die PR-Abteilung des Bistums Essen hat zu diesem Anlass einen humorigen Videoclip produziert, in dem eine Stewardess – im Stil einer Sicherheitseinweisung im Flugzeug – Verhaltensregeln für den Weihnachtsgottesdienst erläutert. Der Clip ist innerhalb kürzester Zeit "viral" geworden, wie man das heute wohl nennt. Diverse kirchliche oder kirchennahe Facebook-Seiten haben ihn geteilt, es hagelte positive Bewertungen, auch außerhalb kirchlich interessierter Kreise war die Resonanz beachtlich. 

Ich muss sagen, dass mich das Ausmaß dieses PR-Erfolgs etwas überrascht. Okay, was die Professionalität der Machart betrifft, ragt dieses Video durchaus positiv aus der Masse dessen heraus, was die Pressestellen und Social-Media-Redaktionen deutscher Diözesen sonst so verzapfen. Und es ist auch durchaus witzig. Als Beitrag in einer Comedy-Show fände ich den Gag mit der Stewardessen-Sicherheitseinweisung zum Gottesdienst durchaus gelungen. Wenn ein solcher Gag allerdings als kirchliche Eigen-PR daherkommt, habe ich dann aber doch ein paar kritische Anfragen. 

Zunächst: Offensichtlich reagiert die Grundidee des Videos auf das bekannte und verbreitete Phänomen, dass die Kirchen zu Weihnachten voll sind mit Leuten, die man zu anderen Zeiten des Jahres eher selten bis nie dort antrifft. Ganz so extrem wie in den Kirchen der EKD, wo – laut eigenen Angaben – der Gottesdienstbesuch zu Weihnachten um den Faktor 11 (ELF!!) größer ausfällt als an einem durchschnittlichen Sonntag, ist es in der katholischen Kirche wohl nicht, aber mit einem Faktor von 3-4 wird man vermutlich auch hier rechnen müssen. Selbst wenn man von einem Faktor von nur leicht über 2 ausginge, hieße das immer noch, dass die Weihnachtsgottesdienste mehrheitlich von Menschen besucht werden, die sich mit den in der Kirche üblichen Abläufen nicht gut auskennen. Ist es da nicht grundsätzlich eine gute Idee, den Leuten eine Orientierungshilfe an die Hand zu geben – und umso besser, wenn dies in augenzwinkernder, humorvoller Form geschieht? 

Ja, kann man so sehen. Denn selbstverständlich wäre es falsch, den "seltenen Kirchgängern", wenn sie denn mal da sind, zu verstehen zu geben: Wenn ihr sonst das ganze Jahr nicht kommt, wollen wir euch jetzt auch nicht hier haben. Das ist alle Jahre wieder ein großes Thema in kirchlichen oder sonst irgendwie an Kirchenthemen interessierten Medien, und bei aller unterschiedlichen Schwerpunktsetzung sind sich die diversen Beiträge in der Regel doch grundsätzlich darin einig, dass man den Umstand, einmal im Jahr eine große Zahl von Gottesdienstbesuchern zu haben, die die Kirche sonst das ganze Jahr über nicht erreicht, als Chance betrachten sollte.

Aber als Chance wozu genau? Wenn es um Neuevangelisation gehen soll - darum, Menschen zu Jesus Christus zu führen -, dann genügt es nicht, wie der Kommunikationsberater Erik Flügge es in seiner Kritik des Stewardessenvideos formuliert, "emotionalen Bedürfnissen [...] Ausdruck zu verleihen", "das Lärmen und Toben der Außenwelt" zu durchbrechen und "einen Moment der inneren Einkehr in all dem Chaos der vergangenen Tage und Stunden" zu ermöglichen; das mag an und für sich schon ein richtiger Ansatz sein, notwendig wäre es darüber hinaus aber, "rüberzubringen", worin die Verheißung des Evangeliums (und, speziell zu Weihnachten, die heilsgeschichtliche Bedeutung der Menschwerdung Gottes) besteht. Davon ist in dem besagten Video keine Spur zu finden: In der Tagespost bemängelt Stefan Meetschen, "dass die für den Spot Verantwortlichen das Weihnachtsereignis als sentimentalen Kitsch-Event auffassen, was auf eine Entfremdung vom Mysterium hindeutet. Angesichts eines derartigen Glaubensschwundes wäre es wohlfeil, Kritik an der Postmoderne oder der säkularen Welt zu üben. Interne Verweltlichung scheint das Problem zu sein."

Aussichtsreich sind Bemühungen, die Christmette in den Dienst der Neuevangelisation der Kirchenfernen zu stellen - sofern es solche Bemühungen denn gibt -, allerdings überhaupt wohl nur insoweit, wie die "seltenen Gottesdienstbesucher" ein gewisses Maß an Empfänglichkeit für diese Botschaft bereits mitbringen. Was dem entgegensteht, ist eine unter "distanzierten Kirchenmitgliedern" wohl einigermaßen weit verbreitete Haltung, die gewisse lebensabschnittsbezogene Feiern (Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung), aber eben auch den feierlichen Gottesdienst zu Weihnachten als Dienstleistung in Anspruch nimmt -- und dies, wie der Pastoraltheologe Rainer Bucher es einmal formulierte, "selektiv und mit oft sehr eigenwilligen Sinnzuschreibungen". Und da scheint mir das Essener Stewardessenvideo geradezu exemplarisch für einen Stil kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit, der gerade diese Haltung beim Adressaten sowohl voraussetzt als auch noch bestärkt: Der Festgottesdienst wird als Konsumangebot angepriesen, die Kirche erscheint als Dienstleister, der Gottesdienstbesucher als Kunde. Wenn sogar ein Erik Flügge meint, dass solche "Aktionen [...], die vermeintlich lustig daher kommen und ob ihrer Absurdität durchaus Reichweite gewinnen, [...] dem Weihnachtsfest die Würde rauben", dann sollte das schon zu denken geben. Stefan Meetschen spricht gar vom "Bild einer Kirche, die weder Glaube noch Orientierung geben kann, weil sie von Sinnen zu sein scheint".

Humor in der Kirche sorgt oft für Verdruss. (Symboldbild: Dierk Schaefer, Bildquelle und Lizenz hier.) 

Aber ich habe noch ein anderes Huhn mit diesem PR-Video zu rupfen. Nachdem ich es zum ersten Mal (halb) angesehen hatte, äußerte ich mich in einer geschlossenen Diskussionsgruppe auf Facebook "überzeugt, dass Beiträge wie dieser zu dem alleinigen Zweck produziert werden, den Leuten, die sich darüber beschweren, Humorlosigkeit vorwerfen zu können". Das war in dieser zugespitzten Formulierung ("alleiniger Zweck") natürlich nicht hundertprozentig ernst gemeint, aber im Großen und Ganzen bestätigten die Reaktionen auf vereinzelte kritische Kommentare meine Einschätzung eindrucksvoll. Hier eine kleine Auswahl von Nutzerkommentaren auf der Facebook-Seite des Bistums Essen (Rechtschreibung und Interpunktion unverändert): 
"Nur wer auch mal über sich selbst lachen kann wird ernst genommen"  
"ein bisschen Spaß muss man auch als Christ noch verstehen können!"  
"Schon mal was von Humor gehört?" 
"Wer wird denn da gleich zur Spaßbremse"  
"Meine Güte, humorlos geht die Welt zugrunde! Ich fass es nicht..."  
"Wer immer in allem etwas Negatives findet hat echt ein Problem."  
"auch und gerade zu Weihnachten ein bisschen weniger den Paradechristen heraushängen lassen und ein bisschen mehr Spass haben – da kommt man Jesus Christus sehr viel näher als man denkt." 
"Wer das nicht abkann, sollte sich mal überlegen, warum die Leute nicht mehr kommen : weil verknöcherte Menschen von offenen Herzen reden und dann doch Gegenteilig handeln. Glaube hat etwas mit Lust, Jubel und Freude zu tun und nicht mit Gift und Galle!" 
"Willkommen in 2018. Dürfen Sie überhaupt Facebook nutzen? Finde ich nirgends in der Bibel." 
"Deiner Haltung wegen rennen die Leute aus der Kirche. Schade!" 
Und last not least natürlich der Klassiker: 
"Vor solchen Leute gruselt mir. Vermeintliche Christen, die mental den Taliban oder dem IS näher sind als der Gemeinschaft..." 
Natürlich ist das im Großen und Ganzen ein bekanntes Phänomen. Ob katholisch.de, domradio oder die Social-Media-Präsenzen der Bistümer: Die Kommentarbereiche werden dominiert von einem sich selbst als "modern", "aufgeklärt", "liberal" oder "progressiv" verstehenden Mob, der jeden "konservativen" oder "strenggläubigen" Katholiken, der es wagt, den Mund aufzutun, unverzüglich einen Kopf kürzer macht. Die Aggressivität, die in solchen Kommentarschlachten herrscht, wirkt auf den ersten Blick schockierend, ist aber im Grunde ganz gut erklärbar. Man tut gut daran, zu bedenken, dass das Selbstverständnis "moderner, aufgeklärter, liberaler Katholiken" ein Maß an kognitiver Dissonanz mit sich bringt, das man erst mal aushalten können muss: Man definiert sich als legitimes Mitglied einer Glaubensgemeinschaft, deren Glauben man nicht teilt; oder anders ausgedrückt, man bestreitet grundsätzlich die Autorität des kirchlichen Lehramts, eine Glaubenslehre als verbindlich zu definieren, will sich aber gleichzeitig keinesfalls "das Katholischsein absprechen" lassen. Ein probates Mittel, diesen Widerspruch vor sich selbst zu rechtfertigen, besteht darin, sich einzureden, das machten ja alle so, und was man als Katholik theoretisch so alles glauben müsste, glaube ja "kein normaler Mensch" wirklich. Wenn einem dann aber in der freien Wildbahn des Internets jemand begegnet, der das eben doch tut, dann ist diese Selbstrechtfertigungsstrategie bedroht -- und kann nur dadurch gerettet werden, dass man beschließt, dieser Gläubige sei eben "kein normaler Mensch". Sondern ein Feind, den es zu vernichten gilt. Einer, der schuld daran ist, dass "die Leute aus der Kirche rennen". Der "mental den Taliban oder dem IS" nahe steht. Und schon ist die eigene Welt wieder in Ordnung.

Dass die Moderatoren der betreffenden Social-Media-Plattformen in solche Kommentarschlachten kaum einmal mäßigend eingreifen, sondern sich eher noch an dieser Form des Mobbings beteiligen oder es zumindest durch "Likes" unterstützen, kann man zum Teil wohl damit erklären, dass die betreffenden Mitarbeiter sich selbst eher dem "modernen, aufgeklärten, liberalen" Lager zugehörig fühlen. Aber schließlich haben wir es (angeblich) mit Profis zu tun, von denen eigentlich erwartet werden dürfte, dass sie sich in ihrer Arbeit weniger von ihren persönlichen Ansichten leiten lassen als davon, was ihre Auftraggeber von ihnen erwarten. Und da muss man dann schon sagen, dass das Veröffentlichen von Beiträgen, die geradezu darauf berechnet zu sein scheinen, den "konservativeren" oder "strenggläubigeren" Teil des Publikums zu triggern und anschließend dem liberalen Mob zum Fraß vorzuwerfen, ziemlich deutlich macht, wen die Verantwortlichen als ihre bevorzugte Zielgruppe ansehen und wen nicht. Letztlich äußert sich darin eine strategische Ausrichtung kirchlicher Selbstrepräsentation, der die im eigentlichen Sinne gläubigen Katholiken eigentlich lästig sind -- weil sie dem Bemühen im Weg stehen, sich als zeitgemäßer, kundenorientierter Dienstleister auf dem Markt für Spiritualität und Lebenshilfe "zukunftsfähig" aufzustellen. Ganz in diesem Sinne wird das kirchliche Kernmilieu auch im Video repräsentiert: in Gestalt einer Frau, "die sich mit gelbem Häubchen auf einer Kirchensitzbank niedergelassen hat und eine miesepetrige Miene macht. Kann man die Kirchen- und Gottesdiensttreue der letzten Gläubigen sarkastischer aufspießen und verprellen?", fragt Stefan Meetschen in der Tagespost zu Recht. Ich persönlich bin geneigt, diese Frage dahingehend zu beantworten, dass dieser Effekt voll und ganz beabsichtigt ist. Gläubige Katholiken müssen sich hierzulande mehr und mehr darauf einstellen, in ihrer eigenen Kirche unerwünscht zu sein. Manch einer hat das sogar schon in seiner eigenen Pfarrgemeinde erfahren müssen.

Tröstlich bleibt es da allein, sich - gerade zu Weihnachten - daran zu erinnern, dass die Kirche in letzter Instanz nicht denen gehört, die sich so beflissen zu zeigen, sie als marktkonformen Anbieter spiritueller Wellness neu zu erfinden, sondern dass Jesus Christus der Herr der Kirche ist. Schön wäre es freilich, wenn die Strategen in den Ordinariaten und den Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit sich ebenfalls daran erinnerten.


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