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Donnerstag, 28. Februar 2019

Als Gasthörer an der Hausbesetzer-Uni

Man kennt das: Da sitzt man nichtsahnend zu Hause, und plötzlich fällt der Strom aus oder das Wasser läuft nicht mehr. Den Nachbarn im Haus geht's genauso. Je nach Veranlagung oder Fertigkeit ruft man die Hausverwaltung oder versucht dem Problem selbst auf die Spur zu kommen, und schließlich stellt sich heraus, dass jemand am Sicherungskasten oder am Hauptwasserhahn des Hauses ‘rumgemacht hat. Obacht, Leser: Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Hausbesetzer oder solche, die es werden wollen, das Haus als potentielles Besetzungsobjekt  auskundschaften. Auch ein Klebestreifen über dem Haustürschloss könnte ein erstes Anzeichen dafür sein. -- Zugegeben: Solche Maßnahmen, mit deren Hilfe ermittelt werden soll, ob ein Haus aktuell bewohnt wird, ergeben nur dann so richtig Sinn, wenn es sich um ein Haus handelt, dem man das auf den ersten Blick nicht unbedingt ansieht; also beispielsweise einen sanierungsbedürftigen Altbau mit stellenweise kaputten oder vernagelten Fenstern. Gerade zur Zeit und gerade in Berlin muss man allerdings damit rechnen, dass in der Hausbesetzerszene eine Menge Anfänger unterwegs sind, die womöglich auf typische Anfängerfehler machen. 

Wie kommts? Nun, wer gedacht hat, Hausbesetzung sei "total 80er" (oder, in Ostberlin und in den Neuen Bundesländern, "total 90er"), der sieht sich - zumindest was Berlin betrifft - in jüngster Zeit getäuscht: Seit 2018 liegen Hausbesetzungen wieder voll im Trend, und die in den sozialen Medien ausgesprochen umtriebige Initiative #besetzen tut ihr Möglichstes, um diesen Trend zu verstetigen und eine neue Generation autonomer Wohnraumaktivisten heranzubilden. Zu diesem Zweck veranstaltete #besetzen  unlängst  ein Workshop-Wochenende  in den Räumen  der "Schule für Erwachsenenbildung" in Berlin-Kreuzberg  (die vielleicht auch Nichtberlinern aus dem Film Berlin Rebel High School bekannt ist -- der ist übrigens wirklich sehenswert). Aufmerksam geworden bin ich auf die Veranstaltung, weil ich #besetzen auf Twitter folge; habe mir schon eine ganze Weile gedacht, irgendwann könnte das mal nützlich werden, und jetzt war dieser Punkt erreicht. Zunächst hatte ich die abgefahrene Idee, ich könnte für die Tagespost über diese interessante Hausbesetzer-Schulung berichten. Tatsächlich konnte ich dort - ob man "nur" oder "immerhin" sagt, mag Geschmackssache sein - eine kleine Glosse unterbringen, musste mich dafür aber natürlich extrem kurz fassen; und wer mich kennt, weiß, wie schwer mir das fällt. Gut, wenn man einen Blog hat, wo man keinen Formatvorlagen unterliegt und alles loswerden kann, was man woanders nicht unterbringen konnte! 

In den Mehringhöfen, auf dem Weg zur "Schule für Erwachsenenbildung"
"Die Besetzungen des Jahres 2018 haben es geschafft, einer breiteren Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer linksradikalen Praxis als Antwort auf Verdrängung zu vermitteln", hieß es in der Programmankündigung. "Allerdings sind wir noch weit von einer Bewegung entfernt, die sich massenhaft Räume aneignet und dadurch Eigentum generell infrage stellt. Und da auch ein vermeintlich linker Senat die derzeitigen Zustände verursacht und aufrechterhält" - was mir dazu spontan einfiel, verrate ich hier nicht, da das die zentrale Pointe meiner Tagespost-Glosse ist; lest Tagespost, Leute! - "kann diese Bewegung nur eine von unten sein." Bewegung von unten? Klingt  vom Ansatz her schon mal #benOppig. Also nichts wie hin da. 

Theoretisch ging das Veranstaltungsprogramm - einschließlich Vortrag, Filmvorführung und gemeinsamer Essenszeiten - zwar von Freitagabend bis Sonntagnachmittag, aber ich hab schließlich Familie und auch sonst noch ein paar andere Dinge zu tun und plante daher von vornherein, meinen Besuch auf die erste Workshop-Phase am Samstag von 15 bis 18 Uhr zu beschränken. Ein bisschen Sorge hatte ich ja, ob man mich überhaupt reinlassen würde. Ich habe da schließlich schon so meine Erfahrungen gemacht mit der linken Szene in Berlin. Nicht dass ich mich für so berühmt-berüchtigt hielte, dass ich annähme, in jeder im Stressfaktor gelisteten Veranstaltungs-Location hinge ein Steckbrief von mir, aber man wundert sich ja manchmal. Tatsächlich gab es bei den #besetzen-Workshoptagen überhaupt keine Einlasskontrolle; als ich ankam, war gerade Mittagspause, überwiegend junge Menschen  mit Piercings, teilweise gefärbten Haaren und Strickmützen (sehr, sehr viele Strickmützen -- das scheint gerade schwer im Trend zu sein) aßen Rote-Bete-Suppe von Blechtellern. Trotz der ungezwungenen Atmosphäre hatte ich immer noch irgendwie das Gefühl, ich müsse mich betont unauffällig verhalten, um nicht als christlicher Fundamentalist und Abtreibungsgegner enttarnt zu werden. Ich wäre zwar im Fall der Fälle durchaus darauf vorbereitet gewesen, trotzig zu erwidern "Na und? Kann ich mich nicht trotzdem für Hausbesetzungen interessieren?", und da hätte man dann ja auch gleich was zu diskutieren gehabt; aber aus Erfahrung zweifle ich daran, dass es auf der Gegenseite große Gesprächsbereitschaft gegeben hätte. Tatsächlich erwiesen sich allerdings all diese Erwägungen als unnötig. Spätestens bei den einzelnen Workshops hätte es ohnehin keine Chance mehr gegeben, sich zu verstecken. 

Tatsächlich fand ich mich umgeben von lauter echt netten Leuten, die Atmosphäre war wie gesagt ungezwungen, die Workshop-Teilnehmer gaben im Hinblick auf Alter (von Anfang 20 oder sogar noch etwas jünger bis "deutlich älter als ich", weit überwiegend aber wohl zwischen 20 und 40), Kleidung, Haarlänge und ggf. Barttracht ein ausreichend gemischtes Bild ab, dass ich da nicht sonderlich auffiel. Von den sechs Workshops des Samstagnachmittags besuchte ich drei -- zu den Themen "Recherche", "Scouting" und "Pressearbeit". Bei den beiden erstgenannten zeigte sich allerdings, dass die TPG nicht MECE sind, will sagen, es gab einige inhaltliche Überschneidungen. Die Workshops zu "Recherche" und "Scouting" wurden in der Veranstaltungsankündigung wie folgt beschrieben: 
"Hier lernt ihr, wie ihr ein geeignetes Haus finden könnt und was sich alles im vor hinein dazu recherchieren lässt." 
Respektive: 
"Bevor ihr in ein Haus reingeht, solltet ihr es euch vorher ein paar Mal angeschaut haben. Worauf es sich dabei zu achten lohnt, lernt ihr in diesem Workshop." 
Neben Informationen darüber, wie es überhaupt in größerem Ausmaß zum Leerstand von Wohngebäuden kommt und woran man geeignete Objekte für eine Besetzung erkennen kann, wurde hier allerlei technisches Wissen etwa über Strom-, Gas- und Wasseranschlüsse vermittelt. Da ich aber - bis auf Weiteres zumindest - nicht die Absicht habe, selbst ein Haus zu besetzen, fand ich den Workshop zum Thema "Pressearbeit" besonders interessant. Unter anderem wurde dort von Teilnehmerseite die Frage aufgeworfen, ob es nicht ratsam sei, mit bestimmten Medien von vornherein überhaupt nicht zu reden. Die Referenten meinten jedoch, da gelte es abzuwägen: Wenn man das Ziel habe, mit einer Besetzungsaktion möglichst großes Aufsehen zu erregen, dann müsse man auch mal in den sauren Apfel beißen, seine Pressemitteilungen auch an Blätter zu schicken, die man eigentlich ih-bah findet (als Beispiele hierfür wurden WELT und FOCUS genannt, das wirft ein interessantes Licht darauf, wo in etwa die Schmerzgrenze verläuft). Programmatische Äußerungen, die darauf abzuzielten, beim Adressaten Verständnis und Sympathie für das Anliegen der autonomen Wohnraumaktivisten zu erwecken, solle man hingegen tatsächlich besser nur bestimmten ausgewählten Stellen zukommen lassen.

Allerdings wurde in diesem Zusammenhang auch angemerkt, dass es unter den großen, auch außerhalb der eigenen Filterblase rezipierten Presseorganen kaum verlässliche, d.h. verlässlich wohlwollende Ansprechpartner für die Hausbesetzerszene gibt, abgesehen vielleicht von der taz; selbst im Neuen Deutschland habe man schon deutlich schlechtere Presse bekommen als erhofft. Aber is’ ja auch klar, wenn man mal drüber nachdenkt: Die taz hat ihre Wurzeln in der Sponti-Anarcho-Szene, das ND ist traditionell eher stalinistisch orientiert. Das wurde im Workshop zwar nicht explizit so formuliert, aber isso.

Insgesamt, so meinte einer der Referenten, erlebe man im Umgang mit Pressevertretern immer wieder Überraschungen -- negative, aber auch positive. Stimmt, dachte ich, mit mir zum Beispiel könntet ihr eine ziemliche Überraschung erleben. Übrigens erwähnte derselbe Referent, Pressevertreter liebten es, wenn man ihnen Informationen zukommen lasse, auf deren Basis sie in ihren Texten den Eindruck erwecken können, sie wären selbst vor Ort gewesen. So. Und jetzt dürfen meine Leser munter darüber spekulieren, ob ich wirklich vor Ort war oder die ganze Zeit nur so tue.

Nun aber mal Spaß beiseite: Worauf man sich bei einer solchen Veranstaltung von Hausbesetzern für solche, die es werden wollen, gefasst machen muss, ist - wie ich in meiner Tagespost-Glosse bereits angedeutet habe - ein verblüffend "unverkrampftes" Verhältnis zur Illegalität; so sehr, dass man sich manchmal fast schon fragt, ob den Teilnehmern eigentlich bewusst ist, dass sie über Straftaten sprechen. Tatsächlich ist es das durchaus; es stört sie bloß nicht. Alles in allem fühlen sich die autonomen Aktivisten in einem Maße moralisch im Recht, das für Außenstehende zunächst schwer verständlich sein mag. In der Vorstellungswelt der Autonomen vermischt sich Karl Marx' These von der "Ursprünglichen Akkumulation" mit Freuds "Familienroman der Neurotiker" zu einer großen mythischen Erzählung, derzufolge man dereinst ein Königskind war, aber von den düsteren Machenschaften des Kapitalismus um sein Geburtsrecht betrogen wurde. Oder anders ausgedrückt, man ist der Indianer, dem einst alles Land gehörte, so weit der Büffel umherstreifte, aber dann kam die weißen Männer mit ihren Gewehren und ihrem Feuerwasser, töteten die Büffel und sperrten die Indianer in Reservate. So ungefähr sieht der Autonome die Welt. Der Hausbesitzer ist der eigentliche Hausbesetzer, sein Privateigentum ist ein Raub an der Allgemeinheit. Und die staatlichen Institutionen sind letztlich nur die Parkwächter auf dem Anwesen des Kapitalisten. Wenn die Gesetze nur dazu dienen, den unrechtmäßigen Besitz der herrschenden Klasse zu schützen, dann ist es legitim und sogar geboten, sie zu brechen.

Gegen eine solche Auffassung ließe sich zweifellos allerlei einwenden; im Grundsatz dürfte der Anspruch, sich einem Recht verpflichtet zu wissen, das höher steht als irdische Gesetze, einem Christen jedoch eigentlich nicht ganz fremd sein. Sind wir als Christen nicht - wenn auch weniger in einem politischen als in einem kosmischen Sinne - in einer ganz ähnlichen Situation? Mir fällt dazu eine Passage aus C.S. Lewis’ "Mere Christianity" ("Pardon, ich bin Christ") ein: 
"Vom Feind besetztes Land – das ist diese Welt. Das Christentum berichtet davon, wie der rechtmäßige König gelandet ist, in Tarnung, könnte man sagen, und wie er uns alle aufruft, uns an einem großen Sabotagefeldzug zu beteiligen. Man geht im Grunde in die Kirche, um dort die geheimen Funksprüche unserer Freunde abzuhören. Deshalb ist der Feind so erpicht darauf, uns von dort fernzuhalten."
Leah Libresco zitiert diese Sätze in ihrem Buch "Building the Benedict Option" -- und nimmt die Metapher von der "Beteiligung an einem großen Sabotagefeldzug" zum Anlass, um auf das 1944 vom Office for Strategic Services (OSS) herausgegebene "Simple Sabotage Field Manual" zu verweisen, das Anleitungen für kleine, einfach durchzuführende, aber effektive Sabotageakte im vom Feind besetzten Territorium enthält. Statt um spektakuläre Heldentaten geht es da eher darum, Werkzeuge am falschen Ort liegenzulassen oder Toiletten zu verstopfen. Freilich betont Leah Libresco, ihre Hinweise auf dieses Sabotagehandbuch seien metaphorisch zu verstehen, und verweist auf die Mahnung des Apostels Paulus an die Epheser: "Wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen" (Eph 6,12). Es geht also eher darum, dem Satan die Toilette zu verstopfen -- durch "kleine Handlungen zur Ehre Gottes": "Einem an Arthritis leidenden Fremden die Tür aufhalten; still für jeden Menschen beten, den man in der Bahn oder im Bus sieht; einem Freund ein Foto von einem sakralen Kunstwerk per Mail schicken -- jede dieser kleinen Handlungen, wenn sie für Gott getan wird, wird zu einem Strang in einem Bildteppich des Lobpreises." (Building the Benedict Option, S. 14; Übersetzung von mir.)

Gut und schön, dachte der kleine Anarcho in mir, als er das las; aber was ist mit dem buchstäblichen Toilettenverstopfen? Anders gefragt, wo bleibt da der Punk? -- Nun, Leah Libresco betont zwar, "der Feind, von dem Lewis spricht", sei "kein irdischer Feind", räumt aber gleich darauf ein, dass "Menschen und menschliche Institutionen" sehr wohl im Dienst des Feindes stehen können. 

Wusste ich doch, dass ich hier richtig bin. 

Selbstverständlich - das brauche ich hier wohl kaum im Detail auszuführen - kann man anhand sowohl biblischer als auch lehramtlicher Texte stringent begründen, dass Christen dazu aufgerufen, ja geradezu dazu verpflichtet sind, die staatliche Ordnung und ihre Gesetze zu achten, soweit dies mit ihrem Glauben und Gewissen vereinbar ist. Diese Einschränkung ist indes bedeutsam: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Widerstand gegen die Staatsgewalt kommt bei Christen exakt dann auf die Tagesordnung, wenn die Staatsgewalt sich als dezidiert widergöttlich entpuppt. Ich würde nun - trotz aller bedenklichen Entwicklungen etwa im Bereich des Lebensschutzes, der Bioethik oder der Familienpolitik - nicht unbedingt behaupten, dass dieses Kriterium für den Gang in die Illegalität hierzulande bereits erfüllt wäre; aber es könnte früher oder später dazu kommen, und dann ist es möglicherweise zu spät, "Netzwerke des Widerstands aufzubauen" (BenOp S. 31), wenn wir nicht jetzt schon damit anfangen

In dieser Hinsicht lässt sich von den Hausbesetzern eine Menge lernen. Nur mal ein Beispiel: In den Workshops wurden allerlei "Do-It-Yourself"-Tricks und Kniffe für die Instandsetzung der Haustechnik eines aufgegebenen Wohngebäudes vermittelt, es wurde aber auch offen kommuniziert, dass bei einer Instandbesetzung Arbeiten anfallen können, an die man sich als Laie besser nicht heranwagt (etwa Dichtigkeitsprüfung von Gasleitungen). Wo aber findet man einen Fachmann für sowas, wenn man nicht zufällig persönlich einen kennt? Die Antwort: Es gibt "solidarische Handwerkerkollektive", zu denen man über bestehende autonome Hausprojekte einen Kontakt herstellen kann. Ähnliches gilt für andere Berufsgruppen; beispielsweise gibt es (natürlich) auch solidarische Anwaltskollektive für die unausbleiblichen Scherereien mit der Justiz. All sowas brauchen wir auch, sagt der #BenOpper in mir.

Um es ganz unmissverständlich zu sagen: Wenn ich davon spreche, dass man von der Autonomen-Szene lernen könne, meine ich damit nicht ihre kriminelle Energie und ihren oben skizzierten "sense of entitlement", wohl aber ihre Fähigkeiten in Sachen Selbstorganisation und Netzwerkbildung. Zudem - ich spinne hier einfach mal rum, aber so kennen meine Leser mich ja - könnte ich mir gerade im kirchlichen Kontext, angesichts eines im Zuge der Zusammenlegung von Pfarreien zu größeren Seelsorgeeinheiten vorhersehbaren zunehmenden Leerstands etwa von Pfarr- und Gemeindehäusern - so etwas wie "legale Besetzungen" vorstellen, also per Graswurzelinitiative organisierte, aber von Eigentümerseite gebilligte alternative Nutzungskonzepte für solche frei werdenden Räume (über solche Ideen habe ich ja schon mehrfach geschrieben, z.B. hier und hier). Zwar gehört es zu den Grundeinsichten der Benedikt-Option, dass christliche Graswurzelinitiativen nicht unbedingt auf das Wohlwollen und die Unterstützung des institutionellen Apparats der Kirche rechnen können, aber ich denke, man sollte nicht vorschnell die Hoffnung aufgeben, dass hier und da doch mal "was gehen" könnte. 

Was mir bei den Besetzer-Workshops des vergangenen Wochenendes übrigens ein bisschen fehlte, war das apokalyptische Element -- oder, wenn man so will, das "Prepper-Element": der Aspekt der Vorbereitung auf einen als unausweichlich angenommen Zusammenbruch der Zivilisation. Im Gegenteil sind die Hausbesetzer geradezu Nutznießer ebendieser Zivilisation. Es hat ja durchaus was, über das Know-How zu verfügen, stillgelegte Strom- und Wasserleitungen wieder zu aktivieren; aber das funktioniert eben nur so lange, wie es überhaupt jemanden gibt, der Strom und fließend Wasser zur Verfügung stellt. Das heißt, die Hausbesetzer verhalten sich gegenüber einer Wirtschaftsordnung, die sie auf theoretisch-ideologischer Ebene ablehnen, in praktischer Hinsicht parasitär. Vereinzelt wurden in den Workshops sogar Stimmen laut, die in Frage stellten, ob es eigentlich zumutbar sei, ein Haus zu besetzen, das keinen Internetanschluss habe. (Möglicherweise war das aber nicht ganz ernst gemeint.)

Aber okay: Die urbane Zivilisation determiniert nun mal die Lebensbedingungen derer, die in ihrem Bereich wohnen -- ob denen das gefällt oder nicht. Das kann einem jeder Waschbär bestätigen. (Was mich übrigens daran erinnert, dass ich mir mal wieder den Film "Ab durch die Hecke" ansehen muss. Soweit ich mich erinnere, ist der sehr #benOppig. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.)

Was ich jedenfalls meine: Noch weit mehr als das Thema Hausbesetzung interessieren mich eigentlich solche Graswurzelbewegungen, die einen Aspekt von Selbstversorgung und, pathetisch ausgedrückt, "naturnahem Leben" haben. Auch dieses Interesse wird regelmäßigen Lesern meines Blogs nicht neu sein. Auf Twitter bezeichnete eine kritische Leserin meinen persönlichen #BenOp-Ansatz neulich mal als "Guerilla Gardening for Jesus"; das war erkennbar spöttisch gemeint, aber mir gefällt die Bezeichnung eigentlich recht gut. Auch dazu wird es hier in Zukunft also noch öfter etwas zu lesen geben; ich habe ein paar einschlägige Bücher auf meinem Kaffeetischchen, und nachdem ich bei den Hausbesetzern nicht "enttarnt" worden bin, traue ich mich ja vielleicht demnächst auch mal zu einem linken Gartenbau-Workshop. Es bleibt spannend!



Mittwoch, 27. Februar 2019

St. Willehad: Einen neuen Abbruch wagen

Heute Abend ist in Nordenham Pfarreiratssitzung. Ich weiß das aus dem Protokoll der vorigen Sitzung, die am 7. Januar stattfand. Die Protokolle der Pfarreiratssitzungen werden nämlich auf der Website der Pfarrei St. Willehad veröffentlicht. Obwohl ich das eigentlich schon länger weiß, bin ich auf das Protokoll der Sitzung vom 7.1. allerdings erst mit erheblicher Verspätung, nämlich Anfang Februar, gestoßen. Andernfalls hätte ich wohl schon früher etwas darüber geschrieben. 

Bezüglich der Gemeindebefragung zur Vorbereitung des lokalen Pastoralplans, die, wie berichtet, bis zum 31. Januar lief, gibt es noch nicht besonders viel Neues, und das wird sich wohl auch mit der Sitzung von heute Abend nicht wesentlich ändern: Auf der Website heißt es nämlich, die Auswertung der "über 200 Fragebögen" - was in etwa der Größenordnung entspricht, die ich vorhergesagt hatte, aber ich will mich ja nicht selber loben - werde voraussichtlich "noch vor Ostern" abgeschlossen sein. Das ist ja noch ein bisschen hin. 

Sehr viel dringlicher erscheint ein anderes Thema, das im besagten Sitzungsprotokoll gleichwohl mit einer fast beiläufig wirkenden Nonchalance unter Tagesordnungspunkt 4 abgehandelt wird: Die Pfarrei St. Willehad will sich endgültig von zwei ihrer vier (oder fünf, wenn man die OASE in Tossens mitzählt) Kirchengebäude trennen. Ich zitiere aus dem Protokoll: 
"Der Pfarreirat beschließt einstimmig, die Kirche in Rodenkirchen in der Fastenzeit zu profanieren. Ebenso soll einen Termin für die Profanierung der Kirche in Einswarden bekannt gegeben werden." 
Hörst Du den Aufschrei, Leser? Ich auch nicht. 

Übrigens fällt mir in diesem Zusammenhang natürlich als erstes ein, dass die zu Anfang 2015 erfolgte ("vorläufige") Schließung der Einswarder Herz-Jesu-Kirche und der OASE in Tossens dem damaligen Pfarrer Torsten Jortzick als Überschreitung seiner Kompetenzen angekreidet wurde. "Kein Pfarrer darf eigenmächtig Kirchen schließen - das ist ein Rechtsakt des Bischofs", betonte Offizialatsrat Monsignore Bernd Winter bei einer Pfarrversammlung in St. Willehad im Februar 2016, über die ich ausführlich berichtet habe. Wenn eine Pfarrei der Meinung sei, ein Gotteshaus mittelfristig nicht mehr betreiben zu können, müsse dies der Bistumsleitung im Rahmen eines Pastoralplans (!) unterbreitet werden. Zudem erinnerte Monsignore Winter daran, dass einem Gemeindepfarrer bei seiner Investitur "die besondere Sorge für die Gotteshäuser der Gemeinde" aufgetragen werde. 

Vermutlich waren genau dies die Gründe dafür, dass die Kirchenschließungen unter Jortzick nur "vorläufig" erfolgten. Eine Profanierung kann tatsächlich weder vom Pfarrer noch von den Gremien  einer Pfarrei beschlossen werden, sondern nur vom Bischof. Das "Kirche+Leben Lexikon" verrät: 
"Angeordnet wird eine solche Entwidmung durch ein Dekret des Diözesanbischofs, das im Allgemeinen in einem letzten Gottesdienst verlesen und damit wirksam wird. [...] So muss im Abschiedsgottesdienst – dem (nach Möglichkeit) der Ortsbischof vorstehen sollte - das Allerheiligste aus der Kirche getragen und das Ewige Licht gelöscht werden. Die Reliquien sind aus dem Altar zu entnehmen und alle liturgischen Geräte und Einrichtungsgegenstände (von Altar über Ambo, Tabernakel, Beichtstuhl etc.) müssen aus dem Gebäude entfernt [...] werden. Sie können [...] an einem anderen Ort ihrer Bestimmung gemäß weiter verwendet werden.
Wünschenswert ist, dass mit dem Ende der kirchlichen Gebäudenutzung die Gläubigen in einer Prozession zu ihrer künftigen Pfarrkirche ziehen, um dort willkommen geheißen zu werden." 
Na, das möchte ich ja mal sehen. -- Die letzten Messen sind hier jedenfalls wohl noch nicht gesungen (pun intended); allerdings kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass der Bischof dem Ansinnen der Pfarrei, sich ihrer Standorte in Nordenham-Einswarden und Stadland-Rodenkirchen zu entledigen, einen Strich durch die Rechnung machen wird. Tatsächlich hatte ich schon bei der erwähnten Pfarrversammlung vor drei Jahren den Eindruck, die von Pfarrer Jortzick eigenmächtig geschaffenen Fakten seien den übergeordneten Dienststellen im Ergebnis gar nicht so unrecht gewesen. Dass die OASE inzwischen wiedereröffnet wurde, ist ein Thema für sich, auf das ich weiter unten noch zu sprechen kommen werde. 

Über die Herz-Jesu-Kirche im Nordenhamer "Problemstadtteil" Einswarden habe ich hier in den letzten Wochen ja schon ein paarmal etwas geschrieben, einerseits mit Blick auf die Geschichte dieser Kirchengemeinde, andererseits im Zusammenhang mit der Sozialstruktur des Stadtteils. Der Eindruck, dass der Rückzug der Kirchen aus Einswarden das Seinige zum Niedergang des Stadtteils beigetragen habe, wurde mir von Einheimischen bestätigt. Einen anonymen Kommentar, den ich in diesem Zusammenhang erhielt, gebe ich hier zur besseren Lesbarkeit mit korrigierter Rechtschreibung und Grammatik wieder (ich tippe auf einen Verfasser mit Migrationshintergrund):
"Die Kirche lässt LIEBER ALLES ZERFALLEN -- ODER VERKAUFT ES AN EINEN KONZERN, UM ES DANN VON DENEN KAPUTTMACHEN ZU LASSEN. Anstatt es einem gemeinnützigen Zweck zukommen zu lassen - nutzt man es derzeit als Lagerraum." 
Herz Jesu Einswarden, Foto: privat 
Zwar ist das Kirchengebäude, wie erwähnt, nun schon seit gut vier Jahren ungenutzt, aber bisher konnte man zumindest noch die (wenn auch schwache) Hoffnung haben, dies würde sich in Zukunft noch einmal ändern. Wird die Herz-Jesu-Kirche jedoch profaniert, bedeutet das einen definitiven Schlussstrich.

Über die Geschichte der Kirche St. Josef in Stadland-Rodenkirchen weiß ich buchstäblich nichts, allerdings hat sie vom Baustil her eine gewisse Ähnlichkeit mit Herz Jesu Einswarden, was wohl auf eine ähnliche Entstehungszeit schließen lässt. Anders als in Einswarden wurde hier bis vor kurzem noch Gottesdienst gefeiert, wenn auch lediglich Werktagsmessen -- theoretisch einmal pro Woche (mittwochs), praktisch eher seltener. Letztmals war dies, soweit ich es ermitteln konnte, am 26.12.2018, dem Fest des Hl. Märtyrers Stephanus, der Fall.

St. Josef Rodenkirchen, Foto von Gregor Helms, Quelle und Lizenz hier.
Und seitdem? Nun, das Protokoll der Pfarreiratssitzung weist hinsichtlich der Gottesdienstsituation im Stadlander Gemeindeteil einen Lapsus auf, auf den ich beinahe hereingefallen wäre: "In Rodenkirchen kann der Gottesdienst zukünftig immer am 2. und 4. Mittwoch im Friesenheim stattfinden", heißt es da. Was aber ist dieses "Friesenheim"? Google sagt, es handle sich um ein Restaurant. Immerhin das erste Haus am Platz, wie es scheint. Na toll, dachte ich: In früheren Zeiten haben sich arme katholische Familien in der Diaspora Spenden für den Bau einer Kirche vom Munde abgespart, damit sie die Heilige Messe nicht mehr in Tanzsälen oder Remisen feiern mussten; und heute macht man das eben umgekehrt. Die Pfarrnachrichten ("Willehad aktuell") vom 12. Januar 2018 belehrten mich dann aber doch eines (etwas) Besseren:
"Mit dem Jahrbeginn [sic] 2019 wird die Heilige Messe jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat zur gewohnten Zeit um 15:00 Uhr im Seniorenheim Friesenhof gefeiert." 
Friesenhof, Friesenheim, kann man doch mal verwechseln, nicht wahr?
"Bei einem ersten Versuch im November haben wir mit 17 Christen die Messe im Friesenhof gefeiert, d.h. es kamen 10 Bewohner zusätzlich zur Messfeier. Die neue Gottesdienstordnung ist mit den Gottesdienstbesuchern von St. Josef, Rodenkirchen, abgesprochen. Auch der Kirchenausschuss und Pfarreirat haben diesen neuen Weg befürwortet." 
Ach so, na dann. Wenn ich das richtig verstehe, heißt das, bei einem signifikanten Teil der zu erwartenden Messbesucher (7 von 17 sind immerhin gut 41%) handelt es sich um Bewohner dieses Seniorenheims; möglicherweise können diese (oder einige von ihnen) das Heim nicht oder nur schwer verlassen; also verlegt man die Messe zu ihnen. Nett. Und was wird aus dem Kirchengebäude? Wie das Sitzungsprotokoll verrät, wurde im Pfarreirat "der Verkauf der Immobilie in Rodenkirchen einstimmig beschlossen; die weitere Abwicklung erfolgt über den Kirchenausschuss". 

Nun stellt sich beim Stichwort "Verkaufen" natürlich stets die Frage, wer eigentlich ein ehemaliges Kirchengebäude, das auch wie ein Kirchengebäude aussieht, kaufen wollen sollte. Na gut, vielleicht jemand, der eine abgefahrene Location für eine Gothic-Wave-Disco sucht, aber im beschaulichen Stadland wohl eher nicht. Eine andere naheliegende Variante könnte es sein, dass das Gebäude von einer Gruppe erworben wird, die es weiterhin als Gotteshaus nutzen möchte. So unrealistisch die Vorstellung sein mag: Lachen würde ich ja, wenn die Piusbrüder St. Josef kaufen würden. Oder ehrlich gesagt: Nicht unbedingt ausgerechnet die, sondern eher die Petrusbrüder oder eine andere von Rom anerkannte Gemeinschaft, die die außerordentliche Form des Römischen Ritus pflegt. Vielleicht aber auch, wie im Fall einer ehemals evangelischen Kirche in Berlin-Lichtenberg, in deren unmittelbarer Nachbarschaft ich mal gewohnt habe, die Kopten. Oder Aramäer, Assyrer, Chaldäer, was weiß ich. Jedenfalls Leute, die noch wissen, woran sie glauben, und das entsprechend ernst nehmen. Geschähe der Gemeinde von St. Willehad ganz recht. 

Ich schätze, es wird hinreichend deutlich, dass die ganze Angelegenheit mich einfach sauer macht. Nicht zuletzt ist es mir unverständlich, wie es sein kann, dass der Pfarreirat so etwas einstimmig beschließt. Gibt es keine Pfarreiratsmitglieder aus den betroffenen Gemeindeteilen, oder ist denen einfach alles egal? Haben sie schlichtweg aufgegeben, sich damit abgefunden, dass in der Pfarrei sowieso alles den Bach runter geht? -- Ich bin sicher, es gibt rationale Gründe für die Kirchenschließungen. Unverhältnismäßig hohe Betriebs- bzw. Instandhaltungskosten der Gebäude zum Beispiel. Weißt Du was, Leser? Es interessiert mich nicht. Wer meint, man bräuchte ja keine Kirche am Ort, weil man die Gottesdienste ja auch in einem nicht-sakralen Gebäude feiern könne, bei dem stimmen ganz grundsätzlich die Prioritäten nicht. Und wer sich der traurigen Symbolwirkung der Maßnahme, die Kirche als Reaktion auf die Altersstruktur der Messbesucher gleich ganz ins Seniorenheim zu verlegen, nicht bewusst ist, der glaubt offenbar nicht mehr daran, dass die Kirche noch eine Zukunft hat. 

Natürlich wirft das auch ein Licht auf die oben angesprochene Gemeindebefragung. Man könnte sich fragen: "Wozu das überhaupt, wenn man im Grunde doch sowieso nichts anderes will als möglichst geräuschlos den Niedergang zu verwalten?" Aber okay, man ist nun mal seitens des Bistums dazu verpflichtet, einen lokalen Pastoralplan vorzulegen. Erfrischend ehrlich wäre es ja mal, einen Pastoralplan auszuarbeiten, in dem im Prinzip nichts anderes drinsteht als "Wir fahren hier langsam und kontrolliert die Brennstäbe runter, in 20 bis 30 Jahren sind wir sowieso alle tot oder weggezogen". Möglicherweise könnte die Auswertung der Fragebögen diesen Ansatz sogar unterstützen: Dass sich nur ca. 5 bis 7% der Gemeindemitglieder an der Umfrage beteiligt haben, ist da ja schon mal ein Indiz. Aber ich bin sicher, dass die Auswertung und in der Folge dann auch der lokale Pastoralplan trotzdem von der üblichen Aufbruchs- und Zukunftorientierungs-Rhetorik geprägt sein wird. Weil man das nun mal so macht und die Frage "Wen wollen wir eigentlich verarschen?" zu den zahlreichen Fragen gehört, die niemand zu stellen wagt. 

Immerhin ist auf mittlere Sicht nicht damit zu rechnen, dass Münster oder Vechta beabsichtigen, die Pfarrei St. Willehad ganz abzuwickeln. In dem Fall hätte das Bischöflich Münstersche Offizialat wohl kaum erst kürzlich eine siebenstellige Summe in den Bau eines neuen Pfarrzentrums in Nordenham investiert. Damit nicht genug, hat - wie ebenfalls aus dem Protokoll der Pfarreiratssitzung vom 7.1. hervorgeht - der Kirchensteuerrat gerade erst Grünes Licht für eine umfangreiche Sanierung des "Rat-Schinke-Hauses", des Selbstversorger-Gästehauses im ehemaligen Burhaver Pfarrhaus, gegeben. Dies verrät, ebenso wie die oben bereits kurz angesprochene Wiedereröffnung der Tossenser OASE im Sommer 2016, eine bezeichnende Prioritätensetzung, denn diese beiden Standorte sind in erster Linie der Urlauberseelsorge gewidmet. Und die ist nun mal ein Prestigeprojekt, das sich auch sehr gut in moderne bzw. postmoderne Konzepte einer dienstleistungsorientierten Pastoral einfügt. Dass die klassische Gemeindeseelsorge dabei auf der Strecke bleibt, entspricht durchaus gesamtkirchlichen Trends.

Übrigens, da ich in meiner Kindheit und Jugend die Anfänge der Urlauberseelsorge in Butjadingen quasi aus nächster Nähe miterlebt habe, wäre das durchaus auch mal ein Thema für einen eigenständigen Blogartikel. Oder gegebenenfalls mehrere. Schauen wir mal...



Samstag, 23. Februar 2019

Ach, wir Armen

In dem Pastoralverbund, zu dem meine Wohnortpfarrei gehört, ist seit knapp eineinhalb Jahren ein Priester aus Nigeria als Pfarrvikar tätig. Ich mag ihn sehr, und zu den Eigenschaften, die ich an ihm besonders schätze, gehört es, dass er von den Geistlichen dieses Pastoralverbunds den ausgeprägtesten Sinn für feierliche Liturgien hat. Nun war ja gestern das Fest Kathedra Petri; in der Kirche, die wenige Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt liegt, war wie jeden Freitag um 18 Uhr Abendmesse, und diese wurde von dem besagten Pfarrvikar zelebriert. Nicht ganz gleichzeitig, aber doch zeitlich nah genug dran, dass diese Termine miteinander kollidierten, hatte der leitende Pfarrer an einem anderen Standort des Verbunds ein Lektorentreffen angesetzt. Da hätte ich theoretisch hin "gemusst", entschied aber, dass ich lieber in die Abendmesse gehen wollte. Als ich bereits auf dem Weg war, kam mir plötzlich in den Sinn: Moment mal. Wenn alle (anderen) Lektoren zu diesem Treffen gehen, wer übernimmt denn dann den Lektorendienst in dieser Messe? Daraufhin ging ich einen Schritt schneller. 

Ich traf den Vikar in der Sakristei an, und tatsächlich hatte er sich bereits darauf eingestellt, alles alleine machen zu müssen. Ohne Küster, ohne Ministranten, ohne alles. Und das an einem doch recht bedeutenden kirchlichen Fest. Zudem war, wie jeden Freitag vor der Abendmesse in dieser Kirche, auch noch Eucharistische Anbetung, die er folglich noch feierlich mit dem Eucharistischen Segen abschließen "musste", ehe die Messe beginnen konnte. Er hatte sich allerdings bereits zu helfen gewusst. Eine Freundin von mir und meiner Liebsten, die eigentlich gar nicht zu dieser Gemeinde gehört, aber am Nachmittag bei uns zu Besuch gewesen war, war im Anschluss an diesen Besuch zur Anbetung in die Kirche gegangen, und da der Vikar sie vom Sehen kennt und weiß, dass sie singen kann, hatte er sie kurz entschlossen in die Sakristei beordert, um sie mit dem Anstimmen der Lieder  zu beauftragen und die Liedauswahl mit ihr durchzusprechen. Ebenso kurz entschlossen übernahm ich die Lesung, die Fürbitten und einige weitere kleine Hilfeleistungen, und quasi in letzter Minute tauchte dann doch noch ein Ministrant auf.  

Symbolbild, Quelle hier.
So wurde die Messe dann doch noch schön und feierlich, allerdings nahm nur eine sehr überschaubare Zahl von Gemeindemitgliedern daran teil. -- Warum erzähle ich das alles? Nun ja, unser Pfarrvikar war den ganzen Januar in Nigeria gewesen, wo er ein Projekt zum Aufbau einer Schule betreibt, für das er in Deutschland Spenden sammelt (was von den aktiven Mitgliedern unserer Gemeinde durch verschiedene Aktionen unterstützt wird -- dazu bei Gelegenheit mehr). Als er vor knapp zwei Wochen seine erste Sonntagsmesse des laufenden Jahres in unserer Kirche zelebrierte, erzählte er einiges über diesen "Heimaturlaub"; unter anderem auch, dass es in der Pfarrei seines Heimatortes, die er fünf Jahre lang geleitet hat - eine "kleine Gemeinde", wie er sagte - neunundsiebzig Ministranten gibt. Alles Jungs. Eine Mädchengruppe gibt es obendrein, aber die ministriert nicht, sondern gestaltet Prozessionen zur Gabenbereitung, mit Gesang und Tanz. (Ich möchte an dieser Stelle bitte keine Diskussion über liturgischen Tanz vom Zaun brechen. Danke.) Daran musste ich denken, als ich am Ende dieser Messe eine Türkollekte für das besagte Schulprojekt in Nigeria einsammelte. Dieser Messe zum Fest Kathedra Petri, die er vor einer Handvoll Leutchen zelebriert und dazu mit Müh und Not ein paar Helfer zusammengetrommelt hatte, die spontan und improvisiert Küster-, Kantoren-, Lektoren- und Ministratendienst übernehmen konnten. 

In Nigeria hat die Kirche zwar erheblich weniger Geld als hierzulande, dachte ich unwillkürlich -- aber die eigentliche "arme Kirche", das sind wir



Donnerstag, 21. Februar 2019

Hinterm Horizont geht die Playlist weiter

Ich muss mal ein Geständnis ablegen: Obwohl ich mir selbst im Allgemeinen einen ziemlich breit gefächerten Musikgeschmack zu attestieren pflege – und zudem, geschult durch eine mehrjähige Tätigkeit als DJ in einer Retro-Bar, eine ziemlich solide Kenntnis der Rock- und Popgeschichte (zumindest bis etwa Mitte der 90er, ab da lässt es rapide nach) –, habe ich den Musik-Ordner meines aktuellen Mobilgeräts nahezu ausschließlich mir Lobpreis-Mucke gefüllt. Handverlesene Highlights der "Feiert Jesus!"-Reihe; ein paar Alben von Bethel Music, aus dem Gebetshaus Augsburg bzw. von "Johannes Hartl & Friends"; das Album "Mit einem anderen Blick" von Mire Buthmann; und sowas halt. In Verbindung mit einer handlichen Bluetooth-Box benutze ich mein Mobilgerät durchaus auch zu Hause gern zum Musikhören; und wenn ich da die Lobpreis-Playlist laufen lasse und, je nach Textkenntnis, teils mehr, teils weniger engagiert mitsinge, betrachte ich das, etwas pathetisch ausgedrückt, durchaus auch als Annäherung an die Erfüllung der paulinischen Forderung "Betet ohne Unterlass!" (1. Thessalonicher 5,17). Davon abgesehen bekomme ich davon einfach gute Laune, sogar bei der Küchenarbeit. Meiner kleinen Tochter gefällt die Musik auch, und es ist ausgesprochen reizend anzuschauen, wie sie dabei ihre Hände zum Himmel erhebt

Zumeist stelle ich meine Musik-App auf "Zufallsmix: Alle Titel" ein, und dabei ist mir mehrfach eine Nummer aufgefallen, die ein bisschen (aber nicht sehr) aus dem Rahmen fiel. Locker-flockiger Jazz-Pop, mit funkigem Bass, perlenden Keyboard-Läufen, Synthi-Bläsern und allem pipapo, größtenteils instrumental, und auch in dem Wenigen, was die Nummer an Gesang zu bieten hat, war kaum verständlicher Text auszumachen. Trotz dieser etwas untypischen Charakteristika dauerte es bemerkenswert lange, bis ich dahinter kam, dass dieses Stück... auf einer Lobpreis-Playlist eigentlich gar nichts zu suchen hat




Tatsächlich handelt es sich dabei nämlich um... die 2016er-Version der Samsung-Galaxy-Erkennungsmelodie "Over the Horizon"! Was auch erklärt, wieso ich keine Ahnung hatte, wie der Song in meinen Musik-Ordner geraten ist, der war da nämlich schon von den Werkseinstellungen her drin.

Auskenner werden dieser Information jetzt übrigens entnehmen können, was für ein Handy-Modell ich habe, aber das stört mich relativ wenig. Viel bemerkenswerter finde ich den Umstand, dass dieser Song sich so verhältnismäßig problemlos in die Lobpreis-Playlist einfügt. So sehr, dass mich anfangs nicht einmal der sehr, äh, minimalistische Songtext

Over the Horizon 
Inspire 
Create the Future 
Inspire 

ins Grübeln brachte. (Was letztlich natürlich auch etwas über die lyrischen Qualitäten mancher englischsprachiger Lobpreis-Songs aussagt, aber das nur am Rande.) Immerhin kann man darin aber wohl ein Indiz dafür sehen, wie weit das Lobpreis-Genre es in den letzten Jahren gebracht hat. Meine ersten Begegnungen mit dieser Musikrichtung datieren aus den frühen 90ern, und damals, in meiner "ersten Fundi-Phase", wie ich rückblickend gern sage, hörte ich sowas natürlich aus Prinzip. Und da mein Musikgeschmack damals noch nicht besonders entwickelt war, fand ich's schon auch irgendwie gut. Trotzdem wäre ich damals nie auf die Idee gekommen, solche Musik mit zeitgenössischem säkularen Pop zu verwechseln. Schon von der Soundqualität her lagen da Welten dazwischen. So gesehen ist es vielleicht nicht ganz zufällig, dass die Auswahl aus der "Feiert Jesus!"-Reihe, die ich mir aufs Handy geladen habe, erst mit Vol. 10 (erschienen 2004) anfängt... 

Übrigens, um die Verwirrung komplett zu machen, gibt es durchaus auch einen Song namens "Over the Horizon" von der Christian-Rock-Band Petra. Der klingt nun allerdings wirklich ganz anders... 




Hose runter, Lattenmessen!


Sagt der Name Björn Odendahl hier jemandem etwas? Ohne googeln? Na, muss ja nicht. Björn Odendahl schreibt für das umstrittene Online-Portal der Firma APG (was in diesem Fall nicht für "Apostelgeschichte" steht, und auch nicht für "Austrian Power Grid", "Arbeitsgemeinschaft zur Preußischen Geschichte" oder "Alkylpolyglycoside", sondern für "Allgemeine gemeinnützige Programmgesellschaft mbH") mit Sitz in Bonn, und vor ein paar Jahren hat er dieses Portal international in die Schlagzeilen gebracht, indem er in einem Meinungsartikel erklärte, die Kirche sei in Afrika ja nur deshalb so erfolgreich, weil die Neg Eingeborenen so arm und ungebildet seien. Dass Odendahl inzwischen zum "Chef vom Dienst" des betreffenden Portals avanciert ist, hat damit aber vermutlich nichts zu tun. Egal, kommen wir zur Sache: Mit Datum von heute ist auf dem Portal wieder einmal einer von Odendahls berüchtigten Meinungsbeiträgen erschienen, mit dem Titel "Der 'heilige Rest' ist laut, aber nicht mächtig". Darin heißt es unter anderem:
"Einschlägige 'katholische' Nachrichtenportale vermischen dabei Nachrichten mit Meinungen – inklusive Verunglimpfung von Einzelpersonen oder gesellschaftlichen Gruppen. Es werden Stellungnahmen und Kampfschriften der ewig gleichen Kirchenvertreter publiziert[.]" 
Klingt nach einer recht präzisen Beschreibung der Webpräsenz, für die Odendahl arbeitet, oder? Die meint er aber gar nicht. Sondern vielmehr eine "kleine Gruppe" von "Reformgegnern und Franziskus-Kritikern", die sich – "auch im 21. Jahrhundert noch" (!) – dem "Dialog komplett verschließen; für die die Gleichstellung von Mann und Frau ebenso verunsichernd ist wie angedachte Reformen kirchlicher Hierarchien und Machtverhältnisse"; und die auf nicht näher erläuterte Weise irgendwie mit Priestern verbandelt sind, "die die 'Alte Messe' feiern". Und trotz ihrer Rückständigkeit, ja Mittelalterlichkeit schafft diese kleine Schar es "durch die Digitalisierung, die Sozialen Netzwerke und kirchliche Filterblasen", den Eindruck zu erwecken, "weitaus größer und mächtiger zu sein, als sie es wirklich ist". 



Das ist freilich schlimm, und darum ist es so wichtig, dass aus öffentlicher Hand finanzierte Qualitätsmedien die Diskurshoheit zurückerobern. Kommt uns bekannt vor, oder? – Im Ernst: Natürlich bin ich in dieser Angelegenheit kein unbeteiligter oder neutraler Beobachter, aber ich stelle mir vor, dass ein solcher sich an dieser Stelle fragen müsste: Wenn "diese Blogs... oder wie das heißt (ich lese sowas ja gar nicht)" derart unbedeutend sind, wieso hält Odendahl es dann für nötig, über sie zu schreiben? Das Ganze erinnert frappierend an einen Vorgang vor ein paar Jahren, als der damalige CvD des Portals, Steffen Zimmermann, sich auf Twitter über "Männchen ohne publizistische Relevanz" mokierte – übrigens ebenfalls im Zusammenhang mit Reaktionen auf einen Beitrag von Odendahl, aber nicht den mit den Neg Afrikanern. Ich habe schon damals etwas darüber gebloggt, und da das meiste von dem, was ich seinerzeit geschrieben habe, immer noch stimmt und mir der Anlass auch einfach nicht wichtig genug ist, um mir einen ganz neuen Artikel aus den Rippen zu schwitzen, zitiere ich mich einfach mal selber. Auszugsweise. Das dürfte insbesondere diejenigen Leser freuen, die sowieso der Meinung sind, ich sollte zu jedem meiner Artikel gleich eine Kurzfassung mitliefern. Wohlan denn:
  • Ist es nicht ein bisschen, ein ganzganz kleines bisschen paradox, wenn der CvD eines Online-Portals mit Millionen-Etat sich über Äußerungen von Personen mokiert, denen er im selben Atemzug die Relevanz abspricht? Räumt er ihnen nicht schon dadurch Relevanz ein, dass er ihre Äußerungen nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sogar kommentiert? 
  • Außerhalb dunkelkatholischer Zirkel, also z.B. seitens der säkularen Medien, wird etwas, das auf katholisch.de steht, vermutlich eher als seriös und zitierfähig eingestuft als etwas, das auf irgendwelchen Blogs steht. Dann bliebe aber zu fragen: Wenn publizistische Relevanz nur eine Frage des Status ist, warum hat katholisch.de diese Stichelei gegen andere katholische Seiten im Internet dann nötig? Die wären dann doch von vornherein keine Konkurrenz! 
  • Als offizielles Online-Portal der Katholischen Kirche in Deutschland betrachtet katholisch.de es als seine Aufgabe, das Erscheinungsbild der Katholischen Kirche im deutschsprachigen Internet zu definieren und zu kontrollieren; und das Bild, das sie dabei abgeben möchten, ist das eines undogmatischen, weltoffenen, politisch korrekten, locker-flockigen Wellness-Katholizismus. Dumm nur, dass Leute, die eine andere Auffassung vom katholischen Glauben haben, ebenfalls über Möglichkeiten verfügen, Beiträge im Internet zu publizieren. Deshalb sind insbesondere Blogs so lästig und gehören bekämpft. 
  • Alles in allem ist es aus Bloggersicht relativ leicht, [solche] Einlassungen [...] als "Pfeifen im Walde" zu durchschauen. Man könnte es ja geradezu amüsant finden, wie sehr die Medienprofis in Bonn ihren Status durch unbezahlte Amateure bedroht sehen. Ja, die haben offenbar richtig Schiss vor uns. 
  • Aber ärgerlich ist es dennoch, was dabei herauskommt. Nicht so sehr für die bloggende Community, sondern für die Außendarstellung des deutschen Katholizismus insgesamt. […] Dass Katholiken, die sich auch da für den Glauben ihrer Kirche einsetzen, wo er dem modernen Menschen Schwierigkeiten bereitet (und wo täte er das nicht?), in den Redaktionen kirchlicher Internetauftritte fast ausschließlich als Störenfriede betrachtet werden, müsste eigentlich zu denken geben.
Nur in einem Punkt habe ich mich damals – vor ziemlich genau drei Jahren – getäuscht, oder genauer gesagt, ich war zu optimistisch. Nämlich in meiner Einschätzung, führende Mitarbeiter des umstrittenen Portals dürften sich nur deshalb so ungeniert gebärden, weil "unsere Bischöfe die Bedeutung des Internets als Medium der Neuevangelisation bis heute nicht richtig erkannt haben": "Andernfalls würde man [...] vielleicht doch mal etwas genauer hinschauen, ob die Arbeit, die dort geleistet wird, dem Verkündigungsauftrag der Kirche gerecht wird." Okay, soweit es unsere Bischöfe betrifft, mag an dieser Einschätzung doch was dran sein, aber was ich heute nicht mehr glaube, ist, dass die inhaltliche Ausrichtung des Portals dadurch zustande kommt, dass der Redaktion zu wenig auf die Finger geschaut wird. Vielmehr zeigt sich in den letzten Monaten immer deutlicher, dass die Redaktionslinie des Portals im Dienst einer "Reform"-Agenda steht, die in interessierten Kreisen zwar schon seit Jahrzehnten auf kleiner Flamme vor sich hinköchelt, nun aber, mit dem Rückenwind des Missbrauchsskandals, im Eiltempo durchgedrückt werden soll. Unter diesem Aspekt mag man der Auffassung sein, als gläubiger Katholik katholisch.de zu lesen sei aus demselben Grund sinnvoll, wie es zu DDR-Zeiten sinnvoll war, das Neue Deutschland zu lesen -- nämlich um über den aktuellen Stand der offiziellen Parteilinie auf dem Laufenden zu bleiben. 

Ich jedenfalls liebäugle mit dem Gedanken, das umstrittene Portal aus Bonn nur noch "die Propagandapostille der Kryptoschismatiker" zu nennen. Eine Bezeichnung, die mir nicht trotz, sondern wegen ihrer Sperrigkeit ausgesprochen gut gefällt.




Mittwoch, 20. Februar 2019

Mit mancherlei Beschwerden: Katholisch in Butjadingen 1946-63

...und was das mit der #BenOp zu tun hat 

Ich hatte ja bereits angekündigt, dass ich zu dem Buch "Wider das Vergessen!", das mir ein Leser zugeschickt hat - einer Chronik über die katholischen Kirchengemeinden in Nordenham-Einswarden und in Butjadingen - noch allerlei zu schreiben haben würde; und das nicht nur aus historischem, "heimatkundlichem" und irgendwo auch autobiographischem Interesse, sondern ganz wesentlich auch deshalb, weil das Thema "Gemeindegründungen durch Heimatvertriebene nach dem II. Weltkrieg" mir in Hinblick auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen christlichen Lebens in einer zunehmend glaubensfeindlichen Umwelt faszinierende Impulse zu versprechen scheint. Ich war entzückt, bereits im Vorwort des Buches auf einen Absatz zu stoßen, der genau diesen Aspekt hervorhebt: 
"Besonders aber möchten wir darstellen, wie gläubige Menschen unter schwierigsten Bedingungen ihr 'Kirche sein' lebten und feierten. Wir finden es bewundernswert, wie Christen damals ihren Glauben lebendig gestalteten und davon Zeugnis gaben. Dies gilt in besonderer Weise für die Flüchtlinge und Vertriebenen, die hier oft nur mit dem, was sie auf dem Leibe trugen, ankamen und nun fern ihrer Heimat und vieler sozialer Beziehungen in einer fremden Umwelt sich heimisch machen mussten. Es scheint uns, dass wir von solchen Vorbildern für unsere Zeit Anfang des 3. Jahrtausends viel lernen können. Ihr Mut und ihre Glaubensfestigkeit wären heute dringend notwendig, wenn wir weiterhin vom 'christlichen Abendland' sprechen wollen." (S. 6f.) 
Sicherheitshalber sei angemerkt, dass dieser Text von 2010 stammt und dass der Begriff des "christlichen Abendlandes" damals noch nicht im selben Maße wie heute politisch-ideologisch aufgeladen und umkämpft war. Aber nun mal direkt rein in die Historie: Am 22. Juni 1946 kam in dem Küstendorf Burhave, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, ein Zug mit Vertriebenen aus Schlesien an; der Großteil der Ankömmlinge stammte aus dem Städtchen Bielau bei Neisse in Oberschlesien, und sie hatten ihren Pfarrer bei sich. "Auf die Frage eines Eisenbahners: 'Leute, was wollt ihr hier? Hier ist doch die Welt zu Ende.' erklärten sie, solange mitzufahren, solange der Pfarrer fährt", heißt es in der Chronik (S. 50). Der Pfarrer, Augustin Schinke, der den Titel eines Geistlichen Rats trug, berichtete später,
"dass er auf dem Bahnsteig einen Herrn stehen sah, der ihn zu sich winkte, sich als 'Märtens' vorstellte und sagte: 'Das ist schön, dass Sie mitgekommen sind.' Rat Schinke hatte den Eindruck, dass er hier direkt erwartet worden wäre. Das Ehepaar Märtens war das einzige katholische Ehepaar in Burhave. Sie waren vor dem Krieg aus Berlin nach Burhave geflohen, da dort der Cousin von Herrn Märtens wohnte." (ebd.) 
Man muss sich das mal vorstellen: Da lebt man als einziges katholisches Ehepaar in einem Dorf "am Ende der Welt", und eines Tages steigt eine ganze katholische Gemeinde einschließlich Pfarrer aus dem Zug... Unter den rund 60 Gemeindemitgliedern, die bis zum letzten Haltebahnhof des Vertriebenenzuges bei ihrem Pfarrer ausgeharrt hatten, waren übrigens meine Oma mit meinem damals drei Jahre alten Vater, ihre ältere Schwester und deren Mann mit drei Söhnen, mindestens eine Cousine meiner Oma und noch mehrere Frauen, die ich als Kind mit "Tante" ansprach, allerdings bis heute nicht genau weiß, ob und wenn ja wie genau sie mit mir verwandt waren. Das nur mal als Hinweis darauf, wie nah diese Geschichte an mir persönlich dran ist.

Die Ankömmlinge wurden zunächst im großen Saal des Hotels "Zum Eisernen Kanzler" untergebracht, wo sie auf Strohlagern schliefen; "die Verpflegung lieferte eine Volksküche und als Badewanne stand die Nordsee zur Verfügung" (S. 51). Der Pfarrer von St. Willehad in Nordenham, Johannes Hillen, suchte den Rat Schinke auf und "bat seinen Mitbruder, in Burhave zu bleiben und dort die Seelsorge zu übernehmen" (ebd.); einige Monate zuvor war mit einer anderen Gruppe von Vertriebenen bereits ein Franziskanerpater "aus Carlowitz bei Breslau" in Burhave angekommen, hatte den kleinen Ort aber "bald wieder verlassen" (S. 50).

Rat Schinke meldete sich daraufhin schriftlich beim Bischöflich Münsterschen Offizialat und stellte sich "zur Arbeit gerne zur Verfügung. Er fühle sich körperlich und geistig frisch, wenn er auch wegen seines Alters nicht als 'Streckenläufer' in Frage käme" (S. 51). Der Geistliche war zu diesem Zeitpunkt bereits 66 Jahre alt, er war seit 1920 Pfarrer in Bielau gewesen und hatte wahrscheinlich schon meine in jenem Jahr dort geborene Oma getauft. "Mit Schreiben vom 1. Juli 1946" ernannte das Offizialat in Vechta Rat Schinke zum Hilfsgeistlichen der Nordenhamer Pfarrei und betraute ihn "insbesondere mit der Seelsorge von Burhave und Umgebung" (ebd.).

Währenddessen verhandelte Pfarrer Hillen mit der britischen Militärverwaltung in Brake (Unterweser) über die Einrichtung einer Niederlassung der Kongregation der Schwestern von der heiligen Elisabeth in Burhave; am 30. Juli bezogen drei Ordensschwestern (von denen ich eine, Schwester Xaveria, in meiner Kindheit noch kennengelernt habe) drei Zimmer in einem größeren Privathaus, ein weiterer Raum des Hauses wurde ihnen für eine Kapelle zur Verfügung gestellt. Da sie fürchteten, der Kapellenraum könne ihnen wieder weggenommen werden, um dort weitere Vertriebene einzuquartieren, stellten sie einen Tisch als provisorischen Altar hinein; "[e]in amerikanischer Dominikanerpater schenkte ihnen die notwendigsten Geräte zur Einrichtung ihrer Kapelle" (S. 52). Mit einem Schreiben vom vom 15. August 1946 errichtete das Bischöflich Münstersche Offizialat diesen Raum offiziell "als halböffentliche Kapelle unter dem Titel 'S. Cor B.M. Virginis'":
"Demnach können von jetzt an der Gottesdienst und die kirchlichen Funktionen gemäß CIC can 1193 stattfinden.
Da die Kapelle gleichzeitig den Schwestern als Hauskapelle dienen soll, gestatten wir auch, dass dort das Allerheiligste aufbewahrt wird. Für die Aufbewahrung des Allerheiligsten sind die Vorschriften der Instruktion der Sakramentenkongregation vom 26.5.1938 (vgl. Kirchl. Amtsblatt 1939 Art. 64) zu beachten.
Ew. Hochwürden erhalten hiermit die Erlaubnis, der Kapelle den im Rituale Romanum (Titul. VIII. Cap. 27) für Kirchen und öffentlichen Kapellen vorgesehenen Weihesegen zu geben.

Der Kapellenraum darf gemäß CIC can. 1192 § 3 und can. 1196 § 2 nicht mehr zu profanen Zwecken gebraucht werden.
Wir gestatten, dass am Tage der Einweihung eine Missa votiva solemnis von der Mutter Gottes zelebriert wird, soweit die Rubriken es gestatten." (S. 52f.) 

Am 22. August 1946, dem Fest vom Unbefleckten Herzen Mariens, um 8 Uhr morgens wurde die Kapelle durch den Geistlichen Rat Schinke mit einem Hochamt eingeweiht. "Von diesem Tag an war jeden Tag Frühmesse" (S. 53). Der evangelische Pastor Kiausch erlaubte der katholischen Gemeinde, in "seiner" Kirche Sonntagsmessen zu feiern. "Die Messdiener hatten keine eigenen Gewänder und liehen sich, damit sie nicht barfuß dienen mussten, von ihren Müttern Schuhe" (ebd.).

Goldenes Priesterjubiläum des Geistl. Rates Augustin Schinke in Burhave, 1953. 
In Stollhamm, gut 7 Kilometer weiter landeinwärts, wurde mit Wirkung zum 1. April 1947 Pfarrer Otto Scholz zum Hilfsgeistlichen für die seelsorgerliche Betreuung der dortigen Katholiken ernannt. Er war ab 1943 Pfarrer in Markt Bohrau (Niederschlesien) gewesen und hatte sich für die Stelle in Stollhamm freiwillig gemeldet, nachdem er erfahren hatte, dass ein beträchtlicher Teil seiner früheren Gemeinde dorthin umgesiedelt worden war. Die Chronik hebt hervor, dass der 1908 geborene Pfarrer Scholz "[s]chon als junger Kaplan" mehrfach ins Visier der Gestapo geraten und vor Gericht gestellt worden war; nach Kriegsende war er dann "von der polnischen Miliz verhaftet und schwer misshandelt" worden (S. 79f.).

In Stollhamm waren schon seit Anfang 1945 mehere Gruppen von "Bombenflüchtlinge[n]" eingetroffen, von denen "fast alle katholisch waren" (S. 79); im Frühjahr und Sommer 1946 kamen dann in größerer Zahl Vertriebene aus Schlesien hinzu. Bis zur Beauftragung von Pfarrer Scholz wurden sie "von Pfarrer Hillen aus Nordenham und anderen Priestern aus Brake betreut"; bereits am 7. Oktober 1946 wurde in einem "ehemaligen HJ-Heim" eine "einklassige katholische Volksschule eröffnet" (ebd.). Zum 1. Januar 1948 wurde die Seelsorgestelle Stollhamm zum Pfarrrektorat erhoben, die katholische Gemeinde hatte zu diesem Zeitpunkt rund 1.500 Mitglieder. Am 11. Juni desselben Jahres "kam der Bischof von Münster, Dr. Michael Keller, nach Stollhamm und spendete etwa 60 Kindern das Sakrament der Firmung" (S. 80).

Blicken wir an dieser Stelle noch etwas weiter in die Geschichte zurück: Noch im Jahr 1860 "zählte das Butjadinger Land" - wozu auch das heutige Stadtgebiet von Nordenham gerechnet wurde - "unter 13600 Einwohnern 18 Katholiken" (S. 11). Die einsetzende Industrialisierung führte dann zu einem Zuzug von Arbeitskräften aus katholischen Gegenden, zunächst allerdings in eher bescheidenem Ausmaß: Bis zum Jahr 1895 war die Zahl der Katholiken "auf 114 angewachsen. Bei der Volkszählung von 1910 waren von 22318 Einwohnern schon 903 Katholiken" (ebd.) -- und die siedelten sich schwerpunktmäßig dort an, wo es Industriebetriebe gab, also in Nordenham und in Einswarden, damals ein Ortsteil der Gemeinde Blexen, die 1933 nach Nordenham eingemeindet wurde. Im Jahr 1909 wurde die St.-Willehad-Kirche in Nordenham geweiht, sicherlich nicht zufällig in der Nähe der "Kabelkolonie", einer Arbeitersiedlung für Beschäftigte der Norddeutschen Seekabelwerke; in Einswarden, wo ganze 394 der in der Volkszählung von 1910 registrierten 903 Katholiken wohnhaft waren, gab es ab 1911 eine katholische Schule. Eine eigene Kirche (mit dem Patrozinium Herz Jesu) erhielten die Einswarder Katholiken 1928; sie wurde zunächst von einem Kaplan der Nordenhamer Pfarrei St. Willehad betreut. 1940 wurde Herz Jesu Einswarden zum Pfarrrektorat erhoben, blieb aber St. Willehad unterstellt. "Mit dem totalen Zusammenbruch Deutschlands", so heißt es in der Chronik, begann auch "für die kleine Gemeinde in Einswarden eine neue Epoche" (S. 19). Aus dem "Verkündbuch" für das Jahr 1945 wird zitiert:
"Am 5. Mai trat die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Nordwestdeutschland im Kraft; Gefahr vorüber; am 6. Mai (Sonntag) rückten kanadische Truppen hier ein. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben; deshalb fiel das Hochamt und die Andacht wegen Nichtbeteiligung aus." (ebd.) 
Durch die Ansiedlung katholischer Heimatvertriebener wurde "[a]us der kleinen Einswarder Gemeinde war so ein riesiger Seelsorgebezirk"; am 7. September 1945 fand in der Kirche Herz Jesu Einswarden "zum ersten Mal  eine Firmung statt" (ebd.). Im Dezember wurde Wilhelm Witten neuer Pfarrrektor. "Unter ihm blühte das religiöse Leben auf, denn die Vertriebenen brachten aus ihrer Heimat religiöse Bräuche und Lieder mit. Die Teilnahme an den Gottesdiensten und Mitarbeit in verschiedenen Gruppen und Kreisen war für viele eine Selbstverständlichkeit." (S. 19f.) Zuvor habe es in Einswarden "noch kein richtiges Gemeindeleben" gegeben, heißt es in der Chronik. Das änderte sich nun "schlagartig". 1948 fand in Einswarden erstmals eine Fronleichnamsprozession statt; der Pfarrsaal der Gemeinde war Ende der 1940er-Jahre "voll ausgelastet": 
"Montag: Jugendgruppe (10-14), abends Gesangverein
Dienstag: Schulentlassungsunterricht, Nähstube und abends Jugendgruppe der Mädchen
Mittwoch: Caritasausschuss, Versammlung der Männer
Donnerstag: Religionsunterricht
Freitag: Schulentlassungsunterricht, Nähstube und abends Jugendgruppe der Jungmänner
Samstag und Sonntag: Aufenthalt und Arbeitsraum für alle." (S. 21) 

1952 "konnte die Kirchengemeinde Einswarden eine ehemalige HJ-Baracke für DM 15 pro Monat für die Jugendarbeit mieten" (S. 22).

Da ich in einem früheren Artikel über das soziale Gefälle zwischen den Gemeinden von St. Willehad Nordenham und Herz Jesu Einswarden spekuliert habe, erscheint es mir besonders hervorhebenswert, dass die Chronik am Rande erwähnt, bereits 1947 habe es unter den Einswarder Katholiken Unmut darüber gegeben, dass ihr Gemeindestandort gegenüber St. Willehad "benachteiligt" werde -- insbesondere in Hinblick auf die "Verteilung der Patenschaften [...] von Südoldenburgischen Gemeinden auf die Nordoldenburgische Diaspora". "Außerdem gab es - im Gegensatz zu Nordenham - keine Haus und Grundstückseigentümer, die finanziell die Gemeinde unterstützen konnten" (S. 21f.).

Ehe der Geistliche Rat Schinke für Burhave und Pfarrer Scholz für Stollhamm zu Hilfsgeistlichen und dann zu Pfarrrektoren ernannt wurden, war der Einswarder Pfarrrektor Witten gemeinsam mit Pfarrer Hillen von St. Willehad auch für die gottesdienstliche Betreuung der Katholiken in den verschiedenen Dörfern Butjadingens zuständig. In dieser Zeit wurde beim Offizialat in Vechta erwogen, "an den verschiedenen Orten Butjadingens Baracken für die gottesdienstliche Benutzung aufzustellen, damit die Flüchtlinge eine kirchliche Heimat hätten" (S. 20). Als sich in den 50er-Jahren aber allmählich die Einsicht durchsetzte, dass die Vertriebenen nicht so bald (wenn überhaupt je) in ihre Heimat würden zurückkehren können, wurden dauerhaftere Lösungen angestrebt. 

So wurde in Stollhamm bereits im Herbst 1951 ein Grundstück für die Errichtung eines katholischen Gotteshauses erworben. In einem früheren Artikel habe ich geschrieben, die 2014 profanierte Christ-König-Kirche in Stollhamm sei "ein ehemaliger Pferdestall, wenn ich richtig informiert bin"; die Chronik weiß es jedoch besser bzw. genauer: Tatsächlich gab es beim Erwerb des betreffenden Grundstücks zunächst "die Absicht, aus dem anhängenden Stallgebäude eine Kapelle zu bauen", allerdings erwies sich das Gebäude als "zu baufällig und damit ungeeignet", weshalb an seiner Stelle ein Neubau errichtet werden musste (S. 81). "Der erste Spatenstich erfolgte am 25. September [1952], die Grundsteinlegung am 19. Oktober" (ebd.); der Text der Urkunde zur Grundsteinlegung wird in der Chronik vollständig wiedergegeben, ich möchte mich hier hingegen auf einige Auszüge konzentrieren:
"Am 19. Oktober, dem Festtag des hl. Petrus Alcantara, im 13. Jahre des Pontificates unseres glorreich regierenden Hl. Vaters Papst Pius XII., unter dem Diözesanbischof Dr. Michael Keller von Münster [...], wurde den Fundamenten dieser zur Ehre Gottes geplanten Katholischen Kirche in Stollhamm unter den Gebeten der Kirche feierlich der Grundstein eingefügt. 
Christus dem König
soll das neue Gotteshaus geweiht werden.
[…]
Möge die neue Christ-König-Kirche in Stollhamm in dieser Zeit fortschreitender Entchristianisierung des öffentlichen und privaten Lebens die Katholiken immer wieder zu Christus dem Könige rufen und in Seinem Dienste dazu führen, das eigene Leben in Familie und Ehe, in der Welt des Berufes und im öffentlichen Leben in Seinem Geiste und nach Seinem Willen zu gestalten.
'Ihm, der uns lieb hat und uns in Seinem Blute gewaschen und zu Seinem Königtum gemacht hat und zu Priestern für Gott Seinen Vater: Ihm gebührt die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit." (S. 81ff.) 
Interessant ist nicht zuletzt auch, was die Grundsteinlegungs-Urkunde über die Finanzierung dieses Kirchenbauprojekts verrät:
"Mit Gottes Hilfe konnte, dank der verständnisvollen Förderung durch das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta, durch die tatkräftige Hilfe des Bonifatiusvereins in Paderborn und Münster, durch das opferbereite Helfen der kath. Gemeinden im Münsterland und Südoldenburg und durch die Opfer der Heimatvertriebenen selbst, das fromme Werk des Kirchbaues begonnen werden." 
Und durch die Opfer der Heimatvertriebenen selbst. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen. Wir sprechen hier von Menschen, die durch Krieg und Vertreibung ihre gesamte Existenzgrundlage verloren haben, die von ihrem früheren Besitz nur so viel gerettet haben, wie sie tragen konnten, und nun in fremder Umgebung gerade damit angefangen haben, sich eine neue Existenz aufzubauen. Und in so einer Situation bringen diese Leute es fertig, den Bau einer Kirche mitzufinanzieren. Offenkundig aus der Überzeugung heraus: Wenn wir hier bleiben sollen, dann brauchen wir hier eine Kirche. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, Leser, aber mich bewegt das sehr.

In Burhave sperrte sich derweil der Gemeinderat gegen das Projekt der Errichtung einer katholischen Kirche, "nur der Bäckermeister betonte immer wieder, dass eine solche notwendig sei" (S. 56). Als Glücksfall für die katholische Minderheit am Ort erwies es sich, dass eines ihrer Mitglieder, Theo Terwiel, zum Kurdirektor des aufstrebenden Nordsee-Badeortes avancierte und bald im Ruf stand, "der heimliche Bürgermeister" zu sein (ebd.). "Immer wieder setzte er diese Frage [der Genehmigung zur Errichtung einer katholischen Kirche] als letzten Punkt auf die Tagesordnung des Gemeinderates, bis dieser ihn endlich durchwinkte" (ebd.). Eine günstige Gelegenheit ergab sich, als der Burhaver Gemeinderat den Bau einer neuen Schule beschloss, da "[d]as damalige Volksschulgebäude aus dem Jahre 1849 [...] nun endgültig zu klein und außerdem reparaturbedürftig" war. Durch die Vermittlung von Theo Terwiel konnte die katholische Gemeinde das bisherige Schulhaus samt Grundstück kaufen; "[i]n den Jahren 1954/55 wurde die ehemalige Schule zur Kirche mit Priester- und Schwesternwohnung [...] umgebaut" (S. 58). 

In den 50er-Jahren führte die vom sogenannten "Speckpater" Werenfried van Straaten aus den Niederlanden gegründete "Ostpriesterhilfe" (heute "Kirche in Not") mehrmals sogenannte "Kapellenwagenmissionen" in verschiedenen Orten Butjadingens durch. Wer den - besonders aus #BenOp-Perspektive sehr empfehlenswerten - Film "Die Lilien auf dem Felde" mit Sidney Poitier gesehen hat, der wird eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie ein solcher "Kapellenwagen" aussieht: ein Kleinlaster mit einem Altar auf der Ladefläche, vor dem sich dann die Gemeinde versammelt.

1959: Links der Kapellenwagen, rechts die inzwischen fertiggestellte Christ-König-Kirche Stollhamm. 
Im August 1954 kam die Pilgermadonna von Fatima auf einer Rundreise durch Deutschland ("peregrinatio Mariae") auch nach Einswarden und Burhave. 

Die neu erbaute Christ-König-Kirche in Stollhamm wurde am Ostermontag 1953, dem 6. April, vom Bischöflichen Offizial Heinrich Grafenhorst geweiht (auf S. 87 der Chronik ist zwar die Jahreszahl 1956 angegeben, aber das kann nicht stimmen), die Herz-Mariä-Kirche im umgebauten ehemaligen Burhaver Schulhaus folgte am 16. Juli 1955.  

Hochaltar der Burhaver Herz-Mariä-Kirche. 
Stellt man sich die Frage, inwieweit die Geschichte dieser Gemeindegründungen vorbildlich für Gegenwart und Zukunft sein kann, dann muss man natürlich berücksichtigen, dass das damals für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation war -- und dass die kirchliche Hierarchie die Anliegen der Gläubigen im Wesentlichen unterstützte. Ob letzteres wohl heute noch der Fall wäre? Nehmen wir mal an, eine Anzahl von Familien und Singles - sagen wir: 20-40 Erwachsene und etwa ebensoviele Kinder - siedeln sich an einem Ort an, an dem es keine katholische Kirche (mehr) gibt, bauen dort ein blühendes Gemeindeleben auf und kümmern sich selbst um den Bau einer Kapelle. Würde das territorial zuständige Bistum denen einen Priester schicken, womöglich gar ein Pfarrrektorat einrichten, das formal einer bestehenden Pfarrei unterstellt ist, praktisch aber einen gewissen Grad an Eigenständigkeit hat? Ich schätze, in den Ordinariaten wäre man auf einen solchen Fall überhaupt nicht eingerichtet: Sämtliche strategische Überlegungen gehen in die exakt entgegengesetzte Richtung, und das Geld gibt man lieber für "Citypastoral", interreligiöse Kulturevents und Gender-Diversity-Schulungen aus. Allerdings habe ich gerüchteweise gehört, im Bistum Hildesheim habe es vor gar nicht so langer Zeit einen solchen Fall von "Gemeindegründung von unten" gegeben, mit einem Gemeindezentrum einschließlich Sakralraum in einem ehemaligen Getränkemarkt. Genaueres habe ich darüber leider noch nicht in Erfahrung bringen können. Vielleicht weiß ja der eine oder andere Leser was.

1956 wurde Pfarrrektor Scholz von Stollhamm nach Einswarden versetzt, nachdem sein dortiger Vorgänger Wilhelm Witten Pfarrer im südoldenburgischen Friesoythe geworden war. Am 11. September 1957 starb der Geistliche Rat Augustin Schinke im Alter von 77 Jahren in Burhave; er wurde neben "seiner" Kirche beigesetzt. 


Mit Wirkung zum 1. Januar 1964 wurde das Pfarrrektorat Herz Jesu Einswarden vom damaligen Bischof von Münster, dem späteren Erzbischof von Köln, Kardinal und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Joseph Höffner, zur eigenständigen Pfarrei erhoben. Die auf den 16. November 1963 datierte Urkunde ist in Rom ausgestellt, da Höffner "zu dieser Zeit am II. Vatikanischen Konzil teilnahm" (S. 27). Im Rückblick kann man allerdings den Eindruck haben, dass die katholischen Gemeinden der nördlichen Wesermarsch zu diesem Zeitpunkt ihre beste Zeit schon hinter sich hatten. Vielleicht trügt dieser Eindruck auch, aber irgendwann um diese Zeit oder jedenfalls nicht viel später muss der Niedergang eingesetzt haben, der sich bis heute fortsetzt, nur dass heute nicht mehr viel da ist, was noch weiter den Bach runter gehen könnte. Wie ist das gekommen? Was ist schiefgelaufen, wäre das vermeidbar gewesen, gäbe es sogar jetzt noch die Möglichkeit, gegenzusteuern? Um diese Fragen soll es in einem zukünftigen Artikel gehen. Bis dahin habe ich aber noch einige andere Themen auf dem Zettel... 




Montag, 18. Februar 2019

Die Kirche im (gallischen) Dorf lassen







In praktisch allen Diözesen der katholischen Kirche in Deutschland vollzieht sich derzeit ein tiefgreifender Wandel der Pfarreistruktur. Vorreiter ist dabei zweifellos das Bistum Trier, das die Zahl seiner Pfarreien bis zum Jahr 2022 von jetzt 887 auf 35 reduzieren will. Aber auch andernorts ist der Trend zur Auflösung eigenständiger Ortspfarreien zugunsten größerer Einheiten – ob man diese nun „Pastorale Räume“, „Pfarreien der Zukunft“ oder „Pfarreien neuen Typs“ nennt – in vollem Gange. Dabei geht es keineswegs – wie man annehmen könnte – bloß um eine administrative Reaktion auf eine Notwendigkeit, die durch die personelle Ausdünnung der einzelnen Standorte bedingt ist: In Debattenbeiträgen von Pastoraltheologen und Religionssoziologen ist immer wieder die Rede davon, dass man das Konzept der Pfarrei ganz neu denken müsse – dass die klassische Ortspfarrei nicht „zukunftsfähig“ sei, weil sie den Bedürfnissen der Menschen in der von Individualismus und Mobilität geprägten Gegenwart und Zukunft nicht mehr gerecht werde. Im Hintergrund der laufenden Strukturreformen steht also die Vision eines grundsätzlich anderen Konzepts von Seelsorge

Aufschlussreich ist es in diesem Zusammenhang, einen Blick auf die in der EKD zusammengeschlossenen evangelischen Landeskirchen zu werfen. Dort gibt es vergleichbare Bestrebungen nämlich schon länger. Im Sommer 2006 publizierte der Rat der EKD ein „Impulspapier“ mit dem Titel „Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“, und zu den dort formulierten Reformvorschlägen gehörte es, die Zahl der Ortsgemeinden drastisch zu reduzieren und „im Gegenzug neue Gemeindeformen wie Profilgemeinden, Netzwerkgemeinden bis hin zu Internetgemeinden“ auszubauen, um einen „Wettbewerb verschiedener Gemeindeformen“ zu fördern. „Reformvorstellungen dieser Art wurden in ähnlicher Weise schon einmal in den 1970er Jahren propagiert“, erinnert die evangelische Theologin Isolde Karle[*]. 

Für die historisch gewachsene Organisationsstruktur der großen Volkskirchen hierzulande ist ein Modell charakteristisch, das Frau Karle wie folgt beschreibt: „Jede Kirchengemeinde ist so ähnlich wie eine andere, weil Kirche segmentär differenziert ist: ein Segment, eine Pfarrgemeinde existiert neben der anderen. Diese Struktur begrenzt die Möglichkeit von Arbeitsteilung und Spezialisierung“. Und genau darin liegt aus Sicht der derzeit dominierenden pastoraltheologischen Konzepte offenbar das Problem dieser Struktur. In der Theorie besteht eine Pfarrgemeinde aus allen Kirchenmitgliedern, die auf dem Territorium der jeweiligen Pfarrei ihren Wohnsitz haben – unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildungsgrad und sonstigen soziologischen Merkmalen. Indes muss man zugeben, dass diese Vielfalt sich im tatsächlichen Erscheinungsbild vieler Pfarrgemeinden nicht unbedingt widerspiegelt. Wir sind es mehr oder weniger gewohnt, dass am aktiven Gemeindeleben einer Pfarrei – selbst dann, wenn man als Kriterium für „Aktivität“ nichts weiter voraussetzt als eine einigermaßen regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst – nur ein Bruchteil aller rechnerischen Gemeindemitglieder teilnimmt; und in aller Regel handelt es sich dabei durchaus nicht um einen repräsentativen Ausschnitt. Genau hier setzt vielfach die Kritik an: Das Modell „Pfarrei“ sei deshalb nicht zukunftsfähig, weil es einer „Milieuverengung“ Vorschub leiste. Typischerweise würden Pfarreien in einem solchen Maße von Vertretern einiger weniger Milieus dominiert, dass die Angehörigen anderer Milieus effektiv aus ihnen ferngehalten oder sogar aus ihnen vertrieben würden. Auch Papst Franziskus warnt in seinem 2013 veröffentlichten Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium, Pfarreien stünden in der Gefahr, „eine weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Auserwählten“ zu werden, „die sich selbst betrachten“. 

Mit einer solchen Milieuverengung – einer Dominanz bestimmter sozialer Milieus im kirchlichen Raum bei weitgehender Abwesenheit aller anderen – kann sich eine Kirche, die von ihrem Gründer explizit den Auftrag erhalten hat „Macht ALLE Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19), nicht einfach zufrieden geben. Daher, so der Papst, benötige eine Pfarrei die Fähigkeit, „sich ständig zu erneuern und anzupassen“. Einen wesentlichen Vorzug größerer Seelsorgeeinheiten sehen Pastoralstrategen offenkundig darin, dass diese mehr Raum für interne Ausdifferenzierung bieten: Mit einer sogenannten „milieusensiblen Pastoral“ versucht die Kirche – wie der Religionssoziologe Jens Schlamelcher[**] es beschreibt –, sich an „unterschiedlichen Lebensstilen zu orientieren und daraufhin zielgruppenspezifische Angebote zu entwickeln, die jeweilige Milieus in je bestimmter Weise ansprechen“. Es ist bezeichnend, dass dabei soziologische Modelle zum Einsatz kommen, die ursprünglich als Marktforschungs-Instrumente konzipiert sind: Es geht darum, die Zielgruppen und ihre „Lebenswelten“ besser zu verstehen, um für ihre Bedürfnisse maßgeschneiderte Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen zu können. Die Anwendung solcher Modelle auf die Pastoraltheologie läuft also – abermals laut Jens Schlamelcher – darauf hinaus, dass die Kirche sich „zunehmend unternehmerischer Marketingmethoden“ bedient, um „für die jeweiligen Milieus eigene Kommunikationsmethoden und Angebote zu entwickeln.“ 

Befürworter dieses Ansatzes mögen darin eine zeitgemäße Version des paulinischen Grundsatzes sehen, „allen alles zu sein“ (vgl. 1 Kor 9,22); aber ob der Völkerapostel sich damit wirklich richtig verstanden fühlen würde? Geht es tatsächlich bloß darum, den Leuten das zu servieren, was nach ihrem persönlichen Geschmack ist? Wenn man jeder Zielgruppe ein passendes Angebot auf den Leib schneidert, wo bleibt dabei das Verbindende und Verbindliche? Eine Kirche, in der jeder glauben darf, was er will, wäre vielleicht die Idealvorstellung von Marketingstrategen, würde aber aufhören, die katholische Kirche zu sein. 

Es mag wohl sein, dass die Angehörigen verschiedener soziologischer Milieus für unterschiedliche Aspekte der kirchlichen Glaubenslehre und -praxis in unterschiedlichem Maße empfänglich sind, und das Wissen darum mag hilfreich sein, bei unterschiedlichen Zielgruppen ein erstes Interesse am „Angebot“ der Kirche zu wecken. Die Gefahr besteht jedoch in der Versuchung, es dabei bewenden zu lassen und ihnen diejenigen Aspekte, für die sie weniger empfänglich sind oder die ihnen sogar widerstreben, gar nicht erst zuzumuten. Die Interessen und Neigungen keines Milieus sind so umfassend und unproblematisch mit den Anforderungen des christlichen Glaubens kompatibel, dass die Angehörigen dieser Milieus keiner Bekehrung mehr bedürften. Eine zielgruppenorientierte Pastoral ist somit stets der Versuchung ausgesetzt, den Menschen den christlichen Glauben bloß als eine Art Sahnehäubchen anzubieten, das sie ihrer jeweiligen Vorstellung vom guten Leben lediglich hinzuzufügen brauchen – und nicht als etwas, was diese Vorstellung fundamental verändert

Nebenbei liegt es auf der Hand, dass die „milieusensible Pastoral“ in erster Linie die gemeinhin als eher „kirchenfern“ geltenden Milieus in den Blick nimmt und den zu den kirchlichen „Kernmilieus“ zählenden Gläubigen eher wenig anzubieten hat. 

Letztendlich haben wir es hier mit einer speziellen Ausprägung des sogenannten Identität-Relevanz-Dilemmas zu tun: Im Konzept der „milieusensiblen Pastoral“ drückt sich die Grundannahme aus, es bleibe der Kirche gar nichts anderes übrig, als gesamtgesellschaftliche Megatrends – in diesem Fall die Individualisierung der postmodernen Welt – mit- bzw. nachzuvollziehen, wenn sie „gesellschaftlich relevant“ bleiben wolle. Diese Grundannahme setzt allerdings voraus, dass man der Kirche schlichtweg nicht zutraut, diesem und anderen gesellschaftlichen Trends etwas entgegenzusetzen. Ein weniger pessimistischer Blick auf die Kirche könnte zu dem Schluss kommen, dass gerade die Ortspfarrei das Potential hat, eine attraktive Alternative zur Zersplitterung der Gesellschaft in Interessengruppen zu verkörpern. Dagegen laufen die derzeitigen Bestrebungen zur Schaffung größerer Seelsorgeeinheiten Gefahr, gerade diejenigen Merkmale einer Pfarrei aufzugeben, die ihre Stärke ausmachen: ihre Ortsgebundenheit und überschaubare Größe. So betont Isolde Karle: 
„Die Überschaubarkeit der Ortsgemeinde stellt in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft einen hohen Wert dar. Die lokale Kirchengemeinde vermittelt inmitten der Unübersichtlichkeit, Anonymität und Aufsplitterung modernen Lebens eine grundlegende Vertrautheit“. 
Man mag der Meinung sein, die Pfarrei, wie wir sie kennen, sei „unzeitgemäß“, ein Relikt vormoderner Verhältnisse, ja geradezu ein „gallisches Dorf“ inmitten einer ansonsten von Unbeständigkeit geprägten Welt. Aber warum sollte sie das eigentlich nicht sein? Wäre nicht genau dies ein Modell, mit dem die Kirche ein Zeichen des Widerspruchs gegen die fortschreitende Fragmentierung der postmodernen Gesellschaft setzen könnte? 

Die Kirche, die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt. (Symbolbild: Keltische Siedlung, Archäologisches Freilichtmuseum Liptovska Mara, Havranok, Slowakei. Bildquelle und Lizenz hier.) 

Der Hl. Papst Johannes Paul II. betonte in seinem nachsynodalen Schreiben Christifideles laici von 1988, die „communio der Kirche“ finde „ihren unmittelbaren und greifbaren Ausdruck in der Pfarrei. Diese stellt die konkrete Form der örtlichen Realisierung der Kirche dar; in einem gewissen Sinn ist sie die Kirche, die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Tochter lebt“. – Was der Historiker Alexis de Tocqueville im ersten Band seines Werks „Über die Demokratie in Amerika“ (1835) über die Gemeinde als politische Einheit sagte, lässt sich zu einem gewissen Grad wohl auch auf die Kirchen- bzw. Pfarrgemeinde anwenden: 
„Die Gemeinde ist die einzige Vereinigung, die so durchweg naturhaft ist, daß überall, wo Menschen sich zusammenschließen, von selber eine Gemeinde entsteht. Die auf der Gemeinde aufgebaute Gesellschaft besteht also bei allen Völkern, welches auch immer ihre Gepflogenheiten und Gesetze seien; Königreiche und Republiken schafft der Mensch; die Gemeinde scheint unmittelbar aus Gottes Hand hervorzugehen.“ 
Vom politischen auf den religiösen Bereich übertragen, heißt das: Eine Gemeinde von Gläubigen entsteht überall da, wo Menschen sich zusammenfinden, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern und ihren Glauben zu leben. Ganz ähnlich äußert sich Isolde Karle: 
„Die Ortsgemeinde stellt nicht, wie weithin unterstellt, eine antiquierte Organisationsform der Kirche in der Moderne dar. Sie hat sich vielmehr trotz aller Strukturveränderungen als ein unverzichtbarer Rahmen für die Gemeindepraxis erwiesen. Die Kirche lebt als Leib Christi zentral von den vielen, überschaubaren personalen Gemeinschaften vor Ort und von der Vertrautheit von Gesichtern und Räumen, die nachgewiesenermaßen die Bindung an die Kirche am nachhaltigsten stärken. [...] Kirche realisiert sich primär und zuerst in und als Gemeinde und hat nur als Gemeindekirche eine Zukunft.“ 


[* Isolde Karle: „Religion – Interaktion – Organisation“. In: Jan Hermelink / Gerhard Wegner (Hg.): Paradoxien kirchlicher Organisation. Niklas Luhmanns frühe Kirchensoziologie und die aktuelle Reform der evangelischen Kirche. Würzburg: ERGON 2008, S. 237-257. 

** Jens Schlamelcher: „Ökonomisierung der Kirchen?“ In: Hermelink/Wegner (Hg)., Paradoxien, a.a.O., S. 145-177.]