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Montag, 6. September 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #14 (23. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Am Montag brach meine Liebste schon morgens mit den Kindern zu einer Spielplatz-Verabredung auf, die dann aber wegen des schlechten Wetters doch nicht zustande kam; nach einigem Hin und Her fuhren sie schließlich ins Trampolinland, während ich die neue Ausgabe der "Lebendigen Steine" ausdruckte und damit anfing, einen Teil der Auflage in öffentlichen Bücherschränken, Supermärkten usw. zu verteilen. Davon abgesehen rang ich noch ein wenig mit meiner bereits im vorigen Wochenbriefing thematisierten Sitzungs-Unlust und schrieb schließlich eine eMail, in der ich meine Teilnahme an dem für Freitag angesetzten Meeting zum Thema "SWOT-Analyse" absagte und darüber hinaus die Hoffnunf ausdrückte, beim Treffen der AG Neuevangelisierung am Mittwoch werde es nicht nur darum gehen, ein paar Sätze für das Pastoralkonzept zu formulieren. Einen Satz, der inhaltlich in etwa hätte aussagen sollen "Wir sollten nicht so viel Energie auf dieses Pastoralkonzept verwenden, am Ende interessiert es ja doch keine Sau, was da drinsteht", formulierte ich dreimal um, ehe ich ihn schließlich ganz wegließ. 

Am Dienstag hatten wir eine sehr schöne Lobpreisandacht, auch wenn das Tochterkind zwischendurch im Hof mit den Nachbarsmädchen spielen wollte und meine Liebste (mit dem Baby auf dem Arm) daraufhin auch nach draußen gehen musste, um die Mädchen ein bisschen zu beaufsichtigen. Dann kamen sie aber zurück -- mit den Nachbarsmädchen, und ich registrierte erfreut, dass sogar die frechste und wildeste unter den Spielkameradinnen meiner Tochter zeitweilig ganz brav und andächtig in der Kirchenbank saß. Fast noch besser war, dass ein mir unbekannter älterer Mann, von dem ich nicht ganz sicher war, ob er gezielt zu unserer Andacht gekommen oder nur zufällig ein paar Minuten vor Beginn in die Kirche 'reingeschneit und dann kurzentschlossen dageblieben war, nach dem Ende der Gebetszeit (während ich mit dem Kirchenschließdienst beschäftigt war) mit meiner Frau sprach, ihr sagte, diese Andachtsform gefalle ihm sehr gut, und fragte, ob wir das öfter machen. Außerdem fragte er, ob ich Gemeindereferent sei... (Immerhin hielt er mich nicht für den Pfarrer. Das ist mir auch schon öfter passiert, allein im letzten Monat zweimal.) 

Der Mittwoch begann damit, dass ich eine Anfrage erhielt, mal wieder was für die Tagespost zu schreiben - woraufhin ich direkt damit anfing, im Kopf einen Essay zu entwerfen. Ihr dürft Euch schon mal freuen, Leser: Es wird um das Thema "Ökologie und Apokalyptik" gehen, darüber wollte ich schon lange mal was schreiben, jetzt habe ich endlich einen konkreten Anlass und Ansporn. -- Auch ohnedies bot der Mittwoch ein umfangreiches Programm: 16 Uhr AG Neuevangelisierung in St. Joseph, 18 Uhr Vesper in Herz Jesu und anschließend das "Phantom-Dinner", wie ich es insgeheim nannte -- jenes "Dinner mit Gott", das in den Vermeldungen angekündigt worden war, obwohl wir gar keins geplant hatten. -- Aber mal der Reihe nach: Um den Teil des AG-Meetings, auf den ich - wie oben schon geschildert - am wenigsten Lust hatte, nämlich die Formulierung von Sätzen fürs Pastoralkonzept, möglichst effizient über die Bühne zu bringen, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, schon vorab ein paar Textbausteine zu entwerfen. Infolge eines nicht ganz plangemäß verlaufenen Vormittags (die Kinder... die Waschmaschine... reden wir nicht drüber) hatte ich dafür letzten Endes zwei Stunden weniger Zeit, als ich eigentlich gehofft hatte, bekam aber trotzdem etwas ganz Anständiges zustande, was zugleich auch noch "unfertig" genug war, um noch Impulse von den anderen AG-Mitgliedern aufnehmen zu können. Und dann widmeten wir uns "unserer eigentlichen Arbeit" -- diese Formulierung kam wohlgemerkt nicht von mir, und ich empfand es als sehr erfrischend, festzustellen, dass ich offenbar nicht allein mit der Auffassung stehe, unsere eigentliche Arbeit bestehe nicht darin, irgendwelche Formulierungen für das Pastoralkonzept auszuhecken. Unter anderem sprachen wir über den Aufbau eines Gebetsleiterkreises und eines Begrüßungsdienstes für neu zugezogene Gemeindemitglieder. Insgesamt war es ein sehr erfreuliches, motivierendes und ermutigendes Meeting -- schön, dass es auch so etwas gibt... Der Mann, der am Dienstag zum Lobpreis gekommen war, kam auch zur Vesper, diesmal zusammen mit einer (seiner?) Frau; ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt. -- Gerade als ich die Kirche schließen wollte, kam noch ein junges Pärchen herein; soweit ich die Situation "von außen" beurteilen konnte, war der Mann wohl nur "mitgekommen", er setzte sich in die letzte Reihe und schaute auf sein Handy, während die Frau sich ganz nach vorn setzte und dort wohl still betete. Als sie einige Minuten später wieder gingen, fragte die Frau noch, ob sie sich einen Pfarrbrief mitnehmen dürfe. Ich kann nur immer wieder sagen: Man sollte die Wirkung einer offenen Kirche nicht unterschätzen! -- Anschließend war ich inmer noch etwas unschlüssig, wie ich in Hinblick auf das "Phantom-Dinner" vorgehen sollte, auch wenn ich die Wahrscheinlichkeit, dass da irgendwer kommen würde, nur weil die Veranstaltung in den Vermeldungen stand, als eher gering einschätzte. Schließlich setzte ich mich auf eine Bank auf dem Brunowplatz und genoss eine Weile lang den lauen Spätsommerabend, dann ging ich nach Hause. 

Am Donnerstag begann ich - veranlasst durch Kommentare zu meinem Wochenbriefing - einen Blogartikel über die Situation im Erzbistum Hamburg zu schreiben, und wurde am Samstag früh damit fertig. Das Wochenende stand dann sehr wesentlich im Zeichen des vom Verein Freunde der katholischen Kirche Herz Jesu Tegel e.V. ausgerichteten Begegnungsfests. Am Samstag waren noch allerlei Vorbereitungen dafür zu treffen - wozu es u.a. gehörte, dass meine Liebste spontan ein Kindertrampolin kaufte, das bei Woolworth im Sonderangebot war -, und am Sonntag standen wir superfrüh auf, um beim Aufbau mit anzufassen. 


Symbolbild: Tag der Offenen Tür 

Kurz bevor es losging, hatte ich schon keine Lust mehr, denn es kam mir vor, als müsste ich eigentlich überall gleichzeitig sein: Bänke schleppen, den Bücherstand aufbauen, das Trampolin zusammenbauen, meinen Kindern die Windeln wechseln, mich auf den Lektorendienst in der Messe vorbereiten... Aber dann wurde doch alles sehr schön. 



An der Heiligen Messe unter freiem Himmel, die musikalisch von einem Bläseremsemble gestaltet wurde, nahmen schätzungsweise 60-70 Personen teil; eigentlich war eine solche Freiluftmesse schon für den Sonntag nach Fronleichnam geplant gewesen, aber an fehlenden behördlichen Genehmigungen gescheitert, und um nun sozusagen "ein bisschen Fronleichnam nachzufeiern", gab es zum Abschluss der Messe eine kurze Aussetzung des Allerheiligsten und den Eucharistischen Segen. 

Das anschließende Begegnungsfest auf dem Hof der Kirche verlief ebenfalls durchweg erfreulich: Der Förderverein bot Kaffee, Kuchen und Kaltgetränke an, die Initiative "Hilfe und Solidarität für Owerri/Nigeria" steuerte frische Waffeln und ein Gewinnspiel bei, es gab einen Trödelmarkt, unseren Büchertisch sowie eine Reihe von Infoständen, an denen sich u.a. die Legio Mariae, die Gruppen "Christliche Meditation", "Bibelteilen" und "Tegeler Glaubensgespräche" vorstellten, und ich hatte den Eindruck, es war überall "ganz gut was los". 



Irgendwie bezeichnend fand ich es, dass meine Liebste praktisch im Alleingang - lediglich mit ein bisschen Unterstützung von ihrem treuen Gatten (und beim Trampolin-Aufbau packte auch unser neuer Büchereiprojekt-Mitarbeiter Timo mit an) - mit Rutsche, Trampolin und Maltisch ein umfangreicheres "Kinderprogramm" auf die Beine gestellt hatte als der "offiziell dafür zuständige" Stand des Familiengottesdienst-Teams. Genug jedenfalls, um auch die nebenan wohnenden Spielkameradinnen unserer Tochter aufs Festgelände zu locken.

Da ich - wie ich wohl schon mal erwähnt habe - kein besonderer Freund des für Kirchenfeste charakteristischen, in riesigen Blechzylindern aufgebrühten und dann stundenlang warmgehaltenen Filterkaffees bin, bereitete ich zwischendurch in einer French-Press-Kanne eigenen Kaffee für Timo, meine Liebste und mich zu; lustigerweise brachte uns das in Kontakt mit einigen Festbesuchern, die ebenfalls keinen "Kirchenkaffee" mochten. Zu einem kurzen, aber recht netten Gespräch mit dem Diakon, der die "Texte für den Augenblick" herausgibt, kam ich auch; und schließlich gelang es meiner Liebsten sogar, das erst am Vortag erworbene Trampolin fast verlustfrei weiterzuverkaufen, nämlich an eine Familie, die wir vor Jahren im Zusammenhang mit Foodsharing-Aktivitäten kennengelernt hatten, zu der wir nun aber schon seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr gehabt hatten und somit erst jetzt erfuhren, dass sie inzwischen ganz in der Nähe unserer Kirche wohnt. -- Um 13:30 Uhr waren wir bereits mit dem Abbau fertig, theoretisch hätten wir also direkt im Anschluss noch zum "Festival für Selbstgebaute Musik" am Holzmarkt gehen können, aber wir fanden, es sei auch ohnedies schon genug Action für einen Tag gewesen. 


Was ansteht: Heute muss ich erst mal meinen Tagespost-Essay fertig schreiben, während Frau und Kinder zu einer Spielplatz-Verabredung gehen. Morgen ist natürlich wieder Lobpreis; da die Sommerpause des Glaubensgesprächskreises vorbei ist, rechne ich da mit erhöhter Teilnehmerzahl, vor allem bin ich aber gespannt, ob der "Mann von letzter Woche" wieder dabei ist. Am Mittwoch - am Fest Mariä Geburt - tagt die AG Liturgie; ich gehe davon aus, dass auch da das Formulieren einiger Sätze für das Pastoralkonzept eine vorrangige Aufgabe sein wird, daher scheint es mir ratsam, auch hier wieder ein paar vorformulierte Sätze (sagen wir so drei bis fünf) in die Sitzung "mitzunehmen". Außerdem müssen meine Liebste und ich, nachdem wir die ganze letzte Woche nocht dazu gekommen sind, uns endlich mal näher mit unseren Briefwahlunterlagen befassen und uns darüber klar werden, was wir da eigentlich ankreuzen wollen. -- Mit dem Grund dafür, dass wir überhaupt Briefwahl beantragt haben - sprich: mit unseren Reiseplänen für Ende September - werden wir uns auch noch beschäftigen müssen: Gegenüber unseren ursprünglichen Plänen sind da ein paar Änderungen eingetreten, u.a. infolge einer unverhofften Einladung zu einer Familienfeier. Aber davon zu gegebener Zeit mehr! Der mit Abstand wichtigste Termin der Woche ist jedoch die Taufe meines Sohnes Gideon. Die steht am Samstag an, und natürlich gibt es bis dahin noch allerlei vorzubereiten. Ich bin jedenfalls voll froher Erwartung...! 

Zitat der Woche: 

"Gott und ich, wir kamen gut miteinander aus, solange ich in die Kirche und ab und zu mal zum Beichten ging. Ansonsten wäre ich ihm sehr verbunden, wenn er sich weitgehend aus meinem Leben heraushielte. Denn irgendwie hatte ich auch ein bisschen Angst davor, dass er vielleicht mehr von mir und für mich wollte, als ich zu geben bereit war. 

Lange bin ich vor der Frage davongelaufen  was Gott von mir will." 

(Rudolf Gehrig in "Den ersten Schritt macht Gott", S. 10f.) 

Linktipps: 

Dass der "stern" eine Kummerkasten-Kolumne mit dem blumigen Titel "Der geheime Code der Liebe" unterhält, ist ja an und für sich schon ein Faktum, von dem zumindest ich nicht weiß, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Okay, ursprünglich ist das der Titel eines 2011 erschienenen Buches der Hamburger Psychotherapeutin Julia Peirano; und weil dieses Buch sie wohl bekannt gemacht hat (Hat es? Also bei mir nicht so, aber das hat nicht viel zu sagen), heißt jetzt eben auch ihre Kummerkasten-Kolumne beim "stern" so, na meinetwegen. 

Auf die hier verlinkte Folge dieses Kummerkastens bin ich aufmerksam geworden, weil die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) sie bei Facebook geteilt hat. Aus Gründen.  Hier meldet sich nämlich die 19-jährige Luisa bei Dr. Peirani: Vor zwei Jahren, also mit 17, war sie ungeplant schwanger geworden -- und hat abgetrieben, nachdem der Kindsvater schroff erklärt hatte, "dass er sich nicht vorstellen kann, so früh Vater zu werden und dass ihm das seine Zukunft versaut", und auch ihre Mutter, bei der sie zu diesem Zeitpunkt noch wohnte, ihr keinen Rückhalt bot. "Ein paar Tage später wurde mir klar, was ich getan hatte und ich konnte nicht aufhören zu weinen", berichtet Luisa. Um ihren "Schmerz zu betäuben", sei sie für einige Zeit "viel feiern gegangen und habe auch sehr viel getrunken"; die "Schuldgefühle und Stimmungsschwankungen" hörten aber nicht auf, "und manchmal musste ich weinen, wenn ich in einem Film eine Mutter mit ihrem Baby gesehen habe. Ich habe mir dann ausgerechnet, wie alt meine Tochter jetzt wäre". Schließlich stellte sich auch noch heraus, dass Luisa infolge einer "schwere[n] Endometriose" wahrscheinlich keine Kinder mehr bekommen kann. Ihr Fazit: 

"Ich habe leichtfertig mein Kind abgetrieben, und jetzt sieht es so aus, als wenn es das einzige Kind war, das ich je bekommen werde."

Wer sich mit Menschen unterhält, die in der Schwangerenkonfliktberatung tätig sind, oder vielleicht selbst schon einmal in diesem Bereich aktiv gewesen ist, wird in Luisas Geschichte einige durchaus typische Muster wiedererkennen. Was aber sagt nun Psychotherapeutin und Buchautorin Dr. Julia Peirano dazu? Sie legt Luisa nahe, zu erwägen, "dass Ihre Probleme nicht erst mit Ihrer Schwangerschaft angefangen haben, sondern schon viel früher" -- konkret nämlich mit dem von jeher belasteten Verhältnis zu ihrer zu Depressionen neigenden Mutter. Die "negativen Glaubenssätze", die Luisa durch diese beschädigte Mutterbindung quasi erlernt habe - "ich bin nicht wichtig", "ich bin eine Last, wenn ich etwas brauche", "ich muss alleine klarkommen" - habe ihr Partner, von dem sie schwanger wurde, dann "durch sein abweisendes und entwertendes Verhalten verstärkt" -- und diese Erfahrung sei der eigentliche Auslöser "für Ihre depressiven und posttraumatischen Symptome, unter denen Sie bis heute leiden".

Um's ganz deutlich zu sagen: Ich bin nicht unbedingt der Meinung, dass diese Einschätzungen ganz und gar falsch sind. Es ist geradezu eine Binsenweisheit der Küchenpsychologie, dass jedes akute und manifeste psychische Problem über den offenkundigen Auslöser hinaus noch tiefer gehende Ursachen hat, und gerade für die Schwangerenkonfliktberatung gilt diese Grundregel in einem ganz spezifischen Sinne: Das Kind ist nicht das Problem -- das heißt im Umkehrschluss: Abtreibung ist nicht die Lösung. Bleiben wir beim konkreten Fall: Auf die Idee, die Tatsache, dass Luisa mit 17 Jahren eine Beziehung mit einem "etwas [!] älteren (23) Jungen" [nicht etwa "Mann"!] hatte und von diesem schwanger wurde, könnte etwas mit fehlendem Rückhalt im Eltetnhaus zu tun haben, wäre ich mit meinen Laienkenntnissen in Küchenpsychologie vielleicht noch von alleine gekommen. Bezeichnend ist jedoch, worüber Dr. Peirano nicht spricht. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Da sucht eine Frau ausdrücklich deshalb nach Rat und Hilfe, weil sie Schuldgefühle nach einer Abtreibung hat, und die Kummerkastentante geht in ihrer Antwort mit keinem Wort auf das Faktum der Abtreibung ein, sondern versucht der Ratsuchenden stattdessen einzureden, ihr eigentliches Problem läge ganz woanders. Das hat schon fast das Niveau des berüchtigten Dr. Sommer in der BRAVO, der den Mädchen, die sich über sexuelle Belästigung beklagten, einredete, sie bildeten sich das nur ein oder hätten es selbst gewollt und genossen. Aber ich will nicht so tun, als wäre mir nicht klar, warum Dr. Peirano so verfährt. Überhaupt nur darüber zu reden, dass eine Abtreibung nachteilige Folgen für die psychische und physische Gesundheit der betroffenen Frau haben könnte, ist hoch problematisch, denn es gefährdet das Narrativ, ungehinderter Zugang zu Abtreibung sei ein notwendiger Bestandteil des Rechts von Frauen auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung, ja "reproduktive Gesundheit". Das "Post Abortion Syndrome", so hört man immer wieder, sei "nur eine rechte Verschwörungstheorie". Und genau aus diesem Grund finden Frauen, die daran leiden, Hilfe praktisch ausschließlich in den Kreisen der ach so bösen Lebensschützer. Zum Beispiel bei Rahel e.V. oder SaveOne. Beim "stern" jedenfalls eher nicht. 

Diesen Artikel, auf den ich durch Twitter aufmerksam wurde, finde ich auf mehreren Ebenen interessant. Zum einen kommen Jom Jones und der People's Temple drin vor, aber okay, das habe ich erst entdeckt, als ich schon mitten in der Lektüre steckte, und es ist auch eher eine Randbemerkung -- ein Extrembeispiel dafür, wozu sektenförmige Kommunikationsstrukturen führen können.

Ein erheblich offensichtlicherer Grund, weshalb ich mich für diesen Artikel interessiert habe, liegt in der Erwähnung von "Wellness Mommy Bloggers" in der Überschrift; denn seit ich Kinder habe, und insbesondere seit ich in der kindergartenfrei-Szene unterwegs bin, habe ich eben auch so meine Erfahrungen mit verschiedenen Typen von "Netzmamis" gemacht. Sehr unterschiedliche Erfahrungen, möchte ich betonen. Und genau diese Diversität an Erfahrungen bedingt es, dass mir eine Sache noch suspekter ist als esoterisch durchgeistigte windelfrei-unerzogen-homöopathisch-frutarische Impfgegner-Mamis im Blümchenkleid; nämlich Leute, die alle irgendwie "alternativ" oder "unkonventionell" daherkommenden Eltern unter den Generalverdacht stellen, gemeingefährliche Irre und/oder Extremisten zu sein. So als wäre es irgendwie anrüchig, mehr Zeit, Mühe und Sorgfalt auf das Wohlergehen der eigenen Kinder zu verwenden, als die postmodern-spätkapitalistische Arbeits- und Konsumwelt es Eltern normalerweise zugesteht. So ging's mir mit der Reportage von Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung, durch die ich erstmals überhaupt auf die Existenz einer kindergartenfrei-Bewegung aufmerksam wurde; und Ähnliches erwartete ich auch hier. Nicht ganz zu Unrecht, wenngleich die Autorin sich durchaus darum bemüht, zumindest den Anschein von Differenzierung zu erwecken -- nach dem Muster "Es sind ja nicht alle so, aber konzentrieren wir uns mal auf die, die so sind". Und natürlich gibt's die tatsächlich, das sagte ich ja schon. Gleichwohl gilt auch hier wie so oft: Was jemand für extrem hält, ist nicht zuletzt deshalb aufschlussreich, weil es Rückschlüsse darauf zulässt, was dieser Jemand für normal hält. Darauf komme ich noch zurück. 

Interessant ist allemal, was die Verfasserin des Artikels, Sara Petersen, über das Buch von der Linguistin Amanda Montell verfasste Buch "Cultish" zu sagen hat. Der Buchtitel ist nicht leicht zu übersetzen: "Cult" wird im deutschen Sprachgebrauch meist mit "Sekte" wiedergegeben, aber die Nachsilbe -ish signalisiert eine Abmilderung oder Relativierung; so beispielsweise in dem Wort "fattish" = "dicklich". Die Wortbildung "cultish" wäre demnach in etwa als "mehr oder weniger sektenartig bzw. sektenähnlich" zu verstehen, und diese Eigenschaft beobachtet die Linguistin Montell in diversen Sprachverwendungszusammenhängen, von Fitness- und Wellness-Ratgebern über Multilevel-Marketing bis hin zu buchstäblichen Massenselbstmord-Kulten wie "Heaven's Gate" oder eben Jim Jones' "People's Temple". Die Analyse gemeinsamer sprachlicher Muster in diesen unterschiedlichen Bereichen ist ohne Frage ein spannendes Thema. Ich fühle mich da an ein Gespräch zwischen meinem Bruder und einem damaligen Freund und Kommilitonen desselben erinnert, bei dem ich zufällig zugegen war -- das mag schon an die 30 Jahre her sein, aber es hat sich mir tief eingeprägt. Der besagte Freund meines Bruders war zu dieser Zeit gerade dabei, sich von der evangelikalen Szene "loszusagen", und in diesem Gespräch verglich er die Missionierungsmethoden evangelikaler Studentengruppen mit den Marketingmethoden von Tupperware. Andere würden vielleicht behaupten, die Marketingstrukturen von Tupperware seien sektenartig. Beide Aussagen beschreiben denselben Sachverhalt, aber eben aus unterschiedlichen, ja einander geradezu entgegengesetzten Blickwinkeln. Ein anderes Beispiel: Anlässlich des Weltjugendtags 2005 in Köln konnte man in der Presse lesen, die Jugendlichen würden dem Papst zujubeln "wie einem Popstar". Über einen Popstar würden dieselben Journalisten wohl eher nicht schreiben, dass seine Fans ihm zujubeln wie dem Papst. Was ich damit sagen will, ist: Was jemand womit vergleicht, hängt von dessen eigenem Standpunkt ab. 

Und damit komme ich zu einem weiteren bemerkenswerten Aspekt dieses Artikels -- und das ist der, der mich ursprünglich dazu veranlasst hat, ihn überhaupt zu lesen. Der mir ansonsten nicht näher bekannte Twitter-Nutzer David Hines teilte den Artikel nämlich mit der Anmerkung, er finde es "erstaunlich", wie sich da eine "linksgerichtete Journalistin über die Charakteristika sektenartiger Sprache" auslasse, "ohne dabei auch nur ein einziges Mal in den Spiegel zu schauen". Ein ausgesprochen treffender Kommentar, wie ich finde. Warum bezieht Sara Petersen die Erkenntnisse der Linguistin Montell ausgerechnet auf Mamiblogger? Die Antwort, die sie selbst gibt, lautet: Weil Mamiblogger mit ihrer manipulativen, sektenartigen Sprache andere Mütter beeinflussen und potentiell gefährliche Desinformation, etwa zu Gesundheitsthemen, verbreiten. Nun gut: Ich zweifle nicht unbedingt daran, dass dieser Vorwurf zuweilen zutrifft, und da ist es dann auch nurvein schwacher Trost, dass die Mamiblogger in aller Regel wohl nicht böswillig, sondern in gutem Glauben agieren. Andererseits wissen wir aber auch, dass der Vorwurf potentiell gefährlicher Desinformation seit Brexit, Trump und nochmals verstärkt seit COVID-19 zur Universalwaffe im Kampf um die Diskurskontrolle geworden ist. Der Vorwurf, "Fake News" zu verbreiten, kann jeden treffen, der das politisch-ideologisch erwünschte Narrativ infrage stellt. Genau diese Form der Delegitimierung und Marginalisierung unerwünschter Standpunkte und Sichtweisen gehört natürlich auch zu den in Amanda Montells Buch beschriebenen Kennzeichen sektenartiger Kommunikation, und Sara Petersen referiert darüber, ohne dabei im Geringsten zu reflektieren, dass sie selbst genau das tut. Ähnliches ließe sich über die Methode sagen, durch einen gruppenspezifischen Jargon ein Gefühl von Identität zu erzeugen. Okay, das tun nun wirklich alle möglichen Arten von Gruppen . Allein innerhalb der Kirche gibt es einen traditionalistischen Jargon, einen charismatischen Jargon, einen Jargon der nachkonziliaren Progressiven und so weiter. Das ist auch nicht unbedingt schlimm. Amanda Montell würde sagen, Sektenähnlichkeit ist ein Spektrum. Aber auch hier wirft Sara Petersen wieder fröhlich im Glashaus sitzend mit Steinen. Besonders auffällig wird das, wenn sie den Esoterik-/Wellness-Mamibloggern vorwirft, Begriffe aus dem Vokabular der feministischen Bewegung aufzugreifen und in ihrem Sinne umzudeuten. Ja Moment mal: Geht es hier noch um die Kritik an sprachlichen Mustern oder doch eher darum, wer bestimmte Begriffe verwenden "darf" und wer nicht? Abstrakter formuliert: Geht es darum, Methoden zu kritisieren, oder hängt es von den Inhalten ab, ob die Methoden zur Vermittlung oder Verbreitung dieser Inhalte legitim sind? Alles in allem drängt sich der Eindruck auf, Sara Petersen verarge es den Mamibloggern nicht so sehr, dass sie agieren wie eine Sekte, als vielmehr, dass sie nicht in ihrer Sekte sind. So tadelt sie, wer derart beschäftigt damit sei, seiner inneren Stimme zu lauschen und dem ultimativen körperlichen und seelischen Gleichgewicht nachzuspüren, dem bleibe umso weniger Zeit, Energie und Motivation übrig, um sich "aktiv antirassistisch" zu engagieren oder "systemische Ungerechtigkeit" zu bekämpfen -- wenngleich sie in einem wohlmeinenden Differenzierungsversuch einräumt, man könne sehr wohl "Momfluencer" sein und sich trotzdem für "Black Lives Matter" begeistern. -- Wie schon gesagt: Sektenähnlichkeit ist ein Spektrum. Im Endergebnis dürfte das tatsächlich der klügste Satz des ganzen Artikels sein. 

Micah Murphy, der vor einigen Wochen im Zusammenhang mit Traditionis Custodes schon einmal in meinen Linktipps vertreten war, hat auf seinem Blog eine vierteilige Artikelserie über Probleme der modernen Katechese angekündigt bzw. begonnen,  und in deren erstem Teil geht es um Anforderungen für die Zulassung zum Sakrament der Firmung. Ein heikles Thema, zu dem ich mich - zumindest in Teilaspekten - auch schon einmal geäußert habe; grob vereinfacht könnte man meine Haltung zu dem Umstand, dass die Firmlinge, ehe sie zum Empfang des Sakraments zugelassen werden, erst mal eine Liste mit Pflicht-Anforderungen abarbeiten müssen, in die vielleicht etwas paradoxe Formulierung kleiden "Erstens ist es falsch, dass es diese Anforderungen überhaupt gibt, und zweitens sind sie zu niedrig". Und was sagt nun Micah Murphy dazu? 

Er konzentriert sich in seinen Ausführungen sehr weitgehend auf den in den USA offenbar recht verbreiteten Usus, die Firmlinge zu einem bestimmten Stundenkontingent an ehrenamtlicher sozialer Arbeit zu verpflichten; mancherorts muss es sich dabei explizit um Arbeit in einer kirchlichen Einrichtung handeln, andernorts wird auch Arbeit in irgendeiner anderen sozialen Einrichtung akzeptiert. Was ist davon zu halten? -- Dagegen, dass Jugendliche dazu angehalten werden, Werke der Barmherzigkeit zu praktizieren, ist grundsätzlich natürlich nichts einzuwenden -- das sieht auch Micah Murphy so. Aber es gibt ein sehr großes ABER; oder eigentlich sogar gleich mehrere, die allerdings eng miteinander zusammenhängen. Der offensichtlichste Haken an der Sache ist, dass die Anforderung, ein festgelegtes Kontingent an Sozialstunden ableisten zu müssen, bei den Jugendlichen leicht dazu führen kann, dass sie diese Tätigkeit nur als eine lästige Pflicht wahrnehmen, die sie "abhaken" müssen, und somit gerade nicht dazu beiträgt, ein nachhaltiges Interesse an sozialem bzw. caritativem Engagement zu wecken oder zu fördern. Noch heikler ist indes, dass die Aufstellung eines solchen Pflichtprogramms als Voraussetzung für die Zulassung zur Firmung den strengen Beigeschmack eines Geschäfts bzw. Tauschhandels hat -- als wäre das Sakrament etwas, was man sich durch eigene Leistung verdienen könnte und auch müsste. Dahinter lauert, so Murphy, "die Sünde der Simonie" -- und die "damit verwandte Häresie des Pelagianismus", also die Vorstellung, "das Heil sei eine Belohnung, die man sich verdient, und nicht ein freies Geschenk der Gnade Gottes". 

Eine Diskussion auf Twitter hat Murphy davon überzeugt, dass dies nicht nur sein persönliches "pet peeve" ist, sondern ein gravierendes Ärgernis für viele Gläubigen. Murphy räumt ein, dass die Sakramente, um eine fruchtbringende Wirkung zu entfalten, der Mitwirkung des Empfängers bedürfen (Die Gnade baut auf der Natur auf, wie der Hl. Thomas von Aquin lehrt); allerdings ist gerade die Fähigkeit und Bereitschaft zu dieser Mitwirkung wiederum eine Frucht der Gnade. Das Kirchenrecht schreibt vor, die Kirche habe dafür Sorge zu tragen, dass die Empfänger eines Sakraments in rechter Weise zu dessen Empfang disponiert sind (can. 843 CIC); anstatt die Firmlinge eine Liste von Aufgaben abarbeiten zu lassen, so meint Murphy, sollte man lieber mit solider Katechese für diese rechte Disposition sorgen -- sowie dadurch, sie möglichst kurz vor der Firmung zur Beichte gehen zu lassen. 

Gespannt bin ich jetzt, wie die Artikelserie weitergeht; wir werden sehen, ob auch die weiteren Folgen in meinen Linktipps auftauchen! 

Vom 30. September bis zum 2. Oktober 2021 soll in Frankfurt am Main die zweite Synodalversammlung  des "Katholischen Reformprozesses Synodaler Weg" (KRSW) stattfinden -- ein volles Jahr später als ursprünglich geplant, was mich unwillkürlich daran denken lässt, wie der Magdeburger Bischof Feige im vergangenen Frühjahr die Frage aufwarf, ob die Coronavirus-Pandemie eine Strafe Gottes für den Synodalen Weg sei. Okay, er hat diese Frage verneint, aber immerhin hat er sie gestellt. Was natürlich Anlass dafür bieten mag, sich zu fragen, was für Katastrophen wohl notwendig sein werden, um den Schismatischen Weg abermals auszubremsen. 

Diese kleine Vorrede mag demonstrieren, dass ich eher nicht davon ausgehe, meine Leser noch groß davon überzeugen zu müssen, wie die in der Überschrift des hier verlinkten Artikels formulierte Frage zu beantworten sei. Das wäre ja wie Eulen nach Athen tragen und auf dem Weg dahin lauter offene Türen einrennen. Wer aber doch noch daran zweifelt, dass die Agenda des Schismatischen Weges auf eine Vorstellung "von Kirche" (wie man so unschön sagt) ausgerichtet ist, die nichts Katholisches mehr an sich hat, den dürfte diese "Standortbestimmung" meines Freundes Rudolf Gehrig unschwer von seinen Illusionen befreien. Ich empfehle diesen Artikel aber ausdrücklich auch jenen, die bereits wissen, was sie vom Schismatischen Weg zu halten haben; denn die Palette der Grausamkeiten, die die entfesselte Funktionärsriege durch die Synodalversammlung zu peitschen beabsichtigt, ist hier sehr plastisch und übersichtlich dargestellt. 

Irgendwann, wenn der Staub sich gelegt hat, wird es ein spannendes Arbeitsfeld für Kirchenhistoriker sein, sich zu fragen: Wie konnte es dazu kommen, dass eine Versammlung von Vertretern der kirchlichen Hierarchie einerseits und offiziell anerkannter katholischer Laiengremien und -verbände andererseits über einen "Abschied von sakralisierten priesterlichen Rollenbildern", über eine Anpassung der Sexualmoral an die "Realität des 21. Jahrhunderts" und über eine "Anerkennung der Existenz von Geschlechteridentitäten jenseits der Binarität 'männlich' und 'weiblich'" beraten. Spoiler: Die Go-To-Antwort der Ultra-Tradis, "Das II. Vaticanum ist an allem schuld!", dürfte da um Einiges zu kurz greifen. Hingegen wird man kaum fehlgehen, anzunehmen, dass da irgendwie der Deifi seine Klauenhand mit im Spiel haben muss, aber diese Feststellung liegt bereits außerhalb der Zuständigkeit der Kirchenhistoriker. 


Ohrwurm der Woche: Goo Goo Dolls, "Slide" (1998) 


Das ist so die Art von Musik, die ich in meinen frühen Zwanzigern bevorzugt gehört habe, kurz bevor ich das Interesse an aktueller Rock- und Popmusik weitgehend verlor. Dass ich für die Rubrik "Ohrwurm der Woche" gerade diesen Song ausgewählt habe und nicht irgendwas von Matchbox 20, die fast genauso klangen, die ich aber um die entscheidende kleine Nuance besser fand (und immer noch finde) als die Goo Goo Dolls, hat natürlich einen konkreten Grund; nämlich den, dass mich unlängst ein Facebook-Beitrag der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) darauf aufmerksam gemacht hat, dass es in diesem Song um Abtreibung geht. Also jedenfalls unter anderem. "Don't you love the life you killed? The priest is on the phone", heißt es in der zweiten Strophe. Ein bisschen kryptisch vielleicht, aber irgendwie doch bewegend. Finde ich. Na, hört's Euch an oder lasst es, nächste Woche ist dann vielleicht mal wieder Soul Asylum dran, oder vielleicht auch ganzwasanderes. 


Aus der Lesehore: 

Als Christus Jesus, der wahre Sohn Gottes, am Leidensholz hing, wurde ihm die Kirche in der Verborgenheit des himmlischen Geheimnisses vermählt, und sie erhielt als Hochzeitsgabe sein purpurfarbenes Blut. Darauf deutet sie auch selber hin; denn immer wieder tritt sie zum Altar hinzu, bittet um ihre Hochzeitsgabe und beobachtet mit der größten Aufmerksamkeit, wie innig die Andacht ist, mit der ihre Kinder zum Empfang der göttlichen Geheimnisse hinzutreten.

(Hl. Hildegard von Bingen, "Scivias")


 

Montag, 16. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #11 (20. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Den Montag letzter Woche verbrachte ich praktisch zur Gänze im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde, mit meiner Familie und der Familie von Blogleserin Maren aus Bayern (bzw. Franken), deren zwei Söhne vom Alter her zwischen unseren Kindern liegen: Ihr Ältester ist etwa ein Jahr jünger als unsere Tochter, ihr Jüngster etwas über einen Monat älter als unser Sohn. Insbesondere die beiden "Großen" verstanden sich prächtig, es war eine Freude, zuzuschauen, wie sie zusammen herumrannten, kletterten und den 146 von Künstlern aus aller Welt gestalteten Buddy-Bären Namen gaben. 

Zur Lobpreisandacht am Dienstag ging ich diesmal wieder allein, da das große Kind lieber zu Hause bleiben und mit der Mama auf dem Kinderzimmerfußboden Memory spielen wollte und wir Eltern es beide nicht für gut hielten, sie gegen ihren Willen zum Mitkommen zu verdonnern. Übrigens hatte sich herausgestellt, dass mein Terminkalendereintrag, demzufolge am Mittwoch der Pfarrgemeinderat tagen sollte, doch stimmte: Die Einladung, einschließlich vorläufiger Tagesordnung, kam am Dienstagmorgen. Zum Inhalt der Sitzung kann und darf ich mich hier nicht äußern, aber was ich dennoch loswerden möchte, ist: Ohne dass ich es an etwas Konkretem festmachen könnte, was irgendein Teilnehmer der Sitzung gesagt oder getan oder nicht gesagt oder nicht getan hätte, hat dieser Abend bei mir insgesamt das Gefühl hinterlassen, ich sollte mir mal ganz grundsätzlich überlegen, ob ich mir Gremienarbeit in der Pfarrei weiterhin antun will. Oder ob das nicht letztlich doch nur vergebliche Liebesmüh und eine Verschwendung von Zeit und Nerven ist. Weil die Strukturen einfach stärker sind als der Einzelne, einfach aufgrund ihrer Massenträgheit. Man mag sich einbilden, man könnte hier und da mal einen Impuls einbringen, aber der institutionelle Apparat ist immun gegen Impulse. Der zieht unbeirrt sein Programm durch und verwaltet alles in Grund und Boden, bis es irgendwann nichts mehr zu verwalten gibt -- und selbst dann wird er vermutlich noch eine Weile damit weitermachen. 

Ehe jetzt wieder jemand beleidigt ist: Es liegt nicht an den einzelnen Leuten. Jedenfalls nicht in erster Linie. Ich sagte ja bereits, das Problem liegt gerade darin, dass die Strukturen stärker sind als der Einzelne. Den allermeisten Leuten, mit denen ich in der Institution Kirche zu tun habe, würde ich keinesfalls einen Mangel an guter Absicht unterstellen; eher ein Übermaß an Pragmatismus, das Bedürfnis, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe zu sein, statt zu hinterfragen, wohin die ganze Maschine überhaupt rollt. 

Vielleicht sollte ich bei zukünftigen Gremiensitzungen - in allen Gremien und Arbeitsgruppen, in denen ich vertreten bin - hartnäckig darauf bestehen, dass mein bereits vor über einem halben Jahr vorgelegtes Thesenpapier zur Gemeindeentwicklung (hier zum Download -- ich möchte behaupten, große Teile davon lassen sich unschwer auf andere Gemeinden übertragen) diskutiert wird. Vielleicht sollte ich für jede Sitzung einen thematisch passenden Abschnitt heraussuchen. Aber es ist eben auch schwierig, sich auf eine Sitzung vernünftig vorzubereiten, wenn man die Tagesordnung erst einen Tag vorher bekommt. 

Die Alternative wäre, es einfach zu lassen. Den Staub von den Füßen zu schütteln und, mit den unsterblichen Worten König Friedrich Augusts III. von Sachsen, zu sagen "Macht euren Dreck doch alleene". Aber was dann? Wenn man innerhalb der bestehenden Strukturen nicht fruchtbringend für das Reich Gottes arbeiten kann, wie kann man es dann außerhalb dieser Strukturen tun? Diese Frage dürfte, ganz unabhängig von den konkreten Verhältnissen vor Ort, noch erheblich an Dringlichkeit zunehmen, je konsequenter die institutionelle Kirche in Deutschland auf ihrem Schismatischen Weg voranschreitet. Ein paar Denkanstöße dazu gibt's in den Linktipps. 

Am Donnerstag machten das große Kind und ich uns ziemlich spontan und ungeplant einen ausgedehnten Vater-Tochter-Tag: Während meine Liebste mit dem Baby zu Hause blieb, erkundeten wir die Kinderbuchabteilung der Humboldt-Bibliothek, schauten bei der Kirche vorbei und trafen dort eins der Nachbarsmädchen, mit dem Bernadette eine Weile im Garten spielte; später schauten wir dann noch am Sportplatz des FC Arminia Tegel beim Fußballtraining zu, und als das Kind dann immer noch nicht nach Hause wollte, zockelten wir einfach noch eine Weile mit dem Bollerwagen durch die Gegend, bis ich fand, es sei Zeit, das Abendessen vorzubereiten. -- Zum Ausgleich hatte ich am Freitag mal einen Nachmittag für mich, während Frau und Kinder mit den Omas ins unlängst wiedereröffnete Strandbad Tegel gingen. 

Am Samstag erhielt ich eine Büchersendung vom Herder-Verlag; ich nahm an, es würde sich um ein Rezensionsexemplar von "Den ersten Schritt macht Gott" von Bischof Stefan Oster und meinem Freund Rudolf Gehrig handeln, aber tatsächlich war es ein Rezensionsexemplar von "Alfred Bengsch - Bischof im geteilten Berlin" von Stefan Samerski. Drei Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin. Sehr erfreulich, zumal ich das andere Buch wohl auch noch bekommen werde. Die Bengsch-Biographie nehme ich jedenfalls in Etappe 9 meines Lektüreplans für die "100-Bücher-Challenge" auf, und wenn ich das Buch ausgelesen habe, spende ich es dem Büchereiprojekt. 

Am frühen Samstagnachmittag brachen wir dann zu viert auf zum Linienstraßenfest. Bei dieser Veranstaltung handelte es allerdings, anders als der Name nahezulegen schien, nicht so sehr um ein Fest der Anwohner der Linienstraße insgesamt, sondern eher um eine Art Soli-Party für das Haus Linie 206, eine der namhaftesten Trutzburgen der Hausbesetzerszene. 

Symbolbild: Sommer in Berlin
(Innenhof der Linie 206) 

So sieht das Haus von außen aus... 

...und hier sieht man den Kontrast zum Nachbarhaus. Seh'n Se, dit is Berlin. 

Bereits auf dem Weg dorthin, an der Ecke Linienstraße/Rosenthaler Straße, erlebten wir eine recht skurrile Szene mit: Vom Hackeschen Markt her näherte sich eine kleine, aber dank Lautsprecherwagen dennoch geräuschvolle Querdenker-Demo, und hinter einer Polizeiabsperrung hatte sich eine Gruppe linker Aktivisten versammelt, die den Demonstrationszug mit antifaschistischen Slogans empfingen -- weil "Coronaleugner" dem offiziellen Narrativ zufolge schließlich "rechts" sind, na logisch. Gerade sinnierte ich noch leicht amüsiert darüber, dass die Teilnehmer der Querdenker-Demo vermutlich ebenfalls überzeugt waren, gegen den Faschismus auf die Straße gegangen zu sein -- da begann die Mikrofon-Inhaberin der Querdenker-Demo tatsächlich zu skandieren "Alle! Zusammen! Gegen den Faschismus!", und ich hatte den Eindruck, dass die Antifa-Gegendemonstranten vor lauter Verwirrung zumindest teilweise in diesen Sprechchor einstimmten. 

Ich fand diese Szene durchaus über die rein anekdotische Skurrilität hinaus bezeichnend. Denn was immer man inhaltlich von den Positionen der Querdenker halten mag, liegt es doch auf der Hand, dass sie derzeit erheblich konsequenter und glaubwürdiger den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse verkörpern als die Antifa. Und das, so möchte ich behaupten, verweist wiederum auf ein weit grundlegenderes Problem der radikalen Linken, das über die Frage der Compliance mit Corona-Vorschriften weit hinausgeht. 

Finde den Fehler. 

Damit meine ich das Problem, dass die rebellische Attitüde der Linksautonomen immer weniger authentisch wirkt, je mehr die Positionen, die sie vertreten, im Mainstream ankommen. Die Linke hat den Kulturkampf (bis auf Weiteres) gewonnen, inszeniert sich aber weiterhin als furchtlose Barrikadenkämpferin gegen die Übermacht von Gott, Staat und Patriarchat; ich kann nicht anders, als das ein bisschen albern zu finden. Okay, natürlich sind die Hausbesetzer nach wie vor gegen den Kapitalismus, aber große Teile ihrer sozialpolitischen Visionen sind vom Woke Capitalism aufgekauft worden, der sie, wie es dem Kapitalismus nun einmal eigen ist, billiger, schneller und in leuchtenderen Farben nachbaut. 

Dass sich mir solche Gedanken aufdrängen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich kürzlich endlich die vierte Folge (von sieben) von Darryl Coopers Podcast über Jim Jones und den People's Temple zu Ende angehört habe. Darin ist viel vom Niedergang linker Bewegungen in den USA die Rede -- wie etwa der Studentenvereinigung SDS (Students for a Democratic Society, nicht zu verwechseln mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der allerdings eine teilweise durchaus vergleichbare Entwicklung durchmachte), die sich in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren durch mehrere Radikalisierungswellen und ideologische Grabenkämpfe selbst zerlegte, wobri auch die Sexuelle Revolution eine durchaus destruktive Rolle spielte. Wenn man bedenkt, dass seither ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen ist, könnte man auf die Idee kommen, so ein linksautonomes Straßenfest sei nur graduell weniger anachronistisch als ein Mittelaltermarkt. 

Und dennoch ist mir die Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen grundsätzlich sympathisch, und die Leute, die man da trifft, ebenso; und die Linie 206 ist mir noch mal extra sympathisch, weil sie es schafft,  in einem ansonsten gnadenlos durchgentrifizierten Stadtteil voller Hipstercoffeeshops, Boutiquen und E-Scooter-fahrenden Yuppies zu überleben wie ein gallisches Dorf. -- Ein paar ehemalige Bekannte traf ich auch; kann man das eigentlich so sagen? Ehemalige Bekannte? Kann man jemanden, den man früher mal gekannt hat, irgendwann nicht mehr kennen? Nun ja, anscheinend geht das. Der Wirt einer Kneipe, in der ich bestimmt zehn Jahre lang Stammgast war, sieht inzwischen aus wie ein Studienrat an meinem alten Gymnasium, und das, obwohl er sich eigentlich gar nicht so sehr verändert hat. Das gibt zu denken, sagt aber vielleicht auch ein bisschen was über mein altes Gymnasium aus. 

Wie dem auch sei, beim Linienstraßenfest gab's preiswerte Getränke, leckeren Kuchen und sehr leckere Fritten, Livemusik und Akrobatik, und am Bücherstand der Anarchistischen Bibliothek Kalabal!k griff ich für schmales Geld einen Band mit Texten zur informellen Organisation 1845-1948 ab. Dürfte interessant werden! -- Nach ungefähr eineinhalb Stunden strichen wir aber doch die Segel und zogen weiter zu einem nahegelegenen Spielplatz. 

Am gestrigen Sonntag war Mariä Himmelfahrt, in Berlin allerdings zugleich auch der erste Sonntag seit Beginn des neuen Schuljahres, weshalb in unserer Pfarrkirche Familiengottesdienst mit Schulanfängersegnung auf dem Zelebrationsplan stand. Da wichen wir lieber aus auf die Allerheiligenkirche in Borsigwalde; dort gab es eine Kräutersegnung, und wir durften uns sogar ein vom Förderverein spendiertes Kräutertütchen mitnehmen. Außerdem erfuhren wir, dass das Singen im Gottesdienst ab sofort wieder erlaubt sei, und das wurde auch ausgiebig genutzt: Es gab ein gesungenes Kyrie, gesungenes Gloria, einen gesungenen Kehrvers im Antwortpsalm, ein gesungenes Vaterunser, gesungenes Sanctus, Agnus Dei und sogar einen gesungenen Entlassungssegen. Jetzt warte ich eigentlich nur noch darauf, dass die Mundkommunion wieder zugelassen wird... 


Was ansteht: Die aktuelle Woche sieht im Terminkalender noch einigermaßen entspannt aus; das wird nächste Woche ganz anders, aber dazu zu gegebener Zeit mehr. Natürlich bedeutet das auch, dass ich wohl ganz gut daran täte, mich frühzeitig darum zu kümmern, mich auf die ab nächster Woche anstehenden Termine gründlich vorzubereiten. Dazu gehört auch, an der nächsten Ausgabe der "Lebendigen Steine" zu arbeiten, denn der Redaktionsschluss wirft schon wieder seine Schatten voraus.

Gleichwohl erwäge ich wieder einmal, heute  erst einmal zum von meiner Liebsten organisierten kindergartenfrei-Familientreffen im Bürgerpark Pankow mitzukommen. Kann mich dann ja eventuell nach einer Weile wieder abseilen. Morgen ist natürlich wieder Lobpreis; der "Omatag", der üblicherweise meist mittwochs ansteht, fällt diese Woche wohl aus, da die Omas in Urlaub sind. Am Donnerstag ist der Gedenktag des Hl. Johannes Eudes, der, weil er ein großer Förderer der Herz-Jesu-Verehrung war, in "meiner" Pfarrkirche auf einem Buntglasfenster verewigt ist: 

Am Samstag laden wir - zum ersten Mal seit 17 Monaten! - wieder zum Krabbelbrunch ins Gemeindehaus von Herz Jesu Tegel ein. Natürlich unter Beachtung der aktuell gültigen Hygienevorschriften. In der Vergangenheit kamen zu dieser Veranstaltung zwar nie so viele Leute, dass Probleme mit der für den Saal zugelassenen Personenanzahl zu befürchten wären, aber vorsichtshalber bitten wir trotzdem um Anmeldung. Und am Sonntag, dem 22. August, findet ab 16 Uhr das erste "Maria 1.0"-Regionaltreffen für das Erzbistum Berlin statt. Als Zoom-Konferenz. Leser und besonders Leserinnen aus dem Hauptstadtbistum seien hiermit herzlich eingeladen, daran teilzunehmen (Anmeldung per Mail erforderlich, dann gibt's den Zoom-Link). Ich bin gespannt!  


Linktipps: 

Vorweg: Von der Existenz von Hanniel Strebels Blog habe ich ursprünglich durch Theóradár, den alten Westgotenhäuptling, erfahren, und wer meinen fast fünf Jahre alten Artikel über dieses Ranking-Datenbank-Projekt für christliche Blogs (oder was sich so nennt) nachliest, der wird feststellen, dass ich dort angemerkt habe, ich fände "Hanniel bloggt" "eher gruselig, ohne genau sagen zu können, woran das liegt". Nun ja: Ein erster Eindruck. Hanniel Strebel, ein studierter Betriebswirt, der seine Brötchen in der betrieblichen Erwachsenenbildung verdient, daneben aber auch einen US-amerikanischen Hochschulabschluss in Theologie hat, schien mir ein knallharter, knochentrockener Evangelikaler zu sein, sehr verkopft, verklemmt, verbissen -- sehr ähnlich jenen Evangelikalen, die vor jemandem wie Johannes Hartl warnen, weil der schließlich katholisch sei und darum alle möglichen "unbiblischen" Glaubenslehren vertrete. In diesem Punkt war dieser mein erster Eindruck nachweislich falsch, und in einigen anderen wohl auch. Dazu veranlasst, dem Hanniel-Blog sozusagen noch eine zweite Chance zu geben, wurde ich zunächst durch sehr nachdrückliche Empfehlungen, die aus dem christlichen Segment der kindergartenfrei- und Homeschooling-Szene an mich herangetragen wurden, und dann, ich gebe es zu, vor allem auch dadurch, dass er Rod Drehers "Benedikt-Option" sehr wohlwollend rezensierte. Mein absoluter Lieblingsblogger ist Hanniel nach wie vor nicht und wird es wohl auch nicht mehr werden, aber ich finde doch, dass er zuweilen Interessantes und Bedenkenswertes zu sagen hat. 

-- Da ich gerade seine #BenOp-Rezension erwähnte: Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich bei meiner Übersetzungsarbeit an die Stelle kam, an der Rod Dreher seinen Lesern ungerührt den Rat gibt, ihre eigenen Kirchen (bzw. wohl eher Kirchengemeinden) zu gründen, und wie ich dabei an das Stirnrunzeln denken musste, das dieser Vorschlag wohl bei vielen katholischen Lesern auslösen würde. Womit wir direkt beim Thema des hier zur Debatte stehenden Hanniel-Artikels wären: Sicherlich muss man beachten, dass Hanniel, wenn er über Gemeindeneugründungen spricht, von einem dezidiert protestantischen Kirchenverständnis (dazu äußere ich mich gleich noch genauer) und von freikirchlichen Organisationsstrukturen ausgeht; das schließt aber, wie ich finde, nicht aus, dass man auch aus katholischer Sicht "etwas damit anfangen kann" -- mutatis mutandis, versteht sich. 

Ich will Hanniels zehn Thesen zum Thema Gemeindeneugründung hier nicht Punkt für Punkt durchgehen - da bliebe für Dich, Leser, schließlich nichts mehr zum Selberlesen übrig -, aber so viel sei doch verraten, dass gleich der erste seiner zehn Punkte ein echtes Aha-Erlebnis für mich bereithielt. Ich zitiere: 

"Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann besteht sehr wohl genügend Platz für neue Gemeinden."

Was mich an dieser lakonischen Aussage so fasziniert, ist der fundamentale Gegensatz zur Denkstruktur großkirchlicher Pastoralstrategen; denn die würden ja wohl eher sagen: "Wenn 95-98 % der Einwohner einer Region nicht mehr zur Kirche gehen, dann kann man die Kirche dort auch zumachen." Sich "aus der Fläche zurückziehen" wie die Deutsche Post oder neuerdings die Commerzbank. Hanniel hat da einen entschieden anderen Ansatz: Das Wort Gottes muss verkündet werden, muss zu den Leuten gebracht werden et pereat mundus, und wenn die bestehenden Kirchen das nicht gebacken kriegen, dann braucht es für diese Aufgabe eben neue Kirchen. Hier kommt nun allerdings das bereits angemerkte protestantische Kirchenverständnis zum Tragen; wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb:

"Protestantische Ekklesiologie geht - zugespitzt gesagt - vom Ansatz her eigentlich kaum über die jeweilige Ortsgemeinde als Versammlung von Gläubigen hinaus, größere organisatorische Einheiten haben da gewissermaßen nur eine rein verwaltungstechnische Funktion; es gibt demnach kaum überzeugende theologische Argumente dafür, warum eine Gruppe protestantischer Gläubiger, wenn sie sich innerhalb ihres Verbands nicht genügend repräsentiert sieht, nicht austreten und ihren eigenen Verein gründen sollte. Und genau das geschieht ja in der Geschichte des Protestantismus praktisch permanent." 

Für jemanden, der katholisch ist und bleiben will, stellt sich der Sachverhalt denn doch erheblich anders dar; denn der katholische Glaube besagt nun einmal, dass die "einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen [...], verwirklicht [ist] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird" (Lumen Gentium 8). Und diese Kirche ist nun einmal territorial organisiert -- was dazu führt, dass es, egal wo man hinkommt, selbst an Orten, an denen weit und breit keine katholische Kirche zu finden ist, immer schon eine zuständige Pfarrei gibt, und einen Ortsbischof, dessen kirchenrechtlicher Jurisdiktion man unterliegt. 

Was kann man aber dann tun? Zum Beispiel "Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt [...] gründen und [...] leiten" (can. 215 CIC) und "durch eigene Unternehmungen [...] eine apostolische Tätigkeit in Gang [...] setzen oder [...] unterhalten" (can. 216 CIC); das kann nämlich jeder, ohne dafür eine Erlaubnis von irgendwem zu benötigen. Gerade da in den deutschen Diözesen die Schaffung von Großpfarreien von zum Teil wirklich unüberschaubarer Fläche massiv voranschreitet, dürften sich allerlei Freiräume für diese Art von  Graswurzelinitiativen auftun. Und auf solche freien Vereinigungen von Gläubigen lässt sich - mutatis mutandis, wie gesagt - Manches von dem anwenden, was Hanniel über Gemeindeneugründungen sagt; ich denke dabei besonders an seine Punkte 7 ("Ein Kernstück im ent-kirchlichten Westen wird das gemeinsame Leben sein – also die Kunst eines christlichen Lebens in den beiden Ständen als Familien und Singles") und 8 ("Gastfreundschaft [...] über Generationen, Nationalitäten, soziale Schichten und Interessensschwerpunkte hinweg ist ein Schlüssel für Evangelisation und das Entfalten der Schönheit der von Christus wiederhergestellten Beziehungen"). 

Auch als Mitglied einer solchen freien Vereinigung von Gläubigen untersteht der Katholik natürlich immer noch der Autorität seines jeweiligen Ortsbischofs, und die Gemeinschaften werden gut daran tun, auch zu der für ihren Standort zuständigen Pfarrei ein möglichst gutes Verhältnis zu pflegen, zumal sie ja auch einen Priester benötigen, der ihnen die Sakramente spendet. Gleichwohl halte ich es für durchaus denkbar, dass aus solchen eher informellen Zusammenschlüssen von Gläubigen auf längere Sicht neue Gemeinden entstehen können, die irgendwann in Zukunft, wenn die Großpfarreien sich als Irrweg erwiesen haben werden, vielleicht auch den Status eigenständiger Pfarreien bekommen können. -- Ich schätze, zu diesem Thema wird man hier noch öfter etwas lesen. 

Auch den oder das Jugendleiter-Blog (den oder das es auch als App gibt, kein Scheiß) habe ich über Theoradar entdeckt; der Gründer und (laut Selbstbezeichnung) "Kopf hinter dem Jugendleiter-Blog", Daniel Seiler, ist ein Eigengewächs des BDKJ  Coburg und der Franziskanische Jugend Coburg St. Marien und kann auf über zehn Jahre "Erfahrung in der Leitung und Organisation von Gruppenstunden und Ferienlagern" zurückblicken, die er mittels seines Blogs weitergeben möchte. Soweit, so schön --oder auch unschön, je nachdem, was man so von der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit hält. Der zufälligerweise erste Artikel des Jugendleiter-Blogs, den ich je zu Gesicht bekommen habe, erscheint jedenfalls geeignet, meine schlimmsten diesbezüglichen Vorurteile zu bestätigen. 

"Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" Jede*r, der/ die das Dschungelcamp auch nur einmal geschaut hat, kann sich wohl an diesen Satz erinnern. Von unappetitlichen Dschungel-Buffets, über krabbelige Aufgaben, bis hin zu aufregenden Mutproben ist beim Dschungelcamp wirklich alles dabei. 

Äh ja. Und? 

Veranstaltet eurer eigens lustiges und vor allem verrücktes Dschungelcamp.

Ähm. Nö. Mal abgesehen davon, dass da statt eines Punkts ein Ausrufezeichen hingehört: Wieso sollte man so etwas tun? 

Weil, meint Daniel Seiler, "die Teilnehmer*innen" dabei lernen, "Ängste und Ekel zu überwinden". Aha. Also zum Beispiel den Ekel, den ich empfinde, wenn ich sowas lese? -- Zu der Frage, ob kirchliche Kinder- und Jugendgruppen gut daran tun, ihrer Klientel den Ekel abzutrainieren, würden mir so einige Anmerkungen einfallen, sarkastische wie bitterernste; aber die darfst Du, Leser, Dir selbst ausmalen, derweil ich mich auf den Hinweis beschränke: Wer den ausgesprochen entzückenden Pixar-Film "Alles steht Kopf" gesehen hat, der weiß, dass Ekel eine durchaus sinnvolle Funktion erfüllt -- nämlich vor Vergiftung zu schützen, und zwar körperlich wie auch mental. 

Womit wir beim Thema wären: mentale Vergiftung. Die Spielideen, die in diesem Blogartikel vorgestellt werden - mit verbundenen Augen verschiedene Lebensmittel am Geschmack erkennen, Wasser mit einem Löffel transportieren, einen Stein auf dem Fuß balancieren - sind an und für sich gar nicht mal so doof oder zumindest nicht besonders schändlich; ich könnte mir vorstellen, dass so etwas bei Kindergeburtstagen gut ankommt. Mit anderen Worten, als Zielgruppe für solche Spielideen stelle ich mir vorrangig Kinder im Grundschulalter vor. Ist das aber eine Zielgruppe, von der man annehmen sollte, dass sie das RTL-"Dschungelcamp" kennt? 

Nun, eigentlich sollte überhaupt niemand das RTL-"Dschungelcamp" kennen. Ich denke, diese Aussage sollte man nicht begründen müssen. Es ist ein Sendeformat, das alle, die daran beteiligt sind - einschließlich der Zuschauer, ja besonders die Zuschauer - beschmutzt, entwürdigt, entmenschlicht. Das Konzept "Dschungelcamp-Gruppenstunde" geht nun offensichtlich von der Voraussetzung aus, dass tatsächlich aber eben doch so ziemlich jeder diese Sendung kennt - was vermutlich eine einigermaßen realistische Einschätzung ist, aber wie der alte Hegel sagen würde: "Desto schlimmer für die Tatsachen!" -, und will sich diesen Umstand zunutze machen, um das eigene Angebot interessant zu machen. Was letztlich darauf hinausläuft, dass die kirchliche Jugendarbeit sich opportunistisch an die dekadente Massenkultur anbiedert, anstatt ihr etwas entgegenzusetzen. Denjenigen Teilnehmern, die schäbige RTL-Shows kennen und womöglich sogar anschauen, wird vermittelt, das sei ganz normal und völlig in Ordnung, und diejenigen, deren Eltern es bisher womöglich gelungen ist, sie davon fernzuhalten, werden auch noch neugierig darauf gemacht. -- Überraschen sollte einen derartige Zustände in der kirchlichen Jugendarbeit aber wohl nicht. "Engagierte Eltern können die moralische und geistliche Erziehung ihrer Kinder nicht einfach an die Kirche oder eine kirchennahe Organisation delegieren", stellt Rod Dreher in der "Benedikt-Option" fest -- und führt aus: 

In einer Reihe von Interviews, die ich im Zuge der Arbeit an diesem Buch mit einem breiten Spektrum von Christen geführt habe, hörte ich immer wieder Beschwerden darüber, dass kirchliche Jugendgruppen mehr danit beschäftigt sind, die Kinder zu bespaßen, als sie zu Jüngern Jesu zu erziehen. Eine evangelikale Jugendliche erzählte mir, sie sei aus ihrer kirchlich organisierten Jugendgruppe ausgestiegen, weil es ihr zunehmend gegen den Strich ging, wie die anderen Gruppenmitglieder rauchten, tranken und Sex hatten. "Ehrlich gesagt hänge ich lieber mit ungläubigen Kids ab", sagte sie mir. "Die akzeptieren mich, obwohl sie wissen, dass ich gläubig bin. Wenn ich mit denen zusammen bin, kriege ich wenigstens ein Gefühl dafür, was es heißt, Christ zu sein." (S. 206f.) 

Sicherlich gilt das nicht immer und überall. Im Einzelfall gibt es bestimmt auch in der verbandlich organisierten kirchlichen Jugendarbeit Mitarbeiter, die nicht nur bek der Bespaßung der jungen Leute (denn dass diese auch ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist, soll hier nicht bestritten werden), sondern auch bei Evangelisierung, Katechese und Anleitung zur Jüngerschaft gute Arbeit leisten. Aber im Ganzen, so wage ich zu behaupten, ist die institutionelle Jugendarbeit der Volks- und Großkirchen darauf nicht ausgerichtet. Deren eigentliches Zielpublikum sind Leute, die sich der Kirche irgendwie (noch) verbunden fühlen, obwohl sie mit dem ganzen Glaubenskram eher nicht so viel anfangen können. Diesen Leuten - bzw. deren Kindern, als der nächsten Generation potentieller Beitragszahler - will man positive Erlebnisse im Zusammenhang "mit Kirche" bieten, um sie an die Institution zu binden. Em tasol, wie man in Papua-Neuguinea sagen würde. 

Aber vielleicht sollte ich mich nicht so sehr auf einen alles in allem doch eher banalen Jugendleiter-Blog-Beitrag einschießen. Schließlich geht es, wie wir gleich sehen werden, noch erheblich blöder: 

Vor Jahren schrieb ich mal über das oft recht peinlich anmutende Bemühen der Großkirchen, von der Massenwirkung medialer Großereignisse wie der Fußball-WM oder des Eurovision Song Contest ein paar Brosamen zu erhaschen, das sei "in etwa so, als hätte der Prophet Elija am Fuße des Bergs Karmel einen Kiosk eröffnet, um denen, die zum Baalskult pilgern, Popcorn in Tüten mit dem Logo seines Gottes zu verkaufen". Nun ist die Satire einmal mehr von der Realität überholt worden. Unter dem Motto "paradEIS" bietet das Erzbistum Berlin, finanziell gefördert u.a. vom Bonifatiuswerk (!), derzeit und noch bis zum 22. August kostenlos Eiscreme an. Okay, kann man machen, Eis mag  ja schließlich so ziemlich jeder. Der  Haken an der Sache ist, dass die Aktion partout eine irgendwie symbolische Ebene haben muss. Und da wird's dann mehr als nur peinlich. 

Die Begeisterung, die alle für Eis haben – die hätten wir auch gern für den Glauben. Der Glaube an sich ist schließlich etwas Sinnliches", erklärt Pastoralreferentin Carla Böhnstedt, die das neue Projekt "paradEIS" konzipiert hat. Dabei gehe es nicht um Missionierung --

Ja nee klar, natürlich nicht. Soll ich Dir mal was sagen, Leser? Ich wünsche mir eine Kirche, in der Aussagen wie "Wir wollen nicht missionieren" ein Grund für eine fristlose Kündigung sind. Aber keine Bange, es kommt noch ärger. Die "Citypastoral des Erzbistums" hat für diese Eiswagen-Aktion nämlich "fünf besondere Eissorten" kreiert: 

"Eden für jeden" weist etwa daraufhin, dass auch im Glauben jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Die Sorte "Trostgold" wird als "Sattmacher für die Seele" angepriesen. Und "Traute Nuss" soll mit ihrem erwartbar knackigen Geschmack Urvertrauen wecken. Als Topping gibt es etwa "Streuzweifel" oder "Fragsahne". Jeder Kunde soll - so die Idee - zunächst überlegen, was für seinen Glauben wesentlich ist und dann entsprechend wählen. 

Entwickelt wurden diese fünf Eissorten übrigens in Zusammenarbeit mit der Berliner Eismanufaktur "Süße Sünde". Im Ernst. Die Leute merken überhaupt nichts mehr, oder? "Ein Denkanstoß soll das Ganze sein, ein leichtes Augenzwinkern"; mich hingegen beschleicht der Eindruck, dass die "Citypastoral"-Leute vor lauter Augenzwinkern schon nicht mehr geradeaus gucken können. -- 

Mir geht da wirklich jeglicher Humor ab. Das Ganze ist für mich ein schauriger Einblick in die Gedankenwelt von Leuten, denen man niemals eine Position in der Kirche hätte geben dürfen. Weil sie nicht im Ansatz verstehen, was die Kirche ist und wozu sie da ist, geschweige denn, was die Kirche unter Glauben versteht. Ich zitiere mal, der Geschmeidigkeit halber, den YOUCAT: 

Der Glaube ist das Persönlichste eines Menschen, aber er ist dennoch keine Privatsache. [...] Der einzelne Gläubige gibt seine freie Zustimmung zum "Wir glauben" der Kirche. Von ihr hat er den Glauben empfangen. Sie war es, die ihn durch die Jahrhunderte zu ihm herübergetragen, vor Verfälschungen bewahrt und immer wieder zum Leuchten gebracht hat. Glauben ist daher Teilnahme an einer gemeinsamen Überzeugung. (YOUCAT, 24) 

Aber nicht bei der Citypastoral! Da kann, darf und soll jede*r glauben, wie und was und woran er*sie mag, und die Kirche lächelt fein dazu und sagt "Schön, das wir drüber  geredet haben". -- Ich finde es ziemlich traurig, dass "mein" Erzbischof, den ich persönlich durchaus schätze, bei sowas mitmacht. Man muss allerdings einräumen, dass das durchaus in das Gesamtkonzept von Öffentlichkeitsarbeit passt, das Heiner Koch verfolgt, seit er Erzbischof von Berlin ist (oder vielleicht auch schon vorher), und das im Wesentlichen darin besteht, "Kirche" in der Öffentlichkeit auf positive, d.h. sympathisch 'rüberkommende Weise sichtbar zu machen. Die gute Absicht kann ich durchaus anerkennen, aber ich halte diese Strategie dennoch für problematisch -- und dafür, was daran so problematisch ist, ist die Aktion "paradEIS" letztlich nur ein besonders illustratives Beispiel. 

Diesen Blogartikel hat meine Liebste auf Twitter entdeckt und dort mit dem lakonischen Kommentar "Weil isso" re-tweetet. Es geht darin, kurz und schlicht gesagt, um die Feststellung, dass ein Familienmodell, in dem sich beide Eltern zu ungefähr gleichen Teilen um die Kinder kümmern, schlechterdings nicht arbeitsmarktkompatibel ist: 

"Ich lese immer wieder, wie Frauen sich beschweren, dass sie in der Berufswelt nicht mehr ernst genommen werden, sobald sie Kinder haben. Gute Jobs werden ihnen verweigert, oder sie werden nach Ablauf der Elternzeit nicht weiterbeschäftigt, eben weil sie Mütter sind. 

Daneben haben Väter allerdings auch nicht viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. 

Wer nicht voll für den Arbeitgeber zur Verfügung steht, wird entsorgt."
Und weiter: 
"Eine Umfrage im örtlichen Radio vor etlichen Wochen ergab genau das, was wir auch schon herausfanden: Die Arbeitgeber wollen keine Halbtageskräfte. Entweder Vollzeit, voll zu ihrer Verfügung, oder gar nicht."

Obendrein stellt die Verfasserin fest, ein System, das darauf ausgerichtet sei, dass Eltern Vollzeit arbeiten und ihre Kinder zu diesem Zweck in Ganztagsbetreuung zu geben, benachteilige besonders "die, die an der Basis mit Menschen oder ihren eigenen Händen arbeiten" --
"denn diese Menschen haben häufig Schichtarbeit, oder eben Arbeitszeiten, für deren Zeit es keine Kinderbetreuung gibt."

Den Ansatz, dieses Problem durch "24h Kinderbetreuung" zu lösen, betrachtet die Verfasserin als "für die Kinder unzumutbar" -- und stellt zudem die Frage: "Wofür hat man dann Familie?" Tja.

Mir persönlich ist der Artikel zwar im Grunde noch nicht radikal genug - insofern, als er im Prinzip immer noch an der Vorstellung festhält, das Schlagwort von der "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" stehe für ein sowohl realisierbares als auch erstrebenswertes Modell und es hapere lediglich an der Umsetzung. Aber okay, was soll man machen, wenn man Familie und Beruf nun mal irgendwie unter einen Hut bekommen muss. So oder so ist der Artikel als auf persönlicher Erfahrung basierende Stellungnahme einer Mutter definitiv lesenswert. 

Ohrwurm der Woche: Kris Kristofferson, "To Beat the Devil" (1970) 

Ich werde wohl nie vergessen, wie ich in den Besitz des Albums kam, auf dem dieser Song erschienen ist: Eines Tages kam ich in einen kleinen Second-Hand-Plattenladen und fragte den Inhaber nach "bekifft klingendem Bluesrock". Er hatte ein paar Empfehlungen für mich, aber so richtig überzeugte mich nichts davon -- bis mir plötzlich auffiel: :Sag mal, was läuft da eigentlich gerade im Hintergrund?" -- "Das ist das Debütalbum von Kris Kristofferson", teilte mir der Ladeninhaber strahlend mit. "Gerade neu auf CD rausgekommen mit vier Bonustracks." 

Okay: Bluesrock war das nicht direkt , aber ich kaufte ihm die CD auf der Stelle ab und habe es nie bereut. Erstaunlich finde ich eigentlich , dass ich den Song "To Beat the Devil" nicht in meine "Sound der #BenOp"-Hitliste aufgenommen habe; er würde sich da stilistisch gut einfügen, und nicht nur der Titel ist entschieden #benOppig, sondern auch und vor allem der Text des zweiten Refrains. Übrigens auch sehr motivierend, wenn man mal wieder frustriert vom Kampf gegen institutionelle Windmühlen ist... 


Aus der Lesehore: 

Ich bitte dich, denk daran, dass unser Herr Jesus Christus dein Haupt ist und dass du eines deiner Glieder bist. Er will, dass alles, was in ihm ist, in dir lebt und herrscht: sein Geist in deinem Geist, sein Herz in deinem Herzen, alle Fähigkeiten seiner Seele in den Fähigkeiten deiner Seele, damit sich an dir das Wort erfüllt: "Verherrlicht Gott und tragt ihn in eurem Leib, damit das Leben Jesu an euch sichtbar wird" (1 Kor 6,20). 

 Sei eins mit Jesus wie die Glieder mit dem Haupt. Darum musst du einen Geist mit ihm haben, eine Seele, ein Leben, einen Willen, eine Absicht, ein Herz. Er muss dein Geist sein, dein Herz, deine Liebe, dein Leben und alles, was dein ist.  

(Hl. Johannes Eudes, "Über das bewundernswerte Herz Jesu")  


 

Montag, 2. August 2021

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #9 (18. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Für Montag hatte meine Liebste, wie berichtet, ein Treffen mit einigen anderen "kindergartenfrei" lebenden Eltern und Kindern arrangiert, im Rosengarten im Bürgerpark Pankow; unser Aufbruch dorthin gestaltete sich etwas chaotisch, und nachdem wir noch Getränke für unterwegs gekauft hatten, stellten wir fest, dass wir doch noch ein paar Sachen zu Hause vergessen hatten, die wir besser mitnehmen sollten, also ging ich allein noch einmal zurück, während der Rest der Familie am Bahnsteig der S-Bahn auf mich wartete. Und auf diesem kurzen Weg lief ich unseren nigerianischen Pfarrvikar über den Weg -- der mich mit den Worten begrüßte: "Ich habe Glück, dass ich dich treffe." Wie sich zeigte, hatte er das Formular für die Anmeldung unseres Jüngsten zur Taufe bei sich und wies mich darauf hin, dass da noch ein paar Angaben fehlten und dass wir außerdem noch einen Termin für die Taufe vereinbaren müssen. Wir einigten uns darauf, uns nächste Woche zu diesem Zweck zusammenzusetzen, und ich freute mich über dieses unverhoffte Zusammentreffen. Gott passt schon darauf auf, dass der Knabe bald getauft wird, sagte ich mir. -- Im Bürgerpark Pankow verbrachten wir nahezu den ganzen Nachmittag, zusammen mit drei anderen Müttern und deren vier Kindern, und die Aussichten scheinen günstig, dass sich daraus ein regelmäßiger Spieltreff entwickelt. 

Am Dienstag gingen wir zum ersten Mal seit drei Wochen mal wieder alle zusammen zum Lobpreis; am Mittwoch war "Omatag", aber da kam ich diesmal (wieder) nicht mit, da ich erstens dringend letzte Hand an die neuen "Lebendigen Steine" anlegen musste und zweitens wieder einen Bücherei-Arbeitseinsatz hatte. Beides übrigens sehr erfolgreich. Beim Büchereiregal knöpfte ich mir das sehr umfangreiche Themengebiet "Religion/Theologie" vor und fing an, es nach inhaltlichen Kriterien zu sortieren; in knapp zwei Stunden bekam ich die Kategorien "Religion allgemein", "Nichtchristliche Religionen", "Biblische Theologie", "Kirchengeschichte" und den allgemeinen Teil der "Systematischen Theologie" geordnet -- und gab mir selbst als Hausaufgabe auf, mir bis nächste (d.h. diese) Woche sinnvolle Unterkategorien für "Systematische" und "Praktische Theologie" zu überlegen. 

Und dabei, dass "Das deutsche Konzil" direkt neben "Böse Jahre" steht, habe ich mir eigentlich fast überhaupt nichts gedacht...

Am Donnerstag hatte ich vormittags ein konspiratives Treffen in Angelegenheiten der örtlichen Kirchengemeinde, und nachmittags beschäftigte ich mich damit, zum ersten Mal in meinem Leben ein Brot zu backen. Ja, okay, ich habe eine Backmischung verwendet. Um in der Wildnis zu überleben, würden meine Fertigkeiten noch nicht ausreichen. Aber es ist ein Anfang. (Vgl. dazu auch das Thema "Bienenkiste" in den Linktipps.) 

Am Freitag verbrachten wir - bei herrlichstem Wetter - praktisch den ganzen Nachmittag auf dem Gelände "unserer" Kirche, wo unsere Tochter mit einigen Mädchen aus den angrenzenden, der Pfarrei gehörenden Mietshäusern spielte, während meine Liebste und ich abwechselnd zur Eucharistischen Anbetung gingen und Gespräche mit anderen, von der Anbetung oder zur Abendmesse kommenden Gemeindemitgliedern führten. Buchstäblich in letzter Minute, nämlich beim Angelusläuten, entschied unsere Große, sie wolle auch zur Abendmesse, also ging ich mit ihr hinein. Anschließend ging's dann zur Lokalausschuss-Sondersitzung zum Thema Opferkerzenständer -- die bemerkenswert gut besucht war, was darauf schließen lässt, dass dieses Thema mehr Leute stärker bewegt, als ich vermutet hätte. Mit einem Urteil darüber, was das - im Verhältnis zum offenkundig weit geringeren Interesse an vielen anderen Fragen - über die Gemeinde aussagt, will ich mich mal vorerst noch zurückhalten, das wäre vielleicht mal ein Thema für einen eigenständigen Artikel. Viel wichtiger ist allemal, dass wir auf dem Nachhauseweg mit einer Familie ins Gespräch kamen, die gerade daran arbeitet, in unserer Straße ein Familienberatungszentrum zu eröffnen -- und die gerade in eines der unserer Pfarrei gehörenden Mietshäuser in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche eingezogen sind. Ein vielversprechender Kontakt! 

Am Samstag gingen wir zu einer Grillparty im Ernst-Thälmann-Park, anlässlich des Geburtstags eines alten Kumpels, zu dem ich in den letzten Jahren nur sehr sporadischen Kontakt gehabt hatte. Einige andere Bekannte "von früher" traf ich dort auch, aber nicht so viele, wie ich erwartet hatte. Als der Gastgeber zu einem anderen Gast, den ich nicht kannte, sagte, ich sei sein "Lieblingskathole", erwiderte dieser: "Wieso katholisch? Ist das nicht verboten in Berlin?" -- Aber Spaß beiseite: Insgesamt war's ein sehr schöner Nachmittag und Abend, auch für die Kinder. 


Was ansteht: Heute Vormittag haben wir, wie oben schon angesprochen, erst mal einen Termin zur Klärung der für die Anmeldung unseres Jüngsten zur Taufe notwendigen Formalitäten; danach ist wieder kindergartenfrei-Spieltreff im Bürgerpark Pankow geplant -- da bin ich allerdings noch nicht völlig sicher, ob ich mitkomme oder die Zeit lieber anders nutze. Ähnliches gilt für den "Omatag", von dem im Augenblick noch nicht klar ist, auf welchen Wochentag er diesmal fallen wird. -- Am ersten Dienstag des Monats würde im Anschluss an die Lobpreisandacht normalerweise der Glaubensgesprächskreis der Gruppe Benedikt stattfinden, aber wie ich erfahren habe, fällt der im August urlaubsbedingt aus; man wird sehen, ob und wie sich das auf die Teilnehmerzahl beim Lobpreis auswirkt. Und am Mittwoch, dem Gedenktag des Hl. Pfarrers von Ars, werde ich um 18 Uhr in Herz Jesu eine schöne Vesper (vor)beten, und zwar unabhängig davon, ob da außer mir jemand kommt oder nicht. Am Donnerstag will meine Liebste mit den Kindern in den Tierpark, das wäre eventuell eine gute Gelegenheit für mich, mit der Sortierung des Büchereiregals weiterzumachen und/oder endlich die 6. Etappe der "100-Bücher-Challenge" fertigzustellen, wenn ich das nicht schon vorher schaffe. Und am Freitag ist das Fest Verklärung des Herrn und zugleich Herz-Jesu-Freitag. Da dürfen meine Liebste und ich im Rahmen der insgesamt dreistündigen Eucharistischen Anbetung eine halbstündige Andacht gestalten - von 17 bis 17:30 Uhr. Ich freu mich drauf. Sehr. 


Zitat der Woche: 

"Wer sind eigentlich diejenigen, die sich immerzu 'wir' nennen? Und wer sind 'die Menschen', von denen sie reden? Es muß sich jedenfalls um zwei verschiedene Gruppen handeln, zwischen denen es keine Verbindung gibt und von denen die erste aus aktiven und die zweite aus passiven Mitgliedern besteht. Die einen holen ab und nehmen mit, die anderen werden 'die Menschen' genannt, abgeholt und mitgenommen. Sie sind Objekte und werden verwaltet." 

(Wiglaf Droste, "Abgeholt und mitgenommen", in: Junge Welt, 26.01.2012)  

Linktipps: 

Vor zwei Wochen habe ich mich hier erstmals mit Jim Jones und seinem People's Temple befasst und dazu einen Artikel verlinkt, von dem ich fand, er eigne sich als ein erster Einstieg ins Thema und zeichne ein recht eindringliches Bild vom katastrophalen letzten Akt dieses Dramas, dem Untergang des People's Temple im Dschungel von Guyana; gleichzeitig fand ich den verlinkten Artikel aber auch ärgerlich oberflächlich und lückenhaft, speziell in Hinblick auf die Jim Jones' Werdegang und die Motive seines Handelns. Umso erfreuter war ich, kurz darauf dank eines Hinweises auf Twitter einen Podcast zu entdecken, der sich der ambitionierten Aufgabe widmet, die Geschichte des People's Temple in einen größeren zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen, und der dabei genau die Fragen stellt und zu beantworten sucht, die ich im Artikel des New Zealand Herald vermisst habe. Der Ansatz des Podcasts, die Geschichte von Aufstieg und Fall des Reverend Jim Jones und seiner People's Temple-Bewegung als paradigmatisch für die Radikalisierung sozialer Bewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu betrachten und darzustellen, erfordert allerdings einen langen Atem: Die siebenteilige Serie hat eine Gesamtlaufzeit von über 30 Stunden (!), und ich muss gestehen, dass ich bisher noch nicht ganz die Hälfte davon anzuhören geschafft habe. In der Prolog-Episode, die, wie der Autor und Sprecher Darryl Cooper erklärt, lediglich eine Art Einstimmung auf das eigentliche Thema darstellen soll, vergeht sogar über eine Stunde, ehe Jim Jones auch nur erwähnt wird. (Dies mal als Hinweis an diejenigen meiner Leser, die finden, meine Artikel seien "immer so lang".) In den letzten 20 Minuten des Prologs werden dann aber zwei Aspekte angesprochen, die für mein Interesse an dem ganzen Thema sehr wesentlich sind: 

  1. die These, wäre Jim Jones einige Jahre früher gestorben, also z.B. Ende der 60er oder Anfang der 70er von einem Auto überfahren worden, wäre er als allseits respektierter Pionier der Bürgerrechtsbewegung und Vorkämpfer gegen Rassendiskriminierung in die Geschichte eingegangen; 
  2. die Einschätzung, in ihrer Spätzeit habe die People's Temple-Bewegung von ihrem Selbstverständnis und ihrer Programmatik her mehr Ähnlichkeit mit der Baader-Meinhof-Gruppe oder der Symbionese Liberation Army gehabt als mit einer religiös fundamentalistischen Sektenkommune. 

Das lässt natürlich die Frage, wie es dazu kommen konnte, umso dringlicher erscheinen; und die Antwort, die Podcaster Cooper darauf gibt, ist, wie gesagt, seeehr ausführlich und facettenreich. Besonders interessiert mich dabei natürlich das Verhältnis zwischen Religion und sozialistischer bzw. kommunistischer Ideologie in der Message des Jim Jones. In Episode 2 erfährt man - der chronologischen Reihenfolge vorgreifend -, dass Jones in seinen späteren Jahren vor versammelter Gemeinde über den Glauben an einem Gott im Himmel spottete, dass er in seinen "Predigten" eine Bibel auf den Boden warf und darauf herumtrampelte -- und dass er gegen Ende seines Lebens behauptete, er sei immer Atheist gewesen und nur zu dem Zweck Prediger geworden, die Leute unter dem Deckmantel der Religion sozialistisch  bzw. kommunistisch zu indoktrinieren. Podcaster Cooper bezweifelt allerdings, dass diese rückblickende Selbstdarstellung der Wahrheit entspricht, und hält es für wahrscheinlicher, dass Jones' Verhältnis zur Religion erheblich ambivalenter und in sich widersprüchlicher war. Nebenbei lernt der geneigte Hörer in Episode 2 eine ganze Menge über das evangelikale Revival der 1950er-Jahre sowie über die Bürgerrechtsbewegung und ihren Kampf gegen verschiedene Formen von Rassendiskriminierung in den USA, in Episode 3 dann vor allem über die Dynamik, die in den 1960er-Jahren weg von einer christlich geprägten und gewaltlosen, hin zu einer zunehmend militanten und dezidiert linksradikalen Protestbewegung führt -- auch da wird Jim Jones wieder kaum erwähnt, dafür erfährt man aber viel Interessantes über Martin Luther King, Malcolm X, Stokely Carmichael und Eldridge Cleaver. Episode 4 beginnt mit einem Exkurs über den Hang der US-Amerikaner (natürlich nicht der ganzen Bevölkerung, aber doch eines signifikanten Teils) zu religiösem Extremismus und Sektierertum, oft in Verbindung mit abseitigen Auffassungen und Praktiken in sexualibus - als Beispiele werden die Mormonen, die Oneida Community und die Bewegung des Father Divine angeführt,  der um 1960 herum zum Vorbild und Mentor für Jim Jones wurde - und leitet dann über zu der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges grassierenden Angst vor einer atomaren Apokalypse. Bald darauf geht es um Jones' rätselhaften Aufenthalt in Brasilien 1962/63, um den sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken - unter denen die Hypothese, Jones habe damals insgeheim auf der Gehaltsliste der CIA gestanden, nicht die unplausibelste ist. Cooper gibt allerdings der Deutung den Vorzug,   Jones' Aktivitäten in Brasilien würden gerade deshalb so viele Fragen aufwerfen, weil sie tatsächlich keinen Sinn ergeben -- weil Jones zu dieser Zeit beginnt, den Verstand zu verlieren. 

Tatsache ist jedenfalls, dass Jones nach seiner Rückkehr aus Brasilien beginnt, sich - und den People's Temple - rapide zu radikalisieren; ein Prozess, der dadurch verstärkt wird, dass er den Sitz des People's Temple von Indianapolis nach Kalifornien verlegt, an einen Ort, von dem er glaubt, dort sei es möglich, einen Atomkrieg zu überleben. Und viel weiter bin ich mit dem Anhören noch nicht gekommen. 

Zusammenfassend gesagt empfiehlt sich diese Serie vor allem dadurch, dass sie sich darum bemüht, die Geschichte von Jim Jones in einen größeren zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang einzuordnen, sowie dadurch, dass Podcaster Darryl Cooper der Versuchung widersteht, Jones von vornherein zu dämonisieren, und stattdessen der Frage nachgeht, ob und wie seine Entwicklung zum größenwahnsinnigen Tyrannen und Massenmörder sich plausibel nacherzählen lässt, wenn man von der Voraussetzung ausgeht, er habe ursprünglich gute Absichten gehabt. 

Im Übrigen verdanke ich diesem Podcast eine Lektüreempfehlung, die nicht unmittelbar mit Jim Jones und dem People's Temple zu tun hat: "Dedication and Leadership" von Douglas Hyde. Kommt definitiv auf meine Leseliste, wenn ich das Buch irgendwie zu fassen kriege. 

Der Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz der USA, Monsignore Jeffrey Burrill, ist von seinem Amt zurückgetreten, nachdem bekannt geworden ist, dass er über Jahre hinweg regelmäßig eine Dating-App für homosexuelle Männer genutzt hat, um an unterschiedlichen Orten, auch auf dienstlichen Reisen im Auftrag der Bischofskonferenz, Treffen in Schwulenbars und Privatwohnungen zu arrangieren. Heikel daran ist nicht zuletzt, dass Monsignore Burrill in seinem Amt als Generalsekretär auch für die Koordination der Reaktionen der US-Bischofskonferenz auf den Missbrauchsskandal zuständig war. -- Sicherlich sind einvernehmliche Sexualkontakte zwischen Erwachsenen nicht mit dem Missbrauch Minderjähriger auf eine Stufe zu stellen, und Letzteres wird Monsignore Burrill explizit nicht vorgeworfen; dennoch liegt es auf der Hand, welche Auswirkungen die Enthüllungen über die sexuellen Eskapaden des nunmehrigen Ex-Generalsekretärs auf seine Glaubwürdigkeit haben -- und nicht allein auf seine. Ist es wirklich denkbar, dass bis zu den Enthüllungen des Magazins The Pillar (das hier vor ein paar Wochen in einem anderen Zusammenhang schon einmal lobend erwähnt wurde) niemand an verantwortlicher Stelle in der Bischofskonferenz oder allgemein in der kirchlichen Hierarchie etwas von Burrills homosexueller Aktivität gewusst oder geahnt hat? Wie kann es sein, dass so jemand überhaupt in eine solche Position gelangt? 

Mein Freund Rod erinnert in diesem Zusammenhang daran, wen die US-Bischofskonferenz im Jahr 2002 mit der Handhabung des Missbrauchsskandals betraute: Kardinal McCarrick. Zufall? Wohl kaum, meint Rod: Man kommt schwerlich um die Erkenntnis herum, dass es bis in höchste Ränge der kirchlichen Hierarchie hinein verzweigte Karrierenetzwerke von Tätern und Mitwissern gibt, die sich gegenseitig decken und ein natürliches Interesse daran haben, bevorzugt solchen Mitbrüdern zu Schlüsselpositionen zu verhelfen, die infolge eigener Verfehlungen und dunkler Geheimnisse erpressbar sind. Es ist bezeichnend, dass dies eine Debatte ist, die niemand führen will - nicht die säkularen Medien, auch und erst recht nicht die angeblich so "Reform"-beflissenen Protagonisten des "Schismatischen Weges" die in ihren Thesen zu den Ursachen von Missbrauch in der Kirche lieber die Rechtfertigungsstrategien der Täter übernehmen. Nicht minder bezeichnend ist es, dass in der causa Burrill Stimmen laut werden, die den eigentlichen Skandal nicht in den sexuellen Eskapaden des Monsignore sehen (wollen), sondern darin, auf welche Weise The Pillar diese aufgedeckt hat. 

Freund Rod, so kennt man ihn, hat noch einiges mehr zu diesem Thema zu sagen und stellt u.a. eine Querverbindung zu einem Essay des Theologen Larry Chapp über Traditionis Custodes her; der Zusammenhang mag nicht jedem Leser unmittelbar einleuchten, aber was Rod aus Chapps Artikel zitiert, klingt äußerst bemerkenswert -- ich werde den Text wohl mal im Ganzen lesen müssen und komme gegebenenfalls nächste Woche noch einmal darauf zurück. 

Ehe jemand fragt: Ja, der Verfasser dieses Artikels und Erfinder der "Bienenkiste", einer betont einfach gehaltenen Vorrichtung zur Haltung von Honigbienen, ist mein leiblicher Bruder, und man kann wohl behaupten, dass diese Verwandtschaft erheblichen Einfluss auf mein Interesse am Thema Imkerei sowie darauf hat, was ich über dieses Thema weiß. Auf diesen Artikel hier wurde ich aufmerksam, weil mein Bruder ihn auf Twitter geteilt hat. Anlass oder Aufhänger des Artikels ist der Umstand, dass Bienenkisten mittlerweile "sogar in Baumärkten und Discountern verkauft" werden: "Das ist ziemlich das Gegenteil von dem, was mir am Herzen liegt", meint Erhard -- und nimmt diesen Umstand zum "Anlass, einmal ausführlicher zu erläutern, warum ich die Bienenkiste entwickelt habe und wohin sie eigentlich gehört." Nämlich: 

"Die Bienenkiste [...] ist eine einfache Holzkiste, und alle Materialien und Ausrüstungsgegenstände können aus Recycling und Umnutzung von Alltagsgegenständen gewonnen werden. Ich habe alle Informationen zum Bau und Betrieb der Bienenkiste bewusst kostenlos als Open-Source-Konzept veröffentlicht [...]. Jede*r kann sich so eine Kiste bauen und mit der Bienenhaltung beginnen. [...] Bienenkisten stehen in Community-, Permakultur- und Selbstversorger-Gärten." 

Oder, kürzer gesagt: 

"Die Bienenkiste ist gewissermaßen der Bauwagen oder das Tinyhouse unter den Bienenwohnungen und ermöglicht eine Art der Bienenhaltung, die sehr ressourcenschonend und damit auch klimafreundlicher ist. "

Dass man sich, bevor man fröhlich drauflos imkert, die Bienenkiste nach Möglichkeit eigenhändig zusammenbasteln soll, ist Teil des Konzepts -- oder, wenn man so will, der Philosophie hinter dem Konzept: 

"Wer die Kiste selbst baut, sich mit den Details der Konstruktion auseinandersetzt und Zeit und Aufmerksamkeit investieren muss, wird in aller Regel auch der Verantwortung im Umgang mit den Bienen gerecht werden und sich das notwendige Wissen erarbeiten."

Erhard räumt durchaus ein, "dass nicht alle Menschen die Zeit, das Werkzeug oder Talent haben, sich eine Bienenkiste selbst zu bauen"; aber anstatt "[e]ine fertige Bienenkiste im Baumarkt oder Imkereibedarf zu kaufen", regt er an, "dass Menschen, für die ein Selbstbau nicht infrage kommt, sich ja an eine*n örtliche*n Tischler*in wenden können. Hierdurch würde lokales Gewerbe unterstützt, und auch das ist ganz im Geiste einer nachhaltigen Wirtschaft." 

Regelmäßige Leser meines Blogs, denen bereits aufgefallen ist, dass ich immer mal wieder ein gewisses Interesse an Themen wie Nachhaltigkeit, ökologischer Landwirtschaft, Permakultur sowie allgemein an einer naturnäheren, "hobbitmäßigeren" Lebensweise an den Tag lege, wird es kaum überraschen, dass ich das Thema "Bienenkiste" und alles, was da so mit dranhängt, ausgesprochen interessant und anregend finde -- auch wenn mich im verlinkten Artikel die beharrliche Verwendung von Gender-Sternchen sowie von "woken" Schlagwörtern wie "Degrowth" und "Empowerment" eher abtörnen. Möglicherweise bilden allerdings gerade diese Merkmale des Texts einen bezeichnenden Hinweis auf ein gewisses Übermaß an ideologischer Verbohrtheit. In dieser Hinsicht kommt der Leserkommentar von "Bens Bienen" wohltuend pragmatisch daher: "Die Idee hinter der Bienenkiste, oder eher die Philosophie in die das eingewebt ist" - nämlich "ein Rückfahren des Resourcenverbrauchs, eben eine andere Lebensweise" - könne er  für sich selbst "prinzipiell unterschreiben", erklärt dee Kommentator, gibt gleichzeitig aber zu bedenken: "Wir können nicht alle Selbstversorger werden. Die meisten von uns haben da einfach [nicht]den Platz dazu." Umso mehr, argumentiert er, könne und solle man auch in kleinen, unvollkommenen Schritten hin zu einer ökologisch verträglicheren Lebensweise das Gute sehen: 

"Bienenhaltung kann, und war es bei mir, aber sozusagen die Einstiegsdroge in das ganze Thema Umwelt und Nachhaltigkeit sein. Wenn das damit beginnt, dass jemand im Baumarkt eine Holzkiste kauft und im nächsten Jahr die Steine aus dem Vorgarten schmeißt, sehe ich das als Gewinn an."

Das ist, könnte man vielleicht sagen, so ähnlich wie Brotbacken mit Hilfe einer Backmischung. 

Ein Portrait des Catholic Worker-Begründers Peter Maurin, veranlasst durch eine neue Edition seiner "Easy Essays", die praktisch sein gesamtes schriftliches Werk ausmachen: theoretisch-programmatische Kurztexte in Versform, deren Stil von Wortspielen und Wiederholungen geprägt ist und die, wie die Rezensentin Jacquelyn Lee meint, "ein bisschen so klingen wie die Lyrik der Beatniks". Inhaltlich drehen die ursprünglich im Catholic Worker-Magazin publizierten "Easy Essays" um den Versuch, eine auf den Sozialenzykliken der Päpste aufbauende "Philosophie der Arbeit" und ein Programm für eine "Grüne Revolution" zu entwerfen -- so benannt auch und nicht zuletzt in Abgrenzung von der "Roten Revolution" des Kommunismus. 

Jacquelyn Lee bemüht sich, Maurins Ideen aus seiner Biographie herzuleiten und plausibel zu machen, und legt dabei besonderes Augenmerk auf sein Leben in der Zeit vor der Gründung der Catholic Worker-Bewegung, über das ansonsten vergleichsweise wenig bekannt ist. Kommentarwürdig erscheint mir hier besonders Maurins zeitweilige Mitgliedschaft in der linkskatholischen französischen Laienvereinigung Le Sillon: Diese Bewegung wurde im Jahr 1910 vom Hl. Papst Pius X. in der Enzyklika "Notre charge apostolique" wegen ihrer von der kirchlichen Lehre abweichenden politischen Positionen verurteilt, und dieser Umstand wird von konservativen Kritikern der Catholic Worker-Bewegung zuweilen gegen Peter Maurin ins Feld geführt -- der Le Sillon allerdings schon 1909 verlassen hatte, und zwar gerade weil er mit der fortschreitenden Politisierung der Bewegung nicht einverstanden war. Auf diesen Umstand geht allerdings auch Jacquelyn Lee nicht eigens ein. 

Mehr oder weniger explizit unterstreicht der Artikel etwas, das mich an Peter Maurin "schon immer" (also seit ich überhaupt eine Ahnung habe, wer das war) fasziniert hat: Zwar hat Dorothy Day immer darauf bestanden, dass Peter, und nicht sie, der eigentliche Begründer der Catholic Worker-Bewegung gewesen sei - nicht nur der theoretische Vordenker, sondern Herz und Seele der Bewegung -; aber gleichzeitig vermitteln sowohl zahlreiche Anekdoten über ihn als auch die eigentümliche Textgestalt seiner "Easy Essays" den Eindruck, dass Peter Maurin schlichtweg zu sonderbar war, als dass er in der Lage gewesen wäre, eine Bewegung zu gründen; das konnte nur gelingen durch die Zusammenarbeit mit Dorothy, dank ihrer organisatorischen und kommunikativen Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen in der anarchistischen und kommunistischen Szene. 

Wie dem auch sei: Peter Maurins aus dem Manifest der anarcho-syndikalistischen "Industrial Workers of the World" entlehnte Zielerklärung, "eine neue Gesellschaft in der Hülle der alten" aufzubauen, hat eine Menge damit zu tun, was ich mir unter #BenOp und Punkpastoral vorstelle; und wenn Maurin in einem seiner "Easy Essays" ausführt, es bedürfe dazu einer "Philosophie des Neuen / die keine neue Philosophie ist, / sondern vielmehr eine sehr alte Philosophie, / einr Philosophie, die so alt ist, / dass sie aussieht wie neu", dann erinnert mich das frappierend an eine Aussage von Marco Sermarini, die Rod Dreher in der "Benedikt-Option" zitiert: „Wir müssen nur einem alten Weg folgen, die Dinge zu tun – einem Weg, der immer da war und den wir bloß in jüngster Zeit verloren haben" (BenOp, S. 227).

Als entscheidenden Schwachpunkt von Maurins Konzept betrachtet Jacquelyn Lee den Umstand, dass es ihm nie gelungen sei, "die angemessene Rolle von Autorität in Gemeinschaften" zu bestimmen, und dieser Mangel habe sich in der Geschichte der Catholic Worker-Bewegung vielfach problematisch ausgewirkt. Ich würde sagen, diese Kritik ist durchaus valide, aber der Umstand, dass sie am Ende des Artikels steht, erweckt den Eindruck eines allzu einseitig negativen Gesamturteils über Peter Maurin. Auch wenn das vielleicht gar nicht so beabsichtigt ist. 


Ohrwurm der Woche: The Vapors, "Jimmie Jones" (1981) 

Wie das Leben so spielt: Unlängst habe ich mir, als ich gerade mal allein zu Hause war, zur Entspannung ein paar Folgen der (sehr empfehlenswerten) Reihe "One Hit Wonderland" des YouTube-Popmusikkritikers Todd in the Shadows angesehen, darunter die Episode über die britische Post-Punk/New Wave-Band The Vapors, die 1980 ihren einzigen Hit mit dem ebenso schmissigen wie lustigen Song "Turning Japanese" hatte. "Jimmie Jones" wird in dieser Episode gewürdigt als der erfolglose Versuch der Band, einen zweiten Hit zu landen, und ja, in diesem Song geht es tatsächlich um den Jim Jones. Man beachte: Das Jonestown-Massaker lag noch keine drei Jahre zurück, als die Single 'rauskam. Vielleicht ein bisschen früh für eine derart flott-sarkastische Würdigung. 


Aus der Lesehore: 

Erkenne, dass das Wasser nicht reinigt ohne den Geist. Du hast ja gesehen, dass es bei der Taufe drei übereinstimmende Zeugen gibt: das Wasser, das Blut und den Geist. Wenn du eines von ihnen wegnimmst, kommt das Sakrament der Taufe nicht zustande. Denn was ist das Wasser ohne das Kreuz Christi? Nur ein gewöhnliches Element ohne die Wirkung eines Sakraments! Auf der anderen Seite aber gibt es das Sakrament der Wiedergeburt aber auch nicht ohne das Wasser. Denn "wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen" (Joh 3,5). Auch der Katechumene glaubt an das Kreuz des Herrn Jesus, mit dem er bezeichnet wird. Wenn er aber nicht getauft wird auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, kann er die Verzeihung der Sünden und die Gabe der geistlichen Gnade nicht empfangen. 

Du bist getauft worden im Namen der Dreifaltigkeit. Du hast den Vater bekannt, du hast den Sohn und den Heiligen Geist bekannt. In diesem Glauben bist du der Welt gestorben, auferstanden für Gott. In einem Element dieser Welt wurdest du gleichsam mit Christus begraben und wurdest zum ewigen Leben erweckt. Glaube also: Dieses Wasser ist nicht ohne Wirkung. 

(Hl. Ambrosius, "Über die Mysterien")