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Freitag, 18. Mai 2018

Weitere Außen- und Innenansichten des "heiligen Rests"

Okay, Freunde. Erster Schritt zur Umsetzung des neuen Blogkonzepts: Ich spare mir eine elaborierte Einleitung.

Unlängst hatte ich darauf hingewiesen, dass mein derzeitiger Lieblingskontrahent [an dieser Stelle denke man sich einen Exkurs über Lessing und Voltaire] Erik Flügge unter dem "heiligen Rest", so wie er diese Wendung im Titel seines aktuellen Büchleins "Eine Kirche für viele statt heiligem Rest" verwendet, offenbar etwas Anderes versteht, als was beispielsweise ich mit dieser Formulierung assoziieren würde. Nun, wie es sich fügt, sind mir inzwischen in den Weiten des Netzes zwei Meinungsbeiträge zu Augen gekommen, die ihrerseits ebenfalls recht konträr zueinander stehende Blickwinkel auf die so bezeichnete Gruppe innerhalb des Kirchenvolkes zu erkennen geben (so scheint es mir jedenfalls). Besonders interessant finde ich es, dass beide Artikel von Personen verfasst sind, die nach innerkirchlichen Maßstäben noch als "jugendlich" gelten können.

Da ist auf der einen Seite die Theologiestudentin Theresia Lipp, die zu der berüchtigten "Standpunkt"-Rubrik des umstrittenen Portals katholisch.de einen Beitrag unter der Überschrift "Kirche für alle - inklusive heiligem Rest" beigesteuert hat. Der Titel verrät hier schon viel: Das Flüggesche "pro multis" ist Theresia Lipp noch nicht inklusiv genug, sie befürchtet, dass mit diesem Konzept eben doch wieder Leute ausgeschlossen werden -- nämlich gerade jene 10% "Kernmilieu", die Flügge als den "heiligen Rest" bezeichnet. Diese Sorge ist womöglich nicht ganz unberechtigt. Ich zitiere hier mal die, wie ich glaube, entscheidende Passage: 
"Flügges Ausführungen wirken so, als würde der kleine Teil aktiver Kirchenmitglieder es sich auf Kosten der breiten, zahlenden Masse gut gehen lassen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Denn es ist gerade der 'kleine Teil', der sich im Vorbereitungsteam den Kopf darüber zerbricht, wie der Familiengottesdienst attraktiv gestaltet werden kann, und der beim Pfarrfest hinter der Kuchentheke steht. Und es ist der kleine Teil, der es aushält, Sonntag für Sonntag in großen, leeren Kirchen zu sitzen, und trotzdem mit Herz die Auferstehung Jesu zu feiern, die bei aller Betriebswirtschaftslogik nun einmal nicht aus dem Katholizismus wegrationalisierbar ist." 
Was fällt uns daran auf? Dass die Feststellung, "die Auferstehung Jesu" sei "nun einmal nicht aus dem Katholizismus wegrationalisierbar", ein bisschen nach "leider" klingt, halte ich für durchaus beabsichtigt, allerdings wohl eher im Sinne einer ironisch-provokanten Spitze gegen Flügges "Betriebswirtschaftslogik". Wenn das so gemeint ist, dann bin ich da (natürlich) auf ihrer Seite. Hervorhebenswert erscheint mir aber etwas ganz Anderes: Wenn ich mal von meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Pfarreialltag ausgehe, dann möchte ich die These wagen, die, die "sich im Vorbereitungsteam den Kopf darüber zerbr[echen], wie der Familiengottesdienst attraktiv gestaltet werden kann", die, die "beim Pfarrfest hinter der Kuchentheke" stehen, und die, die "Sonntag für Sonntag in großen, leeren Kirchen [...] sitzen", seien im Wesentlichen drei verschiedene Gruppen (wenn auch natürlich nicht ganz ohne Schnittmengen). Und da könnte man nun eine lustige Denksportaufgabe draus basteln: Welches Element passt nicht in die Reihe? 

Außerhalb der hier zitierten Passage scheint es mir bezeichnend, dass Theresia Lipp die Einschätzung Flügges, "[a]uch auf dem Katholikentag nähmen wieder nur die zehn Prozent teil, die ohnehin aktiv in der Kirche sind – die 90 Prozent der anderen Kirchensteuerzahler erreiche das Treffen in Münster nicht", nicht hinterfragt -- sondern sich darauf beschränkt, den Umstand, dass das (angeblich) so sei, ausdrücklich zu rechtfertigen: "Dass genau diese Menschen jetzt beim Katholikentag einfach einmal da sein und ihren Glauben feiern dürfen, ist mehr als gerechtfertigt." 

Äh, Moment mal. 

Der Katholikentag als ein Ort, an dem das kirchliche Kernmilieu, auch "heiliger Rest" genannt, seinen Glauben feiern darf? Na gut, sicherlich darf dieses Milieu das, wenn es denn schmerzfrei genug ist, aber die Vorstellung, dass das der Sinn und Zweck des Katholikentags sei, erscheint mir doch reichlich bizarr. Vielleicht war das früher™ mal so, aber so lange ich mich erinnern kann, steht der Katholikentag doch eher im Zeichen von Visionen einer "anderen Kirche", einer "Kirche der Zukunft", die mit dem, was man sich teils zu Recht und teils etwas klischeehaft überzeichnet als "typisch katholisch" vorstellt, möglichst wenig gemein haben soll. Genau deshalb konnte Flügge da ja auch so prima sein Buch promoten und hat sich veranlasst gesehen, seine im Vorfeld geäußerte Kritik an diesem Event flugs zurückzunehmen

Aber letztlich läuft das natürlich wieder auf die Frage hinaus, wen man denn nun zum sogenannten "heiligen Rest" zählt und wen nicht. Die mit den attraktiv gestalteten Familiengottesdiensten gehören möglicherweise durchaus zum Kernmilieu des Katholikentags. 


Ein entschieden anderes Bild vom "heiligen Rest" zeichnet Rudolf Gehrig in seinem so betitelten Beitrag in der Kolumne "Junge Federn" der "Tagespost". Darin beschreibt er die "maximal zwanzig Leute", die sich in einer ungenannten Kirche vor einer Werktags-Abendmesse zur Eucharistischen Anbetung versammeln: 
"Vor mir knien zwei ältere Damen im Pelzmantel, von denen eine mit stoischer Gelassenheit einen Rosenkranz durch ihre Finger gleiten lässt, obwohl gerade aus dem Andachtsbuch gebetet wird. Rechts von mir ein alleinstehender Herr mittleren Alters, dessen Fistelstimme auch bei einsetzender Orgel noch herauszuhören ist. Weiter vorn eine Frau mit langen, dünnen Haaren und einer verfransten Stofftasche, in der mehrere Wallfahrtsbroschüren und fromme Andachtsgegenstände stecken.
[...]
Was für ein Kuriositäten-Kabinett, schießt es mir durch den Kopf. Ist dies der 'heilige Rest', das letzte Aufgebot? Ist das alles, was von Mutter Kirche übriggeblieben ist? Will ich mit diesen Leuten überhaupt etwas zu tun haben?",
fragt sich der 24-jährige Verfasser -- um dann im letzten Absatz doch festzustellen: 
"Und doch bin ich einer von ihnen. Es macht mich stolz, zu dieser Kirche zu gehören, in der wir unperfekten Menschen einen Platz haben. Die Jugend, die angeblich die Zukunft und Hoffnung der Kirche ist, gehört genauso dazu wie die Rosenkranz-Oma und der Stofftaschen-Opa, der später seine einlaminierten Bilder vom Barmherzigen Jesus in der Sakristei verteilen wird. Wir sind Kirche. Unter anderem." 
Ich brauche wohl kaum lang und breit auszuführen, auf welcher Seite hier meine Sympathien liegen. Tatsächlich kann ich die Beobachtungen, die Rudolf Gehrig schildert, und auch die zunächst wenig freundlichen Gedanken, die ihm dabei kommen, aus eigener Erfahrung ebenso nachvollziehen, wie ich mich auch mit seinem Fazit identifizieren kann. Um aber abschließend dennoch noch einmal auf Theresia Lipp zurückzukommen: Ihre Vorbehalte gegenüber den Konzepten derer, die wie Erik Flügge die Kirche "neu erfinden" wollen, konkretisieren sich in der Einschätzung, diese könnten "den wenigen aktiven Mitgliedern noch das letzte bisschen Glaubensfreude wegnehmen". Und das gibt dann doch zu denken -- dass sie meint, auch im sogenannten Kernmilieu der Kirche ließe sich lediglich ein bisschen Glaubensfreude vorfinden. Rudolf Gehrig, so scheint mir, hat von dieser Freude ein gutes Stück mehr gesehen. Es kommt wohl immer darauf an, wo man sie sucht... 



Kommentare:

  1. Wenn man den Begriff "heiliger Rest" durch den Ausspruch "kleine Herde" ersetzen möchte, kommt man der Sache über die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen schon etwas näher. Wenn "viele berufen aber nur wenige auserwählt" sind, werden die Fronten schon klarer. Wenn man dann noch bedenkt, dass viele den "breiten Weg" einschlagen und die "enge Pforte" nicht durchschreiten können obwohl sie es wollen, dann haben wir schon das Leitmotiv. Das Himmelreich gibt es nicht für Nüsse. Das Himmelreich gibt es nur durch den Kampf, durch das Schwert und durch das Feuer. Aber, aber.....das steht im Gegensatz zur Wohlfühlkirche der Funktions-Christen. In diesem Lager geht es nur um Gemeinschaft und um Frau Lipp zu zitieren: "Versuchen wir, nicht die einen gegen die anderen auszuspielen, sondern lieber gemeinsam begeistert Kirche zu sein." War Frau Lipp schon mal in einer eucharistischen Anbetung mit drei (zwanzig ist ein Traum-Wert) Gläubigen? Wurde Frau Lipp schon mal von einem "begeisterten" Priester als Denunziant verleugnet? Hat Frau Lipp schon mal in einer gemütliche Runde, die praktizierte Homosexualität als Sünde bezeichnet? Oder im PGR den "Tag der Diakonin" als fragwürdig kommentiert? Hat sie wohl nicht. Ich hingegen schon. Da kommen andere Stürme als Begeisterung auf, das kann ich ihr versichern.

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    1. Aber... aber... die SACHE JESU braucht doch BEGEISTERTE! :P

      https://www.youtube.com/watch?v=3iTY_kOj5KE

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  2. Trompete und Gitarre? Entgeisterung macht sich breit....;-)

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