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Mittwoch, 30. Mai 2018

Laufsteg-Apostolat?

Ich weiß nicht, wie viele Jahre es her ist, dass ich einmal unfreiwillig etwa 20 Minuten einer Folge von "Germany's Next Top Model" zu sehen bekam. Oder wie lang ein Abschnitt zwischen zwei Werbeblöcken da eben so zu sein pflegt. Ursächlich für dieses unfreiwillige Fernseherlebnis war der Umstand, dass die Sendung in einer Pizzeria lief, in der ich Essen zum Mitnehmen bestellte. Kein Witz. Da stand ich nun da und konnte nur denken: Warum tun Leute sich das an?

Diese Frage bezog sich einerseits auf die Zuschauer, andererseits und vor allem aber auf die Kandidatinnen. Sich um der sprichwörtlichen "15 Minuten Ruhm" willen vor laufender Kamera psychoquälen lassen, um günstigstenfalls einen Knebelvertrag zu "gewinnen", der sicherstellt, dass man seinen Peinigern noch auf Jahre hinaus ausgeliefert bleibt? Stockholm-Syndrom much?

Über den menschenverachtenden Charakter von Castingshows, über die totale psychische und emotionale Ausbeutung der Kandidaten, von der diese Showformate leben, ist schon viel gesagt und geschrieben worden; ich will da gar nicht großartig ins Detail gehen, sonst wird dieser Artikel wieder zu lang und ich werde nie fertig damit. Aber ich würde schon behaupten wollen, dass GNTM in dieser Hinsicht noch schlimmer ist als das Gros der Gesangs- und sonstigen Talentwettbewerbe im Fernsehen; denn hier verkaufen die Kandidatinnen buchstäblich ihren Körper.

(Bildquelle: Pixabay
Aber dieses Jahr ist alles ganz anders, denn in der kürzlich zu Ende gegangenen 13. (!) GNTM-Staffel war eine der Kandidatinnen eine bekennende Christin: Oluwatoniloba ("Toni") Dreher-Adenuga, 18 Jahre, aus Stuttgart, gehört der evangelikalen "Body of Christ Church" an und ist (oder war?) dort sogar Jugendgottesdienstleiterin. Im Laufe des seit Februar auf Pro7 ausgestrahlten Model-Wettbewerbs hat diese junge Dame, wie die evangelikale Nachrichtenagentur idea zu berichten weiß, "öfter ihren Glauben bezeugt und mit Mitstreiterinnen gemeinsam gebetet". Und dann ging "Toni" sogar als Siegerin aus dem Wettbewerb hervor! Wenn das kein Zeichen ist! Bei ihrer Kirchengemeinde jedenfalls herrschte großer Jubel: "Wir feiern Jesus in ihrem Leben. Halleluja!"

Klar: Für die Stuttgarter "Body of Christ Church" bedeutet die erfolgreiche GNTM-Teilnahme ihrer Jugendgottesdienstleiterin einen enormen Publicity-Zugewinn, und außerdem hat Toni angekündigt, ihrer Kirchengemeinde "einen Teil ihrer 100 000 Euro-Siegprämie zu spenden". Davon abgesehen fielen die Reaktionen der christlichen Öffentlichkeit allerdings uneinheitlich aus. Da fehlte es auch nicht an Wortmeldungen, die mehr oder weniger explizit die Auffassung durchblicken ließen, Christen sollten sich an so etwas wie GNTM überhaupt nicht beteiligen. Diesen wurde freilich widersprochen; eine besonders engagierte Wortmeldung, die ich auf Facebook gefunden habe, lasse ich hier mal in ganzer Schönheit (d.h. in unveränderter Orthographie) folgen:
"Sie macht aber auch dort werbung für jesus. Zeugnis geben kann man natürlich am besten da wo leute jesus noch nicht kennen. Jesus hat selber bei den zöllnern und prostituierten gesessen. Das gäbe damals auch voll den shitstorm wenns da facebook gegeben hätte. Wenn sie jetzt bekannt wird kann sie doch toll vielen leuten zeugnis geben. Viel mehr als wenn sie beim bäcker schrippen verkauft. Geld kann man übrigens auch f den bau v gottes reich gebrauchen. Sie hat auch noch mit den anderen gebetet, was wollt ihr denn noch? Von mir gibts ein hut ab!" 
-- Schönheit der Orthographie hin oder her: Vom Kern der Sache her hätte das ein studierter Pastoraltheologe nicht besser sagen können. Kirche muss gesellschaftlich relevant sein; bei allem, was öffentliches Interesse erregt, müssen Christen Präsenz zeigen; man muss die Leute da abholen, wo sie stehen. Man kennt diese Parolen. Was aber, wenn die Kirche bzw. das Christentum durch diese "Adabei"-Strategie gerade unkenntlich gemacht wird -- weil sie/es wie ein amorpher Farbfleck im Hintergrund mit seiner Umgebung verschwimmt, weil er sich nicht klar genug von ihr abhebt? Das, liebe Freunde, ist das sogenannte "Identität-Relevanz-Dilemma". Sicherlich kann bzw. sollte man nicht von vornherein ausschließen, dass die GNTM-Teilnahme einer gutaussehenden und sympathischen bekennenden Christin tatsächlich einen positiven evangelisierenden Effekt auf die Zuschauer haben kann, nämlich insofern, als manche Zuschauer dadurch vielleicht erstmals anfangen, sich für den christlichen Glauben zu interessieren und ihn in einem positiven Licht wahrzunehmen. Man sollte sich zugleich jedoch auch die Frage stellen, was für eine Art von Zeugnis für den christlichen Glauben das eigentlich ist, wenn damit gleichzeitig der Eindruck erweckt wird, ein - wie oben angedeutet - in Hinblick auf sein Menschenbild zumindest fragwürdiges Showformat wie Germany's Next Top Model sei für Christen akzeptabel. 

Mehr noch: Wenn Toni Dreher-Adenuga, wie in der bereits zitierten idea-Meldung berichtet wird, ihren Casting-Sieg mit den Worten kommentiert "Gott war von Anfang an auf meiner Seite. Schon als ich mich angemeldet habe, wusste ich, dass er bei mir ist. Und er hat mich nicht enttäuscht"; wenn sie erklärt, Gott "habe sie immer bestärkt und beschützt und schließlich so weit gebracht", und im Zuge der Siegerehrung ihren Fans zuruft "Glaubt an euch, denn ihr könnt alles schaffen – mit Gottes Kraft und mit eurer Kraft in Jesu Namen", dann klingt das schon sehr arg nach Prosperity Gospel -- nach jener pseudochristlich eingefärbten Variante des Positiven Denkens, die, gern gestützt auf ein kontextwidriges Verständnis von Philipper 4,13 ("Alles vermag ich durch den, der mich stärkt"), das Bekenntnis zu Christus als den Schlüssel zum Erfolg im Leben verkauft.

Ich will damit überhaupt nicht bestreiten, dass Toni Dreher-Adenuga subjektiv davon überzeugt sein mag, in ihrer Modelkarriere Christus zu verherrlichen. Ich frage mich jedoch, ob  diese subjektive Überzeugung nicht zu einem gewissen Grad illusorisch ist. Jedenfalls muss ich bei dieser ganzen Geschichte unwillkürlich an etwas denken, was mein Freund Rod kurz zuvor in einem ganz anderen Zusammenhang auf seinem Blog geschrieben hat
"Mir fällt da ein evangelikales Paar ein, das uns vor zwanzig Jahren einen Rundbrief schickte, in dem es um Spenden bat, um ihr Projekt zur Missionierung von, jawohl, Supermodels zu unterstützen. Es war ziemlich offensichtlich, dass es ihr Wunsch war, in einer Weltmetropole zu leben und in der Modeszene abzuhängen, und in der Idee eines Supermodel-Apostolats sahen sie die Chance, diesen Traum zu verwirklichen. Ich glaube nicht, dass sie im Geringsten zynisch waren -- in dem Sinne, dass ihnen bewusst gewesen wäre, was sie da taten. Ich glaube, sie wollten einfach einen Fashionista-Lebensstil genießen und hatten für sich einen Weg gefunden, wie sie diesen Wunsch rechtfertigen konnten -- nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor den Leuten in der Kirche, die über die Mittel verfügten, ihnen einen solchen Lebenswandel zu subventionieren."
Und dann fällt mir da noch eine Passage aus Adrian Plass' "Tagebuch eines frommen Chaoten" ein, die ich - da mein Exemplar dieses Buches bei meinem letzten Umzug unter die Räder gekommen und seither noch nicht wieder aufgetaucht ist - nur sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergeben kann: Der Sohn des Ich-Erzählers hat mit einigen anderen Jugendlichen aus der Kirchengemeinde eine Heavy-Metal-Band mit dem schönen Namen "Bad News For The Devil" gegründet, und kurz nach ihren ersten Auftritten (im Gottesdienst!) erklären die Bandmitglieder überschwänglich, wenn Gott sie dazu berufen sollte, große Stars zu werden, dann seien sie bereit, dieser Berufung zu folgen - selbst wenn das bedeuten sollte, Unmengen von Geld zu verdienen, um die Welt zu reisen und in teuren Hotels zu wohnen. 

Kurz gesagt, wenn jemand sich von Gott exakt dazu berufen fühlt, was er sowieso gern tun möchte, dann ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Auch dann, wenn der Glaube an diese Berufung subjektiv total "echt" ist. 


Kommentare:

  1. Man muß allerdings dazu sagen:

    In einer Frömmigkeitswelt, in der ohne viel Nachdenken ein "immer das Maximum an Aufopferung!" selbstverständlich ist und "beneidenswerte" Berufe und alles, was Spaß macht, gleich zweimal gerechtfertigt werden müssen

    ist es durchaus menschlich verständlich, daß man sich dann eben irgendwo geeignete Ausreden sucht, und insgesamt, gegenüber der Variante "Rebellion der geknechteten Menschennatur", wohl auch noch die harmlosere Variante.

    Und über Shows wie die von Heidi Klum mag es tatsächlich moralische Bedenken geben (was das Mitmachen und dann übrigens auch das Anschauen betrifft); der Beruf des Models oder auch des Populärmusikers *an sich* ist jedoch erstmal moralisch einwandfrei und damit ein legitimer Berufswunsch.

    Auch deshalb muß ein klarer Begriff der Freiwilligkeit des Freiwilligen wiedergewonnen werden. Aber das sage ich ja eh immer.

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    1. An sich ist das Modeln sicher ein legitimer Berufswunsch - aber in der Praxis?

      Und: Ist es nicht eher ein schlechtes Zeugnis für den Glauben, wenn auch Christen junge Mädchen dazu ermutigen, sich in der Modewelt ausbeuten zu lassen?

      - Crescentia.

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    2. Zu 1: Wo meinst Du, daß "aber in der Praxis" das Problem ist? Daß man Aufträge nur bekommt, wenn man mit den Designern und Organisatoren schläft?

      Zu 2: Bei Heidi Klum mag das sein, ich kann es nicht genau sagen, ich kenne die Sendung nicht (auch wenn ich gerüchteweise z. B. davon gehört habe, daß irgendwo im Sendeverlauf die Kandidatinnen gerade ihre bisherige Schönheit durch "Umstyling" preisgeben müssen, was als Konzept durchaus an die in "The Everlasting Man" geschilderte karthaginesische Religion denken läßt).

      Generell aber glaube ich nicht, daß es in der Modewelt, gerade was Models angeht(junge "Designeranwärter" sind meines Wissens ein anderes Kaliber), recht viel mehr Ausbeutung gibt als in jeder Menge anderen Berufen.

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    3. Zu 1: Nein, meinte ich nicht. Ich meinte z. B., dass viele Aufträge, die Models bekommen, für sexualisierende Werbephotos sind, bei Heidi Klum zum Beispiel mussten die Kandidatinnen, glaube ich, ja auch schon mal leicht bekleidet mit männlichen Models rummachen, und ist es da inzwischen nicht auch so, dass in jeder Staffel einmal Nacktfotos gemacht werden? Würdest du so einen Job machen wollen?

      Sicher gibt es auch in anderen Berufen hohen Druck, schlechte Arbeitsbedingungen und solche Sachen. Aber ich denke hier z. B. an die Gefahr, dass Models Magersucht entwickeln und solche Sachen. Ich sehe halt wirklich keinen Grund, aus dem man einem Mädchen raten sollte, es mit dem Modeln zu probieren.

      - Crescentia.

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  2. "Sie macht aber auch dort werbung für jesus."

    Jesus neben Schokoriegel und Designer-Unterwäsche. Halleluja! Meine Liebste und ich werden mal gleich "Werbung" für Jesus machen. Fronleichnams-Prozession, genau wie im letzten Jahr wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Immerhin haben wir die Baldachin-Träger zusammenbekommen.

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