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Donnerstag, 3. Januar 2019

Martyrium in der Typhus-Baracke

Unlängst machte mich eine Freundin auf ein bemerkenswertes laufendes Seligsprechungsverfahren aufmerksam: Es betrifft den Pallottiner-Pater Richard Henkes SAC, der 1945 im Konzentrationslager Dachau starb. Der Prozess zu seiner Seligsprechung wurde bereits im Jahr 2003 durch das Bistum Limburg eröffnet, hat jedoch jüngst einen entscheidenden Schritt nach vorn gemacht, da am 21. Dezember 2018 bekanntgegeben wurde, die Umstände von Henkes' Tod in Dachau seien von Papst Franziskus offiziell als Martyrium anerkannt worden. Interessant ist dieser Vorgang einerseits als ein Fallbeispiel dafür, was die katholische Kirche unter einem Märtyrer versteht -- gerade die Weihnachtsoktav, die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr also, ist stark von Märtyrerfesten geprägt, und in diesem Zusammenhang löste vor wenigen Tagen eine Äußerung des Papstes über das "Blut der Märtyrer" erregte Debatten auf Twitter aus --, und andererseits in Hinblick auf das Verhalten der katholischen Kirche unter der NS-Diktatur. Letzteres ist ja von jeher ein vieldiskutiertes und vielschichtiges Thema; mein Freund und Kollege Josef Bordat hat ihm ein Kapitel seines Buches "Von Ablasshandel bis Zölibat - Das 'Sündenregister' der Katholischen Kirche" gewidmet. 

Während es einerseits (leider) nicht zu leugnen ist, dass nicht wenige Repräsentanten der katholischen Kirche, darunter auch hochrangige geistliche Würdenträger, zumindest zeitweilig mit der Naziherrschaft sympathisierten, mit Teilaspekten der NS-Ideologie übereinstimmten oder das Regime zumindest als Garanten von Ordnung und Sicherheit und als Bollwerk gegen das in ihren Augen größere Übel des Kommunismus willkommen hießen, ist es andererseits eine (von der Kirche wenig wohlgesonnener Seite oft eher übersehene oder verschwiegene) Tatsache, dass strenggläubige Katholiken, und in besonderem Maße Priester und Ordensleute, zu denjenigen gesellschaftlichen Gruppen zählten, in denen es eine besonders ausgeprägte Opposition zum Nationalsozialismus gab. Nicht ohne Grund hatte etwa das Konzentrationslager Dachau einen eigenen "Priesterblock". Eine bedeutende Anzahl katholischer Priester, Ordensleute und Laien bezahlte ihre Gegnerschaft gegen die Nazis mit dem Leben und wird in der katholischen Kirche heute als Märtyrer verehrt; eine Auswahl von Namen und Bildern findet sich am Schluss dieses (insgesamt sehr lesenswerten) Artikels von Kollegin Crescentia. Besonders bekannt dürften der Franziskanerpater Maximilian Kolbe und die Karmelitin Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) sein, die beide in Auschwitz umgebracht wurden; viele andere sind außerhalb ihrer jeweiligen Heimatdiözese kaum oder gar nicht bekannt. 

Indem die Kirche diese Männer und Frauen als Märtyrer verehrt, betrachtet sie ihren Tod als ein "Zeugnis [...] für die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre", wie es im Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 2473, heißt. Im Normalfall stellt man sich unter einem christlichen Märtyrer jemanden vor, der einen gewaltsamen Tod durch die Hand von Feinden des Glaubens erlitten hat; das ist bei Pater Henkes so direkt nicht der Fall: Er starb an Typhus. Nichtsdestoweniger kann man natürlich sagen, dass sein Tod eine wenn auch mittelbare Folge seines furchtlosen Glaubensbekenntnisses im Angesicht der Nazi-Diktatur war; und dafür, dass auch ein solcher Tod als Martyrium anerkannt werden kann, gibt es durchaus Präzedenzfälle, auch und gerade mit Bezug zur NS-Herrschaft. So sprach der Hl. Papst Johannes Paul II. im Zuge seines Deutschlandbesuchs im Jahr 1996 die Priester Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner als Märtyrer selig und erklärte in seiner zu diesem Anlass gehaltenen Predigt
"Die Geschichte stellte beide auf eine harte Probe, aber sie fürchteten sich nicht 'vor denen, die den Leib töten'. Das furchtbare totalitäre System gestattete mit einer Großzügigkeit sondergleichen den Tod für die, die sich dem System nicht unterwarfen. Auf diese Weise versuchte man, die Seelen zu beherrschen. Unsere Seligen jedoch schöpften aus den Worten Christi die Gewißheit, daß jene 'die Seele nicht töten können'. Von hier aus ist ihr Sieg zu verstehen. Sie haben diesen Sieg errungen, indem sie Christus vor den Menschen bekannten: 'Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen'". 
Der 1875 geborene Bernhard Lichtenberg, von 1913-1930 Pfarrer in Charlottenburg und anschließend Domkapitular im neu gegründeten Bistum Berlin, hatte sich schon vor 1933 als entschiedener Nazigegner positioniert: Er hatte Hitlers "Mein Kampf" gelesen und machte sich anders als viele Zeitgenossen keinerlei Illusionen über die verbrecherischen Absichten der Nationalsozialisten. Joseph Goebbels, ab 1926 NSDAP-Gauleiter von Berlin, betrachtete ihn als einen persönlichen Feind. Als Reaktion auf die Pogromnacht des 9. November 1938 begann Lichtenberg, inzwischen Dompropst, in der St.-Hedwigs-Kathedrale regelmäßig öffentlich für die verfolgten Juden zu beten und bezeichnete es als Christenpflicht, den Juden beizustehen. Ebenso protestierte er gegen die systematische Ermordung unheilbar Kranker und geistig oder körperlich Behinderter im Rahmen des sogenannten "Euthanasieprogramms". Am 23. Oktober 1941 wurde er von der Gestapo festgenommen und am 22. Mai 1942 wegen "Kanzelmissbrauchs" zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er in Berlin-Tegel absaß. Seine ohnehin schon angegriffene Gesundheit wurde durch die Entbehrungen und Misshandlungen in der Haft vollends zu Grunde gerichtet; nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde er nicht etwa freigelassen, sondern sollte ins KZ Dachau überstellt werden, starb jedoch auf dem Weg dorthin am 4. November 1944 an Herzversagen.

Karl Leisner, geboren 1915, engagierte sich seit seiner Gymnasialzeit in der katholischen Jugendverbandsarbeit, wurde vom Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, 1934 zum Diözesanjungscharführer ernannt und versuchte diese Tätigkeit auch noch nach dem faktischen Verbot aller nicht-nationalsozialistischen Jugendorganisationen weiterzuführen. 1939 wurde er zum Diakon geweiht. Als er während eines Kuraufenthalts in einem Tuberkulose-Sanatorium von Georg Elsers fehlgeschlagenem Bombenattentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1939 erfuhr und spontanes Bedauern über das Scheitern des Anschlags äußerte, wurde er bei der Gestapo denunziert, verhaftet und zunächst ins KZ Sachsenhausen, am 14. Dezember 1940 dann nach Dachau gebracht. Am 17. Dezember 1944 wurde er mit Billigung des Bischofs von Münster, Graf von Galen, und des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Faulhaber, durch einen Mitgefangenen, Bischof Gabriel Piguet von Clermont-Ferrand, heimlich zum Priester geweiht. Zu diesem Zeitpunkt war der schon vor Leisner bereits todkrank: Er erlebte zwar noch die Befreiung des Lagers Dachau am 29. April 1945, starb aber am 12. August desselben Jahres an den Folgen seiner durch die KZ-Haft massiv verschlimmerten Lungenkrankheit.

Mahnmal am Konzentrationslager Dachau, Foto: Andrew Bossi (Bildquelle und Lizenz hier

Der nun ebenfalls als Märtyrer anerkannte Richard Henkes wurde am 26. Mai 1900 in Ruppach im Westerwald geboren, trat im Alter von 19 Jahren in die Ordensgemeinschaft der Pallottiner ein und wurde 1925 in Limburg zum Priester geweiht. Er war als Lehrer an verschiedenen von seinem Orden geleiteten Schulen sowie als Exerzitienmeister für Jugendliche tätig. 1937 wurde er nach einer Predigt, in der er die Unvereinbarkeit des christlichen Glaubens mit der nationalsozialistischen Ideologie betont hatte, wegen "Verunglimpfung des Führers" angeklagt, das Verfahren wurde jedoch im Jahr darauf gnadenhalber eingestellt. Zu seinem Schutz wurde Henkes von seinem Orden aus dem Schuldienst abgezogen, ließ sich jedoch nicht davon abhalten, in Predigten weiter gegen den Nationalsozialismus Stellung zu beziehen, und wurde schließlich am 8. April 1943 von der Gestapo verhaftet und rund drei Monate später ins KZ Dachau verbracht, wo er Zwangsarbeit leisten musste.  Als im Lager eine Typhus-Epidemie ausbrach, meldete Pater Henkes sich freiwillig zur Pflege und seelsorgerischen Betreuung erkrankter tschechischer Gefangener. Nach zwei Monaten in der Typhusbaracke erkrankte er selbst und starb am 22. Februar 1945.

Der Pallottiner-Provinzial Pater Helmut Scharler SAC hebt mit Blick auf diese Umstände von Pater Henkes' Tod hervor: "Dass er sich, das nahe Ende des Krieges und die Ansteckungsgefahr vor Augen, freiwillig mit den Kranken in Quarantäne begab, war für ihn konsequente Christus-Nachfolge" -- ganz im Sinne des Jesuswortes "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Johannes 15,13).

Der Limburger Bischof Georg Bätzing würdigte Pater Henkes anlässlich der Anerkennung seines Martyriums als einen "Boten der Mitmenschlichkeit", dessen Zeugnis "gegen Hetze, Rassismus und alle Versuche, die Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Nationen gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen", "ja heute wieder so wichtig" sei: 
"Pater Henkes lehrt mich, dass der Glaube an Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, auch heute mutig gelebt werden will. Er fordert mich auf, in die Bresche zu springen, wenn mein Einsatz gefordert ist". 
Weitere Informationen über Pater Henkes und den Prozess zu seiner Seligsprechung finden sich auf dieser Website; dort gibt es auch eine Rubrik mit Gebeten in Vorbereitung auf die Seligsprechung. Eines, verfasst von Pater Manfred Probst SAC, sei hier zitiert: 

Gott, unser Vater,
du hast Pater Richard Henkes die Kraft gegeben,
dem Bösen zu widerstehen,
für Liebe und Wahrheit einzutreten
und Jesus Christus auf seinem Kreuzweg
nachzufolgen bis in den Tod.
Seine Hingabe für andere
schenke uns Hoffnung und Kraft
für unseren Glaubensweg heute.
So bitten wir dich, Vater, im Heiligen Geist
durch Jesus Christus unsern Herrn. Amen. 



Kommentare:

  1. Ich weiß jetzt nicht, ob der Kommentar jetzt durchgegangen ist, aber:

    bitte, da bin ich dann aber doch fürs Schema F.

    Sich freiwillig für Typhuskranke (in den Heiligenviten anscheinend zumeist Leprakranke) opfern und daran sterben macht einen 1a-Heiligen, und zwar ganz genau einen 1a-Bekenner. Wenn man vorher von Glaubensgegnern etwas erleiden mußte, umso besser (sub sp. aeternitatis). Aber ein Martyrium ist das nicht; für seinen Widerstand gegen den NS und den katholischen Glauben ertrug er nach geschilderter Geschichte die Gefangenschaft - *nicht* den Tod.

    Ja, ich kenne Maximilian Kolbe auch, aber bei dem war sein Tod eine direkte Folge des rechtsvergessenen KZ-Systems, auch wenn er eingesprungen ist, zum einen war offen bekundetermaßen eine Art Ausnahme.

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  2. Ein KZ der Nazis war kein Ponyhof sondern war ein Ort übelster Schikanen und Quälerei sowohl seelischer als auch körperlicher Art, in welchem der Tod der Insassen von den Betreibern nicht nur billigend sondern mit Befriedigung in Kauf genommen wurde.
    Insofern ist Pater Henkes nicht nur Bekenner des christlichen Glaubens sondern auch dafür gestorben, ohne dass einer der Nazis ihm selbst kurz vor dem absehbaren Ende des Krieges auch nur irgendwie geholfen hätte.
    Also ist er ein Bekenner bis zum Tod, der letztlich aus Glaubenshass und nicht aus "Rechtsvergessenheit" der Nazis [nicht eines abstrakten NS-Systems]umgekommen ist.

    So jemand nennt man einen christlichen Märtyrer. Punkt.

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  3. Das freut mich so sehr! Ich bin vor ca einem Jahr auf Pater Henkes' Geschichte gestoßen und habe mir zu Weihnachten jetzt die Biographie schenken lassen.
    Was ich persönlich verrückt finde: Er hat noch Tschechisch gelernt, weil er nach dem Krieg wieder in den Osten wollte. Und dann hat er die Sprache auf ganz andere Weise gebraucht.
    Er ist auf jeden Fall ein Vorbild und es freut mich, dass es endlich vorwärts geht mit der Seligsprechung :)

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