Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Montag, 1. Januar 2018

Gastbeitrag: Fest der Liebe - Was denn sonst?

Eine Replik auf Erik Flügge - von meinem Stammleser Imrahil, mit einigen einleitenden Zeilen von mir, dem ollen KingBear 

Die am jüngsten Weihnachtsfest ausgebrochenen Debatten um Politik in Weihnachtspredigten oder in der Kirche allgemein, von denen schon in meinem vorigen Artikel die Rede war, haben auch dem Kommunikationsberater Erik Flügge ("Der Jargon der Betroffenheit - Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt") keine Ruhe gelassen; was verständlich ist, denn Flügge berät sowohl Politiker als auch Kirchen und ist somit gewissermaßen im Überschneidungsfeld dieser Bereiche zu Hause. Genauer gesagt, er verdient sein Geld (oder einen Teil davon) dank der Tatsache, dass es dieses Überschneidungsfeld gibt

Wie dem auch sei: Im Zuge der genannten Debatte holte Erik Flügge einen schon vor rd. drei Jahren veröffentlichten Blogartikel wieder hervor, in dem er - unter dem Titel "Fest der Liebe - Was ein Quatsch!" hauptsächlich gegen gutbürgerliche Gemütlichkeit an Weihnachten vom Leder zieht, und verbreitete ihn via Twitter - wo mich die Überschrift zu der Anmerkung veranlasste: 
"Guter Service von @erik_fluegge, dass er gleich selber 'Was ein Quatsch' über seinen Artikel schreibt. Ich hätt's aber auch so gemerkt." 

Auf Nachfragen, was ich denn inhaltlich an Flügges Text auszusetzen hätte, erwiderte ich, darauf näher einzugehen fehle mir die Zeit. Für diese Aussage erntete ich recht unwirsche Reaktionen - unter anderem von Flügge selbst - aber hey, tut mir leid, Leute: Ich habe ein kleines Kind, ich habe ein Buch zu übersetzen und ein weiteres zu schreiben, und ich hätte wahrlich viel zu tun, wenn ich bei jedem Blödsinn, der im Internet geschrieben wird, "nachweisen" sollte, dass es sich um Blödsinn handelt. 

Aber das Gute an diesem Internet ist ja, man muss nicht alles selber machen. Mein treuer Leser und eifriger Kommentarschreiber Imrahil hatte nämlich sowohl Zeit als auch Lust, ausführlich auf Flügges Text zu antworten. Wer gelegentlich mal verfolgt, was in den Kommentarfeldern meines Blogs so abgeht, wird wissen, dass Imrahil und ich uns eigentlich nie hundertprozentig einig sind (auch wenn sich die Meinungsverschiedenheiten oft nur auf Details oder Nuancen erstrecken), und somit hätte ich, wenn ich mich selbst zu einer Replik auf Flügges Text hätte aufraffen können, vermutlich hier und da andere Schwerpunkte gesetzt; aber ich finde Imrahils Replik gelungen und lesenswert und lasse sie - mit Erlaubnis des Verfassers - ungekürzt und unkommentiert hier folgen. (Eingerückte Zitate stammen aus dem Artikel von Erik Flügge.) 

***** 


Robert Campin: Anbetung der Hirten (ca. 1420). 

Ich bin ja eigentlich von ganzem Herzen Gegner des "nun mal halblang, alles nicht so ernstnehmen". Aber das muss ich auch anerkennen: Es kommt hin und wieder auch so etwas dabei heraus:
Zur Ehrlichkeit gehört, dass ich natürlich auch den Verführungen des Weihnachtsfestes erliege – mich mit der Familie einigle, leckeres Essen esse und fataler Weise auch noch weiß, dass es nicht richtig ist, aber schön.
Der Mensch, wenn er denkt, geht manchmal fehl; und wenn er das tut, dann ist manchmal der Instinkt "instinktsicherer" als der Gedanke, und die falsche Theorie wird wenigstens nicht in die Praxis umgesetzt. Deshalb kann ich diesem leider viel zu oft anzutreffenden "Primitivkonservatismus" (wie soll man das nennen) eine gewisse Sympathie nicht versagen.

Tragfähig ist das natürlich nicht.

Im letzten Ende kann es nur das geben, entweder fröhlich und guten Gewissens feiern oder aber es nicht zu tun. Im letzten Ende kann nämlich etwas nicht schön sein, das "nicht richtig" ist; wenn es aber schön ist, dann muss es auch richtig sein.

Erfreulicherweise: manchmal - genaugenommen sogar recht oft - *ist* das, was man gerne machen würde und vielleicht auf den ersten Blick für "nicht richtig" hält, dieses gar nicht. Das war eine der faszinierenden Erfahrungen, seit ich regelmäßig zur Beichte gehe: was Sünde ist, weiß man in aller Regel und bei aller Treffunsicherheit im Detail eigentlich schon. Aber was erstaunlicherweise *nicht* Sünde ist und man guten Gewissens genießen kann, das erfährt man dann vielleicht erst. Jedenfalls ging das mir so. 

Langer Einleitung kurzes Ziel: Doch, man *darf* (und soll?) sich an Weihnachten einigeln (in gewissen Grenzen), leckeres Essen essen, Geschenke verteilen (!) und empfangen usw. Und man darf das sogar mit gutem Gewissen tun. Begründung folgt.

Ersteinmal empfiehlt sich aber die Feststellung: Weihnachten ist, trotz alledem und alledem, trotz Stephanus und alledem, *nicht* der Karfreitag. Wobei übrigens auch das Stephanusfest kein Trauerfest ist (Einschub: gewisse solche Noten sind aber im Fest der Unschuldigen Kinder auszumachen, das bis Mitte des 20. Jahrhunderts [nicht mehr 1962] nur am Sonntag in rot, am Werktag in violett zelebriert wurde; Ende des Einschubs). Das Stephanusfest feiert den großartigen Sieg (!) des Hl. Erzmärtyrers; in rot, eine Farbe, die im Osten teilweise auch an Ostern angezogen wird, nicht in schwarz, auch nicht in violett; und seine besondere Verbindung mit Weihnachten könnte außer im datumsmäßigen Zufall (dass eben zufällig genau dieser Tag von alters her als der Geburtstag des hl. Stephanus für den Himmel tradiert worden ist) auch besonders in diesem Zitat aus der Apostelgeschichte deutlich werden: "Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen."
Überall kann man es lesen: Weihnachten, das Fest der Liebe. Mit der theologischen Grundlage des Weihnachtsfestes hat das wahrlich wenig zu tun. 
Das stimmt nicht.

Es stimmt banalerweise schon deswegen nicht, weil in der Theologie immer alles mit allem zu tun hat, und wer würde denn ernsthaft bestreiten wollen, dass es nichts mit einem Fest der Liebe zu tun hat, wenn der Herrgott aus Liebe zu uns sündigen Menschen seinen einziggeborenen Sohn als Erlöser und Heiland, geboren von einer Frau, in die Welt schickt? 
Weihnachten ist [...] ein Gedenken an Missgunst [...] und an die Ausgrenzung in der bürgerlichen Gesellschaft.
Nein, das ist es eben gerade nicht. Was Gott tut, nicht was die Menschen tun, darum geht es an Weihnachten, und zwar nicht nur banalerweise, weil das bei religiösen Festen immer so ist, sondern tatsächlich an Weihnachten besonders (mehr als etwa am schon angesprochenen Karfreitag oder dem Fest des kostbarsten Blutes Christi oder, unter anderen Vorzeichen, an Allerheiligen). Und das hat mit Missgunst nichts zu tun, sondern Er schickt eben Seinen Sohn in die Welt. Das ist natürlich auch die Welt, wie sie ist - einschließlich der Tatsache, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die Steuererhebung keine angenehme Tatsache war und vielleicht tatsächlich das hochheilige Paar in Bethlehem eine nicht unbedingt freundliche Aufnahme gefunden hat.

(Was, worauf dieses Jahr schon mehrere hingewiesen haben, so sicher nicht feststeht. Im Evangelium steht nur "weil in der Herberge kein Platz für sie war". Ich neige dabei dazu, zu sagen: wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden - es *könnte* immerhin so sein, wie es das Volkslied "Wer klopfet an" schildert; aber auch in diesem Volkslied lässt sich der vierte Wirt zumindest so halb erweichen und weist ihnen den Weg zum Viehstall.)

Das ist aber jedenfalls nicht das, *worum* es an Weihnachten speziell *geht*, sondern allenfalls ein Begleitumstand, der unter dem Vorzeichen "Gott kommt in die sündige Welt, um sie von der Sünde zu erlösen" durchaus auch nicht unnaheliegend ist.

Die bürgerliche Gesellschaft gab es damals übrigens nicht, sondern die bürgerliche Gesellschaft, wie wir sie kennen (ob man sie nun mag oder nicht) ist erst in der Christenheit entstanden, und zwar letztlich vor allem aus der Kaufmannszunft christlicher Städte (wobei "Zunft" im übertragenen Sinn gemeint ist, denn eine Zunft war das ja gerade nicht, aber ich schweife schon wieder ab).
Weihnachten ist [...] ein Gedenken an [...] Verfolgung.
Jein mit Tendenz zum Nein. Weihnachten selber ist das nämlich nicht. Es ist richtig, dass die Verfolgung in der biblischen Geschichte dann ziemlich bald *folgt* - wobei die Heilige Familie übrigens, wie zumindest unterschwellig angedeutet wird und in Legenden weiter ausgeführt wird, in Ägypten durchaus gastfreundliche Aufnahme gefunden hat (also nicht *auch* schon wieder abgewiesen wurde), worauf die Ägypter heute noch stolz sind und wobei übrigens der Goldsack von einem der Dreikönige durchaus nützliche Anwendung gefunden haben könnte. Der Kommentar im christlichen Hymnus geht übrigens ungefähr so: Grausamer Herodes, warum bist du so blöd? Es greift ein sterblich Reich nicht an, der's Reich des Himmels geben kann (non eripit mortalia, qui regna dat caelestia).
Weihnachten ist nicht das Fest des Miteinanders und der Familie.
Äh. Doch. Weihnachten ist nämlich *das* spezielle Fest, wo die Heilige Familie so wirklich zur Heiligen Familie wird, was wenige Tage später in einem eigenen Fest (dem der Heiligen Familie) dann noch einmal eigens ausgeführt wird. Und auch wenn seit jüngerer Zeit in den Kammern, in denen Predigten verfasst werden, darüber etlicher Widerspruch ausgegossen wird, die Heilige Familie ist und bleibt das Vorbild der christlichen Familie sowohl an Tugend wie auch als heilige Überhöhung (wie drückt man das aus?), also so etwa, wie vom hl. Sakrament der Eucharistie her selbstverständlich auch irdische Mähler geadelt werden. 
Damit unterstreicht schon die Geschichte von der Geburt Gottes als Mensch, dass dieser sich nicht mit den bürgerlichen Schichten, die heute im Wesentlichen die Kirchen füllen, solidarisiert. Die gläubigen, bürgerlichen und oftmals konservativen Christen sind nicht der Fixpunkt des christlichen Gottes, sondern die Projektionsfläche seiner Gesellschaftskritik.
Das stimmt so auch nur zum Teil; man darf hier Weihnachten, so schwer es fällt, nicht überbewerten. Die Geburt Christi fand ja gewissermaßen privat statt; wenn auch die Hirten und dann die Weisen vorbeischauten. Welcher halbwegs allegorisch veranlagte Mensch würde übrigens hier nicht an die Hirten der Kirche, und dann an die gelehrten Wissenschaftler und Philosophen - und, wenn man auf die Legende sieht, die von Königen spricht, auch an christliche Staatsmänner denken? - Diese "Privatheit" blieb aber nicht immer so. Der Beginn des *öffentlichen* Auftretens wird an *Epiphanie* gefeiert, nicht an Weihnachten - einem Fest, da außer der Anbetung der Weisen (die auch schon einen gewissen öffentlichen Charakter hat) auch die Taufe des Herrn und die Verwandlung von Wasser in Wein - auf einem gemütlichen Hochzeitsfest, nebenbei bemerkt - beinhaltet (was im Westen dann nachklappartig gefeiert wird).

Da zeigte sich Christus dann wirklich allen, und es stimmt auch schlechterdings nicht, dass 
die gläubigen, bürgerlichen und oftmals konservativen Christen
für Ihn nur als
die Projektionsfläche seiner Gesellschaftskritik
taugten. Vierzig Tage nach Weihnachten ist Lichtmess; da wird Christus von genau diesen Menschen (Simeon, Hanna) begeistert begrüßt, ohne dass der Evangelist Kritik notiert. Als der Heiland selber einmal einen "gläubigen, bürgerlichen" (soweit es "bürgerlich" damals gab) "und oftmals konservativen Christen", nach einer Auslegung einen jüdischen Rabbiner, traf, der vorher noch zweifelnd gefragt hatte, ob denn aus Nazareth etwas Gutes kommen könne, lobte er ihn von ganzem Herzen: "Siehe da, ein Israelit von echtem Schrot und Korn, ein Mann ohne Falschheit" und machte ihn zum Apostel (wenn wir der fast unausweichlichen Schlussfolgerung glauben können, dass es sich bei Nathanael um einen Nathanael bar Tolmai a.k.a. Apostel Bartholomäus handelt). 

Kritisiert hat er die Pharisäer, die aber nicht "die bürgerliche Gesellschaft" waren, sondern vielmehr jeden denkbaren Wert darauf legten, sich aus dieser auszusondern (daher auch ihr Name) - wobei Er auch ihnen freundlich begegnet ist, Einladungen zum Essen von ihnen angenommen hat, ihnen vermutlich näherstand als so manch anderen (der hl. Paulus würde, und zwar nach seiner Bekehrung, eine christliche Predigt später mit "Brüder, ich bin ein Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern" beginnen) und ihre Fehler arguably gerade deshalb scharf kritisierte, weil sie (um es einmal salopp zu sagen) der Mühe besonders wert waren. Die Fehler derer, die man (ebenfalls salopp) bei "den Guten" einreihen würde, nerven immer besonders.

Kritisiert hat Er, und schärfer, auch die Sadduzäer. Die waren schon *eher* das, was man heute bürgerliche Gesellschaft nennt; aber die waren auch und gerade nicht der mittelständische Unternehmer von nebenan, sondern wenn man dem biblischen Bericht glauben schenken darf (ich tue das), waren sie viel eher "herrschende Klasse" als "bürgerliche Gesellschaft" und waren sie Zyniker ohne echte Religiosität, die alle Propheten ablehnten und die Christus vielleicht sogar als den Messias erkannten, aber in der falschen Meinung, er werde den Aufstand gegen die Römer führen (was viele andere auch glaubten), dann dachten, er würde dabei unterliegen und sich deshalb auf die Seite des prospektiven Siegers stellten. (Als ob ein Messias, wenn er ein echter ist und einen Kampf führen *würde*, dabei unterliegen könnte!) 

Auch hier also nicht wirklich "die bürgerliche Gesellschaft als bloßes Objekt von Gesellschaftskritik"; oder sind Jairus, sind die Hauptleute und königlichen Beamten, an denen Christus Wunder vollbringt, sind die Eltern der Zebedäussöhne, sind Zachäus und Matthäus (deren, wenn damals überhaupt etwas bürgerlich war, zutiefst bürgerliche Beschäftigung den Leuten verhasst war), sind Joseph von Arimathäa und Nikodemus, ist Martha von Bethanien bloß Objekt von Christi Gesellschaftskritik?
Dabei bleibt allzu oft außerhalb der Wahrnehmung, wer alles nicht kommt.
Um mich nun in mehr Kürze etwas zu wiederholen: Das ist den Leuten nicht anzulasten. Gott wollte, dass die Hirten kommen; deswegen hat Er einen Engel geschickt.
Es kommen nicht die lokalen Fürsten
doch, der nimmt sich vor zu kommen - wenn auch in der Absicht, das Kind umzubringen.
es kommt nicht die bürgerliche Gesellschaft
die es damals nicht gab,
es kommen nicht die Handwerker
das ist falsch, diese Zunft war mit ihrem edelsten Mitglied, dem hl. Joseph, in der Krippe vertreten,
und Bildungseliten.
Das ist falsch, genau die haben die Geburt in einem Zeichen am Himmel gelesen und *sind* gekommen.
Um das Kind in der Krippe versammelt sich der Rand der Gesellschaft
Die hier wohl gemeinten Hirten waren arm, aber als ich das letztemal nachgeschaut habe, war das ein ehrbarer und verantwortungsvoller Beruf, ein sichererer übrigens als die in Gleichnissen später öfters vertretenen Tagelöhner, und der immerhin anscheinend irgendwie gerade so zum Überleben ausgereicht haben muss.
und die Ausländer. [...] nur Menschen, die nicht die Mitte oder Elite der Gesellschaft bilden.
Die hier gemeinten Ausländer gehörten *definitiv* zur Elite der Gesellschaft. Und übrigens sind "Ausländer" natürlich weder etwas Verachtenswertes (das sowieso nicht!) noch auch etwas, das die Menschen zu verachten pflegen. Man denke nur einmal an Touristen. Die Heiligen Drei Könige waren viel eher Touristen als Migranten.
Gott [...] zieht eine elendige Geburt einer verlogenen vor.
Elendig, meinetwegen; aber dass das nicht nur ein besonderes Opfer, sondern eine Geburt in jeder anderen Form *verlogen* gewesen wäre, ist eine Phantasie des 20. (21.?) Jahrhunderts und kein Bestandteil der Weihnachtsbotschaft.
Die westeuropäische Weihnachtstradition erscheint bezogen auf den eigentlichen Inhalt der Geschichte geradezu zynisch. Die Menschen ziehen sich in den intimen Kreis der Familie zurück.
(Mich an einen Gedanken von Chesterton, den ich gerade nicht zitieren kann, anschließend:) Von dem Vorbild der Hl. Familie und dem in der Weihnachtszeit abgehaltenen Fest der Hl. Familie einmal abgesehen: Die Nächstenliebe, die der an Weihnachten geborene Heiland immerhin geboten hat, hat ihren spezifischen Charakter ja gerade in der Liebe zu dem, den uns das Leben so gegenüberstellt. Das kann der Unbekannte im Zugabteil sein, aber es ist eben *auch* der eigene Verwandte - gerade dann, wenn man sich sonst so die Zeit *nicht* mit ihm vertreiben würde...

und in der Tat, an anderer Stelle wird ja, von wegen Einigeln in heimeliger Familienatmosphäre, gerade das an Weihnachten ja *beklagt*. Dass man an Weihnachten, wenigstens an Weihnachten, mit diesen ganzen nervigen Verwandten auskommen muss. Da kann man eigentlich nur sagen: Geht doch.

Und auch, wenn man (wie der Schreiber dieser Zeilen) aus einer tatsächlich sehr liebevollen Familie kommt: Vor Weihnachten ist ja der Advent, in der wir uns unter anderem auf das Kommen des gerechten Richters vorbereiten. Und an Weihnachten wird es dann zwar ein gutes Stückchen weniger ernst - aber so viel, dass man sich vor Verwandten ggf. rechtfertigen muss, was man (beruflich und so) so treibt und ob man darin Erfolg hat usw., und sich dann ggf. in Demut (einer christlichen Tugend!) üben muss, weil einem gar nichts anderes übrigbleibt, so viel ist an Weihnachten dann schon auch. Und auch wenn es vielleicht etwas anstrengend ist, aber eigentlich kann man auch da nur sagen: Geht doch.
Sie schließen sich insbesondere ab gegenüber Fremden.
Das ist eine Unterstellung, die des Beweises bedürfte. Ich war übrigens auch schon auf einer familiären Weihnachtsfeier, wo ohne besonderen Grund auch die Exklassenkameradin von einer von vielen Nichten des Gastgebers da war. Im übrigen heißt eine Familienfeier nicht "Abschluss gegenüber Fremden", ebensowenig wie ein Männerabend "Abschluss gegenüber Frauen" heißt usw.
Zurück bleiben einzelne, einsamen Menschen, die keinen Anschluss haben.
Ich bitte um Entschuldigung, Ebenezer Scrooge teilweise zu zitieren, aber gibt es denn keine Wirtshäuser? Ich meine solche, die an Weihnachten aufhaben?

(Nein, ich werde hier sicherlich *nicht* Leute kritisieren, die an Weihnachten, vielleicht ja nach der Christmette?, in die Kneipe gehen.) 
Es ist die Botschaft eines Gottes, der [...] deutlich macht, dass er die charakterlichen Schwächen der Menschen nicht zum Anlass nimmt, sie zu verstoßen, der aber gleichsam deutlich macht, dass seine Solidarität nie auf Seiten der Mächtigen, der Erfolgreichen, der Reichen, der Schönen, der Beliebten ist, sondern der einfordert, den Fokus auf die Ränder der Gesellschaft zu verschieben.
Ich verorte das einmal wohlwollend unter dem, was ich gerne Nothingbutism nenne: die (nervige) Angewohnheit, bei religiösen Themen aller Art immer "nichts als" zu sagen, wenn das eigentlich gemeinte und das vielleicht als richtig Beweisbare nur ein "ganz besonders auch" wäre.

Ich will mir gar nicht ausmalen, was es denn heißen würde, wenn man behaupten würde, dass die Mächtigen, die Erfolgreichen, die Reichen, die Schönen und die Beliebten notwendigerweise von Gott nicht geliebt wären und von Ihm nichts erhoffen könnten. Ich sage nur: Sehr erfreulicherweise *ist* das nicht so... wie es in Bezug auf ein anderes "Kriterium" in einem berühmten Dreikönigslied heißt: 

"denn Er ist zur Welt gekommen
für die Sünder und die Frommen,
hat uns alle angenommen,
uns zum Haheil und Gohott zur Ehr." 


Kommentare:

  1. Vor langer schrieb ich zu Hirten und Predigtmärlein:

    Exkurs übe Predigtmärlein:
    Als Beispiel für solche auf Sand gebauten Geschichten mag hier „Das weihnachtliche Predigtmärlein von den Hirten als ausgestoßenen der Gesellschaft“ gelten. Wie oft mußten wir dies schon hören; wahrer ist es hierdurch nicht geworden. Vielleicht hat irgendein Prediger oder Predigthelfer weiland, die abwertende Sprache der Rabbinen über die Am ha-Aretz gehört. Die Am ha-Aretz/ die einfachen Leute vom Land studierten nicht Tora und wurden daher gering geschätzt. Setzt man diese dann gleich mit den Hirten, so erscheint der Engel mit der Heilsbotschaft auf einmal zuerst den sozial Benachteiligten und der hinreichende Anteil an Gesellschaftskritik, der betroffen macht aber nicht vor den Kopf stößt, west in der Weihnachtsansprache an.
    Das ganze überzeugt wie der bekannte Syllogismus: (1. oder praemissa major) Ein Finanzmakler ist ein Fuchs; (2.oder prämissa minor) ein Fuchs hat vier Beine; (3. -conclusio) ein Finanzmakler hat vier Beine! Wobei die Hirtenmär sogar gleich auf mehreren Beinen hinkt. Ersten: Wer Schafe also Eigentum hat, steht sozial in der Rangordnung nicht unten, aber selbst „angestellte“ Hirten ständen besser da, als die im Evangelium so oft genannten Tagelöhner – von Bettlern, Aussätzigen oder ähnlichem ganz zu schweigen. Viel wichtiger aber: Die Abwertung der Leute des Landes durch die Rabbinen war religiös – rituell gemeint. Auch wer noch so reich war, aber nicht koscher kochte, wurde zutiefst verachtet. Hier hat die Mär ein Ende! Wie kommen aber denn nun die Hirten an die Krippe, ganz einfach: 1. zu fuß, und 2.: In Bethlehem, in der Stadt Davids mußte sich auch Beruf und Herkunft Davids als Hirte Manifestieren (Ps 151 in der Q-Fassung):
    1a Der Kleinste war ich unter meinen Brüdern
    1b und der Jüngste unter den Söhnen meines Vaters,
    1c und er setzte mich ein zum Hirten seiner Schafe
    1d und zum Herrscher über seine Zicklein.
    2a Meine Hände machten eine Schalmei
    2b und meine Finger eine Leier…
    Womit dann irgendwie wenigstens auch der Dudelsackspieler an der Krippe erklärt ist und unser Exkurs enden kann.

    AntwortenLöschen
  2. Im übrigen waren es doch die Hirten die des Nachts bei ihren Schafen gehütet haben. Sie erfüllten sozusagen berufsmäßig die Voraussetzung für die Verkündigung. Sie waren wach.

    AntwortenLöschen
  3. Als kurzer Nachtrag übrigens:

    >>Was Gott tut, nicht was die Menschen tun, darum geht es an Weihnachten, und zwar [...] tatsächlich an Weihnachten [...] mehr als etwa am schon angesprochenen Karfreitag oder dem Fest des kostbarsten Blutes Christi oder, unter anderen Vorzeichen, an Allerheiligen.

    Das war im Eifer des Moments so formuliert, ich würde das mit bezug auf die ersteren beiden oder vielleicht sogar besonders das Fest des Kostbaren Blutes nicht mehr unbedingt so formulieren.

    Ich weiß allerdings jetzt auch nicht, wie man das, was ich sagen wollte, korrekt formuliert. ;-)

    AntwortenLöschen
  4. Der bei Markus 10 beschriebene reiche Jüngling war definitiv nicht "Rand der Gesellschaft". Viel eher Establishment. Und was steht da? 1. Er war fromm (hielt alle Gebote), 2. er wollte Jesus nachfolgen - nannte Ihn "Guter Meister" und fiel vor Ihm auf die Knie, fragte Ihn, was er tun solle, um das Himmelreich zu gewinnen, 3. Jesus "gewann ihn lieb" (a.L. "umarmte ihn"), 4. nachdem der junge Mann es nicht geschafft hatte, sich von seinem Reichtum zu lösen, und traurig (!) weggegangen war, sagte Jesus nicht etwa "Tja, wenn er nicht wirklich will, dann halt nicht" oder "High Society können wir eh nicht brauchen", sondern gleich zweimal: "Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!" - gefolgt von dem Gleichnis mit dem Kamel und dem Nadelöhr samt dem Hinweis, daß Gott alles kann - also auch einen Reichen in den Himmel holen.

    Irdischer Reichtum ist dem Herrn aus gutem Grund suspekt. Aber Er will von ganzem Herzen, daß Reiche Sein Wort hören und in den Himmel kommen.

    AntwortenLöschen
  5. „Nothingbutism“: Wenn dieser in größerem Maßstab praktiziert wird, nennt er sich Ideologie oder Totalitarismus. Wunderschön ausgeführt natürlich in Lewis' Aufsätzen (Youtube-Tipp: CSLewisDoodle, The Poison of Subjectivism).

    AntwortenLöschen